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Das Friedmann-Haus

Inhalt

Über dieses Buch

Aus diesem Haus verschwinden Menschen. Plötzlich. Spurlos.

Jan, ein junger, erfolgloser Berliner Blogger und Szenejournalist, zieht ins Friedmann-Haus ein. In diesem denkmalgeschützten, aber leicht verwitterten Schmuckstück in Schöneberg haben sich in den letzten Wochen drei Personen scheinbar in Luft aufgelöst: Der Hausmeister, dessen Tageszeitung man aufgeschlagen auf dem Tisch fand. Eine alte Dame, deren Tee noch auf dem Herd kochte. Und eine Studentin, die ihren angeschalteten Laptop zurückließ. Die Polizei konnte keinen Hinweis auf ein Verbrechen finden …

Jan will dem Geheimnis des Friedmann-Hauses auf die Spur kommen und darüber in einem Blog berichten. Aber auch er hat Geheimnisse, und sein Interesse am Friedmann-Haus hat sehr persönliche Gründe. Als die Vermissten wieder auftauchen, nur um fast sofort wieder zu verschwinden, wird die ganze Sache immer unheimlicher – und gefährlicher!

Ein temporeicher, atmosphärischer Thriller, in dem es vielleicht nicht für alles eine natürliche Erklärung gibt …

Über den Autor

Peter Martin wurde 1964 in Hamburg geboren. Nach einem Studium der Geschichte in Hamburg und Madrid arbeitete er zunächst als Taxifahrer, Fußmodel, Gagschreiber, Musikjournalist, Werbetexter und Computerspielentwickler. Seit 1996 verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Schrei­ben von Drehbüchern und Romanen. Peter Martin wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Köln.

Peter Martin

Das

Friedmann

Haus

Prolog

Kurz vor seinem Tod litt Carl Kowalski unter heftigen Kopfschmerzen. Seit einem Autounfall vor zehn Jahren, bei dem er nicht nur seine geliebte Frau Martha verloren, sondern sich auch eine schwere Kopfverletzung zugezogen hatte, quälten ihn schlimme Migräneanfälle. Trotzdem hatte er nie geklagt und sich jeden Tag um sein Haus und die Sorgen der Mieter gekümmert. Aber so heftig wie an diesem Tag waren die Schmerzen noch nie gewesen. Ihm ging es gar nicht gut, als er die durchgebrannte Sicherung im Schaltkasten der vierten Etage auswechselte.

Er massierte sich die Schläfen, versuchte, das seltsam unwohle Gefühl im Kopf zu vertreiben. Ohne Erfolg. Schließlich packte er den Schraubenzieher zurück in den Werkzeugkasten und stand auf. Für einen Augenblick erfasste ihn ein heftiges Schwindelgefühl. Ächzend lehnte er sich gegen den Türrahmen. Was war heute los mit ihm? Lag es an der schwülen Hitze, die seit einer Woche über der Stadt hing?

Kowalski stapfte durch den langen Flur zurück zum Fahrstuhl. Ein Knirschen unter den Sohlen seiner Arbeitsstiefel ließ ihn innehalten. Scherben, Überreste der Lampe, durchgebrannt, genau wie die Sicherung, die dritte in diesem Monat.

Wie Kowalski hatte auch der Fahrstuhl schon bessere Zeiten gesehen. Der Farbe auf der schmiedeeisernen Kabine blätterte ab, Rost fraß sich durch das Gitter. Das Mahagoniholz der Rückwand war verkratzt, das Kristallfenster über die Jahre so milchig geworden, dass man die Farben kaum unterscheiden konnte.

Kowalski drückte auf den Knopf, um in die Werkstatt im Keller zu fahren. Mit einem Ruck setzte sich der alte Kasten in Bewegung und schob sich ruckelnd durchs Treppenhaus. Vielleicht wäre ich besser zu Fuß gegangen, dachte er. Aber nach seiner Knieoperation vor zwei Jahren war er froh, dass er auf den dünnen Beinen überhaupt noch stehen konnte.

Plötzlich sprühten Funken in der Kabine. Ein heftiger Stoß warf Kowalski gegen die Wand. Kreischend blieb der Fahrstuhl stehen, genau zwischen Erdgeschoss und Keller. Der Hausmeister rieb sich den Kopf und schimpfte. Wie oft hatte er gesagt, dass man die alte Kiste komplett renovieren und die Technik auf den neuesten Stand bringen sollte? Aber auf ihn hörte ja keiner. Der Besitzer des Hauses, dieser neureiche Schnösel aus Dahlem, schon gar nicht. Kowalski schlug auf das Bedienfeld, immer heftiger, aber der Fahrstuhl rührte sich nicht.

Kowalski fluchte. Sollte er nach Hilfe rufen? Ein Hausmeister, wie eine Ratte gefangen in einem Käfig, wie idiotisch war das denn!

Der Schmerz traf ihn völlig unvorbereitet. Wie eine Flamme schoss er durch seinen Kopf, durch den Oberkörper, in die Beine bis hinunter zu den Füßen. Stöhnend ging er in die Knie. Ein Herzinfarkt? Kowalski schnappte nach Luft, doch ein zentnerschweres Gewicht legte sich auf seinen Brustkorb und nahm ihm den Atem. Er wollte schreien, aber er hatte keine Kontrolle mehr über seinen Körper, auch die Zunge war nur noch ein taubes Stück Fleisch.

Oh Gott, was ist das? Was passiert mit mir?

Er hockte auf dem Boden, stützte sich mit den Händen auf dem Metallboden ab, der mit einem Mal wärmer wurde! Woher kam diese Hitze? Ein Feuer im Keller? Fassungslos starrte er auf die geröteten Finger. Er musste aufstehen, aber die Beine gehorchten ihm nicht mehr.

