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Das Erbe von Morham Manor

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6.   1.
  7.   2.
  8.   3.
  9.   4.
  10.   5.
  11.   6.
  12.   7.
  13.   8.
  14.   9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. 15.
  21. 16.
  22. 17.
  23. 18.
  24. 19.
  25. 20.
  26. 21.
  27. 22.
  28. 23.
  29. 24.
  30. 25.
  31. 26.
  32. 27.
  33. 28.
  34. 29.
  35. 30.
  36. 31.
  37. 32.
  38. 33.
  39. 34.
  40. 35.
  41. 36.
  42. 37.
  43. 38.
  44. 39.
  45. 40.
  46. 41.
  47. 42.
  48. Epilog

Über dieses Buch

Als Larissa das Haus ihres verstorbenen Großvaters ausräumt, findet sie einen Schlüssel und Liebesbriefe eines britischen Soldaten an ihre Großmutter Angelika. Die Spuren der Vergangenheit führen die junge Oldenburgerin an die raue Küste Schottlands. Auf Morham Manor begegnet sie dem faszinierenden Rowan. Was weiß er über den Verfasser der Briefe? Auf der Suche nach der Wahrheit stößt Larissa auf eine Mauer des Schweigens. Aber sie ist sicher: Die Lösung des Rätsels ist zum Greifen nah.

Über die Autorin

Valentina May schreibt Liebesromane und Familiensagas, in denen auch die Natur eine wichtige Rolle spielt. Ihre Inspiration holt sie sich auf ihren Reisen. Insbesondere Schottland und Cornwall haben es ihr angetan. Schon immer träumte Valentina von einem Cottagegarten und Leben auf dem Bauernhof. Diesen Traum hat sie sich inzwischen erfüllt. Die Autorin lebt mit ihrem Mann auf einem idyllischen Hof im Weserbergland. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt und sich neue Geschichten ausdenkt, kümmert sie sich um ihren verwunschenen Rosengarten oder unternimmt Spaziergänge mit ihren Hunden durch den Wald.

1.

Larissas Hand mit dem Telefon zitterte. Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Sie sah sich wieder in Großvaters Garten mit dem ausladenden Kirschbaum stehen, dessen Zweige sich jeden Sommer unter der Last unzähliger dunkelroter Früchte gebogen hatten. Ihr Großvater hatte immer so gern davon genascht. Bei jedem ihrer Besuche hatte er ihr von den süßen Früchten ein prallgefülltes Körbchen geschenkt, das sie gierig verspeist hatte. Deutlich sah sie ihn vor sich, ein stattlicher Mann von einem Meter achtzig, mit weißem Haar und Geheimratsecken. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie ihn gern neckend in seine rote Nase gezwickt. Aber er hatte nie mit ihr geschimpft, sondern laut gelacht. Er war der gütigste und liebenswerteste Mensch, den sie kennengelernt hatte.

»Hast du mich verstanden, Larissa?« Die Worte ihrer Mutter sickerten nur langsam in ihr Bewusstsein.

»Larissa?« Ihre Mutter klang verärgert durchs Telefon.

»Ja, Mama, ich habe dich verstanden«, bestätigte sie. Sie fühlte sich wie betäubt.

Ihr Großvater hatte einen Schlaganfall und lag im Oldenburger Klinikum. Schlaganfall. Das Wort hallte in ihrem Kopf. Doch nicht mein vitaler Großvater.

»Wie geht es ihm?«, fragte sie.

»Ich war gestern bei ihm und kann nicht sagen, ob er mich überhaupt erkannt hat. Die ganze Zeit über hat er nur an die Decke gestarrt. Es war furchtbar.«

Die Worte ihrer Mutter machten ihr Angst.

»Oh, mein Gott!« Larissa kämpfte mit den Tränen.

»Ich habe mit dem Arzt und den Schwestern gesprochen. Aber keiner kann mir sagen, wann er wieder ansprechbar sein wird. Diese ganzen Schläuche und Geräte, an denen er hängt … Was ist, wenn das alles umsonst ist? Ich will ihn nicht auch noch verlieren.« Die Stimme ihrer Mutter versagte.

Wie gern hätte Larissa sie in diesem Moment tröstend an sich gezogen. Auch sie selbst war geschockt, ihre Kehle wie zugeschnürt. Nach allem, was ihre Mutter berichtet hatte, war das Schlimmste zu befürchten. Der Gedanke, ihren Großvater vielleicht nicht mehr wiederzusehen, war unerträglich. Sie musste ihn so schnell wie möglich besuchen, bevor es zu spät war.

Sie erinnerte sich daran, wie ihre Mutter und sie bei ihrem Vater Tag und Nacht am Sterbebett gesessen hatten.

»Vorhin am Telefon haben sie mich abgewimmelt. Die haben ihn vielleicht schon aufgegeben. Wie damals deinen Vater …« Ihre Mutter brach ab und schluchzte. Sie weinen zu hören, zerriss Larissa das Herz.

»Mama, das glaube ich nicht. Das, was Papa geschehen ist, muss sich nicht wiederholen. Sie tun sicher alles, damit es Opa bald besser geht«, versuchte sie ihre Mutter, vor allem auch sich selbst zu beruhigen. Sie fühlte sich hilflos in Berlin, zu weit weg von allem. Gleich nach dem Anruf würde sie sich auf den Weg nach Oldenburg begeben.

»Vielleicht hast du recht. Der Arzt meinte, wenn dein Opa durchkäme, bräuchte er intensive Pflege«, fuhr ihre Mutter schniefend fort. Wieder schluchzte sie in den Hörer. »Wie soll denn das gehen? Ich gehe den ganzen Tag arbeiten und dann noch mein Bandscheibenvorfall im letzten Jahr … Aber ihn in ein Pflegeheim bringen würde mir das Herz brechen.«

Mir auch!

»Wir werden schon eine Lösung finden«, sprach Larissa ihr Mut zu. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, dass der bislang körperlich und geistig fitte Großvater wie ein Schatten seiner selbst nur noch im Bett vor sich hin vegetieren könnte. Nicht noch einmal durfte das Schicksal so grausam sein. Ihr Großvater würde sich wieder erholen. Daran wollte sie glauben. Sie dachte an sein Haus, in dem man sich verlaufen konnte. Wie oft hatte ihre Mutter ihn zu überreden versucht, sich eine kleine Wohnung in ihrer Nähe zu suchen. Aber er hatte sich stets geweigert, es aufzugeben. In seinem Haus hatte er viele glückliche Jahre mit seiner geliebten Frau Angelika verbracht, und Larissas Mutter Ella war darin geboren worden.

»Ich verlasse dieses Haus nur als Leiche«, hatte ihr Großvater immer gesagt.

Larissa konnte es verstehen. Außerdem war es ein architektonisches Kleinod. In jeder Ecke mit liebevollen Details bestückt, voller verspielter Ornamente, einfach nostalgisch. All das spiegelte seine Persönlichkeit wider.

»Mama, ich komme gleich mit dem Frühzug. Morgen beginnen meine Semesterferien«, bot Larissa an.

»Wirklich? Du bist ein Schatz. Ich hatte so gehofft, dass du das sagst. Ich habe mein Amt als Küsterin bereits zur Verfügung gestellt und Pastor Engmann mitgeteilt, dass ich mich erst mal um meinen Vater kümmern muss.«

Ihre Mutter war sozial engagiert und bekleidete einige Ehrenämter in der Kirche und anderen caritativen Vereinigungen und ging darin auf. Larissa freute sich, dass ihre Mutter nach dem Tod ihres Mannes endlich wieder eine Lebensaufgabe gefunden hatte.

Larissas Vater war vor drei Jahren an Krebs gestorben, nur wenige Wochen nach der Diagnose. An einem kalten Dezembertag im Schlaf. Einfach so, ohne Vorwarnung. Noch immer fühlte sie den dumpfen Schmerz in sich, wenn sie an ihn dachte. Es hatte lange gedauert, bis sie und ihre Mutter seinen Tod akzeptiert hatten und bereit gewesen waren, wieder nach vorn zu blicken. Erst vor einem halben Jahr hatte ihre Mutter sein Grab besucht. Als Larissa sich im vergangenen Jahr darangemacht hatte, seine Anzüge in Kartons für die Wohlfahrt zu packen, war es zum Streit zwischen ihnen gekommen. Tagelang hatte ihre Mutter nicht mit ihr gesprochen, bis sie plötzlich an einem Samstagmorgen bei ihr angerufen und gebeten hatte, sie auf den Flohmarkt zu begleiten. Ein erster Schritt auf dem Weg in eine Zukunft ohne den geliebten Mann.

