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Das Geheimnis des Moguls

1. KAPITEL

Ethan Hartwell war es nicht gewohnt zu warten.

Er warf einen verärgerten Blick auf die Assistentin. Mit saurer Miene bewachte sie das Chefbüro. Dann schaute er auf seinen Blackberry.

Hartwell Genetics konnte es sich als Unternehmen nicht leisten, ins Hintertreffen zu geraten, nicht angesichts der steigenden Nachfrage nach seinen Produkten ‒ Medikamente, die bei Erbkrankheiten helfen sollten.

Wenn er schon wie ein frecher Schuljunge vor dem Büro des Direktors warten musste, konnte er wenigstens währenddessen arbeiten.

Ethan räusperte sich, um den grauhaarigen Drachen auf sich aufmerksam zu machen. „Ich gehe wieder in mein Büro“, sagte er.

Bevor er seine Drohung wahr machen konnte, hob die Dame eine Hand ans Ohr. Sie nickte, während sie einer Nachricht lauschte, und richtete dann ihren kalten Blick auf Ethan und sprach: „Sie können nun hinein.“

Wie satt er solche Spielchen hatte. Wenn er vor fünfzehn Minuten angekündigt hätte, dass er gehen würde, hätte man ihm viel früher Einlass gewährt. Ethan steckte seinen Blackberry ein und zupfte seine Hosenbeine zurecht. Für den perfekten Auftritt schob er noch seine Manschetten zurück, sodass seine Armbanduhr hervorblitzen konnte. Und er atmete tief durch: Ethan Hartwell, Doktor der Medizin und MBA, in dritter Generation Präsident von Hartwell Genetics und der begehrteste Junggeselle in Washington, D. C. – das dritte Jahr in Folge.

Er musste einen klaren Kopf bekommen, bevor er ins innerste Zentrum der Macht eintrat.

Die Tür öffnete sich lautlos. Ethans elegante schwarze Schuhe gruben sich tief in den hellen Teppichboden, während er das Zimmer durchquerte. Er ignorierte die gerahmten Fotos an den Wänden, Fotos mit dem Präsidenten und mit Führungspersönlichkeiten der ganzen westlichen Welt. Wie schon oft zuvor schritt Ethan auf den imposanten Thron hinter dem Schreibtisch zu.

Er beugte sich hinunter und hauchte einen leichten Kuss auf die Wange, die nach Babypuder und Flieder roch. „Guten Morgen, Großmutter“, sagte Ethan.

Margaret Hartwells Augen glitzerten, während sie ihn zu einem ihrer unbequemen schweren Stühle winkte. „Trinkst du ein Tässchen Tee mit mir?“

Ethan unterdrückte ein Seufzen. Es würde länger dauern, mit ihr zu diskutieren. Zuerst goss er ihr Tee ein – zwei Stück Zucker in ihre Tasse und ein großer Schluck Milch dazu – und dann sich selbst. Er mochte seinen Tee schwarz, stark und bitter. Fest entschlossen, die Unterhaltung mit ihr zu einem Ende zu bringen und zurück an seine Arbeit zu gehen, setzte er an: „Großmutter …“

„Ich habe heute Morgen die Zeitung gelesen, bevor ich ins Büro kam“, unterbrach sie ihn.

Auch Ethan hatte auf der Fahrt zur Arbeit das Wall Street Journal und die Financial Times überflogen. „Die neue Behandlungsmethode ist erfolgreich“, meinte er. „Wir sollten nächsten Monat die nächste Versuchsphase beginnen.“

Als ob seine Großmutter Aufklärung über pharmazeutische Entwicklungen bräuchte! Als frühere Präsidentin von Hartwell Genetics und derzeitige Vorstandsvorsitzende verfolgte Margaret Hartwell Nachrichten aus der Welt der Medizin wie eine gefräßige Wölfin. Vielleicht konnte sie ihn deshalb so leicht verärgern – sie waren einander schlicht zu ähnlich: ehrgeizig, entschlossen und geradezu verbissen, wenn es um neue Geschäftsideen ging.

