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Das Geheimnis der Totenstadt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. ERSTER TEIL
  6. 1. KAPITEL
  7. 2. KAPITEL
  8. 3. KAPITEL
  9. 4. KAPITEL
  10. 5. KAPITEL
  11. 6. KAPITEL
  12. 7. KAPITEL
  13. 8. KAPITEL
  1. ZWEITER TEIL
  2. 9. KAPITEL
  3. 10. KAPITEL
  4. 11. KAPITEL
  5. 12. KAPITEL
  6. 13. KAPITEL
  7. 14. KAPITEL
  8. 15. KAPITEL
  9. 16. KAPITEL
  1. DRITTER TEIL
  2. 17. KAPITEL
  3. 18. KAPITEL
  4. 19. KAPITEL
  5. 20. KAPITEL
  6. 21. KAPITEL

Über den Autor

Rolf Dieckmann arbeitete als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und Magazinen für die Themenbereiche Medien, Politik, Kultur und Unterhaltung. Seit 1996 ist er als freier Autor tätig. Er lebt in Hamburg und im Wendland.

1. KAPITEL

Der Mann, der die Uniform eines US-Drei-Sterne-Generals trägt, steht auf und geht zum Fenster. Für einen Augenblick starrt er hinaus.

»Und Sie glauben wirklich, dass es so etwas gibt?«

John McMulligan klappt den Aktendeckel zu, nimmt die randlose Brille ab, lockert seine Krawatte und lehnt sich in seinem Schreibtischsessel zurück.

»Der Bericht ist sauber recherchiert. Ich weiß, es klingt fantastisch, aber Parker ist ein knallharter Realist. Er würde niemals einen solchen Bericht schreiben, wenn er keine konkreten Anhaltspunkte hätte.«

Für einen Augenblick herrscht Stille im Raum. Kein Laut dringt von außen durch die Panzerglasscheiben in den karg möblierten Raum.

Der Uniformierte dreht sich um.

»Und sein Informant ist einen Tag später tot aufgefunden worden, sagen Sie?«

McMulligan nickt.

»Am nördlichen Stadtrand von Kairo. Er wurde erschossen. In den Hinterkopf. Hinweise auf den oder die Täter gibt es bisher nicht. Allerdings mauern die Ägypter.«

Der General dreht sich wieder zum Fenster um.

»Wir wissen nicht, ob es das überhaupt gibt und – wenn ja – wo wir es suchen sollten. Aber nehmen wir mal an, dass es so etwas gibt, das wäre rein militärisch gesehen die größte Sensation aller Zeiten.«

McMulligan beugt sich wieder nach vorn.

»Wir werden es finden!«

Der General sieht ihn mit seinen wasserblauen Augen an.

»Wir müssen!«

*

Die Twin Turbopropmaschine der Aerospatiale/Alenia, Flugnummer LH 4078, war pünktlich um neunzehn Uhr fünfzehn auf dem Florentiner Flughafen »Amerigo Vespucci« gelandet. Robert Darling lächelte zufrieden. Der Ausflug hatte sich gelohnt. Da er nur einen kleinen Handkoffer bei sich trug, brauchte er nicht an der Gepäckausgabe zu warten und hatte so den Parkplatz in wenigen Minuten erreicht. Mit schnellen Schritten ging der Siebenunddreißigjährige mit den schwarzen, welligen Haaren auf den dunkelblauen Range Rover Sport zu, der erst vor zwei Wochen geliefert worden war. Ein schönes Auto hast du dir da gekauft, Roberto, dachte er, als er die elektronische Entriegelung betätigte und der Wagen ihm freundlich entgegenblinkte.

Er legte den Koffer auf den Rücksitz, zog das Jackett des naturfarbenen Leinenanzugs aus und warf es ebenfalls dorthin.

»Roberto, kennst du mich nicht mehr?«

Der Angesprochene fuhr herum. Hinter ihm stand ein kleinerer Mann mit ebenso schwarzen Haaren, der sich offensichtlich darüber freute, Robert überrascht zu haben.

»Ach, Fabio! Ich war völlig in Gedanken. Wie geht es dir?«

Fabio Cavora lachte und zeigte seine makellos weißen Zähne. Dieses Lachen gehörte zu seinem Handwerk, denn als Wirt des renommierten Florentiner Restaurants »Da Giulio« in der Via della Vigna Vecchia hatte er nicht nur für erstklassige Speisen und Weine zu sorgen, sondern auch für die gute Laune seiner Gäste. Er beherrschte sowohl das eine als auch das andere in Perfektion.

»Danke, alles bestens! Ich habe Gäste aus München, die will ich abholen. Warst du auch in der Maschine?«

»Ja«, antwortete Robert, »aber ich war in Berlin und musste via München fliegen. Ziemlich zeitaufwändig für eine so kurze Strecke … Aber es hat sich gelohnt – ich habe meinen deutschen Verleger getroffen.«

»Und?« Fabio spitzte den Mund und riss die Augen auf. »Warst du erfolgreich?«

Robert nickte.

»Er kauft zwei Lizenzen und ein Originalspiel.«

»Fantastisch«, lachte Fabio. »Das müssen wir feiern. Komm doch mal wieder vorbei! Du warst schon so lange nicht mehr bei mir. Aber jetzt entschuldige mich, da hinten warten meine Gäste. Ciao, Roberto.«

Robert hob die rechte Hand.

»Ciao, Fabio!«

Stimmt, dachte er, als er den Wagen in die Via del Termine lenkte, der Mann hat Recht. Es ist lange her, dass du dort warst.

Seitdem Francesca in Kalifornien lebte, mied er das »Da Giulio«. Obwohl er sich jedes Mal fest vornahm, nicht an sie zu denken, konnte er nicht anders, wenn er das Restaurant betrat. Ihre Stimme, ihre Augen, ihr sinnlicher Mund, die Art, wie sie sich ihr kastanienbraunes Haar aus dem Gesicht strich, all das ging ihm an diesem Ort, an dem sie viele wunderbare Abende verbracht hatten, nicht mehr aus dem Kopf.

Zweimal hatte sie ihm seither geschrieben, aber dieses Jahr war noch keine Nachricht von ihr gekommen.

Schau nach vorn, Roberto, sagte er zu sich und musste diesen Satz gleich wörtlich nehmen, als ein schwarz-weiß gefleckter Hund so plötzlich über die Fahrbahn lief, dass er eine Vollbremsung machen musste, um das 390-PS-Gefährt zum Stehen zu bringen.

Kopfschüttelnd fuhr er weiter. Eigentlich hatte er seiner Mutter, Donatella Medici, versprochen, vorbeizuschauen. Aber er verschob es auf morgen, denn seine Mutter konnte ziemlich anstrengend sein. Er liebte sie, aber manchmal musste er ihr auch gezielt aus dem Weg gehen. Nachdem sie seinen amerikanischen Vater kurz vor dessen Tod in Baltimore verlassen hatte und ins heimatliche Florenz zurückgekehrt war, waren ihre Betreuungsversuche noch intensiver geworden, ganz besonders in den Bemühungen, ihn endlich unter die Haube zu bringen.

Robert musste grinsen.

Ach, Mamma!

