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Das Geheimnis der Sprache

Alexander Moszkowski

Das Geheimnis der Sprache

Aus Höhen und Tiefen der Ausdrucksformen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zum Buch

In diesem populärwissenschaftlichen Werk nimmt Alexander Moszkowski, 1851 bis 1934, Schriftsteller und Satiriker, ausführlich die Sprachreformer und -verhunzer seiner Zeit aufs Korn, die jedes undeutsche, welsche Wort durch unsägliche Neuschöpfungen ersetzen wollten. Ein Buch über Sprachentwicklung, Sprachreinheit, Sprachschönheit und Schreibstil.

Korrektur gelesen und in neuer deutscher Rechtschreibung.

1. Verschwiegene Vorrede

Mit kleiner Veränderung eines bekannten Kalifenwortes wäre zu sagen: Wenn der Vorspruch dasselbe enthält wie das Buch, so ist er überflüssig; enthält er aber etwas anderes, so ist er schädlich. Denn das andere, als notwendige Ergänzung betrachtet, müsste eben auch im Buche stehen; wenn es dort fehlt, so wäre der Gegenstand ungenügend behandelt und seine Voranstellung würde den Fehler herausheben, bevor noch irgendwelcher Vorzug erkennbar werden könnte.

Das wäre allerdings schädlich für das Buch und damit auch für die Sache, die es vertreten will. Aber, um gleich mit der Sprache herauszurücken: Es fehlt wirklich sehr viel; dies ganze Buch enthält nur eine Andeutung, die von keinem Vorspruch vervollständigt werden kann. Es handelt von unserer Sprache und ihren Erlebnissen in neuerer Zeit, also von unendlichen Dingen.

Die Sprache erlebt an einem Tage mehr, als zehn dicke Bücher beschreiben können, und nichts anderes kann die einzelne Sprachschrift unternehmen, als den Blick des Lesers auf diese Geschehnisse einzustellen; in einer Zeit, da das Erleben der Sprache eins ist mit dem Erleben des Volkes, da wir aus Sprach-Not und Sprach-Hoffnung unser eigenes Schicksal deuten. Denn hinter allen Betrachtungen steht ungeschrieben, aber stets mitgedacht das große, in die Zukunft weisende Signal von der deutschen Weltsprache, die uns mit geistiger Notwendigkeit zurückerobern wird, was uns die politische Notwendigkeit verlieren ließ.

Es hat also keinen Sinn, das Vorhandene gegen das Fehlende abzuwägen, denn das Vorhandene ist eigentlich nur eine Absicht, und auch diese ist durch keinen Vorspruch zu verdeutlichen, sondern nur durch den Text des Buches. Anders ausgedrückt: Dies ganze Buch ist ein Vorwort zu dem, was sich der Leser denken soll, wenn er sich seinen Inhalt angeeignet hat.

Er wird zwischendurch mancherlei Einwände erheben, vielleicht nicht so viel wie der Verfasser selbst. Denn je mehr man sich nachspürend mit den Erlebnissen der Sprache beschäftigt, desto häufiger gerät man in der Deutung der Vorgänge an unauflösliche Widersprüche. Durch diese muss man wagemutig hindurch, um überhaupt von der Stelle zu kommen zur Betrachtung und Deutung weiterer Erlebnisse.

Und nur das eine möchte ich voraussagen: dass durch dieses Buch im Sprachhorizont des Lesers manche bedeutsame, vorher nicht vermutete Dinge auftauchen werden.

2. Die Sprache der Meister

Auf der Höhe seiner Weltmacht erklärte Kaiser Augustus: Soweit auch seine Gewalt reiche, wäre er doch gänzlich außerstande, ein einziges lateinisches Wort zu schaffen.

Dieses Geständnis ist geeignet, den Heutigen ein mitleidiges Lächeln zu entlocken. Wir schaffen in unserer Muttersprache Neuworte, so viel uns gutdünkt, die Vorsichtigen in bescheidener, die Wagemutigen in verstärkter Anzahl.

Etliche Draufgänger haben sich in diese Beschäftigung geradezu berufsmäßig eingelebt: Sie fabrizieren Worte, wie man einen Bedarfsartikel herstellt, auf Zeit, nach Dutzenden, verwenden sie im Eigenbetrieb und warten auf andere, die sie ihnen abnehmen, was sich allerdings nicht sehr häufig ereignet.

Immerhin, gegen den Bettler Augustus sind wir Krösusse an Ausdrucksformen geworden; der simpelste lyrische Neutöner erweitert die Sprachgrenzen tagtäglich und bringt uns mit erfreulicher Deutlichkeit zum Bewusstsein, dass nur ein bisschen Findigkeit dazu gehört, um im Deutschen die Möglichkeiten beliebig zu vervielfachen.

Aber diese Erfreulichkeit wird von anderen Betrachtungen überschattet. Seltsam! Die nämlichen Leute, die in der deutschen Sprache wie in einem Bergwerk hausen und fortwährend Edelstoffe aus ihr herausschaufeln, werden nicht müde, uns zu versichern, dass im Grunde genommen mit dieser Sprache nicht viel los sei. Hunderte von Genies und hohen Talenten hätten sich vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit daran versucht, damit abgequält, ohne dass dabei – vielleicht ein paar Gedichtbände abgerechnet – etwas Erbauliches herausgekommen. Schließlich müsse man doch eine Sprache nach der erdrückenden Übermenge ihrer Prosa bewerten, und da gelange man denn auf alle Weise zu dem betrüblichen Ergebnisse:

Die deutsche Prosa ist die schlechteste der Welt!

Und die das verkünden, sind nicht nur die Neuwortformler, die darauflos schuften, um dem Schrifttum endlich einmal den Grundstoff für eine verbesserte Sprache zu liefern. Nein, zu ihnen gesellt sich ein stattlicher Chor von Schriftkundigen, und diese stützen sich wiederum auf gewichtige Eideshelfer aus der großen Literatur selbst. Und wenn man aus den vorgelegten Zeugnissen das Wesentliche zusammenhält, so scheint allerdings das entsetzliche Urteil „die deutsche Prosa ist die schlechteste der Welt“ wie ein unwiderlegbarer Grundsatz dazustehen.

Dem gegenüber wird ein Bekenner, der das Gegenteil ausruft, nämlich: „Es gibt keine bessere Prosa als die deutsche!“ einen recht schweren Stand haben. Und auf diese Schwierigkeit muss ich mich nunmehr einrichten.

Ich will sie mir nicht leichtherzig verkleinern, etwa durch Verschweigung jener Zeugnisse. Sie im Einzelnen aufzuzählen, ist freilich schon wegen ihrer Menge nicht durchführbar, allein den Hauptzeugen fest ins Angesicht zu blicken, erscheint als Pflichtgebot.

Vorweg möchte ich bemerken: Es wird ein schlimmer Prozess. Wenn sonst eine Heiligsprechung vorgenommen wurde, so geschah dies in Form eines kanonischen Verfahrens, bei dem ein Vertreter der Kirche als Advocatus diaboli aufzutreten hatte; als ein feindseliger Staatsanwalt, der alle Gegengründe häufte, um die Heiligsprechung zu hintertreiben.

Hier nun handelt es sich für mich darum, nicht nur unserem Schrifttum, sondern auch ihrem Ausdrucksmittel, der deutschen Sprache, alle Ehren der Heiligung zuzusprechen; und statt des einen treten sie zu Dutzenden an den Gerichtstisch, die Teufelsadvokaten, von denen ein Einziger ausreicht, um die Angelegenheit zu einer causa finita zu machen. Sollte ich den Prozess vielleicht schon verloren haben, noch bevor ich anfange zu plädieren?

Fast sieht es so aus. Denn der erste Gegenadvokat heißt Goethe! und der geht nicht zaghaft vor; er begnügt sich nicht mit einer gerichtsrednerischen Wendung, nein er schwingt sich aufs Flügelross und reitet einen metrischen Sturmangriff gegen das Heiligzusprechende:

„Nur ein einzig Talent bracht’ ich der Meisterschaft nah’,

Deutsch zu schreiben.

Und so verderb’ ich unglücklicher Dichter

In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“

So steht es in den Venetianischen Epigrammen, so steht es in Stein gemeißelt auf den Tafeln der Kunstgeschichte. Man weiß, wie Goethe im Allgemeinen über seine Hervorbringungen dachte; ungefähr so wie wir, die wir keinen stärkeren Beweis für die Macht und Pracht unserer Sprache kennen als eben ihn. Und dennoch!

Mit der harten Tatsache muss man sich zunächst abfinden. Es hätte keinen Zweck, an den venetianischen Worten herumzuklauben, und wir würden uns selbst nur Sand in die Augen streuen, wenn wir etwa versuchten, in jene Verse etwas hinein-, aus ihnen etwas herauszuklügeln, woran ihr Urheber gar nicht gedacht hat; zumal er selbst, ebenfalls in diesen Epigrammen, mit der schärfsten Eindeutigkeit feststellt, dem Schicksal wäre es gelungen, aus ihm einen Dichter zu bilden, „hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt.“

Also klipp und klar: Die Sprache, der unbildsame Stoff, ist schuld, dass er sich dazu verurteilt fühlte, Leben und Kunst zu verderben, die Grundabsicht seines Schicksals zu vereiteln. Und wenn nach eigenem Geständnis nicht einmal Goethes Fähigkeit ausreichte, um die Widerstände des spröden Stoffes zu überwinden, wessen dann sonst? Dürfen wir überhaupt noch von olympischen Höhen unseres Schrifttums reden, wenn selbst er ein verunglückter Dichter blieb, ein verdorbener Verderber?

Hier liegt auch ein Gutachten von Lessing vor, nicht so selbstklägerisch gefasst, aber doch deutlich genug. Er bekundet, dass er seinen Laokoon ursprünglich in französischer Sprache habe schreiben wollen, da ihn, gegenüber den Fähigkeiten der deutschen, bohrendes Misstrauen erfasst hatte. Lessings Zweifel spricht Bände, allein, so möchten wir schon hier einschalten, der eine Band des deutschen Laokoon spricht auch, und zwar eine Sprache für sich.

