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Das Geheimnis der Heiligen Stadt

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. Geschichtliche Anmerkungen:

Über den Autor

Simon Beaufort lehrt als Historiker an der Universität von Cambridge in Großbritannien. Er hat zahlreiche Sachbücher verfasst. DAS GEHEIMNIS DER HEILIGEN STADT war der erste Band einer historischen Krimireihe um Sir Geoffrey Mappestone zur Zeit der Kreuzzüge. Simon Beaufort lebt mit seiner Frau, die ebenfalls eine erfolgreiche Schriftstellerin ist, in einem kleinen Dorf in Suffolk, England.

Simon Beaufort

Das Geheimnis der
Heiligen Stadt

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
von Linda Budinger und Alexander Lohmann

Prolog

Guibert von Apulien fuhr hoch. Er war augenblicklich hellwach, als er den Schrei von draußen hörte.

»Sarazenen, Herr, Sarazenen!«

Guibert ergriff das Schwert und schlug die Zeltklappe zurück. Nur das herabgebrannte Lagerfeuer und die hellen Streifen am Horizont, die die Morgendämmerung ankündigten, erhellten die Dunkelheit. Mit einem Blick erfasste Guibert die Situation.

Das kleine Lager wurde von allen Seiten angegriffen. Er hatte an drei Stellen Wachposten aufgestellt, und wenn die bereits tot waren, dann blieben nur noch sein Sergeant Adhemar und weitere neun Männer seiner Schar. Er konnte es nicht mit Sicherheit sagen, aber anscheinend waren es mindestens fünfzig Sarazenen, die über das Lager herfielen.

»Kommt zusammen und stellt euch Rücken an Rücken«, rief Guibert seinen verzweifelten Kriegern zu. Adhemar und zwei der Männer bildeten einen kleinen Kreis, doch es war bereits zu spät. Nach einem Gewaltmarsch aus dem Tiefschlaf gerissen, schaffte sein müder Trupp es nicht mehr, eine wirksame Verteidigungslinie zu bilden. Sie wurden rasch überwältigt.

Guibert lagerte meilenweit abseits der bewachten Handelswege, da seine heikle Mission sowohl Geheimhaltung wie auch Eile erforderte. Hier draußen in der Wüste gab es weder Hilfe noch eine Rückzugsmöglichkeit.

»Apulien!«, brüllte Guibert den Schlachtruf seines Hauses. Er stürzte sich zwischen die Feinde, mit dem Schwert in der einen Hand und dem Dolch in der anderen. Dank seiner überragenden Kampftalente, denen er den Spitznamen »Guibert Zweiklinge« verdankte, konnte er vier Feinde niederstrecken, während er sich einen Weg zu Adhemar bahnte. Aber es hagelte Hiebe von allen Seiten, und er trug nur ein leichtes Kettenhemd, das bequemer war als eine vollständige Rüstung. Einige schwere Treffer schlugen tiefe Risse in diesen Schutz. Dann sah Guibert den Sergeanten und die letzten seiner Männer fallen, ehe er selbst von einem Schlag in den Nacken zu Boden geschickt wurde.

Als er zusammenbrach, beherrschte ihn nur der eine Gedanke: Er hätte den Gefahren der sarazenenverpesteten Wüste nicht in Kettenhemd und Lederhosen entgegentreten sollen. Die leichte Rüstung ließ ihn zwar rascher vorankommen, aber was nutzte die Eile, wenn er das Ende seiner Mission nicht erlebte? Und dann stürzten sich die Sarazenen auf ihn. Ihre Schatten verdeckten die fahle Morgendämmerung, und es wurde endgültig schwarz um ihn.

1. Kapitel

Jerusalem, im Juli 1100

Zum zweiten Mal gellte ein durchdringender Schrei durch die Luft. Die kleine Kriegerschar blickte unruhig um sich. Während sie weitermarschierten, tasteten einige Männer verstohlen nach den Schwertgriffen. Sie waren angespannt und wachsam. Obwohl die Straße in der sengenden Mittagssonne verlassen dalag, wehte Flüstern herüber, und man sah schattenhafte Bewegungen zwischen den Häusern, die die verwinkelte Gasse säumten. Weiter vorne störte das Geschnatter aufgeregter Stimmen die Stille, und ein Hund bellte wütend.

Geoffrey Mappestone tauschte einen Blick mit Will Helbye, seinem Sergeanten, dann hob er die Hand und ließ anhalten. Die Männer hinter ihm kamen zum Stehen. Sie scharrten nervös mit den Füßen, und Geoffrey hörte das leise Schaben von Stahl über Leder, als die Waffen gezogen wurden.

»Wir sollten da genauer nachsehen«, murmelte Helbye. Er blickte Geoffrey nicht an, sondern suchte aufmerksam die Umgebung nach Anzeichen für einen Hinterhalt ab. »Obwohl ich lieber auf kürzestem Weg zurück in die Zitadelle eilen würde. Nach zwei Wochen Patrouille in der Wüste sind die Männer erschöpft, und ich bin es auch.«

Geoffrey nickte, hielt aber weiter auf das Stimmengewirr zu. Seine Leute kamen hinterdrein. Ihre Schritte ließen kleine Staubwolken aufsteigen, und der Staub gesellte sich zu den Schichten gelblich weißen Pulvers auf den Stiefeln und bildete auf Gesicht und Händen eine inzwischen vertraut gewordene Schmutzschicht. Geoffrey erreichte das Ende der Straße und hielt ein zweites Mal inne.

Links lief eine schmale Gasse bergab und verschwand im Schatten der heruntergekommenen Gebäude, die so dicht beieinander standen, dass ihre Fronten oben fast zusammenstießen. Rechts lag eine breitere Straße mit größeren, vornehmeren Häusern, wo einst wohlhabende Bürger Jerusalems gewohnt hatten. Mitten auf der Straße stand eine Frau. Sie war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und umklammerte mit beiden Händen einen langen Krummdolch. Der Dolch war blutverschmiert, wie Geoffrey sofort sah. Einige Leute standen ringsum und plapperten laut und aufgeregt durcheinander.

Geoffrey bedeutete seinen Männern, stehen zu bleiben, und eilte mit Helbye weiter. Die Menge bemerkte die schwer bewaffneten Krieger und teilte sich, um sie durchzulassen. Es wurde still.

»Was ist geschehen?«, fragte Geoffrey die Frau, die offensichtlich der Grund für die ganze Aufregung war.

Er hatte normannisches Französisch gesprochen, und sie starrte ihn nur mit ängstlich aufgerissenen Augen an, bis einer der Umstehenden die Frage in Griechisch übersetzte. Die Frau schaute kurz auf den Dolmetscher und überwand sich dann, Geoffrey erneut anzusehen.

»Da liegt ein toter Ritter in meinem Haus«, sagte sie leise, und ihre Stimme zitterte. Sie betrachtete den Dolch in ihren Händen, als sähe sie ihn zum ersten Mal, und schleuderte ihn entsetzt fort. Klirrend landete er vor Geoffreys Füßen. Jemand übersetzte die Antwort der Frau für die Schaulustigen, und eine Welle von Aufregung lief durch die Menge. Erwartungsvoll richteten sich alle Blicke auf Geoffrey.

»O Gott!«, raunte Helbye in Geoffreys Ohr. »Diese Frau hat einen Ritter um die Ecke gebracht, Herr Geoffrey. Was fangen wir jetzt an? Zwei Wochen jagen wir ungläubige Banditen in dieser Hölle, die sie Wüste nennen, und man sollte meinen, da hätten wir ein wenig Ruhe und kühlen Wein verdient. Aber nein! Wir laufen ausgerechnet einer Mörderin über den Weg. Ob das eine Finte ist? Vielleicht wollen sie über uns herfallen, sobald wir sie festnehmen?«

Geoffrey antwortete nicht, sondern ließ den Blick über die Menge schweifen und suchte nach verräterischen Hinweisen auf einen Hinterhalt. Helbye hatte Recht, wenn er misstrauisch war und sich nicht gerne in diese Angelegenheit verwickeln ließ. Es war gerade ein Jahr her, seit Jerusalem in die Hände der Kreuzritter gefallen war. Tausende Menschen waren dabei niedergemetzelt worden, auf eine Weise, an die sich Geoffrey nur mit Abscheu erinnerte, obgleich er als Krieger einiges gewohnt war. Es herrschte Unruhe in der Stadt, obwohl nur wenige Einwohner Jerusalems die Plünderungen überlebt hatten – oder vielleicht gerade deswegen. Überall gab es Widerstand gegen die Besatzung der Kreuzritter.

»Wie lautet Euer Name?«, fragte Geoffrey die Frau auf Griechisch. Sie sah ihn überrascht an, als er in ihrer Sprache redete, und es dauerte einige Augenblicke, ehe sie antwortete.

»Melisende Mikelos«, antwortete sie leise.

