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Das Feuer der Wüste

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Erstes Kapitel
  7. Zweites Kapitel
  8. Drittes Kapitel
  9. Viertes Kapitel
  10. Fünftes Kapitel
  11. Sechstes Kapitel
  12. Siebtes Kapitel
  13. Achtes Kapitel
  14. Neuntes Kapitel
  15. Zehntes Kapitel
  16. Elftes Kapitel
  17. Zwölftes Kapitel
  18. Dreizehntes Kapitel
  19. Vierzehntes Kapitel
  20. Fünfzehntes Kapitel
  21. Sechzehntes Kapitel
  22. Siebzehntes Kapitel
  23. Achtzehntes Kapitel
  24. Neunzehntes Kapitel
  25. Zwanzigstes Kapitel
  26. Einundzwanzigstes Kapitel
  27. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  28. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  29. Vierundzwanzigstes Kapitel
  30. Anhang
    1. Glossar
    2. Kurzer Überblick über die Geschichte Namibias
  31. Danksagung

Über die Autorin

Karen Winter studierte Ethnologie und Sprachen. Ihre Liebe zu fremden Ländern und Kulturen lässt sie immer wieder auf Reisen gehen. Heute arbeitet sie als freie Autorin und lebt in der Nähe von Berlin.

Erstes Kapitel

Schlag es dir aus dem Kopf, Ruth. Darüber diskutiere ich nicht!« Rose Salden funkelte ihre Tochter eisig an.

»Aber warum denn nicht? Ich habe immer an den Jungfarmermeisterschaften teilgenommen. Und immer war ich unter den drei Jahrgangsbesten. Warum nicht in diesem Jahr?« Ruth war vor Empörung ganz blass geworden.

»Weil du auch ohne eine Auszeichnung im Schafestemmen als schwer vermittelbar giltst. Herr im Himmel, wann begreifst du endlich, was im Leben wichtig ist?«

»Pff!« Ruth band sich ihr Kopftuch fester um die Stirn, stieg in die schweren Stiefel, die zum Kummer ihrer Mutter Cowboystiefeln nicht unähnlich waren, und zog ungeduldig den derbgrünen Overall zurecht. »Es interessiert mich nicht, ob ich gut vermittelbar bin. Ich brauche keinen Mann.«

»Oh doch, meine Liebe! Eine Farmerin ohne Ehemann kann gleich einpacken und in die Stadt ziehen.« Rose Salden unterstrich ihre Worte durch eine energische Handbewegung, die ihre goldenen Armreife leise klimpern ließ. »Und eine Frau, die als einzigen Vorzug mehrere Preise im Schafstemm-wettbewerb vorzuweisen hat, ansonsten aber für ihr loses Mundwerk bekannt ist, ist für die guten Familien in Südwestafrika einfach nicht tragbar.«

Ruth verzog gereizt den Mund. »Ich habe nicht nur im Schafestemmen gewonnen, das ist ja ohnehin nur ein Joke. Ich war auch die Beste im Hindernisreiten und im Viehtreiben, die Vierte beim Scheren, die Dritte beim Pfähleeinschlagen und die Erste im Wolleklassifizieren und beim Schafezählen.«

»Ja, ja.« Ruths Mutter winkte enerviert ab. Sie kannte die Argumente ihrer Tochter zur Genüge. »Ein Mann will keine Frau zum Schafezählen, sondern zum Schäfchenzählen. Und das, meine Liebe, sollte dein erstes Ziel sein: einen Mann finden und Kinder kriegen. Frauen sind nicht dafür geschaffen, Schafe zu züchten und das Sagen zu haben. Wie oft muss ich dir das noch erklären?«

»Schau dir die Waterfall Farm an«, widersprach Ruth trotzig. »Kathi Markworth schmeißt den Laden ganz allein. Erst gestern hat sie den Traktor repariert und letzte Woche den Stromgenerator. Nur zum Scheren holt sie sich Hilfe.«

»Kathi Markworth ist Witwe und noch dazu arm. Sie kann nicht anders, kann sich ja noch nicht einmal einen Verwalter leisten. Es ist eine Schande für die arme Frau, so leben zu müssen«, erwiderte Rose mit Nachdruck. »Es würde mich nicht wundern, wenn sie ihren Mann dafür über das Grab hinaus hasst. Als Vorbild für eine junge Frau taugt sie gewiss nicht.«

»Warum? Kathis Karakulschafe sehen besser aus und sind gesünder als die von vielen anderen Farmern.«

»Ruth, wir haben oft genug darüber gesprochen.« Rose Salden seufzte. »Du bist jetzt vierundzwanzig Jahre alt, eigentlich schon zu alt, um noch einen Mann zu finden. Südwestafrika ist ein großes Land und trotzdem ein Dorf. Hier kennt jeder jeden. Lass nicht zu, dass dein Ruf noch schlechter wird. Zieh das hübsche Kleid an, das ich dir aus Gobabis mitgebracht habe, geh zum Farmerwettbewerb, und dieses Mal bitte nicht als Teilnehmerin, sondern als angenehm anzusehende junge Frau, die mehr vom Leben erwartet als eine Steigerung der Wollproduktion.«

»Das Land heißt schon seit Jahren nicht mehr Südwestafrika, sondern Namibia. Und ich bin nicht Corinne, Mama!« Beim Gedanken an ihre Schwester verdrehte Ruth unwillig die Augen.

»Ja, leider«, sagte Rose. Sie seufzte demonstrativ, nahm die Hände vor die Brust, sodass die Innenflächen nach außen zeigten, und schloss die Augen.

Ruth seufzte ebenfalls. Sie wusste, dass es sinnlos war, ihrer Mutter noch zu widersprechen. Erst recht, wenn sie diese Haltung eingenommen hatte. Roses geschlossene Augen signalisierten nur allzu deutlich, dass sie nun von Problemen nichts mehr hören und sehen wollte. Widerspruch war nicht nur zwecklos, sondern machte alles nur noch schlimmer. Rose Salden hasste die Farmarbeit, mochte die Schafe nicht und träumte seit Jahren von einem Leben in einer Stadtvilla von Windhoek oder Swakopmund, von einem Leben ohne unangenehme Gerüche, ohne Mist und Vieh, von einem Leben, in dem die wichtigste Aufgabe der Frau darin bestand, den schwarzen Dienstboten Anweisungen zu erteilen und jeden Tag frisches Obst in einer tiefen Silberschale zu arrangieren.

Überhaupt war Ruths Mutter der Ansicht, dass das Leben an sich ungerecht sei und sie viel Besseres verdient habe. Eigentlich, da war sich Ruth sicher, war ihre Mutter der Meinung, das Leben einer weißen Dame in einer Stadtvilla mit schwarzen Dienstboten sei für sie angemessener. Immerhin betonte sie in Gesellschaft stets, dass sie aus gutem Hause stamme. Dass sie von Schwarzen großgezogen worden war, vergaß Rose Salden geflissentlich, sobald sie in dem verkehrte, was sie »die richtigen Kreise« nannte.

Wie anders war dagegen das Leben auf der Schaffarm inmitten des riesigen Veldes! Das geräumige Wohnhaus von Salden’s Hill lag am Fuße eines Hügels und war im typischen Kolonialstil eingerichtet. Es gab einen Kamin, Möbel aus deutschem Eichenholz, helle, teppichbedeckte Dielen und gepolsterte Stühle und Sessel, die vor Kissen und Decken überquollen. In jedem freien Winkel standen Andenken aus Deutschland, einem Land, dem sich Rose sehr verbunden fühlte, obwohl sie es nie betreten hatte. Sie richtete sich sogar nach der deutschen Mode. Waren in Hamburg grüne Vorhänge mit silbernen Streifen modern, wurde das Haus im Herzen Namibias mit grün-silbernen Vorhängen bestückt. Trugen die Frauen in München das Haar bis zum Kinn und einen schwarzen Schönheitsfleck über der Oberlippe, stand auch Rose Salden am Morgen mit einem Kohlestift vor dem Badezimmerspiegel. Selbst die bisweilen hämischen Bemerkungen der Nachbarn, die ihr den »Fliegendreck« wegwischen wollten, konnten Rose davon nicht abbringen. Schließlich waren die Menschen um Salden’s Hill, wie Rose gern sagte, »Bauern ohne Geschmack und Stil«.

Dass ihre Mutter im Haus stets für peinliche Ordnung und Sauberkeit sorgte, bekam auch Ruth immer wieder zu spüren. Sobald sie das Haus betrat, musste sie in Hausschuhe schlüpfen, und schon in der Waschküche hatte sie Arbeitshosen und Jacke auszuziehen. Denn wenn Rose schon nicht in der Stadt leben konnte, so hatte sie sich doch zumindest das Farmhaus so gemütlich und komfortabel wie möglich eingerichtet.

