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Das Geheimnis des Millionärs

1. KAPITEL

Diese Tageszeit genoss Adrienne am meisten – die ruhigen Stunden am frühen Morgen, wenn sie das Haus ganz für sich allein hatte. Bevor die Maler und Handwerker kamen, um Wildhurst Grange zu seiner alten Pracht zu verhelfen.

Dann wanderte sie mit Bedacht von Raum zu Raum, stieß die Fensterläden auf und zog die Vorhänge beiseite, um die fahle Spätsommersonne hereinzulassen. In Gedanken malte sie sich aus, wie sie und Piers als Ehepaar hier zusammen lebten. Bald schon war es so weit! Sie konnte es kaum erwarten, nicht mehr nur die Innenarchitektin, sondern die Hausherrin zu sein. Und Piers’ Frau.

Allein die Vorstellung raubte ihr den Atem. Noch immer konnte sie ihr Glück kaum fassen. Wie wunderbar sich doch alles in ihrem Leben gefügt hatte.

Vor Jahren hatten sie sich auf Wildhurst Grange kennengelernt. Damals war Piers zu ihrer Rettung geeilt, als sie in Schwierigkeiten steckte. Und jetzt hatte das Haus sie wieder zusammengebracht. Nach dem Tod seines Onkels Angus Stretton hatte Piers das heruntergekommene Anwesen geerbt und nach einem Innenarchitekten für die Restauration gesucht.

Bald wären die Arbeiten fertig, und sie und Piers könnten als Mann und Frau in dem Haus leben. Damit schloss sich der Kreis.

Adrienne bedauerte nur, dass Piers die Verwandlung ihres zukünftigen Heims nicht miterlebte, weil er gerade in Portugal arbeitete.

„Es tut mir ja auch leid, Liebling“, hatte er ihr an ihrem letzten gemeinsamen Abend gesagt. „Aber es geht nicht anders. Abgesehen von den Kosten für die Renovierung wird auch der Unterhalt von The Grange eine Menge kosten. Dafür muss ich das nötige Geld verdienen. Schließlich wollen wir uns doch nicht mit der zweiten Wahl zufriedengeben. Für meine schöne Frau will ich nur das Beste.“

„Wir könnten doch Schritt für Schritt vorgehen und zuerst die Räume renovieren, die wir auch benutzen“, widersprach sie.

Doch Piers wollte nichts davon hören.

Also schrieb Adrienne ihm jede Woche ausführlich über die Fortschritte der Arbeiten, schickte Farb- und Stoffmuster, und er rief regelmäßig an, oder sie bekam E-Mails und Faxe.

Und vermisste ihn fürchterlich.

„Wenn die Firma aufgebaut ist, werde ich dich nie wieder verlassen“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert. „Und stell dir nur vor, was für ein großartiges Aushängeschild The Grange für dein Können bedeutet. Du wirst dich vor Aufträgen nicht retten können, sobald wir hier die ersten Gesellschaften geben.“

Adrienne hatte gelacht und sich an ihn geschmiegt, in Gedanken schwor sie sich, dass Wildhurst Grange immer zuallererst ihr Zuhause wäre, ihre ganz private Zuflucht.

Außerdem wusste sie gar nicht, ob sie eine zusätzliche Flut von Aufträgen bewerkstelligen könnte. Schon vor dem Wiedersehen mit Piers lief ihr Geschäft gut. Eigentlich war es ein Zwei-Frau-Unternehmen, bestehend aus ihr als Designerin und Zelda March, einer sagenhaft fingerfertigen und brillanten Schneiderin. Seit Gründung der Firma herrschte bei „A-Z Design“ kein Mangel an Aufträgen.

Dabei gehörte ein eigenes Innenarchitekturbüro nicht zu ihren Zukunftsplänen, als sie ihre Ausbildung begann. Genauso wenig wie die Rückkehr in das stille kleine Städtchen auf dem Land. Doch als ihre Mutter vor drei Jahren plötzlich gestorben war, änderte sich für Adrienne vieles …

Adrienne verließ London und realisierte, dass sie nun ganz allein auf der Welt stand. Allerdings erbte sie Listow Cottage und erhielt eine größere Geldsumme aus der Lebensversicherung ihrer Mutter. Das verschaffte ihr eine gewisse Unabhängigkeit.

