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Das Flüstern der verlorenen Seelen

Über Peter Tremayne

Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat. In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen löst Schwester Fidelma, eine irische Nonne von königlichem Geblüt und gleichzeitig Anwältin bei Gericht, auf kluge und selbstbewußte Art die schwierigsten Fälle. Wegen des großen internationalen Erfolgs seiner Serie um Schwester Fidelma wurde Peter Tremayne 2002 zum Ehrenmitglied der Irish Literary Society auf Lebenszeit ernannt.

Bisher bei AtV erschienen: Die Tote im Klosterbrunnen (2000), Tod im Skriptorium (2001), Der Tote am Steinkreuz (2001), Tod in der Königsburg (2002), Tod auf dem Pilgerschiff (2002), Nur der Tod bringt Vergebung (2002), Ein Totenhemd für den Erzbischof (2003), Vor dem Tod sind alle gleich (2003), Das Kloster der toten Seelen (2004), Verneig dich vor dem Tod (2005), Tod bei Vollmond (2005), Tod im Tal der Heiden (2006), Der Tod soll auf euch kommen (2006), Tod vor der Morgenmesse (2007) und Ein Gebet für die Verdammten (2007).

Informationen zum Buch

Schwester Fidelma und Co ermitteln

Irland im 7. Jahrhundert: In einem Kloster wird ein Mönch ermordet. Die Täterin war ein junge Nonne, wie alle zu wissen glauben. Nur Schwester Fidelma ist fest von ihrer Unschuld überzeugt.Spannende Kriminalfälle mit Schwester Fidelma, Sherlock Holmes und vielen anderen berühmtem Detektiven vom Meister des keltischen Krimis.

»Eine Schatzkiste für alle Fans historischer Krimis.« BOOKLIST

Peter Tremayne

Das Flüstern der verlorenen Seelen

Kriminalgeschichten mit Schwester Fidelma u. a.

Aus dem Englischen von Andrea Voss und Irmhild und Otto Brandstädter

Vorwort

Inzwischen kennt mich die Öffentlichkeit als geistigen Vater von Schwester Fidelma, der irischen Nonne, die im siebenten Jahrhundert lebte und knifflige Fälle löste. Mein Name scheint untrennbar mit dem ihren verknüpft. Oft bekomme ich Zuschriften von Lesern, die ihrer Verwunderung darüber Ausdruck verleihen, dass es Kriminalgeschichten aus meiner Feder gibt, die in anderen Kulturkreisen und Epochen spielen.

Dabei muß ich an eine Begebenheit aus meiner Zeit als junger, aufstrebender Schriftsteller denken. Ich war zu einer Feier eingeladen, die der Verlag anläßlich der Veröffentlichung des neuesten Thrillers von Nicolas Blake veranstaltete. Nicolas Blake war das Pseudonym des britischen Poeta Laureatus jener Zeit, Cecil Day Lewis (1904 –1972). Ich besaß die Kühnheit, den berühmten Mann zu fragen, warum er sich eines Pseudonyms bediene. Gutgelaunt antwortete er: »Weil ein Dichter keine Kriminalromane schreibt, junger Mann.« Dann entschwand er in der weinseligen Menge und ließ mich nachdenklich zurück.

Tatsächlich dauerte es eine ganze Zeit, ehe ich den tieferen Sinn seiner rätselhaften Erwiderung erfasst hatte, nämlich den, dass ein Schriftsteller, wenn er sich erst einmal auf ein bestimmtes »Produkt« festgelegt hat, fortan die diesbezüglichen Erwartungen seiner Leserschaft erfüllen muß. Der bedauernswerte Arthur Conan Doyle fühlte sich gar dazu getrieben, seine Kunstfigur Sherlock Holmes sterben zu lassen, um die Leserschaft für seine historischen Romane zu gewinnen. Es hat nicht funktioniert. Der Ruhm als Verfasser derselben blieb aus, Holmes wurde ins Leben zurückgerufen.

Ich bin nicht bereit, so weit zu gehen, Schwester Fidelma sterben zu lassen, möchte aber dennoch betonen, dass ich sehr wohl Erzählungen verfaßt habe, in denen sie keine Rolle spielt. Nicht nur meinen eigenen Schöpfungen gilt mein Augenmerk, sondern auch den Detektiven, die andere Autoren ersannen. Ich denke, mein allererster Kriminalroman war eine Hommage an Ernst William Hornung (1866 –1921) und seinen Meisterdieb Raffles, dessen erste Abenteuer 1899 unter dem Titel »Raffles, der Amateur-Einbrecher« erschienen sind. Es folgten nur drei weitere Romane1 über Raffles und seinen widerstrebenden, unbeholfenen Komplizen Bunny Manders, doch diesen gebührt ein besonderer Platz in den Annalen des Kriminalromans. Daher beschloss ich, mit meinem Titel »The Return of Raffles« die Serie fortzusetzen.

In der vorliegenden Sammlung von Kurzgeschichten offenbart sich meine Begeisterung für historische Kulissen. Das Spektrum reicht vom Irland des siebenten Jahrhunderts über Schottland des elften Jahrhunderts bis ins einundzwanzigste Jahrhundert.

Zu Beginn dieser Sammlung darf natürlich ein Auftritt jener Ermittlerin nicht fehlen, die meine Leser zu ihrer Favoritin auserkoren haben – Schwester Fidelma, die irische Nonne, die sich als dálaigh, als Anwältin beim Brehon-Gericht, etablierte. Keine der drei Geschichten ist bislang in einer Sammlung erschienen, weder in »Hemlocks at Vespers« noch in »Whispers of the Dead«. Sie beleuchten verschiedene Stationen in Fidelmas Werdegang. »Die Freistatt« zeigt sie als Studentin in Brehon Moranns Hoher Schule für Recht und lässt sie einen relativ einfachen Fall lösen – oder etwa nicht? In »Das Flüstern der verlorenen Seelen« besucht Fidelma ihren alten Freund und Mentor Abt Laisran in der historischen Abtei Durrow. Laisran steht vor einem Rätsel. Ist einer seiner Schützlinge von einem bösartigen, rachsüchtigen Geist besessen? In »Übertritt Gott seine Gebote?« mag Fidelma ketzerische Gedanken hegen, doch trachtet sie ebenso nach Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

Der Titel der nächsten Erzählung, »Schwarze Nachtunhold'«, ist ein Zitat aus Shakespeares Tragödie »Macbeth«, und jener schottische Monarch spielt darin tatsächlich die Hauptrolle, allerdings nicht als der »echte« Großkönig, der zwischen 1040 und 1057 in Schottland regierte. Zu Shakespeares fiktiver Gestalt gibt es keinerlei Bezug. Die Handlung beginnt 1033, sieben Jahre, bevor MacBeth zum Großkönig gewählt wurde, aber nur ein Jahr, nachdem er zum Mòr-mhaor, zum Kleinkönig von Moray, aufgestiegen war. Der Mord an Malcom mac Bodhe, dem Bruder von MacBeths Gattin Gruoch, ist in alten Schriften dokumentiert. Wer war der Täter? In meiner Geschichte übernimmt MacBeth die Rolle des Ermittlers.

Auch wenn diese Erzählung auf einer wahren Begebenheit beruht, ändert das nichts an der Tatsache, dass ich William Shakespeare verehre und mit großem Interesse die Inszenierungen am Londoner Golbe-Theater ansehe. Dem Schauspieler und Regisseur Sam Wanamaker (1919 –1993) haben wir es hauptsächlich zu verdanken, dass ein originalgetreuer Nachbau des ursprünglichen Theaters am rechten Themseufer im Bezirk Bankside errichtet wurde. Nach einer Vorstellung im Globe-Theater verfiel ich bei einer Tasse Kaffee auf die Idee, einen Detektiv zu erfinden, der zu Shakespeares Zeiten Verbrechen aufklärt, die sich im Globe-Theater oder im näheren Umfeld ereignen: Konstabler Hardy Drew von der Bankside-Wache. Die erste Erzählung, »Schien's, eine Schlange sähst du«, ist inspiriert durch das Stück »Ende gut, alles gut.« Wann genau es verfasst wurde, steht nicht fest. Ich habe mich für 1601 entschieden, da in diesem Jahr Lord Essex, der einstige Günstling Elisabeth I., hingerichtet wurde.

Die nächste Geschichte trägt den Titel »Ein nahes Übel« und handelt von Vorfällen, die sich anlässlich der Uraufführung des Stücks »All is True«, das am 24. Juni 1613 unter dem Titel »König Heinrich VIII.« veröffentlicht wurde, ereigneten.

Die dritte Erzählung, die in dieser Zeit spielt, heißt »Das Wild ist auf!«, ein Zitat aus »König Heinrich V«.

Dem einen oder anderen Leser mag aufgefallen sein, dass der Name Hardy Drew ein Tribut an zwei Groschenheftserien des amerikanischen Verlags Stratemeyer Syndicate ist, die ich als Kind mit Begeisterung las und deren jugendliche Helden The Hardy Boys respektive Nancy Drew hießen. Die erste Serie wurde von einem gewissen Franklin W. Dixon verfasst und erschien erstmals 1927. Die zweite, geschrieben von Carolyn Keene, wurde 1929 ins Leben gerufen. Bei beiden Namen handelte es sich um Pseudonyme, hinter denen sich jeweils mehrere Autoren des Verlages verbargen. Heute, nach mehr als siebzig Jahren, wird die Serie noch immer gedruckt, verfilmt und gesendet.

Wir verlassen Shakespeares London und begeben uns ins anbrechende neunzehnte Jahrhundert, in die Zeit der Napoleonischen Kriege. »Rache auf hoher See« spielt während des Angriffs der Briten auf Kopenhagen im Jahre 1807, als die britische Flotte die Dänen vier Tage lang unter Beschuss nahm, obwohl sich beide Länder nicht im Krieg miteinander befanden. Hinter dem Angriff steckte der Plan, die Dänen zu zwingen, ihre gesamte Flotte an England auszuliefern und damit zu verhindern, dass sie Napoleon in die Hände fiel.

Seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich C. S. Foresters »Hornblower«-Romane mit Hingabe gelesen, was mich auf die Idee brachte, an Bord eines Kriegschiffes vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege einen Mordfall zu inszenieren.

