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Das Geheimnis des Priesters

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Das Geheimnis des Priesters

 

„Whiskey Island“ ist die traditionsreichste irische Kneipe in Cleveland. Wirtin Megan Donaghue versucht nach dem Tod der Mutter, die Familie zusammenzuhalten, doch eines Tages verschwindet ihr trunksüchtiger Vater Rowan. Kurz darauf werden Megans Schwestern von bewaffneten Gangstern überfallen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen? Ausgerechnet mit dem ehemaligen Priester Nick macht Megan sich auf eine Spurensuche, die sie weit in die Vergangenheit zurückführt. Doch je mehr sie erfährt, desto bedrohter scheint ihr Leben und das ihrer Schwestern. Wird es Megan zusammen mit Nick gelingen, das alte Familiengeheimnis zu lüften und den Bann von ihnen zu nehmen?

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Emilie Richards

Das Geheimnis des Priesters

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Martin Hillebrand

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Januar 1880

Sonderbar fürwahr, wenn man als Priester das Armutsgelübde abgelegt hat und gleichwohl tagtäglich unter den Schäfchen seiner Herde mehr an Armut und Drangsal mit ansehen muss, als einem selbst jemals widerfahren wird! Dennoch kommen die Familien, deren Seelsorger ich bin, mit heiterem Lächeln zu mir, mit Geschenken und schüchternen Beweisen ihrer Achtung. Die Frauen bringen frisches Brot, in einfachen Öfen gebacken, oder auf schlackenverseuchtem Boden gepflückte Wildblumen, die Männer dagegen Geschichten sowie mitunter auch ein winziges Tröpfchen des „Teufelszeugs“, das die scharfe Klinge der Verzweiflung, die sie bis auf den Grund ihrer Seele durchbohrt, ein klein wenig stumpfer werden lässt.

So mancher mag wettern wider die Schänken von Whiskey Island, derer es wahrlich zu viele gibt. Ich selbst habe Tränen vergossen ob dieser Stätten – doch wie gut verstehe ich die Freuden, welche sie für kurze Zeit verheißen! Wenn der Himmel die Belohnung ist für das Elend, das so viele der Männer und Frauen meiner Gemeinde heimgesucht hat, dann, so fürchte ich zuweilen, ist der Branntwein das Elixier, welches ihnen die himmlische Reise erst ermöglicht.

Ich selbst suchte sie auf, die Wirtshäuser von Whiskey Island, um Männer zur Rückkehr zu ihren Familien zu bewegen, um Streit zu schlichten zwischen Brüdern, die tags darauf bereits ihren Zwist vergessen hatten. Dort durfte ich Wärme und Freundschaft erfahren, Sagen und Liedern aus unserer fernen Vergangenheit lauschen und von einer Zukunft träumen, in der wir Iren endlich am Ziel unserer Wünsche und Sehnsüchte angelangt sind.

So denn St. Brigid’s der Ort ist, wo unsere Seelen Zuflucht finden, dann sind die Tavernen von Whiskey Island die Heimstatt unserer Herzen. Und mag auch das Herz ein launischer Meister sein – es würde uns doch, uns allen, so manches Mal wohl anstehen, seinem Rufe zu folgen.

Aus dem Tagebuch von Father Patrick McSweeney, St. Brigid’s Church, Cleveland, Ohio.

1. KAPITEL

Cleveland, Ohio

Januar 2000

Normalerweise kehrte Niccolo Andreani nie in Kneipen ein. Was Alkohol anging, neigte er eher zu einem Chianti Classico beim Essen im Freundeskreis oder zu einem trockenen Marsala an einsamen Abenden. In Kneipen aber zog es ihn nie, auch wenn er auf seinen ruhelosen nächtlichen Streifzügen immer wieder an dieser einen vorbeikam, dem Whiskey Island Saloon in der Lookout Avenue. Der Irish Pub – eine windschiefe, feucht-fröhliche Spelunke – bildete das Kernstück der Straße. Ein ständiger Strom von Gästen ging dort ein und aus, dem man aber dank des breiten Trottoirs leicht ausweichen konnte.

Niccolos Idee, an diesem Abend wieder einmal in die Lookout Avenue einzubiegen und nichts ahnend am Saloon vorbeizumarschieren, sollte sein Leben dieses Mal jedoch für immer verändern.

Das wurde ihm bewusst, als er auf dem Asphaltweg zum Parkplatz des Saloons abrupt stehen bleiben musste. Urplötzlich sah er sich mit der Frage konfrontiert, ob er angesichts der Lage, der er sich wie aus heiterem Himmel gegenübersah, nicht besser den Rückzug antreten solle, um Hilfe zu organisieren, ehe die Situation außer Kontrolle geriet.

Wie zur Antwort hörte er vom hinteren Parkplatzbereich einen lauten Ruf, dazu den schrillen Entsetzensschrei einer Frau. Die Straße war menschenleer. Türen und Fenster des Saloons waren gegen die winterliche Kälte dicht geschlossen. Da vorn spielte sich ein Autodiebstahl ab, und außer ihm – Niccolo Andreani – war weit und breit niemand zu sehen, der hätte eingreifen können.

Entschlossen betrat Niccolo den Parkplatz und hob beide Hände in Schulterhöhe, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Einer der zwei Männer, die im hinteren Parkplatzbereich neben einem geparkten Wagen standen, wirbelte herum und richtete eine Schusswaffe auf ihn. „Wo kommst du denn her, verdammter Mist?“

Niccolo blieb regungslos stehen, die Hände noch einen Deut höher gestreckt. „Ich wollte bloß die Abkürzung nehmen“, log er.

„Dumm gelaufen!“ Der Mann mit der Waffe war dunkelhäutig und hatte ein Gesicht wie ein falsch zusammengesetztes Puzzle. Als hätte das Duo sorgfältig auf rassische Ausgewogenheit geachtet und den Partner entsprechend ausgesucht, war der zweite Gangster ein blutleerer Blonder.

„Hören Sie …“ Niccolo rang nach Worten. „Wollen Sie nicht lieber schleunigst verschwinden? Ich zähle langsam bis hundert und sorge auch dafür, dass die da solange hier bleiben.“ Er deutete mit dem Kopf auf die verängstigten Insassen, die hilflos in dem weinroten Mazda gefangen waren. „Womöglich hört sonst drüben in der Kneipe jemand den Radau und alarmiert die Bullen.“

„Dann hoffe ich für dich, dass die schwerhörig sind.“ Gehässig grinsend winkte der Mann Niccolo mit einer Handbewegung näher zum Wagen. „Der Schlitten hier gehört jetzt mir, und ich rausche damit ab.“

Wie um den Worten seines Partners Nachdruck zu verleihen, schlug der Blonde den Revolverlauf gegen die Scheibe an der Fahrerseite. Wieder kam ein erschreckter Aufschrei aus dem Wageninneren.

Als Niccolo ein wenig näher an das Auto herantrat, konnte er im Licht der Straßenlaterne erkennen, dass auf den Vordersitzen zwei junge Frauen saßen, hinten ein Kind. Die Fahrerin hatte eine kupferrote, gewellte Mähne, die Beifahrerin dunkles, glatt auf die Schulter fallendes Haar. Um das Kind genauer sehen zu können, hätte Niccolo noch näher an den Mazda herangehen müssen. Dass alle drei Todesängste ausstanden, sah er allerdings auch so.

„Ich knall dich ab!“ brüllte der Blonde die Fahrerin an.

Niccolo spürte, wie ihm unter seiner Thermobekleidung aus Wolle und Kunstfaser der Schweiß ausbrach. Es kam ihm selber so vor, als halle seine Stimme wie ein Echo durch die schneidend frostige Luft. „Wahrscheinlich kann sich die Fahrerin vor Angst nicht rühren. Treten Sie doch ein Stückchen zurück, lassen Sie etwas Platz, damit die Beifahrerin das Kind rausnehmen kann.“

„Gibst du hier etwa jetzt die Kommandos?“ Die Ellenbogen auf das Autodach gestützt, nahm der Blonde mit der Waffe Niccolo ins Visier. „Hast du hier vielleicht auch was zu sagen?“

„Ich habe hier eigentlich gar nichts verloren.“ Niccolos Hände fuhren noch höher. „Ich möchte nur nicht, dass jemandem was passiert. Soll ich nicht versuchen, sie zum Aussteigen zu bewegen?“

„Mach schon! Geh einen Schritt zurück!“ rief der Dunkelhäutige seinem Komplizen zu. „Er hat Recht. Lass sie raus!“

Der blonde Auto-Kidnapper, der von Anfang an ein unpassendes Grinsen auf dem Gesicht gehabt hatte, feixte nun noch breiter und fuchtelte mit der Waffe herum, als müsse er sich das Ganze erst überlegen.

Schließlich wich er einige Zentimeter zurück. Niccolo spürte, wie sich sein Puls nach einigen Aussetzern wieder normalisierte, und sprach nun so laut, dass die Frauen im Wagen ihn hören konnten. „Ich glaube, Sie steigen jetzt besser auf der Stelle aus. Er lässt Ihnen zwar genügend Platz, aber wohl nicht viel Zeit!“

„Ach, Blödsinn, Mensch!“ Der Blonde trat noch einen Schritt zurück und prallte dabei gegen einen in die Parklücke neben den Mazda gezwängten Chevrolet. „Raus!“ schrie er die Frau hinter dem Steuer an. „Und zwar ein bisschen plötzlich!“

Der Parkplatz war klein und schmal. Ein Müllcontainer versperrte die Sicht auf eine Tür, die vermutlich der Hintereingang des Wiskey Island Saloons war.

Niccolo schickte ein stummes Gebet zum Himmel. Mach, dass die Frauen tun, was die Ganoven verlangen! Gib, dass jetzt bloß niemand vorbeikommt und die ganze Sache zum Kippen bringt! Lass die Gangster abhauen, damit keinem Unschuldigen etwas passiert! Schon glaubte er, sein Flehen werde wohl nicht erhört, da wurde die Tür an der Fahrerseite geöffnet und die Fahrerin, eine hoch gewachsene Frau mit Haaren, die im Schein der Straßenlampe kupferrot schimmerten, stieg aus.

„Ihr kriegt es nicht!“ sagte sie mit trotzig gerecktem Kinn. „Dazu müsstet ihr mich schon umbringen.“

„Willst du mir etwa drohen?“ Der Blonde war fassungslos. „Meinst du, du kommst aus der Nummer raus? Ich hab eine Kanone!“

„Ihr kriegt es nicht!“

Der Dunkelhäutige wandte den Kopf. „Lady, es ist nur ein Auto! Wollen Sie etwa Ihr Leben für einen Haufen Blech riskieren? Der legt Sie glatt um, wenn Sie ihm den Schlüssel nicht geben!“

Sie zögerte. „Nur das Auto? Ihr wollt bloß den Wagen?“

„Lady …“

„Bitte … !“ Sie flüsterte gerade laut genug, dass Niccolo es noch hören konnte. „Tut uns nichts!“

„Her mit den Schlüsseln!“

„Erst wenn alle draußen sind. Peggy, nimm du Ashley!“ Die Fahrerin hielt den Schlüssel fest in der Hand und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

Der Blonde schnellte vor, presste sie gegen das Auto und drückte ihr die Mündung der Waffe in die Halsbeuge.

Die Tür auf der Beifahrerseite schwang auf, und die dunkelhaarige Frau – offenbar Peggy – sprang aus dem Fahrzeug. Sie war jünger, als Niccolo ursprünglich vermutet hatte, zierlich, mit kastanienbraunem Haar und ovalem, berückend schönem Gesicht, das nun aber verständlicherweise angstverzerrt war. „Lassen Sie mich nur schnell das Kind aus dem Kindersitz nehmen!“ flehte sie.

„Dann halt die Klappe und mach zu!“ herrschte der Autodieb sie an, der Niccolo mit der Waffe in Schach hielt.

Einen ganzen Kopf kleiner als die Fahrerin, beugte Peggy sich hastig zur Seite, ließ den Beifahrersitz nach vorn kippen und streckte die Arme nach dem im Fond sitzenden kleinen Mädchen aus. „Los, Ashley, komm schnell!“

„Nicht …“ quengelte die Kleine, als sie von der jungen Frau aus dem Wagen gehoben wurde. „Ich will zu meiner Mommy!“

„Bitte! Lassen Sie die drei jetzt hier zu mir herkommen!“ drängte Niccolo die Gangster. „Die machen bestimmt keine Dummheiten!“

Der dunkelhäutige Autodieb, offensichtlich der vernünftigere des Duos, machte eine Handbewegung in Niccolos Richtung. „Los, rüber da!“

Das Kind fest an sich gepresst, stolperte Peggy los und stellte sich neben Niccolo, der sie allerdings nicht beachtete. Sein Blick galt allein dem blonden Ganoven, der nach wie vor der Fahrerin die Waffe an die Kehle hielt. Die Frau löste die Arme aus der Verschränkung und hielt dem Gangster die Hand mit dem Schlüsselbund hin.

