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Das Geheimnis des Prinzen

PROLOG

Fünfundzwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit …

„Wir müssen noch heute Nacht fliehen. Als legitime Erben des Thrones seid ihr in unmittelbarer Gefahr, Amelie und du.“

Prinzessin Lily von Argonien wandte sich ihrem Mann zu und hoffte, dass sich die panische Angst, die sie empfand, nicht in ihren Augen widerspiegelte. „Ich weiß. Ich hasse den Gedanken, mein Land verlassen zu müssen, aber …“ Unter ihren Lidern brannten Tränen. „Wir haben wohl keine Wahl. Vaters Freunde in Washington, D.C. werden uns Obdach gewähren. Bei ihnen sind wir sicher, bis wir ein eigenes Heim gefunden haben.“

Dabei wusste Lily, dass es keinen anderen Platz als Argonien für sie gab, an dem sie sich hätte heimisch fühlen können. Georges legte seine Hand über ihre verkrampften Finger.

„Du wirst wieder glücklich sein, das schwöre ich!“

Lily schenkte ihrem Gatten ein mattes Lächeln. „Solange ich nur bei dir bin …“

Er nickte, allerdings etwas zögernd. „Wir werden einen Neustart wagen, unter anderem Namen und mit einer veränderten Vergangenheit. Wem wird schon eine derartige Chance geboten?“

Die Antwort wussten sie beide: Den Unglücklichen nicht, die befürchten mussten, dass ihr Heim von feindlichen Mächten gestürmt würde, die sie umbrächten, sobald sie ihrer hab-haft würden …

Ja, ich denke, wir dürfen uns wirklich noch glücklich schätzen“, sagte Lily, so als wolle sie sich selbst davon überzeugen. Erst vor wenigen Tagen hatten Maxims Soldaten ihren verwitweten Vater, König Serge, getötet. Und obwohl Maxim versprochen hatte, Prinzessin Lilys Leben zu schonen und ihr einen Landsitz zu überlassen, der seit Jahrhunderten ihrer Familie gehörte, wusste sie, dass man ihm nicht trauen konnte. Im besten Fall würde er sie unter eine Art Hausarrest stellen. Wahrscheinlicher war allerdings, dass er auch sie und ihre Lieben ermorden lassen würde. Und deshalb musste sie mit Mann und Tochter fliehen, solange die gewaltsame Übernahme der Regierung noch nicht abgeschlossen war und damit auch die Flughäfen unter Maxims Kontrolle sein würden.

„Ich bin sicher, die Bevölkerung wird das neue Regime ablehnen. Und ehe wir es uns versehen, können wir auch schon in unsere geliebte Heimat zurückkehren“, behauptete Lily hoffnungsvoll.

„Du musst aber auch mit der Möglichkeit rechnen, dass dieser Tag vielleicht niemals kommen wird“, dämpfte Georges ihren Optimismus.

„Ja, vielleicht …“, murmelte sie tonlos und dachte an den Moment, als ihr Vater das Gleiche prophezeit hatte, während er ihr seinen schweren Diamantring in die Hand gedrückt und das Versprechen abgenommen hatte, mit ihrer kleinen Familie zu fliehen, sollte sich die Lage im Land weiter zuspitzen. Der kostbare Ring war dazu gedacht, den Start in ihr neues Leben zu finanzieren.

„Aber Papa, du kannst mit uns kommen!“, hatte sie angstvoll ausgerufen, doch der alte König hatte nur den Kopf geschüttelt und sie ganz fest in seine Arme geschlossen.

„Nein, Liebes. Ich darf und will mein Land nicht im Stich lassen. Ich habe immer für mein Volk und meine Pflichten ihm gegenüber gelebt und bin bereit, auch dafür zu sterben, wenn es sein muss.“

Er sah den Widerspruch in den Augen seiner Tochter und legte rasch einen Finger über ihre bebenden Lippen. „Nein, für dich ist es nicht dasselbe. Deine Pflichten liegen ganz woanders. Du musst dich und meine Enkeltochter in Sicherheit bringen. Eines Tages wirst du auf den Thron zurückkehren. Doch inzwischen sorge dafür, dass niemand euch finden kann. Man wird versuchen, die rechtmäßigen Erben des Thrones auszulöschen, da darfst du dir nichts vormachen.“

Es war, als habe ihr Vater bereits zu jenem Zeitpunkt gewusst, dass er bald sterben würde.

