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Das Geheimnis des italienischen Grafen

Amanda McCabe

Das Geheimnis des italienischen Grafen

PROLOG

Sizilien

„Oh, Miss Thalia, wir können unmöglich morgen abreisen. Da gibt es immer noch so viel zu tun.“

Thalia blickte von den Büchern und Papieren auf, die sie gerade einpackte, und sah ihre Zofe Mary durch das Zimmer eilen, die Arme voller Kleider. Am Boden standen mehrere geöffnete, halb gefüllte Truhen, aus dem Schrank und den Schubladen quollen Kleidungsstücke und Schuhe.

Lachend schüttelte Thalia den Kopf. „Also wirklich, Mary, in letzter Zeit sind wir so oft umgezogen, dass Sie eine wissenschaftliche Methode entwickelt haben müssten, um unsere Sachen zu packen.“

„So eilig hatten wir es noch nie“, klagte Mary. „Wenn ich alles ordentlich machen soll, brauche ich mehr Zeit.“

Thalia stimmte ihr zu. Normalerweise ging ihr Vater, Sir Walter Chase, seine Reisen etwas geruhsamer an. In gemächlichem Tempo waren sie durch Italien gefahren, hatten alle Sehenswürdigkeiten besichtigt und seine gelehrten Brieffreunde getroffen. Schließlich hatten sie sich in Sizilien niedergelassen. Aber nun war seine Arbeit in diesem Landesteil fast beendet. Er hatte die Ausgrabung der antiken Stadt gründlich studiert und danach einige seiner Aufzeichnungen den ortsansässigen Archäologen übergeben.

Inzwischen hatte Thalias ältere Schwester Clio ihre große Liebe geheiratet, den Duke of Averton, und mit ihm die Hochzeitsreise in orientalische Länder angetreten.

Auch Sir Walter hatte wieder den Bund der Ehe geschlossen und sich mit seiner langjährigen Gefährtin Lady Rushworth vermählt. In diesem Sommer würden sie mit seiner jüngsten Tochter Terpsichore, genannt Cory, nach Genf fahren. Sie hatten angenommen, auch Thalia würde mitkommen. Aber nach all den Ereignissen in den letzten Wochen war sie der Reisen müde und wollte nach Hause, nach England, zurückkehren. Ihre älteste Schwester Calliope, Lady Westwood, erwartete ihr erstes Kind und hatte in letzter Zeit jammervolle Briefe geschrieben, in denen sie wiederholt fragte, wann sie ihre Familie endlich wiedersehen würde.

Thalia glaubte, Calliope würde Clios Gesellschaft vorziehen, denn die beiden ältesten Chase-Musen standen sich sehr nahe. Und Clio war ungewöhnlich tüchtig. Aber da sie gerade ihre Hochzeitsreise unternahm, musste die werdende Mutter sich mit der zweitjüngsten Schwester begnügen, die als kapriziös und dramatisch galt. Perfekt geeignet, um Modistinnen zu besuchen oder Amateur-Theateraufführungen einzustudieren, aber nicht, um während einer Niederkunft von Nutzen zu sein …

Oder um schurkische Diebe einzufangen …

Sie schaute in den Spiegel über dem Toilettentisch. Durch die Fenster strömte das intensive Licht der sizilianischen Sonne ins Zimmer und verlieh ihrem offenen Haar die goldene Farbe von Sommernarzissen. Ihr herzförmiges Gesicht, die großen blauen Augen und den rosigen Teint fand sie hübsch genug. Natürlich lockte sie Bewunderer an – alberne Verehrer, die ihr selbst verfasste, miserable Gedichte widmeten und sie mit Porzellanschäferinnen und Frühlingstagen verglichen.

Diese Ansichten schienen ihre Verwandten zu teilen. Sie priesen ihre Schönheit, lächelten sie an, verwöhnten sie, doch sie dachten offenbar, hinter ihren blauen Augen würde sich nichts verbergen. Nur seidene Bänder und seichte Romane würden sie interessieren. Cal und Clio waren die gebildeten Mädchen, die Erbinnen, die eines Tages die Arbeit ihres Vaters fortsetzen sollten. Und Cory bewies ihr Talent als ernsthafte Malerin. Sie selbst hingegen galt nur als amüsant, ein hübsches Wesen, das die Mutter belle fleur“ genannt hatte, ihre „schöne Blume“.

Oh, das sagten sie ihr selbstverständlich niemals ins Gesicht. Sie applaudierten ihren theatralischen Auftritten und tolerierten ihre schriftstellerischen Bemühungen. Aber was sie wirklich von ihr hielten, las Thalia in ihren Augen und hörte es aus dem Tonfall ihrer Stimmen heraus.

Zweifellos war sie anders, keine richtige Chase.

Sie wandte sich vom Spiegel ab und zog ihren Schal enger um die Schultern, als wäre der dünne Kaschmirstoff ein Panzer – ein Schutz vor Enttäuschungen.

In den letzten Wochen hatte sie gehofft, die seltsamen Ereignisse würden ihre Verwandten eines Besseren belehren und ihnen zeigen, wozu sie fähig war. Als Clio sie um Hilfe bei der Festnahme Lady Rivertons gebeten hatte, der Diebin eines seltenen, kostbaren hellenistischen Tempelsilbers, war Thalia überglücklich gewesen. Endlich konnte sie sich nützlich machen! Nun würde sie beweisen, dass sie eine echte Chase war.

Zunächst schien ihre List zu wirken und Lady Rivertons Komplizen aus der Reserve zu locken.

Doch dann ging alles schief. Lady Riverton war geflüchtet, vermutlich mitsamt dem Silber, und jetzt mussten Clio und ihr Ehemann die Frau aufspüren. An dieser Verfolgungsjagd nahm Thalia nicht teil. Weder für ihre Schwester noch für ihren Vater hatte sie sich als hilfreich erwiesen.

Und auch nicht für den Mann, den sie ganz besonders beeindrucken wollte – Conte Marco di Fabrizzi, ihr Partner bei den Theateraufführungen und diversen Streitereien. Nie zuvor hatte sie einen attraktiveren Mann gekannt als den italienischen Archäologen und Aristokraten. Bedauerlicherweise glaubte sie, er wäre hoffnungslos in Clio verliebt.