Als nächster Ankläger tritt Leibniz auf, außer zeitlicher Reihenfolge und dazu mit geringerer Beglaubigung; denn für das Beste und Tiefste, was er zu sagen hatte, brauchte er weder Deutsch noch sonst eine Sprache der Kunst und des Umgangs, sondern die abkürzenden Zeichen der Mathematik. Aber wenn die Gleichung „Denken gleich Sprechen“ zu Recht besteht, so wird der Erkenntnistheoretiker Leibniz auch in unserer Frage mit gebührendem Respekt anzuhören sein.

Seine Kundgebung klingt nicht sehr ermutigend für den Widerpart. Er misst das deutsche Schrifttum am französischen mit dem Ergebnis: „Was oft bei uns für wohlgeschrieben geachtet wird, sei insgemein kaum dem zu vergleichen, so in Frankreich auf unterster Staffel steht“; was für Leibnizens Zeit auch stimmen mag und die Bezeichnung seiner Schrift von 1703 rechtfertigt: „Ermahnung an die Teutschen, ihren Verstand und Sprache besser zu üben.“

Auch ihren Verstand, der sich noch rund hundert Jahre Zeit ließ, um seinen vollen Befähigungsnachweis zu erbringen; der ihn dann aber auch, so in den Lebenswerken des Kant’ und der Klassiker von Weimar, sehr schön erbracht hat.

Immerhin, Leibnizens Anklage besteht und wird noch heute mit Erfolg verwertet, um die deutsche Prosa auf dem Sünderbänkchen festzuhalten. Der Unterschied der Jahrhunderte spielt dabei keine Rolle; denn – so argumentieren die Strafanwälte – wenn schon um 1700 eine so schlechte Zensur ergehen musste und wenn sie sich bis auf unsere Tage so oft wiederholte, so muss doch wohl tief im Innern ein Krebsschaden stecken; wir unterscheiden da nicht viel nach Zeitaltern, sondern sagen deutsche Prosa im Allgemeinen und drücken dieser in riesigen Zeichen das Brandmal auf den breiten Buckel.

So überspringen denn auch wir die Zeit, um einem weiteren Kläger das Wort zu geben: dem Dichterkomponisten Richard Wagner, genauer seinen Jüngern, durch deren Mund er sich vorkündete.

Die Apostel jener Tage, Hans von Wolzogen, Edmund von Hagen, Porges, die ihre Weihen auf Sinai-Wahnfried empfangen hatten, schlugen uns jahrelang das Schlagwort ,,Verrottung der deutschen Sprache“ um die Ohren, und die Welt horchte hoch auf, denn sie glaubte die letzte Offenbarung Gott Wagners zu vernehmen. Und es war ja auch seine Stimme, seine Anklage, die mit gewohntem Radikalismus ganze Arbeit machte.

Was verschlug es, dass damals noch Sprachkünstler blühten wie Heyse, Storm, Keller, Raabe, Scheffel, Bodenstedt, Gregorovius, Nietzsche, Helmholtz, Frenzel, Bulthaupt, Hanslick, dass Geibel noch nicht verklungen war, Hebbel im Neuklang mächtig emporwuchs?! Die Verrottung der deutschen Sprache blieb das Leitmotiv, in dem alle Fluch-, Drohungs- und Vernichtungsmotive des Meisters zu neuzeitlicher Fehde zusammentrafen.

In den Bayreuther Blättern und in den verwandten Abhandlungen wurde aber neben dem Laster nicht nur der Teufel gemalt, sondern zur andern Seite der rettende Engel, der die „Errettung der deutschen Sprache“, zumal der Prosa, in mögliche Aussicht stellte.

Man hatte nur nötig, allen überkommenen Idealen in Büßfertigkeit zu entsagen und sich in das Bayreuther Korrektionshaus zu begeben, um Deutsch zu lernen: eine aus Wagners Altersstil abgeleitete, stelzbeinige, in allen Satzfugen schlotternde, in den undenkbarsten Konstruktionen verrenkte Prosa. Aber die Autorität stand dahinter, Wagners Autorität, mit der Ansage: Sie haben jetzt gesehen, was wir können – wenn Sie wollen, werden wir eine Sprach-Kunst haben! Eine Vertröstung auf die Zukunft, eine Verwerfung der Sprach-Gegenwart und -Vergangenheit.

Die Reihe der Ankläger könnte beliebig verlängert werden. Die Führer der neuen Sprachbewegung halten deren Kraftworte am Schnürchen bereit, und man braucht sie bloß abzulösen, um den ganzen Aufmarsch der trotzigen Anwälte sichtbar zu machen.

Herder ist darin vertreten und Bürger, Schopenhauer und Nietzsche, Treitschke und – ja wer nicht? Wer von den besten hätte nicht aus dem Zorn einer Stunde oder aus dem Zorn eines Lebens heraus die Sprache und die Wortführer verantwortlich gemacht für das Unbehagen des eigenen Schaffens?

Sagen wir einfach: Jedermann hat so gedacht und geschrieben, besonders wenn Herr Jedermann in die Lage kam, mit der Sprache zu kämpfen und ihr mehr abzuverlangen, als sie ihm just hergeben mochte; was ja recht eigentlich das Los aller Könner war und ist. Und da ihm dann immer das Hemd näher saß als der Rock, die Muttersprache näher als irgendwelche andere, so entlud sich naturgemäß sein Weheschrei gegen das kratzende Hemde.

Leicht wird dann verallgemeinert, fast immer mit dem verschluckten Vorbehalte, dass er, der Weherufer, eigentlich doch der Einzige sei, der selbst mit dieser Sprache etwas anzufangen wüsste. So bei Wagner, so bei Nietzsche, wenn er behauptet, das „Schlecht-Schreiben würde in Deutschland als ein nationales Vorrecht behandelt“, wobei hinzuzudenken, dass Er, Nietzsche, auf solche nationale Vorrechte keine Ansprüche erhebe.

Nur einer sei noch genannt, der alte Philander von Sittewald, Moscherosch, der uns besonders interessant wird, da er zu den Strafakten gleich die Fuchtel mitbringt:

Ihr böse Teutschen – Man soll euch peutschen –

Dass ihr die Muttersprach’ – so wenig acht’!“

Damit könnten wir den Reigen, unter Vernachlässigung aller Zwischenglieder, vorläufig schließen. Die Kläger marschieren getrennt und schlagen vereint, gegen Sprachschlechtigkeit, die dem einen als Misswachs, als Verhängnis, dem andern als sträflich erzeugte Luderei erscheint.

Dieser entlädt seinen Groll gegen die Schreiber und Sprecher, jener schiebt die Schuld auf die Sprache an sich, die sonach nicht nur für uns dichtet und denkt, sondern uns auch häufig genug am Dichten und Denken verhindert; dieser will nur ein Urteil erzwingen, ohne sich um den Strafvollzug zu kümmern, jener will bütteln und stäupen, noch einer öffnet die Tür zum Besserungshaus; alle sind darin einig, dass ein trostloser Zustand vorliegt, alle beziehen ihn auf ihre eigene Gegenwart, auf die Widrigkeiten, die ihnen aus deutscher Rede, deutscher Prosa entgegenströmten.

Und nun wollen wir uns unseres Vorsatzes erinnern, eben dieser Rede und Schrift, eben dieser Deutsch-Prosa zu allen Weihen zu verhelfen, mit allem gebührenden Respekt vor den Advocatis diaboli, aber mit noch größerem Respekt vor den Rechtsansprüchen einer unschuldig Verklagten; die noch dazu, wie es in der alten Folterordnung heißt, so lange „ungütlich befragt“ wurde, bis sie gegen sich selbst zeugte.

Das Verzichtwort der Pythagorasschüler ipse dixit, autos epha darf nicht für uns entscheidend werden, um uns mit gebundener Vernunft der Autorität zu übergeben, selbst wenn der ipse Goethe oder Richard Wagner heißt. Denn am Ende aller Dinge sind auch sie nur Diener am Wort; hoch über ihnen steht das Wort selbst, die Sprache, so hoch, dass sie von keinem Angriff erreicht werden kann.

Aber, sagte ich nicht soeben, sie hätte unter Zwang gegen sich gezeugt? Ja, auch das bleibt bestehen, denn sie ist so allmächtig, dass sie selbst den Anschein der Schwäche anzunehmen vermag; in irgendwelcher Teilerscheinung, die wir dann fälschlich für das Ganze nehmen. Keine irdische Betrachtung reicht aus, um ihre Ganzheit zu erfassen; immer nur sind es Teilformen, die dem Urteil unterworfen werden, dem anthropomorphen Urteil, das irgendwelche Bücher, einzeln oder zu Tausenden, für die Sprache nimmt; so wie wir ja auch Klassen von Pflanzen als giftig, von Tieren als schädlich bezeichnen.

Aber auf die großen Einheiten der Pflanzen- und Tierwelt oder gar der organischen Natur übertragen, verlieren die Begriffe Gift und Schädlichkeit ihren Sinn, müssten ihn verlieren, selbst wenn alle Täler von Schierling und Skorpionen wimmelten. Der simpelste Verstand würde sich scheuen, einen Fehlschluss in dieser Richtung zu begehen. Und eben dieser Fehlschluss ereignet sich bei der Denkarbeit vorzüglicher Gehirne, wenn Angelegenheiten der Sprache zur Erörterung stehen.

Keiner hat so eindringlich wie Goethe vor den Fallstricken der anthropomorphen Denkweise gewarnt, und keiner hat sich so willig von ihnen umgarnen lassen wie er.

Er wäre nicht der Allumfasser gewesen, der er war, wenn nicht die Polarität zwischen Denkforscher und Dichter bei ihm zu größtmöglichem Ausdruck gekommen wäre. Die Sprache bezeichnet er als den „schlechtesten Stoff“, weil er sie im Augenblick des Grolls nur auf sich bezieht, ganz subjektiv, ganz anthropomorph, sie erscheint ihm, ganz wörtlich nach dem Zusammenhang, schlechter als jedes Ausdrucksmittel eines bildenden Künstlers, als Öl, Ton und Kupfer.

