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Das Geheimnis der Pilgerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. PROLOG
  6. DER KUSS DES FRÜHLINGS
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  1. HAUCH DES GLÜCKS
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  1. DER WEG DER STERNE
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  1. VON HÖCHSTER GEBURT
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  1. NACHWORT

Über die Autorin

Ricarda Jordan ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie wurde 1958 in Bochum geboren, studierte Geschichte und Literaturwissenschaft und promovierte. Sie lebt als freie Autorin in Spanien.

Unter dem Autorennamen Sarah Lark schreibt sie mitreißende Neuseelandschmöker, die allesamt Bestseller sind. Als Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser ins farbenprächtige Mittelalter.

 

Wo ist die Herrin Aliénor?«

Der Prinz trat auf den Wehrgang vor den Kemenaten und wandte sich an eines der unzähligen jungen Mädchen, die den Hof seiner Mutter bevölkerten. Dieses hier mochte höchstens elf oder zwölf Sommer zählen, aber es sah schon mit dem charakteristischen Blick zwischen kindlicher Scheu und weiblicher Koketterie, der den Zöglingen des Minnehofes eigen war, zu ihm auf. Richard fragte sich, ob die Mädchen ihn vor den venezianischen Spiegeln übten, die Eleonore von Aquitanien ihren Lieblingen zu schenken pflegte. Aber so gekünstelt dieser Augenaufschlag auch sein mochte - Richard konnte sich seiner Wirkung nicht entziehen, zumal das Mädchen wunderschöne Augen hatte. Augen von ungeheuer klarem Blau, als spiegle sich der Sommerhimmel Aquitaniens in einem der tiefsten Seen der Berge. Und sein kastanienfarbenes Haar … wie ein Strom bahnte es sich seinen Weg über die noch knochigen, schmalen Schultern. Das Gesicht war kindlich rund, aber die ausgeprägten Wangenknochen und die hohe Stirn ließen erkennen, dass Richard eine künftige Schönheit vor sich hatte.

»Im Rosengarten, Herr«, antwortete das Mädchen mit heller, singender Stimme. »Soll ich Euch zu ihr führen?«

Richard lächelte. »Ich könnte mir keine schönere Begleiterin vorstellen«, sagte er galant und gab der Versuchung nach, die Kleine ein wenig zu necken. »Aber gibt es womöglich einen Ritter, den ich damit vor den Kopf stoße? Eine Schönheit wie Ihr hat doch sicher unzählige Verehrer?«

Das Mädchen errötete und lächelte schüchtern. »Dafür bin ich doch noch viel zu jung, Herr …«

Der Prinz zog die Augenbrauen hoch. »So manche Prinzessin wird früher vermählt. Aber es macht mich glücklich, dass Ihr mir Hoffnung macht. So würdet Ihr meine Werbung annehmen, wenn sie zu angemessener Zeit erfolgte?«

Das Mädchen wirkte jetzt etwas verwirrt, auf seiner glatten Stirn zeigte sich eine steile Falte. Aber dann erkannte es die Schmeichelei als Scherz und ging darauf ein, wie es das zweifellos gelernt hatte. »Selbstverständlich, mein Prinz, wenn Ihr nur auf mich wartet.« Die Kleine knickste.

Richard lächelte wieder. »So ist es beschlossen«, meinte er. »Aber Ihr müsst mir Söhne schenken …«

»Zahlreich wie die Sterne am Himmel«, erklärte das Mädchen ernsthaft, aber dann zwinkerte es ihm zu. »Müssen wir den Bund nicht mit einem Kuss besiegeln?«

Die Kleine war entzückend. Richard beugte sich zu ihr hinab und küsste sie leicht auf die Stirn.

»Wie heißt Ihr denn, meine versprochene Gattin?«, fragte er dann, immer noch lächelnd.

»Richard?« Eleonore von Aquitanien stieg die Treppe zum Wehrgang hinauf. »Wo bleibst du denn? Ich warte auf dich. Schwere Entscheidungen stehen an, und du kokettierst hier mit den Mädchen! Noch dazu halben Kindern!« Sie wandte sich an die Kleine. »Hast du keinen Unterricht, Gerlin von Falkenberg? Geschwind zu deinen Lehrern!«

Eleonores Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe. Die Königin liebte ihre Zöglinge, vor allem die schönen und klugen, die einmal genauso geschickte Politikerinnen zu werden versprachen wie sie.

Nichtsdestotrotz knickste das Mädchen sowohl vor seiner Ziehmutter als auch vor Richard Plantagenet und floh dann in die Frauengemächer. Allerdings gezielt in eine Kemenate, die Ausguck in die Gärten des Hofes bot. Die kleine Gerlin verschlang den schönen Prinzen mit ihren Augen.

So also fühlte es sich an, verliebt zu sein.

DER KUSS DES FRÜHLINGS

Burg Falkenberg, Oberpfalz -
Lauenstein, Oberfranken
März bis September 1192

Kapitel 1

Gerlin von Falkenberg betrachtete ihr Gesicht im Spiegel des träge dahinfließenden Flusses, der sich unterhalb des Anwesens ihres Vaters durch die liebliche Landschaft schlängelte. Sie war nicht sehr zufrieden mit ihrem Anblick. Die nachlässig geflochtenen Zöpfe und das einfache Leinenkleid hätten auch einer Hausmagd gehören können - die Herrin Aliénor hätte sie für diese Aufmachung streng gerügt. Aber andererseits war der Hof von Aquitanien weit weg, und Gerlin war nicht gerade zu einem Fest unterwegs.

Sie hatte die Wäscherinnen am Fluss beaufsichtigt, nachdem sie die Küche inspiziert und dem Koch die Entnahme eines Schinkens aus der Speisekammer genehmigt hatte. Die Schlüssel zu den Wirtschaftsräumen klapperten an ihrem Gürtel - auch etwas, das weit unter der Würde der Herrin Aliénor gewesen wäre. Aber die englische Königin war auf der Insel Oléron nicht Herrin ihres eigenen Hofes gewesen, sondern inhaftiert von ihrem Gemahl. Und ihr stand der Sinn weit mehr danach, die Geschicke ihrer Söhne in der großen Politik zu lenken, als einen Haushalt zu führen.

Gerlin dagegen war ganz zufrieden mit ihrer Stellung auf Falkenberg. Als man sie nach dem Tod ihrer Mutter zurück in die Oberpfalz beordert hatte - sie war achtzehn gewesen, und ihre höfische Ausbildung galt als abgeschlossen -, musste sie zunächst noch mit dem Widerstand einiger Ministerialen und Hausangestellten kämpfen. Isabelle von Falkenberg war lange krank gewesen und hatte die Zügel schleifen lassen. Dass jetzt die Tochter des Burgherrn tatkräftig die Haushaltung übernahm, schmeckte den Leuten nicht. Aber Gerlin hatte es Spaß gemacht, das am Hof der Eleonore von Aquitanien Gelernte auszuüben. Sie spielte ihren Charme aus, um Köche und Kämmerer für sich einzunehmen, imponierte dem Hofkaplan durch ihre guten Kenntnisse im Lesen und Schreiben und dem Stallmeister durch ihr Wissen über Pferde und Falknerei. Gerlin wies die Dienerinnen in ihre Schranken, wenn sie tratschten, statt zu arbeiten, übernahm die Herrschaft über Küche und Vorratskammern und trieb ihre jüngeren Brüder energisch ihren Hauslehrern und Waffenmeistern zu, denen die beiden etwas verwilderten Knaben bislang nur zu gern entwischt waren.

Peregrin von Falkenberg war denn auch mehr als zufrieden mit seiner schönen, klugen Tochter, und die Einwände seiner Ritter und Ratgeber gegen Gerlins Erziehung am Minnehof - noch dazu dem bekanntesten, aber auch verrufensten im ganzen Okzident - waren längst verstummt. Der Burgherr hatte es als Ehre empfunden, dass Eleonore seine Tochter aufnahm, er hatte höfische Manieren stets zu schätzen gewusst. Isabelle, seine verstorbene Frau, stammte schließlich selbst aus Aquitanien. Sie war Eleonores Gespielin gewesen, als die beiden noch jung waren, aber dann war ihr Vater bei König Heinrich in Ungnade gefallen, und Isabelle hatte unter ihrem Stand ehelichen müssen. Sie hatte es Peregrin allerdings nie fühlen lassen, sondern seinem kleinen Hof in der Pfalz so selbstverständlich, so kundig und so voller Liebreiz vorgestanden, als handle es sich um den Haushalt eines Kaisers. Mit der englischen Königin hatte sie bis zuletzt in Briefkontakt gestanden, und es war ihr eine große Freude gewesen, dass die Herrin Aliénor ihre Tochter an ihrem Hof aufnahm.

Gerlin lächelte ihrem Spiegelbild zu, ein verführerisches Lächeln, das sie in der letzten Zeit zu selten übte. An wem hätte sie die Künste des Minnehofes auch erproben sollen? Die Ritter ihres Vaters waren alle alt - lediglich der Waffenmeister ihrer Brüder wäre ein altersmäßig passender Minneherr für sie. Aber der hielt nichts von höfischen Sitten, ein Raubauz und zudem ein Ritter ohne Land, weit entfernt davon, jemals ein eigenes Lehen zu erwerben.

Ab und an fanden sich natürlich Brautwerber ein - meist ältere Ritter, die eine Verbindung mit Burg Falkenberg für ihre Söhne in Betracht zogen. Peregrin von Falkenberg hatte sie bislang jedoch durchweg abgewiesen, meist ohne ihnen auch nur einen Blick auf Gerlin zu erlauben.

»Du bist zu gut für diese kleinen Krauter mit ihren winzigen Lehen!«, beschied er Gerlin, als sie ihn einmal scherzhaft fragte, ob er sie denn so gar nicht zu vermählen gedächte. »Da arbeitest du dich nur ab wie eine bessere Magd, während dein Gatte säuft und hurt! Nein, Kind, du bist zur Prinzessin erzogen, und eine solche sollst du auch werden. Oder doch zumindest eine Gräfin oder Fürstin, die einem großen Hof vorsteht. Ich will nicht, dass du deine Wäsche selbst wäschst!«

Gerlin erinnerte ihn besser nicht daran, dass sie das auf Falkenberg bereits tat - oder zumindest höchstselbst beaufsichtigte. Peregrin von Falkenberg haderte nach wie vor damit, dass er seiner wunderschönen edlen Isabelle nicht das Leben hatte bieten können, das sie gewohnt gewesen war. Nun sollte es wenigstens ihre Tochter besser haben. Gerlin lehnte sich nicht dagegen auf. Sie fühlte sich wohl auf Falkenberg, bislang hatte auch keiner der möglichen Ehemänner ihr Herz zum Singen gebracht.

Am Minnehof der Herrin Aliénor hatte sie mitunter für einen der schönen Ritter geschwärmt - allen voran für den Prinzen Richard. Aber die ganz große Liebe, die alles verschlingende Leidenschaft, die Guinevere mit Lancelot verband oder Tristan mit Isolde, kannte sie bislang nur aus Liedern und Gedichten. Gerlin war bereit zu warten - auch wenn sie sich manchmal etwas darum sorgte, dass sie älter und älter wurde. In diesem Jahr zählte sie vierundzwanzig Lenze. Es wurde Zeit für eine Ehe.

Aber nun musste sie sich erst mal etwas herrichten, sonst würde sie ihren Ritter eher abschrecken, sollte er sich denn an diesem Tag noch herbemühen! Tatsächlich erwartete ihr Vater Gäste aus Franken, unter anderem einen jüdischen Medikus, der im Dienst der Ornemünder auf Lauenstein stand. Gerlin wunderte sich nicht über diese Bekanntschaft. Während der Krankheit ihrer Mutter hatte Peregrin Kontakte zu Ärzten in den entlegensten Gebieten des Reiches gesucht. Selbst ins ferne Salamanca hatte er Boten geschickt, und er hätte wohl auch nicht davor zurückgeschreckt, sich an die angeblich weit fortgeschrittenen Ärzte der Sarazenen oder Mauren in Al Andalus zu wenden. So weit hatte seine Hand allerdings nicht gereicht - und zurzeit tobten ja wohl auch wieder Kämpfe im Heiligen Land.

Gerlins Vater hatte sich also auf die Konsultation jüdischer Mediziner beschränken müssen, wenn er etwas mehr Hilfe für Isabelle wollte, als die christlichen Bader bieten konnten. Seinem Ruf in der Ritterschaft hatte das geschadet - ihm und der hochgebildeten Isabelle aber so manche anregende Korrespondenz mit klugen Köpfen in aller Welt eröffnet. Mitunter hatte die Ablenkung durch den Briefwechsel mit Philosophen und Heilkundigen ihr mehr geholfen als jede Medizin.

Nun stand ihnen also Salomon von Kronach ins Haus. Gerlin lächelte. Als Brautwerber würde er kaum kommen. Wenn sie sich recht erinnerte, war der Herr von Lauenstein vor nicht allzu langer Zeit verstorben. Und sein Sohn und Erbe war noch ein Kind.

Gerlin hörte die Hufschläge der Pferde schon auf der Zugbrücke zur Burg, als sie zurück ins Haus eilte. Es wurde wirklich Zeit, sich umzuziehen, auch wenn es eher unwahrscheinlich war, dass ihr Vater sie zum Nachtmahl in die Halle beorderte. An Minnehöfen war es üblich, dass die Damen den Rittern bei den Mahlzeiten Gesellschaft leisteten, aber an diese Sitten konnte sich Peregrin von Falkenberg nicht gewöhnen. Ein tugendhaftes Mädchen hielt sich seiner Ansicht nach der Gesellschaft von zechenden Rittern fern. Er sah Gerlin am Abend auch ungern in den Wirtschaftshöfen. Jetzt lief sie allerdings rasch noch in den Weinkeller und schöpfte einen Krug des besten Roten, den die Burg zu bieten hatte. Sie wies den Mundschenk an, die Gäste mit einem Pokal davon willkommen zu heißen, und übergab ihm den Rest, um ihn am Tisch ihres Vaters auszuschenken. Gewöhnlich war sie sparsam mit diesem guten Tropfen, aber Meister Salomon war sicher kein starker Trinker. Dafür würde er Qualität zu schätzen wissen.