Nun sind wir in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und beim unvergeßlichen Charles Dickens angelangt. In der Erzählung »Ein flüchtiger Schatten« spielt neben dem bedeutenden Autor auch Charles Collins, Dickens' Schwager und seines Zeichens ebenfalls Schriftsteller, als »Assistent« eine wichtige Rolle. Er war der Bruder von Wilkie Collins, dessen 1868 erschienenes Werk »Der Mondstein« als der erste Kriminalroman, wie wir ihn heute definieren, gilt. Bei allem Interesse an Dickens und seiner angeheirateten Verwandtschaft, war es letztendlich das Umfeld, das mich begeisterte. Die Geschichte spielt in »The Grapes«, einer Londoner Gastwirtschaft, deren Ursprünge bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückreichen. Sie befindet sich in der Narrow Street unweit der Wapping Steps, unmittelbar am Ufer der Themse. Dickens hielt sich häufig dort auf; ganz in der Nähe hatte einst sein Patenonkel mit Schiffsausrüstungen gehandelt. In jener Schänke war Dickens als kleiner Junge von seinem Vater auf einen Tisch gestellt worden, um den versammelten Gästen Lieder vorzutragen. In Dickens' Roman »Dombey & Sohn« (1848) wird die Gaststätte beschrieben, und auch in »Unser gemeinsamer Freund« (1864) spielt sie eine zentrale Rolle. »The Grapes« existiert heute noch. Ich bin oft dort gewesen und habe mir ausgemalt, wie Charles Dickens im engen Schankraum saß. Anläßlich einer Geburtstagsfeier für meine Frau Dorothy habe ich einmal den kleinen Saal im ersten Stock mit Blick auf das dunkle Wasser der Themse gemietet. Wie könnte ein Schriftsteller der Versuchung widerstehen, eine Kriminalgeschichte, die im viktorianischen London spielt, vor einer derartigen Kulisse zu inszenieren?

Ich bezweifle, dass es auf dieser Welt einen Kriminalschriftsteller gibt, der nicht schon damit geliebäugelt hat, eine Sherlock-Holmes-Erzählung zu schreiben – oder es schon längst getan hat. Der vorliegende Band enthält fünf Erzählungen, in denen der Meisterdetektiv die Hauptrolle spielt. In jeder von ihnen nehme ich Bezug auf Holmes' anglo-irische Abstammung. Sein Erfinder Sir Arthur Conan Doyle war der Enkel von John Doyle (1797 bis 1868), der mit Mitte zwanzig seine Heimatstadt Dublin verließ, weil die diskriminierenden Gesetze ihn als Katholiken daran hinderten, als Porträtzeichner seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In London wurde er als Karikaturist berühmt.

Einer seiner Söhne zog nach Schottland und heiratete dort eine Irin, Mary Foley. Ihr gemeinsamer Sohn, Arthur Conan Doyle, wurde in Edinburgh geboren.

Die Sherlock-Holmes-Erzählungen sind gespickt mit irischen Namen. Man denke nur an seine Erzfeinde Moriarty und Moran. Conan Doyle war sich seiner irischen Herkunft nur allzu bewußt. Was Sherlock Holmes' akademische Bildung betrifft, so habe ich ihn auf den Spuren des Schriftstellers Oscar Wilde wandeln und wie diesen (der übrigens auch Ire war), erst am Trinity College in Dublin und anschließend, aufgrund eines Stipendiums, in Oxford studieren lassen. »Der Zwischenfall im Kildare Street Club«, der in Dublin spielt, ist nach meiner Zeitrechnung Holmes' erster Fall. Oft sind die Handlungen inspiriert durch beiläufige Hinweise in Conan Doyles Werken. »Das Phantom von Tullyfane Abbey« entstand beispielsweise anhand jener Zeile in »Das Rätsel der Thor-Brücke«, in der ein gewisser James Phillimore erwähnt wird, der in sein Haus zurückkehrte, um seinen Schirm zu holen, und fortan nie wieder gesehen wurde. Und in der »Sirene von Sennen Cove« erfährt der Leser, was Sherlock Holmes beschäftigte, als er sich aufs Land zurückzog, um an seiner Monografie über »Chaldäische Ursprünge im kornischen Zweig der keltischen Sprachfamilie« zu schreiben, auf die in Doyles Erzählung »Der Teufelsfuß« Bezug genommen wird. Diese Episoden sind meine »Verneigung« vor einem der größten Kriminalschriftsteller aller Zeiten.

Bereits als Kind faszinierten mich Geschichten, die in Britisch-Indien spielten. Mehr noch als Rudyard Kipling interessierte mich Talbot Mundy (1879–1940), dessen Abenteuerromane sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten. Schon allein Mundys Biografie liest sich wie ein Abenteuerroman: Als Sprößling einer angesehenen britischen Offiziersfamilie besuchte er die berühmte Rugby School, die er aber wegen schlechten Betragens vorzeitig verlassen mußte. Es folgten Reisen rund um die Welt, unter anderem nach Indien und Afrika, wo er wegen Straßenraubs und Wilderei mehrere Haftstrafen verbüßte, ehe er sich 1909 unter dem falschen Namen Mundy nach New York einschiffte, wo er 1911 begann, in Zeitschriften zu veröffentlichen und 1917 amerikanischer Staatsbürger wurde. Mehrere seiner Romane wurden verfilmt; der bekannteste ist »King of the Khyber Rifles« (1916), der erstmalig 1929 von John Ford verfilmt wurde, mit Victor McLaglen in der Hauptrolle, und erneut im Jahre 1954 unter der Regie von Henry King mit Tyrone Power als Hauptdarsteller.

Irgendwann in den siebziger Jahren wurde ich von meinem alten Freund, dem amerikanischen Verleger Donald M. Grant, gefragt, was ich über Mundys frühe Jahre wisse. Damals war nur wenig über ihn bekannt, da er unter einem anderen Namen geboren war. Don beauftragte mich 1976, das Rätsel zu lösen und eine Biografie über Talbot Mundy zu verfassen. Ich ging mit Optimismus an die Sache heran, die sich dann jedoch als so schwierig erwies, dass ich erst nach langjährigen, akribischen Recherchen mit dem Ergebnis aufwarten konnte und Don bis 1984 warten musste, um den Titel »The Last Adventurer: The Life of Talbot Mundy« zu veröffentlichen.

Abschließend komme ich zu jener Erzählung, die Ende des zwanzigsten oder sogar Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts spielt. Als mich mein Lektor Mike Ashley bat, eine »Locked Room Mystery« (eine Kriminalgeschichte, die in einem abgeschlossenen Raum spielt) zu verfassen, die sich von den gängigen unterschied, setzte ich alles daran, das Genre zu perfektionieren, indem ich eine Geschichte ersann über einen Mord in der von innen verriegelten Toilettenkabine eines Flugzeugs, das sich in neuntausendsiebenhundert Metern Höhe befindet. Wie Mike bemerkte, als ich ihm die Geschichte zu lesen gab: »Unmöglicher geht es wohl kaum!«

Das also sind meine neuesten Kriminalgeschichten, die ich meinen geneigten Lesern anempfehle. Die meisten unterscheiden sich ein wenig von den Schwester-Fidelma-Geschichten, die der Mehrzahl von ihnen bereits vertraut sind, aber ich hoffe, die vorliegende Lektüre erweist sich als ebenso vergnüglich.

Peter Tremayne

Die Freistatt

»Fidelma! Hast du einen Moment Zeit?«

Es war die Stimme des ard-ollamh, des Rektors, die Fidelma hinter sich vernahm, als sie den Hof der Hohen Schule für Recht überquerte. Sie drehte sich um, blieb stehen und sah Brehon Morann mit einem verunsicherten Lächeln entgegen. Sechs Jahre lang hatte sie an der berühmten Schule für Rechtswesen studiert und mit ihrer jüngst abgelegten Prüfung den Grad einer clí erworben. Mit dem durfte sie schon jetzt an den meisten Gerichten im Lande wirken, wenngleich mit gewissen Einschränkungen. Nun strebte sie danach, eine voll befugte Anwältin zu werden, die auf allen Gebieten der Rechtsprechung tätig werden konnte, in der Verteidigung wie der strafrechtlichen Verfolgung, und das bedeutete ein Studium von mindestens zwei weiteren Jahren.

Trotz der bereits erworbenen Qualifikationen hatte sie immer noch eine heilige Ehrfurcht vor der herausragenden Persönlichkeit des Vorstehers der Lehranstalt.

»Wenn ich vom Ollamh Neit richtig unterrichtet bin, hast du dich bei ihm eingehend mit den Vorschriften über das Asylrecht befaßt«, war das erste, was Brehon Morann sagte, als er sie erreichte.

»Das stimmt«, erwiderte sie argwöhnisch.

»Großartig. Dann begleitest du mich sicher gern in mein Zimmer, wo mir ein Besucher ein paar Fragen stellen möchte. Offensichtlich braucht er unseren Rat just zu diesem Thema.«

»Zu Fragen des Asylrechts will er dich konsultieren?« fragte Fidelma und bemerkte erst im Nachhinein, dass sich ihre Äußerung erübrigte. Brehon Morann war kein Freund von Wiederholungen, und so fühlte er sich auch nicht bemüßigt, ihr zu antworten. Sie neigte leicht den Kopf. Vom Rektor auserwählt und zu sich gebeten zu werden war eine Ehre. »Es freut mich, dich begleiten zu dürfen«, fügte sie rasch hinzu.

In Brehon Moranns Zimmer wartete ein hochgewachsener Mann von angenehmen Äußerem mit sandfarbenem Haar; Kleidung und sonstige Ausstaffierung ließen auf eine Person von Rang und Namen schließen.

»Adnaí, mein Verwalter, hat mich wissen lassen, dass du Faichen Glas, ein aire-deise der Uí Echach Cobo bist«, begrüßte ihn Brehon Morann.

Aus den an den Gast gerichteten Worten entnahm Fidelma, dass es sich um einen nicht gerade unbemittelten Adligen handelte und dass er zu einem Stamm im nördlichen Königreich von Ulaidh gehörte.

Der Rektor stellte Fidelma vor und bat sie und den Gast, sich zu setzen.

»Was führt dich zu uns, Faichen Glas?«, fragte er.

»Ich ersuche dich um deinen Rat, Brehon Morann. Seit einer Woche bin ich einem Mörder hinterher, einem Mann, der meinen Vetter umgebracht hat. Ich habe geschworen, ihn aufzuspüren und ihn vor unser Stammesgericht zur Aburteilung zu bringen. Bisher konnte ich seiner nicht habhaft werden. Zwar weiß ich jetzt, wo er steckt, keinen Tagesritt entfernt von hier. Doch habe ich mich belehren lassen müssen, dass er Zuflucht in einer Kapelle gefunden hat, und der Priester dort erklärt, er genieße den Schutz der Freistätte. Ich hätte gern von dir gewußt, was mir zu tun bleibt.«

Seufzend lehnte sich Brehon Morann zurück.

»Die Gesetze des Fénechus, unseres Regelwerks, beinhalten strikte Festlegungen, wie bei Gewährung von Zuflucht zu verfahren ist; und die wurden getroffen, lange bevor mit dem Neuen Glauben die Auffassung der Freistatt dazukam.« Er machte eine Pause. »Vielleicht schilderst du uns deine Geschichte erst etwas genauer, und wir kommen dann auf die rechtlichen Grundlagen zurück. Wer genau ist der Mörder, den du suchst?«

Der Mann verzog verächtlich das Gesicht.

