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Das Geheimnis des Glasbläsers

INHALTSVERZEICHNIS

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. PROLOG
  8. KAPITEL 1
  9. KAPITEL 2
  10. KAPITEL 3
  11. KAPITEL 4
  12. KAPITEL 5
  13. KAPITEL 6
  14. KAPITEL 7
  15. KAPITEL 8
  16. KAPITEL 9
  17. KAPITEL 10
  18. KAPITEL 11
  19. KAPITEL 12
  20. KAPITEL 13
  21. KAPITEL 14
  22. KAPITEL 15
  23. KAPITEL 16
  24. KAPITEL 17
  25. KAPITEL 18
  26. KAPITEL 19
  27. KAPITEL 20
  28. KAPITEL 21
  29. KAPITEL 22
  30. KAPITEL 23
  31. KAPITEL 24
  32. KAPITEL 25
  33. KAPITEL 26
  34. KAPITEL 27
  35. KAPITEL 28
  36. KAPITEL 29
  37. ERSTER EPILOG
  38. ZWEITER EPILOG
  39. DANKSAGUNG
  40. DRAMATIS PERSONAE
  41. Karte 1: Die Reiseroute des Glasbläsers
  42. Karte 2: Der Mittelmeerraum im 15. Jahrhundert

ÜBER DIESES BUCH

Glas, so klar wie Kristall – so etwas hat im Schwarzwald im 15. Jahrhundert noch niemand gesehen. Der junge Glasbläser Simon wird ausgesandt, das Geheimnis dieses Wunders zu lüften. Mit einem treuen Gefährten macht er sich auf die gewagte Reise über die Alpen nach Venedig. Auf der Insel Murano kommt er nicht nur der gesuchten Rezeptur näher, sondern auch der wunderschönen Marietta. Als diese in Lebensgefahr gerät, ist der Auftrag vergessen. Simon folgt ihr blindlings in die von den Osmanen belagerte Stadt Konstantinopel …

ÜBER DEN AUTOR

Ralf H. Dorweiler, geboren 1973 in der Nähe von Frankfurt am Main, hat in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studiert. Danach ging er, seinen breitgestreuten Interessen und Talenten entsprechend, verschiedensten Tätigkeiten vom Schauspieler bis hin zum Manager von Callcentern nach. Mittlerweile lebt Ralf H. Dorweiler im Südschwarzwald, wo er als Redakteur bei einer großen regionalen Tageszeitung arbeitet. Außerdem hat er mehrere Regionalkrimis veröffentlicht. Er ist mit einer Opernsängerin verheiratet und Vater eines Sohnes.

Ralf H.
Dorweiler

Das
GEHEIMNIS
des
GLAS-
BLÄSERS

Historischer Roman

Das ist fürwahr kein rechter Mann
Der nie was Törichtes begann
Um schöner Frauen willen.

Ulrich von Zazikhoven, mittelhochdeutscher Dichter,
13. Jahrhundert

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PROLOG

16. März, anno 1452, Rom

Trinkt, mein Vögelchen! Trinkt!«

Lachend ließ Friedrich seine rechte Hand unter den Tisch gleiten und grub seine Finger durch die Stoffschichten des prunkvollen Seidenkleids in den Oberschenkel des jungen Mädchens. Eleonores Bein zuckte bei der unkeuschen Berührung. Ihr zierlicher Oberkörper zeigte keine Regung, doch sie blickte Friedrich aus ihren hübschen braunen Augen an wie eine Meise den jagenden Kater vor dem tödlichen Sprung. Schließlich lächelte sie trotz aller Schüchternheit würdevoll.

Das gefiel Friedrich. Die Kleine war wohlerzogen und durchaus hübsch mit dem ebenmäßigen Gesicht, der feinen Nase und dem schmalen Mund. Trotzdem konnte er sich einer gewissen Sorge nicht erwehren. Eleonores Schenkel waren tatsächlich dürr wie die Beine eines Vögelchens. Er lockerte seinen Griff etwas. Ein Mann wie er würde sorgsam aufpassen müssen, das zierliche Mädchen nicht zu zerbrechen.

»Mein König«, tadelte sie ihn freundlich, aber entschieden mit ihrer glockenreinen Stimme.

»Noch könnt Ihr mich Euren König nennen«, sagte Friedrich und fügte stolz hinzu: »In wenigen Tagen ruft Ihr mich Euren Kaiser!« Er löste die Hand von ihrem Bein und ergriff damit sein schmuckvolles Glas. »Stoßt mit mir an, meine Gemahlin!«

Die feinen Hochzeitsgläser waren nur eines der wertvollen Geschenke, die Friedrich von Habsburg seiner jungen Braut zur Vermählung mit nach Italien gebracht hatte. Er konnte sich an ihnen kaum sattsehen. Die künftige Mutter seiner Söhne und Töchter sollte von allem nur das Vortrefflichste bekommen. Und diese gläsernen Kelche mit breitem Fuß waren das Beste, was aus Glas gefertigt werden konnte. Dafür hatte er gesorgt. Die berühmtesten Glasmacher des ganzen Habsburgerreiches hatten in einem emsigen Wettstreit Gläserpaare hergestellt, und Friedrich höchstpersönlich hatte die kunstfertigsten Exemplare ausgewählt. Füße und Kelche der beiden grün schimmernden Gläser hatte der begnadete Künstler mit ausgefeilten Ornamenten versehen. Die Vorderseite zierte ein Oval, das von Nachtigallen und Glasästen umrahmt war. In der Mitte des Ovals war in leuchtenden Farbtönen das frisch vermählte Paar aufgemalt.

Friedrich fand sich gut getroffen. An der langen gebogenen Nase und der prunkvollen Kaiserkrone, die ihm der gute Papst Nikolaus erst in drei Tagen aufs blonde Haupt setzen würde, konnte ihn jedermann erkennen. Der Künstler ließ ihn einer feingliedrig gestalteten Frau die Hand reichen, auf deren wallendem dunklen Haar ein zierliches Krönchen glänzte. Auch wenn der Maler außer einer Beschreibung Eleonores keine Vorlage für die Braut gehabt hatte, konnte Friedrich eine ausgeprägte Ähnlichkeit feststellen. Dieses Geschenk war einer Kaiserin würdig!

Eleonore, die ihm vor wenigen Stunden im Petersdom angetraut worden war, hatte die Hochzeitsgläser ebenfalls ausgiebig bewundert und sogar noch mehr gelobt als die Gewänder aus sizilianischer Seide oder den Schmuck aus der besten Wiener Goldschmiede. Jetzt erhob sie ihr Glas mit beiden Händen und stieß vorsichtig mit ihrem Gemahl an.

Eleonore nippte, Friedrich ließ den Rebensaft in großen Schlucken die Kehle herabrinnen. »Trinkt!«, rief er in den geschmückten Saal, und Hunderte Gäste kamen seiner Aufforderung nur zu gerne nach.

»Man schicke den Nächsten herein!«, befahl Friedrich kurz darauf. Der starke Wein ließ seine Zunge pelzig und schwer, seine Gedanken aber leicht und geschmeidig werden. Er war begierig darauf, sich anzuschauen, mit welchen Geschenken die Fürsten und Könige der ganzen bekannten Welt den künftigen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wohl bedachten.

Der lange Tisch des Königspaares stand etwas erhöht an der kurzen Seite des vatikanischen Festsaals, der sicher zweihundert Fuß lang war. Zehn mächtige Säulen auf jeder Seite stützten die hohe, mit prunkvollen Mosaiken verzierte Decke. Durch die exquisiten Buntglasfenster drang warmes Sonnenlicht herein. Die Tische brachen fast unter der Last der Gerichte und Weinkrüge, die von einer Hundertschaft an Dienern und Mägden ohne Unterlass aufgetragen wurden.

Trotz der enormen Ausmaße des Saals saßen die hohen Gäste dicht an dicht. Nur vor dem Königstisch hatte der Truchsess eine große Fläche frei gelassen, damit die Vertreter der christlichen Völker dem Jubelpaar ihre Ehrerbietung erbringen konnten.

Zwei Standartenträger traten durch das große Tor. Kaum war das intensive Rot der venezianischen Republik zu sehen, ging ein Raunen durch den Saal. Auf den Fahnen leuchtete, mit goldenem Faden eingestickt, der Löwe von San Marco. Den beiden jungen Trägern, die sich ähnelten wie ein Ei dem anderen, folgte ein hochgewachsener Mann, der in feinste Stoffe gewandet aufrecht auf den Tisch des Königs zuschritt, ohne auf die vielen Rufe der Feiernden zu achten. Mit fünf Schritten Abstand folgte ihm ein Diener, der ein Kästchen aus geöltem und poliertem Wurzelholz trug, gerade groß genug, dass Friedrichs Festtagskrone darin Platz gefunden hätte. Als die vier Männer vor dem Königstisch ankamen, traten die Standartenträger zurück, während der junge Gesandte sich kunstvoll verbeugte. Friedrich schätzte ihn auf vielleicht fünfundzwanzig Jahre.

Er runzelte die Stirn. Der Doge hatte ihm also einen Knaben geschickt! Die Venezianer waren ein aufgeblasenes Volk und betrachteten ihre Lagunenstadt als glänzenden Nabel der Welt. Eine lange Grenze trennte das Reich der selbst ernannten Serenissima von Friedrichs Österreich. Ebenso lang war die Geschichte der Reibereien zwischen den Nachbarn.

Der junge Gesandte trug enge Hosen nach der neusten Mode und posierte vor dem königlichen Tisch wie ein eitler Gockel, der gleich krähen will. Sein schulterlanges, glänzend schwarzes Haar wippte bei jeder Bewegung. Sein Blick schweifte über die Persönlichkeiten an Friedrichs Tisch und verweilte bei Papst Nikolaus und Alfons von Aragonien einen Moment länger als bei den anderen.

Friedrich erkannte in den Augen und in der Haltung des Burschen sofort den Hochmut, der allen Venezianern zu eigen war. Dabei hatten die Dogen nur die besondere Lage ihres Reiches zu nutzen gewusst. Venedig beherrschte die Handelsrouten nach Osten. Seine Flotten transportierten nicht nur alltägliche Güter wie Salz, Wein oder Tuch, sondern auch so seltene und wertvolle Waren wie Pfeffer, Seide, Pelze oder Edelsteine. Je unermesslicher der Reichtum der Venezianer geworden war, umso selbstherrlicher führten sie sich auf. Denn über eines waren sie sich bewusst: Ein reicher Feind ist ein gefährlicher Feind. Wer nicht gerüstet war, dem Löwen im offenen Kampf gegenüberzutreten, reizte das goldene Raubtier besser nicht. Das wusste Friedrich nur zu gut. Die Hand Eleonores hatte er sich nicht zuletzt gesichert, um sich Venedigs Neutralität zu vergewissern.

Und nun sandte der Doge einen Jungen! Der setzte ein überhebliches Grinsen auf, während der Ausrufer seinen Stock dreimal auf den Boden stieß. Friedrich zwang sich, das Lächeln zu erwidern. Er hatte keine Lust, sich heute zu ärgern. Außerdem überwog seine Neugier, ob der Inhalt des vielversprechend aussehenden Holzkästchens dem feierlichen Anlass angemessener war als das Alter seines Überbringers.

Der Ausrufer vermeldete der Gesellschaft: »Signor Emilio Nani, Mitglied des Großen Rats der Republik Venedig.«

Der Genannte vollführte eine kunstvolle, aber nicht besonders tiefe Verbeugung, richtete sich behände wieder auf und blickte Friedrich und seine Braut an, als wäre er ihnen gleichgestellt.

»Mein ehrenwerter Herr, der fünfundsechzigste der ruhmesreichen Dogen der Serenissima Repubblica di San Marco, der erste und oberste der Bürger, Francesco Foscari, lässt Eurer Majestät und seiner jungen Braut die besten Wünsche und Gratulationen zur Hochzeit überbringen«, begann er in gut verständlichem Deutsch. »Francesco Foscari ist im Purpur ein König, im Rathaus ein Senator, aber in der Stadt ein Gefangener. Wie Ihr sicherlich wisst, verlässt ein Doge niemals seine Stadt. Darum wird nun mir die Ehre zuteil, Euch das Geschenk des Dogen und aller Venezianer zu überreichen.« Damit verbeugte er sich erneut tief vor Friedrich, um sich dann auf Portugiesisch an Eleonore zu wenden.

»Was sagt er?«, fauchte Friedrich nach hinten.

Der Diener, der sich dort zur Verfügung hielt, übersetzte die Worte des Venezianers: »Er sagt, man habe nicht übertrieben, als man die Schönheit der Braut in allen bekannten Landen besang.«

Friedrich bemerkte, dass Eleonore den Fremden anlächelte. »Genug der schönen Worte!«, mahnte er lautstark. Eleonore blickte erschrocken zu ihm.

»Nicht einmal vor einem König, der bald Kaiser wird, kann ich stehen und eine schöne Frau unbeachtet lassen«, sagte Emilio Nani wieder auf Deutsch. »Verzeiht meine Schwäche, Eure Majestät.«

Friedrich schnaubte und griff nach seinem Glas, um ein paar Schlucke des guten Rotweins zu trinken. Es war ruhig geworden im Saal. Selbst in der hintersten Reihe konnte man das Klirren hören, als Friedrich sein Hochzeitsglas abstellte. Er wischte sich mit dem Tischtuch über den Bart und richtete seine Krone. Immer noch blieb alles still. Niemand würde es wagen, vor dem König das Wort zu ergreifen.

»Wir freuen uns, dass Ihr hier seid, E…«

»Emilio Nani, mein Herr«, half der Venezianer nach, ohne eine Regung zu zeigen.

»Meine geliebte Gemahlin und ich fühlen uns geehrt von der Anwesenheit so vieler bedeutsamer Männer, die alle gekommen sind, den Tag unserer Vermählung mit uns zu begehen. Aber selbst ein König kann nicht alle Namen seiner Gäste im Gedächtnis behalten, ob sie nun belangvoll oder von geringer Bedeutung sind. Was meint Ihr?«

Emilio Nani senkte als Antwort kurz den Blick. Seine Augen funkelten, er schwieg jedoch.