„Lassen Sie sie los, bitte!“ bat Niccolo gezwungen ruhig. „Hier bei mir ist sie Ihnen nicht mehr im Weg. Wir bleiben hier stehen, bis Sie weggefahren sind! Wie Ihr Partner bereits sagte – es geht doch bloß um ein Auto! Tun Sie bitte niemandem etwas!“

„Ja, lass sie“, stimmte der Dunkelhäutige zu. „Nichts wie weg hier!“

Nach kurzem Zögern trat der Blonde einen Schritt zurück und ließ die Fahrerin los. Für einen Moment hatte Niccolo das Gefühl, das Schlimmste sei vorbei und das Verbrechen könne glimpflich über die Bühne gehen – mit nicht mehr als einem geklauten Wagen. Doch bevor die Fahrerin auch nur zwei Schritte gehen konnte, stieß ihr der Blonde so heftig mit der flachen Hand vor die Schulter, dass sie gegen die Wagentür prallte. „Wenn ich dir was sage, dann tust du es gefälligst, klar?“ brüllte er sie an. „Kapiert?“

„Ja …“ Ihre Stimme bebte.

„Wenn ich dir das nächste Mal sage, du sollst aus dem Auto steigen, dann steigst du aus dem Auto. Klar?“

„Klar.“

„Und wenn ich dir beim nächsten Mal sage, du sollst mir die Schlüssel geben, dann gibst du mir die Schlüssel. Kapiert?“

„Wie Sie wollen.“

„Vielleicht sage ich dann auch, du sollst mitkommen, nur um zu sehen, ob du auch gehorchst.“

„Hör auf mit dem Blödsinn, Mann!“ rief sein Kumpan. „Sollen die Bullen uns erst schnappen? Es gibt kein nächstes Mal. Lass uns abhauen!“ Langsam wich er zum Mazda zurück, die Waffe nach wie vor drohend auf Niccolo und die beiden Frauen gerichtet.

Niccolo knirschte zwar mit den Zähnen, beherrschte sich aber und hielt den Mund. Der Blonde kostete gerade seine Machtposition aus und schien durchaus imstande, als Nächstes jemanden zu töten, nur um zu beweisen, was für ein Kerl er war. Auch das Kind spürte die Spannung und wurde ganz still.

„Nun geh schon!“ Der Blonde packte die Fahrerin am Arm und stieß sie grob gegen die Motorhaube. „Da rüber!“

Niccolo schien es, als ob sich in den Gesichtszügen des dunkelhäutigen Gangsters so etwas wie Erleichterung breit machte, während die Fahrerin des Mazda quer über den Parkplatz auf Niccolo, Peggy und das Kind zustolperte. Niccolos eigene Erleichterung hielt allerdings nicht lange an. Jäh wurde die Stille der Straße vom gespenstischen Jaulen einer Polizeisirene zerrissen. Blaulichter schickten wirbelnde Blitze durch die Nacht.

„… und erlöse uns von dem Bösen …“ wisperte Niccolo.

„Mann, Scheiße! Abflug! Schnapp dir die Kleine!“ schrie der Blonde und gab seinem Komplizen mit der Waffe ein Zeichen.

„Hast du sie noch alle?“ Der zweite Autodieb bekam es sichtlich mit der Angst zu tun.

„Nun greif dir endlich das Kind! Die lassen uns sonst hier nicht weg!“

Niccolo warf sich schützend vor Peggy und das Kind auf ihrem Arm. „Nein! Haut ab! Ich sage der Polizei, ihr hättet keinem was getan! Ich halte die Bullen hier auf, und ihr könnt …“

Zum zweiten Mal an diesem Abend wirbelte der Dunkelhäutige herum und kam – die Waffe auf Niccolo gerichtet – mit langen, raumgreifenden Schritten auf ihn zu. „Aus dem Weg!“

Eins war Niccolo klar: Aus nächster Nähe abgefeuert, würde das Geschoss seinen Körper glatt durchschlagen und möglicherweise noch das Mädchen oder die Frau hinter ihm treffen. Und Niccolo hatte nicht den geringsten Zweifel, dass der Kerl schießen würde. Je näher er kam, desto deutlicher konnte Niccolo das hektische Zucken in seinem Gesicht sehen. Der Mann wusste weder aus noch ein; der würde mit Sicherheit jeden niederschießen, der sich ihm in den Weg stellte.

Der Kerl war zum Äußersten entschlossen. Für einen Moment musste Niccolo klein beigeben und zur Seite treten. Der Blonde hatte sich bereits hinter das Steuer des Mazda geklemmt. Nicht mehr lange, und der andere Gangster würde Peggy das Kind entreißen, während im selben Moment der Mazda auf gleicher Höhe zum Stehen käme. Niccolo konnte nicht zulassen, dass die Männer das Kind entführten.

„Ich fahre an Stelle des Kindes mit …“ Peggy begann zu schluchzen. „Nehmt mich doch mit …“

Doch der Dunkelhäutige griff bereits nach dem Mädchen. Eigentlich hätte in dem Moment der Motor des Mazda aufheulen müssen, stattdessen durchschnitt das ohrenbetäubende Sirenengetöse eines weiteren Einsatzwagens die Nacht, gefolgt vom Gequäke eines Polizeifunkgerätes.

Niccolo wartete ab, bis der Gangster sich zu dem Kind vorbeugte und somit auf dem falschen Fuß stand. „Runter!“ brüllte er den Frauen zu und drosch dem Entführer mit aller Kraft die geballte Faust aufs Handgelenk.

Durch die Wucht des Hiebs geriet der Gangster zunächst ins Taumeln, fing sich aber schnell wieder. Während sich die Fahrerin des Mazda schützend auf Peggy und das Kind stürzte und beide zu Boden stieß, wirbelte der Entführer zu Niccolo herum und schoss.

Niccolo blieb für einen besseren Plan keine Zeit mehr. Vornüber gebeugt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, ging er wie ein Rammbock frontal auf den Gangster los, der durch den Stoß der Länge nach hinschlug. Im selben Moment bog auch schon ein Streifenwagen auf den Parkplatz.

Türen schlugen zu. Irgendjemand griff Niccolo am Ellbogen und half ihm auf. Noch schwankend kam er auf die Beine. „Da vorn im Auto, da muss noch einer sein.“ Verblüfft fiel ihm auf, wie kraftlos seine eigene Stimme klang. „Noch so ein Autodieb. Bewaffnet …“

Er wies auf den Mazda, der sich zu seinem Erstaunen nicht aus der Parkbucht bewegt hatte. Niccolo bemühte sich, den Blick auf den Wagen zu fixieren, und nahm unscharf die Umrisse einer Gestalt wahr, die hinter dem Müllcontainer verschwand. Für einen flüchtigen Moment glaubte er zu erkennen, dass die kuriose Erscheinung mehrere Kleidungsstücke übereinander trug.

Die nächtliche Aufregung musste wohl sein Denkvermögen vernebelt haben. Einen Augenblick lang rätselte er darüber nach, wo der blonde Autokidnapper wohl die Kleidungsstücke gefunden haben mochte, mit denen er sich verkleidet hatte, und wie er jetzt so unbemerkt entkommen konnte.

Ein Polizeibeamter legte dem vor Niccolo liegenden Mann Handschellen an. Ein zweiter Polizist näherte sich dem Mazda, die Dienstwaffe im Anschlag.

„Der ist schon weg …“ Grauer Nebel wallte vor Niccolos Augen auf. „Geflüchtet!“

„Sie sind ja getroffen!“

Niccolo erkannte die Stimme der Fahrerin und spürte ihre Hand an seiner Schulter. Er bemerkte, dass sein Arm brannte, und dass all das, genau wie das Brummen seines Schädels, nicht mit rechten Dingen zuging.

Erneut vernahm er die Stimme der Frau mit dem kupferroten Haar. Diesmal war sie sehr laut. „Megan … Oh Gott, Megan, schnell, ins Haus mit dem Mann! Er ist angeschossen!“

Der Polizist zerrte den Festgenommenen ohne viel Federlesens hoch. „Passen Sie auf, Miss“, sagte er zu der Fahrerin, „dass Sie den Verletzten nicht allzu viel bewegen.“ Und an Niccolo gewandt fuhr er fort: „Setzen Sie sich lieber hin, Sir! Wir rufen Hilfe.“

Was als Nächstes an Niccolos Ohren drang, war zwar wieder eine Frauenstimme, diesmal allerdings eine vollkommen andere. Nicht die der Fahrerin mit dem rötlich-hellen Haar, auch nicht die der dunkelhaarigen Peggy, die irgendwo hinter ihm saß und schluchzte, erst recht nicht die des Kindes. Diese Stimme war unbekannt und rau, eine melodische, klangvolle Altstimme. Als er den Kopf hob, hätte er schwören können, er sähe Johanna von Orléans mit donnerndem Hufschlag in die Schlacht galoppieren, die Hände zu Fäusten geballt, in den Augen das lodernde Feuer des Zorns der Gerechten.

Die heilige Johanna übernahm sofort das Kommando. „Rufen Sie meinetwegen, wen Sie wollen, aber um diesen Mann hier kümmere ich mich selbst! Und die anderen – ihr macht mir diese verdammte Sauerei auf meinem Parkplatz weg!“

Auf einmal kam es Niccolo so vor, als hebe sich der Boden und käme auf ihn zu. Im Fallen spürte er, wie Arme ihn aufzufangen versuchten. Als seine Augen sich schlossen, grübelte er noch darüber nach, warum die Johanna von Orléans in dem Buch mit den Heiligenbildern, das er zu seiner Erstkommunion geschenkt bekommen hatte, mit blonden Haaren dargestellt worden war.

Diese Johanna war klein und kompakt, und ihr Haar hatte die Farbe des Feuers, von dem sie verzehrt worden war.

2. KAPITEL

„Hier ist keine Zuschauertribüne, Sam Trumbull! Entweder fasst du mit an und hilfst, die Leute hier unterzubringen, oder du verziehst dich! Los, Tempo!“

Megan Donaghue scheuchte den treuesten Stammgast des Whiskey Island Saloon beiseite, um dem Polizisten einen Weg zu bahnen, der den bärtigen Fremden zu einem Ecktisch der Kneipe brachte.

Der Tag hatte sich ziemlich hingeschleppt – grau in grau, gefolgt von einem düsteren Abend, ohne Fußballübertragung im Fernsehen, ohne Livemusik im Lokal. Als Mittagsmenü hatte es wie so oft Megans allseits beliebten Kartoffeleintopf gegeben, bei dessen Bemessung sie sich allerdings böse verrechnet hatte. An die zwanzig Liter waren übrig geblieben; dazu reichlich Kartoffeln, die sich in der Tiefkühltruhe wahrscheinlich in Sand verwandelten. Wohl oder übel musste sie nun die Suppe einfrieren und den kommenden Monat über der Verwandtschaft servieren. In der Regel hütete die sich, darüber zu nörgeln.

Nein, ein Glückstag war dieser Dienstag weiß Gott nicht gewesen. Megans Barkeeper für die Tagesschicht hatte gekündigt, die Musikbox den Geist aufgegeben und ein Gast sich, als Megan gerade in der Küche war, eine Zigarre angezündet und mit dem Qualm die Luft noch stickiger gemacht. Aber trotz all dieser Missgeschicke war sie auf so etwas wie das Getöse von Polizeisirenen auf ihrem Parkplatz doch nicht gefasst gewesen, erst recht nicht auf das, was der Abend ihr dann noch bescherte.

Das Ende eines Autoklaus.

Ein angeschossener Unbekannter.

Ein zu Tode verängstigtes kleines Mädchen.

Und obendrein – fast noch außergewöhnlicher – der Besuch ihrer zwei Schwestern, von denen eine sich seit über zehn Jahren nicht mehr daheim hatte blicken lassen. In dieser Situation verfuhr Megan nun so wie immer, wenn um sie herum das Chaos ausbrach: Sie übernahm sofort das Kommando.