»Soll ich dich vielleicht vom Bahnhof abholen?«, fragte ihre Mutter und riss sie aus den Grübeleien.

»Nein, das brauchst du nicht. Nach der langen Zugfahrt wird mir Bewegung sicher guttun.«

»Wie du meinst, mein Schatz. Schade.« Deutlich war die Enttäuschung ihrer Mutter herauszuhören.

»Also, Mama, bis dann. Ich schreibe dir dann eine Nachricht, wann ich ankomme. Bussi.«

Obwohl in Oldenburg ihr Elternhaus stand und sie ihre Familie von Herzen liebte, hatte Larissa sich in dieser Stadt nie wirklich wohlgefühlt. Vielleicht lag es an den Erzählungen der Großeltern, die ihre Kriegserlebnisse und die Schwierigkeiten unter der britischen Besatzungsmacht geschildert hatten. Das Haus ihrer Urgroßeltern, in dem sich noch der alte Bäckerladen befand, war einst von den Engländern beschlagnahmt worden, und ihre Familie hatte sich eine Wohnung nebenan mit den Nachbarn teilen müssen. Kein Wunder, dass auf engstem Raum Konflikte entstanden waren.

Großvater Hugo hatte die britischen Besatzer deshalb gehasst. Nur ihre Großmutter hatte sich stets zurückgehalten, wenn die anderen über die Tommis, wie sie die Briten genannt hatten, hergezogen waren. Überhaupt hatte sie ihre Großmutter als weltoffene Frau kennengelernt, die kulturell sehr gebildet gewesen war. Doch ihre Träume von Reisen in exotische Länder waren unerfüllt geblieben. Larissa hatte das Fernweh von ihr geerbt und deshalb die Ausbildung zur Hotelkauffrau absolviert. Seitdem war sie viel in der Welt herumgekommen und wünschte sich sehr, einmal selbst ein Hotel zu führen.

Besonders Großbritannien hatte sie mit seiner Tradition, Kultur und Geschichte beeindruckt. Vielleicht wäre sie damals im Hotel in Brighton geblieben, wäre ihr Vater nicht schwer erkrankt. Stattdessen hatte sie den Job gekündigt und war nach Deutschland zurückgekehrt. Nach dem Tod des Vaters war sie wie gelähmt gewesen und hatte den Wunsch verspürt, ihr Leben zu ändern. Schließlich hatte sie den Entschluss gefasst, in Berlin Anglistik und Betriebswirtschaft zu studieren, und es nicht bereut. Auch wenn sie andere Wege beschritten hatte, war sie ihrem Traum von einem eigenen kleinen Hotel insgeheim treu geblieben. Irgendwann würde sich vielleicht ihr Wunsch erfüllen.

Larissa lief ins Schlafzimmer und holte ihren Koffer vom Schrank.

Während sie ihn packte, musste sie immer wieder an Großvater Hugo denken, den sie nur als gütig und liebevoll kennengelernt hatte. Warum musste es ausgerechnet ihn treffen? Sie wischte sich die Tränen von den Wangen. Hoffentlich würde er sich wieder erholen.

Der Zug war rappelvoll. Viele Fahrgäste standen und saßen in den Gängen. Larissa war froh, sich mit der Fahrkarte noch eine Platzkarte geleistet zu haben. Eigentlich hatte sie vorgehabt, in diesen Semesterferien nach England zu reisen, um Freunde zu besuchen. Dafür hatte sie jeden Cent gespart. Aber das Schicksal hatte anders entschieden. Sie schaute zum blauen Himmel hinauf. Auch heute versprach es wieder ein heißer Sommertag zu werden. Ihr Großvater liebte den Sommer und verbrachte jede freie Minute in seinem Gemüsegarten zwischen Tomaten, Gurken und Kletterbohnen. Als Kind hatte sie ihn in seinem grünen Refugium öfter besucht. Doch in den letzten beiden Jahren waren ihre Besuche auf Weihnachten beschränkt gewesen, was sie heute bedauerte.

Schmunzelnd erinnerte sie sich, dass ihr Großvater seine Geranien und Tomaten im Badezimmer vorgezogen hatte. Fast glaubte sie den würzigen Duft der Pflanzen zu riechen und die filigranen Stängel zwischen ihren Fingern zu spüren. Bestimmt war sein Gemüse in diesem sonnenverwöhnten Sommer in die Höhe geschossen. Wer sich wohl jetzt um seinen Garten kümmerte? Ihre Mutter hasste Gartenarbeit.

Larissa lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Die Landschaft flog an ihr vorbei, Orte, Wälder und Felder, bis das Land flach und die Wiesen größer wurden, auf denen unzählige Kühe grasten. Das Bild perfekter, ländlicher Idylle. Doch heute war es überschattet von der Krankheit ihres Großvaters. Vielleicht wäre es das letzte Mal, dass sie ihn wiedersah. Hastig verdrängte sie die aufkeimende Furcht um ihn. Er besaß eine starke Konstitution und würde es schaffen. Die Vorstellung tröstete sie.

Endlich lief der Zug im Oldenburger Hauptbahnhof ein. Larissa hievte ihren Koffer aus der Gepäckablage über dem Sitz herunter, nahm ihre Jacke und reihte sich in die Schlange der Aussteigenden ein. Sie hatte vergessen, ihre Mutter über ihre Ankunft zu benachrichtigen. Doch das war gut so, denn sie brauchte Zeit für sich allein, um sich auf den Besuch bei ihrem Großvater vorzubereiten.

Nachdem sie die belebte und kühle Halle des Hauptbahnhofs durchquert hatte, trat sie nach draußen. Die Tür schwang hinter ihr zu und ließ das Stimmengewirr der vielen Menschen verstummen. Es war Mittagszeit und brütend heiß, kein Lüftchen wehte. Nach wenigen Schritten perlte Schweiß von ihrer Stirn, sodass sie bereute, ihre Mutter nicht gebeten zu haben, sie abzuholen.

Sie wickelte ihre Jacke um die Taille und machte sich auf den Weg. Der Koffer rumpelte über das Kopfsteinpflaster. Vom Hauptbahnhof war es nicht weit bis zum Hafen, wo ihr Elternhaus lag, in dessen Erdgeschoss noch immer Großvater Hugos Bäckerei tagein, tagaus ihre Ladentür öffnete. Ihr Großvater hatte sein Geschäft einst schweren Herzens an einen jüngeren Kollegen verpachtet. Der hatte mit viel Geschick und Einfühlsamkeit den Laden ausgebaut. Dennoch ließ ihr Großvater es sich nicht nehmen, dem Laden täglich einen Besuch abzustatten. »Will nur nach dem Rechten sehen«, wie er immer sagte. Zu seiner Freude backte der Pächter noch nach einigen seiner Rezepte. Der Bäckerbetrieb war das Leben von Larissas Großvater gewesen. Arthrose hatte seine Finger gekrümmt und steif werden lassen, dass das Teigkneten und -formen nicht mehr möglich war und er seine Arbeit aufgeben musste. Zu seinem Leidwesen. Immer weniger verließ er sein Haus in Oldenburgs bekanntem Villenviertel. Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren alle Gottwald-Generationen Bäcker gewesen und hatten den Laden an die Söhne weitervererbt. Doch erst Großvater Hugo hatte ihn nach dem Ende der britischen Besatzung zu einem mehr als profitablen Unternehmen gemacht, dass er neben dem Stammgeschäft noch weitere Filialen in und um Oldenburg eröffnet hatte. Larissa liebte den alten Laden, der zwar inzwischen mit modernster Technik ausgestattet war, aber dessen Verkaufsraum noch immer den Charme vergangener Zeiten besaß.

Als Kind hatte sie sich morgens hinunter in die Backstube zu Großmutter Angelika geschlichen, um sich ihr heißgeliebtes Milchbrötchen zu holen.

Ihre Großmutter war von einem ganz anderen Naturell gewesen als ihr Mann, stets umgeben von einer Traurigkeit und Melancholie. Nur mit ihrer Mutter hatte sie viel gelacht und gescherzt.

Oft nach Ladenschluss war ihre Großmutter zum Hafen hinuntergegangen und hatte mit sehnsuchtsvollem Blick aufs Wasser geschaut. Gleich würde sie die Stelle, an der sie öfter gestanden hatte, wiedersehen.