Gerlin freute sich für ihren Vater auf den Abend in der anregenden Gesellschaft des Medikus. Peregrin war nicht so ungebildet wie viele andere Ritter. Als jüngeren Sohn hatten seine Eltern ihn eigentlich Gott weihen wollen, dann aber aus dem Kloster zurückbeordert, als seine beiden älteren Brüder kurz nacheinander starben. Die Gebete, so hatte Gerlin ihn einmal scherzen hören, habe er danach nie vermisst, wohl aber das Studium der theologischen und philosophischen Schriften.

Inzwischen hatte man das Burgtor geöffnet, und vom Gang zu ihrer Kemenate aus erhaschte Gerlin einen kurzen Blick auf die Ankömmlinge. Der Mundschenk hatte sie im Burghof in Empfang genommen, und eben nahmen ihnen die Knechte die Pferde ab. Salomon von Kronach reiste mit einer Eskorte von vier Rittern, was ihn als wichtigen Mann auswies. Reich gekleidet war er nicht - die meisten Juden beschränkten sich zumindest in der Öffentlichkeit auf schlichte dunkle Kleidung, während die Ritter gern mit farbigen Roben prunkten. Allerdings war er weitaus jünger, als Gerlin gedacht hatte. Er war groß und hielt sich aufrecht, volles dunkles Haar umrahmte ein schmales Gesicht.

Während die Männer dem Mundschenk jetzt in die Halle folgten, konnte Gerlin noch kurz ihre Pferde in Augenschein nehmen. Die Ritter hatten schwere Hengste mitgebracht, wie nicht anders zu erwarten war. Große, wohlgenährte Tiere - der Herr von Ornemünde hatte seine Leute standesgemäß ausgestattet. Der jüdische Medikus ritt ein Maultier, das allerdings vielen Pferden in Adel kaum nachstand. Eine milchweiße Stute, zweifellos ein Zelter. Sie mochte den Preis von zwei Streitrossen wert sein.

Gerlin riss sich jetzt los und stieg hinauf in ihr Gemach - nicht ohne vorher noch kurz bei ihren Brüdern vorbeigeschaut zu haben. Beide waren bereits angekleidet für das abendliche Bankett, schimpften allerdings über die sicher langweilige Gesellschaft.

»Was will Vater nur von diesem alten Juden!«, erregte sich Rüdiger, mit zwölf Lenzen der ältere der beiden. »Er sollte lieber junge Ritter an den Hof holen. Im nächsten Jahr werde ich meine Schwertleite feiern. Mit wem soll ich da kämpfen? Mit dem alten Adalbert?«

Adalbert von Uslar war der älteste Ritter, und Peregrin behielt ihn mehr aus Mitleid am Hof denn als Verteidiger seines Lehens. Nur wenige Fahrende Ritter wurden in Ehren alt, die meisten starben jung bei irgendwelchen Turnieren oder Scharmützeln. Aber Adalbert lebte seit Jahren auf Falkenberg. Peregrin konnte ihm kein Lehen geben, weshalb er auch nie um ein Mädchen hatte freien können. Aber immerhin fand er einen Schlafplatz in der Halle, musste nicht hungern und konnte abends dem Wein zusprechen, wie es ihm beliebte.

»Du wirst an einen anderen Hof gehen, das haben wir doch schon besprochen!«, beschied Gerlin ihren Bruder, einen hübschen, hochgewachsenen Jungen mit lebhaften blauen Augen und ungebärdigem rotblondem Haarschopf.

Allerdings erwies sich Peregrin von Falkenberg hier als ebenso wählerisch wie bei der Verheiratung seiner Tochter. Rüdiger sollte nicht an irgendeinen unbedeutenden Hof, aber die großen Fürstenhaushalte rissen sich nicht gerade um einen Knappen aus unbedeutender Familie. Dennoch wurde es jetzt Zeit. Rüdiger musste in die Welt hinaus - möglichst an eine Burg, deren Erbe im gleichen Alter war. Dann konnte er seine Schwertleite mit diesem Jungen zusammen feiern, und dessen Vater würde das Fest ausrichten. An großen Höfen wurden oft Hunderte von Knappen gemeinsam mit dem Erben zum Ritter geschlagen - es erhöhte das Renommee eines Burgherrn, sie fürstlich zu beschenken. Peregrin von Falkenberg fehlte dagegen das Geld für eine standesgemäße Einführung seines Sohnes in die Ritterschaft. Es war überaus teuer, das damit verbundene Turnier auszurichten. Wenn überhaupt, so lohnte sich das nur, wenn gleich zwei Söhne zum Ritter geschlagen wurden. Und Wolfgang, der jüngere Bruder, war erst acht. Rüdiger hatte sicher keine Lust, noch fünf Jahre auf seine Erhebung in den Ritterstand zu warten.

»Vielleicht ergibt sich ja gerade heute etwas für dich!«, ermutigte Gerlin ihren Bruder. »Der Jude kommt aus Lauenstein, vielleicht kannst du da als Knappe unterkommen. Vater wird euch den Rittern vorstellen, die ihn begleiten. Sei höflich, lausche ihren Reden - vielleicht kannst du ihnen aufwarten … Und vor allem: Untersteh dich, den Juden herablassend zu behandeln! Wenn du einen guten Eindruck machst, setzt er sich vielleicht für dich ein, falls es zu Verhandlungen kommt.«

Gerlin hoffte, dass ihr Vater Rüdigers Schwertleite und die damit verbundenen Komplikationen nicht aus den Augen verlor. Der Sohn des verstorbenen Ornemünders durfte in Rüdigers Alter sein, man musste ihn irgendwann zum Ritter schlagen, und bestimmt geschah das im Rahmen einer aufwändigen Zeremonie. Ein Knappe mehr oder weniger machte da sicher keinen Unterschied, und der jüdische Medikus mochte Einfluss haben. Gerlin ärgerte sich, nicht früher auf den Gedanken gekommen zu sein. Sie hätte Erkundigungen über Lauenstein einziehen und ihren Vater vorbereiten können.

Aber jetzt hatte sie immerhin Rüdiger besänftigt. Er zog hoffnungsvoll ab, gefolgt von seinem jüngeren Bruder, der ihn vergötterte. Ihr Waffenmeister würde die Jungen in der Halle in Empfang nehmen - oder der alte Herr Adalbert, falls sich Leon von Gingst zu gut war, um gemeinsam mit einem Juden zu speisen. Gerlin hatte die Ritter über den seltsamen Besucher ihres Burgherrn reden hören, und auch Rüdigers Bemerkungen zeugten davon, dass Herr Leon auf die Hebräer nicht allzu gut zu sprechen war.

Gerlin tauschte nun endlich das schlichte Hauskleid gegen ein seidenes Hemd, ein hellrotes Untergewand und einen samtenen dunkelblauen Überwurf. Es war Frühling und tagsüber schon recht warm, aber nachts hielt sich noch die Kälte in den Mauern der Burg, und Gerlin hatte den Kamin in ihrer Kemenate nicht anheizen lassen. Sie tat das ohnehin ungern. Das Gemäuer war alt und die Rauchabzüge ungenügend. Mit leisem Bedauern dachte sie an die sehr viel komfortableren Unterkünfte am Hof der Herrin Aliénor. Ein Gefängnis, aber ein luxuriöses! Außerdem war ihre Ziehmutter ihm inzwischen entkommen. Zweieinhalb Jahre zuvor war ihr Gatte gestorben, und man hatte ihren Lieblingssohn Richard zum König gekrönt.

Gerlin begann, ihre Zöpfe zu lösen und ihr Haar zu bürsten, was beträchtliche Zeit in Anspruch nahm. Ihre dicken kastanienfarbenen Locken reichten bis weit über ihren Rücken. Sie waren prachtvoll, aber es dauerte, sie zu entwirren. Auch das hatte sie am Hof der Königin nicht selbst tun müssen. Die Mädchen hatten sich gegenseitig geholfen oder Zofen zur Verfügung gehabt. Hier auf Falkenberg hätte Gerlin dazu extra ein Bauernmädchen anlernen müssen, und es fehlten ihr Muße und Geduld. Wenn sie nach der Tagesarbeit in ihr Gemach zurückkam, wollte sie allein sein. Ein klatschendes, anfänglich sicher ungeschicktes kleines Ding wäre ihr da nur im Wege.

Auch an diesem Abend freute Gerlin sich auf eine ruhige Stunde, die sie gern zur Lektüre eines Buches nutzte - das dazu nötige Kerzenlicht war der einzige Luxus, den sie sich gönnte. Allzu lange würde sie aber sicher nicht mehr wach bleiben. Der Tag war lang gewesen, und Gerlin war müde.

Umso verwunderter war sie, als nach kurzer Zeit ihr Bruder Wolfgang an ihre Tür klopfte.

»Vater wünscht, dass du in den großen Saal kommst«, richtete der Kleine aus. »Der Gast möchte dich kennenlernen. Aber er ist so langweilig! Und dabei muss ich ihm aufwarten. Der Herr Leon sagt, ein hochgeborener Knappe müsse einem Juden nicht aufwarten, das sei unter seiner Würde. Hätte ich das sagen sollen, Gerlin?«

»Um Himmels willen, bloß nicht!« Gerlin sprang auf. »Wenn dein Vater den Herrn Salomon in seiner Halle empfängt, so hast du ihm mit Ehrerbietung zu begegnen, und dem Herrn Leon stünde es wohl an, sich auch daran zu halten! Der ist nämlich nichts als ein Fahrender Ritter, und wenn er deinen Vater brüskiert, kann er sehen, wo er bleibt. Wenn wir deinen Bruder vielleicht nach Lauenstein schicken, braucht er hier keinen Waffenmeister mehr.«

Wolfgang blickte ein bisschen beleidigt und öffnete schon den Mund, um einzuwenden, dass sehr wohl jemand benötigt wurde. Schließlich musste auch er in den Umgang mit Schwert und Lanze eingeweiht werden. Gerlin beschied ihn jedoch kurz, dass dafür auch Herr Adalbert noch geschickt genug sei. Sie hatte jetzt keine Lust, sich mit den Dummheiten des Kleinen zu beschäftigen. Seltsam genug, dass ihr Vater sie in den großen Saal beorderte. Gerlin glättete ihre Kleidung und steckte einen goldenen Reif in ihr Haar, der mit Saphiren besetzt war. Ein wertvolles Stück aus dem Erbe ihrer Mutter. Wenigstens sie wollte dem Besucher ihres Vaters Ehre erweisen.

Herr Peregrin hatte Meister Salomon sowie den Anführer seiner Eskorte an seinen erhöhten Tisch gebeten. Gerlin registrierte mit einem Blick, dass die fein bestickte Tischdecke, die sie dort zuvor aufgedeckt hatte, noch sauber war - Herr Salomon hatte offensichtlich genügend Manieren, das mehrfach gefaltete, um die Gedecke drapierte Leinen zur Reinigung seiner Hände zu nutzen, statt sie einfach am Tischtuch abzuwischen. Die anderen Männer der Eskorte schmausten gemeinsam mit den Rittern der Burg an langen Tischen längs der Wände. Hier hatte Gerlin auf die Tischtücher verzichtet, die Frauen kamen sonst aus dem Waschen nicht mehr heraus. Eben wurden die Reste des Mahles abgeräumt - es musste den Männern gemundet haben. Gerlin stellte fest, dass die gebratenen Schwäne und Gänse fast zur Gänze vertilgt worden waren.

Während sie an den Rittern vorbei auf den Tisch ihres Vaters zuschritt, hielt sie die Augen gesenkt. Gerlin machte einen tiefen Knicks - und blickte erst dann in das Gesicht des Besuchers. Von nahem wirkte Salomon von Kronach etwas älter. Sein ausdrucksvolles Gesicht war von ersten Furchen durchzogen, auch wenn in seinem überaus vollen dunkelbraunen Haar noch kein Grau zu erkennen war. Meister Salomon trug es lang wie ein Ritter - auf Bart und Schläfenlocken, die man sonst oft bei Juden sah, verzichtete er. Seine Lippen waren scharf geschnitten und voll, seine Nase klein und gerade, nicht markant wie in seinem Volk angeblich so verbreitet. Die Brauen wuchsen ebenso üppig wie sein Haar, und er hatte freundliche grünbraune Augen. Der Medikus lächelte Gerlin an.

»Ich stimme Euch zu, Herr Peregrin«, sagte er mit einer volltönenden, dunklen Stimme, die ebenso gut zu einem Troubadour hätte gehören können. »Nur selten sah ich ein Mädchen, das Eurer Tochter an Schönheit gleichkommt!«

Der Medikus nahm bedächtig einen Schluck Wein, bevor er sich direkt an Gerlin wandte.

»Seid gegrüßt, Fräulein Gerlin! Ich hörte, ich verdankte Euch die Auswahl dieses hervorragenden Weines.« Der Medikus wies auf seinen Pokal, und Gerlin nickte verwirrt.

Sie freute sich natürlich, dass es ihm schmeckte. Aber hatte man sie deshalb aus ihrer Kemenate kommen lassen? Und musterte dieser Mann sie nicht etwas zu forschend? Allerdings empfand sie seinen Blick nicht als unangenehm - im Gegenteil. Sein Ausdruck flößte ihr Vertrauen ein.

»Ihr wurdet an einem Königshof erzogen?«, fragte der Medikus.