»Ulam Fionn heißt er, ist Viehtreiber ohne ihm zugewiesenen Landbesitz. Er steht seit langem im Verdacht, von den Bauern meines Stammes Kühe zu stehlen. Erwischt hat man ihn nie, nur beobachtet, dass er auf den Märkten gute Geschäfte macht. Doch woher er das Vieh hatte, das er dort verkaufte, konnte ihm niemand nachweisen. Vor neun Tagen nun wurden mein Vetter Nessán und seine Frau in der ersten Morgendämmerung von dem Muhen ihrer Kühe geweckt. Mein Vetter ging hinaus um nachzusehen, was die Tiere beunruhigte und erwischte den Dieb auf frischer Tat. Der aber fiel über ihn her, erschlug ihn und machte sich davon.«

Fidelma hüstelte, und Brehon Morann schaute sie an.

»Du hast eine Frage?«

»Woher will man wissen, dass der Mann Ulam Fionn war, wenn dein Vetter erschlagen wurde, und der Täter floh?«

»Das lässt sich leicht beantworten. Die Frau meines Vetters war Zeugin der unheilvollen Tat.«

»Ist sie die einzige Zeugin?«

»Außer ihrem Mann hat nur sie Ulam Fionn gesehen.«

»Und wie kommt es, dass ihr nichts geschehen ist?«

Mit der Frage wußte Faichen Glas nichts anzufangen und zog die Stirn in Falten.

Brehon Morann half ihm, Fidelmas Gedankengang nachzuvollziehen. »Wenn sie die einzige Zeugin war, wäre es nicht verwunderlich, wenn dieser Ulam Fionn sie gleichfalls mundtot gemacht hätte – Grabesschweigen wäre für ihn das sicherste gewesen.«

»Ihren Worten nach hat der Mörder sie nicht gesehen. Sie war im Haus und hat die Tat vom Fenster aus verfolgt, war aber so entsetzt und in Angst und Schrecken, dass sie sich nicht heraustraute, bevor der Mann verschwand.«

»An der Identifikation des Mannes besteht kein Zweifel? Sie hat ihn eindeutig als Ulam Fionn erkannt?«

»Ja, daran gibt es nichts zu rütteln«, versicherte Faichen Glas. »Und seine Flucht spricht für seine Schuld. Neun Tage lang verfolge ich ihn nun schon, um ihn meinem Oberrichter vorzuführen.«

Brehon Morann überlegte.

»Du sagst, er hätte Zuflucht in einer Kapelle gesucht? Wie hast du ihn ausfindig gemacht?«

»Wir wussten, dass er einen Vetter namens Ulpach hat, und der wohnt in der Gegend dort. Ich kenne den Mann nicht, aber es hieß, dass von der moralischen Haltung her einer genauso schlimm wie der andere sei. Daraus schlussfolgerte ich, dass Ulam Fionn vielleicht Zuflucht bei diesem Ulpach gesucht hätte, aber am Ende habe ich weder den einen noch den anderen gefunden. Einem Schäfer, dem ich begegnete, wollte ein Gerücht zu Ohren gekommen sein, wonach jemand bei einem frommen Bruder in der Kapelle des heiligen Benignus um Schutz gebeten hätte.«

»Das ist ungefähr ein Halbtagesritt von hier«, meinte Brehon Morann. »Der fromme Bruder, der die Kapelle verwaltet, ist mir unbekannt. Er muss ziemlich neu dort sein.«

Faichen Glas nickte.

»Ich bin dort hingeritten. Bruder Mongan, wie er heißt, bestätigte mir, dass er Ulam Fionn Freistatt gewährt hätte. Und nun bin ich hier, verehrter Brehon, und brauche deinen weisen Rat, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, die es mir erlaubt, den Mörder aus dem Schutzort zu holen und ihn in Ulaidh vor Gericht zu stellen.«

Brehon Morann schwieg einen Moment, ehe er sich mit einem auffordernden Lächeln an Fidelma wandte.

»Meine junge Kollegin hier wird dir die üblichen Gepflogenheiten, wie sie für eine Freistatt gelten, darlegen.«

Fidelma errötete; als Kollegin des hochangesehenen Rektors bezeichnet zu werden, war schmeichelhaft. Etwas zögernd begann sie: »Unsere Gesetzgebung sieht für Flüchtlinge, die Zuflucht suchen, eine Freistatt vor. Die Regeln des Neuen Glaubens kommen diesbezüglich unseren Vorstellungen ziemlich nahe. Gelehrte, die durch fremde Lande gezogen sind, haben festgestellt, dass fast überall nach den gleichen Vorstellungen verfahren wird.«

Faichen Glas wurde sichtlich ungeduldig ob der langen Einleitung, doch Brehon Morann bedeutete ihm stirnerunzelnd, Fidelma nicht zu unterbrechen.

»Unser Gesetz sieht einen Bezirk vor, den wir maigen nennen, einen Bereich um die Wohnstatt eines beliebigen Stammesfürsten herum, in dem ein Flüchtling um Asyl ersuchen kann. Die Ausmaße des Bereichs richten sich danach, ob es sich um den Hof eines Sippenältesten handelt, dann gilt ein Umkreis von einem Speerwurf, oder um den Sitz des Stammesfürsten eines ganzen Clans, dann wird ein Bereich von vierundsechzig Speerwürfen vom Haupthaus als maigen angesehen. Dort ist ein Flüchtender vor einem jeglichen, der ihm etwas antun will, geschützt.

Der Neue Glaube nun hat es mit sich gebracht, dass Abteien, Kirchen und Klöster den gleichen Regeln folgen, wie sie bei uns im maigen des Stammesfürsten gelten. Die Freistätte des Flüchtlings ist auf einen Bereich beschränkt, den sie Termonn-Land nennen.« Sie wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Lehrer und erläuterte: »Das Wort ist aus dem Lateinischen entlehnt, von terminus abgeleitet, was in etwa Begrenzung beziehungsweise Ausmaß der Kirchenländereien heißt. Sollte es vorkommen, dass jemand in diesen Gebieten einen Flüchtenden tötet oder auch nur verletzt, wird das als Straftat geahndet; er hat das Schutzrecht, díguin, mißachtet. Die Formen, wie er zur Rechenschaft gezogen wird, sind ausdrücklich festgelegt. In den ausgewiesenen Gebieten darf ein Flüchtling weder gefangengenommen werden noch sonst irgendwie Schaden nehmen …«

»Es sei denn …«, half Brehon Morann ein, als sie zögerte.

»… dass drei Bedingungen erfüllt sind«, fuhr sie fort. »Der Hausherr des maigen, ob weltlich oder geistlich, muss dem Schutzsuchenden die ausdrückliche Erlaubnis erteilt haben, nachdem ihm der einen wahrheitsgetreuen Bericht über den Verlauf der Dinge gegeben hat. Damit ist der Schirmherr des maigen laut Gesetz befugt, für den Flüchtling zu handeln. Die zweite Bedingung ist die, dass der Schirmherr jedweden Verfolger eindeutig darüber informieren muss, dass das betreffende Gebiet eine Freistatt ist. Und die dritte Bedingung besagt, dass der Flüchtling, solange er von dem Asylrecht Gebrauch macht, die Freistatt nicht nutzen darf, um von dort aus Sträfliches zu tun, sich zum Beispiel fortstehlen, Leute überfallen und dann erneut um Schutz ersuchen wollen.«

Brehon Morann begleitete Fidelmas Erklärungen mit Kopfnicken und wandte sich Faichen Glas zu.

»Ich darf doch davon ausgehen, dass in der von dir vorgebrachten Angelegenheit die genannten drei Bedingungen erfüllt sind?«

Der Adlige aus dem Norden schaute bekümmert drein. »Mit eurer Gesetzgebung bin ich nicht vertraut. Soviel aber steht fest, als ich mich der Kirche näherte, kam Bruder Mongan heraus und verwehrte mir ein Nähertreten und seine Gastfreundschaft mit der Begründung, dass es sich um eine Freistatt handelte … oder wie ihr es nanntet … ein maigen dígona. Deshalb bin ich ja hergekommen, um mir Rat zu holen.«

Fidelma beugte sich zu Brehon Morann. »Natürlich darf nicht allen Straftätern, zum Beispiel Mördern, für immer und ewig Asyl gewährt werden, dazu hat selbst ein Geistlicher kein Recht.«

Brehon Morann wiegte nachdenklich das Haupt. »Was meine junge Kollegin sagt, stimmt. Aber der snádud, der rechtliche Schutz, darf so lange gewährt werden, bis die Frage von Schuld oder Unschuld geklärt ist.«

Ratlos sah Faichen Glas von einem zum anderen.

»Was bleibt mir dann aber zu tun übrig? Wie soll seine Schuld bewiesen werden, wenn ich ihn nicht vor Gericht bringen kann? Ulam Fionn hält sich in der Kirche verborgen, und ich bin machtlos. Am besten, ich nehme meine Männer und hole ihn mit Gewalt dort heraus.«

»Wenn du das tust, bist du derjenige, der vor Gericht gestellt wird«, warnte ihn Fidelma. »Der Flüchtling, egal welchen Verbrechens er bezichtigt wird, steht unter dem Schutz des Gesetzes.«

»Wir müssen uns an das Gesetz halten, Faichen Glas«, bekräftigte Brehon Morann entschieden.

Er schwieg eine Weile und erhob sich dann freundlich lächelnd.

»Du sollst die Gastfreundschaft unserer Hohen Schule erfahren, Faichen Glas. Wir werden uns der Sache annehmen, und du bleibst mit deinen Männern derweil bei uns.« Er griff nach einer Glocke auf dem Nebentisch und läutete.

Unmittelbar darauf trat Adnaí, der alte Verwalter der Schule ein, als hätte er draußen vor der Tür nur darauf gewartet, gerufen zu werden.

Brehon Morann wies ihn an, sich um die Gäste vom Stamme der Uí Echach Cobo zu kümmern, sie mit Essen zu versorgen und ihnen Schlafstätten zuzuweisen.

Als Faichen Glas und der alte Verwalter gegangen waren, stand Fidelma etwas unschlüssig herum und war sich nicht recht sicher, ob sie nicht auch gehen sollte. Aber Brehon Morann bedeutete ihr, sich wieder zu setzen.

»Der vorliegende Fall stellt sich relativ einfach dar«, meinte er nachdenklich. »Vorausgesetzt, die Freistatt wurde nach Recht und Gesetz gewährt, dann wird unser Freund Faichen Glas in sein Land der Uí Echach Cobo zurückkehren müssen. Er muss mit seiner Zeugin und seinem eigenen Brehon vor dem Abt erscheinen, zu dessen Sprengel die Kirche St. Benignus gehört. Der Zufall will es, dass ich Abt Sionna kenne, er ist ein Mann ohne Fehl und Tadel. Vermag Faichen Glas überzeugend darzustellen, warum der genossene Schutz zurückgezogen werden sollte, kann der Abt dafür Sorge tragen, dass Ulam Fionn vor Gericht gestellt wird.«

Fidelma wartete höflich. Das Gesagte war ihr nichts Neues; sie wusste das alles von ihrem jüngsten Seminar zum Asylrecht.

