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Das Fest des Windrads

Informationen zum Buch

Schöner wär’s, wenn’s schöner wär

Die Wiener Managerin Greta und der Taxifahrer Jurek aus Oed könnten gegensätzlicher nicht sein. Und haben doch dasselbe Problem: den Midlife-Blues. Als Greta mit ihrem Zug vor Jureks Kleinstadt liegen bleibt, ist das nicht der Beginn einer großen Liebe, sondern der Anfang einer längst überfälligen Reise zu sich selbst. Das Fest des Windrads ist ein Roman über die naive Landlust der Städter, die trügerische Genügsamkeit der Provinzler und die Suche nach dem richtigen Leben am vermeintlich falschen Ort.

Isabella Straub erzählt frech und wach, wir folgen ihr gern in die absurdesten Situationen des Alltags. (NZZ)

Voller Erfindungsgabe und einer emotionalen Kraft, die sein Witz nicht aufhebt, sondern scharf beleuchtet. (Süddeutsche Zeitung)

Was für eine Bereicherung für die Gesellschaft. (Kulturspiegel)

In leichtfüßigem Ton gehaltene Gegenwartsanalyse, die zwischen Tragödie und Komödie gekonnt zu changieren weiß. (ORF)

ISABELLA STRAUB

Das Fest des Windrads

Roman

1

DER ZUG

1

Vom ersten Satz hängt alles ab. Greta lehnt den Kopf gegen den Sitz. Der Zug rumpelt auf den Schienen, erster Satz, erster Satz, erster Satz. Die Scheibe wirkt klebrig, innen und außen, am liebsten berührte sie hier nichts, nicht die Armlehne, nicht das Sitzpolster mit den rätselhaften Flecken, nicht den schmierigen Griff der Schiebetür.

Sie sieht Vittorio Fras vor sich, wie er die Arme ausbreitet, »mia cara Greta« ruft, sie auf die Wange küsst. Spitze Lippen, falscher Kuss. Er wird seine Hand auf ihre Hüfte legen und sie an seine Brust ziehen, ihr eine Schweinerei ins Ohr raunen, für die sie ihn wegschubsen wird, wie im Spiel, und sie wird ihre süßeste Stimme bemühen und »Vittorio« sagen. Mio caro Vito. Es ist letztlich alles eine Frage der Überwindung.

Sie betrachtet das Graffito des QR-Codes auf ihrem Zugticket und fragt sich, was der Schaffner damit machen wird. Scannen? Lochen? Zwicken? Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal mit der Bahn gefahren ist, es muss Jahrzehnte her sein.

Greta hatte gehofft, einen offenen Wagen vorzufinden, nun aber sitzt sie in einem Abteil, eingekeilt zwischen einem alten und einem jungen Mann, die zeitgleich ihren Proviant auspackten, kaum hatte der Zug den Hauptbahnhof verlassen. Als sie aufblickt, sieht sie schuhsohlengroße Schwarzbrote in den Mündern der Männer verschwinden, sie scheinen nicht zu kauen, und Greta wird sofort übel. Sie erträgt es nicht, anderen beim Essen zuzusehen.

Der eine scheint ein Student zu sein, er trägt eine John-Lennon-Brille und balanciert einen Laptop auf den Knien. Der andere hat ein faltenloses, rundes Gesicht, nur die tiefen Tränensäcke verraten sein Alter. Sie sind angeschwollen und schimmern bläulich, wie zwei kleine Balkone, die nachträglich aufgeklebt wurden, um das Gesicht mit Würde auszustatten.

In San Marino würde Vittorio Fras sie zum Essen einladen, denkt Greta, das bliebe ihr nicht erspart. Seine Einladung am Telefon kam so überraschend, dass sie annahm. Wenn sie richtig verstanden hatte, war bereits im Medusa reserviert, Piazza della Libertà.

Greta würde einen kauenden Vittorio in Kauf nehmen und sich ganz auf die Details konzentrieren: auf seine silbernen Manschettenknöpfe mit den Initialen V und F, auf die eigentümlich langen Härchen an seinem Handrücken, auf seine scharf konturierten Geheimratsecken. Und sie würde auf die Mitteilung warten, die süßer schmeckte als jede Crème brûlée: Dass er sich freue, sie zur Leiterin der neuen Superabteilung für flexible und starre Endoskope zu ernennen. Sie, Greta Kaminsky, ausgestattet mit einem geschliffenen Mundwerk und der Bereitschaft, sich für das Unternehmen in jede Bresche zu werfen.

Für diese Mitteilung durfte er essen, was er wollte: Scampi, frittierten Rucola, der ihm zwischen den Schneidezähnen hängen blieb, er konnte Innereien verschlingen, Leber, Hirn, Zunge, Nieren, und zum Dessert Mousse in allen Variationen, mit Pistazie, Zimt, Kokosraspeln. Sie würde ihn freundlich anlächeln, selbst wenn er während des Essens den Mund öffnete.

»Wie werden Sie es den Kollegen sagen, meine Liebe?«, wird er fragen, nachdem man ihm die Zahnstocher in einer kleinen Schatulle serviert hätte, oder ein weiteres Glas Chateau Latour.

»Vom ersten Satz hängt alles ab«, wird sie sagen, denn darüber hat sie sich Gedanken gemacht wie über kaum etwas anderes. Wenn man den anderen mitteilt, dass man keine Kollegin mehr ist, sondern Vorgesetzte, dann müssen die Worte präzise sein wie die Schnitte eines Chirurgen. Der erste Satz kann alles zerstören, Vertrauen verspielen, Zukunft vernichten. Natürlich wird Fras die Maßnahmen erwähnen. So ein Schnitt geht niemals ohne Maßnahmen über die Bühne. Einige von Gretas ehemaligen Kollegen würden demnächst mit dem Automatenkaffee im Jobcenter vorlieb nehmen müssen. Das sei keine schöne Sache, aber für Schönheit würde man sie schließlich nicht bezahlen, wird Fras sagen. »Feingefühl, meine Liebe«, wird Fras sagen und ihre Hand tätscheln. »Das ist es, was zählt.« Er wird sie an das Schicksal von Wendelin Hufnagl erinnern, obwohl es nicht notwendig ist, daran denkt sie ohnehin oft genug.

In seiner ersten Mail nach der Beförderung hatte Hufnagl der Belegschaft gesammelt das Du-Wort entzogen. Er schrieb: Werte Kollegen. Seien Sie nicht verstimmt, aber ich bin ab heute HERR Hufnagl. HERR – tatsächlich in Großbuchstaben, wie hingespuckt. Natürlich waren alle verstimmt gewesen, und Hufnagl, der davon überzeugt war, mit der größten Empathie vorgegangen zu sein, verstand die Welt nicht mehr. »Sei wenigstens du mir eine Stütze«, sagte Hufnagl zu Greta und gab ihr damit zu verstehen, dass er nach wie vor auf Augenhöhe mit ihr kommunizieren wolle. Doch als er über Nacht seinen alten Kopf abschraubte und gegen den neuen Chef-Kopf mit den schmalen Lippen und dem arroganten Blick austauschte, hatte er es sich auch mit ihr verscherzt, da mochten die Krawatten noch so glänzen, mit denen er vom Gewinde an seinem Hals abzulenken versuchte.