Ruth saß am liebsten auf der Loggia. Auch jetzt, nach der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, zog es sie hierhin. Sie setzte sich auf den Boden, stützte wie so oft die Beine gegen eine der Säulen und genoss die Kühle der Steinmauern. Dazu liebte sie es, nach getaner Arbeit eine Flasche Hansa Lager zu trinken – namibisches Bier, das nach deutschem Reinheitsgesetz gebraut wurde –, die verdreckten Stiefel auszuziehen und neben sich ihre Border-Collie-Hündin Klette zu wissen, ihre beste und einzige Freundin.

Ruth wandte ihren Blick vom Farmhaus ab und genoss die Aussicht auf das Farmland. Zu beobachten, wie ihre Schaf- und Rinderherden grasten, bedeutete für sie Glück, dann fühlte sie sich vollkommen ausgeglichen und zufrieden. Ihre Mutter hatte nie begriffen, warum Ruth das Leben auf der Farm so liebte, warum sie nichts anderes wollte – keine schicken Kleider, keine komplizierten Frisuren und schon gar nicht ein Haus in der Stadt. Ruth aber war es in der Stadt zu laut; es stank, und alle hatten es eilig. Hinzu kamen die vielen Autos, Leute, die nicht zurückgrüßten, wenn man ihnen Hallo sagte, und riesige anonyme Supermärkte.

Ruths drei Jahre ältere Schwester Corinne hingegen genoss das Stadtleben. Anders als Ruth war sie das Abbild der Mutter, teilte deren Leidenschaften. Schon als kleines Mädchen liebte sie es, Prinzessin zu spielen und sich bedienen zu lassen, und sie schwelgte in Träumereien von weißen Spitzenkleidern, Schmuck und Dienern, die ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen könnten. Später probierte Corinne gemeinsam mit der Mutter Frisuren aus, betrachtete die Modejournale, die mit wochenlanger Verspätung aus Hamburg nach Salden’s Hill geschickt wurden, und schwärmte stundenlang von Filmstars, Schlagersängern und deren aufregendem Leben.

Während Ruth schon damals lieber draußen bei den Schafen war, feilte Corinne ihre Fingernägel. Half Ruth beim Scheren, informierte sich Corinne über die neuesten Wollkleider. Und während Ruth Lämmer auf die Welt holte, entwickelte Corinne bereits Pläne, auf welche der drei deutschen Privatschulen im Land sie ihre Kinder einmal schicken würde. Denn dass ihre Kinder keine Missionsschule, sondern eines der teuren Internate besuchen würden, stand für Ruths Schwester so fest wie der Kölner Dom, den sie nie gesehen hatte. Doch welches war das beste? Das in Karibib? Oder das in Windhoek? Oder war das in Swakopmund vielleicht das vornehmste?

Corinne war ihrem Traum schon einen guten Schritt näher gekommen. Seit einigen Jahren war sie mit einem weißen Export-Kaufmann verheiratet und lebte in einer weißen Villa in Swakopmund. Ihr Mann war ein Oukie, wie er im Bilderbuch stand: helle Haut, helle Augen, blondes Haar, deutsche Vorfahren und ein zum Teil herrisches, zum Teil hochnäsiges Gebaren.

Corinne hatte damit alles, was sie sich je gewünscht hatte: einen weißen Mann mit viel Geld, weiße Möbel und weiße Teppiche, schwarze Dienstboten und einen schwarzen Mercedes, den selbstverständlich ein schwarzer Fahrer mit weißen Handschuhen fuhr. Außerdem hatte Corinne zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, deren Haut weiß wie Schaumwaffeln und deren Locken so blond wie deutsche Semmeln waren.

Ruths Mutter platzte fast vor Stolz auf Corinne. »Meine große Tochter hat es geschafft«, pflegte sie zu sagen, wenn auch zu Ruths Überraschung nie jemand nachfragte, was genau Corinne eigentlich geschafft hatte. Raus aus dem Dreck, aus der Schafskacke, aus der Provinz, hatte ihre Mutter einmal zu erklären versucht, hinein ins richtige Leben, in die Stadt, in die Welt.

Corinne war es gelungen, ihre Herkunft ganz und gar auszublenden. Seit sie vor sechs Jahren nach Swakopmund gezogen war, war sie noch nicht ein einziges Mal zu Besuch nach Salden’s Hill gekommen. Ruth brach es jedes Mal beinahe das Herz, wenn ihre Mutter vor allen Festtagen den Nachbarn erzählte, dass Corinne dieses Mal ganz bestimmt kommen würde. Und wenn sich Ruth nach dem Fest die Ausflüchte der Mutter anhören musste, versuchte sie, Tränen des Mitleids zu unterdrücken.

»Corinne konnte nicht kommen, die Kleine ist krank geworden«, pflegte Rose das Wegbleiben ihrer Tochter zu rechtfertigen. »Corinne musste kurzfristig absagen, da ein wichtiges Geschäftsdinner ihres Mannes anstand.« Oder aber: »Corinnes Mann ist auf Geschäftsreise in Kapstadt, und Corinne und die Kinder begleiten ihn.«

Die Wahrheit aber, vor der Rose die Augen verschloss, war, dass Corinne schlicht keine Lust dazu verspürte, auf die Annehmlichkeiten ihrer Stadtvilla zu verzichten und, wie sie sich ausdrückte, »wieder im Dreck zu wühlen«. Auch der Einbau eines Badezimmers auf Salden’s Hill hatte sie bislang nicht dazu bewegt, ihre Heimat und vor allem ihre Mutter zu besuchen. Daher kannte Rose ihre Enkel nur von den wenigen Fotos, die Corinne ihr geschickt hatte und die sie stolz herumzeigte, und auch die wundervolle Villa hatte sie noch nie betreten, da Corinne sie nie einlud und Rose noch genügend Stolz besaß, um nicht einfach die rund dreihundertfünfzig Kilometer nach Swakopmund zu fahren und ihrer Tochter zur Last zu fallen.

Ruth seufzte und sah prüfend nach dem Stand der Sonne. »Gleich fünf«, murmelte sie. »Ich muss mich fertig machen.« Sie streichelte Klette, holte ihr aus der Kammer neben der Küche ein getrocknetes Antilopenohr und ging ins Badezimmer. Laut pfeifend wie ein Fuhrknecht duschte sie und wusch sich das Haar. Dann zog sie das grüne Kleid an, das ihre Mutter ihr eigens für diesen Abend aus der Stadt mitgebracht hatte. Es war ärmellos, hatte weiße Punkte und einen weißen Kragen und lag eng am Oberkörper an. Ruth rang für einen Augenblick nach Luft.

Zum Glück schwang das Kleid in der Taille weit aus, sodass wenigstens ihr Bauch nicht eingezwängt war. Ruth sah prüfend in den Spiegel. Eigentlich gefiel ihr der Schnitt. Er erinnerte sie an das Kleid, das Marilyn Monroe in Manche mögen’s heiß getragen hatte. Ruth hatte den Film vor einigen Wochen im Gobabis Hotel gesehen, als der Filmvorführer endlich einmal wieder in die Stadt gekommen war – ein Festtag für die ganze Gegend! Viele der Mädchen hatten sich für die Filmvorführung die Haare wie Marilyn in weiche Locken gelegt; Ruth aber hatte dies nicht einmal versucht. Ihr Haar war rot, kraus, hart wie die Borsten eines Handfegers und damit kaum zu bändigen. Und dennoch hatte sie sich, als sie am Abend aufgewühlt von der Filmvorführung nach Hause gekommen war, vor den Spiegel gestellt, ein wenig nach vorn gebeugt und zaghaft gesungen:

I wanna be loved by you

Just you

And noboby else but you

I wanna be loved by you

Alone!

Boop, boop a doop

Ruth hatte bei »you« die Lippen gespitzt und einen Augenaufschlag geprobt, der nicht von schlechten Eltern war. Und bei »Boop, boop a doop« den Körper geneigt und verführerisch mit den Brüsten gewackelt.

Aber dann hatte sie gesehen, dass an der Hüfte ein Speckring durch das Kleid lugte und dass es über den Schenkeln ein wenig spannte. Ruth hatte auch das winzige Doppelkinn entdeckt, das sich offenbarte, wenn sie sang. Und schon war sie sich lächerlich vorgekommen. Lächerlich und peinlich und albern, irgendwie wie ein dicker dummer Kloß, der sich im Karneval unpassenderweise als Prinzessin verkleidet.

