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Das Geheimnis der schönen Helena

PROLOG

Vor zwölf Jahren …

Von allen Seiten war Helena Milton von tiefschwarzem, eiskaltem Wasser umgeben, das ihrem Körper den letzten Rest Wärme entzog und ihr jeden Überlebenswillen raubte. Einen Moment lang empfand sie es fast als Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sie auf diese Weise sterben sollte. Wo sie doch immer so lebendig war, so voller Tatendrang und verrückter Träume steckte und damit ihre gesetzten Eltern abwechselnd erstaunt und erschreckt hatte.

Würden ihre Eltern jemals verstehen, warum sie eingewilligt hatte, mit Patrick Davies eine Ehe ohne Liebe einzugehen? Tief in ihrem Herzen wusste Helena, dass sie das Richtige tat – vor allem für ihre Eltern, die so viele Opfer für sie gebracht hatten.

Aber sie hatte versagt. Auf der verschneiten und vereisten Straße hatte sie die Kontrolle über ihr Auto verloren. Es war ins Schleudern geraten, hatte die Brückenabsperrung durchbrochen und war in den Fluss darunter gestürzt. Das Wasser war eiskalt vom geschmolzenen Schnee der Hochebenen Neuseelands. Helena versuchte erneut vergeblich, mit ihren vor Kälte schon fast tauben Fingern das Autofenster zu öffnen. Aber genauso wenig Erfolg hatten ihre immer schwächer werdenden Versuche, die Glasscheibe einzuschlagen. Sie saß in der Falle und schloss die Augen. Was hatte es auch für einen Sinn, die Augen offen zu halten, wenn sie ohnehin nur von tiefschwarzer Dunkelheit umgeben war?

Gib auf, dachte sie resigniert. Lass es einfach geschehen. Sie sank tiefer in den Sitz und akzeptierte resigniert, dass sie sich vor Kälte kaum noch rühren konnte. Doch plötzlich durchdrang ein Geräusch von außen ihr bereits vernebeltes Bewusstsein. Helena zwang sich, die Augen aufzumachen und sich umzusehen. Auf der Straße über ihr nahm sie bunte Lichter wahr. Sie lachte schwach auf, als ihr Sinn für Humor zurückkehrte. Was war denn mit dem hellen Licht am Ende des Tunnels passiert, von dem jeder in Zusammenhang mit solchen Grenzerfahrungen redete?

Aber dann bemerkte sie eine dunkle Gestalt vor dem Fahrerfenster, und jemand drückte sein blasses Gesicht an die Scheibe. Sie spürte, wie sich das Auto in der immer stärker werdenden Strömung des Flusses sacht bewegte. Der Mann vor dem Fenster bewegte die Lippen, aber sie schüttelte verständnislos den Kopf. Er hob die Arme. Jetzt erkannte sie die Umrisse einer Axt in seinen Händen. Dann klopfte er damit an die Fensterscheibe. Plötzlich verstand Helena, was er ihr zu sagen versuchte. Sie warf sich zur Seite und tauchte im Wasser unter, das bereits in den Wagen eingedrungen war. Dadurch entging sie den Glasscherben, die im nächsten Moment hereinprasselten.

Das eben noch gedämpfte Rauschen des Wassers war mit einem Mal fast ohrenbetäubend. Sie spürte, wie sie an ihrer Jacke und den Haaren gepackt wurde, und versuchte verzweifelt, dem Mann zu helfen, als er sie durch das zerbrochene Fenster zog. Nur war das zwecklos, weil ihre Gliedmaßen ihr einfach nicht mehr gehorchen wollten. Aber mit einer kraftvollen Bewegung bekam der Mann sie schließlich frei und schützte sie mit seinem Körper vor der starken Unterströmung des reißenden Flusses, während er sie zur Oberfläche und ans Ufer brachte.

Helena war fast dankbar dafür, dass der Boden so hart war, auf den er sie legte. Denn daran merkte sie, dass sie wirklich immer noch lebte. Denn sie war kurz davor gewesen, sich selbst aufzugeben. Kaum zu fassen, dass sie doch noch gerettet worden war. Nun aber wollte sie nur noch schlafen.

