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Das Geheimnis der Winterrosen

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1. KAPITEL

4. Dezember 1814

Die Einwohner Winterbourne St. Swithins waren sehr stolz auf ihre kleine Gemeinde. Es war kein ländliches Provinznest, wie es so viele gab, kein verschlafenes Dörfchen, lediglich bevölkert von schlichten Bauern und kleinen Grundbesitzern, einem rotbäckigen Squire und einer Kirche und ein oder zwei Gaststätten als einzigen Vorzügen.

Nein, ihr Dorf, so rühmten sie sich, lag immerhin am Postweg nach Aylesbury. Nur die Gemeindewiese trennte es vom neuen Kanal, den der verrückte Duke of Bridgewater hatte anlegen lassen. Erwähnenswert war sicher auch das „Bird in Hand“, Herberge und Poststation in einem und Anlaufpunkt für den Kutschenverkehr, die Post und die Gigs und Karriolen der Gentlemen, die von hier nach London und Oxford reisten. Winterbourne Hall, ein prächtiges Herrenhaus, das seinesgleichen suchte, war der Sitz der Nugents, die zusammen mit einem weiteren halben Dutzend vornehmer Familien zum hiesigen Landadel gehörten.

Außer über eine graue Steinkirche und den uralten Friedhof verfügte man hier darüber hinaus sogar über ein Geschäft, ein ausgezeichnetes Geschäft, in dem man alle Arten von Kurzwaren, kostbare Stoffe, die Zeitungen aus London und Oxford mit nur einem Tag Verspätung, Schnupftabak, Tee und Parfüms erstehen konnte.

Das Leben der Einwohner spielte sich vor allem in der Nähe der Kirche ab sowie auch nahe der Poststation und der Gemeindewiese mit ihrem Ententeich, der ehrwürdigen alten Eiche und den schönen Herren- und Fachwerkhäusern.

An einem nasskalten Donnerstagmorgen überquerten drei achtbare Hausfrauen die Wiese, in ein fesselndes Gespräch vertieft. Wie es schien, gab es keinen Zweifel mehr darüber, dass der Gentleman, der das „Old Manor“ gemietet hatte – den einzigen architektonischen Schandfleck der Gegend –, doch tatsächlich ein Earl war.

„Oder vielleicht gar ein Duke“, vermutete Mrs. Thorne hoffnungsvoll und hob leicht ihren Rock an, während sie behutsam einer Pfütze auswich. „Wie dem auch sei, in jedem Fall ist es eine schöne Sache für Winterbourne. Er wird all seine vornehmen Freunde hierher einladen, denken Sie an meine Worte, meine Lieben. Und er wird Personal beschäftigen sowie Eier, Milch und Schinken brauchen.“

„Wenn er seine vornehmen Freunde bei sich haben will, was tut er dann mitten im Dezember in Winterbourne?“, entgegnete die Witwe Clare, ihre Busenfeindin, spitz. „Alle feinen Leute sind entweder auf Besuch in der Stadt oder auf ihren großen Landsitzen. Wieso mietet ein Earl ausgerechnet diesen alten Schuppen von einem Haus? Weil er vor seinen Gläubigern auf der Flucht ist, deswegen. Wenn dieser Herr, ob Earl oder nicht, auch nur ein Ei von meinen Hennen haben will, wird er in klingender Münze zahlen müssen, das sage ich Ihnen, meine Damen!“

„Oh, und keiner hat ihn bisher zu Gesicht bekommen“, warf Mrs. Johnson aufgeregt ein. Bei dem Gedanken, dass ein echter Earl sich im Dorf aufhielt – selbst wenn es nur einer war, der sich offensichtlich in einer Notlage befand –, quollen ihr fast die Augen aus dem Kopf. „Seinen Butler habe ich allerdings schon gesehen. Zunächst glaubte ich, es sei Seine Lordschaft selbst, so hochmütig wie er war. Er sprach mit dem armen Bill Willett. ‚Ich möchte Ihnen unbedingt deutlich machen, guter Mann‘, sagte er ganz kühl, ‚dass nur die frischeste Milch und der frischeste Rahm für den Tisch seiner Lordschaft infrage kommen. Dieser Rahm hier mag gerade für die Katze gut genug sein.‘ Und haben Sie die Pferde gesehen?“

Die anderen Damen nickten. Sie hatten die edlen Rösser vor drei Tagen bewundernd betrachtet, doch zu jedermanns Kummer schien der Earl selbst in genau jenem Zeitpunkt erschienen zu sein, als kein einziger neugieriger Blick auf die Gemeindewiese gerichtet war.

„Früher oder später wird er sich zeigen müssen“, tröstete sich Mrs. Thorne. „Selbst wenn die Konstabler hinter ihm her sein sollten.“

Erstaunt brach sie ab, da im nächsten Moment ein Gig vom Hauptweg abbog und in halsbrecherischem Tempo auf die andere Seite der Gemeindewiese gelenkt wurde. Es war ein bescheidenes und dennoch recht verwegenes Gefährt, gezogen von einem hübschen, eleganten Braunen.

Die drei Damen sahen ihm atemlos nach, während das Gig auf das reizende kleine Haus zuhielt, das sich genau gegenüber der roten Ziegelsteinfassade des „Old Manor“ befand.

