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Líebesreíse nach Schottland

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Camilla nahm die unübersichtliche Kurve, die aus dem Wald führte, viel zu schnell und wäre beinahe in eine Schafherde gerast. Heftig trat sie aufs Bremspedal, und der Wagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen.

“Himmel Donnerwetter!”, schimpfte sie und sah sich besorgt um. Hoffentlich war der kostbaren Kameraausrüstung auf dem Rücksitz nichts passiert. Dann wandte Camilla ihre Aufmerksamkeit wieder der Szene vor ihr zu. “Auch das noch!”

Die Straße war völlig verstopft von einer wimmelnden wolligen Masse, die nicht die geringste Neigung zu haben schien, dem Wagen Platz zu machen. Das machte das Maß voll an einem Tag, der schon wenig verheißungsvoll angefangen hatte und nach und nach immer schlimmer geworden war!

Erst vor knapp drei Stunden war Camilla von London nach Inverness geflogen, um einen vermeintlichen Routineauftrag als Fotografin zu erledigen, und schon jetzt wusste sie, dass ihre heimliche Vermutung zutraf: Sie und das schottische Hochland waren nicht füreinander geschaffen. Drei Stunden waren bereits mehr als genug. Wie um alles in der Welt sollte sie es da eine ganze Woche hier aushalten?

Mit einer Geste, die ihre ganze aufgestaute Frustration ausdrückte, drückte Camilla heftig auf die Hupe. Dass dies nicht nur töricht, sondern möglicherweise auch gefährlich war, wurde Camilla klar, noch ehe der durchdringende Ton die Stille der Landschaft zerriss und die ohnehin schon unruhigen Tiere aufscheuchte. Doch mit der Reaktion, die dann kam, hatte Camilla nicht gerechnet.

“Was zum Teufel machen Sie da?”, brüllte jemand aufgebracht.

Schuldbewusst drehte Camilla sich halb um und sah einen großen, kräftig gebauten Mann in einem Pullover mit irischem Muster und Jeans durch die Baumgruppe auf der anderen Seite der Straße auf sich zukommen.

Der Wind hatte dem Mann das dichte dunkle Haar aus der Stirn geweht; die markanten, ebenmäßigen Züge, die wie von einem Bildhauer geschaffen wirkten, waren deutlich sichtbar. Man brauchte kein geschulter Psychologe zu sein, um aus der Miene des Mannes auf die Stimmung schließen zu können, in der er sich befand. Selbst aus dieser einigermaßen sicheren Entfernung hatte Camilla das Gefühl, dass der Boden unter seinen Füßen erzitterte, als er näher kam.

Mit wenigen großen Schritten erreichte der Fremde die Straße. “Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sind? Etwa in Brand’s Hatch?”, fragte er brüsk. “Diese Straße ist keine Rennstrecke. Und was bilden Sie sich ein, wie eine Verrückte zu hupen?”

Die Entschuldigung, die Camilla bereits auf den Lippen gelegen hatte, wurde nie ausgesprochen. Wofür zum Teufel hielt sich dieser verwegen aussehende, ungehobelte Kerl eigentlich, dass er es wagte, so mit ihr zu sprechen?

Camilla schob das Kinn vor und kurbelte das Fenster weiter herunter. Dann warf sie den Kopf zurück, dass ihr das hellblonde Haar über die Schultern flog, kniff die Augen zusammen und lehnte sich hinaus.

“Sind Sie zufällig für diese Tiere verantwortlich?”, fragte sie schneidend.

“Und wenn es so wäre?”

Sein Ton stand ihrem in nichts nach. Während der Mann sprach, war er die letzten Schritte herangekommen, die Schultern hatte er aggressiv zurückgenommen und die Daumen kampflustig in die Hosentaschen gehakt.

Während Camilla ängstlich in das eindrucksvolle, tief gebräunte Gesicht mit den stahlgrauen Augen unter dunklen Brauen, der kräftigen Nase und dem sinnlichen Mund blickte, hatte sie das Gefühl, als ließe die mühsam gezügelte Kraft des Mannes die Luft um ihn herum vibrieren.