»Was für ein Geschenk hat der ehrenwerte Doge Venedigs wohl für den künftigen Kaiser auserkoren?«, durchbrach Eleonores Stimme die Stille und nahm dem Moment die Schärfe.

»Ihr habt ja so recht, meine Liebste. Zudem warten noch viele andere, die uns ebenfalls ihre Aufwartung machen wollen.« Friedrich richtete den Zeigefinger auf Emilio Nanis Kopf. »So zeigt uns das Geschenk!«

Der Venezianer gab dem Träger der großen Schatulle ein Zeichen vorzutreten.

»Eure Majestät, König Friedrich, Eure Majestät, Königin Eleonore. Im Wissen um die große Zahl an Gratulanten, die fiebernd darauf warten, Euch ihre Aufwartung machen zu dürfen, werde ich nicht viele Worte verlieren, sondern Euch gleich das Geschenk des Dogen überreichen.«

Nani nickte, sein Diener öffnete langsam die Schatulle, und schließlich kam das Geschenk zum Vorschein.

»Es sind Gläser!«, rief Friedrich aus.

Ein Raunen ging durch den Saal.

Eleonore beugte sich vor, um die Gläser besser sehen zu können. Und auch Friedrich konnte den Blick nicht von dem Geschenk abwenden. Das war unmöglich! Das Glas dieser Gefäße war so klar, als bestünde es aus fest gewordenem Gebirgswasser. Es war vollkommen durchsichtig, sodass man den reichlich angebrachten Schmuck von allen Seiten sehen konnte. Goldene Ornamente zierten den Kelch und den Fuß. In dem kurzen Stiel dazwischen schwebten eingeschlossene Luftblasen wie glänzende Juwelen. Und trotzdem waren die Wände der Hochzeitsgläser kaum dicker als ein Bogen Pergament.

»Sie sind wunderschön!«, hauchte Eleonore und streckte die Hand aus. Emilio Nani reichte ihr eines der Gläser.

»Gebt mir das andere!«, befahl Friedrich.

»Seht«, rief Eleonore, »selbst Eure Zeichen sind ins Glas geschliffen!«

Friedrich nahm das Geschenk entgegen. Jetzt sah er es auch. Am Fuß des Glases befand sich ein kleiner Schriftzug: A – E – I – O – U. Das war die Abkürzung von Friedrichs Wahlspruch, über deren Bedeutung zu seiner stillen Belustigung im ganzen Reich gerätselt wurde.

»Was bedeuten die Buchstaben, mein Gemahl?«, fragte Eleonore.

»Ich werde es Euch vielleicht zu gegebener Zeit erläutern«, antwortete Friedrich kurz angebunden.

»Nirgends sonst auf der Welt findet Ihr ein solch reines Glas wie unser Cristallo«, lobte der Venezianer sein Geschenk in den Himmel. »Die Glasmacher auf der Insel Murano haben einen Weg gefunden, Glas ohne jegliche Färbung herzustellen. Ist es nicht wundervoll?«

Friedrich wog das Trinkgefäß in der Hand. Es war nicht so schwer wie die Hochzeitsgläser, die er Eleonore zum Geschenk gemacht hatte, fühlte sich aber trotzdem fest und stabil an. Er drehte das Glas zwischen den Fingern und hielt es gegen das Licht. Kaum ein Bläschen war in das glatte Material eingeschlossen. Mit seinem goldenen Ehering schlug er leicht gegen den oberen Rand. Ein klares, helles Klirren erscholl, das lange Zeit nachhallte.

»Wie nanntet Ihr dieses Glas?«, fragte Friedrich fast ehrfürchtig.

»Cristallo, Eure Majestät, Kristallglas. Es ist das seltenste und wertvollste Glas auf Gottes weiter Erde. Nur wir Venezianer vermögen es herzustellen.«

»Von wessen Hand ist es gemacht?«

»Es stammt aus dem Hause Angelo Barovier. Er ist der Stolz des Dogen und der beste und berühmteste Glasmacher unserer Zeit. Vergesst Euer grünes Waldglas.« Dabei zeigte der Venezianer auf Hochzeitsgläser, die vor Friedrich und Eleonore auf dem Tisch standen. »Dem Cristallo gehört die Zukunft!«

Friedrich drehte das Glas erneut in der Hand. Erstaunlich, dass ein so durchsichtiges Material überhaupt so fest sein konnte! Durch das Glas hindurch beobachtete er, wie Emilio Nani abermals einen Blick auf Eleonore warf.

»Richtet dem Dogen unseren aufrichtigen Dank für dieses bemerkenswerte Geschenk aus. Und nun schließt Euch unserer Feier an, wenn Ihr wollt. Ah, Euch folgt die Delegation Sforzas aus Mailand!«

Emilio Nani war die Aufforderung, sich zurückzuziehen, nicht entgangen. Er verbeugte sich vor dem Paar und trat, gefolgt von den Fahnenträgern und seinem Diener, den Rückzug an.

»Pack diese Gläser ein, und bring sie zu den anderen Geschenken!«, befahl Friedrich einem Diener. Dann wandte er sich zum Hauptmann seiner Leibgarde um und winkte ihn herbei. »Holt mir Ulrich Riederer!«

Erst nachdem die Mailänder und eine Delegation hochrangiger Mönche der Reichsabtei Weingarten ihre Glückwünsche und Geschenke überbracht hatten, meldete der Hauptmann, dass Riederer bereitstehe. Riederer war zehn Jahre älter als Friedrich, das Haar auf seinem Schädel wuchs nur noch an den Seiten. Seinen wachen Augen sah man an, dass dahinter ein scharfer Verstand arbeitete. Auf seinem blauen Wams eines Bürgerlichen prangten mehrere Fettflecken. Er roch nach Wein und Schweiß, wirkte mit seiner aufrechten Haltung und seinem gottgefälligen Anstand aber trotzdem edler als mancher Mann im Saal, der einen Fürstentitel besaß.

»Ich sehe, Ihr habt schon gespeist, Ulrich«, bemerkte Friedrich.

»Das habe ich, mein König.« Keinem anderen Bürgerlichen hätte Friedrich eine solch knappe Verbeugung durchgehen lassen.

»Das ist gut. Denn die Aufgabe, die ich für Euch habe, duldet keinen Aufschub.«

Riederer war die Überraschung anzusehen. »Wollt Ihr, dass ich weiter mit Sforza über eine offizielle Anerkennung verhandele?«

Friedrich schüttelte den Kopf. »Nein. Es geht um eine Aufgabe, die ich für das Heilige Römische Reich als wesentlich bedeutungsvoller einschätze. Tretet näher!«

Ulrich Riederer führte sein Ohr an den Mund des Königs. Friedrich flüsterte so leise, dass niemand anderes die Worte verstehen konnte.

»Was habt Ihr dem Mann gesagt, mein Gemahl?«, fragte Eleonore, als Riederer sich abwandte und den Saal mit ausgreifenden Schritten verließ.

Friedrich lächelte zufrieden. Er fasste seine Königin am Hinterkopf, zog sie zu sich und küsste sie ungestüm auf die zarten Lippen. Erst spürte er leisen Widerstand, dann aber fügte sie sich in ihr Schicksal. Als er sie losließ, glühten ihre Wangen und Lippen leuchtend rot.

»Ihr habt mir noch immer nicht gesagt, wohin Ihr den Mann schicktet«, sagte sie äußerlich ungerührt.

»Auf einen Botengang, mein Vögelchen«, antwortete Friedrich. »Auf einen sehr wichtigen Botengang.«

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KAPITEL 1

11. April, anno 1452, Vogtei zu Hauenstein

Niemand schlug Alarm. Der Bewuchs des steilen Hangs bot Simon in der einbrechenden Dämmerung genug Deckung, um sich der Burg ungesehen zu nähern. Die dunkelgrauen Mauern ragten schroff vor ihm auf. Doch Simon richtete den Blick zu Boden. Er suchte den Stein, den er beim letzten Mal mit einer Markierung versehen hatte. Rechts machte er die Ausläufer des Brombeerdickichts aus, das sich bis zum Burggraben erstreckte. Er wandte sich in die entgegengesetzte Richtung.

Beinahe wäre er über den Stein gestolpert. Er bückte sich und fand im schwindenden Licht die eingeritzte Kerbe. Er war also richtig! Er ging fünf Schritte in die Richtung, die ihn die Kerbe gewiesen hatte, und stieß auf die mit Moos bewachsene und damit fast unsichtbare Falltür. Die schwere Klappe ließ sich gerade weit genug öffnen, dass Simon sich hindurchzwängen konnte.

Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. In unregelmäßigen Abständen drang ein schwacher Lichtstrahl durch ein Loch in der Felsendecke und spiegelte sich in den Pfützen auf dem unebenen Boden. Es war gerade hell genug, um den Weg durch den Geheimgang erahnen zu können. Schnell erreichte Simon die nächste Tür, die in ein breites Mauerfundament eingelassen war. Die alten Scharniere knarrten beim Öffnen.

Simon betrat einen Raum, in dem verstaubtes Baumaterial, rissige Hanfseile und mehrere faulig riechende Heuballen unter dichten Spinnweben lagerten. Eine niedrige Öffnung in der Wand führte in einen Gang, der den belebten Burghof mit weiteren Lagerräumen und einer steilen Wendeltreppe verband. Er wandte sich zur Treppe. Lautlos nahm er die Stufen auf ihrer breiten Seite. Nur einmal hielt er kurz inne, um zu lauschen. Keine Schritte über ihm. Er konnte weiter.

Vielen hätte der steile Aufstieg zu schaffen gemacht, aber Simon atmete immer noch ruhig, als er die Zinnen der Wehrmauer erreichte. Von links hörte er die Schritte zweier Wachmänner. Einer der beiden gab lauthals eine Geschichte zum Besten, und beide lachten. Simon wandte sich in einer fließenden Bewegung nach rechts und bog um die Ecke, bevor die Wachen ihn entdeckten.

Als er außer Sicht war, verharrte er für einen Moment regungslos. Er presste sich an die Wand und spürte den Knoten am Rücken. Vorhin beim Aufstieg zur Burg hatte er den gerissenen Lederriemen des Rucksacks notdürftig geflickt. Der Knoten schien zu halten.

Die Stimmen waren nun weiter weg. Wenn Simon diesem Mauerabschnitt folgte, würde er von der Rückseite her zum Wohnbereich der Burg gelangen. Es war Sonntag, da sollten eigentlich weniger Wachen die Zinnen bemannen. Simon huschte weiter.

»Habt Acht!« Der Ruf kam vom Bergfried. Simon hechtete hinter einen Mauervorsprung.

»Reiter auf dem Weg zum Tor! Habt Acht!«

Erleichtert atmete Simon aus. Der Alarmruf galt nicht ihm. Kurz richtete er sich auf, um einen Blick über die Mauer zu werfen. Er musste sich recken, um durch eine Lücke zwischen den Bäumen mehrere Reiter auf prächtigen Rössern zu sehen. Ihnen folgten zwei Reihen schnaufender Soldaten zu Fuß. Herrschaftlicher Besuch. Wenn es ihn nicht täuschte, hatte er das Banner der Habsburger erkannt: einen schwarzen Adler auf goldenem Grund.

Simon runzelte die Stirn und ging schnell wieder in Deckung. Während er sich noch fragte, ob diese überraschende Wendung sein Vorhaben behindern würde, hörte er auch schon die Schritte und Stimmen der beiden Wachleute hinter sich. Ihm blieb nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich zu verschwinden.

Er hatte Glück und konnte sich ungesehen durch die offen stehende Tür stehlen, die zu einer an den Wohntrakt angrenzenden Wendeltreppe führte. Die steinernen Stufen waren steil und gerade breit genug für einen gerüsteten Rittersmann. Simon sprang ein paar Stufen hinab. Dabei gingen ihm die Besucher nicht aus dem Kopf. Solch ein Gefolge, die prächtigen Rösser und die glänzenden Rüstungen sprachen dafür, dass es sich um hochrangige Gäste handelte. So viele Leute bedeuteten in einer kleinen Burg wie der zu Hauenstein eine Menge an zusätzlichen Augenpaaren, denen er zu entgehen haben würde. Das Risiko war groß. Vielleicht sogar zu groß. Umkehren allerdings konnte er nicht, denn die beiden lautstark schwadronierenden Wachen betraten über ihm die Treppe. Simon musste weiter hinab.

Schon nach wenigen Stufen verriet das unverwechselbare Scheuern von Eisen an Mauerwerk, dass auch weiter unten jemand auf der Treppe war. Simons Herz schlug schneller. Er steckte in der Falle wie ein Karnickel, dem die Jäger Dachshunde in den Bau getrieben hatten.

Gehetzt blickte er sich um. Die Schießscharten waren keine Hilfe. Aber nach etwa anderthalb Runden im Treppengang erreichte er eine Öffnung, die gerade groß genug war, um ihn hindurchzulassen. Es handelte sich um einen Abzug für die Luft aus der hohen Halle, wie Simon mit einem schnellen Blick erkannte. Ein schwerer Balken stützte etwa vier Ellen unter der Öffnung das schwere Mauerwerk und war breit genug, um darauf stehen oder hocken zu können. Er musste auch stark genug dafür sein, denn immerhin hing der große Leuchter mit einer schweren Eisenkette daran.

Simon kannte keine Angst vor Höhen, aber der Sprung auf den Balken war gefährlich. Trat er daneben, würde er in die Tiefe stürzen. Das wäre sein Ende. Doch die nahenden Wachleute forderten eine schnelle Entscheidung.

Simon riss sich den Rucksack vom Leib und ließ ihn am Schultergurt vorsichtig auf den Balken hinab. Nur einen Moment später zwängte er sich selbst durch das Loch. Er kam genau auf dem Eichenbalken auf und stellte erleichtert fest, dass das Holz tief ins Mauerwerk eingelassen war. Er griff nach seinem Rucksack und duckte sich auf die Knie. Von der Treppe aus würden ihn die Wachen nur sehen können, wenn sie durch den Abzug blickten. Er hörte die Stimmen jetzt ganz nah. Ein Wachmann berichtete seinem lachenden Kameraden von den fleischlichen Vorzügen seiner letzten Eroberung.