Setzen wir einmal den Fall, Goethe hätte sich zu einem bedeutenden Bildhauer entwickelt und er wäre eines Tages von dem Missverhältnis zwischen Wollen und Können überwältigt worden; in einer Stimmung, die Michelangelo aufstöhnen ließ, er wäre im höchsten Greisenalter eben erst dazu gelangt, die Anfangsgründe der Skulptur zu erfassen! So hätte er genau mit demselben Rechte auf den Marmor abwälzen dürfen, was er in seinem Falle als Schuld der Sprache ausrief.

Wo ist der Unterschied? Der Vergleich ergibt nicht den geringsten, nur dass wir im Falle der Bildhauerei sofort merken, wo der Fehler sitzt; weil wir zwar alle in Sprache arbeiten, aber nur wenige von uns in Stein.

Der Sonderfall beleuchtet den allgemeinen: Das Material steht immer außer Schuld, es ist so hoch übergeordnet, dass kein Schuldbegriff zu ihm hinaufreicht. Auch diese Rangstellung ist schon von Michelangelo angedeutet worden: Non ha l’ottimo artisia alcun concettoCh’un marmo solo non in se conscriva – der beste Künstler hat keine Eingebung, die ein einzelner Marmorblock nicht in sich fasst.

Das will sagen: Alle Vollendung liegt im Rohstoff beschlossen; die Begabung des Einzelnen zieht nur eine der Teilformen heraus, deren unendliche Gesamtheit der Stoff als das Genie aller Genies in sich trägt.

Und man braucht nicht beim handgreiflichen Stoff stehen zu bleiben. Die Farbe des Malers erscheint schon vergeistigter als der Stein, denn sie ist ja nicht mehr bloße Substanz, Ölstoff, sondern Farbe an sich, Spektrum, zerlegter Lichtstrahl in aller Mannigfaltigkeit von Rot zum Violett.

Aber wenn Goethe die substanzlose Sprache als Stoff für seine Gestaltung begreift – wogegen gar nichts einzuwenden – so liegt nichts im Wege, auch die substanzlose Farbe, das aufgelöste Licht, also den Inbegriff aller Sichtbarkeit als Stoff zu nehmen, aus dem der Maler seine Werke zu entwickeln hat.

Und sonach hätte wiederum ein misslauniger oder verzweifelter Künstler die Befugnis, die Licht-Erscheinungen zu bemängeln und auf die Farbigkeit der Natur zu schelten, weil ihm – siehe Lessing – auf dem langen Wege aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel allzu viel verloren geht.

Und dieses vermeintliche Recht tritt ja auch tatsächlich in Übung. Haben wir nicht Futuristen bestaunt, welche die vorhandene Farb-Natur als unkünstlerisch verwerfen? Nicht expressionistische Aussprüche erlebt, in denen die von unseren Augen wahrgenommenen Erscheinungen der Wirklichkeit als Kunstgestümper der Schöpfung bemakelt wurden?

Nichts liegt solchen Bildnereien und Urteilen zugrunde, als die Ohnmacht des Kleinen gegenüber der Unermesslichkeit des Stoffes; nur dass hier der bis auf die äußerste Spitze getriebene Widersinn der Anklage ganz unverhüllt zutage tritt, mit der Wirkung, dass eine ins Delirium umschlagende Ohnmacht uns zum Gelächter reizt.

Zu sehen ist jedem gegeben, zu fühlen nur wenigen, sagt Macchiavelli; er hätte hinzufügen können: Mit dem Sprachgefühl zu fühlen nur den allerwenigsten. Darum bemerken wir den Widersinn in jenem Fall sofort, weil es sich um das Sehen handelt, um Bilder und gesehene Natur.

Aber in Angelegenheiten der Sprache verbirgt sich der Widersinn für uns oft genug in ästhetischen Tiefen. Auch das Drama weiß davon zu erzählen. Wir stecken über und über in dramatischen Reformen, hören aber fast nie die Lösung: Lasst uns bessere Stücke schreiben, sondern in der Regel die umgekehrte Forderung: Die Bühne muss emporgezogen, das Theater hinaufgepflanzt werden, womöglich bis zur Höhe gewisser Stücke, die dem Ideal des Reformers entsprechen.

Widersinn. Die Bühne ist immer das Höchste und jedes mögliche Schauspiel nur ein Teilversuch, diese Höhe zu ermessen. Was der Marmor für den Bildhauer, die Farbe für den Maler, die Sprache für den Dichter und Denker, das ist die Bühne für die Möglichkeiten des Darstellbaren, und seit Thespis war sie bereits der Inbegriff alles Denkbaren, was jemals bis in die entlegenste Zukunft auf ihr und durch sie wird Wirklichkeit werden können. Sie lässt sich weder hinaufziehen noch tadeln, und zu irgendwelchem Ankläger mag sie sprechen: Nichts Geniales vermagst du zu schaffen, was nicht in mir schon vorgebildet vorhanden war.

Letzten Endes berühren sich diese Fragen mit den Untersuchungen darüber, ob die Welt gut oder böse, die beste oder die schlechteste aller Welten sei, und wenn einer die Sprache gegen ihre Bemängler verteidigt, so kommt er sich etwa vor, wie der Verfasser einer Theodicee, einer Rechtfertigung Gottes, des Schöpfers, der gegen die Vorwürfe der von ihm Geschaffenen zu schützen wäre.

Das Gleichnis stimmt auch insofern, als auch hier, im Sprach-Falle, die Geschaffenen sich in Gedanken an die Stelle der Meisterkraft stellen und uns erzählen, dass sie die Sache wesentlich besser gemacht hätten.

Und wen könnte man wohl als geeigneten Vertreter der Theodicee einsetzen? Ich denke doch, wiederum Leibniz, den wir vorher unter den Teufelsadvokaten erblickten, der aber doch als advocatus dei und der besten aller Welten noch berühmter geworden ist.

Aber Leibniz würde einen Vorbehalt machen. Er könnte sich vielleicht entschließen, für die Allmacht der Sprache zu plädieren, mit der Einschränkung: die deutsche Sprache nicht inbegriffen; denn diese, so wie er sie vorfand, hat ihm wirklich nicht gefallen.

An diesem Punkte scheint sich der Prozess zu spalten. Wenn auch die Sprache als solche, die Menschensprache, außer Verfolgung gesetzt wird, so bleibt doch ein Teil von ihr, das Deutsche, umso schärfer belastet auf der Sünderbank.

Ein Teil von ihr? Ist denn das richtig und die Annahme eines Teilverhältnisses überhaupt zulässig? Ich glaube, wir täten gut, diese mechanistische Auffassung ein für allemal auszuschalten. Die Menschensprache zerfällt nicht in Nationalsprachen und setzt sich nicht aus ihnen zusammen; ebenso wenig wie sie in Konsonanten und Vokale oder in Formenlehre und Syntax zerfällt.

Nein, alle Kultursprachen sind nur Profile ein und derselben Sprache, unablösbare Ansichten ein und desselben organischen Körpers, deren Verschiedenheit nicht auf Gegensätzen in sich, sondern auf unserer Stellung zum Gesamtkörper beruht. Schließlich kann Einer so recht doch nur in einer Sprache denken und dichten, aber das geografische Grenzmaß, an das er gebunden bleibt, verkürzt nicht die Unendlichkeit dessen, was ihm die eine Sprache öffnet; wie ja auch im Sinne Michelangelos „ein einzelner Marmorblock“ schon alle möglichen Bildnererfindungen umschließt, in der gleichen Vollkommenheit und so restlos wie alle Marmorbrüche der Welt.

Aber man kann sogar, ohne aus dem Beweis zu fallen, den Gegnern ein Zugeständnis machen, dergestalt, dass man von Sprache zu Sprache Unterschiede und Gegensätze zugibt. Denn darauf wollen doch die Meisten hinaus, wenn sie die deutsche Prosa mit ihren Rügen verfolgen.

Wir wollen also, ohne uns darauf festzulegen und nur für eine kurze Strecke der Betrachtung, den Teilbegriff annehmen: Die Menschensprache soll dementsprechend wie ein Reich in Provinzen zerfallen, und die Erfahrung soll gezeigt haben, dass viele Gedanken, Empfindungen, Zusammenhänge in anderen Reichsteilen besser, eindringlicher und vor allem reiner dargestellt werden als in der deutschen Provinz.

Da die Sprache etwas Tönendes ist, so können wir sie zwanglos mit anderen Klangerscheinungen in Vergleich setzen, am einfachsten mit der Musik selbst, mit dem Reich der Töne, das für alle jemals denkbare musikalische Gestaltung die notwendige und hinreichende Bedingung gibt. Dieses Universalreich mit seinen wahrnehmbaren Tonschwingungen vom tiefsten Bass bis zum höchsten Diskant entspricht in seinem unermesslichen Ausdrucksreichtum der allgemeinen Menschensprache.

Aus diesem Reich greife ich nunmehr im Sinne des Teilbegriffs eine Provinz heraus, sagen wir eine Oktave, die fortan unerbittlich begrenzt als das musikalische Ausdrucksgelände von einer engeren Menschengemeinschaft bestellt werden soll.

Geometrisch genommen wäre das Feld höchstens auf den achten Teil zurückgegangen, aber keine Berechnung reicht aus, um festzustellen, wie viel kombinatorische Möglichkeiten dabei verloren gegangen sind. Unzählbaren Milliarden von Anordnungen im Gesamtreich stehen nur Reste gegenüber, die vergleichsweise zum Rang einer Dürftigkeit herabsinken.

Aber diese Reste dürfen nicht unterschätzt werden, und bei einiger Überlegung im Zuge der musikalischen Logik begreift man, dass sie abermals eine Unendlichkeit darstellen.

Jene Provinz, die eine Oktave, bietet nämlich ein verkleinertes Abbild des Ganzen und enthält, obschon mit sehr verkümmertem Wirkungsgrad, doch im Wesen alle Tongedanken, die in Motiv, Melodie, Modulation, selbst im Kontrapunkt auf der breiten Fläche aller acht Oktaven entwickelt werden können.

