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Das Gegenteil von Schokolade

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Nachts ist das Leben nicht anders als am Tag
  8. 2. Wir haben die Wahl, wen wir lieben
  9. 3. Wer keine Erwartungen hat, kann nicht enttäuscht werden
  10. 4. Beim Verlieben versteht sich Ausschließlichkeit wie von selbst
  11. 5. In der Lesbenszene sind alle gleich
  12. 6. Eine Nacht bedeutet gar nichts
  13. 7. Das Gegenteil von Schokolade ist Vanille
  14. 8. Mit einem Happy End endet die Geschichte

Über die Autorin

Mirjam Müntefering ist 1969 im Sauerland geboren und lebt heute im Ruhrgebiet. Sie ist ausgebildete Fernsehjournalistin. Seit einigen Jahren arbeitet sie jedoch als Schriftstellerin und als Trainerin in der eigenen Hundeschule. Das Gegenteil von Schokolade ist ihr dritter Roman bei Bastei-Lübbe.

steffi, du musstest unter meinen schreibanfällen

bei diesem buch besonders leiden,

hast darüber gelacht und mich angelächelt –

deswegen besonders für dich

küsse

für euch, anja, chris, claudia, etienne, sabrina, marina,

weil ihr mir nicht von der seite weicht –

was würde ich wohl ohne euch tun?

1. Nachts ist das Leben nicht anders als am Tag

Als sie sich kennen lernten, stand der Mond am Himmel wie ein kreisrundes Herz in der Mitte der Nacht. Es war eine von jenen Begegnungen, denen wir anfangs nicht viel Bedeutung beimessen. Doch wenn wir später zurückschauen, entdecken wir dutzende von Hinweisen darauf, dass hier etwas geschah, das unser Leben verändern würde. Wenn wir es nur erlauben.

(Seite 1 des Romans »Von der Umkehr der Endgültigkeit«, Patricia Stracciatella)

Der Baum vor meinem Fenster spricht zu mir.

Tagsüber ist jetzt Wetter zum Drachensteigenlassen, dass es einem die Schnur aus der Hand reißen will.

Abends ist es die Zeit, um mit einer Wolldecke, weil es für Heizung im Oktober wirklich noch zu früh ist, auf dem Sofa zu liegen, einen ergebenen Hund zu Füßen, und ein unterhaltsames Buch zu lesen.

Ich starre auf die elektrostatisch aufgeladenen Flusen der Decke, die wahrscheinlich zum größten Teil aus Kunststoff besteht. Das unterhaltsame Buch in meinen Händen habe ich bereits vor einer ganzen Weile abgelegt, Schrift nach unten. Statt zu lesen, lausche ich hinaus. Horche durch die Mauern und Fensterscheiben des Hauses, was der Baum mir sagen will.

Die Sache ist die, dass ich zuerst gar nicht wusste, dass er es ist. Zuerst war es mir nämlich irgendwie unheimlich.

Komische Geräusche, fand ich. So ein Geknarre und Geächze. Und selbst wenn meine liebe Vermieterin, Frau Silber, in ihrer Wohnung unter meiner mal wieder Renovierungsarbeiten vornehmen sollte, war es dafür viel zu spät am Abend.

Ich war in der Nacht aufgewacht und hatte diese beängstigenden Geräusche wieder gehört und mich gewundert.

Lag wach und blickte schlafblind zum Fenster.

Sagte mitten in der Nacht plötzlich laut »Ah!«, weil ich in dieser Sekunde endlich begriff, woher diese Töne kamen. Laut »Ah!«, ohne daran zu denken, dass ich jemanden wecken könnte damit. Vielleicht auch, weil ich schon verinnerlicht hatte, dass ich niemanden damit wecken würde. Denn ich schlief wieder allein.

Nach langer Zeit wieder allein zu schlafen, ist gewöhnungsbedürftig. Selbst dann, wenn der ehemalige Freund und Bettnachbar hin und wieder im Schlaf mit den Zähnen geknirscht und ich ihn aus diesem Grund mehr als einmal auf den Mond gewünscht hatte.

Weil ich auch nach sieben Wochen immer noch nicht gut allein schlafen kann, halte ich mich häufig auf dem Sofa auf. Auch weil Loulou, meine gefleckte Mischlingshündin, die Erlaubnis besitzt, auf dem Sofa Platz zu nehmen, während das Bett für sie verboten ist.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich nachts um halb eins hier sitze und, mit einem unterhaltsamen Buch auf dem Schoß, dem Baum lausche.

Ich hab wirklich keine Ahnung, was er sagt, aber ich kenne seine Sprache inzwischen recht genau. Sie besteht entweder aus einem leisen Singen und Raunen oder aber einem gewaltsamen Toben, eben diesem Ächzen, das mir anfangs Angst eingejagt hatte.

Ich weiß nicht einmal genau, was das für ein Baum ist. Er trägt auch jetzt, im Oktober, noch sein komplettes Kleid an weichen duftigen Nadeln und dazu Früchte, die von meinem Küchenfenster aus aussehen wie grüne Cocktailwürstchen. Sein Stamm ist dick und stark. Das muss er auch sein, denn sonst würde er sich da an der Hausecke bestimmt hin und her biegen und drohen, Löcher in die Mauern zu reißen. Und das wäre unter Frau Silbers gestrengen Augen bestimmt sein Todesurteil. So aber, weil er so stark ist, kann er das Haus beschützen und zu mir sprechen – auch wenn ich ihn nicht verstehe.

Als ich mir die Wohnung vor drei Monaten ansah, stand sie leer. Frau Silber war stolz auf die frisch umgebauten Räume und präsentierte mir mit geschwellter Brust den riesigen Wohnraum, der zum Balkon hinaus eine lange Fensterfront besitzt. Direkt anschließend, durch eine weiße Schiebetür abtrennbar, befindet sich die kleine gemütliche Küche. Das Bad ist neu gefliest und sieht aus wie aus dem Kempinski. Aber den tatsächlichen Anstoß zu meiner Entscheidung gab das Schlafzimmer. Es ist klein und fast quadratisch und wirklich nichts Besonderes. Aber direkt vor dem Fenster steht eben der Baum, der auch von der Küche aus zu sehen ist. Ich hatte gleich den Eindruck eines Nestes, das in den Baumkronen hängt, und das fand ich so gemütlich, dass ich die Wohnung nahm.

Dann musste nur noch der Umzug vorbereitet werden.

Lothar stand oft mit verschlossenem Gesicht neben mir, wenn ich Dinge in Zeitungspapier wickelte und in den Kartons verstaute.

