Logo weiterlesen.de
Das Geheimnis des letzten Moa

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. 1. Teil
  7. Auckland/Dunedin, 11. Februar 2009
  8. Dunedin, 12. Februar 2009
  9. Auckland, Oktober 1883
  10. Dunedin, 12. Februar 2009
  11. Macandrew Bay, Oktober 1883
  12. Dunedin, 12. Februar 2009
  13. Macandrew Bay, 24. Dezember 1883
  14. Dunedin/Otago Peninsula, Ende Februar 2009
  15. Macandrew Bay, Februar 1884
  16. Dunedin, Ende Februar 2009
  17. Otago Peninsula/Dunedin/Waikouaiti, Februar 1884
  18. Waikouaiti, März 1885
  19. Dunedin, Ende Februar 2009
  20. Waikouaiti, April 1885
  21. Port Chalmers, Juni 1885
  22. Dunedin, März 2009
  1. 2. Teil
  2. Waikouaiti/Dunedin, September 1902
  3. Waikouaiti, Oktober 1902
  4. Dunedin, Anfang April 2009
  5. Dunedin, Dezember 1918
  6. Oamaru, eine Woche Später, Dezember 1918
  7. Dunedin, Anfang April 2009
  8. Oamaru, Juli 1919
  9. Dunedin, Anfang April 2009
  10. Glenavy, Juli 1919
  11. Dunedin, Anfang April 2009
  1. 3. Teil
  2. Invercargill, Mitte April 2009
  3. Milton, Januar bis März 1936
  4. Milton, März 1937
  5. Bluff, Mitte April 2009
  6. Dunedin, Dezember 1944
  7. Bluff, April 2009
  8. Dunedin, Januar 1957
  9. Dunedin, Mitte April 1957
  10. Dunedin, Juni 1957
  11. Bluff, April 2009
  12. Bluff, Mitte April 2009
  13. Dunedin, September 1970
  14. Oamaru, 15. Januar 1971
  15. Chalmers/Dunedin, Mitte April 2009
  16. Marlborough Sound, Mitte April 2009
  1. Nachwort

Über die Autorin

Laura Walden studierte Jura und verbrachte als Referendarin viele Monate in Neuseeland. Das Land fesselte sie so sehr, dass sie es zum Schauplatz eines Romans machen wollte. Wenn LauraWalden nicht zu Recherchen in Neuseeland weilt, lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg.

Laura Walden

DAS
GEHEIMNIS
DES LETZTEN
MOA

Roman

PROLOG

Neben dem Bett flackerte eine Kerze. Das Paar, das tief in sein Liebesspiel versunken war, warf riesige Schatten an die weiß gekalkte Wand des verdunkelten Zimmers. Der gewölbte Bauch der Frau wirkte dabei größer, als er in Wirklichkeit war.

Die beiden bekamen nichts von dem mit, was um sie herum geschah. Sie nahmen weder das Rauschen des Meeres noch die Schritte wahr, die sich ihnen unaufhaltsam näherten. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Sie lebten allein für diesen Augenblick. So, als gäbe es die Welt dort draußen gar nicht. So, als wäre ihr Liebesspiel alles, wofür es sich zu existieren lohnte. Als ob sie unsterblich wären.

Voller Leidenschaft warf die Frau ihr langes dunkles Haar in den Nacken und lächelte den Mann, der unter ihr auf dem Rücken lag, verliebt an. Ihr Gesicht glänzte fiebrig und glücklich zugleich.

»Ich liebe dich«, stöhnte sie im Rhythmus ihrer Bewegungen.

»Ist das nicht zu viel für das Kind? Schon wieder?«, stöhnte er heiser.

Sie hielt in ihren Bewegungen inne und über ihr Gesicht huschte ein Lächeln. »Keine Sorge, du wirst es nicht umbringen. Was meinst du, wie viele Kinder das Licht der Welt nicht erblickt hätten, wenn das gefährlich für sie wäre.«

Er sah ihr tief in die Augen. Wie er dieses vertraute und makellos schöne Gesicht liebte, in dem sich all das spiegelte, das sie für ihn so einzigartig machte. Ihre Hingabe, ihre Leidenschaft und ihre Klarheit.

Plötzlich kamen ihr die Tränen.

»Habe ich dir wehgetan?«, fragte er erschrocken.

»Es ist nichts. Ich möchte diesen Moment nur für alle Ewigkeit festhalten. Er soll niemals zu Ende gehen«, schluchzte sie.

Er streichelte ihr behutsam über die blassen Wangen.

Sie rang sich zu einem Lächeln durch und wollte sich neben ihn legen. Da sah sie es wie durch einen Nebel und wollte doch nicht gleich begreifen, was es zu bedeuten hatte. Und da war sie auch schon wieder, diese unbestimmte Angst, die sich manchmal über sie legte wie ein dunkler Schatten, doch dieses Mal hatte sie ein Gesicht. Ihr Lächeln gefror zu einer Maske, bevor sie die Augen schreckensweit aufriss. Sie wollte ihn warnen, doch der Schock hatte ihr die Stimme verschlagen. Nur ein heiseres Röcheln drang aus ihrer Kehle. Als ein warnender Schrei von draußen die Stille zerriss, war es bereits zu spät.

1. Teil

SELMA

Abbildung

NO MOA, NO MOA, IN OLD AOTEAROA
CANT GETEM. THEYVE ETEM.
THEYVE GONE AND THERE AINT NO MOA!

Neuseeländisches Volkslied

Abbildung

AUCKLAND/DUNEDIN, 11. FEBRUAR 2009

Wie sehr hatte sich Grace Cameron auf ein Wiedersehen mit Barry Tonka gefreut! Doch nun stand sie bereits seit über einer Stunde in der Ankunftshalle des Aucklander Flughafens und wartete noch immer auf ihn. Zum wiederholten Mal kramte sie in ihrer Umhängetasche nach dem Ausdruck seiner letzten E-Mail. Aber da stand es schwarz auf weiß:

Hole dich in Auckland am Flughafen ab, babe, kua aroha au kia koe. Ich liebe dich. B.

Grace vergewisserte sich noch einmal, dass sie ihm auch die richtigen Ankunftsdaten geschickt hatte, aber auch die waren korrekt. Lande Mittwoch, 11. 2., um 13:50, hatte sie ihm mitgeteilt. An ihrer Kommunikation konnte es also nicht liegen, dass Barry nicht auftauchte. Was sollte sie bloß tun?

Grace versuchte, die Fassung zu bewahren. Das war gar nicht so einfach. Schließlich hatte sie gerade einen über zwanzigstündigen Flug hinter sich gebracht – dabei hasste sie das Fliegen -, und ihre innere Uhr wusste nicht, ob es Tag oder Nacht war. Ihr taten die Knochen weh, weil sie versucht hatte, in allen nur erdenklichen Positionen ein wenig zu schlafen. Außerdem summten die fremden Stimmen um sie herum wie ein Bienenschwarm, und ihr war noch immer übel von dem Essen an Bord. Beim dritten Frühstück – wieder Omelett mit Käse – hatte sie sich beinahe übergeben müssen. Und dann diese endlose Schlange, um in das Land einreisen zu dürfen. Der Höhepunkt aber war die Sache mit dem Apfel gewesen, den sie in der Handtasche vergessen hatte. Die Zöllnerin hatte sie angesehen, als wolle sie die Pest einschleppen, hatte sich Plastikhandschuhe übergestreift und den Apfel mit spitzen Fingern in einem Container entsorgt. »Sie hätten unsere Einreisebestimmungen lesen sollen«, hatte sie dabei gezischt und vorwurfsvoll auf ein überdimensioniertes Schild gedeutet, auf dem vor der Einfuhr von Lebensmitteln streng gewarnt wurde. Die Frau kannte offenbar kein Erbarmen mit jemandem, der um die halbe Welt gereist war. Und wozu das alles? Um vergeblich auf einen Mann zu warten, den sie kaum kannte?

Vielleicht hat Vater ja gar nicht so unrecht, und sein Heimatland besteht wirklich nur aus ein paar Wiesen mit Schafen, wo lediglich verschrobene Hinterwäldler leben, ging es Grace durch den Kopf, während sie erneut einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. Noch immer hatte sie seine Stimme im Ohr: Was treibt dich bloß zu den Kiwis, wenn du keinen Schafzüchter heiraten, keine Treckingtouren machen und kein Speedboot fahren willst?

Grace stieß einen tiefen Seufzer aus. Ihr Vater hatte ihr die Reise bis zuletzt ausreden wollen und nicht mit zynischen Bemerkungen gespart. Es war ihm ganz offensichtlich unbegreiflich, dass sie wegen eines Urlaubsflirts so eine Strapaze auf sich nehmen wollte.

Von ihrem beruflichen und mindestens ebenso gewichtigen Grund für diese Reise hatte sie ihm nichts erzählt. Ihr Verhältnis war derzeit nicht das beste. Wer weiß, was er dazu gesagt hätte, dass ich eine Einladung dieser neuseeländischen Professorin in der Tasche habe, dachte Grace.

Dad, du bist doch selbst ein Kiwi, hatte sie mehrfach eingewandt, wenn er sich wieder einmal abfällig über sein Heimatland äußerte.

Eben drum, hatte Ethan Cameron unwirsch erwidert.

Doch seit Grace in der Schule einmal ein Bild von Neuseeland gesehen hatte, war sie fest entschlossen, eines Tages in die Heimat ihres Vaters zu reisen, ob es ihm nun passte oder nicht! Es zog sie geradezu magisch nach Aotearoa, in jenes ferne Land der weißen Wolke am anderen Ende der Welt. Und nun hatte sie gleich zwei gute Gründe, um sich diesen Traum zu erfüllen.

Ihr Vater war nicht mehr in Neuseeland gewesen, seit er mit ihrer Mutter Claudia, die dort als Au-pair-Mädchen gearbeitet hatte, nach Deutschland ausgewandert war. Und das lag nun schon über siebenunddreißig Jahre zurück.

Lange hatte Grace geglaubt, ihre Eltern hätten nur geheiratet, weil ihre Mutter mit ihr schwanger gewesen war, denn Claudia und Ethan hatten sich nie besonders gut verstanden. Claudia hatte ihren Mann über alles geliebt, keine Frage, aber Grace wagte zu bezweifeln, dass er ihre Liebe erwidert hatte. Sonst hätte sich Claudia niemals so etwas Entsetzliches angetan. Noch immer drehte sich Grace der Magen um bei dem Gedanken, wie ihre Mutter gelitten haben musste, um nur noch den einen, den letzten Ausweg zu sehen. Und nun konnte sie Claudia nicht einmal mehr fragen: Warum habt ihr beiden überhaupt geheiratet, wenn es gar nicht meinetwegen war?

Inzwischen wusste Grace nämlich, dass Claudia niemals mit ihr schwanger gewesen war, eine schmerzliche Wahrheit, die sie zu verdrängen suchte. Manchmal wünschte Grace, Claudia hätte in ihrem Abschiedsbrief verschwiegen, dass sie adoptiert war. Auch Ethan hatte getobt, als er das Schreiben gelesen hatte: »Warum hat sie das nur getan? Warum?«, hatte er verzweifelt ausgerufen. Der Selbstmord seiner Frau hatte ihn ebenso aus der Fassung gebracht wie das Geständnis Grace gegenüber, dass sie nicht ihre leibliche Tochter, sondern ein Adoptivkind war.

»Wer sind denn meine Eltern?«, hatte Grace Ethan im ersten Schock angeschrien. »Verdammt noch mal, wer sind meine Eltern?«

Ethan hatte nur mit den Schultern gezuckt. »Wir haben dich kurz nach unserer Hochzeit bekommen und sind dann mit dir nach Berlin gezogen. Woher soll ich wissen, wer diese Leute sind? Das sagen einem die Behörden nicht.« Bei diesen Worten war er rot angelaufen.

