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Das Geheimnis des Loslassens

MASTER HAN SHAN

DAS GEHEIMNIS
DES LOSLASSENS

DER SCHLÜSSEL ZU WAHREM GLÜCK
UND INNEREM WOHLBEFINDEN

BASTEI ENTERTAINMENT

Sich von Wünschen, Ängsten und Vorstellungen zu befreien und
damit sich selbst zu besiegen, ist wohl die größte Herausforderung,

die jeder einzelne Mensch in diesem Leben annehmen kann.

Umso kraftvoller ist aber auch die intensive Wahrnehmung des

tiefen inneren Glücks, das wir verborgen in uns tragen, und

das durch das Festhalten an eben diesen Wünschen,

Ängsten und Vorstellungen zugedeckt ist.

HAN SHAN

VORWORT

Wir alle haben unsere Vorstellungen vom Glück, sie sind so vielzählig und unterschiedlich wie wir Menschen selbst. Am dringlichsten wünschen wir uns, dass unsere Grundbedürfnisse erfüllt sind – Wasser, Nahrung, ein Zuhause. Sobald diese gestillt und selbstverständlich für uns sind, verlangt es uns nach mehr, und unsere Wünsche differenzieren sich. Wir suchen nach einer Arbeit, die uns mehr einbringt als einfach Güter, sehnen uns nach abwechslungsreichem Essen, einem komfortableren Zuhause. Unsere Bedürfnisse wachsen und wachsen; woran immer wir uns gewöhnen, macht uns in der Regel schon bald nicht mehr glücklich, auch wenn es uns noch so erstrebenswert erschien, bevor wir es besaßen.

Auch immaterielle Güter wie Gesundheit, Freude an der Arbeit, Partnerschaft und Kinder, Kunst und Musik, ein gutes Buch, Erkenntnisse und gedankliche Höhenflüge schaffen Wohlbefinden. Doch selbst wenn wir uns all dies erfüllen können, sind wir nie auf Dauer zufrieden.

In wachsamen Momenten empfinden wir Glück über unsere Errungenschaften, doch einen Atemzug später nimmt uns die Welt um uns herum erneut gefangen. Es ist eine leise Art von Gier, die uns antreibt. Verlieren wir gar eines oder gleich mehrere dieser Dinge – werden krank, arbeitslos, verlassen –, erinnern wir uns schmerzlich daran, welches Glück wir doch hatten … und finden uns schon bald in demselben Kreislauf wieder, um das verloren geglaubte Stück vom Glück zurückzuholen, uns zu sichern und möglichst noch zu übertrumpfen. Vielleicht erkennen wir, dass alles vergänglich ist, doch meist verdrängen wir diesen Gedanken, mit dem wir nie umzugehen gelernt haben, und überdecken ihn mit weiteren sogenannten Glücksobjekten.

Das Glück kommt gar nicht mehr mit in unserer schnelllebigen Zeit. Neben unserer Sucht nach mehr, schöner, schneller, bequemer ändert sich auch unsere Vorstellung vom Glück. Wer als Jugendlicher durch die Welt reist, wird dies heute anders tun als in späteren Jahren. Was uns gestern als Luxus galt, kann schon morgen schal schmecken. Unsere Träume werden übertüncht von den Parametern unserer Gesellschaft, die sich ständig wandeln. Wir hasten unseren Vorstellungen vom Glück hinterher. Schon morgen kann der Besitz, in den wir über Jahre hinweg investiert haben, uns einengen, weil wir plötzlich frei sein wollen. Der Beruf, den wir unbedingt erlernen wollten, beginnt uns zu langweilen, oder wir fragen uns, ob wir unser Leben tatsächlich mit unserem Partner auf Dauer teilen können.