Lily seufzte leise und wandte sich wieder ihrem Mann zu. „Ich bin mir ganz sicher, dass wir zurückkommen“, sagte sie fest. „Die Gerechtigkeit trägt immer den Sieg davon.“

Georges lächelte schmerzlich. „Meine kleine Idealistin. Kein Wunder, dass ich dich so sehr liebe.“

„Ich liebe dich auch, Georges. Mehr als ich sagen kann.“

Ihre kleine Tochter bewegte sich in ihrem Bettchen. Es waren nur noch zweieinhalb Monate bis zu Amelies drittem Geburtstag. Doch bis dahin würde sich ihre kleine Welt völlig verändert haben. Kein sonnengelbes Kinderparadies mehr mit weichen Kissen und Decken, in denen schon ihre Mutter und Großmutter geschlummert hatten. Nie mehr würde sie vor dem Frühstück in die ausgebreiteten Arme ihres geliebten Großvaters laufen können. Vorbei war es mit einer vorherbestimmten Zukunft voller Sicherheit.

Und Amelie würde auch keine Prinzessin mehr sein …

1. KAPITEL

Amy Scott drehte das Schild an der Tür um, sodass man von draußen „Wir haben geschlossen“ lesen konnte. Zu dieser bitterkalten Jahreszeit interessierten sich nicht besonders viele Menschen in Dentytown – einer reizenden Kleinstadt in Maryland – dafür, ob der Laden geöffnet hatte oder nicht. Während der Wintermonate tätigte Blue Yonder Travel Books die meisten Geschäfte ohnehin übers Internet.

„Glaubst du, dass es noch länger schneien wird?“, fragte Mara Hyatt, Amys Angestellte, während sie zu ihrer Chefin ans Fenster trat.

„Hoffentlich“, gab Amy zurück und schaute verträumt in den weißen Flockenwirbel. Lautlos fallender Schnee vermittelte ihr immer ein Gefühl von Frieden. Unverhofft trieb ein plötzlich aufkommender Wind die dicken Flocken kreiselnd vor sich her und klatschte sie so heftig gegen die Ladenscheibe, dass Amy automatisch zurückwich. Dies war kein gewöhnliches Schneetreiben. Da draußen schien sich etwas zusammenzubrauen. Sie fühlte es mit jeder Faser ihres Körpers. Es war, als bringe der Wind eine Veränderung mit sich, die sie nur noch nicht fassen konnte …

„Hast du schon die bestellten Safaribücher eingepackt?“, fragte Amy und versuchte, das seltsame Gefühl abzuschütteln.

„Liegt alles hier auf dem Tresen.“ Mara wies auf einen Stapel sorgfältig verklebter und beschrifteter Päckchen. „Möch-test du, dass ich noch auf den Kurierdienst warte?“

„Nein, nicht nötig. Du kannst ruhig gehen. Ich habe hier sowieso noch zu tun. Genieße den Schnee.“

„Okay.“ Mara griff nach Mantel und Schal. „Ruf mich an, wenn du mich brauchst.“

Amy lächelte. „Werde ich tun.“

Die Glocke an der Tür bimmelte hell auf, als Mara den Laden verließ, und während Amy ihr hinterherschaute, fröstelte sie unwillkürlich. Sie konnte nicht entscheiden, ob es einfach nur an der Kälte lag oder an ihrer Besorgnis über den aufziehenden Sturm. Doch sie war froh, genügend Arbeit vor sich zu haben, mit der sie sich von ihren seltsamen Empfindungen ablenken konnte.

Amy war fast fertig mit der liegen gebliebenen Buchhal-tung, als der Wind unverhofft zunahm. In der nächsten Sekunde begann das Licht zu flackern, und schließlich verlosch es ganz. Lauschend neigte Amy den Kopf. Neben dem Heulen des Sturmes hörte sie das sanfte Gebimmel der Glocken über der Tür, wo der Wind durch die undichten Ritzen pfiff. Wieder fröstelte sie. Doch dann riss sich Amy energisch zusammen und stieß zischend den angehaltenen Atem aus.