Ruth seufzte und strich halb zärtlich, halb verlegen über das grün-weiße Kleid. Skeptisch betrachtete sie die spitzen weißen Schuhe mit dem bleistiftdünnen Absatz. Sie zwängte sich schicksalsergeben hinein, und wie erwartet begannen die neuen Schuhe sofort zu drücken. Ruth seufzte erneut, betrachtete sich widerwillig im Spiegel und zerrte so lange an dem Kleid, bis es zumindest ihre Knie bedeckte. Dann band sie ihr wildes Haar mit einem Gummiband am Hinterkopf zusammen, warf kurz entschlossen ein paar Sachen in ihren abgeschabten Lederrucksack und stöckelte vorsichtig die Treppe hinab.

Unten in der Halle wartete bereits Rose. Ganz Dame von Welt trug sie ein modisches graues Twinset zu einem ebenfalls grauen Faltenrock, dazu eine Perlenkette und Perlenohrklipps. Unter dem Arm hielt sie eine winzige Tasche.

»Du willst doch nicht etwa den Rucksack mitnehmen?«, fragte Rose empört.

»Was sonst? Ich muss meine Schlüssel unterbringen, dazu Taschentücher, richtige Schuhe und meine Windjacke. Niemals bekomme ich alles in so ein Ding wie das, das du unter dem Arm hältst. Da passt ja nicht mal ein Flaschenöffner rein.«

Rose verdrehte die Augen, verzichtete aber auf eine Antwort. Stattdessen folgte sie ihrer Tochter schweigend zum Pick-up, der vor dem Haus bereitstand.

Ruth warf einen prüfenden Blick auf die Ladefläche des Wagens und nickte. Alles in Ordnung: Das Ersatzrad für den Dodge 100 Sweptside lag griffbereit, daneben der Wagenheber; die Kiste mit den Ersatzteilen stand ordentlich neben dem Werkzeugkasten, hinter ihm frisch aufgefüllte Benzin- und Wasserkanister. Ruth wusste nur allzu gut, dass ihr Überleben davon abhängen könnte, ob sie für den Notfall alles dabeihatten. Zu oft hatte sie sich Schauermärchen über schlecht vorbereitete Reisende anhören müssen, die inmitten der Wüste eine Panne gehabt hatten und schließlich jämmerlich verdurstet waren.

Sie setzte sich rechts auf die Fahrerseite, während ihre Mutter links auf dem Beifahrersitz Platz nahm, startete den Motor und bog auf die Pad in Richtung Gobabis ein. Etwa zwei Stunden, so schätzte Ruth, würden sie auf der unebenen Schotterstraße für die Fahrt in die vierzig Meilen entfernte Stadt brauchen. Am liebsten hätte sie das Radio laut aufgedreht und mitgesungen, um ihre schlechte Laune zu heben, doch Rose duldete keine Musik im Auto. So betrachtete Ruth schweigend das Buschland, das sich zu beiden Seiten der Pad erstreckte. Nur wenige Wüstenpflanzen bedeckten die Fläche aus Sand und Steinen, eine einzelne Schirmakazie streckte ihr Dach über zwei Oryxantilopen, die dösend auf den Sonnenuntergang warteten.

Ruth liebte dieses Land. Sie liebte die Sonne, die im Sommer die Luft aufheizte, und besonders liebte sie die Weite, den schier unerreichbaren Horizont. Weite, Licht, Stille. Mehr brauchte sie nicht zum Leben.

Sie nahm eine Hand vom Steuer, berührte ihre Mutter am Arm. »Sieh, dahinten sind Springböcke. Leben wir hier nicht wie im Paradies?«

Rose verzog den Mund, doch sie behielt ihre Ansicht für sich, um ihnen beiden den Tag nicht zu verderben.

»Und nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist es so weit: Der Farmerwettbewerb des Jahres 1959 ist eröffnet!«

Ein Tusch erklang, und Ruth war versucht, sich die Ohren zuzuhalten. Vor ihr dröhnte aus einem Lautsprecher Musik, über ihr schwebte die Megaphonstimme des Kommentators, neben ihr lachte jemand, hinter ihr wurde gesprochen, und ein Stück weiter fluchte ein Mann aus vollem Hals. Ruth stand inmitten der Farmer, wurde angerempelt, angestoßen, musste vollen Biergläsern ausweichen, stieg über spielende Kinder, grüßte und erwiderte Grüße. Jemand hieb ihr auf die Schulter, ein anderer zupfte an ihrem Kleid, ein Dritter trat ihr auf die Zehen. Ein Duftgemisch aus Schafsmist, Kuhmilch und Pferdeschweiß umgab sie, dazwischen waberten die Ausdünstungen der zahlreichen Besucher, Bier und Zigarettenrauch.

Ich werde Kopfschmerzen bekommen, dachte Ruth, doch obwohl sie die Stille so liebte, genoss sie auch den Trubel um sich herum. Voller Eifer verfolgte sie die Wettkämpfe und betrachtete die Pferde der benachbarten Farmer. Vor allem ein schwarzer Hengst hatte es ihr angetan. Er hörte auf den Namen Gewitter und war so wild, dass es nur erfahrenen Reitern gelang, ihn zu bändigen. Sein Fell glänzte wie Dolomit in der Sonne, die Sehnen an seinem Hals traten deutlich hervor, die Beine tänzelten unruhig. Welch ein Zusammenspiel von Kraft und Schönheit! Ruth konnte sich kaum von seinem Anblick lösen. Ihre weißen Schuhe waren bereits schmutzig, der Absatz des linken verbogen, doch das merkte sie kaum. Beide Unterarme auf einer Gatterstange abgestützt sprach sie leise auf den Hengst ein, der vor ihr stand und wild schnaubte. »Na, Gewitter, ist es dir hier auch zu laut? Das müssen wir beide wohl heute aushalten. Wir sind für das Land gemacht, nicht wahr, mein Schöner? Aber ein so prachtvoller Hengst wie du muss sich auch vorzeigen lassen.«

»Na, Ruth, altes Haus.« Jemand schlug ihr kumpelhaft eine Hand ins Kreuz.

Ruth schrak auf und fuhr herum. »Hey, Nath, bist du gekommen, um mich siegen zu sehen?«

Der junge Mann lachte. »Du hast die letzten Male gewonnen. Deine Glückssträhne ist vorüber, glaub’s mir! Heute gewinne ich!« Der Farmer aus der Nachbarschaft von Salden’s Hill stutzte und betrachtete sie mit einem Mal, als hätte er sie noch nie gesehen. »Ist das … Das ist doch nicht etwa ein Kleid?«, fragte er verblüfft.

»Nein, ein Futtersack!«, erwiderte Ruth beleidigt und wandte sich wieder dem Hengst zu.

Nathaniel Miller lachte und hieb ihr noch einmal fröhlich ins Kreuz. »Hey, Ruth, sei doch nicht gleich eingeschnappt! Aber du in einem Kleid, das ist … Das ist …«

»Das ist was?« Ruth fuhr herum und funkelte Nath wütend an. »Was ist ein Kleid an mir, na?«

Er wich zurück und hob abwehrend die Hände. »Nichts, es ist nur ungewohnt. Und, ähem, ja, du siehst gut aus in dem Kleid.« Er grinste unbeholfen, drehte sich um und verschwand, so schnell er gekommen war, in der Zuschauermenge.

Ruth schnaubte verächtlich durch die Nase. »Pfff! Farmer! Keine Ahnung von Frauen, keine Ahnung von irgendwas. Nur Schafscheiße im Kopf!«

Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Stange und betrachtete das Gewimmel um sich herum. Links war ein großes Gatter aufgebaut, in dem die Wettkämpfe im Viehtreiben stattfinden sollten, rechts befand sich der Schuppen zum Schafescheren, daneben zwei kleine Koppeln und dazwischen ein Gang, der zum Zählen und Drenchen der Schafe gebraucht wurde.