Larissa wechselte die Straßenseite und lief im Schatten der Häuser. Das Stadtbild hatte sich verändert, seitdem sie Oldenburg verlassen hatte. Einige Häuser standen leer, die alten Kastanienbäume existierten nicht mehr, und in manchen Läden wurden exotische Waren verkauft. Sie lief über die Brücke und blieb stehen. Dort drüben hinter der Brüstung hatte ihre Großmutter oft gestanden und den Schiffen hinterhergeschaut. Larissa hatte das Gefühl gehabt, sie wolle mit ihnen fahren, egal wohin. Sie nahm an, dass es das Fernweh war, das ihre Großmutter zum Hafen getrieben hatte.

Larissa setzte den Weg fort und erreichte nach wenigen Minuten das Haus, in dem sie einst aufgewachsen war. Der schwarze, schmiedeeiserne Zaun, der den Garten vom Gehweg trennte, war frisch schwarzlackiert. Ihr einstiges Zuhause war ein Reihenhaus mit einem winzigen Vorgarten und einem idyllischen Hinterhof. Es hatte ihren Urgroßeltern gehört, die es ihrer Mutter vererbt hatten. Larissa suchte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel.

Nach ihrem Umzug nach Berlin hatte sie ihrer Mutter den Hausschlüssel zurückgeben wollen. Doch die hatte den Kopf geschüttelt. »Behalte ihn. Du sollst wissen, dass du hier immer zu Hause sein wirst.«

Im Flur roch es nach frisch gebackenem Zitronenkuchen, dass ihr das Wasser im Mund zusammenlief.

Zum Bedauern ihrer Großeltern war ihre Mutter nicht in die Fußstapfen der Gottwalds getreten, sondern Lehrerin geworden. Nur hin und wieder backte sie gern zu verschiedenen Anlässen.

Larissa stellte ihren Koffer ab. Sie freute sich sehr darauf, ihre Mutter wiederzusehen, und folgte dem köstlichen Duft in die Küche. Auf dem Tisch in der Mitte stand ein Backblech mit Zitronentörtchen, während ihre Mutter gerade ein zweites Blech in den Ofen schob.

»Das duftet himmlisch«, schwärmte Larissa und leckte sich über die Lippen. Sie lief zum Tisch hinüber, um an den frischen Küchlein zu schnuppern. Weil sie nicht widerstehen konnte, strich sie mit dem Finger über die Baiserkrone.

»Finger weg!«, rief ihre Mutter streng und hob den Zeigefinger. »Die sind für das Gemeindecafé.«

Larissa hielt inne und zog ein enttäuschtes Gesicht.

»Och, schade. Ich dachte, die sind für mich. Sind doch meine Lieblingstörtchen. Kann ich nicht ein klitzekleines Stückchen davon probieren?« Flehend sah sie ihre Mutter an.

»Davon nicht, aber davon.« Lächelnd zeigte ihre Mutter auf eine gläserne Kuchenhaube am Fenster, unter der zwei Törtchen schlummerten. »Falls du einen Kaffee dazu willst …« Sie deutete auf die Espressomaschine.

»Danke, das ist lieb von dir, Mama. Das verschiebe ich lieber auf später. Erst möchte ich zu Opa.«

Ihre Mutter nickte. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Ihr aschblondes Haar hatte sie hochgesteckt, wie sie es immer tat, wenn sie in der Küche arbeitete. Unter der hellblauen Latzschürze trug sie ein Top und Jeans. Nach dem Tod von Larissas Vater hatte sie lange Zeit nur viel zu weite Pullover und Leggings getragen.

Ihre Mutter wischte sich die Hände an der Schürze ab und kam auf sie zu.

»Nun lass dich erst mal umarmen, mein Schatz. Schön, dass du hier bist.« Sie breitete die Arme aus und zog Larissa an sich. Dennoch entging Larissa nicht das leichte Zittern in der Stimme ihrer Mutter. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie nur noch einander hätten, wenn ihrem Großvater etwas zustieße.

»Mama, ich möchte bitte gleich zum Krankenhaus«, sagte Larissa und nahm eines der Zitronentörtchen unter der gläsernen Kuppel hervor.

»Ja, natürlich. Ich hol nur schnell den Wagenschlüssel.«

Ihre Mutter band sich die Schürze ab und lief in den Flur, Larissa folgte ihr.

2.

Die Hände ihrer Mutter zitterten auf dem Lenkrad. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Larissa versuchte, sich abzulenken, und schaute zum Fenster hinaus.

Nachdem sie den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus geparkt hatten, stiegen sie aus. Die Miene ihrer Mutter wirkte angespannt, und immer wieder seufzte sie.

Auch Larissas Herz schlug hart gegen ihre Rippen. Sie fassten sich an den Händen, was tröstlich war, auch wenn die Hand ihrer Mutter eiskalt war. Das Krankenhaus barg keine guten Erinnerungen. Hier waren ihre Großmutter und ihr Vater gestorben.

Als sich die gläsernen Türen des Haupteingangs öffneten, schlug ihnen der typische Geruch nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln entgegen. Larissa bereute bereits, das Zitronentörtchen gegessen zu haben, das ihr jetzt bei der Aufregung wie ein Stein im Magen lag.

Sie stiegen in den Fahrstuhl ein und liefen danach durch schier endlose Gänge, bis ihre Mutter vor einer der vielen Türen stehenblieb und zaghaft klopfte. Eine Schwester trat im selben Augenblick aus dem Schwesternzimmer und kam auf sie zu.

»Möchten Sie zu Herrn Gottwald?«, fragte sie.

Larissas Mutter nickte. »Gibt es etwas Neues von meinem Vater?«, fuhr sie mit bewegter Stimme fort.

»Leider, nein. Wir wissen nicht, wie viel er mitbekommt. Manchmal reagiert er auf unsere Worte oder Berührungen, aber manchmal nicht. Seine linke Gesichtshälfte ist gelähmt. Bitte bleiben Sie nicht zu lange bei ihm. Er braucht seine Ruhe.«

Bevor sie das Krankenzimmer betraten, umarmten sie sich noch einmal, dann öffnete Larissa die Tür.

Im lichtdurchfluteten Krankenzimmer standen zwei Betten, wovon das eine verwaist war. Hinten am Fenster lag ihr Großvater.

Larissas Herz zog sich zusammen, als sie ihn bleich im Bett liegen sah in seinem gestreiften Lieblingspyjama. Neben dem Bett befand sich der Ständer mit einer Tropfinfusion. Selbst aus seiner gewöhnlich roten Nase schien alle Farbe gewichen zu sein. Sein Gesicht war durch die Lähmung schief. Speichel rann aus seinem Mundwinkel über die Wange aufs Kissen. Als sie näher traten, starrte er sie an. Kein Zwinkern, kein Zucken. Eine eisige Hand griff nach Larissas Herz. Sie hatte sich vieles ausgemalt, dass er vielleicht stammeln würde zum Beispiel. Aber sein Anblick schockte sie. Nichts deutete darauf hin, dass er sie erkannte. Wo war der lebensbejahende, kräftige Mann von einst geblieben?

»Hallo, Vati.« Ihre Mutter beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Stirn. »Ich habe dir heute Larissa mitgebracht.«

Immer hatte er sich darüber gefreut, sie wiederzusehen. Heute zeigte er keine Reaktion. Mit aller Macht kämpfte Larissa gegen die Tränen, als sie ebenfalls an sein Bett trat.

»Hallo, Opa, ich bin’s«, sprach sie leise und suchte in seiner Miene vergeblich nach einer Regung. Larissa sah hinunter und bemerkte, wie seine Hände krampften. Er spürt, dass wir bei ihm sind. Hinter sich hörte sie ihre Mutter leise schluchzen. Larissa wandte sich zu ihr um und legte ihr den Arm um die Schultern.

»Es ist so furchtbar, dass er uns nicht erkennt.« Ihre Mutter tupfte sich mit einem Tuch die Tränen aus dem Gesicht.

»Aber er spürt, dass wir da sind. Und das zählt. Wir dürfen nicht vor ihm weinen, sonst regt er sich auf.« Larissa zeigte auf seine Hände, die sich ballten und wieder öffneten.

»Ich weiß nicht …« Ihre Mutter schüttelte den Kopf. Sie wirkte so mutlos, dass Larissa das Herz noch schwerer wurde.