„Haben Sie das gesehen?“, fragte Mrs. Clare unnötigerweise. „Saß nicht eine Frau auf dem Kutschbock?“

„Mit einem Reitknecht an ihrer Seite“, fügte Mrs. Thorne hinzu. „Und sie ist zum Moon House gefahren.“

„Also stimmen die Gerüchte“, folgerte Mrs. Johnson und reckte völlig schamlos den Hals. Doch das Gefährt war hinter dem Portal verschwunden, und alles sah wieder genauso verlassen und verwahrlost aus wie immer. „Sir Edward hat Moon House doch verkauft, bevor er starb. Aber wer ist die neue Besitzerin?“

Auf dem schlammigen Hof hinter dem Haus ergriff Miss Lattimer die Hand ihres Reitknechts und hüpfte leichtfüßig vom Gig, ohne auf die zahlreichen Pfützen zu achten. Sie schob den Schleier ihres Hutes nach oben und sah sich mit großem Interesse um. „Da sind wir also, Jethro. Moon House!“ Ein erfreutes Lächeln umspielte ihren Mund, trotz der offensichtlichen Verwahrlosung, die sich ihrem Blick bot. Sie hatte wieder ein Zuhause und die Hoffnung auf einen Neubeginn.

Der Reitknecht, ein schlaksiger, ernster Jüngling von kaum mehr als sechzehn Jahren, sah sich geringschätzig um und bemerkte: „Ja, da sind wir, Miss Hester. Und Ihr Haar hat sich schon wieder aus dem Knoten gelöst.“

„Ach, verflixt.“ Hester machte eine vage Bewegung, um die braunen Locken zu bändigen, gab es aber schnell auf. „Jethro, jetzt kümmerst du dich um Hector und siehst dir die Räume über den Ställen an. Der Makler gab mir zu verstehen, sie seien bewohnbar und verfügten auch über ein Bett und anderes Mobiliar. Allerdings bin ich sicher, dass alles gereinigt werden muss, bevor du dort schlafen kannst. Was ist?“

„Hector, Miss Hester?“

„Das Pferd. Ich dachte, ich gebe ihm besser einen Namen, und Hector erschien mir passend. Es ist doch ein guter Name, findest du nicht?“ Sie betrachtete den Hengst zufrieden. Bisher hatte sie noch nie selbst ein Pferd kaufen müssen, meinte aber, vor zwei Tagen mit Hector eine gute Wahl getroffen zu haben.

Das sommersprossige Gesicht des Jungen wurde noch ernster. „Kann ich nicht beurteilen, Miss Hester.“

Sie lächelte. „Hör auf, hier draußen deine Butlerstimme einzustudieren, Jethro. Im Haus kannst du vornehm tun, so viel du willst – das heißt, wenn du nicht gerade die Küchenhilfe, den Stiefeljungen oder den Lakaien abgeben musst. Hier draußen bist du Stalljunge und Gärtner. Falls es jemals aufhört zu nieseln. Wir werden wohl alle lernen müssen, viele Dinge zu tun. Ich meinerseits gehe jetzt hinein und versuche mich in der Rolle der Haushälterin.“

Sie wandte sich um und holte einen kleinen Koffer, ihr Retikül und einen Regenschirm aus dem Gig. „Kochen werde ich wohl auch müssen, wenn nicht ein Wunder geschieht und Miss Prudhome und Susan rechtzeitig vor dem Abendessen eintreffen.“

„Das bezweifle ich, Miss Hester“, bemerkte Jethro finster, während er schon dabei war, das Pferd auszuspannen und ihm das Geschirr abzunehmen. „Ich bringe gleich die Körbe hinein und mache das Feuer im Küchenherd an.“

Auch Hester ging davon aus, dass ihre Gefährtinnen noch auf sich warten lassen würden. Ihre Gesellschafterin litt so sehr an den Schaukelbewegungen der Chaise, dass der Kutscher gezwungen gewesen war, so langsam wie möglich weiterzureisen. Heute werde ich mich wohl selbst um das Mahl und das Feuer in den Kaminen kümmern müssen, dachte Hester nicht eben begeistert. Ebenso würde sie die Betten machen und die Räume von den übelsten Spinnweben befreien.

Sie zog den großen Schlüssel aus ihrem Retikül und öffnete die Hintertür von Moon House. Beinahe ehrfürchtig schritt sie über die Schwelle und betrat einen finsteren, kühlen Raum. Vorfreude und innere Erregung nahmen ihr in diesem unendlich scheinenden Moment den Atem. Die Luft war stickig und voller Staub, roch nach kalter Asche und – bedauerlicherweise – nach Mäusen. Während Hester regungslos dastand und sich an die Dunkelheit zu gewöhnen versuchte, war ihr plötzlich, als würde ein zarter, warmer Hauch den Raum erfüllen, als wären lachende Stimmen zu vernehmen, der Duft nach Rosen und ein Gefühl innigsten Glücks – doch genauso plötzlich war die Ahnung wieder verschwunden.

