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Das Flüstern der Stille

Für meine Eltern, Milton und Patricia Schmida.

Jeder, der hierherkommt, weiß,
dass es sich um ein echtes Abbild der Welt handelt.
Und du stehst im Zentrum, machst sie für uns zu einem Zuhause.

Brian Andreas, amerikanischer Künstler

PROLOG

ANTONIA

Louis und ich sehen dich beinah gleichzeitig. Im Wald, durch die Schwarzlinden, deren schwerer, süßer Geruch mich für immer an diesen Tag erinnern wird, blitzt dein pinkfarbenes Sommernachthemd auf, das du letzte Nacht getragen hast. Die Enge in meiner Brust löst sich, und ich zittere vor Erleichterung. Ich bemerke deine zerkratzten Beine kaum, die schmutzigen Knie oder die Kette in deiner Hand. Ich strecke die Arme aus, um dich festzuhalten, meine Wange an deinen verschwitzten Kopf zu drücken. Ich werde mir nie wieder wünschen, dass du sprechen mögest, dich nie mehr schweigend bitten, zu reden. Du bist hier. Aber du gehst an mir vorbei, ohne mich zu bemerken, bleibst an Louis’ Seite stehen, und ich denke, du siehst mich nicht einmal; es ist Louis’ Sheriff-Uniform, braves Mädchen, du tust genau das Richtige. Louis beugt sich zu dir hinunter, und ich kann den Blick nicht von deinem Gesicht wenden. Ich sehe, wie deine Lippen anfangen, sich in Position zu bringen, und ich weiß es, ich weiß es. Ich sehe, wie sich das Wort bildet, die Buchstaben sich festigen und ohne jede Mühe aus deinem Mund schlüpfen. Deine Stimme, weder unsicher noch rau von mangelndem Gebrauch, sondern klar und stark. Ein Wort, das erste in drei Jahren. Einen Augenblick später halte ich dich in meinen Armen, und ich weine, in Tränen gehüllte Gefühle tropfen zu Boden, hauptsächlich Dankbarkeit und Erleichterung, aber es mischen sich auch Tränen des Kummers hinein. Ich sehe, wie Petras Vater zusammenbricht. Das von dir gewählte Wort ergibt für mich keinen Sinn. Aber das macht nichts. Es ist mir egal. Du hast endlich gesprochen.

CALLI

Calli rührte sich in ihrem Bett. Die Hitze einer dunstigen Augustnacht in Iowa lag im Raum, hing feucht und schwer über ihr. Sie hatte sich schon vor Stunden von dem weißen Chenille-Überwurf freigestrampelt, ihr pinkfarbenes Nachthemd knüllte sich um ihren Bauch zusammen. Durch das geöffnete Fenster wehte kein Lufthauch herein. Der Mond hing tief, und sein milchiges Licht lag kraftlos auf dem Boden; eine matte, ungenügende Laterne. Sie wachte auf, die Geräusche im Erdgeschoss drangen nur vage an ihr Ohr. Ihr Vater bereitete sich darauf vor, angeln zu gehen. Calli hörte seine festen, sicheren Schritte, so anders als der leichte, schnelle Tritt ihrer Mutter oder die zögerliche Art, mit der sich Ben bewegte. Sie setzte sich zwischen zerwühltem Bettzeug und Stofftieren auf, die Blase unangenehm voll, und presste die Beine zusammen, versuchte, mit reiner Willenskraft den Drang, ins Bad zu gehen, zu unterdrücken. Ihr Zuhause hatte nur ein Badezimmer, einen rosafarben gefliesten Raum, der beinah zur Hälfte von einer weißen Badewanne mit Klauenfüßen eingenommen wurde. Calli wollte nicht die knarrende Treppe hinuntersteigen, an der Küche vorbeigehen, wo ihr Vater mit Sicherheit seinen bitter riechenden Kaffee trank und seine Ködertasche richtete. Der Druck auf ihre Blase stieg, und Calli versuchte, an etwas anderes zu denken. Ihr Blick fiel auf den Stapel Sachen für das kommende zweite Schuljahr: bunte Stifte, noch ganz lang und mit glatter Spitze; schmale Mappen, deren Ecken wie gestärkt aussahen; weiche, gut riechende Radiergummis; eine Packung mit vierundsechzig Wachsmalkreiden (die Liste führte nur eine vierundzwanzigteilige Box auf, aber Mom wusste, dass das nicht reichen würde); und vier spiralgebundene Notizblöcke, jeder in einer anderen Farbe.

Die Schule war für Calli immer eine Mischung aus Freude und Leid gewesen. Sie mochte, wie es in der Schule duftete; der staubige Geruch von Büchern und Kreide. Sie mochte das Knistern der Herbstblätter unter ihren neuen Schuhen, wenn sie zur Bushaltestelle ging, und sie liebte ihre Lehrer, jeden einzelnen. Aber Calli wusste, dass sich die Erwachsenen im Konferenzraum trafen, um über sie zu reden: die Direktorin, die Psychologen, Sprachspezialisten, normale Lehrer und welche von der Sonderschule, Spezialisten für Verhaltensstörungen. Warum sprach Calli nicht? Calli wusste, dass man mit vielen Begriffen versuchte, sie zu beschreiben – geistig herausgefordert, autistisch oder beinah autistisch. Aufsässigkeitsstörung, selektive Stummheit. Sie war eigentlich sehr klug. Sie konnte lesen und verstand Bücher, die weit über ihr Alter hinausgingen.

Im Kindergarten hatte Miss Monroe, eine energische Vorschullehrerin, deren glattes braunes Haar und durchdringende Bassstimme ihr mädchenhaftes Aussehen Lügen straften, gedacht, dass Calli einfach nur schüchtern sei. Bis zum Dezember ihres Kindergartenjahres war Callis Name im „Solution-Focus-Education“-Team nicht ein einziges Mal gefallen. In diesem Team saßen die Experten zusammen, um Lösungen für schwierige oder auffällige Schüler zu finden. Miss White war es, die Callis seltsames Verhalten entdeckte, als sie zum zweiten Mal in einer Woche im Schwesternzimmer ein Paar frische Socken, Unterwäsche und eine Jogginghose herausgeben musste.

„Hast du denn niemandem gesagt, dass du mal auf die Toilette musst?“, hatte sie mit ihrer sanften, freundlichen Stimme gefragt.

Keine Antwort, nur Callis üblicher, ausdrucksloser Blick aus großen Augen.

„Geh in die Toilette hier, und zieh dich um, Calli“, hatte die Schulschwester sie angewiesen. „Und wasch dich so gründlich wie möglich.“ Sie blätterte durch ihr akribisch geführtes Büchlein, in das sie mit säuberlicher, steiler Handschrift sämtliche Besuche im Krankenzimmer mit Datum, Uhrzeit und Beschwerden notierte – Kratzen im Hals, Bauchschmerzen, Bienenstiche. Callis Name tauchte seit dem 29. August, ihrem ersten Schultag, neun Mal auf. Neben jedem Eintrag stand die Abkürzung UV für Urin-Vorfall. Mrs. White wandte sich an Miss Monroe, die Calli ins Krankenzimmer begleitet hatte.

„Michelle, das ist Callis neuntes Missgeschick in diesem Jahr.“ Mrs. White hielt kurz inne, um Miss Monroe die Gelegenheit zu geben, etwas zu erwidern. Schweigen. „Geht sie denn nicht, wenn die anderen Kinder gehen?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Miss Monroe. Ihre Stimme drang unter der Toilettentür hindurch, wo Calli gerade aus ihren durchnässten Sachen stieg. „Ich bin mir nicht sicher. Sie hat ausreichend Gelegenheit zu gehen … und sie kann jederzeit danach fragen.“

„Ich werde ihre Mutter anrufen und ihr empfehlen, mit Calli einen Arzt aufzusuchen, nur um sicherzugehen, dass es sich nicht um eine Blasenentzündung oder Ähnliches handelt“, erwiderte Mrs. White in ihrer kühlen, effizienten Art, die keinen Widerspruch zuließ. „In der Zwischenzeit sollte sie die Toiletten aufsuchen dürfen, wann immer sie will; schick sie einfach aufs Klo, auch wenn sie nicht muss.“

„Gut, aber sie kann immer fragen.“ Miss Monroe drehte sich um und verließ das Krankenzimmer.

