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Das Erwachen der Flammen

INHALT

Erster Teil
Die Bruderschaft der Diebe

Zweiter Teil
Die Prophezeiung, vier Flammen erheben sich

Dritter Teil
Drachenseelen

Vierter Teil
Blut, Asche und die Tage der Entscheidung

Fünfter Teil
Das Ende sei ein neuer Anfang

Anhang
Dramatis Personae

ERSTER TEIL

DIE BRUDERSCHAFT DER DIEBE

***

Die Bruderschaft lebt für die Freiheit.

Stehle von den Reichen, denn die Schwachen haben nur noch ihr Leben, was sie geben können.

Im Schatten stets verborgen, bildet die Bruderschaft eine Säule der Gesellschaft.

Wir Diebe stehen auf ewig zusammen.

–Credo der Bruderschaft, anonym –

BEARONS REISE

Es war eisig kalt. Die Nacht umhüllte den Wald und eine tiefe schwarze Finsternis schlängelte sich zwischen den Bäumen hindurch. Der Himmel war klar und ruhig, nur hin und wieder wurde er von einer Sternschnuppe aufgeschreckt, die über den Horizont glitt. Die Tiere hatten sich in ihre Höhlen oder in Bäume zurückgezogen, bis die ersten Strahlen des Morgens ihre Leiber wecken würden. Inmitten aller Dunkelheit erhellte das warme Licht eines Feuers, eine sonst von Finsternis umgebene Lichtung – eine Lichtung, die als einziges Schutz vor den Schatten bot.

Um die Flammen saß ich – ein Mann, der in einen schwarzen Umhang gekleidet war und sich die Hände vor dem Feuer rieb, die furchtbare Kälte ging mir sichtlich unter die Haut. Meine Stiefel von dem feuchten Schlamm, der überall verteilt lag, besudelt. Hastig trank ich einen Schlug aus meiner Trinkflasche und biss in ein Stück Dörrfleisch, während das Feuer weiterhin die Schatten auf Abstand hielt – gerade soweit, dass die Umrisse der Bäume im leuchtenden Rot des Feuers wenige Zentimeter um mich herum erschienen.

Schließlich legte ich die Flasche in einen, aus Ziegenleder gemachten, Beutel zurück und platzierte diesen neben einem umgestürzten Holzstamm. Seit Tagen hatte ich keinen richtigen Schlaf mehr finden können, das ständige Flüchten hielt mich auf Trab und meine Verfolger würden gewiss keine Ruhe finden, ehe sie mich ergriffen hatten. Immer schwerer wurden meine Augen und es fiel mir nicht leicht, sie offen zu halten – lange würde mein Körper nicht mehr ohne Schlaf auskommen. Meine Wenigkeit erwischte sich selbst dabei wie beide Augen zufielen, so dass ich sie vor Schreck wieder aufreißen musste, damit mein Augenlicht nicht erneut ins Dunkle schweifte. Schnell zählte ich meinen übrig gebliebenen Proviant – eine übliche Ablenkung, wenn ich Müdigkeit verspürte. Ein Apfel, aus dem Garten eines ahnungslosen Bauern gestohlen, blieb mir, zudem meine Trinkflasche, die noch die Hälfte ihres Inhalts besaß – einige Bolzen für die Armbrust waren auch noch nicht verschossen worden. Wie lange würde ich es wohl noch aushalten? Die Meilen überschlagend, welche ich noch brauchen würde, bis die nächste Stadt in Sichtweite kommen würde, kam ich durch meine Rechnungen schließlich auf gut zwanzig Meilen. Meine Waffe, eine große gut ausbalancierte Sense, lag über einem Baumstupf neben meinem Beutel, und darüber meine aus Zedernholz gefertigte Armbrust. Auf eine Entfernung von einer halben Meile, war es mir möglich einen Hasen zu erlegen, doch in dieser Umgebung würde sich niemals ein Hase zeigen, was vor allem daran lag, dass sich die Jäger aus Asael bereits ausgiebig am Wildangebot bedient hatten. Ich verfluchte sie leise und holte einen blanken Stein aus der Tasche. Den Stock der Sense auf meinem Schoß liegend, ging ich gleichmäßig mit dem Stein von der Spitzte des Sensenblattes auf und ab.

Plötzlich knackte es direkt hinter mir, mein Körper schleuderte herum. Beruhigen konnten sich meine nervösen Blicke, als sich mir eine vertraute Gestalt von einem stämmigen Mann zeigte. Der Mann trug einen silbernen Helm, der mit einer Rose verziert war, die im Schein der Flammen zu Tanzen schien. Der Stängel der Rose mit seinen vielen – fast Daumengroßen Dornen – schlängelte sich um den strahlenden Brustpanzer des Mannes. Ohne große Mühe hätte ich ihm einen Pfeil in die Schwachstelle zwischen dem Helm und Brustpanzer schießen können, jedoch zögerte ich. Die Stiefel des stämmigen Mannes waren genauso wie meine eigenen Stiefel vom Schlamm verdreckt worden. Eine zweischneidige Axt hing am Gürtel des Mannes mit der Rosenverzierung, dieser machte aber nicht den Anschein sie zu ergreifen.

„Nun habe ich dich also doch noch gefunden“, sprach der Mann vor mir mit einem neutralen Tonfall. „Ich habe ganz Asael nach dir abgesucht.“ Er runzelte mit der Stirn. „Hätte nicht gedacht, dass du dich an einem Ort wie diesen niederlässt. Ich hatte vermutet dich eher im nächsten Hurenhaus – deine Beute ausgebend – anzutreffen.“ Eine Sekunde schwieg der Mann, dann fragte er höflichst: „Darf ich mich zu dir setzten?“

„Aber bitte doch“, erwiderte meine Person und zeigte auf einen ausgehöhlten Baumstamm – einen Baumstamm, den ich zum Verstecken meines Proviants nutzte, um im Falle eines Überfalls nicht alle Habseligkeiten zu verlieren.

Während der Mann in der weißen Rüstung zu seinem Platz hinüberging, machte ich mich daran, die Sense zurück an ihren ursprünglichen Platz zu legen.

„Wie der Mensch strebt, so irrt er“, sagte ich schließlich und meine Sense glitt mir aus der Hand auf den Baumstamm zurück. „Du hast mich also doch noch bekommen Corasson. Ich dachte der große Corasson Hawk kümmert sich nicht um kleine Diebe.“ Ich erntete eine ernste Miene von Corasson, der seinen Sitzplatz mit den Händen abtastete, um herauszufinden, ob der hohle Stamm sich seines Gewichtes erwehren würde.

„Wir beide wissen, dass du kein kleiner Dieb bist, Bearon.“

Mir gefiel es gar nicht, mit welch selbstsüchtigem Tonfall Corasson sprach, dabei jedes Wort unendlich in die Länge zog, und mir dabei direkt in die Augen starrte. Sein Blick schien das Fleisch meines Körpers direkt zu durchbohren, jedoch ließ ich mir nichts anmerken, reichte Corasson lediglich eine Wasserflasche, als dieser sich gesetzt hatte.

„Nehmt einen Schluck, Bruder.“ Die Flasche streckte sich in meiner Hand, seinem Körper entgegen.

„Welche Ehre!“ Corassons Augen funkelten misstrauisch. „Normalerweise bin ich abwertende Bemerkungen und schlechte Witze gewohnt.“ Er nahm die Flasche wohlwollend entgegen und setzte sie an seinen Mund an, um langsam den Inhalt zu leeren. Nachdem die Flasche wieder zu mir zurückgereicht wurde, verstaute ich sie wieder in dem – aus Ziegenfell gemachten Beutel. Meine Blicke gingen zum Bruder zurück. Die Hand von Corasson griff immer wieder – ob durch einen Reflex gesteuert oder durch pure Vorsicht – bei jedem Blick auf meine Sense, an seine Axt. Es war eine fein gearbeitete Axt, die mit einem saphirfarbenen Edelstein am Griff verziert worden war. Der erste Ritter der Rose, welchen ich treffen durfte, war Corasson gewesen. Damals wie heute führte der Bruder noch immer seinen Auftrag aus, sich meiner zu bemächtigen. Seltsamerweise entstand daraus unsere einzigartige Freundschaft. Es war schon fast ironisch, dass ich so viele Schlachten sehen musste, wo jeder Schritt mein letzter hätte sein können, und jetzt kam mein Ende wohl sitzend um ein Lagerfeuer herum. Bei unserem ersten Treffen hatte ich ihm die Stirn bieten können. Würde mir dies nun auch gelingen?

Die, durch das Wasser gestärkte Stimme von Corasson holte mich wieder aus meinen Gedanken zurück. „Woran habt ihr gedacht?“, fragte er höflich und sah dabei ziemlich besorgt aus.

Ich wunderte mich, da er eigentlich gekommen war um mich zu ergreifen und jetzt sorgte er sich um mein Wohlergehen. Hatte unsere Freundschaft, welche sich bei unserer Verfolgungsjagd entwickelt hatte, etwas damit zu tun? Eigentlich hielt ich Corasson immer für eine gefühlskalte Seele.

„Alte Geschichten“, erwiderte ich nur kurz, um eine längere Auseinandersetzung um dieses Thema zu vermeiden.

„Ihr wisst“, hob Corasson an, „dass ich euch nicht laufen lassen kann. Der Hochkönig verlangt euren Tod. Ihr werdet wegen Mordes und Verrates, zusammen mit dem Auserwählten Arywijens, gesucht. Darüber hinaus wünsche ich den Aufenthaltsort des Zerstörers aller Hoffnung zu kennen.“ Corasson streckte seine Brust heraus. „Ihr werdet ihn mir verraten!“, schrie er wütend, wobei sich seine Miene verfinsterte. „Wisst ihr denn nicht welch eine Qual es für die Menschen war, als sie von jener traurigen Nachricht erfuhren – welch Leid wurde an diesem Sonnentag verbreitet.“

Ich war empört, es machte mich zornig den Worten von Corasson zuzuhören. „Denkt ihr, ich würde nicht jeden Tag bereuen, dass ich den Auserwählten – ihr nennt ihn Zerstörer aller Hoffnung – habe ziehen lassen. Doch die Zeit ist endgültig und lässt sich nicht zurückdrehen.“ Ich legte meine Blicke entschlossen auf das Gesicht des Bruders. „Corasson, was hättet ihr getan?“

Corasson erwiderte nichts und starrte in die Flammen des langsam erlöschenden Feuers, seine blauen Augen leuchteten wie die Sterne am eiskalten Nachthimmel, der sich über ihnen erstreckte.

„Außerdem kann ich, selbst wenn ich den Aufenthaltsort des Auserwählten kennen würde, ihn dir nicht mitteilen. Meine Ehre gebührt es.“ Meine Rechtfertigung schien der Bruder des Rosenritterordens nicht nachvollziehen zu können.

„Zum Teufel mit eurer Ehre“, schrie Corasson wutentbrannt. „Eure Ehre ist der Grund weshalb unsere Welt beinah untergegangen wäre.“

Dieses Mal war ich es, der nichts erwiderte. Es war eine kalte Nacht und somit zog ich meinen schwarzen Mantel enger um den Körper. Ein Heulen ertönte; kaum hörbar für mich in der weiten Ferne. Erst war es schwach, wurde dann aber immer lauter, je näher sich die Schritte dem Lagerfeuer näherten. Das Heulen war nun laut genug, dass ich es, als das eines Wolfes identifizieren konnte.

„Sie sind hier“, sagte Corasson und richtete seinen Blick in den Wald hinter mir. „Ich werde versuchen sie wegzulocken.“ Streng ruhten seine Augen auf mir, dann zog er eine Augenbraue hoch. „Ich hoffe, du bist noch hier, wenn ich zurückkehre.“ Corasson stand auf, seine Axt in seiner rechten Hand erhoben.

Ohne dass wir ein weiteres Wort hätten wechseln können, war der Bruder in die Dunkelheit davongeeilt. Der Gedanke an eine Flucht schien verlockend, ich redete es mir schließlich aber aus - ohnehin kam man in dieser Wildnis nicht bemerkenswert schnell voran. So vertrieb ich mir die Zeit mit kleinen Schießübungen. Die Armbrust nahm ich vom Holz, lud einen kleinen Bolzen ein und drehte die Kurbel bis zum Anschlag, so dass ein befriedigendes Klicken zu hören war. Ich zielte auf den Ast einer entfernten Tanne, die allein - abgeschieden von anderen Bäumen - am Rande des vom Feuer erhellten Bereichs stand. Ein Zischen erklang, die Flammen des prasselnden Feuers wurden zerschnitten und der Bolzen traf genau die Mitte des Astes. Geschwind verschoss ich noch ein Paar mehr, bis die schweren Schritte eines gewissen Ordensbruders hinter mir erklangen.

„Hast du sie von meiner falschen Fährte überzeugen können?“, fragte ich amüsiert.

„Wollen wir es hoffen“, grummelte der Bruder durch seinen hellen Bart hindurch. „Obwohl es eine kleine Überraschung gegeben hat.“ Jetzt musste ich mich doch umdrehen, die Augen eines Wolfes blitzten in der Dunkelheit auf, welche mich direkt anstarrten. „Er war mir hinterhergelaufen. Ich konnte ihn unmöglich wieder wegschicken, „erklärte Corasson kurz, als er sich wieder auf seinen ausgehöhlten Baumstamm setzte und der Wolf an seiner Seite platznahm. Sein Fell wehte sanft im frosterfüllten Wind, und seine Augen funkelten im Schein des Feuers, was mir Unbehagen bereitete. „Ich glaube ich nenne ihn Soran“. Corasson streichelt den Wolf hinter den Ohren, dieser gab seinerseits ein erfreutes Heulen von sich. Mir verlieh der Wolf immer noch – konnte es auch nicht erklären – ein Gefühl des Missmutes. Lange starrten sich der Wolf und ich gegenseitig an, und niemand machte eine Geste, weder des Abneigens noch der Freundschaft. „Habt ihr euch schon angefreundet?“, fragte Corasson und auf seinem Gesicht zeichnete sich ein leichtes Lächeln ab, gefolgt von einem kurzen Lachen. Ich ließ von Soran ab und warf einige weitere Holzscheite in das Lagerfeuer, damit es seine Wärme nicht verlor. Leise prasselten die neuen Holzscheite unter den züngelnden Flammen, während ihre Glut emporstieg. Was wird er jetzt tun? Ich richtete den Blick wieder auf Corasson, der sich ein Stück Dörrfleisch an einem Stock über dem Feuer briet. Eine lange Zeit sagte keiner von uns etwas, nur das leichte Wehen des Windes um unsere Körper und die Wärme des Feuers waren zu spüren. „Ich muss dich etwas fragen Bearon?“, durchbrach der Corasson schlussendlich die Stille.

„Was wollte ihr Bruder?“, fragte ich, ohne einen Ton der Abneigung in meiner Stimme mitschwingen zu lassen.

„Warum habt ihr den Zerstörer aller Hoffnung damals nicht an seinem Werk gehindert?“ Der Bruder nahm einige Bissen des Fleisches.

Unruhig auf meinem Platz rutschend, hätte ich Corasson liebend gerne irgendeine Lüge erzählt, doch war mir klar, dass sich das Lügen als zwecklos herausstellen würde, wusste nicht warum, doch in der Nähe von Corasson fühlte ich mich, als wären meine äußeren Mauern bereits eingestürzt.

„Damals“, ich hielt einen Moment inne, dann wurde meine Stimme trauriger, „blendeten mich meine Gefühle vor einem Blick in die Zukunft…vor dem, was geschehen könnte.“

„Dies kann doch nicht der einzige Grund gewesen sein, den Tod von so vielen unschuldigen Seelen zu tolerieren“, sagte Corasson ungläubig, aß anschließend die letzten Stücke seines Fleisches. Mit gierigen Bissen, riss er es vom Stock.

„Teilweise war es meine Schuld, dass gebe ich zu“, erwiderte meine Person, ohne auf den vorherigen Satz von Corasson einzugehen und richtete meine Blicke zu Boden. „Selbst wenn ich den Auserwählten hätte aufhalten wollen“, ich blickte nicht auf, starrte traurig zu Boden, „mit welcher Kraft denn?“

Wieder wurde die Miene von Corasson von Zorn überflutet und tiefe Falten bildeten sich auf seiner Stirn. „Du warst sein Mentor. Du kanntest ihn besser als alle anderen und hättest es wissen müssen.“ Die Stimme von Corasson war voller Wut, doch ließ ich mich nicht provozieren, fragte lediglich: „Ist es ein Fehler jemanden seinen innigsten Wunsch zu erfüllen?“

„Ich möchte meinen“, hob der Bruder an, „dass dies wohl rückwirkend betrachtet, einfach zu beantworten ist.“ Seine Stimme klang weniger Vorwurfsvoll und sein Gesicht entspannte sich. „Welchen Grund mag es für so eine Tat gegeben haben?“ Er warf den Stock, an dem soeben noch das Dörrfleisch aufgespießt worden war, in die Flammen unseres Lagerfeuers.

„Glaub mir Corasson“, begann ich, „im Nachhinein gestaltet es sich einfach mit dem Zeigefinger zu wackeln und die Taten eines anderen zu verurteilen. Doch wart ihr nicht dort.“ Meine Gedanken wurden von den schrecklichen Ereignissen der Vergangenheit überflutet, die eigentlich für immer vergessen werden sollten. Dann warf ich die schmerzlichen Gedanken von mir ab und sah zu Soran hinüber. Der Wolf hatte sich zum Schlafen zusammengerollt und die Schnauze lag über seinem Schwanz. Seine Augen waren bereits geschlossen, nur seine Ohren bewegten sich bei jedem Knistern des Feuers. Er wirkt so friedlich. Ich wandte mich wieder Corasson zu, der erwartungsvoll seine breiten Schultern gestrafft hatte – sein wettergegerbtes Gesicht auf die Flammen gerichtet.

„Ich kenne die Legende des Auserwählten?“, sagte Corasson entschieden, ohne den Blick vom Feuer abzulassen.

Ich seufzte. Seit mehreren Wochen hatte meine Person versucht die schrecklichen Geschehnisse hinter sich zu lassen, doch musste ich mir eingestehen, dass meine Seele nicht damit gerechnet hatte, nie mehr mit dem Vergangenen konfrontiert zu werden. So leerte ich zunächst die Trinkflasche, aß das letzte Stück meines Dörrfleisches und nahm im Anschluss ein Buch aus dem Beutel. Corassons Blicke richteten sich augenblicklich auf das Buch.

„Woher habt ihr…“, seine Stimme kam ins Stocken und brach komplett ab, als das Buch aus dem – zum Schutz genutzten Tuch – von meinen Händen herausgeholt wurde.

„Jedermann hat seine Quellen, Corasson.“ Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren. Das Buch war in dickem Leder eingebunden und die Vorderseite war übersäht von hartnäckigem Staub, der sich, so sehr man auch mit seiner Hand über die Seite ging, nicht lösen wollte. Dann las ich die Überschrift laut vor: „Die Legende des Auserwählten.“ Kein passender Name – so fand ich, denn mein ehemaliger Novize, um den es ging, hatte den Namen eines Auserwählten nie bevorzugt. Er hatte sich niemals als ein Mann des Volkes sehen wollen, und schon gar nicht als ein Auserwählter. Die Chroniken eines Meisterdiebes, wären besser gewesenen, denn ein solcher war er gewesenen. Ich merkte, dass meine Gedanken um ein weiteres Mal abschweiften, wodurch meine Blicke wieder zu Corasson gingen, welcher noch immer keinen Muskel rührte. Seine Blicke starrten das Buch voller Gier an. Diesen Blick sah ich schon oft; ein Funkeln in den Augen – ein Verlangen, welches über den Rand jeglicher Vernunft hinausging und einen Mann zu schrecklichen Schandtaten führte. Äußerlich versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen, doch im Inneren kam die Nervosität auf.

Die Finger unter meinem Handschuh streiften über die Seiten. Jede Einzelne war bereits stark über die Jahrhunderte beschädigt worden und tiefe Risse zogen sich durch das dünne Papier.

„Dieses Buch stammt aus dem Großen Archiv unterhalb des Leuchtturms von Fira. Ich habe es an mich genommen, denn die Wahrheit dessen Inhaltes zweifle ich an.“ Ich schüttelte verzweifelt meinen Kopf und meine Finger krampften sich zusammen. „Die Geschichtsschreiber waren nicht dabei“, fluchte ich wütend, „als der Auserwählte – Zerstörer aller Hoffnung nennt ihr ihn, sich entschieden hat. Niemand stand an Rande des Abgrunds außer er, und ich. Keiner von ihnen wird es je erfahren, wie es ist eine so schwere Last zu tragen.“ Ich sah das nachdenkliche Gesicht von Corasson.

„Was habt ihr denn damit vor?“ wollte der Bruder gleichgültig wissen.

Jedoch sagte ich nichts und schlug das Buch mit einem lauten Knall wieder zu. Kurz lachend, umklammerten meine Finger das Buch fester. Mit einem leichten Wurf landete es in den Flammen. Sofort Feuer fangend, verschwand der Ledereinband binnen von Sekunden – nichts als Asche blieb übrig. Zu meiner Überraschung wurde Corasson nicht hysterisch und auch keine von Zorn erfüllten Wörter verließen seinen Mund. Der Rosenritter atmete nur stillschweigend ein und wieder aus, wobei seine Blicke nun wieder ins Feuer gerichtet waren. Seit Tagen schon trug ich dieses Buch mit mir herum, ohne dass es vernichtet werden konnte, und nun fühlte ich mich sichtlich erleichtert.

„Was habt ihr getan?“ fragte Corasson nun doch und der Zorn in seiner Stimme ließ sich nicht verbergen. Die Augen zusammengekniffen, starrte er gebannt auf mich, vermutlich weil er hoffte eine sinnvolle Rechtfertigung zu hören.

„Alles Lügen Bruder“, sprach ich gleichgültig. „Ihr solltet am besten wissen, dass man nicht blindlings allem Vertrauen schenken sollte, was man liest.“ Mit einem breiten Grinsen, fragte ich amüsiert: „Lehrt euch der Glaube denn nicht zu zweifeln?“

Corasson schien auf diese Frage nicht vorbereitet zu sein und er zog eine Augenbraue hoch. „Der Glaube lehrt uns, den Göttern zu dienen und sie nicht zu hinterfragen, aber ihr werdet dass sicher nie verstehen“, rechtfertigte er sich kühl. „Wie könntet ihr auch…ihr seid schließlich nur ein Dieb.“

„Ihr habt Recht Bruder…ich bin ein Dieb, doch auch ein solcher hat seinen Glauben. Wo würden es denn enden, wenn nicht jeder an etwas glauben würde.“ Ich beschloss dieses Thema für das Erste auf sich beruhen zu lassen. „Um zu wissen“, hob ich unerschütterlich an, „wie alles damals geschehen konnte, müsst ihr erfahren wie meine Reise mit meinem Novizen begann und die Wahrheit in den daran anschließenden Ereignissen erkennen.“ Ich warf Corasson einige strenge Blicke zu, dann erklärte ich ärgerlich: „Damit meine ich die ganze Wahrheit, ohne die Lügen und feinen Ausschmückungen der blinden Priester, die jene Bücher verfassen“, deutete bei meinen Worten auf die Asche, die von der Legende des Auserwählten nur noch übrig geblieben war. Bald würde sich die Asche mit der des Holzes vermischen, und jeder würde vergessen, dass dieses Buch je existiert hatte. Corasson schaute nachdenklich zu Boden und für lange Zeit rührte sich nichts in ihm. Es musste schon weit über Mitternacht sein, die Tiere des Waldes würden bald geweckt werden. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Corasson schreckte auf, wie jemand, der aus einem tiefen Schlaf gerissen wurde.

