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Das Erbe der Wintersteins

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. Celine
  8. Klara
  9. Celine
  10. Klara
  11. Celine
  12. Klara
  13. Celine
  14. Claire
  15. Celine
  16. Claire
  17. Celine
  18. Claire
  19. Celine
  20. Claire
  21. Celine
  22. Claire
  23. Celine
  24. Claire
  25. Celine
  26. Claire
  27. Celine
  28. Epilog
  29. Nachwort der Autorin

Über dieses Buch

Spätes 19. Jhdt.: Claire wurde als Baby aus einer verunglückten Kutsche fahrender Schausteller gerettet und kam auf dem Hof der Wintersteins unter. Dort muss sie sich ihre Daseinsberechtigung jedoch durch harte Knochenarbeit verdienen. Als überraschend ein Professor aus der Stadt nach ihr schickt und sie um ein Treffen seinem Krankenhaus bittet, macht sie sich umgehend auf den Weg. Sie wird in einen dunklen Raum im Keller des Krankhauses geführt. Doch was sie dort erfährt, erschüttert sie zutiefst und sie weiß nicht mehr, was sie noch glauben soll.

2016: Celine Winterstein liebt die alte Villa in Meylitz, die schon seit Jahren im Besitz der Familie ist und mittlerweile leer steht. Doch weil der Familienkonzern in finanziellen Schwierigkeiten steckt, bleibt ihnen keine Wahl: Die Villa muss renoviert und verkauft werden. Schweren Herzens begibt sie sich ein letztes Mal dorthin, um den Verkauf in die Wege zu leiten. Die Bauarbeiten bringen immer mehr Hinweise auf die Geschichte ihrer Urgroßmutter Claire zum Vorschein, die die Villa damals gekauft hat. Und ein düsteres Geheimnis, das niemand jemals geahnt hätte.

Über die Autorin

Carolin Rath, Jahrgang 1964, studierte Sozialwesen und schreibt seit ihrer Kindheit Geschichten und Romane. Sie sitzt gern in Zeitmaschinen und bereist in ihrer Phantasie die jüngere und weiter zurückliegende Vergangenheit, wobei sie als permanenten Wohnort jedoch die Gegenwart eindeutig vorzieht. Wenn sie nicht gerade schreibt, unterrichtet sie an der Volkshochschule oder geht einem ihrer zahlreichen Hobbys nach.

Carolin Rath

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Prolog

In regelmäßigem Takt hallten ihre Schritte über den Gang. Der Geruch nach Karbol war aufdringlich und biss in der Nase. Kein Laut war hinter den vielen Türen zu hören, an denen sie vorüberging. Sie hätte gern einmal in einen Spiegel gesehen, um zu überprüfen, ob der Hut noch richtig saß, doch es gab keine Spiegel auf dem langen Weg durch das Spital, und so musste eben die Glasscheibe des Stationszimmers reichen, in die sie einen raschen Seitenblick warf. Mit ihrem Hut war alles in Ordnung. Aber sie hielt sich nicht gerade genug. Die viel zu engen Handschuhe zwickten unangenehm. Sie schwitzte vor Unruhe, und das Korsett schien zu eng geschnürt zu sein, um genügend Luft zu bekommen. Trotzdem nahm sie sich jetzt zusammen, straffte die Schultern und ging weiter, als sich am Ende des langen Flures eine Tür öffnete und eine müde wirkende Krankenschwester auf den Gang trat.

»Guten Morgen!«, grüßte Claire.

»Guten Morgen.« Die Schwester sah sie fragend an.

»Ich möchte zu Professor von Eyck.«

Der Blick der Schwester wanderte erbarmungslos an Claire herab. »Es tut mir leid, aber der Herr Professor ist für Patienten nur zu den Sprechzeiten zu erreichen.«

»Oh, nein!, Claire schüttelte leicht den Kopf. »Bitte verzeihen Sie, ich bin keine Patientin. Ich wurde trotzdem herbestellt. Ich …« Die kleinen, strengen Augen der Schwester ließen keine Regung erkennen, und Claire geriet in Verlegenheit. »Ich bin zu Gast bei Professor von Eyck … er schickte nach mir und sagte, ich solle ihn hier aufsuchen und dies hier abgeben … Warten Sie. Bitte!« Während die Schwester sie weiterhin misstrauisch anstarrte, suchte Claire in der zierlichen Tasche, die sie am Handgelenk trug, nach einer Nachricht und zog sie hervor. Ein kleiner Brief, so häufig geöffnet, auseinander- und wieder zusammengefaltet, dass sich das Papier an den Rändern bereits wellte. »Hier …«

Die Schwester überflog das Schreiben und seufzte. »Gut«, sagte sie schließlich. »Wenn es also keinen Aufschub duldet, dann werde ich Sie zu ihm bringen. Der Herr Professor arbeitet an den Toten.«

»An … an … den Toten?«, flüsterte Claire entsetzt.

Die Schwester zog die Augenbrauen noch etwas mehr zusammen. »Kommen Sie!« Sie setzte sich in Bewegung. Ihre Aufforderung duldete keinen Widerspruch.

Niemals zuvor hatte Claire so viele Treppen, Gänge und Flure in nur einem einzigen Gebäude durchschritten. Dieses Hospital, so schien ihr, war ein steinerner Irrgarten auf mehreren Ebenen. Das Rascheln der steifen Schwesterntracht vor ihr, das Rauschen der Gasleitungen unter den Decken und an den Wänden, irgendwo das Schlagen einer Tür, die in der Ferne bisweilen hallenden Schritte – alles flößte ihr Angst ein, Beklemmung und das Gefühl des Näherrückens einer unausweichlichen Bedrohung, der sie sich ganz allein würde stellen müssen. Ihre Begleiterin ging so schnell, dass Claire Mühe hatte mitzuhalten, doch nach einiger Zeit blieben sie in einem Kellergang vor einer dunklen Tür stehen, und die Schwester klopfte leise in einem bestimmten Rhythmus.

»Eintreten!«, dröhnte von innen eine laute Stimme.

»Herr Professor, hier ist eine … Dam…«, die Schwester korrigierte sich mit einem neuerlichen Blick auf Claire, »eine junge Frau, die Sie wohl herbestellt haben.«

Aus lauter Angst vor den vielleicht offen dort liegenden Leichen wagte Claire kaum, den Blick zu heben. Nicht dass sie nicht schon Tote gesehen hätte. Sie hatte bereits einige Male mit ihnen zu tun gehabt. Bei den Vorbereitungen zur Bestattung des Bauern auf dem Hof ebenso wie bei der Leichenwaschung der kleinen Magda. Aber dies hier war etwas anderes. Was gab es an den Toten im Keller eines Krankenhauses zu arbeiten? Schnitt der Herr Professor sie etwa auf?

Von Eyck würdigte Claire keines Blickes und keines Wortes, deckte zunächst den Leichnam ab und wusch sich in aller Ruhe die Hände, bevor er sich schließlich schwungvoll umdrehte und mit festen Schritten auf die junge Frau zusteuerte.

»Na, na, Mädchen!«, rief er. »Warum denn in Gottes Namen so eingeschüchtert? Das ist doch sicher nicht die erste Leiche, die du zu sehen bekommst, oder?«

Claire knickste und reichte dem Professor die Nachricht. Sie fand, dass er aussah wie ein Ungeheuer. Er war riesig, breitschultrig, bärtig, laut. Seine dunkelblauen Augen verloren sich unter einem Gebüsch von Augenbrauen. Das mühsam und unvollständig mit etwas Pomade gebändigte, gelockte Haar fiel ihm in Strähnen in die verschwitzte Stirn. Unter den aufgekrempelten Hemdsärmeln spross ebenfalls üppig gekräuseltes Haar. Die Hände glichen eher Pranken.

Der Professor überflog den Brief nur kurz und gab ihn dann zurück. Dabei unterzog er Claire einer gründlichen Musterung.