Dennoch hatte sie zu dem Zeitpunkt keine Pläne – bis sie auf der Beerdigung Zelda traf. Früher waren sie in dieselbe Klasse gegangen, allerdings ohne sich besonders gut zu kennen, da Zelda als ausgesprochen rebellisches Mädchen galt. Ständig geriet sie in Schwierigkeiten mit der Polizei, wegen unerlaubten Rauchens, öffentlichen Alkoholgenusses und weil sie mit den Dorfjungen herumlungerte. In der Abschlussklasse überraschte sie dann jeden, weil sie den ersten Preis im Handarbeitswettbewerb gewann. Kurz darauf, noch keine siebzehn, ließ sie sich mit dem Automechaniker im Dorf ein und wurde schwanger. Die hastig geschlossene Ehe ging ebenso schnell wieder in die Brüche.

Erstaunt, Zelda bei der Trauerfeier ihrer Mutter zu sehen, lud Adrienne die ehemalige Klassenkameradin ins Cottage ein.

„Ich mochte deine Mutter sehr“, sagte Zelda, nachdem die anderen Trauergäste gegangen waren. Traurig sah sie sich in dem kleinen Salon um. „Erst vor ein paar Monaten habe ich diese Überwürfe und die Vorhänge für sie geschneidert.“

Äußerlich hatte Zelda sich nicht verändert, das kurze schwarze Haar stand ihr noch immer wild in alle Richtungen vom Kopf, aber während der Unterhaltung merkte Adrienne, dass sie viel reifer und ruhiger geworden war.

„Du arbeitest selbstständig?“

„Schön wär’s. Nein, ich bearbeite die Aufträge bei Beasley & Co. in Enderton, nur zahlen die nicht viel. Ich habe zwar versucht, zu Hause zu arbeiten, aber da ich wieder bei meinen Eltern lebe, reicht der Platz dafür einfach nicht. Zumal Smudge auch noch da ist.“

„Smudge?“

„So nenne ich meinen Sohn. Eigentlich heißt er Kevin, wie sein Vater. Aber an den möchte ich lieber nicht erinnert werden.“

„Kann ich mir vorstellen.“ Adrienne biss sich auf die Lippe. „Schade, dass du nicht selbstständig arbeiten kannst. Du bist wirklich gut.“

„Keine Chance“, winkte Zelda sofort ab. „Mein Dad dreht durch, wenn er die Nähmaschine hört. Und dass Smudge ihm ständig vor die Füße läuft, findet er auch nicht so toll. Also halte ich mich lieber bedeckt.“

Die kurze Unterhaltung ging Adrienne im Kopf herum. In den darauffolgenden Tagen stellte sie einen Geschäftsplan auf. In ihrer Heimatstadt gab es eindeutig eine Marktlücke. Beasley & Co. war keine wirkliche Konkurrenz, und im Umkreis von Meilen bot sonst niemand komplette Einrichtungspläne an. Wenn sie die ansässigen Handwerker unter Vertrag bekäme und mit Zelda als Partnerin …

Das passende Gelände bereitete ihr Probleme. Doch dann sah Adrienne sich auf Listow Cottage um. Das Cottage selbst war nicht groß, aber dahinter standen alte Ställe und Nebengebäude, seit Jahren unbenutzt. Sie ließen sich mit wenig Mühe in Arbeitsräume, ein Büro und sogar eine kleine Wohnung umwandeln …

„Meinst du das wirklich ernst?“, fragte Zelda ungläubig, als Adrienne ihr den Plan unterbreitete. „Das hört sich zu schön an, um wahr zu sein.“

„Jedes Wort.“ Adrienne nickte. „Die Wohnung hat zwei Zimmer, also genügend Platz für dich und Smudge.“ „Unsere eigene Wohnung“, flüsterte Zelda ergriffen. „Ein Traum wird wahr.“

Der Traum entpuppte sich jedoch bald als Albtraum. Bei den Renovierungsarbeiten tauchten unvorhergesehene Probleme auf, die Kosten überstiegen schnell das eingeplante Budget. Adrienne nahm eine Hypothek auf das Cottage und einen Privatkredit auf, und Zelda bestand darauf, die kleine Abfindung beizusteuern, die sie von ihrem Exehemann erhalten hatte.