Calli trat leise aus der Toilette, in einer pinkfarbenen Jogginghose, die ihr viel zu lang um die Knöchel schlackerte. In einer Hand hielt sie eine Plastiktüte mit ihrer durchweichten Emily-Erdbeer-Unterwäsche, den Jeans, Strümpfen und pink-weißen Turnschuhen. Der Zeigefinger ihrer anderen Hand drehte unbewusst Locken in ihr braunes Haar.

Mrs. White beugte sich zu Calli hinunter. „Hast du Gymnastikschuhe dabei, die du anziehen kannst, Calli?“

Calli schaute auf ihre Füße, die nun in schmuddeligen, aus dem Schulfundus stammenden Tennissocken steckten. Durch die Löcher konnte sie die pfirsichfarbene Haut ihres großen Zehs sehen und den knallroten Nagellack, den ihre Mutter am Abend zuvor auf jeden ihrer kleinen, perlförmigen Fußnägel aufgetragen hatte.

„Calli“, wiederholte Mrs. White, „hast du Gymnastikschuhe, die du anziehen kannst?“

Calli betrachtete Mrs. White, kniff ihre dünnen Lippen zusammen und nickte.

„Okay, Calli.“ Mrs. Whites Stimme nahm einen sanften Ton an. „Zieh deine Schuhe an, und pack die Tüte in deinen Ranzen. Ich werde jetzt deine Mutter anrufen. Nein, du bekommst keine Schwierigkeiten. Ich sehe nur, dass du ein paar Unfälle dieses Jahr hattest, und möchte, dass deine Mom ein Auge darauf hat, okay?“

Aufmerksam betrachtete Mrs. White Callis vom Winter geküsstes Gesicht. Callis Blick war auf den an der weißen Wand hängenden Sehtest mit seinen immer kleiner werdenden Buchstaben gerichtet.

Nachdem ein kleines Team von Erziehern sich getroffen, Calli untersucht und die Ergebnisse ausgewertet hatte, schien körperlich mit ihr alles in Ordnung zu sein. Man diskutierte und debattierte verschiedene Möglichkeiten, und nach einigen Wochen beschloss man, ihr aus der amerikanischen Gebärdensprache das Zeichen für Toilette und andere Schlüsselwörter beizubringen, wöchentliche Treffen mit dem Schulpsychologen anzusetzen und ansonsten geduldig darauf zu warten, dass Calli anfing zu sprechen.

Sie warteten noch immer.

Calli stieg aus dem Bett, nahm vorsichtig ihre neuen Schulsachen und legte alles so auf ihren kleinen Tisch, wie sie es am ersten Tag ihres zweiten Schuljahres im Klassenzimmer auch tun wollte. Große Dinge unten, kleine oben, Stifte und Füller ordentlich in ihrem neuen, grünen Federmäppchen verstaut.

Der Druck auf ihre Blase wurde zum Schmerz, und sie überlegte, ob sie sich in den weißen Papierkorb aus Plastik neben ihrem Schreibtisch erleichtern sollte, aber sie wusste, dass sie ihn nicht sauber machen konnte, ohne dass ihre Mutter oder Ben es bemerkten. Wenn ihre Mutter einen See in ihrem Papierkorb fand, würde sie sich nur wieder darüber aufregen, was bloß in Callis Kopf vorging. Eine endlose Reihe von Fragen wäre die Folge. War jemand im Badezimmer? Konntest du nicht mehr warten? Hast du mit Petra ein Spiel gespielt? Bist du böse auf mich, Calli? Sie überlegte auch, einfach aus dem Fenster ihres im ersten Stock liegenden Zimmers zu klettern und sich am Spalier nach unten zu hangeln, das nun mit weißen Mondblumen überwachsen war, deren Blüten so groß waren wie ihre Hand. Sie verwarf auch diesen Gedanken. Sie wusste nicht genau, wie man das Fliegengitter entfernte, und wenn ihre Mutter sie beim Klettern überraschte, könnte sie auf die Idee kommen, Callis Fenster zuzunageln, und das, wo Calli es so liebte, ihr Fenster nachts offen stehen zu haben. An regnerischen Abenden wollte sie ihre Nase an das Fliegengitter drücken, die Tropfen auf ihren Wangen fühlen und das staubige, sonnenverbrannte Gras riechen, das den fallenden Regen begierig aufsaugte. Calli wollte nicht, dass ihre Mutter sich noch mehr Sorgen machte, sie wollte aber auch nicht die Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich ziehen, wenn sie die Treppe hinunterschlich, um ins Badezimmer zu gelangen.

Langsam öffnete Calli die Tür ihres Zimmers und spähte um die Ecke. Vorsichtig trat sie auf den kurzen Flur hinaus, wo es dunkler war, die Luft abgestandener und schwerer. Direkt gegenüber von ihrem Zimmer lag das von Ben, eine Kopie ihres eigenen, dessen Fenster nach hinten hinaus in den Garten und die Willow Creek Woods gingen. Bens Tür war geschlossen wie auch die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Calli hielt auf der obersten Treppenstufe kurz inne und versuchte, ihren Vater auszumachen. Stille. Vielleicht war er schon fort zum Angeln. Calli schöpfte Hoffnung. Ihr Vater würde mit seinem Freund Roger an die östlichste Grenze des Staates fahren, den Mississippi entlang, ungefähr hundertzwanzig Kilometer. Roger wollte ihn heute Morgen abholen, und sie würden für drei Tage fortbleiben. Calli hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil sie sich über die Abwesenheit ihres Vaters freute, aber das Leben war so viel friedlicher, wenn sie drei allein waren.

Jeder Morgen, an dem er in der Küche saß, brachte ihnen einen neuen Mann. An manchen Tagen war er fröhlich, er setzte sie auf seinen Schoß und rieb seine roten Barthaare an ihrer Wange, um sie zum Lächeln zu bringen. Er küsste Mom, reichte ihr eine Tasse Kaffee und lud Ben ein, mit ihm in die Stadt zu fahren. An diesen Tagen flossen die Worte wie ein endloser Strom aus dem Mund ihres Daddys, leicht und beinah mit einem Anflug von Zärtlichkeit in der Stimme. An anderen Tagen saß er an dem vernarbten Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt, leere Bierdosen achtlos über die Spüle und die braun gesprenkelte Arbeitsplatte verteilt. An diesen Tagen huschte Calli auf Zehenspitzen durch die Küche und schloss die Fliegentür leise hinter sich, lief in die Willow Creek Woods, um am Flussbett oder hinter den umgestürzten Bäumen zu spielen. Regelmäßig ging sie zurück bis zum Rand der Lichtung und sah nach, ob der Truck ihres Vaters noch da war. War er fort, kehrte sie heim, wo die Bierdosen schon weggeräumt und der durchdringende, schweißige Geruch des Gelages weggeschrubbt worden waren. Wenn der Truck an seinem Platz stand, zog sich Calli wieder in die Wälder zurück, bis der Hunger oder die Hitze des Tages sie nach Hause trieben.

Immer noch Stille. Ermutigt stieg Calli die Treppe hinab und vermied sorgsam, auf die knarrende vierte Stufe zu treten. Die Glühbirne über dem Herd warf ein gespenstisches Licht bis zum Fuß der Treppe. Calli musste nur in zwei großen Schritten an der Küchentür vorbei, um ins Badezimmer zu gelangen. Sie stand auf der letzten Stufe, die Zehen um die Kante gekrümmt, das hölzerne Geländer fest umklammert, und hob ihr Nachthemd an, um einen größeren Schritt machen zu können. Ein Schritt, ein vorsichtiger Blick in die Küche. Keiner da. Ein weiterer Schritt, an der Küche vorbei, die Hand auf das kühle Metall des Türknaufs, ein Dreh.

„Calli!“, hörte sie ein barsches Flüstern. Calli stockte. „Calli! Komm raus!“

Callis Hand löste sich vom Türknauf, sie folgte dem tiefen Klang der Stimme ihres Vaters. Die Küche war leer, aber durch die Fliegentür sah sie die Silhouette seiner breiten Schultern im frühen Morgenlicht. Er saß draußen auf den Betonstufen, sein Kopf eingehüllt in einen Nebel aus Zigarettenrauch und heißem Kaffeedampf.