»Zeigt mir diesen toten Ritter, Frau Mikelos«, sagte er und musterte sie streng. Mit einer Geste wies er sie an, vorauszugehen und ihm den Weg zum Haus zu zeigen. Sie riss die Augen noch weiter auf und wich erschrocken ein Stück zurück.

»Bitte nicht!«, rief sie. »Bitte zwingt mich nicht, dorthin zurückzugehen!« Sie sah aus, als wollte sie gleich davonlaufen, aber die Zuschauer zogen den Kreis enger und ließen sie nicht fort.

»Wohnt Ihr hier?«, fragte Geoffrey und beobachtete sie genau. Argwöhnisch nickte sie. »Dann müsst Ihr ohnehin irgendwann ins Haus zurückkehren. Außer natürlich, Ihr möchtet Eure Wohnung aufgeben und den Plünderern überlassen.«

Sie schaute ihn flehentlich an. »Ich würde lieber hier warten, bis Ihr die … Leiche aus meinem Heim entfernt habt. Wenn sie fort ist, werde ich das Haus wieder betreten.«

»Ihr müsst jetzt mit mir mitkommen«, sagte Geoffrey, der mit seiner Geduld am Ende war. Je länger er hier auf der Straße stand und mit dieser Frau verhandelte, die ebenso gut die Mörderin sein konnte, desto länger brachte er seine Männer unnötig in Gefahr. Als sie sich nicht rührte, trat er vor und fasste sie entschlossen am Arm. Unwillkürlich wehrte sie sich, doch er war kräftig. Sie erkannte schließlich, dass sie ihm nicht entkommen konnte, und gab auf.

Helbye winkte drei Kriegsknechte heran, die mit Geoffrey zusammen das Haus betreten sollten. Er selbst blieb mit dem Rest der Männer draußen und teilte sie in zwei Gruppen auf, um einen Angriff aus dem Hinterhalt zu erschweren. Geoffreys fetter, schwarz-weiß gefleckter Hund fand einen schattigen Winkel und streckte sich dort aus. Seine Flanken hoben und senkten sich heftig, und die rosa Zunge hing ihm seitlich aus der Schnauze.

Verglichen mit der Sonnenglut draußen, war es im Haus kühl und dunkel. Geoffrey blieb kurz stehen, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann sah er sich um. Das Haus glich den vielen anderen Wohnungen, die er in Jerusalem schon gesehen hatte. Selbst die ärmste Behausung in der Heiligen Stadt wirkte luxuriös gegenüber den elenden Hütten, die er vom Rittergut seines Vaters in England kannte.

Der Fußboden hier war mit verschiedenfarbigen Steinen ausgelegt, und es gab nur wenige, aber elegante Möbel: eine niedrige Liege, einige Schemel und einen ausladenden Tisch. Ein großer Wasserkrug stand in der Nähe der Tür, und auf einem Wandbrett türmte sich Küchengeschirr aus Zinn und Keramik. Alles war tadellos sauber. Doch hier gab es keinen toten Ritter.

Geoffrey drehte sich mit erhobenen Augenbrauen zu Melisende Mikelos um.

»Oben«, flüsterte sie.

Geoffrey wandte sich der Treppe zu. Er hielt noch Melisendes Arm umklammert und schob sie vor sich her. Sie warf ihm einen gequälten Blick zu und stieg dann hinauf.

Das Haus war einfach gebaut: bloß ein Zimmer unten und ein Schlafzimmer oben. Der obere Raum hatte Bogenfenster, die mit gemustertem Baumwollstoff verhängt waren, was die sengende Sonne aussperrte, aber einen kühlenden Luftzug bewirkte. Der Holzboden war hell und die Möblierung sparsam: ein Bett, in leuchtenden Farben bezogen, und einige Regale, auf denen verschiedene Kleidungsstücke ordentlich aufgestapelt waren. Wie der andere Raum war auch dieser äußerst sauber – von einer Ausnahme abgesehen …

Der tote Ritter lag auf dem Bauch, und das Rückenteil seines schmutzig grauen Hemdes war rot von geronnenem Blut, das um ihn herum auf dem Holzboden eine dunkle Lache gebildet hatte. Melisende atmete heftig ein und drehte sich weg. Sie fing leise an zu schluchzen. Geoffrey betrachtete die Leiche und erkannte bestürzt die hellen Haare und fein geschnittenen Gesichtszüge von John von Sourdeval.

Geoffrey spürte einen schmerzhaften Knoten im Magen und stand wie erstarrt. Dann ging der schreckliche Augenblick vorüber. Geoffrey rieb sich mit Daumen und Zeigefinger das Kinn und blickte beiseite. John, ein stiller, nachdenklicher Normanne, war ein guter Freund gewesen. Geoffrey hatte oft seine Gesellschaft gesucht, wenn die anderen Ritter zu ungesittet und ausschweifend wurden.

»Wie ist er hierher gekommen?«, fragte Geoffrey und atmete tief durch. Er hoffte, dass Melisende Mikelos zu sehr in ihrem eigenen Schrecken gefangen war, um den seinen zu bemerken. Er trat ans Fenster, um nachzusehen, ob man von außen hinaufklettern konnte. Das war nicht der Fall.

Sie wandte ihm weiterhin den Rücken zu und zuckte die Achseln. »Was weiß ich? Ich war bei meinem Onkel, der in der Nähe der Grabeskirche wohnt. Gerade erst bin ich zurückgekehrt und wollte mich ausruhen, bis die Hitze des Tages vorbei ist. Ich trank unten ein wenig Wein, wusch meine Füße und ging dann nach oben, um mich hinzulegen. Und da fand ich ihn …« Ihre Erklärungen endeten mit einem Schluchzer.

»Kanntet Ihr ihn?«

Sie schüttelte den Kopf und drehte sich ein wenig, sodass sie Geoffrey anschauen konnte, ohne den Toten anzublicken. »Ich habe ihn nie zuvor gesehen«, flüsterte sie. »Und ich weiß nicht, wie er hierher kommt. Die Tür war verschlossen, und meine Nachbarn haben niemanden hineingehen sehen.« Sie sah ihn aus weit aufgerissenen, goldbraunen Augen an. »Ihr müsst mir glauben! Aus welchem Grund sollte ich einen Ritter in meinem Schlafzimmer haben?«

Geoffrey fiel da ein Grund ein, aber er schwieg. Er betrachtete sie aufmerksam. Sie war jünger, als er zuerst geglaubt hatte, und ihre schwarze Kleidung legte nahe, dass sie verwitwet war. Geoffrey vermutete, dass ihr Mann im Juli des vorigen Jahres umgekommen war, als die Kreuzfahrer Jerusalem eroberten – bei dem Gemetzel, wo so viele getötet wurden, Christen ebenso wie Ungläubige.

Mit einem Nicken wies Geoffrey einen seiner Männer an, darauf zu achten, dass Melisende nicht fortrannte. Dann beugte er sich hinab und untersuchte Johns Leiche. Der junge Ritter war zweifellos tot, und die Leichenstarre sowie das getrocknete Blut um die Wunde legten nahe, dass er es schon seit einigen Stunden war. Geoffrey schnitt das Hemd auf und schaute auf die einzelne Stichwunde, die John getötet hatte. Die Verletzung war groß und konnte durchaus von dem gebogenen arabischen Dolch stammen, den Melisende auf der Straße umklammert hatte.

Geoffrey hockte sich auf die Fersen und dachte nach. Ritter waren bei den Bürgern Jerusalems nicht gerade beliebt, wo sie doch das Blutbad nach dem Fall der Stadt angerichtet hatten. Doch während es viele Ritter gab, die mit der Zahl ihrer Opfer prahlten, hatte John so etwas nie getan. Außerdem lag das Gemetzel bereits ein Jahr zurück, und wenn Rache das Motiv war, hätte der Mörder wohl kaum bis heute gewartet.

Geoffrey sah auf und begegnete Melisendes Blick. Sie starrte ihn aus großen, tränengefüllten Augen an. Ihre Hände waren mit Johns Blut befleckt, das entweder von dem Dolch stammte, den sie auf der Straße festgehalten hatte, oder von dem Mord herrührte.

»Ich habe diesen Mann nicht umgebracht«, flüsterte sie. »Bitte glaubt mir.«

»Was ich glaube, ist unerheblich«, sagte Geoffrey und versuchte herauszufinden, ob sie log. »Ich bin bloß ein Ritter. Ihr müsst den Vogt von Eurer Unschuld überzeugen. John war einer seiner Günstlinge.« Und außerdem war er mein Freund, fügte er in Gedanken hinzu. Er sah auf den leblosen Körper vor sich hinab.