Der erste Satz, denkt Greta, zielt auf das Sympathie-Organ. Immer. Sie kramt in ihrer Tasche, zieht die Hotelreservierung hervor – Superior-Zimmer im Farinelli mit vollelektronischer Minibar – und notiert auf der Rückseite die Worte AUGENHÖHE und TEAMPLAYER sowie BALLÜBERGABE. Die Mannschafts-Metapher gefällt ihr. Darunter kritzelt sie COACH und EINSTIMMEN.

Das war es doch, worum es ging: einen gemeinsamen Ton finden, den alle mitsummen konnten, ein Lied, das sie gemeinsam einstudierten, eine Hymne, denkt Greta.

Eine Hymne.

Klar, dass nur mitsingen konnte, wer in der Lage war, die Töne zu treffen. Das wird ihre erste Aufgabe sein: genau hinzuhören. Die guten Sänger um sich zu scharen.

Sie spürt einen Blick, der sie abtastet, und als sie den Kopf hebt, sieht sie in die wässrigblauen Augen des Tränensack-Mannes. Er hält ihr eine angebrochene Waffelpackung entgegen, sie hebt abwehrend die Hand.

»Essen Sie, Fräulein, essen hat noch nie geschadet!«, sagt er und schwenkt die Waffeln vor ihrem Gesicht.

Sie riecht die Schokoladenusscreme, und da ist noch ein anderer Geruch, an der Hand des Mannes, eine Hand mit ramponierten Fingernägeln und Nikotinflecken. Greta erhebt sich und flüstert: »Nein, nein, bitte nicht.«

Sie steigt über die Beine des Studenten, der nicht daran denkt, sie einzuklappen, stützt sich an der Halterung des Gepäckfachs ab.

Als sie die Schiebetür öffnet, versperrt ihr ein uniformierter Koloss den Weg.

»Zugestiegen?«

Was für eine Frage, denkt Greta. Jeder ist zugestiegen, keiner hat hier übernachtet. Wortlos hält sie dem Mann das Ticket entgegen und betrachtet seine Montur, eine Uniform wie aus dem Kostümverleih.

Seine großen Hände zittern, als er sich über das Ticket beugt wie ein Archäologe über einen seltenen Fund. Mit dem Finger fährt er die Zeilen nach, seine Lippen formen Worte. Als er findet, was er gesucht hat, tippt er in Zeitlupe Zahlen in einen Apparat, den er um den Hals trägt. Alles wirkt, als tue er es zum allerersten Mal.

Endlich zwickt er das Ticket mit seiner altmodischen Zange. Dann wünscht er ihr eine gute Fahrt, sie murmelt: »Ebenso« und hofft, dass er sie endlich vorbeilässt, doch er rückt keinen Zentimeter, zupft nur nervös an seinem Schnurrbart.

»Keine gute Fahrt«, sagt er. »Für mich ist es das nie. Ich fahre jeden Tag nach Villach und retour«, sagt er, »jeden Tag, Fräulein, ich kenne jeden Zweig an jedem Baum. Rollen Sie mich schlafend in St. Egyd auf den Bahnsteig, und ich werde Ihnen den richtigen Ort nennen: St. Egyd. Verbinden Sie mir die Augen in Wien, und ich kann Ihnen in Bruck an der Mur sagen: Wir sind in Bruck an der Mur. Werfen Sie mich auf freier Strecke hinaus, und ich sage Ihnen auf den Meter genau, wie weit es bis zum nächsten Bahnhof ist.«

Greta, die befürchtet, dass er nicht aufgeben wird, ehe er jede einzelne Station aufgezählt hat, sagt: »Das tut mir leid«, obwohl es die falsche Antwort ist. Nur kein Mitleid verschwenden, jeder ist Herr seiner Berufswahl, so wie ihre Eltern beschlossen hatten, Lehrer zu werden, sich dem Bundesdienst mit Haut und Haar zu verschreiben, und sie sich dazu entschlossen hatte, bei MEDICALUX anzuheuern, nachdem sie sich freiwillig von Bernstein Healthy Products getrennt hatte. Die Geschichte ging damals durch die Medien, eine einzigartige Synthese aus Mobbing und Stalking, für die Gretas Therapeutin eine eigene Bezeichnung vorschlug: Stabbing. Doch das ist lange her. Vorbei, vorbei, vorbei, raunt der Zug unter Gretas Füßen.

Einige Reisende suchen immer noch einen Sitzplatz, sie öffnen die Türen der Abteile, schließen sie enttäuscht wieder, den Trolley neben sich wie einen folgsamen Hund.

»Mein Vater war Fahrdienstleiter!«, ruft der Schaffner ihr nach. »Ragossnig, Peter Ragossnig!«, so als müsste sie ihn kennen, und tatsächlich überlegt Greta, ob sie je von einem Peter Ragossnig gehört hat, doch sie weiß nicht mal, was ein Fahrdienstleiter überhaupt tut.

So muss es sich anfühlen, im Exil zu leben, denkt Greta und möchte dem Schaffner zurufen: »Ich sollte hier nicht sein. Das alles hier ist ein Missverständnis, ich sollte längst in San Marino sein«, ein ganz und gar lächerlicher Satz, und deshalb steht sie nur da und hält den Mund.

Tatsächlich war Greta davon ausgegangen, dass Naomi den BMW für sie reserviert hatte. Allen war doch bewusst, dass sie auf die Messe nach San Marino musste und bereits spät dran war, weil sie ein letztes Treffen mit dem Messestandarchitekten vereinbart hatte. Sie sollte nicht durch diesen zugigen Gang taumeln müssen, sich von einer Seite zur anderen werfen lassen, sie sollte in einer beigen Lederschale sitzen, in einem Sitz, der sie umfängt wie ein Handschuh.

Greta erinnert sich an ihr Erstaunen, als die Sekretärin sie am Morgen mit den Worten begrüßte: »Der BMW ist in der Werkstatt.«

Also gut, dachte Greta. Dann eben wieder fliegen.

»Welches Gate?«, fragte sie, doch Naomi zuckte nur mit den Schultern. »Flüge waren aus. Ich habe Ihnen ein Zugticket ausgedruckt.«

Zugticket. Ein Begriff, der nicht vorhanden ist in Gretas aktivem Wortschatz. Das kann nur ein Witz sein, dachte sie. Gleich hüpfen alle aus den Schränken und lachen sich halb tot. Wahrscheinlich haben sie Wind bekommen von der Beförderung. Ein kleiner Abschiedsscherz mit Prosecco und Lachs-Canapés.

Greta wartete, doch es blieb still. Naomi pflückte in aller Ruhe ein Papier aus dem Druckerschacht.

»Gleis 23«, sagte sie. »Der Empfang fällt aus. Ich glaube kaum, dass Sie das schaffen.«

»Scheiße«, flüsterte Greta. »Verdammter Mist.«

Seit Wochen hatten sich alle Beschäftigungen auf die Messe in San Marino konzentriert, Björn und Martina waren vorgefahren und machten sich bereits über die vollautomatische Minibar im Farinelli her, während sie zum Hauptbahnhof fahren und Gleis 23 suchen durfte.

Eine Irritation, sagte sie sich, eine kleine Verzögerung, weit von einer Katastrophe entfernt. Das ist keine Katastrophe. Sie würde etwas später in San Marino eintreffen, das war alles, den ersten Messetag versäumen, doch für das Essen mit Fras am darauffolgenden Abend wäre sie gerüstet.