Wir schmieden neue Träume vom Glück und immer neue, rennen ihm hinterher, investieren Unmengen von Zeit, um uns kurze Vergnügungen leisten zu können, die ebenso vergänglich sind wie all unsere Vorstellungen vom Glück. Hinzu kommen die Gepflogenheiten unserer Gesellschaft, Werbung, Marketing- und Verkaufsstrategien mit ihren künstlich geweckten Wünschen, die sich direkt an menschliche Eigenschaften wie Gier und dem Vergleichen mit anderen richten. Und nicht zuletzt an unser Bedürfnis nach Sicherheit. Wer einen Unfall hatte, wird Zeit und Geld investieren, um sich einen sichereren Wagen kaufen zu können. Produkte wie Lebens- und Sterbeversicherungen sind dazu angetan, das Wesen der Vergänglichkeit unseres Seins zu verdecken. Und nicht zuletzt arbeiten wir hart, denn unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir und glücklich und sorgenfrei leben …

Betrachten wir das, was Menschen über die Zeiten und Kulturen hinweg glücklich macht, so wird erkenntlich, dass sowohl die Vorstellungen vom Glück als auch die Objekte des Glücks sich ständig wandeln.

Dies hat so lange Gültigkeit, wie wir unser Glück vom Außen abhängig machen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir bescheiden sind oder immer mehr haben wollen. Ein Mensch, der im Alter sein einziges Glück in seinen Enkeln sieht, wird ebenso bitter enttäuscht sein, wenn diese wegen Freunden und Schule weniger Zeit mit ihm verbringen, wie der Geschäftsmann, der sein Leben der Firma gewidmet hat und zusehen muss, wie eine wirtschaftliche Krise seinen Besitz zerschlägt.

Alles um uns herum unterliegt der Vergänglichkeit. Menschen, die unser größtes Glück bedeuten, können sterben – oder sich verändern. Häuser werden baufällig, Kleider kommen aus der Mode, Autos rosten, Werte verfallen. Musik und Kunst können ein Gefühl von Erhabenheit in uns schaffen – solange wir sehen und hören können. Und wenn es uns glücklich macht, anderen zu helfen, sind wir dann nicht letztendlich abhängig vom Unglück anderer?

Glück im Außen ist niemals permanent. Je mehr wir uns gegen diese Wahrheit stemmen, desto weniger kann wahres Wohlbefinden zum Tragen kommen.

Doch was ist inneres Glück, was ist wahres Wohlbefinden? Wo können wir es finden und wie? Was bleibt, wenn wirkliches Glück weder im Außen noch in vergänglichen Personen und Dingen festgemacht werden kann?

Richten wir den Blick nach innen, auf den gegenwärtigen Augenblick. Wer sind wir wirklich? Unsere Gedanken, unsere Gefühle? Oder ist da etwas anderes?

Achtsamkeit gegenüber unserem Denken, Fühlen und Handeln versetzt uns in die Lage, all die falschen Vorstellungen vom Glück als solche zu identifizieren – wie aufgesetzte Wünsche und Ideen, die sich ständig wandeln, mit instinktiven Gefühlen wie der Gier einhergehen und unser wahres Wesen überlagern. Je mehr sich unsere Achtsamkeit schärft, desto klarer erkennen wir diese Überlagerungen, lernen, sie loszulassen und so die reine Energie in uns zum Tragen kommen zu lassen. Wer immer sich auf den Weg begibt und diese Energie spürt, erkennt, was wirkliches Wohlbefinden bedeutet – und dass wir es alle in jedem Moment in uns tragen. In uns, wo niemand und nichts es uns nehmen kann, was immer im Außen mit uns geschieht. Die Essenz unseres Seins ist es, die uns wahrhaft glücklich macht.

Achtsamkeit ist der Generalschlüssel, der das Schloss zu wahrem innerem Glück öffnet. Finden und umdrehen müssen wir ihn selbst.

Verborgen ist er in uns allen, in jedem einzelnen Augenblick.

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ACHTSAMKEIT

Abbildung

Buddham saranam gacchami.

Dhammam saranam gacchami.

Sangham saranam gacchami.

Ich nehme Zuflucht zu Buddha.

Ich nehme Zuflucht zum Dhamma.

Ich nehme Zuflucht zur Sangha.

DIE INSEL DES HIMMELS

Alles Geschaffene ist vergänglich.

Strebt weiter, bemüht euch, unablässig achtsam zu sein.