»Ich verstehe«, stellte Melisende schroff fest. »Ihr seid nur ein weiterer Normanne, der das Denken anderen überlässt – außer wenn es darum geht, uns zu unterdrücken. Zweifelsohne seid Ihr ein Niemand, ein mittelloser jüngster Sohn eines ebenso unbedeutenden Ritters, der glaubt, er könne in unserem Land ein Vermögen machen …«

Geoffrey blickte ihr in die Augen, aber antwortete nicht, denn ihre Anschuldigungen entsprachen zumindest teilweise den Tatsachen. Er war der jüngste Sohn von Godric Mappestone, einem Ritter, der Wilhelm dem Eroberer 1066 nach England gefolgt war. Für seine Tapferkeit bei der Schlacht von Hastings hatte man Godric mit einem Rittergut nahe der walisischen Grenze belohnt. Doch anders als die meisten Männer in seiner Lage kümmerte Geoffrey sich wenig um sein Vermögen. Tatsächlich gab er sich wenig Mühe, Reichtümer anzuhäufen, und für gewöhnlich war er der Ansicht, dass Plünderungen mehr Ärger einbrachten, als sie wert waren.

Geoffrey hatte sich dem Kreuzzug angeschlossen, um zu reisen. Glänzend gelaunt war er ausgezogen, erfüllt von Träumen über die gewaltigen Bibliotheken der arabischen Welt und von der Aussicht auf eine neue Kultur mit ihrer Philosophie und Literatur. Wissensdurst war allerdings kein Motiv, das die anderen Kreuzritter verstanden oder billigten, und Geoffrey wurde von Anfang an als komischer Kauz angesehen.

John de Sourdeval hatte ihn verstanden. Er hatte mit dem gelehrten englischen Ritter lange Stunden der Erörterung arabischer Schriftwerke verbracht. Geoffreys Blick huschte zu Melisendes blutverschmierten Händen. Sagte sie die Wahrheit? Oder hatte sie seinen sanftmütigen und anständigen Freund ermordet?

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. Jetzt war nicht die Zeit für Vermutungen, nicht, solange sich eine feindlich gesinnte Menschenmenge um seine erschöpften Männer zusammenrotten konnte. Geoffrey zerrte eine Decke von einem säuberlich gefalteten Stapel am Fenster, wickelte John hinein und befahl seinen Leuten, den Toten nach unten zu tragen. Hastig schaute er sich um, aber es gab sonst nichts in der kärglich eingerichteten Kammer, das ihm weitere Hinweise geben konnte. Die Treppe, die Geoffrey selbst benutzt hatte, war der einzige Weg in das Zimmer, und falls John irgendwelche Sachen bei sich getragen hatte, waren sie jetzt nicht mehr da.

Geoffrey umklammerte wieder Melisendes Arm und führte sie aus dem Haus und auf die Straße. Sein erster Gedanke galt dem Dolch, den sie fortgeschleudert hatte. Doch der war spurlos verschwunden. Geoffrey musterte die Menschenmenge, und es überraschte ihn nicht. Der Dolch war eine gute Waffe gewesen, mit einem juwelenbesetzten Griff, der wertvoll aussah. Zweifellos würde er auf dem Markt einen ordentlichen Preis einbringen.

Helbye schacherte mit einem schmuddeligen Feigenhändler um die Miete für dessen Handkarren, auf dem sie Johns Leiche in die Zitadelle am entgegengesetzten Ende der Stadt transportieren wollten. Der Vogt, militärischer Oberbefehlshaber von Jerusalem, hatte dort sein Hauptquartier eingerichtet, und viele Ritter, Geoffrey eingeschlossen, hatten diesen Ort als Quartier gewählt.

Trotz der glühenden Mittagssonne versammelten sich immer mehr Menschen auf der Straße. Geoffreys Leute wurden zusehends unruhiger: Zwei hatten ihre Bogen bereitgemacht und Pfeile auf die Sehne gelegt. Geoffrey setzte sich über die empörten Proteste des Feigenhändlers hinweg und lud den Toten auf den Karren. Dann packte er Melisendes Handgelenk, rief seinen Männern Befehle zu und marschierte los. Der untröstliche Feigenhändler lief nebenher und jammerte darüber, dass seine Früchte zerquetscht wurden.

Die Menge teilte sich, um sie durchzulassen, aber Geoffrey bemerkte einen Groll, der zuvor nicht da gewesen war. Ein kleines Kind schoss vor und versuchte, Melisende ein Messer in die Hand zu drücken. Eine bedrohliche Stille herrschte, und Geoffrey bemerkte, wie sich seine Gefolgsleute auf einen Kampf vorbereiteten. Hier und da blitzte Stahl in der Sonne auf, als Einheimische eine eigenartige Auswahl verborgener Waffen aus ihrer Kleidung zogen – Küchenmesser, Stöcke und sogar ein verlorenes Hufeisen. Das Schweigen der Leute war inzwischen düster und fühlbar bedrohlich.

»Lasst mich frei«, wisperte Melisende Geoffrey zu. »Diese Leute sind zornig, weil Ihr mich mitnehmt. Lasst mich frei, und Ihr werdet unbehelligt mit Euren Männern weiterziehen können.«

»Wenn Ihr keine Schuld am Tod dieses Ritters tragt, wie Ihr behauptet, dann habt Ihr nichts zu befürchten«, meinte Geoffrey und ging nicht langsamer.

Die Frau schnaubte verächtlich. »Wer in der Zitadelle wird mir glauben?«, fragte sie. »Ihr jedenfalls nicht.«

Sie hat Recht, dachte Geoffrey. Ich glaube ihr nicht.

Einer seiner Leute schrie auf und hielt sich den Kopf.

»Nicht stehen bleiben«, sagte Helbye in ruhigem Tonfall zu den aufgeregten Kriegern. »Sie werfen nur Steine. Ihr tragt Rüstungen. Sie können euch nicht verletzen.«

»Nicht allzu sehr!«, murmelte der Soldat mit dem blutenden Kopf, aber er lief weiter. Geoffrey übergab Melisende an Ned Fletcher, einen schwerfälligen, aber zuverlässigen Waffenknecht in den Vierzigern. Er zog das Schwert. Der Pöbel folgte ihnen die Straße entlang und ließ einen wahren Hagel von Steinen und anderen Geschossen auf sie herabregnen.

Als die Krieger um eine Ecke bogen, begann die Menge zu laufen. Geoffrey befahl seinen Leuten zu rennen. Sein Hund hatte wie üblich die Gefahr schon gespürt und war längst geflohen. Mehrere Soldaten machten ihre Bogen schussbereit, aber Geoffrey gebot ihnen Einhalt. Solch eine Situation konnte leicht in einem Blutbad enden, und er wollte nicht die Verantwortung für den Tod der Frauen und Kinder tragen, die er in der Menge erblickte, und auch nicht für den seiner Männer.

Als Geoffrey sich noch einmal nach der Menge umdrehte, traf ihn ein Stein hart an der Brust. Die vorderste Reihe des näher rückenden Pöbelhaufens kommentierte den Treffer mit Beifall. Geoffreys Kettenhemd und der ausgepolsterte Wappenrock schützten ihn vor einer Verletzung, aber die Wucht des Wurfes ließ ihn taumeln. Er stieß mit Helbye zusammen, und noch ehe er sich wieder fangen konnte, rutschte er auf einigen Feigen aus, die vom Karren gefallen waren. Jubelnd stürmte die Menge vor, und Geoffrey versuchte vergebens, auf die Füße zu kommen. Er schrie Helbye zu, er solle fliehen, doch dieser stellte sich mit gezogener Waffe vor seinen Anführer, bereit, ihn zu verteidigen.

Verzweifelt schloss Geoffrey die Augen. Was für eine dumme Art zu sterben, nach all den Strapazen und Qualen der aufreibenden dreijährigen Reise von England nach Jerusalem! Er hatte sich nie viele Gedanken über den Tod gemacht, aber bei den wenigen Gelegenheiten, wo er darüber nachdachte, stellte er sich vor, in der Schlacht zu fallen oder friedlich an Altersschwäche im Bett zu sterben. Niemals hätte er erwartet, von einer wütenden, mit Steinen und Stöcken bewaffneten Horde in Stücke gerissen zu werden, weil er auf ein paar Feigen ausgerutscht war.

Die aufgebrachten Stadtbewohner kamen heran, und schon fiel ihr Schatten auf Geoffrey – doch bereits im nächsten Augenblick lag er wieder offen im Sonnenlicht. Dumpfer Hufschlag hämmerte auf der festgetretenen Erde der Straße, und Geoffrey spürte ihn mehr, als dass er ihn hörte. Dann brach das Chaos aus. Schreie und Geheul ertönten, untermalt vom erschreckten Wiehern der Schlachtrösser, als die Ordensritter vom Spital des Heiligen Johannes in den Pöbel preschten. Geoffrey riss schützend die Hände über den Kopf. Wieder versuchte er aufzustehen, wurde aber von einem Mann umgerannt, der vor den wirbelnden Schwertern und Streitäxten der Johanniter floh.