Doch ihr Retter wollte das nicht zuzulassen. „Ist noch jemand in dem Auto?“, rief er ihr ins Ohr. „Bitte! Antworten Sie. Ist noch jemand drin?“

„Nein. Allein“, sagte sie schließlich fast unhörbar.

„Dem Himmel sei Dank. Sind Sie verletzt? Hatten Sie das Bewusstsein verloren?“

Helena schüttelte den Kopf und spürte, wie er mit seinen kräftigen Händen erst ihren Kopf und dann ihren Körper auf mögliche Verletzungen hin vorsichtig abtastete. Die kalte Abendluft durchdrang ihre nassen Kleider und ließ sie vor Kälte erstarren.

„Es sieht nicht danach aus, als ob sie sich etwas gebrochen hätten. Ich werde sie ins Trockene bringen.“

„Meine Sachen? Mein Auto?“ Ihre Lippen waren taub vor Kälte.

„Tut mir leid. Ihr Auto wird flussabwärts getrieben. Zuerst müssen Sie jetzt ins Trockene und Warme.“ Ihr Retter hob sie hoch und trug sie zu einem langen Truck mit Anhängern, den er in einer Parkbucht an der Straßenseite abgestellt hatte.

Helena verzog den Mund zu einem leichten Lächeln, als sie entdeckte, was sie vorher so verwirrt hatte. Es waren die wie eine Girlande angebrachten, bunten Lichter am Führerhaus des Sattelzugs gewesen.

„Was ist denn so komisch?“

Seine Stimme war tief und hörte sich für sie jung und beruhigend an. Sie wollte wissen, wie er aussah. Aber dazu hätte sie den Kopf heben müssen, um im Dunkeln sein Profil ausmachen zu können. Und dazu fehlte ihr die Kraft. „Bunte Lichter“, flüsterte sie.

Er lachte leise. „Sicher. Bunte Lichter. “Mühelos hob er Helena hinauf zur Fahrerkabine seines Lastwagens, setzte sie ab und stieg dann ebenfalls ein, um sie in die Schlafkoje hinter den Sitzen zu legen. „Erinnern Sie sich daran, wie lange Sie im Wasser waren? Um welche Zeit sind Sie von der Straße abgekommen?“

„Kurz nach neun Uhr … Denke ich.“

Der Mann warf schnell einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. „Also etwa vor einer halben Stunde. Was, zum Teufel, haben Sie ohne Schneeketten auf der spiegelglatten Straße zu suchen gehabt? Haben Sie die Warnschilder nicht gesehen?“

„Ich wollte nicht anhalten. Ich muss dringend nach Auckland.“ Die beiden kurzen Sätze schienen sie all ihre Energie zu kosten.

„Sie werden heute Abend nirgendwohin kommen.“ Als plötzlich über Funk eine Stimme erklang, fluchte ihr Retter kurz, bevor er antwortete.

Helena versuchte, ihm zuzuhören. Aber sie bekam nur die Worte „Unfall“ und „Unterkühlung“ mit, bevor sie so schläfrig wurde, dass sie in den Schlaf driftete.

Sie kam erst wieder zu sich, als ihr Retter sie sanft schüttelte. „He, Sie dürfen jetzt noch nicht einschlafen. Erst müssen Sie die nassen Kleider ausziehen. Ihnen muss wieder warm werden. Schaffen Sie das?“

„Nein. Meine Finger sind zu kalt“, brachte sie mit zittriger Stimme heraus. Sie fühlte sich völlig hilflos, als er ihr die nassen Sachen vom Körper streifte.

Er fluchte leise vor sich hin, weil ihr Schüttelfrost ihm die Aufgabe erschwerte. „Sie zittern. Das ist ein gutes Zeichen. Ihre Lebensgeister kehren zurück.“

Als ihr Kreislauf allmählich wieder in Gang kam, zuckte Helena vor Schmerz zusammen. „Zurück? Ich bin nie dort hingekommen, wo ich hinwollte.“ Als er erneut leise lachte, entschied sie, dass sie sein warmes Lachen mochte. Es sorgte dafür, dass sie sich wieder lebendig fühlte.