Wieder wurde Kowalski von einem brutalen Schmerz geschüttelt. Als würde eine unsichtbare Kraft ihn in der Mitte auseinanderreißen! Die Haut begann zu brennen, die Haare auf Kopf, Brust und Rücken fühlten sich an wie Nadeln in seinem Fleisch. Ein Druck zerrte an ihm wie an einer Gummipuppe, versuchte, seine Organe nach außen zu stülpen. Die Augen quollen aus dem Schädel.

Diese Schmerzen!

Als würde er mitten in einem lodernden Feuer stehen, dabei konnte er keine Flammen sehen. Aber das Fahrstuhlgitter begann zu glühen wie geschmolzener Stahl.

Licht, auf einmal überall quälend helles Licht. Er schloss die Augen, hoffte auf eine Ohnmacht. Selbst der Tod war besser als dieser Albtraum, der sich wie ein Tier durch Kowalskis Kopf, durch seinen Geist und seine Eingeweide fraß. Heiße Tränen liefen ihm über die Wangen. Als er die Lider öffnete, blickte er direkt in einen alles überstrahlenden Stern. Die Hölle? Der Himmel? Auf jeden Fall das Ende.

Plötzlich trat ein Schatten aus der grellen Sonne. Ein Mann? Eine Frau? Martha etwa? Für einen Moment spürte er Hoffnung. Doch dann erkannte er in den dunklen Konturen einen Mann ohne Gesicht. Mit letzter Kraft versuchte er, seinen geschundenen Körper aufzurichten. Er hob den Arm, streckte ihn dem Unbekannten entgegen – und bettelte um Erlösung.

1

Wohnt ihr auch in der Stadt? In einer Großstadt wie Berlin vielleicht? Dann kennt ihr das sicherlich: Ihr quält euch jeden Tag durch den Verkehr, geht brav zur Arbeit, steht Schlange in Supermärkten und überfüllten Kaufhäusern. Ihr verschwendet eure Zeit mit euren Handys, checkt sinnlose Mails und tippt überflüssige Posts in eure Computer.

Das normale Leben.

Aber bekommt ihr überhaupt noch mit, was um euch herum passiert? Was wisst ihr wirklich über die Menschen, mit denen ihr zusammenlebt? Über eure Nachbarn und Freunde, ihre Sorgen und Nöte?

In Schöneberg gibt es ein altes Haus. Drei Menschen sind dort in den letzten Monaten verschwunden. Der Hausmeister Carl Kowalski, die Unternehmerin Bianca Meier, die BWL-Studentin Lea Daniels – von einem Moment auf den anderen haben sie sich in Luft aufgelöst. Ohne die geringste Spur. Niemand weiß, was mit ihnen passiert ist. Ein Unfall? Ein Verbrechen? Die Polizei tappt völlig im Dunkeln. In aufwendigen Pressekonferenzen behaupten die Verantwortlichen seit vielen Wochen, mit ihren Ermittlungen kurz vor der Lösung zu stehen. Aber was ist bisher herausgekommen? Gar nichts. Nada! Die Öffentlichkeit wird für dumm verkauft, und allen ist es egal.

Ich will das nicht akzeptieren. Ich will Antworten. Deshalb habe ich meine Wohnung in Kreuzberg verlassen und bin hierher in dieses alte, verfluchte Haus in Schöneberg gezogen.

Das ist mein Versprechen: Ich werde der Sache auf den Grund gehen, Fragen stellen. Ich werde nicht aufgeben, ich werde nicht weichen, egal wie gefährlich es wird. Für euch. Für alle, die endlich die Wahrheit erfahren wollen. Und wissen wollen, was mit diesen drei armen Menschen passiert ist.

2

Jan las den Text, den er gerade in seinen Laptop getippt hatte. Gar nicht schlecht für den Anfang, fand er. Bisher hatte er nur Plattenkritiken geschrieben. Aber mit ein bisschen Übung wurde vielleicht noch ein richtiger Journalist aus ihm.

Okay, manches war etwas pathetisch. Aber egal, wer mit seinem Blog in den unendlichen Weiten des World Wide Webs bemerkt werden wollte, musste auf die Kacke hauen. Keine halben Sachen.

Wieder schaute er auf den Bildschirm, die im Moment einzige Lichtquelle in der dunklen Wohnung. Klar wollte er herausfinden, was hier in diesem seltsamen Haus passiert war.

Aber warum genau, das ging keinen etwas an.

Das war sein Geheimnis.

Dieser Blog auf der Internetseite des City Magazine – nur ein Job, um etwas Geld zu verdienen. Von irgendetwas musste er ja leben, wenn er seine Semesterferien für diese Sache opferte.

Dass er überhaupt in die Wohnung im Erdgeschoss einziehen und recherchieren durfte, war das Ergebnis eines intensiven Gesprächs mit Leas Eltern. Er hatte ihnen einen Brief geschrieben, ihnen sein Mitgefühl versichert und versprochen, alles zu tun, um herauszufinden, was mit ihrer Tochter passiert war.

Lea, die junge Frau, die hier gewohnt hatte. Vor einem Monat war sie verschwunden. Ohne jede Spur, genau wie zwei Wochen vorher Carl Kowalski, der Hausmeister. Und wie eine Woche später Bianca Meier, die alleinstehende Inhaberin eines Modegeschäfts auf dem Ku’damm. Kowalskis Tageszeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Frau Meiers Tee kochte auf dem Herd, Leas Laptop war noch angeschaltet, auf dem Bildschirm leuchtete der Text ihrer Hausarbeit.

Die Polizei stand vor einem Rätsel, sie hatte nicht die geringste Ahnung, was passiert war. Es gab keinen Hinweis auf ein Verbrechen, keiner der anderen Mieter hatte etwas gehört oder gesehen. Ein unheimliches Rätsel.