Hester musste über ihre lebhafte Einbildungskraft lächeln. Wie es schien, konnte das Glück fast greifbare Formen annehmen. Die früheren Bewohner dieses Hauses mussten einmal sehr glücklich gewesen sein, das spürte sie. Und sie hatte es schon gespürt, als sie vor über einem Jahr an der Pforte gestanden und den mit Unkraut überwucherten Rosengarten und die efeubewachsene Fassade betrachtet hatte. Der unbeschreibliche Charme, den das verwahrloste kleine Haus ausstrahlte, war ihr schon damals zu Herzen gegangen. Danach war sie schnell wieder über die Gemeindewiese zurück zum „Bird in Hand“ gelaufen und zu John, ihrem Freund und Beschützer, der geduldig im Privatsalon auf sie gewartet hatte.

Diese Reise nach Oxford war ein Fehler gewesen. Von da ab verschlechterte seine Gesundheit sich drastisch, und vor drei Monaten war er verstorben. Insgesamt waren sie nur achtzehn Monate zusammen gewesen, und dennoch sehnte Hester sich nach seiner Gesellschaft, nach der Freundschaft und Vertrautheit, die sie verbunden hatten. Was wäre nach dem Tod ihres Vaters aus ihr geworden, hätte John sie nicht unter seinen Schutz genommen?

Sie schüttelte mühsam die traurigen Erinnerungen ab. Jener Abschnitt ihres Lebens war vorüber. Dank John hatte sie an Erfahrung gewonnen und konnte genügend Geld ihr eigen nennen, um unabhängig ein bescheidenes, aber respektables Leben zu führen.

Heute betrat sie das geheimnisvolle Moon House zum ersten Mal. Für die langwierigen Verhandlungen mit dessen Besitzer hatte sie einen Makler beauftragt. Tief durchatmend schloss sie jetzt die Tür hinter sich und stellte fest, dass sie sich in der Küche befand. Genau so hatte man sie ihr beschrieben – ein alter Herd und ein Tisch, einige Stühle, eine Anrichte. Das Licht, das schwach durch die Spinnweben am Fenster drang, fiel auf das unpolierte Kupfer der Küchenutensilien an der Wand. Jethros nächste Aufgabe würde sein, im Herd Feuer zu machen, wenn der Kamin dazu gebracht werden konnte durchzuziehen.

Nachdem sie den Koffer und den Regenschirm achtlos auf dem Tisch abgestellt hatte, nahm sie den Hut ab und warf ihren Mantel über einen Stuhl. Nach kurzem Wühlen in ihrem Koffer förderte sie ein Schultertuch zutage, das sie sich umlegte, eine viel zu große Schürze, die sie sich umband, und mehrere weiche Tücher, die zum Staubwischen und Entfernen der Spinnweben bestens geeignet waren.

Neugierig machte sie sich auf, das Haus näher zu erkunden. Sie öffnete eine mit grünem Stoff bezogene Tür und befand sich vor einer breiten Treppe, die mit elegantem Schwung in das erste Stockwerk führte. Der geschmackvolle Eindruck wurde lediglich von den offenbar unausweichlichen Spinnweben verdorben. Hester wischte einige davon mit einer ungeduldigen Geste fort, musste niesen und rieb sich mit dem Handrücken die Nase, wobei sie einen großen Schmutzfleck auf Nasenspitze und Wange hinterließ. Schließlich trat sie in die Vorhalle hinaus.

„Oh.“

Der Ausruf entfuhr ihr ganz gegen ihren Willen, und sie war sich auch gar nicht bewusst, dass sie ihn ausgestoßen hatte. Sie achtete nur auf die wundervollen Proportionen, die elegante Treppe, das Licht, das die Halle erfüllte, obwohl das Fenster über der Tür von wucherndem Efeu fast ganz verdeckt wurde.

Die Wände waren staubig. Überall hoben sich hellere Rechtecke und Ovale ab, an denen früher einmal Familienporträts oder Spiegel gehangen haben mochten. Der grauweiße Marmorfußboden starrte ebenfalls vor Schmutz, doch Hester bemerkte keinen dieser Makel. Das Gefühl, dass sie hier willkommen war, dass sie hierher gehörte, erfasste sie wieder, und sie ging langsam weiter und lehnte sich gedankenverloren an die verzierten Paneele der Eingangstür.

„Das alles gehört mir“, sagte sie, als könne sie es nicht ganz glauben, und fügte dann entschlossener hinzu: „Mir ganz allein.“

Das Pochen gegen die Tür genau hinter ihr kam so unerwartet, dass es ihr wie ein Donnerschlag erschien. Mit einem leisen Aufschrei zuckte sie zusammen und wandte sich schwer atmend um. Es vergingen einige Momente, bevor sie sich wieder gefasst hatte. Jemand hatte an die Tür geklopft, mehr war nicht geschehen. Wenn sie nicht mit offenen Augen geschlafen hätte, statt ein wenig Staub zu wischen, wie es sich gehörte, hätte sie sich nicht so erschreckt.

Hester suchte in ihrer Tasche nach den Schlüsseln und holte den größten hervor. Der musste eigentlich zur Eingangstür gehören. Hastig drehte sie ihn im Schloss, kämpfte einen Moment mit den schweren Riegeln und zog schließlich die massive Holztür auf.

Guy Westrope klopfte ungeduldig mit einem bestiefelten Fuß auf den Boden und schimpfte sich insgeheim einen sentimentalen Dummkopf. Was zum Teufel tat er hier? Wäre es nicht viel unterhaltsamer gewesen, Carews Abendgesellschaft in Rutland zu besuchen? Stattdessen saß er jetzt hier in einem kleinen Kuhdorf in Buckinghamshire fest, noch dazu in einem abscheulichen Haus, und musste es hinnehmen, dass jeder Bauerntrampel ihn sich zur Zielscheibe seiner Neugier erkor. Schon wollte er wieder den Klopfer heben, da wurde endlich die Tür geöffnet.