„Leider werden wir die Nacht hier verbringen müssen. Ich hatte gehofft, dass ich noch weiter hinauf bis zu einem Motel fahren könnte. Aber die Polizei hat die Straßen bis morgen früh in beiden Richtungen gesperrt.“ Als sie nackt war, legte der Mann sie sanft auf die Seite und hüllte ihren Körper in einen dicken Daunenschlafsack.

Helena hörte kaum noch, wie seine eigenen nassen Kleider auf den Boden fielen. Da sie immer noch zitterte, rutschte der Schlafsack ein Stück nach unten und entblößte ihren Rücken. Sie bemerkte auch kaum, wie die Matratze nachgab, als er sich in der engen Koje neben sie legte. Aber die Wärme, die von seinem Körper ausging, empfand sie als Wohltat. Leise seufzend ließ sie es zu, dass er sie eng an seine muskulöse Brust zog. Aber noch bevor er den Schlafsack um sie beide drapiert hatte, war sie eingeschlafen.

Es war immer noch dunkel, als Mason Knight aufwachte und verwirrt registrierte, dass eine warme, nackte Frau auf ihm lag. Er spürte ihre Brüste, ihre Beine ruhten auf seinen. Sofort stand er in Flammen. Dann erst fiel ihm wieder ein, dass er die Frau in dem reißenden Fluss aus ihrem Auto gerettet und in den Lastwagen gebracht hatte, um sie aufzuwärmen. Jemandem die nassen Kleider auszuziehen, ihn zu trocknen und zu wärmen, war die in solchen Fällen übliche Prozedur zur Lebensrettung. Aber auf dieses spezielle Szenario hier hatte ihn während seiner Zeit bei der neuseeländischen Armee niemand vorbereitet.

Er setzte seine ganze Willenskraft ein, um sich zu beherrschen. Aber einen Teil seiner Anatomie konnte er einfach nicht bezwingen. Er rief sich immer wieder Bilder vor Augen, bei denen ihm selbst die größte Lust vergehen müsste – aber es war zwecklos. Dann versuchte er, seine Hüften anzuheben, um die Frau neben sich rollen zu lassen. Aber sie wand sich auf ihm und war ihm bereits so nah, dass er ihre Hitze spürte. Mist. Wenn sie jetzt aufwachte, würde sie ausflippen. Und das konnte er ihr nicht einmal übelnehmen.

Schockiert zuckte Mason zusammen, als ihm bewusst wurde, wie sie mit den Händen federleicht über seinen Oberkörper strich und damit sein ohnehin schon fast übermächtiges Verlangen schier unerträglich machte.

Die Frau schmiegte die Wange an seiner Brust, und als sie mit den Lippen über seine Haut strich, seufzte sie leise. „Ich brauche dich.“ Ihre Stimme klang heiser und war wie eine Liebkosung in der Dunkelheit.

„Nein. Das ist nur eine Reaktion auf den Unfall. Du stehst unter Schock.“ Und ich auch, dachte er. „Du willst das nicht wirklich.“

„Doch, ich brauche das. Ich brauche dich.“ Sie fuhr mit den Lippen über eine seiner Brustwarzen und ließ dann ihre Zunge spielen, was in ihm eine neue Woge der Erregung auslöste.

„Zeig mir, dass ich am Leben bin“, flüsterte sie, als sie ihre Hüften an seinen rieb und lustvoll seufzte. Sie erhob sich auf die Knie, umfasste und streichelte ihn, bevor sie ihn mit einem Stöhnen in sich aufnahm und auf ihn niedersank.

Mason drohte jeden Moment die Kontrolle zu verlieren. Sie erschauerte, als er ganz bei ihr war, legte ihre Hände auf seine Schultern und hielt einen Moment inne. Dann begann sie, sich langsam auf ihm zu bewegen, und die Hitze und Feuchtigkeit, die ihre beiden Körper erzeugten, fühlte sich an wie geschmolzene Lava.