Es war so rasch zu Ende, wie es begonnen hatte. Der Tumult legte sich. Geoffrey spürte, wie ihn jemand hinten am Wappenrock packte und auf die Füße zerrte. Staubbedeckt, verdreckt und gedemütigt, wie er sich fühlte, war er wenig erfreut, sich Auge in Auge mit Edouard de Courrances
wieder zu finden – dem Mann, den Geoffrey am meisten von allen verabscheute. Courrances war ein Vertrauter des Vogts, also Gottfrieds von Bouillon, der im vergangenen Jahr zum Herrscher Jerusalems gewählt worden war.

»Meine Leute?«, stieß Geoffrey hervor und spähte durch die langsam niedersinkenden Staubwolken, um zu sehen, ob jemand verletzt war.

»Fortgerannt, wie ihr Anführer befohlen hat«, antwortete Courrances gleichmütig und schob das Schwert zurück in die Scheide. »Ihr habt Glück gehabt, dass wir zufällig des Weges kamen. Andernfalls würdet Ihr jetzt nicht mehr leben und wäret der Sorge um Euren zusammengewürfelten Haufen enthoben.«

Geoffrey schwieg. Es wurmte ihn, dass von allen Menschen ausgerechnet Courrances Zeuge des schimpflichen Geplänkels geworden war und ihn gerettet hatte. Die Johanniter unterhielten in Jerusalem das große Hospital für hilfsbedürftige Pilger, doch vor einiger Zeit hatten manche der Mönche ihrer friedlichen Gesinnung entsagt und zu den Waffen gegriffen, um sich selbst und ihr Eigentum zu schützen. Courrances trug über dem Mönchshabit einen schwarzen Wappenrock, geschmückt mit einem weißen Kreuz auf dem Rücken, und zumeist schleppte er eine ganze Waffenkammer mit sich herum. Ungefähr zehn gleichartig gekleidete Ordensritter begleiteten ihn. Sie saßen auf stämmigen Schlachtrössern und waren bis an die Zähne bewaffnet.

Geoffrey schaute über Courrances’ Schulter und sah, dass einige aus der Menge tot oder verletzt dalagen und von Freunden und Verwandten davongetragen wurden. Einer von ihnen war der Junge, der versucht hatte, Melisende das Messer in die Hand zu drücken. Die Johanniter saßen aufrecht auf ihren unruhigen Pferden, die Waffen noch blankgezogen und zweifellos auf einen weiteren Kampf aus. Die Stadtbewohner brachten ihre Toten weg und stahlen sich davon, mit Angst und Hass in den Augen.

»Diese Leute waren unbewaffnet«, protestierte Geoffrey und wandte sich verärgert Courrances zu. »Wir sollen hier für Ruhe sorgen und keine Leute abschlachten!«

»Oh, schön gesagt, Herr Geoffrey«, erwiderte Courrances
mit enervierender Gemütsruhe. »Vielleicht wäre es Euch lieber gewesen, ich hätte in Ruhe zugesehen, wie sie Euch umbringen? Und lasst uns doch ehrlich bleiben: Ihr hattet den Aufruhr bereits angefacht, lange bevor wir hier auftauchten. Also gebt mir nicht die Schuld für diese Toten. Wenn hier einer Schuld hat, dann Ihr.«

Geoffrey machte ein finsteres Gesicht, denn Courrances hatte Recht. Er hätte Melisende freilassen und später wieder Krieger herschicken sollen, wenn keine Menschenmenge mehr versammelt war und Zeuge der Festnahme wurde.

»John von Sourdeval wurde ermordet.« Geoffrey wechselte das Thema und blinzelte gegen die Sonne, um Courrances ins Auge zu fassen. Er beobachtete mit einer gewissen Befriedigung, wie der Ordensritter erbleichte. »Er wurde hinterrücks erstochen. Kam Guido von Rimini nicht vor drei Wochen auf dieselbe Art ums Leben?«

»Der zweite Mord an einem Ritter?«, fragte Courrances leise. Er trommelte mit seinen langen, gepflegten Fingern auf den Sattelknauf. »Dies sind wirklich bedenkliche Neuigkeiten.«

»Habt Ihr Guidos Leiche gesehen?«, erkundigte sich Geoffrey. Er beobachtete, wie sich seine Leute unter Helbyes Befehlen auf der gegenüberliegenden Straßenseite neu formierten. Fletcher hielt noch immer Melisende fest, und der Tote lag in der Decke auf dem Karren. Der Feigenhändler aber war nirgendwo zu sehen. Er tat Geoffrey Leid, denn der Wagen stellte vermutlich seinen einzigen Besitz dar. Der Verlust würde ernste Folgen für ihn haben. Geoffreys fetter, feiger Hund war zurückgekehrt, nun, da die Gefahr vorüber war, und er schlug sich an den Feigen den Wanst voll.

»Ja, ich habe sie gesehen«, sagte Courrances. »Und ich habe gehört, die Tatwaffe war ein langer, gebogener Dolch mit edelsteinbesetztem Griff. Ihr wisst, was ich meine? Die Art, die gefährlich aussieht, aber billig und protzig ist. Man kann sie auf dem Markt kaufen.«

Geoffrey rieb sich nachdenklich das Kinn und sah Courrances an. »Beinahe so, als wollte der Mörder nicht seine eigene Waffe benutzen?«

Courrances erwiderte Geoffreys Blick. »Genau. Als wollte der Täter sichergehen, dass ihn nichts mit den Opfern in Verbindung bringen kann.«

»Ich hoffe, du hast Edouard de Courrances angemessen für seine rechtzeitige Hilfe gedankt«, meinte Hugo von Monreale, der es sich vor dem kleinen Feuer in Geoffreys Unterkunft bequem gemacht hatte. Trotz der feuchten, dicken Wände der Festung war es nicht kalt, aber Geoffrey ließ gerne ein Feuer brennen, wenn er im Zimmer war. Es verschaffte ihm ausreichend Licht zum Lesen, und außerdem schuf es ein gewisses Maß an Heimeligkeit in einem Raum, der ansonsten bar der meisten Annehmlichkeiten war.

Entrüstet schnaubte Geoffrey. »Er hat unbewaffnete Leute umgebracht.«

»Unbewaffnete Leute gibt es doch gar nicht«, sinnierte Hugo. Er vollführte eine zupackende Bewegung in Richtung seines Freundes. »Mit den Händen kann man schlagen, jemandem die Arme verdrehen, ihm die Augen ausdrücken und kratzen.« Er deutete auf seine Beine. »Mit den Füßen kann man treten und auf jemandem herumtrampeln.« Dann wies Hugo auf seinen Mund. »Und mit den Zähnen kann man beißen und reißen. So etwas wie einen unbewaffneten Menschen gibt es nicht. Du als Krieger solltest das wissen. Und außerdem hast du selbst erzählt, dass diese unbewaffneten Leute gerade dabei waren, dich umzubringen.«

Geoffrey musterte seinen Freund aus zusammengekniffenen Augen. Sie waren einander während der langen, zermürbenden Reise durch die Ödländer jenseits von Konstantinopel begegnet. Wie Geoffrey war Hugo der jüngere Sohn eines normannischen Edelmannes und würde keinen Besitz erben. Er war auf Sizilien geboren und stand seit der Kindheit im Dienste von Bohemund, einem der Anführer des Kreuzzuges. Anders als Geoffrey aber grollte Hugo den Launen des Schicksals, das seinem ältesten Bruder mehr Land und Reichtümer schenkte, als dieser vertragen konnte, während er selbst mit leeren Händen zurückblieb.

Allerdings war Hugo niemand, der sich in Selbstmitleid suhlte: Wie so viele andere Normannen nahm er den Kreuzzug als gute Gelegenheit, um sich selbst zu verschaffen, was ihm durch die Umstände seiner Geburt verwehrt blieb. Und während die gewaltigen Armeen der Kreuzfahrer vom Westen her plündernd ins Heilige Land vorgedrungen waren, hatte er denn genug Möglichkeiten gefunden, sich ein Vermögen anzueignen. Die meisten Ritter besaßen wohl gefüllte Truhen mit Kriegsbeute, und Hugos Truhe war größer und voller als die der meisten anderen, da er weder zu Trunk, Hurerei noch Glücksspiel neigte.

»Übrigens ist ein Brief für dich angekommen«, meinte Hugo lässig und hielt das Schreiben hoch. »Es sind Grasflecken darauf, und die Handschrift ist fürchterlich. Er stammt also gewiss von der edlen Burg Goodrich in England.«

Geoffrey warf Hugo einen finsteren Blick zu und riss ihm den Brief aus der Hand. Die lange Reise von der walisischen Grenze hatte auf dem Pergament ihre Spuren hinterlassen. Und die kantige, ungelenke Handschrift gehörte tatsächlich dem Schreiber, der seinen Lebensunterhalt der Tatsache verdankte, dass Geoffreys Vater des Lesens und Schreibens unkundig war und eine schöne Schrift nicht von einer schlechten zu unterscheiden wusste.