»So, so, Claire Winterstein. Unser ungewöhnlicher Gast. Das bist also du.« Sein intensiver Blick schien sie im Nu vollständig erfassen zu wollen. »Ich hatte bislang noch keine Gelegenheit, dich kennenzulernen. Ich bin ein Mann der Wissenschaft. Für die Geselligkeit ist meine Frau zuständig. Ich hoffe, sie hat sich in der Zeit seit deiner Ankunft gut um dich gekümmert.«

Claire knickste erneut. »Jawohl, Herr Professor!«

»Nun, Herr von Dreibergen ist heute Morgen bereits abgereist? Er hat dir doch gewiss Schriftstücke ausgehändigt, die du an mich weiterleiten sollst?«

Sie öffnete erneut ihre Handtasche und förderte einen verschlossenen Umschlag zutage. »Bitte schön, Herr Professor!«

Professor von Eyck murmelte einige Worte in seinen Bart, während er die Dokumente überflog. Schließlich nickte er und wandte sich an die Schwester. »Es ist gut. Sie können uns allein lassen.«

»Auf Wiedersehen, Herr Professor«, sagte die Schwester. Als sie sich zum Gehen wandte und ihr Blick Claire streifte, blitzte noch einmal Missfallen in ihren kleinen Augen auf.

Von Eyck schien dies gar nicht zu bemerken, jedoch verlor er etwas von seiner leutseligen Freundlichkeit, als Claire allein mit ihm war. Er schwitzte stark, und seine Bewegungen wirkten ein wenig fahrig.

»Folge mir, Claire Winterstein!«, sagte er, und es klang beinahe, als hätte er Mitleid mit ihr.

Und wieder ging es eher treppab als treppauf, durch unzählige Flure und Gänge, über Fluchten und Absätze bis hin in die noch tieferen Kellerbereiche des Gebäudes, zu einer kleinen Tür mit einer abgeblätterten weißen Lackschicht, kaum mannshoch und so schmal, dass Claire glaubte, der Professor könne gar nicht erst hindurchpassen.

Doch von Eyck war erstaunlich beweglich für seine Körpermaße; er bückte sich und wand sich in den Raum, wie ein Bär in sein Höhlenversteck. Hier angelangt entzündete er nach und nach einige Laternen. Anderes Licht schien es in diesem Kellergelass nicht zu geben.

Wieder wagte Claire kaum, sich umzusehen.

»Ich hoffe, du hast starke Nerven, junges Fräulein. Ich hätte dir ja gern den Anblick meines kleinen Kuriositätenkabinetts erspart, aber es war mir leider nicht möglich, die alte Dame vor die Tür zu stellen.« Er lächelte etwas unbeholfen.

Claire wusste nicht, wovon er sprach, denn sie war vollständig damit beschäftigt, sich zu orientieren. In zunehmendem Licht jedoch erkannte sie weitere Details des Raumes. Er war angefüllt mit Regalen, wie eine Bibliothek.

Erst einmal war Claire in einer Bibliothek gewesen, als sie nach der Sonntagsschule für den Pfarrer etwas in der Abtei zu erledigen gehabt hatte. Hier aber standen in den Regalen keine Bücher, sondern Flaschen und Glasbehälter jeder Größe. Professor von Eyck nahm sie bei der Hand.

»Du musst tapfer sein, Mädchen. Was ich dir jetzt zeige, ist kein alltäglicher Anblick.«

Claire spürte seinen Griff überdeutlich. Kalt, verschwitzt, seine Hand war wie ein Schraubstock, der sie festhielt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Schatten und Schemen erkannte sie im auf und ab schwellenden Licht in den Gläsern, Umrisse in weiß schimmernder Flüssigkeit. Ihr schien, als wären es sonderbare menschliche Körper mit verrenkten Gliedmaßen; dann wieder glaubte sie, Tiere zu erkennen, doch auch sie wirkten fremdartig, nicht so, wie sie hätten aussehen sollen. Und in einem besonders großen Glas schwamm etwas, das in der unzureichenden Beleuchtung wirkte wie ein Wesen mit zwei Köpfen. So wie das Kalb, von dem sie einmal gehört hatte. Das Kalb mit den zwei Köpfen, das in einem Dorf unweit der Grenze zur Welt gekommen war. Aber ein Mensch mit zwei Köpfen? Davon hatte Claire noch nie etwas gehört.

Der Professor zog sie mit sich in den hinteren Bereich des Kellers vor eine große, längliche Kiste. Claire glaubte zunächst, es wäre eine Art Sarg, dann jedoch erkannte sie, dass es sich um eine Transportkiste handeln musste, denn es befand sich Holzwolle darin.

Der Professor schob die Späne beiseite und hielt die Lampe so, dass die junge Frau besser sehen konnte.

Claire schrie zu ihrer eigenen Verwunderung nicht, aber sie schlug im aufkommenden Gefühl des Entsetzens unwillkürlich ein Kreuz vor ihrer Brust und murmelte: »Grundgütiger Gott!«

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Celine

Die Anprobe fand in einem hochmodernen Gebäude statt. Brautmoden Belz war das In-Geschäft für jedes Hochzeitsmodenshopping. Jede Braut, die etwas auf sich hielt und ihr eigenes Hochzeitsereignis wirklich ernst nahm, fühlte sich magisch von Belz angezogen. Auf gleich mehreren Etagen wurden Hochzeitskleider führender Designer angeboten, und im Keller gab es sogar ein Secondhandgeschäft für Bräute, die ihren Bausparvertrag nicht schon vor der Hochzeit auflösen und in Seide und Chiffon stecken wollten.

Gleich zwei Verkäuferinnen bemühten sich um Maddie. Sie erhielt mehr Aufmerksamkeit als die Königin von Saba, fand Celine. Wer benötigte schon ein über und über mit Perlen und Glassteinchen besticktes glitzerndes und funkelndes Brautkleid? So etwas konnte sich einfach nur jemand ausgedacht haben, der keine Ahnung davon hatte, wie schwer solche Dinger mit jeder Stunde des Tragens wurden. Und dann die ständige Angst, dass der Ausschnitt verrutschte! Warum gab es an diesen Kleidern eigentlich keine Ärmel mehr, was wohl eine Mehrheit von nicht perfekt ausgestatteten Frauen dazu zwang, mit einer Hand ständig das Mieder über den Brüsten wieder hochzuziehen. Celine fand es unmöglich, sich in einem solchen Kleid auch nur ansatzweise wohlzufühlen.

Maddie hingegen drehte und wendete sich wohlgefällig vor dem Spiegel.

»Wie findest du es, Celine?«

»Na ja …!« Celine fand, dass die Freundin ihres jüngeren Bruders mit der schlanken Taille und dem bauschigen Rock aussah wie eine überdimensionale glitzernde Weihnachtsglocke. Hätte sie statt der Hochsteckfrisur ein Bändchen auf dem Kopf gehabt, wäre sie vielleicht in einen Tannenbaum gehängt worden.

»Ich finde es einfach soooo schön!«, jubelte Maddie, begeistert bei ihrem eigenen Anblick.

Celine runzelte die Stirn, diesmal weniger wegen des Kleides, sondern vielmehr aufgrund des affigen Gekichers der Verkäuferinnen.

»Maddie«, sagte sie, »du bist wunderschön, ob mit oder ohne Glitzerkleid. Ich verstehe nur einfach nicht, warum es notwendig sein soll, ein Kleid für fast dreitausend Euro zu kaufen, wenn ein etwas schlichteres Modell …«

Maddie drehte sich mit einem Ruck zu ihr um, die Augenbrauen entschlossen zusammengezogen.

»Ich will aber kein schlichtes Kleid. Es ist meine Hochzeit, mein Tag, mein Kleid …«, fügte sie dramatisch hinzu, »… mein Leben, Celine. Versteh das doch! Bitte!« Und etwas freundlicher fügte sie hinzu. »Also, ich finde, es steht mir.«

»Ja, aber wenn Tom erst gar nicht an dich herankommt, weil er das Hindernis eines kilometerbreiten Reifrocks überwinden muss … Ich meine, hat mein Bruder einen ausreichend langen Oberkörper? Ich gebe zu, ich habe noch nie darauf geachtet.«

Maddie beschloss offensichtlich, diesen albernen Einwand nicht gelten zu lassen.

»Wie eine Prinzessin, wirklich«, flüsterte eine der Verkäuferinnen.