Wie anders heute alles aussah! Ruth lächelte. Auch wenn Gobabis sich Stadt nannte, war es normalerweise nur ein verschlafenes Nest. Es gab zwar eine Tankstelle, einen Gemischtwarenladen, eine Bäckerei, eine Fleischerei, zwei Kneipen, eine Autowerkstatt, ein Geschäft für Viehfutter und Landwirtschaftsbedarf, eine Apotheke, eine Bank und ein Bekleidungsgeschäft, doch städtisches Flair hatten, wenn überhaupt, nur Windhoek und Swakopmund. Aber auch dort gab es weder Straßen- noch U-Bahnen, und die Flaniermeilen waren so kurz, dass auch die behäbigsten Spaziergänger sie in einer Stunde auf- und abgeschritten waren. Heute jedoch war Gobabis herausgeputzt wie ein junges Mädchen vor dem ersten Tanzabend. Auf der Terrasse des einzigen Hotels hatten sich ihre Mutter sowie Mrs. Weber, Mrs. Miller und Mrs. Sheppard von den Nachbarfarmen niedergelassen. Nicht nur Rose hatte sich heute besonders schick gemacht. Auch die anderen drei wirkten, als wollten sie am Abend ins Theater nach Windhoek und nicht nur auf den Farmerball der Kleinstadt.

Ruth winkte kurz zu den Frauen hinüber und schlenderte dann zu dem Feld, auf dem das Schafestemmen stattfinden sollte. Die jungen Farmer hatten sich bereits aufgereiht, die Arme ein wenig angewinkelt, die Brust gebläht. Hier ging es nicht um Farmwirtschaft, hier ging es um Kraft und Stärke. Der Sieger des Schafstemmwettbewerbs konnte fast sicher sein, am Abend mit dem schönsten Mädchen den Tanz eröffnen zu können. Ruth musste noch immer kichern, wenn sie daran dachte, wie sie den Männern in den letzten Jahren die Show gestohlen hatte. Auch jetzt beäugten die Wettbewerbsteilnehmer sie misstrauisch; doch dann schienen die Männer das Kleid und ihre Schuhe zu bemerken, denn es ging ein Aufatmen durch die Männerrunde. Endlich, endlich waren sie wieder unter sich.

Fachkundig betrachtete Ruth die Muskeln der Wartenden. Nath machte eine recht gute Figur, und dennoch war zweifelhaft, ob er tatsächlich eine Chance hatte zu gewinnen. Ruth jedenfalls hatte ihn bisher noch immer bezwungen. Außerdem war Nath keine Kämpfernatur, sondern eher ein Spieler, der alles auf die leichte Schulter nahm. Er war bekannt dafür, jeder Schürze hinterherzujagen, hatte überdies eine Schwäche für schnelle Autos und gutes Bier. Und dass er sich noch nicht so recht mit dem Ernst des Lebens anfreunden konnte, war wohl auch ein Grund dafür, dass Miller’s Run noch immer von Naths Vater geleitet wurde. Der alte Miller wartete mit steigender Ungeduld darauf, dass sein Sohn so weit war, Verantwortung für sich und die Farm zu übernehmen. Hätte er Ruth nach ihrer Meinung gefragt, hätte er jedoch zur Antwort bekommen, dass er auf Naths Erwachsensein warten könne bis zum Jüngsten Tag.

Als sie hörte, dass neben ihr mehrere junge Frauen tuschelten und ihr interessierte Blicke zuwarfen, hob Ruth die Hand und winkte lässig. »Hey.«

»Hey, Ruth«, antwortete eine der Frauen.

»Hey, Carolin.«

»Du trägst ja ein Kleid. Nimmst du in diesem Jahr etwa nicht am Wettbewerb teil?«

Ruth schüttelte den Kopf. Sie mochte Carolin, mit der sie in die Schule gegangen war, auch wenn sie wie die meisten anderen Mädchen in Ruths Alter von nichts anderem als von ihrem Verlobten sprach. Ein weiteres beliebtes Thema in der Runde der jungen Frauen waren die jungen Ehemänner und das aufregende Eheleben. Allein Ruth schien bei Gott nicht zu verstehen, was an einem elektrischen Küchenherd so besonders war, dass man deswegen gleich in Rudeln in die Stadt fahren und sich an den Schaufenstern die Nase plattdrücken musste. Sie hatte auch kein Verständnis für das Getuschel und Gewisper und wollte nicht wissen, welcher der Ehemänner ein guter Liebhaber war und welcher der ledigen Farmer eine lohnende Partie. Sie hatte andere Sorgen.

»Nein«, erwiderte sie grimmig. »Mutter will es nicht. Sie wünscht sich, ich wäre wie Corinne. Am liebsten wäre ihr, ich heiratete einen ähnlichen Mann und zöge mit ihr und ihm in die Stadt in eine weiße Villa.« Ruth verdrehte demonstrativ die Augen.

Carolin lachte. »Ja, das wäre wohl wirklich nichts für dich. Du heiratest doch erst, wenn die Verwaltung erlaubt, dass eine Farmerin ihren Leithammel ehelichen darf, was?« Sie lachte schallend, und die anderen Mädchen stimmten ein.

Obwohl Ruth eigentlich Carolins Meinung war, fühlte sie plötzlich Wut in sich aufsteigen. »Was soll das denn heißen? Glaubst du vielleicht, ich bin nicht in der Lage, eine gute Ehefrau zu sein? Traust du mir ein trautes Heim nicht zu, oder was?«

Carolin lachte noch immer. »Ich traue dir alles Mögliche zu, Ruth, aber eine treu sorgende Ehefrau wirst du im Leben nicht!«

Ruth wandte sich ruppig ab und stapfte verärgert davon, ohne die jungen Frauen eines weiteren Blickes zu würdigen. »Pfft«, knurrte sie zwischen den Zähnen und warf den Kopf trotzig zurück. »Was wissen die denn von der Ehe? Gänse, allesamt! Ich brauche jetzt erst einmal ein Bier.«

Auf halbem Wege zum Bierstand hörte sie durch das Stimmengewirr, dass gerade der Sieger des Schafstemmwettbewerbs verkündet wurde. Sie drehte sich um. Offensichtlich hatte wider Erwarten doch Nath gewonnen, denn er riss die Arme hoch und reckte die Faust zum Zeichen des Sieges hoch.

Ungläubig sah Ruth auf die Szenerie. »Und, Alex, wie viel Kilo hat Nath gestemmt?«, fragte sie einen alten Farmer, der neben ihr stand.

Der Alte lachte. »Hast wohl Angst um deinen Rekord, was?«

»Ach was!«, sagte Ruth verächtlich. »Schafestemmen ist was für Kinder. Aus dem Alter bin ich wirklich raus. Trotzdem will ich wissen, was Nath geschafft hat.«

»Meine Ohren sind nicht mehr so gut, aber ich denke, ich habe da was von fünfzig Kilo gehört.«

»Fünfzig Kilo? Wirklich? Nicht mehr?«

»Yeap.«

Als der Alte gegangen war, betrachtete Ruth noch immer nachdenklich Naths Muskeln. Dann zuckte sie gleichgültig mit den Schultern und machte sich auf den Weg zur Terrasse, wo sie ihre Mutter weiterhin vermutete.

»Hey, Ruth!«

Ruth drehte sich um und ließ ihren Blick durch die Menge schweifen, um zu sehen, wer nach ihr gerufen hatte. Der Farmerwettbewerb war eine der wenigen Gelegenheiten im Jahr, alle Nachbarn zu treffen, denn die Farmen lagen verstreut, und manchmal musste man zehn Kilometer reiten, um das nächste Haus oder das nächste Telefon zu erreichen. Besuche unter Nachbarn waren entsprechend selten, denn eine Farm machte viel Arbeit, und Zeit war kostbar. Kein Wunder also, dass wichtige Gespräche unter den Nachbarn meist auf dem jährlichen Rodeo oder während des Farmerwettbewerbs geführt wurden.

»Was ist los, Tom? Willst du dir wieder meinen Hammel ausleihen?«

Tom antwortete nicht, lächelte nicht einmal, als er sich den Weg zu ihr bahnte. Erst als er bei Ruth angelangt war, stieß er mit dem Finger an den Rand seines Huts und nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel. »Wann können wir reden?«, fragte er ungewohnt ernst.

»Reden? Worüber?« Ruth war überrascht. Was konnte ihr Nachbar von ihr wollen?

»Ich interessiere mich für euer Weideland nördlich der Green Hills.«

»Das kann ich mir denken, es grenzt ja an deine Farm. Aber es ist nicht zu verkaufen.«

Tom nickte bedächtig und steckte sich langsam eine neue Zigarette an. »Hör mal, Ruth, du brauchst keine Angst haben, dass ich eure Notlage ausnutze. Ich mache euch einen fairen Preis.«

»Bitte? Wovon redest du? Was für eine Notlage?« Ruth spürte, wie sich eine Faust in ihrem Magen zusammenballte. Angst überkam sie, eine unbekannte Furcht, die sie nicht näher erklären konnte. Es war, als würde der Himmel sich plötzlich verdunkeln.