»Ich kann das nicht«, hatte er gemurmelt. »Ich kann dir nicht dabei helfen, deine Sachen einzupacken und hier wegzutragen. Ich kann’s nicht, weil ich eigentlich nicht will, dass du gehst.«

»Ach, Lothar«, hatte ich erwidert, war vom Boden aufgestanden und hatte ihn umarmt. Er ist ein weicher Mann, keiner von diesen knallharten Typen, die nichts umwerfen kann. Nein, Lothar ist wohl sensibler und empfindsamer als ich. Er litt sehr unter der Trennung, obwohl wir beide sie gewollt hatten.

Es gibt Zeiten im Leben, in denen erleben wir Außergewöhnliches. Könnte sein, dass es etwas Schönes, Großes, Wunderbares ist. Etwas, das uns verändert, von rechts nach links zieht, uns voranschreiten lässt mit Siebenmeilenstiefeln auf dem Weg zum umfassenden Glück, nach dem wir alle auf der ständigen Suche sind.

Könnte aber auch sein, dass es etwas Trauriges ist, ebenfalls Großes, aber Wunden Schlagendes. Etwas, das uns den Rückzug antreten lässt in unser Schneckenhaus, verharrend in einer angstvollen Erstarrung vor dem Schrecken des Schmerzes.

Könnte sein, dass es sich hierbei um eine Trennung handelt. Eine Trennung aus einer liebevollen Beziehung, die ehemals etwas Schönes, Großes, Wunderbares war und dann den Weg mitten hinein in das Verhängnis Treibsand genommen hat.

Als mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich mich mit Lothar nicht mehr wie ein Paar fühlte, sondern eher wie mit meinem besten Kumpel, war ich gerade auf einer kleinen Drehreise in England unterwegs. Ich war in den nächsten Supermarkt gerannt, hatte mir vier Sixpacks Bier gekauft und mich heillos betrunken. Die nächsten Tage arbeitete ich wie eine Bekloppte und brachte das ganze Team zum Schwitzen.

Am letzten Abend der Reise versuchte ich mich sogar dadurch abzulenken, indem ich mit dem Kameraassistenten knutschte. Aber das half mir auch nur diesen einen Abend und verursachte einen moralischen Schluckauf, in Form eines wochenlangen schlechten Gewissens, wann immer ich seinem traurigen Gesicht auf meinem Weg zum Schnittplatz in der Firma begegnete. Egal, was ich versuchte, es blieb dabei: Die Beziehung, die Lothar und ich sechs Jahre lang geführt hatten, war am Ende. Und ich hatte keine Erklärung dafür.

Vielleicht lausche ich deshalb nun Abend für Abend in diesem windigen Oktober dem Baum vorm Fenster. Weil ich hoffe, irgendwo eine Antwort darauf zu finden, wie so etwas eigentlich passieren kann.

Liebe ist eine sonderbare Macht, die uns beherrscht und führt, die uns selbstverständlich wird und plötzlich im Spiegel das eigne Gesicht nicht mehr erkennen lässt. Ratlos stehen wir da, können es nicht fassen und schütteln den Kopf.

Und sind dann irgendwann so weit, nachts um eins mit dem Telefonhörer in der Hand in der Wohnung auf und ab zu laufen.

Es gibt nur ein paar Menschen, die ich mitten in der Nacht ohne einen Grund anrufen würde. Aber Katja, meine Cousine und erklärte beste Freundin seit Kindergartenzeiten, liegt viele hundert Kilometer entfernt von hier in einem Münchner Hotelbett und braucht ihren Schlaf für die morgige Fachtagung.

Lothar möchte ich nicht schon wieder in mein Seelendilemma hineinziehen.

Und Michelin, meine liebe Arbeitskollegin in unserem kleinen Zwei-Frauen-Journalistinnen-Büro, hat heute bei Arbeitsschluss erzählt, dass sie ihre Freundin Angela zum gemütlichen Abend erwartete. Wahrscheinlich ist sie jetzt also nicht allein. Und es wäre mir peinlich zu stören. Auch wenn Michelin beteuert, dass ich jederzeit anrufen kann. Sie hat sich immer sehr um mich gekümmert. Keine dummen Fragen gestellt nach dem Warum und Wieso, war einfach nur da und hatte Verständnis für jeden Tränenschub und Wutausbruch und so manchen schweigsamen Nachmittag in unserem Büro. Michelin hat es auch fertig gebracht, ihrem guten Freund Lothar und mir gleichermaßen Trost entgegenzubringen.

Sie hat es also wirklich nicht verdient, dass ich sie um ein Uhr nachts aus dem Bett schelle.

Ich schiele zum Computer.

Das habe ich ganz genau gemerkt.

Dass ich regelrecht dahin geschielt habe.

Nicht so direkt hingeschaut. Auch nicht das Ding mit dem Blick gestreift. Nein, ich habe hingeschielt.

Und ich werde das sicher nicht machen. Ich werde mich nicht schon wieder hinsetzen und auf den Bildschirm starren, während andere sich unterhalten, Witze machen, flirten.

Nein, das werde ich nicht tun.

Lieber gehe ich eine Runde in die Küche und hole mir etwas Milch mit Honig und drei bis fünf Kekse als Gute-Nacht-Häppchen.

Dass die Milch sauer ist und in der Keksdose irgendein Käferweibchen Nachwuchs produziert hat, muss nun wirklich kein Zeichen sein. Aber ich bin gewillt, es als ein solches zu betrachten.

Der Computer fährt hoch.

Ich knabbere dazu ein bisschen an meinen Fingernägeln.

Loulou reckt sich auf dem Sofa und gähnt quietschend. Wenn sie wüsste, dass ich ihren Namen benutze, während ich durch die virtuelle Welt sause und am möglicherweise ja auch fiktiven Leben fremder Menschen teilnehme, die sich immer schöner, größer, besser, erfolgreicher und beliebter geben, als sie es wahrscheinlich wirklich sind.

Ich platze mitten hinein in eine Eifersuchtsszene.

Jannette23: du hast nicht NUR geguckt! oder denkst du, ich bin blind?

Supermaid: aber da ist doch nun wirklich nichts dabei … ich hab doch nichts schlimmes getan

Grinsnichso: und ich auch nicht

Supermaid: halt dich mal kurz da raus, grinsi, wir müssen das in ruhe klären

Jannette23: lass sie ruhig ihren brei dazu abgeben. interessiert mich wirklich, wie ihr zwei euch gemeinsam da rausreden wollt.

Grinsnichso: wieso rausreden? du bist ja echt psycho!

Supermaid: ey! schluss jetzt mal. komm, janni, lass uns pvt gehen!

Grinsnichso: dann krieg ich doch gar nichts mehr mit!

Supermaid: das geht jetzt auch nur uns was an

Jannette23: jetzt geht dir echt die düse, wie? bisschen spät, findest du nicht?