So wenig Verständnis sie dafür hatte, dass ein gut aussehender und nicht gerade armer siebenunddreißig Jahre alter Mann immer noch nicht verheiratet war, so wenig hatte sie gleichzeitig dafür übrig, dass ein solcher Mann sein Geld damit verdiente, Spiele für Erwachsene und Kinder zu erfinden. Ein Mann, der ein Mathematikgenie war und der einen Job als Dechiffrierer bei der NSA in Maryland gehabt hatte. Und jetzt Spieleerfinder – Madonna! Aber er verdiente eine Menge Geld damit, deswegen hielt sie sich mit vorwurfsvollen Anmerkungen zurück.

Obwohl es bereits dämmerte, bemerkte Robert den schwarzen alten Mercedes schon von weitem. Er stand schräg zur Fahrbahn der Via Senese, und es sah nicht so aus, als hätte sein Fahrer freiwillig hier geparkt. Dieser stand ratlos neben seinem Wagen und bot einen eigenartigen Anblick. Der Mann mochte etwa siebzig sein und hatte schlohweißes Haar, das ihm fast bis auf die Schultern fiel. Eine Art Barett saß schief auf seinem Kopf, und auf der Nase lag eine große schwarze Hornbrille. Er trug einen schwarzen Gehrock, darunter ein weißes Hemd mit einer blauen Schleife. Trotz dieser seltsamen Aufmachung strahlte er auch etwas Würdevolles aus.

Robert hielt und ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite hinunter.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Ich fürchte nicht«, sagte er mit einer wohl tönenden Baritonstimme, »ich weiß selbst nicht, was er hat. Er ist plötzlich stehen geblieben.«

Robert stieg aus seinem Wagen.

»Vielleicht haben Sie kein Benzin mehr?«

»Nein, nein, das kann’s nicht sein. Ich habe heute Morgen erst getankt.«

Robert strich sich über den Nasenrücken.

»Vielleicht die Benzinpumpe, die Kerzen – aber so genau kenne ich mich damit leider nicht aus.«

Der Alte lachte auf.

»Wissen Sie, was ich von Autos verstehe? Nichts, überhaupt nichts. Ich weiß nur, dass sie fahren und was man machen muss, damit sie auf der Straße bleiben.«

Robert überlegte kurz.

»Kann ich Sie denn irgendwo absetzen? Dann können Sie morgen mit einem Monteur wiederkommen. Stehlen kann ihn ja keiner, wenn er nicht mehr fährt.«

Der Alte lächelte Robert dankbar an.

»Das ist sehr nett von Ihnen. Ich wohne am Rande von Bagnolo, das ist Richtung Impruneta.«

»Na also«, sagte Robert, »das ist auch meine Richtung.«

Der andere schüttelte den Kopf.

»Ich will Ihnen auf keinen Fall Umstände …«

Robert öffnete die Beifahrertür des Range Rovers und machte eine einladende Handbewegung.

»Keine Widerrede, ich fahre Sie nach Hause.«

Nachdem der Weißhaarige seine Aktentasche aus dem Mercedes geholt und ihn sorgsam verschlossen hatte, stieg er ein. Er machte einen erleichterten Eindruck.

Bevor Robert den Motor starten konnte, streckte er ihm die Hand entgegen.

»Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle? Ich bin Paolo Mazzetti, Professore Paolo Mazzetti.«

»Darling«, erwiderte Robert, während er ihm die Hand schüttelte, »Robert Darling.«

Der Alte schaute ihn erstaunt an.

»Sie sind kein Italiener? Dafür ist Ihr Italienisch aber erstaunlich gut!«

Robert lächelte und startete den Motor.

»Ich bin es zur Hälfte. Meine Mutter ist Italienerin, mein Vater war Amerikaner. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen. Deswegen spreche ich auch noch Deutsch und Französisch. Aber Italienisch ist meine Muttersprache, Englisch meine Vatersprache.«

Mazzetti nickte mehrfach.

»Interessant. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«

Robert schaute kurz zur Seite.

»Ich bin Spiele-Autor.«

Einen kurzen Moment war er über sich selbst erstaunt. Für gewöhnlich beantwortete er diese Frage mit »Mathematiker«, weil die meisten sowieso nicht verstanden, dass Spiele-Autor ein richtiger Beruf war und dass man etwas draufhaben musste, wenn man auf dem Gebiet erfolgreich sein wollte. Wenn er »Mathematiker«, sagte, setzte das dagegen immer von selbst einen Schlusspunkt, weil sich niemand mit einer weiteren Frage blamieren wollte.

Der Weißhaarige schaute ihn interessiert an.

»Spiele-Autor? Da brauchen Sie sicher eine gute Kombinationsgabe. Ich gehe davon aus, dass Spiele-Autoren intelligente Spiele konzipieren und keine simplen Würfelspiele?«

Robert lächelte.

»Im Grunde haben Sie Recht. Aber es gibt auch Würfelspiele, die etwas komplizierter sind. Am liebsten sind mir allerdings Spiele, bei denen die Spieler zuerst gar nicht wissen, worum es geht und was das Ziel ist.«

Mazzetti lehnte sich im Sitz zurück und machte ein Gesicht, als hätte ihn die Antwort nicht wirklich überrascht.

»Sie meinen also wie das Spiel des Lebens? Da weiß man auch zuerst nicht, worum es geht und was das Ziel ist. Das muss man Stück für Stück herausfinden, und erst am Ende ist man schlauer.«

Er drehte den Kopf nach links, holte tief Atem und ließ sich dann in den Sitz zurückfallen.

»Berechnung. Konzeption. Wenn nicht sogar Vorbestimmung. Ja, das alles mag es geben.«

Er machte eine weitere Kunstpause.

»Signore Darling, glauben Sie an den Zufall?«

Robert schüttelte den Kopf.

»Nein, ich glaube, dass alles mehr oder weniger nach einem Plan verläuft.«

Roberto, wieso bist du so ehrlich gegenüber diesem Mann, den du erst seit ein paar Minuten kennst?Francesca hat dich ausgelacht, als du ihr zum ersten Mal sagtest, dass du nicht an den Zufall glaubst. Und dann war sie doch verblüfft, als du ihr das an gemeinsamen Erlebnissen bewiesen hast. Aber dieser Mann hier neben dir hat irgendwie etwas sehr Vertrautes. Als ob du ihn schon lange kennen würdest.

Mazzetti schaute auf die Straße, die jetzt von den Autoscheinwerfern beleuchtet wurde.

»Sehen Sie, das dachte ich mir. So ist es auch wahrscheinlich kein Zufall, dass wir uns begegnet sind.«

Bevor Robert fragen konnte, was der Alte damit meinte, streckte der den Arm aus.

»Wenn Sie bitte hier rechts abbiegen könnten? Da vorne ist schon mein Haus.«

Der Anfang der Straße war asphaltiert, aber schon nach zweihundert Metern boten Schlaglöcher auf dem unbefestigten Weg dem Rover Gelegenheit, zu beweisen, dass er eine solche Piste mühelos überwand.

»Seit Jahrzehnten will die Gemeinde den Rest der Straße asphaltieren, aber Sie wissen ja, wie das ist … Wenn Sie hier bitte halten würden. Das da ist mein Haus.«

Im fahlen Abendlicht konnte Robert ein großes weißes Haus mit einer rechteckigen Fassade und mit den für diese Gegend typischen Dachpfannen erkennen. Die Rahmen der vielen Fenster waren relativ neu und aus Naturholz, die Fensterläden dunkelbraun gestrichen. Robert konnte es nicht genau sehen, aber er ahnte, dass das Grundstück riesig sein musste. Platanen, Zypressen und Nussbäume, die um das Haus herumstanden, zeichneten ihre Silhouetten gegen den Abendhimmel ab.