Dies war nur ein Stromausfall, also kein Grund zur Panik! In Dentytown gab es immer noch die störungsanfälli-gen Überlandleitungen, sodass man bei extremen Wetterlagen an derartige Vorfälle gewöhnt war. Wahrscheinlich war durch den Sturm wieder mal ein Baum umgestürzt und hatte die Leitungen zerrissen.

Amy zog eine Schublade auf und holte ein Streichholzheftchen heraus. Sie hatte es aus einem Restaurant, das sie vor Jahren in New York besucht hatte. Erst heute Nachmittag war es ihr zufällig wieder in die Hände gefallen. Amy riss ein Streichholz ab, ließ es aufflammen und zündete damit die beiden Aromakerzen auf ihrem Verkaufstresen an. Mit dem orange flackernden Licht schien der Raum wieder zum Leben zu erwachen. Amy seufzte auf und streckte ihre verkrampften Glieder.

Plötzlich schallten die Glocken über der Ladentür viel lauter als zuvor, und ein heftiger kalter Luftzug sagte ihr, dass jemand die Tür geöffnet hatte.

Amy fuhr herum und sah sich einem hochgewachsenen Fremden gegenüber. Auf seinem mitternachtsschwarzen Haar lagen Schneeflocken, und die dunklen Augen schienen im Kerzenschein zu glühen. Auf den schmalen Wangen lag ein Schatten, und mit dem hochgeschlagenen Mantelkragen wirkte er wie eine Figur aus einem Roman. Doch auf den ersten Blick konnte Amy nicht sagen, ob er eher den Helden oder den Schurken verkörperte.

Sie schluckte heftig. „Tut mir leid, aber der Laden ist geschlossen“, sagte sie gepresst und suchte mit der Hand hinter dem Rücken nach dem Brieföffner, der irgendwo auf dem Schreibtisch liegen musste.

„Ich bin nicht hier, um etwas zu kaufen.“ Seine Stimme war sehr tief, und Amy glaubte, einen schwachen Akzent zu hören. „Ich suche jemanden …“

In Amys Kopf überschlugen sich die Gedanken. „Oh, Sie müssen Allens Jagdkumpel sein!“, improvisierte sie. „Er ist hinten und packt seine Jagdwaffen zusammen. Ich hole ihn schnell.“ Amy stieß sich vom Tisch ab und hoffte, dem Fremden würden ihre zitternden Hände und weichen Knie nicht auffallen. Immerhin hatte sie jetzt die Chance, durch die Hintertür zu verschwinden und Hilfe zu holen. Die Polizeistation lag nur zwei Blocks entfernt. Irgendjemand würde sicher Dienst haben und mit ihr hierher zurückkommen.

Sie war schon fast an der Tür, als der Fremde sie zurückhielt. „Ich suche nach Amy Scott.“

Amy zuckte heftig zusammen und wandte sich langsam um. „Warum?“

„Sind Sie Amy Scott?“

Nach einem schnellen, fast sehnsüchtigen Blick in Richtung der Hintertür wandte Amy ihre Aufmerksamkeit wieder dem dunkelhaarigen Mann zu, der immer noch auf dem gleichen Fleck verharrte, seit er den Laden betreten hatte.

„Wer will das wissen?“

Jetzt trat er einen Schritt vor. „Natürlich sind Sie es …“, stellte er mit einem rauen Unterton in der Stimme fest. „Ihr Gesicht … Es hätte mir sofort auffallen müssen.“

Automatisch legte Amy eine Hand an ihre Wange. „Haben wir uns schon einmal getroffen?“, fragte sie verunsichert.

„Nein, das haben wir sicher nicht.“ Sein Mund verzog sich wie zu einem Lächeln, aber es wurde keines. Im flackernden Kerzenschein wirkte der Fremde, wie sich Amy immer Sir Lancelot vorgestellt hatte – ein dunkles attraktives Gesicht, ein sensibler Mund, intelligente Augen und eine Statur, die Kraft und Macht symbolisierte … und das auf eine Art und Weise, die ziemlich einschüchternd wirkte.