Seit drei Jahren arbeitete Greta bei MEDICALUX, und wenn sie ehrlich war, dann hatte der Unternehmenssitz am Wiener Stadtrand ihre Entscheidung wesentlich beschleunigt. Der monumentale Bau aus übereinandergesetzten bunten Kuben, entworfen von einem niederländischen Architektenkollektiv, hatte sie deutlich mehr beeindruckt als das Gespräch mit der Geschäftsführung. Das Haus verströmte eine Leichtigkeit und Transparenz, die Greta bei ihrem vorhergehenden Arbeitgeber vermisst hatte.

MEDICALUX stellt Endoskope her, Rohre, mit denen man in den menschlichen Körper hineinsieht, eine präzise, hygienisch einwandfreie Angelegenheit zum Wohle der Menschheit.

Guten Freunden pflegt Greta zu sagen: »Es ist das Gegenteil der Astronomie. Du schaust hinein, nicht hinaus. Und wenn du ganz tief drinnen bist, sieht es aus wie ganz weit draußen. Wir tragen ein Weltall in uns.«

Obwohl sie ein Büro in der Marketing-Etage bezog, war sie bald öfter bei den Kollegen im Vertrieb zu finden. Gretas strategischen Fähigkeiten war es zu verdanken, dass MEDICALUX im letzten Jahr gleich zwei große Krankenhausverbünde als Neukunden verbuchen konnte, darunter die renommierte Magenbuch-Klinik. Das hatte Hufnagl anlässlich der letzten Weihnachtsfeier in der Aula verkündet. Alle waren gekommen, sogar Technik und IT, die ein Universum für sich bildeten. Sie standen im Halbkreis um den Plastikbaum, und als Hufnagl mit ihr anstieß, zwang sie sich zu einem Lächeln.

Hufnagl sagte: »Ich hoffe, du bleibst uns noch lange erhalten.«

Du, nicht Sie.

Es klang erbärmlich, als die Kunststoff-Gläser aneinander stießen.

Greta zippt ihre Handtasche auf, gelbes Rindsleder, und kontrolliert den Inhalt des Seitenfachs. Von jedem Folder sollte mindestens ein Exemplar vorhanden sein, einmal flexible, einmal starre Endoskope, einmal die ganze Produktpalette, einmal die Historie von MEDICALUX.

Der Claim lautet: Wir bringen Licht ins Dunkel. Der englische Slogan gefällt ihr besser: We light up your life. Das ist es auch, was die Firma für sie geleistet hat: Gretas Leben ist bedeutend heller, seit sie Bernstein Healthy Products verlassen hat.

Sie schielt auf ihr Mobiltelefon, das in der Seitentasche ihrer Max Mara-Tasche steckt.

Drei Anrufe in Abwesenheit.

Björn.

Björn.

Björn.

Björn ruft nie an. Bevor er sie um Hilfe bittet, hackt er sich den Arm ab.

»Hallo?«

Greta presst das Telefon ans Ohr. Es rauscht und pfeift in der Leitung.

Greta kann die Worte »Verwalter« und »Wände« verstehen. »Zu schmal«, ruft Björn. »Wände … passen nicht.«

»Verdammt«, sagt Greta.

Sie hatte mit dem Messestandarchitekten einen neuen Aufbau besprochen, luftiger, leichter, offener. Das ist offenbar nicht bis zu Martina und Björn durchgedrungen. Zwei neutrale Paneele für die Videoprojektion, davor die Bar und mittig der Präsentationstisch. Lounge-Chairs dekorativ über die Ausstellungsfläche verteilt. Weiße Orchideen auf niedrigen Tischen, die Hostessen tragen Jeans und weiße T-Shirts mit dem Spruch We light up your life. Als Stehlampen dienen umgebaute flexible Endoskope – ein Gag, mit dem sie bereits auf der Medizintechnikmesse in Ravenna für Furore gesorgt und es bis in die Tagesgazetten geschafft hatte.

Die Verbindung ist abgerissen. Greta hält das Handy an ihre Stirn, schließt die Augen. Warum hat sie das Zugticket entgegengenommen? Sie hätte auf einen Flug bestehen müssen. Keine Schwäche zeigen.

Diana kommt ihr in den Sinn, Diana Birkmeier, Vertriebschefin, seit drei Monaten im Krankenstand. Burnout. Doch seit jede Regalbetreuerin Burnout hat, kann man damit nicht mehr kommen, das ist lachhaft. Proletarisierung der Diagnose. Offiziell hat Diana eine Lungenembolie, während sie in Wahrheit in der »Burnout-Oase am TG« liegt, offenbar eine Klinik für psychosomatische Störungen. Seit drei Wochen habe sie nicht mehr gesprochen, keinen Pieps.

»TG, was bedeutet das?«, hat Greta gefragt. »Tiefgarage?«

Die Kollegen hatten gelacht. »Am Teich gelegen«, hatte einer geantwortet. »Ist doch logisch, oder? Eine Burnout-Oase muss am Teich liegen.«

Greta tippt eine Nachricht an Diana ins Handy: »Wir vermissen dich, sind auf dem Weg nach San Marino.«

Sie hat gehört, dass Diana auf dem einzigen Stuhl in ihrem Zimmer sitzt und auf die Pappel vor ihrem Fenster starrt. Der Baum vor ihrem Fenster sei, so erzählte man es Greta, die einzige Vegetation. Zur Beruhigung des Geistes.

»Das wünsche ich mir auch manchmal«, hatte Greta gesagt. »Eine Pappel, auf die ich schauen kann.«

Eine idiotische Bemerkung, mit der sie von der Tatsache abzulenken versuchte, dass sie Diana bis heute nicht besucht hat.

Gretas größte Befürchtung ist es, sich mit chronischer Hoffnungslosigkeit anzustecken. Manchmal, wenn sie morgens in ihren Spitzenslip schlüpft, weiß sie, dass ihre Sorglosigkeit ein Ablaufdatum hat, und dass sie im Tempo nicht nachlassen darf, nicht einen Augenblick.

2

Ein kurzer Schwindel. Nichts, worüber man auch nur ein Wort verliert. Jurek lässt das Leitungswasser laufen, stützt sich mit beiden Händen am Waschtisch ab, bevor er den Zahnputzbecher füllt und zusieht, wie sich zwei Brausetabletten zischend auflösen. Er leert das Glas in einem Zug. Dann befeuchtet er eines der Gästehandtücher und legt es sich um den Hals. Blick in den Spiegel. Er zieht den Bund seiner Boxershorts hoch, drückt die Schultern durch, klopft mit der flachen Hand auf den Nabel. Das Fleisch unter seinen Fingern zittert.

Zum Pinkeln setzt er sich auf die Klobrille. Theoretisch könnte er wieder stehen, niemand da, der es ihm verbietet. Er beugt sich vor, greift nach der Zeitschrift, die seit Tagen neben der Wanne liegt, sie ist feucht geworden und wieder getrocknet, die Seiten sind spröde. Sein Bauch ruht auf den Oberschenkeln, warm und weich, während er die Zeitung durchblättert. Er bleibt bei einem Bild hängen, das einen ältlichen Hollywoodstar zeigt, der mit seiner Freundin auf dem roten Teppich posiert. Die Wangen des Schauspielers sehen aus wie Lederhäute, die zu straff über eine Trommel gespannt sind. Jurek bohrt mit der Zunge in seiner Wange.

Er zieht sich an. Die Kniestrümpfe zuerst, dann das Hemd, dann die Hose. Den Gürtel versuchsweise ein Loch enger schnallen, vielleicht lässt sich die Hüfte bestechen.

