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Das ewige Gefängnis

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Teil eins
  7. Prolog Kurzen Prozess bei einem Drecksjob machen
  8. I Mord auf amerikanische Art
  9. II Bloß noch am Leben
  10. III Ich wusste gar nicht, ob ich überhaupt Widerstand leisten wollte
  11. IV Alle anderen waren bloß Teil der Meute
  12. V Harte Burschen, die einen harten Job machen
  13. VI Ein schwerer, dicker Ballen Stoff, der uns alle einhüllte und zu ersticken drohte
  14. VII Die einzige Chance, mich zu überleben
  15. VIII Anständige Unterhaltung
  16. IX Um mich umzubringen … gibt’s schnellere Wege
  17. X Der kleine Mann und seine Freaks
  18. XI Ist schon in Ordnung. Du hast dabei wirklich ein bisschen traurig ausgesehen.
  19. XII Wundersame Anwendung völlig banaler Physik
  20. XIII Der kleine Gott
  21. XIV Geradewegs auf eine unausweichliche Katastrophe zu
  22. XV Ein Marko-Original
  23. XVI Wofür er wohl Nadeln braucht
  24. XVII Flammen dort, wo ihre Augen hätten sein sollen
  25. XVIII Ein bisschen anverdaut
  26. XIX Keine Bildschirmdarstellung für schmerzhaften Tod
  1. Teil zwei
  2. XX Das Verrücktsein würde noch warten müssen
  3. XXI Richtig verzweifelte Gestalten, vermutete ich
  4. XXII Selbst vor denen, die noch Menschen waren
  5. XXIII Eine Hand mehr wäre da sicher hilfreich
  6. XXIV Auf meiner aufgeblähten Wasserleiche der Sicherheit entgegentreiben
  1. Teil drei
  2. XXV Überleben – auf geheimnisvolle Art und Weise
  3. XXVI Eine beschissene Person von immensem Interesse
  4. XXVII Allen bekannten Gesetzen des Universums zum Trotz immer noch aufrecht
  5. XXVIII Ich nenne ihn den Kleinen Dick
  6. XXIX Eine Lebenserwartung schätzungsweise bis zu dem Moment, wo das Universum sich zu einem kleinen, sehr schweren Punkt zusammenzieht
  7. XXX Ich war wieder vierzehn Jahre alt
  8. XXXI Sie kommen immer zurück
  1. Teil vier
  2. XXXII Die Ränder der Brandblasen wurden allmählich schwarz
  3. XXXIII Bis gerade eben wussten Sie davon nichts
  4. XXXIV Die beste Idee seit Jahren
  5. XXXV Nichts von diesem gekünstelten Scheiß
  6. XXXVI Ich möchte vollständig gelöscht werden
  7. XXXVII Und das waren nur die guten Seiten
  8. XXXVIII Zweitens hatte ich scheiße viel Glück
  9. XXXIX Sein ganzes Leben nur auf mein Erscheinen gewartet
  10. XL Dann lasse ich dich wahrscheinlich zu einem kleinen Würfel zusammenpressen und trage dich als Souvenir immer in der Tasche
  11. XLI Als Reaktion auf die machtvolle Aura ihrer Denkerhirne
  12. XLII Weil du ein mieser Dreckskerl bist
  13. XLIII Sich vorzustellen, ich könne immer darüber entscheiden, wen ich tötete, war pure Arroganz
  1. Epilog Kleiner, ich bin kein Cop
  2. Anhang
  3. Danksagungen
  4. Fußnote

Über den Autor

Jeff Somers wurde in New Jersey geboren, wo er noch heute lebt. Nach seinem College-Abschluss arbeitete er als Lektoratsassistent für einen Verleger von medizinischen Fachbüchern in New York. Seit 1995 publiziert er sein eigenes Magazin The Inner Swine.

Er hat speziell für dieses Buch eine Webseite gestaltet:

www.the-electric-church.com.

Jeff Somers

DAS EWIGE
GEFÄNGNIS

Aus dem Amerikanischen von
Ulf Ritgen

Für meine Danette, deren Zorn ich fürchte,
deren Beistand ich brauche und
deren Zuneigung ich schätze.

Teil eins

Prolog
Kurzen Prozess bei einem
Drecksjob machen

»Unten bleiben«, sagte der hochgewachsene System-Bulle mit dem pedantisch getrimmten Bart in gelassenem Ton. Leichter Druck auf meine Schultern zwang mich in die Knie; meine Hände waren auf den Rücken gefesselt. »Oder ich schneide dir ein paar Sehnen durch, dann darfst du demnächst humpeln, capisci

Der Partner des Kerls war kleiner und älter: Er stand vor uns, an seiner Unterlippe hing eine Zigarette. Sein Gesicht war rot und so von Blasen übersät, als wäre er in einem eingeschalteten Ofen eingeschlafen. Seit ich nach draußen geschleift worden war, hatte er noch kein einziges Wort gesagt. Kurz bedachte er uns mit einem kritischen Blick, nickte - eine Geste, die für niemand anderen bestimmt war als für ihn selbst -, umrundete die anderen und mich einmal und gesellte sich zu seinem Partner.

Ich war durchnässt und zitterte am ganzen Leib. Unablässig prasselte Regen auf meine Schultern und suchte sich seinen Weg unter meine Kleidung. Die Straße vor den Überresten von Pickerings Bar stand halb unter Wasser; in einer Vielzahl immer größer werdender Pfützen stand der Regen jetzt schon knietief. Ich gehörte zu den vier armen Schweinen, die in diesem Matsch knien mussten. Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass sich überhaupt noch vier Menschen jenseits der Twentythird Street finden ließen. Zumindest keine lebenden Menschen.

Die beiden System-Bullen, die mich aufgegabelt hatten, in der Hand ihre VIP-Liste, waren den Häuserblock entlanggezogen und führten ihre Sturmtruppler in ein halb eingestürztes, altes Wohnhaus hinein. Im Abstand weniger Minuten war immer wieder ein Schuss zu hören oder ein Schrei. Ansonsten aber blieb alles friedlich. Ich kniete im Wasser, spürte, wie der eisige Regen mir allmählich den Rücken hinabrann, meine Hände waren gefesselt und ich brauchte keine einzige Entscheidung mehr zu treffen. Ich wäre bereit gewesen, mich an Ort und Stelle hinrichten zu lassen. Doch genauso zufrieden war ich damit, hier einfach nur zu knien und an überhaupt nichts zu denken.

Ich war schon lange nicht mehr einfach ich selbst gewesen. Die Seuche hatte mich völlig ausgelaugt.

Der Kerl neben mir murmelte Unverständliches vor sich hin. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er betete - in der Sprache, in der die alten Riten abgehalten wurden. Ich erinnerte mich daran, wie meine Mom gebetet hatte, als ich noch ein Kind gewesen war, erinnerte mich an ihre Singsangstimme und an die Art und Weise, wie sie die Augen fest zusammenkniff. Ich selbst öffnete die Augen wieder und blickte meine VIP-Kollegen an: Keiner von denen erschien mir wirklich wichtig. Sie waren nass und ausgemergelt, und alle drei hatten am Hals diese unschönen Narben, die von der Seuche zurückgeblieben waren. Noch vor wenigen Monaten hatten sie Blut gehustet und nur noch gekrächzt - um Haaresbreite wären sie abgekratzt. Und ich hatte sie gerettet. Diese drei Arschlöcher da. Ich war mit letzter Kraft einmal um die ganze beschissene Welt gekrochen, und nur meinetwegen waren diese Kerle immer noch hier und atmeten aus eigener Kraft.

Gedankenverloren blickte ich mich um: Gerade diese Straße hier kannte ich noch gut von früher. Die Hälfte der Gebäude hier hatte der System-Sicherheitsdienst schon abreißen lassen. Er hatte alles in Schutthaufen verwandelt und dann Droiden ausgeschickt, die sämtliche Gesteinsbrocken feinsäuberlich zu kleinen, würfelförmigen Bröckchen zertrümmerten. Ich war mir sicher, irgendwann würden dann noch weitere Droiden anrollen, um diese Würfel einzusammeln und alles so sauber zu machen, dass man nicht einmal mehr würde ahnen können, dass jemals ein Ort wie dieser existiert und es jemals jemanden wie uns hier gegeben hatte.

Der Gedanke glitt an der schimmernd-glatten Oberfläche meines Verstandes einfach ab und verschwand.

Eine oder zwei Straßen weiter flimmerte lautlos ein riesiger Vid-Schirm, hell und hektisch, und überflutete jeden im Umkreis mehrerer hundert Meter mit Pantomime-Nachrichten. Die einzelnen Clips waren kurz und so zusammengeschnitten, dass man ihnen einen Großteil der Information auch ohne Ton entnehmen konnte. Das meiste davon waren muntere Berichte darüber, wie toll sich das System von der Seuche erholte. Doch ich hatte in den letzten Wochen die Underground-Vid-Netze aus den Appalachen eingeschaltet und übersetzte das Gesendete lautlos, während ein flackernder Clip nach dem anderen an mir vorbeirauschte.

Zuerst: fünfzehn Sekunden darüber, wie die Zahl der Opfer, die diese Krankheit gefordert hatte, tatsächlich immer weiter nach unten hatte korrigiert werden müssen, weil mehr und mehr erstaunlich widerstandsfähige, robuste Bürger aus ihren verschiedensten Verstecken auftauchten, angeschlagen, aber noch am Leben. Übersetzung: Die gesamte Ostküste Nordamerikas war ein einziger gottverdammter Friedhof, und selbst an Orten wie Brasilien, die wirklich weit entfernt lagen, waren mehr als zehn Prozent der Bevölkerung gestorben. Hätte die Seuche noch zwei Tage länger gewütet, wäre die ganze Welt abgekratzt - mit Gesang und Tanz.

Dann eine heitere Geschichte über die Bürger des Afrika-Ressorts des Systems Konföderierter Nationen: Sie hatten festgestellt, dass sie über einen gewaltigen Nahrungsmittelüberschuss verfügten, und sich spontan dazu bereit erklärt, Unmengen an Lebensmitteln und Nährstofftabletten in die Regionen des Systems zu schicken, die stärker von der Seuche betroffen waren. Gezeigt wurden überreichlich Aufnahmen lächelnder, feiernder Leute - Aufnahmen von Leuten, die einfach nur scheiß-glücklich darüber waren, im System zu leben. Übersetzung: Überall hat schon vor der Scheiß-Seuche wirklich jeder am Hungertuch genagt, und so wie es aussah, würden die N-Tabs schon bald unsere gottverdammte neue Währung darstellen. Und wenn man keine N-Tabs hatte, dann konnte man sich einen Finger abschneiden, um jemand damit zu bezahlen - oder zu füttern -, und schon bald würde jeder über jeden herfallen, um sich satt zu fressen, weiter und immer weiter: Das System verdaute sich selbst.

Plötzlich explodierte das zerfallene Wohnhaus am Ende der Straße: Ein Flammenball stieg empor, Mauertrümmer wurden auf die Straße geschleudert, und die ganze Welt machte bebend einen Satz. Der magere Kerl, der neben mir kniete, fluchte in sich hinein. Ich wandte mich um, beobachtete einen Moment lang den dichten Qualm und die umherwirbelnden Trümmerstücke. Es war wunderschön.

»Die sind in Ordnung, Silvie«, sagte hinter mir Pedantenbart; offensichtlich erstattete ihm jemand über Ohrhörer Bericht. »Diese Gossenratten haben sich in einem verborgenen Raum verkrochen, gedrängt wie beschissene Ölsardinen, und als Solly da rumgeschnüffelt hat, haben die 'ne Ladung hochgehen lassen - aber zu früh, deswegen hat's zwei von ihren eigenen Leuten erwischt, und wir haben nicht mal 'nen Kratzer abgekriegt.« Die beiden Bullen lachten. Auch ich lächelte. Das war gut so. Alles war gut so.

Auf dem Vid war mittlerweile Dick Marin zu sehen, der König persönlich. Er war der Leiter der Abteilung für Innere Angelegenheiten des System-Sicherheitsdienstes. Heutzutage gab es niemanden mehr, der Dick sagen konnte, was er zu tun oder zu lassen hatte. Dick sprach gerade davon, in Folge der Seuche müsse irgendetwas umorganisiert werden, um alles effizienter zu gestalten. Übersetzung: Der Einheitsrat der Unterstaatssekretäre, formal immer noch seine Vorgesetzten und immer noch der Ansicht, in Wirklichkeit würden sie das System regieren, nahm Marin heftig unter Beschuss, und er war zu dem Schluss gekommen, es sei an der Zeit, ihnen die wahre Hackordnung ins Gedächtnis zurückzurufen. Nach allem, was ich gehört hatte, würde er bemerken müssen, dass auch sie nicht tatenlos herumgesessen und nur darauf gewartet hatten, bis er ihnen seine Bullen hinterherschickte. Ich dachte darüber nach, in was für ein Schlamassel das hier schon bald ausarten würde, und eine Sekunde lang wünschte ich mir beinahe schon, das noch miterleben zu können, einfach nur, um das Spektakel mit eigenen Augen zu sehen.