Jetzt kam er direkt auf Amy zu und nahm mit einer sanften Geste die Hand von ihrer Wange. „Mein Gott, Sie sind ja noch viel schöner, als ich Sie mir vorgestellt habe …“

Amys Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust als Reaktion auf die unerwartete Berührung, während ihr Verstand ihr riet, zu fliehen und die Polizei zu alarmieren.

„Sie haben versucht, sich vorzustellen, wie ich aussehen würde …?“, hörte sie sich selbst fragen.

„Mein ganzes Leben lang.“

Die Ladentür war geschlossen, aber jedes Mal, wenn der Wind sich wieder erhob, hatte Amy das Gefühl, als würden kalte Finger durch ihr Haar fahren und ein eisiger Schauer über ihren Rücken laufen.

„Warum?“, fragte sie tonlos. „Wer sind Sie?“

„Vergeben Sie mir“, bat der Fremde mit einem blitzenden Lächeln, das jedem Hollywoodstar zur Ehre gereicht hätte. „Ich habe mich Ihnen ja noch gar nicht vorgestellt. Ich bin …“ Warum zögerte er? „Mein Name ist Emile Beurghoff. Ich gehöre zum Mitarbeiterstab des Kronprinzen von Argonien.“

„Argonien?“ Erst im letzten Jahr hatte Amy einen ganzen Monat in die Suche nach einem Reiseführer über Argonien investieren müssen. Auftraggeber für die Recherche waren die Bradleys gewesen – ein ortsansässiges Ehepaar, das ungewöhnliche Reiseziele bevorzugte. Amy war es zwar nicht gelungen, ein Buch aufzutreiben, aber übers Internet hatte sie immerhin so viel über den gebirgigen, nördlich von Frankreich liegenden Zwergstaat gefunden, um die Bradleys zufriedenstellen zu können und ihre eigene Neugier zu wecken.

„Sie haben schon von Argonien gehört?“ Der Fremde schien weniger überrascht als interessiert.

„Nur wenig. Wer, sagten Sie, sind Sie noch mal genau …?“

„Der Sekretär des Kronprinzen von Argonien. Auf der Suche nach … nun, Sie würden vielleicht sagen, einer lange verschollenen Verwandten des Königshauses.“

Amy hob erstaunt die fein gezeichneten Brauen. „Dann müssen Sie sich vertan haben. Hier bei uns gibt es keine Mitglieder irgendwelcher Königshäuser.“

„Seien Sie sich nicht zu sicher …“

„Da bin ich mir sogar ganz sicher.“ In dieser Sekunde ging das Licht wieder an, und Amy sandte ein stummes Dankeschön an die Chesapeake Electric Company. „Oh, das ist schon besser!“ Sie blies die Aromakerzen aus und fühlte sich plötzlich viel selbstsicherer. Aber nur, bis sie erneut Emile Beurghoff anschaute und wahrnahm, was der trübe Kerzenschein bisher verborgen hatte.

Dieser geheimnisvolle, vom Schneesturm in ihren kleinen Laden hereingewehte Fremde war unbestritten der attraktivste Mann, den sie in ihrem bisherigen Leben zu Gesicht bekommen hatte. Seine Augen, die sie im Halbschatten für schwarz hielt, funkelten in einem betörenden Seegrün, und das zerzauste Haar war dunkelbraun mit roten Reflexen, was es sicher der gleichen Sonne verdankte, die auch seinen Teint goldbraun getönt hatte.

Er schien jünger zu sein, als sie anfangs vermutete – vielleicht Mitte dreißig. In seinen Augenwinkeln und neben dem hübsch geschwungenen Mund zeigten sich winzige Fältchen, die ihn aber nicht älter, sondern nur interessanter machten.