Die Schwestern neckten sie, weil sie alle Verehrer abwies. Aber keiner konnte sich mit Marco messen. Ihr Pech – endlich hatte sie einen leidenschaftlichen, wundervollen Mann gefunden, und er liebte ihre Schwester!

Seufzend ergriff sie wieder ihre Bücher und Papiere und packte sie in die Truhe. Ein Manuskript entglitt ihren Händen, einzelne Blätter flatterten auf den Teppich hinab. Während sie niederkniete, um sie einzusammeln, fiel ihr Blick auf die Titelseite. „Das dunkle Schloss des Grafen Orlando – eine italienische Romanze in drei Akten“.

Dieses Theaterstück hatte sie zu schreiben begonnen, als ihr Marco begegnet war, am Anfang des Abenteuers um das gestohlene Tempelsilber. Eine grandiose Geschichte aus der italienischen Renaissance, voller Wirrungen um eine aufkeimende und verlorene Liebe, um niederträchtige Schurken, Geister und Flüche. Durchdrungen von einer Leidenschaft, die alles andere übertraf. So begeistert war sie gewesen. Und jetzt? Alles umsonst.

Sie glättete die Blätter, umwand das ganze Manuskript mit einer Schnur und legte es in die Truhe. Vielleicht würde sie es eines Tages herausnehmen und über ihre törichten Fantasien von Abenteuern und wahrer Liebe lachen. Jetzt musste sie Mary helfen, die restlichen Sachen einzupacken. In England wartete das wirkliche Leben.

Vor dem Fenster frischte die Brise auf, die Blätter des Zitronenbaums raschelten. Thalia ging zum Fenster, um es zu schließen, und schaute in den Garten hinab, zu den pastellfarben gestrichenen Häusern jenseits der Pforte. So schön war die sonnenhelle alte Stadt Santa Lucia – und voller Geheimnisse. Werde ich im kühlen grünen England diese schläfrige Hitze, den strahlend blauen Himmel und die felsigen Hügel vermissen? fragte sich Thalia.

Während die Kirchenglocken läuteten und die Stunde anzeigten, trugen die Dienstboten die Truhen und Koffer nach unten und stapelten sie im Garten neben dem Brunnen. Über das Fensterbrett gebeugt, beobachtete Thalia, wie sich immer mehr Gepäck anhäufte – wie ihr die Zeit in Santa Lucia davonlief. Die Brise wehte ihr das Haar in die Stirn. Ungeduldig wischte sie die Strähnen beiseite – und da sah sie ihn, Marco. Langsam ging er zur Gartenpforte.

Sie hatte gehört, nach Clios Hochzeit sei er abgereist. Aber da war er. Jetzt lehnte er sich an die Pforte und schaute dem geschäftigen Leben und Treiben vor dem Haus zu, das attraktive gebräunte Gesicht völlig ausdruckslos. Auf dem gewellten blauschwarzen Haar schimmerte das Sonnenlicht.

Ohne lange zu überlegen, eilte Thalia aus dem Zimmer, die Treppe hinab und zur Vordertür nach draußen. Sie wich den Lakaien aus, die noch mehr Gepäck in den Garten schleppten. Schließlich blieb sie vor Marco stehen. Nur das niedrige schmiedeeiserne Gatter trennte sie von ihm. Genauso gut hätte es ein Meer sein können.

Marco richtete sich auf und lächelte sie an. Wie wundervoll er aussah mit den hohen, markanten Wangenknochen, der edlen italienischen Nase, den glänzenden schokoladenbraunen Augen … Nur die dunklen Bartstoppeln rings um das Kinn störten seine klassische männliche Schönheit ein wenig. Wie ein griechischer Gott in seinem Tempel, ein römischer Eroberer auf einer antiken Münze, dachte sie. Und wie mein Graf Orlando in seinem dunklen Schloss …

In den letzten Jahren war sie schon vielen attraktiven Männern begegnet – ihren Schwägern, ihren eigenen Verehrern. Aber Marco hatte noch mehr zu bieten als seine gewinnende äußere Erscheinung – eine feurige Leidenschaft, kaum verschleiert von höflicher Galanterie. Eine scharfe Intelligenz. Und Geheimnisse. Viele Geheimnisse, die Thalia ergründen wollte.

Trotz der berühmten Chase-Hartnäckigkeit bezweifelte sie, dass es ihr jemals gelingen würde, seine verborgene Seele zu erforschen. Viel zu geschickt versteckte er sich hinter seinen hervorragenden schauspielerischen Fähigkeiten. Selbst wenn sie zehn Jahre Zeit dafür hätte, niemals könnte sie sein wahres Ich entdecken.

Und ihr blieben keine zehn Jahre, nicht einmal zehn Minuten. Wehmütig erinnerte sie sich an die gemeinsamen Stunden im alten Amphitheater, an Diskussionen, Gelächter – vorgetäuschte Liebe bei den Proben des Theaterstücks. Goldene Stunden, die sie niemals vergessen würde.

Ihn würde sie niemals vergessen.

„Ich dachte, du hättest Santa Lucia verlassen, Marco“, sagte sie leise.

„Und ich dachte, du wärst abgereist, Thalia.“ Wieder schenkte er ihr sein herzzerreißendes Lächeln mit dem Grübchen neben einem Mundwinkel. Ihr Renaissancefürst. Der zufällig ihre Schwester liebte. Entschlossen schaute sie weg und bot ihre eigenen schauspielerischen Fähigkeiten auf – alles, was sie in den letzten aufregenden Wochen erlernt hatte, um ihre wahren Gefühle vor Marco zu verbergen. Wie gut erinnerte sie sich an seine traurige Miene bei Clios Hochzeit – und das verlieh ihr die Kraft, das Lächeln scheinbar sorglos zu erwidern.