Denkbar erscheint ein Musiker, dessen gesamte Gehöranlage auf so engen Bereich eingestellt wäre; der könnte die gesamte Musik in der Spanne einer Oktave erleben. Und im Grunde sind wir alle solche Musiker mit nur wenig erweitertem Empfindungsbereich. Wenn wir uns irgendwelche Tongebilde in der Erinnerung vergegenwärtigen, so wiederholt unser inneres Singorgan die Schwingungen in einem Tonfeld, das nur wenig über eine Oktave hinaus geht, die Breite zweier Oktaven wohl niemals erreicht. Wir projizieren es innerlich auf ein schmales Schwingefeld und können dabei doch alle Schönheiten eines großen Musikwerkes in der bloßen Vorstellung auskosten.

Der Tonoktave entspricht in unserem Vergleich die Sprachprovinz. Und wir schließen: Trotz der durch scharfe Grenzen bedingten Enge bietet die Provinz, die Einzelsprache, alle Möglichkeit des Gedanken- und Empfindungsausdrucks, so gut wie alle Sprachen zusammengenommen; jede einzelne gibt ein Abbild der Weltrede und der Weltliteratur.

Als Nebenschluss ergibt sich ferner, dass es nicht angeht, einer Provinz vor der anderen den Vorrang zuzugestehen. Die Oktaven sind gleichwertig, möge man sie auf Klang oder auf Rede beziehen. Man könnte vielleicht sagen, dass sich die deutsche Sprachoktave in der Basslage, die des Franzosen oder Italieners in der Tenorlage befindet; wobei wir natürlich den Begriff der Tonhöhe nicht rein musikalisch, sondern als ein Merkmal des Ausdrucks überhaupt zu nehmen hätten.

Aber das Tiefer oder Höher entscheidet nicht über den Wert, der vielmehr nur davon abhängt, was innerhalb der Oktave oder der Provinz vorgeht, was in ihr getönt, gedacht, geformt, ausgedrückt wird. Und das hängt wesentlich von den Meistern ab, die sich in ihr betätigen. Die Möglichkeiten für ihr Wirken sind überall dieselben, überall unendlich reich, und niemals kann es an der Einzelsprache liegen, wenn der Former in Verlegenheit gerät. Und wenn solch ein Former, wie etwa Leibniz oder Friedrich der Große, sich lieber auf Französisch ausdrückte, so lag das nicht am Deutsch ihrer Zeit, sondern daran, dass sie nicht imstande waren, ihr Ohr auf die Klangstufe dieser deutschen Oktave einzustellen.

Da weht ein Einwand herüber aus dem Munde eines Deutschmeisters der jüngsten Tage. Er will das musikalische Gleichnis zwar nicht rundweg ablehnen, aber ich soll es nach anderer Richtung ausbauen: Nicht nach Tonbereichen, sondern nach Instrumenten sei das Reich an die Nationen verteilt, und das deutsche Instrument sei entsetzlich verstimmt; wie ein Klavier, auf dem Stümper ohne Feingefühl des Anschlags allzu lange getrommelt und mit den Fäusten geboxt haben.

Merkst du denn nicht den Unterschied?, so ruft mir der Deutschmeister entgegen. Hörst du nicht, wie rein das französische Klavier klingt, wie verdorben und verludert das deutsche? Und wenn du es hörst, so vernimmst du eben dasselbe, was uns peinigt und uns den Notschrei erpresst, die deutsche Prosa sei die schlechteste der Welt. Nicht das Deutsch in seiner Urgestalt meinen wir, sondern den Zustand, in den es geraten, müssen wir bejammern ; wie ihn schon der alte Philander bejammerte, der die bösen Teutschen auspeutschen wollte, weil sie ihre Muttersprache so verschindluderten, mit Welschworten verschmuddelten. Soll die deutsche Sprache nicht auf den botokudischen, hottentottischen Tiefstand der Unkultur herabsinken, so muss erst der Dreck aus dem Instrument herausgeblasen werden; dann wollen wir neue Klangsaiten einziehen, das Tastwerk richten, vor allem frisch stimmen und endlich versuchen, ob sich aus dem geretteten Werkzeug eine verbesserte Prosa herauskonzertieren lässt.

Wiederum schrecke ich vor einem Zugeständnis nicht zurück, und ohne Umschweif bestätige ich, dass an Reinheit der Stimmung unser Instrument von den anderen Kultursprachen übertroffen wird.

Ich erkläre aber, wie vorher, als wir von Höhe und Tiefe sprachen, dass auch die Reinheit und Unreinheit der Stimmung nicht das Geringste über den Wert entscheidet; und zwar aus demselben Erkenntnisgrunde: Entscheidend bleibt nur das, was in den Klangbereichen vorgeht, wie der Geist die Klänge zu Gestaltungen fügt. Setzt einen Beethoven an das verstimmteste Spinett, und er vermag eine Eroica hervorzubringen; und in der Wiedergabe durch die elendeste Kapelle wird sie uns noch mehr zu sagen haben, als eine wasserklare Nichtigkeit in der Wiedergabe durch ein Glanzorchester.

Ja, die Reinheit an sich ist noch keineswegs höchstes Gut und unverrückbare Lebensbedingung der Kunst, nicht einmal in klanglicher Hinsicht! Dem Musiker ist es bekannt, dass jede gute, brauchbare Stimmung nur durch Preisgabe der Reinheit zu gewinnen ist. Unsere gesamte Musik, soweit sie es mit gebundener Intonation zu tun hat, verlangt mit Notwendigkeit die sogenannte „Temperatur“, das heißt ein Tonsystem, das die akustische Reinheit in einem merklichen Grade opfert.

Wer die absolute Reinheit durchsetzen will, der müsste auch die Obertöne und damit die Klangfarbe verbannen, mit dem Ergebnis, dass alle Tonwirkung sich bis ins Äußerste verlangweiligen würde.

Wir besitzen ein Instrument, das die Stellung des Puristen unter den Tonerzeugern behauptet: Es ist die Stimmgabel; rein im höchsten Grade, fast obertonfrei, erweist sie ihre vollkommene Unfähigkeit für künstlerische Betätigung. Von hier aus verfolge man die Parallele zwischen der Tonkunst und der Sprache, die gleichermaßen mit ihren Reizen an Obertönen, Schwebungen und Klangfarben hängen; und man wird erkennen, dass, ganz vorsichtig ausgedrückt, mit der Forderung nach Reinheit nicht das letzte Wort in Angelegenheiten der Sprache ausgesprochen ist.

Gilt dies schon vom klanglichen Urstoff, vom Einzelton und Einzelwort, so wird die Beziehung noch viel sinnfälliger in der Betrachtung des Ausdrucks bestimmter Gedanken, bei deren Gestaltung es auf Logik, Erfindung und geistige Bedeutsamkeit ankommt.

Ich verfolge das Gleichnis an einem bestimmten Beispiel der Hervorbringung, das durch lange Zeit zum Geschrei über „Verstimmtheit“ Anlass gegeben hat. Ließen wir vorher Beethoven seine Eroica an einem unreinen Instrument entwickeln, so wählen wir nunmehr einen noch für sich „verstimmten“ Punkt aus dieser Symphonie selbst, zum Beweise dafür, dass es in höchsten Gebilden der Kunst auf Reinheit im überlieferten Sinne ganz und gar nicht ankommt.

Ich meine die unter dem Namen „Cumulus“ berühmte Stelle aus dem ersten Satze jener Symphonie, die allen Ohren zuerst so unrein, so außerhalb aller möglichen Stimmung erklang, dass man allgemein einen Irrtum des Verfassers oder einen Druckfehler annahm.

„Infam falsch!“, rief Beethovens Intimus Ries, der in der Probe neben dem Komponisten stand, und noch Richard Wagner war der Meinung, dass der Cumulus, die schreckliche Dissonanz, nicht stehen bleiben dürfe.

Sie ist aber doch stehen geblieben, sieghaft, richtunggebend, und wie sie zuerst das Regulativ der Reinheit überwand, so hat sie für zahllose andere Cumulusse Raum geschaffen, die seitdem die Musik bevölkern.

Mit der Sprachdissonanz steht es nicht anders. Sie kann verwerflich sein, wenn sie eben nichts anderes tut als dissonieren; wird uns dies aus dem Zusammenhang erwiesen, so wollen wir es mit den Reinlichkeits-Eiferern halten und uns für diesen Fall die Puristenkokarde an den Hut stecken. Rührt sie aber mit ihrer Verstimmtheit an Geheimnisse, rüttelt sie an knarrenden Torflügeln, so soll uns der Misslaut nicht schrecken, und wir werden uns hüten, jenes „Infam falsch“ nachzusprechen.

Die geistige Höhe meiner Leser schützt mich wohl vor dem Verdacht, als wollte ich hier der Unreinheit ein Preislied singen. Aber ich weiß auch, dass mir dieser Vorwurf nicht erspart bleiben wird, und ich darf nicht annehmen, dass die bisher betonten Gründe ausreichen, um die Verfechter der blankgewaschenen Reinlichkeit zu entwaffnen. Das kann nur in einem Turnier von vielen Kampfgängen geschehen, und zu diesem wird sich in vorliegender Schrift ausreichende Gelegenheit bieten.

Es erscheint mir indes erforderlich, mich schon in den einleitenden Anläufen mit dem Hauptschlagwort meiner Gegenkämpen auseinanderzusetzen. Sie gebrauchen es wie etwas Axiomatisches, wie einen Grundsatz der Mathematik. Reinheit! Wer wagt dagegen den Mund aufzutun? Reinheit – das Wort strahlt in unüberbietbarer Glaubhaftigkeit. Wie den leuchtenden Gral schwingen sie es zu Häupten, jeder ein Parsifal, durch Mitleid wissend; durch Mitleid mit der deutschen Prosa, wissend, dass nur sie die Sprache von ihrer Unreinheit zu erlösen vermöge.

Aber was sie durch Mitleid nicht wissen, ist, dass der wirkliche Prosaschreiber, der Gedankenformer, in einer vollkommen reinen Sprache nicht zu leben vermag.

Es ist mit der Sprache wie mit der Lufthülle, die uns umgibt. Wer jede Beimischung verwirft, wie kommt der über die Tatsache hinweg, dass der schädliche, der todbringende Stickstoff zu fast drei Vierteln der Atmosphäre beigemengt ist? Er müsste sagen: Dieser infame Stickstoff muss heraus aus der Luft, wir wollen nur in gereinigter Hülle, in reinem Sauerstoff atmen! Versuche er’s!