Wahrscheinlich kassierte sie für jeden Verkauf eines dieser unpraktischen, überteuerten Dinger eine deftige Provision, dachte Celine und kam sich mit ihren sechsunddreißig Jahren plötzlich uralt neben der zweiundzwanzigjährigen Maddie vor.

Die aber lächelte sich selbst unverdrossen begeistert zu. »Du solltest auch endlich heiraten, Celine«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und versuchte dabei verschiedene Posen, um herauszufinden, in welcher davon sie am attraktivsten wirkte. »Hat Albert dich immer noch nicht gefragt?«

»Immer noch nicht? Nein. Falls es dir entgangen sein sollte: Wir sind erst seit wenigen Wochen zusammen.«

Maddie zupfte sich einige Haarsträhnen in die Stirn. »Na und? Man hört immer wieder von diesen Blitzhochzeiten oder wie man das nennt. Ich dachte, es ist euch total ernst. Und hast du mir nicht neulich noch erzählt, dass du glaubst, Albert würde dich Weihnachten fragen, weil du gesehen hast, wie er aus einem Juwelierladen gekommen ist?«

Celine schluckte. Maddie konnte so ein Biest sein! Man durfte ihr einfach nichts anvertrauen, erst recht keine geheimen Wünsche und Sehnsüchte. Zum Beispiel die Vorstellung von einer Doppelhochzeit: Maddie und Tom und sie selbst und Albert. In einer großen Kirche, nicht so sehr aus Glaubensgründen – Celine war nicht besonders religiös –, aber eine wundervoll geschmückte Kirche und ein outgesourctes Standesamt-Happening an einer besonderen Location, wie Maddie es wohl nennen würde, zusammen mit all ihren Freundinnen, die eigentlich der Ansicht waren, Celine würde eh nicht mehr heiraten … All das waren Vorstellungen, die ein wohliges Gefühl der Vorfreude in ihr auslösten.

»Ich möchte das Thema jetzt nicht weiter vertiefen«, sagte sie geheimnisvoll.

Maddie drehte sich zu ihr um und zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Ist doch toll. Du bist endlich kein Single mehr. Das hast du dir doch immer gewünscht! Und wenn ich dich dieses Jahr nicht überredet hätte, zur Halloween-Party im Golfclub zu gehen, hättest du Albert nie kennengelernt.«

Das stimmt durchaus, dachte Celine. Im Grunde hatte sie Albert ganz allein Maddie zu verdanken. Und sie war so glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben. In den letzten Wochen hatten Albert und sie so viel Zeit miteinander verbracht. Und die Nächte. Celine dachte an die Nächte mit ihm und den Kurzurlaub in Wien. Obwohl sie von Wien eigentlich nicht sehr viel zu sehen bekommen hatten.

Maddie nickte sich im Spiegel selbstzufrieden zu. »Ich glaube übrigens auch, dass er dich Weihnachten fragen wird. Auch für Albert tickt die Uhr.«

Celine schloss für einen kurzen Moment genervt die Augen. »Maddie, lass das! Er ist nur zehn Jahre älter als ich.«

»Gut, aber ich meine ja bloß, dass ihr beide keine Zeit mehr verlieren solltet.« Und dann kam der Nachsatz. »In eurem Alter.« Und zu den beiden Verkäuferinnen: »Ich finde, es ist vorne noch ein bisschen lang.«

Celine atmete tief durch. Das war also ihre zukünftige Schwägerin. Großartig. Tommi hätte keine bessere Frau finden können als ausgerechnet Madeleine Kracht. Sicher, sie hatte auch ihre guten Eigenschaften. Celine überlegte kurz. Man konnte sie prima zum Schuhkauf mitnehmen. Sie hatte einen wirklich guten Geschmack (bis auf den Ausrutscher mit dem Hochzeitskleid), und sie konnte an der Kasse ganz toll um jeden Cent feilschen. Im nächsten Augenblick kam Celine sich schon ungerecht vor. Maddie hatte tatsächlich ihre guten Seiten, auch wenn sie ein bisschen oberflächlich war.

Als ihr Handy klingelte und Lenas Nummer auf dem Display auftauchte, war Celine nicht traurig. »Das Büro. Da muss ich rangehen, tut mir leid.«

Maddie trug es mit Fassung. Sie hatte zu tun. Mit sich. »Mach nur! Ich probiere das Kleid in der Zwischenzeit mal mit Schleier, okay?«

Celine verschwand eilig zwischen den Kleiderständern. Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, mit Lena ein vertrauliches Gespräch zu führen, doch Celine fand, dass das eine schöne Abwechslung im stundenlangen Anprobe-Folterkeller bedeutete. Maddie übertrieb es einfach mit ihren Selbstinszenierungen.

»Hey, Lena, schön, von dir zu hören! … Nein, du störst überhaupt nicht, im Gegenteil!« Mit einem Blick auf die zukünftige Schwägerin seufzte sie kurz. »So was von im Gegenteil, du ahnst es nicht.«

Und während sie in der Fascinator- und Hutabteilung Maddie aus der Ferne beim Drehen und Wenden auf dem Podest vor dem Spiegel zusah, hörte sie sich an, was Lena ihr zu sagen hatte, und ihre Miene verfinsterte sich zusehends.

»Danke, nein, wirklich. Danke, Lena. Ich komme gleich doch noch ins Büro. Dann können wir … genau … Richtig. Ich weiß nicht, was er sich dabei denkt. Okay, bis gleich!«

Sie beendete das Gespräch und steuerte durch die Kleiderständer und Regale langsam und nachdenklich zu Maddie zurück, nicht ohne links und rechts einen Blick auf die Brautkleider zu werfen. Es gab auch schlichtere Modelle – Modelle, die für sie selbst vielleicht infrage kamen. Ohne Steinchen, aber dafür mit Ärmeln.

Und wieder sah sie sich selbst mit Albert und neben sich ihren Bruder Tom mit Maddie. Zu viert standen sie vor dem Traualtar. Maddie als Weihnachtsglocke und sie selbst ganz schlicht, quasi als Kontrapunkt, sehr elegant und selbstverständlich viel jünger wirkend als Maddie. Und dann war da natürlich auch neben all den neidischen Freundinnen Gustav, ihr Vater. Er würde strahlend lächeln. Vor der Kirche wartete die Kutsche und …

»Na, was gibt’s?«, erkundigte sich Maddie.

Celine erwachte aus ihren Träumen. »Oh, es tut mir leid. Ich muss heute doch noch mal in die Firma«, sagte sie und suchte Strickmantel, Schal und Handschuhe zusammen. »Willst du hierbleiben? Oder soll ich dich nach Hause fahren?«

»Ich bleibe noch«, antwortete Maddie glücklich. Der Brautschleier stand ihr gut. Aber Celine fragte sich nach dem Telefonat mit Lena besorgt, ob sie ihn noch brauchen würde. Ihr Bruder Tom drohte möglicherweise gerade, alle romantischen Träume in Schutt und Asche zu legen.

»Bye, Maddie, wir sehen uns Weihnachten.«

»Ja, wir sehen uns.« Die Freundin ihres Bruders winkte anmutig wie Cinderella vom Podest hinunter, und Celine verschwand mit einem kurzen Gruß aus dem Geschäft in den Regen hinaus. Und selbstverständlich hatte sie wieder einmal keinen Schirm dabei.

Als Celine das Büro ihres Bruders Tom betrat, hatten Axel Strubel von der Marketingabteilung und er den Beamer gerade auf einigen Stapeln schon betagter Industrieflyer ausgerichtet. Das Gerät besaß ein stattliches Alter, aber keiner in der Firma hätte es gewagt, einen neuen anzuschaffen, wenn das Ding noch einen Funken Lebenswillen aufbrachte. Gustav Winterstein war bekannt für seine Sparsamkeit, was die Ausstattung der Büros betraf.

»Hey, Schwesterherz!«, rief Tom.

»Hey, Chefin!« Strubel zwinkerte Celine kurz zu.

Der beinahe schon antiquarische Werbefilm, den er jetzt startete, hatte den Charme eines Schulfilms aus den Siebzigerjahren und schien auch tatsächlich ungefähr dieses Alter zu besitzen, wenn man das starke Bildrauschen berücksichtigte. Celine beschloss, die beiden Männer nicht zu stören, und lehnte sich an die Fensterbank, um zuzusehen.