Mit einer Mischung aus böser Vorahnung und Neugier erbrach Geoffrey das Siegel. Sein Vater hatte ihm erst zweimal geschrieben, seit er ihn vor zwanzig Jahren fortgeschickt hatte, damit er sich zum Ritter ausbilden ließ: einmal, um vom Tod seiner jüngeren Schwester zu berichten, das andere Mal, um ihm mitzuteilen, dass sich die neue Schafherde auf dem Besitz gut machte.

Geoffrey glättete das billige Pergament und entzifferte mühevoll die Worte: »Mein lieber Sohn Godfrey«, las er laut vor. Geoffrey seufzte und überlegte, ob es wirklich zu viel verlangt war, dass sein Vater und der Schreiber gemeinsam zumindest seinen Namen richtig buchstabierten. Hugo prustete vor Lachen.

»Was gibt es Neues aus dem Land der Schafe und des Regens?«, wollte er wissen. Seine Augen leuchteten vor Vergnügen. »Sind die Mutterschafe reif zum Decken? Machen sich die Schnecken immer noch über die Kohlköpfe her? Jammert deine Mutter weiterhin, dass du es nicht zum Priester gebracht hast?«

»Meine Brüder lassen mich grüßen«, sagte Geoffrey und drehte den Brief im Feuerschein hin und her, um den krakeligen Text zu lesen.

»Das will ich auch hoffen!«, rief Hugo aus. »Denen hast du einen großen Gefallen getan, als du dich mit zwölf Jahren nach Frankreich hast verfrachten lassen und in den Dienst des Herzogs der Normandie getreten bist! Wärst du in England geblieben, müssten deine habgierigen Brüder stets befürchten, dass du ihnen ihr armseliges Erbe streitig machst.«

Geoffrey warf Hugo einen weiteren unfreundlichen Blick zu, doch er wusste, dass sein Freund die Wahrheit sprach. Geoffreys Mutter hatte sich in den Kopf gesetzt, dass der jüngste ihrer vier Söhne Mönch werden sollte. Doch obwohl Geoffrey die Gelehrsamkeit durchaus zu schätzen wusste, erwies er sich als vollkommen ungeeignet für ein Leben in mönchischer Demut. Mit zwölf Jahren war Geoffrey größer, kräftiger und deutlich klüger als seine älteren Brüder, und als sein Vater das bemerkte, schaffte er ihn in aller Eile nach Frankreich, wo er zum Ritter ausgebildet werden sollte.

Das hatte den zweifachen Vorteil, Geoffrey einerseits ein Auskommen zu verschaffen und ihn andererseits von zu Hause fern zu halten. Drei Söhne, die sich ständig über die mögliche Aufteilung des Rittergutes von Goodrich stritten, waren Geoffreys Vater mehr als genug. Er war erleichtert, den vierten Sohn aus dem Haus zu haben.

»Meine Schwägerin ist gestorben«, berichtete Geoffrey weiter und spähte auf den Brief. »Aber Vater schreibt nicht, welche. Und der schwarze Bulle, den sie Baron nannten, ist ebenfalls von dieser Welt abgetreten …«

Hugo brach wieder in Gelächter aus. »Deine Familie ist unbezahlbar! Sie nennen den Bullen beim Namen, erweisen deiner Schwägerin aber nicht diese Höflichkeit! Du musst deinem Vater wirklich von Herzen dankbar sein, dass er dich in die Normandie geschickt hat, mein Freund. Sonst wärst du wie deine Brüder geworden, gierig, unbedeutend und nur das Vieh im Kopf.«

»Ich wollte kein Ritter werden«, sagte Geoffrey, blickte von dem Brief auf und sah, wie die Belustigung aus Hugos Gesicht verschwand. »Ich wollte nach Paris und dort studieren. Einige Male bin ich dem Herzog der Normandie weggelaufen, doch sie haben mich immer wieder eingefangen und zurückgebracht.«

»Du wolltest ein Gelehrter werden?«, fragte Hugo. Er schüttelte den Kopf und lächelte nachsichtig. »Du würdest also lieber in einer schäbigen Domschule leben und weinerlichen Jünglingen Aristoteles eintrichtern, als das frohe Leben eines Kreuzritters zu führen?«

Geoffrey bedachte ihn mit einem schiefen Blick und sah sich im Zimmer um. »Und wo läge der Unterschied? Eine schäbige und zudem überfüllte Unterkunft habe ich hier auch, und unter meinen Leuten gibt es einige, die zumindest heimwehkrank und mitunter zimperlich sind. Und, ja, lieber würde ich sie den Aristoteles lehren, als ihnen zu erklären, wie man einen Hinterhalt legt. Zumindest müsste ich in Paris niemanden umbringen …«

»Unfug!«, rief Hugo aus. »Es gibt nichts Gefährlicheres als einen Gelehrten, und die Straßen von Paris sind sogar noch tückischer als die Jerusalems. Doch das sind leichtsinnige Worte, Geoffrey. Was würden deine Kameraden denken, wenn sie von deinen Skrupeln erführen?«

Geoffrey zuckte die Achseln. »Ihre Meinung ist mir gleichgültig. Seit ich in Antiochia lieber Bücher als Gold mitnahm, betrachten die meisten Ritter mich ohnehin mit tiefem Misstrauen. Dabei ist ihnen niemals in den Sinn gekommen, dass diese Texte ihr zehnfaches Gewicht in Gold wert sind, ganz abgesehen von dem Wissen darin.«

»Ich habe mich schon häufig gefragt, was du überhaupt auf dem Kreuzzug wolltest, wo du so wenig für das Töten und Plündern übrig hast. Dir muss doch klar gewesen sein, wie ein solches Unternehmen ausgehen würde.«

Geoffrey schaute ins Feuer und hatte den Brief völlig vergessen. Er dachte an den Tag zurück, wo er zum ersten Mal von dem Kreuzzug hörte. »Als mir klar wurde, dass ich dem Herzog der Normandie niemals entkommen und kein Gelehrter werden konnte, da habe ich mich mit meiner Ausbildung zum Ritter abgefunden. Aber ich las immer noch alles, was mir zwischen die Finger kam, und schließlich wurde ich als Erzieher zu Tankred nach Italien geschickt. Er war fünfzehn Jahre alt und mehr auf seine körperlichen Fähigkeiten bedacht als auf seine geistigen. Doch ungeachtet aller Unterschiede haben wir bald gelernt, einander zu respektieren.«

»Du bist zu bescheiden«, behauptete Hugo. »Tankred empfindet mehr als Respekt. Er traut deinem Urteil vollkommen und hält viel von deinen Fähigkeiten, sowohl als Ritter wie auch als Gelehrter. Du warst während des gesamten Kreuzzuges von unschätzbarem Wert für ihn, und er sieht dich als seinen wichtigsten Ratgeber.«

»Wohl kaum«, widersprach Geoffrey erschrocken. »Er macht sich dauernd über meinen Lerneifer lustig, und sein Onkel Bohemund steht meiner Gelehrsamkeit sogar feindselig gegenüber.«

»Doch Bohemund ist kein Narr«, warf Hugo ein. »Wie du weißt, stehe ich seit meiner Kindheit in seinen Diensten, und ich schätze ihn wie keinen anderen Menschen, dich vielleicht ausgenommen.«

Geoffrey schaute weg, peinlich berührt von Hugos offener Freundschaftsbekundung. Hugo erkannte, dass er Geoffrey in Verlegenheit brachte, und lächelte, ehe er fortfuhr: »Bohemund mag schimpfen und poltern, doch er weiß genau, wie nützlich du für seinen Neffen bist. Er ist regelrecht ärgerlich darüber, dass der Herzog der Normandie dich an Tankreds Seite gestellt hat und nicht an seine. Er hätte dich überaus gerne in seinem Gefolge. Doch all das hat meine Frage nicht beantwortet. Wie kamst du überhaupt dazu, dich dem Kreuzzug anzuschließen?«

Geoffrey seufzte, als er sich an die Begebenheit vor drei Jahren erinnerte. »Tankred und Bohemund belagerten Amalfi, eine reiche Kaufmannsstadt, die mit Bohemund aneinander geraten war. Eines Tages beobachteten Tankred und ich Reiter mit roten Kreuzen auf der Rückseite ihrer Wappenröcke. Unter ihnen befand sich Tankreds Bruder, und er berichtete uns, dass der Papst die ganze Christenheit aufgerufen habe, den Ungläubigen das Heilige Land zu entreißen. Bohemund und Tankred sahen die Gelegenheit, ein Vermögen zu machen und Ländereien zu gewinnen, die ihre kühnsten Träume überstiegen. Noch am selben Tag brachen sie die Belagerung ab und sammelten ihre Truppen, damit sie den Kreuzzug anführen konnten. Ich nehme an, du warst auch darunter?«

