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Das Geheimnis der italienischen Braut

Fiona Harper

Das Geheimnis der italienischen Braut

PROLOG

„Der Brief ist für Romano bestimmt. Pass auf, dass er niemandem in die Hände fällt“, hatte ihre ältere Schwester ihr eingeschärft. Die Worte schienen in Scarletts Kopf widerzuhallen, während sie mit wehendem Haar durch den Wald lief. Sie konnte sich gut vorstellen, wie wütend Jackie wäre, wenn sie wüsste, dass sie der Versuchung nicht hatte widerstehen können und ihn gelesen hatte, weil das Kuvert an einer Seite nicht richtig zugeklebt gewesen war.

Und jetzt musste sie ihn erst ihrer Cousine und Komplizin Isabella zeigen, ehe sie zur Piazza ging, um ihn Romano zu übergeben. Was darin stand, war so ungeheuerlich, dass sie es nicht für sich behalten konnte. Auch wenn sie fast gleichaltrig waren, wusste Isabella immer viel besser als sie, was zu tun war.

Scarlett hatte zwei ältere Schwestern und wurde von allen wichtigen Gesprächen mit dem Hinweis ausgeschlossen, sie sei zu jung und würde es sowieso nicht verstehen. Und dass Jackie glaubte, nur weil sie vier Jahre älter war, könne sie sie herumkommandieren und alle möglichen Botengänge machen lassen, fand sie höchst unfair. Deshalb war das, was sie jetzt tat, nur der gerechte Ausgleich.

In ihrer Familie gab es sowieso viel zu viel Geheimniskrämerei, und niemand wollte ihr etwas Konkretes sagen.

Sie rannte auf die Lichtung am Fuß des Hügels zu, die von einem Fluss durchquert wurde. Dies war ihr geheimer Treffpunkt. Niemand kannte den Ort, sodass sie sich hier ungestört alle möglichen Neuigkeiten anvertrauen konnten. Aus Zweigen und Laub hatten sie sich so etwas wie eine Hütte gebaut, wo sie sich gegenseitig ihre Tagebücher zu lesen gaben. Auch Romano Puccini, der attraktivste Junge von ganz Monta Correnti und Umgebung, war ein wichtiges Gesprächsthema.

Und überhaupt, die Sache mit Romano war auch etwas, was ihr Kummer bereitete. Scarlett hatte sich gerade zum ersten Mal verliebt und musste feststellen, dass Jackie ihr wieder einmal zuvorgekommen war, denn sie traf sich schon länger mit diesem gut aussehenden Typ hinter dem Rücken ihrer Mutter.

Sie seufzte. Leider hatte Romano nur Augen für ihre dominante Schwester. Plötzlich sah sie zwischen den Bäumen etwas Pinkfarbenes aufblitzen. Offenbar war Isabella schon da, nachdem sie sich vorhin heimlich auf dem Platz vor den Restaurants ihrer Eltern verabredet hatten.

Diese zog fragend die Augenbrauen hoch, als Scarlett angelaufen kam und den Brief hin und her schwenkte, ehe sie ihn ihr reichte.

Betont gleichgültig zog Isabella die drei beschriebenen Seiten aus dem Kuvert und fing an zu lesen, und schon bald war ihr Interesse geweckt.

„Das ist ja nicht zu fassen“, flüsterte sie aufgeregt. „Jackie und Romano!“

Mit so einer Reaktion hatte Scarlett gerechnet. Sie war ja selbst ganz fassungslos gewesen, als sie das rührselige Schreiben gelesen hatte, das ihre Schwester an ihren Freund gerichtet hatte.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte Isabella schließlich.

„Nur das, was Jackie mir gesagt hat, ich bringe Romano den Brief.“

Isabella schüttelte den Kopf. „Nein, du musst ihn deiner Mutter zeigen.“

„Weißt du, was dann passiert?“ Scarlett sah sie ungläubig an. „Jackie bekommt die größten Schwierigkeiten.“

„Aber deine Mutter muss es erfahren“, beharrte Isabella.