Daher ahnte Grace, dass er sie belogen hatte, doch sie hatte beschlossen, ihre Herkunft nicht weiter zu ergründen. Sie hatte seelisch genug zu verkraften mit dem, was ihr die beiden Menschen angetan hatten, die sie bislang wie Eltern geliebt hatte. Erst hatte Ethan Claudia wegen einer jungen Frau verlassen, und dann hatte sich Claudia aus dem Leben gestohlen und ihre Tochter mit ihrem Kummer alleingelassen. Das war nicht fair. Grace fröstelte.

Eine tiefe männliche Stimme riss sie aus den Gedanken. »Entschuldigen Sie bitte, kann ich Ihnen helfen? Sind Sie vielleicht Grace Cameron?«

Erstaunt bemerkte Grace einen gut aussehenden Mann Mitte dreißig, der ziemlich verlegen wirkte. »Woher kennen Sie meinen Namen?«, wollte sie wissen.

»Mein Bruder, also, der hat mich gestern angerufen und mich gebeten, Sie bis nach Dunedin mitzunehmen.«

Grace musterte den Fremden eindringlich. Ganz entfernt hatte ihr Gegenüber eine gewisse Ähnlichkeit mit Barry Tonka. Er war zwar größer und schlanker als Barry und besaß ein schmaleres Gesicht, aber wenn man genau hinsah, waren die typischen Maorizüge in seinem Gesicht unverkennbar. Besonders der ausgeprägte und schön geschwungene obere Lippenbogen verriet seine Herkunft.

»Sie sind Barrys Bruder?«, fragte sie zögernd.

Der Maori nickte.

»Er hat versprochen, mich in Auckland abzuholen. Ich hab’s sogar schriftlich.« Der Vorwurf in ihrer Stimme war unüberhörbar.

Der Fremde streckte ihr trotzdem freundlich seine Hand entgegen und lächelte sie gewinnend an. »Ich bin Hori, du kannst aber auch George zu mir sagen.«

Grace rang sich ein Lächeln ab. Dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Was hatte das zu bedeuten, dass er ihr seinen Bruder schickte? »Warum holt er mich nicht selbst ab? Ich bin nicht um den halben Erdball geflogen, bloß um von ihm versetzt zu werden.«

Sie war entsetzlich erschöpft und hatte sich so danach gesehnt, endlich von Barry umarmt zu werden. Ihre Enttäuschung ließ sich einfach nicht verbergen. Aber im selben Augenblick bedauerte sie bereits, dass sie ihren Ärger an seinem Bruder ausgelassen hatte.

Hori räusperte sich verlegen. »Barry hat sich gestern nicht besonders wohlgefühlt und mich angerufen. Ich war auf einer Tagung in Auckland und bin auf dem Rückweg nach Hause.« Erst jetzt bemerkte Grace seinen Rucksack. »Deshalb hat er mich gebeten, dich vom Flughafen abzuholen und mit dir nach Dunedin zu fliegen.«

»Fliegen? Er hat gesagt, er holt mich mit dem Wagen ab, und wir reisen erst mal durch das Land.« In ihrer Stimme schwang Ärger mit.

»Sorry, aber Barry ist schon anderweitig verplant. Er kann nicht weg wegen seines neuen Jobs. Er hat doch gerade erst in der Kneipe angefangen …«

»Kneipe? Ich denke, er hat einen Laden?«

Hori trat verlegen von einem Bein auf das andere. »Das wird er dir bestimmt alles selbst erzählen, wenn ihr euch seht. Er freut sich jedenfalls schon riesig auf dich. Er hat mir gesagt, ich soll dich ja wohlbehalten zu ihm bringen.«

Diese Antwort befriedigte Grace ganz und gar nicht, aber sie wollte Hori nicht weiter bedrängen, dem die Situation sichtlich unangenehm war.

»Darf ich deinen Koffer tragen?«, fragte er nun höflich. »Wir sollten den nächsten Bus zum Inland-Airport nehmen, denn der Flieger geht bereits in zwei Stunden.« Er überreichte ihr ein Ticket. »Das habe ich schon mal besorgt. Nicht dass nachher alles ausgebucht ist«, erklärte er fast entschuldigend.

»Danke, das ist wirklich lieb«, erklärte Grace hastig. Sie blickte ihn offen an. »Es tut mir leid, dass ich meinen Frust an dir ausgelassen habe, aber weißt du, der lange Flug … Und ich habe mich so darauf gefreut, Barry endlich wiederzusehen.«

Hori nickte verständnisvoll, nahm ihr den Koffer ab und bat sie, ihm zu folgen.

Vor dem Flughafengebäude schlug Grace eine ungewohnte Wärme entgegen. Sie wusste wohl, dass hier, am anderen Ende der Welt, Hochsommer herrschte, aber es kam in diesem Moment trotzdem überraschend. Sie war erleichtert, dass wenigstens ein leichter Wind wehte.

Schweigend stiegen sie in den Bus zum Inlandterminal. Hori kümmerte sich wie selbstverständlich um ihr Gepäck und bot ihr Schokolade an.

»Das ist die gute Cadbury aus Dunedin. Du solltest die Schokoladenfabrik unbedingt besichtigen.«

Erst in diesem Augenblick wurde Grace bewusst, dass sie einen Riesenhunger hatte. Als könne er Gedanken lesen, ermunterte Hori sie, den letzten Riegel auch noch zu essen. Grace griff gierig zu.

Hori ist das genaue Gegenteil von Barry, ging ihr durch den Kopf, während sie die wohlschmeckende Süßigkeit auf ihrer Zunge zergehen ließ. Er ist ein Gentleman, der Frauen wahrscheinlich sogar die Türen aufhält. Barry hingegen war ein Macho durch und durch. Niemals hätte er ihren Rucksack auch nur einen Meter weit getragen, und niemals hätte er ihr den Hunger angesehen. Nein, es war nicht gerade Barrys Stärke, sich in andere hineinzuversetzen.

Auch von der Kleidung her unterschieden sich die beiden Tonka-Brüder völlig. Barry hatte ein Faible für enge Jeans und bunte Hawaiihemden, deren Knöpfe er gern bis zur Mitte der Brust offen ließ, um seinen durchtrainierten Körper zu zeigen. Darüber hatte Grace mit ihrer Freundin ordentlich abgelästert, als sie ihn zum ersten Mal von Weitem gesehen hatten.

Grace warf Hori einen Seitenblick zu. Er war wirklich ein ganz anderer Typ als sein Bruder, denn er hatte so gar nichts Eitles an sich. Hori trug beige bequeme Cargohosen, ein khakifarbenes Hemd, dessen Ärmel leger aufgekrempelt und dessen Knöpfe bis auf den oberen geschlossen waren. Am Hals blitzte ein Amulett aus Jade, das an einem Lederband hing. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, sein Gesicht wettergegerbt. Was er wohl machte? Er sah jedenfalls aus wie ein Naturbursche. Da er nun schon einmal hier war und sie gemeinsam reisten, würde Grace gern mehr über ihren Reisebegleiter erfahren.

Aber der junge Maori schien nun ganz in seine eigenen Gedanken versunken zu sein und machte nicht den Eindruck, als wäre er an einer Unterhaltung interessiert.

Wahrscheinlich ist ihm das Ganze eher lästig, mutmaßte Grace, und er macht nur gute Miene zum bösen Spiel.

Beim Einchecken und Boarding blieb Grace wenig Zeit, über ihre Flugangst nachzudenken. Außerdem hatte sie sich während der vergangenen endlosen Stunden über den Wolken halbwegs an das Fliegen gewöhnt. Nach zwanzig Stunden fühlte es sich schließlich an wie Busfahren.

Der Pilot legte einen sauberen Start hin, und Grace hing ihren Gedanken nach. Was tue ich bloß hier?, fragte sie sich wieder und wieder. Ihre Gedanken schweiften erneut zu ihren Adoptiveltern. Sie erinnerte sich schmerzhaft an Claudias stetiges Bemühen, Ethans Aufmerksamkeit zu erringen, und an seine kühle Abwehr. Grace konnte sich nicht entsinnen, dass ihre Eltern jemals zärtlich miteinander waren. Sie hätte ihn verlassen sollen und nicht leidend darauf warten, bis er eine andere gefunden hatte, dachte Grace und merkte, wie in ihr wieder diese ungeheure Wut auf Ethan hochstieg. Ich will nicht mehr daran denken, beschloss sie und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Erstaunt stellte sie fest, dass sie seit fast einer Stunde unterwegs waren. Allmählich wurmte sie, dass ihr Begleiter nicht mehr mit ihr sprach. Krampfhaft überlegte sie, wie sie wieder mit Hori ins Gespräch kommen könnte. Ich werde mit ihm über sein Land reden, dachte sie. Dann taut er bestimmt auf.

»Sag mal, warum sind die bei der Einreise eigentlich so panisch, dass sie einen mitgebrachten Apfel – wohlgemerkt einen neuseeländischen, aber in einem Berliner Supermarkt gekauften – mit spitzen Fingern entsorgen? Habt ihr Angst, dass wir euch mit ansteckenden Krankheiten verseuchen?« Ihr Ärger über das Desinfektionsmittel und das Verhalten der Zöllnerin schwangen unüberhörbar mit.

Hori wandte sich ihr zu. Seine Grübelfalten verschwanden.

Grace grinste in sich hinein. Sie hatte auf das richtige Pferd gesetzt.

»Nein, nein, wir halten euch nicht für verseucht. Es ist nur so: Wir sind ein abgelegenes Land, das seine eigenen Wunder in Flora und Fauna hervorgebracht hat. Und wir wollen es nicht durch eingeschleppte Arten aus dem Gleichgewicht bringen.« Er stockte und deutete aufgeregt zum Fenster. Den Platz am Fenster hatte er höflicherweise ihr überlassen. »Schau nur dort unten, das sind die Fjordlands, ein riesiger Nationalpark.«

»Wahnsinn!«, entfuhr Grace. »Das ist ja wie die Alpen und die norwegischen Fjorde in einem.« Fasziniert betrachtete sie die schneebedeckten Gipfel und stahlblauen Seen.

Hori beugte sich vorsichtig über sie. Grace spürte seinen bloßen Unterarm an ihrem. Seine Haut war angenehm weich. Und er roch gut – wie ein Sommerwald. Das ist bestimmt kein Aftershave, dachte sie.

»Siehst du die kleinen Inseln, die in den Sounds liegen?«

»Sounds?«

»Sounds nennen wir unsere Meerengen. Auf einer dieser kleinen Inseln, auf Breaksea, habe ich vor zehn Jahren mit meinem Professor gearbeitet.«

»Was hast du denn studiert?«, fragte Grace neugierig.

»Biologie.« Hori sah mit leuchtenden Augen hinunter, bis die Maschine gen Ostküste abdrehte und die bizarre Fjordlandschaft von sanften grünen Hügeln abgelöst wurde.

»Was für ein Zufall! Weißt du, dass ich auch Biologin bin?«

Hori hob überrascht die Brauen. »Nein, wenn ich ehrlich bin, habe ich erst gestern überhaupt von deiner Existenz erfahren. Ich wollte meinen Bruder aber nicht gleich mit neugierigen Fragen löchern: Wer ist sie, was macht sie, und wo habt ihr euch kennengelernt? Also, fangen wir hinten an. Wo hat mein Bruder Barry dich denn angeflirtet?«

Grace versuchte, die leichte Ironie zu überhören. »Wir sind uns zum ersten Mal in Thailand, auf Ko Samui, begegnet. Ich hab im Blue Lagoon gewohnt, und er hatte sich vom Strand aus zu unserem Hotelpool geschlichen. Wir schwammen gemeinsam darin, als Barry mir zurief, es sei gefährlich, im Pool zu baden, weil man jederzeit von einer Kokosnuss erschlagen werden könne. Und in dem Augenblick fiel tatsächlich eine vor ihm ins Wasser. Sie hatten wohl vergessen, die Palmen am Pool von diesen gefährlichen Geschossen zu befreien. Na ja, danach sind wir auf den Schrecken noch in eine Bar nach Chaweng gefahren und …« Sie stockte und sah ihn fragend an.