Doch von einem solchen ungehobelten Bauernlümmel würde sie sich nicht einschüchtern lassen, und wenn er noch so stark war! Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten – dem Blick eines Jägers –, und fauchte: “Dann würde ich Ihnen empfehlen, die Tiere besser zu hüten! Sie blockieren mir die Durchfahrt.”

“Meine Schafe blockieren Ihnen die Durchfahrt? Du meine Güte, das geht natürlich nicht!” Er zog eine Augenbraue hoch und musterte Camilla spöttisch lächelnd. Offenbar hatte er an ihrem Akzent erkannt, dass sie aus Südengland stammte. Gleich darauf wurde sein Gesicht wieder hart. “Sie sind hier nicht in Knightsbridge. In dieser Gegend gelten, fürchte ich, andere Regeln.”

Damit hat er allerdings recht, dachte Camilla ironisch, als sie sich an das Durcheinander bei der Gepäckausgabe am Flughafen erinnerte, ganz zu schweigen von der nicht auffindbaren Reservierung für den Leihwagen und der Unfähigkeit der Mitarbeiter am Schalter der Autovermietung, ihr eine auch nur halbwegs verständliche Wegbeschreibung zu ihrem Ziel, dem abgelegenen Schloss von Glen Crannach, zu geben. Die zivilisierten Regeln von Knightsbridge hatten im schottischen Hochland tatsächlich keine Gültigkeit. Ganz im Gegenteil – hier schien das reine Chaos zu herrschen.

Klugerweise behielt sie diese Feststellung jedoch für sich, während der schwarzhaarige Grobian fortfuhr: “In diesem Teil der Welt haben Tiere mit vier Beinen das gleiche Recht, die Straßen zu benutzen, wie ihre zweibeinigen Vettern in den Autos.”

“Wie rührend!” Camilla funkelte ihn mit ihren tiefblauen, von langen Wimpern umrahmten Augen an. “Dann würden Sie mir vielleicht erklären, wie dieses zweibeinige Tier in seinem Wagen weiterkommen soll, wenn ein Schwarm vierbeiniger Vettern rücksichtslos den Weg versperrt?”

Ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen, als er Camilla korrigierte: “Schwarm sagt man nur, wenn es um Vögel geht. Mir ist natürlich klar, dass Sie in Knightsbridge keine Schafe haben”, fuhr er herablassend fort, “zumindest nicht von der Sorte, um die es hier geht, aber eine Gruppe solcher Tiere nennt man bei uns Herde.”

Camilla knirschte mit den Zähnen. Sie war nicht über neunhundert Kilometer geflogen und anschließend weitere achtzig gefahren, um sich eine Vorlesung über die korrekte Bezeichnung landwirtschaftlicher Nutztiere anzuhören. Und sie dachte erst recht nicht daran, zur Erheiterung dieses unerträglichen Menschen beizutragen. “Mich interessiert die korrekte Terminologie nicht. Ich will nur, dass Sie die verflixten Biester zur Seite schaffen.”

“So, wollen Sie das?”

“Das will ich nicht nur, das verlange ich!”

Der Mann zog missbilligend die Augenbrauen hoch. “Das klingt ja wie der Anfang eines Wutanfalls.” Das Kinn vorgestreckt, beugte er sich hinunter. “Ich würde Ihnen nicht raten, solches Verhalten im Umgang mit mir an den Tag zu legen. Damit würden Sie genau das Gegenteil erreichen. Sehen Sie, ich wäre nämlich imstande, Sie aus dem Auto zu zerren und Ihnen eine Lektion zu erteilen, wie man sich benimmt.”

Camilla musterte ihn verächtlich. “Ich bezweifle, dass Sie die Qualifikation besitzen, irgendjemand in irgendetwas eine Lektion zu erteilen – schon gar nicht in zivilisiertem Benehmen.” Sicherheitshalber legte sie die Hand jedoch auf die Türverriegelung. Man konnte nie wissen – vielleicht besaß er wirklich die Unverschämtheit, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Aus seinem Blick zu schließen, musste sie jedenfalls damit rechnen.