»Bevor ich aber Faichen Glas sagen kann, dass er so und nicht anders vorgehen soll, müssen wir uns vergewissern, ob die Freistatt mit Fug und Recht gewährt worden ist. Ich habe zwar keinen Grund, das anzuzweifeln, aber wir wissen nur allzu gut, dass wir uns in Fragen des Rechts nie von bloßen Annahmen leiten lassen dürfen. Reine Vermutung, ohne die Richtigkeit einer Sachlage überprüft zu haben, kann zu erheblichen Fehlurteilen führen.«

»Ich weiß«, stimmte ihm Fidelma zu, verstand jedoch nicht, weshalb er Selbstverständlichkeiten wiederholte, die ihr sattsam bekannt waren.

»Ich sehe es als ein gutes Lehrstück für dich, wenn du dich auf den Weg zu dieser Kirche St. Benignus machst und mit Bruder Mongan sprichst, um sicherzugehen, dass alles rechtmäßig erfolgt ist«, redete Brehon Morann weiter.

»Ich?«, entfuhr es Fidelma.

»Es ist nur ein Halbtagesritt bis dort, bedeutet also einen weiteren halben Tag zurück. Du wirst in einer Herberge übernachten müssen. Aus dem Kollegium kann ich niemanden entbehren. Du aber hast die Qualifikation für eine solche Aufgabe, und eine kurze Unterbrechung deiner Studien fällt nicht weiter ins Gewicht. Genau genommen gehört eine solche Aufgabe zu deinem Studium, denn mit Fragen des Schutzrechts wirst du später öfter zu tun haben, wenn du selbst Recht sprichst.«

»Ja, natürlich«, erwiderte Fidelma nervös und gab mit zaghafter Stimme zu bedenken: »Ich weiß aber nicht, wo die Kirche des heiligen Benignus steht.«

»Ich sage dir, wie du zu Sionnas Abtei kommst, und er wird dir das letzte Wegstück erklären. Du kannst eins unserer Pferde nehmen. Nach deiner Rückkehr, wenn du dich vergewissert hast, dass alles im Einklang mit den Gesetzesvorschriften geschehen ist, können wir Faichen Glas genau sagen, wie er weiter vorzugehen hat.« Brehon Morann sah aus dem Fenster auf den dunkel werdenden Himmel. »Um noch heute aufzubrechen, ist es zu spät. Reite morgen früh bei Tagesanbruch los.« Er beobachtete, wie sich Fidelma langsam erhob und sich nur widerstrebend in ihr Schicksal ergab, und fügte mahnend hinzu: »Die Rechtsprechung besteht nicht nur aus dem Reiz von Problemstellungen und mysteriösen Vorgängen. Der Weg zu ihrer Lösung ist oft sehr langwierig und ermüdend, einfache Tatbestände müssen überprüft werden, und das nicht nur einmal, und auch lästige Reisen gehören dazu.«

Fidelma bekam ein schlechtes Gewissen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Brehon Morann, wenn ich den Eindruck erwecke, dass ich die Aufgabe nicht mit dem nötigen Eifer angehe. Selbstverständlich werde ich sie nach bestem Wissen und Gewissen erledigen.«

Um die Mittagszeit des folgenden Tages saß Fidelma vor Abt Sionna, einem pausbäckigen, schon ein wenig älteren Mann. Sein silbergraues Haar und die großen blauen Augen gaben ihm etwas Engelhaftes.

»Die Kapelle St. Benignus?«, überlegte er laut, nachdem sie ihm ihr Anliegen vorgetragen hatte. »Die ist nicht weit von hier, auch ist es noch gar nicht so lange her, dass Bruder Mongan dorthin entsandt wurde. Er wird sich als hilfreich erweisen, ist ein besonnener Mann, ein guter Gelehrter. Er kam als Sohn eines armen Bauern in unsere Abtei und hat sich durch Fleiß ein großes Wissen angeeignet. Eine Weile hat er in unserer Bibliothek gearbeitet, wo er die meisten Texte von Paulus aus der Heiligen Schrift kopierte. Ich habe ihn nur ungern ziehen lassen, aber er wollte sich in der Leitung einer kleinen Kapelle bewähren. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Er hat gewiss alle Vorschriften befolgt, die bei der Gewährung einer Freistatt zu bedenken sind.«

»Von dem Fall als solchem hat er dich aber nicht informiert?«, fragte Fidelma, die bei seiner Formulierung des Satzes als Mutmaßung stutzte.

Er schüttelte den Kopf.

»Bruder Mongan wird wahrscheinlich warten müssen, bis er jemanden findet, der eine Botschaft überbringen kann. Man braucht etwa zwei Stunden im scharfen Ritt von hier, dazu auf abgelegenen Pfaden. Und da er dort allein ist, kann er nicht einfach fort und den Flüchtling schutzlos sich selbst überlassen. Doch nun lege ich die Angelegenheit getrost in deine Hände; du wirst mich auf dem Rückweg über den Stand der Dinge dort in Kenntnis setzen.«

Wenige Stunden später erspähte Fidelma ein längliches Gebäude – die Kapelle St. Benignus. Alle fünf Königreiche von Éireann verfügten über riesige Waldgebiete, so nahm es nicht wunder, dass die meisten kleinen Kirchen aus Holz gebaut waren. Im Westen des Landes, zum Beispiel in Muman, wo Fidelma herstammte, gab es allerdings auch Klöster und Kapellen aus dem herkömmlichen Stein. Hier in Midhe, dem mittleren der fünf Königreiche, war eine Kirche aus Kalkstein, ehern wie eine Festung, etwas höchst Ungewöhnliches. So aber bot sich ihr St. Benignus dar, ein trutziger Bau von etwa zwanzig Fuß Breite und achtzig Fuß Länge. Das Dach ging nach oben spitz zu, und die Pfosten der Haupttür – der einzigen Tür, soweit sie sehen konnte – waren nach innen geneigt, so dass sich auch der Eingang nach oben verjüngte.

Eiben und Eschen umstanden die Kirche. Eine solche Anpflanzung bezeichnete man oft als fidnemed oder heiligen Hain; sie ergab die natürliche Abgrenzung der Freistatt, den nemed oder termonn.

Langsam, aber zielbewußt, ritt sie näher heran, doch noch ehe sie das Sanktuarium erreichte, wurde von innen die Tür aufgerissen, und eine schmächtige Person in schlecht sitzendem Mönchsgewand trat heraus.

»Halt, Fremder!« herrschte sie eine barsche Stimme an. »Du näherst dich einem Schutzort, und solltest du dem Flüchtling, der hier Zuflucht gesucht hat, etwas anhaben wollen, ist dir der Zutritt verwehrt.«

Insgeheim war Fidelma über die unfreundliche Begrüßung erfreut, zeigte sie doch, dass der fromme Bruder sich an die Gesetzesvorschrift hielt, jeden, der sich der Kirche näherte, über die Freistätte zu informieren. Sie brachte ihr Pferd zum Stehen, saß aber nicht ab und betrachtete den Mann etwas genauer.

Er wirkte verhältnismäßig jung, hatte blonde Haare und blassblaue Augen. Trotz seines schmächtigen Körperbaus war er eine angenehme Erscheinung. Langsam kam er ihr an das Tor des fidnemed entgegen.

»Was führt dich her, Tochter?«, fragte er in einem etwas zugänglicheren Ton.

Fidelma war amüsiert und unterdrückte ein Lächeln. Tochter! Der junge Mönch war kaum älter als sie. Doch der Neue Glaube brachte eine Reihe neuer Wendungen und andere Wortdeutungen mit sich. Priester des Neuen Glaubens hießen jetzt athair oder Vater, so, wie es in Rom üblich war. Manche bevorzugten sogar den Begriff rúinid, was soviel wie Vertrauter oder Ratgeber bedeutete.

»Bist du Bruder Mongan?«, fragte sie.

Der junge Mann krauste die Stirn.

»Das hier ist meine Kapelle«, betonte er.

»Ich heiße Fidelma. Ich bin …«, sie zögerte etwas, »ich bin eine Rechtsanwältin von der Hohen Schule des Brehon Morann, sie liegt nicht weit von hier.«

»Ich habe von ihr gehört«, erwiderte er düster. »Was führt dich her?«

»Ich dachte, das ist klar.« Fidelma verfiel automatisch in einen strengen Ton. »Man hat mich hergeschickt, um festzustellen, ob die Zuflucht, die du dem Flüchtling in deiner Kapelle gewährst, im Einklang mit dem Gesetz steht.«

»Gäbe es irgendwelche Zweifel, hätte ich die Entscheidung nicht getroffen«, erwiderte er in nicht weniger scharfem Tonfall.

»Die Gesetzgebung sieht vor, dass ein solcher Fall überprüft wird«, gab Fidelma zurück und war bemüht, sachlich zu bleiben. Sie wollte Bruder Mongan nicht unnötig verärgern und mußte ihre Ungeduld zügeln.

»Ich kann nur bestätigen, dass alles rechtens ist«, gab der Mönch zur Antwort.

»Das freut mich zu hören.« Sie schwang sich vom Pferd und stand ihm jetzt gegenüber. »Trotzdem müssen wir noch ein paar Formalitäten durchgehen.«

Einen glücklichen Eindruck machte Bruder Mongan ob dieser Feststellung nicht.

»Formalitäten?«

»Ja, natürlich«, erwiderte sie, band ihr Ross an ein Gebüsch und schaute sich um. Unter den Bäumen nahe der Kapelle grasten zwei andere Pferde. »Eins von denen gehört wohl dem Flüchtling?«

Bruder Mongan folgte ihrem Blick und nickte. »Was meinst du mit Formalitäten?«, drängte er.

»Dem Gewähren einer Freistatt liegen feste Regeln zugrunde. Hat der Schutzsuchende, als er zu dir kam, zureichende Auskunft über seine Person gegeben?«

»Er sagte, er wäre Ulam Fionn aus dem Gebiet der Uí Echach Cobo, und weiterhin, dass er um Schutz ersuche, weil man ihn verfolge und ihm Unheil drohe.«

»Unheil in welcher Form?«

»Er erklärte, man wolle ihm ans Leben. Man würde ihn fälschlicherweise des Mordes beschuldigen. Er gab zu, dass er den Tod einer Person verursacht hätte, aber es sei aus Notwehr geschehen. Man hätte ihn angegriffen, und er hätte sich verteidigen müssen. Die, die hinter ihm her wären, seien keinem Argument zugänglich und wollten mit ihm abrechnen.«

Nachdenklich ruhte Fidelmas Blick auf Bruder Mongan. Seine Variante der Geschichte klang anders als die von Faichen Glas.