Grinsnichso: man, seid ihr blöd … L

Grinsnichso: dann fahrt doch demnächst nicht aufs chatter-treffen, wenn ihr euch gegenseitig nicht traut

Grinsnichso: ne beziehung über 500 kilometer und nur durchs chatten funktioniert doch eh nich …

silbermondauge: du bist allein … hast du’s noch nicht gemerkt? die beiden haben sich zurückgezogen

Da ist sie wieder!

Grinsnichso: boooah! du schon wieder! kannst du deine kommentare bitte ausnahmsweise mal zurückhalten?

silbermondauge: zurückhaltung ist eine tugend, die nur diejenigen besitzen, die ihre weisheit eifersüchtig bewachen

Grinsnichso: ist das jetzt wieder so ein chinesisches sprichwort, odda was?!

silbermondauge: das war original silbermond

Ich muss lächeln.

Wir sind uns ein bisschen ähnlich, denke ich manchmal.

Auch ihr Name steht meist nur am Rand in der Liste derer, die im Raum angemeldet sind. Weil sie sich aber nicht am allgemeinen Gespräch beteiligte, dachte ich anfangs, sie unterhalte sich gerade per Telegramm mit einer anderen. Ich dachte tatsächlich, ich sei die Einzige, die sich hier rumdrückt und einfach nur mitliest, was die anderen dort schreiben.

Aber dann, irgendwann, mischte sie sich plötzlich ein in ein Gespräch. Und zwar so, dass alles in Aufruhr geriet. Nur weil sie ein paar Sätze von sich gab und dazu noch in Form eines Gedichtes.

Und als alle anderen sich die Köpfe heiß redeten, die Finger wund tippten, die Zeilen über meinen Bildschirm rasten, da zog sie sich wieder zurück. Nur ihr Name lauerte am Rande und ließ uns andere wissen, dass sie noch da war.

Seitdem achte ich darauf, ob sie online ist, wenn ich es bin.

Seitdem fahre ich meinen Computer gerne spät abends hoch. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier ist, ist dann größer.

Ich stelle sie mir vor als eine Filmfigur in einer Tragikomödie. Eine, die gern in Reimen und Zitaten spricht. Eine, die sich immer nur für einen Augenblick ins Leben einmischt und sich dann wieder davonmacht auf leisen Sohlen, verstohlen lächelnd. O.k., ich gebe es zu: Ich stelle sie mir so vor, wie ich selbst gern sein würde.

In ihrem Profil findet jede, die sich dafür interessiert, als Heimatort das Ruhrgebiet angegeben. Ich hatte mich dafür interessiert. Und dieses simple Wort ›Ruhrgebiet‹ verstärkte mein Gefühl, etwas gemeinsam mit ihr zu haben. Das Bewusstsein für diese aneinander geklebten Städte, in denen Lokalpatriotismus zur Tradition und Pommes-rot-weiß von der Bude an der Ecke zum guten Ton gehören.

»Silbermondauge. Silbermond«, hatte Michelin gemurmelt, als ich ihr von meinen Beobachtungen erzählt hatte. Immerhin stammt der Tipp mit dem ›netten Lesben-chat-room‹ von ihr. »Nein, an die kann ich mich nicht erinnern. Aber das muss auch nichts heißen. Ich chatte ja schon lange nicht mehr. Seit ich nicht mehr solo bin, hab ich ja viel zu viel zu tun mit dem wirklichen Leben …« Damit hatte sie ihren Redefluss gestoppt und mich bestürzt angesehen.

Aber es braucht ja nicht den entschuldigenden Blick einer guten Freundin, um zu erkennen, was ich tue: Ich vergrabe mich in einer lebensfremden und fiktiven Welt. Und das nur, weil es mir leichter scheint, für mich selbst Personen zu erfinden, als mich mit meiner Realität auseinander zu setzen.

Ich lasse ja nicht einmal zu, dass die Personen, die ich dort treffe na ja, zumindest theoretisch treffen könnte, irgendetwas über mich wissen. Nur ganz zu Anfang, bei meinem zweiten Chat-Anlauf, hatte ich so einen Versuch unternommen. Im Gespräch mit einer anderen Hundebesitzerin aus der Nachbarstadt hatte ich erwähnt, wo man hier im Umkreis gut spazieren gehen kann und wo ich täglich meine Runden drehe. Sofort hatten sich alle darauf gestürzt wie die Aasgeier und mir in dem hier üblichen flirrenden Ton erklärt, wie viel Besuch ich demnächst auf meinen Hundegängen erwarten dürfte. Getroffen habe ich nie eine von ihnen, obwohl ich die ersten Tage mächtig Schiss davor hatte. Aber seitdem bin ich vorsichtig und halt mich lieber zurück. Und bin damit uninteressant für die anderen.

»Wenigstens kann ich mich im Lesbenchat nicht in irgendeinen Blödmann einsamkeitsverlieben«, hatte ich mit einem schiefen Grinsen zu Michelin gesagt. Ihr Blick war verstohlen von meinem Gesicht fortgehuscht in eine Zimmerecke, und ich musste noch lange an den Ausdruck darin denken.

Silbermondauge. Nun, Silbermondauge ist meine Heldin. Sie ist meine Protagonistin in diesen nächtlichen Geschichten. Auch wenn sie häufig schweigt. Wann immer sie etwas zu sagen hat, legt sich ein weiteres Puzzlestückchen zu den anderen und formt mit ihnen das Bild einer bemerkenswerten Individualität.

So wie ich früher die »Fünf Freunde« las und »Geheimagent Lennet« und wie ich heute Kriminalgeschichten mit klugen weiblichen Detektivinnen verschlinge, so lese ich jetzt diese Dialoge, die um Liebe und um viele andere, manchmal auch weniger massive Themen kreisen. Ich wäre gerne wie Silbermondauge und würde zu manchen Gesprächen meinen schlauen Beitrag leisten. Aber wenn mir einmal eine funkelnde Idee kommt, beschleicht mich gleich wieder dieses beklemmende Gefühl, als gehörte ich nicht hierher. Als hätte ich mich mit einer Tarnkappe eingeschlichen in ihre Gemeinschaft. Als stehe es mir nicht wirklich zu, eine Meinung abzugeben zu dem, was das Leben von ihnen ausmacht. Das Leben von Lesben.

Wenn ich an dieser Stelle meiner Überlegungen angekommen bin, fühle ich mich noch leerer und tauber als tagsüber.

Silbermondauge wartet am Rand. Genau wie ich. Nicht genau wie ich.

Die anderen – die bestimmt für sie auch »die anderen« sind, und das allein macht uns zu einer Art Verbündeten, auch wenn sie es sicher noch nicht bemerkt hat – plaudern miteinander über eine lesbische TV-Serie, die sie drehen würden, wenn sie die Chefinnen bei einem privaten Sender wären.