“Offenbar haben Sie auf alles eine Antwort parat”, bemerkte er kühl. “Deshalb bin ich sicher, dass Sie auch imstande sind, dieses lästige kleine Problem selbst zu lösen und die Straße ohne meine Hilfe zu räumen.” Er warf ihr noch einen verächtlichen Blick zu und wandte sich dann mit einem Schulterzucken ab.

“He, Moment mal! Sie können nicht einfach verschwinden und mich hier zurücklassen!”, rief Camilla.

Der Mann drehte sich um. “Nein? Dann passen Sie mal auf!”

“Aber was soll ich denn machen? Mir Flügel wachsen lassen und davonfliegen?”

“Von mir aus. So eingebildet, wie Sie sind, würden Sie das vielleicht sogar fertigbringen. Hauptsache, Sie drücken nicht noch einmal auf die Hupe und erschrecken meine Schafe.”

“Aber Sie sind dafür zuständig, die Tiere unter Kontrolle zu halten, nicht ich. Und ich verlange, dass Sie sie aus dem Weg schaffen.”

“Sie verlangen es?” Er maß sie eisig. “Das ist ein Wort, das Sie ziemlich oft verwenden. Leider muss ich Ihnen sagen, dass Sie damit bei mir nichts – aber auch gar nichts – erreichen.”

Camilla verdrehte die Augen. Bei diesem ungehobelten Klotz etwas zu erreichen, war das Letzte, woran ihr lag. Doch ohne seine Hilfe saß sie hier fest. Vielleicht war es an der Zeit, die Taktik zu wechseln.

Camilla sah auf die Uhr. “Ich habe es nur deshalb so eilig”, erklärte sie in versöhnlicherem Ton, “weil ich einen wichtigen Termin bei Lord Crannach habe.” Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber nachdem sonst nichts gewirkt hatte, konnte es nicht schaden, diesen Namen ins Spiel zu bringen.

Die Miene des Fremden war unergründlich. “Tatsächlich? Wenn Sie einen Termin bei einem so vornehmen alten Herrn haben, müssen Sie selbst auch jemand von Bedeutung sein …”

Sie runzelte die Stirn. In seiner Stimme hatte ein Unterton gelegen, der Camilla nicht gefiel. Doch sie kam nicht dazu, darüber nachzudenken, denn er sprach bereits weiter.

“Allerdings glaube ich gehört zu haben, dass die Gesundheit des Lords seit einiger Zeit angegriffen sein soll.”

Was wusste ein Bauernlümmel wie er schon von solchen Dingen? Entschlossen, nicht nachzugeben, erwiderte sie seinen Blick. “Es tut mir sehr leid, das zu hören. Aber selbst wenn das wahr sein sollte, bin ich sicher, dass der Enkel und Erbe des Lords, der ehrenwerte Greg McKeown, sich meiner annehmen wird.” Camilla war stolz auf sich. Jetzt hatte sie nicht nur einen, sondern sogar zwei wichtige Namen ins Spiel gebracht.

“Das wird dem ehrenwerten Greg McKeown zweifellos ein großes Vergnügen sein.” Um die Lippen des Mannes spielte ein heiteres Lächeln, als er Camilla zum ersten Mal eingehender betrachtete – das ovale, von langem blondem Haar umrahmte Gesicht, den rosigen Teint, die strahlend blauen Augen und den fein gezeichneten Mund.

Anerkennend nickte er, während er den Blick gemächlich über ihre sanft gerundeten Brüste wandern ließ, die sich unter ihrem hellblauen Kaschmirpullover hoben und senkten – ziemlich heftig hoben und senkten.

Vor Empörung schoss Camilla das Blut ins Gesicht. Wie konnte dieser Kerl es wagen, sie so unverschämt und genießerisch zu mustern? In gewisser Weise war sein Blick ebenso intim und wirklich wie eine Liebkosung, und zu ihrem Entsetzen verspürte Camilla, wie ihr Körper zu prickeln begann. Während sie heftig gegen das verräterische Gefühl ankämpfte, konnte sie sich zumindest mit der Gewissheit trösten, dass die geänderte Taktik den gewünschten Erfolg zeigte. Die beiläufige Erwähnung des Lords hatte das Interesse des Mannes geweckt.