Jan war es gelungen, Leas Eltern davon zu überzeugen, den »Fall« noch einmal aufzurollen. Was hatten sie zu verlieren? Schließlich hatte Leas Vater ihm die Schlüssel in die Hand gedrückt.

»Bleiben Sie, solange es nötig ist. Aber finden Sie die Wahrheit über unsere Tochter heraus«, hatte der Mann ihn aufgefordert, die Augen gerötet vom vielen Weinen. Miete musste Jan nicht zahlen.

Daraufhin hatte er heute Nachmittag ein paar Sachen in seiner Kreuzberger WG zusammengepackt und war nach Schöneberg gezogen. Leas Wohnung – für die nächsten Tage, vielleicht Wochen würde sie sein neues Zuhause sein.

Jan stand auf und beschloss, sich alles noch einmal genau anzuschauen.

Leas Apartment war eine typische Berliner Altbauwohnung mit hohen, stuckverzierten Decken. Von einem kleinen Flur führten drei Türen ab. Zuerst warf er einen Blick ins Schlafzimmer. Die Eltern hatten darin wie in der ganzen Wohnung nichts verändert. Die Schränke mit Leas Kleidern, nichts war ausgeräumt, alles war an seinem Platz und sah aus, als wäre sie gerade noch hier gewesen. An den Wänden hingen Poster, auf der Bettdecke saßen ihre Plüschtiere und warteten im Licht der Nachttischlampe mit traurigen Knopfaugen auf Leas Rückkehr.

Auch das kleine, nach Limonen duftende Bad sah völlig unberührt aus. Ob Leas Mutter vor seiner Ankunft alles noch einmal gereinigt hatte?

Die dritte Tür führte aus dem Flur in ein gemütliches, mit einer Sofaecke und einem Arbeitstisch ausgestattetes Wohnzimmer. Von hier aus gab es einen breiten Durchgang zur Küche, die eigentlich kaum mehr als eine Kochecke war, aber den Ansprüchen einer einzelnen Person vollkommen genügte. Von der Küche konnte man in den Hinterhof schauen. Wohn- und Schlafzimmer besaßen dagegen hohe Fenster Richtung Straße, das Wohnzimmer sogar einen kleinen Balkon, groß genug für einen Stuhl oder einen Wäscheständer.

Jan holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, das er noch schnell zusammen mit ein paar anderen Lebensmitteln in Kreuzberg eingepackt hatte. Mit der Flasche in der Hand starrte er gedankenverloren durch das weit geöffnete Küchenfenster und sah zu den beleuchteten Wohnungen gegenüber. Er hörte das Klappern von Geschirr. Einen Fernseher. Synthiepop aus den Achtzigern. Einen laut bellenden Hund. In einem Zimmer übte jemand Klavier, wiederholte mit stoischer Gleichmütigkeit dieselbe Tonfolge.

So viele Lichter, so viele verschiedene Leben. Jan war gespannt, was die Nachbarn ihm über die verschwundenen Mitbewohner sagen konnten.

Er trank einen Schluck und ging zurück ins Wohnzimmer, setzte sich wieder an den Arbeitstisch und betrachtete seine Ausrüstung: eine Digitalkamera, sein etwas in die Jahre gekommenes Notebook – und natürlich sein Smartphone. Das sollte für seine Recherche im Friedmann-Haus reichen.

Ein leises Gurgeln riss ihn aus den Gedanken. Unsicher schaute er sich um. Etwas unheimlich war es hier ja schon. Jan war kein Angsthase. Aber die hohen Decken der verlassenen Altbauwohnung waren in der Dunkelheit kaum zu sehen. Im Flur roch es nach altem Holz und Heizöl. Und noch ein Geruch lag in der Luft, etwas, das Jan nicht einordnen konnte. Er erinnerte sich, wie er als Junge mit seinem Vater in einer Schlosserei gewesen war, an den Funkenflug, den Gestank von Öl und Elektrizität. Aber wieso roch es hier auf einmal genauso? Eine Werkstatt hatte es in der Wohnung nie gegeben.

Wieder dieses seltsame Gurgeln.

Die Heizung? Die blieb im Sommer ausgeschaltet. Vielleicht duschte jemand? Jan stand auf und ging zu einer Wasserleitung, die in einer Zimmerecke neben der Küche über der verputzten Wand nach oben führte. Und tatsächlich, als er das Ohr an das alte Rohr legte, konnte er das Plätschern des Wassers hören. Er lächelte; kein Grund, nervös zu werden.

Jan spürte plötzlich einen ungewohnten Druck auf der Brust, ein Kribbeln wanderte über seine Haut. Das Gefühl verstärkte sich, als er zurück zum Arbeitstisch ging. Hier hatte man Leas letzte Spuren gefunden, einen eingeschalteten Computer, eine halb volle Tasse Tee, ein aufgeschlagenes Buch. Warum stellten sich ausgerechnet hier seine Nackenhaare auf? Benommen fasste sich Jan an die Stirn …

… als plötzlich ein hoher Ton durch die Wohnung schrillte! Jan fuhr zusammen und presste stöhnend die Hände gegen die Ohren!

3

»Eine Pizza Primavera mit extra viel Schinken und Knoblauch. Und eine Flasche Cola«, sagte der junge Mann mit dem Basecap.

»Und das Pizzabrot?«, fragte Jan.

Der Bote zog eine fettige Papiertüte aus der Thermobox hervor.

Jan kramte in seiner Brieftasche nach Trinkgeld. Der Pizzabote blickte derweil an ihm vorbei in die dunkle Wohnung.

»Die Türklingel muss echt mal repariert werden. Die klingt wie eine Katze, die gerade kastriert wird.«

Jan drückte ihm eine Zwei-Euro-Münze in die Hand.