„Davon spreche ich nicht“, erwiderte sie bissig. „Ich spreche von den Klatschseiten.“

Ethan hob fragend eine Augenbraue. Seine Großmutter und er mochten geschäftlich an einem Strang ziehen, aber was sein Privatleben betraf, gingen ihre Meinungen weit auseinander. „Groß­mutter, diese Diskussion hatten wir bereits. Du weißt, dass ich nicht kontrollieren kann, was die Zeitungen drucken.“

Sie setzte ihre Teetasse bestimmt ab. „Du hast jedoch Kontrolle darüber, welchen Stoff du diesen Idioten lieferst. Ich habe es dir bereits zig Mal gesagt: Dein Verhalten hat direkte Auswirkungen auf dieses Unternehmen!“

Er schob seine Teetasse von sich. „Ich glaube kaum, dass es unsere Gewinne im zweiten Quartal beeinflusst, wenn ich auf dem Dach eines Hotels Sekt trinke.“

„Sie ist ein Revuegirl, Ethan!“

Er lachte und stand auf. „Es gibt keine Revuegirls mehr, seit du auf deinem ersten Ball getanzt hast, Großmutter. Natasha ist Schauspielerin. Und mach dir keine unnötigen Sorgen. Sie ist heute Morgen nach Kalifornien zurückgeflogen!“

Es hätte ihn nicht überraschen dürfen, wie hart seine Großmutter klang. Er wusste, dass er die schlechtesten Seiten an ihr hervorbrachte – und umgekehrt. Plötzlich fühlte er sich wieder wie der kleine verlassene Junge, der gehörig zurechtgewiesen worden war ‒ von der einzigen Verwandten, die überhaupt noch da war, um sich um ihn kümmern zu können.

Und zugleich stand er als 33-Jähriger vor der Vorstandsvorsitzenden.

„Ethan, es reicht endgültig. Deine Partys und Frauen ziehen diese Firma in ein Jammertal. Sie lenken dich ab. Und dabei machen sie dich nicht einmal glücklich.“ Seine Großmutter starrte ihn mit dem unnachgiebigen Blick an, der schon Tausende von Geschäftsabschlüssen besiegelt hatte. „Ethan, ich will, dass du spätestens bis zu meinem Geburtstag verheiratet bist.“

Er quittierte ihre Bemerkung mit einem Lachen.

„Ich scherze nicht!“ Sie lehnte sich nach vorne. Plötzlich fielen Ethan die tiefen Fältchen um ihren Mund und die Tränensäcke unter ihren Augen auf.

„Großmutter“, sagte er, um einen beruhigenden Tonfall bemüht. „Ich bin erwachsen. Ich entscheide, wann es Zeit ist zu heiraten.“

„Ich wünschte nur, das könnte ich glauben.“ Ihre Stimme wackelte, und er begann sich ernsthaft Sorgen zu machen. „Ich habe versucht, geduldig zu sein, Ethan, aber ich habe große Angst, dass unsere Familie aussterben wird.“ Sie hob eine zittrige Hand, um seinen Protest abzuwehren. „Ich weiß ja, dass du Angst hast. Aber wir können jetzt testen. Wir können sicherstellen, dass deinen potenziellen Kindern eine Genmutation erspart bleibt.“

Er hatte seine Großmutter noch nie weinen gesehen. Nicht beim Tod von Ethans Geschwistern. Nicht, als die Ehe von Ethans Eltern an der Trauer zerbrach. Nicht, als die Verantwortung für das Unternehmen an ihr hängen blieb, das ursprünglich gegründet worden war, um nach einer Behandlungsmöglichkeit für ein wohlbehütetes Familiengeheimnis zu forschen, einen Gendefekt, der in eine Krankheit münden konnte. Und nicht, als sie ihren Ehemann nach einundfünfzig Jahren verlor.

Aber jetzt weinte sie tatsächlich.

„Du hast eine Verantwortung, Ethan. Gegenüber der Familie Hartwell und gegenüber der Firma. Und dir selbst gegenüber. Es wird Zeit, dass du sesshaft wirst.“ Sie hatte anscheinend den reflexartig aufkeimenden Protest in seinem Gesicht gelesen. Denn sie richtete sich auf und starrte ihn aus haselnussbraunen Augen an. „Wenn du nicht gewillt bist, bleibt mir nichts anderes übrig, als vom Vorstand zurückzutreten und meine Anteile an Hartwell Genetics zu übertragen.“

Ihre Anteile waren groß genug, um nahezu jede Unternehmensentscheidung zu beeinflussen. Wenn jemand anders diese besäße, müsste Ethan regelrecht kämpfen, um das Geheimnis seiner Erbanlagen nicht zu verraten und die Forschung dennoch in seinem Sinne weitertreiben zu können. Er würde unweigerlich viele Stunden darauf verschwenden müssen, sich bei neuen Geschäftspartnern einzuschmeicheln, und unter neuer Führung würden seine langfristigen Pläne vielleicht nie wahr werden.