Der Glaube an ihr Projekt beflügelte sie. Und vom ersten Tag an trudelten Aufträge ein, sie mussten sogar Hilfskräfte einstellen, um die Nachfrage befriedigen zu können.

„Vielleicht hätten wir gar nicht so klein anfangen sollen“, scherzte Adrienne, „sondern gleich ein Angebot für The Grange abgeben sollen.“

„The Grange steht nicht zum Verkauf.“ Zelda war in einen Katalog für Stoffmuster vertieft. „Eine Schande, dass ein so hübsches Haus leer steht.“

„Ja.“ Adrienne seufzte. „Als Kind war ich oft dort, wenn mein Vater und Mr. Stretton Schach gespielt haben. Dann habe ich in der Bücherei gesessen und gelesen oder im Park gespielt.“

„Ganz allein?“

„Nein, nicht immer“, sagte Adrienne nach einem kurzen Zögern. „Manchmal war Mr. Strettons Neffe da, Piers. Seine Mutter hatte wohl jemanden geheiratet, den ihre Familie nicht akzeptierte. Einen Brasilianer. Das führte zu einem ziemlichen Streit. Aber schließlich musste Mr. Stretton einsehen, dass Piers das Anwesen irgendwann erben würde, und hat ihn eingeladen. Auch wenn er nichts mit seinem Schwager zu tun haben wollte. Meine Eltern sagten, er verabscheue den Mann zutiefst und nenne ihn ‚von Grund auf verdorben‘.“

Zelda krauste die Nase. „Familien! Glaubst du, Mr. Stretton kommt zurück?“

„Nein, er ist wegen des Klimas nach Spanien übergesiedelt. Dabei gehört The Grange seit Jahren seiner Familie. Und Piers hatte er gerade erst richtig kennengelernt.“

„Vielleicht hält er ihn ja für ‚von Grund auf verdorben‘.“

„Niemals!“ Adrienne holte tief Luft. „Piers ist einer der nettesten Menschen, die ich je getroffen habe. Er hat mich einmal vor einer Lungenentzündung bewahrt. Oder noch Schlimmerem.“

Zelda legte den Katalog ab. „Wie das?“

„Es gab ein Baumhaus im Wald hinter dem Haus. Ich muss ungefähr neun gewesen sein und bin hinaufgeklettert. Jemand hat die Leiter weggenommen, und ich saß dort oben für Stunden fest, frierend und panisch vor Angst. Piers hat mich gefunden. Noch heute traue ich mich auf keine Leiter. Und das ist noch nicht alles“, fuhr sie fort. „Zu meinem achtzehnten Geburtstag hat Mr. Stretton eine Party für mich auf The Grange gegeben und mir eine Kette mit einem wunderschönen alten Granatanhänger geschenkt. Während der Party wurde die Kette gestohlen. Piers fand sie wieder, aber es war trotzdem schrecklich. Der Diebstahl hat die Party komplett überschattet.“

„Ein Hoch auf Piers!“, kommentierte Zelda trocken. „Was ist aus ihm geworden?“

„Kurz danach ist Mr. Stretton nach Spanien gegangen. Und Piers wohl nach Brasilien zurückgekehrt.“

„Schade. Wer hat übrigens die Kette gestohlen?“

„Einer der Dienstboten“, erwiderte Adrienne knapp. „Völlig unwichtig.“ Piers musste jetzt ungefähr zweiunddreißig sein, und der andere auch. Der, dessen Namen sie nie in den Mund nahm. Weil sie dann Albträume bekam …

Nun, das lag weit hinter ihr. Die Vergangenheit konnte ihr nichts mehr anhaben. Doch sie bereute es, dass sie die Tür zu den Erinnerungen nur einen Spaltbreit geöffnet hatte.