BUDDHA

Da saß ich nun, auf meiner Insel. Ich ließ den Blick über das Wasser schweifen. Silbergrau breitete der Nong-Han-See sich rund um mich aus, dann und wann unterbrochen von kleinen Flecken Sumpfgras und Lotus. In der Ferne zogen Wasserbüffel durch den Morast.

Ich war angekommen.

All die Jahre meines Ingenieurstudiums, meine ersten Geschäfte in Singapur und später in ganz Asien und weiten Teilen der Welt, meine Ideen und meine Firmenphilosophie hatten mich letztendlich zu diesem Punkt meines Lebens geführt: nach Don Savan, auf die Insel des Himmels, weit im Osten Thailands gelegen.

Es war nicht die Abenteuerlust, die mich hergetrieben hatte. Ich war keiner von den Aussteigern, die alles hinwerfen und kurzentschlossen auf eine Insel ziehen, um einem alten Traum vom Glück nachzuhängen. Ein Autounfall hatte mich vier Wochen zuvor aus meinen neuesten Projekten gerissen. Ich war buchstäblich von der Überholspur des Geschäftslebens gedrängt worden, nachts auf dem Highway zwischen Singapur und Penang. Mein Jaguar hatte sich überschlagen und auf dem Dach liegend rotiert wie ein wahnwitziger Kreisel. Ein paar Umdrehungen mehr, und das aufgerissene Blech hätte sich in meinen Schädel gefräst. Doch mir war nichts geschehen …

Obwohl: In Wahrheit war sehr viel geschehen. Nichts war mehr so wie noch Minuten zuvor. Die Illusion des Lebens mit all ihren Scheinsicherheiten, dem angehäuften Besitz und dem Plan für eine erfolgreiche Zukunft hatte sich mir in einer Klarheit offenbart, die es mir unmöglich machte, das Spiel um Vergänglichkeiten weiterzutreiben.

Seit ich begriffen hatte, dass ich nichts von all meinen weltlichen Errungenschaften hätte mitnehmen können, wenn ich in dieser Nacht verunglückt wäre, und dass mich künftig nichts, wirklich nichts vor dieser Vergänglichkeit schützen konnte, gab es für mich keinen Weg mehr zurück ins Geschäftsleben. Wozu sollte ich Zeit in ein Unternehmen investieren, das mir in Wahrheit nichts einbrachte? Nichts außer den Spielzeugen des erfolgreichen Geschäftsmannes.

Fragen zu meiner wahren Existenz drängten sich mir auf, und sie ließen mich nicht mehr los.

Woher kam ich? Warum war ich da? Wohin würde ich gehen … und nicht nur ich allein, wir alle? Wie war unser Universum überhaupt entstanden? Gab es einen Sinn hinter dem Ganzen? Hinter all der Arbeit, die ich in den vergangenen Jahren geleistet hatte? Hinter meinem Leben?

Mir war klar, dass ich die Antworten auf all diese Fragen nicht von jemand anders übernehmen konnte so wie eine Firma. Ich war im Laufe meines Berufslebens einigen weisen Männern begegnet. Doch an Antworten aus zweiter Hand war mir nicht gelegen. Wahrheit kann man nicht kaufen, nicht in Form von Büchern, Seminaren, Ratschlägen. Ich ahnte, dass ich sie mir erschließen, sie in mir selbst würde finden müssen – doch wie?

Über Tage hinweg grübelte ich, während ich in meinem Büro am Schreibtisch saß und die anfallende Arbeit, wenn überhaupt, dann lustlos und automatisch erledigte. Welche Wege standen mir offen? Sollte ich für eine Weile die tägliche Belastung herunterfahren, um mehr Zeit für meine Suche zu haben? Doch wo sollte ich überhaupt beginnen? Sollte ich philosophieren, beten, meditieren? Wer stellte mir das Werkzeug zur Verfügung, um Antworten zu finden?

Ich lebte die meiste Zeit über in Singapur, diesem Schmelztiegel der Kulturen. Muslime, Taoisten, Buddhisten, Christen, Hinduisten, Sikhs und Juden hatten hier Wahrzeichen ihres Glaubens in Form von Moscheen, Tempeln, Kirchen und Synagogen errichtet. Türme gotischer Kathedralen ragten neben Minaretten in die Höhe; die Hindutempel mit ihren prächtigen Götterbildnissen standen in starkem Kontrast zu den schlichten Zen-Tempeln mit ihrer feingliedrigen Architektur und den kunstvoll angelegten Gärten.