»Da kommen sie. Schau dir diese Vollidioten an!«

Taumelnd traten sie aus dem Gemisch aus Staub und Rauch: noch drei von uns; sie husteten und bluteten. Ihnen folgte ein ganzer Schwarm Sturmtruppler in ihren heruntergekommenen, flackernden Tarnanzügen. Das Tarnsystem mühte sich nach Kräften, sich an den umherwirbelnden Rauch und den Regen anzupassen, den die Sturmtruppler durchquerten. Den Abschluss bildeten die beiden Officers, der Kahle und der steife, gut aussehende Lächler, die mich eingesackt und dann von ihrer Liste der ›Personen von öffentlichem Interesse‹ gestrichen hatten. Das war die Liste der Personen, die aus welchem geheimnisvollen Grund auch immer zu wichtig waren, als dass man sie einfach gleich umbringen konnte.

Die drei Gefangenen waren junge Burschen, wirklich noch Teenager. Sie alle trugen lange, schmierig aussehende Mäntel und hatten sich rote Stofftücher um den Hals gewickelt; die selbst gemachte schwarze Farbe, die sie sich rings um die Augen geschmiert hatten, verlief ihnen im Regen auf dem Gesicht und rann ihnen in zähflüssigen Rinnsalen die Wangen herab. So etwas hatte ich in letzter Zeit häufiger gesehen. Das war gerade Mode. Der Vorderste der drei war hochgewachsen und hager, seine Wangen erschreckend eingefallen, die blitzenden Augen hatte er weit aufgerissen. Auf der Stirn hatte er eine alte, ledrige Narbe, dazu kamen einige Schnitte, die deutlich frischer aussahen und sein ganzes Gesicht überzogen. Selbst jetzt noch, wo ihm die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden waren, ging er aufrecht und mit festem Schritt. Er starrte mich an, und als die Sturmtruppler die Neuen zu uns führten, machte er zwei Extraschritte. Daher landete er unmittelbar neben mir, als ihm jemand die Beine wegtrat und er in die Knie ging.

»Was'n das für Scheiß-Manieren!«, zischte der Bursche.

»Kommst du klar mit den Trotteln da?«, rief Kahlkopf.

»Scheiße, Mage«, rief ihm einer der Cops zu, der hinter uns stand. »Jou. Mit den Babys und dem Opa da kommen wir schon zurecht.«

Der Bursche neben mir sog das Blut in seiner Nase geräuschvoll hoch, das schon heraustroff und seine Oberlippe bedeckte, und spie es dann vor uns auf die Straße. Sofort wusch der Regen es fort. »Babys, so 'ne Scheiße«, murmelte er.

Das war gut so. Alles war gut so. Ich hatte einfach keine Wut mehr übrig. Ich kniete in einer Pfütze und empfand nichts anderes als Kälte und Feuchtigkeit. Keinen Zorn, keine Trauer, gar nichts. Ich wartete nur auf das Nächste, was kommen würde, und auch das interessierte mich nicht sonderlich. Träge fragte ich mich, ob sie mir wohl eine Kugel durch den Kopf jagen würden, wenn ich jetzt aufstünde und Anstalten machte, einfach davonzuspazieren, oder ob sie mich einfach wieder verprügeln würden. Eine Kugel hätte ich begrüßt. Aber auf eine weitere Tracht Prügel hatte ich keine Lust.

Die beiden Cops, die hier anscheinend das Sagen hatten, gaben den Sturmtrupplern ein Zeichen, und das ganze Rudel marschierte zum nächsten Gebäude auf ihrer Liste. Kurz darauf gab es wieder nur noch den Regen und den Wind, dazu das schmatzende Geräusch der System-Bullen-Stiefel. Die Officers traten unter die Überreste eines halb eingefallenen Vordaches, das immer noch von dem Gebäude hinter uns herabhing.

»Ich hab 'n Messer«, sagte der Bursche plötzlich, den Blick fest auf die Straße vor sich gerichtet, und seine Stimme klang sehr fest. Er wusste, dass er nicht zu flüstern brauchte - die Cops konnten ihn nicht hören, ich aber schon. Er wusste, dass es nicht klug gewesen wäre, mich anzusehen oder irgendetwas anderes zu tun als nur mit ruhiger, beherrschter Stimme zu sprechen. »Ich kann danach greifen, meine Fesseln zerschneiden und es dir dann geben.« Ich erinnerte mich daran, wie ich selbst sechzehn gewesen war: Ich lief durch die Straßen, in der Tasche ein Messer. Und ich hatte nichts zu verlieren gehabt. Seinerzeit hatte ich so manchen schwachsinnigen Scheiß gebaut - damals ging es bloß ums Überleben: Man musste es nur von einem Tag zum nächsten schaffen. Dann hatte ich plötzlich ein paar Yen in der Tasche und ein gewisses Ansehen erworben, und daraufhin waren reichlich Geschäftliches und ein gewisser Ruf dazugekommen. Und dann waren eines Tages zwei System-Cops zu mir gekommen und hatten mir ein Angebot gemacht, dass ich nicht ablehnen durfte, und dann war ich zornig gewesen. Jahrelang war ich zornig gewesen.

Ich sah Gleason vor mir, kalt und tot, von der Seuche in etwas Entsetzliches verwandelt. Jetzt war ich nicht mehr zornig. Ich war gar nichts mehr.

»Meine beiden Jungs werden sofort einsteigen«, sagte der Bursche und spie erneut Blut auf die Straße. »Na ja … zumindest einer von ihnen. Beim anderen weiß ich's nicht. Diese beiden Arschlöcher da können wir fertig machen. Scheiße, ich wollte schon allein mein Glück versuchen, aber du siehst aus, als hättest du schon 'ne ganze Menge Scheiße mitgemacht, was? Ein Profi. Das nennt man Glück. Ich hatte schon immer Glück.«

Ich schloss die Augen. Wahrscheinlich hatte dieser Bursche den Spitznamen ›Lucky‹ oder ›Chance‹ oder etwas ähnlich Lächerliches; wahrscheinlich trug er ihn als Tattoo in fetten Großbuchstaben mitten auf der Brust, und daneben waren noch ein paar Scheiß-Würfel oder Spielkarten oder so was. Aber er hatte Recht: Die beiden Bullen achteten nicht sonderlich auf uns. Für die waren wir bloß vor Kälte zitternde Arschlöcher, die sich gerade einen gewaltigen Arschtritt gefangen hatten, die kapiert hatten, was hier abging. Wenn wir uns zehn Sekunden lang langsam und unauffällig bewegten und dann zehn weitere Sekunden lang verdammt schnell und dabei alles geben würden, dann müssten wir eine gute Chance haben. Wenn die Sturmtruppler und ihre Bosse nicht genau in dem Moment zurückkämen. Wenn ich zuließe, dass dieser Bursche hier einen Großteil des Risikos übernähme. Und wenn sich nicht herausstellte, dass unsere beiden Aufpasser hier gewisse Ähnlichkeit mit ein paar Cops besaßen, die ich bereits hatte kennen lernen dürfen. Wenn sie wären wie Nathan Happling oder Elias Moje: gemein und zäh und mit jeder Menge unvorhersagbarer Tricks im Ärmel.

Oder wie Janet Hense: unmenschlich, unbesiegbar.

Wie mechanisch gingen mir diese Gedanken durch den Kopf, ganz automatisch: Ein vorprogrammierter Teil meines Gehirns ging einfach die üblichen Pfade ab, krachte gegen fest verdrahtete Entscheidungsbäume, suchte sich dann neue Wege - und landete letztendlich am erwarteten Zielpunkt. Nichts davon hatte irgendetwas mit meinem Körper zu tun. Es gab keinen Adrenalinschub, keinen vertrauten Funken Zorn und Entsetzen. Da war gar nichts. Ich wusste, dass ich mich nicht bewegen würde. Ich war nicht mehr ich selbst: Ich war zu einem Gespenst geworden. Und es fühlte sich gut an, ein Gespenst zu sein.

Der Bursche wartete darauf, dass ich etwas sagte. Er bewegte sich nicht. Diszipliniert war der Bursche ja. Er würde nicht ungeduldig werden, er würde sich nicht groß aufblasen, und er würde mich auch nicht bedrohen und damit Zeit verschwenden. Er gefiel mir. Ich wünschte ihm wirklich alles Gute. Kurz dachte ich daran, ihm zu sagen, ich an seiner Stelle würde mich zuerst um den Kleineren der beiden Cops kümmern, weil der Größere sich unheimlich gern reden hörte und wilde Drohungen ausstieß, und das bedeutete wahrscheinlich: große Klappe, nichts dahinter. Der Kleinere hingegen starrte einen nur an, und das machte mich nervös. Aber ich sagte kein Wort.

»Wir haben vielleicht noch eine Minute«, sagte der Bursche. »Wenn diese anderen Dreckskerle erst einmal zurück sind, haben wir ein Problem. Wir müssen jetzt loslegen.« Er rollte mit den Schultern, und sofort begriff ich, dass er sich gerade befreit hatte. Ziemlich beeindruckend. »Hier«, zischte er mir zu. »Nimm!«

Wieder schloss ich die Augen. Leck mich, dachte ich. Erzähl mir nicht, was ich tun soll, wann ich es tun soll oder wann mir etwas nicht scheißegal sein soll! Ich war es zufrieden, hier weiter auf den Knien zu bleiben, bis ich irgendwann verhungert wäre. Einige Herzschläge gingen vorbei; sie waren ein wenig aus dem Tritt. Als ich die Augen öffnete, sah ich, dass der Bursche sich mir jetzt doch zugewandt hatte.

»Was soll der Scheiß, Mann? Nimm schon!«

Noch vor ein paar Monaten hätte ich die Hand ausgestreckt, diesen Kerl am Ohr gepackt und es so fest zusammengequetscht, bis er geheult hätte, und verdammte Scheiße: Ich hätte sogar Spaß daran gehabt. Jetzt wollte ich nur noch, dass er von sich aus endlich die Klappe hielte und mich in Frieden sterben ließe. Nicht, dass ich mein Problem nicht auch dadurch hätte lösen können, ihm das Ohr zu zerquetschen. Aber es wäre einfach zu anstrengend gewesen. Ich war alt; und ich hatte Dinge überlebt, die wirklich niemand sollte überleben müssen.

»Jetzt erzähl mir nicht, du machst mir hier einen auf Weichei! Verdammte Scheiße!«

Ein Funke flammte in meiner Magengrube auf, ein Funke von etwas … von etwas Geschmolzenem, sehr Korrosivem. Einen winzigen Moment lang flackerte es auf und erinnerte mich an … tja, was? … und dann war es wieder fort, einfach erstickt, versunken in einer tintenschwarzen Flut

aus Wen-interessiert-das-schon. Ich lächelte bloß und blickte zu dem Vid empor, das hoch über den Dächern schwebte. Es zeigte eine saubere, klinisch-weiße Nährstofftabletten-Fabrik in Brasilien. Lächelnde, sonnengebräunte Leute in sauberen weißen Jacken verarbeiteten Rohproteine und Mineralien zu winzigen weißen Pillen, die garantierten, dass niemand verhungern müsse. Die Bildunterschrift informierte uns, dies sei die fünfzehnte neue Fabrik, die in diesem Jahr eröffnet worden sei, und die Produktion der N-Tabs schreite im Rekordtempo voran.

Ich schloss die Augen und grinste in mich hinein. Übersetzung: Ihr alle werdet verhungern, wahrscheinlich sogar eher früher als später. Die ganze Scheiße fiel einfach auseinander. Ich dachte mir, dass Marin die ›Leute von Interesse‹ einsammelte, wäre gewiss nur der Anfang.

»Scheiße«, hörte ich den jungen Burschen murmeln. »Verdammte Drecksau.«

Dann verfiel er in Schweigen. Es gab nur noch den Regen und das schmatzende Geräusch von Stiefeln: Einer der Cops hinter uns hatte sich in Bewegung gesetzt. Drecksau. Das Wort bohrte sich mir in den Hals und machte mir das Schlucken schwer.

»Worüber quatscht ihr beiden Schwuchteln denn da?«

Der Atem des Cops roch wie eine Mischung aus entschieden zu altem Fisch und Zigaretten. Er beugte sich mit einer Beiläufigkeit zu uns herunter, die verriet, dass er sich als jemanden ansah, der jede Situation im Griff hatte, in die er jemals gekommen war und kommen würde. Sein Gesicht kam dem meinen so nahe, dass sein kurz geschnittener Bart mich beinahe schon an der Wange kitzelte. Er nahm die kalte, feuchte Zigarette aus dem Mund, legte jedem von uns eine Hand auf die Schulter und zog uns ein Stück näher zu sich.