Will sie ihr etwa den Brief selbst geben? überlegte Scarlett beunruhigt. Ihr Verdacht wurde durch die Entschlossenheit in dem Blick ihrer Cousine bestätigt.

Kurzerhand versuchte sie, ihn Isabella zu entwenden. Diese schien so etwas geahnt zu haben, jedenfalls hielt sie ihn so fest, dass er in der Mitte zu zerreißen drohte, was Scarlett veranlasste, ihn loszulassen. Denselben Gedanken hatte Isabella offenbar auch gehabt, und prompt flatterte das rosafarbene Briefpapier samt Kuvert zu Boden, ehe eine der drei Seiten von einem Windstoß hinweggeweht wurde.

Scarlett lief hinterher, und es gelang ihr, sie einzufangen. Doch dummerweise stieß sie in dem Moment mit Isabella zusammen und stürzte auf die Erde, die hier am Flussufer sehr feucht war. Sekundenlang fühlte sie sich wie betäubt. Die Seite entglitt ihrer Hand, und Scarlett musste hilflos mit ansehen, wie sie ins Wasser gewirbelt wurde.

Schließlich stand sie auf und klopfte sich den Schmutz von den Jeans. Dann nahm sie Isabella die beiden anderen Seiten, die diese aufgehoben hatte, aus der Hand.

„Ausgerechnet das dritte Blatt fehlt!“, rief Scarlett dann aus. Panik schwang in ihrer Stimme. Ausgerechnet dort stand das eigentliche Geheimnis.

„Was machen wir jetzt?“ Isabella war den Tränen nahe.

Verzweifelt schüttelte Scarlett den Kopf. „Ich weiß es doch auch nicht.“ Das ist nur Jackies Schuld, die mich mit der Übergabe beauftragt hat. Sie behauptet sowieso immer, man könne mir nicht trauen, überlegte sie. „So kann ich Romano den Brief nicht geben“, erklärte sie dann. Ihre Schwester musste die Sache selbst erledigen und mit ihrem Freund reden. „Jackie reißt mir den Kopf ab, wenn sie erfährt, was passiert ist. Es gibt nur eine Lösung.“

Sie stellte sich ans Ufer des Flusses und warf den Umschlag samt verbliebenem Inhalt ins Wasser. Das Ganze wirkte wie eine feierliche Zeremonie, und in der Stille, die sie umgab, beobachteten sie, wie Jackies Geheimnis von den Wellen hinweggetragen wurde.

1. KAPITEL

Die Klimaanlage in der Limousine funktionierte ausgezeichnet. Doch während Jackie durch die getönten Scheiben die sanften Hügel, die Weinberge und Olivenhaine betrachtete, hatte sie das Gefühl, die warme Sonne auf ihren Armen zu spüren. Das war natürlich eine Illusion, aber sie war Expertin darin, sich solchen Sinnestäuschungen hinzugeben. Also machte sie es auch dieses Mal und genoss es.

Das Nachhausekommen würde sich auch als Wunschvorstellung erweisen. Es würde laute Begrüßungen, tausend Umarmungen und Familienessen geben, bei denen man kaum sein eigenes Wort verstand. Und über all dem würde ein Hauch von Skepsis liegen, als wären alle auf der Hut. Das war immer so. Selbst ihre Geschwister, ihre Cousine und Cousins, die ihr Geheimnis nicht kannten, schienen die seltsame Atmosphäre zu spüren und gingen zu ihr auf Distanz.

Auf diese Weise trugen sie dazu bei, dass sie ihre italienische Herkunft mütterlicherseits verleugnete und sich auf ihre englische Abstammung väterlicherseits konzentrierte. Sie hatte eine beachtliche innere Stärke entwickelt und hielt eiserne Disziplin. Sie strebte nach Perfektion und war in allem, was sie tat, unübertroffen.