Reinheit und Gediegenheit sind bedeutungsnahe Begriffe, also könnte man diese Betrachtung auch auf das Metallische ausdehnen. Gediegen kommt her von gedeihen, und so liegt die Frage nahe, ob unter allen Umständen Gedeihliches herauskomme, wenn das gediegene, reine Edelmetall verwendet wird. Die Natur antwortet darauf mit nein, ganz deutlich, und sie bezieht ihre Antwort auf den Fall, dass das Metall selbst Sprache gewinnt. Dies geschieht bei der Glocke, die sich gegen die Reinheit im Puristensinn wehrt. Goldklang, Silberklang – sehr schöne Worte der Lyrik, unbrauchbare im Vokabular der Glockensprache.

Man hat es durch Versuche festgestellt, dass eine Glocke umso schlechter klingt, je „edler“ sie metallurgisch wird. Nichts andres will sie haben, als Kupfer und das ordinäre Zinn, dass rein und voll die Stimme schalle, und sie verlegt sich aufs Misstönen, wenn man ihr statt des Gemisches eine Gediegenheit aufreden will.

Was in der Sprache das Zinn, das ist in der deutschen Prosa das Fremdwort. Man mag es als ordinär betrachten, gemessen am Wert des Heimatwortes, aber es ist zum Klang unentbehrlich.

Derartige Erwägungen liegen freilich nicht im Gedankenzuge derer, die in allen Erwägungen mit einem Gesichtspunkt, mit einem Leitmotiv auskommen. Sie vergleichen zwei Prosa-Erzeugnisse A und B, ermitteln A als das reinere, B als das unreinere und zögern keinen Augenblick mit dem Werturteil: A ist höherwertig, B minderwertig. Über das absolute Gut und Böse kommen sie nicht hinaus.

Mit dieser Einseitigkeit des Gesichtspunktes kann man aber beweisen, was man will. Zum Beispiel: Die Lerche trillert schöner als der Adler, folglich ist die Lerche der übergeordnete Vogel. Die Rose besitzt nicht den Nährwert der Kartoffel, folglich ist die Kartoffel besser, die Rose schlechter. Quellwasser ist reiner als Ozeanwasser, folglich verdient die Quelle den Vorzug.

Gar nicht anders verfahren sie, wenn sie Prosa gegen Prosa abmessen. Nur auf den einen Vergleichspunkt starren sie, und aus diesem springt ihnen der Weisheit letzter Schluss entgegen.

Zum Mindesten müssten sie sich doch fragen: Wie kommt es denn eigentlich, dass gerade in Deutschland so viel schlimme Gesellen die Sprachübermacht gewonnen haben? Wie kommt es, dass die mit allem Glanze der Heiligkeit umwobene Muttersprache so vielen Ketzern die Möglichkeit gegeben hat, sich an ihr zu versündigen?

Wird die Frage so richtiggestellt, so gibt es nur eine einzige Antwort: Das erklärt sich daraus, dass es nicht wahr ist.

Wäre es nämlich wahr, so müsste noch ein anderes wahr sein, ein Ungeheuerliches: dass nirgends so schlecht gedacht wird wie in Deutschland; denn Denken und Sprechen sind Eines, sind nur verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Vorganges.

Es ist der Geist, der sich den Körper formt. Und wenn Buffons Ausspruch „le style c’est l’homme“ in Gültigkeit besteht, so bedeutet er eine identische Gleichung mit vertauschbarem Rechts und Links.

Der Mensch ist in dieser Betrachtung der Denker, sein Stil bietet den eindeutigen Ausdruck seines Denkens, beide sind getrennt weder zu preisen noch zu bemäkeln, und ist die Höhe des Denkens eindeutig festgestellt, so ist die Höhe des Stils dadurch mitbestimmt.

Viele Große haben es ausgesprochen, viele Bescheidene es verständnisvoll nachgedacht und nachempfunden, dass nur der einen guten Stil schreibt, der etwas zu sagen hat; dass also der gute Stil, die gute Prosa an sich überhaupt gar keinen Vernunftinhalt besitzt. Der Satz bleibt vermöge jener Identität auch richtig, wenn man ihn so fasst: Jeder, der etwas zu sagen hat, findet dafür den guten Stil.

Zur Beurteilung gehört freilich Einer, der den Stil nicht an einer Regel, an irgendwelchem Schema, an einer persönlichen Liebhaberei misst, sondern am Gedanken, sofern er in der Lage ist, ihn mitzudenken.

Ein Volk der Denker ist mithin ein Volk der Stilisten. Wer den Stil des Volkes benörgelt, daneben aber dessen Denkstärke gelten lassen möchte, verfällt einem unheilbaren Widersinn, denn er will Dinge trennen, die ewig untrennbar bleiben. Er stellt sich einmal auf die konvexe, einmal auf die konkave Seite der Kurve und fabelt von verschiedenen Krümmungen, findet die eine erhaben, die andere bedauerlich hohl, und ist nicht imstande, die verschiedenen Eindrücke zu der im Wesen der Dinge begründeten Einheit zusammenzufassen.

Ginge er ganz folgerichtig vor, so müsste er zugleich mit der Prosa das Denken bestreiten. Lohnt es, diese Möglichkeit ernsthaft ins Auge zu fassen? Hat schon irgendein Zurechnungsfähiger das Wort vom Volk der Denker zu erschüttern gewagt?

Dieses Wort ist nicht als Selbstlob in die Welt gerufen worden, wurde vielmehr von einem englischen Sprachmeister (Bulwer) geprägt und ist in allen Variationen eines der kräftigsten Motive der Weltsymphonie geworden. In allen Stürmen des Weltkrieges wurde selbst von erbitterten Feinden aufrechterhalten, was vordem Mirabeau, Carlyle, die Staël, Dickens, Gobineau gepredigt hatten, am eindringlichsten Buckle in seinem berühmten Zivilisationswerk:

„Die deutsche Literatur ist die erste in Europa; zweifellos haben die Deutschen seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eine größere Anzahl tiefer Denker hervorgebracht als irgendein anderes Land, ich könnte vielleicht sagen, als alle anderen Länder zusammen genommen!“

Diese Felsenschrift: Deutschland über alles, Deutschland an der Spitze aller Denkvölker, umschließt die Anerkennung des besten Stils, der besten Prosa; umschließt sie für jeden, der die Gleichsetzung von Denken und Sprache völlig begriffen hat. Wer dieses Prinzip leugnet, der tastet an der Außenfläche der Dinge herum, entschlägt sich aber des einzigen durchgreifenden Mittels, in die Tiefe der sprachlichen Erscheinungen zu dringen.

Den Leugnern zuzuordnen sind die Nichtkenner des Prinzips, die große Zahl derer, die sich die Frage überhaupt noch niemals vorgelegt haben, geschweige denn ihren Grund ahnen, die im alten Trott der Betrachtung vermeinen, man könne Stil und Inhalt auseinanderlegen, wie den Stiel und die Klinge eines Messers. Was dabei herauskommt, das wollen wir an einem Muster erproben.

Nirgends hat die amtliche, durch Autorität gestützte Sprachpflege so starken Ausdruck gefunden wie in Frankreich. In ihrer obersten Einrichtung, der französischen Akademie, war allzeit die Sprache selbst ausschlaggebend für Meinungen und Beschlüsse, die als die Offenbarungen eines sancti officii mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit auftraten. Und man weiß ja, dass unsere privaten Sprachvögte ähnliche Regulative auch für Deutschland herbeiwünschen.

Vierzig Unsterbliche gehörten allzeit zum Bestand dieser Körperschaft, deren Satzurigen von Gelöbnissen für „Reinheit“ und „Eloquenz“ der Sprache troffen, während von Gedankenwucht und derlei Dingen neben der Sprache nicht weiter die Rede war. Und so vollzog sich das Geschick ganz folgerichtig: Die Geschichte der Unsterblichen enthält zugleich die Geschichte unsterblicher Lächerlichkeiten.

An die Pforte dieses Institutes klopfte René Descartes, der Schöpfer der analytischen Geometrie, der einzige Vertreter systematischer Philosophie in Frankreich, ein Geistesheld, dessen Wort durch die Jahrhunderte dringt, durch die Jahrtausende dringen wird. Aber er verfügte nicht über das Kennwort, das den akademischen Bonzen geläufig und verständlich war. Er prallte an der Pforte ab, ist nicht in die Akademie aufgenommen worden.

Das Programm wurde durchgeführt. Konnte man dort einen Pascal brauchen? Einen Moliere? – Draußen bleiben!, hieß die Parole der Gewaltigen, deren Köpfe so voll von Sprache und Sprachregeln waren, dass für den Gedanken kein Platz mehr übrig blieb.

Und man muss es ihnen zugestehen: Sie hatten eine feine Witterung für störende Bedeutsamkeiten sie verrammelten die Akademie gegen Diderot, gegen Larochefoucauld, gegen beide Rousseaus, gegen Beaumarchais, Lesage, Béranger, Balzac, Dumas, Lammenais, Théophile Gautier, die Goncourt, Flaubert, Michelet, Daudet, Emile Zola, sie blieben hübsch unter sich und wurden nicht müde, die Sprache zu pflegen, zu säubern, „eloquent“ zu machen.

Die wirklich Unsterblichen durften nicht in die Gesellschaft der „unsterblichen“ Herrschaften auf den vierzig Fauteuils, die sich vielmehr durch Flachschreiber und Modegrößen ergänzten, durch Schriftsteller wie Pierre Loti, Lavedan, Capus, Richepin, Barrès, Hanotaux, Claretie, ferner durch den Herzog von Aumale, Joffre, von denen man erst am Tage der Wahl erfuhr, dass sie überhaupt etwas geschrieben hatten.

Mit der Erklärung dieser Vorgänge durch Koterie und Cliquenwirtschaft kommt man nicht weit. Das Grundübel saß in der gedankenarmen Geistesverfassung der Körperschaft, die mit dem Schlagwort der Sprachreinheit auszukommen wähnte und niemals das Prinzip ergriff: dass eine Sprache für sich, ein Stil für sich gar nicht existiert.