Produzieren, denke ich. In diesem Falle heißt es produzieren. Denke an meinen aktuellen Auftrag, zu dem ich noch in der Recherche stecke. Denke an meinen letzten Auftrag, zu dem ich vorige Woche die Abnahme am Sender hatte. Der dunkle Vorführraum, in dem echte Kinosessel stehen. Die beiden Produktionsleiter, die in ihren teuren, leger sitzenden Anzügen auf den Lehnen hockten, um sportlich und dynamisch zu wirken. Die Zigarillos, die einer von ihnen rauchte. Meine Kopfschmerzen, höllisch, über dem rechten Auge, als ich heimfuhr, später, nach endlosen um ihrer selbst willen geführten Diskussionen um Einstellungsgrößen und raschere Montage. Kopfschmerzen von der Gesellschaft dieser Macher. Daheim die Wohnung kalt, weil ich vergessen hatte, das Fenster zu schließen. Ein sperrangelweit offenes Fenster und noch nicht einmal ein griesgrämig dreinblickender Hund, weil Lothar Loulou für einen Spaziergang abgeholt hatte.

Lange hatte ich auf meinem Bett gesessen und den Baum vor dem Fenster angeschaut. Wieso passiert mir so etwas?, hatte ich ihn gefragt. Wieso passiert es mir, dass ich plötzlich allein bin?

Eine Träne tropft auf die Tastatur, und ich fummele die Spitze eines Taschentuches so hin, dass ich damit die Flüssigkeit aus den Ritzen saugen kann.

Pling macht es.

Ich sehe hin.

Telegramm von silbermondauge: Und in den Nächten fällt die schwarze Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Ich schaue auf die Worte.

Starre.

silbermondauge: wenn du dich jetzt wieder abmeldest, entgeht dir eine tolle unterhaltung …

Noch nie hat sie ein Wort an mich gerichtet.

Immer hat sie, ebenso wie ich, dort am Rande gelauert und hat teilgenommen und, anders als ich, hin und wieder etwas beigesteuert, wenn es ihr wichtig genug erschien.

Aber an mich nie ein Wort.

Mein Kopf ist sich noch gar nicht klar darüber, ob ich antworten soll, geschweige denn was, da bewegen sich meine Finger ganz von allein über die Tastatur. Nachts um eins.

loulouzauber: und war das gerade auch original silbermond?

silbermondauge: :- ))))))) nein, das ist aus einem gedicht von rilke

loulouzauber: der mit dem panther?

silbermondauge: genau der

loulouzauber: soviel ich weiß, war der depressiv

silbermondauge: damit weißt du schon eine ganze menge mehr als die meisten, die hier mitten in der nacht herumgeistern. fragst du dich auch manchmal, womit die anderen hier sich beschäftigen, wenn sie nicht auf ihren computerbildschirm glotzen?

Ich habe mich schon ein paarmal gefragt, was sie macht, wenn sie nicht hier ist. Oder auch, wo sie sich überhaupt befindet. Ob an einem ordentlichen Computertisch mitsamt rückenfreundlichem Schreibtischstuhl. Oder vielleicht halb auf dem Boden liegend in einem chaotischen WG-Haushalt, in dem alle sieben Bewohnerinnen den Computer gemeinsam nutzen und neben ihm Unmengen von Schokoriegelverpackungen liegen lassen.

loulouzauber: wir selbst sind es doch, die diese leeren hüllen mit leben füllen, meinst du nicht?

Ach, ich liebe mich! Das war ein wundervoller Satz! Und ich habe ihn zu meiner Heldin gesagt. Na ja, nicht ganz gesagt. Getippt.

silbermondauge: du schreibst nie ein wort. wieso nicht?

Das ist ihr aufgefallen.

Sie hat mich gesehen. Öfter schon. Und es ist ihr aufgefallen, dass ich nie was sage.

loulouzauber: ich hab nicht viel zu sagen.

silbermondauge: o je! das klingt ja jämmerlich …

loulouzauber: soll es gar nicht. ich meine damit nur, dass ich lieber mitlese, als selbst etwas zu sagen. das ist doch besser als fernsehen.

silbermondauge: nicht, wenn man auf die nullhundertneunziger-reklame steht …

Ich grinse. Dass sie Humor hat, das hat sie schon in den vergangenen Wochen bewiesen.

loulouzauber: weißt du was? du könntest eine von meinen lieblings-krimiheldinnen sein. die haben auch deine art von humor

silbermondauge: leider bin ich keine detektivin

loulouzauber: ich könnte dich zu einer machen. das ist doch ganz einfach, hier in dieser virtuellen welt.

Ich bin gespannt, wie sie auf diese These reagiert. So wie ich sie einschätze, wird es sie zu einer scharfsinnigen Bemerkung reizen. Doch dann sind ihre nächsten Worte fast eine Enttäuschung für mich, denn sie geht gar nicht auf meine hingeworfene Provokation ein.

silbermondauge: du liest also gern krimis?

Ich bin so etwas wie desillusioniert durch diesen Satz. Denn jede andere hätte wahrscheinlich etwas Ähnliches gefragt. Von Silbermond aber hätte ich erwartet … ja, das ist so eine Sache mit den Erwartungen. Auch an Lothar habe ich immer eine Menge Erwartungen gehabt.

loulouzauber: ja, tue ich … aber sie müssen wirklich schwer zu lösen sein

silbermondauge: du stehst auf geheimnisse?!

loulouzauber: auf schwer lösbare geheimnisse

Pause.

silbermondauge: das ist nun wirklich eine herausforderung

loulouzauber: das habe ich nicht beabsichtigt

silbermondauge: schade

Flirtet sie mit mir? Ich merke, wie allein diese vage gedachte Frage eine feine Röte in meine Wangen steigen lässt. Das werde ich nie los. Dieses Wechseln der Gesichtsfarbe, selbst wenn mich niemand sehen kann.

silbermondauge: wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben

Ich hebe den Kopf, wie alarmiert. Aber so lange ich auch starre, sie erklärt nichts von selbst. Was für eine verrückte Begegnung in einer Welt, die nicht wirklich existiert.

loulouzauber: wieso schreibst du das?

silbermondauge: so gern wie du krimis liest, lese ich gedichte

Ich schreibe: dachte ich mir schon. manchmal, wenn du den anderen geantwortet hast, klang das so poetisch. so wie ich mir dich vorstelle, passt es zu dir, gedichte zu mögen …

Dann lese ich alles noch einmal durch. Das klingt, als ob ich auch flirten will. Das klingt, als hätte ich seit Wochen beim Chatten immer ganz besonders darauf geachtet, was sie schreibt und wie sie antwortet. Ich lösche es, ohne es abgeschickt zu haben. Schreibe:

loulouzauber: schau an! und wie geht das da oben weiter?

silbermondauge: wird wachen, lesen, lange briefe schreiben und wird in den alleen unruhig hin und her wandern, wenn die blätter treiben

Kloß im Hals. Wachen. Lesen. In den Alleen unruhig wandern.