„Wenn ich dir verspreche, deiner Geschichte Gehör zu schenken, wirst du dich mir ergeben…freiwillig.“

Ohne zu zögern gab ich meine Antwort: „Du wirst bald feststellen müssen, dass es niemanden mehr gibt, den du gefangen nehmen möchtest.“

Wieder zog Corasson nur eine Augenbraue hoch. „Dann lass uns beginnen.“

ERSTES KAPITEL

Garrett

Warme Sonnenstrahlen, der hoch am Himmel stehenden Sonne, drangen durch ein löchriges Kirchendach und warfen das erste Stockwerk jenes Bauwerks in einen goldenen Schein. Es war der sechsundzwanzigste Tag des Monats Ovaria und die Bäume begannen bereits ihre Blätter abzuwerfen, welche in einem rotbraunen Ton die Straßen füllten. Garrett saß, mit dem Rücken gegen eine Bank gelehnt und betrachtete die vielen geschäftigen Menschen der Stadt. Die verschiedensten Gewürzhändler an ihren Ständen brüllten über den Jahrmarkt hinweg.

Unteranderem konnte Garrett den Duft von Thymian und Rosmarin, aber auch die seltene rote Substanz von Faran – ein Gewürz aus den Früchten der Bäume des Waldes von Thakaia, welches vornehmlich Verwendung fand, wenn man Mahlzeiten einen scharfen Geschmack verlieh, riechen. Sehen konnte er einen, in Pelz gehüllten Gewürzhändler mit einem schwarzen Tuch als Kopfbedeckung. Der Mann schrie einige Wörter – größtenteils Beleidigungen – zu dem ihm gegenüberliegenden Stand.

„Der Hintern meines Esels riecht ja besser als deine Waren“, stieß der Händler hervor und erntete von seinem Kollegen nur eine abwertende Geste.

Garrett setzte ein Lächeln auf. Wie schön sich die Menschen doch verstehen, dachte er, wobei seine Blicke langsam von den Gewürzhändlern abschweiften, hin zu einer - vor ihrem Zelt am äußeren Rand des Jahrmarktes stehenden Frau. Sie war kleiner als eine durchschnittliche Erwachsene und überschritt wahrscheinlich noch nicht das dreißigste Lebensjahr, was er an ihrem wunderschönen Gesicht erkannte. Narben zeichneten sich auf der rechten Seite ihrer Stirn ab, lang, tief – der einzige Makel in ihrem Antlitz. Vor der Frau befand sich eine Glaskugel, in der Sterne zu glitzern schienen. Anhand der verschränkten Arme und dem gelangweilten Gesichtsausdruck, wartete sie vermutlich auf ihren nächsten Kunden. Garretts Interesse weckte sich schnell, doch konnte er sich die mysteriöse Frau erst später genauer anschauen, da zuvor noch etwas anderes erledigt werden musste.

Vorsichtig, aus der liegenden Position aufstehend, drehte sich sein Kopf zu einer Statue direkt hinter ihm. Die Statue stellte die Göttin Era da, welche ihn und alle – sich in den Schatten befindende Personen beschützten sollte, jedoch konnte diese Figur, kaum die Größe seines Unterarmes überragen und thronte auf der verfallenen Fensterbank dieser Kirche. Die Göttin wickelte sich in ein leichtes Seidentuch, das sich eng an ihren Körper schmiegte. Ihr Gesicht unter einer Kapuze versteckt. Oft ging Garrett das Gebet an die Göttin durch, wenn er eine ruhige Minute für sich hatte. Jeder Meisterdieb lernte in seiner Ausbildung jene Worte, welche er nach einer Verbeugung in einem Flüsterton an Era richtete: „Die Schatten umschlingen die Seele jedes Menschen und verhüllen sein Angesicht. Seine Absichten bleiben verborgen, seine Taten unbemerkt. Zollt den Schatten den Tribut, den sie verlangen. Wandelt in der Dunkelheit, die euch Stärke gibt, auf dass sie sich eines Tages erheben kann.“

Nicht aus Zufall hatte er sich ein Versteck im obersten Stockwerk einer Kirche gesucht. Die Bewohner von Cindera nannten jene Kirche in der Garrett stand: die „Ketzerkirche“. Weshalb, war ihm selbst nicht genau bewusst, doch es konnte damit im Zusammenhang stehen, dass vor Jahrhunderten mehr als nur ein Glaube in Cindera vorherrschte, jedoch in den vergangenen Kriegen, der Glaube an die acht Götter verboten wurde und die verbliebenen Anhänger hatte man einfach zu Ketzern erklärt. Jedenfalls mieden die Bewohner diese halb zerstörte Kirche, wodurch sich ihm die Möglichkeit eröffnete, sie in Ruhe als sein Versteck zu nutzen. Ein weiterer Grund, weshalb gerade die Ketzerkirche seine Auswahl war, lag in ihrem Standort direkt an der Küste mit hervorragendem Ausblick – besonders im Sonnenuntergang. Eine zur Hälfte eingestürzte Westwand ragte zur Stadt auf und nur ein klaffendes Loch befand sich dort, wo einst die restlichen - aus massivem Stein bestehenden Wände gestanden hatten.

Seit einigen Wochen wuchsen im ersten Stockwerk weiße Orchideen am Boden - ein Zeichen für die Natur, welche diesen Ort bereits zurückeroberte. Im Sonnenschein glitzerten die Orchideen, gaben Garrett ein Gefühl der inneren Ruhe, vermischt mit ihrem süßen Duft. Jedes Mal, wenn es in seinem Leben Probleme gab, suchte er diesen Ort auf um wieder klare Gedanken zu bekommen.

Ein lauter Trompetenstoß holte ihn zurück in die Wirklichkeit. Er schaute erneut nach Norden, wodurch sich ein perfekter Blick auf das Spektakel unter ihm bot. Fahrende Schauspieler bauten eine kleine Bühne inmitten des Jahrmarktes auf. Viele geschickte Hände schafften es, dass schon bald alle Materialien an Ort und Stelle platziert waren, damit man die fertige Bühne auch erkennen konnte. Ein heller Holzboden unter einem blutroten Stoffhimmel bildete die Kulisse.

Die lauten Klänge des Trompetenspielers wichen dem sanften Gesang einer blondhaarigen, auf die Bühne schreitenden Frau. Sie trug bunte Kleider und spielte auf einer Laute, weshalb Garrett darauf schloss, dass sie eine Bardin sein musste. Ihre schlanke Figur wurde von den sich abwechselnden, farbigen Streifen ihrer Bekleidung besonders zur Geltung gebracht. Das schmale Gesicht der Frau wirkte gelassen – kein Anzeichen von Nervosität konnte man erkennen. Während sie sang, spielten ihre Finger auf einer Laute melodische Klänge. Perfekt harmonierte ihre Stimme mit dem Klang des Instrumentes, so dass Garrett jenes gesungene Lied sofort erkannte.

Dabei handelte es sich um etwas, dass nur allzu oft gesungen wurde, bevor man die alten Kriege nachspielte. „Die Seele des Blutes und der Tränen“, hieß das Lied, soweit es ihm gelang, sich noch daran zu erinnern. Lauschend auf die sanfte Stimme der Frau und die melodischen Klänge, fühlte er sich gestärkt für seine nächste Aufgabe.

Nachdem die Melodie sowie der Gesang endeten, traten die verschiedensten Darsteller auf die Bühne, alle trugen sie Stoffrüstungen und ein Schwert aus Holz. Während ein Erzähler im Hintergrund die Handlung schilderte, versuchten die Darsteller wild aufeinander einzuschlagen, wie in einem echten Kampf auf Leben und Tod. Noch eine Weile folgte Garrett dem Schauspiel, ehe er sich abwandte und sein eigentliches Ziel ihm wieder bewusst wurde. Ein Haus – prachtvoll geschmückt – ragte aus der Menge der grauen, mit Asche überzogenen Häuser hervor, welche es umgaben. Das Haus des Statthalters. Zweifelsohne würde sein Besitzer an diesem Tag, sich die auftretenden Darsteller nicht entgehen lassen. Doch soweit Garrett wusste, nahmen für gewöhnlich Diener nicht direkt an öffentlichen Aufführungen teil. Erst nachdem die hohen Herren wieder in ihren Häusern einkehrten und den Dienern freie Zeit gewährten, konnten sie sich den Rest der Aufführung ansehen. Obwohl es schon seit Anfang der Dämonenkriege, die direkt nach den Befreiungskriegen begannen und noch immer andauerten, keine Sklaverei mehr in Cindera geben sollte oder irgendwo anders in Arywijen, behandelten die meisten ihre Diener immer noch wie früher.

Die Wut stieg in ihm auf, doch musste er sie schnell wieder herunterschlucken und freute sich schließlich als er die fettleibige Gestalt des Statthalters – umgeben von einem Kreis aus Stadtwachen – aus dem Haus seiner Begierde gehen sah. Es war an der Zeit für ihn aufzubrechen.

Er war schon fast an der Treppe angelangt, da ertönte erneut das Lied der „Seele des Blutes und der Tränen“. Traditionsgemäß kündigte dies jeden neuen Akt eines vom Krieg handelnden Theaterstückes an. Wie viel Blut musste damals wohl vergossen worden sein, kam die Frage in ihm hoch, während er bereits die Treppe der Ketzerkirche herunterschritt. Wie viel hatte diese Welt damals verloren und wie viel würde sie in diesem Krieg noch verlieren.

***

Das Haus des Stadthalters wirkte von innen noch prachtvoller. Garrett hatte die große Menschenmenge des Marktes gemieden und war an der Westseite durch ein offenes Fenster in den ersten Stock hineingeklettert. Der Stadthalter hatte sich noch immer das wundervolle Schauspiel angeschaut, dessen Ende noch lange nicht ersichtlich schien, wodurch Garrett in Ruhe einen Blick in sein Haus werfen konnte.

Nun befand er sich direkt auf dem Flur des ersten Stockwerkes, welches mit einem roten Teppich auf dem Boden geschmückt war. An den Wänden hingen Bilder vergangener Schlachten, dicht gefolgt von staubigen Ritterrüstungen aber auch gewöhnliche Blumen oder auch ein Hufeisen zeigte sich ihm. Leise schlich Garrett in geduckter Haltung den Flur entlang. Leider befand sich der Gegenstand von Interesse, laut seinen Informationen in einem Raum des zweiten Stockes. Nur hin und wieder stand die Tür eines Raumes offen, so dass Garrett – von seiner Neugier gepackt - einen kurzen Blick hineinwarf. Kurz hielt er inne, während eine beeindruckende Sammlung an verschiedensten Waffen die Wände zierte und seine Aufmerksamkeit auf sich zog – von Kriegsäxten aus Fortonah im Norden bis Krummschwertern aus Corseé im Süden besaß der Eigentümer des Hauses alles. Nie hielt er den Stadthalter für einen Waffensammler, eher für einen bücherlesenden Wurm aufgrund seiner Statur. Wiedereinmal zeigte sich, dass man keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte, wenn sich einem nur das Äußere eines Menschen zeigte. Bei dem Gedanken fiel ihm plötzlich ein, dass er keinerlei Bücher gesehen hatte, weder in Regalen noch in Schränken.

Der Flur machte eine Abzweigung nach links und führte an zwei manneshohen Statuen vorbei - Statuen wie sie nur selten in Cindera gesehen wurden. Sie zeigten den Gott der Flammen Urfael mit seiner prächtigen Rüstung und seinem etwa drei Armlängen großem Schwert mit breiter, gezackter Klinge. Es ist gefährlich eine solche Statue bei sich zu haben, dachte Garrett. Sein Glaube galt allein der Göttin Era, weshalb die anderen Götter für ihn ohne Belang waren. Der Glaube an das Feuer macht dich schwach, sprach die Stimme seines damaligen Mentors in Gedanken. Anhänger des Urfael, folgten dem Glauben, dass ein Tod in der Schlacht von ihrem Gott belohnt werden würde. Daher befürwortete der Glaube an den Gott Urfael den Krieg, was von Garrett nicht nachvollzogen werden konnte.

Seine Blicke schweiften von den Statuen ab und sein Körper setzte sich wieder in Bewegung, folgte dem langsam enger werdenden Flur, der am Beginn einer Wendeltreppe endete. Die Tür des letzten Zimmers vor dem Anstieg, stand einen Spalt weit auf, so dass nur ein schwacher Lichtschein durch den Schlitz zwischen Tür und Rahmen fiel. Garretts Neugier war zu groß, als das er gleichgültig weitergehen konnte. So schob sich die Tür aufgrund des Drucks seiner Hände leicht nach hinten, wobei sie ein kleines Stück angehoben werden musste, damit sie nicht über den Boden kratzte.

Nachdem die Tür vollständig geöffnet war, bat sich ihm eine bessere Übersicht über das Zimmer, erhellt von einem gedämpften Lichtstrahl, der durch ein schmales Fenster ihm gegenüber fiel. Die Wände bestanden aus weißem Stein, unter dem Fenster stand ein schmales Bett – zu klein für einen Erwachsenen. Er wusste nichts von einem Kind des Stadthalters, wodurch sich das Feuer seiner Neugierde nur noch mehr anfachte.

Stets darauf bedacht in den Schatten zu bleiben, drang Garrett schleichend ins Zimmer vor. Ein mit Perlen verzierter Spiegel hing neben dem Bett, wovor sich ein - aus zerschlissenem Holz bestehender Stuhl - befand. Wenn dies das Zimmer des Kindes des Stadthalters sein sollte, dann machte der Vater sich nicht viele Gedanken um die Einrichtung seines Schützlings.

Ein Knacken ließ ihn herumfahren und sein Atem setzte fast aus, als er ein junges, großgewachsenes Mädchen, noch keine sechszehn Winter alt, vor sich stehen sah. Feuerrotes Haar, welches sie zu einem Knoten zusammengebunden hatte, fiel ihr bis zu den Schultern herunter. Ein rostbraunes Kleid aus Seide, bedeckte den Körper des Mädchens und ein schwarzes Band wickelte sich um ihren Hals. An ihren Händen konnte Garrett einen Ring erkennen, in dem ein Smaragdstein eingearbeitet war, was ihre grünen Augen noch mehr zum Vorschein brachte. Ihre schlanken Finger strichen über ihr Kinn, während sie Garrett musterte. Seltsamerweise, musste er eingestehen, dass sein eigener Körper unfähig war sich in diesem Moment zu bewegen. Du musst sie jetzt töten, sie hat dich gesehen, mahnten ihn seine Gedanken, doch Garrett besann sich eines Besseren, schließlich trug sie nicht die Schuld an ihrem Treffen.

Statt seinem Kopf zu folgen, stellte er sich aufrecht hin, hörte auf sein Herz und betrachtete ihr unschuldiges Gesicht – in ihren Augen bildeten sich die ersten funkelnden Tränen. Obwohl er eine unbekannte Person darstellte, schien sie sich nicht im Geringsten zu fürchten, ein Grund, weshalb er zu rätseln begann, warum das Mädchen anfing zu weinen.

„Weshalb weinst du, Kleine?“, fragte er höflich und wischte ihr eine Träne aus dem Gesicht. Das Mädchen starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, schreckte nicht vor seiner Bewegung davon.

„Mein Vater hat mich alleine mit dem Dienern im Haus zurückgelassen“, rief das Mädchen traurig. Sie schien sich ihm gegenüber nicht zurückhalten zu wollen – vermutlich fand sie in ihrem Haus keine Person mit der sie reden konnte. „Immer, wenn ein Jahrmarkt in der Stadt ist, darf ich ihn nicht begleiten und muss mich mit den Dienern in diesem Haus abgeben. Alles stinkende Nichtskönner. Wahre Gründe, weshalb mich mein Vater nicht mitnimmt, erzählt er mir nie.“ Erschöpft sank sie auf ihr Bett nieder. „Wenn ich ihn danach frage, sagt er immer nur, dass es zu gefährlich für mich sei oder, dass er mich nur beschützen wolle.“ Ein gleichgültiges Schulterzucken, dann fuhr sie zornig fort: „Wahrscheinlich hat es etwas mit dem merkwürdigen Tattoo zu tun, was ich auf meiner linken Schulter habe. Mein Vater meint, dass die anderen Leute deswegen Angst vor mir haben könnten oder ich gar ins Gefängnis komme.“

Sie zeigte ihm ihr Tattoo auf der rechten Schulter. Eine schwarze Schlange mit gelben Augen, die von einem Pfeil durchbohrt wurde und vor einem Sichelmond lag. Garrett erstarrte wie Wasser, welches zu Eis gefror. Er selbst besaß ein genau gleiches Tattoo, nur auf seinem rechten Unterarm. Es handelte sich um das Zeichen der schwarzen Schlange. All jene, die unter diesem Zeichen geboren werden, sagte man eine Dunkle Gabe in ihren Körpern nach, und somit verurteilten die Menschen solche Personen. Oft sah er Leute hängen, gerade weil sie dieses Zeichen trugen, was als Beweis für ihr Bündnis mit dem Bösen genügte. Alle – wie er auch – flüchteten daher in die Arme der Göttin Era, welche Schutz für diese Menschen bot, doch diesem Mädchen konnte er dies nicht raten, schließlich schien sie schon eine schützende Familie zu haben.

„Dein Vater ist ein weiser Mann, Kleine.“ Er fühlte sich in ihrer Nähe unwohl, zudem verschwendete ihr Gespräch allmählich mehr Zeit, als Garrett lieb war. „Solange du in deinem Haus bleibst, geschieht dir auch nichts“, erklärte er ausdruckslos. Das Mädchen schien ihn nicht verstehen zu wollen, öffnete ihren Mund um eine Erwiderung zu äußern, doch ein Zischen brachte sie zum Schweigen. Garrett nahm zwei Silbermünzen aus seiner Tasche hervor, legte sie in die Hände des Mädchens. „Es tut mir leid“, sprach er traurig, wandte sich zum Gehen um.

„Was denn?“, fragte sie noch als er bereits dabei war hinauszugehen, doch eine Antwort kam von ihm nicht, zu tief saß der plötzlich aufkommende Schmerz, hervorgerufen durch die schrecklichen Bilder seiner hängenden Eltern. Die Tür wollte er schließen, jedoch drängte es ihn den Namen des Mädchens zu erfahren, weshalb er seufzend nach ihrem Namen fragte.

„Mein Name ist Ellaha Avara“, antwortete sie mit einem leichten Lächeln, dann setzte Ellaha sich auf ihren Stuhl neben dem Bett. Sobald er aus ihrem Blickfeld verschwand, verließ er ihr Zimmer und ließ das Mädchen mit den feuerroten Haaren in der Einsamkeit ihrer Kammer zurück.

Die Wendeltreppe war schmal, wieder versehen mit Bildern oder Waffen vergangener Schlachten, die der Stadthalter zwar aufgehängt, jedoch der zentimeterhohe Staub nicht von einer regelmäßigen Pflege zeugte.

Über ein paar wenige Stufen erreichte er schließlich den zweiten Stock, gelangt in einen weiteren Flur. Auch hier wurde erneut ein Teppich zur Verschönerung des Bodens ausgelegt – alt, aber er strahlte noch immer seine Farbenpracht aus. Der Flur war kürzer als jener des ersten Stockes, vollkommen ohne – seine Neugier weckende Zimmer, so dass er die Tür am Ende des Flures alsbald erreichte. Zunächst horchend, um sich zu vergewissern, dass sich niemand zu diesem Zeitpunkt im Raum aufhielt, spähte Garrett danach durch das Türschloss, doch nichts war zu sehen.

Als die morsche Holztür mithilfe eines Schwunges seiner selbst aufgeschoben wurde, fielen ihm sofort einige Bücher aus den staubigen Bücherregalen neben der Tür entgegen. Das soeben betretene Zimmer unterschied sich grundlegend von der Eintönigkeit des Hauses. Überall standen alte Bücherregale, gefüllt mit vielen Büchern der Geschichte der Götter und Arywijens. Nur ein mit Leder überzogener Sessel stand hinter einem massiven Eichenholztisch in einer Ecke des Raumes, umgeben von einer Mauer aus Regalen. Blumenmuster zogen sich fein eingearbeitet durch das Holz.

Garretts Neugier ließ ihn zunächst auf ein willkürlich ausgewähltes Bücherregal zugehen. Feiner Staub schichtete sich vor jedem einzelnen Buch auf, doch nahm er vorsichtig eines heraus und las sich den Buchtitel laut vor: „Gwyn, der Gott der Sonne.“ Garrett erinnerte sich an den Glaubensunterricht während seiner Ausbildung zum Meisterdieb. Obwohl sie alle Era unterstanden, lernten alle Novizen ab und an auch etwas über die anderen sieben Götter. Für ihn reichte dies jedoch nicht aus, konnte er sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind unzählige Bücher der Götter und großen Mythen verschlungen hatte, von Dieben aus dem großen Archiv von Fira gestohlen. Daher wusste Garrett auch etwas über den Gott Gwyn: Seine Anhänger trachteten stets danach das Böse zu suchen und zu vernichten, nutzten dabei die Macht des Lichtes.

Die erste Seite wurde von Garrett aufgeschlagen, dabei gab sich eine Zeichnung auf dem hauchdünnen, brüchigen Papier zu erkennen. Ein Mann trug eine leichte Rüstung mit dem Symbol eines goldenen Schwertspeeres, um das wirbelnde Blitze schlugen. Sein spitzer Helm war mit grauen Federn versehen und um seine Handschuhe wickelten sich, aus roter Seide bestehende Tücher. Eine Hand des Mannes hielt einen eben solchen Speer wie das Symbol in die Luft, versehen mit merkwürdigen Schriftzeichen und weißem Leder um die Stange der Waffe. Im Hintergrund leuchtete eine Sonne die dem, auf einem Stein stehenden Mann, einen langen Schatten bescherte. Garrett schaute sich die Zeichnung noch einen Augenblick an, ging die fein gearbeiteten Striche der Zeichnung mit seinen Fingern nach, wodurch sich Farbrückstände auf seine Haut übertrugen und betrachtete anschließen das Symbol auf dem Brustpanzer des Mannes. Solch ein Symbol stellte eine Verbindung zu Gwyn da, doch wusste er die genaue Bedeutung nicht. Auch der Umhang des Mannes, der ihm bis fast zu den Füßen über die Schultern hing, trug das Symbol des Schwertspeeres.

Es lockte ihn die nächsten Seiten des Buches anzuschauen, die Anspannung ließ seine Haut kribbeln, widerstand dem Gefühl jedoch und stellte das Buch zurück an seinen Platz. Nicht viele hatten die Chance einen Blick auf solch ein Buch werfen zu können, schon gar nicht in einem Land, wo die Anbetung der Götter untersagt war. Zu seiner Überraschung füllten sich sämtliche Regale mit Büchern über die Götter und ihre Anhänger.

Der einzige, dessen Anbetung gestattet wurde, trug den Namen eines falschen Königs. Der König, der sich am Ende der Kriege unter den Menschen als Hochkönig von Arywijen ausgerufen hatte. Nun beanspruchte er die ganze Welt für sich, mit Hilfe von Dämonen. Dabei wurde die Jagd nach den Anhängern von Gwyn, die für das Gute einstanden, immer grausamer.

Garrett wandte sich dem Schreibtisch zu, denn schließlich musste er als Auftrag einen gewissen Gegenstand aus diesem Haus stehlen. Bevor seine Mission begonnen hatte, war ihm das genaue Aussehen der Beute beschrieben worden. Ein schlichter, silberner Ring mit Schraffierungen wie Ruß, welcher in der Mitte einen Rubin trug. Man erzählte Garrett, dass es sich hierbei um den Ring von Urfael handeln sollte, den er in der Schlacht an der Nebelwand trug – Garretts Gedanken schweiften in alten Geschichtsbüchern.

Urfael stellte sich einst ganz allein gegen eine Horde von einhunderttausend Dämonen. Die Schlacht ging als „die Mauerschlacht“ in die Geschichtsbücher ein, da Urfael nicht einen Schritt nach hinten an die Berge heran getreten sein soll.

Aus seinen Gedanken zurückgekehrt, rief er sich ins Gedächtnis, dass der Stadthalter jeden Augenblick zurück sein konnte. Die Schubladen durchsuchte er, wobei leider nur ein leeres Pergament zu finden war sowie einige Silbermünzen – eine leichte Beute für ihn. Ebenfalls landeten die silbernen Federhalter in seiner Tasche. Wäre doch schade, wenn sie in diesem Zimmer verkommen würden, dachte Garrett scherzhaft.