Camilla gestattete sich ein kleines Lächeln der Genugtuung und wartete auf eine entgegenkommende Reaktion.

Sie wartete vergeblich. Der Kerl war sichtlich unfähig, Respekt zu zeigen, und von Entgegenkommen hatte er offenbar noch nie etwas gehört. Ihr Lächeln gefror, als er sich gegen den Wagen lehnte und die Ärmel hochschob, bis die kräftigen gebräunten Unterarme zu sehen waren.

“Wenn Sie nach Schloss Crannach wollen”, erklärte der Mann, ohne seine Schadenfreude zu verbergen, “sind Sie leider falsch. Etwa sieben Kilometer hinter Ihnen ist eine Abzweigung, wo Sie hätten abbiegen müssen.”

“Ich habe keine Abzweigung gesehen!”, rief sie zornig.

Er lächelte widerlich wohlwollend. “Ich kann Ihnen versichern, dass trotzdem eine da ist.”

Das bezweifelte sie nicht. Hatte sie nicht auf dieser verhängnisvollen Fahrt schon von Anfang an Abzweigungen verpasst und Straßenschilder falsch gelesen? Allmählich wuchs Camillas Überzeugung, dass sie Schloss Crannach nie erreichen würde – und das wäre unter den gegebenen Umständen möglicherweise gar nicht so schlecht.

Sie war ohnehin nicht begeistert gewesen, als sie diesen Auftrag erhalten hatte, und vielleicht versuchte das Schicksal, ihr einen Fingerzeig zu geben, dass sie umkehren und nach Hause fahren sollte. Eins stand jedenfalls fest – sie gehörte nicht in dieses unwirtliche Land.

Tief seufzend legte Camilla den Rückwärtsgang ein. Trotz ihrer Bedenken war es ihre Pflicht, den Auftrag zu erledigen. “Sieben Kilometer hinter mir, haben Sie gesagt? Hätten Sie vielleicht auch die Güte, mir zu sagen, auf welcher Seite der Straße die Abzweigung ist?”

“Auf der rechten. Es ist meilenweit die einzige – Sie können sie gar nicht verpassen.”

Camilla nickte, schaute jedoch zweifelnd drein. Sie hatte die letzten Worte schon von einigen anderen Leuten gehört, war aber trotzdem jedes Mal in der Irre gelandet.

Der Mann bemerkte sarkastisch: “Wenn Sie wirklich so hilflos sind, wie Sie tun … ich könnte Ihnen eine Karte zeichnen.”

Hilflos? So hatte sie noch nie jemand genannt! Offenbar war er nicht nur ungenießbar, sondern auch ein schlechter Menschenkenner. Camilla richtete sich kerzengerade auf und sah ihn feindselig an. “Vielen Dank. Das ist nicht notwendig. Ich komme schon zurecht.”

“Irgendwie habe ich geahnt, dass Sie das sagen würden.” Er hakte die Daumen wieder in die Taschen seiner engen Jeans. “Wie ich schon sagte, finden Sie die Abzweigung auf der rechten Straßenseite gleich hinter der Brücke auf der Nordseite des Burns.” Als er ihre verständnislose Miene bemerkte, fügte er hinzu: “Burn ist die schottische Bezeichnung für einen Bach.” Er lächelte aufreizend. “Ein neues Wort für Sie.”

Camilla war zu sehr Dame, um ihm zu sagen, was er ihrer Meinung nach mit seinem Beitrag zu ihrem Wortschatz tun konnte. Stattdessen lächelte sie kühl und vollführte eine vorschriftsmäßige Dreipunktwendung auf der schmalen Straße. Dann lehnte sie sich noch einmal aus dem Fenster. “Vielen Dank für alles. Die Begegnung war sehr aufschlussreich.”

“Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite. Ich stehe Ihnen jederzeit gern wieder zu Diensten. Allerdings hoffe ich, dass ich beim nächsten Mal nicht so viel Zeit damit verschwenden muss, Ihnen Manieren beizubringen.”

So eine Unverschämtheit!

“Keine Sorge”, versicherte Camilla spitz. “Ich denke nicht daran, auch nur eine weitere Sekunde Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch zu nehmen.”