Es wäre einfach gewesen, sich einem dieser Glaubenssysteme zu überantworten. Aber der Unfall hatte mich wachgerüttelt. Es reichte mir nicht zu glauben, Glauben kann niemals wahres Wissen ersetzen. Gewiss stellen die Religionen der Völker unserer Erde uns allen Werkzeuge zur Verfügung, um tiefe Erkenntnisse zu erlangen. Doch keine Institution kann einem die Suche nach der Wahrheit – der ultimativen Wahrheit – abnehmen.

Was also sollte ich tun? Es ließ sich nicht leugnen: Ich steckte inmitten einer Krise. Es war keine Krise der wirtschaftlichen Art, damit hatte ich in den vergangenen Jahren umgehen gelernt; es war vielmehr eine persönliche Krise, und sie war in ihren Auswirkungen auf mich so stark, dass ich nicht länger wie gewohnt funktionierte. Ich zwang mich förmlich dazu, in meine Firma zu gehen, und war nicht länger mit ganzer Seele bei der Sache. Schlenderte durch mein Penthouse, betrachtete all die ansprechenden Dinge um mich herum, die das Auge erfreuten, und empfand sie als nutzlos, überflüssig. In meinen persönlichen Beziehungen zu Freunden und Geschäftspartnern versuchte ich zu verbergen, was in mir vor sich ging. Ich war es gewohnt, Sicherheit auszustrahlen, und wollte mein Umfeld nicht in meine Sinnkrise hineinziehen.

Doch wenn ich ehrlich war, dann wusste ich buchstäblich nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Das Geschäft war immer mein Leben für mich gewesen, die Firma meine Familie, für die ich alles, wirklich alles gab. Doch selbst sie hatte mit einem Mal jede Wichtigkeit verloren. Nicht die Menschen, ich spürte dieselbe Verantwortung wie zuvor, doch ich ahnte, dass ich ersetzbar wäre.

Oft genug hatte ich beobachtet, was geschah, wenn jemand nicht ganz bei der Sache war – dann drohte Verlust. Ich wollte meine Firma nicht ihrer Stabilität berauben, dem wahren Kapital: der Qualität der Energie nämlich, die alle Beteiligten – der Firmenchef voran – in das Unternehmen einbringen. Ich hatte immer alles gegeben, das war der Hauptbestandteil meines Erfolgsrezepts gewesen. So jedenfalls konnte es nicht weitergehen.

»Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind«, hatte Einstein gesagt.

Ich musste heraus aus meinem gewohnten Umfeld, Raum für neue Impulse schaffen. Also traf ich die Entscheidung, mich für ein paar Tage völlig zurückzuziehen. Ich traf niemanden, tauschte mich mit keinem Menschen aus und meditierte stattdessen viel. Mir war klar, dass die Antwort auf die Frage, was ich denn mit meinem Leben anfangen sollte, in mir selbst lag. Ganz auf mich selbst konzentriert, fiel mir ein Spruch von Buddha ein:

Glaube niemals an etwas, nur weil du es gehört hast.

Glaube niemals an etwas, nur weil es jemand gesagt hat und viele es wiederholt haben.

Glaube niemals an etwas, das in heiligen Büchern geschrieben steht.

Glaube niemals an etwas, das weise Männer, Lehrer und deine Vorfahren dir als wahr beschreiben.

Glaube niemals an Traditionen, denn sie galten für andere Generationen.

Doch wenn du nach aller Beobachtung und Prüfung etwas gefunden hast, das dir als wahr gilt und das Gute in deinem gesamten Umfeld und darüber hinaus unterstützt, dann nimm es an und handle danach.