Der Farmer schüttelte den Kopf. »Vor mir brauchst du dich nicht zu verstellen. Wir kennen uns lange genug. Vertraust du mir nicht?«

Ruth zog die Stirn in Falten. »Ehrlich, Tom, ich verstehe überhaupt nichts. Von welcher Notlage redest du? Was soll los sein mit Salden’s Hill? Was hat der Buschfunk schon wieder zu tratschen?«

Tom wirkte ehrlich erstaunt. »Du weißt nichts, wie?«

Ruth schüttelte den Kopf. »Nein, was denn? Rück endlich raus mit der Sprache!«

»Die ganze Stadt, alle hier sprechen von nichts anderem. Salden’s Hill ist pleite. Ihr müsst verkaufen, habt ja nicht mal die Startgebühren für den Wettbewerb aufbringen können.«

»Was? Wieso verkaufen? Wer sagt denn so etwas?« Ruth war außer sich und drängte darauf, mehr zu erfahren. »Los, nun sag schon: Wer hat das behauptet?«, rief sie.

Tom aber tippte sich nur an den Hut und wandte sich ab. »Denk über mein Angebot nach, Ruth. Ein besseres wirst du nicht bekommen.«

Ruth sah ihm verwirrt nach. Wie kam Tom nur auf den Gedanken, Salden’s Hill könnte pleite sein? Sie schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Oder doch?

Ruth leitete die Farm seit dem Tod ihres Vaters allein. Sie teilte am Morgen den schwarzen Farmarbeitern die Aufgaben zu, ritt die Grenzzäune ab, kontrollierte die Tränken, den Wasserspeicher, den Generator. Sie kümmerte sich um das Drenchen und Scheren, sortierte die Wolle und leitete den Verkauf ein, mietete den Truck, um die Karakulschafe zur Auktion zu fahren, und bestellte den Tierarzt, wenn es nötig war. Damit war Ruth seit nunmehr drei Jahren für schlichtweg alle Arbeiten zuständig, die außerhalb des Hauses anfielen.

Ihre Mutter widmete sich den Aufgaben, die im Haus zu erledigen waren, und darüber hinaus dem gesellschaftlichen Leben. Sie suchte neue Gardinen aus, wenn die alten aus der Mode gekommen waren, erstellte Speiseplan und Einkaufslisten und kümmerte sich auch um die Bankgeschäfte und die Buchhaltung der Farm. Außerdem bereitete sie die jährliche Teilnahme am Wohltätigkeitsbasar vor.

Doch, da war etwas! Mit einem Mal erinnerte sich Ruth, dass sie ihre Mutter bereits vor zwei Wochen gebeten hatte, Kraftfutter für die Schafe zu bestellen. Es eilte zwar nicht, da Regenzeit war und die Schafe auf der Weide genug Futter fanden, doch der nächste Sommer kam bestimmt und mit ihm die Trockenheit, die in jedem Jahr die Weiden zu graubraunen Flächen verbrannte. Zudem waren die Preise für das Kraftfutter gerade niedrig, und je näher der Sommer käme, desto teurer würde der Einkauf werden. Das Futter hätte also schon lange geliefert werden müssen. Konnte das Ausbleiben der Lieferung damit zusammenhängen, dass tatsächlich kein Geld mehr auf den Konten war?

Ruth runzelte die Stirn. Die Farm lief gut, denn Karakulschafe wie die ihren – besonders die Lämmer – waren begehrt und wurden gut bezahlt. Der Wollaufkäufer verkaufte die Lammwolle nach Europa, wo Persianermäntel, -hüte, -capes und viele andere Stücke daraus gefertigt wurden. Mäntel, wie Ruth sie in einer von Corinnes Zeitschriften gesehen hatte. Der dazugehörige Preis hatte Ruth beinahe in Ohnmacht fallen lassen: Ein einziger Mantel kostete mehr als zwanzig neue Schafe! Wo also war das Geld geblieben?

Es war nicht so, dass auf Salden’s Hill das Geld mit beiden Händen ausgegeben wurde. Die schwarzen Farmarbeiter lebten mit ihren Familien in flachen Steinhäusern auf dem Farmgelände und erhielten den üblichen Lohn, dazu Gratifikationen. Mit Mama Elo und Mama Isa lebten zwei weitere Angestellte in einem Nebengebäude des Farmhauses. Sie gingen Rose zur Hand und kochten für Ruth, Rose und Klette einmal am Tag, meist am Abend, ein warmes Essen mit reichlich Fleisch. Am Morgen gab es Mieliepap, einen Maisbrei, und zu Mittag Sandwiches.

Salden’s Hill verfügte zwar über ein Telefon, hatte jedoch keinen Fernseher, wie ihn sich einige der wohlhabenden Farmer inzwischen leisteten, sondern lediglich einen Radioempfänger, der von einer Autobatterie betrieben wurde. Und Strom erzeugte der Generator, der so eingestellt war, dass am Abend um zehn Uhr, wenn alle zu Bett gingen, das Licht im Haus erlosch.

Auch sonst wirtschafteten die Saldens sparsam: Ruths Mutter hatte einen kleinen Garten, in dem Oleander und Hibiskus wuchsen, und Mama Elo und Mama Isa hegten Gemüsebeete mit Bohnen, Kürbissen, Bataten und Kräutern. Das alles war möglich, weil die Farm der Saldens im Vergleich zu anderen über viel Wasser verfügte, denn eine unterirdische Quelle speiste den Brunnen. Ruth war ihrem Großvater noch heute für die weise Voraussicht dankbar, die er an den Tag gelegt hatte, als er einen Schwarzen damit beauftragte, die passende Stelle für einen Brunnen zu finden. Zweifellos kannten die Eingeborenen das Land besser als jeder andere – nur wussten die wenigsten Farmer deren Kenntnisse für sich zu nutzen. Wie wichtig hier am Rande der Kalahari der Zugang zu einer Quelle war, wurde jeden Sommer wieder schmerzhaft deutlich; so manche Trockenzeit hatte bereits genügt, um ganze Viehherden eingehen zu lassen. Und viele ihrer Nachbarn mussten bei Dürre sogar Wasser aus Swakopmund holen.

Da Mama Elo an jedem Freitag die Schafsmilch zu Käse für die ganze Woche verarbeitete und die Kühlkammer voller Lammfleisch hing, benötigten die Frauen und Männer von Salden’s Hill nur wenig aus der Stadt. Ruth bestellte jede Woche drei Kästen Bier und zwei Flaschen Whiskey, ihre Mutter kaufte Kosmetik, Putzmittel und Haushaltsgerätschaften ein, außerdem Dinge, die auf der Farm gebraucht wurden. Doch alle diese Sachen kosteten kein Vermögen. Dass Salden’s Hill vor der Pleite stand, konnte also eigentlich nicht sein.

Ruth wandte sich um, um nach Tom Ausschau zu halten. Sie brannte darauf zu erfahren, wer diese Lügen über die Farm verbreitete. Und dieses Mal würde er sich nicht um eine Antwort drücken können.

Endlich entdeckte sie ihn am Rande des Geländes, das für den Wettbewerb abgesteckt war. Offensichtlich stritt er sich mit dem alten Alex. Neugierig geworden ging Ruth in die Richtung der beiden Männer.

»Gib doch zu, dass du es warst, der mir das Benzin aus meinem Haustank gestohlen hat!«, schrie der Alte und reckte angriffslustig die Faust. »Ich habe dich gesehen, jawohl!«

»Du mich gesehen? Du bist blind wie ein Maulwurf, Alex. Du würdest nicht einmal eine Herde Elefanten auf einen Steinwurf sehen«, entgegnete Tom ruhig.

»Trotzdem weiß ich, dass du es gewesen bist. Jeder hier weiß, dass du klaust, was nicht angeschweißt ist. Gesagt hat keiner was. Aber allen ist klar, dass es um dein Land nicht zum Besten steht. Mitleid haben wir gehabt, jawohl, aber jetzt hast du den Bogen überspannt!« Alex schnaubte empört. »Ein paar Liter Diesel hin und wieder, und ich hätte geschwiegen wie die anderen, aber den ganzen Tank abpumpen? Nein, Tom, das ist zu viel. Ich gebe dir bis morgen Zeit, den Schaden wiedergutzumachen. Tust du es nicht, werde ich entweder den Farmerverband informieren oder die Polizei.« Alex spuckte Tom vor die Füße, wandte sich abrupt ab und stapfte grummelnd davon.

Ruth warf Tom einen fragenden Blick zu, dem dieser eilig auswich, und lief dann Alex nach. »Stimmt das, Alex?«

»Was soll stimmen?«, brummte der Alte widerwillig.