Einer bedächtigen Kritik mag es vorbehalten bleiben, zu bestimmtem Zweck den Stil in Prosa und Dichtung als etwas Besonderes zu betrachten, stets mit dem Bewusstsein des Vorläufigen, Einstweiligen; so wie man in der Wissenschaft Hilfslinien, Hilfskonstruktionen, Gerüste einführt, welche die Arbeit erleichtern, aber an sich keine Bedeutung besitzen und später getilgt oder abgebrochen werden müssen.

Wer aber ein Werk, und nun gar ein Lebenswerk grundsätzlich zerschneiden will nach Stil und Inhalt, der gerät in die Rolle eines Ästhetikers, der in einem musikalischen Kunstwerk den Rhythmus von der Schöpfung abspalten möchte; das heißt, er faselt.

Noch nie hat ein guter oder interessanter Rhythmus zu einem schlechten Tonwerk gehört, noch nie ein schlechter oder langweiliger Rhythmus zu einer in Erfindung bedeutsamen Komposition.

So hat ein Gedankenwerk, ein Dichtungswerk, das etwas vorstellt, das zu uns spricht, weder einen guten Stil noch einen schlechten, weder einen reinen noch einen unreinen, sondern immer nur seinen eignen, den notwendigen; es konnte keinen anderen Stil haben, als den, welchen es hat.

Dieser Stil, die Schattenprojektion des Werkes auf eine besondere Betrachtungsebene, steht jenseits von allen Eigenschaftsworten und weiß von keinem Adjektiv. Er ist ebenso wenig schön, hässlich, bedeutend, gemein, erhaben, niedrig, als man ihn viereckig, kugelig, metallisch, gasförmig, blau oder violett nennen dürfte.

Tritt das Werk vollends als eine Offenbarung auf, als eine Erschütterung überlieferter Anschauungen, so kann nur ein Narr – oder ein Akademiker vom Schlage der vierzig Unsterblichen – dazu gelangen, seinen Stil gesondert zu prüfen und ihn gegebenenfalls als satzungswidrig zu bemäkeln. Wie es auch närrische Naturphilosophen gegeben hat, die gewisse Tier- und Landschaftsformen als unpassend und verfehlt verworfen haben.

Im Grunde spukt auch hier der alte Anthropomorphismus, der sich mit großen Erscheinungen nach dem Maße seiner kleinen Menschlichkeit auseinandersetzt und an einem Vulkan zunächst das regelwidrige und störende wahrnimmt.

Der Stil des Vulkans ist sein Ausbruch in lodernden Flammen, Stickgasen, Schlacken und Verwüstung. Dem betrachtenden Narren gefällt vielleicht das Feuerwerk, aber das Übrige erscheint ihm als ein schwerer Verstoß gegen den Stil einer gesitteten Landschaft. Ein Berg soll nichts auswerfen, am allerwenigsten seine eigenen stinkenden Exkremente. Der Ausdrucksstil des Vulkans passt ihm nicht.

Dem getadelten Vulkan entspricht der abgelehnte Denker. Der ebenso beschränkte wie einflussreiche Kritiker wird uns immer entgegenhalten, dass er ja für die Größe der Erscheinung genügend Verständnis besitze; nur gegen seinen Ausdruck, seine Sprache, seinen Stil müsse er sich wehren. Er wolle sich äußerstenfalls sogar mit einer Eruption befreunden, nur müsse das Ausgeworfene nach dem Literaturkonfekt schmecken, an das seine Zunge gewöhnt sei.

Der Grad der Torheit mag verschieden ausfallen nach dem sonstigen Bildungsgrad des Beurteilers. Aber eine Torheit wird und muss letzten Endes immer herauskommen, wo nur immer im großen zwischen der Sache an sich und ihrem Ausdruck, zwischen Denkart und Sprache unterschieden wird. Die Einsicht, dass sie unauflöslich ineinander aufgehen, ist der Anfang der Sprachweisheit. Dieser Anfang ist mit Schwierigkeiten umschanzt, die wiederum selbst nur von einem Denker durchbrochen werden können.

Aber manches Gehirn, das bisher nur mitdachte, was Schöngeister und stilglättende Regelfinder ihm vordachten, wird zu diesem Anfang gelangen können, wenn er sich nur entschließt, für eine kurze Zeit unser Prinzip als eine Arbeitshypothese anzunehmen; so, Als ob es völlig erweisbar und erwiesen wäre. Schnell genug wird er merken, dass die Hypothese unter allen Voraussetzungen die einzige ist, die zur Wahrheit führt, und dass das Als Ob die Form der Wirklichkeit gewinnt. Ihm wird zumute werden wie einem Zeitgenossen des Kopernikus, den das erlösende Wort aus der alten Weltbetrachtung in die neue überführte, mit einem zuerst gewaltsamen, abenteuerlichen Denkakt.

War der erste Ruck überwunden, so löste sich das Abenteuer zu einer Selbstverständlichkeit, welche fortan den Zwiespalt zwischen Erde und Welt aufhob.

Auch in unserem Falle befreit der große Ruck von einem dualistischen Irrglauben, und mit der Überzeugung von der Einheit in Stil und Inhalt verschwinden tausend Unzuträglichkeiten und Beklemmungen aus der Literaturbetrachtung; tausend Dinge, die wie Geplänkel, Feuilleton und Katzbalgerei aussehen und nichts in einer umfassenden Wertung des großen Schrifttums zu suchen haben.

Schlechter Stil? Schlechte Prosa? Gewiss, die können vorkommen, wie ja auch eine schlechte Gravitation vorkommt, in der Küche, wenn das Geschirr polternd zerbricht, oder auf der Straße bei Glatteis. Aber im Weltbau und im Literaturbau gibt es keine schlechte Gravitation und keinen schlechten Stil, sondern nur Kraft und Ausdrucksform, die in der Notwendigkeit wurzeln.

In dem verwirrenden Spiel der Figuren von den kreisenden Planeten bis zu den wirbelnden Atomen, und gleicherweise in allen Bewegungen innerhalb der Schriftwelt gibt es nur eine richtende Gewalt, nur auf diese kommt es an. Nennt sie wie ihr wollt, aber seid euch dessen bewusst, dass sie nur für die zufällige Betrachtung, nicht aber als Wesenheit in Teilerscheinungen auseinanderfällt.

In Anfang war das Wort, gleichgesetzt mit Sinn, Kraft und Tat, der schaffende Logos, und wie er im Anfang war, so ist er in der Gegenwartsmitte und wird es in der Zukunft sein.

Gebührt dem deutschen Logos als schaffendem Sinn der höchste Rang, so ist damit die Stellung des deutschen Wortes, der Sprache, des Stils in Dichtung und Prosa eindeutig mitbestimmt. Nur in der Klippschule der Ästhetik wird es erlaubt sein, hundert minderwertige Beispiele an die Tafel zu schreiben und daraus abfällige Schlüsse auf das Ganze zu ziehen.

Dieses Ganze ist die vereinigte Dichtung und Prosa unseres Schrifttums, ist das Schrifttum selbst. Ein Begriff, so mächtig, so überwältigend, dass der Einzelne sich an ihn nur in dämmernden Ahnungen heranwagen darf.

Aber contra principia negantem non est disputandumgegen einen, der die Grundlage leugnet, ist nicht zu disputieren. Es wäre ja möglich, dass einer die überragende Stellung des deutschen Schrifttums bestritte, um daran die Folgerung zu knüpfen: Die deutsche Prosa taugt nicht viel. Mit solchem Kritiker würde sich der Streit erübrigen. Nur das Stoßgebet wäre am Platz, dass der heilige Geist der deutschen Literatur ihn erleuchte. Oder, was ganz dasselbe, der Geist der deutschen Sprache. Wird ihm einmal erst wirklich klar, wofür er angeblich kämpft und eifert, dann erlebt er auch seinen Tag von Damaskus; und er muss innewerden, dass nicht die Sprache durch ihn, sondern einzig er durch die Sprache erlöst werden kann.

„Welche Sprache“ – so sagte Börne – „darf sich mit der deutschen messen, welche andere ist so reich und mächtig, so mutig und anmutig, so schön und mild wie unsere? Sie hat tausend Farben und tausend Schatten. Sie hat ein Wort für das kleinste Bedürfnis der Minute und ein Wort für das bodenlose Gefühl, das keine Ewigkeit ausschöpft. Sie ist stark in der Not, geschmeidig in Gefahren, schrecklich, wenn sie zürnt, weich in ihrem Mitleide und beweglich zu jedem Unternehmen. Sie ist die treue Dolmetscherin aller Sprachen.“

Das ist eine schöne Paraphrase über unser Grundthema, denn nur dadurch ward unsere Sprache so reizvoll und umfassend, dass ihr vergönnt war, das Tiefste aus deutschen Hirnen, das Feinste aus deutschen Nerven auszusprechen, dadurch, dass sie eines war und ist mit dem deutschen Logos. Nichts da von Ursache und Wirkung, in einer Verkettung, wo uns alles als unlösliche Bedingtheit anspricht! Das Lob der Sprache ist das Lob der Literatur, und wer deren Inhalt auch nur ahnt, in dem muss das Preislied auch für die Sprache erklingen.

Wer da behauptet, sie wäre entartet, der behauptet im selben Atem, das Schrifttum überhaupt wäre einer Missbildung verfallen. Und da stehen tausend sprachlebendige Gegenzeugen auf, eine Ritterschaft des Geistes, wie sie noch nirgends und nie zuvor versammelt war. Und nicht als Worthelden treten sie in die Arena, sondern als Helden des Sinnes, der Geistigkeit, der Erfindung, der Gestaltung, der Gedankentiefe. Weit weisen sie es von sich, mit den Widersachern auf schulfuchserische Klaubereien über Einzelworte, Satzbildungen, Stilpflege einzugehen, als über Dinge, die in die Beiblätter der Literatur gehören. Wer deren Hauptteil zu lesen versteht, der weiß es oder sollte es lernen: Sie, die Herrlichste von allen, sie als Gesamterscheinung, und damit auch alles, was ihr zugeordnet ist, wie Spiegelbild zum Bild, ihr Stil, ihre Prosa!