Noch gut entsinne ich mich an den Augenblick, als ich die Wahrheit dieser Worte begriff. Nicht glauben, sondern sich das Wissen erschließen, es selbst erfahren …

Ich ließ den Blick über den Wasserfall an der Wand meines Penthouse gleiten. Mit einem Mal zeichnete sich ein roter Faden im Strom meiner Ideen ab. Wenn aller Besitz nichts mit sich brachte außer der Erkenntnis, dass er vergänglich war, sollte ich ihn vielleicht ablegen. So, wie Bettelmönche in Thailand es taten. Loslassen … Statt anzuhäufen, das Leben mit weltlichen Gütern, Ideen, Gedankengebäuden zu überdecken, dies alles loslassen.

Der Schritt, den ich daraufhin tat, war in gewisser Weise radikal. Ich tat ihn ganz – ich behielt nichts, zumindest an weltlichen Gütern.

Kurz entschlossen überschrieb ich meine Firma an meine Geschäftsführer und spendete alle Besitztümer wohltätigen Organisationen.

Der Schritt von überdimensionalem Besitz hinein in das Nichts war immens, doch für mich fühlte er sich nur natürlich an. Tatsächlich empfand ich Erleichterung, als ich die notwendigen Formalitäten erfüllt und mich meiner Habe entledigt hatte.

Ein Laster mit tropischen Baumstämmen war mitten in der Nacht ohne ersichtlichen Grund ausgeschert, vielleicht war der Fahrer kurz eingeschlafen. Der Zusammenprall, das Sichüberschlagen meines Wagens, all die Gewalt und Zerstörung, die dieser eine Moment als Reaktion zur Folge gehabt hatte, hatten mein Leben grundlegend geändert. Nicht eine Sekunde war ich bewusstlos gewesen, hatte alles ungefiltert miterlebt – die Welt, die sich um mich drehte, während ich kopfüber in den Gurten hing und das Blut in meinen Schädel strömte, der Lärm von quietschenden Reifen, von berstendem Metall und splitterndem Glas, der Druck des Airbags, der mich in den Sitz presste, der Geruch des Blechs, das sich auf dem Asphalt rieb.

Ich war wachgerüttelt worden mit aller Kraft.

* * *

Und so war ich auf die Insel des Himmels gekommen, nicht mehr als Hermann Ricker, sondern als Mönch Ophaso.

Ich hatte nichts bei mir als meine drei Roben, ein Paar Slipper, ein Moskitozelt und einige wenige Dinge für den täglichen Bedarf. Und das tiefe Bedürfnis, wahres Wissen zu erlangen. Hell erleuchtet mit innerem Wissen – dies war die Bedeutung des Mönchnamens, den der Abt des nahen Tempels für mich ausgewählt hatte. Nichts hätte meinen Wunsch treffender beschreiben können.

Ich suchte mir einen Platz unter einem Baum. Sattes Nachmittagslicht fiel durch das Blattwerk. Um mich herum war nichts als Stille, unterbrochen nur vom leisen Plätschern der Wellen und dem Gesang der Zikaden.

Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf meinen Atem. Die Luft war schwül. Feucht vom nahen See.

Der Schlüssel zu wahrem Glück und Wohlbefinden war ganz in der Nähe. Ich musste ihn nur finden.

DER ATEM DES DRACHEN

Was uns in der westlichen Zivilisation ganz besonders fehlt, ist eine

aufrichtige, unabgelenkte und vorurteilsfreie Geisteshaltung,

in der sich Einsichten langsam entwickeln und zur Reife kommen

können. Diese Haltung kann nur durch stetige

Meditation geschaffen werden.

SOGYAL RINPOCHE

In einer Seitengasse in Singapurs wenig belebtem Viertel nahe der MacPherson Road stand ein kleiner chinesischer Tempel, von dem ein Bekannter mir erzählt hatte. In den Jahren vor meinem Unfall, als ich noch Unternehmer war, fuhr ich hierher, wann immer meine Termine es mir erlaubten. Ich passierte die Säulen, an denen Drachen sich emporschlängelten, trat durch das Portal, das mit den vier chinesischen Gottheiten verziert war, und ließ das Geschäftsleben hinter mir. Dann tauchte ich ein in die Stille, die so anders war als alles, was ich gewohnt war. Schon immer hatte es mich nach Asien gezogen. Den Grund dafür kannte ich nicht, noch nicht.