„Für eine überstürzte Abreise mussten wir zu viele Sachen packen, wie du siehst“, erwiderte sie und zeigte auf die Truhen und Koffer. „Die Skizzenbücher meiner Schwester Cory, die umfangreichen Notizen meines Vaters über seine Arbeit …“

„Und deine ‚Antigone‘-Kostüme?“

„Ja, die auch.“ Nun wandte sie sich wieder zu ihm. Mit seinen dunklen Augen schien er sie aufmerksam zu mustern. Doch sie las nichts darin, keine Spur jener sonderbaren Freundschaft, die auf der alten Bühne entstanden war. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Jetzt gab es nur noch diesen einzigen, kurzen gemeinsamen Moment.

„Tut mir leid, dass wir das Schauspiel des Sophokles nicht aufführen konnten, Thalia.“

„Mir auch. Dafür haben wir genug andere dramatische Szenen erlebt, nicht wahr?“

Lachend nickte er. Und dieses wundervolle heitere Gelächter weckte den Wunsch, einzustimmen, ihre Arme um seinen Nacken zu schlingen und ihn niemals, niemals loszulassen. Bald würde sie in ein Leben der grauen, banalen Realität zurückkehren. Dann würde sie wieder die hübsche, unnütze, launische Thalia sein – und ihr Abenteuer in Sizilien nur mehr ein schöner Traum, eine warme Erinnerung für kalte Nächte.

„Sicher bist du der schrecklichste Geist, der jemals in Sizilien gespukt hat“, meinte er.

„Was für ein zauberhaftes Kompliment! Einen so gespenstischen Ort wie diesen habe ich nie zuvor gesehen. Vielleicht …“ Ihre Stimme erstarb, und sie wich seinem Blick erneut aus.

„Vielleicht – was?“

„Wenn es auch eigenartig klingen mag – vielleicht werde ich eines Tages als Geist hierher zurückkehren“, sprudelte sie hervor. Ihr Herz schien am Rand eines Abgrunds zu schwanken. Wenn es einfach hinabstürzen würde – zu ihm … Ihre Familie hielt sie für furchtlos und entschlossen. Aber irgendetwas, ein verborgener Hang zur Vorsicht, hielt sie zurück. In die emotionale Tiefe schienen winzige Kieselsteine zu rieseln. „Ich frage mich, ob mein wahres Selbst zurückbleiben – und verloren um die Ruinen der alten Agora herumwandern – wird.“

Behutsam berührte Marco ihre Hand – eine federleichte Liebkosung, nur Fingerspitzen auf ihrer Haut. Trotzdem entfachte die Zärtlichkeit wilde Flammen – ein Feuer, das sie ersehnte, obwohl sie wusste, es würde sie verzehren und jenen bleichen Geist zurücklassen, den sie fürchtete.

„Was ist dein wahres Selbst, Thalia?“ Sein sonniger italienischer Humor verwandelte sich in beängstigende Intensität. Konnte er in ihre Seele schauen? „Obwohl du eine hervorragende Schauspielerin bist, glaube ich etwas zu sehen …“

„Thalia!“, hörte sie ihren Vater von der Haustür her rufen. „Mit wem sprichst du da?“

Einerseits war sie dankbar für die Störung, andererseits trauerte ihr Herz diesem letzten Moment der Zweisamkeit nach. Noch immer wartete der Abgrund. Doch vorerst würde sie nicht hinabfallen. „Conte di Fabrizzi, Vater!“, antwortete sie und starrte immer noch Marcos Hand auf ihrer eigenen an.

Jetzt zog er seine Finger zurück, der magische Augenblick war vorbei.

„Bitte ihn doch herein!“, sagte ihr Vater. „Ich möchte ihn nach seiner Meinung fragen – es hängt mit den Münzen zusammen, die Clio gefunden hat.“

„Natürlich.“ Thalia lächelte Marco an. „Was es zu sehen gibt, bleibt dir nicht verborgen“, flüsterte sie. „Ich bin ein offenes Buch.“

„In meinem Leben habe ich schon viele Lügen gehört, Thalia. Aber eine so ungeheuerliche noch nie. Deine Schwester Clio – ja, sie ist ein offenes Buch. Aber du, Thalia, gleichst dem sizilianischen Himmel – eben noch stürmisch, im nächsten Moment strahlend, niemals berechenbar.“

Schätzte er sie tatsächlich so ein? Wenn ja, hatte ihr noch niemand ein schöneres Kompliment gemacht. Aber er sah und verstand sie noch immer nicht. Nicht ganz. „Du hast mich unter höchst ungewöhnlichen Umständen kennengelernt, Marco. Zu Hause, in meinem wahren Leben, bin ich so berechenbar wie der Mond.“

„Noch eine Lüge, nehme ich an. Vielleicht werde ich dich eines Tages in diesem ‚wahren Leben‘ sehen und die wahre Thalia Chase beurteilen.“

Wenn es doch so wäre – wenn sie einander wirklich noch einmal begegnen würden und sie ihm beweisen könnte, Clio wäre niemals die Richtige für ihn gewesen … Dann würde sie ihm ihre echten Gefühle zeigen, ihm verraten, was er ihr bedeutete.

Nur ein hoffnungsloser Traum … Während sie Sizilien verließ und nach England segelte, würde er in seine Heimatstadt Florenz zurückkehren. Sicher würden sie sich nie wiedersehen.

Und in den nächsten Jahren würde sie mit ihren Erinnerungen an Marco leben.

1. KAPITEL

Bath

Ist es möglich, dass ich erst vor wenigen Monaten in Sizilien war? schrieb Thalia in ihr kleines Tagebuch mit dem Ledereinband. Während die Kutsche dahinpolterte, lag es auf ihrem Schoß. Es muss ein Traum gewesen sein. Denn wenn ich jetzt aus dem Wagenfenster schaue, weiß ich es – ich bin zweifellos erwacht.

Das frische Grün der Hecken, die von Hecken umgebenen Felder und die Dörfer mit den Fachwerkhäuschen – einen größeren Unterschied zu den sizilianischen Ebenen, die sich unter einer sengenden Sonne erstreckten, konnte es nicht geben. Sie schloss die Augen, und sekundenlang glaubte sie Zitronenduft in heißer Luft zu riechen, eine warme Brise auf ihrem Arm zu spüren, wie eine flüchtige Liebkosung.

Aber dann holperte die Kutsche durch eine Furche in der englischen Straße und riss sie aus ihren Erinnerungen.