Irgendwann erreichte die Neuigkeit das Städtchen, dass Mr. Stretton in seiner spanischen Villa verstorben sei und in Spanien beerdigt werden würde. Trotzdem setzte der Vikar des Städtchens einen Termin für eine Totenmesse fest, und zu jedermanns Erstaunen tauchte Piers in der Kirche auf. Alle nahmen an, dass er gekommen war, um seinem Onkel die Letzte Ehre zu erweisen, und danach das Anwesen verkaufen würde …

Wir haben uns alle geirrt, dachte Adrienne mit einem Lächeln und ging den langen Korridor zur Hauptsuite entlang. Piers kam zurück, wir haben uns wiedergesehen, und plötzlich war alles anders und wundervoll.

Sie öffnete die Tür zum großen Schlafzimmer. Daran schlossen sich ein Ankleidezimmer und ein eigenes Bad, aber noch war der große Raum nicht möbliert. Der Geruch nach frischer Farbe hing in der Luft, das Parkett war abgeschliffen und neu versiegelt. Adrienne wünschte, Piers hätte die Möbel seines Onkels behalten. Dazu gehörten viele antike und sicherlich sehr wertvolle Stücke, vor allem aber hätten sie wunderbar in die Zimmer gepasst. Doch Piers wollte alles neu haben.

Allerdings hatte sie ein Bett gefunden, auf einer Versteigerung. Ein wunderbares Vierpfostenbett, das – von einem Fachmann restauriert und mit dem Behang, den Zelda nähte – ein Traum wäre.

Drei Monate noch, dachte sie. In drei Monaten werde ich mit Piers in diesem Bett schlafen, in einem cremefarbenen Satinnachthemd, nicht in diesem alten Morgenmantel, der schon bessere Tage gesehen hat. Mit weichem offenem Haar. Ich werde zum Fenster gehen und die Vorhänge beiseiteziehen, um die Morgensonne ins Zimmer zu lassen, und dann kehre ich zum Bett zurück und wecke Piers mit einem Kuss …

Noch beschleunigte nur ein Fantasiebild ihren Puls, doch das würde sich schon bald ändern.

Sie ging zum Fenster und sah hinaus in den Park, genoss den Ausblick, den sie so lieb gewonnen hatte …

… und schlug nach Luft schnappend die Hand vor den Mund.

Unten auf dem Rasen stand ein Mann und sah zum Haus auf. Ein Mann, ganz in Schwarz gekleidet, mit einem Umhang auf den Schultern, der ihm bis zu den Knöcheln reichte. Im Nebel des frühen Morgens wirkte er wie eine Gestalt aus einer anderen Zeit. Er stand so still, dass sie für einen Moment dachte, jemand hätte sich einen Scherz erlaubt und eine Statue auf den Rasen postiert, doch dann bewegte der Wind die Schöße seines Umhangs und fuhr ihm durch das dunkelblonde Haar.

Nein, es war ein Mann aus Fleisch und Blut, nur leider nicht Piers. Enttäuschung verdrängte den Schreck, gemischt mit Neugier. Wer war dieser Mann? Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Und was wollte er hier?

Viele Leute kamen, um The Grange zu besuchen, die meisten, um zu sehen, wie die Bauarbeiten vorangingen. Allerdings kamen die wenigsten um diese Tageszeit, und normalerweise meldeten sie sich vorher an.

Adrienne schluckte. Ein so früher Besucher konnte nichts Gutes im Schilde führen. Vielleicht ein Dieb auf Erkundungsgang? Sie hatte gehört, dass einige leer stehende Häuser bis auf den Putz ausgeräumt worden waren. Unten war bereits die neue Küche eingebaut, und in Angus Strettons Bücherei standen die deckenhohen Regale noch immer voller Bücher.

„Dieses Haus ist nicht unbewohnt“, stieß sie entschlossen aus. „Und du wirst hier nicht ein Stück ergattern.“

Sie rannte zur Tür und weiter den Korridor entlang, flog die breite Eichentreppe hinunter. Der Salon lag auf der Rückseite des Hauses, breite Flügeltüren führten auf die Terrasse und in den Park hinaus. Dorthin wollte sie, während sie den Schlüsselbund in der Tasche ihres Morgenmantels umklammerte.