»Wir müssen Geduld haben und abwarten«, versuchte sie ihrer Mutter Mut zuzusprechen.

»Geduld! Die haben wir doch immer bewiesen.« Sie lächelte bitter.

Plötzlich stöhnte ihr Großvater, und seine Glieder zuckten.

»Lass uns lieber nach draußen gehen«, schlug Larissa vor und hoffte, dass sich ihre Mutter beruhigen würde. Die nickte.

»Wir kommen gleich wieder, Opa«, sprach Larissa zu dem Kranken und legte ihm behutsam die Hand auf die Schulter. In diesem Moment schaute er sie an wie immer. Ein Leuchten ging über sein Gesicht.

Doch das währte nur einen flüchtigen Augenblick, dann sanken seine Lider herab.

»Opa?«, rief Larissa gerührt und drückte seine Hand. »Opa, kannst du mich verstehen?«

Ihre Mutter blickte auf und sah sie fragend an.

»Ich glaube, er hat mich eben erkannt«, sprach Larissa aufgeregt. »Das ist ein gutes Zeichen.« Sie wollte daran glauben.

»Das hast du dir bestimmt nur eingebildet«, flüsterte ihre Mutter. Larissa blickte ihren Opa an, der die Augen geschlossen hatte. Ihre Mutter wollte nach draußen gehen, aber Larissa bedeutete ihr mit einer Geste zu bleiben. Sie wollte wissen, ob sich das von eben noch einmal wiederholen würde. Doch nichts geschah. Die gleichmäßigen Atemzüge ihres Großvaters verrieten, dass er eingeschlafen war. Larissa war enttäuscht. Habe ich mir das vielleicht doch nur eingebildet, weil ich es mir so sehr wünsche? Nein, er hat mich angesehen.

»Mama, wirklich, er hat mich angesehen«, sagte Larissa, kaum dass sie auf dem Flur standen.

»Ich möchte nicht, dass du dir wieder etwas vormachst. Wie bei deinem Vater.«

Larissa zuckte bei ihren Worten zusammen. Damals war sie überzeugt gewesen, den schwerkranken Vater auf dem Flur des Krankenhauses gesehen zu haben. Dabei hatte er im Koma gelegen. Ein Irrtum, den der Arzt später als Wunschdenken bezeichnet hatte.

»Nein, Mama, ich habe mich diesmal nicht geirrt«, beharrte sie.

»Ich muss an die frische Luft.« Weiß wie die Wand eilte ihre Mutter den Flur entlang, an dessen Ende sich der Ausgang zu einem Balkon befand. Sie zog die Tür auf und trat hinaus. Larissa folgte ihr und betrat ebenfalls den schmalen Balkon. Ihre Mutter lehnte sich gegen die Brüstung und zündete sich eine Zigarette an. Tief inhalierte sie den Rauch, stieß ihn aus und zog gierig ein zweites Mal an der Zigarette.

»Du rauchst wieder?«, fragte Larissa entsetzt.

»Ab und zu«, antwortete ihre Mutter. »Ich will ihn nicht auch noch verlieren«, brach es verzweifelt aus ihr heraus.

»Ich auch nicht, Mama. Wir können nur das Beste hoffen.«

»Hoffen! Worauf? Dass alles so wird, wie es einmal war? Es wird nie wieder so sein. Du weißt das, ich weiß es und er sicher auch. Das hat er nie gewollt. Er wollte immer in seinem Garten sterben, umgeben von seinen Pflanzen.«

Qual und Verzweiflung schwangen in den Worten ihrer Mutter mit.

»Noch lebt er.« Larissa fasste sie an den Schultern. Sie so verzweifelt zu sehen, war unerträglich. Damals bei ihrem Vater war ihre Mutter es gewesen, die ihr Mut und Trost gespendet hatte. Jetzt muss ich stark sein.

»Wir dürfen nicht die Hoffnung verlieren, Mama. Wenn wir ihn aufgeben, tut er es vielleicht auch. Das hast du mir damals an Papas Krankenbett gesagt. Erinnerst du dich?«

»Ja, ich erinnere mich«, antwortete sie schniefend. »Aber ich bin nicht stark. Mir fehlt einfach die Kraft dafür, nach allem, was wir in den letzten Jahren durchgemacht haben.«

Larissa verstand ihre Mutter gut.

»Ich bin bei dir, Mama, wir stehen das gemeinsam durch«, versicherte sie ihr.

Der Tod von Großmutter Angelika hatte ein Loch in ihr Leben gerissen. Ihre Mutter hatte sich nach deren Ableben Tag und Nacht um den trauernden Hugo gekümmert. Ihr Großvater hatte sich geweigert, etwas zu essen und das Haus zu verlassen. Dann war Larissas Vater schwer erkrankt. Über seinen Tod war ihre Mutter nur schwer hinweggekommen.

»Danke, mein Schatz. Du ahnst nicht, wie viel mir das bedeutet, dass du bei mir bist.«

»Und ich bin froh, hier zu sein, an deiner Seite.«

Larissa gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange.

»Ich gehe noch einmal zu Opa zurück. Kommst du mit?«, fragte sie ihre Mutter nach einer Weile.

»Ich … ich kann noch nicht. Ich rauche noch eine und komm dann nach.«

Liebevoll umarmte Larissa sie. »Alles wird gut, Mama, wirst sehen«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Bis gleich.«

Grübelnd lief Larissa zum Krankenzimmer des Großvaters zurück. Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter. Wenig später saß sie wieder auf dem Hocker neben seinem Krankenbett und nahm seine Hand. Die Minuten verrannen, aber ihre Mutter kehrte nicht zurück. Als Larissa aus dem Fenster schaute, sah sie sie draußen vor dem Krankenhaus auf und ab gehen. Sicher brauchte sie ein wenig Zeit, um sich zu beruhigen.

Larissa streichelte über den Handrücken ihres Großvaters. Seine Haut war kalt und fühlte sich an wie Pergament. Jetzt starrte er an die Decke. Eine Träne lief aus seinem Augenwinkel. Er drehte den Kopf zur Seite und sah sie an. Sein Blick war klar wie immer. Er wisperte so leise, dass Larissa sich tief zu ihm hinunterbeugen musste. Er umklammerte mit beiden Händen ihre, als befürchte er, sie könnte davonrennen.

»La … ri … ssa.« Es war nur ein Wispern. Aber es bestätigte ihr, dass er sie vorhin erkannt hatte. Endlich ein Zeichen, dass sein Geist bei ihnen weilte. Sie dankte dem Schicksal dafür, zog seine Hand an die Lippen und küsste sie.

»Ja, Opa, ich bin hier bei dir«, antwortete sie gerührt. Wieder bewegte sich sein Mund. Larissa hatte das Gefühl, dass er ihr unbedingt etwas mitteilen wollte.

»Willst du mir etwas sagen, Opa?«, fragte sie, und er senkte kurz die Lider.

»Soll ich Mama holen?«, fragte sie. Da krampften erneut seine Hände und seine Finger bohrten sich schmerzhaft in ihre Haut, dass sie kurz die Luft anhielt.

»Bleib … keine … Zeit mehr … musst … mir … zuhören …«, lallte er. Larissa musste sich sehr konzentrieren, dass sie ihn verstand.

»Ja, natürlich«, versprach sie ihm.

»Komm … näher.« Er zog an ihrer Hand, dass Larissa sich tief zu ihm hinunterbeugte.

»Nä … her«, wisperte er. Sie folgte seiner Aufforderung und stützte sich mit dem Arm auf dem Bett ab, um ihr Ohr dicht über seinen Mund halten zu können.

Gespannt lauschte sie seinem Geflüster.

Zuerst wiederholte er immer wieder den Namen Angelika.

»Was ist denn mit Großmutter?«, fragte Larissa und spürte, wie ein Zittern seinen Körper durchlief. Es regte ihn sehr auf, dass Larissa ihn am liebsten gestoppt hätte. Doch sie spürte, dass ihm etwas auf der Seele lastete, was er unbedingt loswerden musste.

»Gewissen … Angelika … alles meine Schuld … Lüge … kein Paradies … Schlüssel … alles zu spät und vorbei …« Er versuchte sich aufzurichten, was ihm nicht gelang. Immer wieder und drängender flüsterte er den Namen der Großmutter. War er vielleicht doch aus Angst vor dem Sterben derart verstört, dass er halluzinierte? Oder verwechselte er sie mit ihrer Großmutter?