Als er die letzte, sich unterhalb der Tischplatte befindende Schublade, mit einem erschöpften Seufzen zuschob, fiel sein Blick auf ein Blumenmuster am Knauf der Schublade. Die Blume schien eine Sonne darzustellen. Natürlich, ging es ihm durch den Kopf. Der Stadthalter verfügte über eine Sammlung von Büchern, die dem Gott Gwyn gewidmet waren. Vorsichtig drückte Garrett den Knauf der Schublade herein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Der Knauf verschwand vollständig in der Sonne, es ertönte ein mechanisches Klicken in der Wand direkt hinter seinem Rücken. Garrett wandte sich zur Wand um, vor der ein weiteres Bücheregal stand, dieses Mal jedoch mit Werken über den Umgang mit dem Glauben. Liebend gerne hätte Garrett sich mit den Büchern beschäftigen wollen, wäre mit seinen Gedanken in jede einzelne Zeile versunken, nur blieb ihm dafür keine Zeit.

Seine Finger fuhren über die mit Staub bedeckten Einbände der Bücher, bis seine Blicke an einem Buch haften blieben, das weit weniger Staub besaß als alle anderen. „Der Katechismus des Glaubens“, hieß der Titel des Buches, welches von dem Stadthalter öfter herausgenommen schien, als der Rest seiner Bücher. Warum nur? Garrett hob an den Seiten des Buches an, um es aus dem Regal herauszunehmen, doch stattdessen zog sich das Buch nur ein kleines Stück an einer Metallstange nach oben, was anschließend ein weiteres, dieses Mal wesentlich lauteres Klicken, ertönen ließ.

Das Geräusch von wild um sich drehenden Zahnrädern ließ sich in der Wand hören. Nach und nach begann sich das Regal, zusammen mit den dahinterliegenden Steinen der Wand zu öffnen. Eine Menge Staub wurde ihm entgegengeschleudert, als die falsche Wand rüttelnd in ein Schloss einrastete und den dahinterliegenden Raum preisgab - kaum größer wie der neun Schritt breite und sechs Schritt lange Raum, in dem sich Garrett momentan befand.

Beim Betreten überraschte es ihn, dass die Decke des neuen Raumes dennoch fast zehn Meter über ihm ragte. Wenige Fackeln brannten an den Wänden, so dass die Lichter den kreisförmigen Raum nur schwach erhellten. Ein Kronleuchter hing an der Decke – prachtvoll aus Gold gefertigt, glitzernd im Schein der Fackeln. Zu seiner rechten, führte eine alte Holzleiter bis unter die Decke hinauf, wo ein Gemälde hingehängt wurde. Garrett konnte keinen genauen Augenschein darauf werfen, da das Licht dafür nicht ausreichte, nur die Umrisse eines Reiters in silberner Rüstung erkennbar, der zwei Kurzschwerter in die Luft hob.

Gefesselt von dem Ritter des Gemäldes, stieß er beinah eine Statue, genau in der Mitte des Raumes um. Wie auf das Kunstwerk oben, ließ das Licht auch hier nur einen schlechten Blick auf die Statue zu, deren Stein bereits an einigen Stellen abbröckelte. Aufgrund dessen fürchtete er, sie könne bei der kleinsten Berührung zerbrechen, weshalb Garrett schnell einige Schritt nach hinten tat. Die Statue zeigte einen muskulösen Mann mit dichtem Bart und über seine Schultern fielen lange Haare, endeten erst kurz vor seiner Hüfte. Einzig als Kleidung bedeckten den Körper des Mannes ein Paar Sandalen und eine kurze Hose.

Niemals zuvor sah Garrett so viele Statuen unterschiedlicher Art an einem Tag. Diese hier sollte jedoch nicht die sonst prachtvollen Götter darstellen, vielmehr einen einfachen Mann – an seinen Haaren zu urteilen wahrscheinlich aus Asael, da dort traditionell alle Männer und Frauen lange Haare trugen. Mehrmals um die Statue herum gehend, suchte er nach jedem erdenklichen Hinweis auf ein Versteck des Gegenstandes seiner Begierde.

Bevor seine Aufmerksamkeit bereits von der Statue abging, entdeckte er merkwürdige Symbole auf deren Rücken. Kleine Dreiecke, die sich über den gesamten Rücken verteilten, oft unterbrochen von gebogenen Strichen. Über den Rücken der Statue streifend, war plötzlich zu merken, dass sich die Symbole bewegen ließen. Probeweise rückten seine Finger einige von ihrem Platz weg – jede Bewegung begleitet von den Geräuschen eines Mechanismus im Inneren des steinernen Mannes.

Zunächst nur verzweifeltes Umherschieben, begriff Garrett schließlich wie die Symbole zusammengeschoben werden mussten. Die gebogenen Striche sollten einen Kreis in der Mitte des Rückens formen und die Dreiecke platzierte er so, dass eine strahlende Sonne entstand. Als Garrett seine Arbeit beendete, drehte sich die Sonne im Uhrzeigersinn, bevor sie in der Statue verschwand, dann entbrannten die Kerzen hell. Zu Garretts Verwunderung leuchtete das Licht des Kronleuchters nun ausschließlich das Bild an, welches sich oberhalb der Leiter befand.

Das Holz der Leiter fühlte sich morsch an, als Garrett es zunächst abtastete, er zögerte hinaufzusteigen, aber er nahm doch den Mut zusammen, langsam einen Fuß vor den anderen die Leiter hinaufzusteigen. Nach jedem seiner Schritte ächzte das Holz der Leiter fürchterlich. Garrett verfluchte innerlich die lauten Geräusche. Die Entfernung zum Gemälde schien vom Boden aus weniger gewesen zu sein, er glaubte bereits vier oder fünf Meter hinaufgestiegen zu sein, doch lag noch eine weite Strecke vor ihm.

Mit schweißgebadeter Stirn erreichte Garrett schließlich das Gemälde. Es verlangte ihm sichtlich Mühe ab, sich an der Leiter festzuhalten, da kaum Fläche zur Verfügung stand, an der man greifen konnte.

Der silberne Ritter wirkte aus der Nähe noch prachtvoller als er es vom Boden tat und für Garrett schien die Rüstung des Ritters im Kerzenlicht zu funkeln, als stände die Rüstung leibhaftig vor seinen Augen – das Aufleuchten eines kleinen Sternes. Der Ritter auf dem Bild stand vor einer Klippe - sein Blick in den Abgrund vor ihm gerichtet.

Routiniert suchten Garretts Hände die Ränder des Gemäldes ab und spürten an der oberen Kante so etwas wie einen Knopf. Augenblicklich löste sich ein Stück aus der Decke, nachdem Garrett den Knopf betätigte. Ein Zoll breit und doppelt so hoch. An zwei Eisenstangen befestigt schob es sich langsam bis in den Kreis der Kerzen hinab. Die Flammen der Lichtquellen brannten plötzlich stärker als zuvor, züngelten fast einen Meter hoch. Auf dem, sich aus der Decke gelösten Block, lag ein kleiner Ring. Ein silberner Ring mit einem Rubin in der Mitte. Es musste der Richtige sein. Der Ring von Urfael in den göttlichen Flammen geschmiedet.

Es musste Garrett gelingen ihn zu erreichen, doch ohne Verletzungen davonzutragen, wäre dies aussichtslos. Sein Gesicht fühlte sich unter den triefenden Schweißperlen kalt an. Er spürte die Schmerzen, welche vom krampfhaften Griff an der Leiter herrührten bis hin zu seiner langsam aufsteigenden Panik. In der jetzigen Situation bot sich ihm keine Deckung, keine Schatten lagen im Raum, in denen er sich verbergen konnte, sollte der Stadthalter zurückkehren. Es knackte. Eigentlich ein kaum hörbares Geräusch, aber für ihn so laut wie das Tosen des Sturmes eines Sommergewitters, das immer näher an ihn heran rollte. Der Stadthalter, dachte Garrett panisch, doch musste er sich zwingen, trotz der neuen Umstände ruhig zu bleiben. Seine Blicke flogen hektisch durch den Raum wie sie es zuvor noch nicht taten, jeder Wickel streng in Augenschein genommen, damit sich das kleinste Anzeichen offenbarte, was auf einen versteckten Mechanismus oder eine falsche Wand hindeutete. Nichts!

Die Angst wurde zu einem entsetzlichen Brennen in seiner Brust und raubte ihm den Atem. Die Glieder versteiften sich, all seine Gedanken auf eine Flucht gerichtet, musste er enttäuscht langsam wieder die Leiter hinuntersteigen. Die Flucht musste ergriffen werden, doch drängte ihn sein Ehrgeiz dazu, den Boden noch einmal gründlich abzusuchen.

Plötzlich brach unter seinem Gewicht eine Speiche der Leiter weg, ließ seinen Fuß ins Leere treten. Vor Schreck riss er an der Leiter, so dass diese strauchelnd und wankend von der Wand wegzurutschen drohte, um ihn Meter in die Tiefe zu schleudern. Hoffnungslos versuchte Garrett sein Gewicht nach vorne zu verlagern, damit die Leiter sich an der Wand hielt, doch diese rutschte am Boden zur Seite weg. Binnen eines Momentes nahm er all seine Kraft zusammen, wusste wie töricht sich ein Sprung an den Kronleuchter darstellte – trotzdem, in seiner jetzigen Lage immer noch plausibler, als in sechs Metern Tiefe, ungebremst gegen den Boden aufzuschlagen.

Ein weiteres Knacken ertönte, dann brach die Leiter in zwei Teile. Davor sprang Garrett aber bereits mit einem weiten Sprung an den Kronleuchter heran. Erwartungsgemäß richtete er sich auf unbeschreibliche Schmerzen ein, seine Haut würde Blasen werfen und schwarz von seinen Knochen abbrennen. Zu seiner Verwunderung jedoch, regte sich keine Hitze von den Kerzen und sein Körper blieb von den Flammen verschont. Durch sie hindurchgeflogen, klammerte er jetzt mit beiden Händen an den Eisenstangen des herabgefahrenen Blockes fest. Feuer, das keine Wärme ausstrahlt, ist kein echtes Feuer.

Garrett verstand nicht, wie ihm widerfuhr, doch galt seine Interesse weiterhin dem Ring, der sich nun direkt in greifbarer Nähe befand, funkelnd im falschen Feuer, das immer noch hell um Garrett herum brannte. Der Ring schien auf ihn zu warten.

In seinem Kopf ertönte ein schwaches Wispern als das glänzende Silberne auf seiner Hand lag, vielleicht vom Ring oder doch nur eine Gespinst seiner Gedanken. Eine leise Stimme, die unverständliche Wörter flüsterte – wie von einem Windstoß herangetragen. Den Ring zog er über den rechten Zeigefinger - hell und blitzend leuchtete der Rubin auf und Garretts Körper fühlte sich augenblicklich wie in einem lodernden Feuer an. Nachdem der Schmerz abebbte, der ihn fast vom Kronleuchter fallen ließ, fackelten die Flammen der Kerzen ein letztes Mal rhythmisch hin und her, bevor sie gänzlich erloschen.

Mit einem Rattern ging der Kronleuchter zusammen mit dem Stück aus der Decke, an einer Kette, dem Boden entgegen, während Garrett immer noch - unfähig sich zu bewegen – an den Eisenstangen festhing. Der Kronleuchter hielt mit den Eisenstangen nur Zentimeter über dem Boden an. Jetzt setzten sich die Glieder seines Körpers nach und nach wieder in Bewegung, gaben ihm genügend Kraft, um unbeholfen wieder auf den Holzboden des Raumes zurückzukommen.

Mit wackeligen Beinen stand er regungslos da, rief sich in Erinnerung, dass noch wenige Sekunden vorher sein Leben in Gefahr geschwebt hatte. Alles ging zu schnell; das Zerbrechen der Leiter, der Sprung in die falschen Flammen und der Schmerz, der ihn durchfuhr nach Anlegen des Ringes. Es schien ihm fast schon inszeniert, als plante jemand, dass er in Lebensgefahr geraten sollte. Wollte irgendwer seine Person auf die Probe stellen?

Wieder knackte es außerhalb des Raumes - dieses Mal eindeutig hörbar und ließ ihn aufschrecken. Sofort aus seinen Gedanken herausgerissen, schlich Garrett blitzschnell – immer den Körper im Schatten gehalten – in den Raum mit den Büchern zurück, wo sich lediglich eine gähnende Leere befand. Hinter einem Bücherregal versteckend, spähend in den Raum hinein, wartete er.

Niemand kam jedoch hinein um ihm zornige Blicke zuzuwerfen, keiner brüllte ihn vorwurfsvoll an, es stürmten auch keine Menschen hinein, um ihn zu töten. Garrett erinnerte sich aber ein spürbar lautes Knacken gehört zu haben, doch es hätte jemand in diesem Raum stehen müssen, von dem das Geräusch ausgegangen wäre - vielleicht der Stadthalter oder zumindest einer seiner Diener.

Auch nach qualvollen Minuten weiterer Stille, sitzend in seinem engen Versteck, zeigte sich keine Gestalt, die Wendeltreppe heraufkommend. Seufzend machte er sich also daran zu verschwinden, den Ring als Beute an seinem Finger und seine Ohren gespitzt um jedes Geräusch eindeutig wahrzunehmen. Vor ihm lagen die steinernen Stufen, die zurück in den ersten Stock führten.

Nach einem letzten Blick in den Raum mit der mysteriösen Statue, eigenartiger Weise nun mit einem breiten Lächeln im Gesicht, als wolle sie ihn beglückwünschen, schritt er mit dem Bild des Lächelns die Wendeltreppe hinunter, weg von all dem Rätselhaften, hin nach draußen, in die nach Hause zurückführende Freiheit. Seine Gedanken riefen den Namen seines Zuhauses immer wieder: Die Bruderschaft der Diebe. Eine Unterkunft für alle, die in dieser von Krieg zerfressen Welt keinen Ort für sich fanden.

***

Der Eingang vom Haus des Stadthalters – eine massive Doppeltür aus dunkler Eiche - ragte in einiger Entfernung der hohen Decke entgegen, geschützt von den Blicken zweier Stadtwachen. Blindlings war Garrett den Fluren gefolgt bis in den Eingangsbereich. Das Fenster, welches Garrett zu Beginn genutzt hatte um herein zu kommen, kam nicht einmal in seinen Gedanken vor. Leicht konnte es ihm einen Weg in die Freiheit bieten, doch eine mysteriöse Stimme lenkte seine Schritte, verbot ihm die Flucht durch das Fenster im ersten Stock, wollte, dass er sich genau an diesem Ort befand.

Standardmäßig in den Farben von Cindera gekleidet trugen die Stadtwachen eine matte, graue Hose und darüber eine leichte – ebenfalls grau gefärbte Lederrüstung. Das einzig Gefährliche an den Wachen schien die Hellebarde zu sein. In ihren rechten Händen tragend, standen die Waffen stolz senkrecht zu Boden gerichtet.

Garrett verlangte es nicht nach einem offenen Kampf. Er hasste das Töten von Menschen und wahrscheinlich eilten – im Fallen einer Auseinandersetzung – weitere Wachen herbei, an denen ein Vorbeikommen nicht gelang. Es muss einen anderen Weg an ihnen vorbei geben, entschied er, sah eine der Wachen immer wieder den Bereich um die Tür auf und ab schreiten, bis sie an einen großen Treppenaufgang gelangte, dort herumdrehte und zu ihrem Kameraden zurückkehrte.

Zunächst versuchte Garrett im Eingangsbereich einen weiteren Ausgang zu finden, bei dem die Flucht leichter vonstattenging, doch nirgends war ein tiefgelegenes Fenster oder ein weiterer Gang zu erkennen. Die hoch erhobenen Fenster fielen Garrett natürlich sofort auf, da sie aus dunklerem Glas gefertigt, all die anderen in diesem Haus in den Schatten stellten. Drei, mindestens vier Meter große Fenster ragten vor dem Haupteingang und an den seitlichen Wänden sowie hinter einer flachen Ebene des Treppenaufgangs auf. Sonnenstrahlen wurden verdunkelt, sobald sie durch das Glas fielen, ließen den Eingangsbereich bedrohlich wirken. Auch hier standen mehrere Statuen von Urfael, rings um den Bereich platziert. Ein sich abwechselndes Muster weißer und schwarzer Marmorplatten zierte den Boden unter seinen Füßen. Im schwachen Licht jedoch verschmolz alles zu einer einzigen schwarzen Platte.

Das Versteck, in dem Garrett hockte, lag nur wenige Meter von der Eingangstür entfernt, bot einen guten Blick auf die Wachmänner und den Bereich. Hinter einer Statue versteckte er sich, wo ein kleiner Hohlraum zwischen der Wand und dem steinernen Gott gebildet wurde, begünstigt durch die Wölbung der Wand nach innen, neben dem Treppenaufgang. Lange konnte er allerdings nicht mehr im Verborgenen bleiben, da der Stadthalter bald zurückkehren würde.

Seine Gedanken gaben ihm eine neue Idee, welche er sich für Notfälle, vor jedem Auftrag zurechtgelegte, ganz besonders effektiv in misslichen Lagen. Dies ist so eine Lage, dachte Garrett amüsiert und seine Hände glitten unter seinen Umhang, holten eine kleine, höchstens vierzig Zentimeter lange Armbrust hervor. Aus schlichtem Holz gefertigt, am ersten Tag in der Bruderschaft erhalten, stand sie ihm seither zur Seite. Das Material ließ nichts an der Qualität der Armbrust mangeln. Zudem war diese Armbrust ein ganz spezielles Model der Schmiedemeister der Bruderschaft. Sie konnte standardmäßig Bolzen verschießen, wurde jedoch auf einem Apparat montiert, der durch einen Lauf kleine Kugeln abfeuern konnte, indem man einen dünnen Hebel am Griff betätigte. Leider gab es nur einen Hebel, so dass entweder eine Kugel oder ein Pfeil abgeschossen werden konnte, wenn man nicht beides in die Armbrust einlud. Jeder Dieb besitzt seine persönliche Raffinessen. Du musst deine finden. Die Worte seines ehemaligen Mentors schwirrten durch seinen Kopf, während Garrett die Kurbel am Griff der Armbrust zurückdrehte und sich der Bogen spannte, die Sehne glitt zurück, bis sie – nach einem Klicken – in der Rückhaltevorrichtung einrastete.

Seine Hände griffen nach hinten, bis sie einen kleinen Beutel aus Leder am Gürtel ertasteten. Aus diesem Beutel nahm er einen Armbrustbolzen heraus, dessen Spitze durch eine Kapsel ausgetauscht wurde, die beim Auftreffen auf einen Widerstand zerbrach und ihren Inhalt in die Luft abgab. In einem gelblichen Schimmer leuchtete die Kapsel, leichter Rauch stieg aus ihr auf, weshalb Garrett sein dünnes Tuch vor Nase und Mund enger zusammenzog.

Glühwürmchen, beheimatet im Lande Isinael – eine Art die besonders wundervoll leuchtete und, was sicherlich die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich lenkte, gemischt mit Schwefel sowie Morgenblüte, um den Geruch zu verdecken. Aufgrund des Schwefels in Ohnmacht gefallen, schliefen die Wachen vielleicht zwei oder drei Stunden. Genug Zeit für ihn heimlich zu verschwinden. Den Bolzen in die Armbrust eingelegt, zielte Garrett – die Gegner völlig ahnungslos. Schnell und präzise musste er nun sein, konnte sich keinen Fehler leisten, da der kleinste Fehler über Freiheit oder Leid entschied.

Die Eingangstür selbst diente als Ziel. Sofort nachdem die Kapsel am Bolzen das Holz berührte, sprang diese mit einem klirrenden Geräusch auf, das Gas strömte augenblicklich hinaus, gefolgt von den herrlich strahlenden Glühwürmchen, die den Raum mit ihrem Licht in Besitz nahmen. Das Licht lockte die Blicke der Wachen an, so wie Licht Motten anlockte. Scheinbar gefesselt starrten leere ausdruckslose Augen in das Leuchten, während das Gas herausströmte und seine Arbeit verrichtete. Die Morgenblüte verdeckte den Geruch des Gases, wodurch die Wachen nach kürzester Zeit die Waffen zu Boden fallen ließen und schließlich, Sekunden danach, selbst hinabstürzten.

Noch einen Moment wartete er, bis sich das Gas verflüchtigte, dann trat Garrett aus seinem Versteck. Die Glühwürmchen verteilten sich bereits im ganzen Eingangsbereich des Hauses, konnten sie Garrett jedoch nicht in ihren Bann ziehen, da er seinem Körper zuvor das einzig wirksame Gegenmittel zugeführt hatte - Mohn. Es versetzte den Geist in eine Art Dämmerzustand, dadurch ließ sich jedoch ungehindert in die Lichter der Glühwürmchen blicken, ohne ihnen zu verfallen.

Während Garrett zur Haustür schlich, duckte er sich immer wieder, lauschte auf ferne und nahe Geräusche, blickte durch den Raum, um mögliche Gefahren auszumachen. Sobald sein Gefühl ihm sagte, dass es sicher war, machte Garrett sich weiter Richtung Eingangstür auf. Gerade den schweren Griff heruntergedrückt, erschallte hinter ihm das Auftreten von Stiefelabsätzen auf dem blanken Marmor.

Es schien der Stadthalter zu sein, der mit seinem hohen Gewicht scheinbar leichtfüßig die Stufen hinunterschritt, blieb erst wenige Schritte vor Garrett stehen. Sein faltiges Gesicht zeugte von einem fortgeschrittenen Alter des Mannes und seine Kleidung – komplett aus grüner Seide bestehend, betonte seinen angehobenen Stand in der Gesellschaft, denn nur wer über viel Besitz verfügte – sei es an Grund oder Dienern, durfte sich in diesem Land in Farbe Grün kleiden –selbst Händler oder Durchreisende mussten diese Regelung befolgen.

Seine fleischigen Finger gingen über sein ungepflegtes, mit Stoppeln übersätes Gesicht, während seine wachsamen Augen Garrett musterten, woraufhin sich sein rundes Gesicht in Falten legte. Noch immer unter der Wirkung von Mohn stehend glaubte Garrett die Augen des Stadthalters ab und an Rot aufleuchten zu sehen, doch konnte dies einfach nicht stimmen, musste ein Hirngespinst von ihm sein. Als dieser damit aufhörte ihn zu begutachten, tat er zunächst einen Schritt nach hinten, legte seine Hände in zwei - an seiner Jacke eingenähte - Taschen. Seine Stimme klang rau, geschwächt, doch entschlossen.

„Hast du dich genug umgesehen?“, die Frage des Stadthalters schien eindeutig zu sein, jedoch wollte Garrett ihm nicht antworten. All seine Sinne stellten sich auf eine plötzliche Flucht ein, doch konnte er seine Beine nicht mehr spüren, oder sonst etwas von seinem Körper, als hätte jemand anderes sie in Besitz genommen, sodass er stehen bleiben musste. Der Stadthalter wirkte nicht besonders feindselig auf ihn.

„Tut mir leid“, begann der Stadthalter von neuem in einem gespielten, höflichen Tonfall. „Meine Manieren haben aufgrund des mangelnden Kontaktes mit Menschen ein wenig nachgelassen, was aber nicht heißt, dass ich in diesem - von Asche verseuchten Land - nicht weniger angesehen bin als andere Adelige oder hohe Damen.“ Sein Kopf legte sich leicht schief bevor er mit kräftigerer Stimme fortfuhr: „Glaubst du, das diese Stadt ohne Grund den Namen Ashor bekommen hat?“

Seine Frage schnitt wie ein Messerstich in seine Haut. Garrett wollte zusammenzucken, wie jedoch, wenn er noch unfähig war sich zu bewegen - selbst sprechen konnte er nicht.

Das Wort Ashor, las Garrett einmal, kam aus dem alt Cinderanischen – kaum noch gesprochen und bedeutete so viel wie graues Land oder Asche, wirklich passend, denn jeden Winter suchte das Land Cindera ein Ascheregen heim, welcher sich auf jedes Dach legte und wie ein Belag auf den Straßen und Landflächen haften blieb. Das Husten des Statthalters holte ihn aus seinen Gedanken zurück. Mehr als nicken konnte Garrett nicht – ein Zeichen dafür, dass der Stadthalter nun wieder über seine Aufmerksamkeit verfügte.