Um Zeit zu haben, sich vor dem Wiedersehen zu sammeln, hatte sie ihrer Familie die genaue Ankunftszeit nicht mitgeteilt. Zwei Jahre war sie nicht mehr in Monta Correnti gewesen, und normalerweise kam sie nur im Winter. Die Sommer waren ihr zu sehr mit Erinnerungen behaftet, mit denen sie sich nicht auseinandersetzen wollte. Doch ihre ältere Schwester hatte beschlossen, ausgerechnet an einem Wochenende im Mai zu heiraten, sodass Jackie keine andere Wahl gehabt hatte. Trotz aller Anstrengungen schaffte sie es offenbar nicht, sich den Zwängen und Erwartungen ihrer großen italienischen Familie zu entziehen.

Schließlich wandte sie den Blick ab von der wunderschönen Landschaft und dem beinah schmerzlich klaren blauen Himmel und nahm die Modezeitschrift in die Hand, die neben ihr auf dem Ledersitz lag und ein Konkurrenzmagazin der Gloss! war. Sie verzog triumphierend die Lippen, als sie feststellte, dass ihr Team wesentlich besser über die neuesten Modetrends berichtet hatte. Etwas anderes erwartete sie auch gar nicht von ihren Mitarbeitern, denn dafür wurden sie bezahlt.

Unter all den vorgestellten Designermodellen ragten die von Puccini, dem berühmtesten italienischen Modeschöpfer, heraus. Sie erkannte sie am Stil, an der dezenten Eleganz und dem verführerischen Zauber. Seit Rafaele Puccini das Entwerfen der Kollektion seinem Sohn übertragen hatte, war dieser Modeschöpfer noch berühmter und bekannter als zuvor.

Romano Puccini verstand die Frauen offenbar so gut, dass er die faszinierendsten Kreationen für sie erschuf. Viele Jahre hatte Jackie der Versuchung widerstanden, sich eins seiner Modelle zu kaufen, bis sie doch eines Tages schwach geworden war. Allerdings hatte sie es nur einmal getragen und sich darin sehr sexy, sehr weiblich und zugleich sehr selbstbewusst und stark gefühlt. Seitdem hing es jedoch in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks.

Jedenfalls war das Haus Puccini ungemein erfolgreich. Die Frauen strömten in Scharen in die Boutiquen, um eine dieser Kreationen zu erstehen. Abgesehen von seinem guten Aussehen und seinem umwerfenden Charme wusste Romano Puccini genau, wie er ein weibliches Wesen dazu bringen konnte, sich wie Botticellis Venus zu fühlen. Das war natürlich auch nur eine Illusion. Wer wüsste das besser als Jackie?

Sie runzelte die Stirn, wenngleich nur kurz. Bis jetzt hatte sie der Versuchung widerstanden, sich die wenigen Falten wegspritzen zu lassen. Aber als Chefredakteurin des bekanntesten und auflagenstärksten Londoner Modemagazins hatte sie viel mit attraktiven Geschlechtsgenossinnen zu tun, die Jugend und strahlende Schönheit verkörperten. In einer solchen Umgebung zu arbeiten und zu leben konnte jede Frau über zweiundzwanzig in Depressionen stürzen.

In dem Augenblick läutete ihr Handy, und sie war froh über die Ablenkung. Als sie es aus der Tasche zog und die Anrufer-Identifikation auf dem Display erkannte, durchflutete sie ein Adrenalinstoß. Hatte sie sich immer noch nicht daran gewöhnt, diesen Namen zu sehen?

„Hallo, Kate“, meldete sie sich.

„Hallo, Jacqueline.“

Ihr eigener Name hörte sich für sie seltsam an, aber sie hatte es wohl noch nicht verdient, von dieser jungen Frau „Mutter“ genannt zu werden.