»Ich bin’s doch. Larissa. Ich bin bei dir«, versuchte sie ihn zu beruhigen und tätschelte seine Hand. Er streckte den Zeigefinger aus und deutete auf die Schublade des Nachttisches.

»Soll ich dir was geben?«, fragte sie. Als er schwach nickte, zog sie die Schublade auf. Im Nachttisch befanden sich seine Brille und seine Brieftasche.

»Welches von beiden möchtest du?« Sie hielt die beiden Gegenstände in die Höhe. Sein Zeigefinger deutete auf die Brieftasche, die sie ihm reichte. Mit zittrigen Fingern zog er einen Schlüssel heraus und reichte ihn ihr. Fragend blickte Larissa ihn an.

»Was ist denn damit?«, fragte sie.

»Meine … Schuld …«, sagte er eindringlich und sah sie fest an.

»Opa, ich verstehe nicht, was ich mit dem Schlüssel soll. Von welcher Schuld sprichst du?«

Ihr Großvater rang nach Atem, schien mühsam nach Worten zu suchen.

Sein Griff lockerte sich, und der Kopf sank aufs Kissen zurück. Larissa spürte, wie seine Kräfte schwanden. Jeder Ton, der über seine Lippen kam, war nicht mehr als ein Hauch.

»Was willst du mir denn damit sagen?«, bohrte sie verzweifelt weiter.

Doch die Bewegung seiner Lippen wurde langsamer, der Druck seiner Finger um ihre Hand schwächer und sein Blick leerer.

Plötzlich sackten seine Arme herab, und er verstummte. Sein linker Arm baumelte aus dem Bett. Im Krankenzimmer herrschte eine unheimliche Stille. Auch aus dem belebten Flur drang kein Laut herein. Larissas Herz klopfte bis zum Hals. Sie schaute ihren Großvater an, der jetzt reglos im Bett lag und nicht mehr atmete. Seine wasserblauen Augen starrten ins Leere.

»Opa?« Sie streichelte seine Hand, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

»Opa? Bitte sag doch was«, flehte sie und schluchzte. Aber er rührte sich nicht. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was sie sah. Das Unfassbare war geschehen. Leise öffnete sich die Zimmertür, und ihre Mutter trat ein. Sie sah erst ihren Vater an und dann Larissa. Mit ausgebreiteten Armen kam sie auf Larissa zu. Schluchzend fielen sie sich in die Arme und weinten hemmungslos.

3.

Ihre Tränen waren versiegt. Doch wieder und wieder durchlebte Larissa das eben Geschehene. Sie saß mit ihrer Mutter draußen vor dem Krankenhaus auf einer Bank. Schweigend, jede für sich in tiefer Trauer versunken. Larissa spürte die gleiche verfluchte Ohnmacht wie einst beim Tod ihres Vaters. Eben noch hatte ihr Großvater ihre Finger umklammert, und jetzt war er für immer von ihnen gegangen.

Sie knetete das Taschentuch in der Hand.

»Ich bin in seinen letzten Minuten nicht bei ihm gewesen. Das werde ich mir nie verzeihen«, stieß ihre Mutter mit erstickter Stimme hervor und presste die Hand auf den Mund.

»Mama, du darfst dir keine Vorwürfe machen. Niemand konnte ahnen, dass er so schnell sterben würde. Sicher hätte er dafür Verständnis. Er weiß doch, was du durchgemacht hast«, versuchte sie ihre Mutter zu trösten, die gequält lächelte.

»Danke, dass du mich trösten willst.« Sie legte ihre Hand auf Larissas und drückte sie sanft. »Hat er denn nach mir gefragt?« Ihre Mutter sah sie so hoffnungsvoll an, dass Larissa es nicht fertigbrachte, ihr die Wahrheit zu gestehen.

»Ja, natürlich«, log sie und spürte, wie erleichtert ihre Mutter war. Der Schlüssel, den Hugo ihr gegeben hatte, drückte in ihrer Hosentasche.

Seine letzten Worte kreisten in einer Endlosschleife durch ihren Kopf. Was konnte er damit nur gemeint haben? Welche Schuld und welche Lüge? Und dann der Schlüssel, und was meinte er mit Paradies? All das ergab keinen Sinn und stand in keinem Zusammenhang.

»Aber da war noch etwas … Seltsames«, begann Larissa und bemerkte, wie der Kopf ihrer Mutter hockruckte.

»Seltsames?«

»Ja, er hat von einer Schuld gesprochen, was ich nicht verstanden habe.«

Die Augen ihrer Mutter weiteten sich.

»Was meinst du damit?«, fragte sie.

»Na ja, am Anfang hat er Großmutters Namen wiederholt und dann von Schuld und Lüge gesprochen. Dass alles zu spät wäre, und er hat das Wort Paradies genannt. Keine Ahnung, was er damit gemeint hat. Er hat mir diesen Schlüssel gegeben. Er steckte in seiner Brieftasche. Weißt du vielleicht, wozu er gehört?«

Larissa zog den filigranen Schlüssel aus der Hosentasche und hielt ihn ihrer Mutter hin. Der Schlüsselkopf bestand aus einem Ring, in dessen Mitte ein Blatt zu erkennen war. An einigen Stellen war das Metall rostig.

Ihre Mutter betrachtete den Schlüssel und runzelte die Stirn.

»Den habe ich noch nie gesehen. Könnte von einem Kästchen stammen oder einer kleinen Schublade oder was weiß ich. Und auf seine Worte kann ich mir auch keinen Reim machen. Ich muss dir Recht geben, das klingt alles sehr krude. Vielleicht war er kurz vor dem Tod verwirrt.«

Larissa schüttelte den Kopf. »Nein, Mama, er war bei klarem Verstand. Er wollte sein Gewissen erleichtern.«

»Warum sollte er denn? Er war ein aufrechter und loyaler Mensch. Meine Eltern haben sich immer gut verstanden und waren glücklich«, verteidigte ihre Mutter den Großvater. Larissa bereute, damit angefangen zu haben, denn offenbar verletzte es ihre Mutter.

Mitfühlend legte sie ihre Hand auf die ihrer Mutter. »Du weißt doch, wie sehr ich Opa geliebt habe. Ich möchte weder ihn beschuldigen noch dich verletzen, sondern suche nur nach einer Erklärung. Bitte versteh doch, dass mich das auch alles durcheinandergebracht hat. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass es ihn all die Jahre bedrückt haben könnte. Warum hat er nie was davon erzählt?«

»Du hast recht, Liebes, es ist schon seltsam, dass er dir das erst kurz vor seinem Tod anvertraut hat, wenn es ihn schon so lange bedrückt hat. Ich bezweifle, dass er mit jemandem darüber gesprochen hat.« Ihre Mutter saß da, starrte vor sich hin und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht, Mama. Er wird seine Gründe dafür gehabt haben.« Gründe, die Larissa brennend gern gewusst hätte.

Das Verhältnis des Großvaters zu ihrer Mutter war manchmal spannungsgeladen gewesen, was wohl daran lag, dass er seiner Tochter noch immer verübelte, nicht in seine Fußstapfen getreten zu sein und seinen geliebten Laden übernommen zu haben. Ihre Mutter war viel zu einfühlsam und kreativ und ging in ihrem Beruf als Lehrerin auf. Das musste doch auch ihr Großvater erkannt haben. Und sie war nicht gerade eine grandiose Bäckerin, sie bekam lediglich ein paar Standardsachen gut hin, wie zum Beispiel ihre Zitronentörtchen. Bei ihrem letzten kreativen Versuch vor drei Jahren hatte sie sich an einer Biskuitrolle versucht, die beim Schneiden komplett auseinanderfiel und viel zu süß war. Ihre Mutter hatte sich zutiefst geschämt.

»Ich bin nie die Tochter gewesen, die er sich gewünscht hat«, sagte ihre Mutter nach einer Weile leise. »War für ihn nur immer die Träumerin, die für Praktisches nicht zu gebrauchen war. Das hat er mich oft genug spüren lassen. Für meinen Beruf als Lehrerin hat er sich nie interessiert.«

»Keiner kann sich seine Kinder oder Eltern aussuchen. Aber ich denke, dass er dennoch stolz auf dich gewesen ist, auch wenn er es nicht so gezeigt hat«, entgegnete Larissa. »Als dir deine Kunstschüler zum Jubiläum dieses Plakat gemalt und über unserer Haustür aufgehängt haben, lag Stolz in seinem Blick.«

»Dabei hat er immer abfällig die Nase über Kunst gerümpft. ›Kunst? Was ist das schon‹, hat er immer gesagt«, erwiderte ihre Mutter. »Und dass ich die Sprache der verhassten Besatzer gelernt habe, konnte er nicht verstehen. Er hat leider nie begriffen, dass Englisch die Allerweltssprache ist.«

Larissa horchte auf bei ihren bitteren Worten.

