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Das Erbe der Morettis (3-teilige Serie)

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1. KAPITEL

Marco Moretti besaß ein ausgeprägtes Sieger-Gen – in jeder Hinsicht. Und als Sieger aus dem Rennen des heutigen Tages hervorzugehen, war ein weiterer Schritt auf dem Weg, der erfolgreichste Moretti-Fahrer aller Zeiten zu werden. Sein Großvater Lorenzo hatte schon drei Grand-Prix-Titel in Folge gewonnen. Und Marco hatte bereits mit ihm gleichgezogen. Aber in diesem Jahr wollte er aus dem Schatten seines Großvaters treten und Lorenzo noch übertrumpfen.

Es gab nur noch drei andere Fahrer außer den beiden Morettis, die diese Erfolgsbilanz vorzuweisen hatten, und Marco hatte sich vorgenommen, in diesem Jahr mit einem vierten Sieg an ihnen vorbeizuziehen. Das war schon sein Traum gewesen, als er damals als Neuling zum ersten Mal in der Formel 1 gestartet war.

Marco war davon überzeugt, dass er es schaffen konnte. Bisher hatte er alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Trotz seiner Zuversicht und der Sicherheit, die ihm ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verlieh, fühlte er sich an diesem Abend merkwürdig leer und unruhig.

Sein Teamkollege Keke Heckler saß beim Bankett neben ihm und plauderte angeregt mit Elena Hamilton, einem Model, das kürzlich auf der Titelseite der populären Zeitschrift Sports Illustrated zu bewundern war. Keke strahlte übers ganze Gesicht und schien mit sich und der Welt vollkommen im Reinen zu sein. Doch als Marco ihn so ansah, musste er unwillkürlich daran denken, dass zum Leben doch eigentlich mehr gehörte, als Rennen zu gewinnen und Partys zu feiern.

Was ist los mit mir, fragte er sich. Er fühlte sich, als wäre eine Grippe im Anzug. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ihm der Familienfluch wieder in den Sinn kam. Ein alter italienischer Aberglaube, der seit zwei Generationen auf der Familie lastete und besagte, dass es keinem der männlichen Moretti-Nachkommen vergönnt sein sollte, im Beruf erfolgreich zu sein und gleichzeitig in der Liebe glücklich zu werden.

„Marco, Elena fragt mich gerade, wo Allie bleibt“, fragte Keke mit seinem starken deutschen Akzent. „Kommt sie noch?“

„Wir sind nicht mehr zusammen.“

„Oh, das tut mir leid“, meinte Elena.

Nach einer Weile standen Keke und Elena auf, um zu tanzen. Marco lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete das Treiben. Mit diesem Bankett und der Party, die inzwischen begonnen hatte, feierte man ihn und seinen Sportskameraden Keke als die Sieger, und zugleich feierte der Jetset, der dem Rennzirkus überallhin folgte, natürlich ausgiebig sich selbst. In der Menge, die sich hier tummelte, entdeckte Marco Fahrerkollegen und unzählige schöne Frauen. Aber er konnte sich nicht dazu aufraffen, sich unter sie zu mischen.

Mit Allie und ihm war es in der Rennpause vor dieser Saison auseinandergegangen. Sie schien in den Wochen, in denen nicht alle Kameralinsen auf ihn – und auf sie – gerichtet waren, das Interesse an ihm verloren zu haben. Marco ging es in zumindest einer Hinsicht völlig anders. Zwar wusste er, dass er dem ganzen Rummel um den Rennsport nicht aus dem Weg gehen konnte. Er hätte sich aber gerade für die Ruhepausen von diesem aufreibenden Leben jemanden an seiner Seite gewünscht – für die wenigen, wertvollen Wochen, die er in seiner Villa, mit Blick auf die Bucht von Neapel, fern vom Fokus der Öffentlichkeit verbringen konnte. Auch wenn er sich hier unter den wunderschönen Frauen umsah, konnte er sich bei keiner von ihnen vorstellen, dass sie seine heimliche Vorliebe für ein zurückgezogenes Leben teilte.

Was war los mit ihm?

Eigentlich gab es keinen Grund für ihn, über sein Los zu klagen. Er war dazu berufen, eine neue, glorreiche Moretti-Ära einzuleiten. Zusammen mit seinen älteren Brüdern Dominic und Antonio hatte er seit einigen Jahren die Geschicke der exklusiven Nobelmarke Moretti in der Hand. Mit einer Kombination aus unschlagbaren Motoren und erlesenem Design war es ihnen gelungen, im knallharten Geschäft der Formel 1 wieder Fuß zu fassen.

Während Marco noch immer mehr oder weniger gelangweilt das Partytreiben verfolgte, stockte ihm plötzlich der Atem, als er eine Frau erblickte, die ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Sie war hochgewachsen – schätzungsweise einen Meter fünfundsiebzig – und hatte pechschwarzes Haar. Ihr Teint war blass wie das Mondlicht einer hellen Sommernacht, und ihr Blick wirkte äußerst geheimnisvoll. Marco wurde neugierig, aber noch stand sie zu weit entfernt, als dass er sie genauer in Augenschein hätte nehmen können.