Die zerzauste junge Person, die in der halb offenen Tür erschien, betrachtete ihn stumm. Sie war von mittlerer Größe, besaß ein ovales, ebenmäßiges Gesicht, einen ernsten, ausdrucksvollen Mund und Unmengen brauner Locken, die unordentlich ihr Gesicht einrahmten. Der Schmutzfleck auf der Nase des erstaunlichen Wesens wie auch die Schürze gaben ihm zu verstehen, dass er es beim Staubwischen unterbrochen hatte. Seine Vermutung wurde bestätigt, als das junge Ding eine Handvoll Staubtücher hastig hinter dem Rücken verschwinden ließ.

Erst jetzt machte Guy sich klar, wie sehr er sie mit seinem finsteren Blick verunsichern musste. Dass er an einem ungewohnten Aufruhr der Gefühle litt, rechtfertigte nicht seine Unhöflichkeit einem armen Dienstmädchen gegenüber. Er schien es durch sein Erscheinen völlig eingeschüchtert zu haben, da es keinen Ton hervorbrachte.

„Guten Morgen. Ist deine Herrin zu Hause?“ Parrott hatte ihm berichtet, außer einem Reitknecht nur noch eine Frau gesehen zu haben.

Ein seltsam schelmischer Ausdruck erschien in den Augen des Dienstmädchens, doch gleich darauf senkte es den Blick, und Guy war sicher, dass er sich geirrt hatte. „Nein, Sir. Vielmehr, will sagen … sie empfängt noch nicht, Sir. Hätten Sie denn den Wunsch, eine Nachricht zu hinterlassen, Sir?“

Guy zog eine Karte aus der Jackentasche. Das Dienstmädchen streckte eine bemerkenswert zarte Hand aus und nahm die Karte. „Wird deine Herrin morgen zu Hause sein?“

„Nun … ja, Sir … Mylord, sollte ich wohl sagen.“

Das würde nicht leicht werden. Hatte diese braunäugige Magd Angst vor ihm, oder war sie einfach nur schüchtern? Er versuchte es mit einem freundlichen Lächeln und sah, dass sie ihn fasziniert betrachtete. „Um welche Zeit wird es ihr genehm sein, mich zu empfangen? Was meinst du?“

„Drei Uhr.“ Das kam in einem erstaunlich entschlossenen Tonfall.

„Nun gut. Bitte teile deiner Herrin mit, ich würde mir morgen die Ehre geben, um drei Uhr bei ihr vorzusprechen. Guten Tag.“

„Ja, Mylord. Äh … guten Tag, Mylord.“ Ein Anflug von einem Lächeln erschien um den ernsten Mund, sodass die Unterlippe noch voller erschien. Fast als würde sie schmollen, dachte Guy fasziniert.

Die Tür schloss sich hinter ihm, noch bevor er sich richtig abgewandt hatte. Nachdenklich ging er den von Unkraut überwucherten Weg weiter. Ein seltsames kleines Geschöpf, dieses Hausmädchen. Hübsche braune Augen und ein wirklich sinnlicher Mund, obwohl er so ernst war. Es wäre interessant, sie wieder zum Lächeln zu bringen. Guy rief sich scharf zur Ordnung und beschleunigte seine Schritte. Das ging wirklich nicht an. Kaum zwei Tage in der hintersten Provinz, und schon warf er ein Auge auf die Dienstmädchen. Er nahm sich vor, noch am selben Nachmittag mit der Karriole und den neuen Grauen eine Ausfahrt zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen.

In der stillen Halle lehnte Hester wieder gegen die Eingangstür und las die Karte in ihrer Hand, während ihr Herz sich nur langsam wieder zu beruhigen begann.

Guy Westrope, Earl of Buckland. Und daneben eine sehr exklusive Londoner Adresse. Warum in aller Welt wollte ein Earl sie aufsuchen? Hester lief in den Raum zu ihrer Rechten und schaute aus dem Fenster. Gerade sah sie den Earl hinter der Mauer des schrecklichen Hauses auf der anderen Seite der Straße verschwinden.

Warum suchte ein Mann, der die Wintermonate sehr wohl auf seinem Landsitz oder denen seiner sicher zahllosen Freunde verbringen konnte, eine unbekannte Dame in einem kleinen Dorf in Buckinghamshire auf? Bei dem Gedanken an seine bemerkenswerten blauen Augen gab Hester sich einen Moment der Vorstellung hin, er könne ihr aus London gefolgt sein – ganz hingerissen von ihrer Schönheit und ihrem Charme, die ihm schon von Weitem aufgefallen waren. Dass ein so starker, eindrucksvoller Mann sie auf diese Weise verfolgen könnte, brachte ihr Herz wieder zum Klopfen.

Mit einem leisen Lachen über diese albernen Gedanken wischte Hester mit ihren Staubtüchern über das gesprungene Glas eines Spiegels, der neben dem Fenster hing, und schaute hinein. Bei dem Anblick, der sich ihr bot, wurde sie sofort wieder ernst.