Simon stand der Sinn nicht danach, den Bettgeschichten eines hauensteinischen Soldaten zu lauschen. Er war froh, als er die Details nicht mehr verstand, weil die Männer die nächste Wendung der Treppe erreicht hatten. Er war unentdeckt geblieben! Er würde noch warten, bis der Mann von unten an ihm vorbei war, und dann hoffentlich ungesehen zurück durch den Abzug ins Treppenhaus klettern können.

Doch noch bevor Simon sich regen konnte, öffnete sich unten im Saal eine Tür. Instinktiv duckte er sich noch mehr zusammen. Gleich darauf hörte er die aufgeregte Stimme eines Mädchens, hell wie ein Strahl der Morgensonne.

»Wer sind die Edelherren, Vater?«

Simon wusste sofort, dass es Amalia sein musste. Er verlagerte sein Gewicht, sodass er von seinem Versteck aus besser hinabschauen konnte. Und tatsächlich, dort ging sie, die Frau, deren Anblick den Takt seines Herzens beschleunigte. Die Frau, die für ihn nicht unerreichbarer hätte sein können, hätte sie in fernen Landen statt in der Waldvogtei Hauenstein gelebt. Simon wäre ohne Zögern in den Kampf gegen einen feuerspeienden Drachen gezogen, um ihre Gunst zu gewinnen.

Neben der zarten Gestalt in dem blaugrünen Kleid mit weißen Schnüren marschierte ihr Vater, der Waldvogt. Der grimmige Mann, dessen rundlicher Leib von oben noch aufgedunsener wirkte, konnte kalt sein wie die eisernen Rüstungen, die die Seiten der großen Halle schmückten.

»Wer die Herren sind? Es soll der Herr Ulrich Riederer sein, der eine Botschaft vom König bringt. Das ist kein gutes Zeichen!«

»Vom Kaiser, Vater!«, korrigierte Amalia.

»Was? Ja, Kaiser ist er jetzt, der Habsburger König. Du hast natürlich recht. Aber ob König oder Kaiser, ihre Boten überbringen meist unangenehme Aufgaben statt freudiger Nachrichten.«

»Ist der Herr Riederer ein Bürgerlicher?«

»Ein studierter Mann soll er sein, der Friedrichs Vertrauter geworden ist.«

»Aber es sind auch Männer von Adel in seinem Gefolge?«

»Ich finde für dich schon noch einen Edelmann, Amalia. Alles zu seiner Zeit. Jetzt sei still, und setz dich hin. Sie kommen.«

Die Neuankömmlinge betraten die hohe Halle durch eine Tür, die sich genau unter Simons Balken befinden musste. Er behielt Amalia im Blick, die sich an die lange Tafel setzte und sittsam die Hände faltete. Sogar von hier oben konnte er rote Flecken der Aufregung auf ihrer makellos weißen Haut erkennen.

»Ich heiße Euch und Euer Gefolge willkommen auf Burg Hauenstein, Herr Riederer«, sagte der Waldvogt feierlich.

Der Angesprochene, der jetzt gemeinsam mit seinen Begleitern in Simons Blickfeld trat, begrüßte den Burgherrn und seine Tochter mit knappen Worten. Simon fiel der feine Stoff auf, den der Mann am Leib trug. Seine Stiefel waren zwar verschmutzt, die Haare staubig und die Kleidung zerknittert, aber dennoch wirkte er mit seiner aufrechten Haltung wie der Herrschaftlichste aller Anwesenden in der hohen Halle. Seine Begleiter waren durchweg jünger als er. Einer trug das Banner der Habsburger, andere präsentierten Zeichen, die Simon nicht zuordnen konnte. Doch es handelte sich zweifelsohne um Ritter! Sein Herz schlug schneller.

»Erweist meiner Tochter und mir die Ehre, unsere Gäste zu sein.« Der Waldvogt klatschte in die Hände und befahl einem hinzueilenden Lakaien, den Herren Wasser, Wein und ein Mahl aufzutischen.

Simon schluckte. Das würde so schnell kein Ende nehmen. So lange konnte er unmöglich auf diesem Balken kauern. Zumal die Gefahr, dass einer der Männer den Blick zur Decke richten und ihn entdecken würde stetig wuchs. Während Tonkrüge mit Wein und dickwandige Gefäße aus grünem Waldglas aufgetragen wurden, berichtete Riederer von der Hochzeit und der Kaiserkrönung Friedrichs von Habsburg. Unterdessen packte Simon seinen Rucksack und schob die Arme durch die Schulterriemen. Er versuchte, sich in der hockenden Position lautlos auf dem Balken umzudrehen, um aufstehen und möglichst ungesehen durch den Abzug verschwinden zu können.

»… richte ich Euch und Eurer liebreizenden Tochter die besten Grüße Seiner Majestät des Kaisers aus«, beschloss der immer noch stehende Riederer seinen Bericht.

Simon hörte Amalias Kichern. Dass sie ganz offensichtlich einem jungen Ritter mit rot-weißem Wappen auf der Brust zulächelte, versetzte seinem Herz einen schmerzhaften Stich.

»Ich fühle mich geehrt, vom Kanzler des Kaisers persönlich über dessen Krönung informiert zu werden«, verkündete der Waldvogt. »Und doch habt Ihr mir noch nicht erläutert, warum Ihr von des Kaisers Feierlichkeiten so übereilt aufgebrochen seid, um dem Waldvogt der bescheidenen Vogtei Hauenstein einen Besuch abzustatten.«

Simon spürte, wie ihm beim Aufstehen das Blut kribbelnd in die Beine schoss. Einen Moment dachte er, sie würden ihn im Stich lassen und kraftlos einsacken, doch es gelang ihm, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und die Kante des Abzugs zu packen.

»Der Leuchter wackelt, Vater«, bemerkte Amalia in diesem Moment.

Simon hielt erschrocken die Luft an und verharrte regungslos.

»Was ist hier los?«, fragte Riederer.

Simon hörte unter sich das scharrende Geräusch von schweren Holzstühlen, die über den Steinboden gerückt wurden.

»Da ist jemand!«, stellte einer der Ritter aufgeregt fest.

»Ein Spion!«, rief eine andere Stimme. »Los, holt den Bogen!«

Die Rufe schwollen an. Simon musste sofort verschwinden! Er verstand die Worte nicht mehr, sondern konzentrierte sich darauf, so schnell wie möglich durch den Abzug zu gelangen. Er drückte sich mit den Füßen ab und zog sich gleichzeitig am Sims hoch. Es fehlten nur noch ein paar Fingerbreit, da löste sich der Knoten am Riemen seines Rucksacks. Der Beutel geriet ins Rutschen, wurde aber vom zweiten Riemen an seiner Schulter gehalten. Zu lange hatte Simon an dem Geschenk für Amalia gearbeitet, mit dem er sie im Geheimen seiner Liebe versichern wollte. Der Rucksack durfte nicht hinunterfallen!

Reflexartig suchten seine Füße Halt auf dem Balken, während sein Arm versuchte, den Rucksack wieder hochzuziehen. In dem Moment glitt die Figur durch die Öffnung des Beutels. Ein Lichtstrahl traf das Glas. Simon starrte gebannt auf den zu Boden rasenden Drachen, dessen angelegte Flügel ihm nun auch nicht helfen konnten.

»Der Glaser!«, brüllte der Waldvogt.

Amalia stieß einen spitzen Schrei aus. Simon hingegen konnte den Blick nicht von der Glasfigur wenden, die gleich auf dem steinernen Boden aufprallen und in Tausende Scherben zerspringen würde. So wie es sein Leben gerade tat.

Riederer, der fast genau unter Simon stand, griff in die Luft und bekam den gläsernen Drachen zu packen. Es gab kein Klirren. Er sah, wie Riederer den Arm ausstreckte und überrascht die Drachenfigur präsentierte.

Simon starrte so gebannt nach unten, dass er auf dem Balken das Gleichgewicht verlor. Er ruderte mit beiden Armen durch die Luft, um seinen Körper wieder zu stabilisieren. Doch der Schwung war zu stark. Simon setzte einen Ausgleichschritt zur Seite, traf aber nur die Kante.

»Er fällt!«, rief jemand.

Seine Arme griffen Halt suchend in die Luft. Der Balken raste zu schnell an ihm vorbei. Simon griff ins Leere und stürzte dem Drachen nach. Er schrie. Vor seinen Augen flackerten bunte Farben, Licht und Schatten. Der Leuchter. Alles drehte sich. Ein weiterer Balken raste an ihm vorbei. Die Männer unter ihm waren nur brüllende Staffage. Bis auf einen. Für einen Herzschlag trafen sich ihre Blicke. Dann prallte er auch schon auf den Boten des Kaisers.

Es wurde schlagartig dunkel um Simon. Ein krachendes Klirren füllte für einen Moment die Finsternis aus. Der Drache war zersprungen. Alles war verloren.

Es war eisig. Beim Versuch zu atmen drang ihm bittere Nässe in Mund und Hals. Simon wollte den Kopf hochreißen, doch er konnte sich kaum rühren. Ein Husten ließ seinen Schädel fast bersten. Beim zweiten Versuch gelang es ihm, den Kopf ein kleines Stückchen zu heben. Die Muskeln im Nacken spannten, das Pochen im Schädel glich den wütenden Hammerschlägen eines wahnsinnigen Schmiedes. Simon nahm seine ganze Kraft zusammen, drehte sich zur Seite und kam schließlich auf dem nackten Rücken zu liegen. Er zitterte am ganzen Leib.

Als er die Augen öffnete, fiel sein Blick auf eine von Spinnweben übersäte Decke. Durch ein Loch drang gerade genug Licht herein, dass Simon die groben Mauern um sich herum erkennen konnte. Er vernahm ein Geräusch von der Seite und blickte dorthin. Aus einem schmutzigen Gesicht auf der anderen Seite des Raumes starrte ihn ein Augenpaar an. Der Unterkiefer des Mannes zuckte unkontrolliert. Mit einer Hand kratzte er sich die Haut unter dem wirren grauen Kopfhaar. Die andere Hand hielt wehrhaft einen brüchigen Tonkrug umklammert. Der Bärtige trug Simons Hemd und Hose.

Simon setzte sich stöhnend auf. Die Zelle war lang genug, dass zwei Männer ausgestreckt Kopf an Kopf liegen konnten. Ihre Breite war etwas geringer. Das Stroh auf dem Boden faulte schon. In einer Ecke stand ein undichter Eimer mit Exkrementen, auf der anderen Seite befand sich eine sehr stabil aussehende Holztür mit einer Klappe.

»Wo bin ich?«, fragte Simon.

»Im Kerker bist du. Im Kerker«, krächzte der Mann als Antwort. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, musste es sich um einen Greis handeln.

»Wer bist du?«

»Joni. Joni heiße ich. Joni.«

»Gib mir meine Sachen zurück, Joni!«, forderte Simon.

Der Angesprochene drückte sich weiter in seine Ecke und umklammerte den Krug noch fester. Simon sah, dass er auf einem Stapel Lumpen saß. Wahrscheinlich seine alte Kleidung.

»Mausetot warst du. Mausetot. Nicht mehr zu wecken. Weg. Ich habe versucht, dich zu wecken, habe ich. Mausetot. Die ganze Nacht. Kein einziges Mal bewegt hast du dich. Mausetot!« Das letzte Wort schrie Joni. Gleichzeitig warf er den Krug von sich. Er zerschellte an der Mauer über dem Latrineneimer.

Simon richtete sich auf. »Ich bin nicht tot, verdammt noch mal! Und wenn du es nicht bald sein willst, dann gib mir die Hose und das Hemd zurück!«

Joni blickte traurig an die Stelle, wo der Tonkrug gegen die Mauer gekracht und zerbrochen war. »Mausetot«, wiederholte er leise und ratlos.

Dann stand er zögernd auf und zog das Hemd über den Kopf. Sein Oberkörper war eingefallen, schmutzig und stark behaart. Trotzdem erkannte Simon Narben und verschorfte Wunden, die von einer Peitsche stammen mussten.

In diesem Moment hörte Simon Schritte. Jemand legte den Riegel um und öffnete die schwergängige Tür.

»Los, Glaser! Komm mit!«, brüllte ein Wachmann, der einen Knüppel schlagbereit hielt. Hinter ihm richtete ein Knabe die Spitze eines Kurzspeers auf die Türöffnung.

Simon hatte für einen Moment gehofft, die Männer übertölpeln zu können, doch dieser Waffengewalt musste er sich beugen.

»Mach schon, gib mir mein Hemd!«, fauchte er Joni an und griff danach. Doch der Alte ließ es nicht los.

»Gib mir mein Hemd!«, rief Simon erneut. Dann knallte der Knüppel schmerzvoll auf seine Schulter. Sofort ließ er das Hemd los.

»Du sollst mitkommen, habe ich gesagt«, brüllte der Wachmann.

Simon musste sich fügen. Nackt wie er war, ließ er sich aus der Zelle führen. Joni lachte, als wäre dies der schönste Tag seines Lebens.

Die Wachleute führten Simon zu einem Trog im großen Hof. Der Tag war kaum angebrochen, und die Sonne stand noch so niedrig, dass sie nicht über die Mauern von Burg Hauenstein drang. Er durfte sich notdürftig mit kaltem Wasser reinigen, während die durch das nahe Tor zur Arbeit eilenden Knechte und Mägde aus dem Dorf ihm zusahen und ihn verspotteten. Simon beachtete sie nicht weiter, sondern wusch sich frierend die verklebten Haare. Als er den kaputten Eimer in der Zelle gesehen hatte, war ihm klar geworden, in was für einer Pfütze er die Nacht über gelegen hatte. Er spuckte mehrmals angewidert aus.

Der jüngere Wachmann reichte ihm ein einfaches steifes Leinenhemd, das Simon sich wie ein Nachtgewand über den nassen Kopf zog. Der Kerl mit dem Knüppel legte ihm einen schweren eisernen Halsring um, den der andere mit einem krumm geschlagenen Nagel verschloss. Zwei Kettenglieder verbanden den Ring mit einem langen Holzstock, mit dem der Wachmann ihn auf Abstand und unter Kontrolle halten konnte, als er Simon in den Palas führte.