»Ja, schrecklich, ich werde den Hausmeister bitten, sich darum zu kümmern.«

»Den Hausmeister? Ich dachte, der ist nicht mehr.«

Jan schaute auf. »Ah, da ist jemand informiert.«

»Hey, ich weiß Bescheid. Über das mit dem Hausmeister, mit der Frau. Und das mit deiner süßen Vormieterin.«

»Du kennst Lea?«

Der junge Mann mit dem Basecap grinste. »Pizza Hawaii, mindestens einmal die Woche.«

»Okay.«

»Einmal hat sie mir sogar einen Kaffee angeboten.«

»Ach ja?«

»Wir haben uns unterhalten, bestimmt ’ne halbe Stunde.«

»Was hat sie erzählt?«

»Alles Mögliche. Aber vor allem hat sie mir verraten, dass sie sich hier unwohl fühlt.«

»Wie meinst du das?«

»Sie sagte, irgendwer würde sie verfolgen. Beobachten.«

»Wer?«

Er schob seine Mütze wieder nach vorne. »Sie wusste nicht, ob es ein Mann oder eine Frau gewesen ist. Auf jeden Fall jemand aus dem Haus.«

»Was genau hat sie gesagt?«

Der Pizzabote musterte ihn misstrauisch. »Bist du ein Bulle, oder was?«

Jan streckte sich. »Journalist fürs City Magazine. Ich will rauskriegen, was hier passiert ist.«

Der Typ sah Jan skeptisch an. »Ich denke, die Bullen haben schon …«

Jan unterbrach ihn. »Die Polizei hat bisher nichts rausgefunden. Schlimm. Da verschwinden drei Menschen aus einem Haus, mitten in Berlin – und die haben keine einzige Spur.«

»Und du glaubst, du hast mehr Erfolg?«

Jan nickte. »Hier gibt es irgendein dunkles Geheimnis. Ich werde dieses Haus erst verlassen, wenn ich der Sache auf den Grund gegangen bin«, sagte er so laut, dass es der ganze Flur gehört haben musste.

Der Pizzabote betrachtete ihn mit einem spöttischen Grinsen. »Na schön. Viel Glück, Sherlock! Wenn du rausbekommst, was mit Lea passiert ist, kriegst du einen Monat gratis Pizza, versprochen.«

Jan reichte ihm die Hand. »Deal.«

»Aber pass auf dich auf! Nicht, dass der schwarze Mann dich auch noch holt.«

Jan hatte die Rechte schon an der Türklinke. »Der schwarze Mann?«

»Lea meinte, die Atmosphäre hier würde sie an eine Geschichte erinnern, die sie als Kind mal gelesen hat«, raunte der junge Mann. »Da ging’s um einen Dämon, der viele Menschen heimgesucht und ihre Seelen gefressen hat.«

»Das hat Lea erzählt?«

Der Pizzabote zuckte mit den Schultern. Dann schnappte er sich die Styroporkiste und klopfte auf die aufgedruckte Telefonnummer an der Seite. »Wenn du auf deiner heiligen Mission Kohldampf kriegst – du weißt ja, wo du anrufen musst.«

Jan nickte und schaute ihm nach. Wie hatte Lea nur so einen Typen zu sich in die Wohnung einladen können? War sie wirklich so einsam gewesen? Oder hatte sie solche Angst gehabt, dass sie sich sogar einem wildfremden Menschen anvertrauen musste? Jan spürte, wie sich eine unangenehme Hitze in seinem Bauch ausbreitete …

Türenschlagen. Jan wirbelte herum und blickte in den langen Flur.

Nichts.

Aber das Geräusch hatte er sich nicht eingebildet.

Einer der Nachbarn hatte sie belauscht.

Nur wer? Und wie lange?

Jan schaute zu den verschlossenen Türen. Dieses Haus war viel größer als der Altbau, in dem er mit seiner WG in Kreuzberg wohnte. Dort gab es nur das Treppenhaus, hier auf jeder Etage, rechts und links vom Fahrstuhlschacht abgehend, zwei Flure mit mehreren Wohnungen. Und das Ende dieses Gangs lag im Dunkeln. Es wurde Zeit, dass das Haus einen neuen Hausmeister bekam, der sich um die kaputten Lampen kümmerte.

Der schwarze Mann, dachte Jan. So ein Blödsinn! Trotzdem spürte er ein Ziehen im Nacken. Nach einem letzten Blick in den verlassenen Flur zog er die Tür zu seiner neuen Wohnung zu.

Er schob Handy und Computer zur Seite und setzte sich mit der Pizza an den Arbeitstisch. Er aß sie mit den Fingern direkt aus dem Karton, trank dazu Bier.

Wieder schaute er sich gedankenverloren um. Seine WG in Kreuzberg war deutlich größer. Aber so ein schönes Parkett und so einen üppigen Stuck an der Decke gab es in der Wohnung in der Oranienstraße nicht.

Dafür war es hier ein bisschen unheimlich. War es die ungewohnte Einsamkeit? Der fremde Geruch? Oder das Wissen, dass hier in diesen Zimmern ein Verbrechen geschehen war?

Für einen Augenblick fragte Jan sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, hier einzuziehen. Hätte er nicht weiter in seiner netten WG bleiben können, bei Lilly und Sandro?

Nein, er war sich sicher, wenn er das Geheimnis lüften wollte, musste er sich komplett auf dieses Haus einlassen, hier leben und die anderen Bewohner kennenlernen.

Sosehr er sich auch bemühte, er schaffte nicht die ganze Pizza. Er packte den Rest zusammen mit dem Karton in den Ofen, wischte sich die Hände ab und beschloss, sich noch mal die Fotos anzuschauen, die Leas Eltern ihm gegeben hatten. Dazu die Bilder, die er von ihr in seinem Computer gespeichert hatte, Schnappschüsse, die sie auf die Profilseite in einem sozialen Netzwerk gestellt hatte.