„Wie ich bereits sagte, ich bin im Auftrag des Prinzen hier, um mit einer verschollenen Verwandten Kontakt aufzunehmen.“

„Eine verschollene Verwandte“, wiederholte Amy langsam. „Von königlichem Geschlecht.“ Sekundenlang starrte sie ihr attraktives Gegenüber gedankenvoll an. „Sind Sie vielleicht ein Schauspieler?“ Das würde zumindest sein gutes Aussehen erklären. Und möglicherweise auch die absurde Story, die ihr der Fremde aufzutischen versuchte.

„Wie bitte?“ Seine Verwirrung schien zumindest echt zu sein.

„Hat vielleicht einer meiner Freunde Sie angeheuert?“ Ja, das musste es sein. Irgendjemand hatte sich an ihr Interesse an dem europäischen Zwergstaat und die vergebliche Suche nach einem Buch über Argonien erinnert und wollte ihr jetzt einen Streich spielen.

„Tut mir leid, aber ich verstehe nicht.“

„Ich auch nicht“, sagte Amy. „Denn bis zu meinem Geburtstag sind es noch gut zwei Monate hin.“

„Das stimmt nicht“, entgegnete er prompt. „Ihr Geburtstag war genau vorgestern.“

Die Pause, die dieser Eröffnung folgte, war nur kurz, sandte Amy aber erneut einen kalten Schauer über den Rücken. „Wovon reden Sie da eigentlich?“, fragte sie scharf. „Mein Geburtstag ist in zwei Monaten. Am einundzwanzigsten Januar.“

Emile Beurghoff nickte flüchtig, als wisse er es besser, halte diesen Umstand aber nicht für wichtig genug, um sich im Moment darüber zu streiten. „Lassen Sie mich Ihnen erklären, warum ich hier bin. Ich kam, um Sie zu sehen.“

„Das haben Sie ja nun.“

Wieder nickte er. „Ja, endlich. Nach einer wirklich sehr, sehr langen Zeit.“

Amy versuchte, ihre zunehmende Irritation abzuschütteln. „Okay, und was wollen Sie nun von mir?“, fragte sie betont forsch.

Er hielt ihrem herausfordernden Blick gelassen stand. „Was ich Ihnen jetzt mitteile, mag Ihnen unglaubwürdig erscheinen, doch es ist die Wahrheit. Und ich bin mir sicher, Sie werden es als gute Nachricht betrachten.“

„Also, worum geht es?“

„Vielleicht sollten Sie sich erst einmal setzen.“

„Das hört sich aber nicht nach positiven Neuigkeiten an.“

Er lächelte. „Auch eine gute Nachricht kann einem die Knie weich werden lassen.“

Und ich wette, du weißt ganz genau, wie du einer Frau wei-che Knie machen kannst, dachte Amy in einem Anflug von Verwegenheit und haderte mit ihrer eigenen Reaktion auf sein umwerfendes Lächeln.

„Nun spucken Sie’s endlich aus“, sagte sie brüsk.

„Wie bitte …?“

Jetzt war es an Amy zu lächeln. „Ausspucken – ein Slangausdruck. Eröffnen Sie mir Ihre guten Neuigkeiten, meine ich damit.“

„In Ordnung.“ Emile holte noch einmal tief Luft und heftete seinen Blick fest auf Amys liebliches Gesicht. „Ich bin hier im Auftrag Ihres Landes.“

„Wie komisch, dabei wirken Sie kein bisschen wie Uncle Sam!“

„Ich rede von Argonien, nicht von Amerika.“ Er machte eine Pause, um die ungeheuerliche Eröffnung sich ein wenig setzen zu lassen. „Von dem Land, in dem Sie geboren sind. Dem Land Ihrer Blutsverwandten.“

Amy fühlte, wie eisige Kälte in ihre Glieder kroch. Sie konnte sich nicht rühren, und als sie etwas sagen wollte, gelang ihr auch das nicht. Nie zuvor hatte irgendjemand über ihre leiblichen Eltern und Verwandten geredet. Sie wusste nichts über sie, außer, dass ihre Eltern bei einem Verkehrs-unfall ums Leben gekommen waren, den sie überlebt hatte. Damals war sie gerade drei Jahre alt gewesen.