»Die Winterstein-Werke«, sagte die Stimme aus dem Off gerade, und die Kamera schwenkte über das Firmengelände, die angrenzenden Parkflächen, den firmeneigenen Fußballplatz, die Winterstein-Halle, die als lukrative Freizeiteinrichtung und Ort für lokale Großveranstaltungen in der Stadt eine feste Größe war, und zoomte zuletzt auf das sich öffnende Firmentor mit dem Pförtnerhäuschen. »Als Porzellanmanufaktur in Familienbesitz eine feste Größe in unserer Stadt und in der Welt

Strubel raufte sich in einem Anflug von Verzweiflung die Haare. »Okay, ich sehe schon … Wir müssen diesen Mist hier«, er winkte in Richtung Film, »jetzt jedenfalls endgültig über Bord kippen. Außerdem gibt es den Fußballplatz längst nicht mehr. Was denkt der Alte sich dabei, diese überholten Schinken weiterhin als Firmenpräsentation in alle Welt zu verschicken?«

»So nennst du meinen Vater also?« Tom lachte. »Lass ihn nicht hören, wie abfällig du über ihn sprichst!« Mit bedeutungsschwerer Stimme fügte er hinzu: »Er mag das nicht.«

»Ist mir so was von egal«, sagte Axel Strubel. Celine bemerkte den leicht abfälligen Zug um seine äußerst gepflegten Mundwinkel. »Ich werde dafür bezahlt, dass ich aus den Winterstein-Werken den alten Mief vertreibe, und genau das werde ich auch tun. Wir geben was Neues in Auftrag, etwas Innovatives. Irgendwas, in dem die Worte ›nachhaltig‹ und ›ökologisch‹ vorkommen. Und irgendwas, woraus man anschließend eine Werbe-App machen kann.«

Tom stieß sich mit dem Fuß ab und rollte auf dem Drehstuhl in Richtung Fensterfront. »Glaubst du, du kannst ihn überzeugen?« Er kehrte Axel den Rücken zu. Sein Blick wanderte über das Firmengelände.

»Ich muss ihn überzeugen, ansonsten können die Winterstein-Werke einpacken, du hast am Ende nichts mehr vom Vermögen deines Vaters, und dann muss ich den Jahresbeitrag im Golfclub aus eigener Tasche zahlen, statt ihn mir von dir zum Geburtstag schenken zu lassen.« Axel lachte, stand auf und beugte sich zu Tom hinunter. »Überleg mal. Vielleicht müsstest du sogar«, er legte eine kurze, bedeutsame Pause ein, »arbeiten gehen.«

Tom schüttelte über diese Bemerkung leicht den Kopf, und Celine war überrascht, dass ihr Bruder sich so von Axel Strubel behandeln ließ.

»Es ist ja nicht nur das Marketing«, erklärte Tom ohne jedes Zeichen von Verärgerung. »Es ist einfach alles. Die Produktion, die Designs. Celine, erklär du Axel bitte, wie es ist, Gustav von neuen Formen für Suppenschüsseln zu begeistern. Oder ihm beizubringen, dass Dekore wie meinetwegen ›Heckenrose‹, ›Claire Isabelle‹ oder ›Fontainebleau‹ und ›Fontainebleau Rouge‹ keine Zukunft mehr haben. Die Viereck-Teller-Phase haben wir auch verpennt.«

»Unser Vater ist eben der mittlerweile etwas altmodischen Meinung, dass die Leute ein Recht darauf haben, sich ihre Teller nachzukaufen, wenn sie ihnen runtergefallen sind«, sagte Celine schulterzuckend.

»Aber doch nicht mehr, wenn sie einhundertdrei sind!« Strubels Lachen klang überheblich.

»Wer, die Teller oder die Menschen?«, fragte Celine.

»Na, eigentlich beide, oder?«

Tom schien die Familienehre retten zu wollen. »Unser Vater weiß sehr wohl, was Verantwortung heißt. Manchmal tut er sich nur mit den Neuerungen schwer. Er ist trotzdem ein guter Chef.«

Strubel lachte erneut auf. »Ach, komm schon! Du weißt, dass das Unsinn ist! Der wohlwollende Familien- und Firmenpatriarch, der sich bis an sein seliges Ende von morgens bis abends um seine Arbeiter und Angestellten sorgt? Der einzig ehrenhafte Fabrikant auf der Welt?«

Celine fand es interessant zu beobachten, wie Tom vom Kritiker zum Verteidiger avancierte.

»Man muss ihn jetzt nur davon überzeugen, sich neuen Produktionsmethoden und Designs gegenüber aufgeschlossener zu zeigen. Und: Er hat immer auf Qualität geachtet.«

Axel Strubel machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ja, ja, geschenkt. Und wovon will er neue Produktionsmittel finanzieren? Die Firma Winterstein bräuchte dringend mal eine Finanzspritze. Vergiss es! Du musst den Alten komplett vom Thron schubsen, Tom. Oder willst du die eigene Firma verlieren und dir stattdessen in irgendeiner Bude von anderen sagen lassen, was du zu tun hast? Glaub mir«, Strubel klang für den Bruchteil einer Sekunde aufrichtig verbittert, »glaub mir, das willst du ganz sicher nicht.«

Celine räusperte sich. »Ich hätte beim großen Porzellanputsch dann auch noch ein Wörtchen mitzureden, wenn du gestattest, Axel.«

Strubel zog sich ansatzweise beleidigt auf den Stuhl zurück, während Tom es jetzt für nötig hielt, sich selbst zu rechtfertigen. Celine kannte das schon.

»Natürlich würde ich auch in einem anderen Betrieb arbeiten«, sagte er mit einem Anflug von Trotz. »Wenn es nötig wäre. Und überhaupt, das will ich hier mal klarstellen, nur damit du nicht auf schräge Gedanken kommst. Ich denke da an deine Bemerkung von vorhin: Gustav ist zwar mein Vater, aber wenn du denkst, er würde seinen Kindern das Geld einfach so in den Rachen werfen, irrst du dich. Celine und ich mussten immer dafür arbeiten. Stimmt’s, Celine?«

Ich schon, du nicht so sehr, dachte sie, antwortete aber mit einem knappen: »Stimmt.«

»Okay, okay. Trotzdem. Du solltest deinen Vater nicht immer in Schutz nehmen. Er ist ein durchtriebener alter Sack.«

Der Ton wurde schärfer. »Vorsicht, Axel! Bei aller Freundschaft.«

Celine beschloss, dass dies der geeignete Zeitpunkt war, das Gespräch der beiden zu unterbrechen. »Wenn die Herren Verantwortungsträger gestatten, würde ich gern kurz mit dir etwas besprechen, Tommi, unter vier Augen, ja?«

Celine konnte Strubel nicht ausstehen. Er war in ihren Augen ein schleimiger kleiner Ehrgeizling, der ihren Bruder nur ausnutzte.

Axel Strubel sagte einfach gar nichts und fummelte an seinem Notebook herum. Tom löste sich offensichtlich ungern von seinem Stuhl. Er folgte der Schwester mit nur aufgesetzter Lässigkeit.

Wahrscheinlich fühlte er sich wie ein Zehnjähriger, der etwas ausgefressen hatte. Sie konnte ihm die Aussprache dennoch nicht ersparen und wollte es auch nicht. Strubel grinste süffisant hinter ihm her, Frau Feldbaum aus dem Vorzimmer eher wissend. Aber Celine fand, dass es Tom nur recht geschah.