„Ich weiß, du kennst die alten Geschichten des lyrianischen Volkes. Daher glaube ich dir nicht den Grund für den Ascheregen erklären zu müssen.“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Oder doch?“

Eine Frage, als würde der Mann Garretts Gedanken lesen können und schnitt ihm wie eine Klinge ins Fleisch. Die Fesseln seines Körpers lockerten sich, jedoch nur an seinem Mund, damit er in der Lage war Wörter von sich zu geben.

„Ich weiß, dass die Menschen sich nicht an die Regeln des Gottes Urfael hielten, hatten sie ihn doch einst vergöttert“, sprach er mit trockenen Lippen. „Daraufhin hat der Gott ihr Volk mit einem Feuersturm gestraft und die jedes Jahr aufs Neue niedergehende Asche, soll uns an verbrannte Leiber von Kindern und Erwachsenen erinnern, die in diesem Sturm ihr Leben ließen.“

„Wieder einmal siehst du nur die halbe Wahrheit, Dieb. Der Sturm war keine Strafe, sondern ein Segen.“ Der Stadthalter faltete seine Arme vor dem Körper übereinander. „Durch ihn konnten sich die Starken von den Schwachen befreien und es wurde eine neue Ordnung gegründet – eine stabile Ordnung, die bis heute Furcht und Respekt gewährleistet.“ Ein tiefes, amüsiertes Lachen ertönte aus der Kehle des Stadthalters. „Glaub mir, kleiner Schatten, dass ich nicht zufrieden damit bin, wie Urfael damals vorgegangen ist…es hätte eine bessere Lösung geben müssen.“ Plötzlich zeigte sich im Gesicht des Stadthalters zum ersten Mal Trauer, wo normalerweise nur eine eisige Gleichgültigkeit oder finstere Freude herrschte. Wie alt musste dieser Mann sein, dass seine Erinnerungen bis zu den vergangenen Tagen zurückreichten - mindestens schon über mehrere Jahrtausende. „Verzeih mir, ich bin abgeschweift.“ Die Hände des Stadthalters verschlungen sich zu einer Faust vor dem Körper und er machte eine leichte Verbeugung nach vorne. „Mein Name ist übrigens Beor Avara, Stadthalter von Ashor.“ Einen Schritt nach vorne getan, sprach er schließlich unbekümmert: „Kommen wir zum Thema zurück…dein Einbruch in dieses Haus. Versteh mich nicht falsch, ich verurteile dich nicht.“

„Was wollt ihr dann von mir?“ Wieder einmal verfügte Garrett über die Kontrolle seines Mundes, um etwas zu sagen.

„Von dir will ich nichts, noch nicht“, erklärte Beor, dabei mit seiner Hand eine abweisende Geste. „Sicher konntest du die Statue im geheimen Raum sehen, jene mit dem Symbol der Sonne auf dem Rücken.“ Garrett konnte nur nicken, denn die Kontrolle war ihm um ein weiteres Mal entzogen worden. „Gut, kleiner Schatten.“ Ein Klatschen der breiten Hände. „Diese Statue stellt den ersten Menschen dar, der dem Gott Gwyn diente und der gegen die Dämonen des Abgrunds kämpfte. Sein Kampf begann, als der Gott Urfael verflucht wurde.“ Beor erkannte Garretts erstaunten Gesichtsausdruck. „Ja, vollkommen richtig gehört… er wurde verflucht.“ Die Augen zusammengekniffen, fragte der Stadthalter: „Hast du das nicht gewusst?“

Ein weiterer stechender Schmerz bohrte sich in Garretts Brust, doch sein Mund schien frei von Fesseln zu sein, weshalb er verwirrt antworten konnte: „Nein, die Geschichtsbücher schreiben nichts von einem verfluchten Gott. Nur das Urfael eines Tages der Finsternis anheimgefallen war und das Leben ihm plötzlich nichts mehr bedeutete.“

Dieses Mal erwiderte Beor nichts – bloß ein breites Grinsen, das lange anhielt.

„Was hat das alles hier zu bedeuten?“, fragte Garrett voller Wut.

„Nichts hat ein Ende, kleiner Schatten, nur einen Anfang“, brachte Beor als einzige Antwort hervor.

„Ich verstehe nicht“, beharrte Garrett, in der Hoffnung mehr Informationen zu bekommen, doch folgte lediglich ein Verlust der Kontrolle über seinen Mund.

„Kleiner Schatten oder sollte ich dich lieber Garrett nennen. Die Fäden deines Schicksals sind bereits gesponnen.“ Die Blicke von Beor wanderten zu Garretts Diebesgut. „Behalte doch den Ring, wenn du willst“, stellte Beor ihm gleichgültig frei. „Er wird dir vielleicht eines Tages helfen können, solltest du ihn vorher nicht verlieren.“ Garrett merkte wie die Stimme von Beor immer leiser wurde. „Glaub mir, wenn ich dir sage“, hob der Stadthalter eindringlich an, „dass du mit mehr konfrontiert werden wirst, als in deinem einfachen Leben als Dieb jetzt.“ Die Augen des Stadthalters zu Schlitzen verengt, fokussierte er mit seinem Blick den Körper von Garrett. „Du weißt, es wird geschehen!“, rief Beor wütend. „Gesteh dir selber ein, zu Höherem berufen zu sein.“

Plötzlich erlangte Garrett die volle Kontrolle über seine Glieder und Funktionen seines Körpers zurück. Der Stadthalter starrte ihn an, seine Augen schienen erneut rot aufzuleuchten - nach einem Wimpernschlag auch schon wieder verschwunden. Einige Sekunden wagte keiner der Beiden zu sprechen, dann aber drehte sich Garrett ohne noch einmal zurückzublicken, zur Tür herum, schob den Griff herunter und stieß sie auf. Bevor seine Haut die Sonne spüren konnte, die von Freiheit kundtat, vernahm sein Kopf die Stimme von Beor, obwohl dieser gar nicht sprach. Die Ankunft steht bevor, niemand wird sie aufhalten können. Seine Verbündeten werden gemeinsam sein Eintreffen vorbereiten. Diese Welt und all seine Völker unterwerfen sich seiner oder brennen unter dem Anblick der Finsternis. Überall um uns herum ist sein Einfluss. Denk immer daran kleiner Schatten…vertraue niemandem, denn das Ende wird kommen. Wirst du dich entscheiden für diese Welt zu kämpfen? Es liegt an dir! Die Stimme verklang in seinem Inneren. Schnell wirbelte Garrett herum; der Stadthalter war verschwunden. Die Konzentration von Mohn ließ nach, somit sah sein Geist klarer, spürte wieder den Geruch der frischen Luft, die ihm durch die offene Haustür entgegen schlug. Die Fragen von Beor beschäftigten ihn. Denk immer daran kleiner Schatten…vertraue niemandem, denn das Ende wird kommen. Wirst du dich entscheiden für diese Welt zu kämpfen? Es ließ ihn selbst dann nicht los, als seine Gestalt im dichten Gedränge des Jahrmarktes verschwand.

***

Das Zelt jener vermeintlich weißsagenden Frau - wunderschönes Gesicht, doch entstellt von Narben, besaß eine Kristallkugel - stand etwas abseits der belebten Straßen.

Durch den Rest des Jahrmarktes schlendernd, wusste Garrett, das jener in den Abendstunden einer blutroten Sonne immer stiller werden würde, geendet mit völligem Stillschweigen. Nachts konnte es in Ashor gefährlich sein herauszugehen, gerade wegen einer erschreckenden Anzahl von Todesopfern, ermordet in finsteren Gassen. Das gemeine Volk sprach fortwährend von einem Fluch oder einem Ungeheuer, das des Nachts in der Dunkelheit lauert, ausschließlich sturztrunkene Menschen oder Alleingelassene als Beute aussucht.

Garrett vermutete hingegen: Die Schuld der Taten müsse bei einer der zahllosen Diebesbanden - angesiedelt im Umfelde der Stadt – liegen. Es konnte sich womöglich auch ein verrückter Narr in schwarzer Magie versucht haben. Schwarze Magie. Bei diesem Gedanken verzog Garrett seine Mundwinkel andauernd zu einem leichten Grinsen. Niemand verfügte über solche Fähigkeiten. Wenn Garrett jedoch ehrlich sein sollte, hatte er bereits Gerüchte über Menschen gehört, die über schwarze Magie verfügten. Den Gerüchten zufolge missbrauchten die Magier ihre Kräfte und testeten sie an unschuldigen Seelen. Garrett war nur froh, dass sich die Gerüchte ausschließlich auf Gebiete im Süden Arywijens bezogen.

Der Jahrmarkt schien sich bereits aufzulösen – viele Menschen kehrten in ihr getrautes Heim ein, als er das Zelt der Frau erreichte. Bedauerte er es lediglich, das Theaterstück zu den geschlagenen Schlachten nicht gänzlich bis ans Ende beobachtet zu haben. Ein Versäumnis, welches er eines Tages nachzuholen gedachte.

Über die leere Bühne fegte ein heftiger Wind, warf den feinen Dreck in einer Wolke auf, rüttelte am oberen Dachstoff – wahrscheinlich würde er jeden Moment davonfliegen. Das Lied der Seele des Blutes und der Tränen – ein stärkendes Lied, nur allzu gut bekannt, erklang leise in seinen Gedanken.

Den Jahrmarkt hinter sich lassend, trat Garrett in das Zelt der Frau. Würde das Leid eines Tages ein Ende finden?

Das Heim der vernarbten Frau schien seelenlos – eine anhaltende, stille Leere, doch stand Garrett auch erst im Vorraum des Zeltes. Vielleicht sollte er sich ankündigen, bevor es ins Innere ging, doch als Garrett sich durch einen Vorhang schob, erwartete sie ihn bereits im Schneidersitz vor ihrer Kristallkugel.

„Du bist also doch gekommen!“, grüßte ihn die Frau, als sich Garretts Körper vor ihr - auf einem Kissen - niederließ.

Von außen konnte man das Zelt für klein halten, doch wo Garrett es erst einmal von Nahem sah, zeigte sich ihm erneut, wie leicht er einen voreiligen Schluss fällte.

Das Innere des Zeltes weiträumig, in der Mitte stand eine kleine Feuerschale, dessen Rauch nach oben durch eine Öffnung am Zelt hinauswich und abwechselnd zierten Streifen aus Purpur und goldenem Braun die umliegenden Wände des Zeltes. Feine Kordeln hingen von den Stäben herunter, die sämtliche Last des Zeltes stützen sollten.

„Verzeiht, verehrte Dame. Ich wollte nicht…“, doch verstummte er, nachdem sie ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte und auf eine Falltür aus altem Holz deutete, die sich im hinteren Teil des Zeltes befand.

„Ihr habt mir euren Namen noch gar nicht verraten“, protestierte Garrett, wobei er ihre Augen fixierte. Er wollte nicht gehen, ehe er ihren Namen erfuhr.

„Mein Name ist Evona Fios.“ Sie lächelte.

Erleichtert winkte er ihr zum Abschied. Die Dunkelheit unterhalb der Falltür breitete sich um ihn herum aus. Die Bruderschaft, dachte er – sein Zuhause seit Kindheitstagen an. Ich kann es kaum erwarten dich wiederzusehen.

ZWEITES KAPITEL

Hodrick

Ein eisiger Wind wehte über das Meer. Das kleine Rettungsboot, indem sich ein Mann befand, schwankte gefährlich von einer Seite zur anderen. Als eine Welle den Bug erfasste, wurde es beinah zum Kentern gebracht. Die Augen des Mannes öffneten sich langsam, er musste sie jedoch gleich wieder zusammenkneifen, da die Sonne unnachgiebig auf ihn niederbrannte. Überall um ihn herum nichts als das blaue, offene Meer. Nie sah er neben dem Boot einen Fisch schwimmen – genüsslich für seine Mahlzeit. Vorübergehend wurde die Sonne, lediglich für Sekunden, von wenigen Wolken bedenkt, sodass der Mann seine Augen entspannen konnte. Die Wolken erinnerten an Bilder brandender Wellen. Mit der Hand wischte er sich der Schweiß leicht von seiner Stirn, anschließend schien die am Himmel stehende Peinigerin wieder gnadenlos auf sein winziges Boot.

Einen Versuch wagend, sich zu entsinnen, wie er in diese Lage kam, wirbelten sämtliche Gedanken umher, zeigten einen Hafen, gefolgt von Häusern – Dächer spitz wie Speere - und das Gesicht einer wunderschönen Frau. Dann entschwanden ihm wieder sämtliche Erinnerungen, befand sich sein Bewusstsein wieder in der Gegenwart. Er setzte sich im Boot auf. Bei jeder Welle verlagerte er das Gewicht, um nicht plötzlich von Bord zu fallen. Fehltritte bedeuteten in dieser brenzligen Situation vermutlich das Ende.

Ein letztes Mal versuchte der Mann sich anzustrengen, seine Gedanken in die Vergangenheit zurück zu schicken, ohne zu wissen ob er dort etwas erfahren würde, doch musste in Erfahrung gebracht werden, aus welchem Grund seine Seele – sichtlich ziellos - auf dem Meer trieb.

Seine Absicht vor Augen, legte er sich zurück in das Boot, kerzengerade auf den wenigen Holzbrettern, die das Wasser am Einlaufen hinderten. Bevor sich seine Augen gänzlich schlossen, schweiften seine Blicke umher. Ein aus weißem Stoff bestehender Seesack, zusammengebunden mit einem Seil aus einfachem Hanf, stand neben seinen Füßen. An seiner rechten Seite, nahe seinem Brustkorb, klaffte bereits ein großes Leck, jedoch noch hoch genug befindend, so dass bei diesem ruhigen Seegang kein Wasser eindrang.

Er selbst trug offenbar ein schlichtes Hemd aus Baumwolle und passend dazu frugale Lederhosen. Seine Stiefel schien er aus irgendeinem Grund abgezogen zu haben, doch ließen sie sich hinter seinem Seesack erkennen, da der grobe, völlig durchnässte, schwarze Stiefelabsatz von dem weißen Stoff gut zu unterscheiden war. Kein Wunder, das ich sie mir ausgezogen habe, dachte der Mann, bevor sein Blick auf eine dunkelblaue Rüstung fiel, gänzlich ohne Makel gegen die Backborseite seines Bootes gelehnt - eine prachtvolle Rüstung, aus mehreren Platten gearbeitet, und diese formten gemeinsam seinen Brustpanzer, ebenso wie seine Gamaschen. Die Handschuhe – Stacheln an den Knöcheln - schienen aus demselben Material gefertigt worden zu sein. Das Material bestand aus einer Schuppenhaut, worunter sich eine Lederschicht anschmiegte. Vermutlich Drachenschuppen, schloss der Mann, aufgrund der feinen, aber massiven Oberschicht mit kleinen Adern wie beim Menschen. Doch wie diese Rüstung aus Drachenschuppen in seinen Besitz kam, wusste er selbst nicht. Vielleicht habe ich sie gestohlen. Ein merkwürdig gekrümmtes Schwert fest verschnürt, presste sich gegen die Schuppen der Rüstung, von der – wie er erst jetzt sah – zwei Streifen aus Stoff von der Rückseite flatterten, befestigt an den Schultern. Sein Schwert, wenn es denn seines war, maß mehr als fünf Ellen. Der Erinnerungen beraubt, konnte der Mann nicht sagen woher es kam, doch bei seinem Anblick erfüllte es ihn mit Zorn, der dann plötzlich in Trauer überging, so dass der Mann seinen Blick abwenden musste, um nicht in Tränen auszubrechen.

Wieder zur Ruhe gekommen, glitten seine Blicke zum Himmel empor. Dunkle graue Wolken türmten sich jetzt über ihm aufeinander, so dass die Sonne schon bald verschwunden sein würde.

Das nun grau bedeckte Firmament schickte einen eisigen Wind übers Meer – sein Körper begann zu zittern. Ein Sturm wird bald aufziehen, schloss der Mann in Gedanken und noch immer machte nichts um ihn herum den Anschein, als wenn das Boot gleich Land erreichte. So legte er sich ein Stück höher – den Kopf in einen Hohlraum im Bug gelegt, um vor dem Regen teilweise geschützt zu sein - versuchte der Mann einzuschlafen, denn die Erinnerungen würden wahrscheinlich am schnellsten in seinen Träumen zurückkehren. Das gleichmäßige Niederprasseln vom plötzlich begonnenen Regen auf das Holz, ließ ihn langsam die Realität verlieren. Noch wenige Augenblicke blieben die Sinne wach, zog seine Nase die Luft ein, die salzig roch und spürte den Regen auf seiner Haut – kleine Nadelstiche, die jedoch keinen Schmerz in ihm hervorriefen, sondern ihn weiter entspannten.

Augenblicklich umfing ihn eine endlose Schwärze, welche ihn in die Träume geleitete. Das letzte, was der Mann vernahm, bevor seine Augen zufielen war der Klang eines Namens – leise und von weit her. Um ein weiteres Mal erklang die Stimme, die einen Namen rief, diesmal eindeutig zu hören. Er spürte sofort, dass dieser Name ihm gehörte. Der Name ertönte ein weiteres Mal, es kribbelte unter seiner Haut und der Mann sprach ihn laut aus, bevor der Schlaf ihn umarmte: „Hodrick!“ Seine Erinnerungen umhüllten ihn…

***

Hodrick erwachte und fand sich in einem gemütlichen Bett wieder, nicht das geringste Schaukeln um ihn herum. Der Geruch des Meeres schwand mehr, je wacher seine Sinne wurden. Er war in einem eher kleinen Zimmer erwacht. Überall an den Wänden hingen Bretter, auf denen eine Vielzahl an Flaschen standen - entweder mit einer Flüssigkeit gefüllt oder etwaiges Naturmaterial wie Blätter oder Zweige. Sonst stand im Raum nur noch ein breiter Schreibtisch, auf dem ein großer Haufen an Pergamenten lag, alle fein säuberlich aufeinandergestapelt. Eine Kerze – fast heruntergebrannt – spendete schwaches Licht, doch wurde ihre Flamme beim Eindringen der morgendlichen Sonnenstrahlen nicht mehr gebraucht. Warme Luft drang von einem offenen Fenster zu ihm heran. Neben sich rieb etwas über seine Flanke, erweckte seine Aufmerksamkeit – blondes, gelocktes Haar in einer beachtlichen Länge, fiel ihm ins Gesicht. Hodrick legte seinen Kopf zur Seite und erkannte das Gesicht der Frau, welche in seinem Herzen besondere Wärme erzeugte.

„Hast du schlecht geträumt Liebster?“, fragte die Frau, sie streichelte dabei mit ihren Fingerspitzen über seine Brust. Plötzlich legte sich eine besorgte Miene auf ihr wunderschönes Gesicht – sie blickte Hodrick direkt an. Die blauen Augen der Frau schimmerten so klar, wie die Oberfläche eines Sees, der soeben von den Sonnenstrahlen, einer am Zenit stehenden Mittagssonne, berührt wurde.

„Es ist nichts, nur ein böser Traum“, erklärte er, unfähig ihr von dem kleinen Boot mitten auf See und dem herannahenden Sturm zu berichten. Er versuchte sich nach seiner Antwort wieder zu entspannen.

Hodrick setzte sich auf, die Frau schlang die Arme um seine Schulter und ihr warmer Atem ging langsam an seinem Hals entlang. Bei jedem Ausatmen ging eine Erregung durch seinen Körper. Für den Moment saßen sie nah aneinandergeschmiegt – vom süßen Duft der Frau, der nach Erdbeeren roch, umgeben. Dann brach sie das Schweigen.

„Hast du dich bereits um die arme Seele gekümmert, die letzte Nacht in dein Hospital getragen wurden?“

Ich bin ein Heiler, schoss es Hodrick durch den Kopf, gefolgt von dem Erinnerungen an sein jahrelanges Studium, wobei er beinah nach vorne gefallen wäre, hätte die Frau ihn nicht gestützt. Er schenkte ihr ein freudiges Lächeln und drückte einen Kuss auf ihre Lippen, bevor sich sein Körper erhob – völlig unbekleidet.

Die Frau selbst saß ebenfalls ohne Kleidung auf dem Bett und erwiderte sein Lächeln. Ohne die Decke, die zuvor über beide gezogen war, bot sich nun ein ungehinderter Blick auf ihren schlanken, makellosen Körper. Völlig ohne Scham, gesellte sich die Frau neben Hodrick an den Schreibtisch. Auf einer Truhe lagen Sachen in seiner Größe, die er zum Anziehen nutzte. Ein weißer Samt, ein paar schwarze Lederhosen und Stiefel ohne Beschädigungen.

Die Frau schenkte ihm ein verstohlenes Lächeln, nahm seine Hand und küsste ihn. Ein warmes Gefühl durchfuhr jeden Zentimeter seines Körpers und er wusste es in Gedanken: Ich liebe sie. Ihr Name ist Shala. Anschließend löste Hodrick sich nach dem innigen Kuss aus ihrem Griff, zog die Kleider schnell über. Sie ließ sich vor einen Spiegel nieder, ging mit einer Bürste durch ihr goldenes Haar. Auf einer Truhe lag ein langes, schwarzweißes Kleid, was wahrscheinlich ihr gehörte.

„Du hast es ihr versprochen, also halte dich daran.“

„Was habe ich versprochen?“ fragte Hodrick verwirrt, doch sie drehte sich nicht um, sondern blickte weiterhin in den Spiegel, während ihre Hände durch die Locken ihres Haares glitten.

„Reva, du hast versprochen mit ihr zu üben“, antwortete Shala.

Es schmerzte in seinem Herzen als er den Namen hörte: Reva, meine Tochter.

„Viel lieber würde ich bei dir bleiben und noch etwas Spaß haben“, sagte er liebevoll, ergriff ihre Hand. Jetzt drehte sie sich doch um und ihre Augen sahen ihn mit gleicher Liebe an, welche er Shala entgegenbrachte.

So ist das also“, stellte sie amüsiert fest. „Wenn du zurückkehrst, können wir immer noch unseren Spaß haben. Ich mache mich erst noch etwas frisch für dich.“ Shala winkte mit der Hand in Richtung Tür. „Und jetzt ab mit dir.“ Ihr Tonfall ließ keinen Wiederspruch zu, drückte er ihr nur noch einen Kuss auf die Wange, wandte sich dann zum Gehen um. Ihre sanfte Berührung streifte ihn. Ein letzter trauriger Blick flog auf Shala zurück, die gerade ihre Unterwäsche anlegte.

Die Tür öffnete sich und ein schwacher Wind kitzelte Hodricks Gesicht. Die Sonne des Sommers schien gerade erst aufgegangen zu sein. Ein weiterer Schmerz durchfuhr ihn, als bohre ein Dolch sich in sein Herz. Hodrick beobachtete Shala noch eine Weile. Sie war immer noch beim Ankleiden. Der Schmerz ließ immer noch nicht nach, brachte einen Gedanken in seinen Kopf: Ich habe diese Frau geliebt.

***

Reva erwartete ihn bereits am Übungsgelände. Ein Sandring, am Rand bestückt mit einem kniehohen Zaun, formte das Übungsgelände. Außer Reva und ihm trainierte an diesem Tag niemand, nur der Platzwärter – ein schmächtiger alter Mann mit einem grimmigen Gesicht und Glatze – hieß Hodrick beim Eintritt in den Ring willkommen.

Bevor das Übungsgelände erreicht war, hatte er die wenige Zeit des Weges von seinem Haus dazu genutzt, ein wenig mehr über die Stadt herauszufinden – eine Stadt, in der er sich völlig fremd fühlte, keinerlei Erinnerungen mehr an sie besaß. Den Namen erfuhr Hodrick zufällig von einem der vielen Stadtschreier, die sich in den engen Gassen der Stadt drängten und dutzende von Bürgern um sich herum scharrten – dabei erzählten sie stets vom Untergang der Stadt, riefen den Namen Kinesch laut aus. Bei seinem Weg durch Kinesch hatte sich ihm die hohe Mauer der Stadt gezeigt - zwar alt - doch zehn Fuß in der Höhe aufragend. Prachtvolle alte Häuser säumten die schmalen Gassen durch die sich Hodrick bewegt hatte – gewaltige, aus Stein gebaute Häuser, die wie Türme in den Himmel ragten. Kurz vor den Trainingsgruben war eine Taverne zu sehen gewesen. Die Taverne besaß ein Schild über der Tür, auf dem „Zum schlafenden Bären“ stand.