»Geredet wird nicht, klar? Wenn ihr beiden euch gegenseitig einen blasen wollt, dann wartet gefälligst, bis ihr allein seid! Benehmt euch anständig!«

Ich fragte mich, warum jeder einzelne Scheiß-Bulle, dem ich jemals begegnet war, solche Angst vor Schwulen hatte. Ich hatte schon mit reichlich Schwulen zusammengearbeitet, und die gingen ebenso dreckig vor wie jeder andere, waren ebenso bereit, einem das Messer in den Rücken zu stoßen - sie waren nicht besser als der Rest. Aber sie waren auch nicht schlimmer. Dann, bevor ich überhaupt auf den Gedanken kam, ihm zu sagen, das sei nicht richtig, rammte der Bursche dem Cop mit aller Wucht seinen Ellenbogen ins Gesicht, verwandelte die Nase des Bullen in eine blutige Masse und sorgte dafür, dass der Ordnungshüter auf seinem Arsch landete. Es war mühelos gelaufen und überraschte den Cop völlig, der nicht gerade für sein Gleichgewicht gesorgt und sich in einer äußerst instabilen Position befunden hatte. Natürlich war die Versuchung einfach auch zu groß gewesen. Doch ich wusste es besser. Das Mühelose ist nicht immer auch das Beste.

Der Rest geschah außerhalb meines Blickfelds. Ich wandte mich nicht um. Doch hören konnte ich sehr gut, und ich wusste genau, wie die Choreographie aussah - ein kurzer Sketch mit nicht gerade glücklichem Ausgang. Wie eine Schildkröte lag der Cop auf dem Rücken, aus seiner Nase sprudelte Blut wie aus einer Fontäne. Der Bursche stürzte sich auf ihn, die Klinge in der Hand, schwang die Waffe in einem dramatischen Bogen - sehr dumm das zu tun -, um dann die Kehle zu durchtrennen, die sich ihm darbot. Ich sah das Gesicht des Burschen und sah ein Gesicht, das ich schon Millionen Male gesehen hatte - keine Ekstase, keine Aufgeregtheit. Stattdessen grimmige Entschlossenheit. Angespannt vor Konzentration. Kurzen Prozess bei einem Drecksjob machen war alles, was der Bursche wollte.

Und dann fiel der Schuss, und der junge Bursche stürzte in mein Blickfeld, als hätte ihn eine Kanonenkugel geradewegs in den Bauch getroffen; schmutziges Wasser spritzte auf, als er einen oder zwei Schritte von mir entfernt aufschlug. Dort lag er auf der Straße, die Hände um den Bauch verkrampft, und Blut strömte zwischen seinen Fingern hervor, verschmolz mit dem Ozean, der ihn umgab.

»Dreck-Chau!«, zischte der erste Cop, kam schwankend wieder auf die Beine und damit in mein Blickfeld. Ich blickte nicht zu ihm auf. Mehrere Sekunden stand er neben mir, holte prustend nur durch den Mund Atem. Dann drehte er sich halb herum. »Dange, Silbie.« Er trat auf die Straße, versank bis zum Knöchel in einer Pfütze und näherte sich dann dem keuchenden jungen Burschen. Einige Sekunden lang stand der Cop nur über den Jungen gebeugt da und rang die Hände. »Dreck-Chwein«, wiederholte er leiser. Schniefend sog er Luft durch die zerschmetterte Nase, zitterte am ganzen Körper von der Anstrengung, Luft und Blut einzuatmen. Gleich danach spie er einen beachtlichen Blut-und-Rotze-Klumpen auf den Burschen und trat ihm so heftig in den Unterleib, dass mein neuer Bekannter aufschrie und herumgewirbelt wurde.

»Du Stück Scheiße«, zischte der Cop und trat erneut nach dem Burschen. »Weißt du was, Silvie? Nach reiflicher Überlegung«, keuchte er und ließ einen weiteren Tritt in der Seite des Jungen landen, »und erneuter Begutachtung der Scheiß-Listen«, noch ein Tritt, »komme ich zu dem Schluss, dieser Vollidiot hier ist doch gar nicht so wichtig!«

Noch ein Tritt. Der Bursche versuchte davonzukriechen, zog sich kraftlos mit einer Hand durch die Pfütze. Der Cop zog seine Waffe, richtete sie mit trägen Bewegungen auf ihn und wartete.

Hinter mir ergriff nun der andere Cop das Wort, der mit dem blasenübersäten Gesicht. »Mir auf jeden Fall nicht, das ist schon mal sicher.« Er klang betrübt, als hätte er dieses kleine Theaterstück schon einmal gesehen - und es schon beim ersten Mal nicht genießen können.

Mit einem kurzen Nicken, bei dem kleine Blutstropfen sich wie ein Nebel um den Kopf des ersten Cops verteilten, drückte er ab. In einer fast lautlosen Explosion zerbarst der Schädel des Burschen, und sein Leichnam sackte in einer Bewegung, die den seltsamen Anschein von Erleichterung erweckte, in die Pfütze zurück. Einen Moment lang starrte der Cop noch die Leiche an. Schließlich nickte er, schob seine Waffe zurück ins Holster, zerrte ein Taschentuch aus seinem Mantel und presste es sich gegen die eindeutig gebrochene Nase. Dann trat er wieder hinter uns andere, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich starrte das Bürschlein ohne Kopf an, das sich allmählich zu seinen Vorfahren in den Abwasserkanälen von Manhattan Island gesellte.

»Dafür wird's Arger geben, wegen dieser Listen«, sagte Blasengesicht völlig emotionslos. »Und das Formular über diesen Zwischenfall füllst du aus!«

»Ja, ja, ich füll das Scheiß-Formular schon aus!«, fauchte Pedantenbart zurück. »Das ist so typisch für dich, Silvio! Immer Angst vor dem Scheiß-Papierkram.«

Immer noch ruhte mein Blick auf dem Burschen; ich beobachtete ihn. Aber er war einfach tot, so tot, wie ich schon seit Jahren hätte sein sollen, so tot wie jeder, den ich jemals persönlich gekannt hatte - abgesehen von ein paar Idioten, die mir eh egal waren. Das Gerede der Cops hinter mir verwandelte sich allmählich in Gemurmel, unverständlich und bedrohlich, wie das Knurren von Raubtieren. Ich schloss die Augen, und wieder gab es nur den Regen und den Wind. Ich war ein Gespenst.

I
Mord auf amerikanische Art

Las Vegas war als Stadt jämmerlich: ein Stromversorgungsnetz mitten in der beschissenen Wüste, ringsum geschützt von den ausgebrannten Überresten uralter Hotelanlagen. Innerhalb von zehn Minuten konnte man den bewohnten Teil der Stadt durchqueren und den weitläufigen Friedhof erreichen, der einst die alte Innenstadt gewesen war. Während ich dem Russen folgte, bekam ich die Fünfzig-Yen-Tour. In Vegas konnte man alles bekommen, was man nur wollte - besonders leicht wurde es, wenn es illegal war. In Vegas gab es keine Cops. Ich war mir nicht ganz sicher, ob es hier jemals welche gegeben hatte. Aber jetzt, da sich die Cops und die Spooks miteinander im Krieg befanden, gab es nicht einmal im Umkreis von fünfhundert Meilen einen einzigen Cop.

Von außen betrachtet war das ›Romanov's‹ eine absolute Drecksabsteige - blassroter und grauer Stuck, die Fenster vergittert, und überall matte, flackernde Neonbeleuchtung. Es lag zwischen Bars der ›Happy Ending‹-Kette, die es schon immer gegeben hatte, und Opiumhöhlen mit vollständig verhängten Fenstern. Das Innere hingegen schien mir nur aus Plüsch zu bestehen: Überall gab es rote, samtige Stoffe, und die Bar funkelte messingfarben. Auch wenn es sich bei den Kellnern ausschließlich um Droiden auf Rädern handelte, die mit absolut grässlicher Effizienz kreuz und quer umherhuschten, war der eigentliche Barkeeper doch ein echter Mensch: Er trug einen schwarzen Anzug, seine Augen waren auffallend hell, sein Gesicht regelrecht teigig, und er sprach ein Englisch, als würde er jeden einzelnen Satz von Lernkarten ablesen. Mein Anblick schien ihm nicht zu behagen. Doch er nahm die Zigarette lange genug aus dem Mund, um mir entgegenzuschlendern und eine Serviette auf die Bar zu werfen. Musik lag in der Luft: ein klirrendes Klavier, und im Spiegel vor mir konnte ich meinen Russen erkennen - und das sollte genügen.

Der Barkeeper blieb vor mir stehen; sein dunkles Haar hing ihm ins Gesicht. Er zupfte einen Tabakkrümel von seiner Lippe und pustete ihn auf den Fußboden. »Du hast Yen?«, fragte er.

Ich lächelte und warf meinen Credit-Dongle auf die Bar. »Reichlich davon.« Wenn es etwas gab, was ich überhaupt noch hatte, dann waren das Yen. Das Problem war, dass man, wenn man etwas kaufen wollte, egal was, Yen eben schubkarrenweise brauchte.

Eine Sekunde lang blickte er nur schweigend den Dongle an. Er machte sich nicht die Mühe, danach zu greifen und ihn auszulesen. Er seufzte, beinahe schon enttäuscht. »Was trinkst du?«

Sein Akzent gefiel mir. War zwar schwer zu verstehen, klang aber nett. Natürlich war er Russe - oder so etwas in der Art, vielleicht war er auch ein Bulgare oder ein Scheiß-Kosak, aber das war völlig egal: Praktisch gesehen war er Russe. Jeder in Vegas war ein Scheiß-Russe - denen gehörte die Stadt, wenn man das hier überhaupt eine Stadt nennen wollte. Das war vor allem deshalb so, weil niemand sonst dieses Drecksloch hier mitten im Nichts haben wollte. Die Russen hielten Vegas durch reine Entschlossenheit am Laufen, auch wenn es in letzter Zeit einfacher geworden war - seit die Army nach Südwesten gezogen war. Ich hatte schon seit Monaten keinen System-Cop mehr gesehen.

»Egal, ich schmecke sowieso nichts mehr. Gin«, sagte ich. »Warm.«

Er schnaubte, zog ein Glas hervor und ließ es vor mir fast auf den Tisch fallen. »Gin. Ein verdammter Proll, was?«

Ich zwinkerte, zog eine Zigarette aus der Tasche. »Verdammt richtig.«

Mein Russe war ziemlich alt, ein kleiner Bursche, aber mit breiten Schultern, und er wirkte so verkniffen wie jemand, der schon sein ganzes Leben lang schlank und zäh gewesen war. Er war alt und trug sein silbriges Haar kurz geschnitten. Im Spiegel sah ich, dass er an einem Tisch saß, umgeben von zwei hochgewachsenen, massigen Kahlköpfen, die in ihren Ledermänteln der Standardausführung überreichlich schwitzten. Mein Russe umklammerte die Hand eines hochgewachsenen, dünnen Mannes mit wächserner Haut und einem glänzenden Anzug: Das war der Eigentümer. Sie strahlten einander derart energiegeladen an und schüttelten sich mit so viel Nachdruck die Hand, dass ich mich fragte, wer von den beiden sein Gegenüber wohl mehr hasste. Der Speiseraum war ziemlich überfüllt: jede Menge feine Pinkel, die hier schick essen wollten, vor allem fette Männer in Anzügen, die so scheiße aufgebrezelt waren, dass man sie eher ›Gewänder‹ hätte nennen können. Angenehm lautes Stimmengewirr lag in der Luft.

Der Barkeeper schenkte mir meinen Drink ein, und ich zündete meine Zigarette an und ließ eine Wolke bläulichen Qualms in die Luft aufsteigen. Dann griff ich nach meinem Glas, leerte es in einem Zug und stellte es rascher wieder ab als der Barkeeper die Flasche wegräumen konnte.

»Noch einen«, sagte ich.

»Du schmeckst wirklich gar nichts, was?«, sagte er, sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Aber er schenkte mir nach.

»Und fühlen tu ich auch nichts mehr.«

»Schwachsinn.«

Im Spiegel beobachtete ich, wie der hochgewachsene, wächserne Kerl sich von meinem Russen entfernte, und nahm die Zigarette aus dem Mund. Dann presste ich mir die glühende Spitze auf den rechten Handrücken und hielt die Zigarette dort einfach fest. Weißer Rauch stieg auf. Ich zählte bis fünf, schaute über den Spiegel zu, wie mein Russe mit seinen winzigen, ausdruckslosen Augen den ganzen Raum absuchte, und klemmte mir den Zigarettenstummel schließlich wieder zwischen die Lippen. Dann wedelte ich mit der Hand vor den Augen des Barkeepers herum, um ihm die durchaus beeindruckende geschwärzte Brandblase zu zeigen. »Gar nichts.«

»Das ist beeindruckend.« Der Barkeeper nickte und ließ die Flasche als Zeichen seiner guten Laune auf der Bar stehen. »Nerven-Erweiterung?«

Ich schüttelte den Kopf, griff nach meinem Glas und betrachtete die trübe Flüssigkeit. »Mit mir ist im Gefängnis was passiert«, sagte ich langsam. Ich spürte, wie sich einer dieser Momente an mich heranschlich, nur noch Watte im Kopf. Kurz schüttelte ich den Kopf und ließ den Moment verstreichen - es wurde bloß schlimmer, wenn ich versuchte, mich dazu zu zwingen, mich an etwas zu erinnern. »Ich will nicht darüber reden.« Ich prostete ihm zu und leerte das Glas, während er sich herumdrehte und davonging. Während ich mein Glas wieder abstellte, spürte ich Enge: als hätte jemand schlagartig die Luft aus all dem Platz um mich herum gelassen. Der Spiegel verriet, dass mir mein Russe und seine beiden verschwitzten Leibwächter plötzlich viel näher gekommen waren.