Der Tempel war der Göttin des Mitgefühls geweiht. An der Stirnseite der Halle befand sich eine große Statue der Kuan-Yin, die eigens in Taiwan gefertigt worden war. In ihrer Hand hielt sie eine Reliquie, das Knochenstück eines Heiligen. Ich erinnere mich, wie eine der Nonnen, die sich um den Tempel kümmerten, mir die Reliquie in die Hand gab. Mich durchfuhr ein Schauer, der durch meinen ganzen Körper lief und mich zittern ließ.

An den Wänden befanden sich Schaukästen, in denen die Asche von Verstorbenen verwahrt wurde, jeweils zu einer kleinen runden Tablette gepresst. Es war ein seltsames Gefühl, das Leben eines Menschen in eine Tablette gepresst zu sehen. Das also war es, was von uns blieb – außer den Erinnerungen anderer.

Hier und dort erblickte ich in den Schaukästen Attrappen, die mit einem roten Bändchen und einem chinesischen Glückssymbol versehen waren. Dabei handelte es sich um keine richtige Asche; hier war lediglich ein Platz neben einem Angehörigen reserviert worden.

Mitgefühl war überall spürbar im Tempel. Die Räume zur Linken der Halle waren alten Menschen vorbehalten, und ich war beeindruckt von der Hinwendung, die ihnen entgegengebracht wurde, und dem hier herrschenden Respekt und der Sauberkeit. Auch in dieser Hinsicht unterschied sich Asien von meiner Heimat. Alter und Tod wurden nicht verdrängt, sondern respektiert.

Die Äbtissin des Tempels wies mich bei einem meiner ersten Besuche in die gängige Meditationsform des Tempels ein. Die Methode war einfach zu verstehen: Man beobachtet den Strom des Atems an den Nasenflügeln beim Ein- und beim Ausatmen. Yogis hatten diese Meditationsform schon vor Jahrtausenden praktiziert und mit ihrer Hilfe tiefe Einsichten gewonnen sowie außergewöhnliche Kräfte erlangt.

Der Atem hält unseren Körper am Leben, und das unablässige Ein- und Ausströmen hat etwas Beruhigendes – dachte ich mir. Ich setzte keine großen Erwartungen in diese simple Methode, die so frei war von jedem Mystizismus, doch eine gewisse Neugier konnte ich nicht verhehlen. Also setzte ich mich zu den Nonnen in die Sala des Tempels und begann zu meditieren. Spürte die Kühle der Luft beim Einatmen und die feuchte Wärme, als der Atem meine Nase verließ. Das war einfach. Ich ließ mich darauf ein.

Umso irritierter aber war ich, dass es sich als gar nicht so leicht herausstellte, sich ausschließlich auf den Atem zu konzentrieren. Binnen weniger Atemzüge kehrten meine Gedanken zurück in die Welt außerhalb des Tempels. Dabei verhielt es sich nicht so, dass sie sich auf etwas Wichtiges konzentrierten, das nicht warten konnte – sie schweiften stattdessen umher zwischen den Briefen, die ich diktiert und längst unterschrieben hatte, meinem letzten Flug nach Indonesien, einem Meeting, das ich für die nächste Woche angesetzt hatte, und hunderterlei banalen Kleinigkeiten wie der flackernden Glühbirne im Lager, dem Futter für meine Kois, das heute geliefert werden würde, den Gedanken an das Abendessen und einigem mehr.

All das geschah in Bruchteilen von Sekunden, während ich im Fersensitz auf einem dürftigen Kissen in der Halle des Tempels saß. Irgendetwas riss mich zurück, und ich spürte wieder den Atem, konzentrierte mich auf meine Nasenflügel – und wurde kurz darauf erneut davongesogen. Bruchstückhafte Szenen aus dem täglichen Leben spulten vor meinem inneren Auge ab, doch ich war nicht Zuschauer, sondern wurde zum Hauptakteur, verlor mich irgendwo zwischen Erinnerungen und Fantasien. Bis ich aufmerkte und mich erneut konzentrierte.