Ich muss Sport machen, denkt er.

Schlüpft in die Slipper, die braunen. Flexible Sohle, bequem wie Hausschuhe.

Jurek tritt auf die Terrasse, zündet noch im Gehen eine Marlboro an. Im Haus wird nicht geraucht, da ist er eisern. Er atmet tief ein und bläst den Rauch stoßweise aus.

Der Himmel ist ohne Farbe. Jurek sieht hinüber zu den Rosensteins. Wie mit der Nagelschere getrimmtes Gras. Der Buchsbaum hat die Form einer Ente. In herzförmigen Beeten welken Blumen, deren Namen er längst vergessen hat. Miriam wusste alle Namen, sie war sein Naturgedächtnis, doch Miriam ist fort und sie nahm mehr mit als die Namen der Blumen im Garten der Rosensteins.

Jurek tritt die Kippe auf dem Betonboden aus. Das Haus der Eltern, das er nach deren Tod bezogen hat, ist ein Rohbau geblieben. Zu Beginn gefiel ihm der Anblick der Ziegel, die die Struktur des Hauses betonten. Wie ein Körper, dem man die Haut abgezogen hat. Er hatte sich mit dem Haus verbündet. Wenn er das Haus fertigstellte, würde er sich endgültig dafür entscheiden, in Oed zu bleiben. Der Rohbau war die Versicherung dafür, dass er frei war und jederzeit gehen konnte.

Rosenstein ist wie jeden Morgen auf dem Weg zu seinem Carport. Federleichter Schritt, halboffener Mund, Konzentration. Jurek sieht auf Rosensteins Glatze hinunter, auf das Eidechsengesicht mit der langen Nase, auf das schwarze Gestell seiner Brille. Jurek weiß, dass Rosenstein gleich den Blick heben wird, ein altes Ritual, das sie verbindet, Jurek hebt vorsorglich die Hand.

»Heute Abend«, ruft Rosenstein zu ihm hinauf. »Nicht vergessen!«

Heute Abend? Als Jurek die Balkontür schließt, fällt es ihm wieder ein. Danielle lud ihn zu einer Party ein, als sie sich am Glassammelcontainer trafen. »Ganz informell«, sagte sie zwischen dem Plingplong der Flaschen. Und: »Mach dir keine Sorgen. Nur ein paar Freunde.«

Er fragt sich, was sie ihm damit sagen wollte. Er macht sich keine Sorgen. Seit er geschieden war, behandelten sie ihn seltsam, als litte er an einer mysteriösen Krankheit, die es ihm verbiete, sich in Gesellschaft aufzuhalten. Als sei irgendein inneres Rädchen in ihm unwiederbringlich kaputt.

Natürlich hatte er vergessen, zu fragen, ob sie Geburtstag feierten. Ein Geburtstagsgeschenk auszusuchen, ist ihm immer schon eine Qual gewesen.

Er hat keine Vorstellung davon, worüber andere sich freuen. Miriam hatte eine Geschenkschublade angelegt, die bis oben hin mit Papierrollen gefüllt war. Sie bereitete ein Geschenk zu wie ein aufwändiges Gericht. Ehe es nicht perfekt verpackt und mit Schleifen und Glitzer verziert war, war es in ihren Augen nicht wert, überreicht zu werden. Miriam verstörte und beschämte den Beschenkten, der sich nicht traute, die Verpackung in ihrer Anwesenheit zu zerstören. Das hat Jurek nie verstanden. Weshalb ihr das Drumherum so wichtig war.

Jurek beschließt, den Rosensteins eine Flasche Wein mitzubringen. Wein ist nie verkehrt. Rosensteins sind fanatische Weintrinker. Daran lassen Anzahl und Etiketten der Flaschen, die Danielle in den Glascontainer wirft, keinerlei Zweifel. Zwei Mal im Jahr besuchen sie mehrere Weinbauern persönlich und kehren schwer beladen nach Oed zurück. Jurek ist den Eindruck nie losgeworden, dass sie diese Reisen nur unternehmen, um danach ausgiebig davon erzählen zu können.

Auf der Kommode im Vorhaus liegt, was Jurek für den Tag benötigt: Handcreme, ein Blister Kopfschmerztabletten, Sonnenbrillen, Schlüssel, Taschenkalender, das Handy. Drei Anrufe in Abwesenheit.

Joe.

Joe.

Joe.

Neben einem frühen Bild seiner Eltern – irgendwo am Meer, Mutters Augen glühen vor Glück – klebt Jureks Don’t-do-Liste. Sie erinnert ihn an die Dinge, die er um jeden Preis vermeiden muss.

  • Haustiere (auch ganz kleine)
  • Fitness-E.
  • Schnulzige Liebesfilme
  • Trink-E. b. Hauspartys
  • One-Night-Stands (m. Oederinnen)

Das »E.« steht für »Exzess«.

Der Toyota ist an der Straße geparkt. Jurek gleitet in den Wagen, wirft Haustürschlüssel und Kopfschmerztabletten in die Kuhle unter der Temperaturregelung. Als er nach der Sonnenbrille greift, klopft es an die Seitenscheibe. Ein Fremder. Schmale Statur, unter dem Mantel trägt er einen grauen Anzug mit weißem Hemd. Jurek öffnet das Fenster einen Spalt.

»Sind Sie frei?«, fragt der Mann.

»Tut mir leid.«

Der Mann späht ins Wageninnere. »Da ist doch niemand«, sagt er.

»Termin«, sagt Jurek. »Vorbestellt.« Der Fremde steht auf seinem Grund und Boden, er hat keine Lust, sich zu rechtfertigen.

»Wo finde ich ein anderes Taxi?«

Jurek lacht. »Hier? In Oed?«

»Bitte«, sagt der Mann. »Nehmen Sie mich mit.«

»Sorry.« Jurek startet den Motor.

»Arschloch«, sagt der Fremde und spuckt auf den Boden.

Jurek kurbelt das Fenster hoch. Nur weil Taxi draufsteht, heißt das nicht, dass er springt, sobald einer mit dem Finger schnippt. Er vergibt Termine an Stammkunden, wie ein Zahnarzt.

Jurek rollt die Sechzehnte Straße hinunter, als etwas gegen die Rückscheibe poltert. Er bremst. Ein Stein hat den Wagen getroffen. Der Mann, der ihn angepöbelt hat, steht auf der Straße unter seinem Haus und brüllt unverständliches Zeug. Er droht ihm mit der Faust. Da ist eine Kerbe in der Heckscheibe. Jurek flucht. Eine alte Wut, die hochschwappt und ihm den Atem nimmt. Er steigt aus, hat Lust, den Mann zusammenzuschlagen.

Das Handy vibriert in seiner Tasche. Joe.

»Ja?«

»Tu mir einen Gefallen, Juju. Ich brauche Streifen.«

»Schon wieder?«

»Alles gut«, sagt Joe. »Schlechte Laune?«

Jurek rammt seine Schuhspitze in den Reifen. Er atmet tief ein. »In Ordnung«, sagt er. »Jetzt gleich?«

»Ich hab’s schon öfter probiert«, sagt Joe. »Du hast nicht abgehoben.«

Jurek setzt sich zurück in den Wagen. Sein Herz rast. Er sucht den Mann im Rückspiegel. Die Straße ist leer.

»Also?«

»Bin gleich bei dir«, sagt Jurek.