„Casey, hock dich dort hin und bleib die nächste Viertelstunde bloß da sitzen! Ich warne dich!“ Megan wies ihrer Schwester den Tisch gleich neben dem Platz zu, der für den verletzten Fremden vorgesehen war. Dass Casey seit ihrem siebzehnten Lebensjahr keinen Fuß mehr in den Pub gesetzt hatte, spielte dabei offenbar kaum eine Rolle. Ihr musste lediglich wieder mal gesagt werden, wo es langging.

Danach nahm Megan sich ihre jüngste Schwester Peggy vor, die das unbekannte Kind auf dem Arm hielt. Eigentlich hatte Megan sie in Athens vermutet, wo sie an der Ohio University studierte. „Und du setzt dich ebenfalls hin! Keine Widerrede! Ich weiß zwar nicht, was Casey und du hier sucht, aber es kann sein, was es will – im Augenblick seit ihr sowieso von der Rolle!“

Peggy Donaghue ließ sich mit dem Kind auf dem Arm auf den nächstbesten Stuhl fallen. „Wir wollten dich überraschen. Casey ist mit dem Auto aus Chicago gekommen und hat mich am Busbahnhof aufgegabelt.“

„Na, diese abendliche Überraschung ist euch wahrlich gelungen.“ Megan ging vor ihrer Schwester in die Hocke, den Blick allerdings auf das Kind gerichtet, das auf Peggys Schoß saß.

„Huh, war das unheimlich vorhin, was?“ sagte sie mit gesenkter Stimme. „Möchtest du eine Cola? Oder Popcorn?“

Die Kleine, ein braunhaariges Mädchen mit ernstem Gesicht, starrte Megan nur aus großen Augen an. Schließlich schüttelte sie ein einziges Mal den Kopf, ließ sich jedoch keinen Laut entlocken.

„Du hast doch bestimmt einen hübschen Namen“, sagte Megan. „Und dass du hier bist, dafür gibt es sicher auch einen hübschen Grund, oder?“

Die Antwort auf die Frage kam von Casey. „Sie heißt Ashley und ist vorübergehend in meiner Obhut. Und was mein Befinden angeht, Megan, brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen, mir geht es bestens.“ Noch eher sie ganz zuende gesprochen hatte, ließ sie sich auf den nächstbesten Stuhl fallen.

Liebend gern hätte Megan Casey in die Arme geschlossen. Bei Peggy und Casey spürte sie deutlich: Blut war doch dicker als Wasser. Die Bande zwischen ihr und ihren Schwestern hielten einiges aus, waren mit den Jahren jedoch schmerzhaften Prüfungen ausgesetzt gewesen. Megan hütete sich wohlweislich, die Familienbindung gleich wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Statt weiter auf ihre Schwestern und die kleine Ashley zu achten, richtete sie ihre Aufmerksamkeit nun voll auf den Fremden. Und der Mann war wirklich fremd hier! Bei ihrem für Gastwirtinnen typischerweise guten Gesichtergedächtnis konnte sie mit Sicherheit sagen, dass sie ihn noch nie zuvor in ihrem Lokal bedient hatte. Groß und breitschultrig, doch keineswegs übergewichtig, hatte er ein schmales, sehr markantes Gesicht. Augen, Haar und der akkurat gestutzte Bart wiesen einen Stich ins Schwarze auf.

Der Polizist, ein etwas wichtigtuerisch wirkender Polizeianwärter mit Bürstenfrisur, zog skeptisch die Stirn in Falten, als der Unbekannte die Ellbogen auf den Tisch stützte und das Gesicht in beide Hände barg. „Mir wäre wohler, wenn er ins Krankenhaus käme! Hat Glück gehabt, war bloß ein Streifschuss!“

Megan winkte ab und ließ sich neben dem Verletzten nieder. „Na, geht es wieder? Wie heißen Sie eigentlich?“

„Niccolo Andreani. Nick.“ Er hob fragend eine Augenbraue, um seinerseits ihren Namen zu erfahren.

„Megan Donaghue. Das Auto, auf das es die Saubande abgesehen hatte, gehört meiner Schwester Casey. Die saß hinterm Steuer. Die andere da drüben, der das Kind nicht von der Pelle rückt, das ist mein kleines Schwesterchen Peggy.“

„,Nett, Sie kennen zu lernen‘ passt unter diesen Umständen wohl kaum.“

Megan gefiel seine Stimme – tief, aber nicht dröhnend, insgesamt wohltuend sanft. „Sind Sie zufällig da hineingeraten? Muss eine böse Überraschung gewesen sein.“

„Von wegen zufällig!“ sagte Casey vom Nebentisch dazwischen. „Ich habe gesehen, wie er mit erhobenen Händen auf den Parkplatz kam. Sie haben bemerkt, dass wir Hilfe brauchten, stimmt’s?“

Megan stand auf. „Na, da können wir ja von Glück sagen, dass Sie das Risiko auf sich genommen haben.“

„Ich muss wieder raus“, meldete sich der Polizist. „Entweder rufen Sie uns an, oder Sie kommen später bei der Wache vorbei, wenn Sie weitere Aussagen machen wollen.“ Offenbar waren damit alle außer Megan und der kleinen Ashley gemeint.

Niccolo nickte.

„Erst will ich wissen, was mit dem zweiten Gangster ist“, sagte Casey, ehe der junge Polizist abrücken konnte. „Und zwar haarklein!“

Megan war überrascht vom Ton ihrer Schwester.

„Na ja, ein bisschen mysteriös ist das schon, Ma’am“, erklärte der Polizist. „Als ich zu dem Mazda kam, da lag der Kerl zusammengebrochen über dem Lenkrad, eine Mordsbeule an der Schläfe, die Waffe neben sich auf dem Sitz. Dem wird gewaltig der Schädel dröhnen, da können Sie Gift drauf nehmen. Sind Sie ganz sicher, dass Sie ihm nicht eins verpasst haben, als er Sie aus dem Wagen zerrte? Vielleicht eine Art verspätete Reaktion?“

Niccolo mischte sich ein. „Sie hat ihn nicht niedergeschlagen. Er hielt ihr doch die Waffe an die Kehle.“

„Aber gemacht hätte ich es, wenn ich die Chance gekriegt hätte.“ Eine Schönheit war Casey nicht, doch was ihr an perfekten Gesichtszügen fehlte, das ersetzte sie durch Lebhaftigkeit. Jetzt wirkte sie auf Megan aber erschöpft und älter als ihre achtundzwanzig Jahre.

„Mir war, als hätte ich jemanden gesehen …“ Niccolo verstummte.

„Wen denn?“ wollte der Polizeibeamte wissen.

„Keine Ahnung. War vielleicht auch nur Einbildung. Erst dachte ich, einer der Entführer wollte sich absetzen …“

„Na, irgendjemand muss ihn ja niedergeschlagen haben. Das ist sonnenklar“, meinte der Polizist. „Könnten Sie die Person beschreiben?“

„Da war niemand!“ Casey sprach nun bewusst energisch. „Einen Flüchtenden hätte ich doch gesehen!“

„Wie erklären Sie sich dann die Tatsache, dass der Gangster bewusstlos über dem Lenkrad zusammengesackt war?“ fragte Niccolo.

„Vielleicht hatte er schon vor der Entscheidung, mein Auto zu klauen, Zoff mit seinem Kumpel. Vielleicht hat er vorher schon eins auf die Nuss gekriegt, und die Wirkung trat erst mit Verzögerung ein, Spätwirkung halt, wie er dort vorhin schon sagte.“ Sie drehte den Kopf in Richtung des Polizisten. „Was weiß ich!“

„Denken Sie noch mal drüber nach, Sie alle! Und lassen Sie es uns wissen, wenn Ihnen was Neues einfällt.“ Damit zog der Beamte ab.

„Ich habe auch niemanden gesehen.“ Peggys Blick senkte sich zu dem nun leise wimmernden Kind auf ihrem Schoß, als merke sie erst jetzt überrascht, dass es immer noch dort saß.

„Weil keiner da war“, versicherte Casey und stand auf.

„Sag mal, wo willst du denn hin?“ fragte Megan wütend.

„Na, einen ordentlichen Schluck holen“, rief Casey im Weggehen, wobei die Worte ihr gleichsam nachwehten. „Ein, zwei Flaschen wirst du ja wohl wie gewöhnlich in petto haben, nehme ich an. Stimmt’s?“

Megan wandte sich wieder Niccolo zu. „Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich jetzt Ihren Arm verarzte, oder? Ich hole schnell den Verbandskasten, und sollten Sie bei meiner Rückkehr verschwunden sein, dann setze ich Sie auf meine Fahndungsliste.“

„Ich kann mir was Besseres vorstellen als ein Leben auf der Flucht.“

Verblüfft registrierte Megan, dass sein Grinsen sie traf wie ein Schlag in den Magen. Es war nicht wirklich elektrisierend, dieses Grinsen. Dazu war der Blutdruck des Angeschossenen wohl noch zu niedrig. Aber es war strahlend und kam so unerwartet, dass sie förmlich erstarrte.

Peggy stand auf. „Die Wohnung oben – steht die noch leer?“

Megan schwirrte der Kopf. „Die Mieter haben sie vor ein paar Wochen geräumt, die Bude aber ziemlich verwohnt hinterlassen. Zum Renovieren hatte ich noch keine Zeit. Wenn ihr wollt, könnt ihr da wohnen, Casey und du. Jedenfalls könnt ihr euch da besser ausbreiten als bei mir zu Hause.“

„Dann verzichte ich auf den Drink, wenn es recht ist. Ich gehe rauf und richte mich häuslich ein. Sag Casey, ich hätte Ashley mit nach oben genommen. Wir brauchen beide wohl etwas Ruhe.“

Die Augen des Mädchens waren angstvoll geweitet, doch liefen ihm keine Tränen über die Wangen. Nach eigenem Dafürhalten war Megan zwar alles andere als eine Kinderexpertin, sie fand aber, dass die Kleine mit dem seidigen braunen Haar und dem herzförmigen Gesicht ein hübsches Kind war. Wie mochte sie nur in Caseys Obhut geraten sein?

Noch interessanter erschien ihr eine zweite Frage: Wieso war ihre Schwester ausgerechnet wieder im Whiskey Island Saloon gelandet? Sie hatte sich doch jahrelang hartnäckig geweigert, jemals ihren Fuß über die Schwelle zu setzen. Megan hatte sie in dieser Zeit zwar ab und an getroffen, allerdings immer woanders, etwa in Caseys Chicagoer Wohnung. Aber hier im Lokal? Das hatte es eine Ewigkeit nicht gegeben.

Nochmals wandte sie sich an Niccolo. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Sind Sie aus der Gegend?“

Er schüttelte den Kopf, verzog dabei aber schmerzlich das Gesicht. „Naja, könnte man so sagen. Ich wohne drüben bei St. Brigid’s.“

In diesem Augenblick kam Casey zurück, in der einen Hand eine Flasche, zwischen den Fingern der anderen ein paar Gläser. „Wo ist Ashley?“

„Oben mit Peggy. Für euch alle ist Platz in unserer ehemaligen Wohnung.“

Casey nickte. „Zuerst eine Runde aufs Haus. Die zwei sollen sich ruhig erst einrichten, ehe ich nach ihnen sehe.“

Megan schwante schon, dass wenig Aussicht auf sofortige Antworten auf ihre zahllosen Fragen bestand. Sie zuckte die Achseln. „Wie heißt es so schön: Mach beim Trinken keine halben Sachen, halte es wie die Iren!“ Damit nahm sie ihrer Schwester die Flasche aus der Hand und schenkte jedem säuberlich einen Daumenbreit ein. „Slainté!“

Megan war zwar Inhaberin eines Saloons – nicht nur Tochter eines Kneipiers, sondern zugleich Enkelin und Urenkelin von Wirten –, sie trank selbst allerdings selten Alkohol, erst recht nicht, wenn ihre Welt ins Wanken geriet. An diesem Abend allerdings ließ sie fünf gerade sein und leerte ihr Glas in einem Zug.

Der Whiskey wärmte ihr Herz und Seele und rann bis in die entlegensten Winkel ihres Magens. Sie hatte Verständnis für das herzergreifende Verlangen, das ihre Gäste oft genug befiel, für den Wunsch nach Vergessen. Wie viel Farbe brachte der Whiskey in deren genügsames Leben, wie viele Geschichten an die Oberfläche, wie viele in Furcht erstarrte Herzen zum Schmelzen!

Doch gleichzeitig wusste sie nur zu gut um die zerstörerische Macht des Branntweins, um seine ungeheure, unwiderstehliche Kraft.