„Komm raus zu mir, Calli. Was bist du so früh schon auf?“, fragte er nicht unfreundlich. Calli öffnete die Fliegentür und achtete darauf, sie ihm nicht in den Rücken zu schlagen. Sie zwängte sich durch die schmale Öffnung und stand neben ihrem Vater.

„Warum bist du wach, Calli? Schlecht geträumt?“ Mit einem Blick echter Besorgnis schaute Griff zu ihr auf.

Sie schüttelte den Kopf und machte ein Zeichen, dass sie auf die Toilette müsse, obwohl der Drang sich im Moment verflüchtigt hatte.

„Was ist das? Ich kann dich nicht hören.“ Er lachte. „Sprich ein bisschen lauter. Ach, du sprichst ja nicht.“ Jetzt wurde sein Gesichtsausdruck gehässig. „Du musst die Hände dafür benutzen.“ Abrupt stand er auf und verdrehte seine Hände in einer grotesken Imitation von Callis zaghaftem Handzeichen. „Kannst nicht wie ein normales Kind reden, musst stumm sein wie das Kind eines Zurückgebliebenen.“ Seine Stimme wurde lauter.

Callis Blick glitt langsam zu Boden, wo ein Dutzend oder mehr zerknüllte Bierdosen herumlagen, und der Drang zur Toilette kehrte auf einmal mit aller Macht zurück. Sie schaute hinauf zum Fenster ihrer Mutter. Die Gardinen waren noch zugezogen, kein beruhigendes Gesicht schaute zu ihr herab.

„Kannst nicht reden, was? Bullshit. Du hast früher auch gesprochen. Du hast gesagt ‚Daddy, Daddy‘, besonders, wenn du was wolltest. Und jetzt hab ich eine Zurückgebliebene als Tochter. Vielleicht bist du ja gar nicht meine Tochter. Du hast die Augen vom Deputy Sheriff.“ Er beugte sich hinunter, der Blick aus seinen graugrünen Augen bohrte sich in sie, und sie kniff die Lider zusammen.

In der Ferne hörte sie Reifen auf Kies, das scharfe Knirschen von jemandem, der aufs Grundstück fuhr. Roger. Calli öffnete die Augen in dem Moment, als Rogers Allradtruck neben ihnen zum Stehen kam.

„Hey. Morgen zusammen. Wie geht’s, Miss Calli?“ Roger nickte ihr nur kurz zu, sah sie nicht wirklich an, erwartete keine Antwort. „Wollen wir angeln gehen, Griff?“

Roger Hogan war seit Schulzeiten Griffs bester Freund. Er war klein und breit, sein dicker Bauch quoll über den Hosenbund. Als Vorarbeiter in der örtlichen Fleischverpackungsfabrik bat er Griff jedes Mal, wenn der von der Arbeit an der Pipeline nach Hause kam, dort zu bleiben. Er könne Griff einen Job in der Fabrik besorgen, „wie in alten Zeiten“, fügte er jedes Mal hinzu.

„Morgen, Rog“, bemerkte Griff, die Stimme fröhlich, die Augen dagegen zu gemeinen Schlitzen verengt. „Du musst schon mal ohne mich losfahren, Roger. Calli hat einen bösen Traum gehabt. Ich werde noch eine Weile bei ihr bleiben, bis sie sich besser fühlt und wieder einschlafen kann.“

„Ach, Griff“, jammerte Roger. „Kann das nicht ihre Mutter machen? Wir haben das seit Monaten geplant.“

„Nein, nein. Ein Mädchen braucht unbedingt seinen Daddy, oder, Calli? Einen Daddy, auf den sie sich verlassen kann, der ihr auch durch schwere Zeiten hilft. Ihr Daddy sollte für sie da sein, meinst du nicht auch, Rog? Also wird Calli ein bisschen Zeit mit ihrem guten alten Daddy verbringen, ob sie will oder nicht. Aber du willst doch, nicht wahr, Calli?“

Callis Magen zog sich jedes Mal, wenn ihr Vater Daddy sagte, mehr zusammen. Sie sehnte sich danach, ins Haus zu laufen und ihre Mutter zu wecken, aber auch wenn Griff voller Hass auf sie war, sobald er getrunken hatte – bisher hatte er ihr nie wirklich wehgetan. Ben, ja. Mom, auch. Aber nicht Calli.

„Ich schmeiß nur schnell mein Zeug in den Truck, Rog, und treff dich dann später in der Hütte. Wird noch ausreichend gute Gelegenheiten zum Angeln geben, und ich bring von unterwegs noch mehr Bier für uns mit.“ Griff nahm seinen grünen Seesack und warf ihn auf die Ladefläche des Trucks. Etwas vorsichtiger legte er seine Angelausrüstung, die Rute und die Köderbox, dazu. „Bis später, Roger.“

„Okay, wir sehen uns. Bist du sicher, dass du den Weg findest?“

„Ja, ja, keine Sorge. Ich werde da sein. Du kannst dir schon mal einen Vorsprung erangeln. Den wirst du brauchen, denn ich besiege dich sowieso.“

„Das werden wir noch sehen“, rief Roger durch das geöffnete Wagenfenster und fuhr mit durchdrehenden Rädern davon.

Griff kam zurück zu Calli, die trotz der Wärme die Arme um sich geschlungen hatte.

„Na, wir wär’s mit ein bisschen Daddy-Zeit, Calli? Der Deputy Sheriff wohnt nicht weit von hier, oder? Einfach nur durch den Wald, was?“ Ihr Vater packte sie am Arm, und ihre Blase leerte sich, sandte einen gleichmäßigen Strom von Urin an ihren Beinen entlang, während Griff sie in Richtung Wald zog.

 

PETRA

Ich kann wieder nicht schlafen. Es ist zu heiß, meine Kette klebt an meinem Hals. Ich sitze auf dem Boden vor dem Ventilator, und die kühle Luft fühlt sich gut an auf meinem Gesicht. Ich spreche sehr leise in den Ventilator, sodass ich die summende, tiefe Stimme hören kann, die er zu mir zurückträgt. „Ich bin Petra, Prinzessin der Welt“, sage ich. Vor meinem Fenster höre ich ein Geräusch, und für eine Minute habe ich Angst und will Mom und Dad wecken. Ich krabble auf allen vieren über den Teppich, der an meinen Knien reibt, dass es brennt. Ich spähe vorsichtig aus dem Fenster, und in der Dunkelheit glaube ich, jemanden zu mir hinaufschauen zu sehen, groß und Furcht einflößend. Dann sehe ich jemand Kleineres an seiner Seite. Oh, jetzt habe ich keine Angst mehr, ich kenne sie. Glaube ich. „Warte, ich komme!“ Für eine Sekunde denke ich, dass ich nicht gehen sollte. Aber es ist ein Erwachsener dabei. Mom und Dad können nicht böse auf mich sein, wenn ein Erwachsener dabei ist. Ich ziehe meine Turnschuhe an und schleiche mich aus dem Zimmer. Ich werde nur schnell Hallo sagen und gleich wieder zurückkommen.

CALLI

Calli und ihr Vater waren schon eine ganze Weile unterwegs, aber Calli wusste genau, wo sie sich in diesem großen Wald befanden. Sie waren in der Nähe vom Beggar’s Bluff Trail, wo rosafarbene Schildblumen zwischen den Farnen und Binsen wuchsen und wo Calli oft schlanke, wunderschöne Pferde ihre Besitzer graziös durch den Wald tragen sah. Sie wünschte sich, dass eine zimtfarbene Stute oder ein schwarz gefleckter Appaloosa durch die Bäume brechen und ihren Vater zur Räson bringen würde. Aber es war Donnerstag, und in der Woche begegnete sie selten einem anderen Menschen auf den Wegen nahe ihrem Haus. Es gab eine geringe Chance, dass sie auf einen Park Ranger treffen würden, aber die Park Ranger hatten über fünfundvierzig Kilometer Wege zu bewachen. Calli wusste, dass sie auf sich allein gestellt war, und ergab sich in ihr Schicksal, von ihrem Vater durch den Wald gezerrt zu werden. Sie waren nicht einmal in der Nähe von Deputy Sheriff Louis’ Haus. Calli konnte sich nicht entscheiden, ob das gut oder schlecht war. Schlecht war jedenfalls, dass ihr Vater keine Anstalten machte, seine Suche aufzugeben, und dass Callis bloße Füße schon ganz zerkratzt waren von dem steinigen, unebenen Weg. Gut war, dass ihr Vater, einmal an Deputy Louis’ Haus angekommen, unverzeihliche Dinge sagen würde, und dass Louis dann versuchen würde, ihn zu beruhigen und Callis Mutter anzurufen. Seine Frau würde hinter ihm in der Tür stehen, die Arme verschränkt, während ihr Blick panisch umherschweifte, um sicherzugehen, dass niemand das Spektakel beobachtete.