Gerlin nickte wieder. »Ja und nein«, präzisierte sie dann. »Die Herrin Aliénor befand sich im Exil auf der Insel Oléron, die vor der Küste Frankreichs im Atlantik gelegen ist, als ich in ihrem Haushalt lebte. Sie wurde nicht müde, uns von den Schönheiten ihrer Heimat Aquitanien zu erzählen. Der Nebel und der Wind im Atlantik setzten ihr zu.«

»Aber Ihr hattet nicht den Wunsch, Eleonore von Aquitanien zu folgen, als sie schließlich befreit wurde? In den Süden oder nach England? Oder wohin auch immer ihre Reisen sie führten?«, fragte der Gast. »Hättet Ihr nicht gern bei Hofe gelebt?«

Gerlin verneinte. »Als die Herrin befreit wurde, war ich bereits hier«, erklärte sie dann. »Und es gefällt mir, meinem eigenen Haushalt vorzustehen. Ich hoffe, es war alles zu Eurer Zufriedenheit?« Mit einer knappen Handbewegung umfasste sie die Halle und Hofhaltung ihres Vaters. Der Mundschenk erschien eben mit neuem Wein, Rüdiger bediente die Ritter, wie Gerlin es ihm geraten hatte.

Der Medikus nickte erneut. »Ich seid nicht nur schön, sondern auch eine treffliche Hausfrau. Euer künftiger Gatte kann sich glücklich schätzen, Fräulein Gerlin.«

Peregrin von Falkenberg nickte jetzt auch und wies Gerlin mit einer winzigen Bewegung seiner Hand an, sich zurückzuziehen.

Das Mädchen knickste erneut und verabschiedete sich. Es konnte sich nach wie vor keinen Reim auf diese Begegnung machen. Meister Salomon war freundlich und gut aussehend. Aber er war Jude und nicht von Adel, kam als Bräutigam für sie also nicht infrage. Warum man ihm die Tochter des Hauses trotzdem hatte vorführen müssen, blieb Gerlin schleierhaft.

Der Besuch erwies sich als kürzer, als Gerlin gedacht hatte. Schon am nächsten Morgen traf sie den Medikus und seine Ritter im Burghof an, wo man ihnen eben ihre gesattelten Reittiere zuführte. Gerlin überlegte kurz, befand es dann aber durchaus als schicklich, sich einen Augenblick zu ihnen zu gesellen und sich zu verabschieden. Immerhin hatte man sie vorgestellt - und der seltsame Besucher faszinierte sie. So trat sie zu ihm und bewunderte sein Maultier. Die Stute war wirklich erlesen schön, das Sattelzeug schlicht, aber kostbar. Ihr Reiter hatte seine Reisekleidung vom Vortag durch einen schweren Mantel und einen breitkrempigen Hut ergänzt. Es war kühl und regnerisch, auch Gerlin schützte sich mit einem Umhang.

»Wie heißt sie?«, fragte Gerlin und streichelte die weiße Stute, die freundlich an ihren Kleidern schnüffelte.

»Sirene«, gab der Medikus freundlich Auskunft und nahm dem Pferdeknecht die Zügel ab.

Gerlin lachte. »So muss sie wohl eine wahrhaft betörende Stimme haben!«, bemerkte sie. »Aber ruft sie lieber Pferde- oder Eselhengste zu sich, um sie ins Verderben zu stürzen?«

Mit einem wohlgefälligen Lächeln würdigte Salomon von Kronach Gerlins Anspielung auf die Odyssee. Er war sichtlich beeindruckt von ihrer klassischen Bildung. »Sie verdankt ihren Namen in der Tat ihren außergewöhnlichen Lautäußerungen. Ich denke, Ihr werdet Gelegenheit haben, sie einmal zu hören - auch wenn dies ein zweifelhaftes Vergnügen ist. Ihre Namensgebung entsprach eher dem Schalk meines Neffen Abram als dem Wohlklang ihrer Rufe. Ich hoffe, Euch bald wiederzusehen, Fräulein Gerlin!«

Die Ritter seiner Eskorte hatten bereits ihre Pferde erstiegen, und der Medikus beeilte sich, es ihnen nachzutun. Er schwang sich sehr geschickt in den Sattel und nahm die Zügel so selbstverständlich auf wie ein geübter Reiter.

Gerlin knickste noch einmal, während die Männer ihre Pferde in Gang setzten, schauderte trotz ihres Mantels vor Kälte und Nässe und wunderte sich über Herrn Salomons Abschiedsworte. Plante der Mann einen weiteren Besuch? Vielleicht auf der Rückreise, egal wohin immer die Männer unterwegs waren? Ihr Vater hatte nichts davon gesagt. Oder wollte Meister Salomon nur höflich sein?

Mit einem leichten Lächeln vernahm Gerlin nun immerhin den Protestruf der Stute Sirene, die dem Stall der Burg wohl nachtrauerte. Ein flötenartiger Ton, der dann in ein tremolierendes Wiehern mündete. Sirene - ein weibliches Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, das durch seinen Gesang Schiffer dazu verführte, ihre Boote gegen die Klippen zu lenken! Wenn der jüdische Heiler tatsächlich noch einmal Station auf Falkenberg machen sollte, würde Gerlin ihren Vater bitten, mit ihm und seinem Besucher speisen zu dürfen. Selbst das eben geführte kleine Gespräch hatte ihr mehr Kurzweil geboten, als sie seit ihrem Weggang vom Minnehof erfahren durfte.

Kapitel 2

Wie jeder Tag, so war auch dieser Morgen für Gerlin angefüllt mit Entscheidungen und Verrichtungen rund um den großen Haushalt auf der Burg. Der Koch wollte die Speisen für den Abend besprechen, die Knechte mussten angewiesen werden, die Heuböden zu reinigen, denn bald würde neues Futter angeliefert werden. Gerlin verschob einen Ausritt zur Inspektion der Heuwiesen, da es nach wie vor regnete.

Rüdiger murrte, dass Leon von Gingst deshalb seine Waffenübungen ausfallen ließ, und Gerlin überlegte kurz, sich deswegen an ihren Vater zu wenden. An sich ging es nicht an, dass der junge Ritter sich mit dem Wetter herausredete, wenn er keine Lust hatte, die Knappen zu unterrichten. Schließlich wurden auch bei Regen Kriege geführt! Rüdigers Waffenmeister gefiel ihr immer weniger. Sie würde mit ihrem Vater darüber reden müssen. Jetzt aber verwies sie ihren Bruder erst mal an den Hofkaplan. Der hatte Zeit, und auch wenn der Knappe es anders sah: Gerlin hielt es durchaus für nötig, dass er lesen, schreiben und die Grundlagen des Rechnens erlernte.

Rüdiger versuchte natürlich, sich zu drücken, indem er irgendetwas von einem Geheimnis faselte, das er Gerlin nicht verraten durfte, aber sie hatte sich bereits anderen Beschäftigungen zugewandt. Rüdiger hatte in den letzten Jahren viel zu viel Aufmerksamkeit erfahren. Nach dem Tod seiner geliebten Frau vergötterte Peregrin von Falkenberg seine Söhne. Gerlin verstand das, gedachte jetzt aber gegenzusteuern. Ein Ritter hatte die Tugenden des Maßhaltens und der Demut zu erlernen - schlimm genug, dass Leon von Gingst dem Jungen eher Hochmut und Standesdünkel vermittelte.

Während Gerlin mit den Mägden besprach, welche der älteren Kleidungsstücke ihrer Brüder den Bettlern geschenkt und welche noch einmal ausgebessert werden konnten, ereilte sie ein Ruf ihres Vaters. Erneut war es Wolfgang, der die Nachricht überbrachte - der Kleine grinste über das ganze Gesicht und schien unter der Last eines Geheimnisses fast zu bersten.

»Ich weiß, was Vater von dir will, aber ich darf es dir nicht sagen!«, brüstete er sich begeistert.

»Dann schweig auch still!« Gerlin nahm rasch ihre Schürze ab, bevor sie sich in die Räume ihres Vaters begab. »Und solltest du nicht mit deinem Bruder in der Kapelle sein und mit dem Kaplan die Bibel studieren?«

Inzwischen platzte sie allerdings fast vor Neugier. Wenn die Jungen so aufgeregt waren, ging es womöglich wirklich um Rüdigers Einführung in den Ritterstand. Er war manchmal etwas ungebärdig, aber ein guter Junge und jetzt schon ein schneidiger Reiter und begabter Schwertkämpfer. Sie würde ihm eine Erziehung auf Lauenstein so sehr gönnen! Und womöglich nahmen die Ornemünder ja beide Jungen. Dann konnte man sich Leon von Gingsts endlich entledigen. Gerlin beschloss, auch dieses Thema auf jeden Fall bei ihrem Vater anzusprechen.

Peregrin von Falkenberg saß in einem hohen Sessel am Fenster. Der Erker bot einen weiten Blick über die Siedlung vor der Burg und das Flüsschen Waldnaab, auch wenn der Platz den Ritter stets mit etwas Wehmut erfüllte. Isabelle hatte hier gern gesessen und über ihr Land geschaut - solange sie gesund war, hatte es ihr gefallen, mit ihrem Gatten auszureiten und die Dörfer zu inspizieren. Peregrin erinnerte sich noch gut daran, wie sie den Bauern in ihrem französisch gefärbten Deutsch freundliche, aufmunternde Worte sagte. Seine Untertanen hatten sie geliebt. Zuletzt hatte sie dann nur noch im Erker sitzen und das vorbeifließende Leben beobachten können. Gerlins Mutter war nun sechs Jahre tot, aber Peregrin betrauerte sie immer noch.

Nun, an diesem Tag konnte er zumindest ihrer Tochter eine gute Nachricht verkünden. Sofern Gerlin die Neuigkeit als gute Nachricht nahm … Peregrin schaute dem Gespräch mit dem Mädchen mit leichter Nervosität entgegen.

Wie erwartet erschien Gerlin umgehend in seiner Kemenate. Sie hatte keine Zeit damit vergeudet, sich höfisch zu kleiden und zu kokettieren - er würde ihre gradlinige, zuverlässige Art vermissen! Das Mädchen grüßte vertraut und ließ sich ungezwungen auf einem Schemel zu seinen Füßen nieder.

»Was liegt an, Vater? Seid Ihr verstimmt, weil Euer Gast Euch so bald schon verlassen hat? Es war doch alles zu seiner Zufriedenheit, oder?«

Peregrin von Falkenberg nickte. Er war ein hochgewachsener, wenn auch vom Kummer etwas gebeugter Mann mit scharfen Zügen und blondem, schon ein wenig schütterem Haar.

»Alles war zu seiner vollsten Zufriedenheit, Kind. Du hast einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Weshalb Herr Salomon seine Entscheidung denn auch bereits getroffen hat - und ich habe zugestimmt. Nun bist nur noch du gefragt … aber du kannst nicht Nein sagen, es ist eine Gelegenheit, die sich dir nie wieder bietet!« Peregrins lange Finger verschränkten sich ineinander, er rang die Hände, wie immer, wenn er nervös war, aber nun griff er entschieden nach der Hand seiner Tochter.

Gerlin runzelte die Stirn. »Wozu kann ich nicht Nein sagen?«, fragte sie argwöhnisch.

Peregrin räusperte sich. »Gerlin, Kind, Herr Salomon … nun, er kam als … als Brautwerber.«

Gerlin richtete sich alarmiert auf. Aber ihr Vater sprach weiter, bevor sie Fragen stellen konnte.

»Ich weiß, Gerlin, ein Jude und Medikus als Brautwerber ist eine seltsame Sache, aber Herr Salomon hat seinem Herrn wohl sehr nahegestanden. Er hat ihm auf dem Totenbett versprochen, dass …«

»Er wirbt für einen Toten?«, fragte Gerlin ungläubig.

Peregrin schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht! Aber er wirbt für einen Erben. Herr Salomon sucht nach einer passenden Gattin für seinen Herrn Dietrich von Lauenstein aus dem Geschlecht der Ornemünder. Ein Fürst, Gerlin, ein Mann von hohem Adel!«

»Ein Mann?«, fragte Gerlin. »Wenn ich dich richtig verstehe, geht es doch um den Erben des alten Lauensteiners, oder? Und von dem hörte ich, er sei noch ein Kind.«

Peregrin biss sich auf die Lippen. »Kein Kind, Gerlin, aber … aber ein … ein Junge … Dietrich von Lauenstein zählt dreizehn Lenze, bald vierzehn. Er wird … er wird in Kürze seine Schwertleite feiern.«

Gerlin sprang auf und entriss ihrem Vater dabei ihre Hand. »Vierzehn? Ein Knappe? Das könnt Ihr mir nicht antun, Vater! Ich bin vierundzwanzig! Ihr könnt mich nicht mit einem Kind vermählen!«

»Aber Gerlin, ich will dir nichts Böses!« Peregrin hob wie um Verzeihung heischend die Arme. »Im Gegenteil. Schau, Dietrich ist jung, aber das bleibt er ja nicht. Ich vermähle dich nicht mit einem Kind, ich vermähle dich mit einem Hochadligen! Du wirst über eine Grafschaft herrschen, Gerlin. Ein reiches, großes Lehen!«

Gerlin schüttelte hilflos den Kopf. »Aber Vater, ich heirate doch nicht nur einen Titel oder ein Stück Land. Ich werde mit diesem Mann leben müssen, der noch kein Mann ist! Ich träume nicht von einer Grafschaft, Vater, ich träume von Minne, von Liebe, von Gemeinschaft … von einem Mann, der mir ebenbürtig ist, der mir auch ein Freund sein kann.«

Peregrin von Falkenberg hob die Schultern. »Aber das eine schließt das andere doch nicht aus, Kind. Sieh es einmal so, Gerlin: Du wirst den Frühling zum Mann nehmen, einen schönen, unberührten Jüngling. Er wird dich lieben, dich anbeten, du wirst fähig sein, ihn dir zu formen. Und du wirst reich sein und einen großen Hof führen. Gräfin von Ornemünde zu Lauenstein … Ist das nicht mehr, als wir uns je erhoffen konnten?«

Gerlin biss sich auf die Lippen. Das alles klang nicht, als ob sie noch eine Wahl hätte. »Ihr habt wirklich schon zugesagt, Vater? Es ist beschlossen?«