Hugo nickte. »Zu dieser Zeit weilte ich auf Bohemunds Geheiß in Lothringen. Aber als ich vom Aufruf des Papstes hörte, da wusste ich, dass Bohemund all seine Truppen dafür zusammenrufen würde. Ich eilte zu ihm, so schnell mich das Pferd nur tragen konnte, und noch im gleichen Monat waren wir unterwegs ins Heilige Land. Aber du verschweigst mir immer noch das Wesentliche, Geoffrey. Warum bist du mit Tankred gezogen? Sicher hätte er dir erlaubt, in Italien zu bleiben, wenn du darum gebeten hättest.«

Geoffrey schaute ihn zweifelnd an. »Das hätte er ganz gewiss nicht! Als der junge Tankred seine Heimat Italien verließ, wusste er schon, dass er nicht zurückkehren würde. Er wollte sich im Heiligen Land ein eigenes Fürstentum verschaffen, genau wie Bohemund, und mich will er dabei an seiner Seite haben. Und ich war einverstanden, denn ich hatte ein wenig über arabische Philosophie und Medizin gelesen und sah hier die Gelegenheit zu lernen.«

»Das also war dein Antrieb?«, fragte Hugo. »Gelehrsamkeit und Bücher?« Plötzlich lächelte er. »Das habe ich mir bereits gedacht, so wie ich dich kenne. Und hast du gefunden, was du dir erhofft hast?«

»Nein!«, stieß Geoffrey hervor. Hugo war erstaunt über seine Heftigkeit. »Ich fand Blutvergießen und Gemetzel, Krankheiten, Fliegen, Staub und Hass. Und wir sind so sehr mit dem Überleben beschäftigt, dass kaum Zeit zum Studieren bleibt.«

»Immer mit der Ruhe«, sagte Hugo und lächelte weiterhin. »So schlimm ist es wirklich nicht. Wie ich gehört habe, lernst du Arabisch und kommst deinem Ziel damit wenigstens etwas näher. Aber wir werden sentimental, hier am Feuer. Wir brauchen etwas Zerstreuung. Komm, lies den Brief deines Vaters weiter.«

Geoffrey richtete seine Gedanken wieder auf das Zuhause, das er seit Jahren nicht gesehen hatte. Mühsam konzentrierte er sich auf den unzusammenhängenden Brief seines Vaters: »Er hat drei Waliser gehängt, die er des Schafdiebstahls verdächtigte. Gott steh uns bei, Hugo! Der Mann ist ein Idiot! Ich bezweifle sehr, dass er die wahren Schuldigen gefasst hat, und wahrscheinlich wird er mit dieser unbesonnenen Tat nur die Wut ihrer Familien auf sich ziehen.«

»Und was hättest du getan?«, fragte Hugo und wärmte seine Hände am Feuer, obwohl der Raum nicht kalt war.

»Ich hätte versucht, mit den Dörfern zu verhandeln, die ich des Diebstahls verdächtigte«, antwortete Geoffrey. »Oder ich hätte während der kritischen Zeiten die Schafe besser bewacht, um die Diebstähle von vorneherein zu verhindern.«

Spöttisch schnaubte Hugo. »Dein Vater hatte Recht, als er dich von seinen Herden fortschickte. Du bist zu weich für einen Grundbesitzer!«

»Und jetzt kommen wir zum wahren Anlass dieses Briefes«, meinte Geoffrey und ignorierte Hugo, während er weiterlas. »Er merkt an, dass Reichtümer mir bekanntlich gleichgültig sind. Doch er bittet mich, daran zu denken, dass Burg Goodrich dringend Steinmauern benötigt und dass es im Nachbarort einen guten Schafbock gibt, den er gerne erwerben würde.«

Hugo lachte leise, während Geoffrey den Brief zerknüllte und ins Feuer warf. Das Pergament verbrannte zischend und schickte eine Funkenfontäne den Kamin hinauf. Geoffrey beugte sich vor, um nach dem Brief zu stochern, während Hugo ihre Becher mit dem sauren Wein auffüllte, den Geoffrey aus den Kellern der Zitadelle erschnorrt hatte. Hugo streckte seinen langen, anmutigen Körper auf dem harten Lager aus und nippte vorsichtig an dem Wein.

»Was für ein Teufelszeug!«, rief er aus und zuckte bei dem sauren Geschmack zusammen. »Hast du nichts Besseres?« Hugo musterte seinen Freund verärgert und stellte den Becher auf den Fußboden. Interessiert trottete Geoffreys Hund heran, aber nach kurzem Schnüffeln lief er angewidert davon. Hugo beobachtete ihn, sein blondes Haar rutschte locker über eines der hellblauen Augen.

»Was hast du eigentlich mit dieser Frau gemacht, die du heute Nachmittag festgenommen hast? Du warst ihr gegenüber gar nicht freundlich!«

Geoffrey zuckte die Achseln und schürte weiterhin das Feuer. »Für eine weitere Plauderei mit mir war sie wohl zu erschrocken über Courrances’ blutrünstiges Vorgehen. Ich übergab sie Gottfrieds Leuten. Doch der Patriarch wollte sie ebenfalls befragen, denn scheinbar wurden vor drei Wochen zwei Mönche ermordet, zur gleichen Zeit wie Guido von Rimini. Der Patriarch glaubt wohl, es gäbe eine Verbindung zwischen den Todesfällen. Da Gottfried derzeit in Jaffa weilt, wurde Melisende Mikelos zum Palast des Patriarchen geschafft. Sobald der Vogt zurückkehrt, soll sie wieder hergebracht werden.«

Vogt des Heiligen Grabes, so lautete der beeindruckende Titel, den sich Gottfried von Bouillon, Herzog von Niederlothringen, gegeben hatte. Der Anführer einer Kreuzritterarmee, die Frankreich verlassen hatte, um Jerusalem zurückzugewinnen, herrschte nun über die Stadt. Auf der anderen Seite galt der Patriarch, ein ehrgeiziger Italiener namens Daimbert, als Oberhaupt der katholischen Kirche im Heiligen Land. Diese beiden Männer und ihre Anhänger führten einen andauernden Kleinkrieg um die Macht. Ritter wie Geoffrey und Hugo wurden häufig in diese Streitereien hineingezogen. Tankred, Geoffreys Herr, und Bohemund, der Lehnsherr von Hugo, waren mit dem Patriarchen verbündet – weshalb der Vogt Ritter wie Geoffrey und Hugo, die in seiner Zitadelle lebten, mit Argwohn betrachtete.

»Warum hast du diese Frau überhaupt festgenommen?«, wollte Hugo wissen und unterbrach Geoffreys Gedanken, als er nun ebenfalls im Feuer herumstocherte. »Die Mönche aus dem Felsendom, die die Leiche von Guido von Rimini fanden, wurden nicht festgenommen.«

»Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht die Wahrheit sprach«, sagte Geoffrey mit einem Achselzucken. »Und der arme John lag tot auf ihrem Fußboden. Hättest du gewollt, dass sein Mörder davonkommt?«

»Natürlich nicht«, räumte Hugo ein. »Du hast John viel besser gekannt als ich. Aber Freundschaft darf deinem Urteilsvermögen nicht im Wege stehen. Und überhaupt, was hat er in ihrem Haus gemacht?«

Genau das fragte sich Geoffrey ebenfalls, doch er schwieg.

»Vielleicht hast du sie zum Tode verurteilt«, fuhr Hugo im Plauderton fort. »Möglicherweise hat sie mit Johns Tod nichts zu tun, genau wie sie sagt, und zahlt nun trotzdem den Preis dafür.«

»Sie hielt die Mordwaffe in der Hand, Hugo. Welche Frau würde sich einem toten Ritter nähern – einen laut ihrer Aussage unerwarteten und sehr unwillkommenen Gast auf ihrem Schlafzimmerboden –, den Dolch aus seinem Rücken ziehen und damit nach draußen rennen?«

Plötzlich stand Geoffrey auf und lief in dem kleinen Zimmer herum. Während er ging, bemerkte er, dass seine Beine müde und steif waren von den Strapazen der Wüstenpatrouille. Er wusste, er sollte sich ausruhen. Er war erschöpft von der ständigen Wachsamkeit und der Plackerei, mit Kettenhemd und Wappenrock durch die Hitze zu laufen.

Die meisten Ritter zogen es vor zu reiten. Aber Geoffrey war der Ansicht, dass Pferde während der Patrouille unter der erbarmungslosen Hitze keinen Vorteil brachten, und so ging er für gewöhnlich mit seinen Männern zu Fuß.

»Mein Freund, du bist zu festgefahren in deinem Denken«, begann Hugo. Geoffrey setzte sich. In Erwartung einer Predigt schloss er müde die Augen.