Er ließ seine Finger über ihre Oberschenkel wandern, umfasste ihre Hüften und ermutigte sie so wortlos, das Tempo zu forcieren. Gleichzeitig kam er ihr bei jeder Bewegung kraftvoll entgegen. Es ist verrückt, sie das tun zu lassen, dachte er. Aber in der Anonymität der Dunkelheit schien es irgendwie das einzig Richtige zu sein. Sich auch nur vorzustellen, dass diese Frau mit ihrer ganzen Vitalität und Hitze nicht mehr am Leben sein könnte … Er hielt sich an ihren Hüften fest, als er von einem machtvollen Höhepunkt erfasst wurde.

Mit einem Schrei der Lust kam sie ebenfalls zum Gipfel und sank im nächsten Moment auf ihn.

„Danke“, flüsterte sie nach ein paar Augenblicken und bettete den Kopf auf seine Brust. Dorthin, wo Masons Herz so laut schlug, dass er glaubte, sie müsse es hören.

Er räusperte sich, um etwas zu sagen. Aber sie legte ihm den Finger auf die Lippen. „Pst. Sag nichts.“ Und dann schlief sie einfach wieder ein.

Er legte die Arme um sie und hielt sie so zärtlich, wie er es noch nie zuvor bei einer Frau getan hatte. In diesem Moment war sie ganz allein seine Frau. Ganz plötzlich ergriff ihn dieser überwältigende Drang, sie für sich haben und beschützen zu wollen. Was, zum Teufel, dachte er sich bloß? Er kannte noch nicht einmal ihren Namen! Wer war sie überhaupt? Was für eine Frau war sie, dass sie so hingebungsvoll mit einem völlig fremden Mann Sex haben und dann in seinen Armen einschlafen konnte, als würde sie nirgendwo sonst hingehören?

Als der Morgen dämmerte, hatte Mason immer noch keine Antworten auf seine Fragen gefunden. Vorsichtig löste er sich von ihr und beobachtete dann, wie sie sich instinktiv dorthin kuschelte, wo die Matratze noch warm war von seinem Körper. Er unterdrückte ein Stöhnen, als er auf die steifgefrorenen Kleider trat, die auf dem Boden lagen. Schnell nahm er sich saubere, trockene Jeans und ein Sweatshirt aus dem Spind über dem Bett.

Ein kurzer Funkkontakt bestätigte ihm, dass die Straßen wieder sicher befahrbar waren. Es war höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen. Er hatte einiges aufzuholen und musste zudem später am Nachmittag pünktlich bei einer Hochzeit in Auckland sein. Sein Boss, der viel älter als seine zukünftige Frau war, war wegen der bevorstehenden Trauung in den Boulevardblättern abwechselnd verspottet und mit Anerkennung bedacht worden. Für Mason spielte beides keine Rolle. Aber er respektierte den Mann, der ihm nach der Militärzeit seinen ersten Job gegeben und begonnen hatte, ihm alles Wissenswerte über die Transportbranche Neuseelands beizubringen.

Das Rascheln des Schlafsacks lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sein unmittelbares Problem. „Die Straßen sind frei“, sagte er über die Schulter und vermied dabei, ihr in die Augen zu sehen.

„Das ist gut. Könnte ich mir ein paar Kleider von dir ausborgen, bis meine Sachen getrocknet sind?“

„Sicher. Sieh einfach im Spind nach. Dort muss auch irgendwo noch ein Gürtel sein.“

„Danke.“

Mason spürte, wie sie innehielt. Sie schien zu überlegen, ob sie ansprechen sollte, was letzte Nacht passiert war. Offensichtlich war sie dabei zu demselben Schluss gekommen wie er – das Intermezzo am besten totzuschweigen. Dann würde sich die Erinnerung daran vielleicht einfach in Luft auflösen. Als er hörte, dass sie ein paar seiner Sachen anzog, umklammerte er angespannt das Lenkrad. Der Gedanke, dass seine Kleidung gerade über ihre zarte, glatte Haut glitt, setzte ihn innerhalb von Sekunden unter Strom. Er kämpfte gegen den Drang an, sich umzudrehen und sie anzuschauen. Geriet sie vielleicht auch in Versuchung, das nächtliche Erlebnis im klaren Morgenlicht zu wiederholen? Anscheinend nicht. Denn sie kam nach vorn und setzte sich neben ihn. Das gab ihm zum ersten Mal Gelegenheit, sie richtig anzusehen.