Mit jedem Meter lässt das Herzklopfen nach.

In der Apotheke wartet er, bis Alice für ihn Zeit hat.

»Wie immer?«, fragt Alice.

Jurek nickt. Sie sieht abgespannt aus, denkt Jurek.

»Zwei?«

»Drei«, sagt er.

Alice hat einen leichten Überbiss. Jurek findet Zahnfehlstellungen sexy. Er sieht sie gerne an.

Sie verschwindet in den Nebenraum, zieht Schubladen auf und wieder zu. Er kann ihren Arm sehen, ihre schlanken Finger mit den runden Nägeln. Alice hat eine fünfjährige Tochter, Mathilda. Sie hatten sich ein paar Mal getroffen, nachdem Alice Mathilda in den Kindergarten gebracht oder bevor sie sie wieder abgeholt hatte. Sie hatten sich dabei nie aus der Umlaufbahn des Kindergartens gelöst. Es waren kurze, verstohlene Treffen, bei denen sie über ihre Tochter erzählte und er zuhörte, und irgendwann hatten sie es wieder aufgegeben.

Alice türmt drei Verpackungen mit Blutzuckerteststreifen neben die Kasse.

»Darf’s noch was sein?«

»Aspirin«, sagt Jurek.

»Mit Vitamin C, Koffein, komplex, direkt, protect?«

»Einfach Aspirin.« Sie lächelt.

Er fragt sich, ob dieses Lächeln mehr ist als ein professionelles Lächeln und sein Arm schnellt wie von allein hinauf zu seinem Kopf. Er streicht mit der Handfläche über die Stoppelglatze. Er ist nervös. Bei einem ihrer ersten Treffen hatte Alice gesagt, dass er von weitem aussähe wie Bruce Willis.

»Und aus der Nähe?«, wollte er wissen.

»Aus der Nähe siehst du aus – wie Jurek«, sagte sie.

Alice tippt den Betrag in die Kasse, Jurek zählt Geldscheine und Münzen ab, sie sagt »Danke, Jurek«.

Dass sie ihn beim Namen nennt, klingt wie ein Versprechen, und er flüstert: »Alice?« und sie sagt: »Ja?«, aber sie hat ihr Lächeln bereits ausgeknipst und bedient eine Alte, die ihr eine ellenlange Medikamentenliste zuschiebt.

Jurek hat einen Schlüssel zu Joes Wohnung. Im Vorhaus riecht es nach Katzenfutter. Joe hat keine Katze.

Auf dem Fernsehschirm läuft eine Werbesendung. Man sieht eine Plastikwippe, auf der eine muskulöse Palm-Beach-Schönheit schaukelt. Es heißt, die Wippe verwandle jeden Trommelbauch in nur drei Wochen in einen Sixpack. Die Synchronisation ist miserabel. Die Blonde sagt: »Vor fünf Wochen habe ich so ausgesehen« und deutet auf einen unscharfen Schnappschuss. Eine fette Frau in einem Stars-and-Stripes-Badeanzug. Ein Wal. Die Sterne auf ihrem Bauch sehen aus wie kurz vor der Implosion.

Joe sitzt in seinem Gesundheitsstuhl und lacht. Es ist ein abgehacktes, kurzatmiges Lachen. Jurek legt die Päckchen mit den Teststreifen auf den Wohnzimmertisch.

»Eins plus eins gratis«, sagt ein Moderator. Er meint ein kostenloses Kokosöl.

Jurek steht an der Wohnzimmertür. »Tu mir einen Gefallen«, sagt er, »bestell das nicht.« Wenn er für Joe eine Don’t do-Liste verfassen müsste, wäre der erste Punkt: »Bei Verkaufsshows anrufen.«

Joe hat ein Zimmer seiner Dreiraumwohnung mit Bestellungen aus TV und Internet vollgestopft. Autopoliersysteme, Pfannensysteme, Bettsysteme, Damenoberbekleidung. Alles originalverpackt.

Jurek geht zum Fenster, öffnet es.

»Wann warst du eigentlich das letzte Mal draußen?«

Joe zuckt mit den Schultern.

»Darf nicht«, sagt er und schiebt die Brille mit dem wuchtigen schwarzen Gestell an die Nasenwurzel. Joe hat Diabetes Typ zwei. Die Diagnose ist sein Airbag, an dem die Zumutungen des Alltags abprallen.

»Blödsinn«, sagt Jurek. »Frische Luft tut dir gut.«

Heiseres Lachen. »Danke für den Rat, Herr Doktor.«

Joes riesiger Bauch hängt zwischen den Oberschenkeln. In der einen Hand hält er die Fernbedienung, in der anderen das Blutzuckermessgerät.

Joe misst ungefähr alle zehn Minuten seinen Blutzucker. Jurek hat den Eindruck, als sei dieses Messen seine letzte und wichtigste Aufgabe. Ein Mess-Junkie. Ohne Unterlass benötigt er frische Teststreifen.

Joe kann es sich leisten, Jurek für die Fahrten zur Apotheke zu verpflichten, denn er bekommt eine großzügige Rente aus seiner Zeit als Ministerialrat in Wien.

Bevor die Diabeteserkrankung Joes gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte, hatte es eine Frau in seinem Leben gegeben. Eine Philippinin, die er sich im Heiratskatalog der Agentur Immer und ewig ausgesucht hatte. Die perfekte Lösung für eine späte Familie, wie Joe fand. Er wählte eine Neunzehnjährige, die ihren Heimatort noch nie verlassen hatte und in einem komplexen Familienverband lebte. Joe überwies Monat für Monat eine beträchtliche Summe auf ein Bankkonto in Manila, und nach einem knappen Jahr stand Mary mit einem Schulranzen vor seiner Tür.

Es war Jurek, der die zierliche Philippinin, die kein Wort Deutsch und nur ein paar Brocken Englisch sprach, auf der Bundesstraße zwischen Niederoed und Mundschuh auflas. Sie war verzweifelt und hielt einen Zettel mit Joes Adresse in der Hand: 21. Straße, Haus 13, OTG.

Alle hier sagen OTG und nicht Oed am Tiefen Graben, weil das weltmännisch und selbstbewusst klingt. Die Straßen haben keinen Namen, sondern Nummern wie in New York – ein Erbe der Besatzungszeit.

Jurek sah die Enttäuschung in den Augen des Mädchens, als sie durch Oed fuhren. Wahrscheinlich hatte sie eine Stadt wie Las Vegas erwartet. Stattdessen war sie von einem Dorf am Ende der Welt in ein anderes Dorf am anderen Ende der Welt gereist. Mary trug nur eine dünne Bluse, auf den Winter in Europa war sie nicht vorbereitet. Eine Bluse mit bunten Schmetterlingen, das einzig Fröhliche an ihr. Jurek stellte sich vor, dass ihr gesamter Clan sie zum Flughafen gebracht hatte. Wenigstens eine von ihnen, die es schaffen und ihren Schwestern den Kinderstrich in Ermita ersparen würde.

Jurek lieferte Mary an Joes Wohnungstür ab. Joe hatte sie absichtlich nicht vom Flughafen abgeholt, um ihren Orientierungssinn zu schulen, wie er betonte. Jurek fand das unbarmherzig. Wahrscheinlich wollte er nur verhindern, dass sie sich, sobald sie ihn sah, in den nächsten Flieger nach Manila setzte.