Hodrick konnte noch immer den Gestank von schalem Bier und Pisse riechen, was ihn angewidert das Gesicht verziehen ließ.

Anschließend hatte er noch ein weiteres einzigartiges Haus gesehen: Eine alte Kirche. Aufwendige, aus buntem Glas gemachte Fenster hatten ihn zur Straße hin angeblickt, dazu prangte eine große Kirchenglocke in einem Turm direkt über der Kirche. Wahrscheinlich schlägt sie zur jeden vollen Stunde, war Hodrick der Gedanke gekommen. Die kunstvollen Verzierungen an der Glocke konnte man gut mit den Ästen eines Baumes vergleichen. Sechs Gesichter in Stein gemeißelt, hatten sich über der Eingangstür befunden. Hodrick hatte sich die Frage gestellt, für wen sie wohl stehen mögen, doch gab sein Gedächtnis keine Antwort darauf. Fast eine halbe Ewigkeit, so kam es ihm vor, verschwendete er Zeit die Gesichter zu bewundern, als ihm plötzlich Reva wieder in den Sinn gekommen war. Seine Schritte hatten ihn schnell weiter geführt, aber nicht ohne sich beim Eintreten in das Übungsgelände noch einmal zu der – jetzt mehrere Meter entfernten Kapelle – umzudrehen.

„Viel Spaß in den Gruben“, murrte der Platzwärter und holte Hodrick dadurch aus seinen Gedanken zurück.

Er nickte dankbar, begab sich folgend zu Reva, welche bereits eifrig an einer Strohattrappe ihre Schwertkünste präsentierte. Schnelle Schritte in einer Abfolge vor und zurück, wobei sie manchmal ins Schwanken geriet, wechselten sich mit aufeinanderfolgenden Schwerthieben ab. Die Strohattrappe musste mehrere Male Treffer gegen Kopf und Beine aushalten.

Als seine Tochter ihn hinter sich kommen sah, ließ sie von der Attrappe ab - trat ihm, mit vor Glück strahlendem Gesicht entgegen.

„Sehr gut, begann Hodrick lobend, wobei er auf die Attrappe zeigte und auf Revas Schwert. „Wie mir scheint, muss ich dir fast gar nichts mehr beibringen, abgesehen von deiner Balance, auf die du noch immer achten musst.“

Einen Moment lang kicherte seine Tochter, stieß dann aber ein leichtes Seufzen aus. „Wenigstens bist du noch zu irgendetwas nutzte“, gab sie spöttisch zu.

Reva war ihrer Mutter wie fast aus dem Gesicht geschnitten, sie besaß ihr anmutiges Auftreten, doch fielen ihr schwarze, glatte Haare von den Schultern, statt goldenen Locken - ihre Augen schimmerten im Sonnenschein smaragdgrün. Die Haare hat sie von mir geerbt, dachte Hodrick und ein Grinsen ging ihm über die Lippen. Ihr makelloses, junges Gesicht verriet ihm, dass sie kurz vor ihrem achtzehnten Winter stehen musste.

Derweil, solange Hodrick in seiner eigenen Gedankenwelt festhing, wandte sich Reva bereits wieder der Attrappe aus Stroh zu – zog ihr Schwert aus der Scheide und vollführte einige Streiche gegen die Nachbildung eines Soldaten.

„Bist du es nicht leid, dich mit einem leblosen Gegner abzugeben. Wie wäre es mit etwas anspruchsvollerem…etwa ein Gegner der sich bewegt.“ Aus irgendeinem Grund wusste Hodrick, wie Reva bereits zahlreiche Turniere mit Gegner ihres Alters bestritten hatte, dabei stets als Siegerin vom Kampf zurückkehrte, doch blieb ihm beim Anblick von Reva keine andere Wahl als sie herauszufordern – musste er schließlich leibhaftig erfahren, wie seine Tochter mit dem Schwert umgehen konnte.

Reva warf ihm ein Holzschwert zu und wechselte ihr eigenes Schwert durch eines aus Holz, dann entgegnete sie ihm selbstsicher: „Wenn du meinst es mit mir aufnehmen zu können.“

Wieder stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen, während Reva nur wenige Schritte vor ihm stehenblieb. Plötzlich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz, ließ Hodricks Körper zu Boden gehen, er konnte das besorgte Gesicht von Reva sehen.

„Mir geht es gut“, beschwichtigte er sie, winkte dabei dankend mit der Hand, wodurch ihre Miene gleich viel fröhlicher wurde.

„Dann ist es Zeit zu beginnen“, brüllte seine Tochter, gefolgt von einem Kampfschrei.

Sie kam mit einem gestreckten Schwert auf ihn zugestürmt, kurz danach schallte das Knattern von Holz – erzeugt durch das Aufeinanderprallen der Schwerter – in seinen Ohren. Der stechende Schmerz noch immer nicht komplett verschwunden – eher ein unterschwelliges Pochen in seinem Körper, duckte er sich unter einem Schwertangriff von Reva weg, zielte blitzschnell mit einem eigenen Schlag auf ihre Füße. Damit schien sie jedoch gerechnet zu haben, denn sie parierte ihn mühelos, ging zu einem neuen Angriff über, der aus einer Abfolge von mehreren schnellen Stichen bestand – versiert auf seine Brust. Es gelang ihm nur knapp die Angriffe abzuwehren und sie fuhren um wenige Zentimeter an seiner Brust vorbei. Wieder standen sie aufrecht gegenüber. Die Lippen von Hodrick verzogen sich um ein neues Mal zu einem Lächeln, was von Reva mit ihrem eigenen, verspielten Lächeln erwidert wurde. Sein eigener Atem ging schwer, gleiches sah er bei Reva, doch sie ging wieder auf ihn los. Das Lächeln auf seinen Lippen schwand auch dann nicht, als er einen - nach vorne schnellenden Angriff - von Reva parierte. Es brannte sich in seinen Kopf ein wie ein heißes Eisen: An diesem Tag trainierte er das letzte Mal mit Reva.

***

Sein Hospital bestand aus mehreren turmartigen Häusern, die an der Ostmauer von Kinesch standen – sich lediglich von den anderen Häusern durch das Symbol für das Hospital unterschieden – ein rotes Kreuz auf einem weißen Untergrund, über das eine Taube flog. Keine Gefühle regten sich in Hodrick sobald das Symbol über dem Eingang zum Haupthaus vor seinen Augen aufkam.

Eine provisorische, fast drei Meter hohe Barrikade, zog sich um das Hospital herum. Hodricks Wissen war verschwommen, zeigte es ihm nur die Bilder von bleichen Menschengesichtern beim Anblick der Befestigung.

Nach einem Moment der Ruhe setzte er seinen Weg durch ein kleines, zerkratztes Tor, ins Innere des Hospitales fort. Vor den drei eigentlichen Häusern standen große Zelte aufgebaut, in denen man provisorisch Feldbetten untergebracht hatte – zurzeit nahm das Hospital keine weiteren kranken Menschen mehr auf.

Seine Gedanken schweiften zum Training mit Reva zurück. Reva hatte den Kampf gekonnt ausgetragen, nicht verwunderlich, doch spürte Hodrick immer dieses schmerzliche Stechen in der Brust, bei dem Gedanken an seine Tochter oder Shala. Schlussendlich hatte er einen entscheidenden Fehler von Reva genutzt, um ihren Kampf doch noch zu gewinnen. Beim letzten Angriff von ihr war Hodrick auf die Knie gesunken, ausschließlich deshalb, um ihr ein Gefühl der Überlegenheit zu geben. Ahnungslos hatte sich Reva mit einem Blick zu Hodrick verraten. Sie griff frontal an – es war ein leichtes gewesen ihren schwachen Schwertstreich zu parieren und ihr das Schwert aus der Hand zu schlagen.

„Du darfst dich niemals zu sicher fühlen und deinem Feind durch deine Blicke verraten, wann und wo du angreifst – gerade dann nicht, wenn du glaubst er sei bereits geschlagen“, hatte er ihr geraten.

„Das ist gegen die Regeln“, hatte seine Tochter lautstark protestieren wollen, doch Hodrick brachte sie mit einem ernsten Blick zum Schweigen.

„Dein Gegner wird nicht immer nach den Regeln kämpfen, erst recht nicht dann, sollte er wissen, dass er dir unterlegen ist.“

„Heißt das, dass ich dir überlegen bin?“, war ihre Frage anschließend gewesen, sie sprang dabei aufgeregt umher.

Hodrick brachte es nicht über sein Herz ihr zu widersprechen. Weshalb er nur knapp nickte, was ihr aber als Antwort genügte und sie sich weiter freute. Nachdem sie zurück zu ihrer Mutter geeilt war mit Hodricks Bitte, ihn in zwei Stunden vor dem Hospital der Stadt zu treffen, hatte sie sich auch schon zwischen den Häusern in Luft aufgelöst. Habe ich jemals so eine liebevolle Tochter gehabt? Dies war sein einziger Gedanke auf dem ganzen Weg bis zum Hospital gewesen. Auf seine Frage hatte er sich jedoch noch keine Antwort geben können. Ein Gefühl der Wärme, immer dann, wenn er Reva ansah, schien das Einzige zu sein, was ihm sagte: Jene Tochter muss ich wirklich großgezogen haben.

Am vordersten Zelt begrüßte ihn ein muskulöser Mann in einer roten Robe. Die feuerrote Farbe seiner Kleidung brannte sich von seinem Sehnerv in sein Gehirn weiter und weckte die Erinnerung an den Namen des Mannes, welcher Creigthon Doran war.

Die Zelte besaßen zahlreiche Feldbetten, akribisch in einer geraden Reihe aneinandergereiht, mussten es an die Hundert sein – soweit Hodrick sah. Der Gestank von Krankheit drang aus jeder Öffnung der Stoffunterkünfte zu ihm heran, der auch durch den Wind nicht davongetragen werden konnte.

„Guten Tag Herr Lawhance“, begrüßte ihn die freundliche Stimme von Creigthon, danach reichte er Hodrick die Hand, welche dieser – noch geistesabwesend - entgegennahm. Creigthon schien sich nicht an der offensichtlichen, gedanklichen Abwesenheit von Hodrick zu stören, sondern sagte mit seiner tiefen Stimme: „Ich erwartete dich eigentlich erst morgen!“ Creigthon schmunzelte und rieb seine Hände aneinander. „Dennoch bin ich froh, dass du es so früh einrichten konntest, denn es gibt Arbeit.“

Der muskulöse Körper von Creigthon wollte soeben ins Zelt eintreten, da schoss Creigthon eine weitere Erinnerung wie ein Blitz in den Kopf. Creigthon war ein Bruder des Ordens der Rosenritter aus Falon sûl – vor zwei Monaten im Land Farossa angekommen, war er natürlich sofort dieser bescheidenen Einrichtung zugewiesen worden. Hodricks Erinnerungen an den muskulösen Bruder überfluteten ihn, raubten ihm den Atem, keine Sekunde später erreichte sein Keuchen auch Creigthon, welcher augenblicklich eine sehr besorgte Miene aufsetzte.

Creigthon seufzte und legte Hodrick die Hände auf die Schulter. „Ist mit dir alles in Ordnung Hodrick?“, wurde er besorgt gefragt.

„Ich träume in letzter Zeit ziemlich schlecht und mein Erinnerungsvermögen ist getrübt“, entschied sich Hodrick leise zu antworten.

„Hoffentlich ist es nichts Ernstes“, erwiderte der Mann entschlossen, ohne auf das Thema weiter einzugehen.

Creigthon deutete auf die drei Gebäude in hundert Schritt Entfernung, die bedrohliche Schatten über den Vorplatz warfen.

Luft füllte Hodricks Lunge nachdem dieser einen tiefen Atemzug getan hatte. Unerwartet tat sich ihm das Bild eines weiteren Bruders im Gedächtnis auf – das Bild eines Mannes, mit einem hellen Bart und einer Silber glänzenden Rüstung, die Dornen auf dem Brustpanzer zeigte.

„Was ist mit dem anderen Bruder passiert?“, fragte Hodrick, erhoffte sich aber keine Antwort auf seine Frage.

Überrascht antwortete Creigthon ihm: „Ihr meint sicher Bruder Corasson. Leider ist dieser vor zwei Tagen aufgebrochen, um ein Heilmittel gegen diese, uns plagende Krankheit, zu finden.“

Ohne zu zögern bedeutete Hodrick dem Bruder, ihm den Weg ins Hospital zu zeigen. In Richtung des Gebäudes konnte man nicht dem immer stärker werdenden Gestank von Krankheit und dem Stöhnen der Menschen entgehen - sterbend hinter dem braunen Stoff der Zelte, alleingelassen. Bruder Creigthon setzte nichtsdestotrotz eine fröhliche Miene auf, welche zweifelsohne von Hodricks Besuch herrührte. Auch sonst setzte der Bruder alles daran, sein gepflegtes Äußeres zu präsentieren. Seine langen, blonden Haare nach hinten gekämmt und sein Bart fein säuberlich gestutzt.

An der Eingangstür zum Hospital hielt der Bruder an und schenkte Hodrick einen traurigen Blick.

„Nach euch“, erklärte er Hodrick. Er sprach ziemlich leise, als wenn er es bedauerte, in das Gebäude eintreten zu müssen. Kurz bevor Hodrick einen Fuß in das Hospital setzte, packte Creigthon ruckartig seinen Arm. „Seit bedacht Hodrick, vier Menschen sind gestern verstorben – zwei Männer und eine Frau samt ihres Kindes“, flüsterte der Bruder, hielt den Arm von Hodrick fest im Griff. „Leider fanden wir noch nicht die Zeit ihre Leichen zu verbrennen.

Hodrick sagte nichts, sondern atmete extrem kurz, was ihn weniger des Gestankes von totem Fleisch einatmen ließ, zwar wusste er dass er ein Heiler war, doch nach einigen Schritten im Hospital zeigte sich ein Bild, was sogar einen geschulten Mann Übelkeit brachte.

Das Innere des Hospitals bestand aus drei großen Räumen, verbunden durch torlose Rahmen. Eine bereits getrocknete Blutspur führte nicht weit von ihm eine Treppe hinauf. Die ernsten Eingriffe mussten wohl in der ersten Etage vollzogen werden. Überall um ihn herum wandten sich Menschen vor Schmerzen, andere wachten, von einem Hustanfall geschüttelt, aus dem Schlaf – ein Schlaf, der bald endlos werden würde. Was habe ich hier getan? Hodrick versuchte sich zu erinnern, doch nur eine tiefe Schwärze legte sich in seinen Kopf. Das Erdgeschoss umfasste etwa sechzig Menschen, auf Steinbänken liegend, zitternd. Um Hodrick herum zierten die Wände Kerzensymbole, erhellten sechs Gesichter – Gesichter, welche dieselben sein mussten, die er auch an der Kirche vor dem Trainingsgelände gesehen hatte. Dieses Gebäude musste einst eine alte Kirche gewesen sein.

„Warum habt ihr sie auf Steinbänke gelegt…wären Feldbetten nicht besser?“, wollte Hodrick verwirrt wissen.

„Feldbetten haben sich…“, Creigthon sprach zögerlich, „…als zu weich erwiesen.“

„Zu weich?“, platzte es ungläubig aus Hodrick heraus, konnte er doch nicht verstehen, warum es die Leidenden nicht bequem haben sollten. Er sah Creigthon vorwurfsvoll an. Dieser bemerkte offensichtlich seinen Blick, denn seine Stimme war erneut nicht mehr als ein Flüstern.

„Die Krankheit befällt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.“ Der Bruder zeigte auf die zitternden Menschen. „Wir mussten feststellen, dass jene Menschen, seit Wochen von Schmerzen geplagt, es schlicht und einfach aufgaben weiterzuleben, sie schliefen in den bequemen Betten ein, um nie mehr zu erwachen. Deshalb haben wir die Feldbetten durch die steinernen Bänke ersetzt und ihnen lediglich ein Kopfkissen gegeben.“ Er zeigte Hodrick ein verzogenes Lächeln. „Ich muss zugeben, dass die Todesrate deutlich gesunken ist, da die Kälte die betroffenen wach hält.“

Die Erklärung konnte Hodrick nicht beschwichtigen, doch beließ er es vorerst dabei, da die Methode schließlich einen Erfolg mit sich brachte.

„Haben wir außer den vier Toten noch jemanden verloren?“, fragte Hodrick stattdessen.

„Zum Glück nicht“, antwortete Creigthon, während er ihn weg von den Patienten des Erdgeschosses, hin in den ersten Stock führte.

Im Stockwerk angekommen, roch der Gestank fast unerträglich. Zwei abgemagerte Männer mit glasigen Blicken, die gerade dabei waren, die Leichen durch ein Fenster in den hinteren Hof zu werfen, wahrscheinlich um sie dort gesammelt zu verbrennen, bemerkten Hodricks Eintreten nicht. Sie drehte ihre Köpfe nicht ein einziges Mal von den Leichen weg – Leichen mit einer ausgebleichten Haut, als wären sie erfroren und ihre Lippen blau gefärbt wie durch eine Vergiftung. Zusätzlich hing die Haut der Leichen lose herab, und die Maden der unzähligen Fliegen - durch das Blut angelockt, bemächtigten sich bereits der toten Körper, krochen zuckend umher. Dies schien die beiden Männer jedoch nicht abzuschrecken.

„Dieser verdammte bleiche Geist“, fluchte Creigthon wütend, führte ihn dann in einen kleinen Raum etwas abseits der Leichen. Der bleiche Geist. Die Erinnerungen kamen allmählich zurück bei jenen drei Worten. Die Krankheit nannte man so und ich wollte ein Heilmittel finden, konnte Hodrick nun in Gedanken sagen. Die Krankheit wurde benannt nach der eintretenden Blässe im letzten Stadium. Übertragen ausschließlich durch Hautkontakt, jedoch trug niemand außer den Ärzten Handschuhe. Im ersten Stadium suchte Fieber den Körper heim und die befallene Person fror entsetzlich stark. Im zweiten Stadium begannen sich bereits dunkle Flecken auf dem ganzen Körper zu bilden - Blut lief aus der Nase. Zum Schluss trat die Blässe ein, der Mensch blutete nun aus jeder Körperöffnung und die dunklen Flecken platzten auf – Hodrick überkam ein Würgen, als er die Bilder in seinen Erinnerungen vor Augen sah. Abgesehen davon wurde der Geisteszustand einer Person von Stadium zu Stadium schlimmer.

„Wie lang ist der bleiche Geist bereits in Kinesch?“, fragte Hodrick, bekam jedoch keine Antwort.

In einem neuen Raum befand sich niemand außer einer Person, die zitternd auf einem Holztisch lag, provisorisch dazu genutzt, um Eingriffe durchzuführen. Mit Blut verkrustete Werkzeuge lagen auf einem kleinen Tisch aneinander, nicht weit des Behandlungstisches.

„Es kam vor vier Monaten über uns und schon nach wenigen Tagen war die halbe Stadtbevölkerung betroffen. Um sie zu behandeln, hast du doch dieses Hospital eröffnet.“ Der Bruder zuckte verständnislos mit den Schultern. „Jedoch hat der junge König die Holzbarrikaden errichten lassen, damit sich niemand mehr ansteckt – natürlich mit mäßigem Erfolg gesegnet.“ Creigthons Miene wurde finsterer, schaute zu Boden, nur um wenige Sekunden später wieder zu Hodrick aufzuschauen. Sein Gesicht hatte jegliche Fröhlichkeit verloren und sein Ausdruck sprach von entsetzlicher Müdigkeit, untermalt von den rot unterlaufenen Augen. „Wenn wir nicht bald ein Heilmittel finden, wird es in dieser Stadt nur noch Tote geben.“

Als nächstes bedeutete er Hodrick zu dem Mann auf dem Tisch heranzutreten. Offensichtlich zeigte dieser die Symptome des zweiten Stadiums, doch gerade erst am Anfang, was Hodrick daran erkannte, dass sich nur ein einziger blauer Fleck auf seinem linken Bein befand. Der Mann konnte nicht sprechen – nur Schmerzensschreie ausstoßen und Husten, gefolgt von dem Klappern seiner Zähne.

„Wir müssen sein Bein amputieren, dass verlangsamt die Ausbreitung.“ Hodrick sagte es mehr zu sich selbst als zu Creigthon, denn dieser stand in der Ecke, wartete auf seinen nächsten Schritt.

Hodrick nahm ein Beil, welches am wenigsten mit Blut beschmiert war und noch einigermaßen scharf wirkte. Dann kehrte Stille um ihn herum ein, bemerkte plötzlich, dass der Mann nicht mehr vor Schmerzen schrie, doch nichts im Raum hatte sich verändert. Creigthon starrte ihn weiter mit müden Augen an, in denen nun aber ein leichtes Leuchten aufblitzte. Das Beil an das linke Bein angesetzt, seine linke Hand erhoben, begann er jeden Finger dieser Hand nacheinander zu krümmen. Dann sauste das Beil nieder, so dass mit einem einzigen Schnitt der befallene Mann sein Bein verlor, doch kein Blut floss, keine Schmerzensschreie erklangen. Der Mann zitterte nicht einmal. Hodricks Finger waren immer noch gekrümmt, als er Creigthon mit einem Blick bedeutete ihm näherzukommen, um anschließend den Stumpf des Mannes zu verbinden.

Augenblicklich spürte sein Körper einen Stich, wie von hundert Schwertern zugleich ausgeführt - was auch immer er tat, lange konnte er es nicht mehr aufrechthalten. Mit gekonnten Griffen verband Creigthon die Wunde des Mannes.

Hodrick entspannte seine gekrümmten Finger der linken Hand. Wie durch einen Mechanismus in Gang gebracht, schoss das Blut schwallartig aus der Wunde des Mannes. In Windeseile färbte sich der Verband tiefrot. Was habe ich getan? Wie konnte ich ihm einfach so das Bein abtrennen, ohne das Blut floss? Er war instinktiv geleitet worden, hatte gar nicht darauf geachtet, was er tat. Das Stechen erfüllte nun ausschließlich seine Brust, die Hände zitterten und ein kleiner Tropfen Blut rann aus der Nase über seine Oberlippe, er schmeckte die fade und metallische Flüssigkeit.

„Ihr Gesegneten seid etwas ganz Besonderes“, lobte ihn Creigthon, während seine Hände mehrere Lagen neuen Verband nachlegten.

„Gesegnete?“, fragte Hodrick verwundert, wobei er zur Tür Schritt, sich nicht mehr zu Creigthon umdrehte.

„Ja“, er erkannte die begeisterte Stimme Creigthons hinter sich. „In Farossa gibt es viele von ihnen. Menschen, die über besondere Fähigkeiten verfügen. Feuer entfachen, mit Tieren sprechen oder in deinem Fall…“, der Bruder sprach langsamer, „das Manipulieren von alles und jedem um dich herum…natürlich nur in einem begrenzten Bereich.“

„Das Manipulieren eines kleinen Gebietes um dich herum. Was bedeutet das?“ Hodrick sprach die Worte zu leise, als das Creigthon sie hören konnte.

„Warte Hodrick, ich muss dir noch etwas zeigen“, bat der Bruder ihn.

„Ich warte vor der Tür.“ Ohne sich nochmals umzuwenden verschwand Hodrick aus dem Raum.

***

Eng nebeneinander führte der Bruder Hodrick in einen verlassenen Keller, tief unterhalb des Hospitals. Die Gänge dorthin – einzig erleuchtet durch eine Fackel in Creigthons Hand – wurden aus gewöhnlichem Granit erbaut. An den Wänden waren Löcher zu erkennen - Granitbrocken lagen auf dem Boden, daran erkannte Hodrick, dass es bereits seit geraumer Zeit von den Wänden Bröckeln musste. Tiefe Risse wie Stichwunden in einem menschlichen Körper, setzten der Mauer zu – überall war sie übersäht mit Spinnenweben.