Ihr Vater sah nicht gut aus. Sein Gesicht hatte die Farbe von Blutkraut, dieser filigranen Frühlingsblume, die ihre Mutter ihr auf einem der Spaziergänge durch den Wald gezeigt hatte; sein Haar hatte das kupferne Rot des Safts der verletzten Wurzeln. Ab und zu, wenn er über eine hochstehende Wurzel stolperte, umklammerte er Callis Arm fester, während er leise vor sich hin fluchte. Calli wartete ab, wartete auf den perfekten Augenblick, um sich loszureißen und zu ihrer Mutter nach Hause zu laufen.

Sie kamen auf die Lichtung namens Willow Wallow zu. Direkt neben dem Bach standen sieben Trauerweiden in einem perfekten Halbkreis. Die Legende besagte, dass die Bäume von einem französischen Siedler hergebracht worden waren, einem Freund von Napoleon Bonaparte, als ein Geschenk des großen Generals, dessen Lieblingsbäume sie waren.

Callis Mutter war eine Frau, die mit ihren Kindern auf Bäume kletterte und in den Ästen saß, während sie ihnen Geschichten über ihre Ururgroßeltern erzählte, die um 1800 aus der Tschechoslowakei in die Vereinigten Staaten immigriert waren. Ihre Mutter würde ein Lunchpaket mit Erdnussbutter-Sandwiches und Äpfeln packen und mit ihnen zum Willow Creek gehen. Sie würden über die mit Moos bewachsenen, schlüpfrigen Steine hüpfen, die im Bach verteilt lagen. Dann würde Antonia eine Decke unter den tief herabhängenden Zweigen einer Weide ausbreiten, und sie würden in den Schatten krabbeln, eingehüllt von den rankenden Ästen wie in einen Mantel. Aus den Weiden wurden dann Hütten auf verlassenen Inseln; Ben war damals, als er noch Zeit für so etwas hatte, ein mutiger Seemann, Calli sein verlässlicher erster Maat. Antonia, der Pirat, der sie verfolgte, würde mit kehliger Stimme und hartem Akzent hinter ihnen herrufen: „Hey, Landratten, ergebt euch, und ich erspare euch die Planke!“

„Niemals“, würde Ben zurückrufen. „Du wirst uns schon an die Haie verfüttern müssen, bevor wir uns jemandem wie dir ergeben, pockennarbiges Bartgesicht.“

„So sei es! Bereitet euch darauf vor, mit den Fischen zu schwimmen!“, rief Antonia und schwang einen krummen Ast.

„Lauf, Calli!“, schrie Ben, und Calli lief. Mit ihren langen, blassen Beinen, übersät mit blauen Flecken, weil sie ständig auf Bäume kletterte und über Zäune sprang, würde sie so lange rennen, bis Antonia schwer atmend stehen blieb und die Hände auf die Knie stützte.

„Waffenstillstand, Waffenstillstand“, würde ihre Mutter lauthals betteln. Alle drei würden sie dann wieder in ihre Weidenhütte zurückkrabbeln, sich ausruhen und Limonade trinken, während der Schweiß in ihren Nacken langsam trocknete. Antonias Lachen würde tief aus ihrem Bauch heraussprudeln, frei und ungezwungen. Sie würde ihren Kopf zurückwerfen und ihre Augen schließen, um die sich gerade die ersten Anzeichen von Alter und Enttäuschung abzuzeichnen begannen. Wenn Antonia lachte, lachten alle um sie herum mit, außer Calli. Calli hatte seit langer Zeit nicht mehr gelacht. Sie lächelte ihr süßes Lächeln mit geschlossenen Lippen, aber ein wirkliches Kichern, was einst frei aus ihr herausgebrochen war und wie ein Windspiel geklungen hatte, ertönte niemals mehr, auch wenn sie wusste, dass ihre Mutter sehnsüchtig darauf wartete.

Antonia war die Art Mutter, die Cornflakes mit Zucker zum Abendbrot und Pizza zum Frühstück essen ließ. Die an einem regnerischen Abend erklärte, es sei Beauty-Tag, und dich mit französischem Akzent in ‚Tonis Schönheitssalon‘ empfing. Sie füllte dann die alte Badewanne mit den Löwenfüßen mit warmem, nach Flieder duftendem Schaum, und später, nachdem sie dich mit einem riesigen weißen Handtuch abgerubbelt hatte, lackierte sie dir die Fußnägel in verruchtem Rot oder zauberte dir mit Haarschaum und Gel einen Igelkopf.

Griff hingegen war die Art Vater, die Budweiser Light zum Frühstück trank und seine siebenjährige Tochter auf der betrunkenen Suche nach seiner Version der Wahrheit durch den Wald zerrte. Als die Sonne am Himmel aufstieg, machte Griff mit ihr unter einer der Weiden Rast.

MARTIN

Ich kann Fieldas Gesicht an meinem Rücken spüren, ihre Arme umfangen meinen immer größer werdenden Bauch. Es ist zu heiß, um so beieinanderzuliegen, aber ich stupse sie nicht von mir fort. Selbst wenn ich mich in Dantes Inferno befände, könnte ich Fielda nicht von mir stoßen. Seit unserer Hochzeit vor vierzehn Jahren waren wir nur zwei Mal getrennt, und beide Male erschien es mir mehr, als ich ertragen konnte. Über das zweite Mal, als Fielda und ich nicht zusammen waren, spreche ich nicht. Das erste Mal war neun Monate nach unserer Hochzeit, als ich eine Wirtschaftskonferenz an der Universität von Chicago besuchte. Ich erinnere mich daran, auf dem Hotelbett mit der steifen, kratzigen Überdecke gelegen und mich nach Fielda gesehnt zu haben. Ohne sie fühlte ich mich haltlos, als ob ich, ohne ihren im Schlaf träge über mich geworfenen Arm, davontreiben könne wie Pappelsamen im sanften Wind. Nach dieser einsamen Nacht ließ ich den Rest meines Seminars sausen und fuhr heim.

Fielda lachte mich meines Heimwehs wegen aus, aber ich weiß, dass es ihr heimlich schmeichelte. Sie ist spät in meinem Leben zu mir gekommen, ein junges, freches Mädchen von achtzehn Jahren. Ich war zweiundvierzig und verheiratet mit meinem Beruf als Professor für Volkswirtschaft am St. Gilianus College, einem Privatcollege in Willow Creek mit nur zwölfhundert Studenten. Nein, sie war keine Studentin; viele haben mich das gefragt, in einem leicht anklagenden Ton. Ich habe Fielda Mourning kennengelernt, als sie als Kellnerin im Café ihrer Familie jobbte. Jeden Morgen kehrte ich auf meinem Weg zum College im Mourning Café ein, um mit einer Tasse Kaffee, einem englischen Muffin und der Tageszeitung meinen Tag auf einem sonnendurchfluteten Eckplatz zu beginnen. Ich erinnere mich an die Fielda aus diesen Tagen als sehr beflissen und liebenswürdig, der Kaffee kochend heiß, der Muffin mit einem Schälchen Butter serviert. Ich muss zugeben, dass ich diesen aufmerksamen Service als selbstverständlich betrachtete; ich glaubte, dass Fielda alle ihre Kunden mit der gleichen Aufmerksamkeit behandelte. Wie falsch ich damit lag, bemerkte ich erst an einem winterlichen Morgen, ungefähr ein Jahr nachdem ich angefangen hatte, täglich ins Mourning Café zu gehen. Fielda stapfte auf mich zu, eine Hand in die wohlgerundete Hüfte gestemmt, in der anderen meinen Kaffeebecher.

„Was“, fragte sie in erschreckender Lautstärke, „muss ein Mädchen noch tun, um Ihre Aufmerksamkeit zu wecken?“ Sie knallte den Becher vor mich hin, meine Brille hüpfte überrascht von meiner Nase, Kaffee spritzte über den Tisch.