»Mein Freund«, ergriff mein Russe das Wort, »ich habe den ganzen Tag Visionen von dir gehabt.« Er sprach mit dieser sonderbaren Präzision, die Ausländer immer der englischen Sprache verliehen. Jedes Wort klang abgehackt, wie abgebissen, wie frisch geprägt, wie erst vor wenigen Sekunden erfunden. »Warum ist das so?«

Ich nahm die Zigarette wieder von den Lippen. Ohne die drei eines Blickes zu würdigen, zuckte ich mit den Schultern. »Man hat mich angeheuert, dich zu töten.«

Im Spiegel sah ich, wie mein Russe kurz die Arme vorschnellen ließ, als wolle er seine Manschettenknöpfe zur Geltung bringen. Ich konnte kurz einen Blick auf das dunkle, unscharfe Tattoo auf seinem Handgelenk erhaschen. Diese Scheiß-Iwans und dieser Quatsch, den die ständig trieben: Die Russen waren so ungefähr die einzige Organisation, die die Vereinigung überstanden hatten, und deswegen waren die erst recht verrückt geworden, was Symbole und Rituale anging. Nett war anders: Einen Großteil ihrer Yen machten die Russen mit Drogen, richtig hartem Scheiß, den sie an die Leute verkauften, die im System ganz unten waren. Das war vor allem Designer-Kram, der höchst instabil war und der einem ebenso gut ein Gefäß im Hirn platzen lassen konnte wie einem ein anständiges High verpassen. Bei Rauschgift verstanden die Cops keinerlei Spaß - Director Dick Marin, Leiter der Abteilung für Innere Angelegenheiten und gleichzeitig praktisch der König der Cops, gab da eindeutig den Ton an. Also stürzten sich die Cops auf die Russen, wann immer sie eine Gelegenheit dazu fanden. Die Russen ihrerseits verpassten nur allzu rasch jedem eine Kugel in den Kopf, der ihnen wie ein ›schwaches Glied in der Kette‹ vorkam.

In New York hatten sie nie richtig Fuß fassen können - damals, als es ein New York überhaupt noch gegeben hatte. Wie ein Mann hatten sich die Einheimischen ihnen entgegengestellt, und New York gehörte den System-Bullen auf die gleiche Art, wie Las Vegas eben den Russen gehörte. Im Laufe der Jahre hatte es ein paar Versuche gegeben, etwas an der Lage zu ändern. Das aber war ziemlich bitter ausgegangen. Doch die Russen hatten überlebt.

Jeder in dieser Organisation hatte schon schreckliche Dinge getan. ›Schreckliche Dinge‹ waren deren Initiationsriten.

Mein Russe neigte den Kopf ein wenig zur Seite und blickte mich an. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Nach einer Sekunde des Zögerns stimmten seine beiden kahlköpfigen Freunde mit ein. Ihr Boss blickte sich um, als habe er einen schrecklich komischen Witz erzählt und ließ den ganzen Raum auf sich wirken.

»Komm und trink einen mit mir, du Gespenst!«, lachte er leise und wandte sich wieder ab. »Red mit mir!«

Einer der kahlen Riesen wollte sich schon einschüchternd über mich beugen. So einen Scheiß wie den unterband ich sofort, indem ich aufstand und eine dicke Wolke Zigarettenrauchs ausstieß. »Wenn du mich anpackst, Boris, breche ich dir einen Finger!«

Er grunzte und richtete sich wieder auf. »Heiß nich' Boris.«

Ich nickte. »Das rettet den Finger auch nicht«, warnte ich ihn und zwängte mich zwischen den beiden Kahlköpfen hindurch. Mit dem Kinn deutete ich auf den Barkeeper, der sich wieder gegen die Wand gelehnt hatte und mit zusammengekniffenen Augen die Geschehnisse beobachtete; ein feiner Rauchfaden stieg von seiner Zigarette auf. Seine Hand, die gerade eben noch an seinem Hosenbund gelegen hatte, schnellte vor, und mein Credit-Dongle kam auf mich zugeflogen. Mit einer Hand fing ich ihn auf.

»Spaaseeba«, sagte ich - bloß irgendeine Lautfolge, die ich aufgeschnappt hatte. Ich schob mir meinen Dongle in die Tasche.

»Schön, dich gekannt zu haben«, sagte der Barkeeper noch, obwohl ich ihm schon den Rücken zuwandte.

Ich grinste.

Die Klimaanlage war auf geradezu aggressive Leistung eingestellt. Ich konnte mir allerdings immer noch einbilden, die Wüstenhitze von draußen zu spüren. Um die Mittagszeit hatte die Temperatur bei 45 Grad gelegen. Man rechnete damit, gegen Mitternacht werde sie auf passable 40 Grad fallen. Ich fand Las Vegas grässlich. Als lebe man in der Achselhöhle eines immens verschwitzten Menschen.

Sie führten mich in den hinteren Teil des Etablissements, drängten sich an überfüllten Tischen vorbei, gingen dann weiter, bis sie eine massiv wirkende, rot gepolsterte Tür mit der Aufschrift PRIVAT erreichten und mich durch die Schwingtür in die Küche brachten. Die schwarze, summende Kocheinheit dort nahm immens viel Platz ein. In dem gekachelten Raum wirkte sie wie ein gewaltiges Geschwür: ein Würfel aus schlichtem schwarzem Metall, aus dem Zentimeter um Zentimeter ein Förderband kroch. Im Augenblick geschah dort nichts weiter. Die Leute waren eher damit beschäftigt, an der Bar zu trinken, als damit, etwas zu essen. Die Art und Weise, wie das Gerät summte, gefiel mir nicht: Es war eher eine Art lautlose Vibration, die mir durch und durch ging. Ich stopfte die Hände in die ausgebeulten Taschen meines schlecht sitzenden Anzugs, der viel zu schwer war für dieses Wetter und dazu auch noch schweißgetränkt. Der Stoff schien meinen Schweiß geradezu begeistert aufzusaugen und dann eifersüchtig zu hüten. Ich war für diese Stadt einfach nicht geschaffen. Zu heiß, zu leer, zu alt.

Mein Russe durchschritt die ansonsten leere Küche und trat durch die Hintertür auf einen kleinen, eingezäunten Parkplatz, auf dem es nach Verwesung stank. Als wäre man gegen eine Wand gelaufen, schlug einem dieser feuchte, schwere Geruch regelrecht ins Gesicht und schien in Haut und Kleidungsstücke gleichermaßen einzudringen. Noch in Wochen würde ich nach diesem beschissenen Parkplatz stinken. Aber ich lächelte weiter und versuchte währenddessen, mir meine neuen Freunde genau anzuschauen. Wir alle hier wussten genau, in was diese freundschaftliche Zusammenkunft enden musste. Es blieb nur noch herauszufinden, wer von uns denn nun Recht behalten würde.

Ich richtete den Blick wieder auf meinen Russen, betrachtete konzentriert seinen glänzenden Anzug und kam zu dem Schluss, dass er keine Knarre dabei hatte. Die Russen - zumindest die in höherer Position, die echten altmodischen Iwans - hatten einen regelrechten Hang zum Strangulieren entwickelt und besaßen dafür einen Fetisch: einen netten, dünnen Draht, der plötzlich in der Dunkelheit aufblitzt. Ich habe mal gehört, einen Mord, bei dem man dem Opfer nicht richtig nahe kam - also nicht mit einem Messer, einer Klaviersaite oder so -, empfanden die als Weicheikram. Mord auf amerikanische Art.

Weichei oder nicht, die beiden kahlköpfigen Fleischberge trugen unter den Achseln je zwei Kanonen, richtig dicke Dinger. Die Iwans sahen nicht aus, als wären sie sonderlich schnell, und ihre Jacketts waren zu eng, als dass man die Waffen rasch hätte ziehen können. Wenn sie vorhätten, beide Knarren gleichzeitig hervorzuholen, würden die Jacketts sie heftig behindern. Die beiden Kanonen aber hintereinander zu ziehen, wäre schlichtweg schwachsinnig. Wozu also dann zwei davon? Die beiden Leibwächter blieben stehen und gestatteten meinem Russen und mir, noch einige Schritte allein weiterzugehen. Letztendlich also stand ich zwischen meinem Russen und den beiden: zwei riesige Fleischklops-Hindernisse zwischen mir und der Tür.

Mein Russe blieb stehen, drehte sich herum und lächelte mich an. Ich kniff die Augen zusammen; die drückende Hitze senkte sich mit aller Macht auf meine Schultern. Es war hell hier draußen: Über uns hing ein dicker, fetter Mond am Himmel. Der Zaun war ziemlich hoch: ein ernst zu nehmender Zaun. Es wäre nicht unmöglich, drüberzuklettern, aber ich hatte keine Chance, einfach drüberzuspringen, während man auf mich feuerte. Über uns wölbte sich der Himmel wie eine dunkelblaue Kuppel, leer und sauber, angefüllt nur mit all der aufsteigenden Hitze.

»Hier halte ich meine Besprechungen ab«, erklärte mein Russe, breitete die Hände aus und grinste. Im sanften Licht, das der Mond spendete, wirkte sein schimmernder Anzug noch teurer. »Hier ist es ruhig. Also«, fuhr er fort, »man hat dich angeheuert, mich umzubringen, ja? Wer hat dich angeheuert? Warum?« Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Dein Gesicht kenne ich doch. Deinen Namen auch. New York, ja? Heutzutage hat es hier draußen viele New Yorker. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.«

»New York gibt es nicht mehr«, sagte ich. »Die reißen alles ab und stellen stattdessen ein Scheiß-Einkaufszentrum da hin.«

»Ja. Ich kenne dich - bist ein großer Revolverheld, ja? Wie viele Menschen hast du getötet - für Yen?« Er ließ es klingen, als gebe es deutlich bessere Gründe, jemand anderen zu töten. Dann kniff er ein Auge zusammen und sah plötzlich aus wie eine kurzsichtige Eule. »Du warst kürzlich in Venedig, ja? Dieser Weltbankier. Den Namen habe ich vergessen.«

Ich schüttelte den Kopf. »War schon seit Jahren nicht mehr in Europa, Boris. Du verwechselst mich mit irgendeinem anderen verzweifelten alten Mann.«

Mein Russe runzelte die Stirn und schob die Hände wieder in die Taschen. Unterhalb seines Kragens war eine Art Tintenfleck zu erkennen - ein Stern oberhalb von etwas, das ein wenig aussah wie eine Krone, ein Symbol seines hohen Ranges. Ich hob die Hand und kratzte mich an der Schulter - da, wo früher mein eigenes Gefängnis-Tattoo eingebrannt gewesen war. Das Gefängnis hatte mir gut getan. Ich dachte nicht gern daran zurück, dachte nicht gern an Michaleen, Bartlett und die anderen. Es war keine schöne Zeit gewesen. Ich hatte sie nicht genossen, aber sie war notwendig gewesen - notwendig für mich. Sie hatte dafür gesorgt, dass ich mich mehr auf mich selbst konzentrierte, und als ich das Gefängnis verließ, war ich ein besserer Mensch.

Mein Russe bemerkte meinen Blick und lächelte. »Weißt du, was das bedeutet?« Plötzlich schob er seinen Ärmel hoch und entblößte zweieinhalb dieser unscharfen Tattoos auf seinem Arm. »Und die hier?«

»Typisch Gefängnis«, erwiderte ich, blieb ganz ruhig und spürte den Blick der beiden Leibwächter. »Woher hast du die?«

»Weißt du, was das bedeutet, mein Freund?«

Ich grinste selbstgefällig und dachte mir, dass ihn das ärgern würde. »Ich weiß, was das bedeuten soll, Boris. Aber jeder kann einem Tinte auf den Arm klatschen.«

»Mein Name ist nicht Boris!«, nörgelte er. Vielleicht war er doch nicht ganz so helle. Ich war es nicht gewohnt, bei einem Treffen der Schlauste zu sein. »Und da, wo ich herkomme, bringen sie dich um, wenn du falsche Embleme trägst. Irgendjemand spendiert dir einen Drink und schneidet dir dann die Kehle durch: Du fällst auf eine Plastikplane, und fünf Minuten später ist es so, als hätte es dich nie gegeben.«

»Jou«, bestätigte ich. »Wie viele? Fünf? Zehn? Hältst du zehn für viel?« Hätte ich mir für jeden, den ich umgebracht hatte, einen solchen Schädel stechen lassen, würde ich jetzt aussehen wie mein eigener Schatten: überall nichts als Tinte.