Die Luft wurde mit zunehmender Tiefe immer schlechter und schon bald mussten sie ihr Tempo verlangsamen, um nicht zu viel Sauerstoff zu verschwenden. Der Keller, in den sie schlussendlich gelangten, hob sich von sämtlichen - zuvor durchlaufenen Gängen ab. Eine lange, aus schwarzem Stein gefertigte Säule stand in der Mitte und schien als einzige die Last der Decke zu tragen, die nur wenige Meter über Hodrick aufragte. Winzige Sternensymbole aus Silber prangten an der Decke, glitzerten im Feuerschein der Fackeln, ließen alles über ihnen wie einen klaren, dunklen Nachthimmel aufleuchten. Auch im Kellerraum, bedeckten zahlreiche Spinnweben die Wände, doch der Stein um Hodrick herum zeigte sein eigentliches Alter nicht. Makellos schmückte er die Wände und kein einziges Loch klaffte in die Dunkelheit, so dass in Hodrick die Frage aufkam, ob sie vielleicht nach langer Zeit die ersten Menschen waren, welche diesen Ort betraten.

Während Creigthon sich zu einem ihm gegenüberliegenden und in einen Hohlraum an der Wand eingebetteten Sarg bewegte, betrachtete Hodrick die Säule genauer. Ihre Oberfläche glänzte glatt wie die Klinge eines Schwertes. Bei genauer Betrachtung konnte Hodrick sich selbst darin spiegeln.

Seine Finger tasteten die Säule ab, trafen auf, am oberen Rand der Säule leicht eingemeißelte Bilder - Bilder, die mit einer bemerkenswerten Kunstfertigkeit gearbeitet worden waren. Sie zeigten eine Ansammlung von Menschen, um ein Feuer versammelt. Auf einem weiteren Bild, sah er Menschen in einem wilden Schlachtgedränge kämpfen. Hodricks Faszination galt auch den Abbildern von Tieren. Es handelte sich dabei um Elche, doch waren sie größer als alle in Arywijen lebende Arten und ihr Geweih hätte an die Größe eines kleinen Baumes heranreichen können. Jene Geschöpfe zogen an der Seite der Sterblichen gegen etwas in die Schlacht, von dem er nicht wusste, was es genau darstellen sollte. Schwarze Schatten, die mit verzehrten Gesichtern und hängendem Fleisch ihren Opfern gegenüberstanden. Weiter zeigten sich Leichenberge, über die jene schwarzen Schatten schritten, selbst den Verwundeten ihre Klauen in die Brust bohrten.

Hodrick riss sich von der erschreckenden Grausamkeit des Bildes los, folgte Creigthon zum Sarg. Ein funkelnder Stein bedeckte den Sarg, leuchtete genauso silbern im Schein der Flammen wie die Sterne an der Decke. Irgendetwas stand auf dem Deckel geschrieben, jedoch in einer Sprache die Hodrick nicht verstand und nach dem ratlosen Blick von Creigthon zu urteilen, dieser wahrscheinlich auch nicht. Es blieben jedoch keine Zweifel, dass der Sarg die letzte Ruhestätte eines reichen Mannes gewesen sein musste.

„Wann habt ihr dieses Grab gefunden?“, fragte Hodrick Creigthon, sah dabei nicht von der Inschrift weg – verzweifelt darum bemüht irgendein Wort zu entziffern.

Creigthon sagte ihm nichts, bis er mit seinen Händen über den Deckel des Sarges ging, im Anschluss hinter den Sarg griff, nur um ein Schwert hervorzuholen.

„Wir haben dieses Grab vor einem Monat entdeckt, als wir bei dem Ausbauen des Hospitals auf einen versteckten Gang trafen.“ Das Schwert hielt der Bruder ihm entgegen, er sprach unbeeindruckt weiter. „Laut meinen Nachforschungen hat dieses Grab einmal dem Hohepriester der sechs Göttlichen gehört….“

„Die sechs Göttlichen?!“, stieß Hodrick verwirrt aus und fiel Creigthon damit ins Wort, der ihn verärgert ansah.

„Du weißt doch, dass die Menschen in den östlichen Reichen Arywijens daran glauben, dass die sechs Göttlichen gemeinsam mit den acht Göttern die Welt erschaffen haben“, erklärte Creigthon, wobei seine Augen dabei wieder zum Sarg hinsahen.

Das Schwert immer noch zu Hodrick gerichtet, gab dieser nach und nahm es schließlich in seine Hände. Es hatte eine merkwürdig gebogene Klinge, maß gut mehrere Armlängen, dass es sogar über seine eigene Größe hinauskam. Die Scheide verzierte ein Muster von ausgebreiteten Drachenflügeln. Hodrick zog das Schwert mit geübter Leichtigkeit aus der Scheide. Creigthon weichte dem ersten Schwerthieb aus, grinst dabei und blickte Hodrick mit einem zufriedenen Ausdruck an. Auf der Klinge zeichneten sich schwarze, geschwungene Dornenranken ab, sie reichten bis zum letzten Zoll des Schwertes heran. Der Griff mit der Klinge selbst lag gut in der Hand. Hodrick konnte nicht wiederstehen, einige Übungsschwünge damit auszuführen.

„Ich wusste, es gefällt dir.“, stellte Creigthon zufrieden fest, schien von Hodricks gekonnten Schwertstreichen nicht beeindruckt zu sein.

Wo habe ich gelernt zu kämpfen? Hodrick schob die Klinge irritiert zurück in die Scheide.

Creigthon wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Sarg zu, strich erneut über den Deckel, fuhr dann an der Außenkante entlang, drehte den Körper anschließend wieder zu Hodrick herum. „Ein wenig der Inschriften auf der Oberfläche des Sargdeckels konnten die Bewohner der Stadt und ich entziffern.“ Creigthon rieb sich vergnügt die Hände. „Der Hohepriester hieß den Inschriften nach zu urteilen Venor Urlian und sein Schwert trug den Namen Weriot. In unserer Sprach übersetzt, bedeutet es: Die Hand der Gefühle. Die Schultern des rot gekleideten Bruders zuckten in die Höhe. „Ein passender Name, wenn du mich fragst, denn laut der Inschrift, kann das Schwert deine Gefühle spüren, sie gar verstärken.“ Hodrick entging nicht, wie sehr die Sache ihn begeisterte, obwohl er doch selbst kaum wusste, woher sein Geist das Kämpfen erlernt hatte.

„Woher kannst du diese Inschrift lesen und weißt so viel über diese Geschichte und die Gesegneten?“ Hodrick bekam keine Antwort auf seine Frage, stattdessen winkte Creigthon ihn nur wieder zum Eingang zurück.

Sie schritten die langen Gänge zur Oberfläche zurück, während Creigthon ihm von vorne etwas zurief, ohne sich nach ihm umzudrehen: „Dein Schwert ist ein Katana…davon gibt es nur sehr wenige auf dieser Welt. Wisse, dass das Schwert mit dir eine Verbindung eingehen wird.“

Hodrick schüttelte den Kopf. „Und wenn ich diese Verbindung nicht will?“

Creigthon zog ein breites Grinsen. „Dafür ist es jetzt wohl schon zu spät.“

***

Reva und Shala erwarteten ihn bereits vor den provisorisch errichteten Barrikaden, die alle Menschen der Außenwelt um das Hospital schützen sollten. Beide begegneten sie ihm mit einem freudigen Lächeln, woraufhin ein Schmerz seine Brust durchfuhr, bei weitem schwächer als die letzten Male, aber immer noch stark genug um ihn innehalten zu lassen.

Sein Schwert trug er über der Schulter, mit der Hand in der Mitte der Scheide, da es zu groß war, um es über seinem Rücken zu tragen oder an seinem Gürtel.

Es erklangen noch einige Schmerzensschreie von Kranken hinter den Barrikaden zu ihm vor, er versuchte sie zu ignorieren, war sich aber dabei im Inneren bewusst, dass sein Weg vermutlich schon bald erneut im Hospital enden würde, um so viele Leben wie möglich zu retten.

Reva saß auf einem großen Stein und ließ die Sonne auf ihren Rücken scheinen. Seit ihrer Übungsstunde hatte Reva ihre Kleidung nicht gewechselt, bestehend aus einem einfachen Kettenhemd – über ihren athletischen Köper geworfen - zusammen mit ein paar braunen Reiterhosen.

Shala dagegen erwartete ihn bereits mit offenen Armen, schmiegte ihre Seite an ihn, als Hodricks Hände um ihre Taille streichelten.

„Ich habe euch vermisst“, stellte er glücklich fest und bekam von beiden ein liebevolles Lächeln zurück.

Dann löste sich Shala aus der Umarmung, drehte sich von ihm weg. Reva sprang augenblicklich auf und versuchte zu ihrer Mutter zu eilen, die sie allerdings nur wegstieß.

„Was ist passiert?“, wollte Reva erschrocken wissen.

Auch Hodrick entging nicht der finstere Blick, den Shala aufsetzte, sobald sie sich wieder zu den beiden umdrehte. Zunächst sagte Shala kein Wort, starrte ihm und ihrer Tochter nur für Sekunden leer in die Augen, dann wich ihr finsterer Ausdruck einem tiefen Bedauern. Alsbald ließ sie sich auf den Stein fallen, auf dem zuvor Reva gesessen hatte.

„Es gibt eine schlechte Nachricht vom König.“ Die Schultern seiner Frau hingen erschöpft herunter.

Hodrick entschied sich neben ihr Platz zu nehmen und ergriff die weiche Haut ihrer Hand. Die Wärme schien sie zu beruhigen, so dass Shalas Zittern langsam nachließ. Das leichte Stottern in ihrer Stimme blieb.

Plötzlich zeigten sich Hodrick Erinnerungen zu seiner Frau, am Hofe des Kaisers befindend und für die Korrespondenz aus anderen Reichen zuständig. In seiner Erinnerung las sie Briefe beim Frühstück des Königs laut vor, dann ein weiteres Bild in dem seine Frau - nicht mehr mit Briefen beladen – vom König zu seiner Obersten Beraterin ernannt wurde. Er selber stand mit der – noch sehr kleinen Reva – hinter einer Menschenmasse und strahlte vollen Stolzes.

„Heute Morgen sind einige Briefe unserer oronaischen Nachbarn bei Hofe angekommen“. Shala stotterte nicht mehr, stieß jedes einzelne Wort wutentbrannt zwischen den Zähnen hervor. „Das oronaische Kaiserreich erklärt uns den Krieg und hat befohlen alle Gesegneten auszuliefern, auf das sie sich bis Sonnenuntergang seinem Banner verpflichten können, um gemeinsam mit dem falschen König ganz Arywijen zu erobern.“

Reva tobte und sprang umher und stieß dabei Beleidigungen gegen den König von Orona aus, bis Hodrick sie mit einem Zischen zum Schweigen brachte.

„Unser König hat sich natürlich auf die absurde Forderung eingelassen.“ Hodrick stieß einen enttäuschten Seufzer aus.

Shala sah ihn vorwurfsvoll an, blieb bei seinem Gesicht haften, schweifte nicht zu Reva ab. „Du solltest unseren König besser kennen, immerhin warst du drei Jahre lang sein oberster Leibwächter.“ Ihr Blick wurde sanfter, verzweifelt spielte sie mit ihren Fingern. „Aber er ist zu jung und die Streitkraft Farossas kann nicht einmal ein Drittel der Armee der Oronaer aufbringen. Ich bin nicht gut in militärischen Dingen, doch weiß ich, dass die Zahlen gegen uns stehen.“ Ihr Blick wurde wieder von Trauer überflutet und eine Träne lief ihr über die Wange. „Ich fürchte mich Hodrick, ich fürchte um dich und Reva.“

Er winkte Reva näher an sie heran, legte beiden eine Hand auf die Schulter und aus ihm sprach eine Zuversicht, die er selbst nicht von sich kannte. „Ich werde euch beschützen - jetzt und für alle Zeit, die ich auf dieser Welt lebe. Ich werde immer bei euch sein.“ Die Gesichter seiner Frau sowie seiner Tochter entspannten sich sichtlich - eine herzliche Umarmung folgte.

„Wir lieben dich, dass weißt du hoffentlich“, war nun Reva die sprach, dabei ihre Mundwinkel leicht nach oben zog.

„Ich weiß“, entgegnete Hodrick, griff ein wenig fester zu. „Nun geht nach Hause und nehmt nur das Notwendigste mit. Vielleicht sollten wir diese Stadt für eine Weile verlassen.“ Zwar besaß Hodrick eine Verpflichtung gegenüber den Kranken, doch ging die Sicherheit seiner Frau und seiner Tochter über alles andere und ein Gefühl sagte ihm, dass sie in dieser Stadt nicht mehr sicher waren.

Ohne ein Widerwort verschwanden beide in den Gassen. Wegen der späten Stunde waren sie schon nach kurzer Zeit in den Schatten der hohen Häuser von Kinesch verschwunden. Durch die tiefstehende Sonne tauchte sich die Stadt in eine Farbenpracht aus goldenen Turmspitzen und roten Sandböden.

„Meine Liebe hält an seit dem Tag unserer ersten Begegnung, schenke euch nun mein Herz und werde hoffentlich auf ewig in den Euren sein“, sprach er laut zu sich selbst in die Dämmerung hinein.

***

Nicht direkt war Hodrick seiner Familie gefolgt, sondern hatte wie von jemand anderem kontrolliert den Weg in Richtung Westen der Stadt eingeschlagen.

Vor einer Taverne kamen seine Füße zum Stehen. Auf einem zerschlissenen Schild stand über der Eingangstür der Namen des Etablissements. Zum betrunkenen Bären, las Hodrick in Gedanken. Von außen konnte man bereits einen Hauch von Bier riechen. Die Fassade der Taverne bestand zu großen Teilen aus zersplitterten Fenstern und rissigen Holzwänden, durch die ohne Frage der Wind hindurchpfeifen würde.

Als Hodrick gedankenverloren durch die Eingangstür trat, schlug ihm nun ein heftiger Gestank von Bier entgegen, der unverkennbar der besonderen Sorte aus Kinesch gehörte. Der Geruch weckte seine Erinnerungen an ein Bier namens Klippenspringer, gemischt aus Schwarztau, einer Menge an Brombeeren und einer kleinen Prise von Mohn. Nur wenige Schlucke und man würde sich am nächsten Tag an gar nichts mehr erinnern können. Dass die meisten zuvor ihrer Frau untreu geworden waren oder hoch geheime Nachrichten ausgeplaudert hatten, erwischte sie dann immer erst eiskalt am nächsten Morgen. Hodrick selbst befürwortete nie den Alkohol, denn es vernebelte die Sinne und hinderte ihn daran seiner Arbeit nachzugehen.

Beim Anblick von Hodrick, der durch die Tür trat, schrie der Schankwirt laut: „Eine Runde aufs Haus für meinen Freund.“ Ein lautes Brüllen, was eher ein Lallen war, ging von Tisch zu Tisch und wurde immer lauter. Ein Betrunkener sagte etwas in einer fremden Sprache – zu verzehrt um den genauen Wortlaut zu verstehen.

„Evall… dafgo…nurve.“ Der Mann kippte von seinem Stuhl und ein Gelächter brach unter seinen Freunden aus. Der Schankwirt winkte ihn zu sich heran.

„Was machst du denn hier?“, fragte ihn die raue Stimme des Schankwirtes. Der Mann war groß und breitschultrig. Seine Hände waren von unzähligen Schwielen versehen, die gerade ein Glas reinigten. Sein Gesicht wurde von Narben zerfurcht und das wettergegerbte Gesicht zeugte von langer Zeit auf See. Er trug ein paar Bundhosen und eine dicke Weste aus braunem Leder. Leise sprach Hodrick: „Grüß dich Fernon, lange nicht gesehen.“

„Zu lange“, erwiderte Fernon freudig, fuhr dann mit seiner hackenähnlichen Nase am Rand des Kruges entlang, bevor er tief einatmete, es dann zurück ins Regal räumte. „Der süße Duft von feinstem Klippenspringer lässt mir doch das Herz höherschlagen.“ Er füllte einen neuen Krug mit dem – für Hodrick übelriechenden – Gebräu. „Aber wieso bist du hierhergekommen. Seit unserer Zeit auf See, hast du mich nicht einmal besucht – vermutlich bist du auch jetzt nicht zufällig in der Gegend.“

Gemeinsame Zeit auf See? Bei dem Wort der See erklangen in seinem Kopf das Rauschen von Wellen und das Kreischen der Möwen, bloße einsame Klänge, die eine tiefe Schwärze untermalten.

Hodrick nahm einen tiefen Schluck aus dem Krug, der vor ihm stand, bevor seine Stimme erklingen sollte. Die brennende Flüssigkeit lief ihm den Hals hinunter und ließ ihn husten. Als er wieder sprechen konnte - seine Stimme heiser und er schmeckte plötzlich einen bitteren Nachgeschmack, welches das Getränk eigentlich nicht haben sollte – fragte er: „Was weist du über die Kriegserklärung von Orona?“

Die Miene von Fernon verriet keinerlei Gefühlsregung. Sein Blick ging an ihm vorbei zu einer Frau, die im leichten Schein der Kerzen in einer Ecke saß und ihre Beine auf den Tisch legte.

Plötzlich nickte Fernon. Hodrick sprang von der Theke weg, doch zu spät. Das Gift breitete sich bereits in seinem Körper aus, sein Blick wurde trübe, bis die Linien der realen Welt vor seinen Augen völlig verschwammen. Eine leere, unendliche Dunkelheit stellte sich ein, in der er nur noch die letzten Worte des Schankwirtes vernahm: „Orona will das ehemalige Sklavenreich wieder auferstehen lassen. Es tut mir leid…es blieb mir keine Wahl.“ Stille setzte ein, während die letzte Wärme aus seinem Körper schwand.

***

Vor Schreck erwachte Hodrick als ihn der donnernde Aufprall von Steinen, die von den Häuserwänden zu Boden krachten, aufschreckte. Creigthon stand über ihm und seine Augen musterten ihn besorgniserregend. Überall um ihn herum ertönten die Schreie von brennenden Menschen und Leichen türmten sich zu Bergen in den engen Gassen auf. Die Menschen versuchten zu fliehen, nur allein Creigthons stämmiger Körper ließ sie um Hodrick herumlaufen, anstatt ihn niederzutrampeln.

„Was ist passiert Bruder? Wo ist meine Familie?“ Hodrick sah noch etwas verschwommen.

Creigthons Blicke wanderte für den Bruchteil einer Sekunde zu einem Haus was hinter ihm lag. Lichterloh züngelten die Flammen in den Nachthimmel und das Holz wurde binnen Sekunden von den Flammen verschlungen. Hodrick riss voller Angst die Augen auf, als ihm klar wurde, dass es sich um sein eigenes Haus handelte.

In Eile wollte er in die Flammen springen, nur den winzigsten Hinweis auf den Verbleib seiner Familie finden, in dem Wissen, dass er dabei selbst sein Leben lassen würde. Creigthon hielt ihn mit seinem festen Griff zurück. Um sich schlagend, griff der Bruder fester zu, raubte ihm jegliche Kraft, so dass Hodrick erschöpft und tränenüberströmt auf die Knie sank.

„Meine Familie?“ fragte er mit vor Trauer bebender Stimme den muskulösen Bruder, der jedoch nur den Kopf schüttelte. „Hat niemand etwas gesehen?“

Creigthon reichte ihm sein Schwert. Hodrick war zu sehr von Schmerz ergriffen, als dass er es jetzt hätte halten können. Der Bruder zeigte auf eine große Bresche in der Stadtmauer - ein gewaltiges Loch, welches in eine schwarze Dunkelheit blicken ließ.

Nach einigem Zögern – der Bruder suchte wohl die richtigen Worte – kam er leise auf Hodrick zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Es gibt nur einen…und dieser befindet sich in der Schattenfeste, inmitten des Meeres.“

***

Sein Geist befand sich urplötzlich wieder in den Körper, treibend in dem Boot auf dem einsamen Meer, zurückversetzt. Der Sturm hatte sein Boot stark beschädigt und überall schwappte das Wasser ins Innere. Hodrick zog sich völlig durchnässt nach oben. Der lange Schlaf machte seine Knochen steif, wodurch sein Rücken schmerzte und das Leben kehrte nur langsam in seinen Körper zurück. Die Rüstung legte er an - es gestaltete sich schwierig die vielen Schlaufen und Befestigungen der Rüstung allein zu schließen, aber nach kurzem Eingewöhnen war auch dieses Problem ohne große Schwierigkeiten gelöst.

Sein Schwert lag an der Seite, wo er es zu Beginn seines Schlafes zurückgelassen hatte. Bei einer Berührung, durchfuhr ihn ein warmes, vertrautes Gefühl. Heißt du mich willkommen? fragte er sich und warf einen Blick zum Horizont. Bereits die ersten schwarzen Schornsteine der Schattenfestung kamen zum Vorschein. Außerdem sah er eine kleine Bucht unterhalb der vielen scharfkantigen Felsen. Eine Treppe – in den Stein gehauen – führte zum Haupttor hinauf.

Er entschied sich dagegen anzulegen. Er würde einmal um die Insel herumfahren und an der Rückseite hoffentlich sein Boot festmachen können, um von der windabgewandten Seite in die Festung einzudringen, die – wie er wusste – als Gefängnis diente.

Dort soll er gefangen sein – jener Mann, der seine ganze Familie hat sterben sehen.

DRITTES KAPITEL

Garrett

Leise tropfte es von der Decke des finsteren Ganges, den Garrett durchschritt und dabei genauestens darauf achtete, nicht an den vielen Kreuzungen der Kanalisation falsch abzubiegen. Er erinnerte sich an seine Kindheit, in der er stundenlang durch die Gänge gelaufen war, sich aber ständig verlief und erst mit der Hilfe eines Meisterdiebes wieder zur Haupthalle zurückfand.

Es roch ein wenig modrig, an den Wänden lief Wasser herunter, das sich in einem kleinen Rinnsal unterhalb seiner Füße sammelte. Nur gelegentlich erleuchtete eine Fackel den Gang.

Nachdem Garrett etliche Minuten einen Gang nach dem anderen in gerader Richtung folgte, fand er schlussendlich die richtige, erhoffte Kreuzung. Wie oft hatten die Meister ihn ermahnt, sich den Weg durch dieses riesige Labyrinth richtig einzuprägen. In vier Richtungen gingen Kanäle in die Dunkelheit, doch es war nicht schwer, den zielführenden Kanal zu finden, da sich neben dem Eingang des richtigen Kanals zu seiner linken, ein Zeichen an der Wand befand – unscheinbar, für das ungeübte Auge nicht zu sehen, jedoch kannte Garrett diese verworrenen Gänge. Jahrelanges Einstudieren bewirkte, dass sich jede Einzelheit in sein Gedächtnis eingebrannt hatte und somit erkannte Garrett sofort das eigentlich verborgene Symbol der Schwarzen Schlange.

Seine Finger strichen die Linien des Symboles entlang bevor er sich aufmachte dem Kanal weiter zu folgen. Von nun an ging es nur noch bergab. Mit zunehmender Tiefe verschlechterte sich auch die Luft. Es stank nach dem Abwasser, was aus der Stadt heruntergeleitet wurde und von hier zum Meer weiterfloss. Ein weiteres Mal links abgebogen, weg vom unangenehmen Geruch des Unrats, lief Garrett solange weiter bis ihn der vertraute Geruch von Bier und das Gemurmel von Stimmen erreichte.

Abrupt endete sein Vorankommen direkt vor einer kalten Steinwand. Er horchte auf die Stimmen, die sich dahinter befanden, jedoch zu undeutlich herandrangen, um sie zu verstehen.

Was unscheinbar aussieht, muss nicht zwangsläufig ohne Bedeutung sein. Die Worte seines alten Meisters schwirrten ihm durch den Kopf, woraufhin seine Hände an der Wand nach einem losen Stein oder einem versteckten Mechanismus suchten. An einem Stein, der sich kurz über dem Boden befand, wurde er schließlich fündig, löste ihn behutsam aus der Wand und schob seine Hand in die Öffnung – zögerte vor der dunklen Öffnung für einen Moment. Die Bilder von Fallen ließen ihn innehalten, doch schob er seine Bedenken beiseite und wurde zum Glück von einem Klicken in der Wand belohnt, woraufhin diese sich erhob und den Blick auf eine weiträumige Zisterne freigab.

