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Das Fundament der Ewigkeit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Personenverzeichnis
  9. Prolog
  10. Teil 1
  11. Kapitel 1
  12. Kapitel 2
  13. Kapitel 3
  14. Kapitel 4
  15. Kapitel 5
  16. Kapitel 6
  17. Kapitel 7
  18. Kapitel 8
  19. Teil 2
  20. Kapitel 9
  21. Kapitel 10
  22. Kapitel 11
  23. Kapitel 12
  24. Kapitel 13
  25. Teil 3
  26. Kapitel 14
  27. Kapitel 15
  28. Kapitel 16
  29. Kapitel 17
  30. Kapitel 18
  31. Kapitel 19
  32. Kapitel 20
  33. Kapitel 21
  34. Teil 4
  35. Kapitel 22
  36. Kapitel 23
  37. Kapitel 24
  38. Kapitel 25
  39. Kapitel 26
  40. Kapitel 27
  41. Teil 5
  42. Kapitel 28
  43. Kapitel 29
  44. Kapitel 30
  45. Epilog
  46. Danksagung
  47. Wen gab es wirklich?

Über das Buch

Nach DIE SÄULEN DER ERDE und DIE TORE DER WELT der neue große historische KINGSBRIDGE-Roman des internationalen Bestsellerautors: 1558. Noch immer wacht die altehrwürdige Kathedrale von Kingsbridge über die Stadt. Doch die ist im Widerstreit zwischen Katholiken und Protestanten zutiefst gespalten. Freundschaft, Loyalität, Liebe ... nichts scheint mehr von Bedeutung zu sein. Die wahren Feinde sind dabei nicht die rivalisierenden Konfessionen. Der eigentliche Kampf wird zwischen denen ausgefochten, die an Toleranz und Verständigung glauben, und den Tyrannen, die ihre Ideen den anderen aufzwingen wollen – koste es, was es wolle. Ned Willard wünscht sich nichts sehnlicher, als Margery Fitzgerald zu heiraten. Doch der Konflikt entzweit auch sie, und Ned verlässt Kingsbridge, um für die protestantische Prinzessin Elizabeth Tudor zu arbeiten. Als diese wenig später Königin wird, wendet sich ganz Europa gegen England. Um in dieser heiklen Situation früh vor Mordkomplotten, Aufständen und Angriffen der konkurrierenden Mächte gewarnt zu sein, baut die scharfsinnige Monarchin mit Neds Hilfe den ersten Geheimdienst des Landes auf. Die kleine Gruppe geschickter Spione und mutiger Geheimagenten ermöglicht es Elizabeth I. in den nächsten fünfzig Jahren, an ihrem Thron und ihren Prinzipien festzuhalten. Die Liebe zwischen Ned und Margery scheint verloren zu sein, denn von Edinburgh bis Genf steht ganz Europa in Flammen ...

Über den Autor

Ken Follett, Autor von über zwanzig Bestsellern, wird oft als »geborener« Erzähler gefeiert. Betrachtet man jedoch seine Lebensgeschichte, so erscheint es zutreffender zu sagen, er wurde dazu »geformt«. Ken Follett wurde am 5. Juni 1949 im walisischen Cardiff als erstes von drei Kindern des Ehepaares Martin und Veenie Follett geboren. Nicht genug, dass Spielsachen im Großbritannien der Nachkriegsjahre echte Mangelware waren – die zutiefst religiösen Folletts erlaubten ihren Kindern zudem weder Fernsehen noch Kinobesuche und verboten ihnen sogar, Radio zu hören. Dem jungen Ken blieben zur Unterhaltung nur die unzähligen Geschichten, die ihm seine Mutter erzählte – und die Abenteuer, die er sich in seiner eigenen Vorstellungswelt schuf. Schon früh lernte er lesen; er war ganz versessen auf Bücher, und nirgendwo ging er so gern hin wie in die öffentliche Bibliothek.

»Ich hatte kaum eigene Bücher und war immer dankbar für die öffentliche Bücherei. Ohne frei zugängliche Bücher wäre ich nie zum eifrigen Leser geworden, und wer kein Leser ist, wird auch kein Schriftsteller.«

Als Ken Follett zehn Jahre alt war, zog die Familie nach London. Nach seinem Schulabschluss studierte er Philosophie am University College; dass der Sohn eines Steuerinspektors sich für dieses Fach entschied, mag auf den ersten Blick befremden, aber bedenkt man, dass Kens religiöse Erziehung viele Fragen aufgeworfen und offengelassen hatte, erscheint sie gar nicht mehr so untypisch. Ken Follett ist der Überzeugung, dass die Entscheidung für dieses Studienfach ihm die Weichen in seine Zukunft als Schriftsteller gestellt hat.

»Zwischen der Philosophie und der Belletristik besteht ein Zusammenhang. In der Philosophie beschäftigt man sich mit Fragen wie zum Beispiel: ›Wir sitzen hier an einem Tisch, aber existiert der Tisch überhaupt?‹ Eine verrückte Frage, aber beim Studium der Philosophie muss man solche Dinge ernst nehmen und braucht eine unorthodoxe Vorstellungsgabe. Beim Schreiben von Romanen ist es genauso.«

In einem Hörsaal danach zu fragen, was wirklich ist, war eine Sache – doch plötzlich sah sich Ken mit einer ganz anderen Wirklichkeit konfrontiert: Er wurde Ehemann und Vater. Er heiratete seine Freundin Mary am Ende seines ersten Semesters an der Universität. Im Juli 1968 kam ihr Sohn Emanuele zur Welt. »So etwas plant man nicht, wenn man erst achtzehn ist, aber als es geschah, war es ein unglaubliches Erlebnis.«

Ken Follett

DAS FUNDAMENT
DER EWIGKEIT

Historischer Roman

Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher

 

Für Emanuele
49 Jahre Sonnenschein

 

Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule,
um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule,
um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht
unterwegs sein.