Unruhig.

Ich schweige.

Natürlich schweige ich.

Wir reden ja gar nicht miteinander.

Mein Schweigen wird auf dem Monitor deutlich durch ein lang andauerndes flirrendes Nichts. Leere.

silbermondauge: du hast nachtangst, wie?!

Ich bekomme eine Gänsehaut. Es ist das erste Mal, dass ich dieses Wort geschrieben sehe, von seiner Existenz erfahre. Aber mir ist, als würde ich es schon lange kennen.

»Nachtangst«, wiederhole ich dumpf und schreibe: was ist das?

silbermondauge: das ist, wenn alle schlafen, nur du kannst es nicht. wenn alle glücklich oder zumindest leidlich zufrieden sind, nur du wirst es nie wieder sein. wenn alle ihre ohren verschließen gegen die stimmen der nacht, nur du hörst sie alle auf einmal und durcheinander und kannst keine einzige wirklich verstehen

Ich schaue mich um.

Mein Bücherregal, das sich über die ganze Wand des Wohnzimmers zieht. Meinen Schreibtisch mit dem Computer darauf. Den alten, blauen Sessel in der Ecke, auf dem Loulou einen angekauten Büffelhautknochen hat liegen lassen, wie ich gerade sehe. Meine Sachen umgeben mich wie eine Schar von Getreuen. Trotzdem …

loulouzauber: es ist wahrscheinlich, weil ich noch nicht lange hier wohne. ich bin erst vor ein paar wochen hier eingezogen und hab mich noch nicht richtig eingelebt

silbermondauge: für nachtangst muss man wirklich keine erklärung parat haben

loulouzauber: sollte auch keine sein

silbermondauge: oh … klang aber so

loulouzauber: nein nein

silbermondauge: na, dann … mein erster gedanke war, dass du ein gegenüber brauchst … aber wer weiß … vielleicht brauchst du ein zuhause noch mehr als ein gegenüber

Ich frage mich, wer sie ist.

Wer ist sie wohl?

Starre auf die letzten Zeilen auf meinem Monitor und frage mich, wie sie aussieht und wo sie sitzt jetzt gerade. Wir könnten Nachbarinnen sein. Oder Kilometer voneinander entfernt.

silbermondauge: ich muss jetzt aufhören. wir sehen uns ja sicher wieder …

Tun wir das? Uns wiedersehen? Wieder sehen?

loulouzauber: wenn es so sein soll

silbermondauge: fatalismus ist der kern allen übels

Ehm, denke ich. Oder so etwas Ähnliches. Zumindest nichts wesentlich Bedeutungsvolleres. Da kommen schon ihre nächsten Worte.

silbermondauge: nur eins noch … du liegst falsch, wenn du behauptest, dass du hier nur leeren hüllen begegnest, die du beliebig füllen kannst. du begegnest hier menschen. und ich wette, du wirst es bald schon merken

Ich schweige und starre auf den Bildschirm. Bin viel zu langsam mit meinen Gedanken. Und meine Finger erst! Als ich sie gerade mal anhebe, um sie auf die Tasten zu senken, verschwindet der Name Silbermondauge von der Liste derer, die im Chat-Room angemeldet sind. Stehen gelassen, ohne noch eine Antwort geben zu können.

Na, das hab ich gern!

2. Wir haben die Wahl, wen wir lieben

Nichts war schöner als ihr zuzusehen, wie sie immer mehr sie selbst wurde. Sie brauchte ihr Gegenüber, um hineinzuschauen als einen Spiegel, und rahmte ihn dabei mit ihrem Lachen. Sie zu lieben das Einfachste von der Welt. Denn es hieß, sich selbst zu lieben. Die Erfüllung der Wünsche war nah.

(Seite 23 des Romans »Von der Umkehr der Endgültigkeit«, Patricia Stracciatella)

Um halb neun.

Jeden Morgen gehe ich mit Loulou auf den Berg.

Ich könnte sie auch in den Park am Ende der Straße lassen, um den Gassigang zu erledigen. Aber das käme mir zu pragmatisch vor.

Es gehört schon etwas dazu, jeden Morgen auf diesen Berg zu steigen und sich weder von Dunkelheit noch Kälte abschrecken zu lassen.

Heute Morgen stelle ich mir die ganze Zeit vor, es sei schon Winter. Ich stelle mir vor, es liegt Schnee, und der Weg ist vereist, und Loulou und ich kämpfen uns dennoch im Dusteren dort hinauf, um dort oben gehend, rund um den schönsten Aussichtsturm der Stadt, die ersten Lichtstrahlen der Morgendämmerung zu betrachten. Mir gefällt der Gedanke, ich und mein Hund, den Naturgewalten zum Trotz.

Aber der Oktober zeigt sich heute Morgen ausgesprochen freundlich. Es ist schon morgens um halb neun sehr mild. Der Himmel ist klarblau und verspricht einen von den goldenen Tagen, die sogar mir die Herbstdepression vermiesen können.

Ich liebe unsere Morgenspaziergänge deswegen so, weil ich auf ihnen den vor mir liegenden Tag planen kann und somit immer das Gefühl habe zu wissen, was mich erwartet. So in etwa zumindest.

Als ich noch mit Lothar zusammen wohnte, in seiner schönen großen Altbauwohnung, in der Stuck die Decken verziert, in der das Schlafzimmer mit seinen bodenlangen seidenen Vorhängen den Anschein erweckt, als stamme es aus einer Geschichte aus »Tausendundeine Nacht«, in der Behaglichkeit und das Gefühl des ›Zuhause‹ in jedem Winkel wohnt und … o.k., o.k., also, als ich noch mit Lothar zusammen wohnte, da waren Loulou und ich morgens um die Häuserblocks gestreift. Denn der einzige Nachteil, den diese wunderbare Wohnung hat, ist ihre Innenstadtnähe. Im Sommer stöberten wir sonntagmorgens manchmal Liebespärchen auf, die sich nach einer durchtanzten Nacht in Hauseingängen herumdrückten und mit dem Knutschen einfach kein Ende fanden.

Loulou las ihre Zeitung, indem sie, die Nase dicht am Boden, dahintrabte mit dem schneidigen Gang derjenigen, die sich permanent in freudiger Erwartung befinden.