Als er vollständig in der Zisterne stand - nachdem die Wand hinter ihm wieder herabfiel, bot sich einen besser Blick auf das Sichtbare. Unzählige Fackeln erhellten die in die Wand gehauenen Symbole der Göttin Era und ihrer tierischen Verbündeten. An der Wand entlang fanden sich immer wieder Hohlräume, gefüllt entweder mit, ihre Hehlerware anbietenden Händlern oder Spieltischen samt dahinterliegender Theke und frischem Bier. Anderweitig fanden sich auch Gänge um die Zisterne herum, die mit großer Wahrscheinlichkeit zu den einzelnen Schlafquartieren führten, zum Ratssaal oder zur Schmiede. Der Gang, der zur Schatz- und Waffenkammer führte, beschritt Garrett noch nie zuvor. Allein den obersten Meistern der Bruderschaft – genannt „die vier Säulen“, stand es frei die Schatzkammer zu betreten.

Durch ein Loch in der Decke lief ein kleiner Wasserfall herunter und füllte ein Becken, über das sich mehrere Steinbögen befanden. Das einzige Licht fiel durch das Loch in der Decke - erreichte dort, wo die Steinbögen sich zu einem Kreuz trafen - den hellen Stein. Mehrere, vornehmlich aus alter Baukunst entstammende Säulen, stützen die Decke und verbanden diese mit den antiken Wänden. Statuen der acht Götter befanden sich jeweils in einer zwei Meter breiten Lücke zwischen den alten Säulen, die einen Durchmesser von fast einem Meter hatten und fast vier Mal so hoch aufragten. Dahinter verbargen sich vermutlich verschiedene geheime Zugänge. Niemand in der Bruderschaft kannte sie wirklich alle, doch kannten einige mehr als andere, wobei auch hier die Menge vom jeweiligen Rang abhing.

Garrett ging hinüber zu einer kleinen Plattform, welche auf dem Wasser trieb und als provisorische Taverne dienen sollte. Er musste am Gang zur Schatzkammer vorbei, den ein großgewachsener Mann mit beachtlicher Statur und finsterer Miene bewachte. Seine Augen verbarg der Mann unter einem Hut. Seine Axt klopfte ungeduldig auf den Boden, bis Garrett an ihm vorbeischritt, die breiten Schultern des Mannes hinter sich ließ. Garrett hatte diesen Kerl noch nie leiden können, er trank zu viel Bier und sprach nur sehr wenig. Wenn die Lippen sich doch bewegten, folgten meistens Beleidigungen, die erst dann verklangen, nachdem er eine enorme Anzahl an Bierkrügen geleert hatte. Garrett grub in seinen Erinnerungen um den Namen des Mannes herauszufinden, kam jedoch ernüchternd zu dem Schluss, dass der Name ihm einfach entfallen war.

„Was meinst du Löwe, trinkst du einen mit mir“, sprach ein Mann, der direkt hinter Garrett an dem großgewachsenen Wächter vorbeiging.

Dieser strich sich eine blonde Locke aus dem Gesicht, rieb sich über seinen dichten Bart, ehe er verächtlich schnaubte und den Mann davonscheuchte, der sich an einem Spieltisch andere, geeignetere Trinkkameraden suchte.

Mit einem Nicken grüßte Garrett nur kurz den Schankwirt – ein dicklicher Mann mit kurzen grauen Haaren und einer großen platten Nase, dann nahm er auf einem Hocker vor der Theke Platz.

„Wie ist es hier unten gelaufen Mook?“, fragte Garrett neugierig und deutete dabei auf die Händler hinter sich.

„Es könnte gar nicht besser laufen“, erwiderte Mook mit einer, für ihn ungewöhnlich hohe Stimme. „Wir bekommen schon seit Monaten nur die feinsten Waren herein und unsere Gewinne haben sich fast verdoppelt.“

„Wir hatten eben Glück.“

Mooks Gesicht wurde plötzlich ernst, schaute Garrett direkt an und legte beide Hände auf die Theke. „Kein Glück hält ewig, Junge.“

Garrett bat um ein Bier und versuchte vom Thema abzulenken. „Gab es sonst irgendwelche Zwischenfälle, seit ich weg gewesen bin?“

Zu seinem Glück verbesserte sich die Laune des Schankwirtes wieder. Mook kam mit einem Lächeln und einem vollen Bierkrug wieder zu Garrett zurück.

„Nur Cole hat sich wieder von einer Geliebten getrennt - seine sechse diesen Monat glaube ich.“

Garrett musste lachen und übernahm den Krug von Mook, nahm einen tiefen Schluck. Eine wohltuende Wärme überkam ihn, während die Flüssigkeit seinen Rachen hinunterlief. Das Getränk hieß Schwesternliebe, bestand aus Honig und dunkler Hefe, der Honig schien jedoch der beste Teil zu sein. Das Bier bildete mitunter ein Grund weshalb Garrett immer wieder zu diesem Ort zurückkehren würde.

Schnell war der Krug geleert. Er wollte den Wirt gerade um einen neuen bitten als eine Frau – bestimmt keine zwanzig Jahre alt und mit blonden Haaren – ihn am Arm zog.

Blitzschnell drehte er sich um und konnte einen besseren Blick auf sie werfen, als nur aus dem Augenwinkel. Sie trug die übliche Rüstung der Bruderschaft – eine schwarze, leichte Lederrüstung mit Rabenfedern an den Schultern und einer Kapuze zusammen mit einem schwarzen Umhang. Ihr schmales Gesicht war wunderschön und ihre kleinen grünen Augen passten perfekt zu ihren makellosen Zügen. Ihr wohlduftendes Parfüm betörte seine Sinne, zog ihn in ihren Bann. Ihre zierlichen Finger zogen erneut an seinem Arm, holten ihn aus der Starre. Peinlich berührt stand er vom Hocker auf, schritt an ihr vorbei, wobei seine Blicke immer wieder zu ihrem perfekten Körper schweiften. Garrett nahm sich zusammen und lehnte sich an das Holzgeländer, die Blicke zum Wasser gerichtet.

„Bearon lässt ausrichten, dass man auf dich wartet und ich dich zu ihm bringen soll“, sagte die Frau mit leiser Stimme, doch laut genug, so dass Garrett sie verstehen konnte.

Entschlossen wirbelte sein Körper zu ihr herum. „Endlich, es hat schon viel zu lange gedauert.“

***

Der Ratssaal zu dem Garrett geführt wurde, schien bei weitem der älteste Raum der Bruderschaft zu sein, denn überall bröckelte bereits der Stein von den Wänden oder die Symbole verschmolzen langsam komplett mit dem darunterliegenden Mauerwerk – trotzdem, erkennen konnte man noch einiges, was aus den alten Tagen zurückgeblieben war.

Zum einen erkannte Garrett sofort das Banner der Goldkliffpiraten – eine Piratenbande, die es genossen hatte die südlichen Küsten zu terrorisieren, bevor sie von dem ersten Stadthalter von Cindera samt seiner Armee aus der Stadt gejagt wurde. Auf dem Banner konnte man eine felsige Klippe sehen, umringt von acht Münzen, gemeinsam verbunden in einem Kreis um das Steingebilde.

Als zweites fiel Garrett die Bauweise des Raumes auf: Charakteristisch für eine Versammlungskammer der Piraten waren die vielen Türumrandungen, die jetzt zugemauert keinen Nutzen mehr besaßen. Damals jedoch, dienten sie den Piraten vermutlich als Nebengänge, damit nicht alle Gesetzlose gleichzeitig durch den Haupteingang mussten.

Garrett wurde in die Mitte des Ratssaales geführten, wo er ein Sandboden erblicken konnte, umrundet mit einer Tribüne aus weißem Marmor, die in vergangenen Tagen wahrscheinlich für das Austragen von Spektakeln Verwendung gefunden hatte. Heute versammelte sich auf dieser Tribüne nur einmal alle acht Monate die gesamte Bruderschaft – tauschten Neuigkeiten aus, horchten auf die Vorträge der Ratsmitglieder – alles, was eine Bruderschaft braucht um sich wie ein Zahnrad weiterzudrehen. Der Ratssaal kam an der Größe mit der Zisterne gleich, fast dreißig Schritt im Durchmesser - auch wenn er mit weniger Statuen versehen war.

Die Ratsmitglieder bezogen eine eigene private Kammer, direkt hinter der aus Marmor bestehenden Tribüne. Garrett und die Frau gingen am Versammlungsplatz vorbei, überquerten zwei kleine Brücken, die über einen schmalen Rinnsal aus klarem Wasser führten und liefen durch einen kleinen Nebengang direkt zur Privatkammer der obersten Meister und Ratsmitglieder.

Die Statuen der Göttin Era begegneten ihm beim Durschreiten der Ratskammer immer wieder – hoch aufragende Frauen mit wachenden Blicken auf die Menschenmenge unter ihnen, niemand konnte sich der Beobachtung von Era entziehen. Überall werde ich überwacht. Garrett schob seine Gedanken beiseite und richtete sein Augenmerk auf die Frau, die jetzt vor einer schweren Eisentür stehenblieb. Überall an der Eisentür hingen Ketten herunter, die miteinander verschlungen das Netz einer Spinne bildeten. Die Frau klopfte viermal im unterschiedlichen Rhythmus. Erst waren es kurze Schläge, die einem Crescendo lauter Paukenschlägen wichen.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Garrett als sie sich von der Tür wegedrehte, in dem Versuch ein Gespräch zu eröffnen. „Ich kann mich nicht entsinnen dich schon einmal in der Bruderschaft gesehen zu haben.“

Die Frau zog die Kapuze herunter - ihre goldenen Haare fielen bis zur Taille herunter. Sie lehnte sich mit einem Fuß gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Kein Wunder, dass du mich noch nicht kennst, ich wurde erst vor einem Monat aus Orona hierhergeschickt um…Neuigkeiten zu überbringen. Meine baldige Rückkehr habe ich noch nicht geplant, vielleicht bleibe ich fürs erste hier und helfe Bearon ein wenig mit der Korrespondenz.“ Die Frau zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Einfach verdientes Geld!“

Garrett schaute sie verblüfft an, noch nie zuvor traf er jemanden aus dem Königreich Orona. Meistens blieben diese Menschen für sich und ließen es nicht zu, dass jemand aus ihrem Reich entkommt. Er versuchte sich jedoch von dieser Tatsache nicht betroffen zu zeigen, setzte sich ihr gegenüber auf den Boden, mit den Armen auf seinen angezogenen Knien richtete er den Blick zu ihr hoch. „Ihr habt mir immer noch nicht euren Namen verraten?“

„Ihr enttäuscht mich aber Garrett. Ich habe schon viel von eurer bemerkenswerten Fähigkeiten gehört, vielleicht erratet ihr ihn ja.“ Garrett zögerte. „Kommt schon, dass wird lustig. Machen wir ein kleines Spiel daraus.“ Sie strich sich über das Kinn. „Wenn ihr mit drei Versuchen erraten könnt, wie ich heiße, sage ich euch, welche Neuigkeiten ich aus Orona überbracht habe.“

Garrett unterbrach sie mit einem Husten und sah ein belustigtes Scheinen in ihren Augen. „Und wenn ich verliere?“

„Dann küsst ihr mich, so gut ihr könnt.“

Garrett rang sich ein Lächeln ab, überlegte kurz, ob es eine gute Idee sei, sich mit ihr einzulassen - im Grunde wusste er gar nichts über sie, doch es schien ihr Spaß zu machen mit den Leuten Spiele zu spielen.

Nach einem Moment des Schweigens richtete sich Garrett auf, nahm die Arme von der Frau in die Hand. Ihre Blicke trafen sich, ihre Münder nur wenige Zentimeter voneinander spürte er förmlich, wie die Luft sich um sie herum erhitzte.

„Na schön, wenn ihr darauf besteht.“ Garrett löste den Griff um ihre Arme und sank zurück auf den kalten Erdboden. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, es ließ sich aber nichts erkennen, was ihm einen Tipp auf den Namen geben konnte. Er hatte nur erfahren, dass sie aus Orona stammte.

Oronaer verwendeten – so sagte es zumindest sein ehemaliger Mentor für die Geschichten der Welt Arywijen – ausschließlich kurze und bündige Namen. Zu erkennen war an der Frau, dass sie sich nicht darum bemühte wie sie andere sahen, was ihm sagte, dass sie höchstwahrscheinlich aus einer ärmeren Familie stammte und nicht dem Adel angehörte.

„Seid ihr bald bei eurer Antwort angelangt, denn das Spiel endet sobald diese Tür aufgeht“, sie deutete auf die mit Ketten übersäte Eisentür, die sich noch immer nicht regte.

„Merara!“ Garretts erster Versuch, eher etwas gezwungen als richtig überlegt, doch erkannte er an ihrem überraschten Zucken: Ich bin auf dem richtigen Weg. Garrett entschied sich den Anfangsbuchstaben nicht zu verändern, eher würde er die Anzahl der Buchstaben variieren. „Mera“, versuchte er es erneut und ihre ausweichenden Blicke sagten ihm: Fast geschafft. „Mags!“ Sein letztes Mal, das er raten durfte, doch an ihrem weit aufgerissen Blick voller Überraschung, wusste er, dass ein weiteres Mal auch nicht nötig gewesen wäre.

„Im Moment nenne ich mich so, damit niemand meinen wahren Namen erfährt, womit ich dies gelten lassen kann, denke ich“, entschied die Frau enttäuscht und leicht verärgert.

Ihren wahren Namen wünschte sich Garrett trotzdem zu gegebener Zeit zu erfahren. Er wartete nun auf die Informationen aus Orona.

Ernüchterung machte sich in ihm breit, als die Tür mit einem lauten Knacken geöffnet wurde und Bearon – ein Mann mittleren Alters und schwarzen kurzen Haaren, die zur Seite gekämmt, über sein rechtes Auge fielen – in den Gang hereintrat. Bearon strich sich mit seinen Fingern über seinen Bart, der allein an seiner Oberlippe wuchs und an seinem Kinn.

„Tritt ein“, sagte Bearon entschlossen, ließ keine Widerworte zu und bat Garrett mit einer ausgestreckten Hand vor zu gehen.

Garrett verabschiedete sich von Mags, die er bestimmt noch einmal treffen würde, schritt in die Kammer hinein. Die Tür schloss sich hinter seinem Körper und Bearon führte ihn die Treppenstufen hinunter bis an ein Wasserbecken heran. In dem Becken schwammen kleine Fische. Die Tiefe des Wassers betrug wenige Zentimeter, da Garrett bis zum Grund sehen konnte. Über dem Becken ragten vier große Stühle - auf einer Empore - bis unter die Decke auf. Ein roter Teppich zog sich von der Tür bis zum Becken und schwarzer Stein schmückte den Boden, in dem sich das Fackellicht spiegelte. Keiner der Stühle glich dem Anderen.

Der erste Stuhl, welcher am äußersten linken Ende der Empore stand, wurde aus Holz gefertigt, welches komplett glattgeschliffen schien und keinerlei Risse aufwies. Über die Lehne bis hin zu den vier Beinen des Stuhls, zogen sich Symbole von Widdern, die sich mit ihren Hörnern gegenseitig anstießen.

Garrett richtete seinen Blick auf den, sich daneben befindenden Stuhl, der eher einem Thron glich. Eine breite Sitzfläche auf der ein rotes Kissen lag in das goldene Blumen aufgestickt waren, zeigte sich vor einer etwas kleineren Lehne, mit dem Symbol der schwarzen Schlange graviert, welches sowohl Garrett als auch jedes andere Mitglied der Bruderschaft trug. Der komplette throngleiche Stuhl, gemacht aus demselben Stein wie der Fußboden, erweckte in Garrett den Drang sich verbeugen zu müssen.

Die letzten beiden Stühle unterschieden sich nur wenig voneinander, schienen nur eine einzige Besonderheit aufzuweisen. Neben ihrem sonderbaren weißen Holz natürlich, aus dem die Stühle gefertigt worden, besaßen beide keine Rücklehne, vielmehr ragte ein grauer Stein hinter ihnen auf, der als Rücklehne diente und mit den Stühlen verwachsen schien. Vermutlich werden Geschwister diese beiden Plätze einnehmen, schloss Garrett.

Bearon bewegte sich derweil an ihm vorbei, setzte sich auf den Beckenrand nieder und legte seine Arme auf die Beine - seine gesamte Körperhaltung wirkte angespannt, doch seine Miene zeigte keinerlei Gefühlsregungen, seine Finger tippten auf seinen Knien auf und ab.

„Wie war dein letzter Spezialauftrag?“, begann Bearon mit einer gelassenen Stimme, die gar nicht zu seiner Körperhaltung passte – vermutlich wollte er das Gespräch zunächst auf belanglose Dinge lenken.

Garrett entschied sich dazu der Idee von Bearon zu folgen, erzählte zunächst von dem Einbruch in das Haus des Stadthalters, wobei er das Treffen mit dem Stadthalter selbst verschwieg. Garrett sah keinen Vorteil darin Bearon noch unnötig weiter zu beunruhigen.

„Also lief alles ohne Probleme?“, fragte Bearon nachdem Garrett seine Geschichte beendet hatte.

„Nun, es lief…weitestgehend problemlos.“ Wenn Bearon etwas von Garretts wackeliger Stimme mitbekam, ließ er sich nichts anmerken und machte auch keinerlei Anstalt weiter nachzufragen. Langsam wurde Garrett ungeduldig, er wollte erfahren, weshalb die Säule der Bruderschaft ihn zu sich gerufen hatte.

„Du fragst dich sicher, warum du hier bist, so kurz nach deinem Auftrag.“ Bearon machte eine kurze Pause und drehte sich von ihm Weg um den Fischen bei ihrem geschäftigen Treiben zuzuschauen. „Um dir die Wahrheit zu sagen: Ich wollte dich zuerst nicht einweihen, doch machen es die Umstände unumgänglich. Ich…“ Die Stimme von Bearon brach ab.

„Welche Nachrichten haben uns aus Orona erreicht?“, fragte Garrett ohne darauf zu achten, dass er sich Bearon bis auf wenige Schritte näherte.

„Ich sehen, du hast mit Mags gesprochen. Wahrscheinlich ist es besser so.“ Bearons Hände gingen durch das flache Wasser und Wellen breiteten sich in einer konstanten, gleichmäßigen Geschwindigkeit aus, bevor seine Aufmerksamkeit wieder Garrett galt. „Was weist du über das Land Orona?“

Garrett dachte kurz darüber nach, was er erzählen sollte, beschloss jedoch schließlich einfach die Geschichten von seinem alten Meister zu erzählen.

„Orona, Land unter einer rasch untergehenden Sonne und Geißel der Menschheit. Vor mehr als achthundert Jahren wurde das Land von einem Befreiungskrieg von Farossa überzogen, was die Sklavendynastie beendete. Nach mehreren Hungersnöten gab es nur noch wenige Bewohner und das einst starke Volk, welches prachtvolle Türme errichtete, wurde zu einem unbedeutenden Teil von Arywijen.“

„Und während der Glaubenskriege hat sich das Volk von Orona auf merkwürdige Weise wieder zur alter Größe verholfen“, fuhr Bearon für Garrett fort, dann klatschte er glücklich in die Hände.“ Ich sehe, dass meine Lehren nicht völlig auf taube Ohren gestoßen sind.“

Sein ehemaliger Mentor stand von dem Becken auf und stellte sich vor Garrett, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, nachdem er Garrett eine Weile stillschweigend betrachtet hatte.

Dann verfinsterte sich auf einmal sein Blick, die Augen schauten in die Ferne hinter ihm, als würde er sich an etwas Schreckliches erinnern müssen.

„Mags erzählte mir, das der Kaiser von Orona erneut einen Krieg begonnen hat, dabei ist die Zuflucht vor Ort vollständig zerstört worden. Offensichtlich stehen sie in einem Bündnis mit dem falschen König, um ihre Sklavendynastie wieder auferstehen zu lassen.“ Seine Blicke kehrten zu Garrett zurück und zum ersten Mal lag darin Traurigkeit. „Farossa steht bereits in Flammen.“

Garrett wich einen Schritt zurück, stolperte beinah über eine Stufe der Treppe. Als er sich wieder auf den Beinen halten konnte, wirbelten in seinem Kopf die schrecklichsten Bilder von Tod und Zerstörung umher.

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte er mit fester Stimme.

„Könnten wir doch nur irgendetwas tun!“, stieß Bearon wütend hervor. „Bei der Bruderschaft sind wir nur wenige und unsere Brüder und Schwestern sind zu uns gekommen um eine Familie zu finden. Außenseiter, die verstoßen wurden und gemeinsam mit uns anderen Außenseitern versuchen über die Vergangenheit hinwegzukommen, damit sie nie wieder Tod und Leid sehen müssen. Ich kann sie nicht zu etwas zwingen, was sie nicht wollen.“

Garrett ließ enttäuscht die Schultern hängen. Überall im Reich wurde gemordet und gekämpft, dabei saß er daheim und tat einfach gar nichts. Bearon schien seine Gedanken verstanden zu haben, denn er sagte mit freundlicherer Stimme: „Ich wusste schon immer, dass du mehr als nur ein Dieb sein willst, aber im Moment ist alles was wir machen können unseren Aufgaben und unseren Gewohnheiten zu folgen.“ Sein ehemaliger Meister wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, doch Garrett zuckte zurück.

Innerlich brodelte seine ganze Wut, er schluckte seinen Zorn jedoch herunter, schritt an das klare Wasser des Beckens heran, nahm einen tiefen Schluck. Klare Kühle lief im durch den Körper und beruhigte sein Gemüt.

„Habt ihr eine neue Aufgabe für mich?“, fragte er widerwillig - hofft inständig, dass Bearon nein sagte, doch dafür kannte er seinen ehemaligen Meister zu gut.“

Bearon setzte sich wieder auf den Beckenrand, lächelte ihn an. „Wie schön, dass du fragst, ich habe genau den richtigen Auftrag für dich.“ Er kniff die Augen zusammen. „Natürlich solltest du ihn umgehend ausführen.“ Seine Stimme ließ keinen Wiederspruch zu und Garrett nickte ihm zu. „Wir haben Gerücht über einen Kristall unschätzbaren Wertes erhalten, der sich in einem alten Herrenhaus am Rande der Stadt befinden soll. Deine Aufgabe wird es wie immer sein, ihn zu stellen. Ich hoffe, du schaffst das, es ist wichtig.“

„Natürlich Meister“, antworte Garrett einstudiert, wandte sich anschließend zum Gehen um. Als er die ersten Stufen der Treppe hinaufgegangen war, drang Bearons Stimme zu ihm hoch, sein Kopf schaute über die Schulter, den Worten von Bearon horchend.

„Ich möchte außerdem, dass du Raya mitnimmst…und Jerlan hat nach dir gefragt.“

„Wie ihr wünscht“, entgegnete Garrett in höflichem Ton und schritt zur Tür hinauf. Kurz bevor sein Körper das Eisen passierte, fragte ihn die leise Stimme von Bearon etwas vom Becken hinauf.

„Was ist dir wichtig, Garrett?“

Mehr zu sich selbst als zu Bearon – von dem Garrett nicht wusste ob er es überhaupt hören konnte – antwortete er: „Familie, denn ich hatte nie eine.“

***

Jerlans Werkstatt lag etwas abseits der Ratskammer. Man konnte sie nur durch einen schmalen Gang erreichen, den der Rauch der Schmiede völlig einhüllte. Garrett musste gebückt gehen und hielt dabei eine Hand vor den Mund, um dem Rauch nicht komplett ausgeliefert zu sein, denn dieser stach in seinen Augen - brennend liefen ihm die Tränen über sein Gesicht. Am Ende des Ganges wurde der Rauch ein wenig lichter - ein schmales Loch in der Wand ließ ihn abziehen. Garrett fragte sich bei jedem Besuch, warum Jerlan nicht wie jeder andere Schmied an der Oberfläche arbeitete – offensichtlich schien ihm der Geruch von Rauch zu gefallen und der pure Gestank der Glut, welcher in der gesamte Werkstatt vorherrschte.