Denn diese Macht hatte um ein Haar ihre Familie zerstört.

„Bin gleich wieder da!“ sagte sie und knallte ihr Glas geräuschvoll auf den Tisch. „Und dass ihr zwei brav hier auf mich wartet!“

Niccolo merkte allmählich, dass er nur deshalb noch hier hockte, weil ihm nichts Besseres einfiel. Sein Haus war leer und wenig einladend, mehr eine Baustelle als ein Zuhause, und Ignatius Brady, Pfarrer von St. Brigid’s sowie Niccolos bislang einziger Bekannter in ganz Cleveland, war irgendwohin in Klausur gefahren. Nebenan in Niccolos Straße wohnten junge, offenbar ausgefüllte Freiberufler, die mit ihrem Leben genug zu tun hatten, und die üppige Nachbarin ihm gegenüber bekam verdächtig oft Herrenbesuch, wobei die Besucher stets kurz darauf wieder gingen, anscheinend in besserer Stimmung als bei der Ankunft.

Niccolo nutzte die Wartezeit, um die Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Gemessen an den üblichen Kneipen war der Whiskey Island Saloon geradezu ein Juwel, auch wenn das alte Fachwerkgebäude von außen glanzlos wirkte – dunkel gebeizte Balken, keine Zierstreifen, dazu das Schild, dezent zwar, doch mit wunderschönen alten gälischen Buchstaben beschriftet. Der einzige Hinweis auf die irischen Wurzeln bestand in einem in den Ziergiebel über dem Eingang geschnitzten dreiblättrigen Kleeblatt.

Ganz anders sah es dagegen im Inneren des Lokals aus. Ein Großteil des Saloons war mit dunklem Holz vertäfelt, Walnuss vermutlich, das angesichts der Patina wohl mindestens ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hatte. An zwei Seiten war die Wand über der Vertäfelung in einem dunklen Waldgrün gestrichen und mit allerlei Postern dekoriert: windgepeitschte Küstenstreifen, idyllische Cottages.

Portraits hingen ebenfalls da: humorlos dreinschauende Herren und Damen aus einem anderen Jahrhundert, Familienfotos, Kinder auf Ponys, Priester in schwarzem Ornat. Auf einem handbemalten Schild über der Mahagonitheke war zu lesen:

Trí bhuna an ólacháin:

maidi n bhrónach,

cóta salach,

pócat folamha.

Darunter, in kleineren Buchstaben:

Die drei Übel des Zechens:

Katzenjammer am Morgen,

ein verdreckter Mantel

und ein leeres Portemonnaie.

Die gepolsterten Stühle wirkten ausreichend bequem, um darauf eine ganze lange Nacht durchzuzechen. Hoch in einer Ecke prangte einsam ein Fernseher, ein topmodernes Gerät mit teurem Flachbildschirm. Der gemütliche Schankraum an sich erwies sich als geräumiger, als auf den ersten Blick vermutet werden konnte. Wahrscheinlich gingen am St. Patrick’s Day einige hundert Gäste hinein.

„Noch nie hier gewesen?“

Niccolos Blick wanderte zu Casey Donaghue. Er schüttelte den Kopf.

„Da haben Sie sich ja einen tollen Abend für die Premiere ausgesucht.“

Sein Lächeln kam etwas gequält. „Ich wollte bloß einen Spaziergang machen.“

„Bei dem Wetter? Die Temperatur sinkt doch von Minute zu Minute. Bis morgen früh werden wir fünfzehn Zentimeter Schnee haben.“

„Ich weiß. Ich war auch schon auf dem Heimweg.“

„Danke, Niccolo! Ich kenne nicht viele, die wie Sie gehandelt hätten.“

Er musterte sie einen Moment. Ihr schmales, längliches Gesicht wurde umrahmt von wunderbar welligem Haar, das ihr wie Kaskaden auf die Schultern fiel. Falls sie, Megan und Peggy Geschwister waren, hatte jemand weiter oben beim Austeilen der Gene wohl viel Wert auf Vielfalt gelegt.

Dieser Gedanke brachte ihn schnurstracks zu Megan Donaghue zurück. Im Gegensatz zur hoch gewachsenen, gertenschlanken Casey war Megan eher klein und kompakt, fraulicher eben und mit fast eckigen Zügen. Das rote Haar, das Niccolos Fantasie auf der Reise ins süße Vergessen noch derart beflügelt hatte, war in Wirklichkeit eher ein wuscheliges Gewirr aus jungenhaften Locken, die offenbar ein Eigenleben führten.

„Der Saloon gehört also Ihnen?“ fragte er. „Ihnen und Ihren Schwestern?“

„Klar, gehört alles uns!“ Casey verzog das Gesicht. „Die Schnapsdrosseln und die Poeten, die alten Kumpel und die versoffenen Sänger. Unser Erbe! Ich war schon Jahre nicht mehr hier.“

Das erstaunte ihn denn doch. „Aber es ist doch gemütlich hier.“

„Klar, und alle Welt kennt einen.“

„So schlimm ist das doch nicht, oder?“

Sie lächelte zwar, doch den sarkastischen Ausdruck auf ihrem Gesicht machte das nicht weicher. „Dieser Laden hier kann einen dermaßen in Anspruch nehmen – da vergisst man glatt, dass es noch eine Welt außerhalb dieser Mauern gibt. Fragen Sie nur Megan!“

Niccolo hörte Megan zurückkommen, bevor er sie sah. Ihr Gang wirkte so, wie sie offenbar auch sonst alles erledigte: energisch. Wo sie auftrat, knisterte förmlich die Luft.

Sie schmetterte einen zerbeulten Anglerkasten vor Niccolo auf den Tisch. „So, jetzt säubern wir die Wunde ein wenig, danach nehmen Sie noch einen zur Brust, und dann fährt unser Barkeeper Barry Sie zum Stadtkrankenhaus rüber, wo man Sie nochmals verarzten wird. Barry wird derweil warten und Sie hinterher nach Hause chauffieren.“ Sie wies mit dem Kopf auf den glatzköpfigen Mann mit dem grünem Polohemd, der hinter der Theke stand.

Niccolo brauchte den Ärmel seines Arbeitshemdes gar nicht aufzurollen. Er baumelte ihm ohnehin in Fetzen um den Oberarm. Daher stützte er bloß den Ellbogen auf den Tisch und überließ Megan den Rest.

„Ich wollte ursprünglich mal Krankenschwester werden“, erzählte sie lächelnd, während sie sacht die Textilfetzen von der Haut abblätterte. „Weiß auch nicht, wieso ich geglaubt habe, das würde mir Spaß machen. Schließlich habe ich im Leben mit reichlich Idioten zu tun gehabt. Sie glauben gar nicht, wie viele Kerle ich an diesem Tisch schon zusammengeflickt habe. Die kommen schon mit der Absicht hier rein, sich zu prügeln. Natürlich fördern wir das nicht, und sobald wir sehen, was sie vorhaben, werden sie nicht mehr bedient. Manchmal passiert es aber trotzdem.“

„Seit ihrem siebzehnten Lebensjahr flickt sie die Radaubrüder zusammen und liest ihnen die Leviten“, fügte Casey hinzu. „Mal Schwester Oberin, mal Märchentante.“

„Vorsicht, das brennt jetzt vielleicht!“ Megan hielt Niccolo etwas Kaltes und Feuchtes gegen den Arm. Sie hatte Recht, wie er feststellen musste, es brannte tatsächlich. Merkwürdigerweise genoss er das Gefühl dennoch, was vielleicht daran lag, dass er froh war, überhaupt noch am Leben zu sein. Dass der Abend auch anders hätte ausgehen können, das kam ihm erst jetzt allmählich zu Bewusstsein.

Im Nu fielen ihm die Augen zu. Eine klagende, unverkennbar keltisch klingende Melodie flutete schmeichelnd aus einem auf der Bar stehenden Kassettenrekorder. Zigarettenqualm verschmolz mit dem Hefeduft von gerade im Backofen aufgehendem Brot zu einer wenig aromatischen Mischung. Niccolo spürte Megans Hände sanft auf der Haut, und das Pochen im Arm verriet ihm, dass er noch lebte.

Als er die Augen aufschlug, war Casey verschwunden. Jemand hatte ihm noch einen Schuss Whiskey eingeschenkt. Megan stand vor ihm, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre braunen Augen glänzten – auch wenn sie nicht lächelte.

Sie sprach mit einer kehligen, bluesgefärbten Altstimme, die für Niccolo allmählich vertraut klang. „Dieser Tisch hier, Niccolo Andreani, der wird für immer und ewig der Ihre sein, egal, wann Sie ihn möchten. Und dies hier ist Ihre Whiskeyflasche. Ist sie leer, steht eine neue an Ihrem Platz. Sie werden hier niemals ein Fremder sein und nie auch nur einen Cent bezahlen – was immer Sie wollen.“

Es gab so manches, das Niccolo wollte. Aber ausgerechnet in einer Kneipe?

Falls ja, dann war es an Ironie nicht zu überbieten.

3. KAPITEL

Von den nächtlichen Ereignissen nach wie vor aufgewühlt, spürte Casey, wie ihr die Hände zitterten. Auch wenn es ihr nie an Courage gemangelt hatte, wusste sie doch, dass beim Aufwachen am kommenden Morgen das Zittern wohl immer noch anhalten würde.

Als ihr der Autoräuber die Waffe an die Kehle hielt, da war das gesamte vergangene Jahr plötzlich vor ihren Augen aufgeblitzt. Sie hatte die Fehler gesehen, die quälenden Fragen. Insbesondere jedoch war sie sich plötzlich der ungeheuren Verantwortung für das kleine Mädchen in ihrer Obhut bewusst geworden. Es war nun ihr Kind – nur vorübergehend zwar, doch ihrem Schutz anvertraut, selbst wenn sie ihre Zukunft dafür opfern musste.

„Mommy?“

Im Badezimmer der Wohnung benetzte Casey sich das Gesicht mit Wasser und trocknete sich mit einem Handtuch ab, nach Kräften bemüht, ihrer Stimme einen beruhigenden Ton zu verleihen. „Nicht Mommy, mein Schatz! Sag Casey, ja? Ich wasche mich nur eben.“

„Mommy...“

Casey drehte sich das Herz im Leibe herum. Hastig riss sie die Tür auf und eilte in das winzige Wohnzimmer, in dem Ashley in einer Sofaecke kauerte. Sie war gerade erst aufgewacht, nachdem sie für ein Weilchen eingeschlummert war. Ehe Casey heran war, hatte Peggy die Kleine bereits in die Arme geschlossen und an sich gedrückt.

Casey ging vor den beiden in die Hocke. „Ach, Ashley, Mäuschen, niemand tut dir etwas. Die Polizei hat die bösen Männer mitgenommen.“

Steif und widerstrebend verharrte die Kleine in Peggys Umarmung und steckte schniefend den Daumen in den Mund.

Das winzige Wohnzimmer war nicht viel größer als sein rechteckiger Teppich. Vor den Wänden standen ein bräunliches Wildledersofa sowie zwei karierte Sessel, mitten im Zimmer ein Couchtisch. Den restlichen Platz nahmen die zwei Frauen mit dem Kind ein.

„Ach, Ashley packt das schon!“ versicherte Peggy. „Sie muss erst einmal ordentlich ausschlafen. Morgen geht es dann schon besser.“

„Tut mir Leid, dass das alles passiert ist. Da waren wir wohl zur falschen Zeit am falschen Ort. Meinst du, ihr zwei könntet jetzt schlafen gehen?“

„Wäre einen Versuch wert, nicht wahr, Ashley?“ Peggy sah die Kleine fragend an.

„Ich hole den Koffer später aus dem Auto“, sagte Casey. „Ich helfe dir noch, Ashley zu Bett zu bringen. Dann muss ich aber wieder runter, ehe Megan kommt und nach dem Rechten sieht. Meg, den Wirbelsturm, will ich uns lieber ersparen.“ Sie öffnete die Arme, und als die Kleine sich bereitwillig hineinschmiegte, drückte Casey sie an sich und küsste ihr Haar. „Vertragt ihr zwei euch auch, bis ich wiederkomme und wir uns dann endgültig aufs Ohr legen?“

Peggy antwortete für sich und das Kind. „Das machen wir schon!“

Casey huschte schnell die Treppe hinunter, schlüpfte in den zwischen den beiden Toiletten gelegenen winzigen Vorratsraum und setzte sich, nachdem sie sorgfältig die Tür hinter sich geschlossen hatte, auf einen Kistenstapel. Das Handy in der Hand, zog sie einen Zettel aus der Tiefe der Hosentasche, wählte hastig eine Nummer und wartete.