Lea lachend in einem Strandkorb an der Ostsee. Mit cooler Sonnenbrille in einem Beachclub an der Spree. Lustige Selfies im Tiergarten. Porträtfotos. Mit Freundinnen auf einem Ausflug auf der Havel. In Prinzessinnenpose vor dem Schloss Sanssouci in Potsdam.

Lea war fotogen. Auch auf den albernsten Bildern strahlte sie eine liebenswerte Natürlichkeit aus und gab dem Betrachter das Gefühl, nur ihn anzuschauen.

Jan gähnte. Lag es daran, dass er mit Lilly und Sandro gestern seinen letzten Abend in Kreuzberg gefeiert hatte? Auch wenn es erst halb elf war, fielen ihm langsam die Augen zu.

Er beschloss, sich hinzulegen. Natürlich konnte er nicht in Leas Bett schlafen. Jan hatte seinen Schlafsack mitgebracht, um es sich auf dem Sofa bequem zu machen.

Besonders groß war es nicht, aber für ein paar Nächte würde es schon gehen.

Nachdenklich blickte er an die Decke. Was war nur mit Lea und den anderen beiden Mietern passiert? Morgen würde er alles tun, um das herauszufinden.

4

Auf einmal bewegte sich alles. Ein Knirschen ging durch die Wände. Der Boden hob und senkte sich. Er musste sich mit beiden Händen in das Polster der Couch krallen, um nicht hinunterzufallen.

Ein Erdbeben.

In Berlin? Unwahrscheinlich!

So plötzlich, wie er angefangen hatte, war der Spuk wieder vorbei. Schweißnass strampelte sich Jan aus dem Schlafsack.

Was war das gewesen?

Er wollte aufstehen, doch schon beim Aufrichten zwang ihn heftiger Schwindel in die Knie.

Kopfschmerzen, auf einmal, grell und fürchterlich. Er stöhnte auf.

Die Deckenlampe flackerte plötzlich. Obwohl sie sofort wieder erlosch, waren Jans Augen so geblendet, dass es eine Weile dauerte, bis er wieder etwas erkennen konnte.

Lea!

Sie stand mitten im Zimmer. Ihr Blick voller Panik und Verzweiflung, ihre Kleidung verkohlt, als wäre sie durch ein Feuer gelaufen. Sie streckte Hilfe suchend die Hand nach ihm aus …

Jan konnte sich nicht rühren. Wie ein Hund kauerte er auf dem Boden. Er versuchte, ihre Hand zu erreichen.

»Lea«, wollte er sagen. Aber nur ein Krächzen löste sich aus seiner Kehle.

Schmerz, sein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Selbst den Kopf zu heben, um Lea in die Augen zu sehen, kostete ihn unendlich viel Kraft.

»Lea«, versuchte er es noch einmal.

Ob sie ihn hörte?

Sah sie überhaupt zu ihm?

Ihr stummer Blick ging über ihn hinweg, als würde jemand hinter ihm stehen, der ihr fürchterliche Angst einjagte. Jan versuchte sich umzudrehen, aber ein Gift schien seinen Körper zu lähmen.

Der schwarze Mann.

War er es?

Wieder wollte er Leas Namen rufen.

Dann verschwand sie.

Sie verblasste, verging im Dämmerlicht. Jan sah ihren entsetzten Blick. Ihre Hände griffen ins Leere und schienen sich gegen eine unsichtbare Kraft zu wehren, die sie von ihm fortzog!

Endlich gelang es Jan, sich zu rühren. Mit einem Ruck löste er sich aus der Erstarrung und machte einen Satz nach vorne, um Lea festzuhalten, bevor sie endgültig verschwand.

Aber es war zu spät.

Mit einem leisen Aufschrei stolperte er durchs Zimmer, überschritt die Stelle, an der sie vor einer Sekunde noch gestanden hatte.

Sie war verschwunden. Weg. Die Gewissheit, dass er sie verloren hatte, traf ihn wie ein Boxhieb. Stöhnend krümmte er sich.

Ein Schatten schwebte vor der Wand. Wie Rauch im Wind verzog er sich in eine Zimmerecke, dorthin, wo der Putz fehlte und die schäbige Mauer frei lag.

Dort löste er sich auf und wurde in die Wand hineingesogen.

Auf die andere Seite. Wo jetzt auch Lea war!

Jan lief in die Ecke, schlug mit den Fäusten gegen die Wände, versuchte, den Mörtel mit den Fingernägeln wegzukratzen. Wenn hier die Antwort auf seine Fragen lag, dann musste er durch das Mauerwerk brechen, koste es, was es wolle.

Plötzlich drang ein Leuchten aus den Fugen. Zunächst ein Glimmen, das immer greller wurde. Schützend hielt sich Jan die Hand vor die Augen, trotzdem hatte er das Gefühl, in das Herz einer Sonne zu blicken.

Dann ein Schrei!

Ein Mann, der in der Hölle zu brennen schien! Noch nie hatte Jan so etwas Grauenvolles gehört. Er presste sich beide Hände auf die Ohren – und wurde selbst in das brutale Strahlen hineingeschleudert …

5

Mit einem lauten Stöhnen schreckte Jan auf. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, der Schlafsack war total zerwühlt! Die Lunge schmerzte ihm wie nach einem Marathonlauf.

Mit aufgerissenen Augen sah er sich in der Wohnung um, blickte verwirrt auf die Uhr an seinem Handgelenk. Fünf Uhr morgens. Frühe Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster ins Zimmer. Vogelgezwitscher. Kühle Luft strömte herein. Das Rauschen der Stadt, die nach einer kurzen Nacht wieder erwachte.