Wird sie es bleiben? Darauf kann ich nicht mit einem blanken Ja oder Nein antworten. Sie wird es bleiben in aller Herrlichkeit, wenn wir längere Zeiträume voraussetzen. Inzwischen aber wird sie Jahre oder Jahrzehnte schwerer Gefahren durchmachen, denn es handelt sich bei denen, die von der heutigen elenden Prosa sprechen, nicht bloß um ein Urteil, sondern um eine Kampfansage. Indem sie vorgeben, die Sprachauswüchse, die Schlechtigkeit des Stils vernichten zu wollen, drängen sie die Sprache selbst in eine Krisis, die nicht von heute auf morgen überwunden werden kann. Man hat es ja auf andern Gebieten erlebt, was Gesundbeter anzurichten vermögen: Niemals kurieren sie einen Kranken, aber manchem Gesunden haben sie eine Krankheit suggeriert; und der also Beeinflusste braucht immer längere Zeit, um sich von der Gesundbeterei zu erholen.

In dieser Lage befindet sich gegenwärtig unser Schrifttum. Ihre Bedränger sind umso gefährlicher, als sie sich in gutem Glauben befinden und zudem über ein ungeheures Rüstzeug aus den Kammern der Beredsamkeit verfügen. Mit ihnen, mit ihren Rezepten und den Reinigungspulvern, die sie uns Schriftstellern eingeben wollen, werden wir uns ausführlich zu beschäftigen haben. In welchem Stil? Das braucht nicht unsere Sorge zu sein, denn hier wird manches gesagt werden, was noch nicht gesagt worden ist!

3. Ihr Feld ist die Welt

Nationalismus ist der Gegensatz zum Kosmopolitismus;

Internationalismus ist die Synthese von Kosmopolitismus

und Nationalismus auf höherer Bewusstseinsstufe.

 

Wir werden diesen Satz seinem Sinne nach zu erörtern haben und ihn überdies gleich im Eingang der Betrachtung als ein Versuchsmodell benützen. Ich stelle mir vor, er würde nicht nur von einem Deutschen gelesen, sondern dazu von einem nicht ganz ungebildeten Engländer, Italiener, Franzosen, Holländer, Skandinavier, überhaupt von irgendeinem leidlich unterrichteten Manne aus aller Welt, der im gewöhnlichen Verlauf der Dinge keine Gelegenheit hat, über seine Muttersprache hinaus zu denken, zu reden und zu verstehen.

Für mich unterliegt es keinem Zweifel, dass obiger Satz von allen seinen Lesern ohne sonderliche Schwierigkeit begriffen werden wird. Auf die Anerkennung seines Inhalts nach Richtig oder Falsch kommt es in diesem Zusammenhang nicht an, sondern nur auf das Verstehen an sich. Und dieses Verstehen wird sich nach kurzer Überlegung einstellen, da die Haupt- und Stichworte des Satzes sozusagen als Dolmetscher der übrigen Worte mit auftreten.

Würfe der Satz seine deutsche Einkleidung ab, um französisches, englisches, italienisches, holländisches Gewand anzunehmen, so würde sich daran nichts ändern. Legt ihn in Französisch einem Griechen, in Holländisch einem Spanier, in Schwedisch einem Deutschen vor – immer wird er nach seiner wesentlichen Bedeutung in wenigen Sekunden, höchstens Minuten erfasst werden.

Denn in jedem halbwegs intelligenten Menschen lebt etwas von einem Brugsch, Champollion oder Oppert, und jedes Eintasten in fremden Sprachstoff lässt sich der Arbeit vergleichen, die zur Entzifferung der Hieroglyphen und Keilschriften geführt hat. Es ist immer eine Art von Sprach-Algebra auf höherer oder geringerer Stufe, eine Art von Berechnung zur Ermittelung unbekannter Größen aus bekannten, bisweilen nur erahnten.

Liegt gar nichts Bekanntes oder leicht zu Deutendes vor, dann freilich wird sich der Durchschnittskopf zu schnellem Verzicht gedrängt fühlen. Er versteht dann eben wirklich nichts und wendet sich mit einem „Kannitverstan“ von dem dunkeln Satz in fremder Sprache.

Aber, mit einem gewissen Frohgefühl stößt er dann gelegentlich auf einen Satz wie den vorangestellten; einige Bestandteile darin blicken ihn vertraut an und erklären ihm mancherlei auch über ihren eigentlichen Wortkreis hinaus. Wie Laternen stehen sie im Dunkel der fremden Ausdrücke, und er müsste schon ein richtiger Stolprian sein, wenn er nicht imstande sein sollte, sich von einer Laterne zur nächsten zu helfen.

Für uns Deutsche sind diese Glühflämmchen im deutschen Satze die „Fremdworte“ im Gegensatz zu den Satznachbarn, denen wir die Heimatsberechtigung zuerkennen.

Für alle andern, für die große Mehrheit mithin, liegt die Sache genau umgekehrt: unsere heimatberechtigten Ausdrücke sind ihnen die fremden, unsere fremden die Hausgenossen; da sie in ihrem Englisch, Französisch, Italienisch, Holländisch, Schwedisch, kurz überall denselben Umlaufswert besitzen, den sie bei uns haben müssten, haben sollten, wenn nicht der Unverstand am Werke wäre, die Hauptträger der internationalen, von Volk zu Volk reichenden Verständigung auszurotten.

Erkennen wir dies in ganzer Tragweite der Wirkung, so müssen wir uns zum Angriff auf einen Ausdruck entschließen, der mehr Unheil angerichtet hat als irgendeiner seit der babylonischen Sprachverwirrung; es ist der Ausdruck: Fremdwort!

Was durch die Silbe „Fremd“ geächtet werden, als barbarum verschrien werden soll, ist tatsächlich das der Barbarei, der verderblichen Abschließung, der vereinsamenden Chineserei Entgegenwirkende.

Fort mit dem Ausdruck „Fremdwort“ für die Worte, die überall verstanden werden, wo die Bildung eine Heimat hat! „Weltworte“ sind sie mit hoch bewertetem Kurs, wo nur in Ost und West gebildete Menschen mit einander reden!

Wenn nach Menschenaltern die Kulturforscher auf die Strebungen der Gegenwart zurückblicken werden, in hundert, dreihundert oder fünfhundert Jahren, so wird sich ihnen für ihre Darstellung eine Tonart aufdrängen, wie uns, wenn wir von scholastischen, juridischen, theologischen Verirrungen des Mittelalters berichten, von vernunftfesselnder Haarspalterei am Wort, von Zunftzwang, Hexenglauben, Tortur und derlei angenehmen Dingen.

Es ging eine Epidemie durchs Land, so werden sie sagen, deren Träger zwangläufig so handelten, als ob sie Werte vernichten müssten. Sie zertrümmerten die Laternen auf dunklen Wegen, sprengten Brücken, zerstörten alle Verbindungsmittel, die aus der Enge ins Weite führten. Und sie glaubten ein vaterländisch Werk zu verrichten, wenn sie das Vaterland absperrten, wenn sie ihm Zufuhr und Ausfuhr unterbanden.

Um aber ganz in der Gegenwart zu bleiben, so denken wir uns einen mit Schlagworten der Heimat um sich werfenden Eiferer, der folgendes Programm vor sich hertrüge: Kampf und Tod allem Internationalen!

Der weitaus größte Teil der Menschheit misst nach Metern und Kilometern, kehren wir zum Fuß, zur Elle, zur Wegstunde zurück, und erklären wir das in Welschland ausgebrütete Metersystem für undeutsch und unwürdig eines deutschen Mannes.

Wir verwerfen und verfemen das Gramm und Kilogramm, die elektrischen Einheiten Volt, Ampère und Watt; wir verwerfen sogar das ganze Dezimalsystem, denn alles Dekadische ist von Indern und Arabern gekommen, und wir wollen deutsche Rechnung, die man nur in Deutschland versteht und sonst nirgends in der Welt.

Die deutsche Stunde soll 57 Minuten zählen oder 63 Minuten, aber nicht 60, denn so viel zählt die Stunde in der großen Welt, und die ist undeutsch.

Briefe und Zeitungen ins Inland und Ausland? Das passt uns nicht, denn solcher Verkehr erinnert an den Weltpostverein, und diese Einrichtung ist international, also undeutsch, verächtlich und reif für unseren ausrottenden Zorn!

Dieser Werber würde Anhänger finden und völkische Gefolgschaft. Und im Grunde unterschiede sich seine Fanfare nur in der Tonart, nicht aber in der Melodie von der unserer Sprachbegrenzer: Denn auch diese fordern die Preisgebung internationaler Errungenschaft, wie sie im Weltwort dem Weltverkehr und der Weltverständigung dient.

Wir sind das Volk der Dichter und Denker, also abgestempelt in England, und in dieser Eigenschaft werden wir unsere Welthegemonie aufrecht zu erhalten haben.

Während im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert das Schwergewicht in Frankreich und England ruhte, hat im neunzehnten Deutschland drei Viertel der geistigen Arbeit für Europa geleistet, und die Folgezeit soll diese Arbeit vertiefen und verbreitern. Hierzu brauchen wir eine Sprache, die sich nicht nach den nahegelegenen Kirchtürmen orientiert, sondern nach den Leuchttürmen des Wissens, der Forschung, der Geistigkeit.

Man nenne mir eine Frage, die für uns wichtiger wäre! Kann es eine größere geben als die der geistigen Weltstellung? Und trägt sie nicht ihre Antwort in sich, wenn wir sie nur richtigstellen, nämlich so, dass Geistigkeit und weltverständliche Sprachlichkeit in ihr als untrennbare Güter auftreten?

Es könnte erstaunlich erscheinen, dass die Internationalität der Sprache vordem in den fachlichen Erörterungen über Weltverkehr eine so geringe Rolle gespielt hat, wenn es sich nicht eigentlich von selbst erklärte. Denn die deutsche Sprache war – bis der Große Krieg die Wandlung brachte – auf dem besten Wege, eine Weltsprache zu werden, aus sich heraus, aus eigener Sendung, ohne Verabredung und Festsetzung auf Konferenzen und Kongressen an grünen Tischen in Genf, Bern und im Haag.

Um diese Festsetzungen aber kreiste vordem der Inhalt aller Fachschriften über Internationalität und deren möglichen weiterm Ausbau. Das Herz konnte einem weit werden, wenn man sie las und dabei verspürte, wie sich jenseits der Zeitergebnisse ahnungsvolle Fernsichten in ein goldenes Zeitalter öffneten.