„Das meinst du nicht so!“, sagte er.

„Doch! Ich muss wissen, dass ich irgendetwas aufgebaut habe, das bleibt, Ethan, etwas, das mich überlebt.“ Er konnte jedes ihrer neunundsiebzig Jahre in ihrer Stimme hören. „Ethan, es ist einfach wichtig für mich zu wissen, dass du deiner Pflicht nachkommst. Dass du Hartwell Genetics durch die nächsten fünfzig Jahre führst. Wenn du mir das nicht beweisen kannst – wenn du bis zum 5. Januar nicht verheiratet bist –, dann feiere ich meinen Achtzigsten damit, meine gesamten Anteile an die American Foundation for the Advancement of the Arts zu übertragen.“

AFAA. Das Lieblingsprojekt seiner Großmutter.

Es war sogar schlimmer, als er vor wenigen Augenblicken noch gedacht hatte. Die AFAA hatte keinerlei Interesse an Medizin. Solch einen großen Anteil an Aktien würde die Stiftung nur als konservatives Investment betrachten. Und mit Freude würde sie jede von Ethans Entscheidungen infrage stellen.

Ethan seufzte. Er hatte vor zwei Monaten seine Großmutter zur jährlichen Versteigerung der Stiftung ins luxuriöse Eastern Hotel begleitet, von wo aus man Aussicht auf das Washington Monument hatte.

Er schluckte. An jenem Abend hatte er der Auktionatorin einen Drink spendiert und dann im Penthouse des Hotels eine Suite gebucht.

Sloane. Sloane Davenport.

Er sah noch immer Sloanes unsicheres Lächeln, während sie zugab, so etwas noch nie zuvor getan zu haben – mit einem Mann mitzugehen, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Er hatte ihr Geständnis unterbrochen, indem er sie geküsst hatte, ohne sich eingestehen zu wollen, wie anziehend er ihre Unschuld und ihre Schüchternheit fand.

Seit der Auktion hatte er unzählige Male zum Telefonhörer gegriffen, aber doch nie ihre Nummer gewählt. Er wollte das Bedauern in ihrer Stimme nicht hören, wenn er sich meldete. Und er wollte nicht über die Unterhaltung nachdenken, die sie im Dunkeln geführt hatten – etwas schläfrig und ganz entspannt, noch lange, nachdem ihre Körper erschöpft waren. Er wollte sich auch nicht daran erinnern, wie er alleine aufgewacht war und neben ihm auf dem Kissen nur noch ein Hauch ihres Parfums lag.

Er räusperte sich und mahnte sich, die eine Nacht zu vergessen, die aus der endlosen Reihe von One-Night-Stands im letzten Jahr herausstach. „Die AFAA!“, brachte er schließlich hervor.

Die Augen seiner Großmutter glitzerten, als sie einen dicken Umschlag auf den Schreibtisch legte. „Ich habe die Papiere hier, Ethan. Zach hat sie für mich bereits aufgesetzt.“

Zach Crosby. Ethans bester Freund. Und der Anwalt seiner Großmutter.

Ethan machte kehrt, ohne sich um seine Großmutter zu kümmern oder den abschätzigen Gesichtsausdruck ihrer Sekretärin. Ihm blieben sieben Monate, um eine Frau zu finden. Er hegte keinerlei Zweifel daran, dass seine Großmutter ihre Drohung wahr machen würde, wenn er keine finden sollte. Dessen war er sich absolut sicher. Sie liebte ihn und sie würde alles tun, was sie für nötig hielt, um ihn aus ihrer Sicht zu retten. Auch, wenn er gar nicht gerettet werden wollte.

Sloane Davenport schnappte nach Luft, als ihr Bildschirm flackerte, einen Schreckensmoment lang blau aufleuchtete und als dann der Computer seinen Geist aufgab. Verdammt! Das passierte heute schon zum dritten Mal! Und sie konnte nun nicht überprüfen, ob ihre E-Mail gesendet worden war. Und ob ihr Lebenslauf an den zukünftigen Arbeitgeber hinausgegangen war. Und ob sie es endlich aus der misslichen Lage schaffen würde, in der sie sich befand.