»Komm hier rein!« Sie hielt ihm die Tür zu einem kleinen Besprechungsraum auf. Tom ließ sich auf einen der bequemen Stühle sinken, während Celine es vorzog, stehen zu bleiben. »Lena hat mich vorhin angerufen!«

»Na und? Und überhaupt: Was machst du eigentlich hier? Wolltest du dir heute nicht freinehmen?«

»Oh ja. Ich habe mir freigenommen«, antwortete Celine. »Ich habe mir sogar ursprünglich freigenommen«, und ihre Stimme wurde nur ein klein wenig lauter, »weil ich mit deiner Verlobten, Madeleine Kracht – du erinnerst dich vielleicht an ihren Namen –, ein Hochzeitskleid aussuchen wollte. Aber das scheint ja jetzt nicht mehr nötig zu sein, oder?«

Tom schluckte und rutschte unbehaglich hin und her. »Wieso … Warum …?«

»Lena hat dich gesehen, mein Lieber. Heute Morgen, mit Anna vom Schreibdienst. Soll ich noch mehr sagen? Außer, wie dämlich und gemein Maddie gegenüber ich dein Verhalten finde?«

Tom schwieg. Er kannte das. Jetzt war sie in Fahrt, und er hätte sie nicht aufhalten können, selbst wenn er gewollt hätte.

»Mensch, Tommi, du weißt ja wohl selbst, dass ich kein riesengroßer Fan von Maddie bin, aber was denkst du dir dabei, sie so zu hintergehen? Jetzt weiß ich auch, warum du dich so schwer damit tust, endlich mal einen passenden Termin für die Hochzeit mit ihr festzulegen.« Sie beugte sich zu ihm hinunter. »Wie lange geht das schon?«

Tom zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Ein halbes Jahr vielleicht?«

Celine konnte es nicht fassen und schnappte nach Luft. »Ein halbes Jahr? Bist du total verrückt?«

»Ich liebe Anna«, bekannte Tom in einer trotzigen Aufwallung von Ehrlichkeit.

»Na toll.«

»Was soll ich denn machen? Papa rastet aus, wenn er das erfährt. Der enterbt mich oder wirft mich auf die Straße. Und wo finde ich dann einen Job?«

Celine seufzte einmal tief. »Pass auf, du bist mein Bruder, und ich hab dich lieb, aber ich habe weder lange Zeit für Entschuldigungen noch Lust, mir deine Rechtfertigungsversuche anzuhören. Wie kannst du nur so … feige sein? So ein … Ach!« Celine schüttelte erschüttert den Kopf und musterte dann schweigend die Stuhlbeinabdrücke im Velourteppich des Besprechungszimmers.

Tom biss sich auf die Lippen. Er wirkte betroffen, als er nach ihren Händen griff. Celine erinnerte sich an diese Berührung aus jener Zeit, als er ein kleiner Junge gewesen war, der sich an ihr festhielt. Er würde sein ganzes Leben lang ein Junge bleiben, der sich irgendwo festhalten musste, um nicht unterzugehen.

»Es tut mir leid«, seufzte er matt.

Celine sah ihm ins Gesicht. »Das musst du mir doch nicht sagen. Sag es der armen Maddie!«

Tom schwieg eine Weile, und Celine setzte erneut an, leise und selbst überraschend stark verletzt über das Verhalten ihres Bruders.

»Weißt du, ich war heute mit Maddie bei Brautkleider Belz. Sie war so glücklich. Und ich? Kurz bevor Lena angerufen hat, hatte ich eine Art Vision. Ein richtiges Bild, bei dem du und ich und Maddie und Albert, also wir vier, in der Kirche standen und eine riesige Hochzeit in Weiß feierten. Und ich dachte, es würde bestimmt endlich mal alles gut, weißt du? Endlich mal alles sicher, vorhersehbar. Jetzt weiß ich, dass das eine Illusion ist. Tommi, bitte sag es ihr! Sag es ihr noch vor Weihnachten! Sonst sitzt sie mit ihrer Mutter am zweiten Feiertag bei uns unter dem Weihnachtsbaum, und ich muss mir den Mund mit Rotkohl stopfen, damit ich es ihr nicht selbst sage. Ich will kein Drama an diesem Abend, gerade an diesem Abend nicht, weil ich glaube …« Sie zögerte kurz. »Also es könnte sein, dass Albert mich fragt.«

Tom nickte eifrig. »Natürlich, Celine, klar, mach ich. Warte mal kurz. Was fragt Albert dich?«

Celine verdrehte die Augen. »Ach, Tommi.«

Endlich fiel bei ihrem Bruder der Groschen. »Was? Das ist ja toll! Wahnsinn! Der alte Knabe …? Der will noch mal? Was sagt seine Exfrau?«

Also ehrlich, Tom, das ist mir ziemlich schnuppe, und er ist wirklich kein »alter Knabe«. Celine merkte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.

»Aber ja, verdammt, das ist ja toll, Schwesterchen!« Er sprang auf und nahm sie in den Arm.

Doch Celine wand sich aus der Umarmung. »Es ist mein Ernst. Sprich mit Maddie, bitte! Und noch ein Tipp, Tom: Halt dich besser fern von Axel Strubel! Er meint es nicht gut mit dir.«

Es war schon spät am Nachmittag. In der Fußgängerzone herrschte ein unglaubliches Gedränge. Zwischen dem Stand mit den gebrannten Mandeln, der sich an der gleichen Stelle wie im letzten Jahr befand, und der Glühweinbude saß ein junger Mann in pekuniärer Verlegenheit. Auch ihn erkannte Celine wieder. Offenbar, so stellte sie fest, war er auf interessante Weise ein Traditionalist, dass er jedes Jahr wieder hierherkam. Danke!, stand mit krakeliger Schrift auf dem Pappstreifen, den er neben einem alten Zylinder positioniert hatte. Sein Kopf wippte im Takt irgendeiner Musik, die er auf dem Smartphone hörte. In einem Anflug von Weihnachtsseligkeit steckte Celine ihm zwanzig Euro in den Zylinder, der mit schwarz glänzender Seide bezogen und erstaunlich gut erhalten war. Das rote Innenfutter trug ein kleines Namensetikett aus längst vergangenen Tagen. Irritierenderweise fand Celine, dass die historische Kopfbedeckung ihr seltsam vertraut erschien. Der junge Mann sah zu ihr auf. Seine Augen waren von einer graublauen, so intensiven Farbe, dass Celine zunächst glaubte, er trüge Kontaktlinsen.

»Fata viam invenient!«, sagte er und sprang bei diesem Satz überraschend behände auf die Füße, während er Celine weiterhin fixierte. Dann lachte er, setzte den Zylinder auf und war so schnell in der Menge verschwunden, dass Celine sich fragte, ob er tatsächlich gerade noch dort gesessen hatte. Aber sein Danke!-Schild hatte er liegen lassen. Ein untrüglicher Beweis seiner Anwesenheit.

»Fata viam invenient«, murmelte Celine. Als Restauratorin verstand sie etwas Latein und übersetzte: Das Schicksal findet seinen Weg. Es war eine sonderbare Begegnung gewesen, die eigentlich so gar nicht in diesen bunten Weihnachtsrummel passte. Vorne an der Kreuzung, mitten in der Fußgängerzone, blinkten die Lichter der Fahrgeschäfte. Das übliche Tröten, Heulen und Hupen des Kinderkarussells mischte sich mit dem Weihnachtsliedermix aus der Glühweinbude zu einer präweihnachtlichen Kakofonie.

Celine wollte nichts lieber, als diesen Lärm so schnell wie möglich hinter sich lassen. Sie sehnte sich nach ihrem gemütlichen Sofa, einem Becher Glühwein und den dicken Socken, die Lena ihr gestrickt hatte.

Als wäre der Tag nicht unerfreulich genug gewesen, begann es jetzt auch noch zu schneien. Celine presste die Tüten und Taschen entschlossen zusammen, damit deren Inhalt nicht nass wurde, und beschleunigte ihre Schritte, nur um kurz darauf verwundert abzubremsen und sich umzusehen. Sie glaubte, ihren Namen gehört zu haben.

»Celine!«

Sie wandte den Kopf. Der Ruf kam aus der überdachten Glühweinbude, und die Stimme war ihr vertraut.

Und tatsächlich, da stand Albert. Er war wie ein Sonnenstrahl, der jetzt gerade nur für sie durch graue Wolken brach. Celine machte kehrt und schob sich durch die den Stand belagernde Menschenmenge zu ihm hin.

»Albert«, sagte sie glücklich. Er nahm ihr die Taschen ab und brachte sie auf einem erhöhten Brett an der Budenwand in Sicherheit.