Und ich ließ meine Gedanken schweifen, sortierte in meinem Kopf die Dinge, die tagsüber erledigt werden mussten, und die, die getan werden sollten, und jene, die genossen werden durften.

Als ich vor ein paar Wochen hierher zog, ließ ich diese liebe Angewohnheit nicht fallen, sondern begab mich
am ersten Tag auf die Suche nach einer geeigneten Morgenrunde.

Der gepflegte Park, tagsüber stark von Rentnern frequentiert, reizte Loulou und mich nicht besonders. Der Wald, obwohl zu Fuß zu erreichen, war für unsere morgendliche Tradition zu weit entfernt. Aber dann entdeckte ich den Weg auf den Berg. Und hier stehe ich nun jeden Morgen und betrachte die Welt wie von ihrem Dach aus.

Das Schöne ist, wenn ich von hier oben die Häuser der Stadt unter mir liegen sehe, der Lärm des Straßenverkehrs leise zu uns heraufweht, dann kann ich mich vollkommen entspannen und auf den neuen Tag einlassen. Ich gehöre ganz ihnen, diesen Stunden, die mich bereits erwarten. Das Gestern schert mich nicht mehr.

Außer heute.

Heute steh ich jetzt bereits fünfundzwanzig Minuten hier herum.

Loulou wundert sich, trabt hierhin und dorthin, bedenkt mich jedes Mal beim geschäftigen Vorübereilen mit einem ihrer unbestechlich forschenden Blicke aus braunen Augen.

Was gibt es heute zu tun?

Da ist dieser neue Auftrag. Bei dem geht es umein Vogel fliegt vorbei. Und einkaufen muss ich auch unbedingt. Ich muss ein paar Sachen für meine heiß geliebte Kühltruhe einkaufen. Tiefkühlgemüse undirgendwo hinter mir hupt ein Auto, weit entfernt. Vielleicht schaffe ich es auch noch, ein Geschenk für Katja zu besorgen. Meine liebe Cousine und gleichzeitig beste Freundin hat immerhin gerade ihre erste Tagung geleitet, und das sollte doch honoriert werden. Ich könnte ihr etwas besorgen, so in der Art vonwonach riecht das hier?

Was ich heute auch noch machen könnte? Ich könnte mich heute Abend an den Computer setzen und ein bisschen diesen Chat besuchen. Wenn Silbermondauge da sein sollte, dann könnte ich ihr sagen … ja, was denn?

Um ehrlich zu sein, ich denke den ganzen Morgen, an dem ich mir irrerweise wünsche, es möge doch verschneiter Winter sein, an nichts anderes als daran, was ich abends durch meine Tastatur hindurch zu ihr sagen könnte.

So was ist doch albern.

Das ist wie eine Jungmädchenschwärmerei für den Reitlehrer. Und wenn er mich anspricht und sagt, ich soll die Hufe auskratzen, dann sage ich …

Ja, genauso kindisch ist das. Ich werde nicht länger darüber grübeln.

Ich pfeife Loulou, die sich tatsächlich bequemt zu kommen, und schlage den Heimweg ein.

Abschiede fallen immer in den Herbst.

Der blaue Himmel kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bäume kahler und kahler werden, der Wind kälter, die Tage kürzer.

Meine Oma starb, während die Blätter sich bunt färbten.

Mein erster Hund wurde an einem Novembernachmittag vom Schulbus überfahren, von dem er mich abholen wollte.

Oliver verließ mich im Herbst wegen dieser aufgetakelten Nicole.

Immer Herbst.

Das hat Tradition in meinem Leben. Aber auch, dass ich wieder aufstehe und weitergehe und Neues entdecke. Auch nach sechs Jahren Beziehung kann ich das. Auch, wenn ich verlernt habe, allein zu schlafen. Auch, wenn die einzige Lichtquelle in der momentanen vorwinterlichen Düsternis eine wahrscheinlich lesbische Frau ist, von der ich nur den Chatnamen und ein paar poetische Sprüche kenne und die ich zudem wohl gerne selbst wäre.

Ich tue mir so unglaublich Leid.

»Ist das dein Hund?«

Die hab ich doch neulich schon hier getroffen.

Und schon da kam sie mir seltsam vor, weil sie so geschaut hat und gelacht, als amüsiere mein Anblick sie. Da hatte sie einen Schäferhund an der Leine, der Loulou schon auf zehn Meter Entfernung zerfleischen wollte. Sie nahm das nicht ernst, packte das Tier am Halsband und grinste mich beim Vorbeizerren viel sagend an. Jetzt laufen neben ihr zwei kleine Jack-Russell-Terrier.

Zu ihr gehören außerdem ein Paar Augen, deren Blick mich schon bei unserer ersten Begegnung irgendwie sonderbar berührt hat.

»Ja, das ist meine. Wieso?«

Sie streckt die Hand aus und tippelt Loulou mit flinken Fingern einmal über den gefleckten Rücken. Mein kleiner Charmebolzen hebt den Kopf und lacht die Fremde ungeniert an. Und die lacht zurück. Wie kann eine bloß schon so früh am Morgen die Atmosphäre eines Tischfeuerwerkes verbreiten? Ich bin um halb neun einfach nur froh, dass ich lebe.

»Ich dachte, ich kenn sie irgendwoher«, erklärt sie mir jetzt mit lebendiger Stimme. »Vielleicht aus der Praxis. Bist du mit ihr bei Dr. Greve?«

»Doktor … äh … wie?«

»Greve. Der Tierarzt. Unten auf der Ruhrstraße.«

»Nein.«

Sie schaut nur. Ihre kurz geschnittenen blonden Haare fallen ihr am Pony wirr in die Stirn. Darunter sehen ihre Augen aus wie das morgendliche Rätsel in der Tageszeitung. Ich habs noch nie lösen können.

»Noch nicht«, fahre ich fort, weil sie offenbar nichts weiter zu sagen gedenkt. »Aber ich such noch einen Tierarzt hier in der Gegend. Wohne noch nicht so lange hier. Und bald steht die Impfung an.«

»Ruhrstraße vierundsechzig, gegenüber von der Videothek.« Sie sieht sich nach den beiden kleinen Hunden um, klatscht ein paarmal aufmunternd in die Hände und geht an mir vorbei. »Ich arbeite da.«

Loulou hat bereits unseren Heimweg fortgesetzt und steht ungeduldig an der Treppe hinunter zur Straße. Sie kriegt ihr Frühstück immer nach unserem Morgenspaziergang.

Ich folge ihr rasch und nehme sie an die Leine.

Als ich mich noch einmal umschaue, ist von der blonden Frau mit den beiden kleinen Hunden nichts mehr zu sehen.