Das Freizeichen ertönte acht Mal, ehe sich eine Frauenstimme meldete.

„Grace? Casey hier!“

Einige Zeit verging, bevor die Frau am anderen Ende antwortete. „Da hast du mich gerade noch erwischt. Morgen wird die Rufnummer geändert.“

„Ich weiß. Hör zu: Heute Abend ist etwas vorgefallen, das ich dir unbedingt erzählen muss“, sagte Casey und gab einen Kurzbericht von dem vereitelten Autodiebstahl, den sie mit dem Hinweis abschloss, das niemandem etwas passiert sei, insbesondere Ashley nicht.

Die Frau blieb eine ganze Weile stumm. „Wie geht es ihr jetzt?“

„Ganz gut, glaube ich.“

„Hast du schon vertraulich mit ihr sprechen können?“

„Nur kurz. Es ist nicht leicht, überhaupt an sie heranzukommen. Sie sagt nichts, aber sie weint auch nicht.“

„Und was hältst du von der Sache?“

„Mir scheint, die beiden Gangster waren bloß zwei hiesige Kriminelle, die es auf meinen Wagen abgesehen hatten. Die sind zum Schluss auf den Gedanken gekommen, die Kleine könnte eine willkommene Geisel abgeben, mehr nicht.“

„Hierher kann sie nicht kommen. Doch vielleicht sollten wir sie anderswohin bringen!“

„Allmählich gewöhnt sie sich an mich! Nach allem, was sie durchgemacht hat, würde ich ihr nur äußerst ungern schon wieder einen Wechsel zumuten – es sei denn, es lässt sich nicht umgehen. Ich halte die Augen offen. Sollte sich etwas ergeben, rufe ich umgehend an.“

„Die neue Rufnummer darf ich dir nicht sagen, aber du weißt ja, an wen du dich wenden musst. Gib Ashley einen Kuss, und pass auf sie auf!“

Ein Klicken in der Leitung machte Casey klar, dass das Gespräch beendet war. Erst jetzt fiel ihr der aus dem Schankraum dringende Geräuschpegel auf. Als Kind hatte sie zusammen mit Megan aus den im Raum gestapelten Kisten und Stühlen Burgen gebaut und dabei dem Lachen und Singen gelauscht, das aus dem Lokal herübertönte. Da war der Whiskey Island Saloon noch ein Ort des Frohsinns gewesen, erfüllt von der herzerwärmenden Heiterkeit ihrer Mutter und dem lyrisch gefühlvollen Tenor ihres Vaters. Niemand hatte die irischen Volkslieder wie „Gypsy Rover“ oder „The Rising of the Moon“ so schön oder so häufig gesungen wie Caseys Vater.

Ein Lächeln zog sich über Caseys Gesicht, verschwand aber schnell wieder. Sie musste mit Megan reden. Der Abend hatte aus einer langen Serie überraschender Ereignisse bestanden. Es galt, ihre Schwester in eine weitere Überraschung einzuweihen.

Megan hätte nie erwartet, von Casey hinter dem Tresen unterstützt zu werden. Sie belud gerade ein Tablett mit Gläsern voll Porter, Ale und Guinness – so eine Bestellung schaffte sie normalerweise auch allein, weshalb sie ihre Schwester sachte beiseite schob. „Der Trubel hat sich gelegt. Geh du getrost nach oben! Bis Barry zurückkommt, schaffe ich das hier schon!“

Casey war jedoch schon dabei, ein Bier zu zapfen – ziemlich geübt, obwohl es bereits Jahre her war, dass ihr Vater sie in die Feinheiten dieser Kunst eingeführt hatte. Wie Megan wohl wusste, hatte ihre Schwester – neben anderen Jobs – schon des Öfteren hinter Kneipentheken gestanden, um sich das Geld für die Anfangssemester zu verdienen, und dabei offensichtlich einiges gelernt.

Nach dem Füllen des ersten Glases schaute Casey auf. „Von oben komme ich gerade erst. Ich muss mit dir reden, Meg!“

„Dann aber dalli! Sobald Barry wieder da ist, muss ich zurück in die Küche. Ich war gerade beim Töpfeschrubben, als das Sirenengeheul losging. Außerdem hab ich das Brot für morgen im Backofen.“

„Okay, dann gehe ich jetzt in die Küche und schrubbe für dich weiter, und du kommst, wenn du Zeit hast. So können wir immer noch reden!“

Megan nahm das gefüllte Tablett. „Kommt nicht in die Tüte. Du gehst jetzt rauf. Ich komme nach, wenn ich fertig bin. Von mir aus können wir die ganze Nacht durchquatschen, falls dir der Sinn danach steht. Als Erstes erzählst du mir, was ihr hier sucht und warum du ein fremdes Kind bemutterst.“ Sie verstummte für einen Moment. „Weißt du, wenn ihr euch angemeldet hättet, dann hätte ich das gemästete Kalb geschlachtet. Stattdessen gibt es nur Kartoffeleintopf.“

Casey fand das wenig komisch. „Ich muss aber mit dir sprechen! Sofort!“

Megan legte die Stirn in Falten. Casey musste immer das letzte Wort haben – eine Unart, die wohl in der Familie lag. „Dann mach die Popcorn-Körbe voll! Ich bringe das hier eben zum Tisch. Vielleicht haben wir ja in einer Minute etwas Zeit!“

Es dauerte zwar keine zehn Minuten, aber doch etwas länger als eine, bis ein wenig Ruhe einkehrte und die beiden Schwestern es sich an einem Ende der Theke bequem machten, wo Megan die Kundschaft im Auge behalten konnte.

„So, womit fangen wir an?“ fragte Megan. „Wie lange habt ihr denn vor zu bleiben?“

„Das hängt davon ab, wie lange du mich bleiben lässt.“

Megan war derart verblüfft, dass es ihr die Sprache verschlug.

„Schlimm, was?“ sagte Casey. „Willst mich wohl nicht haben, wie?“

„Aber ja! Das weißt du doch! Der Laden hier gehört dir genauso wie mir! Nur …“ Megan verschränkte die Arme und sah ihre Schwester an. „Du hast groß herumgetönt, du kämst nie wieder! Und plötzlich schneist du hier rein und willst bis in alle Ewigkeit bleiben?“

„Von wollen kann keine Rede sein! Ich brauche ein Dach über dem Kopf und einen Job obendrein! So einfach ist das!“

„Du hast doch deine Wohnung und deine Stelle in Chicago!“

„Das war einmal. Den Job habe ich an den Nagel gehängt und die Wohnung untervermietet.“

„Aber du hast deine Arbeit doch so gern gemacht!“

„Du weißt eben nicht, was es heißt, als Sozialarbeiterin in der Kinderfürsorge tätig zu sein. Ich war ausgebrannt.“

Statt das Thema zu vertiefen, tastete Megan sich weiter vor. „Und was läuft da mit diesem Kind, Casey? Braucht die Kleine etwa auch eine Bleibe?“

„Ashley ist die Tochter einer Bekannten, die momentan nicht besonders gut drauf ist. Jetzt hat sie endlich einen ordentlichen Job in Milwaukee ergattert, aber immer noch keine anständige Wohnung oder genug Geld für eine richtige Kinderbetreuung. Ich halte es für besser, dass sie sich erstmal akklimatisiert, ehe sie die Kleine zu sich holt. Also habe ich mich bereit erklärt, das Kind für einige Zeit unter meine Fittiche zu nehmen.“

Megan verkniff sich den Hinweis, dass Casey ihrerseits ebenso wenig Unterkunft oder Arbeit vorweisen konnte. Für Spitzfindigkeiten war dies nicht der richtige Zeitpunkt. „Mein Barkeeper für die Tagesschicht hat heute gekündigt, und die Wohnung oben steht leer. Meinst du, du packst beides?“

„Wenn ich alles so schaffe wie in der Vergangenheit …“ Casey schüttelte den Kopf, als sei sie immer noch mit etwas anderem beschäftigt. „Meg, dieser Vorfall heute Abend – schrecklich!“

Megans Kehle war wie zugeschnürt. „Na, und ob! Furchtbar!“ Sie schluckte. „Kann mir nicht annähernd vorstellen, wie schlimm das für euch gewesen sein muss!“

„Tolle Heimkehr, was? Wir wollten dich eigentlich überraschen, Peggy und ich, weil wir dachten, es wäre an der Zeit für eine Versöhnung. Ich meinte, es sei wichtig, dass sie hier stattfindet – nach allem, was geschehen ist …“, fügte sie nach kurzer Pause hinzu.

„Machst du dir etwa Vorwürfe, weil du es nicht verhindert hast? Sag mal, Casey, spinnst du?“

„Deswegen nicht, sondern weil es perfekt in meinen Lebenslauf passt: der nächste Reinfall! Schon wieder was vermasselt!“

„Dabei hast du dich ausgesprochen mutig verhalten! Ich habe gehört, dass du dich dich schützend über Ashley und Peggy geworfen hättest, als Niccolo auf den Gangster losging.“

„Niccolo tauchte geradezu aus dem Nichts auf. Als hätte der liebe Gott einen Schutzengel geschickt!“

Megan schnaubte nur abfällig. „War reiner Zufall, dass der gerade vorbeispazierte! Zuweilen kommen halt Leute hier vorbei, auch wenn sie das später vielleicht bereuen. Lieber Gott? Schutzengel? Dich hat wohl der göttliche Strahl getroffen, was? Wie den heiligen Paulus auf der Straße nach Damaskus!“

„Meg! Niccolo war nicht der Einzige, der da aus dem Nichts auftauchte.“

Megan wollte ihre Schwester schon für deren Hang zum Hokuspokus tadeln, hielt sich jedoch schnell zurück und musterte sie erwartungsvoll.

„Da war tatsächlich noch jemand“, versicherte Casey schließlich.

„Ich verstehe nur Bahnhof.“

„Der Blonde, der mir die Waffe an die Kehle hielt, der hatte mich am Arm gepackt und schleuderte mich gegen die Motorhaube von meinem Auto.“ Casey holte tief Luft, als erlebe sie alles zum zweiten Mal. „Ich konnte mich nur mit Mühe aufrecht halten und stolperte auf die Stelle zu, wo Niccolo mit Ashley und Peggy stand. Der Blonde hatte meine Autoschlüssel und hätte den Motor im Nu anlassen können. Hat er aber nicht.“

„Weil er irgendwie außer Gefecht war.“

Casey nickte. „Erinnerst du dich an Niccolos Aussage, er hätte jemanden fortlaufen sehen?“

„Klar, aber da stand er kurz davor, aus den Latschen zu kippen. Als Zeuge taugt er unter diesen Umständen nicht viel. Und du hast ausgesagt, es wäre keiner da gewesen!“

„Es war aber doch jemand da! Und ich hab ihn sogar gesehen!“

Megan wartete einen Moment, doch Casey schwieg. „Wie soll ich das verstehen? Dass du es dir anders überlegt hast? Dafür wird die Polizei Verständnis haben. Die nehmen bestimmt Rücksicht auf die nervliche Anspannung, unter der du standest.“

„Ich hab es mir nicht anders überlegt! Ich hab der Polizei bloß nicht erzählt, was ich gesehen habe.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich glaube, dass es Rooney war, Meg. Mir scheint, der Mann, den Niccolo hat weglaufen sehen, war Rooney. Und ich wollte nicht, dass es jemand erfährt.“

4. KAPITEL

Nachdem man seine Wunde in der Notaufnahme des Krankenhauses mit drei Stichen genäht und ihm eine Tetanusspritze verpasst hatte, ließ Niccolo sich von Barry, dem Barkeeper, geradewegs nach Hause chauffieren. Dort stand er dann verlassen auf den frisch renovierten Ahorndielen im Foyer seines Hauses, ohne recht zu wissen, was er tun sollte.

Er konnte ins Bett gehen – wahrscheinlich die vernünftigste Lösung. Er konnte oben im einzigen Zimmer mit noch vier intakten Wänden die Heizung anstellen und versuchen zu lesen. Oder er konnte sich, bevor der Schneefall einsetzte und alle Spuren der abendlichen Ereignisse verdeckte, in seinen Wagen setzen und zu dem Parkplatz zurückfahren.

In den vergangenen zwei Jahren hatte er sich angewöhnt, sich stets auf die Variante festzulegen, die für sein Leben am wenigsten logisch erschien. Also suchte er sich eine Taschenlampe.