“Das freut mich zu hören.” Er wandte sich ab. “Ich finde, dass das eine sehr löbliche Absicht ist – um unser beider willen.”

Eine solche Arroganz ist mir nicht einmal in London begegnet, dachte Camilla gereizt, als sie den Gang einlegte und aufs Gas trat. Trotzdem konnte sie ein leises Lachen nicht unterdrücken, als sie das Fenster hochkurbelte und davonfuhr. Beim nächsten Mal, hatte er gesagt. Von wegen! Es würde kein nächstes Mal geben, nicht, wenn sie ihn zuerst entdeckte. Und falls es doch dazu kam, würde sie ernsthaft in Versuchung geraten, ihn mitsamt seinem “Schafschwarm” über den Haufen zu fahren. Sie biss sich auf die Lippe. Es hieß Herde. In diesem Punkt hatte er recht gehabt.

Zu ihrem Erstaunen fand Camilla die Abzweigung nach Glen Crannach genau an der von dem Mann beschriebenen Stelle. Es war allerdings kein Wunder, dass sie sie beim ersten Mal übersehen hatte. Das windschiefe Hinweisschild wurde fast ganz von dem dichten Laubwerk einer Eberesche verdeckt, das in der Herbstsonne rotgolden leuchtete.

Camilla schaute auf die Uhr und rechnete kurz nach. Laut der Entfernungsangabe auf dem Schild waren es noch dreizehn Kilometer nach Glen Crannach. Wenn sie die letzte Etappe der Reise hinter sich brachte, ohne sich ein weiteres Mal zu verfahren, würde sie vielleicht doch noch rechtzeitig zu ihrem Termin mit dem ehrenwerten Greg McKeown im Schloss eintreffen.

Sie wusste sehr wohl, dass der alte Lord gesundheitlich angegriffen war und sich deshalb in geschäftlichen Dingen schon seit einiger Zeit von seinem Enkel Greg vertreten ließ. Das hatte die Sekretärin ihr mitgeteilt, als Camilla aus London angerufen hatte, um das Treffen zu vereinbaren. Aber sie hatte keinen Grund gesehen, das dem ungehobelten Schafhirten zu sagen.

Während sie langsam weiterfuhr und vor jeder Kurve darum betete, nicht noch einmal einer Schafherde zu begegnen, dachte sie beklommen an die Woche, die vor ihr lag. Aus welchem Grund sah sie diesem Auftrag bloß mit so gemischten Gefühlen entgegen?

Zugegeben, das schottische Hochland war nicht gerade Paris oder Florenz. Manche Leute würden sogar sagen, sie hätte Pech gehabt, als die Aufträge vergeben wurden …

Es war Annie gewesen, die ihr die Neuigkeit über den Auftrag des Meredith-Verlags mitgeteilt hatte.

“Stell dir vor”, hatte Annie gesagt, “Meredith will eine neue Kunstbuchserie herausbringen, und ‘Focus’ soll die Fotos für drei davon machen – ‘Der französische Impressionismus’, ‘Die italienische Renaissance’ und ‘Das keltische Erbe Schottlands’.”

Das war ein beachtlicher Fang für “Focus”, das kleine, aber renommierte Fotostudio, das Annie zusammen mit ihren Teilhaberinnen Camilla und Sue in einem umgebauten Lagerhaus hinter dem Covent Garden betrieb. Dennoch hatte Camilla von Anfang an eine ungute Vorahnung gehabt … und sie hatte auch schon vor der Verlosung der Aufträge gewusst, dass es ihr bestimmt war, eine Woche lang Haggis zu essen – das schottische Nationalgericht auf Blutwurstbasis, das jeden Fremden erschauern ließ – anstatt Gänseleberpastete oder Tortellini.

“Kopf hoch”, hatte Sue Camilla getröstet, als das Ergebnis der Verlosung feststand. “Wie ich gehört habe, soll das Wetter dort oben um diese Jahreszeit herrlich sein.”