»Na, Süße?« Für einen kurzen Moment blendeten sie beide die Außenwelt vollständig aus. Vergessen waren all die anderen Menschen, die um sie herum einfach weiterschunkelten und lachten, tranken, lustige Elchgeweihe aus Plüsch oder blinkende Weihnachtskugelohrringe trugen und Schlager mitschmetterten. Es gab nur noch Alberts Augen, in denen Celine versinken wollte, sehr hellblau mit kleinen Fältchen in den Winkeln. Celine nannte sie »gute Fältchen«, weil sie fand, dass sie Alberts Blick so weich erscheinen ließen.

Er umarmte sie und hielt sie fest. »Ich liebe dich, weißt du das?«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Celine nickte. »Und ich dich.«

Albert lachte. »Dann hätten wir das also geklärt.« Er ließ sie behutsam los und bestellte einen weiteren Glühwein. »Ich hatte einen furchtbaren Tag.«

»Da bist du nicht der Einzige. Meiner war bestimmt genauso schlimm.«

»Meiner war schlimmer, jede Wette. Hanno möchte, dass ich bis Ende nächster Woche eine Fotoreportage fertig habe, Thema ›Winter im Garten‹ Er will ausgefallene Dekorationen im Landhausstil, Eichhörnchen, die aus Shabby-Chic-Körbchen Erdnüsse sammeln, wahrscheinlich auch Häschen, die die Schnuppernase über den abgeschnittenen Staudenspitzen kräuseln. Wie hat er das gesagt? ›Fangen Sie doch mal die winterliche Stille und Erstarrung in einem Ambiente-Garten ein! Irgendeine von diesen Landfrau-Ladys ist doch immer scharf darauf, ihren Garten der Öffentlichkeit zu präsentieren.‹ Ich zu ihm: ›Klar, besonders an Weihnachten oder in den Tagen zwischen den Jahren, wenn die Landladys in ihren Landküchen stehen, um die viergängigen Landmenüs zu kochen.‹«

Celine musste lachen und nippte an ihrem Glühwein.

Albert schüttelte den Kopf. »Wie stellt der sich das bloß vor?«

»Er hält eben große Stücke auf dich.«

Albert schnaubte leise, doch dann schien er eine Idee zu haben. »Was ist mit der alten Winterstein-Villa? Die in Meylitz?«

Celine blickte ihn mit milder Nachsicht an. »Du solltest inzwischen wissen, dass es nur eine einzige Villa Winterstein gibt. Und die ist ganz bestimmt nicht das, was du für deine Reportage brauchst. Da gibt’s keinen Shabby Chic, da gibt’s nur Shabby, verstehst du? Sie ist sozusagen ein verlassenes Gemäuer. Und ich fahre garantiert nicht quasi wenige Stunden vor Weihnachten mit dir dorthin.«

»Och, Süße, hast du mir nicht erzählt, es gäbe dort auch ein Bootshaus? Wie wäre das? Weihnachten … nur wir beide … am Meer, ohne den ganzen Weihnachtstrubel …«

»Albert, die Gärten der Villa Winterstein werden nur noch notdürftig gepflegt. Es ist einfach nicht das Richtige für deine Reportage.«

»Dann schwatze ich Hanno eben ein anderes Thema auf. ›Verlassene Villen und Schlösser an der Ostsee‹.«

»Nein, Albert, ein anderes Mal gern, aber nicht jetzt.«

Albert wandte sich seinem Glühwein zu. Er schien nun tatsächlich sehr verstimmt zu sein. Celine begriff nicht, warum er sich derartig in seinen Plan verrannt hatte, und versuchte es mit einem Kuss, doch Albert wandte sich ab.

Beleidigte Leberwurst, dachte Celine, doch dann versuchte sie es noch einmal mit Argumenten. »Liebster, sieh das doch ein. Ich muss noch gefühlte siebenhundert Geschenke einpacken. Ich freue mich unsäglich darauf, dich Weihnachten bei uns zu Hause zu haben, in meiner Familie, mit allem Drum und Dran.« Celine dachte an den Ring, den er dann im Gepäck haben würde. Was war schon ein Heiratsantrag im ausgekühlten, dekofreien Ferienhaus mit karger Grundausstattung gegen einen im Winterstein’schen Weihnachtszimmer? Bei dem außerdem jene anwesend waren, die noch vor Kurzem jederzeit unterschrieben hätten, dass Celine bis zum Ende ihrer Tage Single bleiben würde. Gustav und vielleicht seine Freundin, Tom und hoffentlich auch noch Maddie? Celine wollte das ganze Programm, die ganze Familie. Alle sollten sehen, wie glücklich sie war. Stattdessen auf Motivsuche mit Albert durch die matschigen Wiesen rund um die Villa Winterstein zu schleichen, im zugigen Bootshaus zu übernachten und an der Ostseeküste zu frieren schien eine schlechte Alternative zu sein, selbst wenn ein Bootshaus am Meer auf den ersten Blick romantisch wirken mochte. Für Celine machte das nur Sinn ab einer gefühlten Außentemperatur von mindestens fünfundzwanzig Grad Celsius.

»Albert?«

Er seufzte. »Okay! Du hast gewonnen!«

Celine lächelte ihn strahlend an, und er beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Stirn.

»Immerhin ist bald Weihnachten, und ich möchte mit meiner Freundin keinen Streit haben.«

Bei dem Wort »Freundin« zuckte Celine ein wenig zusammen. So wie er es aussprach, hatte es etwas Unverbindliches an sich. Es klang plötzlich so, als wäre sie irgendeine Freundin, nicht die Freundin, um deren Hand Albert vielleicht bald anhalten wollte. Vielleicht ging es ja tatsächlich zu schnell. Wenn sie früher gefragt worden wäre, ob sie nach so kurzem Vorlauf bereit sei, einen Mann zu heiraten, hätte ihre Antwort bestimmt Nein gelautet. Jetzt allerdings war sie sich sicher. So sicher wie noch nie in ihrem Leben. Ihre Liebe zu Albert umhüllte sie wie ein wunderbar warmer Mantel. Sie wollte ihn. Sie wollte ihn mit jeder Faser ihres Körpers, mit Haut und Haaren, ganz und gar. In diesem Moment erinnerte sie sich wieder überdeutlich an den Abend, an dem sie sich kennengelernt hatten.

Es war die Halloween-Party im Golfclub gewesen. Ein Abend voller Kürbisse und Weichzeichner-Romantik in warmen Lichttönen. Albert hatte jedes Wort von ihr förmlich aufgesogen und großes Interesse an ihr gezeigt, was Celine anfangs verwundert hatte. Er stellte Fragen zu ihrer Familie, erzählte aus seiner Schulzeit, fragte sie nach ihren Lieblingsfilmen und lachte über ihre Witze. Celine machte sich nichts vor. Als ausgebildete Restauratorin und Mitinhaberin einer Firma, die nur leidlich erfolgreich Geschirr mit dem Namen »Fontainebleau Rouge« an die gutbürgerlichen Restaurants der Republik verkaufte, als eine Frau, die gern Bücher über Primzahlen las und Bilder mit Mandelbrotfraktalen sammelte, war sie nicht unbedingt die Traumfrau für originelle Gespräche. Doch Albert interessierte sich sogar für die Mandelbrotmenge, die mitunter farbintensive Visualisierung einer mathematischen Berechnung. Er schaffte es, dass sie sich öffnete, so oft lachte, wie sie selten auf einer Party gelacht hatte, und später bestand er darauf, sie nach Hause zu bringen. Es war einfach perfekt gewesen.

Sie schlief an diesem ersten Abend nicht mit ihm, aber auch das war für Albert vollkommen in Ordnung. Sie waren sich einig, doch er war erregt genug, dass sie wusste, er hätte es liebend gern getan. Zu verzichten fiel ihm schwer, auch wenn er sie für ihre Entscheidung zu respektieren schien.