»Dass es Toms Farm schlecht geht.«

Alex blieb stehen. »Klatschst du jetzt auch wie die Weiber, die nichts Besseres zu tun haben?«

Ruth schluckte und senkte den Kopf. »Nein«, stammelte sie und fühlte die Röte in ihre Wangen schießen.

»Warum fragst du dann?«

Ruth sah Alex an. Am liebsten hätte sie von Toms unglaublicher Lüge erzählt. Und doch hielt sie etwas zurück. »Hast recht, Alex. Klatsch ist was für die, die auf der Terrasse sitzen und Likörchen schlürfen. Ich sollte mal nach den Pferden sehen. Kann sein, dass Nath Hilfe bei Gewitter braucht.«

Hatte sich tagsüber schon der Vorplatz verändert, erstrahlte am Abend auch das Hotel selbst in neuem Glanz. Lichterketten zogen sich um die Säulen, Kübelpflanzen schmückten den Eingang, ein livrierter Schwarzer mit weißen Handschuhen begrüßte jeden neuen Gast, bevor zwei Serviermädchen in blütenweißen Schürzen einen Aperitif reichten.

Der Saal des Hotels, eigentlich für Versammlungen, Hochzeiten, Sportveranstaltungen und Sitzungen ausgelegt, versprühte Feierlichkeit. Das Licht war gedämpft, auf den Tischen brannten Kerzen, glänzende Tischwäsche reichte bis auf den Boden, und überall prangten Gestecke aus trockenen Zweigen und Wüstengras. Erwartungsvolles Gelächter perlte wie Sekt, auf nackten Frauenschultern schimmerte das Kerzenlicht wie Gold, und der Saal war erfüllt vom Knistern der Seidenkleider. Hatten die Männer am Nachmittag noch ihre Farmerskluft getragen, steckten sie nun in schwarzen Anzüge mit weißen Hemden. Wangen und Kinn waren frisch rasiert, die Blicke voller Erwartung auf die Dekolletés der Frauen gerichtet.

Am Kopf des Saales war ein großes Buffet aufgebaut, das vor Speisen überquoll. In riesigen Schüsseln wurden Farmer’s lekkerny als Vorspeise angeboten, außerdem ein Salat aus Ziegenkäse, Kaktusfeigen und geräuchertem Wildfleisch. Es gab Biltong, eine namibische Spezialität aus verschiedenen Wildfleischsorten, die in Streifen geschnitten, scharf mit Koriander und Pfeffer gewürzt und anschließend luftgetrocknet wurden. Außerdem wurden Straußenkeulen in Weißweinsoße sowie Fleisch vom Oryx, Zebra und natürlich aus den eigenen Zuchten serviert. In einer riesigen Pfanne brutzelten Springbocksteaks, daneben brodelte ein Schafscurry und erfüllte die Luft mit seinem köstlichen Duft. Süßkartoffeln dampften in riesigen Schüsseln, gekochte Kürbisse lockten mit sattgelber Farbe, Bohnen mit Speck und Salate aus Möhren, Sellerie und Rosinen vervollständigten die Tafel.

Ruth hielt ihren Teller in der Hand, unfähig, sich zu entscheiden. Sie liebte das Wildfleisch, konnte sich an Antilopensteaks nicht satt essen, hätte sich am liebsten von allem auf einmal aufgelegt, doch die warnenden Blicke ihrer Mutter hielten sie davon ab, sich ein drittes Springbocksteak aufzutun.

»Na, Ruth, stehst du unter Beobachtung?« Nath Miller grinste sie an.

Ruth seufzte. »›Eine Dame begnügt sich mit Gemüse‹«, zitierte sie ihre Mutter und ahmte dabei deren Tonfall nach.

Nath lachte und sah sich nach Rose Salden um. »Pass auf, Ruth. Ich nehme ein bisschen mehr – Männer dürfen, nein, sie müssen das –, und am Tisch gebe ich dir etwas von meinem Fleisch ab.«

Ruth überlegte, aber als sie Naths Blick sah, der auf ihr deutlich sichtbares Bäuchlein gerichtet war, griff sie nur nach einer Banane und ging hoch erhobenen Hauptes davon, auch auf den Nachtisch verzichtete sie.

Nach dem Essen spielte eine Kapelle zum Tanz auf: zwei Eingeborene an der Gitarre, ein weiterer Schwarzer am Schlagzeug, ein Weißer am Saxophon. Die Combo nannte sich Namib, »Leben«, und wurde in Gobabis für alle Veranstaltungen gerne gebucht. Heute hatten sie zum ersten Mal einen Weißen in ihren Reihen. Das war erstaunlich, denn noch immer galt Musik, zumal Tanzmusik, als Sache der Eingeborenen. »Den Schwarzen liegt die Musik eben im Blut«, hieß es allgemein.

Der Saxophonspieler zeigt jedenfalls, dass auch in seinen Adern Musik fließt, dachte Ruth und wippte mit den Beinen, während sie zu den anderen herübersah. Noch war die Tanzfläche leer, da sich keiner recht zu trauen schien, den Anfang zu machen. Als die Kapelle jedoch nach einer Weile mit dem Jailhouse Rock einen ersten Titel von Elvis Presley anspielte, stürmten die jungen Leute auf die Tanzfläche, um sich dort auszutoben, und sie blieben auch, während weitere aktuelle Rock’n’Roll- und Twisttitel gespielt wurden. Spielten die Musiker deutsche Walzer oder gar eine Quadrille, verzogen sie sich jedoch und gaben das Parkett für die alten Oukies frei.

Ruth hielt sich von alldem fern und beobachtete die tanzende Menge von ihrem Platz an der Seite aus. Sie schwitzte. Die Luft im Saal war drückend; es roch nach den unterschiedlichsten Duftwässern, den Resten des Buffets und nach Schweiß. Schon seit zwei Stunden hatte sie sich nicht von ihrem Stuhl bewegt, sondern nur zugesehen, wie ihre ehemaligen Schulkameradinnen mit den Nachbarn Rock’n’Roll tanzten, bis die Röcke hochflogen und einen kurzen Blick auf die Schlüpfer preisgaben.

Sie hatte beobachtet, wie ihre Mutter bei der Quadrille die Damenmühle vermasselte, und sie hatte beim Walzer sogar ein wenig mit dem Fuß gewippt. Sie hatte drei Flaschen Bier und einen Whiskey getrunken, doch getanzt hatte Ruth nicht ein einziges Mal. Zwar waren die Nachbarn gekommen, um sie aufzufordern, doch Ruth war das erleichterte Lächeln auf ihren Gesichtern nicht entgangen, als sie dankend abgelehnt hatte.

Sie seufzte missmutig und ließ ihren Blick erneut durch den Saal schweifen. In ihrer Nähe hockte Alex mit weit von sich gestreckten Beinen auf seinem Stuhl, schmauchte genüsslich eine Zigarre und betrachtete wohlwollend die jungen Mädchen beim Tanzen. Wenige Schritte daneben flirtete Carolin mit einem jungen Mann, der vor Kurzem die Tierarztpraxis des alten Doktor Schneemann übernommen hatte. Die junge Frau hielt ein Glas Sekt zierlich am Stiel, warf beim Lachen den Kopf so in den Nacken, dass ihr seidiges Blondhaar wehte, dann zog sie einen Schmollmund, nahm eine Haarsträhne zwischen zwei Finger und drehte spielerisch an ihr herum. Der junge Tierarzt sah ihr tief in die Augen, berührte sie leicht am Arm und lachte, als wäre er von Sinnen.

Peinlich berührt wandte Ruth den Blick ab. Unglaublich, wie albern sich Verliebte benahmen! Konnte man die Dinge zwischen Mann und Frau nicht in einem sachlichen Gespräch klären? Frei nach dem Motto: »Du, hör mal, ich finde, wir sollten heiraten, weil deine Farm an meine Farm grenzt und wir so den gemeinsamen Viehweg besser nutzen können. Zwei Kinder wären auch ganz gut, schließlich muss irgendwann jemand die Farm übernehmen. Falls eines von ihnen versagt, ist noch das andere da. Wenn beide als Farmer geeignet sind, können wir unseren Besitz ja wieder trennen.«

Die Frau, so stellte sich Ruth das Abkommen vor, würde im Kopf den Grenzverlauf der Farm, die Anzahl der Hektar Weidefläche und die Stückzahl des Viehs überdenken und dann Ja oder Nein sagen. Falls sie romantisch veranlagt war, überlegte sie womöglich noch, wie viel Bier der Mann trank, ob er sich für Blümchentapete im Schlafzimmer begeistern könnte und geduldig genug war, den zukünftigen Kindern das Reiten beizubringen. Ihr hingegen war eine Blümchentapete im Schlafzimmer ziemlich gleichgültig – schließlich schloss man beim Schlafen ohnehin die Augen. Wozu also die Umstände?