Ich konnte nicht begreifen, was da in mir vor sich ging. Ich war doch ein Verstandesmensch, immer hatte ich mich auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen können. Der schien jedoch plötzlich ein Eigenleben zu entwickeln, tat partout nicht, was ich wollte – und das bei einer so einfachen Übung wie der Beobachtung des Atems. In gewisser Weise ärgerte ich mich über mich selbst; zwar hatte ich keine großen Erwartungen gehegt, was den Erfolg einer so simplen Übung anging, aber derart zu scheitern – das war ich nicht gewohnt.

Eine Stunde später, als ich mich in den dichter werdenden Verkehr auf den Straßen Singapurs einfädelte, dachte ich mir, dass ich es einfach nicht intensiv genug versucht hatte. Ich war nicht richtig bei der Sache gewesen, die Atmosphäre im Tempel hatte mich abgelenkt. Daheim, in meiner vertrauten Umgebung würde es mir leichter fallen, mich zu konzentrieren.

Als ich nach Hause kam, machte ich es mir in meinem Lieblingssessel bequem. Ich dimmte das Licht. Mein Blick schweifte zu dem Wasserfall auf der Terrasse meines Penthouses. Hier saß ich, wenn ich über neue Produkte nachsann, hier war ich es gewohnt, weit reichende Entscheidungen zu fällen. Statt des harten Bodens in der Sala spürte ich das weiche Polster im Rücken und ließ mich zurücksinken, bevor ich die Augen schloss und tief Atem holte.

Nicht zu fassen: Das Ergebnis war in etwa das Gleiche. Wieder galoppierte mein Verstand wie ein ungezügeltes Pferd davon, streifte auf seinem wilden Ritt durch Raum und Zeit sowohl Bedeutsames wie auch Belangloses und verlor sich in Wenn und Aber, vorgestellten Wirklichkeiten, die in der Vergangenheit oder Zukunft spielten und nur eines zu meiden schienen: den gegenwärtigen Moment, in dem ich in meinem Lehnstuhl saß und atmete. Mich auf meinen Atem konzentrieren wollte. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren.

Gewiss, im Grunde war dieser Misserfolg nichts Weltbewegendes – solange ich automatisch atmete, gab es keinen Grund zur Sorge um meinen Körper. Doch ich wollte es ja, wollte mich auf das Gefühl an der Nasenspitze konzentrieren. Irgendwie bekam ich Durst, während ich übte und scheiterte, den Durst zu wissen, warum mein Verstand partout nicht tat, was ich wollte. Es musste doch einen Weg geben, ihn zu zügeln. Wieso war ich nicht in der Lage dazu? Die Nonnen konnten es doch auch. Niemals hätte ich mir vorgestellt, dass meine Gedanken ein solches Eigenleben führten.

Ich beschloss, diszipliniert zu üben. Sagte mir, dass ich doch schon so viele komplizierte, ja sogar gefährliche Situationen im Leben gemeistert hatte. Ich musste nur härter dran arbeiten.

Morgen für Morgen konzentrierte ich mich in der Folge auf das Ein- und Ausströmen der Atemluft an den Nasenflügeln. Ich konzentrierte mich auf die sanfte Berührung der Luft, kühl, wie sie in meinen Körper trat, und wärmer, wenn sie ihn wieder verließ. Ein, aus, ein, aus – ein ständiges Strömen.

Zwischenzeitlich begann ich an mir zu zweifeln. Mein Verstand, das war doch ich!, so dachte ich. Hatte ich denn so wenig Kontrolle über mich? War ich derart machtlos?

Je weniger es mir gelang, mich zu konzentrieren, desto stärker wollte ich es – und desto verzweigtere Gebiete durchstreiften meine Gedanken. Doch ich gab nicht auf.

Nach gut zwei Wochen stellten sich erste Erfolge ein; ich wurde ruhiger und verfügte über eine bessere Konzentration. Meine Gedanken schweiften beim Meditieren immer noch ab, aber ich bemerkte es eher – meist zumindest – und konzentrierte mich dann sogleich wieder auf den Atem.

Bald wandte ich die Übung insbesondere vor anstrengenden Meetings an und konnte beobachten, wie die anderen Teilnehmer sich entspannten, während ich Ruhe und Zuversicht ausstrahlte.