»Das resultierte aus seinen Erfahrungen in der Kindheit«, verteidigte sie das Verhalten ihres Großvaters. Die Miene ihrer Mutter war wie versteinert. Larissa spürte, dass zwischen den beiden eine größere Kluft bestanden hatte, als bislang angenommen. Kleine Meinungsverschiedenheiten waren nicht selten gewesen. Doch zum ersten Mal hörte sie aus den Worten ihrer Mutter heraus, dass sie sich von ihrem Vater nicht anerkannt gefühlt hatte.

Larissa erinnerte sich an einen heftigen Streit zwischen ihrer Mutter und dem Großvater, als sie noch ein Kind gewesen war. Die lauten, aufgeregten Stimmen hatten sie damals geängstigt. Sie hatte nicht verstanden, worum es gegangen war. Danach wurden Türen geknallt und ihre Mutter hatte für einige Tage das Haus verlassen. Larissa hatte weder erfahren, was der Grund für ihren Streit gewesen war, noch, wo sie in der Zwischenzeit gewesen war. Traurig hatte sie Trost bei ihrer Oma gesucht und gefunden. Seit diesem Tag hatte sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter verschlechtert. Keiner von ihnen hatte darüber ein Wort verloren, aber die Stimmung war stets angespannt gewesen.

Gern hätte Larissa ihre Mutter jetzt danach gefragt. Aber sie entschied, ihre Fragen auf einen geeigneteren Zeitpunkt zu verschieben.

Larissa verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. Dunkle Wolken schoben sich vor die Sonne, und ein frischer Wind kam auf.

»Lass uns nach Hause gehen, Mama, es sieht nach Regen aus.« Sie erhob sich von der Bank.

Auch ihre Mutter stand auf. »Du hast recht, es gibt einiges zu regeln … wegen der Bestattung.« Sie kämpfte erneut mit den Tränen.

4.

An Großvater Hugos Beerdigungstag goss es in Strömen.

»Die Engel weinen um einen lieben Menschen«, hatte ihre Großmutter immer gesagt.

Larissa stand mit dem Regenschirm in der Hand vor dem ausgeschachteten Grab und schaute auf den Eichensarg ihres Großvaters mit dem Blumengesteck hinab, den sie und ihre Mutter ausgesucht hatten. Dort lag er drin, in seinem Lieblingsanzug mit einer Rose in der Hand. Bleich und kalt. Er nahm all seine Gedanken und Gefühle mit in eine andere Welt. Ein winziges Stück Geschichte.

Larissa konnte nicht weinen, sondern fühlte eine unbeschreibliche Taubheit und Leere in sich. Bei ihrem Vater hatte sie sich damals den Kummer von der Seele geheult. Das hatte sie erleichtert. Heute glaubte sie am Schmerz ersticken zu müssen. Sie würde ihren Großvater unsäglich vermissen. Nach langem Zögern warf sie die beiden dunkelroten Rosen in ihrer Hand dem Sarg hinterher. »Leb wohl, Opa«, flüsterte sie.

Dann trat auch sie wie ihre Mutter kurz zuvor für die anderen Trauergäste beiseite. Es waren nur wenige zur Trauerfeier eingeladen worden, seine beiden besten Freunde Max und Viktor und eine Handvoll Nachbarn. Unter ihnen Trude Hausmann, die im Nachbarhaus wohnte und bereits mit ihrem Großvater zur Schule gegangen war. Die rundliche Trude, oder Tante Trude, wie Larissa sie immer genannt hatte, trug ein schwarzes Kostüm, das über Busen und Hüften spannte. Die einstige Lehrerin hatte ihre Haare streng zurückgekämmt und zum Dutt hochgesteckt. Larissa konnte sich nicht daran erinnern, dass sie jemals eine andere Frisur getragen hätte.

Tante Trude war burschikos und hielt mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, was schon so manchen Anlass für eine Auseinandersetzung geliefert hatte. Dennoch mochte Larissa sie und schätzte ihre Ehrlichkeit. Als sich ihre Blicke begegneten, nickte sie ihr zu. Von ihrer Großmutter wusste sie, dass Tante Trude auch damals ihren aufgebrachten Großvater beschwichtigt hatte, als ihre Mutter den Wunsch geäußert hatte, Lehrerin zu werden anstatt Bäckerin.

Nachdem sie mit dem Pfarrer das Vaterunser gebetet hatten, kam Tante Trude auf sie zu.

»Mein Beileid, Ella-Kind.«

»Danke, Trude. Schön, dass du gekommen bist. Papa hätte sich sicher sehr darüber gefreut«, antwortete ihre Mutter und ergriff Trudes Hand.

»Vielleicht«, sagte Trude. Larissa horchte angesichts der verhaltenen Antwort auf. Die Nachbarin hatte sich doch immer gut mit ihrem Großvater verstanden.

»Doch, bestimmt«, widersprach ihre Mutter.

Tante Trude sog scharf die Luft ein, ihr Blick war zweifelnd.

»Ist irgendetwas zwischen Großvater und dir vorgefallen?«, wandte sich Larissa an Trude.

»Die kleine Lari! Ich erinnere mich noch genau daran, dass du immer geflochtene Zöpfe getragen und so gern Karamellbonbons gelutscht hast. Bildhübsch bist du geworden. Hugo war sehr stolz auf dich«, sagte sie lächelnd. Sie kondolierte Larissa, ließ aber deren Frage unbeantwortet.

»Ja, das war er, Trude. Ich wünschte, er wäre ein einziges Mal stolz auf mich gewesen«, warf ihre Mutter ein, bevor Larissa ihre Frage noch einmal wiederholen konnte.

Tante Trude fasste nach der Hand ihrer Mutter.

»Ich weiß, du hast es nicht leicht mit ihm gehabt. Als wenn Lehrerin kein ehrenwerter Beruf wäre.« Sie seufzte. »Ella, du warst so ganz anders als er …«

Ihre Mutter nickte. »Ja, ich bin eben mehr nach meiner Mutter geraten.«

Tante Trude runzelte die Stirn und fixierte Larissas Mutter, als suche sie Bestätigung.

»Wahrscheinlich hast du recht. Dennoch frage ich mich, von wem du dieses Talent fürs Malen geerbt hast. Von deiner Mutter?«

Larissa konnte sich nicht daran erinnern, dass jemals ein Familienmitglied eine solche Begabung Oma Angelikas erwähnt hätte. Aber über künstlerische Ambitionen war ohnehin nie geredet worden. Weil Großvater Hugo das nicht wollte.

»Eher nicht. Sie besaß andere Talente.« Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf dem Gesicht ihrer Mutter.

Larissa liebte deren Bilder, meistens Landschaften in Aquarelltechnik. Zwei davon hingen in ihrer Studentenwohnung.

Tante Trude war nicht die Einzige, die sich bei Mutters Talent nach der Herkunft der Begabung fragte.

»Von mir hast du diesen Spleen nicht«, hatte ihr Großvater immer abfällig gesagt.

»Ist ja auch egal.« Tante Trude winkte ab. Sie klappte ihren Regenschirm zu und hakte sich bei Larissas Mutter ein. Gemeinsam verließen sie das Grab und schritten den schmalen Friedhofsweg entlang in Richtung Ausgang. Der Regen trommelte auf die Schirme. Auf dem Weg hatten sich bereits viele Pfützen gebildet, die sie zum Slalom zwangen, um keine nassen Füße zu bekommen.

»Es ist nur schade, dass Hugo so gar kein Verständnis für deine Kunst hatte«, fuhr Tante Trude auf dem Weg fort.

»Ich habe es gelernt, mit seiner Meinung zu leben.« Ihre Mutter klang bitter. Nicht selten hatte Larissa überlegt, woher das mangelnde Verstehen resultieren mochte. Keiner der beiden hatte je darüber offen gesprochen, und auch ihre Großmutter hatte nie ein Wort darüber verloren.