Peregrin nickte. »Ich musste, obwohl Herr Salomon darauf drängte, dich vorher zu fragen. Ansonsten hätte er nämlich noch weitere Burgen aufgesucht, er hatte noch zwei andere Mädchen in der engeren Wahl. Aber er lässt dir ausrichten, dass du dich durch meine Zusage nicht unbedingt gebunden fühlen sollst. Wenn du absolut nicht willst, so kannst du noch ablehnen. Natürlich würde ich mein Gesicht verlieren.« Er lächelte zögernd. »Du wirst ja auch noch überlegen, Gerlin. Du bist jetzt überrascht, es schreckt dich, dass ich schon für dich entschieden habe, aber wenn du darüber nachdenkst … Herr Salomon sprach auch nur gut von seinem Herrn.«

»Seinem Herrn?«, spottete Gerlin. »Doch wohl eher seinem Schützling oder Zögling oder Schüler! Was ist dieser Dietrich, dass er so um ihn besorgt ist?«

»Der Sohn seines besten Freundes«, gab Peregrin schlicht zurück, »den er so sehr liebt, dass er nur das Beste für ihn will. So sehr, dass er sich sogar darum sorgt, ob du dieser Ehe nicht nur zustimmst, sondern es gern tust. Dietrich soll eine Gattin haben, die ihn liebt.«

Gerlin warf den Kopf zurück. »Und warum sucht er ihm dann eine, die fast doppelt so alt ist wie er? Gibt es kein dreizehnjähriges liebliches Mägdelein, das umgehend in Liebe zu ihm entbrennt, wenn er denn nur halbwegs schön und freundlich ist?«

Peregrin rieb sich die Stirn. »Gerlin, es geht um etwas mehr als eine Ehefrau … Die Situation für Dietrich ist nicht ganz einfach, Herr Salomon war da ganz offen zu mir. Der Knabe ist der einzige Sohn des Lauensteiners - was dem wohl zeitlebens Sorge bereitete. Nachdem Dietrichs Mutter starb, hat er noch zweimal geheiratet - die erste dieser Frauen ist im Kindbett gestorben, Dietrichs Bruder hat sie nur um zwei Tage überlebt. In seiner Verzweiflung hat der Mann dann noch einmal gefreit, um Luitgart von Nürnberg, eine Frau in deinem Alter. Er nahm sie, kurz bevor er starb. Er hatte keine Gelegenheit mehr, sie zu schwängern. Diese Luitgart ist nun Regentin - bis Dietrich seine Schwertleite feiert. Und sie scheint nicht willens, den Rang der Hausfrau kampflos aufzugeben. Dazu legt wohl noch ein anderer Ornemünder die Hand auf das Erbe … Dietrich wird es verlieren, wenn er seine Stellung nicht sehr bald festigt.«

»Worunter ich zu verstehen habe, dass er nicht nur eine Frau nehmen, sondern sie auch umgehend schwängern muss?« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Gerlin setzte sich wieder, aber nicht wie ein Kind zu Füßen ihres Vaters auf den Schemel, sondern in einen der hohen Stühle am Feuer, das Peregrin hatte anzünden lassen. Gerlin meinte, die Wärme zu brauchen. Nach dem ersten Schrecken schien das Blut in ihren Adern zu stocken.

Den Frühling freien … das klang eher wie ewiger Winter.

Peregrin sah seine Tochter nicht an, als er nickte. »Du wurdest an einem Minnehof erzogen.«

Er sprach nicht weiter - und Gerlin verbot sich eine scharfe Erwiderung. Ihr Vater und Salomon von Kronach, dem man sicher keine mangelnde Weisheit unterstellen konnte, hatten Recht. Was Dietrich brauchte, war kein eingeschüchtertes, unwissendes Kind, das vielleicht gerade zum ersten oder zweiten Mal blutete. In diese Ehe ging nicht nur die Frau unberührt, auch Dietrich würde lernen müssen. Und obwohl es an Minnehöfen sehr viel züchtiger zuging, als man gemeinhin annahm, war Gerlin doch nicht verborgen geblieben, was zwischen Mann und Frau zu geschehen hatte, damit ein Kind entstand. Sie seufzte.

»Du sagst, der Junge sei wohlerzogen und freundlich?«, fragte sie leise.

Peregrin nickte. »Das sagte mir Herr Salomon. Er war voll des Lobes von dem Knaben. Der Junge sei auch verständig und klug - weit über sein Alter hinaus. Denk darüber nach, Gerlin, bitte! Und lass mich deine Entscheidung bald wissen!«

Gerlin traf auf ihre Brüder, als sie die Räume ihres Vaters verließ. Sie mochten an der Tür gelauscht haben, aber Gerlin erkannte mit einem Blick, dass ihr Vater sogar die Katzenklappe sorglich verschlossen hatte. Sehr laut gesprochen hatten sie ebenfalls nicht, sicher war nichts herausgedrungen. Rüdiger und Wolfgang wirkten auch nicht ertappt, sondern plauderten eifrig miteinander. Nun aber stürzten sie sich auf Gerlin.

»Du wirst ihn doch freien, nicht?«, fragte Rüdiger. »Auch wenn er natürlich … also es ist schon ein bisschen seltsam, er ist ja nicht viel älter als ich. Aber denk dir, ich kann mit dir kommen, als Knappe auf die Burg Lauenstein! Ich werde zum Ritter geschlagen werden, zusammen mit diesem Dietrich. Und bald, Gerlin! Ich kann es kaum erwarten! Du sagst nicht Nein, oder? Das kannst du mir nicht antun!«

Kapitel 3

Gerlin von Falkenberg sagte nicht Nein. Sie weinte sich in dieser Nacht in den Schlaf und verabschiedete sich von allen minniglichen Träumen. Kein Held, kein wunderschöner Ritter in glänzender Rüstung für Gerlin - aber wenn sie es nüchtern betrachtete, war damit ja auch ohne das Angebot der Lauensteiner kaum zu rechnen gewesen.

Im Grunde hatte es für Gerlin und ihre Freundinnen am Minnehof nur selten einen solchen Ritter gegeben. Die Mädchen tändelten mit den jungen Helden, tauschten vielleicht verstohlene Küsse im Rosengarten der Herrin Aliénor. Aber verheiratet wurden sie mit den Männern, die ihren Vätern genehm waren. Sie mochten uralt sein oder blutjung, hässlich oder gar bösartig. Gerlin hätte es viel schlimmer treffen können. Der junge Dietrich schien doch zumindest von ansprechender Gestalt und freundlichem Wesen zu sein. Und wer wusste es schon - vielleicht wuchs er ja wirklich zu der Lichtgestalt aus Gerlins Träumen heran und verzichtete darauf, seine ältere Gattin dann gegen eine jüngere Schönheit einzutauschen, wie es König Heinrich mit der Herrin Aliénor getan hatte.

Gerlin jedenfalls rüstete sich für die Reise, desgleichen der aufgeregte Rüdiger. Zumindest seine Träume gingen in Erfüllung. Er würde weitaus früher zum Ritter geschlagen werden, als er sich ersehnt hatte. Gerlin hoffte, dass sein Waffenmeister ihn wenigstens ausreichend darauf vorbereitet hatte. Es wäre mehr als peinlich, wenn die Lauensteiner Knappen den Falkenberger Erben demnächst mehrmals täglich vom Pferd tjosteten!

Gerlin berichtete der Herrin Aliénor von ihrer bevorstehenden Hochzeit, und wider Erwarten antwortete die englische Königin postwendend mit einem herzlichen Brief, dem ein kostbares Geschenk beilag. Eleonore von Aquitanien sandte ihr ein Medaillon mit einer Miniatur - ihr Bildnis und ihr Namenszug, eingefasst in Gold - an einer goldenen Kette.

Ich habe dieses Schmuckstück dereinst für Eure Mutter anfertigen lassen, als ich hörte, sie sei schwer erkrankt. Wir waren gute Freundinnen, und ich hoffte, der Gruß von mir und mein Bildnis würden ihr Trost spenden. Leider starb sie, bevor ich es absenden konnte. Es würde mich freuen, wenn Ihr es jetzt an ihrer Stelle über dem Herzen trüget, schrieb sie.

Gerlin war gerührt und erfreut und legte das Schmuckstück gleich an. Ihre Aussteuer bestand fast nur aus Kleidern und Stoffen, die noch ihre Mutter mit nach Falkenberg gebracht hatte. Gerlin selbst hatte kaum etwas angeschafft. Allerdings traf kurz nach ihrer Zusage eine Truhe ein, gefüllt mit edelsten Seidenstoffen und Brokat aus Al Andalus, feinstem Linnen und Damast, dazu goldfädendurchwirkte Gürtel mit goldenen Schließen und aufgenähten Halbedelsteinen. Das Schreiben dazu stammte von Salomon von Kronach. Es sei ihm eine Ehre, der künftigen Braut seines Schützlings Dietrich ein paar bescheidene Stoffproben aus dem Fernhandel seines Bruders Jakob zusenden zu dürfen. Ein Teil davon möge sich für die Erstellung eines Hochzeitsgewandes eignen.

Gerlin war hingerissen von einem blauen, durchscheinenden, zarten Damast und machte sich sofort daran, ein Kleid daraus zu schneidern. Vielleicht nicht gleich für die Hochzeit, aber doch für ihr erstes Zusammentreffen mit ihrem künftigen jungen Gatten.

Peregrin von Falkenberg plagten andere Sorgen. Er stand vor dem Problem, seiner Tochter und seinem Sohn eine standesgemäße Eskorte zuzuweisen, aber tatsächlich verfügte seine Burg über nur wenige Ritter.

Falkenberg lag am Rande der Oberpfalz, das Lehen war bescheiden, warf aber genug ab, dass sie davon leben konnten. Mit seinen Nachbarn lebte Peregrin in Frieden, desgleichen sein Pfalzgraf. Er hatte nie Lehnspflichten von Peregrin eingefordert. Insofern sah der Burgherr keine Notwendigkeit, mehr Ritter als nötig durchzufüttern, und für Fahrende Ritter war die Burg auch wenig attraktiv, da der Dienst bei Herrn Peregrin kaum Aufstiegschancen bot. Wo keine Kriege geführt wurden und keine Fehden anstanden, waren keine Lehen zu erwerben - ja, es gab hier nicht mal Turniere zu bestreiten, in deren Verlauf man vielleicht interessantere Herren auf sich aufmerksam machen konnte.

Folglich hielt Peregrin seine Burg mit einer kleinen Stammbelegschaft von älteren Rittern, die jede Hoffnung auf Ruhm längst aufgegeben hatten. Ohne Land konnten sie keine standesgemäßen Ehen eingehen, aber die meisten hielten sich ein Liebchen unter den Hausmädchen oder den Bauerntöchtern im Dorf, die gegen kleine, aber regelmäßige Aufmerksamkeiten aus Küche und Keller der Burg klaglos ihre Kinder zur Welt brachten und großzogen. Verständlich, dass kaum einer dieser Ritter Lust hatte, seinen sicheren Platz auf Falkenberg und seine Familie für eine untergeordnete Stellung im Dienst der Lauensteiner aufzugeben. Gerlin war nicht sehr erbaut von dem Aufgebot, mit dem ihr Vater sie schließlich konfrontierte.

»Kind, ich kann dir nicht mehr als zwei Ritter mitgeben«, meinte er bedauernd. »Aber ich trenne mich immerhin von meinem besten, Herrn Leon von Gingst. Du weißt, er war Rüdigers Waffenmeister, und er ist willig, seinen Zögling zu begleiten - auf Lauenstein mag er auch mehr Möglichkeiten sehen, Ruhm und Ehre zu gewinnen. Dazu hat sich Herr Adalbert bereit erklärt, mit dir zu gehen. Er ist nicht mehr jung, aber er hat dennoch gebeten, mir dir ziehen zu dürfen. Er ist dir aus ganzem Herzen zugetan!«

Gerlin runzelte die Stirn. Bislang hatte der alte Ritter niemals Anzeichen größerer Verehrung ihr gegenüber erkennen lassen. Sie selbst nahm eher an, dass sich hier sein schlechtes Gewissen regte. Herr Adalbert war alt, aber ein Ritter ohne Tadel. Sicher war es ihm nicht recht, seinem Burgherrn auf der Tasche zu liegen, und nun ergriff er die Gelegenheit, auf ehrenvolle Weise seinen Abschied zu nehmen. Sicher würde er Gelegenheit finden, Gerlin auf Lauenstein in kleinen Dingen zu Diensten zu sein. Er mochte ihren Söhnen das Reiten beibringen und mit ihnen das erste Holzschwert schnitzen, für sie selbst Botendienste leisten und ihr eine Eskorte bieten, wenn sie ausritt oder karitativen Pflichten nachging. Der Weg zum nächsten Kloster war im Allgemeinen nicht so gefährlich, dass dafür jüngere Streiter abgerufen werden mussten.

Gerlin jedenfalls hatte nichts gegen Herrn Adalbert. Er war zweifellos loyal. Mit Herrn Leon verhielt es sich da anders. Gerlin hatte sich bislang mit ihren Ressentiments gegen Rüdigers Waffenmeister zurückgehalten. Da ihr Bruder ihn nun sowieso nicht mehr brauchte, hatte sie darauf verzichtet, ihren Vater auf seine Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen. Im Stillen hatte sie gehofft, dass der Haudegen sich ohnehin anderswo eine Stellung suchen würde, wenn seine Dienste nicht mehr benötigt würden. Dass er das nun ausgerechnet an ihrem Hof, geschützt durch ihren Namen zu tun gedachte, gefiel ihr nicht.

»Meint Ihr denn, Vater, dass ich mich auch auf Herrn Leons Vasallentreue vollständig verlassen kann?«, fragte sie vorsichtig.