»Ein schönes Haus«, sagte er anerkennend.

Mazzetti nickte.

»Eine Casa Colonica aus dem 16. Jahrhundert. Um 1900 ist es zu einer Villa neueren Stils umgebaut worden. Es gehörte der Familie meiner Frau. Sie war die Letzte ihres Clans, als sie vor sechs Jahren gestorben ist. Jetzt lebe ich hier allein, obwohl es viel zu groß für mich ist. Einige Zimmer habe ich seit Jahren nicht mehr betreten. Aber immerhin kann ich hier in Ruhe meine Studien fortsetzen.«

»Was sind das für Studien?«, fragte Robert.

Mazzetti räusperte sich, und das Lächeln wich für kurze Zeit aus seinem Gesicht.

»Ich bin Privatgelehrter. Wie man die Leute eben so nennt, die man an keiner Hochschule mehr lehren lässt.«

Sein Lächeln kehrte zurück.

»Aber … ach, ich habe Sie schon lange genug aufgehalten. Kommen Sie doch in den nächsten Tagen vorbei. Rufen Sie vorher an. – Ich hole uns eine gute Flasche Wein aus dem Keller.«

Er griff in die obere Tasche seines Gehrocks und zog eine geknickte Visitenkarte hervor.

»Danke«, sagte Robert und steckte die Karte in die Tasche, »das tue ich gern. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.«

Eigentlich war er sehr froh, dass der Professor das Gespräch beendet hatte. Er sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem erfrischenden Getränk. Und das möglichst in den eigenen vier Wänden.

Während er den Rückwärtsgang einlegte, hob er noch einmal grüßend die Hand, aber der Mann mit dem weißen Haar hatte genug damit zu tun, den Schlüssel in den Taschen seines Gehrocks zu suchen.

*

Ein Gefühl des Glücks und der Ruhe durchströmte ihn jedes Mal, wenn Robert in sein toskanisches Wahlheimatdorf Mezzomonte zurückkehrte, die Pforte zu seinem Grundstück öffnete, langsam den Kiesweg zu den Parkplätzen hinunterfuhr und dann die wenigen Meter zu seinem dreihundert Jahre alten Haus zurücklegte. Die Silhouette der piccionaia, des Taubenturms, zeichnete sich gegen den abendlichen Himmel ab.

Vier Jahre war es jetzt her, als er nach langer Suche dieses Juwel entdeckt und sich sofort verliebt hatte. Eine besondere Faszination ging von dem Anwesen aus. Die schönen alten Gebäude waren in einem makellosen Zustand, und der Ausblick von dem Hügel, auf dem sie standen, weit über Weinberge, Olivenhaine, Zypressen und Eichenwälder, war atemberaubend. Vom höchsten Punkt zog sich das Grundstück terrassenförmig nach unten. Und von jeder Terrasse hatte man einen anderen Ausblick auf das wunderschöne Land.

Catarina, seine Haushälterin, die jeden Morgen um elf Uhr aus dem Nachbardorf angeradelt kam, war bereits gegangen. Aber sie hatte mit Sicherheit vorgesorgt. Im Kühlschrank würde er eine Schüssel mit einem köstlichen Salat finden und im Backofen überbackene Pasta, die er so gern aß. Um den passenden Wein kümmerte er sich selbst.

Moment, dachte Robert, als er die Halle mit den alten Terrakottafliesen in Richtung Küche durchqueren wollte, jetzt hast du den Koffer im Auto liegen lassen.

Er hätte ihn auch am nächsten Morgen holen können, aber er wollte noch einmal das Manuskript des Vortrags lesen, den er in gut vier Wochen beim Internationalen Kongress der Spiele-Autoren in San Francisco halten wollte. Während des Flugs waren ihm einige Dinge eingefallen, die er unbedingt noch einarbeiten wollte.

Er schaltete die Außenbeleuchtung für den Weg zu den Parkplätzen wieder ein und ging über den knirschenden Kies zurück zum Auto. Er öffnete die hintere Tür und griff nach dem Koffer, als sein Blick auf das Leinenjackett fiel. Es war beim Bremsen zwischen Vorder- und Rücksitze gerutscht. Er bückte sich und zog es heraus.

Moment, was ist das?

Zwischen den Vordersitzen klemmte eine schwarze Brieftasche. Er griff nach ihr, klappte sie auf und ging damit in den Lichtschein der Wegbeleuchtung. Eine Visitenkarte steckte im ersten Sichtfach.

»Dr. Paolo Mazzetti«, las er laut. Die muss dem alten Herrn beim Ein- oder Aussteigen aus der Tasche gerutscht sein, dachte Robert. Du rufst ihn besser gleich an. Er schaute auf seine Armbanduhr. Gleich halb zehn. Vielleicht ist der Signore schon zu Bett gegangen. Du kannst sie ihm morgen zurückbringen, beschloss er, sperrte den Wagen ab und ging zurück ins Haus.

*

»Er ist sehr vorsichtig geworden. Ich weiß nicht, ob er mir noch glaubt.«

Der Mann mit der auffälligen Hakennase nahm seine überdimensionale Hornbrille ab und strich mit der rechten Hand die grauen Haare hinter das rechte Ohr.

Sein Gesprächspartner, der ihm den breiten Rücken zugewandt hatte, drehte sich um, zog die Hände aus den Taschen seines hellbraunen Wildlederblousons und stützte sich auf den Schreibtisch. Er sprach mit sizilianischem Akzent. Seine Stimme war rau.

»Wie Sie es anstellen, ist mir egal. Wir wollen nur wissen, was er weiß. Meine Auftraggeber sind nicht kleinlich. Sie bekommen jede Unterstützung.«

Der Mann sprach langsam, fast höflich. Trotzdem hatte er etwas Bedrohliches.

Der andere setzte seine Brille wieder auf. Seine Augen wirkten durch die dicken Gläser besonders groß und aufgerissen.

»Gut, ich werde es versuchen.«

*

Nach einem ausgiebigen Frühstück rief Robert bei Professor Mazzetti an. Das heißt, er versuchte ihn ans Telefon zu bekommen. Erst beim dritten Versuch klappte es.

»Entschuldigen Sie«, sagte der und lachte, »das Haus ist so groß, und hören konnte ich früher auch besser.«

Die Mitteilung, dass Robert seine Brieftasche gefunden hatte, versetzte den alten Herrn fast in Euphorie.

»Gelobt sei Madonna, ich dachte schon, ich hätte sie unterwegs verloren. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll! Sehen Sie, alles hat eben seinen Sinn.«

Robert lächelte.

»Keine Ursache. Ich habe heute Vormittag keine Termine. Ich setze mich gleich in den Wagen und bringe sie Ihnen.«

»Machen Sie sich keine Umstände«, sagte der Professor.

»Oh doch, unbedingt«, lachte Robert, »Sie hatten mir eine interessante Geschichte und einen guten Wein versprochen.«

Inzwischen war Catarina eingetroffen, sichtlich erfreut, dass ihr Signore Darling wieder zu Hause war. Es gab einiges zu besprechen. Einkaufslisten mussten abgestimmt und Handwerker bestellt werden, denn in einem der Gästebäder tropfte der Wasserhahn, und beim letzten Gewitter waren zwei Ziegel aus dem Dach des Stallgebäudes herausgefallen.