Langsam stand sie auf und massierte ihren unteren Rücken. Der dumpfe Schmerz war wiedergekommen. Sie verzog das Gesicht und nahm sich eine Salzstange. Übelkeit stieg in ihr hoch, aber sie zwang sich dazu, langsam zu kauen und ein ganzes Glas Wasser zu trinken.

Zweieinhalb Monate waren vergangen. Mit der Morgenübelkeit sollte es jetzt allmählich vorbei sein. So stand es zumindest in dem Buch mit den vielen Eselsohren, das sie wie eine Bibel griffbereit auf dem Tisch liegen hatte.

Sie zuckte mit den Schultern und griff nach den Papieren neben ihrem PC. Rechnungen. Glücklicherweise zahlte sie noch mit Überweisungen – so konnte ihr Computer diese nicht auch noch ruinieren.

Nicht dass dieses Papier irgendein Trost wäre, aber immerhin hatte sie die Miete pünktlich bezahlen können. Ihr Studienkredit war allerdings eine andere Sache. Sie hatte eine geringe Summe abbezahlt und einen Zettel dazugelegt, dass sie mehr abbezahlen würde, sobald sie dazu in der Lage war.

Als ob das demnächst eintreten könnte! Die Ausgaben für das Baby hatten gerade mal begonnen, und Sloane war es jetzt schon zu viel. Bald musste sie neue Kleidung kaufen. Noch sah man nichts, aber bis es so weit sein würde, waren es höchstens noch ein paar Wochen.

Sie würde auch gute Lebensmittel kaufen müssen, sobald sie mehr als nur Salzstangen und Nudeln im Magen behalten konnte. Erst einmal hoffte sie, dass ihre teuren Schwangerschaftsergänzungsmittel ausreichten. Sie warf einen Blick auf die weiße Flasche auf dem Küchenbord.

Und sie musste Geld für einen Arzt zusammenkratzen.

Den ersten Arztbesuch hatte sie noch geschafft, bevor ihre Versicherung ausgelaufen war. Aber inzwischen waren zwei Monate vergangen – und sie schuldete sich und dem Baby diese zwei versäumten Besuche. Sie versuchte sich zwar zu überzeugen, dass sie warten konnte, bis sie einen neuen Job hatte, aber mit jedem Tag, der verging, ohne dass ihre Bewerbungen Erfolg hatten, wuchs ihre Angst.

Sie strich über den dünnen Stoff ihres T-Shirts, unter dem in ihr das neue Leben heranwuchs. Wäre sie die Sache mit der AFAA anders angegangen, wenn sie gewusst hätte, dass sie schwanger war?

Sie errötete bei dem Gedanken daran, wie sie am Morgen nach der Auktion mit der U-Bahn vom Eastern Hotel nach Hause gefahren war. Sie war in den ungewohnt hohen Schuhen in ihre Wohnung hinuntergestöckelt. Sie war müde und verlegen, weil sie sich unbemerkt aus der Hotelsuite geschlichen hatte. Und trotz des Herzklopfens bei der Erinnerung an die Nacht davor erwischte sie sich dabei, wie sie dämlich grinste. Sie sang sogar unter der Dusche, während sie sich für die Arbeit fertig machte. Lächerliche Songs: Liebeslieder.

Ach, sie wusste, dass Ethan Hartwell sie nicht liebte. Er konnte sie nicht lieben. Er war berühmt und reich und das Klatschthema Nummer eins in der Stadt.

Aber da war etwas in seinem Blick gewesen, als er neben sie an die Bar gekommen war. Dort gönnte sie sich eine wohlverdiente Pause, nachdem sie die erfolgreichste Frühlingsauktion in der Geschichte der AFAA organisiert hatte. Und es hatte etwas in der Art gelegen, wie er ihr noch einen Cocktail bestellt hatte und wie er mit ihr flirtete.