„Was gibt es?“

Nach einer vielsagenden Pause fragte ihre sechzehnjährige Tochter: „Bist du schon in Italien?“

„Ja, ich habe vor zwanzig Minuten den Flughafen verlassen.“

Kates Seufzen hörte sich wehmütig und vorwurfsvoll zugleich an. „Ich wünschte, du hättest mich mitgenommen.“

„Ja, das hätte ich mir auch gewünscht. Doch die komplizierte Situation lässt es momentan noch nicht zu. Meine Familie muss vorsichtig darauf vorbereitet werden.“

„Es ist auch meine Familie.“

„Natürlich. Dennoch ist alles sehr schwierig. Du kennst sie nicht …“

„Nein, aber das ist nicht meine Schuld, oder?“

Jackie war klar, dass es ihre war. Doch das würde ihre Mutter nicht beruhigen, wenn sie ihr eröffnete, dass das Kind, das sie vor sechzehn Jahren zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben hatte, sie vor Kurzem ausfindig gemacht hatte. In den letzten Monaten hatten sie und ihre Tochter sich regelmäßig in London getroffen. Ihre Mutter hatte damals darauf bestanden, dass niemand in der Familie etwas erfuhr. Für Lisa Firenzi wäre es ein ungeheurer Imageschaden gewesen, zugeben zu müssen, dass ihre minderjährige Tochter schwanger war und den Namen des Vaters ihres Kindes nicht preisgeben wollte.

Zum Zeitpunkt der Empfängnis war Jackie erst fünfzehn gewesen, und wenn sie morgens zum Frühstück hinuntergekommen war, hatte ihre Mutter sie prüfend betrachtet. Als sich ihr Zustand nicht länger verbergen ließ, war sie weggeschickt worden.

An einem regnerischen Novembertag war sie in London angekommen, um eine Weile bei ihrem Vater, dem geschiedenen zweiten Mann ihrer Mutter, zu leben, und sie hatte sich verloren und einsam gefühlt. Danach hatte Lisa erneut geheiratet und nach der dritten Trennung mehrere Liebhaber gehabt.

Jetzt hatte Jackie also nicht nur ihrer Mutter schonend beizubringen, dass das Familiengeheimnis gelüftet werden würde, sondern sie musste auch ihrem Onkel, ihrer Cousine und ihren Cousins sowie ihren Schwestern Lizzie und Scarlett erzählen, dass sie eine sechzehnjährige Tochter hatte. Es war insgesamt eine heikle Angelegenheit, die behutsames Vorgehen erforderte.

Auf Lizzies bevorstehender Hochzeit würde die ganze Familie zum ersten Mal seit vielen Jahren zusammenkommen. Jackie wollte ihrer Schwester den schönen Tag nicht dadurch verderben, dass sie ihre Tochter mitbrachte, von der niemand etwas ahnte. Außerdem war das Risiko, dass Kate zurückgewiesen wurde, zu groß. Sie war sowieso sehr sensibel und verunsichert und wäre damit nicht zurechtgekommen.

Jackie atmete tief durch. „Nein. Es tut mir leid, Kate. Vielleicht nehme ich dich das nächste Mal mit.“

„Du schämst dich meiner, stimmt’s?“, fragte Kate nach längerem Schweigen.

„Nein!“ Jackie richtete sich kerzengerade auf.

„Warum darf ich dann nicht meine Onkel, Tanten und meine Großmutter kennenlernen?“

Sie ist genauso hitzköpfig, impulsiv und voller selbstgerechtem Zorn wie ich als Teenager, dachte Jackie. Durch diese Eigenschaften hatte sie sich schon in die größten Schwierigkeiten gebracht.

„Es gibt eben Dinge, die schwieriger sind, als du ahnst.“ Als sie hörte, dass ihre Tochter einen verächtlichen Laut ausstieß, beschloss sie, alles auf eine Karte zu setzen, und fuhr fort: „Erinnerst du dich, dass du mir erzählt hast, wie schwer es dir gefallen ist, deiner Adoptivmutter zu sagen, du würdest gern jetzt schon deine leibliche Mutter treffen und nicht erst mit achtzehn? Du hattest Angst, sie zu verletzen, trotzdem war es wichtig für dich, mit ihr über deinen Wunsch zu reden.“

„Ja“, gab Kate schon viel ruhiger zu.