Das stimmte wirklich. Während Camilla die einsame Straße entlangfuhr, genoss sie den Blick auf die Berge, die violett in der Nachmittagssonne schimmerten. Wenn sie ganz ehrlich war, machte es ihr gar nicht so viel aus, dass sie nicht nach Frankreich oder Italien hatte fahren dürfen. Diese beiden Länder hatte sie schon gründlich bereist. In Schottland war sie jedoch noch nie gewesen.

Dennoch wurde sie von einem undefinierbaren Gefühl gequält, das sich nicht abschütteln ließ. Obwohl es keinen vernünftigen Grund gab, fühlte sie sich bedroht, und das hatte schon angefangen, ehe sie ins Flugzeug stieg.

Vermutlich hat es mit Eric und seinem Heiratsantrag vor zwei Tagen zu tun, dachte sie.

Sie kannte Eric jetzt seit fast einem Jahr, und er war genau so, wie sie sich den idealen Ehemann vorstellte. Er war neunundzwanzig und somit vier Jahre älter als sie, erfolgreich in seinem Beruf als Rechtsanwalt, und er liebte ebenso wie sie ein ruhiges Leben mit gelegentlichen Restaurant- und Theaterbesuchen. Vor allem jedoch konnte er ihr die Sicherheit und Geborgenheit bieten, die ihr während ihrer turbulenten Kindheit als unerreichbarer Traum erschienen war.

Als er vorgestern Abend bei einem Abendessen in einem Restaurant im West End die Frage stellte, hatte Camilla deshalb sofort Ja sagen wollen. Es verblüffte sie dann, dass er fortfuhr: “Ich weiß, das ist eine wichtige Entscheidung, über die du sicher nachdenken möchtest. Deshalb schlage ich vor, dass du es dir gründlich überlegst, während du in Schottland bist. Du kannst mir deine Antwort geben, wenn du zurückkommst.”

Zuerst wollte Camilla einwenden, sie brauche keine Bedenkzeit. Doch noch ehe sie die richtigen Worte fand, hatte Eric sich abgewandt, um dem Kellner zu winken, und es war zu spät gewesen. Genau in dem Moment hatte sie die Beklommenheit zum ersten Mal verspürt. Es kam Camilla fast so vor, als hätte sie etwas aufs Spiel gesetzt, was ihr sehr wichtig erschien.

Natürlich ist das lächerlich, sagte sie sich jetzt streng. Ebenso unlogisch und töricht ist es, meine persönlichen Ängste auf diese Schottlandreise zu übertragen. Sobald die Woche vorüber ist, werde ich nach London zurückkehren und Eric mein Jawort geben. Und dann wird mein Leben so verlaufen, wie ich es geplant habe.

In diesem Moment wurde sie durch einen Schatten abgelenkt, der in ihrem Rückspiegel auftauchte – ein Schatten, der rasch näher kam und sich als staubiger Land Rover entpuppte. Obwohl die Straße sehr schmal war, hatte der Fahrer offenbar vor, Camilla zu überholen. Um sie zu warnen, drückte er ungeduldig auf die Hupe, ehe er so haarscharf an Camilla vorbeischoss, dass Steinchen gegen die Karosserie ihres Wagens spritzten.

Es ging alles so schnell, dass sie nicht erkennen konnte, wer am Steuer saß, trotzdem schrie sie empört: “Verdammter Cowboy!”

Dann hielt sie einen Moment an, um die Fassung wiederzugewinnen. Der Vorfall hatte sie ziemlich durcheinandergebracht, denn er schien ein weiterer Beweis zu sein, dass dieses Land ihr feindlich gesinnt war. Und wieder fragte sie sich, ob es ein Fehler gewesen war, herzukommen.

Ungeduldig schob sie den Gedanken beiseite. Sie hatte einen Auftrag zu erledigen, und das würde sie auch tun.

Camilla verfuhr sich nicht mehr auf dem Weg nach Glen Crannach, aber ihr blieb trotzdem keine Zeit mehr, am Stag Hotel zu halten, wo sie ein Zimmer reserviert hatte, und ihr Gepäck auszuladen. Sie war um vier im Schloss angemeldet, und ihr beruflicher Stolz ließ es nicht zu, dass sie sich verspätete.