Erst die kalten Terrassensteine unter ihren nackten Fußsohlen brachten sie zur Besinnung. Sie hielt inne und sah sich um. Die schwarz gekleidete Gestalt war verschwunden, aber dann hörte Adrienne einen Motor aufheulen. Der Eindringling musste seinen Wagen an der Seite des Hauses geparkt haben, wo man ihn nicht sehen konnte. Woher hatte er das gewusst?

Adrienne merkte plötzlich, dass sie die ganze Zeit den Atem angehalten hatte. Als nun der gesunde Menschenverstand wieder einsetzte, holte sie gierig Luft.

Was hatte sie sich nur gedacht? Wie eine Wilde hier herauszustürmen, nur mit einem Schlüsselbund bewaffnet und mit nichts als einem abgetragenen Morgenmantel bekleidet. Kaum die passende Ausrüstung, um einen Dieb zu stellen! Mit einem Ruck band sie den Gürtel fester. Wie gut, dass der Fremde verschwunden war.

Warum war sie nicht im Haus geblieben und hatte per Handy die Polizei alarmiert? Wie hatte sie nur so dumm sein und ein solches Risiko eingehen können?

Er hatte gewusst, dass sie hier war, das spürte sie. Er hatte sie am Fenster gesehen.

Aber das ist ja verrückt, schalt sie sich. Deine Fantasie geht mit dir durch. Wahrscheinlich handelte es sich um eine arme Seele, die die ganze Nacht durchgefahren und vor Müdigkeit in das falsche Tor eingebogen ist.

Einigermaßen beruhigt, ging Adrienne nach oben, um zu duschen und sich anzuziehen.

Beim Frühstück prüfte sie ihre Notizen für die heutigen Arbeiten. Die Handwerker mussten noch die Wandfliesen über der Küchenanrichte anbringen, in der Waschküche sollten heute die Anschlüsse installiert werden. Das frühere Blumenzimmer diente jetzt als Garderobe und sollte einen farbigen Anstrich bekommen, sobald der Putz trocken war. Fast alle Schlaf- und Gästezimmer erstrahlten bereits in neuem Glanz, bis auf den Raum, den sie mit ihrem Campingbett belegte.

Dort würde sie heute anfangen, die Tapeten abzuziehen, beschloss Adrienne. Die Arbeit mit dem Dampfgerät machte zwar viel Dreck, aber Spaß.

Als Piers ihr das Haus nach all den Jahren wieder gezeigt hatte, wäre sie bei seinem verwahrlosten Anblick fast in Tränen ausgebrochen. Solange Mr. Stretton noch hier lebte, war alles tadellos in Ordnung gewesen, doch nun blätterte der Putz von den Wänden, Wasser tropfte von den Decken, und es roch nach Schimmel.

„Vielleicht ist es einfacher, den Kasten abzureißen“, meinte Piers.

„Nein.“ Sie drückte seine Hand. „Wir richten es wieder her. Es wird so schön wie früher. Das verspreche ich dir.“

Und sie hielt Wort. Nach all den Jahren erstrahlte The Grange nun wieder. Fast alle Arbeiten, die nun noch anstanden, waren kosmetischer Natur, letzte Kleinigkeiten. Was bedeutete, dass die nächsten Rechnungen im Vergleich zu denen, die Adrienne gerade beglichen hatte, bescheiden ausfallen würden.

Sie hob das Dampfgerät und nahm die Tapeten in Angriff. Erst nach einer ganzen Weile fiel ihr auf, dass immer noch kein einziger Handwerker arbeitete.

Mit einem Stirnrunzeln wollte sie gerade ihr Handy zücken, als es klingelte. Erschreckt zuckte sie zusammen.