„Was für eine Vogelscheuche!“ Ein dunkler Schmutzfleck bedeckte die Nase und eine Wange, das Haar hatte sich aus dem Knoten gelöst und fiel ihr teilweise auf die Schultern. All das und die unförmige Schürze vervollständigten das Bild eines liederlichen Hausmädchens. „Ach, du meine Güte“, sagte sie mit einem Stöhnen. Das würde sie lehren, sich wilden Hoffnungen hinzugeben, was den ansehnlichen Gentleman anging.

Entsetzt sah sie sich in dem Raum um, der früher einmal ein zweifellos sehr hübscher Empfangssalon gewesen sein musste. Ihr Vorschlag, den Earl schon am folgenden Tag um drei Uhr zu empfangen, hatte auf dem Glauben beruht, dass es leicht sein würde, dafür einen annähernd zivilisierten Raum zu finden.

Jetzt wurde ihr bewusst, dass sie den ganzen Tag daran arbeiten mussten, dieses Zimmer und die Halle herzurichten. Und daran, was der Earl von der schlampigen Person gehalten haben musste, die ihm die Tür geöffnet hatte, wollte sie lieber nicht denken.

„Was macht es schon aus?“, sagte sie sich forsch und durchquerte die Halle, um zu erkunden, ob der andere Salon sich in einem besseren Zustand befand. Leider nicht. „Er ist wahrscheinlich nur einer von Johns Bekannten.“ Die Vorstellung tröstete sie nicht besonders. Denn sollte das der Fall sein, betrachtete der gut aussehende Earl Miss Hester Lattimer gewiss als gefallene Frau.

„Ich muss aufhören, ständig Selbstgespräche zu führen“, schalt sie sich, gleichzeitig ihren eigenen Ratschlag missachtend, während sie zur Treppe zurückging. „Als Nächstes die Schlafräume.“ Es war besser, das Schlimmste zu erfahren, bevor der Tag sich seinem Ende zuneigte. Die Behauptung des Maklers, das Haus sei „teilweise möbliert“, erwies sich zunehmend als übertrieben zuversichtlich.

„Und was macht es dir aus, was irgendein dahergelaufener Earl von dir hält, Hester Lattimer?“ Im Allgemeinen nicht viel, sagte sie sich insgeheim, aber bei diesem bestimmten Mann …

Im ersten Schlafgemach stand ein Bett, dessen mit einem Tuch abgedeckte Matratze trocken und zu ihrer Erleichterung frei von Mäusen zu sein schien. Sie schaute noch in drei weitere Zimmer, jedes mit Bett und Matratze ausgestattet, und öffnete dann die Tür zu dem Raum, von dem man auf den Garten vor dem Haus blickte.

„Oh, wie wunderschön!“ Zwei große Fenster ließen großzügig das Tageslicht ein. Wer mochte, konnte auf den breiten Fensterbänken die Aussicht auf den Garten genießen. Völlig verstaubte Seidenvorhänge rahmten die Fenster ein, und dazwischen standen eine Chaiselongue und ein kleiner Beistelltisch. Das zierliche Himmelbett war zweifellos das schönste Möbelstück. Hester berührte die Seide behutsam, zog die Hand jedoch hastig zurück, als der zarte Stoff unter ihren Fingern zerfiel. Auch hier hatte man sich allerdings Mühe gegeben, die Matratze zu bewahren, und das Gemach schien zumindest bewohnbar zu sein, wenn auch sehr schmutzig und eiskalt.

Sofort erkor sie dieses Zimmer zu ihrem eigenen. Maria und Susan konnten sich eins von den anderen aussuchen. In einer Ecke des Raums gab es eine zweite Tür. Hester ging darauf zu und hielt nur kurz inne, um zu dem hässlichen Haus gegenüber zu schauen. Im Sommer würde es größtenteils von einer riesigen Ulme verdeckt werden, doch jetzt konnte man seine finstere Fassade deutlich zwischen den kahlen Ästen ausmachen. Über der hohen Mauer waren mehrere Fenster im ersten Stock zu sehen, aber nichts schien sich dahinter zu regen. Wer lebte dort? Würden es angenehme Nachbarn sein? Hester kämpfte einen Moment mit dem Riegel des Fensters, doch dann schaffte sie es, den unteren Fensterrahmen nach oben zu schieben. Kühle, frische Luft strömte in den stickigen Raum, und sie atmete sie tief ein.

Stimmen drangen von gegenüber zu ihr. Ein Tor in der hohen Mauer wurde geöffnet, und eine Karriole, gezogen von zwei dunkelgrauen Pferden, erschien. Unverkennbar war es der Earl, der die Zügel führte.

Vorhin war sie viel zu aufgeregt gewesen, um mehr als einen verschwommenen Eindruck von ihm gewonnen zu haben. Die Farbe seines Haars hätte sie nicht nennen können. Sie erinnerte sich nur an die faszinierenden Augen und daran, wie groß er ihr erschienen war – so hochgewachsen, breitschultrig und kräftig. Jetzt fiel ihr noch das feste, markante Kinn auf. Er sah nicht aus wie ein Mann, der mit sich spaßen ließ. Wenn sie an die finstere Miene dachte, mit der er sie begrüßt hatte, und an den kühlen, höflichen Ton, machte sie sich ein wenig Sorgen, wie er auf ihre kleine Täuschung reagieren würde.