Sie musterte Albert verstohlen von der Seite. Er war kein überragend schöner Mann; er sah eher durchschnittlich aus. Es war nicht zu übersehen, dass er älter war als sie. Vielleicht erkannte man nicht unbedingt, dass rund zehn Jahre zwischen ihnen lagen, aber durch seine dunklen Locken zogen sich bereits deutliche graue Strähnen. Albert umgab sich nicht mit einer geheimnisvollen Aura, und er machte sich nicht besser, als er war: Er war kein Typ für tägliche Fitnessprogramme. Außerdem liebte er gutes Essen, ab und zu ein Bier, die Übertragung von sportlichen Großereignissen und faule Fernsehabende. Seiner Arbeit als Journalist für Ambiente- und Lifestyle-Magazine ging er mit solider und verlässlicher Durchschnittlichkeit nach. Albert hatte offenbar weder den Wunsch nach künstlerischen Alleinstellungsmerkmalen, die ihn in eine Karrierelaufbahn hätten katapultieren können, noch litt er anscheinend unter diesem Mangel an Ehrgeiz. Er lebte gern, und er lebte gern mühelos. Das war sein Motto.

Und er war der Mann, den sie liebte. Das allein machte ihn für Celine zum großartigsten Menschen auf der Welt.

»Und was war heute bei dir so los?«, erkundigte sich der großartigste Mensch auf der Welt.

»Tom und Maddie … das ist wohl aus.«

Albert hätte sich beinahe am Glühwein verschluckt. »Wie bitte?«

Celine griff nach ihren Tüten. »Ich erzähle es dir ein anderes Mal. Nicht jetzt. Ich brauche gleich unbedingt eine warme Dusche!«

»Da wäre ich gern dabei«, warf Albert grinsend ein.

»Nicht heute, Liebling. Ich muss noch Weihnachtsgeschenke einpacken. Und bitte sag jetzt keinen Satz, in dem das Wort ›auspacken‹ vorkommt.«

»Wie Madam befiehlt.« Albert tippte sich kurz an die Stirn, als wollte er salutieren.

Sie küssten sich zum Abschied. Er strich ihr durchs Haar und über die Wange. Der Abschied von ihm tat Celine weh.

Noch lange nach der Ankunft zu Hause spürte sie seine Berührungen auf ihrer Haut. Aber ärgerlicherweise war da außerdem noch etwas anderes: Das flüsternde Gefühl einer diffusen Unruhe, die sie seit den letzten Stunden begleitete. Nein, sie wollte nicht an Vorahnungen glauben.

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Klara

Es war im Winter des Jahres 1882, kurz vor Weihnachten, als der Wagen des Krämers Wenzlaff Federer auf beschwerlichen Wegen durch die Provinz fuhr.

Drei Tage lang hatte er die Dörfer und Weiler abseits der üblichen Straßen aufgesucht, um seine Waren feilzubieten. Jetzt war er auf dem Rückweg in die Stadt, aber der plötzlich einsetzende Schneefall hatte ihn zu einem Routenwechsel in unbekannte Gefilde gezwungen und machte ihm schwer zu schaffen. Der Boden war noch nicht gefroren. Schneematsch verwandelte die Straße in einen mühsam zu befahrenen Sumpf. Zweimal war er schon stecken geblieben.

Doch Wenzlaff Federer musste an diesem Abend nur noch das nächste Dorf erreichen, eine Wirtschaft finden, in der er die Pferde versorgen konnte, und einen trockenen Schlafplatz für sich selbst bekommen. Und am nächsten Tag, so hoffte er, würde die Verbindung zur Hauptstraße nicht durch Schneeverwehungen blockiert sein. Er wollte doch so gern Weihnachten zu Hause bei seiner Mutter sein. Sie kam gewiss schon fast um vor Sorge.

»Hü!«, rief er verzweifelt und spornte die beiden Braunen vor seinem Wagen an, damit sie noch einmal das letzte bisschen Kraft aus sich herausholten und ihn die Steigung hinaufzogen. Schweiß bedeckte die zitternden Flanken der Pferde. Rasch setzte jetzt die Dämmerung ein. Schneeflocken tanzten vor Wenzlaffs Augen, hingen schwer in seinen Wimpern und erschwerten ihm die Sicht. Seine beiden Wagenlampen waren bereits im auffrischenden Wind erloschen. Ungeduldig schlugen die beiden Braunen mit dem Schweif.

Endlich auf dem höchsten Punkt der Steigung angelangt, ließ er die Zügel einen Moment sinken und versuchte, sich zu orientieren. Links der Straße, in unbestimmter Entfernung, meinte er einen Lichtschimmer auszumachen. Gewiss war das aber nicht schon das Dorf Unterschwarzbach. Vielleicht war es der Hof eines vorgelagerten Weilers oder ein Einödhof. Der Wind heulte. Mit zunehmender Kälte reifte in Wenzlaff die Erkenntnis, dass es unmöglich sein würde, in dieser Nacht noch bis ins Dorf zu gelangen. Er wollte nach einem Fahrweg bis zu diesem Weiler suchen und gleich hier um Schutz bis zum nächsten Morgen bitten.

»Hü!«, rief er den Pferden noch einmal zu. »Die werden uns schon nicht abweisen. Bald ist es geschafft.«

Eigentlich wusste er gar nicht, ob er mit diesen Worten eher seine Pferde oder sich selbst beruhigen wollte.

Er knallte mit der Peitsche, jedoch ohne die beiden Braunen auch nur zu berühren. Gott wusste, sie hatten alles an Kraft für ihn gegeben. Sie waren die besten Kameraden, die Wenzlaff sich denken konnte.

Noch einmal zogen die Pferde an. Doch jetzt ging es bergab. Wenzlaff hing mit seinem ganzen Gewicht – und das war nicht eben viel, denn er war eher ein dünner, zäher, denn ein kräftiger Mann – in der Bremse. Der Wagen rutschte das steile Gefälle hinunter. Es war so anstrengend, das Fuhrwerk festzuhalten, und kostete ihn so viel Kraft, dass er nicht merkte, wie seine Finger aufrissen und die Handschuhe mit Blut tränkten. Die Haare hingen ihm nass ins Gesicht. Alles in ihm kämpfte, betete gleichzeitig zu Gott und bereute zutiefst den Entschluss, so spät im Jahr noch die Nebenstrecke durch das Gebirge genommen zu haben. Und was hatte er schon verkauft? Ein paar Pfannen und Töpfe und ein winziges Stück echte Seide. Eine läppische Einnahme, und nun drohte er obendrein Pferde und Fuhrwerk zu verlieren. Für einige fürchterliche Minuten sah es schlecht für ihn aus, aber letztlich gewann Wenzlaff den Kampf doch. Endlich hatte der Wagen den Abhang überwunden und stand bald auf ebenem Weg. Auf die Äste der Tannen links und rechts von ihm drückte schwer der Schnee, und obwohl die vom Wind getriebenen Flocken wie spitze Eiskristalle im Gesicht und auf den Augenlidern schmerzten und es Wenzlaff mittlerweile fast unmöglich war, sich ein genaues Bild zu verschaffen, entdeckte er etwa fünfzig Meter vor sich ein weiteres Fuhrwerk, einen hohen Wagen mit einem Aufbau, wie ihn Zirkuswagen hatten. Dieser versperrte die Straße und stand mit dem Rücken zu ihm. Wenzlaff beschloss, den Pferden eine Pause zu gönnen, sprang vom Bock und stapfte zu Fuß weiter.

»Heda!«, rief er schon von Weitem in Richtung des Wagens und beschleunigte seine Schritte. Warum, hätte er nicht genau zu sagen gewusst. Aber eine innere Stimme drängte ihn zur Eile.

Kurz glaubte er, eine Bewegung seitlich des Weges im Unterholz auszumachen, doch er kümmerte sich nicht darum.

Zunächst trat er näher an die Rückseite des Wagens heran. Zwei hölzerne Trittstufen erleichterten das Hinaufklettern. Er öffnete die unverschlossene, schmale Tür und nahm eine am Außenholm festgemachte kleine Lampe vom Haken, um in das Innere des Gefährts zu leuchten.

»Ist hier jemand?«, fragte er zunehmend beunruhigt. »Seid ihr in Not? Benötigt ihr Hilfe?«

Doch niemand antwortete. In einer Ecke des Wagens lag ein regloses Fellbündel auf dem Boden, halb bedeckt von ein paar bunten, zerrissenen Lumpen, an denen noch Spuren von Flitter hafteten. Wenzlaff legte keinen Wert auf eine Begegnung mit Hunden. Meistens schnappten sie nach ihm. Dieser dort war vermutlich tot, weil er sich nicht rührte. Wenzlaff hielt sich trotzdem von seinen Umrissen fern und leuchtete vorsichtig die anderen Ecken aus.