Bevor ich eine Erwiderung herausstottern konnte, war sie schon wieder verschwunden, um gleich darauf mit meinem Muffin zurückzukehren, den sie in meine Richtung warf. Er prallte von meiner Brust ab, kleine Krümel orangefarbener Mohnsamen klammerten sich an meine Krawatte. Fielda stürmte aus dem Café, und ihre Mutter, eine sanfte, erschöpfte Version von Fielda, schlenderte zu mir hinüber. Sie verdrehte die Augen und seufzte: „Gehen Sie hinter ihr her, und reden Sie mit ihr, Mr. Gregory. Sie schmachtet Sie schon seit Monaten an. Entweder Sie erlösen sie von ihrem Elend, oder Sie bitten sie, Sie zu heiraten. Irgendwann muss ich nachts auch mal wieder schlafen können.“

Ich bin Fielda nachgegangen, und einen Monat später haben wir geheiratet.

Die stechende Hitze des Augustmorgens spüre ich bereits auf der Haut, während ich in meinem Bett liege. Ich drehe mich um, finde Fieldas Wange in der Dunkelheit und küsse sie. Ich schleiche mich aus dem Bett und gehe aus dem Zimmer. An Petras Tür halte ich kurz inne. Sie steht ein wenig offen, und ich kann das Summen des Ventilators hören. Sanft drücke ich die Tür auf und betrete das Zimmer; ein magischer Ort so voll mit den Launen eines kleinen Mädchens, dass es mich immer wieder staunen lässt. Die sorgfältig arrangierte Sammlung von Tannenzapfen, Eicheln, Blättern, Federn und Steinen, alle auf unserem Grundstück am Rande der Willow Creek Woods ausgegraben. Die Puppen, Stoffhunde und Teddybären, liebevoll unter Bettdecken aus Waschlappen gebettet und um ihre Schlafmulde platziert. Der Geruch nach kleinem Mädchen, eine Mischung aus Lavendelshampoo, grünem Gras und Schweiß, der nichts als die Enzyme der Unschuld enthält, überwältigt mich jedes Mal, wenn ich die Türschwelle übertrete. Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit, und ich sehe, dass Petra nicht in ihrem Bett liegt. Ich mache mir keine Sorgen; sie hat öfter Phasen, in denen sie nicht schlafen kann und hinunter ins Wohnzimmer geht, um ein wenig fernzusehen.

Ich gehe ebenfalls nach unten, aber sehr schnell weiß ich, dass Petra nicht fernsieht. Das Haus ist still, keine fremden Stimmen, kein falsches Lachen. Schnell gehe ich durch jeden Raum, mache die Lichter an; das Wohnzimmer – keine Petra. Esszimmer, Küche, Bad, mein Büro – keine Petra. Zurück durch die Küche in den Keller – keine Petra. Ich renne nach oben und wecke Fielda.

„Sie ist nicht in ihrem Bett!“, keuche ich.

Fielda springt auf und wiederholt den Weg, den ich gerade gegangen bin – keine Petra. Ich renne aus der Hintertür und umrunde das Haus ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Keine Petra. Fielda und ich treffen uns in der Küche, und wir schauen einander hilflos an. Fielda unterdrückt ein Stöhnen und wählt die Nummer der Polizei.

Schnell ziehen wir uns an, um vor Deputy Sheriff Louis einigermaßen präsentabel auszusehen. Fielda läuft noch einmal durch jeden Raum, auf der Suche nach Petra, schaut in Schränke und unter die Treppe. „Vielleicht ist sie zu Calli hinübergegangen“, sagt sie.

„So früh am Morgen?“, frage ich. „Warum sollte sie das tun? Vielleicht war ihr zu warm, sie ist zum Abkühlen nach draußen und hat die Zeit vergessen“, überlege ich weiter. „Setz dich hin, du machst mich nervös! Sie ist nicht im Haus!“ Ich werde lauter, als ich sollte. Fieldas Miene verdüstert sich, sie sackt in sich zusammen, und ich gehe zu ihr. „Es tut mir leid“, flüstere ich, auch wenn ihr ewiges Herumgerenne mich wirklich nervös macht. „Lass uns schon mal Kaffee für den Sheriff aufsetzen.“

„Kaffee? Kaffee?“ Fieldas Stimme ist schrill, sie schaut mich ungläubig an. „Lass uns ein bisschen Kaffee aufbrühen, lass uns hinsetzen und in Ruhe besprechen, wohin unsere Tochter verschwunden ist? Soll ich dem Kerl etwa auch noch Frühstück vorsetzen? Beidseitig gebratene Spiegeleier? Oder vielleicht Waffeln? Martin, unser Kind ist verschwunden! Mitten in der Nacht einfach verschwunden!“ Ihr Ausbruch endet in einem Wimmern, und ich tätschle ihr den Rücken. Ich bin ihr kein Trost, das weiß ich.

An der Vordertür klopft es. Wir gehen beide hin und stehen Deputy Sheriff Louis gegenüber, groß und schlank, die blonden Haare fallen ihm vor die ernsten blauen Augen. Wir bitten ihn in unser Haus, diesen Mann, der beinah halb so alt ist wie ich, näher an Fieldas Alter, und setzen ihn auf unser Sofa.

„Wann haben Sie Petra das letzte Mal gesehen?“, fragt er uns. Ich greife nach Fieldas Hand und erzähle ihm, was wir wissen.

ANTONIA

Ich werde von einem sanften Grollen aus dem Schlaf gehoben, das ich erst für ein Gewitter halte, und ich lächle mit geschlossenen Augen. Ein Unwetter mit kalten, dicken Regentropfen. Ich denke, dass ich vielleicht Calli und Ben wecken sollte. Sie lieben es, im Regen herumzustapfen, den trockenen, heißen Sommer abzuwaschen, und sei es nur für ein paar Augenblicke. Ich strecke meine Hand nach Griffs Bettseite aus. Sie ist leer und kühler als meine. Es ist Donnerstag, der Angelausflug. Griff ist mit Roger angeln gefahren. Kein Donner, ein Truck? Ich rolle mich auf Griffs Seite, genieße die Kühle seines Lakens und versuche zu schlafen, aber das anhaltende Hämmern, ein heftiges Klopfen an der Haustür, vibriert durch die Bodendielen bis zu mir hinauf. Irritiert schwinge ich meine Beine aus dem Bett. Es ist erst sechs Uhr morgens, um Himmels willen. Ich ziehe die Shorts an, die ich am Abend vorher auf den Boden habe fallen lassen, und fahre mit den Fingern durch mein zerwühltes Haar. Als ich durch den Flur gehe, sehe ich, dass Bens Tür fest geschlossen ist, wie immer. Bens Zimmer ist seine persönliche Festung; ich versuche gar nicht erst, hineinzugehen. Die einzigen Leute, die er einlädt, sind seine Schulfreunde und seine Schwester Calli. Was mich überrascht. Ich bin in einer Familie mit vier Brüdern aufgewachsen, und sie haben mich nur in ihre Zimmer gelassen, wenn ich mich mit Gewalt hineingedrängt habe.