„Vertrau mir bitte, Kate. Ich muss erst alles klären, dann wirst du deine Familie kennenlernen. Versprochen.“

Wie jedes andere junge Mädchen konnte Jackies Tochter es kaum erwarten, sich ins Leben zu stürzen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und alles auszuprobieren, was sich an Verführungen bot. Die Gefahren, die damit verbunden waren, waren ihr natürlich fremd.

Offenbar war es ihr gelungen, ihre Tochter zu besänftigen. Jedenfalls verabschiedete Kate sich eher resigniert statt zornig, und Jackie ließ sich erschöpft auf dem Sitz zurücksinken.

Natürlich hatte sie dem Augenblick entgegengefiebert, ihre Tochter kennenzulernen. Allerdings hatte sie nicht geahnt, wie schwierig es werden würde, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Nach dem ersten Anruf war sie überglücklich gewesen, doch kurz darauf folgte die Ernüchterung. Die erste Begegnung mit Kate im Beisein ihrer Adoptivmutter Sue war tränenreich und in gespannter Atmosphäre verlaufen.

Kate war beeindruckt gewesen von Jackies elegantem Outfit und dem schnittigen Sportwagen. Und wohl deshalb hatte Sue sie irgendwann gewarnt, Kate sei geblendet von der Tatsache, dass ihre leibliche Mutter die Stilikone und Modegöttin Jacqueline Patterson sei. Wagen Sie nicht, das Mädchen zu enttäuschen, hatte der Blick ausgedrückt, den Sue ihr zuwarf.

Jackie legte großen Wert auf eine gute Beziehung zu ihrer Tochter, ahnte jedoch, dass es bis dahin noch ein langer Weg war. Es gab zu viele Fragen und ungelöste Probleme aus der Vergangenheit, und nicht alles war so perfekt und glänzend, wie Jackie es sich wünschte.

Ob es ihr gefiel oder nicht, sie musste es ihrer Mutter erzählen. Eine andere Wahl hatte sie nicht, denn sie wollte ihre Tochter unbedingt in ihrem Leben haben. Sie würde alles dafür tun, es ihr so angenehm wie möglich zu machen, egal, welche Konsequenzen es hatte.

Als sie aus der Kurve herauskamen, erblickte sie Monta Correnti mit den malerischen Terrakottadächern in der Ferne. Der Ort, der früher einmal Jackies Zuhause gewesen war, hatte sich zu einem beliebten Touristenziel entwickelt. Viele Erinnerungen waren damit verbunden, die teilweise schon verblasst waren.

Kurz vor dem Zentrum bogen sie links ab auf die von hohen Bäumen gesäumte Straße, die auf die Kuppe des Hügels führte, auf der die Villa ihrer Mutter stand. Von dort hatte man einen traumhaft schönen Blick auf Monta Correnti und die ganze Umgebung.

Jackie richtete sich auf und griff nach der Handtasche, während sie durch das Tor fuhren, das eher zu einem Hochsicherheitsgefängnis als zu einem Wohnhaus passte.

Romano öffnete die hohen Fenster des Salons und ging hinaus auf die Terrasse. Alles sah wunderschön aus, es war geradezu perfekt. Er liebte klare Linien und Formen, alles Überladene war ihm zuwider. Natürlich hatte das seinen Preis, wie ihm klar war.