Seine Augen gewöhnten sich nach und nach an den leichten – in der Luft hängenden Rauch, so dass Garrett die Werkstatt genauer betrachten konnte. Der Meister selber saß hinter seinem, aus massivem Stahl bestehenden Amboss - hämmerte auf etwas ein, was später die Klinge eines Schwertes werden sollte. Sonst bestand der Raum aus denselben dunkelroten Steinen, die man überall in den Räumen der Bruderschaft an den Wänden finden konnte. Einige hölzerne Arbeitstische lagen um die Schmiede in einem Kreis angeordnet, worauf sich verschiedenstes Arbeitsgerät befand. Garrett konnte eine Zange erkennen, womit man das glühende Material aus der Schmiede nahm oder einen Hammer zusammen mit einem unbearbeiteten Stück Leder. Andere Arbeitstische, die vornehmlich an den Wänden standen, zeigten unzählige von Jerlans verrückten Erfindungen auf ihren Tischplatten. Einen Prototyp seiner Armbrust erkannte Garrett an der Form des Pistolenlaufes, darüber hinaus sah man ein kreisförmiges Sägeblatt, welches sich an einer silbernen Kette befand, welche wiederum an einer Eisenstange befestigt war.

Der Meister begrüßte Garrett kurz mit einem Nicken ohne von seiner Arbeit abzusehen. Garrett wartete, wobei er sich auf einen alten Hocker setzte, der direkt in der Nähe der Schmiede stand – die Hitze der Glut schlug ihm allgegenwärtig ins Gesicht, sodass er gezwungen war den Stuhl bis an die kühle Wand hinter dem Meister zurückzuziehen.

Plötzlich tauchte Mags in der Öffnung des Ganges auf und starrte Garrett an. Ein schmales Lächeln schenkte sie seiner Person, bevor sie mit einer Schachtel unter dem Arm im Gang wieder verschwand, die – der inzwischen mit seiner Arbeit fertig gewordene Meister – ihr gegeben hatte. Ihre Stiefelabsätze hörte man deutlich auf dem blanken Steinboden, bis sie in der verrauchten Dunkelheit vollkommen verschwand.

Garrett stand von seinem Sitzplatz auf und nahm eine von Jerlans Erfindungen in die Hand – ein stählernes, blankes Sägeblatt mit Zähnen auf beiden Seiten. Es befestigte sich an einem – aus dunkler Eiche gefertigten und geschwungenen Griff. Vermutlich konnte man das Sägeblatt noch ausklappen, doch bevor Garrett – von der Neugier gepackt – es ausprobieren konnte, hörten seine Ohren die vorwurfsvolle Stimme des Schmiedes.

„Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nicht einfach so irgendetwas in meiner Werkstatt anfassen“, sagte Jerlan und sah Garrett dabei streng an.

„Ich freue mich auch euch zusehen Jerlan, es ist schon eine Weile her“, entgegnete Garrett freundlich und gelassen, legte die Erfindung des Meisters wieder auf den Holztisch nieder.

Ein lautes Klatschen wie von einer Ohrfeige - im verrauchten Gang - unterbrach ihre Unterhaltung. Keine zehn Sekunden später kam ein Mann im selben Alter wie Garrett in die Werkstatt hereingestolpert, während er sich seine rechte Wange rieb. Der Mann besaß kurzes, blondes Haar, was ihm lockig über die Stirn fiel. Er schien nicht übermäßig muskulös, doch schlank und besaß schmale Gesichtszüge, die nicht unattraktiv waren. Seine Kleidung bestand aus einer einfachen, schwarzen Hose mit zerschlissenen Stiefeln, darüber trug der Mann einen hellbraunen Mantel, darunter ein grünes Hemd – seine Hände bedeckt mit halben Handschuhen, aus denen die Finger schutzlos herausragten.

„Was hast du diesmal wieder getan?!“, grüßte der Schmied den Mann und auch Garrett ging zu ihm heran um ihn die Hand zur Begrüßung zu reichen.

„Der Meister hat Recht, Cole, was auch immer du getan hast, erzähl es uns ruhig.“ Garrett versuchte bei Coles Anblick, der sich die Wange rieb, nicht laut zu lachen.

Cole nahm auf Garretts Hocker Platz, reckte den Kopf in die Höhe. „Ich weiß, ich sage das immer wieder, aber dieses Mal glaube ich, soeben der Liebe meines Lebens begegnet zu sein.“ Sein Freund schien in Gedanken zu sein.“ Haare wie Gold und ihr Duft erst…“, schwärmte Cole, schloss die Augen. Garrett wagte einen Versuch sich Mags und Cole gemeinsam vorzustellen, musste aber schlussendlich feststellen das diese „Partnerschaft“ vermutlich nicht gut ausgehen würde.

„Und wie sieht es mit deiner vorherigen Liebe des Lebens aus?“, fragte Garrett belustigt, jedoch störte sich Cole an seinem Ton.

„Nichts ist für immer, Garrett. Die Frau konnte einfach nicht die Richtige für mich sein, aber ich weiß, dass dieses schlagfertige Mädchen aus dem Gang, mein Herz – vor allem meinen Körper buchstäblich getroffen hat.

Garrett ließ Cole in seinen Erinnerungen schwelgen und wandte sich wieder Jerlan zu. Schlagfertig trifft es ganz gut, dachte Garrett mit einem letzten Blick auf Cole.

Jerlan wusch sich gerade die, von Ruß bedeckten Hände, unterhalb eines kleinen Wasserstrahls, welcher an der östlichen Wand herunterlief. Der Meister schien nach dem Abschluss seiner Ausbildung zum Schmied der Bruderschaft nicht wesentlich gealtert zu sein. Dieselben breiten Schultern und alten, straffen Muskeln. Von der harten Arbeit konnte man ganz genau die Adern an seinen Armen erkennen. Auf dem kahlgeschorenen Kopf von Jerlan standen die Schweißtropfen, auf die der Meister wahrscheinlich stolz sein würde. Sein breites Gesicht schaute überrascht als er sich zu Garrett umwandte.

„Wo ist meine Apparatur, die ich dir für deinen Auftrag geliehen habe?“, fragt er mit seiner rauen Stimme und ließ sich auf einem freien Stuhl neben Cole nieder, der immer noch die Augen geschlossen hielt, vermutlich von seiner neuen Zukünftigen träumte.

„Ich trage sie unter meinem Umhang Meister. Keine Sorge, sie ist unversehrt und hat im Übrigen bestens funktioniert.“

„Das freut mich zu hören“, Jerlan verschränkte die Arme vor dem Körper. „Ich habe noch etwas, dass ich dir zeigen wollte, bevor du erneut zu einem Auftrag aufbrichst. Pass jetzt gut auf!“ Jerlan schob Cole beiseite. Empört sprang dieser auf, sofort begannen seine Augen vom Rauch zu tränen.

„Könnt ihr euch nicht einmal einen Schornstein zulegen“, spottete Cole. „ Dieser Rauch ist fast genauso tödlich wie der Gestank hier unten.“ Cole wischte sich mit den Händen die Tränen aus dem Gesicht, setzte sich mürrisch auf einen freien Arbeitstisch.

„Und was würden die Menschen sagen“, erwiderte der Meister ohne Ärgernis, „wenn einfach so aus heiterem Himmel ein Schornstein aus dem Boden schießen würde“.

„Vielleicht einen Fisch darüber räuchern“, sprach Cole und jetzt konnte Garrett sein Lachen nicht mehr zurückhalten.

Jerlan durchsuchte verschieden Kisten sowie Behälter seiner Werkstatt, ehe er mit dem Griff eines Schwertes zu Garrett zurückkam.

„Was ist das dort drüber?“, fragte Garrett neugierig und zeigt dabei auf die Waffe, angebracht an dem geschwungenen Griff.

Jerlan zeigte sich gelassen, nahm die Waffe in die Hand, vollführte einige Übungsschwünge damit. „Ich nenne es ein doppeltes Sägebeil - man kann damit enorme Blutungen verursachen, die kein Schwert der Welt zufügen kann. Wenn man das Beil aufklappt lassen sich sogar, mit Hilfe des Schwunges, leicht größere Gegner besiegen.“ Der Meister zuckte enttäuscht mit den Schultern. „Leider ist sie im Moment zu unausgeglichen für den Kampf. Ich bekomme einfach nicht das richtige Gleichgewicht der Materialien hin.“ Jerlan legte die unfertige Waffe beiseite, reichte Garrett stattdessen den Griff eines Schwertes. „Bitte schön“. Der Griff wurde ihm durch Jerlan überreicht, Garrett nahm es jedoch nur zögerlich in Empfang. „Meine neuste Erfindung“ sagte der Schmied, er schien fast vor Stolz zu platzen. „Ein Schwert, das so klein ist, dass man es problemlos versteckt mit sich führen kann und wenn man es braucht“, er drückte einen Knopf auf der hölzernen Oberfläche des Griffes, „dann faltet sich die Klinge komplett aus dem Griff auf. Dazu bekommst du noch neue Munition für deine Waffe - Obsidianpfeile. Gut um Dämonen zu töten.“

„Es gibt doch gar keine Dämonen“, drang die Stimme von Cole zu ihnen herüber.“

„Man kann nie wissen Junge.“

Garrett bedankte sich mit einem Händedruck und einem Nicken bei dem Meister. „Wisst ihr wo Raya ist?“

Der Meister verzog seine Lippen zu einem Grinsen, lachte danach laut los. „Deine Novizin findest du vermutlich irgendwo in den Schlafkammern – faul wie sie ist – sitzt sie bestimmt schon seit Stunden dort und liest Bücher, die sie aus dem Archiv gestohlen hat.“

Garrett nickte dem Schmied um ein weiteres Mal zu. „Seid bedankt Meister. Ich hoffe bald zurückzukehren.“

Damit verließ er die Werkstatt gefolgt von Cole, der sich hinter ihm durch den Gang zu den Schlafquartieren schob. Damals wusste er nicht warum, aber aus irgendeinem Grund hatte er schon dort verspürt, dass es das letzte Gespräch mit dem alten Meister gewesen war.

***

Die Schlafquartiere konnte man von der Schmiede aus leicht erreichen. Nachdem Garrett dem verrauchten Gang eine Weile geradeaus folgte, bis sich der Rauch vollständig lichtete, musste er nur noch einmal links abbiegen und schon war er in den Schlafquartieren. Mehrere Doppelbetten standen in ordentlichen Reihen an die Wand angelehnt. In der Mitte des Raumes befanden sich ebenfalls Betten – in einem Viereck aufgestellt. Ansonsten zierte das, mit fahlem Fackellicht ausgefüllte, Zimmer nur ein paar kaputte Kerzenhalter mit Kerzen, bereits vollständig heruntergebrannt, oder Truhen – aus massivem Holz gefertigt – nur dazu gedacht um die Habseligkeiten jedes einzelnen Novizen zu lagern.

Die Meister und Ratsmitglieder bezogen eigene Schlafquartiere, die größtenteils die gleichen Strukturen aufwiesen. Garretts Bett selbst war nicht mehr als ein hölzernes Gestell mit einer einfachen Matratze. Nicht gerade der Luxus eines Adeligen, dachte er amüsiert und musste dabei an die vielen reichen Leute denken, in deren Häuser seine diebischen Aktivitäten ihn Tag für Tag führten.

Raya lag auf einem Bett, welches sich am hintersten Ende des Zimmers befand. Raya - eine Frau, die meistens unter sich blieb, wenn sie denn nicht gerade etwas mit Garrett unternahm oder in der Schmiede mit Jerlan sprach. Die übrige Zeit verbrachte Raya häufig mit dem Lesen alter Bücher, aus den Raubzügen anderer Diebe mitgebracht. Normalerweise wurden Bücher eher weniger bei Eibrüchen als Beutegut bevorzugt, doch schloss sich der Bruderschaft vor einem Jahrzehnt ein ehemaliger Bibliothekar an, der eine große Anzahl an seltenen Büchern von seinen Aufträgen mitbrachte. Kein Wunder, dass Raya sich blendend mit ihm verstand.

Velon Al Haeron hieß der Mann mit der Vorliebe für Bücher. Ein drahtiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht, der bereits über die Hälfte eines Jahrhunderts an Lebensjahren hinter sich gelassen hatte. Mit seinem Bart und seiner Nase sah Velon immer wie eine Ratte in Menschengestalt aus.

Raya bemerkte Garretts Eintreffen sofort – sie besaß ein ausgesprochen gutes Gehör. Bei seinem Eintreten legte sie das, in Leder eingebundene, Buch beiseite. Er selbst, setzte sich auf das gegenüberliegende Bett, sah Raya lange an, bis sie das Schweigen brach. Ihre langen schwarzen Haare hatte sie wie immer zu einem Pferdeschwanz hinter dem Kopf zusammengebunden.

„Es tut mir leid, Garrett…ehrlich, aber ich kann nicht verstehen wieso du immer wieder wütend auf mich bist.“ Raya schüttelte wild den Kopf. „Ich lese nur, wofür sich in dieser Bruderschaft sowieso keiner interessiert.“ Ihre blauen Augen musterten Garrett gespant. Sie erwartete gewiss eine prompte Reaktion von ihm. Stattdessen stand Garrett ausdruckslos auf und setzte sich an ihre Seite. Ihr schlanker Körper rutschte von ihm weg – noch immer starrte sie ihn an, als er das Buch aufnahm.

„Was liest du denn in diesem Moment?“, fragte Garrett interessiert.

„Die Geschichte der Reiche der Dohakrim und der Aen Elyovearath“, antwortete Raya ohne zu zögern, doch als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck sah, fügte sie leicht belustigt hinzu: „Du weißt schon, die beiden Reiche Donak und Lyria, welche mit dem Einfallen der Menschen in Arywijen von Krieg überzogen wurden. Nach dem Ende des Krieges und dem Sieg der Menschen, teilten sie Arywijen in viele kleinere Reiche auf.“

„Ich verstehe schon“, sagte Garrett einfühlsam. „Aber du darfst sie nicht einfach ohne Erlaubnis aus dem Archiv stehlen. Wir mögen zwar Diebe sein, doch wir bestehlen uns nicht gegenseitig.“ Er versuchte einen scharfen Blick aufzusetzen, der jeglichen Widerspruch zunichtemachen würde, doch war Raya viel zu bockig.

„Aber Meister Al Haeron ist zu einer Mission aufgebrochen. Da dachte ich mir…“

„Nichts hast du dir dabei gedacht!“, unterbrach Garrett seine Novizin, funkelte sie böse dabei an und zu ihrem Glück erwiderte sie nichts, sondern schaute betrübt auf den Boden. Garrett spielte seine Wut nur, er konnte der Neugier Rayas wohl kaum böse sein, fühlte sich aber trotzdem schlecht, als er ihr gesenktes Haupt sah.

„Hör mal…es war nicht so gemeint“, seine Hand legte sich auf ihre Schulter.

Raya zählte bereits neunzehn Winter als sie in die Bruderschaft gekommen war - über ihre sonstige Vergangenheit hatte man nie etwas herausfinden können. Trotz, dass er erst seit einem Jahr die Rolle ihres Mentors übernahm, fühlte Garrett sich bereits mehr als nur für ihr tägliches Training verantwortlich. Raya schaute immer noch traurig zu Boden, erst als er sie zu sich drehen wollte, zeigte sie ihm ein Lächeln.

„Hast du dich etwa eben bei mir entschuldigt – du, der große und eiserne Garrett.“

Garrett fluchte innerlich, hätte er ihr Spiel doch früher bemerken müssen. „Ich hasse es, wenn du das tust.“

Raya sprang auf und lief ein paar Mal den Gang auf und ab, bevor sie sich Garrett gegenüber niederließ. Sie trug noch nicht die Rüstung der Bruderschaft – jene sollte ein jeder Novize erst bekommen, wenn die Person nach einer Prüfung als vollwertiges Mitglied der Bruderschaft angenommen wurde und Raya schien seiner Meinung nach noch weit davon entfernt, diese abzulegen.

Ihre jetzige Rüstung bestand aus ein paar kniehohen Stiefeln, darüber eine enganliegende, schwarze Hose und ihren Oberkörper bedeckte lediglich ein zerschlissenes Hemd, das nur noch den linken Ärmel besaß – nach hinten offen war. Nur durch zwei Lederriemen wurde das Hemd auf dem gewünschten Platz gehalten. Der rechte Oberarm wurde lediglich von einer Bandasche geziert und sie trug ein schwarzes Halstuch, von dem zwei Stoffstreifen über ihren Rücken fielen. Aus irgendeinem Grund weigerte sich Raya stets diese Kleidung gegen ein paar unbeschädigte zu tauschen – etwas, dass Garrett noch herausfinden musste.

„Wir haben einen neuen Auftrag“, erklärte seine befehlsmäßige Stimme. „Nimm deine Ausrüstung, den Rest erzähle ich dir unterwegs.“

Rayas Begeisterung war ihr deutlich anzumerken, nahm sie doch fröhlich ihren Köcher und ihren dazugehörigen Bogen aus ihrer Truhe, lief dann hinter Garrett her, der bereits zur Tür schritt.

Eine Weile wartete er, bis sie an ihm vorbeirannte, in Richtung des Ausgangs der Bruderschaft – schnell wie sie war, würde sie vermutlich schon bald in der klaren Nacht auf ihn warten und dabei wusste sie nicht einmal wo sie beide hingehen würden.

***

Das Herrenhaus stand am Stadtrand von Ashor. Ein großes Haus mit einem weiträumigen Garten, der sich über mehrere Hektar erstreckte. Neben dem Herrenhaus gab es noch einen kleinen Stall, am Rande des Anwesens befindend. Das komplette Anwesen umgab eine – etwa einen Fuß hohen Steinmauer, auf dessen oberer Kante sich stählerne Pfähle in den Stein schlugen.

Klettern ist unmöglich, erkannte Garrett sofort und schaute sich währenddessen nach einer Schwachstelle in der Mauer um. Raya schien seinem Gedanken zu folgen, denn sie suchte bereits den massiven Stein nach Schwachstellen ab. Es trieb ihn näher an die Mauer heran. Die Hände gegen die Mauer gelehnt, fuhr er sie auf und ab, ohne dabei auch nur den geringsten losen Stein ertasten zu können und es gab nichts, womit er sich einen Weg durch die Mauer bahnen konnte.

Enttäuscht nahm Garrett, von dem mit einer weißen Substanz überzogenen Stein, langsam Abstand, um sich eine neue Strategie zu überlegen. Raya lief zu ihm hinüber, deutete auf ein – von der Ferne alt aussehendes – Steintor, das direkt vor der Eingangstür des Herrenhauses stand.

Sie schlichen gemeinsam über das kniehohe Gras, welches die Landschaft um das Haus zierte, bis das Tor erreicht war. Dieses Tor erwies sich aus der Nähe betrachtet noch solider als die Mauern. Aus mindestens einen Meter dicken Eisenstäben geformt, fragte sich Garrett, weshalb ein altes Anwesen so hohe Schutzmaßnahmen erforderte, zumal das Haus selber bereits uralt sein musste – mehrere klaffende Löcher in den Wänden, die Tür des Hauses zur Hälfte aus den Angeln gerissen und das Dach des Stalls war bereits vollständig eingestürzt.

Ein eisiger Wind wehte plötzlich von Osten an Raya und Garrett heran – eisig kalt, wie in einem Schneesturm, doch der Wind verschwand schneller, als er erschienen war. Anschließend stellte sich wieder die ruhige Stille ein, die das gesamte Anwesen erfasste.

Raya deutete mit ihren Fingern auf ein Schloss und griff nach einer Haarnadel in ihren Haaren. Mit Leichtigkeit zog sie die Nadel heraus und ging mit einer geübten Handbewegung zum Öffnen des Schlosses über. Durch die nun fehlende Haarnadel löste sich ihr anmutiger Pferdeschwanz auf, so dass ihre schwarzen Haare in voller Länge auf den Rücken hinunterfielen, was ihren schlanken Körper weiter betonte. Garrett beobachtete, solange Raya sich am Schloss zu schaffen machte, die Umgebung. Der Mond schien hell an dem von sternenüberzogenen Himmel, machte die Nacht weit weniger finster als übliche Nächte, die über das Reich von Cindera hereinbrachen.

Es erklang ein leises Klicken von Türschloss, doch das zu erwartende befriedigende Klicken, dass zum Öffnen des Schlosses und damit des Tores führte, blieb aus – mehrfaches Klicken nur unterbrochen von Rayas Flüchen.

Die Stadtmauer von Ashor ließ sich in der Ferne noch gut erkennen – eine hohe Granitmauer, die einen Kreis um die Stadt bildete und – soweit konnte sich Garrett erinnern – noch nie überwunden wurde, seit die Menschen Stein auf Stein geschichtet hatten, nach dem Einfall in Lyria, zu Beginn des ersten Zeitalters der Geschichtsschreibung. Einige Feuerschalen brannten auf den hocherhobenen Wällen der Mauern, taten beruhigend kund, dass Wachen auf der Mauer patrouillierten. Überwiegend bekannt wurde Ashor durch seine Bogenschützen, die mit ihren Langbögen und Pfeilen ihr Ziel niemals verfehlten. Wie viel Wahrheit man diesem Hörensagen zugestehen konnte, wusste Garrett selbst nicht, denn noch nie leibhaftig hatte seine Person an einer Schlacht teilgenommen. Die gewaltigen Türme der Stadt konnten seine Augen ausmachen, welche sich in den schwarzen Himmel emporhoben. Aus der Entfernung lag der Trugschluss nahe, dass sie direkt bis an die Sterne heranreichen und ihre Engelsstaturen – wie man sich erzählt – echte Engel seien, vom Himmel herabgestiegen, um über die Bewohner der Stadt zu wachen, aber auch damit jede Sünde eines Menschen bestraft wird. Alberner Aberglaube.

Garrett war nie wirklich ein Mann der Religion gewesen, selbst der Glaube an Era schlummerte nur schwach in ihm. Wäre es anders gekommen, wenn ich in einer normalen Familie aufgewachsen wäre? Bei dem Gedanken an Familie, schmerzte sein Herz ständig und die Luft, die er atmete wurde mit jedem Atemzug schwer wie Blei. Was bedeutet Familie eigentlich für mich? Garrett entschloss sich seine Gedanken von Familie wegzurichten, hin zurück zur Gegenwart seines jetzigen Auftrages, der beendet werden musste – für die Bruderschaft, seiner wahren Familie.

Hinter sich hörte er wie die Haarnadel von Raya in zwei Teile brach und er drehte sich erschrocken um.

„Ich nehme nicht an, dass du noch eine weitere Nadel zur Verfügung hast, oder?“, fragte Garrett amüsiert.

Raya warf die zerbrochene Nadel enttäuscht über die Mauer. Ihr Wurf war trotz der Enttäuschung hervorragend, so dass sogar Garrett beeindruckt war.

„Nein, leider nicht. Würde ich doch nur einen weiteren spitzen Gegenstand in dieser Einöde finden, aber hier gibt es nicht mehr als Gras. Ein Schlüssel würde jetzt ziemlich weiterhelfen.“ Raya ließ sich gegen das Tor fallen.

Garrett setzte ein charmantes Lächeln auf und winkte sie zu ihm herüber. „Wenigstens hast du dein Bestes gegeben“, erklärte er, legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Plötzlich frischte der Wind erneut auf, noch stärker als zuvor und dieses Mal schien außer der Kälte noch ein übelriechender Geruch von verwesendem Fleisch in der Luft zu liegen. Raya verzog angewidert das Gesicht, schlang die Arme um ihren Körper.

„Es ist zwar der Monat Ovaria“, merkte Raya an, „aber so kalt habe ich es schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Dann ist da noch dieser Gestank, als lege man mehrere Leichen hier in der Gegend ab.“ Ihre Blicke schweiften durch die Umgebung. „Ich sehe hier jedoch weit und breit nichts.“

Garrett selbst schwieg eine Weile. Der Wind lässt nicht nach und diese unnatürliche Kälte. In seinem Kopf hörte er von einem Moment auf den anderen eine leise Stimme, laut genug um sie zu hören, doch ihre gesprochenen Worte entzogen sich ihm. Je stärker der Wind wurde, desto lauter wurde die Stimme, welche schließlich in einem Crescendo zu einem lauten Schrei überging.

Bei dem Schrei überwältigte es Garrett und sein Körper sank schmerzhaft zu Boden. Eine Kakophonie aus Schreien hallte in seinem Kopf wieder und sein Kopf schmerzte so stark, dass Garrett meinte gleich das Bewusstsein zu verlieren. Seine Augen schmerzte, mit ihnen sein gesamter Brustbereich. Raya eilte an seine Seite, hielt ihn in den Armen, seinen Rücken auf ein Knie gestützt.

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