Obwohl im Kamin der hohen Halle ein Feuer prasselte, war es so kalt, dass jeder Hauch von Simons Atem in der Luft hing wie eine Nebelbank. Neben der Feuerstelle stand ein hochlehniger, mit dunkelgrünem Samt gepolsterter Stuhl. In die hölzerne Lehne hatte der Künstler einen durch Tannenwald brechenden Keiler geschnitzt, dem Jäger mit Hunden folgten.

Zwischen den an der Wand aufgestellten Rüstungen trat ein Mann hervor, den Simon sofort erkannte: Meister Wilfried. Sein Lehrmeister tobte so sehr, dass sein kräftiger Bauch in heftige Wallung geriet.

»Du Idiot! Das war das letzte Mal, dass du mir Ärger gemacht hast!«

Mit großen Schritten kam der Meister auf Simon zu. Er schlug ihm mit der flachen Hand so fest auf den Hinterkopf, dass Simon nach vorne taumelte und dem etwas unaufmerksamen Wachmann der Haltestock aus der Hand gerissen wurde. Die Stange fiel laut klappernd zu Boden, und der eiserne Ring schlug schmerzhaft gegen Simons Kinn. Aber noch bevor er es betasten konnte, riss der Wachmann den Stock wieder hoch. Der Schlag gegen seinen Adamsapfel tat so weh, dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb. Simon röchelte.

»Habe ich dich etwa bei mir aufgenommen, dir Essen, ein Bett und Arbeit gegeben, damit du mich so ins Verderben reißt? Ich sollte dir die Flausen aus dem Leib prügeln!«

Simon erwartete den zweiten Schlag und schaffte es, ihn mit dem Arm abzufangen. Meister Wilfried wollte mit der linken Hand nachlegen, und Simon riss den anderen Arm hoch, doch schon spürte er einen kräftigen Ruck an seinem Halsring, der ihn fast umwarf.

»Was ist hier los?«, erscholl die ehrfurchtgebietende Stimme des Waldvogts, der durch eine Tür neben der Feuerstelle in den Raum trat.

Simon merkte, dass Meister Wilfried kurz hin- und hergerissen war zwischen seinem Drang, ihm noch einen Schlag mitzugeben, und seinem Bestreben, dem Waldvogt zu gefallen. Die Demut seinem Herrn gegenüber gewann. Meister Wilfried verbeugte sich tief vor Nikolaus von Molsheim.

Dem Waldvogt folgten zwei weitere Männer. Den gehetzt dreinschauenden Benediktinermönch im schwarzen Habit, der mit seinem wackelnden Gang an einen Dachs erinnerte, kannte Simon nicht. Er musste zum Kloster in St. Blasien gehören. Den zweiten Mann hingegen hatte Simon schon öfter gesehen. Wenn man von ihm sprach, schwang immer eine Mischung aus Abscheu und Angst mit. Ruben Jehle war der engste Vertraute des Waldvogts und bei dessen Untertanen der unbeliebteste Mann des Landes. Sein Hals und sein Kinn waren glatt rasiert, während die roten Haare auf seiner Oberlippe und an den Schläfen wie Borsten wucherten. Simons Hoffnung, einen gnädigen Moment des Waldvogts zu erwischen, schwand. Denn als Mann der Gnade war der Steuereintreiber Jehle nicht bekannt.

»Auf die Knie, du faules Stück Schweinedreck!« Der Ruf des Wachmanns wurde von einem erneuten schmerzhaften Ruck an der Stange begleitet.

Simon fiel auf die Knie und hätte beim Aufprall auf dem steinernen Boden am liebsten aufgeschrien.

»Er soll stehen«, befahl der Waldvogt, als er sich auf dem Sessel niedergelassen hatte, während ihn der Mönch und der Steuereintreiber flankierten.

Simon sprang auf, bevor der Wachmann wieder an dem eisernen Halsring zerren konnte. Seit er gestern so unglücksselig von dem Balken gestürzt war, hatte er keinen Moment zum Nachdenken gehabt. Jetzt stand er am selben Ort vor dem Waldvogt, und ihm blieb nichts anderes übrig, als seiner Strafe entgegenzusehen.

»Meister Wilfried. Ich danke Euch, dass Ihr so schnell erschienen seid«, sagte der Waldvogt.

»Als ich hörte, was geschehen war, machte ich mich sofort auf den Weg, um Eurem Wunsch demütig Folge zu leisten.« Der Meister der Glashütte verbeugte sich mehrfach, wobei sein Bauch und das fortgeschrittene Alter einer wirklich höfischen Verbeugung im Wege standen.

»Nun zu dir, Glaser«, fuhr der Waldvogt mit einem unheilvollen Ton in der Stimme fort. »Meine Tochter hat mir alles erzählt.«

»Ich habe Eure liebreizende Tochter stets nur aus der Ferne bewundert, edler Herr. Niemals hätte ich es gewagt, mich ihr anders zu nähern als mit kleinen Geschenken, die ich ihr vor die Tür stellte.« Das war die Wahrheit.

»Schweig still!«

Der Befehl des Waldvogts war noch nicht verklungen, da spürte Simon erneut einen schmerzhaften Ruck an dem Halsring, mit dem der Wachmann den Worten seines Herrn Nachdruck verleihen wollte.

»Deine Verbrechen sind so dermaßen unerhört, dass ich kein Wort mehr darüber verlieren möchte.« Doch man sah dem röter werdenden Gesicht des Waldvogts an, dass die Wut schon zu groß war, um sich zügeln zu lassen. Er wurde mit jedem Wort lauter, als er hervorstieß: »Sei nur froh, dass du gestern nicht bei Bewusstsein warst, sonst hätte ich dir gleich an Ort und Stelle jedes Glied deiner dreckigen Finger mit einer stumpfen, rostigen Zange abkneifen lassen!«

Simon ballte die Hände vorsorglich zu Fäusten. Der Waldvogt holte tief Luft, bevor er Jehle zunickte und sich zurücklehnte.

»Du bist Simon, den man den Glaser nennt?« Anders als der Waldvogt sprach Jehle mit seiner hellen Stimme sehr leise und überlegt.

Ein leichter Ruck des Wachmanns zeigte Simon an, dass er zu antworten hatte. »Ja, Herr. Man nennt mich Simon, den Glaser.«

»Du bist der, der vor über zwanzig Jahren ohne Hinweis auf seine Herkunft in einem Korb am Stadttor Hauensteins gefunden wurde?«

»Vor fast vierundzwanzig Jahren, Herr.«

»Du wurdest von einer Amme großgezogen und dem neben dir stehenden Meister Wilfried übergeben, um bei ihm in die Lehre zu gehen und für deinen Lebensunterhalt zu arbeiten?«

»Ich erinnere mich kaum an die frühen Jahre, Herr, aber man sagte mir, dass es sich so zugetragen hat.«

Zum ersten Mal ergriff nun der Mönch das Wort: »Weißt du, dass auch der Prophet Moses in einem Weidenkorb gefunden wurde?«

»Ja, ehrwürdiger Bruder.«

»Das ist Subprior Marcus von Häusern!«, fauchte ihn Meister Wilfried an.

»Verzeiht, ehrwürdiger Prior«, beeilte sich Simon, die korrekte Anrede zu verwenden. »Ja, natürlich kenne ich die Geschichte von Moses. Man erzählte mir oft von seinem Leben. Und jedermann spricht mich darauf an, wenn er erfährt, dass auch ich als Kind ausgesetzt wurde.«

»Ein Schicksalskind«, sagte der Mönch mit entrücktem Blick.

Der Waldvogt war des Geplänkels überdrüssig. Er hob beide Fäuste und hieb sie mit Schwung auf die Lehnen seines Holzsessels. Der Blick des Subpriors kehrte in die Gegenwart zurück, während Jehle erneut das Wort ergriff.

»Glaser Simon. Ich zähle nun deine Verfehlungen auf. Nicht dass es noch der Beweise bedürfte, denn der Waldvogt selbst und seine Tochter waren mit vielen anderen dabei, als du deine schändlichen Taten verübtest.« Jehle strich über seinen roten Schnurrbart, bevor er weitersprach. Für einen Moment sah Simon eine breite Lücke in der Reihe der Zähne, die vorher die Barthaare verdeckt hatten.

»Du bist wiederholt in die Burg deines Herrn eingedrungen«, begann Jehle seine Aufzählung.

»Dafür verdienst du nicht weniger als den Tod«, ging der Waldvogt dazwischen.

»Du hast der Tochter des Waldvogts Geschenke gemacht, was einem Glaser wie dir nicht zusteht«, fuhr Jehle ungerührt fort.

»Verzeiht, Herr, darf ich etwas dazu …«

Simons Versuch, sich zu rechtfertigen, wurde auf einen Handstreich des Waldvogts hin durch kräftiges Rütteln an der am Halsring befestigten Stange unterbunden.

»Du hast dich in die Halle deines Herrn gestohlen, ihn belauscht, ihn aufs Äußerste beschämt vor seinen Gästen und schließlich einen heimtückischen Anschlag auf das Leben des kaiserlichen Kanzlers, Herrn Ulrich Riederer, verübt. Jede einzelne dieser Taten ist mit dem Tode zu bestrafen.« Jehle legte eine kurze Pause ein und sah Simon direkt in die Augen. »Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?«

Simons Kopf schmerzte, die Kehle tat ihm weh. Am liebsten hätte er geschwiegen, aber er wusste, dass er jetzt etwas sagen musste. Ansonsten würde er niemals wieder zu Wort kommen. »Niemand bedauert das Vorgefallene mehr als ich, hohe Herren. Jede einzelne Eurer Anklagen stellt meine bescheidene Person in ein so ungünstiges Licht, dass ich Euren Zorn verstehen kann. Aber lasst mich Euch versichern, dass die Vorkommnisse, derentwegen ich als um Gnade bittender Büßer hier vor Euch stehe, vom Schicksal gegeben sind. Ein Ereignis wurde zum Auslöser für das nächste, und …«

»Du gibst deine Taten also zu?«, unterbrach ihn der Subprior überrascht.

»Ihr, werter Herr Jehle«, sagte Simon mit einem Seitenblick auf den Steuereintreiber, »habt in Eurer Weisheit schon betont, dass die Vielzahl und der gute Leumund der Zeugen ein Leugnen meinerseits töricht machen würden. Ich kann Euch nur noch bitten, der Gnade einen Platz in Eurer Betrachtung einzuräumen. Denn auch wenn meine Vergehen Euch offensichtlich erscheinen mögen: Der Schein trügt!«

Erneut donnerten die Fäuste des Waldvogts auf die Armlehnen. »Nichts trügt!«, brüllte er. »Dass der kaiserliche Bote bis auf einen schmerzenden Hintern und ein paar Schrammen am Bein keine Verletzungen davongetragen hat, ist ein wahres Wunder.«

Subprior Marcus von Häusern bekreuzigte sich hastig.

»Trotzdem hast du für jedes einzelne deiner Verbrechen nichts Besseres verdient als einen qualvollen Tod!«, polterte der Waldvogt.

Simons Augen weiteten sich erschrocken. »Ich wollte wirklich nicht …«

»Ruhe!«, brüllten der Waldvogt und Jehle gleichzeitig.

Der Wachmann schien davon so beeindruckt zu sein, dass er vergaß, an Simons Halsring zu zerren. Dafür schlug Meister Wilfried ihm einmal mehr mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. Simon konnte aus seinen fratzenhaften Grimassen den Befehl herauslesen, endlich still zu sein – vollkommen still.

»Ich will kein weiteres Wort von dir hören, sonst lasse ich dir hier und jetzt deine lästige Zunge aus der Kehle reißen und werfe sie den Hunden zum Fraß vor!« Das Gesicht des Waldvogts war inzwischen hochrot angelaufen.

»Soll ich nach dem Folterknecht rufen lassen, Herr?«, fragte Jehle. Er blickte Simon dabei an, als gefalle ihm die Idee außerordentlich gut.

Der Waldvogt atmete tief durch und schüttelte dann den Kopf. Simons erster Impuls war es, ihm wortreich zu danken, aber dieses Mal verkniff er sich jeden Laut.

Dafür sprach Jehle weiter. »Meister Wilfried«, wandte er sich an den Alten. »Ihr habt den Glaser Simon als Kind von der Amme als Knecht ausgelöst und ihm die Kunst der Glasherstellung und -formung beigebracht?«

»Jawohl, Herr Jehle. Ich habe es oft bereut, weil der träumerische Junge zeitweise mehr Glas zerschlagen als geblasen hat. Aber er hat sich als talentierter Handwerker erwiesen, ein Künstler fast. Herr Waldvogt, meine Herren, ich habe den Jungen trotz seiner zahlreichen Fehler zu einem tüchtigen Arbeiter ausgebildet. Es wäre eine Verschwendung, ihm seine Finger, die Zunge oder gar das Leben zu nehmen, weil er dann seine Schuld nicht als Glasmacher abarbeiten könnte.«

»Habt Ihr diese Stücke schon einmal gesehen, Meister Wilfried?«, fragte der Waldvogt und winkte zwei Mägde mit mehreren Glasfiguren heran.

Eines der Mädchen präsentierte dem Glasmachermeister die daumengroße Figur eines kleinen Hasen mit langen Ohren, Simons erstes Geschenk für Amalia. Ohne ein Wort zu sagen, prüfte Meister Wilfried das Glas, um sich danach die Taube, das Reh und den Luchs vorzunehmen. All diese Tiere hatte Simon im Geheimen hergestellt, um sie seiner Angebeteten als Minnegeschenk vor die Tür ihres Gemachs zu stellen.

»Nein, Herr. Ich kenne diese Figuren nicht, erkenne aber sehr wohl die Handschrift des neben mir Stehenden«, sagte Meister Wilfried schließlich. »Verzeiht mir, wenn ich sage, dass besonders das Reh und der Luchs außergewöhnlich gelungene und schwierige Figuren sind.«

»Wollt Ihr damit sagen, dass der Mann neben Euch ein talentierter Glasbläser ist?«, hakte der Waldvogt nach.