Zumindest wusste sie jetzt, wer ihr Nachbar war, obwohl angenehm nicht das erste Wort wäre, das sie benutzen würde, um ihn zu beschreiben. Andererseits gab es jetzt ein neues Rätsel. Sie hätte sich noch vorstellen können, dass er im „Bird in Hand“ abstieg, um eine seiner Angelegenheiten zu erledigen. Doch warum hatte er sich hier einen festen Wohnsitz genommen?

Seufzend drehte Hester sich um und öffnete die letzte Tür des Raums. Sie führte in ein Ankleidezimmer und bot ein Bild bestürzender Gewalttätigkeit. Entsetzt hielt sie auf der Schwelle inne. Ein Spiegel, der auf der Frisierkommode gestanden haben musste, lag jetzt zerschmettert auf dem Boden. Die Türen des Wäscheschranks standen offen, und jemand hatte die leeren Fächer herausgerissen und den Stuhl vor der leeren Frisierkommode zur Seite geschleudert. Ein Teil der Vorhänge wurde nur noch von zwei Ringen gehalten, der Rest war offenbar in einem Wutanfall heruntergerissen worden.

Zu ihren Füßen lag ein zarter Stoff. Ohne zu überlegen, bückte Hester sich, hob ihn auf und schüttelte ihn aus. Es war ein wunderschönes Nachtkleid aus indischem Musselin, das einen langen Riss vom Hals bis zum Saum aufwies. Unwillkürlich wich sie zurück und wäre fast ausgerutscht. Der Boden war übersät mit schimmernden Perlen.

Was war hier nur vorgefallen? Entführung, Vergewaltigung oder gar Mord? Die glückliche Atmosphäre des Hauses schien hier in Furcht und Wut erstarrt. Die Vorhänge bauschten sich, als jemand die Tür zum Zimmer öffnete, und die Tür zum Ankleideraum fiel gleichzeitig mit solcher Wucht ins Schloss, dass sie Hester in den verwüsteten Raum stolpern ließ. Sie wirbelte ängstlich herum und wäre fast gefallen, weil sie überall auf Perlen zu treten schien. Jemand war hereingekommen.

2. KAPITEL

„Jethro! Du hast mir einen Riesenschrecken eingejagt!“

„Tut mir leid, Miss Hester, aber ich habe die Körbe

gebracht und konnte Sie nirgends finden.“ Er sah sich um und wurde blass. „Gütiger Himmel, Miss Hester, was ist denn hier passiert?“

Sie zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht, Jethro, aber sicherlich nichts Gutes.“ Schnell knüllte sie das Nachthemd in ihrer Hand zusammen. Jethro war immerhin noch sehr jung, so erwachsen und erfahren er sich auch zu geben versuchte, und sie wollte nicht, dass er dieses entwürdigte Kleidungsstück sah.

„Das ist Blut, Miss Hester.“ Er hatte das Zimmer betreten. Das zerbrochene Glas knirschte unter seinen Schuhen.

„Nein, nein.“ Hester folgte ihm vorsichtig und besah sich bestürzt die braunen Spritzer an der Wand. „Vielleicht ist es Rotwein, oder wer immer den Spiegel zerbrach, hat sich dabei in den Finger geschnitten.“

„Ja, das wird es zweifellos sein, Miss Hester“, gab Jethro freundlich nach. „Es waren wohl Einbrecher“, fuhr er fort. „Als sie nichts in den Schränken vorfanden, haben sie in ihrer Wut einfach mit Dingen um sich geworfen. So wird es gewesen sein. Soll das Ihr Zimmer werden, Miss Hester?“

„Ja …“ Hester wurde sich bewusst, wie unsicher sie klang, und fügte entschlossen hinzu: „Ja. Susan kann das Zimmer rechts neben der Treppe im ersten Stock bekommen. Und ich denke, Miss Prudhome gefällt gewiss einer der Schlafräume im hinteren Teil.“

Der flüchtige Blick, den sie auf die Tür zum Ankleidezimmer warf, entging dem Jungen nicht. „Dann fege ich die Zimmer also am besten gleich nach dem Mittagessen, ja? Danach mache ich Feuer in den Kaminen und bringe das Gepäck.“

In den Ställen hatte sie einen Topf Schlämmkreide gesehen. Damit könnte Jethro die Flecken an der Wand übermalen. Wenn das erst mal getan und die Scherben entfernt worden waren, würde sie sich viel besser fühlen.

„Die Räume über den Ställen sind sehr gemütlich, Miss Hester“, fuhr Jethro fort und ging ihr voraus die Treppe hinunter. „Es gibt da auch einen alten Kanonenofen, also werde ich es richtig warm haben.“

„Das sind gute Neuigkeiten, Jethro“, erwiderte Hester und fasste neuen Mut.

„Ich wollte zum Gasthaus laufen und einen Krug Ale bestellen, Miss Hester.“

„Das ist eine gute Idee, und du kannst genauso gut jetzt schon aufbrechen. Wer weiß, wie lange sie noch brauchen werden, wenn Miss Prudhome den Kutscher dazu überreden konnte, den ganzen Weg über langsam zu fahren.“

Er nahm die Münzen, die sie ihm reichte, und ging hinaus.