Doch Ruth musste sich einmal mehr eingestehen, dass das wahre Leben anders verlief, und zwar weit weniger rational, als es ihr persönlich vorschwebte. Da wurde gelächelt und getuschelt, da wurde gelacht und getanzt und geflirtet, und am Ende war ohnehin meist alles für die Katz.

Nath wirbelte an ihrem Tisch vorbei. Er hielt ein Mädchen im Arm, seine Augen hielten jedoch schon nach der Nächsten Ausschau. Was für eine Zeitverschwendung! Und doch, merkte Ruth, würde sie womöglich selbst noch sentimental werden, wenn sie den jungen Männern und Frauen weiter zusah oder noch ein viertes Bier trank.

Entschlossen stand sie auf, trank im Stehen den letzten Rest aus der Bierflasche, zog ihren Rucksack unter dem Stuhl hervor und stakste zum Tisch ihrer Mutter. »Wie sieht es aus? Kommst du mit, oder willst du hier im Hotel übernachten? Vielleicht kann dich morgen jemand zur Farm mitnehmen.«

Unwillig wandte Rose ihrer Tochter das erhitzte Gesicht zu. »Ach, komm, Liebling, warte noch ein wenig! Es ist gerade mal zehn Uhr. Lass uns noch ein wenig feiern. Wann kommen wir denn schon mal raus aus Salden’s Hill? Amüsierst du dich etwa nicht?«

»Das ist nicht die Frage, Mutter. Du weißt doch, dass ich morgen früh rausmuss. Um sechs Uhr klingelt der Wecker. Spätestens. Die Sonne kennt keine Rücksicht. Auch morgen Mittag werden wieder vierzig Grad im Schatten sein, und arbeiten kann ich nur, solange es noch einigermaßen kühl ist. Warum nimmst du dir kein Hotelzimmer und kommst morgen nach?«

Rose beugte sich zu ihr und murmelte so leise, dass nur Ruth sie verstehen konnte: »Zu teuer.« Dann erhob sie sich und verabschiedete sich lächelnd von ihrer Tischgesellschaft: »Ihr Lieben, es war ein wunderschöner Abend. Habt allesamt herzlichen Dank dafür. Die Zeit ging wieder einmal viel zu schnell vorbei. Aber ihr wisst ja, wie das ist: Die Farm ruft.«

Ruth befürchtete, dass ihre Mutter sogleich damit beginnen würde, Kusshände zu werfen, und zog sie wortlos hinter sich aus dem Tanzsaal zum Dodge. Auch während der Fahrt schwiegen die Frauen lange. Rose hing in Gedanken dem vergangenen Abend nach; Ruth starrte konzentriert auf die dunkle Schotterstraße vor sich. Die Pad war unbeleuchtet, und auch der Mond, der schmallippig am Himmel hing, schaffte es nicht, die Straße zu erhellen.

»Hattest du einen schönen Abend?«, brach Rose schließlich das Schweigen.

»Es ging so«, erwiderte Ruth und wich im selben Moment einem Schlagloch aus.

»Helena von der Neckarfarm wird kommenden Monat heiraten. Ihre Mutter hat uns Fotos vom Brautkleid gezeigt. Ein Traum aus Seide!«, verfiel Rose sofort in Plauderton. »Ihr Mann stammt aus Südafrika. Er besitzt dort ein Weingut. Guter Stall, meint Helenas Mutter. Nun, sie hat es verdient. Drei Kinder in der Wildnis großzuziehen, das hat sie einige Nerven gekostet.«

»Mutter, wir leben nicht in der Wildnis. Wir wohnen alle in Steinhäusern mit fließendem Wasser und Elektrizität. Tu nicht immer so, als wären wir wie die Eingeborenen, die ihren Mieliepap noch immer in heißer Asche zubereiten.«

»Ich frage mich nur, warum du eigentlich zum Ball gegangen bist. Soweit ich das mitbekommen habe, hast du nicht ein einziges Mal getanzt. Dabei hat dich sogar der junge Tierarzt aufgefordert, mit dem sich auch Carolin vergnügt hat. Hast du gesehen, wie sie ihm schöne Augen gemacht hat? Ruth, mein Schatz, du weißt, ich liebe dich sehr, doch du musst langsam lernen, deine wenigen Möglichkeiten zu nutzen. Warum also hast du dagesessen wie ein Stock und nicht wenigstens ein Mal gelächelt?«

Ruth schwieg. Weil ich zu dick und zu unansehnlich bin, statt weiblicher Rundungen nur Muskeln habe, nicht geziert lachen kann und mein Haar niemals so seidig wehen wird wie das der Helenas und Carolins dieser Welt. Das schöne Kleid – Nath hat recht – sieht an mir aus wie ein Futtersack, und die Schuhe wirken an mir nicht schöner als an einer Elefantenkuh.

»Und hast du gehört, dass auch Millie Walden kurz vor ihrer Verlobung steht?« Rose plauderte bereits weiter. Sie erwartete keine Antwort von ihrer Tochter und erging sich stattdessen ausführlich über die anstehenden Hochzeiten, die Kleider der Damen und darüber, welcher der Farmer noch zu haben sei.

Ruth biss die Zähne zusammen und bemühte sich, das Geplapper geduldig zu ertragen, dann aber platzte sie doch heraus: »Hast du mit Tom gesprochen?«

»Nein, natürlich nicht. Wann denn? Und warum sollte ich überhaupt mit ihm sprechen?« Rose sah ihre Tochter an, als hätte diese ihr ein unanständiges Angebot unterbreitet.

»Er sagte, Salden’s Hill stünde vor dem Bankrott. Er will uns ein Angebot für das Weideland drüben an den Greenhills machen.«

Roses Lächeln verschwand schlagartig. Sie wirkte auf einmal angespannt. »Was hast du ihm geantwortet?«

»Was soll ich ihm schon gesagt haben? Dass er sich irrt, natürlich. Salden’s Hill geht es gut, die Weiden stehen nicht zum Verkauf. Die an den Green Hills nicht und ebenso wenig die anderen.«

Rose stieß einen erleichterten Seufzer aus und sah dann betont ruhig aus dem Fenster. »Bald ist Neumond.«

Ruth betrachtete sie von der Seite. Als ihre Mutter die Blicke bemerkte, setzte sie ihr Festtagslächeln wieder auf und wandte sich Ruth wieder zu. »Das war gut, mein Schatz. Jeder von uns weiß doch, dass Tom hin und wieder Dinge sagt und tut, die unsereins nur sehr schwer nachvollziehen kann.«

»Ist was dran an seinen Worten, Mutter? Stehen wir vor dem Ruin?«

»Ach wo! Ich möchte nur wissen, wie du auf so etwas kommst, Kind.« Sie gähnte, hielt sich geziert die Hand vor den Mund. »Ich bin auf einmal so müde. War doch ein anstrengender Tag. Ist es dir recht, wenn ich für ein paar Minuten die Augen schließe, Schatz?«

Ruth brummte zustimmend. Von ihrer Mutter hatte sie erst einmal keine Antwort mehr zu erwarten. War also doch etwas dran an Toms Sprüchen? Hatten sie wirklich finanzielle Schwierigkeiten?

Zweites Kapitel

Obwohl Ruth todmüde war, wartete sie ungeduldig, bis ihre Mutter endlich eingeschlafen war. Immer wieder nach den gleichmäßigen Atemzügen lauschend, die aus dem Schlafzimmer ihrer Mutter drangen, schlich sie sich dann wie ein Dieb hinunter ins Büro. Rose mochte es nicht, wenn jemand ihr Arbeitszimmer betrat, und noch weniger duldete sie es, wenn jemand in ihren Unterlagen herumschnüffelte und ihre Ordnung durcheinanderbrachte. Daher blieb Ruth kurz auf der Schwelle stehen und prägte sich alles ein, um den Raum später wieder so verlassen zu können, wie sie ihn vorgefunden hatte. Auf dem Schreibtisch vor dem Fenster lag aufgeschlagen der Kalender ihrer Mutter, rechts daneben befand sich die Schreibtischlampe, links die Stiftschale, neben dieser ein Foto von Ruth und Corinne. Auch der Rest des Zimmers war aufgeräumt, kein Stäubchen, keine Papiere, nicht einmal ein abgebrochener Bleistift lagen herum.