»Nein, nein, schon gut, ich will dich nicht ausfragen«, erklärte Hori rasch.

»Tust du nicht. Ich rede gern darüber, weil es sehr lustig war. Meine Freundin war dabei, und wir haben an dem Abend ziemlich über sein Machogehabe gelästert, aber dann lernte ich seine andere Seite kennen: seinen sprühenden Charme, seine verzaubernden Worte, seine Sinnlichkeit. Ja, da war es um mich geschehen. Von da an waren wir unzertrennlich. Wir haben den Rest meines Urlaubs zusammen verbracht. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass wir uns jemals wiedersehen, aber Barry hat mir ständig geschrieben und mich in sein Paradies eingeladen. Mein Vater, ein Neuseeländer, hat mir allerdings dringend davon abgeraten. Doch nach allem, was ich eben von oben gesehen habe, bin ich schon jetzt froh, dass ich Barrys Drängen nachgegeben habe.«

»Du bist wegen einer Urlaubsbekanntschaft um den halben Erdball geflogen?« Die Skepsis in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Grace fühlte sich ertappt. »Ja, äh … Nein, eigentlich nicht, also nicht nur. Eine Professorin aus Dunedin hat mir vor ein paar Wochen das verlockende Angebot gemacht, gemeinsam mit ihr ein Buch über den Moa zu schreiben. Sie hatte meinen Artikel über das Ende des Urvogels in einer Fachzeitschrift gelesen. Da Suzan Almond eine Kapazität auf dem Gebiet ist, möchte ich sie unbedingt kennenlernen. Ob tatsächlich ein Buch dabei herauskommt, wird sich zeigen. Kennst du sie zufällig? Sie war bis vor kurzem Professorin an der Universität von Otago und leitet die Ornithologische Gesellschaft Dunedins.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe in Auckland studiert. Und wir arbeiten mehr in der Praxis. Hätte ich die wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen, würde ich sie sicher kennen.«

Die wissenschaftliche Laufbahn, so wie ich es getan habe, dachte Grace nicht ohne Bedauern, weil sie an ihrem Schreibtisch in Berlin die Natur oft schmerzlich vermisste.

»Das ist ja spannend, über die Moas zu forschen. Vor allem die ewige Debatte um den Grund für das Aussterben der Riesenvögel finde ich sehr interessant. Welche Theorie vertrittst du? Wurden sie ausgerottet, weil es einen Vulkanausbruch gab oder weil die Ureinwohner sie zu Tode gejagt haben?«, fragte Hori.

»Wenn ich das so genau wüsste! Ich habe in meinem Artikel alle Theorien erläutert und einander gegenübergestellt. Daraufhin hat Suzan Almond mich angemailt. Sie sei im Besitz einer einzigartigen Privatsammlung, hat sie mir geschrieben und mich eingeladen, sie zu besuchen. Aber nun erzähl mal von dir. Was macht du genau?«

»Zur Zeit arbeite ich gerade an einem Projekt, bei dem wir junge Kiwis und andere vom Aussterben bedrohte Vögel auf unbewohnten und von Nagetieren freien Inseln aussetzen, um sie die ersten Lebensmonate vor ihren Fressfeinden zu schützen. Sonst erleiden sie bald dasselbe Schicksal wie deine Riesenvögel und verschwinden von diesem Planeten.«

»Ihr schafft sie eigenhändig auf die Inseln? Oh, das würde ich zu gern mal erleben.« Grace machte aus ihrer Begeisterung keinen Hehl.

»Na ja, vielleicht kannst du dich als freiwillige Helferin melden, und ich nehme dich mal mit«, erklärte er prompt. Ihre Blicke trafen sich, aber Hori sah gleich wieder weg.

Ein angenehmer Schauer lief Grace über den Rücken. Hori war ihr für einen winzigen Moment sehr nahegekommen. Ob er diese Nähe genauso gespürt hat wie ich?, fragte sie sich.

Die Ansage des Kapitäns, dass sich die Passagiere zur Landung bereitmachen sollten, unterbrach ihre Spekulationen. »Wird Barry uns denn wenigstens in Dunedin abholen?«, wollte sie wissen, als sie schließlich aus dem Flugzeug stiegen.

Hori schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich denke nicht. Er ist bestimmt schon zur Arbeit gegangen.«

»Was hatte er denn gestern überhaupt, dass er mich nicht abholen konnte? Was Schlimmes?«

»Nur eine Magenverstimmung, glaube ich«, antwortete Hori ausweichend. »Ich nehme dich in meinem Auto mit.«

Wenig später auf dem Parkplatz deutete er auf einen Wagen, der schon bessere Zeiten erlebt hatte. Grace grinste beim Anblick der Rostlaube, weil ihr Auto in Berlin nicht viel besser aussah.

»Ich fahre diese Kiste seit über zehn Jahren. Und das ist das Umweltschonendste, was man überhaupt tun kann.« Hori lachte.

»Ich habe auch so eine alte Schleuder«, sagte Grace, während Hori ihr Gepäck in den Kofferraum wuchtete. »Bei uns in Deutschland gab es sogar eine Prämie, damit du deine alte Karre verschrotten lässt und dir einen Neuwagen kaufst. Was meinst du, wie oft ich gefragt worden bin: ›Willst du deins nicht auch endlich loswerden?‹ Aber ich habe mich doch so an meinen fahrenden Untersatz gewöhnt.«

Hori lachte schon wieder.

»Bei uns ist es normal, alte Autos zu fahren. Die meisten denken: Hauptsache, ich kann mich damit fortbewegen.« Er lachte so herzlich, dass seine blendend weißen Zähne zu sehen waren.

Das sollte er viel öfter tun, dachte Grace, er hat so ein ansteckendes Lachen. »Und was hast du damals auf Breaksea genau gemacht?«, fragte sie, als sie nebeneinander im Wagen saßen, da sie das Gespräch unbedingt in Gang halten wollte. Es war angenehm, sich mit ihm zu unterhalten, und machte die Reise kurzweilig.

»Wir haben die Ratten ausgerottet. Das mag komisch klingen, aber das war die Voraussetzung, um dort Vögel und Robben erneut anzusiedeln. Ratten und Opossums sind die größten Feinde der Vögel. Wir mussten das biologische Gleichgewicht wiederherstellen, das vor der Ankunft der ersten Siedler in Neuseeland geherrscht hat. Vor fünf Jahren waren wir das letzte Mal dort. Da konnten wir uns mit eigenen Augen davon überzeugen, dass sich unsere Mühe wirklich gelohnt hat und sich alles vollkommen natürlich entwickelt.«

Grace betrachtete Hori unauffällig. Seine Wangen glühten, während er über seine Aufgaben sprach. Grace beneidete ihn ein wenig, weil er viel in der freien Natur arbeiten konnte. Sie dagegen brütete die meiste Zeit in ihrem Zimmer an der Universität oder in der Seminarbibliothek über dicken Büchern.

Plötzlich schweiften ihre Gedanken zu jenem kalten Tag vor vier Monaten ab, als ihr Chef, Professor Heinkens, sie während ihrer Arbeit mit ernster Stimme angesprochen hatte: »Entschuldigen Sie, Grace, dass ich Sie störe, aber mich hat gerade ein Anruf erreicht. Sie mögen bitte sofort Ihren Vater aufsuchen.«

Grace war aufgesprungen. »Bitte sagen Sie mir, was geschehen ist! Hat man sie gefunden?«

Der Professor hatte nur die Schultern gehoben, aber in seinem Blick hatte Grace die Wahrheit lesen können: Claudia war tot!

»Wir sind da.«

Grace zuckte zusammen. Über ihre Erinnerungen hatte sie kurzzeitig vergessen, wo sie war.

Der Maori hatte vor einem Holzhaus gehalten, das einen heruntergekommenen Eindruck machte. Auf der Terrasse standen gammelige Gartenmöbel, auf denen sich junge Männer herumlümmelten, die alle nicht mehr ganz nüchtern zu sein schienen.

Grace warf Hori einen fragenden Blick zu.

Er räusperte sich verlegen. »Das sind seine lieben Mitbewohner.« Wieder war die Ironie in seiner Stimme nicht zu überhören.

»Hey, George, hast du Speights für uns besorgt?«, grölte einer der Männer und deutete auf seine leere Bierflasche. Dann pfiff er durch die Zähne. »Deine neue Braut? Wow!«

Hori ignorierte ihn und wuchtete das Gepäck von Grace aus dem Kofferraum. »Barry wohnt mit ein paar schrägen Typen zusammen«, erklärte er.

»Und du? Wohnst du auch hier?«, fragte sie.

»Gott bewahre!«, rutschte es ihm heraus. »Früher habe ich hier gelebt. Das ist mein Elternhaus, aber nach dem Tod meiner Eltern bin ich bald ausgezogen und nach Auckland gegangen. Ich habe dort für das Department of Conservation gearbeitet«, fügte er hastig hinzu.

»Barry hat mir gar nicht erzählt, dass eure Eltern so früh gestorben sind.«

»Ach, die hatten auch nicht immer das beste Verhältnis. Mein Dad hat stets mit Strenge versucht, uns mit den Traditionen unserer Väter vertraut zu machen, aber Barry ist nicht besonders stolz darauf, ein Maori zu sein. Kurz vor seinem Tod besuchte mein Vater das Dorf seiner Ahnen. Die Missionare haben es Korinti getauft, und es liegt malerisch an unserem heiligen Fluss, dem Whanganui River. Er war der Einzige, der die Gegend verlassen hat, der Einzige der Seinen, der nach Süden gegangen war und studiert hat. Auf dem Rückweg sind unsere Eltern verunglückt. Ein Tourist überholte an einer unübersichtlichen Stelle und raste in ihren …« Er stockte. »Aber ich will dich nicht mit traurigen Familiengeschichten langweilen.«

»Das tust du nicht. Meine Mutter wurde vor vier Monaten in ihrem Wagen aus der Spree, einem Fluss in Berlin, gezogen, nachdem wir sie monatelang überall gesucht hatten.«

»O Gott, das tut mir leid!«, entfuhr es ihm. Er war sichtlich betroffen.

Das Gegröle der jungen Männer verstummte, als Grace und Hori auf die Terrasse traten.

»Willst du uns die Lady nicht vorstellen?«, bat einer grinsend.

»Das ist Grace, Barrys deutsche Freundin«, antwortete Hori knapp.

»Ja, stimmt, er hat uns die scharfen Bikinifotos gezeigt. Tatsächlich, du bist es! Ich bin Owen.«

Grace reichte ihm die Hand zur Begrüßung, und schon streckten sich ihr die Hände der anderen drei ebenfalls entgegen.

»Weiß einer von euch, wann Barry heute von der Arbeit kommt?«, erkundigte Hori sich.

Wie aus einem Munde brachen die jungen Maori in prustendes Gelächter aus.

»Was ist denn daran so komisch?«, fragte Hori ungehalten. »Gehen wir erst mal rein«, forderte er Grace nun auf.

Grace erschrak. Im Haus sah es noch schlimmer aus. Überall standen leere Bierflaschen herum, und es roch wie in einer Kneipe. Sie spürte erneut eine starke Übelkeit aufsteigen.

Hori aber steuerte geradewegs auf die zugezogenen Vorhänge zu, riss sie auf und öffnete die Fenster. Strahlende Abendsonne flutete den Raum.