So verging dann mehr als eine Stunde, bevor Robert sich auf den Weg nach Bagnolo machen konnte. Die Luft war schwül. Ein weiteres Gewitter lag in der Luft.

Obwohl sich dunkle Wolken zusammenschoben, konnte er ungehindert sehen, um was für ein prächtiges Anwesen es sich handelte. Für eine einzelne Person war es tatsächlich deutlich zu groß. Es musste ein Vermögen kosten, alles instand zu halten. Ein seltsamer Typ, dachte Robert, als er auf das Haus zuging. Aber auch ein sehr interessanter.

Der Klingelknopf aus Messing hatte die Form eines Stierkopfes – man musste auf die Nase drücken. Der schrille Ton war auch von außen durch die schwere Eichentür zu hören.

Nichts rührte sich. Robert versuchte es noch einmal. Komisch, dachte er und klingelte noch ein drittes Mal. Aber die Tür blieb verschlossen.

War er vielleicht im Garten?

Er ging um das Hauptgebäude herum. Der ferne Donner des herannahenden Gewitters grummelte in der Luft. Die Anlagen rund um das Haus machten einen gepflegten Eindruck, Mazzetti musste eine ganze Kompanie von Gärtnern beschäftigen.

Hinter dem Haus gab es eine riesige Terrasse, zu der vier Stufen emporführten. Obwohl man sich bemüht hatte, dieselben alten Baumaterialien zu verwenden, sah man, dass sie erst später hinzugefügt worden war. Zwei große, verglaste Flügeltüren führten ins Haus.

Robert stellte sich auf die Terrasse und spähte in den Garten.

»Professore, sind Sie da?«

Keine Antwort. Er stieß eine der Flügeltüren an – sie war fest verschlossen.

Durch das grelle Sonnenlicht wirkten die Türen wie ein Spiegel. In den dahinterliegenden Raum hineinsehen konnte man von hier aus nicht.

Robert schirmte seine Augen ab und drückte die Nase gegen eine der Scheiben. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse.

»Dio mio!«, stieß er hervor.

Die Wände des großen Raumes waren lückenlos mit Bücherregalen zugestellt. Auf der gegenüberliegenden Seite gähnte die Öffnung eines mannshohen Kamins. Zur Linken befanden sich ein großer, schwerer Schreibtisch aus Eichenholz und zwei Sessel mit Rahmen aus demselben Material. Es herrschte völliges Chaos: Berge von Papieren lagen auf dem Fußboden, die Schubladen des Schreibtisches waren herausgezogen, ihr Inhalt verstreut, Bücher aus den Regalen herausgerissen und auf den Boden geworfen. Ein Sessel war umgekippt.

Auf einem Teppich in der Mitte des Raumes lag, reglos und mit dem Rücken zu Robert, Professor Mazzetti. Robert hämmerte mit der Faust gegen das Doppelglas.

»Professore! Ich bin es, Robert Darling. Professore! Hören Sie mich? Sind Sie verletzt?«

Er hielt das rechte Ohr an das Glas und vermeinte, ein schwaches Stöhnen zu hören.

Sein Blick glitt über die Terrasse. Am Rande der Terrasse entdeckte er einen großen Ziegelstein. Mit zwei Sätzen war er dort, griff nach dem Stein und schlug ihn wie einen Hammer mit voller Wucht gegen die Isolierverglasung. Der erste Schlag war wirkungslos, beim zweiten zerplatzte die Scheibe mit einem lauten Knall. Er griff durch das Loch, tastete nach dem Schlüssel und öffnete nach wenigen Sekunden die Tür.

Der Professor gab nur schwache Lebenszeichen von sich. Blut trat aus einem Spalt zwischen den weißen Haaren hervor und breitete sich auf seiner Stirn und an den Schläfen aus. Jemand musste ihm von vorn einen harten Schlag auf den Kopf gegeben haben. Robert kniete sich hin und versuchte, ihn auf den Rücken zu drehen. Erst jetzt bemerkte er, dass er immer noch den Ziegelstein in der Hand hielt. Er legte ihn auf den Teppich. Mazzetti atmete noch schwach und flüsterte etwas.

Robert beugte sich zu ihm hinunter.

»Professore, wer war das? Haben Sie ihn erkannt?«

Mazzetti röchelte.

»Sie müssen es zu Ende führen. Sie müssen …«

Robert beugte sich noch tiefer.

»Was muss ich zu Ende führen? Professore, was«?

Für Sekunden dachte Robert, dass er tot sei, aber dann öffnete der Alte noch einmal den Mund zu einem schmalen Spalt.

»In der Brieftasche … der Zettel … Sie müssen … bitte …«

Ein Zittern ging durch seinen Körper, und das letzte bisschen Leben verließ die sterbliche Hülle des Professore Paolo Mazzetti.

Robert starrte ihn an. Ungläubig, dass der Mann, auf dessen Geschichten er sich noch vor wenigen Minuten gefreut hatte, plötzlich tot vor ihm lag.

Dann hörte er in der Ferne eine Polizeisirene. Das Grollen des Gewitterdonners war lauter geworden. Erst jetzt wurde ihm bewusst, in welcher Situation er sich befand. Du hast die Scheibe eingeschlagen, an deinem Anzug ist Blut, überall Fingerabdrücke und Blut auf dem Stein. Und die Brieftasche steckte noch in der Seitentasche seiner Jacke. Wahrscheinlich hatte einer der Nachbarn den Knall der zerberstenden Scheibe gehört und die Polizei gerufen. Wie sollte er die Situation erklären? Wenn dies das Werk eines Profis war, hatte der Handschuhe getragen. Und dann waren nur noch seine und die Fingerabdrücke des Professors zu identifizieren.

Er war schon einmal unschuldig in die Polizeimaschinerie geraten, als er der Amerikanerin Susan, deren Mann hier in der Gegend ermordet worden war, helfen wollte. Das wollte er nicht noch einmal erleben. Man wird dich festhalten, du darfst das Land nicht verlassen. Madonna!

Der Heulton der Sirene kam immer näher. Robert überlegte kurz, zog die Jacke mit den Blutflecken aus, rollte sie zusammen und eilte durch den Garten auf die Straße, wo der Range Rover parkte. Zurückfahren konnte er nicht, die Polizeisirene war jetzt schon ganz nah. Mit aufheulendem Motor fuhr er geradeaus weiter über den unbefestigten Weg, der in eine Art Trampelpfad mündete.

Verdammt, sie werden die Spuren verfolgen!

Aber er hatte Glück. Nur wenige Minuten nach seiner Flucht entlud sich das Gewitter und gipfelte in einem gewaltigen Wolkenbruch, der die unbefestigte Straße und den Trampelpfad in einen reißenden Bach verwandelte und alle Spuren verwischte. Und schließlich gelangte er mit dem Wagen über offenes Gelände wieder unbemerkt auf die Hauptstraße.

2. KAPITEL

Durch die weite, nach vorn gezogene Kapuze lagen die Gesichter tief im Dunkelen. Der Leuchter hinter den Gestalten warf nur spärliches Licht in den Raum. Der Mann saß mit hochgezogenen Schultern in einem Sessel mit einer hohen Lehne aus Eichenholz und beugte sich langsam nach vorn. Die schmale, knochige Hand, die aussah wie eine Vogelkralle, schob sich langsam aus dem weiten Ärmel der schwarzen Kutte und griff nach einem der Papiere, die auf dem Tisch vor ihm lagen. Feuchte Kälte stand im Raum. Die beiden Gestalten, die im Abstand von einem halben Meter vor dem Tisch standen, bewegten sich nicht. Beide trugen die gleichen schwarzen Kutten, die mit einer Kordel um die Taille zugeschnürt waren. Sie hatten die Hände gefaltet, die Köpfe gesenkt, bereit zu hören, was der Alte ihnen zu sagen hatte.