„A-Z Design“, meldete sie sich. „Guten Morgen.“

„Miss Lander? Gordon Arnold hier.“

Der Bauleiter. Adrienne atmete erleichtert durch. „Ich wollte Sie gerade anrufen, Gordon. Wo bleiben Sie denn? Ist etwas dazwischengekommen?“

„So könnte man sagen.“ Die Stimme am anderen Ende sprach langsam und vorsichtig. „Es gibt ein Problem.“

Doch nicht schon wieder mit dem Lastwagen? Gordon sollte sich endlich ein Transportmittel anschaffen, das auch funktionierte! „Dann finden Sie schnell eine Lösung“, sagte sie knapp. „Hier gibt es nämlich noch viel zu tun.“

„Sehen Sie, das ist es ja.“ Gordon klang seltsam verlegen. „Wir haben unsere Arbeit gemacht, und Sie haben uns bezahlt, wie immer. Nur … dieses Mal hat die Bank die Schecks platzen lassen.“

Adrienne erstarrte, ihr war plötzlich eiskalt. Aber sie nahm sich zusammen. „Da muss jemand einen Fehler gemacht haben.“

„Das habe ich mir auch gesagt. Ein Fehler.“ Er klang jetzt fast eifrig. „Also bin ich zur Bank gegangen, aber die wollten nicht mit mir reden, sondern meinten, ich müsse mich an Sie halten.“

„Ich werde mit der Bank reden. Wahrscheinlich ist irgendetwas mit dem Computer schiefgelaufen.“

„Ja, bestimmt. So was passiert ja häufig. Aber … solange nicht sicher ist, ob wir bezahlt werden, können wir natürlich nicht weiter für Sie arbeiten, Miss Lander. Schließlich warten noch andere Aufträge auf uns.“

„Ja, natürlich. Ich regle das sofort, Gordon. Also, bis dann“, sagte sie zuversichtlicher, als sie sich fühlte, und klappte das Handy zusammen.

Ein Fehler, ein Missverständnis. Es konnte gar nicht anders sein. Doch plötzlich tauchte wieder das Bild der schwarz gekleideten Gestalt auf dem Rasen vor ihr auf, wie ein böses Omen.

Sei nicht albern, ermahnte sie sich. Du gehst jetzt zur Bank und klärst die Sache.

Für die Geldangelegenheiten nutzten Piers und sie ein einfaches System. Er hatte bei der Bank ein Konto auf ihren Namen eröffnet, für das sie die alleinige Vollmacht und das Scheckbuch besaß. Jeden Monat schickte sie ihm eine genaue Aufstellung der Kosten, und er deponierte eine ausreichende Summe auf dem Konto, damit sie die Rechnungen begleichen konnte.

„Du bist zu vertrauensselig“, neckte sie ihn.

„Ich liebe dich“, erwiderte er. „Und wenn man liebt, vertraut man auch.“

Während der letzten vier Monate hatte dieses System reibungslos funktioniert. Ausgerechnet wenn die höchsten Rechnungen anstehen, muss es ins Stocken geraten, dachte Adrienne frustriert und startete den Jeep.

In der Bank herrschte reger Publikumsverkehr, und Adrienne beschlich das ungute Gefühl, dass man sie verstohlen anstarrte, während sie auf den Empfangsschalter zusteuerte. Wahrscheinlich formulieren sie schon die Entschuldigung, weil sie es verbockt haben, dachte sie und zuckte unmerklich mit einer Schulter.

„Oh, Miss Lander.“ Die Empfangssekretärin schaute sie perplex an. „Wir haben den ganzen Morgen versucht, Sie zu erreichen. Aber zu Hause bei Ihnen meldet sich nur der Anrufbeantworter.“

„Richtig.“ Das hörte sich ja fast wie ein Vorwurf an! „Ich übernachte auf The Grange, um die letzten Arbeiten zu beaufsichtigen.“ Nicht, dass es dich etwas anginge.

„Das erklärt es natürlich. Setzen Sie sich doch bitte einen Moment. Mr. Davidson möchte dringend mit Ihnen reden.“

Mit leicht unsicheren Knien ging Adrienne zu der Sitzgruppe, dankbar, dass sie sich setzen konnte. Das klang nämlich keineswegs nach der Einleitung für eine unterwürfige Entschuldigung, im Gegenteil.