»Zahlen sind bedeutungslos. Ihr New-York-Jungs, immer müsst ihr zählen!« Angestrengt blickte er mich an. »Bist du sicher, dass du nicht den Job in Venedig gemacht hast? Ich habe deinen Namen laut und deutlich gehört.«

»Dann hat dich jemand angelogen«, sagte ich. Man hatte mich ins Chengara-Gefängnis geschleift, und seit ich wieder rausgekommen war, hatte ich noch keine allzu weiten Reisen unternommen. »Die letzten beiden Male, die ich in Europa war, ist es für mich nicht sonderlich gut gelaufen.« Die beiden großen Burschen hinter mir hatten sich nicht bewegt, hatten noch nicht einmal ihre Jacketts aufgeknöpft.

Mein Russe nickte, schürzte die Lippen, als wolle er sagen: Jou, okay, ist ja auch egal. »Kennst du meine Leute?«, fragte er mich plötzlich, leise und in beiläufigem Tonfall, als hätte er mich gefragt, ob mir sein Hemd gefalle. Tat es aber nicht. Mein eigenes Hemd war weiß und kratzig und am Hals ein bisschen zu eng, als sei es für jemand anderen geschneidert worden. »Weißt du, für wen ich arbeite?«

»Klar«, bestätigte ich und nickte. »Du hast Beziehungen. Du bist 'ne große Nummer. Du herrschst über diese ganze Stadt - im Auftrag von deinem Boss. Du wohnst in einer tollen Suite in einem alten Hotel. Von deinem klimatisierten Zimmer aus spazierst du zu seinem klimatisierten Mini-Schweber - ein total süßes Ding, wie ein Spielzeug -, und von da gehst du dann wieder in andere klimatisierte Zimmer, tagein, tagaus. Wahrscheinlich hast du seit zehn Jahren kein einziges Mal mehr geschwitzt.«

Er lachte leise, nickte und ging an mir vorbei. »Da«, sagte er fröhlich. »Da! Und dich hat man geschickt, um mich umzubringen. Das ist richtig lustig. Wenn du mich dann jetzt entschuldigen würdest? Ich muss zum Essen. Lyosha und Fedya werden unser Gespräch beenden.«

Ich drehte mich um, schaute zu, wie er in das Restaurant zurückging. Hinter ihm schloss sich die Tür, als werde sie durch einen Motor bewegt. Ich schaute erst den einen der großen Burschen an, dann den anderen. Sie unterschieden sich ein wenig in der Form ihrer großen, runden Köpfe und in der Art und Weise, wie ihr Mund offen stand. Doch im Prinzip waren sie zweimal die gleiche Person, die halt bloß doppelt so viel Platz einnahm. Träge fragte ich mich, ob es wohl zu einer Explosion käme, wenn sie einander zufälligerweise berührten.

Der eine, den ich gerade anschaute - ich glaubte, es war Lyosha, aber ich wusste selbst nicht, wieso ich das dachte -, grinste mich an. »Brichst du mir jetzt Finger?«

Ich seufzte und war unendlich müde. »Klar, warum nicht?«, gab ich zurück. Diese Rechnung bekam ich hin: zwei gegen einen, allein auf einem Parkplatz, ihre Freunde waren im Haus und überall sonst, ach Scheiße, in der ganzen verdammten Stadt. Die hatten mich nicht gefilzt, hatten nicht versucht, mir meine Waffe abzunehmen. Ich entschied mich dafür, mich davon nicht beleidigen zu lassen. Stattdessen griff ich nach der miesen Zigarette zwischen meinen Lippen und hielt sie vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger.

Lyosha schnippte seine Zigarette in die Luft und atmete kurz, aber heftig aus, rollte die Schultern, lockerte sich. Wie in Zeitlupe fiel die Kippe zu Boden, als wäre die Luft zu dick, um irgendetwas hindurchzulassen; hell glomm die Glut auf dem dunklen Asphalt. Einen Moment lang standen wir alle nur einfach da, die Hände locker herabhängend. Jeder von uns wartete ab, wer sich wohl zuerst bewegen würde. Sich als Erster zu bewegen war immer ein schlechter Zug. Es verriet, was man vorhatte, und wenn man es mit mehr als einer Person zu tun hatte, garantierte es, dass mindestens eine Waffe ihr Ziel finden und man dann äußerst unschöne Veränderungen würde hinnehmen müssen. Die Luft war völlig starr, wie heiße Götterspeise, und ich musste an den Hof von Chengara denken, wo ich eine kostenlose, aber wirklich ausgezeichnete Ausbildung darin erhalten hatte, wie man zu kämpfen hatte, wenn man dem Gegner zahlenmäßig unterlegen war.

Regel Nummer eins lautete: Manchmal ist es doch schlau, sich als Erster zu bewegen.

Ich stürzte mich auf den, von dem ich beschlossen hatte, er wäre Lyosha, warf ihm mit der linken Hand meine Zigarette ins Gesicht, während ich mit der rechten schon die Waffe zog. Er fluchte auf Russisch - ein unverständliches Gemisch aus Konsonanten und hochgewürgtem Schleim -, wedelte mit der Hand vor dem Gesicht herum und tänzelte rückwärts. Als ich gegen ihn krachte, hob ich die Waffe und schoss ihm zweimal in den Bauch, stürzte dann auf ihn und rollte mich zur Seite ab. Um den Lärm, den wir hier veranstalteten, machte ich mir keine Sorgen: Mein Russe rechnete damit, dass ein paar Schüsse fallen würden. Wenn es zu viele würden, dann, nur dann, würde er wahrscheinlich den Kellner nach draußen schicken, der schauen sollte, ob wir etwas benötigten. Aber so weit war es noch nicht.

Mit einer leider alles anderen als fließenden Bewegung ging ich in die Hocke und gab rasch hintereinander drei Schüsse ab - auf die Stelle, an der gerade noch der andere Leibwächter gestanden hatte. Einen Moment lang war er immer noch da, dann stürzte er um, krachte auf die Knie und fiel letztendlich einfach vornüber, geradewegs aufs Gesicht. Ich blieb in der Hocke kauern, lauschte der plötzlichen Stille, fühlte die Hitze, alle Sinne angestrengt.

Regel Nummer zwei lautete: Niemals von Annahmen ausgehen. Schön war das nicht, aber ich wandte mich um und fand Lyosha, presste ihm die Mündung meiner Waffe gegen den Hinterkopf und sorgte dafür, dass er wirklich tot war. Dann ging ich zu seinem Kumpel hinüber und tat dort genau das Gleiche: Warmes Blut spritzte mir entgegen. Es musste sein, sonst würden sie, ginge man einfach davon aus, sie seien tot, zur ungünstigsten Zeit plötzlich wieder hinter einem auftauchen. Ich war schon so oft von ›Toten‹ angegriffen worden, dass ich in dieser Hinsicht regelrecht paranoid geworden war.

Ich drehte mich wieder um und hastete in einem weiten Bogen auf die Tür zu. Ich näherte mich ihr in einem spitzen Winkel und bewegte mich dabei leise und vorsichtig. Ich wusste, ich brauchte mir keine Sorgen darüber zu machen, wie ich diese Tür aufbekäme - dafür hatte ich ja meine Zauberkräfte. Willenskraft würde reichen, um sie zu öffnen. Nach fünf weiteren Schritten geschah genau das, und eine stämmige Frau mit auffallend dickem Hals, in den Händen eine gottverdammte Schrotflinte, trat halb auf den Parkplatz hinaus. Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie sich um, murmelte dabei vor sich hin und sah nicht, dass ich näher kam. Ich schlich mich näher und näher an sie heran und hielt mich dabei brav zurück: Man schießt anderen nicht einfach in den Rücken. Ich glaubte zwar nicht allzu inbrünstig an Gerechtigkeit. Aber jeder hatte es verdient, zumindest mitzubekommen, was als Nächstes mit ihm geschehen würde.

Ich war nur noch wenige Schritte von ihr entfernt, als sie plötzlich herumwirbelte, etwas zischte, was ich nicht verstand, und die Schrotflinte herumriss - langsam und ungeschickt. Ich drückte ab, und die Frau drehte sich einmal um sich selbst und gab einen Schuss aus ihrer Schrotflinte ab. Der Schuss sauste hinaus in die Nacht. Dann kippte die stämmige Frau einfach zur Seite, landete halb am Türblatt und hielt die Tür mit dem Gewicht ihres Körpers geöffnet. Ich sprang vor und nahm ihr die Waffe aus den schlaffen Händen. Dabei betrachtete ich die unschöne, tropfende Wunde, die meine Waffe in ihrer Brust hinterlassen hatte, und schaute mir schließlich ihre blicklosen Augen an. Nach einem kurzen Blick in die helle, immer noch leere Küche klappte ich die Schrotflinte auf und ließ die Patronen herausfallen. Anschließend warf ich die Waffe fort. Es schien mir, als folge der Schatten der Flinte ihrer Flugbahn nur langsam und träge. Nachdem ich der Frau sicherheitshalber noch eine weitere Kugel verpasst hatte, schob ich mich in die Küche, in der immer noch die Geräte summten. Die aufbereitete Luft, die aus den Luftschächten gepumpt wurde, zischte mir entgegen, als hätte jemand mitten in der Wüste eine Luftschleuse geöffnet. Dann machte ich ein paar Schritte in die Küche hinein und verschwendete einen oder zwei Momente darauf, nur zu lauschen und die Schwingtür zu beobachten, die in den Speiseraum führte.

Während ich noch dastand, schwang die Tür auf und ließ zwei Kellner-Droiden ein. Beinahe lautlos glitten sie über den Fußboden, in den Greifwerkzeugen gebrauchtes Geschirr. Während sich die Schwingtür wieder schloss, konnte ich einen kurzen Blick in den überfüllten Speiseraum werfen: alles in Rot- und Brauntönen, plüschartiger Stoff, der schwer und richtig alt aussah. Mein Russe saß weit von der Tür entfernt im vorderen Teil des Raumes. Er lachte und hielt ein Glas empor, als wollte er einen Toast ausbringen. Ich hatte ihn genau im Blick, als die Tür sich wieder schloss; sie bewegte sich langsam auf ihren winzigen Motoren. Doch mein Russe hatte nicht zu mir geblickt.

Ich hob die Hand und ließ das Magazin ausrasten; es fiel mir auf die Handfläche. Heutzutage war es schwer, an anständiges Gerät zu kommen; das meiste kam von irgendwelchen Schrotthalden unten im Süden, meistens aus Mexiko. Dort hatte der SSD die Lage nicht mehr ganz so fest im Griff, weil ihm die Army ernstlich Druck machte. Für sechs Yen in der Woche sortierten dort unten kleine Kinder Kugeln nach ihrem Kaliber und füllten Magazine von Hand auf. Und dann wurden die Mags an Arschlöcher wie mich verkauft, für tausend Yen pro Stück. Ich wusste nicht genau, woher die Scheiß-Kugeln eigentlich kamen: Irgendwoher bekam man die Dinger, einzeln, manche uralt, und eigentlich rechnete ich jedes Mal damit, dass mir meine Kanone einfach in der Hand explodierte, wann immer ich den Abzug durchdrückte. Das bekämpfte wenigstens die Langeweile.

Nun tauschte ich das leere Magazin gegen ein volles aus und ließ es so lautlos einrasten, wie das eben möglich war. Ich wurde nicht dafür bezahlt, mich irgendwo herumzudrücken und auf den perfekten Augenblick zu warten. Mich bezahlte man für Ergebnisse, und jetzt, da mein Russe wusste, dass ich hier war, wäre sofortiges Zuschlagen wohl das Beste. Sonst käme er vielleicht noch auf die Idee, seine anderen Jungs zusammenzurufen und richtig auf die Tube zu drücken - eine ganze Mauer aus fetten Kerlen in Ledermänteln, dazu ein paar Vollidioten mit Garotten in den Taschen und einem hübschen Bild von mir auf ihren Taschencomputern. Abgesehen davon waren meine Anweisungen ziemlich eindeutig gewesen: Mein Russe musste heute Abend sterben. Das hatte ich meinem Auftraggeber versprochen; und was man verspricht, muss man auch halten. Ich holte tief Luft und ließ vorsichtig eine Kugel in die Kammer gleiten, und dabei kam ich zu dem Schluss, das Beste wäre hier, richtig rasch vorzugehen - keine einzige Bewegung und keine Zeit verschwenden.

Ich hielt die Waffe locker gegen den Oberschenkel gedrückt und drängte mich durch die Schwingtür zurück in den Speiseraum. Rasch und mit ruhigen Schritten ging ich auf meinen Russen zu, den Blick die ganze Zeit auf ihn gerichtet. ›Schwung‹ war hier das Zauberwort - niemand achtete auf mich, als ich den Raum durchquerte. Für alle anderen in diesem Raum war ich bloß Teil des diffusen Gewimmels rings um sie herum.