Wehmütig hob sie die Lider und lächelte ihre Schwester an, die ihr gegenübersaß. Calliope de Vere, Lady Westwood, erwiderte das Lächeln. Trotz der Decken und Kissen, die sie einhüllten, trotz des Tees und der Hühnersuppe, die sie ihr immer wieder aufdrängte, war sie viel zu blass. In dem bleichen Gesicht wirkten die braunen Augen übernatürlich groß.

Diese Blässe gehörte zu den Gründen für die Reise nach Bath. Von der langwierigen, problematischen Geburt ihres Töchterchens Psyche hatte Calliope sich noch immer nicht erholt. Wegen ihres mangelnden Appetits musste sie sich zum Essen zwingen. Und ihr fehlte die Energie, um wie üblich alles zu organisieren und ihre Mitmenschen herumzukommandieren. Nun hoffte Thalia, ihr Schwager Cameron würde recht behalten. Er hatte erklärt, das Heilwasser in Bath würde die Genesung seiner Gemahlin beschleunigen. Letzte Woche war er vorausgefahren, um ein passendes Haus zu mieten.

Inzwischen hatte Thalia die Reisevorbereitungen getroffen, eine Kinderfrau und Personal engagiert und das Londoner Haus geschlossen. Über all der Hektik hatte sie Sizilien und Marco beinahe vergessen. Nur beinahe.

„Was schreibst du da?“ Calliope inspizierte den Korb, in dem Psyche zwischen Satindecken schlummerte. Glücklicherweise war die Kleine eingeschlafen, nachdem sie stundenlang gejammert hatte. „Ein neues Theaterstück?“

„Nur ein paar Notizen in mein Tagebuch“, antwortete Thalia und steckte den kleinen Band in ihre Reisetasche. „Mit einem neuen Drama habe ich noch nicht angefangen.“

„Leider ist das meine Schuld“, seufzte Calliope. „Seit deiner Rückkehr aus Italien habe ich dich dauernd beansprucht. Deshalb hast du kaum Zeit zum Atmen gefunden.“

„Das stört mich kein bisschen. Wozu sind Schwestern da, wenn sie einander in schweren Zeiten nicht helfen?“

„Dann dürfen wir uns glücklich schätzen, weil wir so reich mit Schwestern gesegnet sind!“ Calliope lachte leise. „Und jetzt gibt es auch noch Nichten und Stiefmütter.“

„Jedenfalls sind wir eine großteils weibliche Familie.“ Thalia betrachtete Psyche, die auf trügerische Weise engelsgleich aussah, von rosa Spitze umgeben, mit den weichen schwarzen Löckchen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Als Thalia eine Strähne aus der kleinen Stirn strich, rümpfte das Baby die Nase. „Schon jetzt hat sich deine kleine Tochter als echte Chase erwiesen.“

Lächelnd nickte Calliope. „Zumindest besitzt sie einen eisernen Willen.“

„Und passende Lungen.“

„Ich fürchte, sie wird sich ihr Leben lang entschieden bemerkbar machen.“

„Wird sie ihrer Tante Clio nacheifern?“

„Einer Duchess? Vielleicht.“ Calliope ordnete die Deckchen um Psyches Schultern. Dann lehnte sie sich in die Polsterung ihres Sitzes zurück. „Wie ich gestehen muss, war ich verblüfft über Clios Heirat. Unsere Schwester und Averton konnten einander nicht ausstehen! Nach allem, was in Yorkshire passiert war …“

Thalia erinnerte sich an Clios Hochzeit in der protestantischen Kirche von Santa Lucia. Glückstrahlend hatte die Braut die Hand ihres Dukes ergriffen und das Ehegelübde gesprochen. Dann hatte er ihren Schleier gehoben und sie geküsst, und die beiden waren in ihrer eigenen sonnenhellen kleinen Welt versunken. „Unter dem italienischen Himmel können magische Dinge geschehen.“

„Offensichtlich.“ Unter der schmalen Hutkrempe musterte Calliope ihre Schwester, die den prüfenden Blicken unbehaglich auswich.

In der Kindheit hat Calliope stets Bescheid gewusst, wenn ich unartig war, erinnerte sich Thalia, und mir mühelos schuldbewusste Geständnisse entlockt. Daran hatte sich nichts geändert.

„Und du, meine Liebe?“, fragte sie. „Wurdest auch du von der italienischen Magie beeinflusst?“

Thalia schüttelte den Kopf. „Unglücklicherweise nicht – ich bin dieselbe wie zuvor.“ Sie merkte, dass Calliope ihr nicht glaubte, aber anscheinend zu ermattet war, um sie zu bedrängen.

Vorerst. „Arme Thalia! Nach diesem wundervollen Urlaub musst du meine Pflegerin spielen. Jetzt verschleppe ich dich auch noch in das verstaubte alte Bath. Ich fürchte, die Upper Rooms sind der Faszination alter Ruinen nicht gewachsen. Oder dem Charme italienischer Männer und ihren dunklen Augen!“

Thalia wandte sich zu ihr und versuchte herauszufinden, was der Hinweis auf die „dunklen Augen“ bedeuten mochte. Weiß sie etwas, und will sie mich hänseln? Aber Calliope schenkte ihr nur ein unschuldiges Lächeln.

„Oh, keine Bange, ich setze gewisse Hoffnungen in Bath“, erwiderte Thalia leichthin. „Das Theater, die Parks, die römischen Ausgrabungen. Und reiche Männer, die Erlösung von ihrer Gicht und junge Gemahlinnen suchen, die sie in den Rollstühlen umherschieben. Vielleicht werde ich einem übergewichtigen deutschen Fürsten begegnen und Clio noch ausstechen! Fürstin Thalia. Wäre das nicht nett, Callie?“

Calliope lachte. Endlich erschien ein rosiger Hauch in ihren bleichen Wangen. „Vielleicht wird es nett klingen, bis du in einem zugigen hessischen Schloss landest. Und das würde dir gar nicht gefallen.“

„Da hast du sicher recht. Eisige Wintertage und kalte Schlösser können mich nicht begeistern.“