Ja, sie hatte geflirtet …

Sloane seufzte bei dem Gedanken daran, wie leicht ihr die Worte über die Lippen gekommen waren. Dieses eine Mal im Leben war es ihr leichtgefallen, mit einem Mann zu reden, ihn zu necken und aufzuziehen. Leicht verwundert nahm sie wahr, wie Ethan sich zu ihr lehnte. Sie neigte den Kopf, sprach leiser und biss sich auf die Unterlippe. Als er einen Finger auf ihr Kinn legte und sie zu sich zog, fühlte sie, was vor ihnen lag. Plötzliche Hitze durchströmte sie.

Sie konnte den Whiskey auf seinen Lippen schmecken – das rauchige Aroma, das sich mit dem Zitronengeschmack ihres eigenen Drinks vermischte. Unbewusst sog sie noch mehr von seinem Duft in sich auf. Als seine Zunge die ihre berührte, war sie wie elektrisiert, und sie war froh, dass seine Hand auf ihrem unteren Rücken sie auf dem Hocker festhielt.

Eine Stunde, einen Cocktail und viel Geplänkel später wandte er sich an den Barkeeper und sagte etwas, das sie nicht verstehen konnte. Sie sah jedoch eine Kreditkarte aufblitzen und konnte wenig später beobachten, wie eine Schlüsselkarte von der einen in die andere Hand wanderte.

Er besiegelte seine Einladung mit einem weiteren Kuss, der ihre Knie zittern ließ. Sie fand ein paar geistreiche Worte, und dann war sie dankbar dafür, wie er sie zum Aufzug und in die Penthousesuite führte, die er sich anscheinend mühelos organisiert hatte.

Seine Sicherheit verlieh ihr das Selbstvertrauen, all das zu tun, was sie tun wollte. Sie brauchte sich nicht zu fragen, ob sie dieses sagen oder jenes tun sollte. Stattdessen vertraute sie ihrem Gefühl. Eine einzige perfekte Nacht lang fühlte sie sich mit einem Mann wohler als je zuvor, vertraute ihm voll und ganz. Es lag nicht nur an den wundervollen Dingen, die er mit ihr anstellte. Hinterher redeten sie tatsächlich noch stundenlang, lagen nebeneinander im Dunkeln und erzählten einander aus dem eigenen Leben. Alles fühlte sich so … richtig an.

Am Morgen hatte sie sich jedoch hinausgeschlichen, bevor er aufgewacht war. Frauen machten das so – zumindest im Film und in den Klatschblättern. Sie hatte sich weggeschlichen, zu Hause geduscht und war ins Büro gegangen. Für alles hatte sie weniger als eine halbe Stunde benötigt.

Dreißig Minuten, in denen ihr Chef auf sie gewartet und sich seine Wut bis zum Äußersten gesteigert hatte.

Wusste Sloane denn nicht, dass die AFAA ein Image aufrechterhalten musste? Projektleiterinnen bei der AFAA konnten sich nicht einfach mit berüchtigten Playboys abgeben, schon gar nicht in öffentlichen Bars, wo großzügige Spender ihnen dabei zuschauen konnten. Und Projektleiter der AFAA konnten auch ganz sicher nicht einfach mit ihren Eroberungen an einen ganz eindeutigen Ort verschwinden. Projektleiterinnen bei der AFAA durften den langfristigen Erfolg der seriösen Stiftung in keinem Fall gefährden.

Projektleiter der AFAA konnten ohne Zögern in Sekundenschnelle ersetzt werden.

Sogar jetzt noch, Wochen später, musste Sloane bei der Erinnerung daran das Gesicht aus Verzweiflung verziehen.

Bevor sie ihre Notizen einsammeln und damit zur Bibliothek – und dem funktionierenden PC dort – gehen konnte, klingelte es an der Tür. Sie fuhr überrascht auf, denn sie bekam nie Besuch. Als sie durch den Spion sah, fiel sie beinahe um.

Ethan Hartwell. Als ob sie ihn mit ihren Erinnerungen heraufbeschworen hätte.

Das war natürlich absurd. Sie hatte seit März beinahe ununterbrochen an diese Nacht gedacht. Die Gedanken alleine hatten Ethan bisher noch nie hierhergebracht.

Mit klopfendem Herzen fuhr sie sich durch die Haare. Gott sei Dank hatte sie diesen Morgen geduscht, sich die Zähne geputzt und sogar Zahnseide verwendet. Sie warf einen Blick hinunter auf ihr enges blaues T-Shirt, kämpfte eine Sekunde lang mit dem Knopf ihrer Hose und zog den Bauch ein. Er würde das Babybäuchlein noch nicht sehen können, oder? Niemand sah es, sagte sie sich.