»Es ist wieder so weit«, ließ er seine knarrende Stimme hören, »er wird kommen.«

Einer der Stehenden räusperte sich. »Aber die anderen haben wir doch auch immer aufhalten können!«

Der Alte schnitt ihm das Wort ab. »Dieser ist anders.«

»Das können wir verhindern«, sagte der andere Kuttenträger.

»Wie willst du das machen?«

»Indem wir ihn beseitigen!«

»Fällt euch außer Beseitigen nichts ein?«, bellte der Alte los.

»Ich bitte um Vergebung«, erwiderte der erste leicht trotzig.

Der Alte war in seinem Sessel zusammengesunken. Mit seiner knochigen Hand machte er eine abweisende Bewegung.

»Geht jetzt und haltet den Lauf der Dinge auf. Wir wollen die Welt nicht verändern. Wir wollen sie bewahren. Die Welt ist noch nicht so weit.«

Er richtete sich wieder kerzengerade auf.

»Und zwar sofort!«

Die Besucher verneigten sich, drehten sich um und verließen mit schnellen Schritten den Raum.

*

Robert saß an seinem Schreibtisch und merkte, wie sehr er immer noch unter Spannung stand. Für einen Augenblick hatte er erwogen, nicht nach Hause zurückzukehren, sondern irgendwo in einem Hotel zu übernachten. Aber er hatte das wieder verworfen, der Verdacht gegen ihn wäre im Zweifelsfall noch verstärkt worden. Er überlegte.

Hat dich jemand beobachtet? Das kann eigentlich nicht sein. Die dichte Bepflanzung des Grundstücks macht das unmöglich. Und wenn dich jemand gesehen hat, wäre die Polizei dann nicht längst hier?

Seit er die Villa verlassen hatte, waren mehr als fünf Stunden vergangen.

Es blieb alles ruhig, und langsam entspannte er sich.

Er ging in die Küche, nahm eines der bauchigen Gläser aus dem Schrank und goss sich ein Glas »Rosso di Toscana« ein. Mit dem Rotweinglas ging er zurück an seinen Arbeitsplatz.

Was hatte der Professore gesagt? Der Zettel in der Brieftasche?

Er nahm das schwarze Leder-Portemonnaie, klappte es auf und inspizierte die Fächer. In dem größten steckten rund einhundertzwanzig Euro in unterschiedlichen Scheinen. Daneben der Führerschein Mazzettis und das Foto einer gepflegten älteren Dame. Er betrachtete es aufmerksam. Die verstorbene Ehefrau? Wahrscheinlich. Wer war sie gewesen? Eine reiche Frau, die einen Mann mit verrückten Gedanken geliebt hatte? Welches Wissen hatten beide mit ins Grab genommen?

Roberto, du hast keine Zeit für solche Betrachtungen. Schau weiter! Tankquittungen, eine Fahrkarte. Der Leihzettel einer öffentlichen Bibliothek, die Rechnung eines Restaurants. Madonna, wie viel Banales bleibt von einem Menschen übrig.

Das Durchsuchen der Brieftasche verletzte eine Intimitätsgrenze, die ihm unangenehm war.

Bevor du einmal stirbst – und das passiert hoffentlich von einem Augenblick auf den anderen –, musst du alle Dinge in Ordnung bringen. Besonders die banalen.

Sein Blick verlor sich.

Aber weiß ich, wann ich sterbe?

Nach einigen Sekunden kam sein Bewusstsein zurück in die Realität. Er konzentrierte sich wieder auf die Brieftasche und strich fast zärtlich über das glatte Leder. In der Beuge war ein kleiner Reißverschluss eingearbeitet. Mit dem Mittelfinger fuhr er hinein. Papier knisterte.

Er zog es heraus. Ein kleiner Zettel von ungefähr zehn mal zehn Zentimetern. Beschriftet mit einem Füllfederhalter und der klaren Schrift eines Menschen, der es gewohnt war, ihn zu benutzen. Robert lehnte sich zurück und las:

»Die Wahl fällt auf die Göttin der Blumen. Und der, der sie schuf, fand den Tod. Dort, wo seine Macht einmal war. Die der Frau, die er einst liebte, versank im Meer. Nur der, der im Übrigen der Meinung war, behielt Recht. Und das will man hören.«

Robert strich sich übers Haar. Was konnte das bedeuten? War das mit der Methode verfasst, geheime Botschaften in sinnlosen Texten unterzubringen?

»Schauen wir uns das einmal an«, murmelte er und zog einen weißen Bogen Papier aus der Schublade seines Schreibtisches.

Gehen wir davon aus, dass die zu enträtselnden Personen der Code sind. Die Göttin der Blumen kann nur Flora sein. Eine römische Göttin. Und der, der sie schuf …?

Wer hat Flora geschaffen? Jupiter, der Chef aller Götter? Aber er fand den Tod? Das kann für den Götterchef nicht zutreffen.

Flora, auch Florentia genannt … Moment! Wahrscheinlich ist keine Göttin gemeint, keine Göttin, kein Mensch – eine Stadt. Das Naheliegendste … natürlich, Florenz!

Sein Gehirn begann, schneller zu arbeiten.

Und wer hat Florenz erschaffen? Soweit man der Geschichte glauben darf, war das der Verdienst eines gewissen Gaius Julius Caesar, der hier sein erstes Feldlager errichtet und es Florentia genannt hatte.

Und er fand den Tod, wo seine Macht …?

Robert tippte sich an die Stirn.

Natürlich. Der Tyrann ist im Senat erstochen worden.

Die Macht der Frau … versank im Meer? Und er hat sie geliebt?

Robert nahm den Bleistift zwischen die Zähne.

Caesar hat so einige geliebt. Wer kann das sein? Vielleicht … Cleopatra? Aber die versank nicht im Meer.

Nein, du Idiot, sie nicht, aber der größte Teil ihrer Flotte während der Schlacht bei … wie hieß das doch gleich! Ag … Ak …, richtig – Actium. Da war der Tyrann allerdings tot und Marcus Antonius an seine Stelle getreten. Spielt in diesem Fall aber keine Rolle.

Roberto, konzentriere dich!

Jetzt das Letzte. Der, der im Übrigen der Meinung war …

Der Professore hat etwas mit Figuren aus der Geschichte verschlüsselt. Und das hier weist mit Sicherheit auf den römischen Senator Cato hin. Aber das liegt zeitlich vor Caesar und Cleopatra.

Trotzdem, bleiben wir bei Cato, dem Älteren. Der hat jede Rede vor dem römischen Senat mit dem Satz geschlossen: »Ceterum censeo carthaginem esse delendam«, was so viel hieß wie »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss«. Im Übrigen – das war es doch. Aber behielt er Recht? Stimmt! Der römische Feldherr Scipio hatte später dafür gesorgt, dass die Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Robert nahm ein neues Blatt und legte es vor sich hin.

Er schrieb die Namen untereinander:

Florentia

Caesar

Kleopatra

Cato oder vielleicht Scipio?