„Nachdem du die italienische Sonne genossen hast?“

„Genau. Aber ich werde mich in Bath wohlfühlen – vor allem, wenn ich sehe, wie du wieder zu Kräften kommst. Die Heilquelle wird dir guttun.“

„Hoffentlich. Ich bin es so müde, ständig müde zu sein.“

Zum ersten Mal hörte Thalia eine Klage aus dem Mund ihrer Schwester. Besorgt neigte sie sich vor und strich die Decke über Calliopes Knien zurecht. „Hast du Schmerzen? Sollen wir anhalten? Willst du dich ausruhen? Dieses infernalische Holpern und Schwanken …“

„Nein, nein.“ Calliope hielt Thalias Hand fest und beendete die fürsorglichen Bemühungen. „Sicher ist es nicht mehr weit bis Bath. Bevor die Dunkelheit hereinbricht, werden wir unser Ziel erreichen. Und ich sehne mich nach Cameron.“

„So wie er sich nach dir sehnt.“ Seit der Hochzeit hatten Calliope und ihr Ehemann sich nur selten getrennt. So innig hingen sie aneinander. Wie sie das aushielten, verstand Thalia nicht.

„In seinem letzten Brief erwähnte er ein schönes Haus direkt am Royal Crescent, das er gefunden hat. Dort sind wir in der Nähe aller wichtigen Schauplätze. Natürlich sollst du dich amüsieren und nicht ständig neben meinem Krankenbett sitzen.“

Lachend verdrehte Thalia die Augen und versuchte ihre Sorge zu überspielen. „Welches Krankenbett? Du wirst frisch und munter durch die Trinkhalle promenieren. Und ich möchte nur mit dir und der kleinen Psyche zusammen sein. So lange haben wir uns nicht gesehen.“

„Viel zu lange. Wenn doch Clio auch hier wäre!“ Calliope drückte Thalias Hand. „Dann wäre unser kleines Trio wieder vollständig.“

Diesen Moment wählte Psyche, um zu erwachen und einen schrillen Schrei auszustoßen, der die mit schimmernder Seide verkleideten Innenwände der Kutsche erschütterte.

„Jetzt wären wir ein Quartett“, stöhnte Calliope und hob ihre Tochter aus dem Korb.

Thalia schaute aus dem Fenster. Nun rollte der Wagen eine der Brücken entlang, die über den Avon nach Bath führten. Fünf imposante Brückenbögen boten einen Ausblick auf die Stadt und die Hügel dahinter.

Trotz der dramatischen italienischen Landschaften, die sie bewundert hatte, musste Thalia auch die Schönheit von Bath anerkennen. Terrassenförmig zog sich die Stadt an den Hängen empor, die Häuser aus hellem goldgelbem Stein errichtet, und glich den Schichten einer fantasievollen Hochzeitstorte. Als eine Chase, die Tochter und Enkelin hervorragender Altertumsforscher, wusste Thalia die klassischen Linien zu schätzen, die geordneten Säulenreihen und stilvollen Häuser.

Aus der Ferne nahm sie den Schmutz und den Lärm nicht wahr, jene unangenehmen Dinge, die zu allen Städten gehörten. Von der Brücke aus betrachtet erschien ihr Bath wie eine Puppenstadt, nur zum Vergnügen errichtet, für geruhsame Spaziergänge, höfliche Konversation, Gesundheit und Geselligkeit. Oder für neue Träume – wenn sie hier zu finden wären.

Während Psyche unentwegt schrie, fuhren sie von der Brücke in die Stadt. In einem schier endlosen Verkehrsstrom holperte die Kutsche über gepflasterte Straßen. Thalia musterte elegant gekleidete Menschen in Landauern und sah flotte junge Paare auf hohen Phaetons sitzen. Auf den Gehsteigen führten die Fußgänger ihre modischen Extravaganzen vor, verfolgt von beflissenen, mit Einkaufspaketen beladenen Dienstmädchen.

In den Schaufenstern prangte eine Vielfalt erlesener Waren – weicher Samt und schimmernde Seide, Hüte, Bücher und Lithografien, Porzellan, funkelnde Pyramiden aus Süßigkeiten. Melancholisch erinnerte Thalia sich an das staubige kleine Santa Lucia, die alten Märkte, die winzigen Läden. Sie öffnete das Fenster und atmete das Potpourri der Gerüche ein – Leder, Pferde, Zimt aus einer Bäckerei, das schwache metallische Aroma des Heilwassers, das über der ganzen Stadt hing. In der Tat, jetzt war sie unendlich weit von Sizilien entfernt. Und keiner der Männer, die sie dahinschlendern sah, glich Marco di Fabrizzi.

Beruhigend wiegte Calliope das Baby hin und her. Die Stadt schien sogar Psyche zu interessieren. Schließlich verstummte das Gebrüll, und sie sah sich mit großen braunen Augen um.

„Da siehst du es, Thalia, so übel ist Bath gar nicht“, bemerkte Calliope. „Das findet sogar Psyche. Schau doch, da hängt ein Plakat – nächste Woche wird im Theatre Royal ‚Romeo und Julia‘ aufgeführt! Da müssen wir unbedingt hingehen. Ein bisschen Italien, mitten in Bath.“

Thalia lächelte ihre Schwester und Psyche an, die ihre winzigen Finger in den Mund steckte, während sie, so schien es zumindest, das Sonnenlicht auf dem goldgelben Bath-Gestein bewunderte. „Natürlich gehe ich sehr gern ins Theater, Callie. Aber du darfst dich nicht überanstrengen. Etwas später können wir uns die Aufführung immer noch anschauen.“

„Pah! Wenn ich im Theater sitze, wird es mir wohl kaum schaden – es sei denn, jemand wirft mir eine Orange an den Kopf.“ Entschlossen hob Calliope ihr Kinn. „Falls du glaubst, ich lasse mich ans Bett fesseln, irrst du dich.“

Nun verließen sie die belebten Straßen und erreichten die komfortable Stille des Royal Crescent. Der exklusive Stadtteil, den Cameron für den Aufenthalt gewählt hatte, bestand aus dreißig bogenförmig angeordneten Häusern, in täuschend schlichtem palladianischem Stil für die wohlhabendsten und vornehmsten Bewohner von Bath errichtet. Wie verwirrt wären die snobistischen Bauherrn, dachte Thalia, könnten sie die Ankunft zweier Blaustrümpfe und eines brüllenden Säuglings beobachten! Selbst wenn Cal eine Countess ist … Noch nie hatten sich die Chase-Mädchen mit spießigen Gedanken befasst – reine Zeitverschwendung.