Exodus 13,21

Ich hoffe, liebe Leser, Sie brauchen die Namensliste nicht, denn an Stellen, an denen Sie eine Figur vergessen haben könnten, habe ich kurze Gedächtnisstützen eingebaut. Aber da wir alle manchmal ein Buch zur Seite legen und dann längere Zeit nicht zum Weiterlesen kommen (ich kenne das), vergessen wir schon mal das eine oder andere. Deshalb hier für alle Fälle eine Liste der Personen, die mehr als einmal auftauchen:

ENGLAND

Im Haus der Willards

Ned Willard

Barney, sein Bruder

Alice, ihre Mutter

Malcolm Fife, Stallknecht

Janet Fife, Haushälterin

Eileen Fife, Tochter von Malcolm und Janet

Im Haus der Fitzgeralds

Margery Fitzgerald

Rollo, ihr Bruder

Sir Reginald, ihr Vater

Lady Jane, ihre Mutter

Naomi, Magd

Schwester Joan, Margerys Großtante

Im Haus der Shirings

Bart, Viscount Shiring

Swithin, sein Vater, Graf von Shiring

Sal Brendon, Haushälterin

Die Puritaner

Philbert Cobley, Reeder

Dan Cobley, sein Sohn

Ruth Cobley, Philberts Tochter

Donal Gloster, Schreiber

Father Jeremiah, Pfarrer von St. John in Loversfield

Witwe Pollard

Andere

Bruder Murdo, Wanderprediger

Susannah, Gräfin Brecknock, Freundin von Margery und Ned

Jonas Bacon, Kapitän der Hawk

Jonathan Greenland, Erster Offizier der Hawk

Stephen Lincoln, ein Geistlicher

Rodney Tilbury, Richter

Historische Persönlichkeiten

Mary Tudor, gen. »Bloody Mary«, Königin von England

Elizabeth Tudor, ihre Halbschwester und Nachfolgerin auf dem Thron

Sir William Cecil, Ratgeber Elizabeths

Robert Cecil, Williams Sohn

William Allen, führender Kopf der englischen Katholiken im Exil

Sir Francis Walsingham, Zweiter Staatssekretär, Englands Gesandter in Frankreich, später Begründer des englischen Geheimdienstes

FRANKREICH

Familie Palot

Sylvie Palot

Isabelle Palot, ihre Mutter

Giles Palot, ihr Vater

Andere

Pierre Aumande

Vicomte Villeneuve, Studienfreund von Pierres Vater

Pater Moineau, Pierres Mentor

Nath, Pierres Magd

Guillaume von Genf, Wanderprediger

Louise, Marquise von Nîmes

Luc Mauriac, Frachtmakler

Aphrodite Beaulieu, Tochter des Grafen Beaulieu

René Duboeuf, Schneider

Françoise Duboeuf, seine junge Frau

Marquis de Lagny, ein protestantischer Adliger

Bernard Housse, ein junger Höfling

Alison McKay, Zofe Maria Stuarts von Schottland

Fiktive Angehörige des Hauses Guise

Gaston Le Pin, Hauptmann der Leibgarde der Familie Guise

Brocard und Rasteau, zwei von Gastons Männern

Véronique de Guise, eine junge Hofdame

Odette, Zofe Véroniques

Georges Biron, ein Spion

Reale historische Persönlichkeiten: das Haus Guise

François de Lorraine, Herzog von Guise

Henri, dessen Sohn

Charles de Lorraine, Kardinal von Lothringen, Bruder von François

Reale historische Persönlichkeiten: die Bourbonen und ihre Verbündeten

Antoine de Bourbon, Titularkönig von Navarra

Henri, dessen Sohn, als Henri IV. König von Frankreich

Louis I. de Bourbon, Prinz von Condé

Gaspard de Coligny, Admiral von Frankreich

Reale historische Persönlichkeiten: andere

Henri de Valois, als Henri II. König von Frankreich

Caterina de’ Medici, Königin von Frankreich

Kinder Henris und Caterinas:

François, als François II. späterer König von Frankreich

Charles, als Charles IX. späterer König von Frankreich

Henri, als Henri III. späterer König von Frankreich

Margot, genannt »la Reine Margot«, Königin von Navarra

Maria Stuart, eig. Mary Stewart, als Mary I. Königin der Schotten und als Ehefrau François’ II. Königin von Frankreich

Charles de Louviers, Attentäter

SCHOTTLAND

Reale historische Persönlichkeiten

James Stuart, unehelicher Halbbruder von Maria Stuart

James Stuart, Sohn von Maria Stuart, später als James VI. König der Schotten und als James I. König von England

SPANIEN

Familie Cruz

Carlos Cruz

Tante Betsy

Familie Ruiz

Jerónima

Pedro, ihr Vater

Andere

Erzdiakon Romero

Pater Alonso, Inquisitor

Capitán »Eisenhand« Gómez

NIEDERLANDE

Familie Wolman

Jan Wolman, Cousin von Edmund Willard

Imke, seine Tochter

Familie Willemsen

Albert

Betje, Alberts Frau

Drike, ihre Tochter

Evi, Alberts verwitwete Schwester

Matthus, Evis Sohn

In anderen Teilen der Welt

Ebrima Dabo, Sklave aus dem Volk der Mandinka

Bella, Rumbrennerin auf Hispaniola

 

Wir hängten ihn vor der Kathedrale, seit alters die Richtstätte von Kingsbridge. Denn wo sonst sollte man einen Menschen vor Gottes Strafgericht befehlen, wenn nicht im Angesicht des Herrn?