Es klingelte wieder, lange und beharrlich. Sie spürte Widerstand in sich. Was wollte Ethan Hartwell von ihr? Warum war er gerade jetzt hier? Sie zog in Betracht, nicht zu öffnen. Er konnte schließlich anrufen, wenn er sie wirklich brauchte. Ihr Name stand im Telefonbuch.

Doch dann erinnerte sie sich an seine braunen Augen, die ihr im Eastern Hotel als Erstes aufgefallen waren. Sie dachte an seine sonore Stimme. Und an seine großen Hände, die sich auf ihre Hüften legten und …

Sie öffnete das doppelte Schloss genau in jenem Moment, als er die Hand hob, um zu klopfen.

„Ethan“, stellte sie fest, stolz darauf, dass ihre Stimme nicht wackelte und ihr Tonfall den richtigen Hauch Überraschung enthielt.

„Sloane.“ Er ließ die Hand sinken. Etwas loderte in seinem Blick auf. Er lächelte dann auf genau dieselbe umwerfende Art wie damals. „Darf ich reinkommen?“

Wortlos trat sie beiseite. Als er an ihr vorbeiging, nahm sie seinen Duft wahr – wie Pinien im Mondschein –, durch und durch männlich. Sie erwartete, wie derzeit gewohnt mit Übelkeit auf intensive Gerüche zu reagieren, war aber angenehm davon überrascht, dass ihr nicht schlecht wurde.

Ihr Körper reagierte jedoch durchaus. Ihre Lippen kribbelten, während sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie beinahe annahm, Ethan würde sich umdrehen und ganz verstört von dem Lärm auf ihren Brustkorb starren. Bei dem Gedanken an seinen Blick auf ihrer Brust regte sich noch mehr in ihr. Als sie spürte, dass ihre Brustspitzen hart wurden, verschränkte sie die Arme.

Mit einem gespielten Hüsteln fragte sie: „Möchtest du etwas trinken?“ Doch Kaffee war ausgeschlossen. Sie konnte ihrem unruhigen Magen nicht trauen in Anbetracht frischen Kaffeedufts. „Tee vielleicht?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, danke“, antwortete er. Er schritt auf ihre Couch zu, als ob er hier wohnte.

Sie lebte nun seit fast drei Jahren in dieser Wohnung. Aber in all dieser Zeit hatte sie nie wahrgenommen, wie klein das Apartment tatsächlich war und wie stickig. Er warf einen Blick in Richtung Schlafzimmer, und plötzlich stellte sie sich vor, wie er sie aufhob, um sie dann auf die zerwühlten Laken des Doppelbetts niederzulassen.

Sie ermahnte sich weiterzuatmen. Sie deutete auf das Wohnzimmer und sagte: „Es ist nicht ganz das Eastern, oder?“

Er ignorierte ihre Frage. „Du hast die Stiftung verlassen.“

Etwas an seinem Tonfall störte sie. „Ich wusste nicht, dass ich dazu deine Erlaubnis gebraucht hätte!?“

Er ging nicht auf ihren Sarkasmus ein. „Ich versuchte gestern, dich zu erreichen. Sie sagten, dass du vor zwei Monaten aufgehört hast zu arbeiten. Ich schätze, die Auktion war dein letzter kleiner Flirt?“

Sie wurde rot. Er konnte nicht wissen, dass die Nacht mit ihm etwas Besonderes für sie gewesen war. Ihre Verletzlichkeit ließ ihren Tonfall fordernd klingen. „Warum kümmert dich das? Warum wolltest du mich überhaupt anrufen?“

Im schwachen Licht wirkten seine braunen Augen schwarz. „Dein Name fiel in einer Unterhaltung, und ich fragte mich, wie es dir wohl geht.“

„Mein Name fiel in einer Unterhaltung“, sagte sie und kämpfte gegen das Kribbeln an, das Ungläubigkeit und Aufregung in ihr verursachten. „Nach zweieinhalb Monaten? Einfach so?“ Warum nur hatte ihre Stimme beim letzten Wort gewackelt?

Er trat einen Schritt auf sie zu und legte eine Hand auf ihren Arm. Sie wusste, dass sie ihren Arm wegziehen und einen sicheren Abstand hätte einhalten sollen, aber sie traute ihren plötzlich wackligen Knien nicht.