Aber wie sie zugeben musste, passte die schöne Straße zu ihren antiken Studien. Langsam folgte die Kutsche der sanften sichelförmigen Kurve, vorbei an makellos geschrubbten Eingangsstufen und strengen Säulenreihen. Die Häuser strahlten eine Aura von Stille und Wohlstand aus, perfekt für Calliopes Genesung.

„Hier können wir am Morgen spazieren gehen.“ Calliope zeigte auf einen Weg, der gegenüber der Häuserreihe an einem ausgedehnten Rasen vorbeiführte. „In den Crescent Fields.“

„Nur wenn es früh genug ist! Natürlich wollen wir nicht von der fashionablen Hautevolee überrannt werden, die hier so gern promeniert.“ Thalia beobachtete ein Paar, das dahinschlenderte – die Dame in einem bestickten gelben Spenzer über einem türkisblauen Kleid, auf dem Kopf einen Hut mit wippenden Federn, die Leine eines eifrig trippelnden Mopses in der Hand. Unter der breiten Hutkrempe war ihr Gesicht verborgen; sie nahm sogar teilweise die Sicht auf das Profil ihres hochgewachsenen Begleiters.

Trotzdem erschien er ihr irgendwie bekannt. Die breiten Schultern in edlem dunkelblauem Wollstoff … Kannte sie ihn?

Doch Thalia fand keine Zeit, um darüber nachzudenken, denn die Kutsche hielt vor einem Haus nahe dem Ende der geschwungenen Häuserzeile. Ein Lakai eilte die Eingangsstufen herab und öffnete den Wagenschlag, dicht gefolgt von Calliopes Ehemann.

Cameron de Vere, der Earl of Westwood, ist genau der Richtige für meine Schwester, dachte Thalia wie schon so oft. Beide dunkelhaarig und attraktiv, herzensgut und dem Studium des klassischen Altertums treu ergeben. Während der Earl humorvoll und lebensfroh war, neigte Calliope zu intensivem Ernst. Dadurch ergänzten sie einander perfekt. Zweifellos führten sie eine überaus glückliche Ehe.

Diesmal wirkte auch Cameron ungewöhnlich ernst, als er die Hand seiner Frau ergriff und ihr behutsam aus der Kutsche half. Thalia hielt Psyche im Arm und beobachtete, wie Calliope und Cameron einander umarmten, ohne die Passanten auf dem Crescent zu beachten. So vorsichtig drückte Cameron seine Gemahlin an sich, als wäre sie eine kostbare Skulptur aus antikem Alabaster.

Und Calliope schmiegte sich an ihn, den Kopf auf seiner Schulter, und erweckte den Eindruck, sie wäre nach langen Irrwegen endlich heimgekehrt.

Bei diesem Anblick verspürte Thalia einen schmerzhaften Stich im Herzen; das Gefühl qualvoller Einsamkeit übermannte sie. Wie gut die beiden zueinander passten! Wie zwei Hälften einer römischen Münze. Und wie allein ich bin …

Doch sie wollte ihre Zeit nicht mit Selbstmitleid vergeuden. Das entsprach nicht ihrem Charakter. Außerdem war es sinnlos, einem Traum nachzutrauern, der sich nicht erfüllen würde. Und es gab so vieles, was sie besaß, so viel, was sie zu tun vorhatte.

Der Lakai half ihr auf die Straße, und sie überreichte Psyche der wartenden Kinderfrau, die den Herrschaften mit den anderen Dienstboten im zweiten Wagen gefolgt war. Während das Baby ins Haus getragen wurde, brüllte es lauter denn je.

„Thalia!“ Der Schwager küsste ihre Wange. „Wie gesund und hübsch du aussiehst, meine Liebe. Schon jetzt scheint die Luft von Bath dir gutzutun.“

Spielerisch schlug Calliope auf den Arm ihres Ehemanns. „Oh, sie ist hübsch und sieht blühend aus – und ich, deine arme Gemahlin, bin eine blasse Kranke?“

„Niemals habe ich behauptet, du wärst arm …“, protestierte Cameron scherzhaft.

„Also nur bleich?“

„Keineswegs. Wie immer bist du meine griechische Rose. Und jetzt, meine Schöne, lass dir dein neues Heim zeigen.“ Er hob Calliope auf seine Arme, trug sie die niedrigen Stufen hoch und unter dem klassizistischen Portikus ins Haus. Obwohl Callie protestierte, merkte Thalia ihr an, wie müde und dankbar sie für die Hilfe war.

Am Straßenrand stand eine Hutschachtel, die ein Lakai zurückgelassen hatte. Thalia hob sie hoch und eilte hinter dem Ehepaar über die Schwelle. Die Eingangshalle – kühl und dunkel nach dem sonnigen Tag, mit einem Fliesenboden und einer Tapete, die hellem Marmor glich – roch nach frischen Blumen und Zitronenpolitur. Durch einen Torbogen erreichten sie eine innere Halle mit hoher Decke, wo eine geschwungene Treppe zu den oberen Etagen führte. Irgendwo da oben war Psyche bereits angelangt und protestierte lautstark gegen die neue Umgebung.

Cameron trug seine Frau in einen Salon, dessen Wände mit goldfarbenem Damast bespannt waren. Die Vorhänge bestanden aus dem gleichen Stoff. Um einen Teetisch gruppierten sich Sofas und Sessel, mit korallenroter Seide bezogen. Für die Neuankömmlinge waren bereits Erfrischungen angerichtet worden.