Hugo ließ sich vom deutlichen Desinteresse seines Freundes nicht entmutigen und fuhr fort: »Du hast gesagt, dass sie ihren Onkel besucht hatte und gerade erst zurückgekehrt war, als sie die Leiche entdeckte. Sie ist also während der heißesten Tageszeit durch die Stadt gelaufen. Sie war verschwitzt und müde. Sie hat dir erzählt, dass sie etwas Wein trank und sich dann die Füße wusch, ehe sie sich ausruhen wollte. Damit muss sie die Wahrheit gesagt haben, denn welche Frau würde über so persönliche Dinge wie eine Fußwäsche reden?

Stell dir nun vor, wie sie müde die Treppe hinaufsteigt. Sie möchte sich in ihrem kühlen Schlafzimmer ein wenig hinlegen. Aber was muss sie da sehen? Eine blutüberströmte Leiche liegt auf dem Fußboden! Du bist ein Krieger, der mit solchen Dingen vertraut ist, aber sie ist eine junge Frau. Sie hat so etwas noch nie gesehen, und vermutlich kann sie es gar nicht glauben. Also berührt sie den Körper, um sicherzugehen, dass sie nach dem Marsch durch die Sonne keine Halluzinationen hat. Und ebenso unüberlegt fasst sie auch die Waffe an. Sie hat nicht erwähnt, dass sie den Dolch aus Johns Rücken gezogen hat. Das ist nur eine Vermutung von dir, für die es keinen Beweis gibt. Vielleicht lag er ja neben John auf dem Fußboden? Erschrocken über ihre Entdeckung klaubt sie die Waffe aus der Blutlache und flieht nach draußen. In diesem Moment hast du ihren Schrei gehört. Erst während der Befragung fällt ihr auf, dass sie den Dolch noch in der Hand hält, und sie schleudert ihn fort.«

Geoffrey musterte seinen Freund nachdenklich. »Unglücklicherweise war der Dolch verschwunden, als ich später danach suchte. Sonst könnten wir ihn mit der Waffe vergleichen, mit der Guido getötet wurde.«

»Stimmt. Und wenn die Frau, die du festgenommen hast, als Mörderin hingerichtet wird und ein weiterer Ritter einem Mord zum Opfer fällt, dann wissen wir, dass sie unschuldig war.«

»Sie wäre erfreut, das zu hören, da bin ich sicher«, stellte Geoffrey trocken fest. »Aber das geht uns nichts an. Die Beauftragten des Patriarchen ermitteln jetzt in dieser Sache, und wenn Gottfried zurückgekehrt ist, wird er entscheiden, was mit der Frau geschehen soll.«

»Der Patriarch steht vor einer schwierigen Aufgabe«, sagte Hugo. Unvermittelt wurde er wieder ernst. »Er ist hier, um Gottfried die Herrschaft über Jerusalem zu entreißen und dem Papst zu übergeben. Unterdessen zeigt sich auch an dem heutigen Aufruhr, wie sehr die griechische Kirche der lateinischen Kirche ihre Vorherrschaft verübelt. Sie wird dagegen rebellieren, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Dazu kommen die Querelen in der lateinischen Kirche selbst: Die Benediktiner verwalten die Grabeskirche, doch die Augustiner und Zisterzienser meinen, dass sie das übernehmen sollten, und richten deswegen eine Bittschrift nach der anderen an den Patriarchen. Die Johanniter, unter deinem besonderen Freund Edouard de Courrances, sollen sich um kranke Pilger kümmern. Aber Courrances ist zuvorderst ein guter Kämpfer, und er marschiert auffällig in der Stadt herum, damit auch jeder erfährt, dass er mehr Krieger als Mönch ist. Und die Krönung all dessen ist die Tatsache, dass die Ungläubigen, unsere wahren Feinde, uns wegen der Kämpfe untereinander verlachen.«

Geoffrey schmunzelte. »So ist es. Um ehrlich zu sein: Ich frage mich, ob es nicht langsam Zeit wird, von hier zu verschwinden und all das Gezänk hinter sich zu lassen.«

»Aber du stehst im Dienste Tankreds«, merkte Hugo an. »Wie soll er ohne dich hier zurechtkommen? Du bist in dieser Schlangengrube Auge und Ohr für ihn.«

Geoffrey schaute seinen Freund voller Schrecken an. »Das denkst du also? Dass Tankred mich als seinen Spion ansieht?«

Hugo tat diesen Gedanken mit einer Geste ab. »Nicht im schändlichen Sinne. Aber keiner kann bestreiten, dass du für ihn nützlich bist. Doch du hast Recht, Geoffrey. Die Zeit für uns Krieger ist vorüber. Vielleicht sollten wir verschwinden und die Stadt den Machthungrigen überlassen, damit sie um Jerusalem feilschen können.«

»Und dafür töten«, bemerkte Geoffrey. »So wie im Falle von John und Guido.«

Hugo rieb sich die glatt rasierten Wangen und starrte ins Feuer. Als er wieder aufblickte, war Geoffrey eingeschlafen, die langen Beine bequem ausgestreckt. Die harten Linien seines Gesichts versanken unter den tanzenden Flammen in tiefen Schatten. Hugo lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete die asketische Gestalt seines Freundes: das nach Normannenart kurz geschorene Haar, das sauber rasierte Kinn und die kräftigen Hände mit den langen Fingern. Gerade wollte er sich erheben und zu seinem eigenen Zimmer im Stockwerk darüber gehen, als ein hartes Klopfen an der Tür ertönte.

Geoffrey war schon auf den Füßen und hielt sein Schwert bereit, ehe Hugo überhaupt antworten konnte. Der blonde Ritter schüttelte leicht den Kopf. Er war fassungslos über Geoffreys Misstrauen. Geoffrey lächelte verlegen.

Er öffnete die Tür und ließ Helbye ein.

»Herr Tankred bittet um Euren Besuch«, sagte Helbye zögernd, denn er war eigentlich ein Mann des Krieges und kein Bote.

»Jetzt?«, fragte Geoffrey ungläubig und warf durch das offene Fenster einen Blick in die Dunkelheit. »Es ist weit nach der Sperrstunde.«

»Ja, jetzt«, meinte Helbye. »Er ist heute Abend zu Besuch im Palast des Patriarchen.« Er stockte und betrachtete die Glut in der Feuerstelle. »Diesmal geht es um mehr als nur die Wüsten-Patrouille. Ein Geistlicher wurde gerade tot aufgefunden. Der Mann, der die Leiche entdeckt hat, meinte, die Mordwaffe ist ein Krummdolch mit juwelenverziertem Griff.«

2. Kapitel

Geoffrey wanderte allein durch die dunklen Gassen auf den stattlichen Palast zu, den der Patriarch für sich und sein beträchtliches Gefolge beschlagnahmt hatte. Er war wachsam, obwohl der Palast vom großen viereckigen Turm der Zitadelle nur ein kurzes Stück entfernt lag. Während der nächtlichen Ausgangssperre waren die Straßen leer, doch hier und dort bemerkte Geoffrey umherhuschende Schatten, und bei Nacht wirkte die Stadt noch angespannter als am Tag. Es war spät, und nach einem anstrengenden Tag ehrbarer Arbeit unter sengender Sonne sollten alle gottesfürchtigen Leute im Bett liegen. Aber die Stadt schlief nicht, und Geoffrey war sich nur allzu bewusst, dass sein Gang durch die dunklen Gassen von mehr als einem interessierten Beobachter verfolgt wurde.

Geoffrey versuchte, an etwas anderes zu denken. Ihm kamen die wilden Gerüchte in den Sinn, die über den drei Wochen zurückliegenden Mord an Guido von Rimini unter den Kreuzfahrern kursierten. Es war jedem ein Rätsel, weshalb jemand den zurückhaltenden Italiener hatte töten wollen, und so war schon allerhand Leuten die Schuld an seinem vorzeitigen Ableben zugeschrieben worden: gottlosen Priestern der orthodoxen Kirche; dem energischen Orden der Benediktiner, der mit anderen Mönchen um Macht und Einfluss stritt; der kleinen jüdischen Gemeinde, die nahe der hoch aufragenden westlichen Mauern lebte und sich von den zankenden Christen so weit wie möglich fern hielt; und den wenigen Mohammedanern, die wunderbarerweise das Massaker bei der Eroberung Jerusalems überlebt hatten.

Welches dieser Gerüchte mochte der Wahrheit entsprechen? Oder waren sie allesamt falsch, und etwas sehr viel Schlimmeres war im Gange? Nachdenklich kniff Geoffrey die Augen zusammen, während er die Gasse hinunterging. Bei ihrem Aufbruch hatten die Kreuzfahrer auf einer goldenen Wolke der Frömmigkeit geschwebt, erfüllt von der Hoffnung, die Ungläubigen von der heiligsten Stätte der Erde zu vertreiben. Doch innerhalb von Tagen zeigte sich, dass unter der hehren Oberfläche die Fäulnis schwärte: Kreuzfahrer aus dem einen Land weigerten sich, mit denen aus einem anderen Land zusammenzuwirken, und ihre Anführer rangen verbissen um Reichtum und Macht. Als der zerlumpte, von Krankheiten heimgesuchte, gierige und undisziplinierte Haufen drei Jahre später Jerusalem erreichte, war längst jeder Traum von einem gerechten Krieg und heldenhaften Streitern Gottes zerschellt.