Der Sheriff führte ihn aus dem Verlies unter der Ratshalle zu uns herauf. Er ging aufrecht, die Hände auf dem Rücken gefesselt. In seinem bleichen Gesicht stand Trotz, keine Angst.

Die Menge beschimpfte ihn und überschüttete ihn mit Hohn und Spott, doch er schien es nicht wahrzunehmen. Er sah nur mich. Unsere Blicke trafen sich – und in diesem kurzen, flüchtigen Moment lag die ganze Lebensspanne, die ihn und mich verband.

Er wusste, ich war für seinen Tod verantwortlich.

Über Jahrzehnte hinweg hatte ich Jagd auf diesen Mann gemacht. Er war ein Bombenleger, der den größten Teil unserer Königsfamilie mitsamt der Hälfte der Fürsten unseres Landes getötet hätte, wäre ich seiner schrecklichen Bluttat nicht zuvorgekommen.

Mein Leben lang war ich nun schon verhinderten Mördern wie diesem auf der Spur, und viele von ihnen endeten auf dem Schafott und starben auf furchtbare Weise: Sie wurden verstümmelt, enthauptet und gevierteilt – eine Todesart, die nur den schlimmsten Verbrechern vorbehalten ist.

Ja, ich sah viele Männer in den Tod gehen. Und viele starben in dem Wissen, dass ich es war, der sie ihrer furchtbaren, aber gerechten Bestrafung zugeführt hatte.

Warum ich so etwas tue? Weil mein Land mir lieb und teuer ist und weil ich im Dienst meiner Königin stehe. Doch es gibt noch einen weiteren Grund – ein Prinzip, dem ich anhänge: meine tiefe Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat, auf seine ganz eigene Weise sein Verhältnis zu Gott zu bestimmen.

Der Delinquent in Kingsbridge war der Letzte in einer langen Reihe von Männern, die ich zur Hölle geschickt habe. Doch seine Hinrichtung ließ mich an den Ersten in dieser endlosen Reihe denken …

 

Als Ned Willard nach Kingsbridge heimkehrte, wütete ein Schneesturm.

Im Hafen von Combe schiffte er sich auf einem langsamen Frachtkahn ein, der Tuch aus Antwerpen und Wein aus Bordeaux geladen hatte, und fuhr in dessen Kajüte flussaufwärts. Als das Schiff sich endlich Kingsbridge näherte, zog er seinen französischen Umhang straffer um die Schultern, warf sich die Kapuze über, ging an Deck und ließ den Blick schweifen.

Zuerst war er enttäuscht, denn er sah nichts als dichtes Schneegestöber, wo ihn doch ein beinahe schmerzliches Verlangen erfüllte, Kingsbridge wiederzusehen. Deshalb blickte er angestrengt und voller Hoffnung in die wirbelnden Flocken. Nachdem er eine Zeit lang in das blendende Weiß gestarrt hatte, wurde ihm sein Wunsch erfüllt: Der Schneesturm ließ nach, und mit einem Mal erschien ein Fleck blauen Himmels.

Ned blickte über die Wipfel der Bäume am Ufer hinweg und entdeckte den Turm der Kathedrale – vierhundertundfünf Fuß hoch, wie in Kingsbridge jedes Schulkind wusste. Der steinerne Engel, der von der Turmspitze aus über die Stadt wachte, trug an diesem Tag eine Decke aus Schnee über den ausgebreiteten Flügeln; sie ließ die sonst taubengrauen Federspitzen in strahlendem Weiß leuchten. Noch während Ned schaute, traf ein Sonnenstrahl die Engelsstatue, und der Schnee erstrahlte wie ein Heiligenschein. Dann zog der weiße Vorhang sich wieder zu, und der Engel verschwand aus Neds Blick.

Längere Zeit sah er nur die Bäume am Ufer, grau und geisterhaft im Schneegestöber. Doch sein Inneres war jetzt, da er Kingsbridge vor sich wusste, voller Bilder. Bald würde er wieder bei seiner Mutter sein – nach einem Jahr in der Ferne. Wie schmerzlich er sie vermisst hatte, würde er ihr indes verschweigen; als Mann von achtzehn Jahren musste er auf eigenen Beinen stehen.

Am meisten hatte ihm ohnehin Margery gefehlt. Ned hatte sich zum unpassendsten Zeitpunkt in sie verliebt – wenige Wochen vor seiner Abreise nach Calais, dem Hafen an der Nordküste Frankreichs, der gleichwohl zu England gehörte. Ned kannte die ungestüme, eigenwillige Tochter von Sir Reginald Fitzgerald seit ihrer Kindheit. Inzwischen war Margerys jungenhafte Ausgelassenheit ausgesprochen weiblichen Reizen gewichen, und Ned hatte sich dabei ertappt, wie er sie in der Kirche anstarrte, mit großen Augen und trockenem Mund. Doch er hatte gezaudert, mehr zu tun, als sie mit Blicken zu verschlingen, zumal sie drei Jahre jünger war als er.

Margery hingegen kannte keine solchen Hemmungen. Den ersten Kuss gab sie Ned auf dem Friedhof von Kingsbridge, im Schutz des wuchtigen Mausoleums von Prior Philip – jenem Mönch, der vierhundert Jahre zuvor die Kathedrale hatte erbauen lassen. An Margerys leidenschaftlichem Kuss war nichts Kindliches; umso schmerzlicher war es für Ned, als sie sich von ihm löste und lachend davonrannte. Doch schon am nächsten Tag küsste sie ihn erneut. Und am Abend vor seiner Abreise nach Frankreich gestanden sie einander ihre Liebe.