Peregrin zuckte die Schultern. »Hast du Gründe, daran zu zweifeln, Kind?«, erkundigte er sich. »Freilich, Herr Leon ist nicht unbedingt der Mann, den Königin Eleonore als den ›Stolz der Ritterschaft‹ bezeichnen würde. Soweit ich weiß, schlägt er weder die Laute noch kann er einen Ton singen. Aber er ist doch ein rechter Kämpfer - er hat sich in so manchem Turnier ausgezeichnet, bevor er zu uns kam.«

Gerlin wollte einwenden, dass ihr Leons Sangeskunst ziemlich egal war. Sie störte sich mehr daran, dass der Ritter weder lesen noch schreiben konnte und auch äußerst geringschätzig auf alle herabblickte, die diese Künste beherrschten. Witwen und Waisen, Priester und Nonnen hatten von ihm nicht viel Schutz zu erwarten - Leon von Gingst imponierte man nur mit roher Gewalt. Ob er einem jungen Herrn wie Dietrich loyal dienen würde? Einem Knaben, zu dessen engsten Beratern Juden - und demnächst vielleicht seine ältere Gattin gehörten?

Bislang hatte Gerlin keine große Ehrerbietung von Herrn Leon erfahren, und soweit sie wusste, gab es auch keine Minneherrin, unter deren Zeichen der Ritter in den Kampf zog. Frauendienst - am Minnehof eine wichtige Tugend, der sich die jungen Ritter mit Eifer widmeten - schien ihm also wenig zu liegen. Nun waren das alles keine Argumente, die Herrn Peregrin überzeugen würden.

»Schau, Gerlin, wie es aussieht, scheinst du den jungen Herrn nicht sehr zu mögen«, fuhr der Burgherr denn auch fort, als Gerlin unschlüssig schwieg. »Aber es ist doch so, dass wir nicht allzu viele vorzeigbare Ritter aufzubieten haben. Und willst du denn nur mit einer Eskorte von Greisen und Knappen auf Lauenstein einreiten?«

Gerlin konnte auch dagegen nicht allzu viel einwenden. Sie hoffte ohnehin, dass ihr Dietrich oder Herr Salomon eine schlagkräftige Eskorte für die Begleitung in den Frankenwald stellen würden. Allein mit Adalbert, Leon und Rüdiger, dafür mit einer vollen Brautausstattung eine mehrtägige Reise anzutreten, schien ihr nicht geraten. Es gab Raubritterburgen am Weg, von den üblichen Strauchdieben und Wegelagerern ganz abgesehen.

Nun hätte sie sich diese Sorge nicht machen müssen. Herr Salomon gab ihr gerade einen Monat Zeit, um ihre Aussteuer zusammenzustellen. Dann traf eine kleine Streitmacht, bestehend aus vier gut gerüsteten Rittern und zwei Knappen auf Falkenberg ein.

Peregrin ließ Gerlin rufen, sobald ihm Boten gemeldet hatten, dass sich die Männer der Burg näherten. Das junge Fräulein war eben dabei, eine Holzlieferung in Empfang zu nehmen und zu kontrollieren, mittels derer Ställe und Schuppen nach dem Winter ausgebessert werden sollten. Nun kam sie direkt aus dem Torhaus der Burg in die Räume ihres Vaters. Sie war verschwitzt, und an ihrem Umhang hafteten Sägespäne.

»Kind, ich habe Kunde, dass die Abordnung von Lauenstein im Anritt ist. Es heißt, sie führten zwei Knaben mit sich als Knappen! Nicht in hochherrschaftlichem Gepränge, aber es ist doch gut möglich, dass sich Herr Dietrich hier im Schutz seiner Ritter, demütig als einfacher Knappe gekleidet, ein Bild von seiner Braut zu machen gedenkt! Davon reden zumindest Rüdiger und Wolfgang … und was denen einfällt, wird wohl auch anderen Jungen in den Kopf kommen.« Peregrin musterte Gerlin. »Herrgott, Mädchen, und du läufst hier herum wie eine Bauernmagd!«, tadelte er sie. »Nun, es ist noch nicht zu spät. Sieh zu, dass man dir ein Bad bereitet - vielleicht schaffst du es ja, dich halbwegs höfisch herzurichten, bis die Herren einreiten. Dann kannst du sie im Burghof willkommen heißen.«

Gerlin unterdrückte eine scharfe Erwiderung. Sie liebte die Beaufsichtigung der Arbeiter, die die Ausbesserungen vornehmen sollten, nicht, aber sie konnte sie niemand anderem anvertrauen. Der Kaplan empfand es als unter seiner Würde als Gottesmann, Bretter und Pfähle auf korrekte Länge und Breite zu kontrollieren - er fiel also aus. Ansonsten konnten außer Gerlin nur Peregrin, Rüdiger und Wolfgang genügend gut schreiben und rechnen, um kein heilloses Durcheinander in den Rechnungsbüchern anzustellen. Rüdiger wäre der beste Ersatz für seine Schwester gewesen, aber sie ahnte, dass er sich weigerte, solch »unritterliche« Aufgaben zu übernehmen.

Im Stillen verfluchte Gerlin wieder mal Leon von Gingst, der ihn in diesen Ansichten unterstützte. Dabei war Rüdiger kein Leben als Held bestimmt, sondern als Erbe eines Lehens, und wenn er dies erfolgreich bearbeiten wollte, sollte er mindestens so gut wirtschaften lernen, wie das Schwert zu führen. Gerlin hoffte, dass man ihm dies am Hof zu Lauenstein klarmachen würde - zumindest Dietrich war laut Herrn Salomon gebildet und belesen.

Dieses Mal würde sie sich allerdings Wolfgang packen müssen, der sich bestimmt freute, wenn man ihm die Aufgaben eines Erwachsenen übertrug. Leider war er bislang alles andere als perfekt im Abmessen und Notieren von Zahlen …

Als Gerlin endlich alles geregelt hatte, war es entschieden zu spät für ein Bad in den Frauengemächern. Schließlich musste das Wasser dafür in ihre Kemenate hinaufgeschleppt werden, und das kostete Zeit - und die Arbeitskraft von Knechten, die man beim Holzabladen benötigte. Gerlin überlegte kurz, ob es ohne Bad ging, entschied aber dann, dass sie eine Erfrischung brauchte. Sie lief rasch durch den Burghof, den Küchengarten und hinab in Richtung Fluss. Die Ritter und ihre Pferde badeten dort täglich, die Mägde und Bauernmädchen im Schutz eines Weidendickichts nach der Tagesarbeit. Peregrin achtete strikt darauf, dass sie dabei nicht gestört wurden. Bei Beschwerden gegen ihnen auflauernde Männer verhängte er harte Strafen.

Gerlin selbst erfrischte sich meist am späten Nachmittag kurz im Wasser. Dann waren die Ritter fort, aber die Mädchen noch nicht da, das Bad ersparte ihr aufwändigere, wenn auch ihrem Stand angemessenere Reinigungsprozeduren. Auch an diesem Tag war Gerlin allein an der Badestelle, aber als sie sich eben wieder ankleidete, hörte sie Stimmen auf der anderen Seite des Weidendickichts. Es mündete dort in ein Wäldchen, abgewandt von der Burg.

»Du bist ein Knappe, mein junger Freund, und als solcher obliegt dir die Reinigung der Rüstungen!«, erklärte eine scharfe, befehlsgewohnte Tenorstimme. »Wenn du zum Ritter geschlagen bist, kannst du auftrumpfen, aber jetzt nimmst du dir ein Tuch und polierst diesen Harnisch!«

Gerlin spähte durch das Dickicht und entdeckte eine Gesellschaft von sechs Reitern mit schönen, gepflegten Pferden. Die Männer entledigten sich eben ihrer Reisekleidung - sie waren nur in ihren Kettenhemden geritten - und planten wohl, zunächst zu baden und danach ihre mitgeführten Rüstungen anzulegen. Gerlin hätte das mit Besorgnis gesehen, hätte ihr Vater eine Fehde gehabt, aber feindliche Ritter pflegten sich nicht vor dem Angriff im Burggraben des Gegners zu reinigen. Sie war sicher, die Eskorte der Lauensteiner vor sich zu haben, die mit großem Gepränge und frisch polierten Rüstungen auf der Burg der Braut ihres Herrn einreiten wollten.

Gerlin war gerührt - solchen Aufwand kannte sie eher aus Ritterromanen denn aus der Wirklichkeit. Rüstungen waren schwer, der Ritt darin unbequem. Nur um eine Braut zu ehren, tat man sich das selten an - höchstens, wenn der Bräutigam unter den Rittern oder Knappen war!

»Ich bin von hoher Geburt!«, verteidigte sich der Knappe mit quäkender Stimme. »Ich muss kein Silber putzen!«

Hoffentlich war dies nicht Dietrich! Gerlin registrierte ein weichliches Jungengesicht und einen untersetzten Körperbau. Wenn sie diesem Knaben beiliegen musste … sie schauderte. Der andere, ein dunkelhaariger Junge, wirkte bescheidener. Er polierte auch schon brav die Brustpanzer der Ritter.

»So ist es gut, Herr Friedhelm!«, lobte ihn der blonde Ritter, der den anderen Knappen eben gemaßregelt hatte.

Der Dunkelhaarige war es also nicht. Gerlin beschloss, zur Burg zurückzueilen. Wenn die Ritter ins Wasser tauchten und etwas hinausschwammen, würde sie sonst in ihr Blickfeld geraten. Bedrückt machte sich das Mädchen auf den Weg. Ihr Vater hatte ihr befohlen, ihr Festkleid anzulegen. Gerlin rief eine Magd zu Hilfe und stieg vorsichtig in ein seidenes Untergewand, über das sie den azurblauen Damast zog. Der golddurchwirkte Gürtel und ein dazu passendes, mit Goldfäden durchzogenes, breites Stirnband rundeten das Bild ab. Nach kurzem Zögern entschied sie sich für einen Schleier - es musste ja nicht sein, dass gleich jeder der Ritter ihr Gesicht sah. Gerlin spielte mit dem Medaillon der Herrin Aliénor. Sie sehnte sich wie nie zuvor nach dem Zuspruch einer Mutter.

Peregrin erwartete sowohl Gerlin als auch die Ritter im Burghof. Rüdiger kletterte einen Wehrgang hinauf, um die Eskorte einreiten zu sehen.

»Sie kommen!«, meldete er eben. »Und, Vater, Gerlin, ihr glaubt nicht, wie sie sich gerüstet haben! Sechs Ritter in vollem Staat, und die Sonne bricht sich in den Panzern, so glänzend sind sie poliert! Das zeugt von hoher Ehrerbietung, Gerlin! Und wie reich müssen die Lauensteiner sein, dass sie sechs Ritter derart erlesen ausstatten!«

Gerlin händigte dem Kämmerer eben noch die Schlüssel für den Weinkeller aus und bestellte den Wein für den Begrüßungstrunk. Ihr war jämmerlich zumute. Auch die glänzendste Rüstung würde sie nicht über den weichlichen Körper und die quäkende Stimme dieses Knappen hinwegtrösten.

Wie es ihrem Stand entsprach, ritten die Knappen als Letzte ein, saßen aber als Erste ab, um den Rittern die Pferde abzunehmen. Wieder war es der groß gewachsene dunkelhaarige Junge, der behände vom Pferd sprang - die Knappen trugen noch keine Rüstung. Der Blonde ließ sich mehr Zeit, er schien auf die Knechte der Burg zu warten, statt sich der Pferde der Ritter anzunehmen.

Der Anführer der Eskorte hielt ihm provozierend die Zügel seines Hengstes entgegen. »Wird's bald, Herr Theobald?«

Gerlins Herz flog ihm zu. Theobald, nicht Dietrich! Wenn ihr künftiger Gatte also nicht unter falschem Namen reiste, war sie dem dicklichen Knappen nicht zugedacht!

Aufatmend sah sie, wie ihr Vater und Rüdiger den Ritter begrüßten. Der Mann nahm eilends den Helm ab, als er seinem Gastgeber - und vor allem seiner künftigen Herrin - gegenübertrat.

Peregrin von Falkenberg stellte zunächst Rüdiger vor, der seine Chance nutzte und eifrig nach den Zügeln des Schimmelhengstes griff, die der Ritter immer noch hielt.

»Erlaubt mir, dass ich Euch das Pferd abnehme, Herr …«

»Florís de Trillon, im Auftrag meines Herrn Dietrich von Ornemünde zu Lauenstein«, sagte der Ritter und beugte den Kopf. Er entledigte sich jetzt auch der Kettenhaube, und Gerlin, die den Blick noch züchtig gesenkt hielt, registrierte aus dem Augenwinkel blondes, lockiges Haar, das ein gebräuntes, gut geschnittenes Gesicht umspielte. Florís de Trillon hatte weiche, aber keine unmännlichen Züge, sein Kinn war kantig und gab ihm bei aller Schönheit einen entschlossenen Ausdruck. Seine Augen waren leuchtend blau und blitzten verwegen. »Ich danke Euch, Herr Rüdiger. Ihr seid doch Herr Rüdiger, nicht wahr? Der mit uns reiten wird, um seine ritterliche Ausbildung auf Lauenstein zu beschließen? Ich freue mich, hier eine wahre künftige Zierde der Ritterschaft kennenzulernen. Voller Höfischkeit, Maße und Demut, die sonst mancher vermissen lässt!«

Bei den letzten Worten streifte »Herrn Theobald« ein vielsagender Blick. Gerlin war sich jetzt sicher. So würde kein Ritter mit seinem Herrn umspringen, auch wenn Letzterer noch ein Knappe war und inkognito reiste.

Sie trat jetzt näher, versank in einen Knicks und reichte Herrn Florís den Begrüßungstrunk. Der junge Ritter schenkte ihr einen bewundernden Blick, und sie fühlte sich wie verbrannt, als seine Hand versehentlich die ihre streifte. Ob es angebracht war, ihn mit einem Kuss zu begrüßen? Man tat das bei Rittern, die dem eigenen Vater oder Gatten sehr nahestanden, aber gewöhnlich wurde es mit den Männern des Haushalts abgesprochen. Und Gerlin wusste ja nicht, wie eng die Beziehung zwischen Herrn Florís und Herrn Dietrich war. Sie entschied, den Kuss wegzulassen - und verspürte dabei vages Bedauern. Diesen schönen, lebhaften Ritter hätte sie gern geküsst.