»Du hast Ulam Fionn also Schutz geboten und damit auf dich genommen, dass du vor dem Gesetz berechtigt bist, für ihn zu handeln.«

Bruder Mongan äußerte sich dazu nicht weiter, nickte aber.

»Du würdest auch dafür bürgen und einstehen, dass Ulam Fionn während seines Aufenthaltes in der Freistatt hier keinerlei Unrecht begeht? Dass er den Schutzort nicht dazu nutzt, fortzureiten und irgend jemandem Schaden zuzufügen?«

»Selbstverständlich.«

»Und so, wie du mich von vornherein darauf hingewiesen hast, dass die Kapelle ein Sanktuarium ist, erfahren das auch alle anderen, die hierherkommen, aus deinem Munde, und du gibst ihnen zu verstehen, dass sie sich an das Gesetz zu halten haben und den Schutzort nicht betreten dürfen?«

Etwas unwirsch bestätigte Bruder Mongan auch das mit einem »Ja«.

So weit, so gut. Fidelma nahm ihm das Gesagte ab.

»Dann brauche ich nur noch diesen Ulam Fionn zu sehen und mit ihm ein paar Worte zu wechseln.«

Sehr erbaut schien Bruder Mongan von ihrem Anliegen nicht und wollte schon abwehren, meinte dann aber achselzuckend: »Warte hier. Er ist arg beunruhigt. Am besten, ich gehe und spreche erst mit ihm.«

Er machte kehrt und ging zurück in die Kirche. Fidelma trat zu ihrem Pferd und tätschelte es zunächst gedankenverloren. Dann aber schaute sie sinnend zu den beiden anderen grasenden Tieren.

Von der Tür zur Kapelle her vernahm sie Bruder Mongans Stimme: »Du kannst jetzt kommen, meine Tochter.«

Sie folgte seinem Ruf, näherte sich der Kapelle, betrat die Eingangshalle und brauchte ein paar Augenblicke, um sich an die Dunkelheit im Innern zu gewöhnen. Es gab zwar ein paar hohe Fenster, auch brannten Kerzen, aber der Raum war trotzdem düster. Das Flackern der Kerzen erzeugte unruhig tanzende Schatten.

»Du wünschst mich zu sehen?«

Ulam Fionn war ein kleiner dünner Mann mit tiefliegenden Augen und einer Hakennase. Die Stimme klang kratzig. Er war Fidelma von vornherein unsympathisch, und sogleich bekam sie Gewissensbisse. Wieder hatte sie sich von ihrem ersten Eindruck leiten lassen und war zu einem Vorurteil gelangt. Dabei hatte Brehon Morann lang genug gepredigt, dass jemand, der Recht sprechen will, tolerant und unbefangen sein muss.

»Ich bin gekommen, um mich zu vergewissern, dass die entsprechenden Vorschriften zum Schutzrecht in deinem Fall ordnungsgemäß eingehalten wurden. Wie mir Bruder Mongan bestätigt, ist das geschehen.«

Ungerührt und stumm stand der Schutzsuchende da.

Fidelma gab einen Stoßseufzer von sich und suchte mit raschem Blick das unmittelbare Umfeld zu erfassen.

»Du bist gekommen, um nur für dich Zuflucht zu suchen?«

»Ich bin allein hier.«

»Was gedenkst du weiter zu tun?«

»Was ich zu tun gedenke?« Der Mann schien unschlüssig.

»Eine Freistatt wird nicht unbegrenzt gewährt. Faichen Glas, der dich hierher verfolgt hat, kann beim Abt, in dessen Wirkungskreis diese Kapelle fällt, darum ersuchen, deinen Fall vor ihn und seinen Brehon bringen zu dürfen … Auf immer und ewig kannst du nicht hier bleiben.«

»Was …?« Ulam Fionn sah erschrocken zu Bruder Mongan hinüber, und Fidelma bemerkte, dass auch der Mönch bestürzt reagierte.

»Ich dachte immer, der Glaube besagt, dass jedermann die Freistatt zu respektieren hat«, begehrte er auf.

»Faichen Glas muss seine Zeugen und seinen eigenen Brehon beibringen, die dann den Streitfall in Gegenwart des Abts verhandeln, des Abts Sionna«, erläuterte Fidelma. »Gemeinsam mit Faichen Glas' Richter entscheidet der Abt, ob eine Gegenklage zugelassen wird. Er kann die zeitliche Begrenzung der Freistattgewährung festlegen oder dich auch gleich Faichen Glas überantworten, damit er dich vor Gericht stellt.«

»Dann bin ich verloren«, sagte Ulam Fionn bitter. »Ich habe keinen Zeugen, der mir zur Seite springen könnte. Man wird mich aufgrund der Aussage von Nessáns Witwe verurteilen; es geschah aus Notwehr, dass ich ihren Mann getötet habe. Und es ist dessen Vetter, der hinter mir her ist.«

»Du hast den Mann aus Notwehr getötet? Erzähl.«

»Ich habe eine Abkürzung durch Nessáns Ländereien genommen, ganz in der Nähe von seinem Hof. Er tauchte plötzlich auf und fiel über mich her. Mir blieb nichts anderes übrig, ich musste mich verteidigen, und dabei war ich wohl zu heftig. Ich hörte, wie seine Frau loskreischte: ›Mord!‹ und versteckte mich. Ich wusste, er hatte viele Freunde in der Umgebung, ich aber war allein. Dann erfuhr ich, dass Faichen Glas gesagt hätte, er würde dafür sorgen, dass ich für meine Tat würde büßen müssen. Er ist ein reicher und mächtiger Adliger. Ich floh in den Süden.«

»Wieso hätte Nessán über dich herfallen wollen?«

Ulam Fionn zuckte vage mit den Achseln. »Kommt ein armer Hund erst mal ins Gerede, hat er nichts mehr zu melden. Er und seinesgleichen haben mich nie leiden können. Alles mögliche schieben sie mir in die Schuhe, dabei bin ich völlig unschuldig. Alle Welt ist gegen mich.«

Immer noch fühlte sich Fidelma irgendwie schuldbewusst, dass sie nur wegen seines Aussehens ein gewisses Unbehagen gegen den Mann hegte. Wollte sie später, wenn sie die Hohe Schule für Recht absolviert hatte, als eine dálaigh erfolgreich sein, als Anwältin bei Gericht vor den Brehons, dürfte sie es zu keinerlei Befangenheit kommen, sich zum Beispiel nicht vom Äußeren eines Menschen leiten lassen. Das Aussehen einer Person war kein Maßstab. Was schärfte Brehon Morann seinen Studenten ständig ein? Ein schöner Laubbaum trägt oft bittere Früchte. Der äußere Schein kann leicht trügen.

»Rechtsprechung ist nicht dazu da, Partei zu ergreifen, sondern die Wahrheit zu ergründen«, versuchte sie den Mann zu beruhigen, der ihr fast leid tat. »Du wirst doch in der Lage sein, einen erfahrenen Rechtsanwalt zu finden, der dich vertritt.«

»Die Adligen der Uí Echach Cobo sind mächtige Leute«, jammerte der Flüchtling. »Sie werden keine Ruhe geben, bis sie sich an mir gerächt haben.«

»Töten aus Notwehr ist kein Mord, sagt das Gesetz«, bedeutete ihm Fidelma.

Ulam Fionn lachte rauh auf. »Und ich muss Notwehr beweisen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Deine Kläger müssen Mord beweisen.«

»Ich falle lieber gar nicht erst in deren Hände, verspüre keine Lust, mich mit denen anzulegen.«

Bruder Mongan machte hüstelnd auf sich aufmerksam. »Das ist nicht die rechte Art und Weise, die Dinge zu betrachten, mein Sohn«, tönte er salbungsvoll. »Eine Weile bist du hier sicher, doch du solltest den Rat der Rechtsgelehrten wohl bedenken. Wenn du in besserer Verfassung bist, wirst du dir in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen, wie du dich am klügsten verhältst.«

»Vielen Dank, Bruder Mongan«, wandte sich Fidelma an den Mönch. »Ich bin sicher, du wirst ebenfalls Ulam Fionn zureden, dass es für ihn das Vernünftigste ist, auf die Rechtsprechung zu vertrauen und seinen Fall Abt Sionna und dessen Brehon zu Gehör zu bringen.«

»Ich werde ihm Rat erteilen, meine Tochter«, stimmte ihr der fromme Bruder zu. »Kann ich dir sonst noch irgendwie zu Diensten sein?«

Fidelma überlegte einen Moment.

Den gesetzlichen Belangen war sie nachgekommen, und doch war sie von ihrer Mission nicht befriedigt. Ein unbestimmtes Gefühl hielt sie zurück und ließ sie nicht gleich gehen. Vorausgesetzt, Ulam Fionn sprach die Wahrheit, und immerhin musste man eine solche Möglichkeit in Erwägung ziehen, sollte sie ihm vielleicht bei der Klärung seines Problems behilflich sein. Schließlich kannte sie etliche einflussreiche Familien, die Wege finden würden, die Rechtsprechung zu hintertreiben. Wenn es sich wirklich um Notwehr handelte, dann wunderte es sie nicht, dass der Mann sich scheute, auf die Gesetzgebung zu setzen.

Sie ließ ihren Blick durch den Kirchenraum gleiten. »Bist du hier einigermaßen gut untergebracht?«, fragte sie unvermittelt. »Ich kann mir vorstellen, dass es in dem alten Gemäuer kalt und zugig ist.«

»Ich komme schon zurecht«, erwiderte der Schutzsuchende. Ihre plötzliche Besorgnis wunderte ihn.

»Mach dir darüber keine Gedanken, Tochter«, mischte sich Bruder Mongan ein. »Unter dem Altar befindet sich ein kleines Gewölbe, dort ist es warm und angenehm. Wir …«

Mitten im Satz hielt er inne und schaute zur Erde.

»Es fehlt mir an nichts«, beeilte sich Ulam Fionn zu bekräftigen.

»Dann kann ich es dabei belassen«, meinte Fidelma. »Es scheint soweit alles in Ordnung.«

Bruder Mongan begleitete sie zur Tür.

»Ist es das erste Mal, dass du einem Flüchtling Freistatt gewähren musstest?« fragte sie.

»Ja.« Man sah ihm seine Erleichterung an, dass sie nichts zu beanstanden hatte.