Die Fahrt dauerte nicht lange. Genau genommen lagen sowohl sein Haus als auch der Whiskey Island Saloon in Ohio City, einem Viertel voller Gegensätzen. Die vor Jahrzehnten begonnene Besiedelung der Bezirks durch die Oberschicht hatte ihre Spuren hinterlassen, war aber irgendwann im Sande verlaufen. Unbeeinflusst davon galt die Gegend rund um die Lookout Avenue, in der sich der Whiskey Island Saloon befand, seit eh und je als Arbeiterviertel.

Niccolo stellte den Wagen nicht auf dem mittlerweile volleren Kneipenparkplatz ab, sondern rollte am Eingang vorbei und parkte ein paar Meter weiter am Straßenrand. Wie zuvor marschierte er dann zu Fuß über den Bürgersteig Richtung Saloon und stoppte an derselben Stelle, mitten in der Einfahrt, wo er einige Zeit verharrte, den geteerten Platz im Blick.

Da er selbst nicht genau wusste, wonach er eigentlich suchte, hütete er sich vor überstürztem Aktionismus und blieb zunächst auf dem Bürgersteig stehen. Vor dem geistigen Auge ließ er die zuvor erlebte Szene nochmals Revue passieren, mitsamt den handelnden Personen, die er in seiner Vorstellung wie bei dem echten Überfall Positionen einnehmen und Dialoge sprechen ließ. Sobald er einigermaßen sicher war, dass sein Gedächtnis lückenlos funktionierte, rückte er langsam zwischen den zwei Autoreihen vor, den Strahl seiner Taschenlampe forschend auf den Asphalt gerichtet, bis er zu dem nach wie vor an Ort und Stelle parkenden Wagen von Casey Donaghue gelangte. Da auch dort nichts Ungewöhnliches zu finden war, ließ Niccolo sich auf Hände und Knie nieder und spähte unter das Fahrzeug.

Er hörte Türenknallen und Stimmengewirr auf der Straße, doch die Sprechenden gingen vorbei, und die Stimmen verhallten. Niccolo blieb auf allen vieren und nahm das erste merkwürdige Objekt, auf das er im Schein seiner Lampe gestoßen war, näher ins Visier. Mit der Brust fast gänzlich am Boden, griff er in Höhe des Vorderrads, dicht am Reifen vorbei, mit gestrecktem Arm nach dem Gegenstand, der sich als eine Schuhsohle erwies. Er war gerade dabei, sich zu erheben, als er hinter sich eine vertraute Stimme vernahm.

„Nur gut, dass ich Ihr Hinterteil erkannt habe! Wissen Sie, ich war nämlich drauf und dran, Ihnen gewaltig in dasselbe zu treten!“

Die Sohle in der Hand, drehte Niccolo sich um. „Wusste gar nicht, dass ich so einen unverkennbaren Allerwertesten habe!“

Megan musterte ihn eingehend, fragte aber nicht nach einer Erklärung, sondern wartete ab.

„Ich weiß“, räumte er ein, „eigentlich müsste ich daheim im Bett liegen!“

Als sei sie genau dieser Meinung, legte sie den Kopf schräg, sagte aber kein Wort.

„Ich löse halt so gerne Rätsel! In mir steckt dieser krankhafte Zwang, auf alle Fragen des Lebens eine Antwort finden zu müssen.“

„Welche Antworten erwarten Sie denn unter dem Wagen meiner Schwester?“

„Ich versuche zu ergründen, ob man durch die geballte Wirkung von Angst und der Verletzung durch eine Schusswunde Halluzinationen kriegt.“

„Und zu welchem Fazit sind Sie gelangt?“

Sie trug keinen Mantel, wie er jetzt bemerkte. Megan hatte bloß ein kurzärmeliges weißes Polohemd an, Kakihosen und einen am Hals verknoteten grünen Schal – eine eher für Juni oder für das Bedienen in der Kneipe geeignete Kluft. „Für ein ausführlicheres Gespräch sind Sie falsch angezogen.“

„Ich wollte gerade die Mülleimer leeren.“ Sie wies mit dem Kopf zu dem Müllcontainer.

„Ich kann warten“, sagte Niccolo, der bereits mit dem Hinweis rechnete, derartige Lappalien seien ihr keine weiteren Erörterungen wert. Sie entfernte sich jedoch wortlos, und als sie in eine dicke, safrangelbe Skijacke gehüllt wieder auftauchte, untersuchte er gerade die Schuhsohle.

„Und? Was haben Sie gefunden?“ wollte sie wissen.

„Vielleicht nichts“, bemerkte er und reichte ihr die Sohle, die sie mit spitzen Fingern entgegennahm und begutachtete. „Von einem gewöhnlichen Schuh stammt die allerdings nicht. Sehen Sie, wie abgetreten die ist? Drei Löcher, eins davon noch mit Papier zugestopft.“

Sie gab ihm die Sohle zurück, als wolle sie diese möglichst schnell loswerden. „Und?“

„Im Lokal heute Abend ist mir niemand aufgefallen, der mit so einem Treter herumlief. Ihnen etwa? Gehören muss er aber jemandem, einem Mann, wie man unschwer sieht, ein armer Schlucker, der nicht mal das nötige Kleingeld für ein Guinness hat.“

„Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen.“

„Der Mann, den ich meiner Meinung nach an diesem Abend gesehen habe, war regelrecht eingemummelt in Kleidungsstücke. Aus der Entfernung glich er fast einer Mumie. Mal angenommen, es war wirklich jemand da, und weiterhin angenommen, er ist tatsächlich so ein armer Teufel. Gegen die Kälte trug er vielleicht seine gesamte Garderobe, Hemden und Pullover für eine ganze Woche, alles übereinander. Kann ja sein, dass er gar keinen richtigen Mantel besitzt oder dass er seinen kompletten Kleiderschrank am Körper trägt, weil das leichter ist, als alles in einer Plastiktüte mit sich herumzuschleppen!“

„Casey hat Ihnen doch gesagt, dass niemand da war!“

„Casey war vollauf mit dem Beschützen Ihrer Schwester und des Mädchens beschäftigt. Da konnte sie ihren Wagen unmöglich jede Sekunde im Auge haben.“

„Sie selbst waren aber auch nicht gerade untätig, wie mir scheint!“

„Ich habe ihn ja auch nur ganz flüchtig zu sehen bekommen.“

„Bevor, während oder nachdem Sie zusammengeklappt sind?“

Nicht zum ersten Mal hatte er den Eindruck, dass sie mit großem Aufwand versuchte, seine Beobachtung zu widerlegen.

Er versuchte es mit einer neuen Taktik. „Da vorne steht ein Müllcontainer. Man kann also bei Ihnen im Lokal auch essen, nicht wahr?“

„Die besten irischen Pub-Spezialitäten in der ganzen Stadt.“

„Kommt es vor, dass Leute schon mal den Container durchwühlen? Nach Essensresten?“

„Wenn wir schließen, können Bedürftige zum Hintereingang kommen und sich die Reste abholen. Das ist hier so Brauch und auch allgemein bekannt. Wenn sich heute Abend jemand gemeldet hätte – er wäre mit Kartoffelsuppe bedient worden.“

Er war überrascht und kleinlaut zugleich. „Und wie lange besteht diese Tradition schon?“

Sie lächelte und wirkte schon weniger zugeknöpft. „Bisschen Nachhilfe in Geschichte gefällig?“

„Solange es nicht noch kälter wird …“

Er folgte ihr über den rückwärtigen Teil des Parkplatzes am Container vorbei, bis sie auf einer vereisten Grasböschung ankamen, über der einige vereinzelt stehende dürre Pappeln und Weiden aufragten. Die Stelle war eine Art Anhöhe, an sich eine eher seltene Erscheinung in der flachen West Side von Cleveland, andererseits bei dem Straßennamen „Lookout Avenue“ so abwegig auch wieder nicht.

„Also, aufgepasst! Wissen Sie, was das ist?“ Den beiden bot sich das typische nächtliche Stadtpanorama, wie es heute so charakteristisch für die Metropolen an den Großen Seen ist.

„Wissen Sie, wie das heißt, was Sie da vor sich sehen?“ Sie wies auf das Areal, das sich jenseits der Autobahn bis hin zum Eriesee erstreckte, ein von Eisenbahngleisen durchzogenes Terrain voller riesiger Erzhalden. „Whiskey Island.“

Jetzt war ihm klar, woher der Saloon seinen Namen hatte. „Wieso?“

„Nun, hier stand die erste Brennerei im nordöstlichen Ohio, damals, Anfang des 19. Jahrhunderts, als Cleveland nichts zu bieten hatte außer Sümpfen und mörderisch kalten Wintern. Im Verlauf des Jahrhunderts ließen sich dann die Iren hier nieder, weil niemand sonst das Land haben wollte. Und plötzlich war jedermann in Cleveland der Ansicht, der Name passe wie die Faust aufs Auge.“

Allmählich fand er Gefallen an der Geschichtsstunde. „Ist das nicht ein ziemlich abgedroschenes Klischee?“

Sie sah ihn an. „In den Glanzzeiten von Whiskey Island gab es hier vierzehn Wirtshäuser, ob Sie es glauben oder nicht.“

Niccolo stieß einen leisen Pfiff aus.

„Obwohl früher tatsächlich eine echte Insel, ist Whiskey Island heute streng genommen nur eine Halbinsel. Aber das nur nebenbei. Eigentlich wollten Sie ja wissen, wie lange ich schon in meiner Kneipe kostenloses Essen ausgebe. In den 30er Jahren, während der großen Wirtschaftskrise, befand sich auf dem Areal eine Ansammlung von Baracken und Hütten – Elendsquartiere für Hunderte von Verarmten und Obdachlosen. Da machten meine Vorfahren aus der Not eine Tugend. Eigentlich war das mit den kostenlosen Resten schon seit Jahren so gelaufen – inoffiziell natürlich. Wer nachweisen konnte, dass ihn ein trauriges Schicksal getroffen hatte, der kriegte einen Schlag Suppe. Da wurde nicht lange gefragt. Während der Notzeiten dieser Wirtschaftskrise allerdings war dann ganz offiziell Essensausgabe hier auf dem jetzigen Kneipenparkplatz, und zwar Abend für Abend. Kurz vor Toresschluss kamen die Männer den Hügel raufgekrabbelt, um sich das übrig gebliebene Essen abzuholen. Dem Vernehmen nach sollen meine Ahnen stets dafür gesorgt haben, dass immer etwas übrig blieb.“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, gehört es also zu Ihrer Familiengeschichte, in Not geratenen Menschen zu helfen. Und einer von denen hat vielleicht seine Schuhsohle unter dem Wagen Ihrer Schwester liegen gelassen.“

„Viel wahrscheinlicher ist, dass die schon dort lag, als Casey einparkte. Womöglich schon seit Wochen. Wer weiß?“

Er betrachtete die unten auf der Schnellstraße vorbeirasenden Autos. Der Hügel fiel zwar recht steil zur Uferstraße hin ab, war aber durchaus zu bewältigen und der Highway zu dieser späten Stunde nur wenig befahren. Ein Mann konnte also den Hang hinunter flüchten und die Fahrbahn einigermaßen gefahrlos überqueren, ehe jemand überhaupt auf den Gedanken kam, nach ihm zu suchen, was ja in diesem Fall mehrere Stunden gedauert hatte.

Niccolo nahm sich vor, die Uferschnellstraße am folgenden Morgen selbst zu überschreiten und sich auf Whiskey Island genauer umzusehen. „Vielleicht war der Mann, den ich gesehen habe, auf eine kostenlose Mahlzeit aus.“

„Die hätte er auch gekriegt, wenn er geblieben wäre. Da hätte er nicht weglaufen müssen.“

„Kann doch sein, dass er meinte, sein Eingreifen brächte ihm bloß Scherereien ein.“

„Scherereien für die Verhinderung einer Autoentführung?“

„Anscheinend wollen Sie unbedingt nachweisen, dass ich mir den Mann nur eingebildet habe.“

Eine Weile blieb sie stumm. „Wir werden es nie erfahren“, erwiderte sie schließlich leichthin.