Ruth setzte sich hinter den großen Schreibtisch – angeblich ein Erbstück ihres Großvaters –, öffnete die oberste Schublade und holte behutsam den Ordner mit den Kontoauszügen hervor. Mit klopfendem Herzen blätterte sie ein ganzes Jahr zurück, überprüfte, ob die Raten für den Kredit pünktlich bezahlt worden waren. Tatsächlich hatte ihre Mutter an jedem Monatsersten fünfhundert englische Pfund auf das Konto der Farmersbank in Windhoek eingezahlt. Aktuell waren noch rund sechshundert Pfund auf dem Farmkonto und dreihundertzwanzig Pfund auf Roses Privatkonto. Das war nicht viel, aber normal, denn Farmarbeit war Saisonarbeit. Bald würden die Schafe geschoren und die Wolle verkauft werden, sodass wieder Geld in die Kasse fließen würde. Wieso also sollte Salden’s Hill vor der Pleite stehen?

Ratlos schob Ruth den Ordner zur Seite, stützte den Kopf in die Hände und dachte nach. Hatten sie in diesem Jahr größere Anschaffungen getätigt? Gut, der Generator war überholt worden, und der Fahrzeugschuppen hatte ein neues Dach bekommen. Aber dafür war Geld da gewesen. Ruth schüttelte verständnislos den Kopf.

Mit schlechtem Gewissen öffnete sie die Schublade, in der Rose ihre privaten Sachen aufbewahrte. Dass sie das Bündel Briefe herausnahm – zumeist Rechnungen und Bestellungen, wie sie beim Durchblättern entdeckte –, kam einem Sakrileg gleich. Jeder im Haus wusste, dass diese Schublade tabu war. Ruth suchte dennoch weiter und stieß ganz unten auf eine dünne Immobilienzeitschrift. Verwundert betrachtete sie die rot angestrichenen und kommentierten Inserate: Wohnungen in Swakopmund. »Zu teuer«, hatte ihre Mutter unter der ersten notiert, »schon vergeben« unter der zweiten und unter einer weiteren »zum Monatsende noch einmal anrufen«. Ruth traute ihren Augen nicht. Wollte ihre Mutter ernsthaft nach Swakopmund ziehen? Wollte sie die Farm wirklich verkaufen? Hatte Tom das gemeint, als er ihr das Angebot für die Green-Hill-Weiden gemacht hatte?

Ratlos lehnte sich Ruth im Sessel zurück. Die Wanduhr schlug zwölf Mal, Mitternacht. Es war spät, und ihr würden nur wenige Stunden Schlaf bleiben. Sollte sie nicht lieber mit ihrer Mutter sprechen, als hier Detektivin zu spielen? Ihr Blick fiel auf den geöffneten Kalender: »Kaffee mit Mrs. Miller«, »Inspektion Dodge und Traktor«, »Zahnarzt«, »Friseur« und weitere Notizen, die sie nicht interessierten. Sie blätterte weiter, bis ihr in der letzten Dezemberwoche eine Eintragung auffiel. »Kreditablauf, Summe fällig!«

Ruth stutzte. Was hatte das zu bedeuten? Der einzige Kredit, der die Farm belastete, lief seit drei Jahren und hatte nie Probleme bereitet. Gerade eben hatte sie sich doch noch mit eigenen Augen davon überzeugt!

Sie erinnerte sich noch genau an den Frühsommer des Schicksalsjahres 1956. Sie hatte nach dem unerwarteten Tod ihres Vaters die Leitung der Farm übernommen, den Verwalter in den Ruhestand geschickt und das Zuchtprogramm und die Nutzung der Weiden auf eine neue Methode umgestellt. Alle Nachbarn sagten Salden’s Hill eine goldene Zukunft voraus. Die Schafe gediehen prächtig, die Wolle war von bester Qualität, der Zukauf von Futter durch die Weidenrotation um die Hälfte gesunken. Ruth war glücklich gewesen, obwohl ihr Vater gestorben war. Glücklich und hoffnungsvoll wie nie zuvor in ihrem Leben. Voller Pläne und voller Elan sprang sie jeden Morgen aus dem Bett. Sie wollte die Welt aus den Angeln heben und neben den Karakulschafen und den Rindern auch Ziegen züchten.

Sie wollte auf Salden’s Hill eine eigene Käserei aufbauen, dazu neue Ställe, neue Maschinen und einen neuen Generator mit doppelter Leistung anschaffen. Innerhalb von zehn Jahren wollte Ruth Salden’s Hill zur größten und prächtigsten Farm im ganzen mittleren Namibia machen. Sie plante, den Frauen der schwarzen Farmarbeiter die Käseherstellung beizubringen und ihre Produkte erst nach Gobabis, dann nach Windhoek und später im ganzen Land zu verkaufen. Sie hatte sich auch schon gemeinsam mit Mama Elo und Mama Isa neue Käserezepte ausgedacht und diese ausprobiert: Ziegenfrischkäse mit Minze zum Beispiel oder Schafskäse in Kräuterkruste, dazu mit Frischkäse gefüllte Feigen und eingelegten Schafskäse in Honig-Nuss-Sauce, ein Rezept, das sie in einer deutschen Zeitschrift gesehen hatte.

Ruth hatte davon geträumt, die Feinschmeckerlokale, Hotels und Lodges im ganzen Land mit ihren Waren zu beliefern – und niemand hatte daran gezweifelt, dass sie es schaffen würde. Tatsächlich schien alles so zu funktionieren, wie es sollte. Die Karakullämmer hatten auf der Frühjahrsauktion in Gobabis mehr Geld eingebracht als erhofft, und die Wollpreise waren in die Höhe geklettert, da in Europa nach dem Krieg die Nachfrage nach ein wenig Luxus gestiegen war. Doch dann hatte einer der Farmarbeiter bemerkt, dass sich ein paar Schafe so heftig am Gatter und an den Weidezäunen scheuerten, dass die Wollvliese in Fetzen daran hängen blieben. Sofort hatte Ruth nach dem Tierarzt gerufen. Der aber hatte sie beruhigt und erklärt, es könne an dem neuen Kraftfutter liegen, mit dem Ruth die Schafe wegen der Trockenzeit zugefüttert hatte. Die Tiere müssten sich an die Futterumstellung erst gewöhnen.

Als wenig später Farmarbeiter berichteten, dass einige der Tiere zitterten und mit den Zähnen knirschten und auch der Rest der Herde ruhelos sei, erstarrte Ruth. Sie hatte in der Landwirtschaftsschule von der Traberkrankheit gehört und kannte die Symptome. Aber dass die tückische Krankheit ausgerechnet ihre Herde befallen könnte? Niemals! So etwas passierte anderen, aber nicht ihr, nicht ihrer Herde!

Wieder erschien der Tierarzt, und wieder gelang es ihm, Ruth zu beruhigen. Scrapie sei seit einem Jahrzehnt in dieser Gegend nicht mehr ausgebrochen, erklärte er.

Dennoch nahm er das erste verendete Schaf mit und ließ es im tiermedizinischen Institut von Windhoek untersuchen. Der Befund war ein schwerer Schlag für Ruth und ganz Salden’s Hill. Die Herde war von der Traberkrankheit befallen und musste getötet werden. Und damit nicht genug, denn die Scrapie-Erreger waren so widerstandsfähig, dass sie über Jahre auf den Weiden und in den Ställen überleben konnten. Dass sich eine neue Herde wieder infizieren würde, war daher wahrscheinlich. Zudem mussten die getöteten Tiere in einer Kadaverbeseitigungsanstalt verbrannt werden, was nicht gerade billig war. Mit den Schafen sah Ruth auch ihre Zukunft in Rauch aufgehen. Eine neue Herde, neue Ställe, neue Weiden, ein kompletter Neuanfang – das war finanziell nicht zu schaffen!

Sie konnte sich nicht mehr erinnern, welcher der Nachbarn vorgeschlagen hatte, sie könne einen Kredit bei der Farmersbank in Windhoek aufnehmen, doch sie wusste noch genau, dass schon wenige Tage später ein gut gekleideter Herr mittleren Alters auf Salden’s Hill eingetroffen war, der Rose mit Komplimenten überschüttete und ihr sogar die Hand küsste. Wie ein Retter in der Not war er gekommen, hatte ihre Sorgen mit einer Handbewegung zur Seite gewischt und die Zukunft der Farm in den rosigsten Farben gemalt. Ein kleiner Kredit zu besten Bedingungen, mehr brauche es nicht zum Glück, hatte er behauptet und dabei so ...

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