Meine Gedanken zum Trennungs-Herbst oder gar verschneiten Lebenswegen hat sie jedenfalls gründlich ver-scheucht. Eine einfache Begegnung. Mit profansten Themen. Ist das dein Hund. Ich dachte, ich kenn sie irgendwoher. Tierarzt Dr. Greve. Ich arbeite da.

Bei so was bleibt ja wohl niemandem die Herbstverstimmung erhalten.

Loulou und ich eilen nach Hause und schlingen beide unser Frühstück hinunter. Lothar hat sich sechs Jahre lang bemüht, mich von den Vorzügen eines ruhigen Frühstücks zu überzeugen. Mit allem, was der Kühlschrank hergibt, auf dem Tisch: Käse, Wurst, Quark, zusätzlich dazu noch eine Frühlingszwiebel, ein bisschen Obst, Tee oder Kaffee und Orangensaft.

Sitzen, auswählen, genießen.

Ich hab das mit ihm zusammen gemacht. Nicht nur, weil er es als dringend notwendig betrachtet, den Tag mit so einem Mahl zu beginnen, sondern auch, weil ich es selbst mag. Ja, ich finde es auch gemütlich und nett, sich diese Ruhe zu nehmen. Aber es liegt mir nun einmal nicht im Blut.

Solange Lothar und ich schon getrennt waren, aber noch zusammen in seiner Wohnung wohnten, hatten wir dieses Ritual des gemeinsamen ausführlichen Frühstücks beibehalten. Aber jetzt, da ich mit Loulou allein bin, verfalle ich nach und nach in meine alten Gewohnheiten. Das heißt, morgens greife ich in den Kühlschrank und ziehe Frischkäse und Erdbeermarmelade hervor. Das verstreiche ich übereinander auf einer Scheibe Brot und esse die, während ich auf der Kante eines Küchenstuhls balanciere und nebenbei die Tageszeitung überfliege.

Genauso mache ich es heute Morgen auch.

Danach durchwühle ich noch schnell meinen Schreibtisch und finde, was ich suche: Loulous Impfpass weist aus, dass spätestens Anfang November die gängigen Schutzimpfungen fällig sind. Ich stecke den Ausweis schon mal in die Tasche. Vielleicht komm ich ja demnächst mal zufällig beim Tierarzt vorbei und kann mit Loulou schnell reinspringen.

Neunuhrfünfzehn.

Im Laufschritt zum Auto. Loulou schafft es gerade noch, auf die ihr typische, etwas wichtigtuerische Art ein paar Tropfen Pipi in den Vorgarten der Nachbarn fallen zu lassen. Und schon sind wir unterwegs zur Arbeit.

Das bedeutet: unterwegs in Michelins schöne große Wohnung, in der das Arbeitszimmer unserer kleinen Journalistinnen-GbR untergebracht ist.

Als ich den Schlüssel ins Schloss stecke, höre ich von drinnen leise Stimmen, deswegen klopfe ich vorsichtshalber noch einmal laut, bevor ich die Wohnung betrete.

Neunuhrdreißig.

Michelin steht mit ihrer Freundin Angela in der Küchentür. Angela mit einer unglaublich wichtig aussehenden Aktentasche unter dem Arm.

»Unterwegs ins Büro?«, frage ich und schaue einmal demonstrativ an ihr hinunter und herauf, denn sie sieht in ihrem hellen Hosenanzug aus wie die Chefin persönlich. Dabei arbeitet sie als Sekretärin.

»Nix da.« Angela wackelt mit dem Zeigefinger. »Ich hab ein paar Tage Urlaub und bin jetzt sozusagen auf Promotion-Tour. Du kommst doch auch rum. Vielleicht kannst du ja irgendwo ein paar Flyer verlieren.« Damit greift sie in ihre Aktentasche und holt einen Stapel kleiner Zettel heraus, die sie mir in die Hand drückt.

Ich werfe einen Blick darauf. »Oh, für euer Stück! Ist es denn schon so weit?«

Angela sieht aus, als müsse sie sich Luft zufächeln. »In sechs Wochen genau! Macht euch auf was gefasst!«

Sie tätschelt Michelins Po, wirbelt einmal herum und verschwindet, über sich selbst lachend, aus der Tür.

»So ist sie schon seit Anfang des Monats«, sagt Michelin und geht zurück in die Küche, wo die Kaffeemaschine gurgelnde Geräusche von sich gibt, die mich magnetisch anziehen. »Seit feststeht, wann die Aufführung stattfindet, ist sie nicht mehr zu bremsen.«

Sie holt zwei Tassen aus dem Schrank und die Milch aus dem Kühlschrank.

»Das ist doch schön. Wenn sie schon nicht mehr vollprofimäßig schauspielern kann, dann ist so eine eigene Theatergruppe doch wohl die ideale Lösung.«

»Aber nur, solange sie und Jana sich nicht die Rollen des Liebespaares aussuchen«, grunzt Michelin. Im letzten Jahr ging es in ihrem Leben hoch her, weil sie sich mit Pauken und Trompeten in die neunzehnjährige Lena verknallt hatte. Als sie dann deren Mutter, nämlich Angela, kennen lernte, war es mit der Ruhe ganz aus. Aber Gott sei Dank sind diese hektischen Zeiten vorbei, und wenn Angela mit ihrer neu entdeckten Begeisterung fürs Theater auch Michelin in Schwung hält, dann tut das ihrer jungen Beziehung bestimmt gut.

Ich ertappe mich dabei, wie ich Michelin versonnen anstarre, als sie den Kaffee in die Becher gießt. Als sie sich in Angela verliebte, dachte ich noch, ich sei mit Lothar in der Sicherheit einer allen Anfeindungen des Lebens gewachsenen Langzeitbeziehung angekommen. Und jetzt betrachte ich eine stinknormale Verabschiedungsszene am Morgen mit triefender Wehmut, weil ich niemanden mehr habe, von dem ich mich durch ein Potätscheln verabschieden kann.

Michelin reicht mir meine Tasse, und ihre Augen verengen sich kurz, während sie mir prüfend ins Gesicht sieht.

»Wie geht es dir?«, fragt sie.

Ich nippe an meinem Kaffee. »Wenn du so fragst, kann ich mal davon ausgehen, dass ich schlecht aussehe? Das kann ich damit entschuldigen, dass ich wenig geschlafen habe.«

Michelin schnalzt mit der Zunge. »Das Argument zählt nun wirklich nicht. Ich habe auch wenig geschlafen und sehe nicht so aus wie du«, sagt sie grinsend.