Zwischen den Fenstern standen ein Pianoforte und eine Harfe. Als Cameron seine Frau auf ein Sofa setzte, inspizierte Thalia die Instrumente. „Sehr schön“, meinte sie. Ihre Finger glitten über die Klaviertasten, eine kleine Melodie erklang. „Abends werde ich euch etwas vorspielen, Cal. In Italien habe ich viele neue Lieder gelernt.“

„Schon immer habe ich dir gerne zugehört, Liebes“, antwortete Calliope und nahm von ihrem Ehemann eine Tasse Tee entgegen. Dann schlug sie seine Hand weg, als er eine Decke über ihre Knie breiten wollte. „Aber du verdienst ein größeres Publikum für dein Talent. So ein schönes Zimmer – hier müssen wir Kartenpartys oder musikalische Soireen veranstalten, sobald wir genug neue Bekannte in Bath gefunden haben.“

„Callie, du musst dich ausruhen!“, riefen Thalia und Cameron wie aus einem Mund.

Dann lachten sie alle, und Cameron fuhr fort: „Vergiss nicht, was die Ärzte gesagt haben. Viel Ruhe und Stille. Und jeden Tag Heilwasser.“

Ungeduldig winkte Calliope ab. „Beim Jupiter, ihr beide führt euch auf, als hätte ich soeben verkündet, ich würde den Kanal in einem Ruderboot überqueren! Eine kleine Kartenparty wird mich gewiss nicht überfordern. Und Thalia braucht ein bisschen Amüsement, sonst wird sie uns bald verlassen und nach Italien zurückkehren.“

„Natürlich verlasse ich dich nicht, Callie. Stattdessen werde ich hierbleiben und dich betreuen. Umso schneller wirst du genesen.“ Thalia nahm ihren Hut ab und schaute durch ein Fenster zum Park hinüber. Viele Leute wanderten vorbei. Aber nicht der hochgewachsene Mann im dunkelblauen Gehrock – der ihr so vertraut erschienen war.

Sicher nur ein Trugbild ihrer Fantasie …

2. KAPITEL

Marco warf seinen Hut auf den nächstbesten Tisch und sank auf den einzigen Stuhl in seinem Zimmer. Die Stirn gerunzelt, beobachtete er, wie sich die Schatten auf dem polierten Boden verlängerten. Um diese Stunde war es ruhig im White Hart Inn, denn alle Gäste hatten sich in ihre Räume zurückgezogen, wo sie ihre Vorbereitungen für die Konzerte oder Partys des Abends trafen. Nicht einmal in den Korridoren und den Salons herrschte das übliche Kommen und Gehen.

Aber Marco hegte keineswegs ruhige Gedanken. Stattdessen wirbelten sie in wildem Aufruhr durch sein Gehirn, gefangen in einem Labyrinth, aus dem es anscheinend kein Entrinnen gab. So erging es ihm seit seiner Ankunft in Bath, der hellen Stadt auf den Hügeln, die angeblich so respektabel und langweilig war. Nichts dergleichen! Philosophische Lektionen und Promenaden durch die Trinkhalle schienen dazu zu dienen, dunkle Tiefen zu verbergen. Oder eher Menschen mit Geheimnissen und fragwürdigen Absichten.

Seit über einer Woche hielt er sich hier auf und versuchte sich mit Lady Riverton anzufreunden, ihr Vertrauen zu gewinnen – oder wenigstens an ihre Papiere und ihren Tresor heranzukommen, der so sorgsam in ihrer Villa am Stadtrand bewacht wurde. Wo versteckte sie das Tempelsilber aus Santa Lucia? Bisher hatte ihm seine Mühe nur Kopfschmerzen eingebracht, die vom unentwegten Gejaule ihres Mopses herrührten.

Und vom unschätzbar wertvollen antiken Silber war er weiter entfernt denn je.

„Maledetto“, murmelte er. Vielleicht war er ein Narr gewesen, weil er geglaubt hatte, mit Charme und Schmeicheleien würde er diese wichtige Mission besser bewältigen als mit brutaler Gewalt. Nämlich auf wirksamere, unerwartete Weise. An den Umgang mit raubeinigen tombaroli, die Antiquitäten aus unentdeckten Ruinen und Gräbern stahlen, war Lady Riverton immerhin gewöhnt. Einen Verehrer, der mit ihr flirtete, würde sie nicht erwarten.

Und tatsächlich, sie schien ihn zu mögen. Es gefiel ihr, wenn er sie auf ihren Spaziergängen durch Bath begleitete. Aber wenn er das Silber nicht in absehbarer Zeit rettete, musste er eine neue Taktik anwenden. Weil er sich wie ein idiotischer Gigolo vorkam, während er um eine kichernde Frau herumscharwenzelte, die er verachtete!

Manchmal, wenn sie seinen Arm nahm und ihn anschmachtete, sah er nicht ihr Gesicht, von braunen Ringellöckchen umrahmt, sondern Thalias herausfordernde blaue Augen. Ein klares, strahlendes Blau, das sich stürmisch verdüsterte, wenn sie mit ihm stritt – oder im Kerzenlicht die Farbe grauen Nebels annahm … Keine Frau hatte ihn so sehr fasziniert, seit er in Maria verliebt gewesen war. Arme Maria – so schön, so unglücklich in ihrer Liebe …

In Sizilien hatte ihn die zauberhafte, intelligente Thalia Chase tief beeindruckt. Wüsste sie, wie behutsam er jetzt bei Lady Riverton vorging, würde sie geringschätzig seufzen. An seiner Stelle würde sie einen energischen Kampf vorziehen, vielleicht mit gutem Grund. Diese bedeutsame Mission konnte er nur mit zielstrebigen, kämpferischen Methoden zum Erfolg führen. Das würden ihm auch seine alten Freunde in Florenz und Neapel empfehlen, die seinen Traum von der Unabhängigkeit Italiens, von der Rückkehr zum einstigen Ruhm teilten. Aber dummerweise hoffte er immer noch auf eine andere, weniger martialische Strategie. Deshalb musste er das Silber finden.