Sie schien kaum zwanzig Jahre alt zu sein. Mit ihren zarten Fingern fuhr sie sich durch die zerzausten, langen braunen Haare, die im Licht der Morgensonne rötlich glänzten. Mit diesen zarten Fingern hatte sie ihn letzte Nacht gehalten und gestreichelt. Mason spürte heftiges Verlangen in sich aufsteigen und zwang sich, auf die winterliche Straße vor ihm zu sehen. Er wollte nicht tief in ihre grünen Augen schauen. Ihr blasses, herzförmiges Gesicht sollte sich nicht in sein Gedächtnis einbrennen. Aber dafür war es schon zu spät. Er würde sie nie wieder vergessen können.

„Danke. Für alles“, sagte sie zögernd, und ihre Stimme klang heiser.

„Keine Ursache“, erwiderte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er zwang sich, nach vorn durch die Windschutzscheibe zu schauen. Es war offensichtlich, dass sie ihre Impulsivität bereits bereute. Okay, er konnte ein Gentleman sein und die vergangene Nacht und sein Verlangen ignorieren, das allein ihr Anblick in ihm weckte. „Also, wo soll’s denn hingehen?“

„Nach Auckland. Aber du kannst mich in der nächsten Stadt absetzen. Ich muss zuerst einen Telefonanruf erledigen.“

„Dann war es das?“

Er hörte, wie ihr der Atem stockte, und wusste, dass sie seine Frage so verstanden hatte, wie er sie gemeint hatte. Sie sah aus dem Beifahrerfenster hinaus auf die Landschaft, als sie sanft, aber mit einem endgültigen Ton in der Stimme antwortete: „Ja, das war’s.“

Mason lockerte den steifen Kragen seines weißen Hemdes und die Krawatte um einen weiteren Millimeter und seufzte erleichtert. Den ganzen Tag über war er von den Erinnerungen an die vergangene Nacht verfolgt worden. Nachdem er sich für die Hochzeit umgezogen hatte, fasste er dann endlich einen Entschluss. Er würde herausfinden, wer die Frau war. Das Nummernschild ihres Autos würde dabei ein Anfang sein, wenn es erst einmal aus dem Fluss geborgen worden war. Ein paar Anrufe müssten genügen. Dann würde er sie aufspüren und in Erfahrung bringen, ob sie mehr aus dem Feuer machen konnten, das sie beide verband. Er hatte noch nie so etwas erlebt oder eine Frau wie sie gekannt. Er wollte mehr über sie wissen.

Er dachte daran, wie er als Teenager seinen Dad provoziert hatte, und an seine fünf Jahre beim Militär. Er hatte ständig nach etwas gesucht, das seinem Leben einen Sinn und ein Ziel geben könnte. Nach etwas Undefinierbarem, das eine Lücke in ihm schließen würde. Letzte Nacht hatte er das für einen kurzen Moment lang gefunden. Er musste die Frau aufspüren und in Erfahrung bringen, ob sie es war, nach der er gesucht hatte.

Patrick stieß ihn leicht an, als die ersten Noten des Hochzeitsmarsches erklangen und sich die Hochzeitsgäste in der größten und ältesten Kirche Aucklands von den Plätzen erhoben. Alle Augen drehten sich zur Braut, die den Mittelgang zum Altar entlangschritt. Sie alle warfen einen ersten Blick auf die zukünftige Frau eines der reichsten Männer Neuseelands. Auch Mason. Und als er die Frau sah, mit der er gestern Nacht geschlafen hatte, wäre er zum ersten Mal in seinem Leben fast in Ohnmacht gefallen.