Mein ganzes Leben lang bin ich von Männern umgeben; meine Brüder, mein Vater, Louis und natürlich Griff. Die meisten meiner Freunde in der Schule waren Jungs. Meine Mutter starb, als ich siebzehn war, und selbst davor hielt sie sich nur am Rande unserer Gemeinschaft auf. Ich wünschte, mehr darauf geachtet zu haben, wie sie die Dinge tat. Ich habe verschwommene Erinnerungen daran, wie sie dasaß, immer im Rock, ein Bein über das andere geschlagen, ihre braunen Haare in einem eleganten Knoten zusammengefasst. Sie hat es nie geschafft, mich in ein Kleid zu stecken, mich für Make-up zu interessieren oder dafür, wie eine Dame sitzt. Aber sie bestand darauf, dass ich mein Haar lang trug. Ich habe dagegen rebelliert, indem ich es zu einem Pferdeschwanz band und unter einer Baseballkappe versteckte. Ich wünschte, ich hätte genauer zugesehen, wie sie sorgfältig Lippenstift auftrug und genau die richtige Menge Parfüm an ihre Handgelenke sprühte. Ich erinnere mich, wie sie sich nah zu meinem Vater beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, was ihn lächeln ließ. Wie sie ihn mit nur einer leichten Berührung ihrer manikürten Hand auf seinem Arm zur Ruhe bringen konnte. Mein eigenes, schweigsames kleines Mädchen ist ein noch viel größeres Mysterium für mich. Wie sie es mag, die Haare nach dem Bad gekämmt zu bekommen, ihre Freude, wenn sie ihre Nägel betrachtet, nachdem ich sie ungeschickt lackiert habe. Ein kleines Mädchen zu haben ist für mich, wie einer alten Schatzkarte zu folgen, auf der die Hauptwege unkenntlich gemacht worden sind. In letzter Zeit sitze ich oft da und beobachte sie, studiere jede ihrer Bewegungen und Gesten. Als sie noch gesprochen hat, konnte sie mir wenigstens sagen, was sie wollte oder was sie brauchte; jetzt rate und taste ich und hoffe auf das Beste. Ich tue einfach so, als ob nichts mit meiner Calli wäre, als ob sie eine ganz normale Siebenjährige sei, Fremde sich nicht in Schulbüros über sie austauschten, Nachbarn nicht hinter vorgehaltener Hand über das komische Clark-Mädchen tuschelten.

Die Tür zu Callis Zimmer steht einen Spalt offen, aber das Hämmern unten an der Tür ist eindringlich, also haste ich die Treppe hinunter, das verzogene Holz knarrt unter meinen bloßen Füßen. Ich schließe die schwere Eichentür auf und stehe Louis und Martin Gregory, Petras Vater, gegenüber. Louis ist das letzte Mal vor drei Jahren in meinem Haus gewesen, auch wenn ich mich kaum daran erinnern kann, weil ich beinah bewusstlos neben meinem Sofa gelegen habe, nachdem ich die Treppe hinuntergefallen war.

„Hi“, sage ich unsicher. „Was ist los?“

„Toni“, fängt Louis an, „ist Petra hier?“

„Nein“, erwidere ich und schaue zu Martin. Er verliert für einen Moment die Kontrolle über seine Gesichtszüge, dann hebt er das Kinn.

„Können wir mit Calli sprechen? Petra scheint …“ Martin zögert. „Wir können Petra nicht finden und dachten, dass Calli uns vielleicht sagen kann, wo sie ist.“

„Ach, du meine Güte, natürlich. Bitte, kommt doch rein.“ Ich führe sie ins Wohnzimmer und bin mir plötzlich der leeren Bierdosen auf dem Couchtisch bewusst. Ich sammle sie rasch ein und eile in die Küche, um sie wegzuwerfen.

„Ich gehe nur schnell hoch und wecke Calli.“ Ich nehme zwei Stufen auf einmal, mein Magen krampft sich aus Mitgefühl für Martin und Fielda zusammen. Ich rufe: „Calli! Calli, steh auf, Liebling, ich muss mit dir reden!“ Als ich den Flur erreiche, öffnet Ben seine Tür. Er trägt kein T-Shirt, und mir fällt auf, dass seine roten Haare dringend geschnitten werden müssen.

„Morgen, Ben. Sie können Petra nicht finden.“ Ich gehe an ihm vorbei zu Callis Tür und stoße sie auf. Ihr Bett ist zerwühlt, ihr Strumpfaffe liegt auf dem Boden, sein lächelndes Gesicht mir zugewandt. Dann drehe ich mich um. „Ben, wo ist Calli?“

Er zuckt mit den Schultern und verschwindet wieder in seinem Zimmer. Schnell schaue ich ins Gästezimmer, in mein Zimmer, in Bens Zimmer. Ich renne die Treppe hinunter. „Calli ist auch fort!“ Ich laufe an Louis und Martin vorbei, die klapprigen Kellerstufen hinunter, knipse auf dem Weg nach unten das Licht an, die kühle Feuchtigkeit hüllt mich ein. Nur Spinnenweben und Kartons. Unsere alte, leere Kühltruhe. Mein Herz setzt für einen Schlag aus. Man hört davon, dass Kinder in alten Gefrierschränken Verstecken spielen und allein nicht mehr herauskommen. Ich habe Griff wieder und wieder gesagt, dass er das alte Ding endlich entsorgen soll. Aber er hat es nie getan. Ich auch nicht. Schnell renne ich zur Kühltruhe, reiße den Deckel auf, die abgestandene Luft trifft mich wie ein Schlag. Die Truhe ist leer. Ich versuche, meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen, und gehe zurück zur Treppe. Ich sehe, dass Martin und Louis oben auf mich warten. Ich renne die Stufen hinauf, an ihnen vorbei und durch die Hintertür nach draußen. Ich suche den Garten ab, renne an den Waldrand, starre angestrengt zwischen die Bäume. Erschöpft gehe ich langsam zurück zum Haus. Louis und Martin warten hinter der Fliegentür auf mich. „Sie ist nicht da.“

Louis’ Gesichtsausdruck zeigt keine Regung, aber auf Martins Miene spiegelt sich seine Enttäuschung.

„Nun, sie sind wahrscheinlich irgendwo zusammen spielen. Hast du eine Ahnung, wo sie sein könnten?“, will Louis wissen.

„Im Park? An der Schule, vielleicht. Aber so früh? Wie spät ist es, sechs Uhr?“, frage ich zurück.

„Petra ist seit mindestens halb fünf heute Morgen weg“, sagt Martin nüchtern. „Wo sollten sie so früh schon hingegangen sein?“

„Ich weiß es nicht, es ergibt keinen Sinn“, antworte ich. Louis fragt mich, ob er sich umsehen darf, und ich beobachte ihn, folge ihm dicht auf den Fersen, während er entschlossen durch mein Haus geht, in Schränke und unter Betten guckt. Sie ist nicht da.

„Ich habe bereits Meldung über Petras Verschwinden rausgegeben. Alle Officer halten die Augen nach ihr offen“, erklärt Louis. „Es sieht nicht so aus, als ob die Mädchen …“ Er hält kurz inne. „Dass ihnen irgendetwas passiert ist. Ich schlage vor, dass ihr die Stellen absucht, an denen sie sich normalerweise aufhalten.“ Martin scheint nicht recht überzeugt, aber er nickt trotzdem und ich auch.

„Toni, Griffs Truck steht noch draußen. Ist er da? Kann er uns sagen, wo die Mädchen sein könnten?“

Es ist Louis’ vorsichtige Art zu fragen, ob Griff an diesem Morgen vernehmungsfähig ist oder ob er die Nacht durchgesoffen hat. „Griff ist nicht hier. Er ist heute Morgen mit Roger zum Angeln gefahren. Er wollte gegen halb vier oder so los.“

„Hat er die Mädchen vielleicht mitgenommen?“ Martin klingt hoffnungsvoll.

„Nein“, lache ich. „Das Letzte, was Griff tun würde, wäre, zwei kleine Mädchen mit auf seinen Angelausflug zu nehmen. Er kommt erst am Sonntag zurück. Ich bin mir sicher, dass er die Kinder nicht mitgenommen hat.“

„Ich weiß nicht, Toni. Vielleicht hat er die Mädchen kurz entschlossen eingepackt. Eventuell liegt irgendwo eine Notiz von ihm.“

„Nein, Louis. Ich bin mir sicher, dass er das nicht gemacht hat.“ Langsam werde ich gereizt.

„Okay, gut. Dann sprechen wir uns in einer Stunde wieder. Wenn die Mädchen bis dahin nicht wieder aufgetaucht sind, überlegen wir uns einen neuen Plan.“

Ich höre ein Geräusch und drehe mich um. Ben sitzt auf der obersten Treppenstufe. Beim flüchtigen Hinsehen könnte man ihn für Griff halten, mit seinen breiten Schultern und dem rotblonden Haar. Wären da nicht seine Augen. Ben hat sanfte, stille Augen.