Während seiner Abwesenheit waren die niedrigen Hecken von einem ganzen Heer von Gärtnern geschnitten, die Kieswege geharkt und die blühenden Pflanzen in den riesigen Steintöpfen gepflegt und gewässert worden. Doch nicht nur der Garten war in Ordnung gebracht worden, sondern auch im Palazzo, in dem seine Familie früher den Sommer verbracht hatte, war kein Staub zu sehen. Es war der ideale Ort, um der sommerlichen Hitze, dem Lärm und den Abgasen, die die Luft in Rom belasteten, zu entfliehen. Kürzlich hatte er beschlossen, auch die Wintermonate hier zu verbringen. Er mochte es, wenn der etwas raue Wind die Wellen des Sees aufpeitschte.

Der neugotische venezianische Palazzo mit den vielen Bögen und dem verschnörkelten Mauerwerk aus pinkfarbenen und weißen Steinen war ein wahres Schmuckstück. Conte Raverno hatte keine Kosten gescheut, es nach seinen Vorstellungen auf der bewaldeten Insel errichten zu lassen, die wie eine lang gezogene Träne geformt war.

Die Gärten um den Palazzo herum übertrafen ihn jedoch noch an Schönheit. In unmittelbarer Nähe des Gebäudes waren sie eher formal gestaltet mit Büschen, die im Topiary-Stil in Form geschnitten waren, und symmetrischen Beeten. Doch weiter unten zum Wasser hin wirkten die Anlagen wie ein natürlicher Garten Eden.

Romano konnte nicht länger widerstehen. Er wanderte über die schattigen Pfade, blieb ab und zu stehen, um dem Wasserfall zu lauschen, der aus dem Steingarten sprudelte, und ging ziellos weiter, bis er sich in dem Senkgarten wiederfand, der einige Stufen tiefer gelegt war als der Rest der Grünflächen. Eine Natursteinmauer rahmte ihn auf allen Seiten ein. Die Böschungen waren terrassiert, und die Bänke luden zum Verweilen ein.

Die Blätter des Farns bewegten sich in der angenehm kühlen Brise. Romano gefielen die verschiedenen Schattierungen des Grüns. Das kräftige der tropischen Pflanzen, das etwas verschwommene des Mooses an den Mauern der Grotte und der dunkle Ton des Efeus.

In dieser romantischen Atmosphäre konnte man den Alltag vergessen. Ja, die Insel war der ideale Platz für eine Hochzeit. Natürlich nicht für seine eigene. Bei dem Gedanken lächelte er. Es war schlicht und einfach für ihn unvorstellbar, sich jemals für immer an eine einzige Frau zu binden. Er liebte die Abwechslung, und seine Beziehungen hielten kaum länger als zwei Monate.

Er seufzte, ehe er den Ruhe und Geborgenheit ausstrahlenden Senkgarten verließ und im Sonnenschein über den perfekt gemähten Rasen der terrassenförmigen Anlagen zum Palazzo zurückging. Die Zeiten, als diese Insel eine Spielwiese der Reichen gewesen war, die nichts Besseres zu tun hatten, als ihren Vergnügungen nachzujagen, waren vorbei.

Romano pfiff leise vor sich hin, als er sein Büro im Parterre betrat, um die Unterlagen zu sortieren, die er für die Besprechung am Nachmittag brauchte.

Während Jackie ausstieg, kam ihre Mutter Lisa schon aus der Haustür und eilte ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen.

„Da bist du ja endlich!“

Was ist denn jetzt los? überlegte sie. So enthusiastisch hatte ihre Mutter sie noch nie begrüßt. Sie schien sich wirklich zu freuen, sie zu sehen.

„Du bist spät!“ Lisa Firenzi blieb neben der Limousine stehen, stützte die Hände in die Hüften und musterte ihre Tochter von oben bis unten.

Das entsprach schon eher dem Empfang, den Jackie erwartet hatte.

„Ich habe bewusst darauf verzichtet, eine bestimmte Zeit …“

„Die anderen Mädchen sind schon mindestens eine Stunde hier“, unterbrach ihre Mutter sie und küsste sie flüchtig auf die Wange. Dann hakte sie sich bei ihr ein und führte sie durch die breite Doppeltür in die Villa.