In den ersten Wochen schrieben sie sich leidenschaftliche Botschaften, konnten dabei aber nicht offen in Briefwechsel treten: Beide hatten ihren Eltern nichts von den Gefühlen erzählt, die sie füreinander hegten; es war ihnen zu früh erschienen. Stattdessen vertraute Ned sich seinem älteren Bruder Barney an, der ihr Mittelsmann wurde – bis auch Barney Kingsbridge verließ und nach Sevilla ging. Zwar hatte auch Margery einen älteren Bruder namens Rollo, aber sie vertraute ihm nicht so sehr, wie Ned Barney vertraute. So war der Briefwechsel versiegt.

Für Ned änderte es wenig, von nun an auf Margerys Briefe verzichten zu müssen, zumindest nicht, was seine Gefühle für sie anging. Er wusste, was die Leute über junge Liebe erzählten, und beobachtete sich selbst in der Erwartung, dass seine Liebe zu Margery ersterben würde. Aber das geschah nicht. Deshalb geriet Ned kaum in Versuchung, als ihm nach ein paar Wochen in Calais seine Cousine Thérèse offen zu erkennen gab, dass sie ihn mochte und fast alles zu tun bereit war, was ihm gefiel. Ned staunte über sich selbst, hatte er sich zuvor doch nie eine Gelegenheit entgehen lassen, ein schönes Mädchen mit hübschen Brüsten zu küssen.

Allerdings machte ihm nun etwas anderes zu schaffen. Auch wenn er sicher war, dass sich während seines Aufenthalts in Calais nichts an seinen Gefühlen für Margery geändert hatte, stellte er sich die bange Frage, was er empfinden würde, wenn er sie wiedersah. War Margery in Fleisch und Blut genauso bezaubernd wie ihr Bild in seiner Erinnerung? Würde seine Liebe ihr Wiedersehen überstehen?

Und wie war es um Margerys Gefühle bestellt? Für eine Vierzehnjährige war ein Jahr eine lange Zeit. Sicher, inzwischen war sie fünfzehn, aber das würde keinen großen Unterschied machen. War Margerys Liebe erloschen, als ihr Briefwechsel geendet hatte? Hatte sie vielleicht schon einen anderen hinter Prior Philips Mausoleum geküsst? Ned wäre bitter enttäuscht, sollte er Margery in der Zeit seiner Abwesenheit tatsächlich so gleichgültig geworden sein. Doch selbst wenn sie ihn noch liebte – konnte er nach dem langen Jahr in der Fremde mit dem strahlenden Bild in Margerys Erinnerung mithalten?

Neds Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück, als der Schneesturm erneut abflaute. Erst jetzt bemerkte er, dass der Frachtkahn durch die westlichen Vororte von Kingsbridge fuhr. An beiden Ufern reihten sich Werkstätten, die sich hier am Fluss angesiedelt hatten, da sie viel Wasser brauchten: Färber, Tuchwalker, Papiermacher, Schlachter – allesamt Handwerksbetriebe, die üble Gerüche verbreiteten; deshalb gab es in diesem Teil der Stadt keinen Mangel an günstigen Wohnungen.

Vor Neds Blicken schälte sich nun Leper Island aus dem wirbelnden Weiß. Doch der Name der Insel war nur noch eine ferne und schreckliche Erinnerung: In Kingsbridge hatte es seit Jahrhunderten keinen Fall von Lepra mehr gegeben. Bald darauf erhob sich Caris’ Hospital vor Neds Augen, ein Krankenhaus im Ostteil der Insel, gegründet von Caris Wooler, jener Nonne, die in der Zeit des Schwarzen Todes die Stadt gerettet hatte.

Als der Frachtkahn an der Insel vorüberglitt, erblickte Ned hinter Caris’ Hospital den anmutigen Doppelbogen von Merthins Brücke, die beide Flussufer im Norden und Süden mit der Insel verband. Die Liebesgeschichte zwischen Caris und Merthin gehörte zu den Legenden von Kingsbridge, die man seit Generationen an winterlichen Kaminfeuern erzählte.

Wenig später schob sich der Frachtkahn an einen der freien Liegeplätze am betriebsamen Uferstreifen zwischen den Lagerhäusern, Anlegestellen und vertäuten Booten. Die Stadt schien sich während des vergangenen Jahres nicht sehr verändert zu haben. Vermutlich, überlegte Ned, weil Orte wie Kingsbridge sich nur langsam wandelten. Kathedralen, Brücken und Hospitäler waren schließlich für die Ewigkeit gebaut.

Ned schob seine Schultertasche zurück, als der Schiffer ihm sein einziges anderes Gepäckstück reichte, eine Holztruhe, in der seine Kleidung, zwei Pistolen und ein paar Bücher verstaut waren. Ned wuchtete sich die Truhe auf die Schulter und ging an Land.

Er wandte sich dem großen Lagerhaus am Kai zu, in dem seine Familie ihre Geschäfte abwickelte, kam aber nur ein paar Schritte weit, bevor er eine vertraute Stimme mit schottischem Akzent hörte: »Wenn das nicht unser Ned ist! Willkommen daheim!«

Ned strahlte übers ganze Gesicht. Die Stimme gehörte Janet Fife, der Haushälterin seiner Mutter. Wie er sich freute, sie zu sehen!