»Was habt ihr denn jetzt vor mit dem alten Kasten und dem riesigen Garten?«, fragte Trude. Larissa war klar, dass sie mit dem alten Kasten die Familienvilla meinte. Sie war gespannt auf die Antwort ihrer Mutter und hielt sich deshalb zurück.

»Du weißt ja, dass ich Gartenarbeit nicht ausstehen kann. Und das Haus ist für mich allein viel zu groß«, antwortete sie nach einer Weile. Ihre Mutter hatte die Villa nie gemocht, fand sie zu protzig und steril. Einer der Gründe, weshalb sie früh ausgezogen war. Noch ein Punkt, an dem sie mit dem Großvater aneinandergeraten war, denn er war vernarrt in diese Villa gewesen.

»Aber ich glaube auch nicht, dass ich das Haus erben werde. Er wusste, dass ich nicht daran hänge.«

»Gibt es denn außer euch andere Erben?«

Tante Trude konnte es nicht lassen weiterzubohren. Aus dem Augenwinkel bemerkte Larissa, dass ihre Mutter die Lippen zusammenkniff, und wurde das Gefühl nicht los, dass sie etwas verschweigen wollte. Doch schnell hatte ihre Mutter sich wieder gefangen und wandte sich der Nachbarin zu.

»Ihm wäre alles zuzutrauen, auch uneheliche Kinder.«

Das konnte ihre Mutter doch nicht ernst meinen? Sollte ihr Großvater fremdgegangen sein? Das mochte sie sich nicht vorstellen, so liebevoll, wie er mit ihrer Großmutter umgegangen war.

Doch selbst nach Großvaters Tod waren die Spannungen zu spüren, die zwischen Vater und Tochter geherrscht hatten. Larissa nahm sich vor, ihre Mutter später danach zu fragen.

»Hugo? Nein. Der hat Angelika vergöttert und wäre niemals fremdgegangen.«

Tante Trude ist also derselben Ansicht.

Der Weg bis zum Parkplatz erschien endlos. Tante Trude hatte sich nun vom Fragen aufs Schwatzen verlegt und plauderte die ganze Zeit über ihre Kindheit mit Hugo. Ihre Worte zogen an Larissa vorbei, denn sie sehnte sich nach Ruhe. Sie atmete auf, als sie endlich das schmiedeeiserne Tor am Ausgang erreichten und sie sich von Tante Trude verabschiedeten.

Es war Großvater Hugos Wunsch gewesen, dass es nach der Beisetzung nicht die übliche Kaffeetafel gab. Stattdessen sollte das Geld gespendet werden. So liefen Larissa und ihre Mutter allein nach Hause. Schweigend, jede in ihre Gedanken vertieft. Kurz vor der Haustür blieb Larissa stehen.

»Mama, ich möchte noch kurz zu Großvaters Haus«, sagte sie. Sie verspürte den Wunsch, ihm nahe zu sein, und das konnte sie nur an dem Ort, an dem er sich wohlgefühlt hatte wie an keinem anderen. Die Miene ihrer Mutter zeigte keine Begeisterung über ihr Vorhaben.

»Bei dem Regen?«, fragte sie.

Larissa nickte. »Du kannst das wahrscheinlich nicht verstehen …«

Die Miene ihrer Mutter entspannte sich. »Soll ich dich vielleicht begleiten?«, bot sie Larissa an.

»Nein, das ist lieb von dir, Mama, aber ich weiß ja, dass du dieses Haus nie gemocht hast. Ich bin zum Abendessen wieder zurück. Versprochen.«

Im Regen wirkte die Villa ihres Großvaters trist und verlassen. Die halb vertrockneten Geranien in den Blumenkübeln auf dem überdachten Eingangspodest verstärkten den traurigen Anblick. Ihr Großvater hatte immer großen Wert darauf gelegt, dass die Kübel mit Blumen in leuchtenden Farben bepflanzt waren. Seine ausgeprägte Farbenfreude, die im ganzen Haus zu erkennen war, hatte von seiner Lebenslust gezeugt. Larissa öffnete die gusseiserne Gartenpforte und ging langsam den gepflasterten Granitweg zum Eingang entlang. Der sonst penibel gepflegte Rasen war recht hoch gewachsen. Larissa wusste, dass ihr Großvater sich mit dem Gärtner kurz vor seinem Tod überworfen hatte, und ihre Mutter hatte keinen neuen Gartenservice beauftragt. Ihr Großvater hatte das Vermögen nie zusammengehalten. Die Villa war hoch mit einer Hypothek belastet und kostete ein Vermögen an Unterhalt. Selbst wenn ihre Mutter und sie das Haus erben würden, könnten sie es nicht halten.

»Wie ein goldener Käfig«, hatte ihre Mutter über ihr Elternhaus gesagt. Großmutter Angelika war überängstlich gewesen und hatte ihr Kind mit Argusaugen bewacht. Nicht einmal das Schwimmen hatte sie ihre Mutter lernen lassen. Aus Angst, sie könnte ertrinken. Erst nachdem ihre Mutter von zu Hause ausgezogen war, hatte sie an ihrem Studienort einen Schwimmkurs belegt. Es war erstaunlich, was für eine starke Frau ihre Mutter trotz des engen Erziehungskorsetts geworden war.

Larissa ließ den Anblick und die Atmosphäre auf sich wirken. Die Erinnerungen strömten auf sie ein, sodass sie fast glaubte, jeden Augenblick würde Großvater Hugo um die Ecke kommen und mit seiner volltönenden Baritonstimme ihren Namen rufen. Sie lief durch den verwilderten Garten, während der Regen auf ihren Regenschirm trommelte. Überall, in jeder Ecke spürte sie noch seine Gegenwart.

»Hallo? Was machen Sie denn da?«

Larissa zuckte erschrocken zusammen und drehte sich um. Auf der Terrasse des Nachbarhauses stand eine gepflegte ältere Dame mit grauweißem Haar. Die Kleidung der dürren Seniorin war modisch und in Violetttönen gehalten. Großvater Hugo hatte so etwas gemocht. Dagegen fühlte Larissa sich wie eine graue Maus. Die Dame konnte nur Christa Gerber sein, die zusammen mit ihrem Mann die ältere Backsteinvilla bewohnte.

»Hallo, Frau Gerber, kennen Sie mich noch?«, rief Larissa und winkte ihr zu.

Die ältere Frau trat ein paar Schritte Richtung Zaun vor und kniff die Augen zusammen.

»Hugos Enkelin? Larissa, bist du das?« Frau Gerbers Miene wurde freundlicher.

»Ja, ich bin es.« Larissa lief zum Gartenzaun.

»Magst du nicht einen Moment zu uns kommen?«, fragte Frau Gerber und deutete mit dem Arm auf ihre Eingangstür.

Bis zum Abendessen war noch genügend Zeit, und das vereinsamte Haus konnte auch noch einen Tag warten. Larissa entschloss sich, hinüberzugehen.

»Ich gieße nur schnell noch die Kübel«, sagte sie und holte die Gießkanne.

»Das regnerische Wetter steckt mir in den Knochen«, sagte Frau Gerber, als Larissa wenig später vor ihrer Tür stand. Sie nahm ihr den Regenschirm ab. »Komm herein, wo es gemütlicher ist.«

Larissa folgte der Aufforderung und betrat den Terrakottaboden der Diele. Das Haus der Gerbers war viel rustikaler gestaltet und eingerichtet als das ihres Großvaters. Die Vorliebe für Antiquitäten war unverkennbar. Eine riesige Bauerntruhe, aufwendig bemalt, stand an einer Dielenwand und zog die Blicke auf sich. Von der Decke hing eine geflochtene Erntekrone herab. Die dunklen Holzbalken und halbhohen Vertäfelungen wirkten für Larissas Geschmack sehr düster.

Nachdem Frau Gerber ihren Regenschirm zum Trocknen aufgespannt hatte, reichte sie Larissa die Hand.

»Mein aufrichtiges Beileid. Ich habe Hugo sehr gemocht. Er war ein feiner Kerl und angenehmer Nachbar. Leider trifft es immer zuerst die Guten.« Christa Gerbers grell geschminkte Lippen verzogen sich zu einem wehmütigen Lächeln. Dann seufzte sie.

»Komm mit ins Wohnzimmer«, forderte sie Larissa auf und ging auf die doppelflügelige, dunkelbraune Tür gegenüber zu.

Bei jeder Bewegung verströmte sie den Duft ihres exklusiven Parfüms.