Von Lea keine Spur. Genauso wenig vom schwarzen Mann. Kein Schatten. Keine glühende Wand, die Jan auf die andere Seite ziehen wollte.

Er hatte nur geträumt. Ein Albtraum, nichts davon war real gewesen.

Aber der schreckliche Schrei? Hatte er sich den auch nur eingebildet? Jan schloss die Augen, rieb sich die schmerzenden Lider. Er versuchte sich zu konzentrieren. Noch konnte er das Nachklingen des Hilferufs deutlich in seinem Kopf hören. Im ganzen Körper spüren.

War er selbst es gewesen, der geschrien hatte? Im Schlaf, als er den Schatten gesehen hatte?

Träumte er vielleicht immer noch?

Nein, die Luft, die Geräusche aus dem halb offenen Fenster, all das fühlte sich real an.

Erschöpft ließ er sich zurück aufs Sofa fallen und starrte an die Decke.

Wann war er eingeschlafen? Es wollte ihm nicht mehr einfallen. Er hatte gegessen, Musik auf dem Handy gehört. Und dann …

Leas Blick hatte echt gewirkt. Ihre Verzweiflung, ihre Angst. Alles nur ein Traum? Hatte sie ihm vielleicht eine Botschaft schicken wollen? Von dort, wo auch immer sie jetzt war?

Er erinnerte sich, was seine Mitbewohnerin Lilly, eine Erzieherin, ihm mit auf den Weg gegeben hatte:

»Das, was man in der ersten Nacht in einer neuen Wohnung träumt, wird wahr.«

Eine Redensart, die jetzt zur Bedrohung wurde?

Alles Blödsinn, dachte Jan. Schon verblassten die Bilder aus dem Traum. Er hörte den Wind, der durch die Bäume rauschte. Den dichter werdenden Verkehr auf der nahen Stadtautobahn.

Er atmete tief durch. Das war das reale Leben. Er durfte sich jetzt nicht von der Atmosphäre des alten Hauses und der verlassenen Wohnung verrückt machen lassen. Er war hier, um die Wahrheit herauszufinden. Das ging nur, wenn er bei Verstand blieb.

Jan beschloss, aufzustehen und etwas gegen die verdammten Kopfschmerzen zu unternehmen. Zum Glück hatte er Aspirin eingepackt.

Er spülte die Tablette mit einem halben Glas Leitungswasser hinunter. Dann drehte er eine Runde durch die Zimmer. Die Sonne brach jetzt direkt durch die Fenster und ließ den Staub in den Lichtstrahlen tanzen.

Tolle Wohnung, dachte Jan. Bestimmt nicht billig. Wie Lea sich die als Studentin hatte leisten können?

Wieder musste er an ihren traurigen Blick denken. Diese Augen würde er nie mehr vergessen.

Genauso wenig wie den Schrei.

Er stand jetzt vor der Wand, vor der er auch im Traum gestanden hatte. Alles war sauber tapeziert, keine Spur von bröckelndem Putz oder irgendwelchen Fugen. Er klopfte gegen die Wand. Es hörte sich hohl an. Jan trat einen Schritt zurück und verstand, dass hinter dieser Ecke der Schornsteinschacht nach oben führte. Früher hatte es im Wohnzimmer noch einen offenen Kamin gegeben, jetzt war alles zugemauert.

Jan stutzte.

Konnte es sein, dass da …?

Seine Barthaare juckten, wie immer, wenn er nervös war.

Er hielt das Ohr an die Wand.

Ein Scharren, gleichmäßig, ohne Unterbrechung, im selben Rhythmus.

Ein großes Pendel, das langsam über einen Stein schwingt, hin und her, hin und her …

Und das war nicht das einzige Geräusch.

Da war er wieder, der Schrei einer gequälten Kreatur. Aus der Ferne, leise und gedämpft, aber doch so deutlich wie in seinem Traum.

6

Jan klopfte gegen die Wand. »Hallo? Hört mich jemand?«

Keine Reaktion. Stille. Aber jetzt war sich Jan sicher, dass der Schrei real gewesen war. Doch woher war er gekommen? Wer war dort in Gefahr?

Er lief auf die andere Seite, in die kleine Küche, schlug mit der flachen Hand gegen die Stelle, wo er den Kaminschacht vermutete.

»Hallo? Hallo!«

Aber er bekam keine Antwort. Das gleichmäßige Kratzen war alles, was er hörte.

Hastig zog er eine Hose über und rannte auf Socken aus der Wohnung. Er schaute in den Flur. Alles wirkte wie ausgestorben.

So wie der Schrei geklungen hatte, musste in einem der oberen Stockwerke gerade irgendjemand gefoltert werden.

Jan sprintete zum Treppenhaus, nahm gleich mehrere Stufen auf einmal. In der ersten Etage blieb er stehen, hetzte in den Flur. Unter den Füßen spürte er den weichen Teppich, der jeden Laut schluckte. Er lauschte an allen Türen. Manchmal glaubte er, Geräusche zu hören, eine Dusche, Schritte, Kindergeplapper. Aber keinen Schrei!

Was sollte er tun? Einfach irgendwo anklopfen?

Jan entschied sich, erst die anderen Stockwerke abzusuchen. Das zweite, das dritte, dann das vierte.

Nirgends ein verdächtiges Geräusch. Komplett außer Atem stemmte Jan die Hände auf die Oberschenkel und versuchte, wieder Luft zu bekommen.

Eine Tür ging auf. Ein älterer Mann in Jogginghose und Hauslatschen trat aus der Wohnung und fuhr bei Jans Anblick zusammen.