1. KAPITEL

Zwölf Jahre später …

„Es ist ganz einfach, Helena. Wenn du mir nicht innerhalb des nächsten Monats die Kontrolle über Brodys fünfzigprozentigen Geschäftsanteil überlässt, werde ich alle Welt wissen lassen, unter welchen Umständen du meinen Vater kennen gelernt hast. Wenn dann jeder über diese pikanten Details Bescheid weiß, werden wir ja sehen, wie dein kostbarer Sohn in der Schule damit fertig wird.“

Er weiß es? Wie um alles in der Welt hat er das herausgefunden?, überlegte Helena verzweifelt. Sie war doch immer so darauf bedacht gewesen, dass nichts aus ihrer Vergangenheit bekannt wurde. Dennoch war ihr in den letzten zwölf Jahren bewusst gewesen, das nicht für alle Zeiten verhindern zu können. Und es hätte sie eigentlich nicht überraschen dürfen, dass Patricks ältester Sohn Evan in ihrer Vergangenheit herumschnüffelte.

Es versetzte ihrem Herz einen Stich, als sie an Brody dachte. Er hatte sich nach Patricks Tod gerade erst wieder in dem teuren Internat eingelebt und war ohnehin nur schwer dazu zu bewegen gewesen, sich von ihr zu trennen. Helena machte sich sowieso große Sorgen, wie der elf Jahre alte Junge in dieser schweren Zeit auf dem Internat zurechtkommen würde. Falls Evan dieses pikante Geheimnis publik machte, würde er damit Brody das Leben zur Hölle machen. Und das durfte sie nicht zulassen.

Aber was sollte sie jetzt tun? Bereits seit dem Tag, an dem Patrick an einem schweren Herzinfarkt gestorben war, hatte Evan sich zusätzlich zu seiner Position als Marketing Direktor als neuer Teilhaber des Unternehmens auf Patricks Stuhl gesetzt. Als Geschäftsführer traf seitdem er die Entscheidungen. Sie war nicht in der Lage gewesen, ihn zu stoppen. Mit Brodys und ihrem eigenen Kummer hatte sie schon genug zu kämpfen und einfach nicht die Energie aufgebracht, sich im Sitzungszimmer gegen Evans Machtansprüche zu behaupten. In dieser Woche war sie schließlich ins Unternehmen zurückgekehrt, um nach dem Rechten zu sehen. Und es hatte nicht lange gedauert herauszufinden, dass Evan das Ruder bereits vollständig an sich gerissen hatte.

Evan hatte nie die Leidenschaft seines Vaters zu der schwierigen Transportbranche verstanden oder gar geteilt. Ihm ging es einzig und allein darum, Geld für seinen ausschweifenden Lebensstil verfügbar zu haben und seine Stiefmutter möglichst schnell loszuwerden. Natürlich sah rein formal erst einmal alles danach aus, als würde er das Unternehmen wie gewohnt weiterführen. Aber eine eingehende Analyse hatte die Wahrheit ans Licht gebracht: Wenn Evan seinen gegenwärtigen Kurs beibehielt, würde das Unternehmen innerhalb eines Jahres bankrott gehen.

Und Helena, die in einer Familie aufgewachsen war, in der notgedrungen jeder Cent zweimal umgedreht wurde, würde um jeden Preis verhindern, dass es ihrem Sohn einmal genauso ging wie ihr.

Als sein Vater noch gelebt hatte, war Evan ihr gegenüber immer sehr kühl und höflich aufgetreten. Aber der verächtliche Gesichtsausdruck ihres Stiefsohns hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass er sie einmal mit allen Mitteln bekriegen würde. Helena ballte die Hände, um ihm nicht ins höhnische Gesicht zu schlagen. Denn zweifellos hoffte er, dass sie genau das tun würde. Und mit seinen Verbindungen konnte er sie dann deswegen verklagen und darauf hinwirken, dass ihr das Sorgerecht für Brody entzogen würde. Dann konnte er mit Brodys Unternehmensanteil machen, was immer er wollte. Aber sie würde unter allen Umständen zu verhindern wissen, dass das passierte.