Mary kannte Joe nur von Schnappschüssen, auf denen er wirkte wie einer, der viel nachdachte. Schwarze Brille, dunkles Haar, schwarzer Rollkragenpulli, der das Doppelkinn kaschierte. Die Uniform des Existenzialisten.

Schlank war er nie gewesen, nicht einmal zum Zeitpunkt seiner Geburt. Als der Arzt ihn aus dem Leib seiner Mutter gezogen hatte, liefen alle Hebammen zusammen, um das dickste Baby des Jahrhunderts zu bewundern. Wahrscheinlich hängt sein Foto noch heute im Gang der Semmelweis-Frauenklinik.

Joes Mutter war zart und zerbrechlich, ein feenartiges Wesen, das leise sprach und ihr einziges Kind mit all der Liebe versorgte, derer sie fähig war. Auch Mary war so dünn, dass man Angst haben musste, sie breche auseinander, wenn man sie ungeschickt anfasste.

Wann immer Jurek die beiden zu Hause besuchte, schien es ihm, als versuche Mary, mit der Wohnzimmertapete zu verschmelzen. Sie trug altmodische Gewänder, die Joe für sie bei QVC bestellte und die ihr viel zu groß waren. Nachdem sie mit ihrer Familie geskypt hatte, weinte sie sich in den Schlaf.

»Das wird vergehen«, pflegte Joe zu sagen.

Sein Optimismus war unerschütterlich.

Bis Mary an einem Wintermorgen verschwand. Jurek erinnert sich noch gut an den Anruf. Joe wollte wissen, ob sie bei ihm untergetaucht sei. War sie nicht. Jurek wünschte, er hätte sich mehr um das Mädchen gekümmert. Marys Familie machte Joe Vorhaltungen, und er überwies die doppelte Summe an die Familie, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das war die Zeit, in der er alle Hemmungen über Bord warf. Er begann, haltlos zu fressen, so als wollte er die ganze Welt verschlingen.

Drei Jahre nach ihrer Ankunft in Österreich wurde Mary auf einer Toilette am Wiener Westbahnhof aufgegriffen.

»Jetzt hängen wir beide an der Nadel«, sagte Joe. Es sollte ein Witz sein.

Insulin und Heroin. Zwei, die sich gut verstehen.

Joe wankte in seinem Spezialfernsehsessel für Übergewichtige zur Melodie eines Wiener Walzers.

Nur das Essen ist ihm geblieben, denkt Jurek. Und sogleich hat er Angst, dass es auch bei ihm bald so weit sein könnte: Dieser Moment, in dem nur noch die Kalorien treu zu ihm halten würden. Das letzte Geschenk des Lebens.

Joe reicht Jurek sein Mobiltelefon.

»Was soll ich damit?«

»Sieh dir das an! Das Foto!«

Mary, auf einer Steinmauer sitzend. Ihr Gesicht ist noch schmaler, sie trägt rosa Lippenstift. Auf ihrem T-Shirt steht Kiss me here.

»Sie ist in einem Entzugsprogramm«, sagt Joe stolz.

Jurek schweigt, legt das Mobiltelefon auf den Fernsehzeitschriftenstapel.

»Du glaubst es nicht, was? Dass die Kleine es schafft. Oder? Sei ehrlich.«

Jurek setzt sich auf den einzigen freien Stuhl im Raum. »Ich wünsche es mir. Für sie«, sagt er und räuspert sich. »Und für dich.«

Was für eine Lüge. Was für eine miserable, kleine Lüge. Aber Joe ist dankbar. Er lächelt. Dann greift er zum Messgerät, schiebt ein Plättchen ein, sticht sich mit dem Pen in den Finger, lässt einen Tropfen Blut auf das Plättchen fallen. Gebannt starrt er auf das Display.

»Hundertdreiundzwanzig.«

»Gut, oder?«

»Was heißt gut. Stell dir eine perfekte Taxifahrt vor. Eleganter Kunde, der freundlich plaudert und großzügig Trinkgeld gibt, schönes Wetter. So fühlt sich dieser Wert an.«

Jurek muss an die Episode vor seinem Haus denken.

»Ich bin einem Wahnsinnigen begegnet«, sagt er.

Joe zuckt mit den Schultern. »Wundert’s dich?«

»Hör mal: Er hat mich bedroht. Einen Stein auf den Wagen geworfen.«

Sie erhalten nicht nur eine Flasche Kokosöl, nein – wir schenken Ihnen noch eine zweite dazu, sagt die Blonde. Sie steht frontal zur Kamera und lässt ihre Brüste wippen.

»Üppiger Balkon«, sagt Joe. »Aber, weißt du: Die Flachen sind mir lieber.«

Jurek zeigt auf das Innere seiner Handfläche: »So eine große Kerbe in der Heckscheibe.«

Und Sie erhalten nicht nur eine weitere Flasche Kokosöl gratis dazu, sondern auch noch eine dritte Flasche im Wert von neunzehn Euro neunzig.

»Bin gleich bei dir«, sagt Joe und tippt die Zahlen, die auf dem Bildschirm eingeblendet werden, in sein Mobiltelefon.

»Tu’s nicht«, sagt Jurek.

3

Greta ist in den Speisewagen geflüchtet. Sie betrachtet den Fichtenvorhang, hinter dem sich die monotone Topographie des niederösterreichischen Flachlandes erstreckt: schachbrettartig gemusterte Felder, gesäumt von einer Bordüre aus Schrebergartenhäuschen. Eine Landschaft, die ihr Kopfschmerzen bereitet.

Die Speisekarte wankt im Speisekartenhalter. Greta bestellt Kräutertee. Tee, sonst nichts, ihr Vertrauen in die Convenience-Gastronomie ist begrenzt. Sie bemüht sich, das Tischtuch so wenig wie möglich zu berühren. Ein großer roter Fleck, viele braune Spritzer. Als hätte jemand ein kleines Tier geschlachtet.

Ein pockennarbiger Kellner stellt eine Tasse auf ihrem Tisch ab. Auf der Untertasse liegt der Teebeutel. Gold-Melisse. Das Wasser ist lauwarm.

Der Kellner atmet durch den Mund, die Zähne unter seinen wulstigen Lippen liegen frei. Polypen, denkt Greta. Lass dich doch operieren. Sie atmet einige Male bewusst ein und aus.

Seit einiger Zeit hat sie Sorge, sich anzustecken – mit Unzulänglichkeiten, geistigen oder körperlichen Defekten.

Bei Bernstein Healthy Products hatte es angefangen. Jedes Zittern einer Hand irritierte sie auf einmal, Schuppen auf dunklem Sakko, das teigige Gesicht ihrer Freundin Alma Täubler, das täglich breiter zu werden schien, bis, so dachte Greta, ihre Augen vollkommen unter der Fettschicht verschwinden würden.

Sie hoffte, dass es bei MEDICALUX besser werden würde, schließlich trug das Unternehmen das Licht im Namen, und was hell ausgeleuchtet war, das brauchte man nicht zu fürchten. Doch ihre kleine Störung, wie sie es mittlerweile bei sich nannte, ruhte nur kurz. Alles schien sie auf einmal zu hintergehen, die Sonne und auch der Mond, der sie immer öfter wach hielt. Sogar ihre Füße schienen breiter zu werden, sie hatte eine Schuhgröße mehr, über Nacht, und konnte sich nicht erklären, wie das vor sich gegangen war.