»Lasst mich nur rasch einen Fisch kaufen«, verkündete Janet. »Ihr könnt dann mitessen!« So spindeldürr sie war – Janet liebte es, andere Menschen zu verköstigen. Sie streifte Ned mit einem liebevollen Blick. »Ihr habt Euch verändert. Eure Schultern sind breiter, aber Ihr seid schmaler im Gesicht. Hat Eure Tante Blanche Euch denn nicht anständig gepäppelt?«

»Doch, hat sie. Aber ich musste für Onkel Dick Kies schaufeln.«

»Das ist keine Arbeit für einen Gelehrten.«

»Hat mir nichts ausgemacht.«

»Malcolm!« Janets Blick richtete sich auf einen Mann, der sich ihnen näherte, und sie hob die Stimme. »Sieh nur, Malcolm, wer wieder in der Stadt ist!«

Malcolm war Janets Ehemann und Stallknecht bei den Willards. Er hinkte über den Kai heran. Vor Jahren, als er noch jung und unerfahren war, hatte ihm ein Pferd das Bein zerschmettert. Er tauschte mit Ned einen herzlichen Händedruck, sagte aber statt einer Begrüßung: »Der alte Acorn ist gestorben, das Lieblingspferd von Eurem Bruder.«

Ned unterdrückte ein Lächeln: Es war typisch für Malcolm, von den Tieren zu erzählen, ehe er auf die Menschen zu sprechen kam. »Ist meine Mutter wohlauf?«

»Die Herrin ist gut in Schuss, Gott sei’s gedankt«, antwortete Malcolm. »Und Euer Bruder auch, soweit wir’s wissen – ein großer Schreiber vor dem Herrn ist er ja nicht, und einen Monat oder zwei dauert’s schon, bis ein Brief aus Spanien hier ankommt. Lasst mich Euch mit dem Gepäck helfen, junger Herr!«

Doch Ned wollte nicht gleich nach Hause; er hatte anderes im Sinn. »Trägst du meine Truhe zum Haus?«, bat er Malcolm und fügte eine Lüge an: »Sag Mutter und den anderen, ich gehe in die Kathedrale, um Gott für die sichere Heimkehr zu danken. Ich komme so schnell wie möglich.«

»Gewiss, junger Herr.«

Malcolm hinkte davon, während Ned sich auf den Weg ins Stadtinnere machte, wobei er sich am vertrauten Anblick der Gebäude erfreute, zwischen denen er aufgewachsen war. Noch immer rieselte Schnee auf Kingsbridge. Die Dächer strahlten in reinem Weiß, doch auf den schwarzen, schlammigen Straßen waren Scharen dunkel gekleideter Menschen und verdreckte Karren unterwegs. Ned kam am White Horse vorbei, der verrufenen Taverne, in der es fast jeden Samstagabend eine Prügelei gab; dann folgte er der Main Street, der Hauptstraße, hügelauf zum Kirchplatz, kam am Palast des Bischofs vorbei und blieb schließlich vor der Schule stehen, für einen Moment in wehmütigen Erinnerungen versunken. Durch die schmalen, spitz zulaufenden Fenster sah er die Bücherregale, vom gelben Licht der Lampen beschienen. In diesen Räumen war ihm das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht worden; hier hatte er gelernt, wann man kämpfte, wann es besser war davonzulaufen und wie man die Tränen zurückhielt, wenn man mit einer Rute aus Birkenreisig verdroschen wurde.

Auf der Südseite der Kathedrale stand die Priorei. Seit König Heinrich VIII. die Klöster aufgelöst hatte, befand sich die Priorei von Kingsbridge in einem traurigen Zustand fortschreitenden Verfalls. Das Dach wies Löcher auf, das Gemäuer war baufällig, und aus den Fenstern wucherte Gestrüpp. Die Gebäude gehörten jetzt dem Bürgermeister, Sir Reginald Fitzgerald, Margerys Vater, aber der fing nichts damit an.

Allein die Kathedrale schien der Zeit zu trotzen. Stark und fest wie eh und je ragte sie in den Himmel – das steinerne Symbol einer lebendigen Stadt. Bevor Ned das Gotteshaus betrat, ließ er den Blick über die prachtvolle Fassade mit den langen Reihen der Lanzettfenster und Spitzbögen schweifen. Die Kathedrale von Kingsbridge war aus seinem Leben so wenig wegzudenken wie der morgendliche Sonnenaufgang; sie schenkte ihm ein gutes, warmes Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit. Sie wirkte unerschütterlich und ewig; nur der Himmel hoch über ihr veränderte sich im Kreislauf der Jahreszeiten. Menschen wurden geboren und starben, Städte konnten sich erheben und fallen, Kriege ausbrechen und enden – die Kathedrale überdauerte alle Zeit bis zum Jüngsten Gericht.

Ned ging durch den Westeingang ins Hauptschiff. Er hatte beschlossen, tatsächlich ein Gebet zu sprechen und die Lüge, die er Malcolm aufgetischt hatte, in Wahrheit zu verwandeln.

Wie immer war die Kirche nicht nur Stätte des Gebets, hier wurden auch Geschäfte gemacht: Bruder Murdo bot auf einem Tablett Glasfläschchen an, die mit Erde aus dem Heiligen Land gefüllt waren, für deren Echtheit er bürgte; ein Mann, den Ned nicht kannte, verkaufte für einen Penny heiße Steine, an denen man sich die Hände wärmen konnte; Puss Lovejoy schließlich, die in ihrem roten Kleid in der Winterkälte bibberte, trug das Gleiche zu Markte wie eh und je: sich selbst.