Als ich die Hälfte der Strecke zum Tisch meines Russen zurückgelegt hatte, blickte er zu mir herüber. Dann wandte er den Blick ab, und sein Gesicht verzog sich zu einer freundlichen Maske höflich zur Schau gestellten Vergnügens. Dann zuckte sein Blick wieder zu mir zurück, und seine Miene wurde deutlich angespannter. Seine Hände, die zuvor auf dem Tisch gelegen hatten, zuckten kurz, als wolle er rasch irgendetwas unternehmen, habe es sich dann aber anders überlegt. Bis dahin war es ohnehin zu spät: Ich hatte seinen Tisch schon erreicht. Ich hätte einfach die Waffe heben, ihn erschießen und dann hinausspazieren sollen. Doch einen Moment lang blieb ich stehen, die Waffe immer noch gegen den Oberschenkel gepresst. Ich wusste nicht, ob mein Russe die Waffe schon gesehen hatte oder nicht.

»Lyosha und Fedya werden mir einiges zu erklären haben, ja?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Und die Küchenhilfe auch nicht.« Ich ließ ihm eine weitere Sekunde Zeit. Aber er saß nur da und starrte mich an, die Hände zu Fäusten geballt. Macho-Arschloch: Er hatte keine Waffe dabei, weil er doch so hart war. Scheiß auf ›hart‹. ›Hart‹ konnte einen das Leben kosten.

Ich hob die Waffe, und zunächst führte das zu keinerlei Reaktionen. Ich hatte damit gerechnet, dass die Menschenmenge hier in Panik ausbrechen, wenigstens herumschreien oder etwas Chaos veranstalten würde. Aber ich war schon so lange der Zivilisation ferngeblieben, dass ich vergessen hatte, wie die Spielregeln lauteten und wie alles lief: Ich hob die Waffe und hielt sie meinem Russen ins Gesicht - nicht nahe genug, dass er danach hätte greifen oder sie fortschlagen können. Und nichts geschah. Keinen Meter weit entfernt aßen die Gäste einfach weiter, und niemand würdigte mich auch nur eines einzigen Blickes.

Mein Russe starrte den Lauf der Waffe an. »Du weißt, wer ich bin, mein Freund«, sagte er langsam und leckte sich über die Lippen. »Vielleicht möchtest du gern reich werden?« Sein Blick zuckte kurz zu meinem Gesicht, dann wurde sein Gesichtsausdruck noch angespannter. »Nein, ich sehe schon, du möchtest nicht reich werden. Vielleicht möchtest du auch nicht mehr leben. Du bist kein junger Mann. Du weißt, für wen ich arbeite. Das wird nicht in Vergessenheit geraten.«

Ich nickte. »Du hast in dieser Stadt jede Menge zu sagen. Und jetzt ist das völlig egal. Ich weiß nicht, was du angestellt hast, aber du hast die falschen Leute sauer gemacht, und jetzt bin ich hier.« Eigentlich war dieses Gerede typisch für einen Amateur. Aber ich wollte ihm eine Chance lassen, das auszusprechen, was ihm auf dem Herzen lag. Wenn man einen Menschen tötet, sollte man ihm schon seine letzten Worte gönnen, wenn es irgendwie machbar ist.

Jetzt zitterte er - ob vor Furcht oder Zorn, wusste ich nicht. »Dir ist also egal, für wen ich arbeite, ja? Aber du verstehst nicht! Das ist nicht wie in der guten alten Zeit, wo wir vor den Scheiß-Bullen fortgelaufen sind und die uns jagen, bis wir uns hinter dem Sofa verstecken. Wir sind selbst Teil der ganzen Sache. Wir sind Partner. Du hast keine Angst vor mir, aber vielleicht hast du Angst vor Cal Ruberto? Ruberto, dem Unterstaatssekretär.«

Ich musste blinzeln. Jetzt war aus dem hinteren Teil des Raumes ein heiserer Schrei zu hören, und eine Sekunde lang wurde es im ganzen Speisesaal totenstill, gefolgt von einer Geflüsterwelle, die langsam näher kam. Cal Ruberto war der Unterstaatssekretär, der für das Nordamerika-Ressort verantwortlich war, und mittlerweile auch Major General in der neuen Army. Die Unterstaatssekretäre hatten das ganze System am Laufen gehalten - soweit Dick Marin und die System-Bullen das zuließen. Sie hatten das getan, seit der Einheitsrat vor Jahren senil geworden war. Jetzt aber hatten sie an Schlagkraft dazugewonnen. Inzwischen war Ruberto eben nicht bloß ein Unterstaatssekretär. Er war ein Scheiß-General.

»Du fürchtest meinen Boss nicht«, fuhr mein Russe fort. »Aber vielleicht fürchtest du Ruberto. Vielleicht fürchtest du das ganze verdammte System, das hinter ihm steht.«

Eine Sekunde lang starrte ich ihn bloß an, dann spannte ich den Hahn. »Cal Ruberto«, sagte ich, »ist mein Boss.«

Ich betätigte den Abzug, die Kanone krachte wie ein Donnerschlag. Das Gesicht meines Russen implodierte, während sein Körper zurückgeschleudert wurde, und ein feiner Nebel aus Gehirnmasse und Blut spritzte mir entgegen. Einen Moment lang stand ich stocksteif da. Ich dachte darüber nach, dass ich beinahe den Punkt erreicht hatte, wo ich, wenn ich genau das aussprach: mein Boss, gar nichts fühlte.

Dann wirbelte ich herum, die Waffe immer noch in der Hand, und stand da, während das Blut an mir heruntertroff und ich den Blick über die Menschen in diesem Raum schweifen ließ. Die meisten wandten rasch den Blick ab oder duckten sich, als ich sie anschaute; sie kauerten sich regelrecht in ihre Sessel. Ganz selten kreischte jemand unterdrückt auf. Aber niemand, absolut niemand rührte sich. Ich ließ die Waffe wieder sinken und ging rasch auf den Ausgang zu. Es würden keine Cops kommen. In dieser Stadt allerdings brachte man nicht einfach jemanden um, der eine Krone auf der Brust trug, und spazierte dann fröhlich pfeifend davon.

Ich riss die Tür auf, die gegen die Wand krachte. Ich trat in die heiße, leere Wüstennacht hinaus und schob mir die Knarre wieder in die Tasche. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie das Blut meines Russen jetzt an meiner Kleidung trocknete, daran festbuk. Mein Hemd mit dem engen Kragen war jetzt ein starrer Panzer aus Blut. Auf den Straßen war einiges los, ganze Scharen von Fußgängern, die des Nachts noch unterwegs waren - sie bildeten die Infrastruktur dieser Privatstadt meines Russen. Ich drängte mich zwischen ihnen hindurch, blickte zu den dunklen, ungeschlachten Umrissen der uralten Hotels am Horizont hinüber - gewaltige Bauten, die in der Sonne verrotteten. Sie bildeten einen Kranz um diese verrottende Stadt, die sich immer weiter mit Sand und erstickendem Sonnenlicht anfüllte. Wenn ein Mann das wollte, konnte er sich für alle Zeiten in dieser Dunkelheit verlieren. Bei dieser Hitze war für alle Zeiten‹ viel kürzer als man sich wahrscheinlich vorstellt.

Während ich stetig dem Horizont entgegenmarschierte, wischte ich mir das Blut meines Russen aus den Augen und hörte ihn noch einmal fragen: Wie viele Menschen hast du getötet - für Yen? Ich schüttelte eine Zigarette aus der Packung und klemmte sie mir zwischen die Lippen. Ich wusste es nicht. Ich konnte sie nicht mehr zählen. Ich war tot. Im Gefängnis war ich gestorben. Als ich mich vorbeugte, um mir die Zigarette anzuzünden, gab es hinter mir einen ohrenbetäubenden Schlag. Ein heißer Windstoß riss mich fast von den Beinen; eine Sekunde lang hatte ich keinen Bodenkontakt. Ich taumelte vorwärts und fand schließlich mein Gleichgewicht wieder, mit dem Gesicht platt auf dem Asphalt. Einen Moment lang lag ich nur da, die Zigarette unter meinem Gesicht zerquetscht. Als ich mich schließlich auf den Rücken drehte, sah ich, dass das ganze Restaurant in Flammen stand; Trümmer des Dachstuhls segelten in feurigen Bögen über den Nachthimmel. Das alles geschah in sonderbarer Stille, wie durch Watte gedämpft, so sehr dröhnte es mir immer noch in den Ohren.

Na, Scheiße, dachte ich und stützte mich auf die Ellenbogen. Das ist mal komisch!

II
Bloß noch am Leben

Mein Bein schmerzte.

Ich kam zu dem Schluss, es werde wohl bis an mein Lebensende schmerzen. Eigentlich war ich erstaunt, dass ich damit überhaupt noch laufen konnte. Meine Lungen brannten immer noch, wenn ich zu schnell rannte – oder auch, wenn ich eine rauchte: Diese Scheiß-Seuche würde mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen.

Die Seuche. Ich dachte an Gleason, sah ihr Gesicht, dreckverschmiert und mit diesem sarkastischen Lächeln auf den Lippen. Zuerst konnte ich das Gefühl, das in mir hochstieg, nicht richtig einsortieren. Dann begriff ich, dass ich sie vermisste. Ich vermisste, wie sie über mich gespottet hatte, und ich vermisste es, wie ich ihr Dinge gezeigt hatte, ihr Dinge beigebracht hatte. An sie zu denken, machte mich zornig. Also verdrängte ich die Gedanken an sie.

Ich wollte mein Gewicht verlagern, wollte mein geschundenes Bein schonen und das Blut ein wenig ungehinderter zirkulieren lassen. Doch ich konnte mich nicht bewegen. Ich war aufrecht festgeschnallt. Auf was, wusste ich nicht, aber es hielt mich stocksteif und schmerzhaft aufrecht. Ich konnte meine Finger ein bisschen bewegen, auch meine Zehen und meine Augen. Nicht, dass meine Augen mir im Augenblick viel genutzt hätten. Millimeter vor mir war dieser verschwitzte Kopf, den ich aus einer halben Million unterschiedlicher Winkel betrachten konnte. Aber sonst gab’s nichts zu sehen. Der ganze Eisenbahnwaggon war vollgepackt mit Gestalten, und jeder von uns trug seinen Teil dazu bei, die Luft so widerlich aufzuheizen. Schweiß strömte mir von der Stirn in die Augen und ließ mich blinzeln wie wild.

»Deswegen«, sagte jemand leise irgendwo hinter mir. »Demokratie. Scheiß-Demokratie. Revolution. Genau wegen dieser Scheiße hier.«

»Wir haben doch eine Demokratie«, war eine deutlich tiefere Stimme in noch größerer Entfernung zu hören. »Niemand darf wählen. Wir sind alle gleich.«

Das brachte einige andere dazu, leise zu lachen, und dann war die erste Stimme wieder zu hören. Sie brüllte so laut, dass dem Sprecher die Kehle schmerzen musste: »Leck mich doch, du Scheiß-Bulle! Ich weiß, dass du ’n Bulle bist! ’n abservierter Bulle! Ich schlitz dich auf!«

Ich schloss die Augen, als wirklich jeder in diesem Scheiß-Eisenbahnwaggon plötzlich losbrüllte. Der Lärm wurde weißes Rauschen, so laut, unverständlich und alles umfassend. Ich hatte Durst. Als ich aufgewacht war, war ich hier schon festgeschnallt gewesen, und ich hatte keine Ahnung, wie lange ich schon hier festhing. Ich roch meine Mitgefangenen und wünschte mir, ich könnte mein Bein irgendwie mit reiner Willenskraft dazu bewegen, einfach abzufallen. Hin und wieder spürte ich, dass der Zug sich wirklich bewegte: ein kurzes Schlingern, wenn er in die Kurve ging; doch meistens war es, als stünden wir einfach auf der Stelle. Aber genauso gut hätten wir uns auch fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegen können, verfluchte Scheiße.

Kurz darauf verstummten auf einmal alle Stimmen gleichzeitig. Zurück blieb nur ein allgemeines leises Gemurmel und hin und wieder trockenes Husten. Ich ließ die Augen geschlossen und genoss einen Moment lang die relative Stille.

»Ich schneid dir die Kehle durch«, murmelte die erste Stimme erneut. Sandpapier auf trockenem Holz.

Im Zuge der Aufräumarbeiten nach Squalors Seuche hatte man uns alle eingesammelt. Ich wusste nicht, wie viele Menschen gestorben waren – wenn man von New York auf den Rest der Welt schließen durfte, dann wohl alle. Die Cops hatten Reservisten aus praktisch noch dem letzten Drecksloch des ganzen Systems zusammengezogen. Sie hatten gegen jede noch stehende Tür in der ganzen Scheiß-Stadt gehämmert, hatten Handschellen verteilt und so manchem Kopf eine neue Lüftung verpasst – alles gemäß einer Durchführungsverordnung von Dick Marin, dem Leiter der Abteilung für Innere Angelegenheiten. Ein paar von uns hatte man in diese Züge verfrachtet. Was auch immer der Grund sein mochte: Statt in den Ruinen von ›Pickering’s‹ einfach erschossen zu werden, hatte man meinen Namen auf einer ominösen Liste abgehakt und mich dann für den Transit vorbereitet. Vermutlich war Marin immer noch mein ganz persönlicher Schutzengel.