„Der Wald“, sagt er ruhig. „Ich werde die Zeitungen austragen und dann nach ihnen suchen.“

„Und ich bitte einige Officer, das an euch angrenzende Waldstück zu durchsuchen. Eine Stunde“, wiederholt Louis. „Wir sprechen uns in einer Stunde.“

BEN

Heute Morgen bin ich abrupt aufgewacht, mein Herz hämmerte gegen meine Brust. Ich habe wieder diesen Traum gehabt. Den, in dem du und ich auf den Walnussbaum im Wald klettern. Den bei der Lone Tree Bridge. Ich helfe dir hinauf, wie ich es immer tue, und du greifst nach einem Ast, deine Finger mit den abgeknabberten Nägeln weiß vor Anstrengung. Ich maule dich an, dass du dich beeilen sollst, weil ich nicht den ganzen Tag Zeit habe. Dann bist du oben, und ich schaue von unten zu. Jetzt ist es für dich einfacher zu klettern; die Äste sind dichter gewachsen, dicke, stabile Äste. Du kletterst höher und höher, bis ich nur noch deine knochigen Knie sehe, dann nur noch deine Turnschuhe. Ich rufe zu dir hinauf: „Du bist zu hoch, Calli, komm wieder runter! Du wirst fallen!“ Dann bist du weg. Ich kann dich nicht mehr sehen, und ich denke: Ich stecke in verdammten Schwierigkeiten. Dann höre ich eine Stimme zu mir herunterrufen: „Kletter rauf, Ben! Das musst du sehen! Komm schon, Ben, komm endlich!“

Und ich weiß, dass du es bist, die ruft, auch wenn ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wie deine Stimme eigentlich klingt. Du rufst und rufst, und ich kann nicht klettern. Ich will es, aber ich erreiche nicht einmal den untersten Ast, er ist zu hoch. Ich rufe zurück: „Warte auf mich! Warte auf mich! Was siehst du, Calli?“

Dann bin ich aufgewacht, schweißgebadet. Kein heißer Schweiß, sondern kalter, bei dem einem der Kopf wehtut und sich der Magen zusammenzieht. Ich habe versucht, wieder einzuschlafen, konnte es aber nicht.

Nun bist du irgendwohin verschwunden, und ich fühle mich verantwortlich, so als wäre es meine Schuld. Für eine kleine Schwester bist du ganz in Ordnung, aber du bist auch eine große Verantwortung. Ich muss immer auf dich aufpassen. Erinnerst du dich, als ich zehn war und du fünf? Mom wollte, dass wir gemeinsam zur Bushaltestelle gehen. Sie sagte: „Pass auf Calli auf, Ben.“ Und ich hab „okay“ gesagt, aber ich hab’s nicht wirklich gemacht, zumindest am Anfang nicht.

Ich war gerade in die fünfte Klasse gekommen und viel zu cool, um Babysitter zu spielen. Bis zum Ende der Auffahrt habe ich deine Hand gehalten, genau bis zu der Stelle, wo Mom uns aus dem Küchenfenster nicht mehr sehen konnte. Dann hab ich deine Hand abgeschüttelt und bin so schnell zur Bushaltestelle gelaufen, wie ich konnte. Ich habe mich ab und zu umgeschaut, ob du auch hinterherkommst. Eins muss ich dir lassen, du bist mit deinen dünnen Kindergartenbeinen unglaublich gerannt, und dein brandneuer pinkfarbener Rucksack hüpfte auf deinen Schultern, aber du konntest nicht mit mir mithalten. Vor dem Haus der Olsens bist du über den alten Riss im Bürgersteig gestolpert und der Länge nach hingeschlagen.

Fast wäre ich zu dir zurückgelaufen, wirklich. Aber dann kam Raymond vorbei, und ich bin doch nicht umgekehrt. Hab’s einfach nicht gemacht. Als du endlich an der Bushaltestelle angekommen bist, fuhr auch schon der Bus vor, und deine Knie waren ganz blutig; und die dunkelrote Haarspange, die Mom dir in die Haare gemacht hatte, hing nur noch an einer dünnen Strähne. Du hast dich einfach durch alle Kinder in der Warteschlange durchgedrängelt, um dich neben mich zu stellen, und ich habe so getan, als wärst du gar nicht da. Als wir eingestiegen sind, habe ich mich zu Raymond gesetzt. Du hast im Gang gestanden und darauf gewartet, dass ich ein wenig zur Seite rücke und Platz für dich mache, aber ich habe dir den Rücken zugedreht und mich mit Raymond unterhalten. Die Kinder hinter dir fingen an zu rufen: „Beeil dich!“ und „Setz dich!“, also bist du endlich in die Sitzreihe gegenüber von Raymond und mir geglitten. Ganz eng ans Fenster gedrückt hast du dagesessen, die Beine zu kurz, um den Boden zu berühren, ein kleines blutiges Rinnsal floss dein Schienbein hinab. Du hast mich den ganzen Tag und Abend nicht mehr angeschaut. Sogar nach dem Essen, als ich dir angeboten habe, eine Geschichte vorzulesen, hast du nur mit den Schultern gezuckt und mich allein am Küchentisch sitzen lassen.

Ich weiß, dass ich an dem Tag ziemlich gemein zu dir war. Aber am ersten Schultag der fünften Klasse ist es für einen Jungen verdammt wichtig, einen guten Eindruck zu machen. Ich habe versucht, es wiedergutzumachen. Falls du es nicht wusstest: Ich war es, der dir an diesem Abend die Bonbons unter das Kopfkissen geschoben hat. Es tut mir leid, dass ich in diesen ersten Wochen nicht auf dich aufgepasst habe. Aber du weißt, wie es ist, wenn einem etwas leid tut und man nicht die richtigen Worte findet, um zu sagen, was man sagen will.

CALLI

Griff saß mit dem Rücken an eine der alten Weiden gelehnt, sein Kopf war auf die Brust gesunken, die Augen hatte er geschlossen, die kräftigen Finger immer noch um Callis Handgelenk geklammert. Calli rutschte unruhig auf dem unbequemen, harten Boden hin und her. Der Geruch von Urin stach ihr in die Nase, und eine Welle der Scham überflutete sie. Ich sollte weglaufen, dachte sie. Sie war schnell und kannte jede Ecke und jeden Winkel des Waldes; es wäre ein Leichtes, ihrem Vater zu entkommen. Langsam versuchte sie, ihren Arm aus seinem eisernen Griff zu lösen, aber in seinem unruhigen Schlaf packte er nur noch fester zu. Calli sackte entmutigt zusammen und lehnte sich wieder gegen ihre Seite des Baumstamms.

Sie mochte es, sich vorzustellen, wie es wäre, ohne jegliche Vorräte im Wald zu überleben; etwas, das Ben „das wahre Abenteuer“ nannte. Ben wusste alles über die Willow Creek Woods. Er wusste, dass der Wald über fünfeinhalbtausend Hektar groß war und bis in zwei Countys hineinreichte. Er hatte ihr erzählt, dass der Wald hauptsächlich aus Kalkstein und Sand bestand und Teil des Paläozoischen Plateaus war, was bedeutete, dass die Gletscher niemals durch diesen Teil Iowas gewandert waren. Er hatte ihr auch gezeigt, wo sie den Rotschulterbussard finden konnte, eine bedrohte Vogelart, die sogar Ranger Phelps noch nie gesehen hatte. Doch jetzt war sie erst seit ein paar Stunden hier draußen, und schon wollte sie nach Hause. Normalerweise war der Wald ihr Lieblingsplatz, ein ruhiger Ort, an dem sie denken, wandern und Neues entdecken konnte. Sie und Ben hatten oft so getan, als würden sie ihr eigenes Camp hier in Willow Wallow aufschlagen. Ben schleppte dann eine Thermoskanne voll Wasser herbei, während Calli die Snacks – Tüten mit salzigen Chips und dicken Lakritzstangen – mitbrachte. Später schichtete Ben Stöcke und Reisig zu einem großen, runden Haufen auf und begrenzte ihn mit einem Kreis aus Steinen, so als ob er ein Lagerfeuer machen wolle. Sie machten nie wirklich Feuer, aber es war lustig, so zu tun als ob. Sie steckten Marshmallows auf grüne Äste und „rösteten“ sie über ihrem Feuer. Ben holte dann immer sein Taschenmesser hervor und versuchte, aus kleinen Ästen Besteck zu schnitzen. Er hatte zwei Löffel und eine Gabel geschnitzt, bevor die Klinge abrutschte und er sich in die Hand schnitt; er musste mit sechs Stichen genäht werden. Danach hatte ihre Mutter ihm das Messer weggenommen und gesagt, dass er es in ein paar Jahren wiederhaben könne. Ben hatte es nur widerwillig abgegeben. In letzter Zeit waren sie dazu übergegangen, anstatt Besteck zu schnitzen, Teller und echtes Besteck aus der Küche hinauszuschmuggeln. Unter der größten aller Weiden hatte Ben aus alten Brettern ein Regal gebaut und an den Baumstamm genagelt. Da bewahrten sie ihre Küchenutensilien auf. Einmal – sie hatten versucht vorauszuplanen – hatten sie eine Tüte Cracker und eine Packung Kekse auf das Regal gestellt. Als sie ein paar Tage später wiederkamen, stellten sie fest, dass schon jemand vor ihnen dagewesen sein musste. Vermutlich ein Waschbär, hatte Ben gemeint, vielleicht aber auch ein echter Bär. Calli hatte ihm nicht wirklich geglaubt, aber es hatte Spaß gemacht, sich vorzustellen, wie Mama-Bär irgendwo da draußen ihre Jungen mit Chips und Keksen fütterte.