„Eins noch, wenn Sie gestatten“, bat er. „Als einer der Gangster Ihrer Schwester Casey befahl auszusteigen, da kam es mir so vor, als fürchte sie, die Männer hätten es auf die Kleine abgesehen.“

„Na, hatten sie ja auch! Sie wollten sie doch als Geisel mitnehmen.“

„Nein, vorher schon, meine ich. Als Casey noch gar nicht wissen konnte, dass die Diebe nur das Auto wollten. Und das Mädchen schien mir die gleiche Befürchtung zu haben.“

„Das Dingelchen war zu Tode erschreckt. Kleine Kinder nehmen schließlich alles persönlich, oder?“ Mittlerweile wirkte Megan ehrlich verblüfft.

„Mir kam es zu dem Zeitpunkt eben sonderbar vor. Deshalb fiel es mir so auf.“

Wortlos machte sie kehrt und wandte sich wieder Richtung Parkplatz. „Ich weiß nicht, was es damit auf sich haben soll, Nick. Bisher hatte ich selbst keine Zeit, um irgendwas über Ashley in Erfahrung zu bringen. Aber wieso interessiert Sie das überhaupt? Ist das nicht eher eine Bagatelle?“

„Wenn einem ein Verrückter mit der Pistole vorm Gesicht herumfuchtelt, kommt einem nichts mehr wie eine Bagatelle vor“, konterte Niccolo mit einem schuldbewussten Lachen, das ihn selbst überraschte. „Vielleicht nehme ich die Sache zu wichtig und messe ihr eine Bedeutung bei, die ihr nicht zukommt.“

Insgeheim aber machte er sich nichts vor. Er wusste, woher sein Interesse an dem ‚eingebildeten‘ Fremden stammte. Aus Gründen, in die er niemanden einzuweihen gedachte, konnte und wollte er es nicht aus dem Gedächtnis streichen: das Bild eines in Schichten von Kleidungsstücken gehüllten Mannes.

Kurz vor dem Hintereingang zur Kneipe blieb Megan stehen. „Sind Sie für so etwas nicht inzwischen zu alt? Wissen Sie nicht, dass alles, was mit uns passiert, willkürlich und ohne Sinn geschieht?“ Ihr Haar war weiß bestäubt, denn der von Casey vorhergesehene Schneefall hatte mittlerweile tatsächlich eingesetzt. Flocken rieselten auf Megans kurze Locken und verfingen sich in ihren Wimpern. Niccolo war fast versucht, ihr eine Schneeflocke von der Nasenspitze zu fischen.

„Dass Sie hier vorbeikamen, war reiner Zufall“, fuhr sie fort. „Genauso gut hätten sie ein, zwei Straßen weiter abbiegen können. Ich bin natürlich froh, dass sie das nicht getan haben, ich bezweifle aber, dass Ihre Route und Ihre Hilfeleistung Teil eines göttlichen Gesamtplans waren.“

Bei dem kaum verhüllten Unmut, der aus ihren Worten sprach, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Ich höre regelrecht, wie sich Ihre irischen Ahnen von Whiskey Island bei diesen Gotteslästereien im Grabe umdrehen, Megan Donaghue! Und Sie machen wahrscheinlich drei Kreuze, sobald ich Ihnen den Rücken kehre!“

„Das wäre das erste Mal seit zehn Jahren!“

„Auch eine abtrünnige Katholikin …“

„… bleibt eine Katholikin? Von wegen! Höchstens dann, wenn der Heilige Stuhl eine Pfarrgemeinde für Atheisten einrichtet.“

Länger durfte er ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen. Niccolo merkte, dass er sie mit seinen Bemerkungen nur provoziert hatte, um das Ende des Gesprächs noch hinauszuzögern – ein ungewohntes Verlangen, wie er erst jetzt feststellte. Einen Augenblick lang stand er unschlüssig da, bis ihn die Wirklichkeit wieder hatte. „Vielleicht kann ich nun besser schlafen. Kommt auf einen Versuch an.“

„Tut mir Leid, dass Sie sich da verrannt haben. Aber vermutlich ist an der Sache wirklich nichts dran.“

Zwei Dinge machten ihn stutzig. Erstens: Offenbar wollte Megan ihn mit aller Macht davon überzeugen, er habe an diesem Abend Gespenster gesehen. Und zweitens hatte eine gescheite Frau wie sie mit Sicherheit längst eines erkannt: Je mehr sie in dieser Sache mauerte, desto stärker wuchs sein Interesse. Hieß das, dass Megan Donaghue ihn damit insgeheim zu weiteren Nachforschungen auffordern wollte? Auch wenn sie es sich selbst nicht eingestand?

Sie öffnete den Hintereingang, nickte Niccolo ein letztes Mal kurz zu und schloss die Tür hinter sich.

Der Parkplatz lag wieder still und verlassen vor ihm. Als Niccolo sich in Bewegung setzte, schmolzen bereits die ersten Schneeflocken unter seinen Stiefeln. Während er Richtung Einfahrt stapfte, ließ er den Strahl seiner Taschenlampe planlos hin und her wandern und stoppte für einen allerletzten Kontrollblick abermals neben Caseys Wagen.

Fast hätte er den Manschettenknopf übersehen. Er lag direkt hinter dem linken Vorderrad. Hätte der Schein der Taschenlampe ihn nicht plötzlich aufblitzen lassen, wäre er Niccolo wohl nicht aufgefallen. So aber trat er näher heran, hob ihn, in die Hocke gehend, vom Boden auf und legte ihn sich auf die flache Hand, um ihn genauer betrachten zu können.

Er war aus Gold, großflächig und erstaunlich reich verziert. Das Blitzen, das Niccolo aufgefallen war, stammte von linienförmig angeordneten und miteinander verflochtenen Brillanten, die in Großbuchstaben ein doppeltes, ineinander verschlungenes „S“ bildeten.

Obwohl Niccolo alles andere als ein Experte in solchen Angelegenheiten war, wusste er auf Anhieb, dass es sich bei dem Manschettenknopf um ein altes und wahrscheinlich wertvolles Stück handelte.

Die Gangster, so grübelte er, während er den Knopf mit den Fingern umschloss, waren auf frischer Tat ertappt worden. Insofern war der Manschettenknopf kein weiterer Beweis für ihr Verbrechen. Der war nicht mehr erforderlich. Es durfte sogar bezweifelt werden, dass er überhaupt mit den Autodieben in Verbindung stand, zumindest direkt.

Der Obdachlose allerdings – und Niccolo war sich immer sicherer, dass er ihn tatsächlich gesehen hatte –, der konnte den Knopf durchaus verloren haben. Vielleicht war der Mann einer von denen, die den Abfall der ganzen Stadt nach verwertbaren Resten durchwühlen – entweder um sie zu Geld zu machen oder sie zu horten, quasi als persönlichen Schatz.

So seltsam es auch erscheinen mochte: es war durchaus möglich, dass dieses kostbares Kleinod einem solchen „Schatzsucher“ gehörte.

Zwar war sich Niccolo über sein weiteres Vorgehen immer noch unsicher, doch als er den Manschettenknopf in die Tasche gleiten ließ, hatte er seinen Entschluss längst gefasst.

5. KAPITEL

Auch wenn die Angehörigen des Donaghue-Clans in vielerlei Hinsicht auf getrennten Wegen durchs Leben gingen – eins war allen gemeinsam: sie feierten gern. Verlor Bobby Donaghues Erstklässler einen Milchzahn, wurde das festlich begangen. Als Kyle Donaghue Flanagan zum Revisor beim Rechnungsprüfungsamt von Cuyahoga County ernannt wurde, begoss man das gleichfalls. Wäre Kyle wegen krummer Sachen – nicht von ungefähr sagte man ihm nach, an seinen Fingern bleibe zuweilen etwas kleben – umgehend wieder geschasst worden, hätte man auch das gebührend gefeiert.

Mittlerweile war es drei beziehungsweise vier Generationen her, seit die große Hungerkatastrophe, die nach der Kartoffelfäule über Irland hereingebrochen war, die völlig verarmten Vorfahren der Donaghues in so genannten schwimmenden Särgen über den Großen Teich nach Amerika getrieben hatte. Der Horror des Elends hatte sich zwar mit jeder neuen Generation mehr verflüchtigt, doch der Hang zum Feiern, und sei der Anlass auch noch so gering, der war geblieben.

Derartige Donaghue-Festivitäten fanden in der Regel im Whiskey Island Saloon statt. Zuletzt hatte man anlässlich des Millenniumswechsels gewaltig die Puppen tanzen lassen, und zwar auf solch denkwürdige Weise, dass es in den Tagen danach in der Kneipe relativ ruhig zugegangen war, weil sämtliche Anverwandten zunächst ihren Kater auskurieren mussten. Doch schon am Abend nach Caseys unerwarteter Heimkehr und der missglückten Autoentführung wurde das nächste Fass aufgemacht. In weiser Voraussicht hatte Megan für den entsprechenden Vorrat an Speisen und Getränken gesorgt. Auch die restliche Kartoffelsuppe vom Vortag fand reißenden Absatz und brauchte am Ende doch nicht eingefroren zu werden – wenigstens etwas, das man den Gangstern zugute halten konnte, selbst wenn dem Überfall ansonsten herzlich wenig abzugewinnen war.

„Wie geht’s meiner Lieblingsnichte?“

„Bestens, Onkel Dennis!“ Wohl oder übel ergab Megan sich der bierseligen Umarmung ihres Onkels Dennis, des ältesten Bruders ihrer Mutter. Nachdem sie ihn ihrerseits kräftig an sich gedrückt hatte, entwand sie sich seinen Armen und zupfte schelmisch an dem bis zum Kinn reichenden Schnauzbart. „Hol dir auch einen Teller Kartoffelsuppe!“ forderte sie ihn dabei auf. „Damit dir der Durst vergeht!“

„Rosaleens Suppe?“ In Onkel Dennis’ Augen trat ein erwartungsfroher Glanz.

Megan nickte. Rosaleen war ihre Ur-Urgroßmutter, deren legendäre Kochrezepte bereits seit Bestehen des Lokals das gastronomische Rückgrat des Whiskey Island Saloon bildeten.

„Peggy?“ rief Megan und winkte gleichzeitig ihrer Schwester, die sich, ein Tablett mit leeren Gläsern auf der Hand balancierend, beim Hören ihres Namens umgedreht hatte. „Eine Kartoffelsuppe für Onkel Dennis!“

Peggy warf ihrem Onkel eine Kusshand zu und verschwand mitsamt ihrem Tablett in der Küche.

Nun gesellte sich Casey zu Dennis und Megan. Als Ehrengast trug sie hautenge Samtleggings sowie eine goldfarbene Tunika, so kunstvoll und reich bestickt, dass sie im Harem eines Paschas für Furore gesorgt hätte. Aber zu Casey passte das Kleidungsstück sehr gut.

„Ich hab mich erst einmal ausgeklinkt“, stöhnte sie, das Gesicht zu einer Grimasse verzogen. „Was ich mir alles anhören muss: niedliche Geschichtchen aus meiner Kindheit, reizende Anekdötchen, ach so bezaubernde Erinnerungen an Streicheltiere, Freundinnen und Krabbelbuden aus Pappkartons!“

„Dann liegst du bei mir genau richtig“, stellte Dennis fest. „Ich erzähl dir nämlich, was du wirklich warst: ein Satansbraten sondergleichen! Deine Frau Mama – Gott hab sie selig! – musste alle Hebel in Bewegung setzen, damit die Nonnen dich nicht achtkantig aus der Klosterschule feuerten! Die hat mehr Zeit bei den frommen Schwestern von St. Brigid’s zugebracht als hinter der Theke!“

Casey gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Tut gut, mal die ungeschminkte Wahrheit zu hören! Meine jahrelange Abwesenheit von daheim führt offenbar dazu, dass alle Welt meine Vergangenheit schönfärben will! Ich erkenne mich selbst nicht wieder!“

„Du warst halt zu lange weg“, erklärte Dennis. „Kannst du da erwarten, dass jeder noch weiß, was du für ein Früchtchen warst?“ Er küsste sie ebenfalls auf die Wange und wandte sich dann dem nächsten Plaudergrüppchen zu.

„Na, Casey? Amüsierst du dich gut?“ fragte Megan ironisch, als er fort war.