»Wir haben einen Scheiß-Cop hier?«, fragte jemand, der wohl neu dazugekommen sein musste. »Echt jetzt?«

»Nö, jetzt is’ er keiner mehr«, krächzte eine Frau, die klang, als habe sie sich in letzter Zeit ausschließlich von Zigaretten und Whiskey ernährt.

»Deswegen stinkt’s hier so«, bellte ein weiterer. »Ich dachte schon, das liegt an mir.«

Schwaches, rostiges Gelächter driftete an mir vorbei. Wieder öffnete ich die Augen, sofort rann mir der Schweiß hinein. Es brannte. Der Kopf unmittelbar vor mir hatte sich nicht verändert. Der Bursche war ein wenig kleiner als ich: rund und kahl. Doch die ersten, schnurrbartfeinen Härchen wuchsen gerade wieder nach. Knapp oberhalb der Halsfessel war die Oberkante eines Tattoos zu erkennen: ein komplexes Muster aus Wirbeln und Kreuzen. Ich hatte es schon seit Ewigkeiten angestarrt und hatte keinen blassen Schimmer, was das bedeutete – wenn es überhaupt eine Bedeutung hatte.

»He«, flüsterte der Mann hinter mir. »He, wie heißt du?«

Ich blinzelte, war mir nicht sicher, ob er mich meinte.

»He«, zischte er erneut. »Wie heißt du?«

Mit trockener Zunge leckte ich mir über die trockenen Lippen. In diesem Moment hätte ich all mein Geld auf irgendwelchen Nummernkonten – Billionen von Yen – für einen gottverdammten Schluck Wasser gegeben. »Cates«, sagte ich dann, und meine eigene Stimme kam mir schwerfällig und rau vor, völlig unvertraut. »Avery Cates.«

Eine Pause folgte. »Ohne Scheiß? Verdammt, ich dachte, du wärst gottverdammt noch mal unsterblich!«

Ich versuchte mich an einem Grinsen. »Nö. Ich bin bloß noch am Leben.« Kurz dachte ich daran, meinen Gesprächspartner auch nach seinem Namen zu fragen. Doch dann stellte ich fest, dass es kaum etwas gab, was mich weniger interessierte.

»Wie haben die dich denn gekriegt, Mann? Scheiße, das muss ja ein gottverfluchtes Blutbad gewesen sein!«

Ich gestattete mir ein abfälliges Grinsen – aber nur zu meiner eigenen Belustigung. »Jou. Ein Blutbad.« Ich erinnerte mich daran, wie es gelaufen war: Ich hatte dort gesessen, mir einfach die Handschellen anlegen lassen, hatte die Knarre an meinem Hinterkopf gespürt und gewollt, dass es geschieht, so müde war ich.

»Warst du auch krank?«, quatschte die Plaudertasche weiter. »Ach verdammt, ich hätte beinahe ins Bett geschissen. Habe da auf der Straße gelegen, und das Scheiß-Blut ist mir einfach aus den Ohren geschossen, verstehst du? Ich dachte, ich wär echt erledigt.«

Dazu sagte ich gar nichts. Ich konnte nicht einmal einatmen, ohne dass mir etwas wehtat. Aber diesem Kerl da brauchte ich nichts zu beweisen. Ich spürte, wie sich der Schwung des Zuges veränderte: Irgendeine Kraft presste kaum merklich gegen mich. Wir wurden langsamer. Eine Sekunde lang hatte ich so sehr das Bedürfnis, mich zu bewegen, dass ich am liebsten um mich getreten und geschrien und an meinem Käfig gerüttelt hätte, einfach nur, um mein gottverdammtes Bein eine einzige Sekunde ausstrecken zu können. Ich hatte Geschichten von Revolverhelden gehört, die stundenlang oder sogar tagelang reglos an einer Stelle gestanden hatten – und ich war zum Ergebnis gekommen: Das war alles totaler Schwachsinn. Das schaffte niemand! Nicht einmal Canny Orel, und der war, wenn man auch nur der Hälfte von dem ganzen Scheiß glauben schenken konnte, den man zu hören bekam, eindeutig der härteste Bursche, den es jemals gegeben hatte. Selbst der musste sich hin und wieder am Arsch kratzen!

Das Abbremsen wurde immer deutlicher: Ich wurde nach vorn gedrückt. Alle anderen im Waggon bemerkten es auch, alle gleichzeitig. Sofort schnatterten sie wieder los, unverständliches Zeug, überall im ganzen Wagen. Sie alle klangen aufgeregt, als sei das hier ein total spannender Ausflug. Als wären die Handschellen und der Pistolenlauf, der sich einem in den Hinterkopf bohrt, all die Todschläger und diese unfreiwillige Bahnfahrt, auf der man noch nicht einmal die gottverfluchten Beine ausstrecken konnte, die Art und Weise der System-Bullen, einem mitzuteilen, dass man das ganz große Los gezogen hatte! Scheiße.

Und dann ging alles sehr schnell.

Licht flammte auf, unmenschlich hell und schrecklich: ein Klicken, dann ein Sirren, und genau über meinem Kopf zerbarst eine Glühbirne in tausend glühende Funken. Das Licht brannte mir in den Augen, zwang mich dazu, sie zusammenzukneifen und den Kopf so weit wie nur möglich abzuwenden.

Die Vordertür des Waggons, weit von mir entfernt, wurde aufgerissen: Ein fetter Mann stand im Eingang. Er war groß und so breit wie hoch und trug eine ausgebeulte Polizeiuniform: ein Brecher, ein ganz niedriges Streifenhörnchen. Die Kanone an seinem Gürtel hing fast bis zu seinem Knie – was auch gut so war, denn der Kerl hatte unglaublich lange Arme. Mit knochentrockenen Augen, die sich anfühlten, als müssten sie knirschen, wann immer ich sie bewegte, schaute ich ihn an: Sein Gesicht war so platt, als hätte schon im Mutterleib jemand draufgetreten. Betont wurden seine Gesichtszüge durch einen schwarzen, säuberlich geschnittenen Spitzbart.

Er betrat das Abteil und blieb stehen. Er blickte sich um, und seine Miene schien tatsächlich ein wenig belustigt. Der Zug rollte jetzt so langsam, dass ich jede Unebenheit der Schienen als deutlichen Ruck spürte.

»Willkommen in der Strafvollzugsanstalt Chengara«, sagte der Brecher, der kein richtiger Brecher war, mit dröhnender Stimme. Diese Stimme war wirklich toll: tief und volltönend und mit präziser, sauberer Intonation, als habe der Kerl eine Schule besucht. Das musste, ging es mir durch den Kopf, entweder der überqualifizierteste Brecher des Systems sein, oder es war überhaupt kein Brecher. Oder er war irgendetwas gänzlich anderes, was ich noch nie kennen gelernt hatte. Diese Vorstellung deprimierte mich.

»Dies ist die Einführung für euch«, fuhr er fort und legte eine Hand auf den Griff seiner Waffe: eine schlichte Geste ohne jegliche Bedrohung, die mich sofort aufhorchen ließ und mich sehr nervös machte. Einen Moment lang starrte ich nur seine Hand an, vergaß gänzlich mein beschissen schmerzendes Bein und erinnerte mich daran, dass ich mich nicht bewegen konnte. Nicht einmal den Kopf konnte ich abwenden. »Sie wird sechsunddreißig Sekunden dauern und wird nicht wiederholt.«

Erneut blickte er sich um und war sichtlich zufrieden mit dem Eindruck, den er hier machte.

»Chengara ist eine LZA. LZA steht für ›Lebenszeit-Anstalt‹. Man wird euch aus Chengara nicht entlassen, und ihr werdet auch nicht in irgendwelche anderen Anstalten verlegt.«

Er lächelte. »Es besteht keine Fluchtmöglichkeit. Solltet ihr es darauf anlegen, euer Glück zu versuchen, werden wir nicht allzu große Mühe haben, euch aufzuhalten. Es gibt eine Mauer und Wachtürme, und wir werden euch innerhalb von Sekunden im Visier haben, wenn’s irgendwie geht. Aber wenn ihr es schafft, über diese Mauer zu klettern und davonzulaufen: schön für euch! Rings um diese Anstalt gibt es nur Hunderte von Quadratkilometern Wüste, und innerhalb eines Tages seid ihr tot. Das ist nicht bloß so dahergesagt! Ihr habt einen Tag. Im Winter ist es noch schlimmer.

Niemand wird hier dafür bezahlt, euch zu beschützen oder euch am Leben zu halten. Ihr wollt gegeneinander kämpfen? Ihr wollt euch gegenseitig umbringen? Macht nur – mir zahlt man nicht genug dafür, euch davon abzuhalten.« Er zuckte mit den Schultern. »Wenn ihr hier angekommen seid, werdet ihr als lebendig eingebucht, und wenn einer von euch stirbt, bedeutet das für mich nur ein bisschen Papierkram. Ein kurzer Bericht über ein Standard-Ereignis. Ein solches Formular auszufüllen dauert bei mir vielleicht eine Minute. Also macht nur, wie ihr lustig seid.«

Er hielt inne und blickte uns der Reihe nach an. »Ein paar von euch denken bestimmt, bloß weil irgendsoein beschissener Schreibtischtäter euren Namen auf irgendeine Liste geschrieben hat oder weil irgendsoein Arschkriecher, der in einem Büro sitzt, beschlossen hat, euch zu ›Personen von öffentlichem Interesse‹ zu erklären, hättet ihr irgendeinen Status erreicht, der euch schützen würde. Und tatsächlich ist einigen von euch die Hinrichtung an Ort und Stelle nur deswegen erspart geblieben, weil ihr eben PÖI seid. Und jetzt sage ich euch: scheiß drauf, und scheiß auf euch: In diesem Zug gibt es keine Personen von irgendwelchem Interesse.«

Mit beeindruckender Geschwindigkeit und ebensolcher Eleganz zog er die Waffe. Bevor ich irgendetwas rufen konnte, bevor ich überhaupt nur zucken oder sonst irgendetwas tun konnte, wandte er sich dem armen Burschen zu, der links von ihm festgeschnallt war, und schoss ihm dreimal hintereinander genau ins gottverdammte Gesicht. Ich sah, wie bei jedem Schuss die Arme und Beine des Burschen zuckten. Dann hing er nur noch reglos da. Die plötzliche, atemlose Stille wurde nur vom feuchten Klatschen einzelner Blutstropfen auf dem Waggonboden unterbrochen.

»Hier gibt es keine beschissenen Schreibtischtäter. Keiner von euch ist irgendetwas Besonderes, und niemanden von euch wird man jemals wieder außerhalb dieser Anstalt sehen. Vergesst das nicht, ihr Nieten!«

Und mit diesen Worten lächelte dieser Nicht-Brecher, schob seine Waffe zurück ins Holster und wandte sich dem Ausgang zu. Nachdem er hindurchgetreten war, schloss sich die Tür mit einem Klicken. Tödliches Schweigen schwebte über allem. Als der Zug schließlich ganz stehen blieb, lösten sich mit einem Mal sämtliche Fesseln, und wir alle sackten stöhnend zu Boden. Meine Beine sackten mir unter dem plötzlichen Gewicht meines Körpers einfach weg, und ich fiel auf die Knie, konnte mich gerade noch mit den Händen abstützen und starrte geradewegs auf die Arschspalte eines anderen Gefangenen. Einige tolle Sekunden verbrachte ich damit, das gummiartige schwarze Material auf dem Boden des Abteils zu betrachten. Es fühlte sich feucht an und stank nach Pisse.

»Alles aufstehen!«

Knisternd und blechern drang die Stimme unseres neuen Freundes, dieses Nicht-Brechers, aus der Lautsprecheranlage des Zuges. Ich blickte auf, mein Kopf zitterte ein wenig, mein Nacken war völlig verspannt. Wir alle kämpften uns auf die Beine – sie zitterten und fühlten sich an wie Gummi – und streckten uns schmerzhaft. Sofort bekam ich in beiden Waden entsetzliche Krämpfe und sackte wieder zu Boden. Ich prallte gegen den Kerl hinter mir, als ich mich zusammenrollte, umklammerte meine Beine und massierte die geschundenen Muskeln, verzog gequält das Gesicht und biss die Zähne zusammen.

»Alles aufstehen, habe ich gesagt!«, fauchte die Stimme.

Keuchend rollte ich mich auf die Knie und richtete mich langsam auf. Meine Waden schmerzten fast so sehr wie der Rest des blöden Beins. Durch beide zuckten pulsierende Flammen, aber in unterschiedlichem Rhythmus. Als ich endlich wieder stand, klickte es erneut in den Lautsprechern.