»’tschuldigung!«, rief Jan, mittlerweile vollkommen durchgeschwitzt. »Haben Sie auch diesen Schrei gehört?«

Statt einer Antwort sah ihn der Alte völlig verständnislos an, betrachtete seine zerknitterte Kleidung und starrte auf seine löchrigen Socken. Dann wollte er sich an Jan vorbeischieben.

»He, haben Sie mich nicht verstanden?«, fragte Jan ungeduldiger, als er eigentlich klingen wollte, und griff nach dem Arm des alten Mannes.

»Finger weg, sonst ruf ich die Polizei!«, schimpfte der und stapfte davon, ohne sich noch mal umzudrehen.

»Ich wollte nur wissen, ob Sie …?«, setzte Jan an.

Doch der Mann war schon um die Ecke im Treppenhaus verschwunden.

Jan fluchte leise. Was jetzt? Mehr Etagen gab es nicht. Sollte er erneut alle Flure abklappern?

Hatte er sich den Schrei vielleicht nur eingebildet? Ein Nachklang seines seltsamen Traums vielleicht? Er fuhr sich mit der Hand durch die schweißnassen Haare und blickte auf seine Socken. Jan seufzte. Er sah aus wie ein Idiot und benahm sich auch so.

Trotzdem, er war sich hundertprozentig sicher, dass er etwas gehört hatte. Etwas Furchtbares passierte hier im Haus, er wusste nur nicht, wo.

Ein Knirschen holte ihn aus den düsteren Gedanken zurück.

Der alte Fahrstuhl schob sich langsam nach oben. Jan ging zum Treppenhaus und blickte hinunter in den Schacht. Das Haus war Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut worden. Jugendstil, auch der Lift, dessen Wände aus teurem Holz und leicht verblichenen Glasornamenten bestanden. Sehr schön, fand Jan, auch wenn ihm das laute Quietschen der Mechanik auf die Nerven ging.

Konnte es sein, dass der Fahrstuhl die Ursache für das Kratzen war, das er vorhin gehört hatte?

Nein, das war ein komplett anderes Geräusch gewesen. Kein Knirschen. Sondern ein Scharren – Metall auf Stein.

Endlich hatte die Kabine den obersten Stock erreicht. Für einen Moment war alles still. Die Schiebetüren öffneten sich.

Der Fahrstuhl war leer!

Jan wollte einen Blick ins Innere riskieren. Aber in dem Moment schlossen sich die Türen. Und gingen wieder auf. Wie ein Maul, das nach einem schnappt, schoss es Jan durch den Kopf. Er merkte, wie sich die Härchen auf seinem Handrücken aufstellten.

Trotz der Aspirin, die er genommen hatte, spürte er einen unangenehmen Druck hinter der Stirn. Die Kopfschmerzen waren zurück. Oder hatte ihn die Aufregung sie vergessen lassen?

Wieder schlossen sich die Türen des alten Fahrstuhls. Metall kreischte über Metall, dann bewegte sich die Kabine nach unten. Hinab in den Schlund des Hauses, dachte Jan und entschloss sich, lieber die Treppe zu nehmen.

7

Schräg gegenüber dem Friedmann-Haus gab es einen kleinen Park, eigentlich nur eine Rasenfläche mit einem Spielplatz und ein paar Kastanien. Unter der größten stand im Schatten eine etwas windschiefe alte Bank, bei der schon die grüne Farbe abblätterte.

Hier saß Jan, genoss die Sonne und den klaren Morgen. Am Nachmittag sollte es wieder schwülwarm in Berlin werden, sogar ein Gewitter war angekündigt. Aber noch waren die Temperaturen angenehm.

Nach den düsteren Träumen der letzten Nacht und seinem ersten Gang durch das Haus hatte er an die frische Luft gemusst. Zufrieden beobachtete er das bunte Treiben auf der Straße. Eine Mutter mit einem leeren Kinderwagen, begleitet von ihrer kleinen Tochter, die unbedingt ihren eigenen Puppenwagen schieben wollte. Zwei Bauarbeiter, die sich zum Frühstück einen Kaffee und ein paar Brötchen in einem nahen Baucontainer holten. Ein junges Pärchen, Hand in Hand, die Augen jedoch nur auf ihre Handys gerichtet. Eine Tagesmutter, die sechs johlende Knirpse in einem Bollerwagen hinter sich herzog.

Eine Idylle. Nicht ganz so quirlig wie Kreuzberg, fand Jan. Trotzdem war Schöneberg einer der Berliner Stadtteile, in denen man auch gut leben konnte.

Er sah auf die andere Seite. Zum Friedmann-Haus, das sich etwa hundert Meter entfernt befand. Alle benachbarten Gebäude waren gepflegter Altbau. Doch dieser war eine besondere Perle. Die prächtige Fassade mit den Erkern, den kleinen Balkonen, den hohen Fenstern und zahllosen Verzierungen. Der Eingang mit den beiden Säulen. Die kunstvoll ausgearbeiteten Gesichter griechischer Götter unter dem Dach. Direkt am Giebel meinte Jan Poseidon zu erkennen.

Die griechischen Mythen fanden sich auch im Treppenhaus wieder. In jeder Etage gab es ein aufwendiges Mosaik auf dem Boden, direkt vor dem Fahrstuhl. Im Erdgeschoss war es Dionysos samt Gefolge, in der ersten Etage Aphrodite, die gerade ihrer Muschel entstieg. In der zweiten Ikarus vor der Sonne, in der dritten Atlas unter dem Himmelsgewölbe. Und im obersten Stock stieß Herkules einem Zyklopen einen Pfahl ins Auge, von allen Bildern das verstörendste.

Den Mosaiken war ihr Alter deutlich anzusehen. Bei vielen fehlten einzelne Steine, manchmal ganze Platten.

Trotzdem: ein schönes Haus. Und es wäre bestimmt noch eindrucksvoller gewesen, wenn der Eigentümer etwas mehr in die Instandhaltung und vor allem den Anstrich investiert hätte.