Sie beobachtete Georg, wenn er sie beobachtete, und fragte sich, ob er es auch sah. Sie analysierte seinen Blick, registrierte, wie lange er wohin sah und wie sich seine Mimik veränderte. Früher betraf es nur die anderen, nun war auch sie aufgenommen in die große Gemeinschaft derer, die auf dem Rückzug waren.

Der Kellner nähert sich Gretas Tisch, verzieht sein Gesicht zu einem Lächeln. »Darf’s noch was sein, gnädige Frau?«

Sie schüttelt den Kopf. Was sie braucht, steht nicht auf der Karte.

Später öffnet sie den Kalender auf dem Mobiltelefon und checkt ihren Messeplan. Ein Schweizer Krankenhausverbund hatte um eine Audienz gebeten. Das Angebot war bereits vor drei Monaten rausgegangen. Björn wird bei diesem Termin dabei sein müssen, Greta macht sich eine Notiz. Der zweite Messetag ist mit Meetings gepflastert, da sind die Zuspätkommenden bereits angekommen und die Frühabreisenden noch nicht weg. Der zweite Messetag ist Gretas Adrenalinanflutungstag. Noch abends um sieben, wenn die Messetore schließen und sie kaum mehr stehen kann, weil sich ihre Beine in Betonklumpen verwandelt haben, tropft ihr das Adrenalin aus den Poren. Sie liebt diese Momente höchster Konzentration, die Trance, in der ihr Verstand noch wacher zu sein scheint, ihre Sinne noch schärfer, ihre Sicht noch klarer.

Alles, was sie danach braucht, ist eine Badewanne und eine dieser Miniatur-Weinflaschen aus der Minibar.

Badewanne.

Hoffentlich. Hektisches Kramen in der Tasche. Sie zieht die Hotelreservierung hervor.

Color-Relax-Dusche.

Was soll sie damit. Deluxe und dann das. Sie wird das Zimmer wechseln müssen.

Sie wendet das Blatt, liest AUGENHÖHE, TEAMPLAYER und BALLÜBERGABE. Fügt BELASTUNGSGRENZE hinzu. Ein wunderbarer Fünfsilber. Unverständlich, weshalb andere sich daran stoßen. Und AUSLOTEN. Ein Tun-Wort, das seiner Gattung alle Ehre macht. Es liegt in der Natur der Sache, dass Grenzen ausgelotet werden. Wir begeben uns doch jeden Morgen raus aus der Komfortzone und rein in unbekanntes Terrain, und wer dafür zu bequem ist, der ist in ihrem Team fehl am Platz. Das muss sie ihren neuen Kollegen deutlich sagen, damit darf sie nicht hinterm Berg halten. Außerdem wird nicht gejammert, zu keiner Zeit. Sie wird ein zeitlich unbegrenztes Jammerverbot verhängen.

Ihr Lieben!, schreibt sie.

Die Anrede ist bewusst gewählt. Tatsächlich ist sie mit vielen Kollegen bei MEDICALUX befreundet, einige wissen Bescheid über ihre Vorliebe für verheiratete Männer, andere waren schon bei ihr zu Hause, in ihrer Wohnhöhle am Donaukanal, ein kompaktes Ein-Frau-Appartement mit offener Küche und Blick aufs Wasser.

Sie hat nie viel Wert gelegt auf die Größe ihrer Wohnung. Wichtig ist ihr immer nur, was man sieht, wenn man aus dem Appartement hinausblickt. Sie sieht auf Wasser, auf Schiffe, die zu Restaurants umgebaut wurden, auf das Partyvolk, das sich abends am Ufer trifft.

Die freundschaftliche Anrede hat eine weitere Funktion: Dass sie stets eine glühende Verfechterin externer Besetzungen von Führungspositionen war und ihren Standpunkt mehr als ein einziges Mal öffentlich vertreten hat, würde ihre Glaubwürdigkeit möglicherweise unterhöhlen. Es gilt, den Kritikern gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Wie ihr wisst, habe ich es immer gerne gesehen, wenn Führungspositionen mit externen Experten besetzt werden, um Spannungen innerhalb des Teams zu vermeiden. Wie ihr ebenfalls alle wisst, gehört den Endoskopen mein Herz.

Ein trivialer Einschub, der die unterste emotionale Schublade aufzieht, aber möglicherweise dabei hilft, die Frauen auf ihre Seite zu ziehen.

Ihr seid meine Mannschaft, und ich wünsche mir, dass ihr mich als euren Coach betrachtet. Als Trainer, der jeden dort einsetzt, wo er sich und sein Potential am besten entwickeln kann.

Das klingt nach flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswegen. Das klingt gut, befindet Greta. Mit voller Absicht wählt sie die männliche Form. Feminismus, der über die Sprache verordnet wird, hat sie immer schon als aufgesetzt und im Grunde lächerlich empfunden. Eine Sprachprothese für Selbstwertamputierte. Da macht sie nicht mit.

Bis dato hat Greta nur ihre engsten Vertrauten eingeweiht, Paul von der IT und Sonja von der Öffentlichkeitsarbeit. Die Putzfrau hat Lunte gerochen. Greta war spätabends noch im Büro gewesen und hatte ihre Management-Wälzer, die ohnehin nur dekorative Funktion erfüllten, in eine Kiste geräumt. Die Putzfrau hat sofort das leere Regal nachgewischt.

»Ich bin bald woanders«, sagte Greta und deutete mit dem Zeigefinger an die Decke.

Die Putzfrau nickte. »Im Flugzeug.«

Greta lachte. »Das auch. Aber ich siedle hinauf.«

Sie sah aus dem Fenster hinunter auf die Lichter der Stadt, eine blinkende Spielzeugstadt, durch die eine Spielzeug-Eisenbahn fuhr, und am Rand der Spielfläche stand ein Mann mit Schaffnerkäppi, der den Strom ein- und ausschaltete. Tatsächlich kam ihr alles vor wie ein Spiel. Sie hatte geschickt gewürfelt und durfte vorrücken.

Ihren Eltern hat sie schon davon berichtet, den beiden unkündbaren Volksschullehrern, die eine unkündbare Weltsicht kultivieren und stets wissen, wie das richtige Leben auszusehen hat. Karriere hat für sie einen schalen Beigeschmack, vor allem, wenn sie in Zusammenhang mit ihrer Tochter auftritt. Wenn sie wiederholt ihrem Wunsch nach einem Enkelkind Ausdruck verleihen, rät Greta ihnen, ihre Katzen zu fotografieren und auf dem Kaminsims auszustellen. Greta hat das Gefühl, dass sie nicht verstehen, was sie in der Firma eigentlich tut. Schlimmer: Sie interessieren sich nicht dafür. Sie sprechen heute noch mit ihr, als sei sie sechs.

»Also bist du nicht mehr bei diesen Dingern

Sie vermeiden es, das Wort »Endoskop« in den Mund zu nehmen.

»Doch, dieselbe Firma. Ich bekomme noch eine Abteilung dazu.«

Stille.

»Dein Vater will wissen, ob du mehr Geld verdienst.«

Darauf lief es immer hinaus. Hauptsache, sie lag ihnen nicht auf der Tasche.