»Mitunter ist es nicht einfach, zu entscheiden, wie man sich verhalten und was man tun soll, um dem Gesetz gerecht zu werden«, fuhr sie fort. »Du hast doch vermutlich das Cáin Snádud gelesen?«

Er zog die Brauen hoch. »Das was?«

»Das Gesetz über die Gewährung von Schutz vor Verfolgung.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Gelehrter, meine Tochter. Auslegungen des Gesetzes überlasse ich tüchtigen Menschen wie dir. Ich befasse mich nur mit Fragen des Glaubens.«

»Selbstverständlich. Und doch hatte ich den Eindruck, du kennst dich in den rechtlichen Erfordernissen aus und weißt das Gesetz zu befolgen.«

»Die grundlegenden Regeln kenne ich natürlich«, entgegnete der Mönch. »Das ist wohl das mindeste, was jeder, der einer Kapelle oder Abtei vorsteht, wissen muss.«

»Wohl wahr. Und natürlich kommt dir zugute, dass auch nach dem Neuen Glauben Freistatt gewährt werden kann, so dass du mit dem alten Landesrecht nicht in Widerspruch gerätst.«

»Ganz recht«, pflichtete ihr Bruder Mongan bei.

»Wie heißt doch in der Heiligen Schrift die Stelle, mit der man begründet, dass der Tempel Gottes ein Schutzort ist? Nescitis quia templum Dei estis et Spiritus Dei habitat in vobis …?«

»Ganz recht, ganz recht«, wiederholte sich Bruder Mongan.

»Aus dem Brief des Paulus an die Hebräer, glaub ich.«

»Du sprichst sehr gelehrt, meine Tochter«, meinte der fromme Bruder ernst. »Ich wünsche dir eine sichere Heimkehr, komm wieder heil in der Schule des Brehon Morann an.«

Fidelma hob die Hand zum Abschied, stieg auf ihr Pferd und ritt davon.

Zwei Tage später saß sie vor dem Kaminfeuer im Gemach von Brehon Morann und nippte an einem Becher Glühwein, den der gerühmte Rektor ihr angeboten hatte.

»Ich gratuliere, Fidelma. Erzähl, wie hast du den Fall klären können?«

Die junge Anwältin schaute nachdenklich ins Feuer, als könnten die züngelnden Flammen ihr helfen, ihre Gedanken zu ordnen. »Das war gar nicht mal schwierig«, sagte sie langsam. »Größtenteils bin ich durch bloße Vermutung dahinter gekommen.«

Missbilligend schüttelte der Oberrichter den Kopf. »Bloße Vermutung? Was, wenn deine Mutmaßungen sich als falsch erwiesen hätten? Im Rechtswesen verbieten sich gefühlsmäßige Schlussfolgerungen.«

»Ich glaube, unter den gegebenen Umständen hatte ich keine andere Wahl«, erwiderte sie ruhig.

»Dir sind die Verfahren geläufig, wie man zur Wahrheit gelangt, und du hast einen scharfen, geschulten Verstand. Von welchen Überlegungen und Schlussfolgerungen hast du dich leiten lassen? Berichte.«

»Zunächst habe ich Abt Sionna aufgesucht, wie du mir geraten hattest. Im Verlaufe des Gesprächs erfuhr ich, dass Bruder Mongan ein gelehrter Schreiber war und unter anderem auch eine Handschrift der Paulusbriefe angefertigt hatte.«

»Und weiter?«

»Neben der Kapelle waren zwei Pferde angepflockt. Bekanntlich besitzt ein Mönch kein Pferd und reitet auch keins, es sei denn, er genießt besondere Vorrechte oder ist von höherem Rang. Beides traf auf Bruder Mongan nicht zu. Er war der Sohn eines armen Bauern, wie der Abt erwähnte. So fragte ich mich, warum dort zwei Pferde standen. Ulam Fionn behauptete, er sei der einzige Schutzsuchende in der Kapelle. Mir fiel ein, was Faichen Glas gesagt hatte: Er vermute, Ulam Fionn sei in diese Gegend geflohen, um bei seinem Vetter Ulpach Unterschlupf zu finden. Der Gedanke lag nahe, dass das zweite Pferd Ulpach gehörte, und ich schöpfte Verdacht.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass dem Flüchtigen Freistatt nach den Regeln der Gesetze gewährt wurde, hielt ich es für angebracht, einen Schritt weiterzugehen und verlangte, Ulam Fionn zu sprechen. Ich hoffte so zu erfahren, ob sich auch Ulpach in der Kapelle aufhielt. Das war aber nicht der Fall. Nur Ulam Fionn und Bruder Mongan waren dort. Sie beteuerten, außer Ulam Fionn sei keine weitere Person anwesend, der Asyl gewährt würde. Ich erkundigte mich, ob das kleine Bethaus zufriedenstellende Unterkunft böte, um sich dort längere Zeit aufzuhalten. Bruder Mongan fing schon an zu erklären, dass es sich im Untergeschoß ganz gut leben ließe, merkte aber gleich, dass er dabei war, sich zu vergaloppieren. Ulam Fionn fiel ihm auch sofort ins Wort und lenkte ab. Ich ging nicht weiter darauf ein, hatte jedoch das ungute Gefühl, in der Krypta war etwas, das ich nicht sehen sollte.«

Brehon Morann schaute sie eindringlich an. »Mutmaßungen und ungutes Gefühl. Das allein kann es nicht gewesen sein. Es brauchte doch Beweise, um schließlich so zu handeln, wie du es getan hast.«

Fidelma lächelte stillvergnügt. »Ich vertraute darauf, dass ich aus dem, was meine Ohren hörten und meine Augen sahen, die richtigen Schlussfolgerungen zog. Abt Sionna hatte Bruder Mongan als einen gebildeten Schriftkundigen gepriesen. Als ich ihn wegen seiner gründlichen Kenntnis der Gesetze lobte und meinte, bestimmt habe er auch den Cáin Snádud gelesen, wehrte er ab, das Werk kenne er nicht, er sei beileibe kein Gelehrter. Ich zitierte aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther – nämlich die Stelle ›Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?‹ Dieses Wort aus der Heiligen Schrift wird oft angeführt, um die Gewährung der Freistatt zu begründen, denn im Tempel Gottes darf keine Gewalttat geschehen. Ich hatte den Vers auf Latein zitiert und außerdem behauptet, die Stelle stehe im Brief an die Hebräer. Bruder Mongan gratulierte mir zu meiner tiefgründigen Kenntnis der Schrift.«

»Ah ja, als Gelehrter und Kopist der Paulusbriefe hätte er den Vers kennen müssen.«

»Genau so ist es.«

»Dann bist du zu Abt Sionna zurückgeritten?«

»Und er hat den zugehörigen Richter der Abtei und ein halb Dutzend kräftiger Mönche losgeschickt. Sie sind in die Kapelle eingedrungen, haben sich Ulam Fionn und seinen Kumpanen gegriffen und im Gewölbe unten den wahren Bruder Mongan gefunden, der dort gefesselt lag.«

»Und der vermeintliche Bruder Mongan entpuppte sich als …«

»Ulam Fionns Vetter Ulpach«, schloss sie seinen Satz nicht ohne Genugtuung.

»Eine betrübliche Geschichte. Hätten Ulam Fionn und Ulpach ernsthaft um Asyl nachgesucht, es wäre ihnen höchstwahrscheinlich gewährt worden, und sie hätten sich in Sicherheit wiegen können.«

»Ihr Verderb war, dass sie niemandem glaubten, einzig und allein sich selbst. Lügner und Diebe, die sie sind, trauten sie keinem anderen. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, Bruder Mongan der Form halber zu bitten, ihnen Asyl zu gewähren.«

»Ich nehme an, Bruder Mongan hat Ulpach das Nötigste der Freistattregelungen erklärt.«

»Ulpach hat ihn gezwungen, ihm die wichtigsten Regelungen zum Schutzrecht zu erläutern. Doch mir wurde bald klar, dass der Mann, der sich als Bruder Mongan ausgab, wesentliche Dinge nicht kannte, die er hätte wissen müssen. Nämlich, dass demjenigen, der einen Menschen getötet hat, Schutz in der Freistatt nur für eine begrenzte Zeit gewährt wird. Auch überraschte ihn, dass es der Billigung des Abts bedarf, wenn einer seiner Geistlichen jemandem Asyl gewährt hat. Das alles zusammengenommen bestätigte mir, dass ich Ulpach vor mir hatte.«

Brehon Morann dachte eine Weile nach. »So, wie die Dinge liegen, wird Faichen Glas zurück nach Norden ziehen und Ulam Fionn nebst seinem Vetter ins Land der Uí Echach Cobo schaffen.«

Fidelma zog ein Gesicht. »Ehe man die Schuldigen Faichen Glas übergibt, sollte man sich noch darum kümmern, dass der Überfall auf Bruder Mongan und seine Freiheitsberaubung nicht ungesühnt bleiben. Bestimmt sieht auch der Neue Glauben entsprechende Maßregeln vor.«

Nachsichtig schmunzelnd schaute Brehon Morann seine junge Studentin an. »Du bist wirklich begabt, Fidelma. Du hast das Zeug, eine prächtige Anwältin zu werden. Nur solltest du weniger von Mutmaßungen ausgehen. Denk darüber nach. Du hättest die Gegebenheiten leicht falsch einschätzen können.«

Sie zuckte die Achseln. »Wie sich gezeigt hat, bin ich mit meinen Mutmaßungen nicht schlecht gefahren. Ich habe meiner Fähigkeit vertraut, richtige Schlüsse zu ziehen. Habe ich vor Zeiten nicht jemanden sagen hören: ›Wer sich selbst vertraut, hat nicht auf Sand gebaut. Mit Zaudern und Zagen kann man nichts wagen‹?«

Der Oberrichter erinnerte sich. Oft genug hatte er seinen Studenten diesen Spruch gepredigt. Versonnen lächelte er. »Ein Sprichwort gibt das andere, Fidelma. Hier ist meins: ›Des Tages Ende, sei's gut oder schlecht, gibt dem Propheten recht.‹«

Übertritt Gott seine Gebote?

Freundlich lächelnd betrachtete Brehon Morann die junge Frau vor ihm. Sie standen in seinen Privaträumen in der berühmten weltlichen Rechtsschule von Tara, die er als Rektor und in seiner Eigenschaft als ard-ollamh leitete.

»Binnen kurzem wirst du dich der Prüfung einer angehenden anruth stellen, Fidelma, mit der dir der zweithöchste Rang zuerkannt wird, den eine Hohe Schule überhaupt verleihen kann«, begann der Professor. »In allen fünf Königreichen von Éireann wirst du fortan als Anwältin wirken dürfen. Wie ich höre, hast du dich entschieden, uns nach bestandenem Examen zu verlassen und auf ein weiteres Studium zu verzichten, strebst nicht die höchstmögliche Qualifikation einer ollamh an. Hast du dir das gut überlegt?«

»Ich habe acht Jahre lang hier studiert, und sollte ich die bevorstehende Prüfung mit Erfolg ablegen, scheint es mir an der Zeit, hinaus in die Welt zu ziehen und mich in der Rechtsprechung zu üben, wie du es mich gelehrt hast«, erwiderte sie. »Erfahrung sammeln in der Anwendung des Gelernten.«

Gedankenvoll nickte Brehon Morann.