Herr Florís bemühte sich sichtlich, nicht zu angelegentlich unter ihren Schleier zu spähen. Was er sah, schien ihm jedoch zu gefallen. »Ihr seid … Seid Ihr die Herrin Gerlin?«, fragte er mit heiserer Stimme. »Wenn Ihr es seid, so kann mein Herr sich unsagbar glücklich schätzen, dass ihn eine solche Schönheit zum Gatten erwählt hat.«

Der Ritter ließ sich auf ein Knie nieder, und Gerlin reichte ihm die Hand zum Kuss. Eine höfische Geste, wie das Mädchen sie nicht mehr erfahren hatte, seit es den Minnehof verlassen hatte. Zudem sprach der Ritter mit einem Akzent, der ihm bekannt vorkam.

»Eure Sprache erinnert mich an meine verstorbene Gattin«, bemerkte auch Herr Peregrin. »Kann es sein, dass Ihr aus dem sonnigen Aquitanien stammt?«

Herr Florís nickte und strahlte dabei über das ganze Gesicht. »Ihr kennt mein Land, Herr Peregrin? O ja, es ist schön. Allerdings verblasst das Meer, an dem es liegt, vor dem Blau der Augen Eurer Tochter. Das Rot der Abendsonne versteckt sich vor dem Leuchten ihres Haars, das Weiß unserer Klippen ist nichts gegen den Alabasterton ihrer Haut.« Er wandte sich wieder Gerlin zu. »Unsere Wälder würden sich vor Euch verneigen, Herrin Gerlin, und unser Mond würde heller strahlen, um Euer Antlitz zu erleuchten.«

Herr Peregrin schluckte, und Rüdiger schien mit dem Kichern zu kämpfen. Gerlin aber lächelte. »Ihr versteht Euch auf die Kunst der schönen Rede, Herr Florís!«, sagte sie freundlich. »Vermögt Ihr auch die Laute zu schlagen?«

Florís zuckte die Schultern und zeigte ein etwas schiefes Lächeln. »Ich versuche es, Herrin, aber ich bin besser im Schwingen des Schwertes. Einen Sängerwettstreit würde ich nicht für mich entscheiden, aber ich konnte bereits so manchen Sieg in ritterlichen Treffen für mich verbuchen.«

»Na, immerhin etwas«, brummte Herr Peregrin. »Willst du den anderen Rittern jetzt auch etwas Wein kredenzen, Gerlin, dann können wir vielleicht hineingehen, es wird doch auf Dauer zu kalt hier. Willkommen auf Burg Falkenberg. Rüdiger, wenn du den Schimmel des Herrn Florís lange genug angestarrt hast, bring ihn in den Stall und nimm dich auch der beiden Knappen an. Sobald ihr mit den Pferden fertig seid, zeigst du ihnen ihre Schlafplätze im Stall, dann könnt ihr in den Saal kommen. Sicher werden sie ihren Herren aufwarten, und vielleicht kannst du dabei ja noch etwas lernen. Ich hoffe, unsere Sitten auf Falkenberg werden Euch nicht allzu rau vorkommen, Herr Florís. Auch hier kann leider keiner singen.«

Florís de Trillon lächelte und griff rasch noch in seine Satteltasche, bevor Rüdiger den prachtvollen Schimmel endlich in den Stall brachte.

»Eure Sitten mögen sein, wie sie wollen, es wird ohnehin niemand Blicke für etwas anderes haben denn auf die Anmut Eurer Tochter, und niemand wird auf eine andere Stimme lauschen denn auf die ihre.« Ein weiteres Mal verbeugte er sich vor Gerlin und überreichte ihr dabei ein in blauen Samt gewickeltes Päckchen.

»Dies sendet Euch mein Herr, Dietrich von Ornemünde, Euer versprochener Gatte. Zu gern hätte er sich uns angeschlossen, um Euch persönlich auf Eure Burg zu geleiten. Aber …« Zum ersten Mal schien Florís sich nicht in höfischer Rede zu üben, sondern ernsthafte Worte zu sprechen. Tatsächlich zog ein Anflug von Sorge über seine ebenmäßigen Züge. »… seinen Ratgebern erschien es nicht klug, Lauenstein eben zu dieser Zeit zu verlassen. Herr Dietrich schloss sich widerstrebend ihrer Meinung an, was für seine Weisheit spricht. Er bittet Euch von Herzen, es ihm nachzusehen und dieses kleine Geschenk wohlwollend anzunehmen. Er hat es persönlich für Euch ausgewählt, es stammt aus der Schatzkammer seiner verstorbenen Mutter.«

Gerlin wunderte sich, dass deren Schätze nicht in den Besitz der nachfolgenden Gattinnen des Herrn von Lauenstein übergegangen waren. Aber vielleicht hatte Dietrichs Mutter ja spezielle Schmuckstücke für ihre spätere Schwiegertochter bestimmt. Der Gedanke wie auch das persönlich ausgesuchte Geschenk rührten Gerlin. Dietrich musste ein feinfühliger Junge sein - bei Rüdiger konnte sie sich eine ähnliche Handlung nicht vorstellen.

Auf jeden Fall bedankte sie sich jetzt artig und zog sich neugierig mit ihrem Geschenk in ihre Kemenate zurück, während ihr Vater die Gäste in die große Halle geleitete. Gerlin plante, später zu ihnen zu stoßen, egal, ob es Peregrin recht wäre oder nicht. Sie brannte darauf, so viel wie möglich über ihren zukünftigen Gatten und seine Hofhaltung zu erfahren, sicher würde sie sich keine Gelegenheit entgehen lassen, mit seinen Rittern zu sprechen.

Vorerst aber wickelte sie das Geschenk, ein Kästchen aus Buchenholz, aus seiner samtenen Hülle. In den Deckel war kunstvoll das Wappen von Ornemünde eingeschnitzt, das Schloss bestand aus purem Silber. Gerlin öffnete das Kästchen vorsichtig und fand es mit ebenfalls nachtblauem Samt ausgeschlagen. Darauf ruhten drei filigrane Armreife aus Rotgold, in einen davon waren Ornamente aus Gelbgold und Silber eingelassen. Gerlin hatte solchen Schmuck bislang nur am Hof der Königin Eleonore gesehen, meist im Besitz von Mädchen aus Sizilien oder Kastilien. In deutschen Landen gab es keine Goldschmiede, die so fein ziseliertes Geschmeide herstellte, die Reife mussten aus maurischen oder sarazenischen Landen kommen. Gerlin konnte sich an der kunstvollen Verarbeitung kaum sattsehen, aber dann fiel ihr Blick auf eine kleine Karte, die sich bescheiden im Samtbett des Schmuckkästchens verbarg.

Gerlindis von Falkenberg,

ich bitte Euch, vorliebzunehmen mit diesem bescheidenen Geschenk. Bitte glaubt mir, dass ich den Tag herbeisehne, an dem ich zusehen darf, wie der Glanz dieses Schmuckes im Angesicht Eurer Schönheit verblasst. Euch grüßt Euer versprochener Gatte Dietrich von Ornemünde zu Lauenstein

Die Worte waren mit runder, noch etwas kindlicher Handschrift geschrieben - aber fehlerfrei. Es war die Sprache eines bei Hofe geschulten Ritters. Gerlin nahm an, dass der junge Dietrich bei der Abfassung des kleinen Briefes Hilfe gehabt hatte, aber ihr Herz klopfte doch in reiner Freude. Dietrich schien zumindest kein verzogener, ungehobelter Lümmel zu sein. Und - bis sie in Lauenstein eintraf, konnte sie sich vorstellen, dass sie die Karte und das Geschenk von einem erwachsenen, ihrer würdigen Minneherrn erhalten hatte - von jemandem wie Florís de Trillon. Gerlin tanzte die Stiege von ihrer Kemenate in den Saal der Ritter hinunter. Sie begann, sich zumindest auf den Ritt nach Lauenstein zu freuen.

Kapitel 4

Florís de Trillon teilte beim abendlichen Bankett artig den Teller mit Gerlin, wie es ein Ritter mit einer Dame tat, die seinem Schutz anvertraut war oder der seine Minne galt. Gerlin kannte dies vom Hof der Eleonore von Aquitanien, wo bereits zwei junge Ritter gebeten hatten, unter ihrem Zeichen in den Kampf reiten zu dürfen.

Die Königin hatte ihre Ziehtöchter zur Annahme von Minnediensten ermutigt, sofern sie nicht über eine leichte Schwärmerei hinausgingen. Die höfische Minne, so hielt sie ihren Mädchen immer wieder vor, hatte nicht in erster Linie mit körperlicher Liebe zu tun, sondern mit der Hochachtung, die ein Ritter seiner Dame entgegenbrachte. Diese ließ ihn geistig wachsen. Die Dame hatte ihn zu ritterlichen Tugenden anzuhalten, zu Mäßigkeit und Demut, zum Schutz der Schwachen und zur Verteidigung des Guten und Schönen. Sie wertete seine Taten, belohnte ihn mit schönen Worten, konnte ihn aber auch scharf tadeln, wenn er in ihren Augen gefehlt hatte.

Florís’ Aufmerksamkeit hatte für Gerlin nichts Anstößiges, obwohl die älteren Ritter ihres Vaters sie mit Missbilligung betrachteten, und Leon von Gingsts Blicke geradezu Funken zu sprühen schienen. Über ihre neue Heimat erfuhr Gerlin allerdings nicht viel im Laufe der Unterhaltung mit dem Ritter.

Natürlich schilderte er ihr die Burg Lauenstein als groß und schön: »Ich denke mir, dass die Frauengemächer allen Ansprüchen auf ein behagliches Wohnen entsprechen dürften, aber ich habe sie bislang nicht betreten.«

Also war er sicher kein Minneherr der Gräfin Luitgart. Wie Gerlin an Florís’ Lanze ohnehin kein Zeichen einer Dame gesehen hatte. Sie wollte schon danach fragen, rief sich dann aber zur Ordnung. Was ging es sie an, wer über die ritterlichen Tugenden des Herrn Florís wachte! Stattdessen erkundigte sie sich nach ihrem künftigen Gatten, über den Florís des Lobes voll war.

»Herr Dietrich ist freilich noch jung, aber er besitzt alles, was einen künftigen Ritter ausmacht! Klugheit und Feinsinnigkeit, Mäßigkeit und ein großes Herz! Zudem ist er heiter und freundlich, er ist tapfer, aber er trägt Niederlagen mit Würde. Niemals sah ich ihn etwas tun, was nicht rechtens und ehrenhaft wäre. Manchmal ist er fast etwas zu …« Florís hielt inne.

»Zu … was, Herr Ritter?«, fragte Gerlin.

Florís biss sich auf die Lippen. »Zu gutherzig, Herrin … zu … verständnisvoll … zu …«

»Arglos?«, fragte Gerlin vorsichtig.

Sie wusste nicht, was ihr das Wort eingab. Aber sie hatte den Gesprächen der Männer inzwischen entnommen, dass auf Lauenstein nicht nur die Herrin Luitgart ihre Regentschaft ausübte. Auch ein Roland wurde genannt, ein Ornemünder aus der Thüringer Linie. Gerlin fragte sich, was der Ritter dort tat – und ob seine Anwesenheit damit zu tun hatte, dass offensichtlich sowohl Florís de Trillon als auch Salomon von Kronach Obacht darauf hielten, dass der Lauensteiner Erbe sein Lehen nicht einmal kurzfristig sich selbst überließ.

Florís senkte den Blick. »Es ist nicht schlecht, wenn ein Mensch ohne Arg ist«, bemerkte er. »Sofern er bereit ist, die Ratschläge von Männern anzunehmen, die … die über etwas mehr … hm … Lebenserfahrung verfügen als er …«

Gerlin lächelte. Die Höfischkeit gebot es, dem Ritter hier aus der Verlegenheit zu helfen. Florís war seinem jungen Herrn zweifellos zutiefst ergeben. »Und von Frauen!«, bemerkte sie. »Oder haltet Ihr Euren Herrn nicht an, eine Minnedame zu erwählen, deren Urteil er vertrauen kann?«

Florís gab das Lächeln zurück. Es zauberte einen jungenhaften, fast etwas verschmitzten Ausdruck auf sein Gesicht. »Ihr könntet nicht wahrer sprechen, Herrin. Und meinem Herrn Dietrich mag das Glück zuteilwerden, seine Minnedame nicht nur im Herzen tragen, sondern auch an sein Herz drücken zu dürfen, so oft es ihm beliebt. Herr Salomon sprach voller Bewunderung von Euch, Herrin, und ich sehe nun, dass er sich nicht nur von Eurer Schönheit beeindrucken ließ, sondern auch von Eurer Klugheit und Einsicht. Mein Herr Dietrich – glaubt mir! – wird beides zu schätzen wissen!«

Am nächsten Tag, Gerlin befand sich gerade in den Räumen ihres Bruders, um auch seine Kleidung für die bevorstehende Reise und den Aufenthalt auf Lauenstein zu richten, hörte sie weniger schmeichelnde Worte über ihren künftigen Gatten. Rüdiger stürmte herein, im Vollgefühl seiner Wichtigkeit und seiner neuen Freundschaft mit den Knappen aus Lauenstein. Theobald und Friedhelm hatten natürlich nicht im Stall geschlafen, das hatte zumindest der »hochgeborene« junge Herr Theobald als unter seiner Würde befunden. Rüdiger hatte ihnen allerdings bereitwillig seine Räume geöffnet und sich eifrig mit ihnen über ihre bisherige Ausbildung zum Ritter, ihre Pferde und vor allem ihre künftigen Mitstreiter am Hof zu Lauenstein ausgetauscht.