»Ja, mein Herr. Nur tut es mir unsagbar leid, ein dermaßen großes Talent an einen solch ungehorsamen Hornochsen verschwendet zu wissen.«

»Ist er der beste unter den Glasbläsern in meinem Land?«

Meister Wilfried blickte Simon prüfend an. »Der Junge ist ein ausgesprochen guter Glasbläser, einer der besten in meiner Hütte. Ich würde sogar sagen, dass er mir durchaus das Wasser reichen kann. Aber von der Kunstfertigkeit und dem Sachverstand von Meister Waldemar und Meister Erasmus ist er weit entfernt.«

»Was denkt Ihr, wer der beste Glasbläser des Waldes ist?«

»Die beiden genannten Meister dürften einen Widerstreit um diesen Titel unter sich ausmachen, Herr.«

»Und welchen der beiden würdet Ihr auf eine gefahrvolle Reise senden, Meister Wilfried?«

»Ich verstehe nicht, Herr Waldvogt.«

Der Landesherr stieß laut und ungeduldig die Luft aus.

Simon verstand genauso wenig wie sein Meister. Wieso ging es auf einmal um die Meister der Glasherstellung?

»Der Kanzler Ulrich Riederer ist gekommen, um einen Auftrag unseres Königs – Kaisers, meine ich – Friedrich von Habsburg zu übermitteln, der als direkter Befehl Seiner Majestät natürlich Vorrang vor allem anderen hat«, erklärte der Waldvogt. »Ihr könnt die Figuren wieder wegbringen«, wandte er sich mitten in seiner Rede an die beiden Mägde, bevor er fortfuhr: »Die Venezianer haben ein Glas erfunden, das so klar wie Gebirgswasser und so fest wie Kristall sein soll. Sie nennen es Cristallo und hüten seine Rezeptur strenger als jeden Schatz. Kaiser Friedrich ließ mir durch seinen Boten Ulrich Riederer den Befehl zukommen, den besten meiner Glasbläser auszusenden, um das Geheimnis um die Herstellung des Cristallo aufzudecken.«

Der Waldvogt machte eine Pause und blickte Simon und seinen Meister mit einem grimmigen Gesichtsausdruck an. »Der Kaiser verlangt also, dass ich meinen besten Glasbläser auf eine gefährliche Reise schicke. Darum frage ich Euch, Meister Wilfried, wer ist der beste Glasbläser meines Landes?«

»Meister Erasmus und Meister Waldemar stehen sich in nichts nach, Herr«, wiederholte Meister Wilfried.

Der Waldvogt hob die Fäuste zum Himmel und schrie: »Den Teufel werde ich tun und einen der Glasmachermeister auf diese ungewisse Reise schicken!«

Der Mönch legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. In normaler Lautstärke sprach der Waldvogt weiter: »Wenn ich jemanden hätte, der jünger ist, sicherlich voller Talent, aber dennoch ein Tunichtgut, einen Verbrecher gar, den sowieso ein grauenvoller Tod erwartet, einen, den niemand vermissen würde …«

»Ihr meint einen Mann wie mich«, sagte Simon hoffnungsvoll. Er setzte sein gewinnendstes Lächeln auf.

»Einen Mann wie dich!« Der Waldvogt blickte ihm kalt in die Augen, ohne das Lächeln zu erwidern. Trotzdem machte Simons Herz Luftsprünge. Es sah so aus, als würde er dieses eine Mal noch seinen Hals aus der Schlinge ziehen können.

An Meister Wilfried gewandt sprach der Waldvogt weiter: »Wisst Ihr, Meister, ich kann einen kaiserlichen Befehl nicht missachten. Wenn der Kaiser mir aufträgt, den besten meiner Glasbläser nach Venedig auszusenden, um ihm die geheime Rezeptur des Cristallo zu beschaffen, dann muss ich ihm Folge leisten. Zwar kann ich mir hervorragend vorstellen, diesen Glaser hier dem Züchtiger zu überlassen, damit er zuerst ausgiebige Bekanntschaft mit seiner Geißel macht, um danach auf der Streckbank zu landen und zu guter Letzt gesiedet zu werden. Aber der Kaiser würde es mir nicht verzeihen, wenn ich damit dem Mann das Leben nähme, der seinen Auftrag am besten ausführen könnte. Wenn er denn der Beste seiner Zunft wäre. Also, nennt mir einen Namen! Wer ist der beste Glasbläser der ganzen Vogtei?«

Meister Wilfried war ein sehr erfahrener Glasmacher. Er kannte die alten Rezepturen, um Glas für verschiedene Bedürfnisse herzustellen. Ihm reichte sein Gefühl, um die richtige Temperatur im Glasofen genau abzuschätzen. Niemand wusste so treffsicher wie er, ob es sich lohnte, die Glashütte weiter an einem Standort zu belassen, oder ob es besser war, zu einem neuen Ort weiterzuziehen, wo es wieder genug Holz in der Nähe gab. Er war ein strenger Meister, der viel forderte von seinen Arbeitern, aber nie mehr, als er selbst zu leisten bereit war. Zu alldem besaß er das Talent, selbst die kleinste Scherbe gewinnbringend zu verkaufen. Doch die Anspielung des Waldvogts schien er immer noch nicht zu begreifen.

»Ich sagte Euch doch schon …«, setzte er zu seiner Antwort an.

Simon wusste, dass sein Meister wieder Erasmus und Waldemar nennen würde. »Der Waldvogt will nicht hören, was Ihr schon sagtet, sondern wie mein Name lautet«, ging er rasch dazwischen.

Das brachte ihm einen erneuten Ruck am eisernen Halsring ein. Ohne nachzudenken, packte er die Stange und hielt sie fest. Als er nach hinten sprang und der Stock gegen den Brustkorb des Wachmanns donnerte, schlug der eiserne Ring so fest gegen seinen Hals, dass er kurz glaubte, nie wieder atmen zu können. Der Wachmann hinter ihm schrie schmerzerfüllt auf und taumelte, die zweite Wache hob den Speer, und Meister Wilfried rief wütend Simons Namen.

Plötzlich erklang die befehlsgewohnte Stimme des Waldvogts, die alle zum Verstummen brachte. Nur der Wachmann wimmerte weiter. Er lag auf dem Boden und hielt sich den Brustkorb. Simon war sich sicher, ihm eine Rippe gebrochen zu haben, und bereute dies im gleichen Moment. Nicht nur, weil er dem Wachmann an sich nichts Böses wünschte, sondern vor allem, weil er sich jetzt wahrscheinlich den letzten Ausweg aus der Misere selbst verstellt hatte.

Erst jetzt drangen die Worte des Waldvogts zu Simon durch: »… halten wir fest, dass auf meine Frage, wer der beste Glasbläser der Vogtei zu Hauenstein sei, Meister Wilfried den Namen des Glasers Simon nannte. Ich bestimme also hiermit: Simon, der als Findelkind Untertan der Waldvogtei ist, hat das Land zu verlassen. Er reise nach Venedig und lüfte dort das Geheimnis um die Herstellung des Cristallo. Wenn er mitsamt der Rezeptur zurückkehrt, soll sein Leben geschont werden. Ihm bleiben zehn Tage, um in Meister Wilfrieds Glashütte Waren herzustellen, die ihm als Reisekasse dienen mögen. Meister Wilfried, Ihr werdet unserem Glasbläser einen Begleiter zur Seite stellen. Subprior, nehmt dem Glaser Simon den Eid ab.«

Der Mönch stand auf und trat zu Simon. »Schwöre bei Gott, deinem Herrn, den heiligen Eid, den Auftrag deines Waldvogts Nikolaus von Molsheim und deines Kaisers Friedrich von Habsburg auszuführen.«

Eben hatte Simon noch befürchten müssen, zu einem grausamen Tode verurteilt zu werden, jetzt sollte er im Auftrag des Kaisers eine Mission übernehmen, die eines Ritters würdig war. Er dachte keinen Augenblick nach.

»Ich schwöre bei Gott, dass ich nicht ruhen werde, bevor ich Euch das Rezept des Cristallo übergeben habe.«

»Möge der dreifaltige Gott im Himmel dein Richter sein, wenn du diesen Schwur brichst. Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist«, sagte Marcus von Häusern, bekreuzigte sich und ließ ein lateinisches Gebet folgen.

»Amen«, endete der Mönch.

»Amen«, wiederholte Simon.

»So sei es«, bestimmte der Waldvogt.

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KAPITEL 2

22. April, anno 1452, Venedig

Serena Pellini packte eine Sardelle an der Schwanzflosse. Das tote Fischlein war kaum so lang wie ihr kleiner Finger und viel dünner. In seinem silberfarbenen Schuppenkleid spiegelte sich das Azurblau des venezianischen Frühlingshimmels. Es war richtig gewesen, heute so früh zum Markt zu kommen. Die Ware war hervorragend. Serena unterdrückte ein Lächeln. Sich allzu offensichtlich über die Auslagen der Händler zu freuen war beim Feilschen hinderlich. Stattdessen setzte sie eine verdrossene Miene auf, als sie die Sardelle anhob.

»Signora, mein Fisch ist der beste weit und breit. Niemand verkauft Euch so guten Fisch wie Marco. Greift zu, Signora, greift zu!«

»Was soll er kosten?«

»Drei Stück für nur einen Piccolo«, antwortete der Händler. »Aber nur für Euch.«

Marco war ein schmuckes Mannsbild. Serena schätzte ihn auf Mitte zwanzig, deutlich jünger als sie selbst. Während man ihr die Leidenschaft für gutes Essen sofort ansah, hatte der Fischer keine Unze Fett am wohlgeformten Oberkörper, der von der Arbeit gestählt und von der Sonne gebräunt war. Sein helles Haar trug er praktisch kurz, während der volle Bart fast bis zur Brust reichte.

»Sechs für einen Piccolo«, forderte Serena.

»Unmöglich, Signora! Wie soll ich denn meinen Cousin fürs Netzeflicken bezahlen?«

Serena warf die Sardelle achtlos zurück in den runden Korb, in dem sicher hundert ihrer Geschwister auf Käufer warteten. Sie wandte sich ab und schlenderte davon.

»Signora!«, rief der junge Händler ihr hinterher. Doch Serena drehte sich nicht um.

Der Markt an der Ponte di Rialto war ein geschäftiger Umschlagplatz für Fisch, Weizen, Salz, Gemüse, Fleisch und Früchte. Aber auch Gold, Silber, Damast und Edelsteine wechselten hier den Besitzer. Bei den Kaufleuten im Zentrum des Marktplatzes konnte man sogar ganze Schiffsladungen Pfefferkörner aus dem fernen Indien bestellen. Mit solchen Mengen konnte Serena jedoch nichts anfangen. Sie hielt sich darum bei den fliegenden Händlern am Rand des Großmarkts auf, wo man die Pfefferkörner in kleineren Mengen erwerben konnte. Oder eben ein paar besonders feine Sardellen.

Die halbe Insel San Polo schien an diesem ungewöhnlich warmen Frühlingsmorgen auf den Beinen zu sein, um sich hier mit den Zutaten für die Mahlzeiten der kommenden Woche einzudecken. Serena kam nur langsam voran. Ständig wünschten ihr Nachbarinnen und Kolleginnen einen schönen Tag, was sie freundlich lächelnd erwiderte, auch wenn sie nicht alle der Frauen beim Namen kannte. Serena war eine kleine Berühmtheit in der Carampane, dem Frauenviertel von San Polo. Es gab nicht viele Dirnen, die es zu einem eigenen Haus gebracht hatten, in dem sogar die hohen Herren Venedigs verkehrten. Zudem fiel Serena aufgrund ihrer ausladenden Körperfülle und dem auffälligen roten, weit geschnittenen Kleid mit den eingearbeiteten Silberfäden jedem sofort ins Auge. Die üppigen Rundungen ihres Leibes gerieten bei jedem Schritt in Wallung. Das dunkle Haar hatte sie mit einem gelben Seidentuch hochgebunden, das ihr im letzten Winter ein päpstlicher Gesandter geschenkt hatte. Offen trug sie ihr Haar nur zu besonderen Gelegenheiten. Die lockige Pracht reichte ihr dann bis zur Taille.

Aus Richtung des Canal Grande war ein wirres Durcheinander aus Rufen von Bootsmännern und Gondolieri zu hören. Während die einen nach dem Entladen ihrer Waren wieder ablegen wollten, versperrten nachkommende Boote den Weg. Jeden Marktsamstag war es das Gleiche: Der Kanal war irgendwann so voll, dass keiner mehr vorankam. Wer konnte, ging am besten zu Fuß und genoss dabei die Frühlingssonne und die leichte Brise, die saubere Gebirgsluft in die Lagunenstadt brachte.

Die Lieferanten des Mercato di Rialto waren nur eine von vielen Quellen des Lärms. Ob an den Ständen die Händler mit ihren Kunden feilschten, sich Bekannte auf dem Markt trafen oder ein paar Streithähne einen alten Zwist wieder aufwärmten: Kamen zwei oder mehr Venezianer zusammen, ging es stets lautstark zu. Vielleicht hielt sich die feine Gesellschaft in San Marco etwas mehr zurück, aber hier, im wahren Herzen Venedigs, gehörte gestenreiches Geplänkel zum guten Ton. Serena liebte diese Stadt.

»Signora!«

Sie grinste zufrieden, bevor sie sich zu dem Fischhändler umdrehte. Wenn sie eines in ihren fünfunddreißig Lebensjahren gelernt hatte, dann, wie sie die Männer dazu brachte, ihr nachzulaufen.

»Vier für einen Piccolo, Signora. Und das nur, weil ich Euch von der Güte meiner Ware überzeugen und Euch als treue Kundin gewinnen möchte. Das ist mein letztes Wort, Signora.« Marco streckte vier Finger in die Luft.

Serena musterte die muskulöse Brust des Fischers. Sie griff nach seiner erhobenen Hand und blickte ihm tief in die Augen. »Eine Sardelle«, hauchte sie und streichelte den Daumen.

»Signora!«

»Pssst!« Während sie mit den Fingernägeln der linken Hand über die Handinnenfläche des Fischers fuhr, strich die Rechte über den Zeigefinger. »Zwei Sardellen«, raunte sie.

»Drei Sardellen«, bemerkte Marco, als sie seinen Mittelfinger packte.

Serena hielt seinen Blick mit ihrem gefangen. Sie lächelte. »Vier Sardellen«, fuhr sie fort und griff nach dem Ringfinger.