»Ich werde gut verdienen.«

»Dann ist es ja gut.«

»Ja, das denke ich auch.«

Der Speisewagen füllt sich. Es wird Mittagessen geordert, faschierter Braten mit Püree, Gemüsecurry mit gedämpftem Reis. Bald ist Greta umringt von Essenden, und sie wendet sich ihrem Mail-Entwurf auf der Rückseite der Farinelli-Reservierung zu, streicht Wörter, fügt andere hinzu. Hin und wieder wirft sie einen Blick aus dem Fenster, doch nichts kann ihren Blick länger fesseln. Eine gelangweilte Landschaft, braune Äcker, Schrebergärten mit windschiefen Dächern unter einem honigfarbenen Himmel.

In Langeck steigt eine alte Frau mit zwei weinenden Kindern zu, niemand steigt aus. Ein hinkender Mann im gelben Umhang fegt den Bahnhofsvorplatz, wobei er den Dreck von einer Ecke in die andere kehrt. In Brunegg-Zitzendorf sagt eine Stimme: »Bitte zurücktreten, Türen schließen automatisch«, obwohl da niemand ist, der zurücktreten könnte.

Der Tee schmeckt nach Abwaschwasser, Greta schiebt die Tasse von sich und bedeckt damit den großen roten Fleck.

Sie öffnet den Terminkalender auf ihrem Mobiltelefon. Wenn sie sich mit dem Einchecken im Farinelli beeilte, das Taxi warten und das Gepäck auf ihr Zimmer bringen ließ, würde sie alle noch im Rotonda antreffen. Sollte es knapp werden, würde sie Björn eine Nachricht übermitteln, damit er auf sie wartete. Sie würde sich drei Mal am Tag umziehen.

Für das Essen mit Fras hat sie ein nachtblaues Kostüm angeschafft, das sie Georg am Vorabend vorführte. Sie drehte sich dabei um die eigene Achse und bemühte sich, mit ihren Heels keine allzu tiefen Wunden in den Dielenboden zu bohren. Mit den nadeldünnen Absätzen ließen sich Schoßhunde aufspießen.

Georg hob die Augenbrauen, das Äußerste an mimischem Zuspruch, das sie erwarten konnte. Ursprünglich hätte er mitfahren sollen nach San Marino, zumindest hatten sie das angedacht. Ein Arzt auf einer Endoskopie-Messe – das war nichts Ungewöhnliches, er hätte krankenhausübergreifende Kontakte pflegen können, während Greta ihre Karriere vorantrieb.

Sie sprachen ein, zwei Mal darüber, Greta hatte vorsorglich eine Junior-Suite reserviert.

Und dann sagte er ab, wie so oft. Dienst. Ein kurzes Wort, scharf wie ein Skalpell. Meistens hieß der Dienst Vera und beaufsichtigte die drei gemeinsamen Sprösslinge.

Ihre Affäre, die nicht einmal so alt ist wie eine durchschnittliche Schwangerschaft, zeigt erste Verfallserscheinungen. Dabei hatte sich ihre Strategie, sich ausschließlich mit verheirateten Männern einzulassen, bis dato als blendende Idee erwiesen. Gebundene Männer spulen ihr Best-of-Programm ab, dankbar für die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird. Eine Aufmerksamkeit, die nicht an die Bedingung der Exklusivität gebunden – und dadurch umso wertvoller ist. Zusätzlich, quasi als Bonus, ist ein verheirateter Mann treu, sofern sich dies sagen lässt. Er ist seiner Affäre treu. Eine dritte Frau tut er sich – vor allem ab einem bestimmten Alter – nicht mehr an.

Nach der Kostümprobe am Vorabend hatte Georg verlangt, dass sie den Rock auszog, aber die Schuhe anließ. Sie weiß, dass er gern ihre Beine betrachtet. Sie hofft, dass keine neuen Besenreiser dazugekommen sind. Jene, die sie bereits kennt, hatte sie mit Puder überschminkt. Ihre Knie übersah er geflissentlich, noch nie hat er ihre Waden geküsst. Georg bevorzugte definitiv ihre Fesseln, die er gern mit seiner Hand umfasste. Das hat Greta nie verstanden, schließlich ist sie kein Rennpferd. Angebetet werden ist in Ordnung, aber doch bitte für Körperteile, mit denen sich der Schöpfer tatsächlich Mühe gegeben hat.

Georg hat eine hohe, aristokratische Denkerstirn und eine Konzentrationsfurche, die seine Stirn in zwei Kontinente teilt. Unter der klassischen römischen Nase sitzt ein zu kleiner Mund, wie von einem Kind gezeichnet, das sich nicht um Proportionen kümmert. Greta ist froh über diese Unvollkommenheit.

Ihre Lieblingsstelle an seinem Körper aber sind seine Fingerkuppen, denn die sind makellos glatt und rund und ganz ohne Rillen. Das ist eine seltene Krankheit, sie heißt Naegeli-Syndrom. Anfangs hat sie Witze darüber gemacht, zumindest hat sie’s versucht: Du könntest einen Mord begehen, du könntest eine Bank überfallen – oder zumindest eine Regionalsparkasse –, und niemand würde je einen Fingerabdruck von dir finden. Deine genetischen Voraussetzungen machen aus dir den perfekten Verbrecher. Georg lächelte nicht einmal. Greta dachte zunächst, seine Ernsthaftigkeit habe mit seinem Beruf zu tun: Wer so viele Stunden am Tag in einem Raum verbringt, in dem menschliche Körper angeschnitten, angebohrt, abgesaugt und zugenäht werden, der ist für die leichte Muse nicht empfänglich. Dabei lachte er bloß über ihre Witze nicht.

In letzter Zeit ist Georg auffällig unruhig und nervös, denkt Greta. Fahrig, hektisch, vergaß Termine, beschuldigte andere, in den meisten Fällen: Greta. Sogar die Farben der Wände schienen blasser, sobald er die Wohnung betrat. Greta hatte nicht erwartet, dass Georg ihre Lebenswirrnisse auflöste, allerdings hatte sie gehofft, dass er kein neues hinzufügen würde, zumindest keines, das grobes Unwohlsein verursachte. Das sei doch das Mindeste, was man von einem Anästhesisten erwarten konnte, dachte sie: dass er einem den Schmerz nimmt, anstatt neuen hinzuzufügen.

Eine Frau in einem geblümten Landpomeranzenkleid steckt eine Stoffserviette in ihren Ausschnitt, ein grotesker Anblick. Offenbar hat sie Gretas Blick registriert, denn sie hebt den Kopf und deutet mit ihren Zeigefinger auf den Teller vor sich.

»Diese Suppe«, ruft sie ihr quer durch den Speisewagen zu, »sollten Sie besser nicht bestellen!« – »Kokossuppe!«, ruft sie. »Dass ich nicht lache. Die hat noch nie eine Kokosnuss gesehen. Keine Kokosnuss, kein Ingwer, kein Zitronengras. Ich weiß, wie Kokossuppe schmecken muss. Ich war in Thailand, wunderbare Kokossuppe dort.«

Sie öffnet einen Taschenspiegel, stochert mit dem Fingernagel zwischen den Vorderzähnen und hält dann triumphierend etwas hoch, das Greta nicht erkennen kann. »Sehen Sie? Petersilie! Kein Zitronengras!«

»Zahlen!«, ruft Greta und winkt mit der Geldbörse.

Sie nickt der Frau mit der Suppe zu, dann steht sie auf und tastet sich an den Bänken entlang zur Bordküche vor.

Das hat ihr gerade noch gefehlt: Eine Fremde, die Anschluss sucht. So als setze die Tatsache, dass man gemeinsam in einem Metallgehäuse hockt, mit einem Schlag das Recht auf ...

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