»Gut. Und jetzt schön nacheinander aus dem Scheiß-Waggon aussteigen!«

Einen Moment lang rührte sich keiner von uns, und ich wusste, dass wir alle genau das Gleiche dachten. Uns allen ging durch den Kopf, wenn wir uns jetzt nicht bewegten, dann würden wir mit diesen Scheiß-Befehlen gleich jetzt und hier ein Ende machen. Doch hier spielte man keine Spielchen – wir befanden uns in einem Hochgeschwindigkeitszug, es war völlig unmöglich, die Fahrerkabine zu erreichen, unsere Beine bestanden aus Gummi und wir waren unbewaffnet. Man konnte förmlich sehen, wie jedem Einzelnen hier bewusst wurde: Wir sind im Arsch. Irgendjemand in der Nähe der Tür setzte sich in Bewegung, und keiner von uns sah eine Alternative. Als der Kerl vor mir langsam vorwärts taumelte, drehte ich den Kopf seitwärts, bis ich ein befriedigendes Plopp hörte, und taumelte ihm hinterher.

»He, Cates«, flüsterte der Bursche hinter mir, »erinnerst du dich an jeden, den du umgebracht hast?«

Ich blinzelte. »Ja«, sagte ich ohne jedes Zögern. Ich sah sie alle, jeden Einzelnen, vor meinem inneren Auge. Ich sah sie in perfekter Detailtreue, jede Pore, jede geweitete Pupille, jedes geplatzte Gefäß. Ich kannte zwar nicht alle Namen, aber doch genug.

Die Zugfahrt endete in einem gleißenden Quadrat, reinstes, hellstes Weiß. Hitze schlug uns entgegen, ein trockener, stetiger Wind. Nachdem wir wer-weiß-wie-lange in der abgestandenen Luft dieses Eisenbahnwaggons eingepfercht gewesen waren, fühlte sich das richtig gut an. Ich schlurfte dem Ausgang entgegen und empfand beinahe so etwas wie Begeisterung. Am Ausgang angekommen blieb ich stehen und blickte mich mit zusammengekniffenen Augen um, legte die Hand über die Augen, um das schmerzhaft-helle Sonnenlicht abzuhalten; mein Hals kam zu dem Schluss, er möge diese heiße, trockene Luft nicht und verkrampfte sich. Ein erstickter Laut entrang sich meiner Kehle. Aber niemand achtete darauf.

Jou, wir standen wirklich mitten in der Wüste. Der Boden am Fuß der kleinen Treppe war mit Sand bedeckt und von tiefen Rissen durchzogen; hier und dort wuchsen kleine, traurige Grasbüschel. In der Ferne konnte ich Berge erkennen. Sie waren so weit von uns entfernt, dass sie wie ein Gemälde aussahen, wie ein Theaterhintergrund. Der Himmel war blassblau; er wirkte zart und zerbrechlich. Am ganzen Körper brach mir der Schweiß aus. Ich zwang meine Lungen dazu, ein wenig Luft aufzunehmen; sie brannte bis ins letzte Lungenbläschen hinein.

Der Zug war in einem umzäunten Areal zum Halten gekommen. Der schwere Drahtzaun ragte mindestens sechs Meter hoch, gekrönt von Stacheldraht. Das schmale Tor, durch das der Zug eingefahren war, ließ zu jeder Seite des Waggons noch vielleicht zwei Zentimeter Platz. Die einzige Richtung, die wir hier einschlagen konnten, war: vorwärts. Ich sah, dass die Gefangenen, die vor mir ausgestiegen waren, taumelnd, blinzelnd und keuchend einem Pfad folgten, der einen unweigerlich in ein quadratisches Gebäude aus Schlackesteinen führte. Der massige Würfel sah aus, als bestehe er nur aus einem einzigen Raum, ohne Fenster, ohne alles. Es gab nur einen kleinen, dunklen Eingang. Zur Linken und zur Rechten dieses Baus befand sich eine massive Mauer aus dem gleichen Material, ebenso hoch wie der Zaun, ebenfalls von Stacheldraht gekrönt. Als ich den Kopf hob, sah ich nicht allzu weit von uns entfernt einen Turm, nackt und grau, mit einem Geländer. Eine einzelne Gestalt stand auf dem Turm; sie wirkte winzig und war kaum zu erkennen.

Plötzlich erhielt ich einen heftigen Stoß in den Rücken. Ich stolperte, verlor das Gleichgewicht und stürzte aus der Tür des Eisenbahnwagens, krachte auf den harten, heißen Boden, konnte mich gerade noch mit den Händen abfangen und schürfte mir die Haut auf. Schmerzen durchzuckten mich, über den Rücken bis in mein Bein hinein. Keuchend atmete ich aus, kniff die Augen zusammen und blinzelte einige Male, um wieder besser sehen zu können. Währenddessen lauschte ich aufmerksam: Alle alten Instinkte meldeten sich wieder zu Wort. Als ich mit den Banden in Manhattan unterwegs gewesen war, da hatte ich mir so manche Tracht Prügel eingefangen. Aber mit der Zeit lernte man, ebenso gut auszuteilen wie einzustecken. Und man verlernte keine einzige Lektion.

Mit einer Hand packte ich ein wenig von dem warmen, bröckeligen Erdreich, gleichzeitig hustete ich zum Gotterbarmen und machte damit weiter, bis ich hinter mir das Knirschen von Schuhen hörte: Der Kerl, der mich gestoßen hatte, war die Stufen hinuntergekommen und näherte sich mir jetzt. Ich hörte mit der Husterei auf und verließ mich ganz auf meine Instinkte. Dann wirbelte ich herum, mein kaputtes Bein ausgestreckt, und erwischte seinen Knöchel. Ich brachte ihn zwar nicht zu Fall. Aber er verlor das Gleichgewicht und taumelte ein wenig rücklings, während ich mich wieder aufrichtete, den Arm herumschwang und es darauf anlegte, dem Kerl die Hand voll Erde genau in die Augen zu werfen. Ich landete zwar keinen Volltreffer. Immerhin aber brachte ich ihn dazu, das Gesicht abzuwenden, und das lang genug, um mich auf ihn stürzen zu können. Er war ein hochgewachsener, drahtiger Asiate mit kaffeebrauner Haut und langem, schwarzem Haar, das er zu einem beeindruckenden Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er ging zu Boden, und ich blieb auf ihm, klemmte ihn zwischen meinen Knien ein und zeigte ihm meine Faust – in Nahaufnahme. Ich wollte schon gern wissen, was er davon hielt. Sie gefiel ihm nicht, und er spuckte mir einen blutigen Zahn entgegen. Dabei grinste er befriedigend blutrot.

»Sie erinnern sich an alle, Mr. Cates?«, brachte er undeutlich hervor und lachte dabei. »Sind Sie sicher?«

Ich starrte ihn an, suchte in meinen Erinnerungen nach seinem Gesicht, versuchte den Burschen irgendwie einzuordnen. Wie standen dafür die Scheiß-Chancen? Aber ich vermutete, dass man uns alle aus New York herausgeholt hatte, und in New York hatte ich eine ganze Menge Leute umgebracht.

Ich rollte mich von ihm herunter, und sofort war er wieder auf den Beinen, spie einen roten Schleimklumpen aus und stolzierte einfach davon, ohne sich noch einmal umzublicken. Ich lag auf dem Boden und schaute ihm hinterher, völlig verdattert, kam dann selbst langsam auf die Beine und klopfte mir den Staub ab. Kurz darauf bemerkte ich, dass jemand auf der anderen Seite des dicken Drahtzauns stand. Ich schaute zu ihm hinüber, musste die Augen zusammenkneifen, so gleißend war das Sonnenlicht. Es war der kleinste Mann, den ich jemals gesehen hatte, alt und faltig, das schlohweiße Haar strähnig und dünn; im heißen Wind schien es über seine Kopfhaut zu tanzen. Er trug eine Art orangefarbenen Overall, schmierig und zerlumpt. Der Kerl grinste mich an: gelbe Zähne und aufgesprungene Lippen. Er war so klein, dass ich fast glaubte, ihn mir einfach in die Tasche stecken zu können. Dann nickte er mir zu und lächelte noch breiter.

»Willkommen in Chengara, Mr. Cates«, sagte er mit rollendem Akzent und betonte dabei die Silben so sonderbar falsch und überdeutlich, als rezitiere er ein Gedicht. »Sie werden schon zurechtkommen.«

III
Ich wusste gar nicht, ob ich überhaupt
Widerstand leisten wollte

»Komm Victor, wir gehen spazieren!«

Ein oder zwei Sekunden lang ließ Vic den Zahnstocher, den er immer im Mund hatte, über die Lippen hin und her wandern, als denke er angestrengt nach. Schließlich seufzte er schweren Herzens und schälte sich von der Wand. Schweigend gingen wir den Las Vegas Boulevard hinab. Vor Anspannung war Victors verschwitzte, breite Stirn in tiefe Falten gelegt, und seine gelblichen Augen blickten immer wieder zu mir herüber.

»Hältst du es wirklich für eine gute Idee, hier herumzulaufen?«, fragte er flüsternd. Victor flüsterte immer. Er glaubte wohl, wenn er flüstere und nie irgendetwas direkt ansehe, sei er sozusagen unsichtbar - und das Sonderbare war: Die Masche schien zu funktionieren. Victor wusste immer alles, weil die Leute einfach vergaßen, dass er da war und in seiner Gegenwart frei über alles redeten. »Es heißt, du wärst ein toter Mann. Es heißt, du hast jemanden erledigt, der auf der Leiter ganz weit oben gestanden hat, und die ganze beschissene Organisation hat deine DNA in ihren Taschencomps.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe auch Freunde.«

Er schnaubte abfällig. Vic war kleiner als ich. Sein Körperbau allerdings war kräftiger, und einen Hals hatte er überhaupt nicht. Er war einfach von Natur aus stämmig. Ein guter Kämpfer war er nicht gerade, aber wenn man ihn so anschaute, hätte man das nicht vermutet. Vics Lieblingstechnik der Verteidigung bestand darin, rasch fortzulaufen und sich in irgendeinem hübschen Müllcontainer zu verstecken. Aber er sah zäh aus, deswegen legten sich die meisten einfach gar nicht erst mit ihm an. »Ich habe nicht so Freunde wie du, Mann - warum laufen wir hier lang und sorgen dafür, dass man mich zusammen mit dir sieht? Die Scheiß-Iwans kommen manchmal auf die verrücktesten Ideen!«

Ich konnte meine Hände kaum noch stillhalten. Dennoch zwang ich mich zur Ruhe. Am liebsten hätte ich Victor an der Nase gepackt und ihn daran erinnert, wie unsere Arbeitsbeziehung eigentlich aussah. Leider brauchte ich sein Wohlwollen. Ich stand auf der Abschussliste der Russen, und Victor war einer der wenigen, die nicht sofort in die andere Richtung davonrannten, wenn ich irgendwo auftauchte.

»Ich brauche einen Kredit, Vic«, sagte ich nur und bemühte mich, ganz ungezwungen zu klingen. »Ich muss aus diesem Drecksloch hier raus.«

Wieder schnaubte Victor. »Du hast doch Kohle ohne Ende, Mann. Ich weiß doch, wie kreditwürdig du bist!«

Ich nickte, mühte mich um eine freundliche Maske und machte ganz auf fröhlich. »Niemand will, dass sein Name neben meinem Kredit steht, Vic. Hier sind alle gegen mich. Wenn mir hier jemand einen Sitz in einem Schweber besorgt, damit ich hier wegkomme, war's das für ihn, innerhalb der nächsten Woche, möchte ich wetten. Ich brauche einfach Schutz.«

Vics Blick war auf den rissigen, siedend heißen Bürgersteig gerichtet. Ich trug meinen viel zu heißen Anzug, in dem ich mir bei Nacht wie ein Heizofen vorkam, der die ganze Hitze des Tages gespeichert hatte und sie nun abgab. Vic hingegen trug ein leichtes Hemd, durch das man undeutlich seine haarige, fette Brust und seinen Bauch erkennen konnte, und dazu eine dunkle Hose, die an den Knien unterschiedlich hoch abgeschnitten war. Dieser Mann war von Kopf bis Fuß behaart - mit richtig dickem, borstenartigem Fell. Mich juckte es schon am ganzen Körper, wenn ich ihn nur ansah. Sein Blick zuckte hin und her, und als er mir antwortete, schaute er nicht zu mir, bewegte kaum die Lippen. Er tat so, als ignoriere er mich.

»Also wird sich jetzt jemand um mich kümmern.«

Ich schüttelte den Kopf. »Dann verwisch deine Spuren!«

»Ach Scheiße, wenn die Iwans hören, dass du aus der Stadt getürmt bist, gehen sie einfach bei jedem vorbei, der kürzlich eine Fahrt aus der Wüste organisiert hat, und führen mit jedem von uns ein freundliches Gespräch.«

Ich nickte, auf dem Gesicht immer noch diese freundliche Maske, auch wenn Vic mich noch kein einziges Mal angesehen hatte. »Ich werde dir das Risiko schon abnehmen, also hör auf, dir Sorgen zu machen!«

Was sollte der Scheiß denn? Es ging doch hier nur um Yen. Heutzutage kostete schon ein Becher Kaffee 200 Yen.

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