In diesem Wagen wohnte jemand, das sah er. Kochgeräte hingen in einem Winkel, benutzte Teller lagen auf dem Boden. Holzlöffel und allerlei Küchenutensilien hingen über einem kleinen eisernen Ofen. In der anderen Ecke befand sich eine schmale hölzerne Liege. Dieser Wagen gehörte Schaustellern, glaubte Wenzel. Grellbunt gemalte Plakate und kleine Zettel mit den reißerischen Botschaften des Tingeltangels klebten an den Holzlatten. Vielleicht hatten die Leute sich im Schneematsch festgefahren und holten nun Hilfe im Weiler.

Er wollte gerade aussteigen, um den Wagen herum nach vorn gehen und nach dem Pferd sehen, als er von dort schon einen Ruf hörte und unmittelbar darauf dumpfe Galopptritte im Schnee.

»Halt! Halte doch an! Warte, du …«, schimpfte Wenzlaff, sprang hinten aus dem Wagen und strich dicht an den Ästen der Tannen und Fichten entlang, um so rasch wie möglich nach vorn zur Deichsel zu gelangen. Doch er kam zu spät. Wer auch immer sonst noch in diesem Wagen gewesen war, er war fort. In die Nacht hinaus verschwunden, einfach fortgeritten. Wenzlaff glaubte, dass das eine höchst leichtsinnige Entscheidung war. Und eine lästige, denn nun musste er selbst zunächst umschirren, mit seinen eigenen Pferden den fremden Wagen aus dem Weg räumen und ihn an einer geräumigeren Wegstelle abstellen, um anschließend wiederum die Pferde an seinem Fuhrwerk anzuschirren und weiterzukommen.

Wenn er kein frommer Mann gewesen wäre, hätte er sicher geflucht, so aber nahm er es als eine Art Gottesprüfung und wollte gerade zurück zu seinem eigenen Fuhrwerk stapfen, als ein leises Wimmern aus dem Wagen ihn davon abhielt.

Noch einmal stieg er durch den hinteren Eingang und ging den Geräuschen nach. In der Nähe des Ofens stand ein Weidenkorb. Er öffnete ihn und traute seinen Augen nicht.

»Herrgott, steh mir bei!«, sagte er beim Anblick des Säuglings. »Wo ist nur deine Mutter, du kleines Ding?«, flüsterte Wenzlaff, der ein großes Herz besaß und sich keinen Reim auf all das machen konnte. Er hatte auch niemals einen Säugling auf dem Arm gehabt. Er war nicht verheiratet, er lebte mit seiner Mutter zusammen, die ihm den Haushalt führte. Die hätte jetzt sicherlich gewusst, worauf es ankam. Etwas unsicher blickte er sich um.

»Nun, ich glaube, ich bringe dich zunächst einmal ins Warme«, beschloss Wenzlaff und kletterte mit dem Kind aus dem Wagen. Der Säugling begann sofort zu schreien, als der eisige Wind ihm ins Gesicht fuhr. Wenzlaff breitete seinen Mantel über das Kind und drückte es an sich, während er mit der anderen Hand die Wagenlaterne vor sich hielt. Er orientierte sich zunächst an den Lichtern, die er durch die Tannen hatte leuchten sehen. Die Lichter des Weilers. Und tatsächlich hatte er erst wenige Schritte mit seinem kleinen Schützling auf dem Arm zurückgelegt, als er neben einem großen, weißen Findling auf einen verwitterten hölzernen Wegweiser stieß, der in Richtung der wenigen Häuser zeigte.

Wenzlaff wischte den Schnee beiseite und hielt die Lampe vor das Schild.

»Win-ter-stein«, entzifferte er mühsam die kaum noch lesbare Aufschrift. »Nun gut, bringen wir dich also nach Winterstein!«

Das Bauernhaus war von mittlerer Größe, die Wirtschaftsgebäude und der Stallanbau erheblich kleiner. Hinter winzigen Fenstern leuchteten zwei Kerzen. Die Schwelle knarrte, als Wenzlaff mit dem Kind auf dem Arm in den langen Flur trat. Sie hatten ihn schon gesehen und kamen ihm aus der Stube entgegen. Die Frau hielt eine Petroleumlampe in der Hand. Erst als sie näher kam, konnte er ihre Gesichtszüge erkennen. Kantig, schmal, mit hohen, hohlen Wangen, aber einem entschlossenen Zug in den Mundwinkeln. Beide, auch der Mann, wirkten ausgesprochen ärmlich. Das Kind auf Wenzlaffs Arm begann, laut zu weinen.

»Ein schönes Wetter habt ihr euch ausgesucht, um durch die Gegend zu ziehen«, stellte die Frau fest.

»Ich wünsche euch einen guten Abend«, erwiderte Wenzlaff.

»Ein Hausierer, mitsamt seiner Brut«, fuhr die Frau misstrauisch fort.

Wenzlaff schluckte und setzte sein schönstes Krämerlächeln auf. »Bitt schön, kein Hausierer, ein Krämer auf dem Heimweg. Ich bitte für die späte Störung um Entschuldigung. Ich komme mit meinem Fuhrwerk nicht weiter. Ein anderer Wagen versperrt den Weg und …«, er zögerte kurz, »und darin habe ich dieses Kind gefunden.«

Die Frau trat einen Schritt vor und zog Wenzlaffs Mantel vom Gesicht des Säuglings, um ihn genau betrachten zu können.

»Wenzlaff Federer ist mein Name«, stellte Wenzlaff sich mit heiserer Stimme vor. Von seinen schneeschweren Kleidungsstücken tropfte das Tauwasser auf die Holzdielen des Flures. »Haushalt- und Eisenwaren Federer. Aus der Stadt. Nun auf Reisen.«

»Und wer ist das?«, fragte der Mann, der ebenfalls näher kam.

»Das Kind, das er angeblich gefunden hat«, antwortete die Frau an Wenzlaffs Stelle. »Bist du taub?« Sie wiederholte es noch einmal lauter. »Ein Kind, das er gefunden hat.«

»Ah, ich verstehe!«

»Nichts verstehst du.« An Wenzlaff gewandt fügte sie hinzu: »Er versteht nichts. Nicht viel.«

Wenzlaff erkannte im Funzellicht des Flures, dass er nicht der Ehemann, sondern möglicherweise der Vater der Frau war. Er war wesentlich älter, lächelte breit und entblößte dabei einen weitgehend zahnlosen Mund.

»Ein kleines Kindlein«, murmelte er leise und streckte eine zitternde Hand in Richtung Säugling. »Ein Weihnachtskind.«

»Wo bin ich hier? Ist dies Winterstein? Ich sah einen Wegweiser auf dem Fußweg hierher«, wollte Wenzlaff nun wissen.

Die Frau musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Ja, ja, das ist richtig. Ich bin Margarete Winterstein. Das ist mein Schwiegervater Franz. Und ihr seid in Winterstein. Wir tragen den Namen des Hofes. Und der Hof trägt den Namen des Steins, an dem du vorbeigekommen bist. Der große weiße Stein. Der Winterstein. Zieh deinen Mantel und die nassen Stiefel aus, Krämer Federer! Na, kommt herein, alle beide! Ich werde euch etwas zu essen und zu trinken geben. Und eure Sachen könnt ihr in der Stube am Ofen trocknen. Schlafen könnt ihr in der kleinen Knechtskammer. Die ist leer. Na kommt!«, sagte sie, nahm Wenzlaff das Kind ab und führte ihn, sobald er sich seiner Stiefel entledigt hatte, in die Stube des Hauses. »In dieser Nacht werdet ihr nirgends mehr hingelangen.«

»Meine beiden Pferde«, widersprach Wenzlaff matt.

»Hans«, rief die Bäuerin nun laut. Irgendwo im hinteren Dunkel des langen Flures öffnete sich daraufhin quietschend eine Tür, und ein finster dreinblickender junger Mann steckte den ...

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