Jeder weitere Gedanke an mögliche Gewalttaten oder gar unheimliche Gespenster, die sie vielleicht hätte beunruhigen können, wurde von ihrem knurrenden Magen vertrieben. Wie spät mochte es sein? Die hohe Standuhr in der Küche musste vor Jahren zum letzten Mal aufgezogen worden sein, doch ihre Taschenuhr verriet ihr, dass es zwei Uhr war. Seit dem Frühstück im Wirtshaus in King’s Langley waren viele Stunden vergangen.

Jethro hatte zu ihrer Erleichterung bereits einen Eimer Wasser vom Brunnen geholt und ihn in das mit Schieferplatten ausgelegte Spülbecken gestellt. Hester füllte eine kleine Schüssel mit Wasser, fand eine uralte Bürste auf der Fensterbank und fing an, damit den Küchentisch zu bearbeiten. Es würde Stunden brauchen, bevor sie den richtig sauber bekam, aber zumindest war es ihnen dann möglich, ihr Mahl einzunehmen.

Als sie fertig war, breitete sie ein Tuch über den Tisch aus und stellte Brot, Käse, ein Glas Pickles und etwas Butter darauf. Danach schaute sie, was es in den Küchenschränken zu finden gab.

Jethro kam eine halbe Stunde später mit einem riesigen Tonkrug Ale zurück, den er erleichtert aufseufzend auf den Tisch in der Küche stellte.

„Das ist eine Kanne, wie sie immer die Pflüger gekriegt haben“, sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Hester stellte den Stapel Teller ab, den sie in kaltem Wasser gewaschen hatte, und fragte neugierig: „Woher weißt du das?“

„Kann mich nicht erinnern“, antwortete er leichthin, öffnete den zweiten Korb und holte diverse Dinge heraus. „Sie schicken uns später das ganze Fässchen, aber ich dachte, jetzt brauchen wir auch schon etwas Bier.“

Hester seufzte. Sie hatte den Jungen vor über einem Jahr bewusstlos in einer Gasse von Old Holborn gefunden. Er war dem Verhungern nahe gewesen, und unzählige Narben hatten seinen dürren Rücken bedeckt. Nachdem sie ihn zu sich nach Hause in die Mount Street gebracht hatte, wollte er bis auf seinen Namen nichts über sich oder seine Vergangenheit verraten. Hester vermutete, dass er vom Lande stammte, denn kein echter Londoner sprach wie Jethro. Und diese kleine Geschichte über die Feldarbeiter schien ihre Annahme zu bestätigen.

„Hier ist Besteck.“ Sie schob es ihm zu und beschloss, ihn nicht weiter zu drängen. Ihre eigenen bösen Erinnerungen genügten ihr, und sie konnte verstehen, warum er seine Geheimnisse lieber für sich behielt.

Schließlich setzten sie sich zu Tisch, den sie dicht vor den Herd geschoben hatten, um sich zu erwärmen. Hester nahm einen Schluck Ale aus einem Becher. „Ich hoffe, das Glasgeschirr kommt sicher mit Susan an. Wir bekommen morgen Besuch von einem Gentleman, dem ich Wein anbieten muss.“

„Wenigstens haben wir guten Wein“, erwiderte Jethro zufrieden. Die verstörende Erinnerung von eben schien vergessen zu sein. Er war wieder gelassen und guter Dinge.

„Ja. Und glücklicherweise habe ich einige Flaschen vom Madeira und dem Portwein in unsere Kutsche geladen. Der Rest kommt mit dem Fuhrwagen nach.“

John war so großzügig gewesen, ihr seinen Weinkeller zu hinterlassen, weil sie so oft gemeinsam ein Glas genossen hatten. Noch ein Grund mehr für seine Verwandten, in ihr eine verächtliche, ruchlose Frau zu sehen. Denn wer würde schon einer anständigen Frau ausgerechnet seinen Weinkeller vermachen?

Jethro riss sie aus ihrem schmerzhaften Tagtraum. „Was für ein Gentleman kommt denn, Miss Hester?“

„Nicht nur ein schlichter Gentleman, sondern sogar ein Earl, man höre und staune.“ Hester schob ihm die Visitenkarte zu, und Jethro riss die Augen auf.

„Sie werden doch Susan nicht die Tür öffnen lassen, Miss Hester, oder? Nicht am Nachmittag, meine ich.“

„Aber nein, Jethro. Ein weiblicher Dienstbote am Nachmittag? Wo denkst du hin?“ Hester unterdrückte ein Lächeln. „Ich werde mich darauf verlassen, dass du deinen besten Anzug anziehst und meinen Butler abgibst.“

Jethro strahlte vor Begeisterung, die selbst davon nicht getrübt wurde, dass sie heute und morgen den ganzen Tag hart würden arbeiten müssen, um wenigstens die Halle und einen der Salons herzurichten, bevor ihr hoher Gast erschien.

„Wir werden alle Möbel, die wir finden können, in einen der Salons tragen müssen.“ Hester kaute nachdenklich auf der Unterlippe. „Der Fuhrwagendienst wird morgen noch nicht angekommen sein, und hier im Haus ist das vorhandene Mobiliar eher spärlich, um es milde auszudrücken.“

„Und altmodisch.“ Da Jethro den Ehrgeiz besaß, es weit im Leben zu bringen, fielen ihm dergleichen Einzelheiten sofort auf.