»Danke«, erwidere ich und wandere langsam durch den Flur Richtung Arbeitszimmer. »Dieser dezente Hinweis auf mein momentan nicht existentes Sexualleben trägt gewiss zur Erhellung meines Tages bei.«

»Ach, Frauke«, seufzt Michelin und versucht, mir mit der Schulter einen kleinen liebevollen Stups zu geben. Da sie aber einen halben Kopf kleiner ist als ich, geraten wir dadurch beide ein wenig ins Schwanken und umklammern unsere Kaffeebecher. »Was machst du denn nur die ganzen Nächte? Ich meine, du kannst doch nicht immer dasitzen und dem Baum zuhören!«

Sie weiß es nicht.

Ich habs ihr nicht erzählt.

Wieso auch? Wieso sollte ich davon erzählen, dass ich nachts am Computer sitze und auf dem Bildschirm den Chat-Namen einer fremden Frau anstarre?

Aber gestern Nacht hat diese Frau mich angesprochen. Sie ist herausgetreten aus der Anonymität der Cyberwelt und hat mit mir gesprochen. Und nicht einmal Unwichtiges.

»Du lachst dich bestimmt tot, wenn ich dir jetzt etwas erzähle«, beginne ich und setze mich an meinen Platz.

Unsere Schreibtische stehen sich im Büro gegenüber. So können wir uns auch beim Arbeiten ansehen, miteinander reden und hin und wieder eine kleine Pause verquatschen.

Michelin schaut mich unter den Schreibtischlampen hindurch gespannt an.

Ich mache es kurz und schmerzlos und erzähle ihr ohne größere Umschweife von meinen Ausflügen ins Chatternachtleben.

Ihr Gesichtsausdruck wechselt dabei von verwundert über amüsiert bis hin zu einem verklärten Ausdruck, der mir ein bisschen unheimlich wird, je länger er andauert.

Schließlich seufzt sie tief und rührt noch einmal ihren Kaffee um. »Ach, wenn ich das so höre, das klingt ja irgendwie echt aufregend. Da bekomme ich richtig Lust, mich auch mal wieder …«

»Also bitte!«, unterbreche ich sie rüde. »So kurz nach meiner Trennung kann ich es gar nicht vertragen, wenn eine, die in einer noch recht frischen und glücklichen Beziehung steckt, solche Andeutungen macht! Wenn du Lust hast, dich auch mal wieder zu verlieben, dann verlieb dich doch noch mal in Angela. So was geht schließlich auch. Hab ich jedenfalls gehört.«

Michelins Blick nimmt den verschlagenen Ausdruck an, den ich von Lothars Katze Gwynhyfer kenne, wenn sie im Innenhof eine Meise am Vogelhäuschen sitzen sieht.

»Wer sagt denn was von Verlieben?«, säuselt Michelin dazu und klimpert mit den Wimpern. »Wenn du mich hättest ausreden lassen, hätte ich meinen Satz zu Ende sprechen können. Und der hätte gelautet: Ich bekomme richtig Lust, mich auch mal wieder in die Cyberwelt zu werfen.«

Verdattert starre ich in meine Kaffeetasse. So.

»Sie hat dich also auch schon oft gesehen«, murmelt sie schließlich, als klar ist, dass ich nichts mehr von mir geben werde, weil alles gesagt ist. Und viel ist es ja nun wirklich nicht, was da zu sagen war, stelle ich mit einem Anflug von leisem Bedauern fest.

Jetzt lausche ich ihren Worten nach. Sie reizen mich zum Widerspruch.

»Sie hat mich nicht schon oft gesehen. Sie hat mich ja noch nie gesehen! Sie hat nur einen Namen gesehen, Loulous Namen. Sie hat den Namen eines albernen, verzogenen Hundes gesehen und sich gewundert, wieso die Besitzerin dieses Namens sich nicht am Gespräch beteiligt. Vielleicht hat sie gedacht, dass wir uns ähnlich sind, sie und ich. Ähnlich insofern, weil wir lieber dabeistehen und mitlesen, als uns rege zu beteiligen. Natürlich weiß sie nicht, dass ich schweige, weil ich im Grunde ja gar nicht dazugehöre.«

Hier zuckt Michelins Kopf hoch, und sie zischt einmal kurz wie eine gereizte Klapperschlange.

»Was meinst du damit?«

»Das weißt du doch genau.«

»Ja, ich denke, ich weiß es. Aber ich möchte gern, dass du es selbst aussprichst.«

Ich wedele ein bisschen mit der Hand, wie sie es auch manchmal macht, wenn sie glaubt, ihr Gegenüber stelle sich absichtlich dumm. Das haben wir uns alle von ihrer manchmal ein wenig distinguierten Angela abgeschaut. »Komm schon. Ich chatte mit lauter Lesben, die mich wahrscheinlich rauswerfen würden, wenn sie wüssten, dass ich gerade meiner Langzeitbeziehung mit einem Mann hinterhertrauere und sowieso noch nie eine Frau geküsst habe.«

Dieses fette Grinsen hab ich sonst richtig lieb an ihr. Aber es kann auch gewaltig an den Nerven zerren, stelle ich gerade fest.

»Was?«, sage ich deshalb gereizt, ohne jedoch meine Mundwinkel so weit unter Kontrolle behalten zu können, dass ich ihr verräterisches Zucken im Zaum halten könnte.

»Was?«, fragt Michelin zurück. »Ja, was? Was denkst du denn, mit wem du es da zu tun hast, in diesem Lesbenchat? Denkst du, das sind alles Frauen, die seit ihrem siebzehnten Lebensjahr keinen Umgang mehr mit Jungs hatten, die nur mit Frauen ins Bett gehen … werd jetzt bloß nicht wieder rot! … und die verächtlich auf alle hinabschauen, die diesem hehren Weg nicht folgen?«

Ich bin etwas irritiert. Aber das kenne ich. Und Michelin kennt es auch. Ich war schon immer etwas irritiert, wenn es darum geht, wie Lesben eigentlich so sind und wie Lesben eigentlich lesbisch werden und wann und vor allem warum. Das Ganze ist jetzt also wirklich kein Grund, um verdammt noch mal schon wieder anzulaufen wie ein Thanksgiving-Truthahn.

»Das denk ich ja gar nicht«, brumme ich deswegen verhalten. »Ich denke, es werden wohl so Frauen wie du sein.«

»Wie ich?«

»Ja. Eben Frauen, die vielleicht schon mal Beziehungen mit Männern hatten oder auch nur Abenteuer, die halt ihre Erfahrungen gesammelt haben … guck nicht so scheel von unten rauf! … die jedenfalls eine klare Definition von sich haben: lesbisch!«

Michelin trommelt tonlos mit ihren Fingern. Das hat sie sich angewöhnt, weil ich es nicht leiden kann, wenn sie diese Trommelgeräusche dazu macht. Mittlerweile würde ich ihr geräuschvolles Trommeln wohl vorziehen.

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