»Dein Zukünftiger, Dietrich, scheint ein rechter Weichling zu sein!«, erklärte er Gerlin jetzt ohne jede Hemmung. »Der Herr Theobald hat ihn in der letzten Woche viermal vom Pferd gestoßen, und Herr Friedhelm immerhin zweimal. Aber er sagt, im Schachspiel habe ihn noch nie jemand geschlagen.«

»So«, meinte Gerlin – nur mäßig interessiert. »Dann könntest du ja seinen Respekt gewinnen, indem du dich darin vor dem Abritt noch etwas üben würdest.«

Für Gerlin besagten Rüdigers Reden mehr über die Loyalität der beiden Knappen ihrem Herrn gegenüber denn über Dietrichs tatsächliche Qualitäten als Ritter. Bei Herrn Theobald schien es damit nicht weit her zu sein, während Friedhelm seine Schmähungen wenigstens abschwächte.

Rüdiger zog einen Flunsch. »Brettspiele sind was für Mädchen!«, bemerkte er und wiederholte hier ohne Frage wieder einmal eine Erkenntnis seines zweifelhaften Waffenmeisters.

Gerlin schüttelte den Kopf. »Nun, da irrst du dich!«, sagte sie. »Zumindest, was das Schachspiel betrifft. Man nennt es auch das ›Spiel der Könige‹, denn es ist ein Sinnbild für die offene Feldschlacht – aber auch für höfische Intrigen und Finten. Die größten Feldherren pflegten sich im Schachspiel auszuzeichnen. König Richard widmet ihm viele Stunden – und seine Mutter ist ihm die kundigste Gegnerin!«

Rüdiger merkte auf. Der englische König war ihm ein Vorbild. »Aber Herr Leon sagt …«

»Herr Leon ist sowohl von der Stellung eines Feldherrn wie der eines Königs weit entfernt. Noch gedenkt niemand, ihm ein Lehen zu geben, und das ist auch besser so, denn er wüsste es kaum ordentlich zu verwalten!« So deutlich hatte Gerlin sich noch nie geäußert, aber langsam reichte es ihr mit der Besserwisserei des Herrn Leon. »Soll das heißen, Rüdiger, dass dir niemand bisher das Schachspiel erklärt hat?«

Rüdiger schüttelte den Kopf. »Beherrschst du es denn?«, fragte er seine Schwester – in bewunderndem Tonfall, was selten vorkam. Auch das gute Benehmen einer Dame gegenüber wurde unter Leons Anleitung eher kleingeschrieben.

Gerlin nickte. »Natürlich. Und ich bin sicher, dass sich jeder Knappe am Hof von Lauenstein darin übt. Wenn ich heute Abend etwas Zeit finde, werde ich dich in das Schachspiel einweisen – während Herr Theobald und Herr Friedhelm ihren Rittern im großen Saal aufwarten, wie es sich ziemt. Gestern habe ich zumindest Herrn Theobald nicht diensteifrig hinter seinem Herrn stehen sehen! Nimm dir diesen Jungen nicht zum Vorbild. Er mag ja fähig sein, seinen Grafen kunstgerecht vom Pferd zu tjosten, aber sich damit zu brüsten gehört sich nicht. Ritterliche Tugenden, Rüdiger, beschränken sich nicht auf den Umgang mit Schwert und Lanze. Gerade nicht für die Erben eines Lehens. Für Fahrende mag etwas anderes gelten, aber du übst dich besser in Mäßigkeit und Largesse, im gerechten Urteil und in Erbarmen. Als Erbe von Falkenberg wirst du häufiger Recht sprechen als Fehden ausfechten!«

»Wohl gesprochen, Fräulein Gerlin! Verzeiht, dass ich gelauscht habe.«

Florís de Trillon schob sich durch die Tür, die Rüdiger offen gelassen hatte. Der kleine Knappe lief sofort puterrot an. Er hoffte, dass der Ritter nicht gehört hatte, wie geringschätzig er von Dietrich von Lauenstein gesprochen hatte! Aber Florís war wohl eben erst über den Wehrgang an Rüdigers Gemach vorbeigekommen. Zweifellos auf dem Weg in das seine – er hatte Peregrin von Falkenberg auf einem Ritt über seine Güter begleitet und wollte sich nun wohl umkleiden.

»Hört auf Eure Schwester, Herr Rüdiger, dann werde ich stolz sein, Euch in absehbarer Zeit zum Ritter zu schlagen.« Florís lächelte wohlwollend.

»Ihr?«, fragte Rüdiger zweifelnd. Gerlin mochte gar nicht daran denken, was Leon ihrem Bruder über die kämpferische Eignung höfisch erzogener Ritter eingeflüstert hatte. »Aber Ihr …«

Florís runzelte die Stirn. »Zweifelt Ihr an meiner Stellung als Marschall und Waffenmeister auf Lauenstein?«, erkundigte er sich. »Nun, Ihr werdet Euch noch wundern, wenn ich Euch demnächst gründlich schleife! Bei mir feiert keiner die Schwertleite, der nicht in einem echten Kampf bestehen kann! Selbstverständlich nehme ich Euch nicht übel, wenn Ihr beim Ritterschlag einen anderen Herrn vorzieht. Vielleicht steht Euch ja Euer bisheriger Waffenmeister besonders nahe. Er begleitet uns nach Lauenstein, nicht wahr, Herrin Gerlin?«

Gerlin nickte, bemühte sich aber gar nicht erst um einen Ausdruck, als begrüße sie Herrn Leons Entsendung an Dietrichs Hof.

Rüdiger beeilte sich, seinem neuen Lehrherrn zu versichern, dass es ihm zweifellos eine Ehre sei, von ihm zum Ritter geschlagen zu werden. Gerlin nahm an, dass es ihrem Bruder ziemlich egal war, wer diese heilige Handlung letztlich vollzog. Hauptsache, er war endlich erwachsen und konnte ausziehen, um Abenteuer zu erleben. Gerlin hoffte, dass man ihm auch diese Vorstellung am Lauensteiner Hof noch austrieb. Rüdiger hatte bereits ein Lehen, er musste sich nicht in fremden Diensten bewähren. Peregrin von Falkenberg brauchte die Unterstützung seines Sohnes bei der Verwaltung – und vor allem einen lebenden Erben! Aber Rüdiger schwärmte für die Geschichten um König Artus’ Hof. Er machte sich einfach nicht klar, dass Abenteuer sehr viel häufiger einen frühen Tod bedeuteten als den Erwerb von Ruhm und Ehre.

»Wann können wir denn abreiten, Herrin Gerlin?«, wechselte Florís jetzt das Thema. »Ich weiß, Ihr wünscht Euch noch etwas Zeit zur Regelung Eurer Angelegenheiten und zum Abschied von Eurer Familie. Aber ich … ich lasse meine Knappen ungern tagelang unbetreut.«

Er biss sich auf die Lippen – und Gerlin verstand. Es ging nicht darum, dass kein anderer Ritter ein paar Tage für die Wehrertüchtigung der Lauensteiner Knappen sorgen konnte. Florís sorgte sich um die Sicherheit seines jungen Herrn.

Gerlin legte ruhig ein weiteres Gewand in die Truhe ihres Bruders. »Von mir aus können wir morgen reiten«, sagte sie gelassen. »Meine Sachen sind gepackt, ich kann gleich Anweisung geben, sie auf einen Wagen laden zu lassen. Oder bevorzugt Ihr Lasttiere, Herr Florís? Wir würden dann schneller vorwärtskommen. Und … was meine Familie betrifft – Lauenstein liegt ja nicht am Ende der Welt. Mein Vater kann mich und meinen Gatten jederzeit besuchen. Oder wir reiten einmal nach Falkenberg. Wenn … wenn sich die Lage beruhigt hat.«

Falkenberg und Lauenstein lagen nicht allzu weit voneinander entfernt. Mit schnellen Pferden waren das kaum mehr als drei Tagesritte. Allerdings war das gebirgige Gelände zum großen Teil bewaldet, und die Straßen waren nicht sehr gut ausgebaut. Der Wagen mit Gerlins Aussteuer würde sie aufhalten.

Florís schien aufzuatmen, schüttelte allerdings den Kopf.

»Ihr müsst Euch nicht einschränken, Herrin. Wir bieten immerhin sechs Ritter auf und drei Knappen, die sich auch schon ihrer Haut zu wehren wissen. Wenn wir vier Männer für die Bewachung Eures Wagens abstellen, könnt Ihr immer noch mit einer angemessenen Eskorte vorausreiten. Ihr … reitet doch, nicht wahr, Herrin?«

So manches adlige Fräulein bevorzugte das Reisen in einer Sänfte, aber solche Kapricen hatte Eleonore von Aquitanien ihren Zöglingen ausgetrieben. An ihrem Hof lernte jedes Mädchen reiten und übte sich darin, ob es Pferde mochte oder nicht. Die Königin hatte jahrelang mit ihrem Gatten seine Ländereien bereist und empfahl auch ihren Ziehtöchtern wärmstens, ihre Ritter nicht allein über Land zu schicken. »Sie werden euch sowieso nicht treu bleiben«, meinte sie stets freimütig. »Aber habt wenigstens ein Auge darauf, dass sie ihre Mätressen unter halbwegs höfisch erzogenen Weibern wählen. Sonst sehen eure Kinder nachher die Bastarde ihrer Väter auf den Feldern arbeiten. Und die Bauern sind auch nicht dumm. Es schafft Unzufriedenheit, wenn die einen Söhne im Schloss aufwachsen und die anderen Grundholde sind!«

Eleonore hielt ihre Mädchen folglich auch nicht an, brave Maultiere als Reittiere zu wählen, sondern schenkte ihren Lieblingen kleine, schnelle Vollblutpferde. Gerlin besaß eine lebhafte rotbraune Zelterin. Sie würde genauso schnell vorwärtskommen wie die Ritter auf ihren Hengsten.

Florís entlockte die Auskunft ein weiteres anerkennendes Nicken.

»Ich freue mich auf den Ritt mit Euch!«, erklärte er Gerlin mit warmem Lächeln.

Gerlin gab es zurück. »Auch ich hoffe, ihn zu genießen«, sagte sie. »Vor allem aber sehne ich mich danach, meinen künftigen Gatten endlich von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. Wann … glaubt Ihr, dass wir die Ehe schließen können?«

Über Florís’ Gesicht zog ein Schatten. »Herr Dietrich wird zuerst seine Schwertleite feiern müssen …«, sagte er leise. »Und … es gibt da gewisse Schwierigkeiten …«

Rüdiger spitzte erkennbar die Ohren. Ob der Ritter auf Dietrichs angebliche Unzulänglichkeit im ritterlichen Kampf anspielte?

Gerlin beschloss, nicht weiter auf diese Bemerkung einzugehen. »Wir werden noch Gelegenheit haben, uns über all die Dinge auszutauschen«, beschied sie Florís mit einem Seitenblick auf ihren neugierigen Bruder. »Schließlich haben wir eine längere gemeinsame Reise vor uns.«

Peregrin von Falkenberg bedauerte es zwar, sich so bald von seinen Kindern trennen zu müssen, aber auch er sah die Notwendigkeit ein – vielleicht hatte Florís ihm sogar mehr über die Hintergründe seiner Eile enthüllt, als Gerlin bislang wusste. Schwieriger als die Durchsetzung der baldigen Abreise gestaltete sich die Einteilung der Ritter in die Eskorte der Dame und die Bewachung ihrer Aussteuer. Florís de Trillon sprach sich diplomatisch dafür aus, die beiden Truppenteile aus den alten und neuen Rittern Gerlins zusammenzustellen. Adalbert von Uslar sollte mit der Vorhut, Leon von Gingst mit der Nachhut reiten. Auch die Herren Theobald und Friedhelm wurden zur Bewachung der Aussteuer eingeteilt. Nur den neuen Knappen, Rüdiger, wollte Florís offensichtlich unter seiner Aufsicht halten.

Es war leicht erkennbar, dass der Ritter die schlagkräftigsten Männer seiner Truppe auf die Nachhut konzentrierte. Schließlich war der Diebstahl eines voll gepackten Wagens für Raubritter und Wegelagerer weitaus einfacher zu bewerkstelligen als die Entführung einer adligen Dame. Dennoch beschwerten sich Leon von Gingst und der Knappe Theobald über den angeblich wenig standesgemäßen Wachdienst. Gerlin regte sich darüber auf, schließlich ging es absolut nicht gegen die Ehre eines Ritters, sich zur Bewachung von Wertgegenständen anstellen zu lassen. Fahrende Ritter taten das ständig, sie schützten selbst die Ware jüdischer Handelsherren.

Florís de Trillon wies seinen aufmüpfigen Knappen denn auch mit einigen wenigen deutlichen Worten in die Schranken, während Herr Leon darauf bestand, Herrn Peregrin mit der Schlichtung der Angelegenheit zu betrauen. Er machte daraus offensichtlich ein Machtspiel. In Gerlin brodelte es, als er das Argument anführte, er sei als Ritter der Herrin Gerlin entsandt, nicht als Wachmann für Güter.

»So hört auf Eure Dame und bringt ihre Aussteuer sicher nach Lauenstein!«, befahl sie ihm scharf. »Und kommt mir jetzt nicht mit Eurer Ehre als Ritter! Abgesehen davon, dass der Wachdienst sie nicht beschmutzt, ist sie auch dem Frauendienst untergeordnet. Denkt an Lancelot, der für seine Dame selbst einen Schinderkarren erstieg!«

Peregrins und Florís’ Augen blitzten voller Belustigung auf, nur Herr Leon runzelte die Stirn. Die Geschichte schien ihm nicht bekannt.