Ned blickte hinauf zu den Gewölberippen. Sie erinnerten ihn an Arme, die bittend zum Himmel gereckt waren. Vielleicht, überlegte er, waren es die Arme jener Menschen, die dieses Bauwerk errichtet hatten. Viele von ihnen waren in Timothys Buch verewigt, einer Chronik der Priorei, die Ned als Schüler gelesen hatte. Diese Chronik erzählte von den Steinmetzen Tom Builder und Jack, dessen Stiefsohn, von Prior Philip und Merthin Fitzgerald, dem Baumeister, der nicht nur die Brücke, sondern auch den Turm der Kathedrale errichtet hatte, und von den zahllosen Steinschneidern, Mörtelmischern, Zimmerleuten und Glasern – einfachen Leuten, die sich über ihre bescheidenen Verhältnisse erhoben und etwas Außergewöhnliches geschaffen hatten: unvergängliche Schönheit.

Ned kniete sich vor den Altar und sprach ein Dankgebet für die sichere Heimreise, die zwar nicht allzu lang, aber auch nicht ungefährlich gewesen war; schon auf der kurzen Überfahrt von Frankreich nach England konnten Schiffe in Seenot geraten und Menschen zu Tode kommen.

Doch Ned säumte nicht lange und machte sich auf den Weg zum Haus der Fitzgeralds, wo Margery wohnte.

An der Nordseite des Kirchplatzes, gegenüber vom Bischofspalast, stand die Schänke namens Bell; gleich daneben wurde ein neues Haus errichtet – auf einem Grundstück, das der Priorei gehört hatte, wie Ned wusste. Vermutlich war Margerys Vater der Bauherr. Es wurde ein stattliches Bauwerk, das war schon jetzt zu sehen, vielleicht das prächtigste Haus in ganz Kingsbridge mit seinen langen Reihen von Erkerfenstern und Schornsteinen.

Ned setzte seinen Weg bis zur Kreuzung der Main Street mit der High Street fort. Hier wohnten die Fitzgeralds schräg gegenüber der Ratshalle in einem Eckhaus – ein großes Fachwerkgebäude, das einen Morgen des teuersten Baulands der Stadt einnahm, aber längst nicht so beeindruckend war wie das Haus, das Sir Reginald bauen ließ.

Auf der Schwelle hielt Ned inne. Ein Jahr lang hatte er sich auf diesen Augenblick gefreut, nur um jetzt erleben zu müssen, wie ihm das Herz in die Hose rutschte.

Auf sein Klopfen hin öffnete ihm eine ältere Bedienstete. Sie hieß Naomi und kannte Ned von klein auf. Doch statt sich zu freuen, ihn zu sehen, wirkte sie abweisend, als wäre er ein Fremder von zweifelhaftem Ruf. Als er nach Margery fragte, sagte Naomi, sie werde nachsehen, und bat ihn in die große Eingangshalle.

Ned betrachtete das Gemälde von Christus am Kreuz, das über dem Kamin hing. In Kingsbridge schien es nur zwei Arten von Gemälden zu geben. Die einen zeigten Bibelszenen, die anderen waren Porträts von Adligen – ganz anders als in Frankreich, wo Ned in den Häusern der Reichen Gemälde gesehen hatte, auf denen sich halb nackte heidnische Götter wie Venus oder Bacchus in Zauberwäldern tummelten, wobei ihnen ständig das Gewand herunterzurutschen drohte.

Doch auch hier entdeckte Ned etwas Ungewöhnliches. An der Wand gegenüber der Kreuzigungsszene hing eine Karte von Kingsbridge, die er mit Interesse betrachtete, denn er hatte dergleichen nie gesehen. Die Karte zeigte, wie die Main Street, die von Norden nach Süden verlief, und die High Street, die von Osten nach Westen führte, die Stadt in vier Teile zerschnitten. Das Viertel im Südosten nahmen die Kathedrale und die ehemalige Priorei ein, den Südwesten das Handwerkerviertel mit seinen üblen Gerüchen. Auch sämtliche Kirchen waren eingezeichnet, ebenso die Häuser wichtiger Familien, zu denen die Fitzgeralds und die Willards zählten. Die Ostgrenze der Stadt bildete der Fluss. Da sein Lauf nach einem scharfen Knick in westliche Richtung führte, hatte er früher auch die Südgrenze der Stadt gebildet, aber Kingsbridge hatte sich dank Merthins Brücke auf das andere Flussufer ausgebreitet; dort lag nun eine große Vorstadt.

Zweifellos war Sir Reginald, der Politiker, dafür verantwortlich, dass die Karte hier hing, während die Kreuzigungsszene ebenso unzweifelhaft auf Betreiben seiner Frau, einer frommen Katholikin, dort angebracht worden war.

Endlich kam jemand in die Eingangshalle, nur war es nicht Margery, sondern Rollo, ihr Bruder, ein gut aussehender, schwarzhaariger Bursche, größer als Ned und vier Jahre älter. Sie waren gemeinsam zur Schule gegangen, aber nie Freunde geworden. Rollo war damals der Klügste gewesen und mit der Aufsicht über die jüngeren Schüler betraut worden, doch Ned hatte Rollos Autorität nie akzeptiert. Als sich obendrein herausstellte, dass Ned es an Klugheit mit Rollo aufnehmen konnte, war alles noch schlimmer geworden. Ständig hatte es Streit und Raufereien zwischen den Jungen gegeben, die erst endeten, als Rollo nach Oxford ging, um am Kingsbridge College zu studieren.

Ned versuchte, sich seine Abneigung nicht anmerken zu lassen, als er höflich fragte: »Neben dem Bell wird ein Haus gebaut, habe ich gesehen. Ist dein Vater der Bauherr?«

»Ja. Dieses Haus hier ist abgewohnt und altmodisch.«

»Die Geschäfte in Combe scheinen gut zu laufen.« Sir Reginald war Zollvorsteher im Hafen von Combe. Der einträgliche Posten war seine Belohnung für die Unterstützung Mary Tudors bei der Besteigung des englischen Throns.