Sie fragte sich, ob ihrer Mutter inzwischen aufgefallen war, dass sie weg war. Ob sie sich Sorgen machte, sie suchte? Callis Magen knurrte, und schnell drückte sie ihre freie Hand an den Bauch, um ihn zum Schweigen zu bringen. Vielleicht war in dem Regal zwei Bäume weiter noch etwas zu essen. Griff schnarchte, seine Augenlider flatterten, dann schaute er Calli an.

„Du stinkst“, sagte er gemein, weil er sich seiner eigenen Ausdünstungen nach Alkohol, Schweiß und Zwiebeln wohl nicht bewusst war. „Komm, wir gehen weiter. Wir werden heute noch auf einer kleinen Familienzusammenführung erwartet. Wo geht’s lang?“

Calli dachte darüber nach. Sie könnte lügen, könnte ihn tiefer in den Wald lotsen und sich, sobald sie eine Chance bekam, losreißen; oder sie könnte ihm den richtigen Weg zeigen und es hinter sich bringen. Die zweite Möglichkeit gewann. Sie war hungrig und müde, und sie wollte endlich nach Hause. Sie zeigte mit einem kleinen, schmuddeligen Finger auf den Weg, den sie gekommen waren.

„Los, steh auf“, befahl Griff.

Sie rappelte sich auf, Griff ließ ihren Arm los, und Calli versuchte, die Taubheit abzuschütteln, die in ihre Finger gekrochen war. Sie liefen in einer komischen Art von Gänsemarsch, Griff hinter ihr, seine Hand auf ihrer Schulter. Calli sackte unter dem Gewicht der fleischigen Hand ein wenig zusammen. Sie führte ihren Vater ungefähr hundert Meter aus Willow Wallow hinaus bis zu einem schmalen, gewundenen Weg, der Broadleaf genannt wurde. Calli konnte sehen, ob vor ihr schon jemand diesen Weg gegangen war. Während der Nacht spannten die Spinnen ihre Netze von Baum zu Baum. Wenn das Morgenlicht richtig stand, konnte man die hauchzarten Fäden sehen, eine zerbrechliche Barriere zwischen der Welt draußen und dem Innenleben des Waldes. „Betreten verboten“, schien die Barriere zu flüstern. Calli wich den fein gewobenen Netzen immer aus, versuchte, sie nicht kaputt zu machen. Wenn das Netz nur noch als zarte Fäden lose herabhing, wusste sie, dass schon jemand vor ihr da gewesen war, und wenn sie bei näherer Untersuchung Fußspuren von Menschen fand, zog sie sich zurück und suchte sich einen neuen Weg. Calli mochte die Vorstellung, dass sie meilenweit der einzige Mensch war. Dass das weiß gesprenkelte Erdhörnchen, das auf einem verrotteten Baumstamm saß und seine kleinen Hände wrang, in ihr sein erstes menschliches Wesen erblickte. Und dass es wusste, dass diese Kreatur mit den traurigen Augen hier nicht wirklich hergehörte, seine Welt aber nicht stören würde. Heute ging Calli vorsichtig um einen Rot-Ahorn herum, der Luftzug ließ das Spinnennetz für einen Moment gefährlich hin und her schwingen, bevor es sich wieder beruhigte.

Eine Bewegung zu ihrer Rechten überraschte sie beide. Ein großer Hund mit goldrotem Fell sprang auf sie zu und schnüffelte an ihren Füßen. Calli streckte die Hand aus, um ihn zu streicheln, aber er lief schnell weiter und zog eine lange rote Leine hinter sich her.

„Jesus!“, rief Griff aus und fasste sich an die Brust. „Hat mich fast zu Tode erschreckt, das Biest. Los, weiter.“

Bei ihren Erkundungen des Waldes hatte Calli nur ein einziges Mal ein Tier Angst gemacht. Eine rußfarbene Krähe mit ihren glatten, öligen Federn, die in einem dunklen Ahornbaum saß und mit ihren schrillen Schreien das flüsternde Murmeln des Waldes übertönte. Calli hatte sich einen aus lauter Krähen bestehenden Hexenzirkel vorgestellt, der von seinem laubgeschützten Versteck auf sie herabschaute, die Augen der Krähen so klar und kalt wie Kugellager, beobachtend, abwägend. Die Vögel schienen ihr in einigem Abstand zu folgen, in lauten, tiefen Schwüngen. Calli schaute über sich. Keine Krähen. Dafür entdeckte sie eine einsame, grau gefiederte Spechtmeise, die auf der Suche nach Insekten einen Baumstamm hinunterhüpfte.

„Bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?“ Griff hielt an, unterzog seine Umgebung einer sorgfältigen Betrachtung. Seine Worte klangen klarer, weniger lallend.

Calli nickte. Sie gingen noch ungefähr zehn Minuten, dann führte sie ihren Vater vom Broadleaf Trail weg ins Unterholz, wo die Brombeerbüsche dicht wuchsen und der Boden bedeckt war mit Walnussschalen. Sie hielt die Augen nach giftigem Efeu offen; als sie keinen fand, setzte sie ihren Weg fort. Plötzlich lichtete sich das Dickicht, und sie standen am Rand von Louis’ Garten. Das Gras war noch taufeucht, Baseballschläger, Handschuhe und anderes Spielzeug lagen wild verstreut um eine Schaukel. Ein grüner Van stand in der Einfahrt neben dem Holzhaus im Ranch-Stil. Alles war ruhig, abgesehen von den Honigbienen, die um einen wild wachsenden Busch Sommermargeriten summten. Das Haus schien zu schlafen.

Griff sah aus, als ob er nicht wisse, was er als Nächstes tun sollte. Seine Hand auf Callis Schulter zitterte leicht; sie konnte die Bewegung durch ihr Nachthemd spüren.

„Hab dir doch gesagt, dass ich dich zu deinem Vater bringe. Stell dir vor, du könntest in diesem schönen Haus wohnen.“ Griff lachte laut und rieb sich die rot unterlaufenen Augen. „Was meinst du, sollen wir hingehen und Guten Morgen wünschen?“ Sein vorheriges Gehabe fiel langsam von ihm ab.

Kläglich schüttelte Calli den Kopf.

„Lass uns gehen, ich hab Kopfschmerzen.“ Grob zerrte er an Callis Arm, da ließ ihn das Klappen einer Fliegentür innehalten.

Eine Frau, barfuß, in Shorts und T-Shirt, trat aus dem Haus, ein schnurloses Telefon gegen ihr Ohr gedrückt. Ihre Stimme klang hoch und schrill. „Sicher, du springst, sobald sie ruft, wenn ihr kostbares Töchterchen verschwindet!“

Griff blieb reglos stehen. Calli trat einen Schritt vor, um besser hören zu können, doch Griff zog sie zurück. „Es ist mir egal, ob zwei Mädchen vermisst werden. Ihre Tochter ist weg, und das ist alles, was dich interessiert!“, schimpfte die Frau verbittert. „Wenn Antonia ruft, lässt du alles stehen und liegen!“ Jetzt schwieg sie und lauschte der Stimme am anderen Ende der Leitung. „Was auch immer, Louis. Tu, was du nicht lassen kannst, aber erwarte nicht von mir, dass ich darüber glücklich bin.“ Sie nahm das Telefon vom Ohr ...

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