»Weißt du was? Du setzt dich an den Tisch dort, und ich mache ein bisschen Ordnung, bevor ich dir was zu essen besorge.«

»Nein, ich helfe dir«, widersprach Grace energisch. Sie musste plötzlich an Barrys chaotische Hütte am Strand von Shaweng denken. Damals, vor acht Monaten, hatte sie das noch süß gefunden. Aber der Zustand dieses Zimmers widerte sie an. Dennoch sammelte sie die leeren Flaschen vom Boden auf und folgte Hori in die Küche. Was sie dort erblickte, ließ sie würgen. Berge von schmutzigem Geschirr türmten sich in der Spüle, und der Geruch von alten Essensresten hing in der Luft.

»O mein Gott, das wird ja immer schlimmer!«, stöhnte Hori.

»Du besuchst deinen Bruder nicht oft, oder?«, fragte sie halb scherzend.

»Ich vermeide es, wenn es eben geht.« Mit diesen Worten nahm Hori ihr die Bierflaschen ab. »Aber denk nicht, dass mein Bruder das allein fabriziert hat …«

»Nein, nein, er leidet sicher furchtbar unter dem Chaos der anderen«, sagte Grace lachend.

»Und wie!« Horis Miene hellte sich auf.

Bevor er es verhindern konnte, hatte Grace bereits die klebrigen Teller aus dem Spülbecken geklaubt und ließ heißes Wasser und Spülmittel ein.

»Du willst doch nicht etwa abwaschen?«

»Von wollen kann keine Rede sein. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, wenn ich mich hier wohlfühlen will. Und ich glaube, es würde Barry kränken, wenn ich ins Hotel ginge.«

»Okay, wenn du dich so darum reißt, hier den Haushalt zu schmeißen, dann bringe ich dir mal das restliche Geschirr aus dem Wohnzimmer. Barry wird sich freuen, wenn er in ein sauberes …«

»Worüber wird sich Barry freuen?«, knurrte eine heisere Stimme hinter ihnen.

Erschrocken fuhren Grace und Hori herum.

»Du? Ich denke, du bist bei der Arbeit?« Grace sah Barry entgeistert an. Er war nackt bis auf eine ausgeleierte Boxershorts, war unrasiert und hatte verquollene Augen.

»Hey, die Lady meiner schlaflosen Nächte ist angekommen«, sagte er nur, hob Grace hoch und wirbelte sie herum.

Sie merkte sofort, dass er getrunken hatte. Er kam ins Schwanken und setzte sie schnell wieder auf dem Boden ab.

»Lass dich erst mal anschauen, Süße. Ist noch alles dran?«, lallte er.

Dass er ziemlich betrunken war, bewies sein Atem, als er sie nun fordernd auf den Mund küsste. Sie war viel zu überrumpelt, um sich zu wehren.

»Wieso bist du nicht bei deinem Job?« Horis Stimme klang vorwurfsvoll.

»Ach, warum wohl? Hab verschlafen.«

»Scheiße! Ich habe Marco in die Hand versprochen, dass du keinen Mist baust und pünktlich bist.«

»Hey Mann, jetzt tu doch nicht so, als wäre das ein feiner Job in der Bank. Das ist eine blöde Pizzabude. Mehr nicht.«

Hori wollte etwas erwidern, doch mit einem Blick auf Grace verkniff er es sich.

»Du hast dich verändert, Süße. Du bist so weiß. Wo ist denn deine leckere Schokobräune hin? Trägt man in Deutschland solch vornehme Blässe? Du siehst aus wie ein Fräulein Lehrerin.« Er lachte.

»Barry, ich bin keine Lehrerin«, widersprach Grace wütend. »Außerdem ist in Berlin zurzeit Winter.«

»Weiß ich doch, Süße, war nur ’n Scherz.« Er küsste sie noch einmal, doch dieses Mal schaffte sie es, ihn von sich zu schubsen, bevor er ihr die Zunge in den Mund schieben konnte.

»Du bist ja betrunken.«

»Ist das dieselbe Frau, die ich in ihre Hütte getragen habe, weil sie sich mit Thaibier die Lampen ausgeschossen hat?« Er fasste nach ihrer Hand. »Komm, lass uns erst mal unser Wiedersehen feiern.«

Grace befreite sich aus seinem eisernen Griff und zischte: »Barry, bitte, werde du erst mal nüchtern, und lass mich ankommen!«

»Oje, die Lady hat schlechte Laune mitgebracht.«

»Das kann man ihr wohl kaum verdenken. Schlaf deinen Rausch aus, und bring die Bude in Ordnung. Und wir beide gehen solange was essen. Du hast doch Hunger, oder?« Hori hatte sich an Grace gewandt.

Sie seufzte tief. »Ja, und wie!«

»Wenn einer mit ihr essen geht, dann ich«, knurrte Barry.

»Nein, dein Bruder hat recht. Du solltest erst mal nüchtern werden.« Grace griff nach ihrer Handtasche. An Hori gerichtet sagte sie: »Lass uns gehen.« Sie versuchte, möglichst gefasst zu wirken. In Wahrheit war sie entsetzt über dieses Wiedersehen.

»Okay, okay, ich schlafe jetzt ein Stündchen, und dann tun wir so, als wärst du gerade erst angekommen. Ja, Süße?«

Grace nickte. Lange würde sie sich nicht mehr beherrschen können.

Als sie in Horis Wagen saßen, konnte sie die Tränen nicht länger unterdrücken. Sie schluchzte laut auf.

Er nahm sie tröstend in den Arm. »Mein Bruder ist ein Chaot, aber kein schlechter Kerl, glaube mir.«

Die Autofahrt in die Stadt verlief schweigend. Grace hing ihren Gedanken nach. Hatte sie sich so in Barry getäuscht? War das, was ihr in Thailand wie sprühende Lebenslust vorgekommen war, nichts anderes gewesen als die reine Verantwortungslosigkeit? War er kein gut gelaunter Kindskopf, sondern ein haltloser junger Mann, der nicht erwachsen werden wollte? Und entsprang sein Hang, einen über den Durst zu trinken, keiner bloßen Urlaubslaune, sondern kam das bei ihm regelmäßig vor?

»Hori, wie hat Barry seinen Laden verloren? Es ist doch wahr, dass er mit Surfbrettern gehandelt hat, oder?«

Hori druckste herum, bis er schließlich mit der Wahrheit herausrückte. »Na ja, er hat in so einem Geschäft gearbeitet, das stimmt, aber der Laden gehörte einem Kumpel von ihm, und der hat ihn irgendwann rausgeworfen.«

»Lass mich raten: Freund Alk war schuld.«

»Das war nicht immer so, Grace. Die Jungs, mit denen er zusammenlebt, haben nicht den besten Einfluss auf ihn. Er war früher mal das Sportass überhaupt und wäre um ein Haar bei den All Blacks gelandet.«

»All Blacks?«

»Ja, so nennen wir unsere Rugby-Nationalmannschaft, weil die Spieler ganz in Schwarz gekleidet sind. Er war gut, sehr gut sogar, aber dann sind unsere Eltern verunglückt …«

»Du liebst deinen Bruder sehr, nicht wahr?« Grace blickte ihn bei ihrer Frage verstohlen von der Seite an.

»Ich liebe ihn und könnte ihm gleichzeitig ständig in den Hintern treten.«

Grace lächelte. »Das kann ich gut verstehen. Wenn er auf Ko Samui gegen Mittag immer noch im Bett lag, dann habe ich auch manchmal mit fiesen Tricks gearbeitet. Eine Ladung Wasser über den Kopf geschüttet zu bekommen, hat er am meisten gehasst.«

Hori fuhr in eine Parklücke und stoppte den Wagen. Dann stieg er aus, eilte zur Beifahrerseite und hielt ihr die Wagentür auf.

»Sag mal, wie ernst ist das mit euch eigentlich? Ich meine, du bist immerhin um den halben Erdball gejettet, um ihn zu sehen«, fragte er, während sie an einer belebten Straße entlangschlenderten.

Grace zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Er hat mir solche schönen Briefe geschrieben. Kein Mann vor ihm hat jemals so genau den richtigen Ton getroffen. Schmus ist mir zuwider, aber seine Worte waren poetisch, ohne kitschig zu sein.«

»Es ist ein Trauerspiel, dass er aus seinen Talenten nicht mehr macht. Er hat als Jugendlicher mal einen Gedichtwettbewerb gewonnen. Er war der einzige Maori seines Jahrgangs, der mitgemacht hat, doch Vater mochte seine Verse nicht. So schreibt ein Pakeha, hat er gesagt. Und das war aus Dads Mund die größte Beleidigung auf Erden.«

»Nennt ihr die Weißen so?«

Hori nickte, aber er fügte fast entschuldigend hinzu: »Ist aber nicht böse gemeint. Jedenfalls war Penenara …« Er stockte.

»Ist das etwa Barrys richtiger Name?«

»So haben meine Eltern ihn genannt. Das heißt auf Englisch so viel wie Bernhard. Aber er wollte von allen nur Barry genannt werden. Barry war jedenfalls immer schon etwas Besonderes. Er sprühte nur so vor Charme und Kreativität. Es ist schade, dass er nie etwas zu Ende gebracht hat. Er hätte das Zeug, etwas Großes aus seinem Leben zu machen.«

»Ich finde, du stellst dein Licht aber arg unter den Scheffel. So als würde er wie eine Lichtgestalt über allem schweben. Das sah vorhin verdammt nach dem großen Nichtstun aus. Ich kann Leute nicht leiden, die keine Verantwortung übernehmen. Ich für meinen Teil habe totale Achtung vor deinem Job.«

Horis Wangen liefen rot an. »Danke, aber das hätte doch jeder geschafft, den die Natur so fasziniert wie mich.«

»Nein, dazu gehört wesentlich mehr. Und ich weiß, wovon ich rede. Schließlich habe ich selbst Biologie studiert, bevor ich Assistentin von Professor Heinkens, einer unserer Kapazitäten auf dem Gebiet der Zoologie, wurde.«

Sie legte eine Hand auf seinen Arm, die sie aber sofort wieder zurückzog, als sie die Pizzeria betraten, die Hori für sie ausgesucht hatte. Bevor er sich zu ihr an einen gemütlichen Fensterplatz setzte, entschuldigte er sich und steuerte auf den Tresen zu. Dort wechselte er ein paar Worte mit einem dunkelhaarigen, unverkennbar italienisch aussehenden, jungen Mann. Die beiden gestikulierten lebhaft, und Grace ahnte sehr wohl, worum es ging. Wahrscheinlich um Barry, der jetzt hier hätte arbeiten sollen.

Mit finsterer Miene kehrte Hori an den Tisch zurück.

»Ein Freund von dir?«, fragte Grace.

Hori nickte. »Ein alter Freund, der mir einen Gefallen tun wollte und der jetzt ziemlich sauer ist.«

»Du hast Barry den Job hier besorgt, oder?«

»Ich hab’s jedenfalls versucht.« Das klang resigniert.

»Und? Schmeißt er ihn jetzt raus?«

»Barry sollte heute erst anfangen. Das ist jetzt das dritte Mal, dass ich mich bemüht habe, ihn bei einem meiner Freunde unterzubringen.« Er verstummte und sah sie schuldbewusst an. So, als bedauere er, sie mit seinem Unmut über seinen Bruder zu belasten.

»Ich verstehe sehr gut, dass du deshalb sauer bist, aber ich verspreche dir, ich werde Barry ins Gewissen reden, wenn er wieder nüchtern ist. Vielleicht hört er ja auf mich«, erklärte Grace schnell.