»Du bist also zurück aus Calais«, stellte Rollo fest. »Wie war es?«

»Ich habe viel gelernt. Meinem Vater gehörten dort ein Pier und ein Lagerhaus, die jetzt mein Onkel Dick verwaltet.« Neds Vater war zehn Jahre zuvor gestorben; seitdem führte seine Mutter die Geschäfte. »Wir verschiffen englisches Eisenerz, Zinn und Blei aus dem Hafen von Combe nach Calais. Von dort wird es nach ganz Europa verkauft.« Die Niederlassung in Calais war das Fundament sämtlicher Unternehmungen der Familie Willard.

»Dann hoffe ich, die Feindseligkeiten schaden euren Geschäften nicht«, sagte Rollo, womit er auf den englisch-französischen Krieg anspielte. Doch seine Besorgnis war erkennbar geheuchelt. In Wahrheit freute er sich, dass der Wohlstand der Willards bedroht war.

Ned spielte die Gefahren herunter. »Calais ist gut gewappnet.« Es klang zuversichtlicher, als er sich fühlte. »Die Stadt ist von Festungen umschlossen. Sie schützen Calais, seit es vor zweihundert Jahren zu England kam.« Er beschloss, sein eigentliches Anliegen zur Sprache zu bringen. »Ist Margery zu Hause?«

»Hast du einen Grund, sie zu besuchen?«

Die Frage war unhöflich, doch Ned ging darüber hinweg. »Ich habe ihr aus Frankreich ein Geschenk mitgebracht.« Er öffnete seine Tasche und zog eine sorgfältig gefaltete Bahn schimmernder Seide in der Farbe von Lavendel hervor. »Ich bin sicher, diese Farbe steht ihr.«

»Ich glaube nicht, dass sie dich sehen will.«

Ned runzelte die Stirn. »Das glaube ich aber doch.«

»Wieso?«

Ned überlegte sich seine Antwort genau. »Ich bewundere deine Schwester, Rollo. Und ich bin sicher, sie mag mich.«

»Du wirst feststellen, dass sich einiges geändert hat, während du fort warst, junger Ned«, entgegnete Rollo herablassend.

Ned nahm es nicht allzu ernst. Wahrscheinlich wollte Rollo nur seinen Hang zur Boshaftigkeit befriedigen. »Frag sie bitte trotzdem.«

Als Rollo lächelte, war Ned zum ersten Mal beunruhigt: Es war das gleiche Lächeln wie früher, wenn man Rollo erlaubt hatte, einen jüngeren Schüler mit der Rute zu züchtigen.

»Margery ist verlobt«, sagte er. »Sie wird bald heiraten.«

»Was?« Ned starrte ihn fassungslos an, schockiert und verletzt, als hätte man ihm einen heimtückischen Schlag verpasst. Margery war einem anderen versprochen? Der Gedanke überstieg Neds schlimmste Befürchtungen.

Rollo lächelte voller Genugtuung.

»Wen will sie denn heiraten?«, fragte Ned.

»Den Viscount Shiring.«

»Bart?«, platzte Ned heraus. Das konnte nicht sein. Von allen jungen Männern der Grafschaft sollte Margery ihr Herz ausgerechnet an den begriffsstutzigen, humorlosen Bart Shiring verloren haben? Sicher – die Aussicht, dass Bart eines Tages Graf von Shiring wurde, hätte viele Mädchen über seine Makel hinwegsehen lassen, aber nicht Margery, davon war Ned überzeugt.

Zumindest wäre er vor einem Jahr noch davon überzeugt gewesen.

»Denkst du dir das nur aus?« Ned hatte kaum ausgesprochen, als ihm klar wurde, wie töricht die Frage war. Rollo mochte verschlagen sein, aber er war nicht dumm. Er würde eine solche Geschichte niemals erfinden, weil er dann befürchten müsste, wie ein Narr dazustehen, sobald die Wahrheit ans Licht kam.

Rollo zuckte mit den Schultern. »Die Verlobung wird morgen beim gräflichen Bankett bekanntgegeben.«

Morgen war Dreikönigstag. Wenn der Graf von Shiring ein Fest gab, waren die Willards mit Sicherheit eingeladen. Also würde auch er, Ned, dort sein. Dann würde er mit eigenen Ohren hören, ob Rollo die Wahrheit sagte.

Er nahm allen Mut zusammen. »Liebt sie ihn?«

Rollo blickte ihn verwundert an. Mit dieser Frage hatte er offenbar nicht gerechnet. »Ich wüsste nicht, weshalb ich mit dir darüber reden sollte.«

Rollos Ausflucht weckte in Ned den Verdacht, dass die Antwort Nein lautete. »Warum schaust du so durchtrieben?«, fragte er.

Rollo hob den Kopf. »Du solltest jetzt gehen, ehe ich in Versuchung gerate, dir eine Abreibung zu verpassen.«

»Wir sind keine Schuljungen mehr«, gab Ned gereizt zurück. »Ich glaube, du würdest dich wundern, wer von uns beiden die Abreibung bekäme.« Er hätte nichts lieber getan, als sich mit Rollo zu prügeln; in seiner Wut war es ihm egal, wer den Kampf gewann.

Rollo schien Neds Entschlossenheit zu spüren, denn er ging zur Tür, hielt sie auf und sagte: »Leb wohl.«

Ned zögerte. Er wollte nicht gehen, ohne Margery gesehen zu haben. Hätte er gewusst, welches Zimmer ihr gehörte, wäre er die Treppe hinaufgestürmt. Aber er konnte in einem fremden Haus nicht einfach eine Tür nach der anderen aufreißen.