Man hatte sie ins Kendall County Hospital eingeliefert, wo ihre spätere Adoptivmutter Pamela Scott als Nachtschwester arbeitete. Erfolglos versuchten die Behörden, die Identität ihrer Eltern aufzudecken. Doch es war, als hätten sie nie existiert. Der einzige Hinweis auf den Vornamen des überlebenden Kleinkindes kam von einem der Notärzte, der gehört hatte, wie die sterbende Frau, die Amys Mutter war, ihn mit ihrem letzten Atemzug hauchte.

Pamela Scott hatte sich von der ersten Sekunde an zu Amy hingezogen gefühlt und etliche Sonderschichten eingelegt, um das Leben der kleinen Vollwaise zu retten. Als auch nach intensiver Suche keine weiteren Familienangehörigen gefunden wurden, nahmen sie und ihr Mann Lyle, ein erfolgreicher Anwalt, das Mädchen bei sich auf und adoptierten es ein paar Jahre später.

Endlich fand Amy ihre Stimme wieder. „Wenn das ein Scherz sein soll, finde ich ihn nicht lustig.“

Emile Beurghoff trat auf Amy zu und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Ich versichere Ihnen, dass es kein Scherz ist. Wollen Sie sich nicht endlich setzen, damit ich Ihnen die näheren Umstände erläutern kann?“ Er führte sie zu ihrem Schreibtischstuhl, wo sie wie ein folgsames Kind Platz nahm. „Ich möchte Sie nur bitten, offen zu sein und mir ohne Vorbehalte zuzuhören.“

Amy seufzte. „Okay, ich höre.“

Emile senkte kurz den Kopf, und als er ihn wieder hob, leuchtete in seinen grünen Augen ein seltsames Licht. „Sie sind die Thronerbin von Argonien“, verkündete er mit fester Stimme.

Sekunden verstrichen. „Hat Argonien nicht bereits einen Herrscher?“, fragte Amy schließlich, im Bemühen, sich an ihre Recherche im letzten Jahr zu erinnern.

„Einen Kronprinzen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als den Thron dem legitimen Erben zurückzugeben, den seine Eltern vor fast drei Jahrzehnten gestohlen haben“, erklärte er ernst.

„So wie eine gestohlene Geldbörse, ja?“

„Das ist kein Scherz.“

Amy begann zu ahnen, dass er es tatsächlich ernst meinte, und fühlte sich zunehmend verunsichert. „Okay, und was ist jetzt mit diesen Eltern, die den Thron gestohlen haben? Sind sie nicht sauer über die Entscheidung ihres Sohnes?“, rettete sie sich in einen schnoddrigen Tonfall.

In Emiles dunklem Gesicht rührte sich kein Muskel. „Sie sind beide tot. Die Königin ist vor zehn Jahren einem Krebsleiden erlegen, und ihr Gatte, der um vieles älter war als sie, starb vor zwei Jahren eines natürlichen Todes.“

„Oh, tut mir leid, aber ich verstehe immer noch nicht, was das Ganze mit mir zu tun haben soll.“

„Vor fünfundzwanzig Jahren gab es einen politischen Aufstand in Argonien – einen Coup d’État. Ein sehr entfernter Cousin des Herrscherpaares beanspruchte damals den Thron für sich und berief sich darauf, dass er vor Hunderten von Jahren seiner Familie weggenommen wurde, weil der damalige Erbe nicht von Geburt her königlichen Geblüts war.“

„War er adoptiert?“

„Exakt. Obwohl man diesen Ausdruck im sechzehnten Jahrhundert sicherlich noch nicht kannte.“

Amy schüttelte den Kopf. „Damit ich das richtig verstehe … Also entschloss sich dieser Nachfahre eines adoptierten Herrschers aus dem sechzehnten Jahrhundert, sich zurückzuholen, was ihm seiner Meinung nach zustand, da es seinen Vorfahren vor Ewigkeiten gestohlen worden war?“ Wieder gelang es ihr nicht, den ungläubigen und spöttischen Unterton aus ihrer Stimme zu bannen.