Dann kam die Speisekarte, und sie vergaß alles andere. Sie hatte Schwierigkeiten, sich zu entscheiden – so ausgehungert war sie -, doch schließlich bestellte sie sich einen Teller Pasta. Der Chef nahm die Bestellung höchstpersönlich auf und sah seinen Freund neugierig an. Als Hori so gar keine Anstalten machte, ihm seine Begleiterin vorzustellen, reichte er Grace die Hand und sagte in einem lustig klingenden Englisch: »Ische binne Marco di Camogli, et tu?«

Grace lachte. »Ich bin Grace aus Berlin.«

»Und, was treiben disch aus der schöne Europa an der letzte Ende von Welt? Der übsche Kerl an deine Seite?«

Grace wollte ihm gerade etwas entgegnen, als Hori ihr zuvorkam: »Nein, sie ist wegen Barry hier.«

Die Miene des Italieners verfinsterte sich. »Schade, schade! Trotzdem buon appetito, Grace aus Germania.«

Der Italiener entfernte sich hastig, und Hori sah ihm bedauernd hinterher. »Er ist der großzügigste Kerl, den ich kenne, aber er hat meinen Bruder irgendwie gefressen.«

»Kein Wunder. Schließlich muss er selbst bedienen und ist im Stress, weil Barry ihn hat hängen lassen«, murmelte Grace.

Hori verfiel in grüblerisches Schweigen.

Er scheint sich ernsthaft Sorgen zu machen, durchfuhr es Grace, und sie überlegte, wie sie ihn aufheitern könnte, doch da kam ihr Essen.

Grace stürzte sich mit Heißhunger auf ihre Pasta und kümmerte sich nicht mehr um Hori, bis sie den letzten Bissen vertilgt hatte. Schlagartig stieg ihre Laune. Sie gehörte zu den Menschen, die unwirsch werden, wenn sie Hunger haben. Und sie konnte so viel essen, wie sie wollte, ohne dass sie dabei je einen Gedanken an ihre Figur verschwenden musste. Sie war schon immer rank und schlank gewesen. Früher hatte sie sich manchmal darüber gewundert, denn sowohl Ethan als auch Claudia neigten zur Fülligkeit. Seit Claudias Abschiedsbrief weiß ich, warum ich das nicht geerbt habe, dachte sie traurig, bestellte sich schnell noch einen Wein und sagte: »Es ist total nett hier.«

Hori nippte an seinem Bier. Grace prostete ihm zu.

»Mein Vater hat immer gesagt, Maori erkennst du daran, dass sie kräftig und untersetzt sind. Du bist das genaue Gegenteil. Ich meine, bei Barry passt das schon eher, aber bei dir?«

Hori machte ein nachdenkliches Gesicht. Grace befürchtete schon, dass sie ihm zu nahe getreten war, doch dann erhellten sich seine Züge.

»Meine Mutter soll einen britischen Riesen zum Urgroßvater gehabt haben. Dessen Gene sind vermutlich bei mir wieder durchgebrochen.« Er lachte. »Mein Vater hingegen hat immer behauptet, das wäre Blödsinn. Es habe erstaunlich viele große Männer unter seinen Ahnen gegeben. Daher hätte ich das.«

Grace wurde warm ums Herz. Sie mochte seine Stimme und seine offene Art. Sie hatte selten einen Mann kennengelernt, der so unverstellt und voller Selbstironie über sich sprach. Im Gegensatz zu Barry. Der war ungemein charmant und witzig, doch bei all seiner manchmal kindlich anmutenden Fröhlichkeit diente ihm vieles nur dazu, im Mittelpunkt zu stehen und sich ins rechte Licht zu setzen.

Grace verspürte das Bedürfnis, Horis Hand zu nehmen und sie zu drücken, doch sie konnte sich gerade noch beherrschen. So warmherzig, wie er sie gerade ansah, war zu befürchten, dass sie sich mehr füreinander interessierten, als es angebracht war. Grace hatte ein sehr feines Gespür für solche Momente, und sie war nicht der Typ Frau, der eine derartige Situation zum Flirten ausnutzte und einem Mann auf diese Weise falsche Hoffnungen machte.

»Ich glaube, ich würde jetzt gern mein Wiedersehen mit Barry feiern«, sagte sie deshalb recht steif.

Hori verzog keine Miene, und doch spürte Grace, dass sie ihn gekränkt hatte, indem sie diesen Augenblick der Nähe so plump zerstörte. Vielleicht bin ich ein wenig zu heftig gewesen, dachte sie zweifelnd, aber andererseits schaffe ich damit klare Verhältnisse.

»Ich lade dich ein«, murmelte Hori.

Grace widersprach heftig. »Du hast mich abgeholt und nach Dunedin gebracht. Nun darf ich mich wohl revanchieren und zumindest die Rechnung übernehmen.«

»Wenn’s sein muss«, stöhnte Hori. »Ich glaube, einer Frau wie dir sollte man nicht unbedingt widersprechen. Man würde doch den Kürzeren ziehen.« Täuschte sie sich, oder verkniff er sich ein Grinsen?

Grace lachte, obwohl sie nicht einschätzen konnte, ob seine Bemerkung nett gemeint war. Umso überraschter zuckte sie zusammen, als er ihre Hände nahm und drückte. Wie kräftig und zugleich zärtlich er sie anfasste! Ihr Herzschlag beschleunigte sich merklich. Erst als der Chef des Hauses an den Tisch trat, ließ er sie wieder los. Grace erschrak über die Heftigkeit ihrer Gefühle, die diese harmlose Berührung in ihr ausgelöst hatte. Ein angenehmer Schauer durchrieselte ihren Körper.

Während Grace die Rechnung beglich, plauderten Hori und Marco über die nächste Aktion der Naturschützer. »Bist du dabei, wenn wir demnächst nach Maud Island fahren und die neuen Takahe-Pärchen auswildern?«, fragte Hori gerade.

»Naturalmente! Glaubst du, das lasse ische mir entgehen?« Marcos Augen strahlten. »Ische war schon leider nicht mit, als ihr auf Breaksea gewesen seid und geguckt habt, ob das Rattenpack endgültig gefluchtet.«

Grace sah ihn erstaunt an. »Du warst auch dabei, als Breaksea rattenfrei gemacht wurde?«

»Klaro, daher kennen wir uns. Ische wollte Umweltschutze machen, aber meine Vater brauchten eine Patrone für die Pizzeria hier. Ische habe schwere Herzens eingetauscht meine Wanderschuhe gegen die Küchenschürze und die Falle für die Ratten gegen Ofen für die Pizza. Und ische habe Parmesan gehobelt, während die anderen sich freuen darüber, dass wieder die Pelzrobben auf Breaksea sind und all die Vogel, die früher dort wohnen.«

Marco wollte sich zu ihnen setzen und ihnen noch einen Grappa ausgeben, doch das Angebot lehnte Hori entschieden ab. »Ich glaube, wenn wir jetzt loslegen und über unsere Heldentaten plaudern, sind wir morgen noch nicht fertig. Und Barry wird Grace sicherlich schon sehnsüchtig erwarten.« Damit stand er einfach auf und machte sich zum Gehen bereit.

Grace missfiel der schnelle Aufbruch sehr, aber sie traute sich nicht, ihm zu widersprechen, sonst würde er nur noch merken, dass sie das Beisammensein gern noch weiter ausgedehnt hätte. Wenn er wüsste, wie wenig mir gerade der Sinn danach steht, Barry zu treffen, dachte Grace bedrückt.

Die Rückfahrt verlief schweigend. Grace kämpfte mit sich, ob sie ihn weiter über seine Arbeit ausfragen sollte, aber das würde er vielleicht als zu aufdringlich empfinden.

Dann versuchte sie, an Barry zu denken. Sie bemühte sich, das Wiedersehen vor ihrem inneren Auge in rosigen Farben auszumalen, aber das wollte ihr nicht so recht gelingen.

»Ich wünsche dir schöne Wochen in Neuseeland«, erklärte Hori etwas steif, als sie vor dem Haus hielten. »Leider habe ich in den nächsten Wochen viel zu tun, aber vielleicht hast du Lust, mich auf eine Insel zu begleiten, wenn wir die jungen Takahe-Pärchen dorthin bringen. Hier ist meine Karte.«

Grace nahm sie, steckte sie hastig in die Tasche und bedankte sich bei ihm. Er reichte ihr die Hand zum Abschied und sagte mit sanfter Stimme: »Schade, dass ich dich nicht unter anderen Umständen kennengelernt habe.«

»Ja, das ist wirklich jammerschade«, seufzte sie aus vollem Herzen.

»Ich wollte, du wärst meinetwegen gekommen.« Er sah ihr tief in die Augen, bevor er sich abrupt umwandte.

Sein letzter Blick löste ein Gefühlschaos in ihr aus. Wie in Trance starrte sie ihm hinterher, als er zum Auto eilte. Erst als sein klappriger Wagen um eine Ecke gebogen war, schaute sie nach oben in den glitzernden Sternenhimmel. Alles verkehrt herum, dachte sie verträumt. Sie fuhr zusammen, als eine verwaschene Stimme sie aus ihren Träumen auf die Erde zurückholte.

»Hey, wo bleibst du denn? Ich warte schon seit Stunden auf dich. Habe doch schon lange seinen knatternden Motor gehört. Warum kommst du nicht rein?«

Erschrocken wich Grace zurück. Aus dem Schatten der Veranda torkelte Barry auf die Straße. Er war noch betrunkener als vorher. Ehe sich’s Grace versah, hatte er besitzergreifend einen Arm um ihre Schulter gelegt und sie ins dunkle Haus gezogen. Beim Schein einer Kerze saßen die Mitbewohner zusammen und starrten sie aus glasigen Augen an. Ihr wurde übel von dem Gemisch aus Tabakrauch und Alkoholdünsten, das über ihren Köpfen waberte.

»Na dann, ihr beiden. Viel Spaß beim Wiedersehen«, lallte der junge Mann, der sich ihr vorhin mit dem Namen Owen vorgestellt hatte.

»Die Süße kann es gar nicht mehr erwarten«, erwiderte Barry grinsend.

Grace wollte sich mit einem Ruck aus seiner Umklammerung befreien. Das gelang ihr zunächst, aber als sie sich ein paar Schritte entfernen wollte, packte er sie grob am Arm.

Owen versuchte von seinem Stuhl aufzustehen, doch er kam ins Schwanken und fiel zurück. »Gute Nacht, ihr Turteltauben!«

»Barry, reiß dich zusammen, Mann!«, johlte ein anderer. »Ihr habt viel nachzuholen. Hoffentlich schafft das dein kleiner Barry.«

Grace versuchte erneut, sich loszumachen, aber Barry hielt sie mit eisernem Griff fest. Dann ließ er sie abrupt los und gab seinem Freund eine grobe Kopfnuss.

»Das sagst du nicht noch einmal, es sei denn, du willst im Krankenhaus aufwachen. Verstanden?«

Der Kumpel lachte dröhnend.

Barry kümmerte sich nicht mehr um seine feixenden Freunde, sondern schob Grace vor sich her eine Treppe hinauf. Oben angekommen, zog er sie in ein Zimmer, in dem es muffig roch. Lachend stieß er sie auf ein zerwühltes Bett.

»Kannst dich schon mal ausziehen. Aber ganz ehrlich, was hast du so lange mit meinem Bruder gemacht?«

Das sollte lustig klingen, aber Grace bebte vor Zorn.