Er legte das Seidentuch zurück in die Tasche. »Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Du kannst Margery nicht ewig einsperren. Ich werde schon noch mit ihr reden.«

Rollo ging nicht darauf ein. Geduldig wartete er an der Tür.

Ned juckte es in den Fingern, Rollo zu verprügeln, aber sie waren jetzt Männer; aus einem so nichtigen Grund durfte er keine Schlägerei vom Zaun brechen. Er zögerte. Was konnte er tun? Fieberhaft dachte er nach, doch ihm fiel nichts ein. Also verließ er das Haus.

»Lass dir Zeit mit dem Wiederkommen!«, rief Rollo ihm hinterher.

Ned achtete nicht darauf. Betrübt ging er das kurze Stück die Main Street hinunter zu dem Haus, in dem er das Licht der Welt erblickt hatte. Es stand in unmittelbarer Nähe der Kathedrale, im Schatten der Westfassade. Im Laufe der Zeit war es immer wieder planlos durch Anbauten erweitert worden, sodass es inzwischen unübersichtlich und verschachtelt war und mit seinem Speisesaal für festliche Gelage, den gemütlichen Kaminzimmern und den Schlafgemächern mit ihren weichen Federbetten etliche Tausend Quadratfuß einnahm. In diesem feudalen Heim wohnten Alice Willard, ihre beiden Söhne sowie Grandma, die Mutter von Neds verstorbenem Vater.

Ned traf seine Mutter im vorderen Empfangszimmer an, das sie als Registratur benutzte, wenn sie nicht im Lagerhaus am Hafen arbeitete. Sie sprang von ihrem Stuhl hinter dem Schreibpult auf, flog in Neds Arme und drückte und küsste ihn. Alice Willard war eine rundliche Frau und in dem Jahr, das verstrichen war, noch fülliger geworden. Ned sah es auf den ersten Blick, zog es aber vor, Schweigen zu wahren. Stattdessen ließ er den Blick schweifen. Das Zimmer war unverändert. Auch Alice’ Lieblingsgemälde hing noch an Ort und Stelle; es zeigte Jesus und die Ehebrecherin, umgeben von einer Meute heuchlerischer Pharisäer, die entschlossen waren, die arme Frau zu steinigen. Ihre Brüste waren entblößt, was das Gemälde für Ned besonders interessant machte und ihm in jüngeren Jahren lebhafte Träume verschafft hatte. Seine Mutter hingegen regte das Bild eher dazu an, den Heiland zu zitieren: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.«

Nachdem sie ihren Sohn begrüßt hatte, sagte Alice: »Du bist ein guter Junge, dass du in der Kathedrale warst, um Gott zu danken.«

Ned brachte es nicht übers Herz, sie zu belügen. »Nun ja, danach war ich auch noch bei den Fitzgeralds.« Er sah, wie sich Enttäuschung auf Alice’ Gesicht abzeichnete. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus.«

»Ein bisschen schon«, gab sie zu. »Aber ich weiß auch, wie es ist, jung und verliebt zu sein.«

Alice war achtundvierzig. Nach Edmunds Tod hatten alle sie ermuntert, wieder zu heiraten, doch der kleine Ned, damals acht Jahre alt, hatte sich schrecklich davor gefürchtet, einen grausamen Stiefvater zu bekommen. Mittlerweile war Alice seit zehn Jahren verwitwet, und Ned ging davon aus, dass sich für den Rest ihres Lebens nichts daran ändern würde.

»Weißt du, wen Margery heiraten soll?«, sagte er nun. »Bart Shiring. Ich habe es von Rollo erfahren.«

»Oh Gott, das hatte ich befürchtet«, stieß Alice hervor. »Mein armer Ned. Es tut mir schrecklich leid.«

»Wie ist Margery bloß auf diese Idee verfallen?«

»Weil ihr Vater es so wünscht, nehme ich an. Aber kein Vater gibt seine Tochter ohne Weiteres aus der Hand. Väter behalten gern einen gewissen Einfluss.« Alice seufzte. »Dein Vater und ich, wir mussten uns damals keine Gedanken darüber machen. Ich hatte nie eine Tochter. Jedenfalls keine, die so lange gelebt hat.«

Alice hatte zwei Mädchen zur Welt gebracht, bevor sie ihren ältesten Sohn Barney bekommen hatte. Ned kannte die beiden kleinen Grabsteine auf dem Friedhof an der Nordseite der Kathedrale.

»Eine Frau muss ihren Mann lieben«, sagte er. »Du hättest deine Tochter niemals gezwungen, einen Grobian wie Bart zu heiraten.«

»Nein, das nicht.«

»Warum tut Sir Reginald es dann? Was stimmt nicht mit diesen Leuten?«

»Sir Reginald ist es wichtig, dass jeder den ihm von Gott zugewiesenen Platz in der Gemeinschaft einnimmt und der Obrigkeit gehorcht. Als Bürgermeister glaubt er, die Aufgabe eines Ratsherrn bestehe darin, Entscheidungen zu treffen und sie dann durchzusetzen. Dein Vater sah das anders. Als er Bürgermeister war, vertrat er den Standpunkt, die Ratsherren sollten die Stadt regieren, indem sie ihr dienen.«

»Das hört sich an, als wären es zwei Sichtweisen ein und derselben Sache«, meinte Ned.

»So ist es aber nicht«, entgegnete seine Mutter. »Es sind zwei völlig verschiedene Welten.«