Lange starrte er auf die Namen. Das »A« sechsmal, das »O« dreimal, das »E« ebenfalls nur dreimal. Ungewöhnlich. Kein bekanntes Schema passte. Die Grundlagen der meisten Verschlüsselungen waren ihm wohl bekannt. Das hier machte allerdings keinen Sinn.

Ein Zusammenhang war nicht erkennbar.

Er las noch einmal den Zettel.

Die Wahl fällt auf … Die Wahl? Was wird hier ausgewählt?

Robert schüttelte den Kopf und schaute auf dem Schreibtisch hin und her. In seinem Kopf arbeitete es. Welche schwierigen Codes hatte er schon im Kopf geknackt, ohne den von ihm nicht besonders geliebten Computer benutzen zu müssen!

Mein Gott, Roberto, du bist aus der Übung!

Er legte den Kopf in den Nacken.

Also, noch einmal. Die Wahl fällt auf …

Sein Blick wanderte über den Schreibtisch. Der Locher, das Adressbuch, der Terminkalender, das Diktaphon, das Telefon. Das Telefon?

Telefon – Wählen – Moment mal! Mein Gott, Roberto, hier geht es nicht um Namen und Buchstaben. Hier geht es um Zahlen!

Wählen! Warum bist du nicht gleich darauf gekommen?

Robert war hellwach. Caesar wurde 44 v. Chr. ermordet, die Schlacht bei Actium war … 30 oder 31?

Das hast du doch einmal alles auswendig gewusst, Roberto, ärgerte er sich und griff zum ersten Band des Lexikons, das im Regal über dem Schreibtisch stand.

Also doch – 31 v. Chr.

Bei Karthago musste er nicht lange nachdenken. Die Stadt ging 146 v. Chr. unter.

Er atmete aus. Da haben wir es. Jetzt war er sich sicher. Das Rätsel war eine Telefonnummer. Das musste es sein. Eine Nummer aus Florenz, die da lautete: 443 11 46.

Und das will man hören, hatte der Professor als letzten Satz geschrieben. Robert lächelte.

»Ich verstehe, was Sie meinen, Professore«, sagte er leise zu sich selbst und griff zum Telefonhörer.

Am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme.

Robert räusperte sich.

»Guten Tag, mein Name ist Robert Darling. Ich soll Ihnen sagen ›Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.‹«

Es blieb still in der Leitung.

»Hören Sie mich?«, fragte Robert.

Die Stimme klang leicht erregt.

»Ist ihm etwas passiert?«

Robert dachte nach. Eigentlich durfte er nicht wissen, was Mazzetti passiert war.

»Nicht am Telefon«, sagte er.

Die Frau sprach schnell.

»Kommen Sie in die Via Magliabechi 37. Klingeln Sie bei Furini.«

»Wann?«

»Am besten gleich. Wann können Sie hier sein?«

»Wenn ich mich beeile – in gut einer halben Stunde.«

»Gut.«

*

Der kühle Wind, der von der nahen Küste durch die Straßen Alexandrias wehte, machte sogar die Luftfeuchtigkeit von fast siebzig Prozent erträglich. Es wird nie heißer als dreißig Grad in der zweitgrößten Stadt Ägyptens, die auf eine über zweitausend Jahre alte Geschichte zurückblicken kann.

Georgios Karakos trat aus seinem Haus an der Sharia el Aqaba. Er war dreiundsechzig Jahre alt, Nachfahre von griechischen Einwanderern aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sein Gesicht war sonnengebräunt, sein grauer Schnauzbart sorgsam geschnitten. Auf dem Kopf trug er einen geflochtenen Hut im Borsalino-Stil. Der weiße Anzug und die aufrechte Körperhaltung gaben ihm etwas Aristokratisches.

Karakos dachte nach. Seit drei Tagen war er Pensionär, obwohl er noch zwei Jahre hätte arbeiten können. Und er hätte das gern getan, denn er war stolz auf »seine« Bibliothek, ein architektonisches und technisches Meisterwerk, das 2002 eröffnet worden war und die über zweitausend Jahre alte Tradition der größten Bibliothek der Antike fortsetzte.

Ohne Begründung hatte man ihn nach Hause geschickt, obwohl seine Vorgesetzten ihn wegen seiner vorzüglichen Arbeit und seiner umfassenden Kenntnisse des Altertums immer wieder aufs Höchste lobten. Hing das vielleicht mit den seltsamen Anrufen zusammen, die vor rund drei Wochen begonnen hatten?

Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Warum? Sollten sie etwas gemerkt haben? Das konnte einfach nicht sein. Andererseits, dachte er, kann ich die Suche jetzt auch privat weiterführen. Ich habe noch genug Freunde in der Bibliothek. Machen wir das Beste daraus. Grübelnd überquerte er die Avenue Aquaba, um im »Trianon« einen Kaffee zu trinken.

Den Lastwagen, der mit hoher Geschwindigkeit in die Kurve fuhr, sah er zu spät. Ein dumpfer Aufschlag, schreiende Menschen. Ein Arzt, schrie jemand, holt schnell einen Arzt. Doch dafür war es zu spät. Der Bibliothekar Georgios Karakos war tot. Dass der Lastwagen, ohne zu bremsen, weitergefahren war, fiel der Polizei viel zu spät auf. Auffälligkeiten oder gar das Kennzeichen hatte sich niemand gemerkt.

*

Robert hatte Wort gehalten. Eine halbe Stunde später drückte er in der Via Magliabechi 37 auf den Klingelknopf mit dem Namensschild »Furini«. Sekunden später knackte es im Lautsprecher der Gegensprechanlage.

»Ja bitte?«

»Robert Darling. Wir haben vor einer halben Stunde telefoniert.«

Sofort war das Summen des Türöffners zu hören. Robert drückte die schwere Tür aus poliertem Eichenholz auf.

Die Wohnungstür im zweiten Stock war bereits einen Spalt geöffnet, die Kette noch vorgelegt. Maria Furini schaute angestrengt auf den Flur hinaus.

Da zwischen der Treppe und der Wohnungstür noch eine Distanz von rund zehn Metern lag, hatte sie ausreichend Zeit, den Besucher zu begutachten.

Robert blieb in einem Abstand von zwei Metern stehen und machte eine angedeutete Verbeugung.

»Darling. Robert Darling. Ich habe Professore Mazzetti erst vorgestern kennen gelernt und muss Ihnen leider heute eine traurige Nachricht bringen.«

Maria bemühte sich, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten.

»Ist er tot?«

Robert nickte und schaute auf die Dielen des Fußbodens. Sie spürte, dass seine Betroffenheit nicht gespielt war, hängte die Kette aus und öffnete die Tür.

»Kommen Sie bitte herein.«

Die Wohnung war mittelgroß, etwa drei bis vier Zimmer, schätzte Robert. Die Wände waren mit einer zarten, gelb getönten Kalkfarbe gewischt. Der Flur war nur schwach beleuchtet, vier Punktstrahler beleuchteten Bilder im expressionistischen Stil.

Maria öffnete die Tür zum Wohnzimmer und machte eine einladende Handbewegung.

Robert nickte mit ernstem Gesicht und ging hinein. Das Zimmer hatte eine angenehme Atmosphäre und war mit einer geschmackvollen Mischung aus antiken und modernen Möbeln eingerichtet.