Mancher Blütentraum ist seitdem verflogen, und doch werden wir wieder an das anknüpfen müssen, was kenntnisreiche Männer aufgrund des Erreichten mit großzügigen Prognosen verkündeten.

Ich denke hier vornehmlich an die Studie „Weltbürgertum, Nationalstaat und internationale Verständigung“, die Ludwig Stein ein Jahr vor Beginn des Weltkriegs veröffentlicht hat.

Seine Ansagen, an nahen Zeiten gemessen, sind von der harten Wirklichkeit überrannt worden. Auf weite Zeiten gemessen, werden sie neue Gültigkeit gewinnen. So teilt das Auge des Propheten das Schicksal aller Augen, die ja von Natur aus auf teleskopische Leistungen eingestellt sind. Kein Auge dringt von der Berliner Behausung bis Magdeburg, aber ohne die geringste Schwierigkeit blickt es bis zum Polarstern, erkennt es vom Fenster aus das Sternbild der Leier und des Herkules.

So haben die in der genannten Studie aufgestellten Scheinwerfer keine der von uns erlebten Kriegsbegebenheiten vorausbeleuchtet, keines jener Ereignisse, die in den vormaligen verheißungsvollen Bau der zwischenvölkischen Einrichtungen Bresche legten und sie scheinbar in den Grundfesten zerstörten.

Desto klarer aber erhellten sie den Weg, der von der verflossenen schwarmgeisternden Weltbürgerlichkeit über die Ausschließlichkeit des Nationalstaates hinweg zum Internationalismus geführt haben.

Aus dem Zuge jener Betrachtungen seien hier einige Linien lose nachgezeichnet. Sie erscheinen mir unentbehrlich zum vollen Verständnis dessen, was ich selbst über die Sendung unserer Muttersprache für eine künftige Völkerverständigung zu entwickeln habe.

Schillers Ode „Seid umschlungen Millionen“ und ihre Vertonung im Chorsatz der Neunten Symphonie bilden das klingende Leitmotiv einer Geistesverfassung, die im Aufklärungszeitalter als richtunggebend unter den Höchstgebildeten vorwaltete. Weltbürgertum, Kosmopolitismus hieß die Parole, die oft in flammenden Worten bekannt, immer gedacht und gefühlt, einem Kant, Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Hegel, Hölderlin, Schelling, den Schlegel, der ganzen Frühromantik, als auf ein vermeintlich erreichbares Ideal weisend voraustönte.

Dass Einzelne dieser Männer sich in weiterer Entwicklung von der ursprünglichen Parole lossagten, um ihre Hoffnungen und Forderungen auf den Nationalstaat zu richten, ändert nichts an deren weitgespanntem Grundbekenntnis. Wir alle haben Ähnliches in der von uns durchmessenen großen Zeit, namentlich in ihrem Beginn, an zahlreichen Wortführern der öffentlichen Meinung erlebt, aus gleichen Ursachen, mit gleichen Wirkungen. Und gerade die Parallele aus beiden Zeiten kann uns befähigen, Schlüsse zu ziehen in eine Zukunft, die sich voraussichtlich lebhaft der Vergangenheit erinnern und an sie anknüpfen wird.

Gewiss, Fichtes Reden an die deutsche Nation von 1808, und damit der ganze Fichte, wie er in ihnen und durch sie seine geschichtliche Figur erhalten hat, scheinen eher den Negativpol des positiv-kosmopolitischen Pols darzustellen.

Aber der Gegensatz ist auch wirklich ein polarer, in dem Sinne, dass das Positive nicht etwa verschwindet, wenn uns das Negative als das Wesentliche gegenübertritt. Nein, es bleibt vorhanden, als Vorstufe, im Unterbewusstsein, und dort einer neuen Entladungsform gewärtig.

Und wenn Fichte den Weltbürger ursprünglich ersehnt, später verleugnet, so ist der Sinn des Vorgangs: Dass der Erdenbürger erst alle Segnung seines nationalen Staates in sich aufzunehmen hat, ehe er reif wird für das Glück eines Menschen, in dessen Inneren die Weltseele mitschwingt.

Aber wenn er auch das Nationale wie eine brausende Glocke mit gestrafftem Arm trägt, in seiner Brust kommt ein anderer Ton nicht zum Schweigen, ein Ton wie Echo aus dem erträumten Menschheitsdom des Weltbürgertums. Noch bleibt er Nachhall des alten Ideals, wird nie Vorhall dessen, das da kommen soll.

Fichte hat überwunden, aber die Erinnerung bleibt ihm lebendig; und fast gleichzeitig mit seinen großen Reden bekennt er sich in seinen „Patriotischen Dialogen“ von 1807 zu dem Glauben, „dass der kräftigste und regsamste Patriot ebendarum der regsamste Weltbürger ist.“

Patriotische Dialoge! – Der ganze Titel besteht aus Fremdworten, das heißt Weltworten, die der Völkische von heute als undeutsch anprangert. Und vielleicht regt sich bei denselben Völkischen noch heute ein nachträglicher Groll gegen Fichte, weil er seine flammenden Reden nicht an das Volk, sondern an die deutsche „Nation“ gerichtet hat.

Auch in der Sprachform dieses Wortes liegt ein Nachklang des universellen Bekenntnisses, wie ferner Fichtes klares Gefühl dafür, dass er über die Volkheit hinaus eine im Kultursinn übergeordnete „Nation“ aufzurufen hat.

Mit diesem Vorbehalt im Titel spricht er freilich deutsch, blankes Deutsch zur großen Masse. Aber es fällt ihm nicht ein, sein Deutsch ebenso durchzusieben, wo er sich an den Gelehrten, den Künstler oder den Studienbeflissenen wendet; wie dies überhaupt noch keinem eingefallen ist, der Weltgültiges gedacht und ausgesprochen hat.

Dieser sprachliche Kosmopolitismus blieb bei den Besten in Geltung, verbunden mit Strebungen, die unter voller Wahrung des nationalen Gedankens auf das neue Ziel der internationalen Verständigung hinaus wollten; bei den Besten, die die Möglichkeit eines „Dritten Reiches“ erkannten, worin nationale Willensbildung und Verständigung von Volk zu Volk nicht mehr als Gegensätze, sondern als natürliche Ergänzungen aufzutreten hätten.

Das neue Ziel lag nicht im Traumland oder Wolkenkuckucksheim. Es handelte sich nicht mehr darum, die Millionen zu umschlingen und die ganze Welt abzuküssen; wohl aber sollte versucht werden, die Reibungswiderstände zwischen den Völkern zu mindern und das Gemeinsame der Nationen zur Geltung zu bringen.

Der Kosmopolitismus verhielt sich zur Internationalität wie die urväterische Postkutsche zum modernen Blitzzug, der neue Gedanke verzichtete auf die Begriffslyrik und Romantik des alten, um die Lebensmöglichkeiten zu steigern und den Widerspruch von nationaler Enge und technischer Weite aus der Welt zu schaffen.

Die große Technik mit ihrer Überwindung von Raum und Zeit passte weder in die schmale Umgrenzung des Nationalwillens, noch eignete sie sich mit ihren brutalen Kräften zur Verwirklichung der weltbürgerlichen Sentimentalität. So verblasste der Kosmopolitismus mehr und mehr zu einem fantastischen Schemen, während der Internationalismus sich immer entschiedener als der Träger praktischer Wirklichkeitswerte offenbarte.

Harte Notwendigkeiten traten auf, die sich ohne schwärmerisches Gesäusel elementarkräftig durchzusetzen wussten, über alle Grenzpfähle hinweg. In dichter Folge reihten sich Forderungen an Verwirklichungen auf zahlreichen Konferenzen und Kongressen, welche sich mit Weltpost, Arbeiterschutz, Bahnverkehr, Urheberrecht, Telegrafie, Luftrecht, Statistik, Wohlfahrtspflege und allen Gemeinsamkeiten der Wissenschaft und Kunst beschäftigten.

Kaum ein Zweig geistiger Betätigung wäre zu finden, der nicht irgendwie versucht hätte, aus der großen Weltbestrahlung neue Triebe für sich zu gewinnen.

Heutigentags, da die sengende Furie nur noch vereinzelte Wahrzeichen, wie das Rote Kreuz und den Nobelpreis, übrig gelassen hat, denken wir mit Wehmut zurück an so viele Kongressergebnisse, Ausstellungen, Brücken von Amt zu Amt, von Akademie zu Akademie, an all die Bauten, die durch den Weltfriedenspalast im Haag ihren krönenden Abschluss erreichen sollten.

Und gleichwohl wissen wir: Nicht Utopien waren es, nicht leere Vergänglichkeiten, nicht ausgeträumte Wahngebilde. Nur das Zeitmaß, das wir für ihre unzerbrechliche Verwirklichung angesetzt hatten, war verfehlt.

Was wir im Überschwang für die Generalprobe, wohl gar schon für die Aufführung genommen hatten, war tatsächlich nur die erste Lesung eines szenischen Entwurfs, der ins Feuer wandern musste, weil einige dramatische Voraussetzungen nicht stimmten.

Die Menschheit wird neue Proben ansetzen, und Aufgabe ihrer Dramaturgen wird es sein, den unzerstörbaren Kern des internationalen Werkes mit besserer dramatischer Motivierung herauszuarbeiten.

Aber auch in dieser künftigen Ausarbeitung wird der Nationalgedanke seine volle Geltung behaupten müssen. Ihn herauslösen hieße in die alte Schwarmgeisterei zurückfallen, mit der sich die weltbürgerlichen Allumschlinger von anno Tobak benebelten.

In jener Studie, von der wir oben ausgingen, heißt es kurz und treffend:

Der Kosmopolitismus ist der Utopismus des Internationalismus – Nationalismus ist der Gegensatz zum Kosmopolitismus – Internationalismus ist die Synthese von Kosmopolitismus und Nationalismus auf höherer Bewusstseinsstufe.

Wir hatten diesen Satz als Versuchsmodell vorangestellt, um vom Fremdwort zum „Weltwort“ zu gelangen. Denn das Weltwort spielt in der Internationalität keine geringere Rolle, als irgendeine jener ...

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