Adrienne wünschte, sie hätte sich umgezogen. Rock und Bluse oder ein Kleid, elegante Pumps und Make-up. Denn inzwischen machte sich das mulmige Gefühl in ihrem Magen breit, dass sie alle Hilfe brauchen könnte. Und in ihrem momentanen Aufzug sah sie wie knapp sechzehn aus.

„Miss Lander?“ Mr. Davidson kam zu ihr. „Kommen Sie bitte mit ins Besprechungszimmer.“ Ein schmales Lächeln und ein kurzer Blick. Als sie das Konto eingerichtet hatten, war seine Reaktion um einiges begeisterter gewesen.

Nicht zum ersten Mal wünschte Adrienne, Piers hätte das Baukonto bei ihrer Bank eröffnet, wo man sie kannte und schätzte.

Mr. Davidson schloss die Tür hinter ihr, und Adrienne nahm auf dem Stuhl Platz, auf den er zeigte.

„Mr. Davidson, ich musste soeben erfahren, dass Ihre Bank einige meiner Schecks zurückgewiesen hat.“

„Mir blieb nichts anderes übrig, Miss Lander. Das Konto ist leider nicht gedeckt.“

Ihre Kehle schnürte sich zu, das Herz begann schnell zu pochen. „Dann hat sich die Einzahlung wohl aus irgendeinem Grund verzögert“, sagte sie mit erzwungener Ruhe. „Vielleicht könnten Sie eine gewisse Kulanz zeigen, bis ich mit meinem Verlobten gesprochen habe.“

„Ich fürchte, mir sind die Hände gebunden, Miss Lander. Uns wurde mitgeteilt, dass keine weiteren Einzahlungen auf dieses Konto eingehen. Hat Mr. Mendoza Sie denn nicht informiert?“

„Keine Einzahlungen mehr?“ Ihre Lippen fühlten sich taub an. „Aber das ist doch unmöglich!“

„Leider nicht, Miss Lander.“ Er hielt inne und schien seine Worte mit Bedacht zu wählen. „Und ich muss Ihnen noch eine schlechte Nachricht überbringen. Ich habe soeben erfahren, dass Mr. Mendoza nicht mehr der Eigentümer von Wildhurst Grange ist. Er hat das Anwesen an eine Immobilienfirma verkauft.“

Der Raum schien sich plötzlich zu drehen, in Adriennes Ohren summte es laut. „Unmöglich, das kann nicht sein. So etwas … so etwas würde er nie tun. Nicht, ohne mir etwas davon zu sagen …“

„Ich kann Ihnen leider nichts anderes mitteilen. Der Eigentümer der Firma sitzt in diesem Augenblick in meinem Büro, um … Miss Lander, wo wollen Sie denn hin?“

Adrienne stürmte hinaus, zum Büro des Bankmanagers. Noch während sie die Tür aufstieß, ahnte sie, wen sie in dem Zimmer erblicken würde – und fürchtete sich davor, recht zu haben …

Er stand beim Fenster, groß und beeindruckend, in eleganten schwarzen Hosen mit passendem Rollkragenpullover aus feinster Wolle. Der lange schwarze Umhang lag achtlos über einer Stuhllehne. Das dunkelblonde Haar war perfekt gekämmt und reichte ihm bis in den Nacken. Ein schmales Gesicht mit markanten Zügen, einem kräftigen Kinn und vollen Lippen. Die Augen, mit denen er sie jetzt ansah, waren grau wie die Nordsee und strahlten ebenso viel Kälte aus.

Und eine Wange verunzierte eine kleine dreieckige Narbe.

Adrienne kannte diese Narbe. Schließlich verdankte er sie ihr. Damals war sie neun, halb erfroren und zu Tode verängstigt. Weil er sie absichtlich auf einer wackeligen Plattform in einem hohen Baum gefangen hielt, damit sie dachte, dass sie dort oben sterben würde.

Also nahm sie einen Stein und warf nach ihm. Er zog zwar rechtzeitig den Kopf ein, doch der Stein traf ihn an der Wange. Und als sie das Blut über seine Wange laufen sah, war sie froh, denn sie hasste ihn, und er verdiente ...

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