»Gegen Signora Pellini kommst du nicht an, Marco!«, rief ein Gemüsehändler lachend. Die Umstehenden fielen lautstark ein. Doch der Fischer schien das kaum wahrzunehmen. Mit offenem Mund wartete er ab.

»Fünf Sardellen«, zählte Serena. Sie brauchte den kleinen Finger des Fischers nicht einmal zu berühren. Er gab mit rotem Kopf seinen Widerstand auf.

»Dann soll es so sein, Signora«, sagte er schnell und entzog ihr seine Hand.

Serena hauchte einen Kuss in die Luft.

Es war nicht weit bis zum Palazzo del Piacere, dem Palast der Genüsse, wie man Serenas Haus am Rio di San Cassiano nannte. Die schmalen Gassen, die vom Markt aus dorthin führten, wirkten um diese Tageszeit fast ausgestorben. Jetzt, am Vormittag, traf man in der Carampane vornehmlich Männer an, die ihren Geschäften nachgingen. Vor Giancarlos Haus balancierten gerade zwei Kerle auf einem abenteuerlich aussehenden Gerüst, um die seit Jahren brüchige Fassade auszubessern. Das wurde auch Zeit! Erst vor wenigen Wochen hatte sich ein Stein aus dem Mauerwerk gelöst und einen Veroneser erschlagen. Während die beiden Arbeiter oben die Mauer flickten, rührte ein Dritter auf der Gasse in Holzeimern den speziellen venezianischen Mörtel an, der dem mal heiß-trockenen und dann wieder feucht-kalten Klima der Stadt am besten standhielt. Serena beeilte sich, aus dem Gefahrenbereich herauszukommen. Zweimal musste sie sich in Hauseingänge drücken, um abgehetzten Lieferanten mit ihren hölzernen Lastenkarren auszuweichen, die die Schenken mit Wein und Bier belieferten.

Erst wenn sich am Nachmittag die ersten lüsternen Mannsbilder einfanden, um ihr Geld bei den vielfältigen Vergnügungen der Carampane loszuwerden, würden die Frauen aus ihren Zimmern auf die Straßen, in die Gassen, zu den Brücken und Plätzen strömen. Die Nächte hier konnten lang werden. Jetzt, am Vormittag, dürften viele der Frauen noch schlafen oder gerade eine erste Stärkung zu sich nehmen.

An der Ponte della Tette standen bereits drei Dirnen, die auf frühe Freier warteten. Serena kannte nur Marisa mit Namen. Mit ihren fast fünfzig Jahren war sie die jüngste der barbusig an der Brücke lehnenden Frauen.

»Salve, Serena!«, rief Marisa laut und winkte, was ihre dicken Brüste zum Beben brachte.

»Ihr steht heute aber früh an«, bemerkte Serena. Sie verlangsamte ihre Schritte, blieb aber nicht stehen.

»Wenn in deinem Palazzo endlich ein Zimmer für mich frei wird, kann ich morgens auch einkaufen gehen, statt mir die Nippel abzufrieren.« Marisas Lächeln offenbarte zwei fehlende Schneidezähne, die ihr vor Ewigkeiten ein besoffener Freier ausgeschlagen hatte. Zumindest wurde sie nicht müde, diese Geschichte zu erzählen.

»Leider ist alles besetzt, meine Liebe«, gab Serena zurück.

»Aber ich habe gehört, dass gerade ein Zimmer frei ist.«

»Ab heute nicht mehr, Marisa. Ich erwarte ein neues Mädchen.«

»Wieder so ein junges Ding? Du willst wohl die einzige richtige Frau sein, die den reichen Herren etwas zu bieten hat.«

»Du weißt ja, wie die Männer sind. Die einen wollen ihre Frauen so, die anderen so. Ich wünsche dir ein gutes Geschäft, Marisa! Und euch beiden auch. Wenn ihr wollt, schaut heute Nachmittag vorbei. Adina wird euch eine kleine Stärkung reichen.«

Die Frauen riefen ihr nach, dass sie kommen würden. Serena blickte sich nicht mehr um, sondern wandte sich nach rechts, öffnete ein schmiedeeisernes Tor und betrat ihr winziges Gärtchen, wo die Kräuter mit den Frühlingsblumen um die Wette blühten. Der Garten war ein bemerkenswerter Luxus, auch wenn Serena nach nur drei Schritten das dreistöckige Haus erreicht hatte. Palazzo war als Bezeichnung bei Weitem übertrieben, aber das Haus konnte sich trotzdem sehen lassen und war immerhin stattlich genug, dass selbst die Herren des Großen Rats sich ab und an hier einfanden.

Adina Lanza bereitete in der großen Küche bereits das Essen vor. Die hübsche Frau mit dem dichten braunen Haar und dem ausgeprägten Kussmund trug ein einfaches Leinenkleid mit dunkelgrüner Borte. Ihre Tochter Nicoletta stand auf einem Schemel und schaute zu, wie sie Pfefferkörner in einem Mörser zermahlte.

»Tante Serena!«, rief das Mädchen erfreut.

Mit ihren zehn Jahren war sie kein kleines Kind mehr, aber auch noch weit davon entfernt, eine Frau zu sein. Sicherlich gab es Mädchen in der Carampane, die in ihrem Alter bereits Männer bedienen mussten. Aber nicht bei Serena. Zu sehr schmerzten ihre eigenen Erinnerungen an die gestohlene Kindheit. Nicoletta sollte es besser haben. Dafür sorgten, anders als bei Serena, zum Glück auch Nicolettas Mutter und Raffaele, der Stiefvater der Kleinen. Seit der Hochzeit im vergangenen November hatte Adina sich aus dem Geschäft mit den Freiern zurückgezogen. Während sie als Hausmädchen, Empfangsdame, Putzfrau und Küchenhilfe arbeitete, sorgte Raffaele Lanza für die Sicherheit der Frauen und dafür, dass ihnen das alte Haus nicht über dem Kopf zusammenbrach. Darüber hinaus war Griechisch seine Muttersprache, sodass er Serena bei Verhandlungen mit oströmischen Kunden unterstützen konnte. Manchmal fragte sie sich, wie sie jemals ohne ihn klargekommen war.

»Nicoletta, hilf Tante Serena doch mit den Einkäufen«, bat Adina.

Das Kind sprang vom Schemel und nahm den großen Korb mit beiden Händen. Die Kleine wusste genau, wo alles zu lagern war. Die meisten der Zutaten waren ohnehin für das Mittagessen und das Mahl am Abend vorgesehen.

»Du hast alles bekommen, Serena?«, fragte Adina.

»Ja, sogar frische Sardellen von einem jungen Händler, der mir gefallen könnte.«

»Hast du ihn eingeladen?«

Serena lachte. »Nein, er wurde schon panisch, als ich nur seine Hand hielt.«

Adina fiel in das Lachen mit ein.

»Ist Raffaele da?«, fragte Serena.

»Er ist eben losgefahren, um das Holz für die neuen Läden zu besorgen. Du hast ihn knapp verpasst. Aber heute Nachmittag, wenn die Gäste aus Konstantinopel erwartet werden, ist er wieder zurück.«

Serena fühlte sich in der Küche wohl wie ein Fisch im Wasser. Gemeinsam mit Adina halbierte sie die Sardellen und legte sie mit Salz, einem Schuss Essig, einer guten Portion Öl und gemahlenem Oregano in eine tönerne Schale. In einer Schmiedepfanne auf der Feuerstelle brieten sie Zwiebeln, Knoblauch und getrocknete Tomaten aus dem Vorjahr an. Ab und zu kam eine der anderen Frauen vorbei. Wer die Küche betrat, war von den würzigen Düften sogleich betört.

Adina stellte einen großen Topf mit Wasser auf das Feuer und schnitt den dünn ausgerollten Teig, den sie am Vortag vorbereitet hatte, in lange Streifen. Serena rührte derweil in der Pfanne und warf eine Handvoll saurer Kapern und im Vorjahr in Öl eingelegter Sardellen hinzu. Schwarze Oliven, der gemahlene Pfeffer, grobes Salz und ein Schuss Weißwein vervollständigten die Sauce. Das Fleisch der salzigen Sardellen löste sich in der Hitze vollkommen auf und verlieh der Speise eine samtige Konsistenz.

Als die Nudeln gerade im kochenden Wasser landeten, kam Asraa in die Küche, eine dunkelhäutige Schönheit, die als Kind mit ihren Eltern aus Ägypten nach Venedig gekommen war.

»Donna Serena, eben klopfte ein Bischof Cappolitis mit vier Dienern ans Tor.«

»Jetzt schon? Sie sind viel zu früh!«

»Er sagte, Ihr würdet ihn und das Mädchen erwarten, das bei ihm ist. Ist das die Neue?«

»Es sieht ganz so aus. Nur eben einen halben Tag zu früh. Der Bote von Signor Vantio hat ihn für den Nachmittag angekündigt. Adina, ist schon alles bereit für den Besuch?«

»Das Zimmer ist noch nicht fertig«, antwortete die Gefragte, während sie mit einem großen Holzlöffel im Nudeltopf rührte.

»Soll ich den Bischof und das Mädchen in den Speisesaal bringen und sie bitten, dort zu warten?«, fragte Asraa.

Serena überlegte nicht lange. »Nein, ich hörte, dass er ein Mann ist, den man besser nicht warten lässt. Bring die beiden hierher. Er war in seinem Leben bestimmt noch nicht oft dort, wo sein Essen zubereitet wird.«

Serena wusch sich die Hände in einer Schüssel mit Wasser, dem sie einen Spritzer Zitronensaft beigefügt hatte, und trocknete sie an ihrer Schürze ab.

»Im Garten Eden mag es nicht himmlischer duften«, erklang gleich darauf die süßliche Stimme eines Mannes. Sein Italienisch hatte einen fremdartigen Klang.

Vor zwei Wochen hatte ein Bote die Ankunft von Bischof Cosimo Cappolitis von Platana angekündigt. Eine lange schwarze Soutane bedeckte den hochgewachsenen, schlanken Körper des Kirchenmannes. Eine auffällige Goldkette mit einem großen juwelenbesetzten Kreuz hing um seinen Hals. Darüber wucherte ein langer grauer Bart. Auf dem Kopf trug der Bischof eine weiße Mütze mit langem Schleier, der ihm bis zur Mitte des Rückens reichte. Über seiner Stirn war in den weißen Seidenstoff das byzantinische Kreuz eingestickt, das sich nach außen hin verbreiterte. Die nach oben gebogenen Spitzen seiner Schuhe waren ihm im Weg, als er die drei Stufen zur Küche hinabstieg.

Serena verbeugte sich vor dem Geistlichen, dem ein schüchtern umherschauendes Mädchen folgte. Es blieb mit gesenktem Blick zwei Schritte hinter dem Bischof stehen.

»Ihr kommt früh, Bischof Cappolitis«, bemerkte Serena und bemühte sich, keinen Vorwurf in ihre Stimme zu legen.

»Wenn unsere etwas verfrühte Ankunft der Grund sein sollte, dass Ihr einen Gesandten des Metropoliten von Trapezunt in der Küche empfangt, so soll Euch verziehen sein.«

»Tatsächlich ist das der Grund, Eure Exzellenz. Das Zimmer, das ich für Eure Begleitung vorbereiten ließ, befindet sich zu meinem größten Bedauern noch genauso in Vorbereitung wie dieses Essen, das ich Euch gerne anbieten möchte. Das ist also die junge Signorina, die mir der Bote ankündigte?«

Das Mädchen senkte den Kopf noch weiter. Bischof Cappolitis packte es an der Schulter und schob es nach vorne.

Die Kleine mochte vielleicht sechzehn Jahre alt sein. Sie war dünn und steckte in einem weiten, bis zum Boden reichenden Sommerkleid. Ihr dunkles Haar war kaum so lang wie ein Finger dick. Serena vermutete, dass man ihr den Kopf geschoren hatte, um der Läuse Herr zu werden. Trotz der fehlenden Haarpracht war die außergewöhnliche Schönheit des Mädchens mit den ebenmäßigen Gesichtszügen nicht zu übersehen.

»Wie heißt du, mein Kind?«

»Alessandra, Signora.« Ihre Stimme war leise, dabei tief und kraftvoll wie ein entferntes Donnergrollen.

»Du kannst mich Donna Serena nennen«, sagte sie zu der Kleinen und richtete sich anschließend wieder an den Bischof: »Wollt Ihr Euch nicht setzen, während meine Helferin Adina und ich das Mahl zubereiten?« Sie zeigte auf den einfachen Tisch, wo sie und ihre Mädchen oft zusammen speisten.

Bischof Cappolitis nahm Platz. Alessandra stellte sich auf einen Wink hin neben ihn.

Serena nahm eines der guten Gläser aus dem Schrank. Sie füllte es mit goldenem Wein, schnitt zwei Scheiben Brot ab, die sie mit Olivenöl beträufelte, und brachte Brot und Wein an den Tisch.

»Der Wein macht den Menschen froh, das Öl macht ihn schön, das Brot macht ihn stark«, zitierte sie einen Psalm, ohne sicher zu sein, ob die Ostkirche ihn ebenfalls kannte.

»So einfach und doch so gut, Donna Serena«, sagte der Besucher, als er die erste Scheibe Brot gegessen hatte.

»Oft sind es die einfachen Dinge, die uns die größte Befriedigung verschaffen.«

Serena hatte während der Begrüßung die Pfanne vernachlässigt. Es zischte, als sie etwas Wein zu den laut brutzelnden Zutaten goss. Adina hatte in der Zwischenzeit einen kleineren Topf bereitgestellt, in den Serena einen Teil der Sauce füllte und mit den Nudeln vermischte. Zu guter Letzt gab sie eine Handvoll nussig-bitterer Raukenblätter dazu, die Nicoletta im Garten gesammelt hatte.

»Lasst uns in den Speisesaal hinübergehen, Eure Exzellenz. Dort sitzen wir bequemer.«

Bischof Cosimo Cappolitis von Platana folgte Serena in das große Speisezimmer, wo ein schwerer Eichentisch mit gepolsterten Stühlen bereitstand. Die Möbel hatten sie ein Vermögen gekostet, sich aber als gute Investition erwiesen. Die Männer kamen längst nicht mehr nur in ihren Palazzo, um sich mit einem der Mädchen zu vergnügen. Das konnten die anderen Freudenhäuser genauso bieten. Bei Serena Pellini ging der Genuss schon vorher los: mit einer köstlichen, liebevoll zubereiteten Mahlzeit.