»Das klingt durchdacht. Hast du schon genauere Pläne? Dein Vetter ist König von Muman, dein Bruder sein tanist, sein gesetzmäßiger Nachfolger. Sie könnten sich als hilfreich erweisen und anfänglich die Sicherheit bieten, ohne die kein vorwärtsstrebender junger Anwalt auskommt, bis er sich einen Ruf erworben hat und auf eigenen Füßen steht.«

Merklich gereizt krauste Fidelma die Stirn.

»Ich möchte ohne die Hilfe der Familie meinen Weg machen. Mein eigenes Können ist es, worauf ich baue, und nicht darauf, dass ich eine einflussreiche Familie habe.«

»Das ist eine gute Lebensphilosophie«, meinte Brehon Morann in weiser Nachsicht. »Nur lassen sich manchmal Ideale mit dem menschlichen Dasein nicht in Einklang bringen. Man muss wissen, was erreichbar ist und was nicht.«

»Ich habe einen Vetter, Abt Laisran von Durrow«, bekannte Fidelma leicht widerstrebend. »Der hat mir geraten, im Frommen Haus der heiligen Brigit von Kildare um Aufnahme zu bitten. Ich habe bereits mit der Vorsteherin des Klosters, Äbtissin Ita, gesprochen. Sie ist gewillt, mich in die Schwesternschaft aufzunehmen, und sie ist damit einverstanden, dass ich frei und unabhängig als Anwältin praktiziere. Damit wäre eine gewisse Sicherheit verbürgt.«

Brehon Morann seufzte.

»Du wärst nicht die erste, die sich so entscheidet«, gab er gleichmütig zu. »Die meisten in den gehobenen Berufen suchen den Schutz der Klöster, um von dort aus wirken zu können. Trotzdem, ich hätte immer gedacht, dass ein Leben hinter Klostermauern nicht deinem Wesen entspricht, Fidelma.«

Trotzig streckte Fidelma das Kinn vor und kniff die Augen zusammen, bemerkte aber den Gesichtsausdruck des Professors und sagte nichts. Der strahlte sie an.

»Du wirst es selbst feststellen. Menschen, die sich dem religiösen Leben verschreiben, brauchen eine heitere Gemütsruhe, müssen demütigen Sinnes sein. Ihr Dasein ist von beschaulicher Art. Du wirst dich ernsthaft in das Studium der Glaubenslehre versenken müssen, ähnlich intensiv wie du das Studium der Rechtslehre betrieben hast.«

»Dessen bin ich mir bewusst. Immerhin bin ich in Theologie und Philosophie nicht gänzlich ahnungslos. Ich glaube nicht, dass ein Leben im Kloster meiner beruflichen Laufbahn als Anwältin im Wege steht. Die christlichen Ordenshäuser bieten allemal den besseren Rückhalt für ein Wirken im Rechtswesen.«

Brehon Morann konnte nicht umhin, seine Bedenken zu äußern. »Die Rechtsprechung, die du hier studiert hast, und der Neue Glaube geraten oft in Widerstreit. Auf welcher Seite wirst du stehen, wenn es zu solch einem Konflikt kommt?«

»Die Menschen dieses Landes haben über viele Jahrhunderte hinweg Gesetz und Ordnung geschaffen«, antwortete Fidelma ohne Umschweife. »Ihre Erfahrung und ihre Lebensanschauung sind es, auf denen unsere Rechtsprechung beruht. Die so entstandenen Gesetzesvorschriften sind am besten geeignet, unsere Gesellschaft zu lenken und zu leiten. Recht und Gesetz sind oberstes Gebot, so lange bis es der Wille des Volkes anders entscheidet.« Und nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: »Hat nicht der Hochkönig Laoghaire vor mehr als zweihundert Jahren eine Kommission ins Leben gerufen, die die Gesetze überarbeiten sollte, auf dass sie nicht mit dem Glauben in Konflikt geraten? Und war nicht der heilige Patrick selbst zusammen mit den Bischöfen Benignus und Cairneach Mitglied eben dieser Kommission? Wie sollte unsere Rechtsprechung da nicht mit dem Glauben harmonisieren?«

Brehon Morann betrachtete sie einen Augenblick lang aufmerksam. »Beantworte mir eine Frage, Fidelma von Cashel«, sagte er dann. »Steht der Oberste Richter von Éireann über dem Gesetz?«

Sie schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht.«

»Und der Hochkönig?«

»Niemand steht über dem Gesetz«, erwiderte sie und war sich nicht ganz im Klaren, worauf der Professor hinauswollte. »Vor dem Gesetz sind alle gleich. Ein Grundsatz, der mich vom ersten Tag meines Studiums hier begleitet hat.«

Brehon Morann verzog keine Miene. Schweigend schien er seinen Gedanken nachzuhängen, ehe er wieder zu sprechen anhub. »Wie ich vorhin sagte, stehst du kurz vor dem Examen, mit dem du eine hohe Qualifikation für die Ausübung der Rechtsprechung erlangen wirst. Mir wurde gerade ein Fall angetragen, von dem ich denke, dass du ihn übernehmen könntest. Jemand anders ist leider nicht greifbar, warum sollte ich ihn da nicht meiner besten Studentin übergeben.«

»Ich und einen Fall zur Klärung übernehmen?« Fidelma traute ihren Ohren nicht.

»Es handelt sich um gesetzwidriges Töten, geschehen in der unmittelbaren Umgebung hier. Nach meinem Verständnis bist du in der Lage, die Untersuchung zu führen und eine Empfehlung zu geben. Der Fall wäre für dich eine ausgezeichnete Bewährung in der Praxis, ehe du dich dem Abschlußexamen stellst.«

Verblüfft starrte ihn Fidelma an. »Ich bin doch aber gar nicht …«

»Du hast den Grad eines clí, und der ist eine tragende Säule im Haus der Rechtsprechung. Heißt es nicht immer, dass gerade diejenigen mit diesem Titel ein einwandfreies Urteil abgeben? Ein clí ist berechtigt, vor Gericht einen Fall darzustellen, wenn auch zugegebenermaßen nicht unbedingt einen von dieser Schwere. Du wirst die Verhandlung in meinem Namen führen, und ich bin überzeugt, dass du dich bewährst. Es dürfte dir nicht schwerfallen.«

»Ich werde mein Bestes tun«, sagte sie langsam. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, die Aufgabe reizte sie, und es erfüllte sie mit Stolz, dass Brehon Morann ihr ein solches Unterfangen zutraute.

»Großartig. In weiser Voraussicht habe ich die Hauptzeugen bereits in die Andachthalle gebeten. Sie erwarten dich, und niemand wird euch dort stören. Adnaí, unser rechtaire, der Verwalter, wird dir behilflich sein und steht dir zur Verfügung.«

Mit einer Handbewegung deutete er an, dass für ihn die Unterredung beendet war. Sie überging seine Geste und fragte: »Und wer sind die Opfer? Welche Umstände haben zum gesetzwidrigen Töten geführt?«

Ein flüchtiger Blick streifte sie, und mit verbissenem Lächeln erklärte er: »Das herauszufinden überlasse ich dir. Die Ermittlerin bist du.«

Draußen vor der Tür blieb Fidelma eine Weile stehen, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie würde es mit einem echten Fall zu tun haben, nicht mit einer theoretisch aufgegriffenen Examensfrage, wie sie Brehon Morann seinen Studenten zu stellen beliebte. Aus dem großen Kreis seiner Studenten hatte der Rektor sie für diese Aufgabe auserwählt. Mit einem zuversichtlichen Lächeln machte sie sich auf den Weg zum Gebäude, in dem sich die Andachtshalle befand.

Adnaí, der ältliche Verwalter der Schule, erwartete sie bereits. »Ich soll dir zur Hand gehen, Fidelma«, begrüßte er sie.«Deine Zeugen sitzen in der Halle, und das unter Aufsicht, damit sie sich nicht untereinander verständigen können. Den kleinen Nebenraum habe ich soweit hergerichtet; da kannst du einen nach dem anderen befragen.«

Fidelma bedankte sich. »Gibt es eine Zeugenliste?«

»Die erübrigt sich bei den wenigen Zeugen. Da haben wir den Apotheker Crosach, der die Leichen untersucht hat.«

»Leichen?«

»Na die von den Verstorbenen. Dann ist da noch Smiorghull, ein Knecht, der auf dem Hof gearbeitet hat, Bruder Soilen von der nahegelegenen Abtei; ach so, und dann noch Iorard, ein Richter von der Abtei.«

Fidelma wollte ihn schon fragen, um wen es sich bei dem Verstorbenen … den Verstorbenen handelte; ihr ging erst jetzt auf, dass er von Leichen im Plural gesprochen hatte. Sie unterließ es. Eine solche Fragestellung hätte als ein Zeichen der Schwäche gedeutet werden können, dass sie nicht wusste, wer die Opfer waren. Der Apotheker würde es ihr gewiss sagen können. »In Ordnung. Ich begebe mich in den Nebenraum. Wir …« Sie hielt inne und verbesserte sich dann entschieden. »Ich werde als ersten Zeugen den Apotheker vernehmen.«

Crosach, der Apotheker, war mittleren Alters und machte einen ausgesprochen gelangweilten Eindruck ob des ganzen Verfahrens.

Fidelma hatte hinter einem Tisch Platz genommen und war bemüht, eine überzeugende Figur abzugeben und so ihre jugendliche Erscheinung zu überspielen. Entsprechend den Gepflogenheiten erinnerte sie ihn eingangs daran, dass er als Zeuge per Eid zu wahrheitsgetreuer Aussage verpflichtet wäre. Nachdem er bekundet hatte, er würde nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit sprechen und nichts als die reine Wahrheit, begann sie ihre Befragung. »Waren dir die Verstorbenen bekannt, ehe du die Untersuchung ihrer Leichname vornahmst?«

»Jeder in der Umgebung hier kannte sie. Es waren gottselige und gebefreudige Seelen. Ich kannte sie seit etlichen Jahren, praktisch seit ich mit meiner Apotheke hier begann.«

»Kommen wir zur Identifizierung der Verstorbenen.«

»Hat dir denn niemand gesagt, wer sie sind?«, fragte Crosach von oben herab.

»Du hast mir Rede und Antwort über ihre Todesursache zu stehen, und da du sie kanntest, folgt daraus, dass du in aller Form bestätigen wirst, wer sie waren«, erwiderte sie in so scharfem Ton, dass der Mann zusammenzuckte.