Christa Gerber bat Larissa, auf der Couch Platz zu nehmen.

»Karl ist zur Gymnastik gefahren«, erklärte sie ihr das Fehlen ihres Ehemannes. Larissa nickte.

»Hat Hugo sehr leiden müssen?«, fragte Christa besorgt. Ausführlich berichtete Larissa ihr von ihrem Besuch im Krankenhaus.

»Sein Tod … der kam so schnell … Ich konnte nicht begreifen, was geschehen ist …«, stammelte Larissa bewegt. Nach Oldenburg zu fahren und ihn nicht wiederzusehen, mag ich mir gar nicht vorstellen.

Ihre Hände krallten sich ineinander. Sie bereute tief, ihn nicht öfter besucht zu haben.

»Niemand macht dir einen Vorwurf«, sagte Christa leise, als hätte sie ihre Gedanken gelesen.

»Doch. Ich mir selbst.« Verstohlen wischte sich Larissa eine Träne fort.

»Hast du ihn nicht besucht, weil du das Haus nicht gemocht hast?«

Die unvermittelte Frage von Christa Gerber irritierte Larissa. »Nein, deshalb nicht. Ich musste viel für mein Studium tun, und nebenbei habe ich als Dolmetscherin in einem Hotel gejobbt.«

Dass sie nicht gern nach Oldenburg zurückgekehrt war, verschwieg sie Christa. Es ging sie nichts an. Schließlich kannten sie sich nicht gut genug, um ihr so etwas anzuvertrauen.

Die Nachbarin nickte. »Verstehe. Deine Mutter hat Hugo erst wieder in seinem Haus besucht, als es ihm bereits schlecht ging. Vorher hat sie ihn immer mit dem Wagen abgeholt und ist draußen geblieben. Sie hat die Villa nie leiden können. Wie deine Großmutter. Aber Ella hat es offen ausgesprochen.«

In diesem Augenblick glaubte Larissa, sich verhört zu haben. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass ihre Großmutter immer von dem Haus geschwärmt hatte. Wie konnte Christa das Gegenteil behaupten?

»Meine Großmutter hat die Villa Gottwald geliebt.«

»Um ehrlich zu sein, glaube ich das eher nicht«, widersprach Christa Gerber und bedachte sie mit einem langen Blick.

»Meine Großmutter ist hier sehr glücklich gewesen. Das hat sie immer wieder gesagt. Wie können Sie so was behaupten?«, fragte Larissa ungehalten.

»Weil ich glaube, dass es die Wahrheit ist.«

Larissa riss die Augen weit auf und funkelte die Nachbarin wütend an. Wie konnte sie nur eine solche Lüge in die Welt setzen? Trotzdem, wissen wollte sie schon, warum.

»Die Wahrheit?«, hakte Larissa also nach.

»Ja. Angelika wollte immer fort, hat von der großen, weiten Welt geträumt. Sie hat geplant, Oldenburg zu verlassen. Hugo war nie dazu bereit, seine Bäckerei auch nur einen Tag allein zu lassen. Angelika hätte allein reisen können. Aber damals fehlte das Geld, und sie wollte auch Ella nicht alleinlassen. Später war sie zu krank, um noch eine Reise zu unternehmen.«

Ungläubig schaute Larissa Christa Gerber an. Sie konnte viel über ihre verstorbene Großmutter behaupten. Andererseits lag eine Entschlossenheit in ihrem Blick, die Larissa verunsicherte. Dann war sie also wirklich immer zum Hafen hinuntergegangen, weil sie Fernweh hatte. Wie stark es wohl gewesen war? Jedenfalls nicht so stark, dass ihre Großmutter Mann und Kind dafür alleingelassen hätte.

»Ich glaube, es ist jetzt besser, wenn ich gehe«, sagte Larissa kühl.

Auch Christa erhob sich von ihrem Platz. »Es tut mir leid, Larissa, ich wollte nicht schlecht über deine Großmutter reden, im Gegenteil, ich mochte sie sehr und konnte sie verstehen. Irgendwann wollte ich auch einmal aus meinem Leben ausbrechen. Vier Kinder, das Haus und mein Mann als Generaldirektor eines Unternehmens immer beruflich unterwegs, da ist mir so manches Mal die Decke auf den Kopf gefallen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Wir können darüber nur rätseln. Angelika hat ihre Gedanken und Sehnsüchte mit ins Grab genommen«, fuhr Christa fort.

Christas Worte stimmten Larissa milder. Sicher hatte sie es wirklich nicht böse gemeint, vielleicht in Gesprächen etwas aufgeschnappt und dann falsch interpretiert.

»Ich glaube, ich mache mich jetzt lieber auf den Weg. Meine Mutter wartet sicher schon auf mich.«

»Ja, ja, natürlich. Bitte grüß Ella ganz herzlich von mir und richte ihr unser aufrichtiges Beileid aus«, sagte Christa zum Abschied.

»Das werde ich ganz bestimmt machen.«

Das Gespräch mit Christa ließ Larissa nicht mehr los. Am Abendbrottisch war sie schweigsam und froh darüber, dass ihre Mutter sie nicht gleich mit Fragen bedrängte.

Ella war ungewöhnlich blass und ihr Blick traurig.

»Wie sieht es denn aus bei Opas Haus?«, fragte sie Larissa beim Tischabräumen.

»Alles eigentlich wie immer, bis auf die halb vertrockneten Geranien vor der Haustür.« Larissa verschwieg ihrer Mutter das Gespräch mit der Nachbarin, um sie nicht noch unnötig zu belasten. Der Beerdigungstag hatte sie genügend Kraft gekostet.

»Hmhm«, antwortete ihre Mutter und schloss den Geschirrspüler. »Der Gärtner hat kurz vor seinem Tod alles hingeworfen. Du weißt ja, es war nicht immer leicht mit deinem Großvater.«

Larissa nickte. Auch wenn er ihr gegenüber immer gütig und großzügig gewesen war, konnte er anderen gegenüber sehr bestimmend sein.

»Ich weiß. Opa war ein Kontrollfreak.« Während der Arbeit auf dem Grundstück war der Gärtner sicher ständig unter Beobachtung gewesen, und ihr Großvater hatte bestimmt auch nicht mit Anweisungen gegeizt.

»Es war sein gutes Recht, darauf zu achten, dass seine Vorstellungen umgesetzt werden. Mama hätte darüber geschmunzelt. Sie wollte, dass er glücklich und zufrieden war.«

»Hat Oma sich eigentlich in der Villa wohlgefühlt?« Die Frage hatte Larissa bewegt, dass sie nicht anders konnte, als sie zu stellen. Ihre Mutter blickte vom Spülbecken auf.

»Das denke ich doch. Jedenfalls hat sie nie etwas anderes behauptet«, antwortete sie. »Wieso fragst du?«

»Nur so.« Larissa senkte den Blick. »Ist mir so eingefallen. Oma und Opa sind nie verreist, oder?«

»Doch, einmal an die Ostsee. Du weißt doch, dass dein Opa sich nie von seiner Bäckerei hat lösen können. Wer hätte sie auch in der Zwischenzeit führen sollen? Es gab keine Vertretung.«

Das klang alles einleuchtend. Doch Christas Worte hatten in Larissa eine gewisse Neugier und Zweifel geweckt und ihr bewusst gemacht, wie wenig sie eigentlich von ihren Großeltern gewusst hatte. Dabei hatte sie immer gedacht, sie genau zu kennen.

»Stimmt«, gab Larissa ihrer Mutter recht. »Hat Oma denn nie verreisen wollen?«

»Sie hat sich nie beschwert«, gab ihre Mutter zur Antwort.

»Warum ist sie jeden Tag zum Hafen hinuntergegangen?«, bohrte Larissa weiter. Ihre Mutter legte seufzend das Brot in den Kasten.

»Das weiß ich doch nicht. Vielleicht, weil es ihr dort gut gefallen hat. Was sollen denn plötzlich diese ganzen Fragen?«, fragte ihre Mutter gereizt. »Die beiden sind tot!«

»Es ist doch normal, sich nach dem Tod eines geliebten Menschen Gedanken zu machen. Mir ist aufgefallen, dass ich zwar weiß, was meine Großeltern gern gegessen haben oder was sie nicht mochten. Aber sie haben nie über das gesprochen, was sie bewegt hat.«

Kann man einen Menschen wirklich kennenlernen?

»Vielle ...

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