Er stand auf und ging zu dem Schreibtisch in einem kleinen Alkoven. Darauf häuften sich Bücher und Papiere, die Seiten der Abhandlung, die er gerade verfasste. Darin verarbeitete er seine Erkenntnisse in Santa Lucia, die Erinnerung an eine friedliche, wohlhabende griechische Stadt mit einer großen Agora und einem Amphitheater. Eine fruchtbare, schöne Gegend, wo die Bauern Gerste, Oliven und Trauben geerntet, wo reiche Familien ihre Ferienvillen gebaut hatten. Eine wunderbare Kultur, mit der Verehrung Demeters und ihrer Tochter Persephone im Mittelpunkt …

Dank dieser Verehrung war das kunstvolle Tempelsilber entstanden. Reich verzierte Becher, Schüsseln für Trankopfer, Schöpfkellen und Weihrauchgefäße – geheiligte Gegenstände, der Erdgöttin gewidmet, die diesem Land seinen Reichtum geschenkt hatte. Bis die friedliche Gemeinde von den römischen Eindringlingen und ihren Söldnern vernichtet worden war. Grausam hatten sie alles geplündert, niedergebrannt, getötet und die Überlebenden versklavt. Kurz vor der Invasion des römischen Heeres hatte ein frommer Bauer das Silber aus dem Tempel geholt und in seinem Keller versteckt.

Dort hatten es die tombaroli, von Lady Riverton angeheuert, ausgegraben. Nun ergänzte es ihre heimliche Sammlung kostbarer gestohlener Altertümer aus der hellenistischen Periode, Stücke von hohem symbolischem Wert. Das Erbe einer erhabenen Kultur, die barbarische Eindringlinge zerstört hatten, ein weiterer verlorener Teil von Italiens Vergangenheit …

Marco setzte sich an den Schreibtisch und griff nach der Feder. Diese Geschichte musste er niederschreiben. Aber noch wichtiger wäre es natürlich, das Silber zu erringen. So viele andere würde es zum Einsatz für die große Sache inspirieren. Seit er erwachsen war, weihte er sein Leben der glorreichen Vergangenheit und der Zukunft Italiens, der Wiedergewinnung verlorener Kunstschätze, der verlorenen Geschichte. Auch das Silber würde er aufspüren, mochte es kosten, was es wollte.

Ach, wenn ihn doch die Erinnerung an Thalias Augen, die alles sahen, bloß nicht mehr verfolgen würde …

3. KAPITEL

Wie üblich herrschte um zehn Uhr morgens dichtes Gedränge in der Trinkhalle. Thalia und Calliope traten in den Säulengang und mischten sich unter die Menschenmenge. Im hellgrauen Licht des bewölkten Tags erfüllten Gelächter und lebhafte Gespräche den großen weißen Raum, einzelne Wortfetzen drangen zu den beiden Schwestern.

„Was für ein vulgärer Hut …“

„In den Assembly Rooms bekam ich kaum Luft …“

„Der Doktor meint, ich müsste …“

„Und hier soll man genesen und neue Kräfte sammeln?“, fragte Calliope skeptisch und wich dem Rollstuhl einer alten Dame aus, der gerade vorbeigeschoben wurde. „Inmitten dieser Massen, die unsinniges Zeug reden? Genauso gut hätten wir in London bleiben können.“

Thalia ergriff den Arm ihrer Schwester und zog sie näher zu sich heran. Später würden sie Cameron bei der Wassertheke treffen – falls sie die Halle unbeschadet durchqueren konnten. Ihr Schwager hatte sich entfernt, um die Namen seiner Begleiterinnen und seinen eigenen ins Gästebuch einzutragen.

Obwohl Thalia nicht allzu groß war, wusste sie sich einen Weg zu bahnen. Mit ihrem schlanken, von blauer Seide umhüllten Arm drängte sie einige der Schwätzer beiseite. Oder sie musterte die Leute mit einem ruhigen Blick, bis sie Platz machten. „Die Londoner Luft tut dir nicht gut, Callie“, betonte sie, während sie Schlange standen, um Wassergläser zu holen. „Und der kleinen Psyche auch nicht. Hier wirst du dich ausruhen und erholen. Niemand stellt Forderungen an dich, keine Antiquities Society, keine Ladies Artistic Society, kein einziger dieser zahllosen Vereine …“

„Lady Westwood? Miss Chase?“

Die beiden Schwestern drehten sich zu Lord Grimsby um, einem Freund ihres Vaters, der ebenso wie Sir Walter der Antiquities Society angehörte. Schwerfällig stützte er sich auf seinen Gehstock.

„Oh, Lord Grimsby!“, rief Calliope. „Was für eine nette Überraschung!“

„Sicher sind Sie nicht so überrascht, wie wir es waren, als wir von der Heirat Ihres Vaters und Lady Rushworths hörten“, erwiderte er und lachte. „Sir Walter schrieb uns, Sie würden Bath bald besuchen. Wenn meine Frau und meine Tochter erfahren, dass Sie schon hier sind, werden sie sich freuen. In dieser Stadt findet man nur selten akzeptable Gesellschaft.“

Thalia schaute sich im Getümmel um. „Das sehe ich.“

„Natürlich müssen Sie am nächsten Treffen der Classical Society teilnehmen. So zahlreich wie bei der Londoner Antiquities Society sind die Mitglieder nicht. Aber wir veranstalten oft Vorträge, Debatten und Exkursionen zu den römischen Kunstschätzen. Rings um Bath gibt es so viele Ausgrabungen.“

„Wie wundervoll das klingt, Lord Grimsby!“, meinte Calliope. „Was würden wir nur ohne unsere diversen wissenschaftlichen Gesellschaften anfangen …“

„Sogar in Bath wollen wir einen gewissen Standard aufrechterhalten, Lady Westwood. Welch ein Glück, zwei Chase-Mädchen in unserer Mitte zu wissen. Werden Sie nächste Woche unsere Versammlung besuchen?“

„Das würden wir sehr gern tun“, beteuerte Thalia. „Aber die Ärzte haben meiner Schwester unbedingte Ruhe verordnet.“

Lord Grimsby lachte wieder, diesmal so heftig, dass seine altmodische Perücke verrutschte. „Ja, das reden sie uns allen ein, Miss Chase – wir müssen uns ausruhen. Was soll man in Bath auch anderes machen? Doch das bedeutet keineswegs, auch unser Geist würde der Ruhe bedürfen. Da würde mir Ihr Vater gewiss zustimmen. Außerdem geht es bei unseren Zusammenkünften sehr ruhig und angenehm zu. Morgen wird Lady Grimsby Sie besuchen. Bis dann, meine Damen!“

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