»Es handelt sich um Bathach und Moman, einen Bauern und dessen Frau.«

»Und die Todesursache?«

»Beiden wurde mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf geschlagen. Neben den Leichen hat man einen Hammer gefunden, und daraus schlussfolgere ich, dass man ihnen mit dem Hammer den Schädel eingeschlagen hat.«

»Beide kamen auf die gleiche Weise zu Tode?«

»Das habe ich eben gesagt.«

»Demnach besteht für dich kein Zweifel, dass es sich um vorsätzlichen Totschlag handelt?«

»Was sollte es sonst sein?«

»Wie hat man die Leichen gefunden?« fuhr sie fort, ohne auf seine streitlustige Gegenfrage einzugehen.

»Smiorghull hat sie gefunden. Sie waren in einem Graben auf dem Ackerland verscharrt.«

»Wie lange ist das her?«

»Erst wenige Tage. Als ich sie untersuchte, war noch keine Verwesung eingetreten. Insofern war es nicht schwierig festzustellen, wie man sie ermordet hat.«

»Und Smiorghull hat dich gerufen, um die Leichen zu untersuchen?«

»Ja.«

Fidelma entließ den Apotheker und bat, ihr Smiorghull vorzuführen.

Er war ein kleiner, von der Sonne gebräunter, muskulöser Mann, dessen Äußeres verriet, dass er ständig im Freien schwere Arbeit verrichtete.

»Seit wann bist du bei Bathach und Moman?«

»Seit sieben Jahren.«

»Dann hast du sie gut gekannt?«

»Es waren gottselige und gebefreudige Leute«, kam die prompte Antwort. »Ich habe die ganze Zeit mit ihnen auf dem Hof gelebt. Nicht ein einziges böses Wort habe ich zu hören bekommen. Wir waren mehr wie eine Familie, nichts von dem Gehabe eines Hofbesitzers.«

Bei der Wortwahl seines Eingangssatzes hatte Fidelma gestutzt, ließ es aber dabei bewenden. »Erzähl, wie kam es, dass du sie gefunden hast. Wie ich höre, hatte man sie in einem Graben beerdigt … Doch nein, sag mir erst, wann du sie das letzte Mal lebend gesehen hast.«

Der Mann kratzte sich den Kopf. »Das muss um die Mittagszeit gewesen sein, einen Tag, bevor ich die Leichen fand. Bruder Soilen, der Verwalter der Abtei, war auf den Hof gekommen. Ich kümmerte mich gerade um das Vieh, als er und sein Begleiter vor dem Tor hielten. Kurz darauf, ich war auf dem Weg zur Scheune, hörte ich erregte Stimmen. Ich wollte mich schon bemerkbar machen, ließ es dann aber, weil ich begriff, dass Bathach und Moman mitten in einem heftigen Streit waren. So ging ich meinen anderen Beschäftigungen nach.«

»Sie waren in einem Streit mit Bruder Soilen und seinem Begleiter?«

»Nur mit Bruder Soilen. Sein Begleiter saß noch auf dem Gefährt draußen am Tor. Offensichtlich wartete er auf Soilen.«

»Der Begleiter hatte also nichts mit dem Streit zu tun?«

Smiorghull schüttelte den Kopf.

«Hast du mitbekommen, worum es dabei ging?«

Erneut schüttelte der Ackerknecht den Kopf. »Ich kann nur sagen, dass Bruder Soilen der deutlich Schärfere im Ton war, Bathach und Moman äußerten sich eher zurückhaltend.«

»Und als du mit deinen Arbeiten fertig warst, was dann?«, drängte ihn Fidelma.

»Als ich zurückkam, war das Gefährt von der Abtei fort. Bathach und Moman waren nicht auf dem Hof. Ich dachte, sie wären vielleicht zum Kloster, um das Problem mit dem Abt zu klären. Aber sie kehrten auch am Abend nicht zurück, und zur Frühstückszeit waren sie immer noch nicht wieder da.«

»Wann schien dir die Sache nicht geheuer? Wann hast du Alarm geschlagen?«

»Am nächsten Tag um die Mittagszeit.«

»Warum erst so spät?«

»Hast du schon mal auf einem Hof gearbeitet, Lady? Da will das Vieh gefüttert werden, die Kühe wollen gemolken sein, und hundert Handgriffe gilt es zu erledigen, ehe man verschnaufen kann. Und wen überhaupt hätte ich benachrichtigen sollen? Der Hof liegt allein und abseits, acht Meilen von der Abtei von Sláine entfernt.«

»Was hast du also gemacht?«

»Ich fing an, das ganze Gehöft abzusuchen.«

»Ist es groß?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Und wie bist du auf die Leichen gestoßen?«

»Rein zufällig. Hinter dem Haus war ein Graben, den Bathach seit langem hatte auskleiden wollen, um das Wasser aufs Feld zu leiten. Mir fiel auf, dass er plötzlich an einer Stelle zugeschüttet war, und das machte mich argwöhnisch.«

»Wieso?«

»Bathach hatte immer gesagt, er würde dabei meine Hilfe brauchen; es müßte vernünftig gemacht werden, erst sollten noch Steine rein, bevor er die Ränder begradigen und feststampfen wollte.«

»Deshalb überraschte es dich, dass der Graben plötzlich zu war.«

»Ja. Ich betrachtete die Stelle genauer und sah, dass der Haufen Steine, den Bathach da schon liegen hatte, nicht angerührt worden war. Der Graben war nur flüchtig mit Erde zugeworfen worden. Das machte mich stutzig. Ich nahm einen Spaten und fing an zu graben. Nicht lange, und ich stieß auf einen Hammer; den kannte ich, er gehörte Bathach. Dann kam ein Teil einer Leiche zum Vorschein. Ich hörte sofort mit dem Graben auf, nahm eins von Bathachs Pferden und ritt zu Crosach, dem Apotheker, der nicht weit vom Kloster wohnt. Er sollte mitkommen und mein Zeuge sein.«

»Als dann klar war, dass man sie ermordet hatte, wie ging es weiter?«

Der Mann zuckte mit den Achseln. »Was sollte schon sein? Man konnte die Sache nur noch dem Abt von Sláine, Abt Biotan, mitteilen. Das übernahm der Apotheker, er kannte den Abt, und ich nicht. Ich hatte ihn noch nie gesehen, denn er ist erst vor kurzem nach Sláine gekommen. Er hat die Stelle des Grundherrn über das ganze Gebiet hier eingenommen. Alle Höfe um das Kloster herum sind jetzt ihm zu Abgaben verpflichtet.«

»Und wie hat sich der Abt verhalten?«

»Wie ich von Crosach weiß, hat er gesagt, er würde die Geschichte Iorard, seinem Brehon, übertragen.«

»Hast du eigentlich gesehen, wie Bruder Soilen und sein Begleiter den Hof verlassen haben?«

»Nein, habe ich doch schon gesagt.«

»Das heißt, du hältst es durchaus für möglich, dass Bathach und Moman zwischen Mittag, als du den Streit zwischen ihnen und Bruder Soilen mitbekamst, und abends, als du mit deiner Arbeit fertig warst, umgebracht und hinten auf dem Gehöft vergraben wurden?«

Der Gesichtsausdruck und eine entsprechende Geste bestätigten die Frage.

»Du hast gesagt, worum es in dem Streit ging, konntest du nicht hören. Hattest du eine Ahnung, worum es hätte gehen können?«

Smiorghull schüttelte den Kopf.

»Du hast die beiden als gottselig und gebefreudig bezeichnet«, erinnerte ihn Fidelma. »Gottselig ist für meine Begriffe eine merkwürdige Wortwahl.«

»Aber das Wort trifft es. Sie waren inbrünstig in ihrem Glauben und zauderten nicht, die Abtei zu unterstützen. Was immer sie geben konnten, stifteten sie dem Kloster für gemeinnützige Zwecke. Jeder wird dir das bestätigen.«

»Demnach gehörten sie zu den eifrigen Verfechtern des Neuen Glaubens?«

»Ich würde das so sagen, ja.«

»Es ist doch aber merkwürdig, dass derart fromme Leute sich auf einen Streit mit dem Verwalter der Abtei Bruder Soilen einlassen.«

Der Ackerknecht zuckte nur mit den Schultern und wusste nichts zu sagen.

Fidelma presste die Lippen zusammen und hieß den Mann gehen und draußen warten. Unentschlossen erhob er sich, zog mit einem Mal etwas aus seinem Beutel und legte es vor sie auf den Tisch. Es war ein kostbarer, reich verzierter Ring.

»Ich habe ihn an mich genommen«, bekannte er ungelenk. »Hab ihn in dem Graben bei den Leichen und dem Hammer gefunden. Bathach oder Moman hat er nicht gehört, soviel kann ich sagen. Da sind ein paar Buchstaben drauf, aber ich bin nicht imstande, sie zu lesen.«

Fidelma nahm den Ring und betrachtete ihn von allen Seiten. Innen waren die Worte Pro Christo eingraviert. Um ihre Mundwinkel zuckte es. Der Ring konnte nur einem Mitglied der frommen Bruderschaft gehören, aber ganz gewiss nicht einem einfachen Mönch.

Sie bedeutete Smiorghull, er könne gehen, und bat Adnaí, den Verwalter Bruder Soilen hereinzurufen.

Der Mönch war von kleiner Statur und vom Typ her dunkel; seine Stimme klang kratzig. Er hatte eine unangenehme Eigenschaft, nämlich die, dass er einen nicht ansah. Sein Blick huschte ständig hin und her, als suchte er etwas, fand aber keinen Ruhepunkt.

»Du bist dir dessen bewusst, Bruder Soilen, dass du hier als Zeuge auftrittst, folglich unter Eid stehst und wahrheitsgemäß aussagen musst?«

»Über Selbstverständlichkeiten brauchst du mich nicht zu belehren«, erwiderte der Verwalter gereizt.

Fidelma überging seine Bemerkung. »Du warst offensichtlich die letzte Person, die Bathach und Moman lebend gesehen hat.«

Der Mönch schüttelte den Kopf. »Der letzte, der sie lebend gesehen hat, ist zweifelsohne derjenige, der sie umgebracht hat«, entgegnete er.

Fidelma verzog das Gesicht.

»Deine Logik in Ehren, Bruder. Trotzdem, kurz bevor ihre Leichname entdeckt wurden, hast du dich mit Bathach und Moman gestritten. Worum ging es bei dem Streit?«

»Es ging um Kirchenangelegenheiten und tut nichts zur Sache.«

Fidelma zog die Stirn in Falten. »Ob es etwas zur Sache tut oder nicht, befinde ich.«

»Ich bin nicht befugt, über solche Dinge zu sprechen, junge Frau«, trumpfte der Mönch auf. »Wenn du jemand mit Befugnis zu sprechen wünschst, musst du schon Brehon Iorard rufen lassen.«

Die Arroganz des Mannes erboste Fidelma. »Ich wüsste nicht, was Brehon Iorard damit zu tun hat«, entgegnete sie scharf.

»Er ist der gesetzliche Vertreter der Abtei und wird dir schon seinen Rat erteilen.«

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