„Wie ist denn dein Eindruck?“

Megan legte den Kopf schräg. „Mir scheint, du bist über die Maßen beeindruckt. So etwas hast du ja lange nicht mehr erlebt.“

„Ursprünglich waren es aber genau diese Familienfeste, die mich zu der Überzeugung brachten, wir sollten die Kneipe verkaufen.“

Megan merkte, dass sie gefährlich dicht an das Thema gerieten, dem sie jahrelang ausgewichen waren – das Problem, das im Grunde ihren Bruch verursacht hatte. „Und mich überzeugten diese Familienfeiern vom genauen Gegenteil.“

„Nun, du hast ja auch deinen Kopf durchgesetzt, nicht wahr? Deshalb heißt es jetzt ja auch weiter: Hoch die Tassen!“

„Ist es denn wirklich so unangenehm, die Verwandtschaft um sich zu scharen?“

„Was soll ich dazu sagen? Erst kündige ich pompös an, ich würde nie wieder meinen Fuß durch die Eingangstür setzen. Jetzt bin ich aber trotzdem da, auf dem schnellsten Wege nach Hause, zurück zu dir und Whiskey Island. Und weshalb? Weil ich in der Klemme sitze!“

Da Casey nun von einem weiteren Cousin abgefangen wurde, zog Megan sich vorübergehend aus dem Getümmel zurück, um zu verschnaufen. Als sie in die Küche trat, war Peggy gerade dabei, mit einer Suppenkelle Eintopf in einen Teller zu füllen. Zum wiederholten Mal stellte Megan beeindruckt fest, wie hübsch ihre jüngste Schwester war mit ihrem kastanienbraunen Haar und einer etwas dunkleren Version jener bernsteinfarbenen Augen, wie auch Megan selbst sie besaß. Peggys Gesicht war weicher gezeichnet als das ihrer Schwestern, ihre Figur biegsam und schlank, wenn auch nicht ohne Rundungen. Am auffälligsten an ihr war jedoch ihr erkennbares Vertrauen in die Menschheit, das sich in jedem Ausdruck und jeder Geste offenbarte. Schon als kleines Mädchen hatte Casey zu Megans Entsetzen immer geglaubt, sie könne sich ohne weiteres mit einem blutrünstigen Killer einlassen – in der Überzeugung, das sei im Grunde ein guter Mensch, der lediglich auf die schiefe Bahn geraten war.

„Also, alles, was recht ist – ohne mich hättest du heute Abend auf dem Schlauch gestanden!“ rief Peggy ihr über die Schulter zu. „Hier geht es ja zu wie im Taubenschlag!“

Die missglückte Autoentführung hatte für Schlagzeilen in den Morgenausgaben der lokalen Presse gesorgt, weswegen bei Megan die Telefondrähte heiß gelaufen waren. Fürsorgliche Verwandte hatten sich spontan die Klinke in die Hand gegeben, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass den Schwestern auch wirklich kein Haar gekrümmt worden war.

„Super, dass du wieder zu Hause bist“, erwiderte Megan, „aber es hätte wahrscheinlich auch jemand eine Sonderschicht eingelegt, wenn Not am Mann gewesen wäre. Du müsstest doch eigentlich mit Wichtigerem beschäftigt sein!“

„Was gibt es denn Wichtigeres als eine Wiedersehensfeier im Familienkreis?“

Megan hütete sich zwar wohlweislich, ihre Schwester auf der Stelle in die Mangel zu nehmen, beschloss aber, ihr zumindest auf den Zahn zu fühlen. „Ich bin ja hellauf begeistert über euer Kommen. Trotzdem: Ist nicht diese Woche wieder Vorlesungsbeginn?“

„Doch.“

„Und? Nicht schlimm, wenn du ein paar Seminare versäumst?“

„Ich habe in den Weihnachtsferien bloß zwei Tage in meiner Wohnung in Chicago verbracht. Als Casey mir von ihrem Plan berichtete, hab ich im Krankenhaus Sonderurlaub beantragt und den auch genehmigt bekommen.“

Peggy hatte die Absicht, im kommenden Jahr auf die medizinische Fakultät der Universität zu wechseln. Während des laufenden Semesters arbeitete sie bereits stundenweise in einem Krankenhaus, und zwar in der Anmeldung der Notaufnahme, ein Job, der nicht sonderlich viel einbrachte, in dem sie jedoch wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Als sie auch über die Ferien auf den Dienstplan gesetzt wurde, hatte sie wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und arbeiten müssen. Andernfalls wäre sie die Stelle los gewesen.

„Ach, ich bin ja heilfroh, dass du da bist. Du hast mir nämlich regelrecht gefehlt. Tut mir Leid, dass ihr in den Schlamassel da auf dem Parkplatz geraten seid!“

„Halb so wild. In ein, zwei Tagen betrachte ich das wahrscheinlich bloß noch als erstklassige Fallstudie, bei der man aus erster Hand erfahren konnte, wie Psychopathen ticken. Hautnahes Training, völlig kostenlos.“

Megan fasste ihre Schwester bei den Schultern und drehte sie zu sich herum, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. Wie immer forschte sie nach Anzeichen, die ihr verrieten, ob Peggy womöglich unglücklich oder seelisch angeknackst war. „Erzähl mir bloß nicht, du trägst dich mit dem Gedanken, dich auf Psychiatrie zu spezialisieren!“

„Warum nicht?“ Peggy lächelte. „In dieser Sippschaft tut eine Psychiaterin dringend Not!“

„Sag mal, spinnst du? Onkel Ben auf der Couch?“ Megan tat so, als schüttle es sie bei der Vorstellung. „Verleg dich lieber auf Sportmedizin. Besonders athletisch ist nämlich keiner aus der ganzen Bagage! Aber Spaß beiseite – richte dich darauf ein, dass wir uns mal eingehend unterhalten, ja? Ich möchte gern wissen, was es Neues gibt.“

Peggys Lächeln erlosch. „Willst mich wohl ausquetschen, was?“ fragte sie, wobei sie den Teller mit Eintopf auf ein Tablett stellte. „Dann sei vorsorglich gewarnt: Ich lasse mich nicht aushorchen. Ich möchte einfach in Ruhe das Zusammensein mit meinen Schwestern genießen und abschalten. Okay?“

Auf den scharfen Unterton in Peggys ansonsten so sanfter Stimme war Megan nicht gefasst. „Abschalten? Wie lange denn?“

„Solange ich es für nötig erachte. Kannst du das eventuell akzeptieren?“

„Logisch.“ Megan nickte, auch wenn ihr inneres Frühwarnsystem bereits Alarm schlug.

Zurück im Schankraum, plauderte sie mit weiteren Anverwandten und Gästen, zapfte zwischendurch Bier und begab sich schließlich zum Ecktisch unweit des Eingangs, wo Peggy inzwischen in einen Plausch mit Onkel Frank und Tante Deirdre vertieft war. Als Megan an den Tisch trat, stand Frank Grogan auf und breitete die Arme aus. Wieder einmal kam Megan um eine Umarmung und ein Küsschen nicht herum.

Auch Tante Deirdre ließ sich von ihrer Nichte umarmen – eine zierliche, feminin wirkende Frau, die immer den Eindruck erweckte, als sei ihr gerade eine Erleuchtung gekommen. Obwohl unscheinbarer als ein Gutteil der Familie, waren Frank und Deirdre Grogan doch herzensgute und anständige Leute. Da ihnen Kinder versagt geblieben waren, hatten sie die drei Donaghue-Schwestern stets wie ihr eigen Fleisch und Blut betrachtet, bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Ersatzeltern der kleinen Peggy fungiert und dafür gesorgt, dass es ihr an nichts fehlte. Bei Casey und Megan hingegen waren derartige Bestrebungen am unbändigen Stolz der beiden Schwestern gescheitert.

„Peggy berichtet uns gerade von ihrer Arbeit“, bemerkte Deirdre.

Megan wusste sehr wohl, dass Peggys Nebenjob einen wunden Punkt darstellte. Betucht, wie sie waren, hätten die Grogans ihrer Nichte mit Leichtigkeit das gesamte Studium finanzieren können, und des Öfteren hatten sie auch schon entsprechende Vorschläge gemacht. Peggy hatte diese generösen Offerten zwar meistens abgelehnt, dabei aber genügend Fingerspitzengefühl bewiesen, sich immerhin noch die Fachliteratur bezahlen zu lassen – mehr allerdings nicht. Für sonstige Kosten, die sie mit ihrem Studentenjob nicht abdeckte, kam ein großzügig bemessenes Stipendium auf.

„Du verfügst über erstklassige Referenzen für die Aufnahme an der medizinischen Fakultät!“ versicherte Frank. „Bei deinem Notenschnitt kannst du dir die Uni sogar aussuchen! Und wir möchten dich gern unterstützen, das weißt du ja!“

„Das Studium wird aus Peggys Anteil am Gewinn des Saloons finanziert“, stellte Megan energisch klar. „Geht schon eine ganze Weile so!“

Offenbar langte es Peggy allmählich. „Falls ihr alle unbedingt das Geld unter die Leute bringen wollt: Warum schmeißt ihr nicht zusammen und schickt mich für ein paar Monate nach Aspen? Bisschen Skilaufen, bisschen die Sonne von Colorado genießen – vielleicht kann ich mir da das Medizinstudium gleich schenken!“

„Dann lieber zum bestandenen Examen ein Paar Ski!“ schlug Deirdre vor, was allgemeine Heiterkeit hervorrief und die gereizte Atmosphäre lockerte.

Megan machte sich wieder auf zur Küche, stellte auf halbem Wege aber verwundert fest, dass Onkel Frank ihr folgte.

„Megan!“ Er legte ihr die Hand auf die Schulter und ließ sie auch dann noch dort, als Megan längst stehen geblieben war. „Ich muss mit dir reden“, sagte er, wobei er sie in eine relativ ruhige Ecke dirigierte und sich durch das schüttere Haar fuhr – ein sicheres Zeichen, dass er sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. Als er sich räusperte, wippte sein übergroßer Adamsapfel auf und ab. „Du, heute Morgen hatte ich Besuch. Ich dachte, das interessiert dich vielleicht …“

„Von wem?“ fragte Megan. Einer musste zur Sache kommen – ihr Onkel oder sie.

„Von einem Niccolo Andreani.“

Wie vom Donner gerührt, brachte sie zunächst keinen Ton hervor. „Nick? Der hat dich aufgesucht? Zu Hause?“

„Nein, nein, nicht zu Hause! Im Büro, das hätte ich gleich sagen sollen. Er …“ Er stockte, als wären ihm gerade seine eigenen Worte bewusst geworden. „Dann kennst du den also?“

„Onkel Frank! Nick ist derjenige, der die Autoentführung vereitelt hat! Ich hatte eigentlich gehofft, er würde sich heute Abend hier sehen lassen und mitfeiern. Vermutlich hätte ich jemanden mit einer Einladung zu seiner Wohnung schicken sollen.“ Als ihr Onkel weiter schwieg, fügte sie hinzu: „Hör mal, was hat er denn bei dir im Büro gesucht? Und warum erzählst du mir das alles?“

„Er ist nicht direkt zur Firma gekommen. Einer meiner Mitarbeiter hat ihn aufgegabelt, als er auf dem Firmengelände herumschlich.“

Mit dem Firmengelände war Grogan Gravel gemeint, Franks Betrieb für Schüttgüter wie Kies. Als Frank, noch jung an Jahren und gerade erst aus der Schule entlassen, auf den Verschiebebahnhöfen von Whiskey Island arbeitete, war er einmal nach Feierabend in den Saloon gestiefelt, um seinen Durst zu löschen. Dabei begegnete er der jungen Deirdre Donaghue, der strohblonden Gastwirtstochter. Der Rest verlief im D-Zug-Tempo: Er heiratete die hübsche Deirdre vom Fleck weg, zog in den Vietnamkrieg und kehrte unversehrt heim, nicht nur mit ordensgeschmückter Brust, sondern zugleich mit Pokergewinnen in Höhe von mehreren Tausend Dollar sowie mit dem unbestimmten Gefühl, dass die Welt sich verändert hatte und dass man sich dieser Entwicklung tunlichst anpassen sollte.

Also hatte er seine Ersparnisse in ein marodes Schotter- und Kieswerk unweit des Verschiebebahnhofs gesteckt und den Betrieb mit Fleiß und Geschick zu einem Erfolgsunternehmen mit Millionenumsätzen gewandelt. Mittlerweile mischte er in einem guten Dutzend verschiedener Firmen mit, sowohl persönlich als auch finanziell. Dennoch beließ er seinen Hauptsitz nach wie vor im Industriegebiet von Whiskey Island, wo er sich offenbar am wohlsten fühlte.

„Was wollte Nick denn da?“

„Wie er mir sagte, hatte er am Abend zuvor einen alten Mann in Richtung unseres Firmengeländes laufen sehen, und nun vermutete er, der hause auf Whiskey Island. Der Kerl soll mehrere Kleidungsstücke übereinander getragen haben, wie ein Obdachloser etwa.“

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