»Wir haben uns wie vernünftige Menschen unterhalten. Er hat gute Manieren, im Gegensatz zu dir.«

»Hey, hey, willst du mich etwa eifersüchtig machen? Doch nicht auf meinen Bruder, Süße! Ich weiß, dass der George es nicht bringt. Der ist so was von schlaff. Der traut sich doch nur an die Frauen ran, mit denen ich was habe. Weil er weiß, dass er die sowieso nicht kriegt. Ich meine, ein erwachsener Mann, der Rallenvögel auf einsamen Inseln aussetzt, der bringt es nicht.«

»Das ist gemein. Er würde alles für dich tun.«

»Ja und? Ist das ein Grund, meine Freundinnen anzubaggern? Das war schon bei Lucy so. Stundenlang hat er mit ihr gequatscht. Und ich musste mir dann anhören, dass mein Bruder so einfühlsam ist. Vielleicht ist er ein ganz Schlauer, und das ist seine Masche. Aber wir wollen unsere Zeit nicht mit Sabbeln verplempern. Ich halte es mehr mit den Taten. Zieh dich endlich aus, Süße!«

Grace funkelte ihn wütend an. Niemals würde sie mit ihm schlafen, solange er derart betrunken war. Sie sprang energisch auf. »Barry, lass uns morgen miteinander reden. Du bist ja völlig breit. Ich möchte nicht mit dir in einem Bett schlafen, wenn du in so einem Zustand bist.«

Barry, der sich seine Hose samt Unterhose bereits ausgezogen hatte und mit seiner drängenden Männlichkeit vor ihr stand, sah sie verwirrt an.

»Süße, was soll der Unsinn? Ich habe doch nicht so lange gewartet, damit du dich jetzt zierst. Weißt du noch, unsere letzte Nacht in der Thaihütte? Wir haben kein Auge zugetan. Konnten nicht genug kriegen voneinander.«

Er ging einen Schritt auf sie zu und ließ seine Hand geschickt und fordernd unter ihre Bluse gleiten.

»Es war eine wunderschöne Nacht. Als wären wir beide allein auf der Welt. Ich spüre noch heute deine Zunge auf meiner erhitzten Haut. Komm, küss mich!«, raunte er plötzlich in einem völlig veränderten Ton. Seine Stimme war in einen Singsang übergegangen. Sie vibrierte in jener Melodie, die Grace in Thailand Schauer über den Rücken gejagt hatte. Es war wie beim ersten Mal mit ihm. Sie hatte sich gar nicht auf ihn einlassen wollen, aber er hatte sie mit seinen poetischen Worten und seiner tiefen Stimme schlichtweg verzaubert.

Schon bot sie ihm ihre Lippen dar. Doch als sie seine Fahne roch, war sie augenblicklich ernüchtert. Angewidert wandte sich Grace ab. »Nein, ich will nicht!«, keuchte sie.

»Mach dich locker, Süße! Verkrampf dich nicht so. Lass dich von mir verwöhnen.« Er schob ihr mit der einen Hand die Bluse hoch und streichelte ihr mit der anderen Hand über die nackte Brust.

»Barry, ich will nicht!«, wiederholte sie energisch.

»He, das macht mich aber gar nicht an. Lass die Spielchen!«

»Das ist mein voller Ernst. Ich will nicht.«

Er nahm seine Finger von ihrer Brust, als hätte er sich an ihrer Haut verbrannt.

»Süße, du bist doch nicht um die halbe Welt geflogen, um mir das zu sagen, oder?«

Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte er schon unters Bett gefasst und eine Bierflasche hervorgeholt, die er in Sekundenschnelle mit einem Geldstück öffnete. »Komm, nimm einen Schluck.« Er hielt ihr die Flasche hin, doch sie stieß seine Hand beiseite.

»Bitte, versteh doch endlich. Ich bin müde und erschöpft von der langen Reise. Ich möchte nur noch schlafen, morgen aufwachen und glauben, das wäre alles nicht passiert.«

»Nein, Süße, so nicht. Wir haben kein Gästezimmer im Haus, und ich denke gar nicht daran, mit dir unter einem Dach zu schlafen, wenn du mich zur Belohnung von der Bettkante stößt. Du kannst bei und mit mir schlafen. Oder du kannst abhauen und zurückkommen, wenn du wieder bei Verstand bist. Kapiert?«

Er klang auf einmal völlig nüchtern.

Grace zog ihre Bluse glatt und machte einen Schritt in Richtung Tür.

»Okay, dann zisch ab. Ich werde dich nicht anbetteln.« Barry legte sich aufs Bett und verschränkte demonstrativ die Hände hinter dem Kopf.

Er will cool wirken, dachte Grace, aber in seinen Augen glitzert es gefährlich. Er ist wütend. Keine Frage. Sie bekam plötzlich Angst. Ob er ihr Gewalt antun würde? Nichts wie weg hier!, befahl sie sich, krampfhaft bemüht, nicht in Tränen auszubrechen.

Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, brüllte er ihr hinterher: »Du brauchst gar nicht wiederzukommen, du blöde Nuss!«

Grace schnappte sich ihr Gepäck und fand sich schließlich auf einer einsamen Vorortstraße wieder, wo es offenbar keine Taxen gab. Sie straffte die Schultern und eilte davon. Sie hoffte, dass jemand sie zum nächsten Hotel mitnehmen könnte, doch sosehr sie auf ein Motorengeräusch lauschte, es blieb alles still. Erst als sie an einem Pub vorbeikam, ertönte ein ohrenbetäubender Lärm und lautes Gegröle.

»Owen, sieh mal, die Thaifrau macht den Abgang.«

Dort also wird Barry den Rest des Abends verbringen, um sich mit seinen Kumpeln die Kante zu geben, dachte Grace bitter und lief weiter, ohne auf das Pfeifen und die dummen Sprüche der Männer zu reagieren.

Grace hatte das Ortsschild bereits hinter sich und stolperte nun eine einsame Landstraße entlang, als sie hinter sich das Geräusch eines Automotors vernahm. Abrupt drehte sie sich um und hielt den Daumen raus, wie sie es früher immer getan hatte. Damals, als sie noch regelmäßig getrampt war.

Das Scheinwerferlicht blendete sie, doch der Pick-up hielt. Sie befürchtete schon, zu einem Mann einsteigen zu müssen, aber sie wurde von einer rauen Frauenstimme burschikos begrüßt.

»Hallo, Darling, das war wohl ein Schuss in den Ofen, was?«

Grace kletterte erst einmal in den Wagen, bevor sie ihrem Erstaunen Ausdruck verlieh.

»Kennen wir uns?«, fragte sie und blickte die junge Fahrerin, deren krauses schwarzes Haar in allen Richtungen vom Kopf abstand, skeptisch an.

»Nein, wir nicht. Aber ich kenne dich. Du bist seit Tagen Gesprächsthema Nummer eins. Jeder will the German girl sehen. Das Mädchen, das wegen Barry Tonka um die halbe Welt gereist ist. Und wohin willst du jetzt?«

»In ein Hotel nach Dunedin.«

»Okay.«

Grace betrachtete die junge Frau verstohlen von der Seite. Sie trug einen kurzen Rock und ein Top, das ihren üppigen Busen betonte. Ihr Alter war schwer einzuschätzen. War sie zwanzig oder Mitte dreißig? Auf jeden Fall floss Maoriblut in ihren Adern. Das war unschwer an ihren Gesichtszügen zu erkennen. Auch sie besaß diese vollen Lippen mit dem unverkennbar sinnlich geschwungenen Oberlippenbogen.

»Woher kennst du Barry?«, wollte Grace wissen, nachdem sie bereits eine Zeitlang schweigend gefahren waren.

»Wir waren mal zusammen, aber er hatte eine andere Vorstellung von Treue als ich. Ich bin Lucy. Bei uns in der Straße bleibt nichts geheim. Wir haben Wetten abgeschlossen, Darling, wie lange du bleibst. Ich habe gewonnen. Keine vierundzwanzig Stunden, habe ich prophezeit. Barry ist ein Arsch. Das solltest du wissen, bevor du wieder bei ihm antanzt.«

»Danke für den Tipp, Lucy, aber mein Bedarf ist gedeckt«, erwiderte Grace schnippisch. »Es ist nett von dir, dass du mich zum Hotel bringst«, fügte sie versöhnlicher hinzu.

»Ist doch kein Thema. Die Jungens im Pub haben mir gesteckt, dass du abhaust und mit deinem Gepäck in Richtung Landstraße stöckelst. Nur, da kommt kein Schwein. Ich wollte nicht, dass du am Straßenrand übernachten musst. Sag mal, das Hotel: welche Preisklasse denn?«

»Ach, egal!« Grace war erschöpft. Sie hatte nur noch einen Wunsch: endlich zu schlafen!

»Okay, dann bringe ich dich in ein einfaches Hotel, Darling. Ist das okay? Das Albatross Inn?«

»Hauptsache Bett!«, erklärte Grace rasch. Langsam fühlten sich ihre Glieder an, als wären sie aus formbarem Material und nicht mehr zu kontrollieren. Sie wollte einfach nur schlafen und alles vergessen.

Als der Wagen vor einem blinkenden Schild in der Innenstadt hielt, war Grace erleichtert wie selten zuvor. Der Spuk war vorüber und mit ihm die Sehnsucht nach dem fernen Geliebten. Merkwürdig, dachte Grace, als sie ihren Koffer von der Ladefläche hob, ich habe eigentlich immer nur Beziehungen, die nicht alltagstauglich sind.

»Und das Thema Barry ist für dich wirklich endgültig abgehakt?«, fragte Lucy neugierig.

»Findest du die Frage nicht ein wenig zu persönlich?«, konterte Grace.

»Wie man es nimmt, Darling. Ich wollte nur wissen, ob ich dir noch mehr Details über unseren Barry erzählen soll, damit du keine allzu große Enttäuschung erlebst«, bemerkte Lucy und steckte sich eine Zigarette an.

»Keine Sorge, ich habe keine Lust mehr, ihn wiederzusehen, falls dich das beruhigt, Darling!«, erwiderte Grace spöttisch.

Lucy musterte sie durchdringend.

»Ich meine es nur gut mit dir. Aber es tut mir weh zu sehen, wie er sich zu Grunde richtet und wie er mit Frauen umgeht. Dabei weiß ich gar nicht, woher er das hat. Er gehört nicht zu den Jungen aus den abgewrackten Wohnwagensiedlungen der Vorstadt, die keine Perspektive haben und deshalb saufen. Sein Vater war Lehrer an unserer Schule. Er war ein echt feiner Kerl, der viele von uns Maori vor dem Absturz bewahrt hat. Wenn der das noch hätte erleben müssen, wie Barry sich um den Verstand säuft … Das war ein guter Mann. Kein Großmaul wie Barry. Eher so ein Typ wie Barrys großer Bruder. Der hat Stil, übernimmt Verantwortung, mit dem kann man reden, und er sieht auch noch klasse aus. Ich hätte mich damals besser in den verlieben sollen …«

»Ja, dann vielen Dank fürs Bringen«, sagte Grace entschlossen. Sie wollte nichts mehr von Barry oder Hori hören. Schnell griff sie sich ihr Gepäck und ging davon, ohne Lucy noch einmal anzusehen, was sie umgehend bereute. Was konnte die hilfsbereite junge Maori dafür, dass sie, Grace, den Namen Tonka umgehend aus ihrem Sprachschatz streichen wollte? Ich hätte freundlicher zu ihr sein müssen, dachte sie und wandte sich um, um noch einmal zu winken, doch der Pick-up wendete bereits und fuhr davon.

Mit dem schweren Gepäck in der Hand steuerte sie auf die Rezeption zu. Sie war erleichtert, als sie erfuhr, dass noch ein Zimmer frei war.

Dort angekommen, suchte sie in der Handtasche nach ihrer Geldbörse, doch stattdessen fiel ihr Horis Visitenkarte in die Hand. Hori George Tonka, Bird Protection Society, Dunedin stand darauf.

Ob er der neue Freund von Lucy war – so wie sie von ihm geschwärmt hatte? Und hatte Barry nicht angedeutet, dass Hori sich nur an die Frauen wagte, die vorher einmal mit ihm, Barry, zusammen gewesen waren? Ich sollte ihn anrufen und ihm erzählen, dass Lucy mich ins Hotel gebracht hat, dachte Grace. Dann könnte ich sicher an seiner Reaktion ablesen, ob zwischen den beiden etwas läuft. Aber was geht mich das eigentlich an? Du solltest diesen Mann schnellstens vergessen, Grace, ermahnte sie sich, denn wenn du dich in ihn verliebst, könnte das eine Menge Probleme mit sich bringen.