Sie wies auf einen der großen Ledersessel im englischen Stil.

»Nehmen Sie bitte Platz. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Bitte ein Glas Wasser.«

Maria drehte sich um und verließ das Zimmer. Robert schaute ihr nach. Was für eine seltsame Ausstrahlung, dachte er.

Sie war groß und schlank, etwa einssechsundsiebzig, schätzte er. Ungefähr Mitte dreißig. Für eine Italienerin hatte sie eine ziemlich helle Haut und dunkelblonde, etwas ins Rötliche gehende, kinnlange Haare.

Dazu grüne Augen und einen Mund, der etwas Spöttisches hatte. Das energische Kinn verstärkte diesen Eindruck. Sie trug eine weiße Bluse, dazu schwarze Jeans mit schwarzen Sneakern.

Robert hörte sie in der Küche hantieren, und wenige Augenblicke später kam sie zurück mit einem Tablett und zwei Gläsern mit Mineralwasser. Sie stellte sie auf den Tisch.

»Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Maria Furini ist mein Name. Sagen Sie, wie ist er gestorben?«

Robert rang für Sekunden um die richtige Wortwahl.

»Ich fürchte, er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen.«

Maria sah ihn scharf an.

»Sie fürchten? Ist er oder ist er nicht?«

Robert nickte und nahm das Glas in die Hand.

»Er ist.«

Maria nahm einen Schluck Wasser.

»Und Sie haben ihn gefunden.«

Robert nickte abermals und erzählte nun die Geschichte, wie er Mazzetti bei seiner Autopanne geholfen hatte, wie sie sich sofort sympathisch waren und wie der Professor ihn zu sich eingeladen hatte. Wie er ihn gefunden hatte und wie er nichts ausgelassen hatte, alle Indizien gegen sich sprechen zu lassen.

Maria hörte schweigend zu. Robert schaute sie fragend an.

»Warum hat er Ihre Telefonnummer so kompliziert verschlüsselt??«

Maria sah Robert direkt in die Augen.

»Er hat geahnt, was ihm passieren wird, das war eine Vorsichtsmaßnahme. Paolo wollte auf keinen Fall, dass ich irgendwie in eine Sache hineingezogen werde, die gefährlich werden konnte. Niemand sollte ihn und mich in Verbindung bringen können.«

»Sind Sie mit ihm verwandt?«, fragte Robert.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, er war mein Professor an der Universität. Literatur und Philosophie. Er war einer der faszinierendsten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe.«

Robert zog die Augenbrauen hoch.

»An der Uni? Mir hat er erzählt, er sei Privatgelehrter, man ließe ihn an keiner Hochschule lehren.«

Maria nickte.

»Das stimmt. Paolo betrieb private Forschungen und stellte Thesen auf, die dem Kollegium missfielen. Es kam zum Streit, und er zog sich ins Private zurück.«

»Was waren das für Thesen?«

Maria lehnte sich zurück.

»Das ist etwas kompliziert. Es ging um die Existenz des Menschen. Um richtige und falsche Wahrnehmung. Und um das verzerrende Weltbild der Kirche. Die hatte ihren ganzen Einfluss geltend gemacht, damit Paolo nicht mehr lehren durfte. Über die genauen Ergebnisse seiner Forschungen hat er nie gesprochen. Wahrscheinlich ebenfalls, um mich zu schützen.«

Robert schaute ihr in die Augen.

»Darf ich Sie fragen, in welchem Verhältnis Sie zu Professore Mazzetti standen?«

Sie wandte den Kopf für einige Sekunden ab, blickte ihn dann starr an, als ob sie durch ihn hindurchsähe.

»Sie dürfen. Ich war seine Geliebte. Vier Jahre lang. Bis seine Frau starb. Er machte sich Vorwürfe, dass unser Verhältnis die Krankheit mit ausgelöst haben könnte. Sie war eine kluge Frau und hat mit Sicherheit mehr gewusst, als sie sich anmerken ließ. Nach ihrem Tod ging er auf Distanz. Getroffen haben wir uns immer außerhalb von Florenz.«

Sie seufzte.

»Paolo war nicht nur klug und gebildet, er hatte auch etwas, was die wenigsten Menschen haben: Vorahnung. Ich habe es mehrfach miterlebt, dass diese Vorahnungen eintrafen. Einmal fuhren wir eine Serpentinenstraße den Berg hinauf. Ich saß am Steuer. Kein anderes Auto weit und breit. Plötzlich schreit er: nach rechts, ganz nach rechts, und da war zufällig eine Ausweichbucht. Ich habe gebremst und bin in die Bucht gefahren. Wenige Sekunden später raste irgendein Wahnsinniger auf uns zu, flog aus der Kurve und landete auf der linken Seite. Er bekam den Wagen wieder in den Griff und fuhr davon. Wäre ich nicht in die Bucht ausgewichen, hätte es einen Frontalzusammenstoß gegeben. Den hätte keiner von uns überlebt. Paolo konnte das Auto vorher weder gesehen noch gehört haben. Mir war das richtig unheimlich, aber so etwas passierte häufiger.«

Sie schwieg einen Augenblick, schaute zur Seite und dann Robert wieder in die Augen.

»Er hat sicher auch geahnt, dass er Sie treffen wird. Sonst hätte er Ihnen nicht den Zettel mit meiner verschlüsselten Nummer gegeben. Und durch diese eigenwillige Verschlüsselung wollte er sicher sein, dass nur ein Mensch mit Verstand und nicht einfach jeder Dahergelaufene mit mir in Kontakt treten kann. Ansonsten gibt es nichts, was auf eine Verbindung zwischen mir und Paolo hinweisen könnte. Ich vermute, er hat geahnt, dass Sie der Richtige sind.«

Sie stand auf und ging zu einem gegenüberliegenden Schrank, öffnete eine Schublade und holte ein Kästchen heraus, das mit Packpapier und einem Klebeband umwickelt war. Sie stellte es vor Robert auf den Tisch.

»Das ist für Sie. Er hat es mir aufgetragen.«

Robert starrte das Kästchen an.

»Was ist das?«

Maria zuckte leicht mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht. Bitte stecken Sie es ein, und öffnen Sie es erst, wenn Sie gegangen sind – versprechen Sie mir das?«

Robert nickte.

»Natürlich. Aber was machen wir denn mit ihm? Wir können doch nicht alles so lassen, wie es ist!«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Paolo hat noch eine Schwester, die weiß, was sie in einer solchen Situation tun muss. Er hat für alles vorgesorgt. Ich darf nicht einmal zu seiner Beerdigung kommen. Das hat er mir streng verboten, und ich werde mich daran halten. Das, was er mir gegeben hat, kann man mir sowieso nicht wegnehmen.«

Robert steckte das Kästchen in die Tasche seiner Jacke.

»Ich lasse Ihnen auf alle Fälle meine Telefonnummer hier. Sie können mich jederzeit anrufen.«

»Danke, Signore …«

Sie schaute auf seine Visitenkarte.

»… Darling?«

Er nickte und versuchte, ein Lächeln nur anzudeuten.

»Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Leute hierzulande meinen Namen etwas seltsam finden. Mein Vater war Amerikaner, und dort findet man ihn ganz normal. Aber sagen Sie ruhig Roberto zu mir.«

Sie erwiderte nichts, brachte ihn zur Tür und ließ ihn hinaus. Als er wenige Schritte gegangen war, hörte er noch einmal ihre Stimme.