Zehn Minuten vor der Zeit traf sie am Tor ein und hielt einen Moment, um das von Brüstungen und Türmen gekrönte Schloss zu bewundern, dessen graue Mauern sich von dem in der Sonne leuchtenden Herbstlaub abhoben. Das war also das Zuhause des fünfzehnten Lord von Glen Crannach. Es beherbergte einen Schatz, der der Grund für Camillas Reise war – die umfassendste Privatsammlung früher keltischer Kunst der Welt.

Camilla lächelte. Das war wirklich ein würdiger Rahmen für die Kunstwerke, die sie fotografieren sollte. Schloss Crannach war so, wie man sich ein schottisches Schloss vorstellte. Während sie langsam den Kiesweg hinauffuhr, verspürte sie zum ersten Mal Begeisterung für die Arbeit, die vor ihr lag.

Ihre Vorfreude erhielt einen Dämpfer, als sie vor der Tür einen staubigen Land Rover entdeckte, der dem, der sie überholt hatte, ähnelte wie ein Ei dem anderen.

Aber Fahrzeuge mit Vierradantrieb sind in dieser Gegend bestimmt ebenso häufig wie Doppelstockbusse in London, sprach sie sich Mut zu, während sie ausstieg. Undenkbar, dass jemand, der zu Schloss Crannach gehörte, so schlechte Manieren hatte wie der Fahrer vorhin.

Den zweiten Dämpfer bekam sie, als sie auf die Klingel drückte. Da dachte Camilla allerdings noch nicht daran, dass nicht nur aller guten, sondern auch aller schlechten Dinge meistens drei sind.

Die Tür wurde geöffnet, und eine Frau mit gestärkter weißer Schürze trat vor.

“Ja, bitte?”, fragte sie mit einer Miene, die Camillas Lächeln schwinden ließ.

Doch Camilla war entschlossen, sich durch diese frostige Begrüßung nicht einschüchtern zu lassen. “Ich bin Camilla Holden und habe einen Termin bei Mr. Greg McKeown.”

Die Frau musterte sie scharf.

“Wenn das so ist, kommen Sie besser herein”, sagte die Frau schließlich und gab die Tür frei.

Camilla betrat eine riesige Halle mit gewölbter Decke. Ehe sie sich richtig umsehen konnte, wurde sie über einen roten Teppich, in den das Wappen der McKeowns eingewebt war, und durch eine Doppeltür in einen Empfangsraum geführt. “Warten Sie hier”, befahl die Frau brüsk und ging mit raschelnder Schürze davon.

Camilla schaute sich im Zimmer um. Wider Willen war sie beeindruckt. Hieß es nicht immer, der Adel in Großbritannien sei verarmt? Hier war jedoch nichts davon zu merken. Angefangen von den großartigen Kristalllüstern bis zu den Aubusson-Gobelins an den Wänden zeugte jedes einzelne antike Möbelstück von Reichtum, edler Abstammung und gutem Geschmack.

Ohne nachzudenken, öffnete Camilla ihre Kameratasche und schraubte das passende Objektiv auf ihre Nikon. Sie hatte bereits einige keltische Kunstwerke im Raum entdeckt, und wie einem Scharfschützen juckten ihr die Finger, auf den Auslöser zu drücken.

Langsam wanderte sie durchs Zimmer und machte eine Aufnahme nach der anderen. Dieses Schloss ist die reinste Schatzkiste, dachte sie, und dabei habe ich die eigentliche Sammlung noch gar nicht zu Gesicht bekommen.

Ihre Hochstimmung kehrte zurück, und ein Gefühl sagte Camilla, dass der Erbe dieser herrlichen Stücke, den sie bald kennenlernen würde, ein Mann nach ihrem Herzen sein würde. Ein Mann mit erlesenem Geschmack und Feingefühl, der die kulturellen Delikatessen des Lebens zu genießen wusste. Wie es aussah, würde die Reise nach Schottland doch zu einem durchschlagenden Erfolg werden.

“Ah, Miss Holden. Wie ich sehe, haben Sie hergefunden.”

Beim Klang der Männerstimme drehte Camilla sich um, ein Lächeln auf den Lippen.

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