Für die Mädchen hatte das mehrere Vorteile. Zum einen gehörten alle Herren, die Serenas Palazzo besuchten, zum wohlhabenden Teil der venezianischen Bevölkerung und leisteten sich ein oder mehrere Mädchen oft für den ganzen Abend. Zum anderen waren Kunden, die zuvor mit feinsten Leckereien verwöhnt worden waren, meist milde und schläfrig. Die Mädchen steigerten den Herren den Genuss, hatten dann aber für den Rest des Abends nur noch den Geschichten über wahre, übertriebene oder ganz erfundene Heldentaten zu lauschen und ihre Kunden bewundernd anzuschauen. Und dabei verdienten sie mehr, als wenn sie ihre Brüste auf der Ponte della Tette präsentieren müssten wie die alte Marisa.

Serena entging nicht, dass dem Bischof das Ambiente im Speisesaal besser gefiel als in der Küche. Der Boden war aus feinstem Marmor, an den Wänden hingen Bilder venezianischer Maler, und durch die Lamellen der Fensterläden drangen kühle Luft und die Stimme eines Gondoliere herein, der gerade auf dem Kanal vorbeifuhr.

Das Essen hingegen betrachtete der Geistliche zunächst etwas skeptisch. Doch sobald er sich eine erste Gabel der langen Nudelbänder in den Mund geschaufelt hatte, fand er Geschmack daran und wurde nicht müde, die Kochkünste der Signora Pellini zu loben.

»Setz dich, Alessandra! Der zweite Teller ist für dich«, sagte Serena.

»Sie hat keinen Hunger«, fauchte der Bischof, plötzlich kühl wie der Wind, der im Januar über die Lagune strich.

»Eure Exzellenz, verzeiht mir, aber in meinem Haus pflegen Männer und Frauen gemeinsam …«

»Nicht mit mir!«, unterbrach der Bischof Serena. Seine Augen funkelten angriffslustig.

Serena senkte demütig den Kopf.

»Wie nennt Ihr dieses Gericht?«, fragte der Bischof schließlich und nahm einen großen Schluck Wein.

»Spaghetti alla puttanesca, Eure Exzellenz.«

»Nach Art der Dirnen«, sagte er und lachte. »Das passt, nicht wahr, Alessandra?«

Das Mädchen nickte schüchtern und sah zu Boden, als er sich ihren Teller vornahm.

Als der Bischof satt war, lehnte er sich zufrieden zurück. Seine Hand fuhr zu Alessandras Hintern. Er kniff sie, und sie machte erschrocken einen Sprung nach vorne.

»So ist es gut. Hier stehst du besser«, sagte er. An Serena gewandt, fügte er hinzu: »Schaut sie Euch an!«

Bischof Cappolitis beugte sich zu dem Mädchen, packte ihr Kleid mit beiden Händen am Saum und zog es hoch, sodass man ihre braune, seidige Haut und ihre flaumig bewachsene Scham sehen konnte. Blaue Flecken bedeckten ihre Schenkel. Die Kleine presste die Knie zusammen.

»Haltet ein, Bischof!«, sagte Serena schnell, doch der fand Gefallen an der Situation. Er stand auf und zog weiter am Kleid, bis auch Alessandras flache Brüste zu sehen waren.

»Und jetzt dreh dich um, zeig uns dein Ärschlein!«

»Es reicht!«, rief Serena erbost und sprang auf.

Alessandra zuckte erschrocken zusammen. Sie blickte Serena an und schüttelte warnend den Kopf.

Bischof Cosimo Cappolitis von Platana ließ von dem verängstigten Mädchen ab. Er richtete seinen lauernden Blick auf Serena. Die setzte ein entwaffnendes Lächeln auf.

»Eure Exzellenz, verzeiht, aber wir sind im Speisesaal«, sagte sie. »Dies ist ein Ort des Genusses und des Gesprächs. Ich werde mir das Mädchen später genauer anschauen. Aber verratet mir doch bitte, welchem außergewöhnlichen Umstand ich die Ehre Eures hohen Besuches zu verdanken habe.«

Der Bischof atmete tief ein und aus. Dann nahm er sein Weinglas und leerte es bis auf den Grund. Er blickte das Glas einen Augenblick bewundernd an, holte aus und donnerte es wütend gegen die Wand. Es zersprang in tausend Scherben.

»Ihr könnt von Glück reden, Dirne, dass wir nicht in Trapezunt sind«, flüsterte Cappolitis in die plötzliche Stille.

»Es lag mir fern, Euch zu beleidigen, Eure Exzellenz. Ich bin nur eine einfache Dirne, zu unwürdig, als dass ein Bischof sich über sie ärgern sollte.« Serena verbeugte sich tief und verharrte in dieser Stellung.

Einen Moment befürchtete sie, dass der Bischof sie schlagen würde. Der Moment ging vorüber. Serena blickte vorsichtig auf.

»Ihr seid vor allem ein Weib, das Männer zu nehmen weiß«, bemerkte Cappolitis anerkennend. »Alessandra, du wirst vieles von der Signora lernen können.«

»Jawohl, Eure Exzellenz«, flüsterte die Kleine.

»Lasst uns den Rest ohne das Mädchen besprechen, ehrwürdiger Herr Bischof«, schlug Serena vor. »Ich hoffe, Ihr erweist mir die Ehre, auch weiterhin mein Gast zu sein. Wählt Euch ein Mädchen nach Eurem Geschmack, und verbringt den Abend als Freund in meinem Hause.«

»So soll es sein«, erwiderte der Bischof knapp.

Serena stand auf und ging zur Küchentür. Sie bat Adina, das neue Mädchen in ihr Zimmer zu bringen. Alessandra verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung von Bischof Cappolitis und beeilte sich, Adina zu folgen.

»Die Kleine ist ein Bastard, Signora Pellini. Ein uneheliches Balg eines hohen Kirchenmannes.«

Serena nickte. Das hatte sie sich schon gedacht.

»Die Umstände, unter denen ihre Existenz dem Diener Gottes bekannt gemacht wurden, ließen ihm nur wenige Möglichkeiten. Da sie immerhin sein Fleisch und Blut ist, wollte er sie nicht getötet wissen, was sicherlich die einfachste Lösung gewesen wäre. Er fragte an, ob ich mich der Zukunft seines Kindes annehmen könnte. Da ich als Botschafter auf dem Weg nach Rom bin, nahm ich das Töchterchen mit.«

»In Eurer Kabine, nehme ich an?« Serena konnte sich diese Frage nicht verkneifen.

»Hätte ich das Ding bei den Matrosen und Soldaten lassen sollen?«

»Wie kamt Ihr mit Signor Vantio zusammen?«

»Wir trafen uns in Konstantinopel. Er hörte sich mein Anliegen an und gab mir Eure Adresse. Kümmert Euch um die Kleine, Signora! Es soll Euer Schaden nicht sein.«

Er kramte einen Beutel hervor, den er auf den Tisch warf. Das gedämpfte Klimpern schwerer Münzen erklang. Serena ließ den Beutel, wo er war.

»Das sind fünf Dukaten«, sagte der Bischof. »Ihr sollt weitere fünfzehn bekommen, wenn ich mich auf meiner Rückreise in einem halben Jahr davon überzeugen kann, dass Alessandra wohlauf ist. Außerdem werde ich mir dann wohl von ihr zeigen lassen, was sie alles gelernt hat bei Euch.« Er lachte.

Serena dachte nach. Ernado Vantio hatte ihr über einen Boten mitteilen lassen, dass Cappolitis ein gefährlicher Mann sein konnte. Vantio war ein guter Kunde in Serenas Palazzo gewesen, bis er nach Konstantinopel aufgebrochen war, um dort ein Geschäft für Zimt und Ingwer aufzubauen. Sie wollte seine Warnung nicht in den Wind schlagen. Zwar missfiel es ihr, einen solchen Handel einzugehen, zugleich aber war sie sicher, dass es das Beste für Alessandra war, so schnell wie möglich aus dem Dunstkreis dieses Bischofs herauszukommen. Serena kannte Männer wie ihn. Würde er des Mädchens überdrüssig, konnte es durchaus geschehen, dass sie eines unerwarteten Todes starb.

»Müsst Ihr so lange nachdenken?«, fragte Cappolitis ungeduldig.

Serena schüttelte den Kopf. »Wir sind im Geschäft, Eure Exzellenz.«

»Dann hätten wir das geregelt. Jetzt steht mir der Sinn nach etwas ganz anderem, wenn Ihr wisst, was ich meine«, sagte er.

»Darf ich Euch meine Mädchen vorstellen?«

»Ich glaube, das ist nicht nötig. Ich wähle die Negerin, die mich zu Euch brachte.«

»Asraa, Herr Bischof. Eine gute Wahl.«

Zum Glück benötigte Bischof Cosimo Cappolitis von Platana nicht allzu lange, um sich auszutoben. Eine knappe Stunde nachdem er mit Asraa verschwunden war, reiste er mit seiner Gefolgschaft ab. Serena hatte das Gefühl, wieder freier atmen zu können. Sie ging in die Kammer, in der Alessandra untergebracht war. Das Mädchen saß auf dem Bett und wandte sich ab, als Serena eintrat.

»Er ist weg«, sagte sie.

Alessandra schossen Tränen in die Augen. Ihr lautes Schluchzen ließ erahnen, dass sich Angst und tiefer Schmerz Bahn brachen. Serena eilte zu ihr, setzte sich neben sie und nahm sie schützend in den Arm.

»Es ist gut, Kindchen. Es ist gut.«

»Er ist grausam«, schluchzte das Mädchen.

»Die blauen Flecken hast du von ihm?«

Sie nickte und beruhigte sich langsam.

»Du solltest dich jetzt erst einmal ausruhen. Hier bist du sicher.«

»Ich muss in Eurem Haus Männer bedienen, Signora?«, fragte Alessandra. Serena war erneut über die Tiefe ihrer Stimme erstaunt.

»Er hat dir für fünf Wochen die Unterkunft bezahlt. So lange kannst du dir überlegen, wie es weitergehen soll. Wenn du willst, kannst du jederzeit gehen. Aber du kannst auch gerne bleiben. Du musst hier nichts tun, was du nicht möchtest.«

»Aber was sollte ich sonst tun? Ich bin entehrt. Welcher Mann sollte mich denn noch heiraten wollen?«

»Du hast doch Adina schon kennengelernt.«

»Die Frau, die bei Euch in der Küche war und die mich hierhergebracht hat?«

»Eben die. Adina war kaum älter als du, als sie ihre Tochter zur Welt brachte. Welcher ihrer vielen Freier der Vater ist, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Als sie keinen Ausweg mehr sah, floh sie aus ihrem Dorf und kam nach Venedig. Sie landete bei mir. Im Sommer des vergangenen Jahres hat Raffaele Lanza eine Anstellung bei mir angetreten, und beider Herzen sind sofort füreinander entbrannt. Jetzt sind sie verheiratet, Adina arbeitet als meine Gehilfin, und die drei sind eine glückliche kleine Familie. Auch wenn die Nacht noch so düster ist, irgendwann wird die Sonne wieder aufgehen. Auch für dich.«

»Wart Ihr auch eine Dirne?«

Serena nickte. »Seit ich so alt war wie Nicoletta heute. Meine Mutter starb nur wenige Tage nach meiner Geburt, mein Vater, als ich acht Jahre alt war. Er kehrte aus einer Schlacht gegen Mailand einfach nicht mehr zurück. Drei Jahre später starb die Großmutter, bei der ich aufwuchs. Ein Kirchenmann war es, der mich zwang, die Schulden der Großmutter als Dirne abzuarbeiten. Mittlerweile aber bin ich eine Kurtisane.«

»Was ist das?«

»Ich bin die Geliebte nur noch eines Herrn, dem meine ganze Hingabe gehört.«

»Hingabe?«

»Ja. Hingabe ist die gute Schwester der Unterwürfigkeit.«

»Wird er Euch heiraten?«

Serena lachte und sagte: »Nein, mein Kind. Dazu wird es nie kommen. Er ist längst verheiratet.«

Alessandra blickte sie fragend an.

»Er ist ein Mann von hohem Rang und mit einer Dame seiner Stellung verheiratet«, erklärte Serena. »Er hat mich einmal besucht, kam immer wieder und wünschte irgendwann, dass ich nur für ihn da sein soll. Er bezahlt gut dafür. Dieses Haus habe ich ihm zu verdanken.«

»Ihr empfindet nichts für ihn?«

»Doch, Kind, das tue ich. Ebenso wie ich weiß, dass er meine Gesellschaft genauso schätzt wie die Speisen, die ich ihm zubereite. Wir stehen uns nah, aber wir beide wissen, dass ich niemals mehr sein kann als seine Kurtisane. Seine Frau würde das nicht zulassen.«

»Sie weiß von Euch?«

»Viele hohe Herren haben ihre Kurtisanen. Sie weiß, dass von mir keine Gefahr ausgeht. So, jetzt aber genug der Geschichten.« Serena stand auf und streichelte Alessandra über das samtige Haar. »Hier bist du in Sicherheit, das verspreche ich dir.«

»Danke, Signora«, erwiderte Alessandra. »Vielen Dank!«

Serena ging zurück in die Küche. Raffaele war in der Zwischenzeit von seinen Besorgungen zurückgekehrt. Er legte zwei Holzscheite in die Glut, während er seiner Stieftochter lauschte, die ihm ein Lied vorsang. Der muskulöse Körper und die wachen Augen ließen ihn jünger wirken als die sechsunddreißig Jahre, die er bereits auf der Welt war. Während sein mächtiger Schnurrbart noch ganz schwarz war, durchzogen erste graue Strähnen sein Haupthaar, das er halblang trug. In Konstantinopel hatte er verschiedenen Herren gedient, als Soldat, als Wachmann eines Adligen und als Übersetzer bei den Verhandlungen mit den Osmanen. Im vergangenen Sommer war er als Leibwächter eines Goldhändlers nach Venedig gekommen. Es hatte Streit gegeben, und Raffaele hatte seine Stellung verloren. Es war ein gewaltiges Glück, dass er schließlich am Tor des Palazzo del Piacere geklopft und um eine Anstellung gebeten hatte. Denn Manuele, Serenas voriger Helfer, hatte sich wenige Tage zuvor ohne ein Wort des Abschieds aus dem Staub gemacht.