»Roberto?«

Er drehte sich um.

»Seien Sie vorsichtig. Ich fürchte, es ist nicht ganz ungefährlich, was da auf Sie zukommt.«

Robert zog die Augenbrauen hoch.

»Sie fürchten? Ist es oder ist es nicht?«

»Es ist«, sagte sie und schloss die Tür.

3. KAPITEL

Noch im Auto zerschnitt Robert das Klebeband mit seinem kleinen silbernen Taschenmesser, das er, außer im Flugzeug, immer bei sich trug. Der Deckel des Kästchens ließ sich leicht öffnen. Es war mit Watte ausgestopft. Vorsichtig hob er die obere Schicht an. Darunter lag ein Doppelbartschlüssel.

Wahrscheinlich für ein Schließfach, dachte er. Der Schlüssel trug die Nummer 134.

Er legte den Schlüssel in die flache Hand.

Wo mag dieses Schließfach sein? In einer Bank, im Bahnhof?

Fangen wir beim Bahnhof an, dachte er und startete den Motor.

Der Hauptbahnhof »Firenze Santa Maria Novella« erhielt seinen Namen, weil er in unmittelbarer Nähe der weltberühmten Kirche im westlichen Teil der Stadt liegt. Wie immer herrschte reges Treiben um das über siebzig Jahre alte Gebäude. Da sich, wie eigentlich an allen Tagen, keine andere Möglichkeit bot, parkte Robert den Wagen im absoluten Halteverbot. Es konnte nur wenige Minuten dauern, den Schlüssel auszuprobieren. Mit langen Schritten lief er durch die Halle und hatte die Schließfächer schnell gefunden. Das Schild »Cassetta di custodia« war schon von weitem zu sehen. Ebenso schnell fand er die Nummer 134. Er steckte den Schlüssel in das Schloss, aber er ließ sich nicht bewegen. Das wäre auch zu einfach gewesen, dachte Robert.

Er wollte gerade wieder gehen, als sein Blick auf ein kleines, rot beleuchtetes Fenster fiel, dessen abgeblätterte Schrift kaum zu entziffern war. »Nachzahlen« musste das heißen. Auf einmal begriff er. So ein Fach konnte man maximal für vierundzwanzig Stunden mieten. Die waren abgelaufen und damit zwei weitere Euro fällig. Er griff in seine Hosentasche. Eine Fünfzig- und eine Zwanzig-Cent-Münze. Sonst nur Scheine.

Robert schaute sich um. Ihm lief die Zeit davon.

Madonna, der Wagen. Hoffentlich notiert niemand die Nummer oder lässt das Auto abschleppen. Die Polizei kannst du im Moment überhaupt nicht gebrauchen.

Hastig ging er zu einem Zeitungskiosk.

»Entschuldigen Sie, Signore, können Sie mir diesen Fünf-Euro-Schein in Münzen umwechseln?«

Der Mann mit der spiegelnden Glatze in dem Verkaufsstand machte ein mürrisches Gesicht.

»No, no, no. Was meinen Sie, was passieren würde, wenn ich das täte? Dann kommen sie alle gerannt und wollen Kleingeld. Für die Toilette, fürs Telefon, für die Schließfächer. Dann hätte ich nur noch Scheine und könnte nicht mehr herausgeben. No, no, no.«

Du musst dich beeilen, dachte Robert und griff noch einmal in die Tasche. Der nächstgrößere Schein war ein Zwanziger.

»Hören Sie, ich habe es verdammt eilig. Ich gebe Ihnen diesen, und Sie geben mir fünf in Münzen!«

Der Glatzkopf machte große Augen.

»Aber dann haben Sie ja einen Verlust von …«

»Das ist mir egal!«, unterbrach ihn Robert.

Der Mann zuckte mit den Schultern, griff nach dem Schein und gab Robert fünf Euro in Münzen. »Grazie!«, sagte Robert und ging, ohne ihn anzusehen, hastig davon.

»Könnte natürlich auch sein, dass das eine Blüte ist«, murmelte der Glatzkopf. Er zuckte noch einmal mit den Schultern und steckte den Schein in die Hosentasche.

Nach dem Einwurf von zwei Euro ließ sich der Schlüssel im Schloss drehen und die Tür öffnen. In dem schmalen Schrank stand eine alte Ledertasche, wie sie früher von Ärzten benutzt wurde.

Manchmal wirkt Murphy’s Law dann doch nicht, dachte Robert, als er sie herauszog. Zwei Minuten später musste er diese Erkenntnis revidieren.

Schon von weitem konnte er den Polizisten sehen, der um sein Auto herumging und sein Nummernschild notierte. Jetzt die Nerven behalten, dachte er.

»Entschuldigung«, sagte Robert und versuchte, möglichst entspannt zu wirken.

Der Polizist zog die Augenbrauen hoch.

»Ist das Ihr Wagen?«

Robert nickte freundlich.

»Ich bin Dottore Roberto Cavallo. Ein alter Signore ist am Bahnsteig kollabiert. Ich hatte leider keine Zeit, mein Schild ins Fenster zu stellen. Es ging um Sekunden, Sie verstehen?«

Der Polizist machte große Augen. Robert nickte und schaute möglichst gütig.

»Gott sei Dank geht es ihm schon wieder besser.«

Der Polizist schaute auf Robert, dann auf die Arzttasche.

»Aber Sie sollten möglichst immer Ihr Schild …«

»Mach ich doch immer«, lachte Robert und schloss die Fahrertür auf. »Aber in diesem Fall ging es um Leben und Tod!«

Und mit strengem Blick fügte er hinzu: »Ein Menschenleben steht doch wohl über der Verkehrsordnung!«

Der Polizist nickte und riss den Zettel vom Block.

»Richtig, Dottore, jetzt sollten Sie aber wirklich fahren.«

Robert nickte zurück, startete und fuhr davon. Nicht, ohne sich durch einen Blick in den Rückspiegel davon zu überzeugen, dass der Polizist den Strafzettel in kleine Fetzen zerriss.

*

»Tot?« Der Mann mit der auffälligen Hakennase wurde blass und wechselte den Telefonhörer vom linken

zum rechten Ohr.

»Paolo ist tot? Ich kann das nicht glauben … Mit wem spreche ich denn überhaupt?«

»Mit seiner Schwester«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Und wer sind Sie?«

»Verzeihung, ich bin ein alter Kollege Ihres Bruders. Wir waren beide Dozenten an der Uni. Das heißt,

ich bin es immer noch. Lorenzo Tardi ist mein Name.«

»Was kann ich für Sie tun?«

Tardi zog die Luft hörbar durch die Nase ein.

»Ich wollte Paolo eine fachliche Frage stellen. Aber das geht ja nun … sagen Sie, woran ist er denn gestorben. War er krank?«

Für einen Augenblick war Stille in der Leitung.

»Er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Wahrscheinlich ein Einbrecher.«

Tardi fühlte das Pochen der Ader an seinem Hals.

»Madonna, wie schrecklich! Und seine Forschungsarbeiten? Seine Aufzeichnungen? Was geschieht mit ihnen? Dass sie bloß nicht in unbedarfte Hände geraten. Wenn ich vielleicht …«

Die Stimme der Frau klang hart.

»Ich verstehe nichts von diesen Dingen. Darum habe ich unsere Anwaltskanzlei beauftragt, sich um diese Dinge zu kümmern. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an den Avvocato Pancrazzi.

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