„Fangen wir noch einmal von vorne an“, sagte er. „Setz dich!“

Sie setzte sich und tat so, als ob es ihre eigene Idee gewesen wäre. Dabei war es ihr sehr recht, sich zurücklehnen zu können. Sie sehnte sich danach, ein Kissen vor ihren Bauch zu halten. Stattdessen faltete sie ihre Hände und versuchte ruhig zu werden, obwohl ihr Herz unaufhörlich laut pochte. Während er sich neben sie setzte, suchte sie nach etwas, das sie sagen konnte, irgendetwas, das normal klang.

Er sprach in sanftem Tonfall: „Wie weit bist du?“

Sie zupfte an ihrem T-Shirt. „Woher weißt du …?“

„Die Nahrungsergänzungsmittel.“ Er nickte Richtung Anrichte, wo das weiße Plastikfläschchen mit dem knalligen Aufdruck stand. „Das Buch.“ Sie errötete, als sein Blick auf den Couchtisch fiel. Er wiederholte: „Wie weit?“

„Zehnte Woche.“ Sie beobachtete ihn genau, während er rechnete, und erwartete, Zorn und Ablehnung in seinem Blick zu erkennen. Stattdessen jedoch war da etwas anderes, das sie nicht deuten konnte.

Er senkte die Schultern. „Ist es von mir?“

Sie nickte, plötzlich sprachlos. Die Hormone, dachte sie, als ihr die Tränen in die Augen stiegen. Dämliche Schwangerschaftshormone!

Wunderbar, dachte Ethan. Schon die zweite Frau, die er diese Woche zum Weinen gebracht hatte.

Damit hatte er nicht gerechnet. Nicht ein einziges Mal hatte er beim Gedanken an Sloane erwogen, dass ihre gemeinsame Nacht Folgen gehabt haben könnte. Ein Baby mit den Genen der Hartwell-Familie. Mit dem Potenzial für so viel Leiden, dass ihm der Atem stockte.

Sie hatten natürlich verhütet. Er war ja kein Idiot. Aber er war Arzt und kannte die Statistiken. Kondome versagten hin und wieder – in drei Prozent der Fälle. Drei Prozent! Nach einer langen Glückssträhne hatte er nun eine Niete gezogen.

Heute Morgen war er mit gemischten Gefühlen zu Sloane gefahren, entschlossen, seine Unabhängigkeit zu wahren, auch wenn er dem Befehl seiner Großmutter folgte. Er hatte gedacht, dass Sloane und er sich besser kennenlernen könnten. Immerhin war sie die einzige Frau, an die er noch gedacht hatte, nachdem er das gemeinsame Bett verlassen hatte. Die einzige Frau, der er je etwas hatte anvertrauen wollen. Alles anvertrauen. Darum hatte er sich natürlich gleich danach geschworen, sie nie wiederzusehen.

Aber jetzt brauchte er eine Frau. Eine Ehefrau sogar. Und angesichts des Ultimatums seiner Großmutter war ihm Sloane eingefallen.

Er hatte sich etwas vorgemacht, als er angenommen hatte, es würde einfach. Dass sie ein paar richtige Verabredungen haben könnten, die nicht im Bett endeten – auch wenn das schwierig werden könnte. Sich einfach ein bisschen besser kennenlernen.

Und nun war der Einsatz höher geworden. Viel höher. Und Sloane hatte nicht die geringste Ahnung, was vor sich ging. Sie hatte keine Vorstellung davon, welches Leid die Zukunft für sie bereithalten mochte. Ethan biss die Zähne zusammen. Es gab Tests. Daran hatte ihn seine Großmutter erinnert. Ab der vierzehnten Woche konnte man diese Tests machen.

Jetzt hatte er die Stille zu sehr ausufern lassen. „Bist du alleine hier?“

Sie nickte wieder. Er versuchte die Gefühle zu benennen, die sich in seine Erleichterung mischten: Freude und ein überraschend deutlicher Besitzanspruch. Sie war alleine. Damit meinten sie eigentlich beide: nicht gebunden.

„Gut“, brummte er.

Dieses Wort entfachte ein Feuer in Sloane. Klar, sie hatte davon geträumt, ihm die Neuigkeit mitzuteilen.

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