Was unterschied dieses Haus von den anderen in der Straße? Welches dunkle Geheimnis versteckte sich hinter der schönen Fassade? Jan blickte zu dem alten Gebäude. Und auf irritierende Weise hatte er den Eindruck, als würde es zu ihm zurückschauen.

Bewegte sich in einer der oberen Etagen eine Gardine? Nur der Wind? Oder wurde er beobachtet? Wer wohnte dort? Er dachte an das knirschende Pendel und den Schrei. Mit einem unguten Gefühl im Magen fragte er sich, ob gegenüber gerade ein Verbrechen geschah.

Vielleicht war es auch nicht fair, so schlecht von dem Haus zu denken. Auch hier gab es Kinderwagen im Erdgeschoss. Atomkraft? Nein, danke!-Aufkleber an den Wänden, übervolle Mülleimer und Turnschuhe vor den Türen. Hier wohnten ganz normale Leute.

Aber hier waren drei Menschen spurlos verschwunden.

Es war Zeit, dass Jan sich an die Arbeit machte.

Er nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und dachte über seinen Plan nach. Entgegen seiner forschen Ankündigung im Blog fühlte er sich nicht wohl bei dem Gedanken, von Tür zu Tür zu gehen und fremde Leute zu befragen. Jan war eher der ruhigere, ja schüchterne Typ. In seinem Germanistik- und Geschichtsstudium gehörten Recherche und sorgfältiges Nachfragen nicht zu seinen Stärken. Ein Grund dafür, dass er sich nur noch selten in der Uni in Dahlem blicken ließ.

Fürs City Magazine schrieb er Konzertkritiken. Abhängen in dunklen Klubs, ein paar Bierchen mit Kumpels an der Bar, dabei mit einem Ohr der Band auf der Bühne zuhören. Und am nächsten Tag eine Handvoll Zeilen darüber schreiben – das war seine Arbeit. Viel Geld verdiente er damit zwar nicht, aber es reichte für das Zimmer in der Kreuzberger WG und Klamotten.

Nun hatte er mit Steve, seinem Chef, abgemacht, ab und zu einen kurzen Bericht über seine Ermittlungen im Friedmann-Haus zu schreiben.

»Wenn du deine Sache gut machst, darfst du auch mal richtige Artikel für uns schreiben«, hatte Steve versprochen. Jan hatte sich sehr gefreut.

Aber natürlich hatte er Steve nicht verraten, dass es hier für ihn um etwas ganz anderes ging.

Er hatte eine Mission. Die Pflicht, die Wahrheit herauszufinden.

Und einen schlimmen Fehler wiedergutzumachen.

Jan gab sich einen Ruck. Er holte tief Luft, überprüfte noch einmal, ob er Handy und Kamera eingepackt hatte. Dann stand er auf und überquerte die Straße.

Zeit, dem Geheimnis des Friedmann-Hauses auf den Grund zu gehen.

8

In jedem Stockwerk gab es acht Wohnungen, vier auf jeder Seite des Treppenhauses. Bei den unmittelbaren Nachbarn im Erdgeschoss hatte er kein Glück. Niemand machte auf. Mehrmals meinte Jan, ein Rascheln hinter der Wohnungstür zu hören. Einmal bemerkte er ein Flackern hinter dem Spion. Trotzdem öffnete niemand.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs hörte er ein leises Schlurfen, dann ein Husten. Schließlich öffnete sich die Tür so weit, wie es eine kurze Kette zuließ. Jan erkannte den alten Mann in Jogginghose wieder, dem er schon einmal im Treppenhaus begegnet war. Jetzt trug er Bademantel und Hausschuhe und musterte ihn abschätzig. Vor allem Jans Armtattoo, ein schmales Band im Maori-Style, das er sich vor zwei Jahren von seinem Mitbewohner Sandro, einem erfahrenen Tattookünstler, hatte stechen lassen, schien seinem Nachbarn gar nicht zu gefallen. Hinter ihm kratzten Pfoten über den Boden. Ein greiser Schäferhund schob die Schnauze durch den Türspalt und glotzte ihn aus milchigen Augen an.

»Guten Tag, mein Name ist Jan Bertram. Wir haben uns schon mal gesehen, oder? Ich bin hier gestern eingezogen, da drüben in der Wohnung, wo früher …«

Der Mann zerrte seinen Hund am Halsband zurück und knallte Jan die Tür vor der Nase zu. Jan starrte auf das abgeschabte Holz. Mit der flachen Hand schlug er gegen den Türrahmen.

»He, bitte! Es ist wirklich wichtig. Es geht um …«

»Hau ab!«, unterbrach ihn eine heisere Stimme von der anderen Seite.

Der Hund bellte, es klang wie das Husten eines lungenkranken Kettenrauchers.

»Ich habe nur paar Fragen zu den drei Nachbarn, die hier im Haus verschwunden sind.«

»Lass mich in Ruhe, du Hippie! Sonst hetze ich den Hund auf dich!«

Hippie? So hatte Jan noch niemand genannt. Wenn die Sache nicht so ernst gewesen wäre, hätte er laut aufgelacht.

In diesem Moment klackte es, dasselbe Geräusch, das er gestern Abend während seiner Unterhaltung mit dem Pizzaboten gehört hatte. War er schon wieder belauscht worden?

»Hallo? Ist da wer?«, rief Jan und kam sich dabei ziemlich dämlich vor.

Langsam ging er zurück zu den anderen Türen, schaute, wo ein Lichtschein verriet, dass doch jemand zu Hause war. Unsicher drehte er sich im Kreis. Jan war sicher, dass er auch in diesem Augenblick von einem Unbekannten durch den Türspion beobachtet wurde.

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