Am meisten Angst machte ihr, dass Evan die ganze Wahrheit entdecken und dann seinen viel jüngeren Bruder mit Vergnügen in Stücke reißen würde. Die Tatsache, dass er herausgefunden hatte, wie Patrick und sie sich kennen gelernt hatten, zeigte nur, wie weit er gehen würde, um sie in Verruf zu bringen. Sie musste ihren Sohn um jeden Preis schützen und gleichzeitig irgendwie den Mut aufbringen, Patricks letzten Willen zu erfüllen.

Helena drängte die aufsteigenden Tränen zurück. Als sie Patrick begegenet war, hatte sie seine Hilfe angenommen und sich im Gegenzug auf eine Ehe mit ihm eingelassen. Damals hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie ihn lieben lernen würde. Jetzt vermisste sie ihren Ehemann mehr, als sie sich jemals hätte vorstellen können. Ihr fehlten seine Beständigkeit und die Sicherheit, die er ihr vermittelt hatte. Er hatte sie ermutigt, ihre Träume zu verwirklichen, und sich uneingeschränkt über das Kind gefreut, das sie im ersten Jahr ihrer Ehe geboren hatte. Patrick hatte immer damit geprahlt, durch Brody wieder jung geworden zu sein.

„Also? Was sagst du?“ Evan grinste höhnisch.

„Das kann ich dir jetzt nicht beantworten, Evan. Dafür ist es zu früh.“

„Unterschätz mich nicht, Helena. Du und der Balg werdet mir nicht im Weg stehen. Ich werde so oder so bekommen, was mir zusteht. Darauf kannst du Gift nehmen.“

Sie brachte ihn nicht zur Tür. Evan kannte den Weg sowieso. Helena wünschte nur, er würde für immer draußen bleiben. Als sie die Tür ins Schloss fallen hörte, entspannte sie sich ein wenig. Eigentlich hielt sie sich für taff. Aber das allein würde nicht reichen, um diese Angelegenheit durchzustehen. Es brauchte schon ein Wunder. Sie holte tief Luft. Zunächst würde sie ein Treffen vereinbaren, vor dem sie sich fürchtete. Aber sie konnte sich nicht länger davor drücken, Patricks letzten Willen zu erfüllen. Ihr großzügiger, liebevoller Ehemann hatte in weiser Voraussicht und in Kenntnis des wahren Charakters seines ältesten Sohnes gewusst, dass diese Situation auf sie zukommen würde.

Eine halbe Stunde später ließ Helena den Telefonhörer zurück auf die Gabel fallen. Es war so gut wie unmöglich, Mason Knight aufzuspüren. Dennoch konnte sie jetzt nicht aufgeben. Er war der einzige Mann, der ihr helfen konnte, und Patrick hatte darauf bestanden, dass sie Mason aufsuchte. Zufällig war er aber auch der letzte Mann auf der Welt, den Helena um Hilfe bitten wollte.

Seine Sekretärin hatte gesagt, er sei nicht in Auckland, und ihr keine weiteren Informationen geben wollen. Aber Patrick hatte einmal etwas von einem Ferienhaus auf Coromandel erwähnt, das Mason als Rückzugsort nutzte, wenn er der Stadt entkommen wollte. Also würde sie sich auf den Weg dorthin machen.

Für einen kurzen Moment bekam sie Angst und fragte sich, ob sie das Richtige tat. So nah sie und Mason sich auch ein einziges Mal gewesen waren – der Mann war praktisch ein Fremder für sie. Wie würde er reagieren, wenn sie urplötzlich vor seiner Tür stand und ihn um Hilfe bat? Im Laufe der Jahre hatte er keinen Zweifel daran gelassen, wie sehr er sie verabscheute. Er hatte es vermieden, Patrick zu treffen, wenn sie dabei gewesen war. Würde sie damit umgehen können, falls er ihr die Tür vor der Nase zuschlug und sie einfach wieder wegschickte? Und was war dann mit Brody? Es gab nur eine Möglichkeit, um all das herauszufinden: Sie musste auf diese abgelegene Halbinsel fahren.

Mason schaute durch die Glasfront seines Hauses hinaus auf den Ozean.

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