Schon immer war ich der Überzeugung gewesen, dass man in jedem Augenblick sein Bestes geben soll, wenn man in einem Projekt steckt; das war der beste Garant, die Geschäfte in Fluss zu halten. Die volle Konzentration auf den Augenblick verschaffte mir mit einem Mal eine andere Wahrnehmung. Ich spürte die Reaktionen der Anwesenden intensiver, da ich weniger abgelenkt war von dem, was ich mir in Gedanken ausmalte. Ich nahm nicht mehr so viel vorweg, indem ich mir Folgen vorstellte, ohne sie wirklich wissen zu können. Auch reagierte ich nicht unbedacht und von einem plötzlichen Impuls getrieben, sondern nahm mir einen Moment des Innehaltens, bevor ich eine Antwort formulierte. Ich begann, die Dinge zu betrachten.

* * *

Und es war nicht allein die Meditation, die Eingang in meine Firmenstrategie fand. Das kreative Chaos, das in Asien herrschte, hatte mich von Anfang an fasziniert. Viele Abende hatte ich am Hafen gesessen und die Schiffe beobachtet. Dschunken kreuzten in der Straße von Singapur, dazwischen wurden Frachtschiffe be- und entladen, kleine Boote wuselten um die großen herum und suchten sich einen Wasserweg inmitten des geschäftigen Treibens, das auf den ersten Blick chaotisch wirkte, bei näherem Hinsehen aber eine lebendige Ordnung offenbarte.

Das war meine Welt, der Hafen und die Parkplätze am Abend, die sich in kulinarische Treffpunkte verwandelten. Wo eben noch ein Transporter, ein Cabrio, ein Kleinwagen gestanden hatten, tauchte nun ein Fahrrad mit Anhänger auf und wurde mit wenigen Handgriffen zu einer Garküche umfunktioniert. Ein Moped bahnte sich einen Weg durch die ausparkenden Autos und hielt neben dem Fahrrad, und dann ein drittes und viertes. Die nächste Garküche wurde aufgebaut; kurz darauf verbreitete das Sesamöl in den Pfannen einen leicht würzigen Geruch, und schon brutzelte es und roch so schmackhaft, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief. Hier gab es keine festen Standplätze mit gesetzlich geregelten Abständen, die auf den Zentimeter genau irgendwelchen Paragraphen entsprachen. Die Menschen reagierten aufeinander, auf die Gegebenheiten des jeweiligen Moments, sie improvisierten und halfen sich gegenseitig aus.

So auch in meiner Firma. Was hatten wir nicht alles mittels Improvisation auf die Beine gestellt!

Aber die geordneten Kräfte inmitten des Chaos waren nicht das Einzige, was mich in Erstaunen versetzt und schließlich dazu gebracht hatte, eine Synthese zwischen Ost und West zu suchen. Weit tiefer griff die Auseinandersetzung mit Buddhas vier noblen Tugenden, der universellen Liebe, dem Mitgefühl, der Mitfreude und der mentalen Ausgeglichenheit.

Schon während meiner Zeit als Angestellter war ich mit diesem Konzept in Berührung gekommen; in weiten Teilen Asiens ist es üblich, einen Mönch auch bei weltlichen Fragen zu konsultieren, sich spirituellen Rat zu holen. Neben dem Tempel der Kuan-Yin suchte ich regelmäßig Rat bei dem Abt eines großen buddhistischen Tempels, der mich in das Feng-Shui einweihte und mich darin unterstützte, Zugang zu Buddhas noblen Tugenden zu finden und sie im Geschäftsleben umzusetzen.

Meine deutschen Kollegen hätten mich gewiss belächelt, dass ich Mitfreude in mir aufsteigen ließ, wenn eine andere Firma den Zuschlag für einen Auftrag bekam, um den ich mich selbst bemüht hatte. Doch war denn nicht genug für alle da?

Ich war jedes Mal überrascht davon, welche Türen sich auftaten, sobald eine andere sich schloss. Im Nachhinein betrachtet, hatte ich es nie bereuen müssen, wenn etwas nicht so zustande gekommen war wie von mir anvisiert. Ich hatte immer danach gestrebt, alles zu geben, da bestand keine Notwendigkeit, nach außen zu schielen und andere nachzuahmen.

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