»Meine ritterliche Ehre«, so konterte er dann mit lauter Stimme, »ist nichts und niemandem untergeordnet!«

Florís sog scharf die Luft ein. Leons Bemerkung widersprach dem Ehrenkodex: Ein Ritter war nicht nur ausdrücklich seiner Dame verpflichtet, sondern auch Gott und vor allem seinem Lehnsherrn. Er wollte dies anmerken, und auch Gerlin hob zu einer Rede an, wobei es ihr weniger um grundsätzliche Fragen ging als die Chance, den unbotmäßigen Herrn als Begleiter abzulehnen.

Herr Peregrin kam ihnen allerdings beiden zuvor, indem er den Ritter nur kurz tadelte, um dann eine salomonische Lösung vorzuschlagen. Er übertrug Herrn Leon förmlich die Verantwortung für und das Kommando über den Transport von Gerlins Mitgift. Damit war er Herrn Florís nicht mehr untergeordnet und schien zufrieden. Florís de Trillon wollte dazu etwas anmerken, ließ sich aber durch einen besänftigenden Blick Peregrins davon abhalten. Etwas grummelnd unterstellte er schließlich seine Ritter und Knappen dem neuen Kommando und atmete auf, als die sich wenigstens nicht querstellten.

»Ich weiß aber trotzdem nicht, ob dies eine so weise Entscheidung war«, meinte Florís am nächsten Tag zu Gerlin, als die Vorhut sich endlich auf den Weg machte. Leon kontrollierte noch mit großer Geste die Ladung des Wagens. Gerlins zierliche Stute tänzelte munter neben dem Streithengst des Lauensteiner Ritters her, und seine Blicke waren schon wieder bewundernd, als Gerlin sie mit leichter Hand zügelte. »Es ehrt Euren Vater, dass er den Frieden wahren will, aber es wäre besser gewesen, diesen Ritter gleich in seine Schranken zu weisen!«

Gerlin lächelte. Sie trug an diesem Tag ein dunkles Reisekleid mit schwerem Mantel und Kapuze. Der Sonnenschein der letzten Tage war leichtem Regen gewichen. »Es scheint Euer Schicksal zu sein, ständig zu arglosen Herren zu dienen«, neckte sie den Ritter.

Gerlin und Florís führten den Reitertrupp an, Herr Adalbert und Rüdiger folgten ihnen – wobei der alte Ritter darauf achtete, dass der Knappe nicht unbotmäßig lauschte. Zwei weitere Lauensteiner Ritter bildeten den Schluss.

Florís lachte. »Immerhin führt meine Dame eine scharfe Zunge!«, gab er die Neckerei zurück. »Unterwerft Ihr Eure Minneherren auch so drakonischen Strafen wie einst die Herrin Guinevere?«

Florís zumindest kannte die Geschichte von Sir Lancelot und dem Schinderkarren. Nachdem der Ritter sich zunächst geweigert hatte, das nicht standesgemäße Gefährt zu besteigen, hatte die Dame ihn zwölf Jahre lang vom Hof verbannt.

»Nur, wenn man mir Geheimnisse vorenthält«, lächelte Gerlin. »Da wir also eben bei arglosen Herren und anderen sind, Herr Florís: Wo liegen die Hindernisse bei Herrn Dietrichs Schwertleite?«

Florís seufzte – und hatte das Glück, dass ihn die Wegführung vorerst einer Antwort enthob. Die Falkenberger hatten selten Besuch, und die Wege durch die Wälder rundum drohten ständig zuzuwachsen. Die Reisegesellschaft war deshalb immer wieder gezwungen, einzeln hintereinander herzureiten. Gerlin machte sich im Geiste die Notiz, ihren Vater gleich in ihrem ersten Brief darauf hinzuweisen – er war eigentlich verpflichtet, den Weg so breit zu halten, dass ein Reiter mit einem über den Sattel quergelegten Spieß ihn passieren konnte. Herr Leon würde fluchen, wenn er später mit dem Wagen hindurchmusste. Zudem war ein Bach, der quer über den Weg führte, durch den Regen reißend geworden. Gerlin saß einen Sprung ihrer Stute anmutig aus – und kam gleich auf das Thema Dietrich zurück, als die Gruppe sich wieder formiert hatte.

»Was ist nun, Herr Florís? Warum befindet Ihr meinen künftigen Gatten noch nicht als würdig, den Ritterschlag zu empfangen?«

Florís biss sich auf die Lippen. »Es geht hier weniger um mich, Herrin. Ich würde den Tag für die Feier morgen ansetzen. Aber es ist ein Problem des Rangs. Herr Roland ist von weit höherer Geburt als ich, ein Ornemünder aus der Thüringer Linie – wenn auch nur ein jüngerer Sohn. Im Grunde ist er ein Fahrender, der die Chance nutzt, sich auf einer warmen Burg festzusetzen. Aber er ist ein Verwandter des Herrn Dietrich, und somit gebührt ihm die Ehre, ihn zum Ritter zu schlagen. Leider zögert er es immer wieder hinaus.«

»Mit gewichtigen oder unter fadenscheinigen Gründen?«, erkundigte sich Gerlin.

Florís rieb sich die Stirn. »Fräulein Gerlin, es geziemt sich nicht für einen Ritter, über die Herren der Burg zu klatschen, in der er dient. Erst recht nicht über die Witwe eines Ritters, dem ich treu ergeben war. Bitte zwingt mich nicht dazu. Ihr werdet selbst sehen, wie es steht zwischen Frau Luitgart, Herrn Roland und Herrn Dietrich – wobei Letzterer, ich erwähnte es schon, völlig ohne Arg ist …«

Gerlin nickte. Florís hatte im Grunde genug gesagt. Herr Roland und Frau Luitgart, die Stiefmutter ihres künftigen Gatten, waren somit nicht ganz ohne Arg. Und die Art ihres Verhältnisses konnte sie sich auch gut vorstellen. Eine junge Witwe, ein Verwandter des Verstorbenen … wäre da nicht Dietrich, so läge dem Kaiser sicher bald der Antrag vor, das Lehen Lauenstein dem Herrn Roland zu übertragen. Gerlin fragte sich, welche Stellung sie selbst auf der Burg haben würde, bis es denn endlich zu Dietrichs Schwertleite kam. Aber offensichtlich hielt ja wenigstens die Ritterschaft ihrem jungen Herrn die Treue.

An diesem ersten Tag der Reise gestaltete sich der Ritt beschwerlich. Es regnete beständig, und als die Reisegesellschaft endlich einen Höhenweg Richtung Redwitz erreichte, der lichter und besser überschaubar war als die Waldpfade, trieb ihnen der Wind den Regen ins Gesicht. Die Mittagszeit war schon vorüber, als Florís endlich einen Halt befahl. Sie durchquerten eben ein neu gegründetes Dorf, die Männer rodeten gerade das zweite Gewann und ersetzten die ersten Holzhütten durch feste Bauernhäuser. Das Dorf gehörte noch zum Lehen der Falkenberger, und die meist jungen Leute, die sich hier ansiedelten, hießen ihre Herrschaft freudig willkommen. Peregrin hatte die Neusiedlung besucht, als das erste Gewann im letzten Jahr gerodet worden war, und nun brannten die Bauern darauf, ihre Fortschritte vorzuführen. Gerlin wies Rüdiger an, sich alles zeigen zu lassen, und rief ihn energisch zur Ordnung, als der Knappe dazu wenig Lust zeigte. Sie alle waren nass und durchfroren, aber Rüdiger würde einmal der Herr über diese Menschen sein, er hatte sich ihnen gegenüber huldvoll zu zeigen.

Rüdiger zog schließlich murrend ab, begleitet von dem weitaus diplomatischeren Florís, während sich Gerlin dankend den Bäuerinnen anschloss, die sie in das erste fertiggestellte Haus führten. Während sie sich mit Suppe und Milch bewirten ließ, dachte sie mit ein wenig Sorge an Rüdigers weitere Laufbahn. Der Junge schien weit mehr zum Ritter denn zum Verwalter eines Lehens bestimmt, der kleine Wolfgang war deutlich häuslicher. Manchmal zeigte sich das Schicksal ungerecht, was die Erbfolge anging. Gerlin verdrängte nun aber den Gedanken und bewunderte stattdessen die Webarbeiten der Frauen und die Fortschritte beim Hausbau. Dabei schwankte sie zwischen der Freude, es warm und trocken zu haben, und der Befürchtung, die Hühnerflöhe nicht mehr loszuwerden, die sie sich hier zweifellos einfing. Das Geflügel wuselte eifrig durch die Stube des Hauses, die Bäuerin streute ihnen das Futterkorn einfach auf den Fußboden.

»Draußen holt sie der Fuchs!«, erklärte sie entschuldigend. Gerlin versuchte sich in einem verständnisvollen Lächeln.

Die Reisenden beschenkten die Bauern schließlich reich mit ein paar Münzen, Rüdiger versicherte sie des Wohlwollens ihres Herrn, und Gerlin versprach, dass sie auch noch in diesem Jahr von allen Abgaben und Frondiensten befreit sein würden. Das war durchaus üblich, solange ein Dorf im Aufbau war. Peregrin von Falkenberg war kein allzu strenger Herr.

Zwischen Falkenberg und Lauenstein gab es keine größeren Städte, sodass auch der weitere Weg der Reisenden durch dichte Wälder führte. Aber am Abend kamen sie immerhin an einem Kloster vorbei, in dem die Ritter mit ihrer Dame zur Nacht unterkamen. Florís drängte am kommenden Morgen jedoch zu frühem Aufbruch, da an diesem Tag die längste Strecke zu bewältigen war.

»Ich würde unser nächstes Nachtlager ungern im Wald aufschlagen lassen«, meinte der Ritter. »Lieber reite ich durch bis Lauenstein, ein Lehnsmann Eures versprochenen Gatten wird uns dort aufnehmen.«

Gerlin nickte, fast etwas verwundert. Aber natürlich, Dietrich war Graf, selbstverständlich hatte er seinerseits Lehen zu vergeben. Ihr Vater hatte Recht, sie heiratete weit über ihrem Stand, niemals hätte er diese Ehe für sie ausschlagen können.

Die Wege waren auch auf dieser Etappe der Reise nur schwer passierbar, und Florís zog seine Truppe enger zusammen als am ersten Tag. Er ließ die Ritter in zumindest leichter Rüstung reiten und bestand darauf, dass sich Gerlin und Rüdiger in der Mitte der Gesellschaft hielten, obwohl Rüdiger erklärte, sich sehr gut selbst verteidigen zu können, falls es zu Angriffen kam. Immerhin lagen keine bekannten Raubritterburgen am Weg, und weniger gut bewaffnete und kampferprobte Gauner trauten sich an den Zug der Ritter nicht heran. So verlief die Reise sehr eintönig. Gerlin langweilte sich, obwohl Florís immer wieder versuchte, sie durch Späße und Schmeicheleien zu unterhalten.

Auf andere Reisende traf man hier, abseits der großen Fernstraßen, eher selten. Nur einmal, um die Mittagszeit, stießen sie auf eine Gesellschaft von Handelsherren aus Hof, die ihre Waren von einem halben Dutzend Panzerreitern schützen ließen. Die Ritter kamen schnell ins Gespräch, und schließlich rasteten sie gemeinsam.

Gerlin fand einen Platz am Feuer, Florís de Trillon schirmte sie allerdings von den bürgerlichen Kaufleuten ab, sodass sie sich wiederum langweilte. Immerhin regnete es an diesem Tag nicht, und die Straßen wurden zudem besser, je näher sie Lauenstein kamen. Und da Gerlin auch kein Hindernis für schnelleres Reiten war, erreichten sie ihr Ziel schließlich noch vor dem Dunkelwerden. Das kleine Wehrgut, auf dem man sie erwartete, erwies sich für Gerlin als äußerst angenehme Überraschung. Die Hofherrin ließ ihr ein Bad bereiten und entpuppte sich als äußerst angenehme Gesellschaft am Feuer in ihrer Kemenate, während die Ritter Aufnahme in der Halle ihres Gatten fanden.

»Was für eine wunderschöne Frau Ihr seid!«, schmeichelte Frau Gertrud ihrer künftigen Herrin. »Dabei munkelte man schon, man werde den Herrn Dietrich mit irgendeiner alten Witwe vermählen – er dauerte mich schon, da er doch so ein schöner und guter Jüngling ist.«

Gerlin lächelte. Eine alte Witwe hatte Herr Salomon sicher nicht für seinen Zögling ausersehen, eher war da wohl an eine erfahrene Frau gedacht worden, die vielleicht schon Kinder geboren hatte. Aber die Worte über ihren versprochenen Gatten ließen sie aufhorchen.

»So kennt Ihr den Herrn Dietrich?«, erkundigte sie sich und griff hungrig nach dem Brot und dem kalten Braten, den Frau Gertrud ihr heraufgebracht hatte. Dazu gab es heißen Würzwein. Gerlin fühlte sich nach dem langen Ritt wie im Himmel.

Die Hofherrin nickte eifrig. »O ja, wenn auch nicht sehr gut. Aber sein Vater brachte ihn mit, als er im letzten Jahr seine Besitzungen abritt. Die beiden haben hier bei uns genächtigt, und der Herr Dietrich hat nur den besten Eindruck hinterlassen. So bescheiden und ruhig … und ein guter Herr. Unser Sohn wird mit ihm auf Lauenstein erzogen, wie jetzt ja auch Euer Bruder. Auch er ist des Lobes voll, Herr Dietrich ist den Knaben allen ein Freund und – Vorbild. In vielen Dingen …«

Letzteres kam etwas verzögert. Wahrscheinlich hatte auch der Sohn dieser Lehnsleute seinen Herrn schon mal vom Pferd getjostet. Und irgendwelche Vorwände musste Herr Roland ja haben, um Dietrich noch nicht zum Ritter zu schlagen. Wahrscheinlich war er nicht der Kräftigste. Gerlin hoffte, dass seine Manneskraft wenigstens schon voll entwickelt war.

Sie schlief schließlich sehr gut in genau der Kemenate, in der ein Jahr zuvor auch ihr künftiger Gatte genächtigt hatte – Frau Gertrud verriet ihr das mit verschämtem Lächeln.

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