„Aber von guter Qualität und von einer Frau ausgesucht. Vielleicht war die letzte Besitzerin eine ältere, allein lebende Dame oder Witwe.“

Das Gespräch wurde an diesem Punkt von der Ankunft der Postkutsche vor dem Haus unterbrochen. Susan Wilmott – rundlich, gutmütig und in diesem Moment mehr als erleichtert, endlich am Ziel ihrer Reise angekommen zu sein – sprang heraus und half einer Dame beim Aussteigen. Miss Prudhome, seit zwei Wochen ihre Gesellschafterin, sah entschieden unwohl aus. Sie wankte auf Hester zu.

„Nie wieder, meine Liebe. Lieber gehe ich hundert Meilen zu Fuß! Nie wieder setze ich mich in eine dieser fürchterlichen Höllenkutschen.“

„Schon gut, schon gut.“ Hester tätschelte ihr beruhigend den Rücken und achtete nicht auf das leidgeprüfte Gesicht des Kutschers. „Sie sind schnell gekommen, wenn man den langen Weg bedenkt“, lobte sie ihn allerdings, um ihn versöhnlich zu stimmen. „Jethro, zeig ihm, wo er die Pferde tränken kann, während wir das Gepäck abladen.“

In der Küche brachte Hester Miss Prudhome ein Glas Wasser und kümmerte sich dann zusammen mit den beiden anderen um das Gepäck.

Susan stellte mehrere Schachteln und Pakete auf den Tisch und sah sich voller Interesse um. „Hübsches Haus, Miss Hester. Aber doch ziemlich groß für nur zwei Diener, oder? Vielleicht können Sie hier in der Gegend noch mehr Personal finden.“

„Ich hoffe, Susan.“ Hester stellte einen Korb auf den Boden. „Zuerst muss ich allerdings sehen, wie viel ich ausgeben werde, um das Haus in Ordnung zu bringen. Dann weiß ich erst, ob ich mir eine größere Dienerschaft überhaupt leisten kann. Bis dahin werden wir nur das Erdgeschoss und die drei Schlafzimmer bewohnen.“ Sie fasste Miss Prudhome skeptisch ins Auge. „Glauben Sie, Sie könnten eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen, Maria?“

Ein mitleiderregendes Stöhnen war die einzige Antwort. Miss Prudhome war sehr dünn, achtundvierzig Jahre alt und ähnelte mit ihrer spitzen Nase und den kleinen Knopfaugen, wie Jethro frech bemerkt hatte, auf fatale Weise einer Henne. Eigentlich hatte sie immer als Gouvernante gearbeitet, doch da sie die einzige Kandidatin gewesen war, die Hester sich leisten konnte, wurde sie auch engagiert. Außerdem erweckte sie Hesters Mitleid, denn die arme Frau war nach zehn Jahren aus einer Anstellung entlassen worden, weil der jüngste Sohn der Familie aufs Internat kam und kein Bedarf mehr für eine Gouvernante bestand.

Jethro kam mit Besen, Putzlappen und Eimer bewaffnet lärmend herein. „Ich beseitige erst mal den ärgsten Schmutz oben, Miss Hester, und zünde Feuer im Kamin an.“

Als es sieben Uhr schlug, saßen alle vier völlig erschöpft in einem Halbkreis um den Ofen herum, in dem Jethro zwar Feuer hatte anzünden können, der allerdings bedenklich zu qualmen begann. „Wahrscheinlich voller Nester der Rauchabzug“, bemerkte Jethro finster. „Am besten bringe ich morgen einen Kaminfeger her. Der kann sich dann um alle Kamine kümmern.“

„Nicht so schlimm“, sagte Hester zufrieden. „Wir alle haben ein gemütliches Bett für die Nacht und eine saubere Küche für unsere Mahlzeiten. Morgen bringen wir noch die Halle und den vorderen Salon in Ordnung.“

Susan seufzte tief, und auch Jethro schien von der Arbeit, die sie erwartete, ein wenig eingeschüchtert zu sein – nicht nur das Haus, auch der Garten, die Ställe und Anbauten waren nicht im besten Zustand. Trotz allem empfand Hester nur tiefen Frieden und war überzeugt davon, endlich ihr Zuhause gefunden zu haben. Entschlossen erhob sie sich, krempelte die Ärmel hoch und griff nach einem Kochtopf.

„Abendessen und dann zu Bett“, sagte sie ermunternd. „Du schälst die Kartoffeln, Jethro. Susan, du übernimmst den Kohl und die Zwiebeln. Ich brate inzwischen das Fleisch. Maria, bitte decken Sie den Tisch, und legen Sie ein paar Ziegel in den unteren Ofen, damit sie später für die Betten warm genug sind.“

Das Mahl war gut, sättigend und schmackhaft. Bald schon fielen ihren Begleitern die Augen zu. Hester schickte Maria und Susan je mit einem angewärmten Ziegelstein, der in eine Decke gewickelt war, zu Bett und versicherte ihnen, dass sie sie wirklich nicht mehr brauchte. Und am Ende ließ auch Jethro sich davon überzeugen, er könne sich getrost mit einer Lampe zu seinem Zimmer über den Ställen zurückziehen. Doch erst, nachdem er persönlich Haustür und Fenster überprüft hatte.

Hester schloss die Hintertür ab, sobald er draußen war, schob die Riegel vor und schürte ein letztes ...

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