Grace ließ sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke. Nach einer Weile stand ihr Entschluss fest: Sie würde so schnell wie möglich wieder nach Hause fliegen und ihr gar nicht so unglückliches Single-Leben in Berlin fortsetzen, und zwar genau so, wie es vorher gewesen war. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Professor Heinkens, der überdies ein attraktiver Mann war, aber glücklich verheiratet. Die lustigen Abende mit ihrer Mitbewohnerin und besten Freundin Jenny, besonders, wenn sie durch die Kneipen am Prenzelberg zogen. Gelegentlich war ihr auf diesen Wochenendtouren ein ansprechender Mann über den Weg gelaufen. Aber die Sache war oft nach nur einer Nacht beendet gewesen. Meist hatte Grace die Männer nicht wiedersehen wollen. Ihre Träume von der großen Liebe ließen sich mit ihren hohen Ansprüchen noch nicht vereinbaren. Mit Mitte zwanzig hatte sie ihre letzte längere Beziehung gehabt. Drei lange Jahre waren sie zusammen gewesen, aber dann war die Liebe auf beiden Seiten abgekühlt, und sie hatten sich freundschaftlich getrennt. Neulich gerade hatte Jenny ihr irgendwelche Karten gelegt, in denen sie die große Liebe ihrer Freundin hatte nahen sehen.

Wie gut, dass ich an so etwas nicht glaube, dachte Grace und wischte sich hastig eine Träne weg. Sie hielt immer noch Horis Karte in der Hand. Zweifelnd betrachtete sie diese einen Augenblick. Dann zerriss sie sie kurz entschlossen und warf die Schnipsel in den Papierkorb.

Plötzlich überkam sie eine bleierne Müdigkeit. Sie schaffte es gerade noch, sich das Gesicht zu waschen, die Zähne zu putzen und Jeans und Bluse auszuziehen. Schließlich wühlte sie in ihrem Koffer nach dem Schlafshirt und zerrte es ungeduldig hervor. Dabei fielen etliche Kleidungsstücke zu Boden, aber das störte Grace nicht. Ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt Ethan. Nun hatte er also doch recht behalten! Was hatte sie, Grace Cameron, in Kiwiland zu suchen? Nun besaß sie wenigstens die Gewissheit: gar nichts!

Das Bildnis von der unendlichen grünen Weite, verbunden mit dem geheimen Lockruf, sie solle dorthin reisen, das sie seit jener Schulstunde damals nicht mehr hatte loslassen wollen, war nichts weiter als ein Trugbild gewesen!

Abbildung

DUNEDIN, 12. FEBRUAR 2009

Ein vorwitziger Sonnenstrahl, der ihr ins Gesicht schien, weckte Grace. Sie hatte in ihrer Erschöpfung sogar vergessen, die Vorhänge zuzuziehen.

Ihr erster Gedanke galt Hori. Kein Wunder, sie hatte von ihm geträumt. Sie waren zusammen einem Moa-Weibchen begegnet. Der Urvogel überragte sie um Längen und kam zutraulich herbei. Dann erst sahen sie, dass er weinte. Wo sind meine Kinder?, fragte das Moa-Weibchen. Grace streichelte tröstend über das Federkleid des Riesenvogels. Es fühlte sich an wie ein Fell. Hori redete sanft auf das verzweifelte Tier ein. Wir werden deine Jungen finden und aufeine der Inseln in Sicherheit bringen. Damit du überlebst, kleiner großer Vogel. Dann wandte sich Hori von dem Moa ab und küsste Grace …

Grace setzte sich auf und rieb sich verwundert die Augen. Wie sehr sie sich doch wünschte, schnell wieder einzuschlafen und an der Stelle weiterzuträumen, an der sie aufgewacht war! Doch je intensiver sie sich danach sehnte, wieder in ihre Traumwelt abzutauchen, desto klarer stand ihr die Realität vor Augen. Noch einmal erlebte sie in Gedanken das enttäuschende Wiedersehen mit Barry. Bloß keinen Gedanken mehr daran verschwenden!, ermahnte sie sich nun.

Wie der Blitz sprang sie aus dem Bett und eilte ins Bad. Sie duschte so lange, bis sie das Gefühl hatte, die Erinnerung an diese schreckliche Begegnung abgewaschen zu haben. Dann beschloss sie, sich wenigstens ein paar Tage Zeit für die Erkundung der Stadt und die Begegnung mit der Professorin zu nehmen. Schließlich hatte nicht ihr erster Eindruck von Neuseeland sie maßlos enttäuscht, sondern allein ihr Wiedersehen mit Barry Tonka.

Entschlossen holte sie aus ihrem Koffer ein violettes Sommerkleid mit einem weit schwingenden Rock, das ideal zu ihrem schulterlangen dunklen Haar passte. Kaum hatte sie es angezogen, betrachtete sie sich kritisch im Spiegel. Ich bin ja noch blasser, als ich es in Berlin gewesen bin, schoss es ihr durch den Kopf. Und mein Haar könnte auch mal wieder eine Kur vertragen. Kurz entschlossen steckte sie es hoch und schlüpfte in ein Paar Sandalen.

Erst jetzt nahm Grace die Einrichtung der Pension wahr. Sie war einfach, aber gemütlich. Ja, hier würde sie es noch einige Tage aushalten.

Nach einem ausgiebigen Frühstück unternahm sie einen Stadtbummel. Der Hauswirt hatte ihr einen Stadtplan gegeben und ihr dringend die Besichtigung der St.-Pauls-Kathedrale sowie einen Ausflug nach Larnach Castle empfohlen.

Als erstes Ziel nahm sie sich die Kathedrale vor. Sobald sie auf die geschäftige George Street getreten war, hatte sie das Gefühl, schon einmal dort gewesen zu sein. Sie blieb verblüfft stehen. Genau, der kleine Obstladen, der Schlachter und dann … Marco’s Pizza – Pasta. Natürlich, hier war sie gestern mit Hori gewesen. Sie beschleunigte ihre Schritte. Nicht dass sie dem netten Italiener oder gar Hori in die Arme lief …

Grace bog in eine Seitenstraße ein, in der eine Reihe prächtiger Häuser im schottischen Stil standen. Plötzlich blieb sie unvermittelt stehen. Ornithological Institut of Dunedin, Suzan Almond war auf einem Schild neben dem Eingang zu lesen. Nun war sie quasi über das Institut der Professorin gestolpert.

Grace atmete tief durch und drückte auf den Klingelknopf. Da sie schon einmal hier war, konnte sie den geplanten Besuch auch gleich hinter sich bringen.

»Sie wünschen?«, fragte eine tiefe weibliche Stimme. Grace blickte auf und erschrak.

Die Frau hatte eine unübersehbare Narbe, die sich über ihre gesamte linke Gesichtshälfte zog. Außerdem blickte ihr linkes Auge seltsam starr. Grace hatte so ein lebloses Auge schon einmal zuvor gesehen. Bei einem Lehrer, der ein Glasauge hatte. Ansonsten wirkte sie sehr elegant in ihrem Kostüm und den dazu passenden Pumps. Ihr dunkles Haar hatte sie damenhaft aufgesteckt. Nicht so wild wie ich, durchfuhr es Grace, die versuchte, das Alter der Fremden zu schätzen. Sechzig? Oder älter? Ohne dass sie es wollte, wurde ihr Blick von der linken Gesichtshälfte der Frau angezogen. Ich darf sie nicht so anglotzen, sagte sich Grace, und doch konnte sie sich kaum von diesem zerstörten, aber stolzen Gesicht losreißen.

Die Frau schien nicht einmal zu bemerken, dass Grace um Fassung rang. Sie musterte ihren Gast mit einem dermaßen neugierigen Ausdruck, als wäre es deren Gesicht, das so zerstört war.

»Lassen Sie mich raten, Sie sind Grace Cameron. Richtig?« Ihre Stimme war betörend und stand in Gegensatz zu ihrem erschreckenden und zugleich faszinierenden Gesicht.

»Ja, aber woher wissen Sie das?«, stammelte Grace.

Die Fremde lächelte. Das veränderte ihren Gesichtsausdruck so sehr, dass Grace gar nicht mehr an die Narbe und das Auge dachte.

»Ach, entschuldigen Sie, ich bin Suzan Almond. Ich habe Sie bereits sehnsüchtig erwartet.«

»Sehr freundlich von Ihnen … Aber woher wissen Sie denn, wie ich aussehe? Ich habe Ihnen doch gar kein Foto von mir gemailt …« Grace stockte.

Die Professorin lächelte immer noch, während sie ihr die Hand zur Begrüßung reichte. »Wissen Sie nicht mehr? Ihr Artikel. Im Ornithological Magazine. Da war doch ein Foto von Ihnen abgedruckt.«

»Ach ja, aber es war sehr klein.« Grace war immer noch verunsichert.

»Immerhin groß genug, dass ich Sie gleich erkannt habe. Aber was stehen wir hier draußen rum? Kommen Sie herein! Wir trinken erst einmal einen Tee zusammen, und Sie erzählen mir, wie die Reise war. Ich habe natürlich gedacht, Sie würden vorher anrufen, dann hätte ich einen kleinen Imbiss vorbereitet.«

»Machen Sie sich nur keine Umstände.«, murmelte Grace, während sie der Professorin ins Haus folgte.

Schon der Eingangsbereich war beeindruckend. Die Treppe nach oben war im viktorianischen Stil gebaut, großzügig mit einem üppig verzierten Geländer. Die Wände waren dunkel vertäfelt, die Diele offen und großzügig und die Decken hoch.

»Unten arbeite ich, im Keller liegen die Knochen, und oben wohne ich«, erklärte die Professorin lächelnd. »Und wo sind Sie untergekommen?«

»In einer kleinen Frühstückspension.«

»Ja, dann holen wir nachher Ihre Sachen, denn Sie wohnen selbstverständlich bei mir. Wo ich doch so viel Platz habe …«

»Nein, danke für das großzügige Angebot, aber das ist nicht nötig. Ich werde schon in ein paar Tagen wieder zurückfliegen«, brachte Grace mühsam hervor.

»In ein paar Tagen?« Das klang verärgert. »Ich hatte auf eine längere Zusammenarbeit gehofft.«

Grace räusperte sich verlegen. »Ich wollte eigentlich bei einem Freund wohnen, bei einer Urlaubsbekanntschaft hier in Dunedin, aber das Wiedersehen war so enttäuschend, dass ich keine Lust mehr habe, Neuseeland näher zu erkunden.«

Suzan Almond sah Grace mitleidig an. »Gehen wir doch erst mal in mein Büro, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.« Dann rief sie in einen der zahlreichen Räume, die von der Diele abgingen: »Vanessa, machst du bitte einen Tee für zwei, und vergiss die gute Cadbury nicht! Wir müssen Miss Cameron davon überzeugen, dass Dunedin Besseres zu bieten hat als enttäuschende Urlaubsbekanntschaften.« Und schon hatte sie Grace in das Büro ihrer Mitarbeiterin geschoben.