»Schön hast du gesungen, Coccola!«, lobte Raffaele die Kleine.

Nicoletta war richtig verschossen in ihren Stiefvater. Sie schmiegte sich an ihn und quietschte laut auf, als er sie kitzelte. Adina stand daneben und lächelte Serena an. Es war nicht zu übersehen, wie glücklich sie war.

»Schau, Raffaele, Serena ist da«, sagte Adina.

Der ließ sogleich von Nicoletta ab.

»Hast du Erfolg gehabt, Raffaele?«, fragte Serena.

»Ja, Signora. Ich habe schöne Bretter und Latten gefunden. Aber in der Schmiede hat es länger gedauert. Ein Wagner vor mir hatte acht Räder zu beschlagen.«

»Aber du hast die Scharniere bekommen?«

»Ja, Signora. Morgen Vormittag werde ich die kaputten Läden reparieren.«

»Wie geht es der Neuen?«, wollte Adina wissen. Sie befreite gerade Mandelkerne aus ihrer Schale, um sie dem griechischen Reis zuzugeben, der in Kürze den eintreffenden Herren munden sollte.

»Ich glaube, sie wird sich schnell hier einleben«, antwortete Serena. »Raffaele, du kannst ihr vielleicht nachher etwas Brot, Käse und Wein bringen. Sieh zu, dass der lädierte Laden zum Kanal richtig geschlossen ist. Sie wird es nicht alleine hinbekommen.«

»Soll ich jetzt gleich zu ihr gehen?«

»Lass ihr noch ein bisschen Zeit. Ich glaube, sie wird sich jetzt erst darüber bewusst, dass sie nicht mehr in den Fängen dieses Bischofs aus Trapezunt ist.«

»Gut«, sagte Raffaele. »Dann kann ich die Kleine hier noch einmal durchkitzeln!«

Nicoletta quietschte und rannte davon.

Außer den Lanzas, Serena und Alessandra arbeiteten sechs Frauen im Palazzo, von denen fünf auch hier lebten. Als sich die Waagschale der Tageszeiten dem Abend näherte, trafen die Gäste ein. Bald darauf saßen im Speisesaal vier reiche Herren, die aßen und tranken, als gäbe es kein Morgen mehr. Zwei von ihnen waren Söhne von Mitgliedern des Großen Rats und schon öfter im Palazzo gewesen. Ein Veroneser und ein Schiffsbaumeister aus Giudecca, einer Inselgruppe im Süden Venedigs, statteten dem Palazzo del Piacere zum ersten Mal einen Besuch ab.

Die schönen Frauen und der süße Wein lockerten die Zungen der Gäste, die sich lautstark unterhielten und mit früheren Eroberungen prahlten. So lautstark, dass Serena den Schrei fast nicht gehört hätte. Es war die Stimme Raffaeles. Serena schaute sich besorgt um, aber sie schien die Einzige zu sein, der das Geräusch aufgefallen war. Oder hatte sie sich den Schrei nur eingebildet?

Kurz darauf wurde die Tür aufgerissen. Raffaele stürmte herein und rief: »Signora, das neue Mädchen!«

»Was ist?«, fragte Gabriele Buttoni, einer der beiden Ratsherrensöhne. Sein Freund Luca schob seinen Teller beiseite.

Serena entdeckte Blut an Raffaeles Händen und Kleidung.

»Sie ist tot!«, rief er.

»Was sagst du, Raffaele?« Serena sprang auf. Lanzas übliche olivbraune Gesichtsfarbe war einem fahlen Grau gewichen. »Was ist passiert, Raffaele?«, bohrte Serena nach.

»Das neue Mädchen …«, stammelte er. »Jemand … jemand hat sie …« Er brach ab.

»Was ist mit ihr passiert, Raffaele?«, rief nun auch Adina und ergriff trotz des Blutes seine Hände.

»Überall Blut. Sie ist tot. Jemand hat sie ermordet.«

Serena hörte die letzten Worte kaum noch. Sie stürzte die Treppe hinauf und den Gang entlang zum Zimmer des Mädchens.

»Alessandra!«, rief sie.

Durch die offen stehende Tür sah Serena sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett liegen. Sie trug noch immer das dünne Kleid. Ein Arm hing kraftlos auf den Boden hinab. Das Laken rund um das Gesicht war blutrot. Auf dem Boden vereinigte sich eine Blutlache mit dem Rotwein, den Raffaele vor Schreck fallen gelassen hatte. Doch Serenas Augen fraßen sich an dem tiefen Schnitt an Alessandras Handgelenk fest, aus dem gerade ein letzter Tropfen dunkelroten Lebenssaftes tropfte. Fußspuren führten vom Bett zum geöffneten Fenster.

»So habe ich sie gefunden. Ich habe sie angehoben, aber ihr wurde auch die Kehle durchgeschnitten«, sagte Raffaele tonlos. Gemeinsam mit den anderen Mädchen und den Gästen war er hinter Serena aufgetaucht.

Asraa schrie, als sie das Blut sah, Adina blieb wie erstarrt stehen. Der Schiffsbaumeister aus Giudecca bekreuzigte sich mehrfach, während Gabriele Buttoni sich an Serena vorbeidrängte. Serena und Raffaele folgten ihm ins Zimmer. Dabei achtete Serena darauf, nicht in die blutige Pfütze zu treten, die so reglos dalag wie die Lagune im August.

Der junge Buttoni schritt durch die Lache auf das Mädchen zu und packte es an der Schulter. Als er Alessandras Körper zur Seite drehte, stockte Serena der Atem. Ein tiefer Schnitt klaffte in ihrem Hals. Die weit aufgerissenen Augen blickten sie anklagend an. Serena hatte ihr versprochen, dass sie hier sicher wäre! Auf die Stirn des Mädchens war mit Blut ein byzantinisches Kreuz gemalt. Ein senkrechter Balken und einer waagerecht, die sich an den Enden verbreiterten. Und auch am anderen Handgelenk befand sich ein tiefer Schnitt.

»Es ist sein Werk!«, raunte Buttoni.

»Wessen?«, wollte Raffaele wissen.

»Das Werk des Kreuzmörders! Der Mord ist genauso ausgeführt, wie der an Signor Montecari vor zwei Wochen. Schnitte an Hals und Handgelenken und ein byzantinisches Kreuz auf der Stirn.«

Serena hörte, dass sich im Flur jemand erbrach. Auch sie fühlte sich hundeelend, trotzdem ging sie zum Fenster und blickte hinaus. Links von ihr war der Kanal leer, beim Blick nach rechts sah sie zwei Gondeln, die sich an der Ponte della Tette begegneten.

»Marisa!«, brüllte sie laut, denn sie erkannte die orangeroten Haare der alten Dirne auf der Brücke.

Die drehte sich um und winkte.

»Hast du ein Boot gesehen, das hier festgemacht hat?«

»Ja, Serena, es kommen viele Boote«, rief Marisa zurück. »Aber was sollen wir ins Wasser starren, wenn wir hier so schöne Mannsbilder auf der Brücke haben?« Mit diesen Worten drehte sie sich wieder um und warf sich einem Kerl an den Hals.

Serena spürte, wie ihr Tränen über die Wangen liefen. Zugleich war sie wütend. Sie hatte von dem Mord an einem Mitglied des Großen Rates gehört. Doch was machte der Mörder aus San Marco hier in der Carampane? Und warum hatte er sich als Opfer ein junges Mädchen ausgesucht, das gerade erst nach Venedig gekommen war?

»Luca, mach dich sofort auf den Weg in den Dogenpalast! Sag dort Bescheid, dass der Kreuzmörder ein neues Opfer gefunden hat«, befahl Buttoni.

»Ruhe in Frieden«, sagte Serena und schloss Alessandra die Augen.

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KAPITEL 3

22. April, anno 1452, Waldvogtei Hauenstein

Simon hörte, wie das Feuer zur Ruhe kam. Er steckte die Eisenstange in das Loch der tönernen Scheibe, die den Ofen verschlossen hielt, entfernte diese und stellte sie zur Seite, bevor er einen Blick in den Ofen wagte. Gleißendes Licht schlug ihm entgegen. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, um sie vor der Hitze zu schützen. Dann trat er ein Stück zurück, bis sich das Stechen auf seinen Wangen in ein wohliges Kitzeln verwandelte. Simon sah sofort, dass das flüssige Glas im Tiegel im Inneren des Ofens die richtige Temperatur zum Verarbeiten besaß: Die weißgelbe Glut blendete, als schaue man an einem klaren Wintermorgen in die soeben aufgegangene Sonne. Schnell drehte er den Kopf zur Seite. Starrte man zu lange in den Ofen, konnte einem die Glut die Wimpern versengen.

Simon entnahm etwas von dem Glas und strich es auf eine Eisenplatte. Die Masse wurde schnell fest. Dass sich darin kaum noch Luftbläschen finden ließen, bestätigte die Bereitschaft des Glases, zu etwas Neuem, Schönem zu werden.

Simon ergriff eine der Glasmacherpfeifen. Das Eisenrohr samt Mundstück reichte vom Boden bis zu seiner Brust. Er brachte das Rohr mit der Rechten geschickt in Drehung und ließ es über die linke Handfläche gleiten. Dann schob er die Spitze der Pfeife in den Ofen. Jeder Handgriff saß. Das Eisen tauchte sofort ins flüssige Glas. Ein für ungeübte Augen kaum wahrzunehmender Schatten zeugte davon, dass es tief genug eingedrungen war.

»Siehst du den Schatten?«, hatte Meister Wilfried Simon in seiner Lehrzeit immer gefragt.

Lange Zeit hatte Simon gar nichts gesehen, außer der schmerzenden Helligkeit. Hatte er zugegeben, nichts zu sehen, setzte es einen Schlag auf den Hinterkopf. Riet er einfach nur und lag falsch, verpasste sein Lehrmeister ihm zwei Schläge.

Heute war das nicht mehr nötig. Kaum dass die Pfeife tief genug war, drehte Simon sie etwas schneller, zog das Ende mit einer geschickten Bewegung wieder aus dem Glas und durch die Öffnung des Ofens ins Freie. An der Pfeifenspitze war etwas Glas haften geblieben, zäh wie dicker Honig. Durch das ständige Drehen verhinderte Simon, dass die Masse tropfte. Das Glas wurde allmählich fester, das Fließen schwerfälliger und die Form des Klumpens gleichmäßiger. Simon drehte weiter, bis es aussah, als hätte er eine gläserne Kugel auf seine Pfeife gespießt.

Neben dem Ofen stand ein Eisenstab, dessen obere Spitze wie eine Gabel mit zwei Zinken geformt war. Darauf stützte Simon die Glasbläserpfeife ab. Er setzte das hintere Ende an den Mund und spitzte die Lippen, während er die Pfeife weiter geschickt in drehender Bewegung hielt. Seine Wangen füllten sich wie die eines balzenden Frosches, dann spannte er die Muskeln im Gesicht an und presste die Luft durch das enge Pfeifenrohr. Mit seinem Atem hauchte er dem Glas Leben und eine Seele ein. In die Masse kam Bewegung, eine sichtbare Luftblase entstand in ihrer Mitte. Simon nahm das kleinste der Wulgerhölzer aus dem Wasserbottich und legte die Form aus Buchenholz an die Glaskugel. Als heißes Glas und nasses Holz sich berührten, erklang ein Zischen. Simon drehte die Pfeife weiter und gab dem Glas eine erste grobe Form. Auch wenn gleich mehr Glas dazukam, würde es sich an diese Form erinnern und sich leichter zu dem blasen lassen, was Simon erschaffen wollte.

Er schob das gläserne Ei erneut in den Ofen, um mehr Glas aufzunehmen. Jetzt haftete genug Material an der Pfeife, die er noch immer drehte. Erneut holte Simon tief Luft und presste auch diesen Atemzug durch das Rohr, wodurch die Blase im grünen Glas anwuchs. Je mehr Luft er hineinblies, umso dünner wurden die Wände des Glases.

Simon war nicht alleine in der Glashütte. Am anderen Ende des lang gezogenen Gebäudes vermischten einige Glasmacher Sand, Pottasche und Kalk. Unter großer Hitze verschmolz das Gemisch später zu einem neuen Element. Seit seiner Kindheit faszinierte es Simon, wie aus den groben, schmutzigen Zutaten ein so reines Material wie Glas entstehen konnte.

In der Mitte der Glashütte befand sich der riesige, sechseckig gemauerte Ofen. Ein fetter Drachen, in dessen Bauch das gewaltige, alles verzehrende Feuer wütete. Die Aufgabe der Schürer war es, das bereitliegende Holz zur Schürseite des Ofens zu bringen, es zum richtigen Zeitpunkt in die Glut zu werfen und damit eine möglichst gleichbleibende Hitze zu erhalten. An den fünf übrigen Seiten des Ofens stand je ein Glasmacher, unterstützt von einem Gehilfen und manchmal auch einem Lehrling, die bei größeren Stücken halfen, zusätzlich farbiges Glas auftrugen, Werkzeuge anreichten oder den Glasmachern zwischen zwei Arbeitsgängen einen Becher kühles Wasser oder würziges Bier reichten.

Im Gegensatz zu den anderen Glasmachern musste Simon seine Arbeit alleine hinbekommen. Meister Wilfried hatte ihm vor anderthalb Wochen bei der unrühmlichen Abreise von Burg Hauenstein deutlich zu verstehen gegeben, dass er ihm bei der Arbeit an den Gefäßen, die seine Reisekasse bilden sollten, keinen Knecht zur Seite stellen würde. Das hatte die Menge an Gläsern erheblich verringert. Manche Arbeiten waren alleine gar nicht möglich. Trotzdem war es Simon gelungen, mit ein paar Hilfsmitteln – und nicht zuletzt dank der stillschweigenden Unterstützung durch seinen Freund und Kollegen Caspar – auch einige größere ...

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