Jackie gab es auf, ihre Mutter daran zu erinnern, dass sie nur das Datum ihrer Ankunft mitgeteilt hatte, aber keine genaue Uhrzeit. Lisa hatte bestimmte Erwartungen und reagierte ungehalten, wenn jemand es wagte, sie nicht zu erfüllen. Jackie hatte sich längst damit abgefunden, dass sie trotz ihrer erfolgreichen Karriere in den dunklen Abgründen Lisa Firenzis Seele für immer mit dem Etikett des Problemkinds behaftet war.

Ihre Mutter sah noch genauso aus wie bei Jackies letztem Besuch. Sie strahlte immer nach wie vor diese natürliche Eleganz aus, mit der sie als Topmodel den Clean Chic, also den Modestil, der durch seinen nüchternen, klaren Look gekennzeichnet war, mühelos verkörpert hatte, wie ihn einige Designer so meisterhaft kreierten. Sie trug ein bezauberndes Designer-Outfit und hatte das schwarze Haar wie üblich hochgesteckt.

Aus dem Schlafzimmer und dem angrenzenden Ankleideraum ertönte aufgeregtes Geschnatter von drei jungen Frauen, die Jackies Ankunft zunächst gar nicht wahrnahmen.

Doch dann sah Lizzie auf und erblickte sie. Sogleich eilte sie in einem traumhaft schönen zweiteiligen Brautkleid mit einer Korsage aus Spitze und einem mehrlagigen Rock aus schimmerndem glänzendem Satin und feinem Organza auf sie zu und umarmte sie herzlich.

„Deine Schwester hat sich doch noch herabgelassen, rechtzeitig zu erscheinen“, verkündete ihre Mutter.

Jackie schloss sekundenlang die Augen und ignorierte die Bemerkung. Es ging also um die Anprobe. Ihre Mutter hätte sich nicht aufzuregen brauchen, denn sie hatte vor zwei Wochen ihre Maße per E-Mail mitgeteilt, die sich dank des Fitnessprogramms, das sie regelmäßig absolvierte, nie veränderten.

„Wir kennen ja unsere Jackie und wissen, dass sie ihre eigenen Zeitbegriffe hat“, fügte ihre Mutter hinzu.

Ah ja, das war es. Ihre Mutter ärgerte sich immer noch darüber, dass sie ihren Wunsch ignoriert und nicht schon am Tag zuvor angereist war. Doch sie hatte sich die viel zu wichtige Modenschau in Paris nicht entgehen lassen wollen. Gerade ihre Mutter musste wissen, wie unbarmherzig es in dieser Branche zuging. Eine kleine Nachlässigkeit, ein kleiner Ausrutscher, und schon war man weg vom Fenster.

Am liebsten hätte sie ihre Mutter aufgefordert, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Es war jedoch der falsche Zeitpunkt für eine Auseinandersetzung. Sie wollte niemandem die gute Laune während der Hochzeitsvorbereitungen verderben.

„Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen, Lizzie“, sagte sie rau und erwiderte die Umarmung.

Dann löste sie sich von ihrer Schwester und versuchte, die Bemerkung ihrer Mutter zu vergessen. Aber der Stachel saß zu tief.

Lizzie wirkte so glücklich und entspannt wie noch nie. Wenn ihr zukünftiger Mann Jack Lewis dafür verantwortlich ist, dann hoffe ich, dass es so bleibt, dachte Jackie.

„Das Kleid ist traumhaft schön.“ Sie betrachtete ihre Schwester bewundernd. Es passte nicht nur perfekt, sondern betonte auch ihre Persönlichkeit, was bewies, dass ein wahrer Künstler am Werk gewesen war.

Schließlich begrüßte sie auch Isabella und küsste sie flüchtig auf die Wange, ehe sie sich an ihre jüngere Schwester Scarlett wandte und eine Umarmung andeutete.

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