»Das ist meine rechte Hand Vanessa, und das ist Miss Cameron, mit der ich das Moa-Buch schreiben werde.«

Grace schluckte ihren Protest hinunter und begrüßte Vanessa, eine rothaarige Frau in ihrem Alter, die ihr auf Anhieb sympathisch war. Erst als sie im Arbeitszimmer der Professorin in einer gemütlichen Sitzecke Platz genommen hatten, sagte Grace heftiger als beabsichtigt: »Miss Almond, ich schätze Ihr Angebot sehr, aber Sie haben mich eben nicht richtig verstanden. Ich reise ab! Es wird hier keine Zusammenarbeit zwischen uns geben. Ich habe meine Pläne geändert.«

»Misses Almond!«, entgegnete die Professorin entschieden. »Ich war mal verheiratet. Genau ein Jahr hat diese dumme Ehe immerhin gehalten; aber jetzt kommen wir zu Ihnen. Natürlich habe ich gehört, was Sie mir gesagt haben, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich Sie verstehe.« Wieder lächelte sie dieses bezaubernde Lächeln, das die Narben in ihrem Gesicht vergessen ließ.

Wider Willen lächelte Grace zurück. »Sie wollen damit sagen, dass Sie mir zugehört haben, aber trotzdem nicht verstehen, warum ich Ihrem Land gleich wieder den Rücken kehren will?«

»Wieso meinem Land? Es ist doch auch Ihr Land.«

Grace sah die Professorin verwirrt an. »Woher wissen Sie das denn? Ich habe Ihnen, soweit ich mich entsinnen kann, gar nicht verraten, dass mein Vater Neuseeländer ist.«

»Ihr Name sagt eben alles, Kindchen. Schauen Sie mal ins Dunediner Telefonbuch. Cameron ist ein Kiwiname. Es sei denn, Ihr Vater ist Schotte.«

»Nein, nein, seine Familie lebte oder lebt wohl in Neuseeland, aber er spricht nicht darüber. Ich weiß nur, dass er im Süden der Südinsel geboren wurde.«

»Und haben Sie denn gar keine Verwandten hier?«

Grace seufzte schwer. »Mein Vater hat seit achtunddreißig Jahren, quasi seit meiner Geburt, keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Er ist damals nach Deutschland ausgewandert. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, bin ich auch nicht erpicht darauf, hier einen auf Familie zu machen, denn ich bin ohnehin nur …«, sie unterbrach sich hastig.

Die Professorin sah sie durchdringend an. »Was wollten Sie eben sagen?«

»Ich bin adoptiert. Warum sollte ich also nach den Verwandten meines Adoptivvaters forschen, wenn die nicht mal ihn selbst interessieren? Und selbst wenn: Cameron ist ein häufiger Name in dieser Stadt, wie Sie gerade eben erwähnten. Da kann ich schlecht alle durchtelefonieren, oder?«

Das Letzte sollte ein Scherz sein, aber die Professorin lachte nicht. Im Gegenteil, sie musterte Grace so durchdringend, dass diese unangenehm berührt war, bevor sie fragte: »Und Ihre Mutter?«

»Sie war Deutsche«, erklärte Grace knapp, und in ihrem Blick stand geschrieben, dass sie keine weiteren Fragen zu ihren Eltern wünschte.

Die Professorin schien die stumme Botschaft verstanden zu haben. »Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen natürlich nicht zu nahe treten, aber seit ich Ihren faszinierenden Artikel gelesen und mich mit Ihnen in Verbindung gesetzt habe, interessiere ich mich auch für Sie als Person.«

Grace schenkte ihr ein verkrampftes Lächeln. Eine innere Stimme riet ihr, das Haus der Professorin schnellstens zu verlassen. Würden sie weiter über Claudia und Ethan sprechen, wären die Tränen nicht mehr weit. Und ihr stand nicht der Sinn danach, sich bei dieser Fremden auszuweinen.

»Dürfte ich wohl noch einmal kurz auf den jungen Mann zurückkommen?«

Grace zog es vor zu schweigen, was die Professorin offenbar als Zustimmung wertete.

»Ich finde es schade, wenn so eine selbstbewusste, kluge junge Frau wie Sie deshalb gleich die Flucht ergreifen und dafür sogar eine berufliche Chance wegwerfen will. Eine Chance, um die Sie viele beneiden würden.«

Grace lief knallrot an. Was fiel dieser Person ein, den Finger in ihre größte Wunde zu legen? Ja, sie war schon immer weggelaufen, wenn es ihr unangenehm wurde. Sie verabscheute Auseinandersetzungen mit all den damit verbundenen Gefühlsverirrungen. Lieber verließ sie eine Stadt und sogar ein Land, um eine unglückliche Liebe so schnell wie möglich zu vergessen. Was vorbei war, war vorbei. Und nichts mehr sollte sie daran erinnern.

Grace suchte noch nach den richtigen Worten, um sich dieser Einmischung in ihre persönlichen Angelegenheiten zu erwehren, als die Professorin ihr beschwichtigend eine Hand auf den Arm legte.

»Oje, jetzt bin ich Ihnen schon wieder auf die Füße getreten«, sagte Suzan Almond entschuldigend. »Das wollte ich nicht. Ich bin manchmal furchtbar taktlos im Umgang mit Menschen. Wenn man wie ich nur mit dem Moa beschäftigt ist, kann man sonderbar werden. Können Sie mir verzeihen?«

Grace kämpfte mit aller Macht gegen die Tränen an, die sie nur unter großer Anstrengung zurückhalten konnte.

»Ich möchte doch nur verhindern, dass Sie die Chance unserer Zusammenarbeit einfach wegwerfen, nur weil der junge Mann Ihre Gefühle verletzt hat und Sie sich nur noch weit genug fortwünschen. Es ist ja nicht so, dass ich das nicht kenne. Im Gegenteil, ich bin auch schon einmal vor einem Mann davongelaufen, doch das war der größte Fehler meines Lebens.«

»Sie haben ja recht. Es wäre dumm, aber ich kann nicht anders. Ich hätte gar nicht herkommen dürfen. Mein Vater hat mir die Reise bis zuletzt ausreden wollen.«

»Aber finden Sie das nicht ein wenig seltsam, dass er nicht möchte, dass Sie in das Land Ihrer Vorfahren reisen?«

»Ich sagte Ihnen doch bereits, dass ich adoptiert bin.«

Obwohl Grace aufgebracht wirkte, hakte ihr Gegenüber nach: »Ja, und woher kommen Ihre leiblichen Eltern?«

Wieder dachte Grace, dass es besser wäre, sie würde einfach aufstehen und gehen. Irgendetwas läuft hier schief, durchfuhr es sie eiskalt, ich muss weg, und doch rührte sie sich nicht vom Fleck. »Das Einzige, was mein Vater hat durchblicken lassen, ist die Tatsache, dass meine Eltern Neuseeländer waren, aber mehr weiß mein Vater auch nicht über sie. Haben Sie schon mal gehört, dass die Daten von adoptierten Kindern ganz offen an die Adoptiveltern weitergegeben werden? In Deutschland wird das jedenfalls diskret behandelt. Doch selbst wenn ich im Nachhinein die Namen meiner leiblichen Eltern herausfinden könnte, mich interessieren sie nicht die Bohne. Schließlich haben diese Leute mich weggegeben. Meine Eltern heißen Ethan und Claudia. Basta!«

»Kann es sein, dass Sie da etwas verdrängen?«

»Sie werden mich kaum zum Bleiben überreden, indem Sie mir den Floh ins Ohr setzen, ich müsse hier in Neuseeland meine Wurzeln finden. Ich fühlte schon immer eine Sehnsucht nach diesem Land, zugegeben. Schon seit meiner Schulzeit, als mein Erdkundelehrer uns ein wunderschönes Foto gezeigt hat. Ich werde es nie vergessen. Es zeigte einen See, aus dem ein sattgrüner Berg in einen unglaublich blauen Himmel ragte. Das war wie ein Versprechen.« Grace verstummte, als sie merkte, dass sie gerade ins Schwärmen geraten war.

»Das könnte der Doubtful Sound gewesen sein. Der hat seinen Namen von James Cook, der bezweifelte, dass er schaffen würde, jemals wieder aus dieser Bucht hinauszusegeln. Oder es war …«

»Machen Sie sich keine Mühe«, unterbrach Grace Suzan, »es spielt keine Rolle. Ich bin einer Sehnsucht nachgereist, die in Wirklichkeit eine Fata Morgana ist. Aber in einem Punkt haben Sie recht. Ich sollte mir ein wenig Zeit nehmen, mit Ihnen zu arbeiten. Ich bleibe vierzehn Tage.«

»Fantastisch!«, rief die Professorin begeistert aus. »Obwohl das für ein Buch nicht reichen wird.«

»Ich sagte, ich will mit Ihnen arbeiten. Das heißt noch lange nicht, dass wir gemeinsam ein Buch schreiben. Und die Arbeit mit Ihnen ist der einzige Grund, warum ich bleibe. Sie brauchen also nicht mehr auf der Neuseeländerin in mir herumzureiten. Die interessiert mich nicht. Punkt und aus!«

Statt ihr böse zu sein, lächelte die Professorin. »So habe ich früher auch mal geredet. Genau wie Sie! Ich habe mich lieber in die Arbeit vergraben, weil ich in der Liebe kein gutes Händchen hatte. Der Mann, der mich faszinierte, war nicht zu haben. Jedenfalls nicht für mich. Ich habe mich lange gesträubt, an so etwas zu glauben wie die zerstörerische Macht von Familiengeheimnissen und Lebenslügen – bis ich bereit für die Geschichte meiner Vorfahrinnen war. Nach dem Tod meiner Mutter habe ich ihre Aufzeichnungen über das Drama der Evans-Frauen gefunden. Sie werden es nicht glauben, aber bestimmte Muster wiederholen sich von Generation zu Generation. Angefangen bei meiner Urgroßmutter Selma, einer ungewöhnlich starken Frau …«

Es klopfte an der Tür. Die Professorin unterbrach sich und ließ Vanessa mit dem Tablett eintreten.

»Erzählen Sie ruhig«, bemerkte Grace trocken, nachdem Suzan Almonds Mitarbeiterin das Zimmer verlassen hatte. Die Professorin sah Grace verdutzt an.

Die lächelte ermutigend, während sie sich eine Tasse Tee einschenkte.

»Ja, Sie wollten mir doch von Ihrer Urgroßmutter erzählen. Und da ich beschlossen habe, zwei Wochen zu bleiben, sind wir nicht in Eile.«

»Das heißt, Sie werden bei mir wohnen?«

Grace seufzte. »Ich habe gesagt, ich will mit Ihnen arbeiten.«

»Nun sagen Sie schon ja. Dann können wir uns ausführlich unterhalten über das Leben …«

»… und Sterben der Moas«, ergänzte Grace rasch. Ihr war es zwar ein wenig unheimlich, wie diese Frau sie in ihren Bann zog, aber andererseits fühlte sie sich nicht unwohl in ihrer Nähe. Warum sollte sie also nicht bei ihr wohnen? Außerdem lockten die Knochen im Keller und die Forschungen der Professorin. Grace blickte ihr Gegenüber herausfordernd an.

»Sie wollen also wirklich etwas hören über meine Geschichte, Grace?«

»Sicher, aber nur unter einer Bedingung: Wenn Sie mir danach die Sammlung zeigen.«

Suzan Almond lachte. »Natürlich. Und ich hoffe sehr, dass ich Sie mit meiner Geschichte dazu herausfordern kann, Ihrer eigenen auf die Spur zu kommen, denn es geht genau um Ihr Problem, um das Geheimnis der wahren Herkunft.«

Grace schüttelte energisch den Kopf. »Sie geben wohl nicht auf, was? Aber da haben wir etwas gemeinsam. Ich kann sehr, sehr stur sein, wenn ich etwas nicht will. Und herausbekommen, wer meine Eltern sind, das will ich ganz und gar nicht. Darum: Verschwenden Sie nicht weiter Ihre kostbare Energie. Aber ich höre nun einmal liebend gern Geschichten über ungewöhnliche, starke Frauen.« Suzan Almond warf Grace einen durchdringenden Blick zu. »Aber gern«, raunte sie mit rauer Stimme.