Geoffrey schreckte auf, als ein Schatten seinen Weg kreuzte. Dann erkannte er das matte Glühen in den gelben Augen einer Katze und versuchte, sich wieder zu entspannen. Sobald die schwachen Lichter des Patriarchenpalastes in Sicht kamen, atmete er auf.

Am Sitz des Patriarchen brannten immer Lichter, wie auch in den Fenstern der Zitadelle. Geoffrey hielt auf die kleine Pforte in dem großen, bronzebeschlagenen Tor zu und klopfte. Sofort schwang sie auf – und wurde wieder zugeschlagen, kaum dass man ihn eingelassen hatte.

Man führte ihn durch ein Labyrinth gefliester Flure, von denen Türen mit unverwechselbar orientalischer Gestaltung abgingen. Geoffrey hatte den Palast bereits verschiedene Male aufgesucht, doch niemals bei Nacht, und er war nie weiter gekommen als bis in die große Empfangshalle, in welcher der Patriarch seinen öffentlichen Geschäften nachging. Diesmal jedoch wurde er in ein kleines Amtszimmer auf einem der oberen Stockwerke geleitet, wo man ihm einen Kelch mit Gewürzwein brachte und ihn allein ließ. Geoffrey sah sich um.

Das kleine Zimmer wies wenig Ähnlichkeit mit der prachtvollen Halle auf: Anstelle eines bunten Mosaiks fanden sich hier abgenutzte Teppiche mit verblassten Farben, und statt goldverzierter Wandgemälde und byzantinischer Säulen gab es hier weiß getünchte Wände. Unter dem Fenster stand ein grob gezimmerter Tisch, auf dem sich Pergamente und Schriftrollen türmten. Geoffrey war von Natur aus neugierig. Er rollte ein Blatt auseinander und fing an zu lesen.

»Besitzt Ihr neben all Euren anderen Fertigkeiten auch noch Kenntnisse in der Astronomie?«

Mit einem Lächeln wandte Geoffrey sich zu Tankred um, der unbemerkt eingetreten war, und legte die Schriftrolle auf den Tisch zurück. Wie auch sein Onkel Bohemund bot Tankred eine eindrucksvolle Erscheinung – groß, breitschultrig, gewaltiger Brustkorb und muskulöse Arme. Sein blondes Haar trug er kurz geschnitten, und wie Geoffrey war er glatt rasiert. Tankred trat auf seinen früheren Erzieher zu und lächelte freundlich.

»Wie ich hörte, seid Ihr heute aus der Wüste zurückgekehrt. Gibt es etwas Neues?«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Wir stießen auf mehrere verlassene Lagerstellen, und zweimal wurden wir überfallen. Aber wir fanden keine Hinweise, dass sich im Osten arabische Kräfte sammeln. Ich vermute, dass ein Angriff – wenn es überhaupt einen gibt – von den Fatimiden in Ägypten ausgehen wird.«

Tankred zuckte die Achseln. »Vielleicht habt Ihr Recht. Doch es ist immer besser, sicherzugehen. Ihr wart so lange fort, dass ich mich schon gefragt habe, ob Ihr überhaupt wieder zurückkehrt.«

Geoffrey blickte zu ihm hin und fragte sich, ob dieser intelligente, aufmerksame junge Mann etwa von den Vorbehalten wusste, die Geoffrey dem weiteren Aufenthalt in Jerusalem entgegenbrachte. Die meisten Kreuzfahrer hatten das sonnenverbrannte, ausgedörrte Land rund um die Heilige Stadt bereits wieder hinter sich gelassen und waren weitergezogen – entweder zurück in ihre Heimat im Norden oder zu einträglicheren Unternehmungen in wohlhabenderen Gegenden.

Mit einer beiläufigen Handbewegung sagte Geoffrey: »Vielleicht ist es an der Zeit, über eine Rückkehr nach Hause nachzudenken.«

»Nach Hause?«, wiederholte Tankred. »Nach Hause – wofür? Etwa zu Euren Schafe hütenden Brüdern, die Euch stets nur mit Argwohn begegnen werden, weil sie fürchten, Ihr könntet ihnen mit Eurer überlegenen Kampferfahrung das magere Erbe streitig machen? Oder in diese Klöster mit ihren staubigen Büchern?«

»Warum nicht?«, fragte Geoffrey. Er war verärgert, dass der Jüngere seine Beweggründe infrage stellte. »Ich bin es müde, durch die Wüste zu trotten, mich von der Sonne garen zu lassen und von meinem Kettenhemd zu Boden gedrückt zu werden, auf der Suche nach Sarazenen, die niemals auftauchen. Ich hätte nichts dagegen, in einem kühlen Kreuzgang zu sitzen und über Mathematik oder Philosophie zu lesen.« Er machte eine kurze Pause. »Und ich vermisse England. Plötzlich sehne ich mich nach dem Grün seiner Wälder und nach seinen Hügeln, wie sie im Herbst von Heidekraut überwuchert sind.«

Tankred starrte ihn ungläubig an. »Ach du liebe Güte!«, hauchte er. »Seid Ihr plötzlich zu einem Dichter geworden? Wo ist Eure Männlichkeit geblieben?« Er vollführte eine ausgreifende Geste. »In diesem Land gibt es Reichtümer zu holen, und Ihr sehnt Euch nach den nassen Bäumen und Blumen von England! Und dabei seid Ihr schon seit zwanzig Jahren nicht mehr dort gewesen!«

Geoffrey spürte, wie sein Ärger nachließ. Er war einfach diese Erkundungsgänge müde, und zu seinen Gründen für die Teilnahme am Kreuzzug hatte sich schon Hugo klar und deutlich geäußert. Geoffrey hatte keine Lust, sich zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde verspotten zu lassen.

»Ich lege keinen Wert auf Reichtümer, und ich habe das Gemetzel hier satt.«

Tankred gab einen verärgerten Laut von sich. »Und hier kommen wir zum springenden Punkt des Ganzen: das Gemetzel. Ihr wart in diesen Dingen schon immer etwas zimperlich. Ich weiß noch genau, wie Ihr Euch geweigert habt, nach dem Eindringen in die Stadt die Ungläubigen zu erschlagen.«

»Die Ungläubigen, die wir hier vorgefunden haben, waren zumeist Frauen und Kinder«, wandte Geoffrey heftig ein. »Und außerdem waren nicht alle, die erschlagen wurden, Ungläubige – viele waren auch Christen. In der allgemeinen Raserei wurden sogar einige unserer Mönche und Krieger getötet. Das Blutbad war derart wahllos, dass ihm ein jeder zum Opfer fiel, der sich nicht zur Wehr setzen konnte. Welcher Mann hätte wohl an so einer verderbten Sache Anteil haben wollen?«

»Die meisten Eurer Kameraden«, stellte Tankred trocken fest. »Und weshalb auch nicht, wo doch das Gesetz des Tages lautete, dass die Beute demjenigen gehört, der ihren Eigentümer umgebracht hat!«

»Und es ist genau diese Art von Gesetzlosigkeit, die ich so abstoßend finde«, stellte Geoffrey müde fest. »Vielleicht habt Ihr Recht, und ich habe meinen Kampfgeist verloren. Doch mir reicht es.«

»Nun kommt, Herr Geoffrey«, sagte Tankred begütigend. »Ihr seid ein Ritter und von Kindheit an für den Kampf ausgebildet. Was wollt Ihr sonst wohl anfangen? Auf dem Rittergut Eures Vaters in England gibt es für Euch nichts zu holen – deshalb hat er Euch überhaupt erst fortgeschickt, ist es nicht so? Wohin wollt Ihr Euch wenden? Trotz Eurer mönchischen Neigung für Bücher und Schriftrollen denkt Ihr viel zu unabhängig, um dem geistlichen Stand beizutreten. Ihr überstündet nicht einmal eine Woche, bevor man Euch wegen fehlenden Gehorsams wieder hinauswerfen würde. Schaut Euch nur an, wie Ihr mir, Eurem Lehnsherrn, entgegentretet!«

Geoffrey blickte schuldbewusst beiseite. Er hatte Glück, dass Tankred seine gelegentliche Aufsässigkeit hinnahm. Bohemund hätte das gewiss nicht getan. Im Grunde seines Herzens wusste Geoffrey auch, dass Tankred Recht hatte. Wenn er dem Rittertum abschwor, gab es wenig, was er noch tun konnte.

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