„So ist es.“

„Hört sich irgendwie nach Shakespeare an.“

Emile lächelte. „Shakespeare hätte dem Ganzen ein rühm-licheres Ende gegeben.“

„Und wie war das wirkliche Ende?“

„Bei dem erwähnten Aufstand wurde der regierende König Serge vom Thron gestoßen und von übereifrigen Soldaten der Opposition getötet.“

„Und seine Frau?“

„Die war bereits Jahre vorher bei einem Reitunfall ums Leben gekommen. Doch seiner Tochter, Prinzessin Lily, gelang es, zusammen mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter zu entkommen. Nur sehr wenigen vertrauten Personen war bekannt, wohin sie geflohen waren. Doch über genaue Details wusste niemand etwas – aus Sicherheitsgründen. Trotzdem ist es mir gelungen, ihre Spuren bis hierher in die USA zu verfolgen.“

Amy blieb skeptisch. „Wie war das möglich, wenn sie so sehr darauf bedacht waren, nicht gefunden zu werden?“

„Das politische Klima in Argonien hat sich inzwischen grundlegend geändert. Wir leben jetzt in einer konstitutionellen Monarchie, und die Menschen scheuen sich nicht mehr, preiszugeben, was sie über die Flüchtigen wissen.“

„Es leben tatsächlich noch Menschen, die sie kannten?“

„Ja. Lily und ihre kleine Familie verbrachten die erste Zeit in den USA bei Freunden in Washington, D.C. Danach änderten sie komplett ihre Identität und verließen die Stadt mit unbekanntem Ziel. So wie in einem Zeugenschutzprogramm, Sie verstehen?“ Amy nickte langsam. „Deshalb erwarteten ihre Freunde in Washington auch gar nicht, wieder von ihnen zu hören, und waren nicht im Geringsten beunruhigt.“

„Und sie haben auch nichts von einem tödlichen Verkehrsunfall gehört, dessen Opferbeschreibung auf … Prinzessin Lily und ihren Mann gepasst hätte?“

„Nein. Der Unfall verursachte keine großen Schlagzeilen, weil man damals davon ausging, die Papiere der Beteiligten seien bei der Explosion des Wagens verbrannt. Die Behörden überprüften in den folgenden Monaten und Jahren landesweit die Vermisstenlisten. Leider ohne Erfolg. Aber den Teil der Geschichte kennen Sie sicher besser als ich“, fügte er sanft hinzu.

Amy versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken, doch es wollte ihr nicht gelingen. Sie spürte, wie ihre Unterlippe zu zittern begann, und biss verzweifelt darauf. Auf keinen Fall wollte sie jetzt weinen. Viele Jahre hatte sie damit zugebracht, nicht über die fehlende Erinnerung ihrer ersten Lebensjahre und den Verlust ihrer leiblichen Eltern zu weinen. Das wäre ihr unloyal den Adoptiveltern gegenüber vorgekommen. Und die Tatsache, dass Pamela und Lyle Scott nie mit ihr über diese Zeit sprachen, schien ihr recht zu geben.

So hatte sich Amy seit mehr als zwei Jahrzehnten bemüht, jeden Gedanken an ihre frühe Vergangenheit aus dem Kopf zu verbannen, bis es schließlich tatsächlich nicht mehr als eine verschwommene Erinnerung war.

Und nun tauchte dieser Mann hier auf – ein Fremder – und rührte alle mühsam unterdrückten Emotionen in ihr auf!

Emile sah, wie sehr Amy sich darum bemühte, ihre Fassung zu bewahren. Er zog ein blütenweißes Taschentuch hervor und hielt es ihr hin. „Tut mir leid, so ein sensibles Thema berühren zu müssen, aber wie sonst sollte ich Ihnen klarmachen können, dass Sie nach Argonien gehören?“

Amy fuhr sich mit dem Taschentuch über die feuchten Augen und atmete tief durch. „Hören Sie … Sie müssen sich irren. Ich … ich bin keine Prinzessin.“

„Soweit ich weiß, haben Sie keinerlei Erinnerung an Ihr Leben vor dem Unfall.“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Ich habe im Verlauf meiner Recherchen mit einer Menge von Leuten gesprochen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefällt.“

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