Sie trug ein himmelblaues Kleid, in dem sie äußerst sexy aussah. Merkwürdigerweise hatte es eine ganz ähnliche Farbe wie die seines Rennanzugs. Das Haar hatte sie hochgesteckt. Einige Locken fielen heraus und umschmeichelten ihr schönes Gesicht.

Marco stand vom Tisch auf. Normalerweise wartete er in aller Ruhe ab, bis eine Frau, die ihn interessierte, auf ihn zukam. Aber in diesem Fall wollte er kein Risiko eingehen und sie einfach so verschwinden lassen. Er musste in Erfahrung bringen, wer sie war. Kaum jedoch war er zwei Schritte auf sie zugegangen, drehte sie sich um und verschwand in der Menge. Gerade wollte er ihr folgen, als jemand ihm die Hand auf den Arm legte. Es war sein Bruder Dominic. Dass sie Brüder waren, war nicht zu übersehen. Sie hatten etwa dieselbe Größe und Statur sowie dasselbe „klassisch-römische Profil“, wie es eine italienische Sportzeitung einmal poetisch ausgedrückt hatte. Eine Beschreibung, mit der ihr Bruder Antonio sie nur zu gerne aufzog.

„Nicht jetzt, lass mich“, meinte Marco ungeduldig, während er versuchte, der Unbekannten mit seinen Blicken zu folgen.

„Doch, jetzt“, widersprach Dominic schroff. „Es ist wichtig. Antonio ist gerade gekommen, und wir müssen reden.“ Dominic war eindeutig der Chef der drei Moretti-Brüder. Nicht nur, weil er als der älteste der drei Brüder zum Direktor des Unternehmens ernannt worden war, sondern weil vor allem er es gewesen war, der die Firma Moretti Motors wieder zu Erfolg und Ruhm verholfen hatte.

„Kann das nicht einen Augenblick warten, Dominic? Ich habe heute das erste Rennen der Saison gewonnen und denke, ein Recht darauf zu haben, das auch ein bisschen zu feiern.“

„Du kannst später weiterfeiern. Komm mit. Es dauert nicht lange.“

Marco warf noch einen verzweifelten Blick in die Richtung, in die die Frau gegangen war, aber sie war verschwunden. Vielleicht war es auch nur eine Erscheinung, dachte er noch. „Was gibt es denn? Wo steckt überhaupt Antonio?“

„Er ist auf dem Weg. Wir gehen nach hinten in die VIP-Lounge. Ich möchte ungestört sein. Den Leuten hier traue ich nicht.“

Marco folgte seinem Bruder. Dominics fast misstrauische Vorsicht war typisch für ihn. Wenn es um Moretti Motors ging, ließ er es auf nichts ankommen. Er war es auch gewesen, der die Sache mit dem Fluch aufgedeckt hatte, den sie ihrem Großvater Lorenzo zu verdanken hatten und der ihre Eltern fast in den Ruin getrieben hatte. Marco hielt persönlich nicht viel von diesem italienischen Hokuspokus. Tatsache war jedoch, dass mit der Geschäftsführung seines Vaters ein zeitweiliger Niedergang von Moretti Motors verbunden war und die Erfolge ausblieben. Tatsachen, die Dominics Theorie vom Familienfluch zu bestätigen schienen. Es ging darum, dass sich Liebe und Karriere bei den männlichen Erben der Moretti-Sippe nicht miteinander vereinbaren ließen. Ihr Vater hatte sich damals für die Liebe entschieden. Demzufolge hatten Marco und seine Brüder schon in Teenagerjahren ein heiliges Gelübde abgelegt und sich gegenseitig geschworen, sich niemals in ihrem Leben zu verlieben, um dem Namen Moretti wieder zu seinem früheren Ansehen zu verhelfen.

Marco und Dominic waren in dem durch mehrere dicke rote Kordeln abgegrenzten Raum angekommen. Es hatte ein wenig gedauert, denn überall auf dem Weg wurde Marco von Leuten aufgehalten, die ihm gratulieren und auf die Schulter klopfen wollten, während er nur halb hinhörte und unentwegt nach der schönen Unbekannten Ausschau hielt. Aber sie war nirgendwo mehr zu sehen.

Antonio saß in der hintersten Ecke, halb verborgen hinter schweren Vorhängen, die diesen Platz noch einmal von dem übrigen Raum abtrennten. „Das wurde auch langsam Zeit“, begrüßte er sie.

„Du weißt doch, wie das ist“, verteidigte sie Dominic. „Marco ist der Champion. Alle wollen sich heute Abend in seinem Ruhm sonnen.“

„Was gibt es denn nun so Dringendes“, fragte Marco ungeduldig, denn er hatte keine Lust auf das übliche brüderliche Geplänkel.

„Wir haben ein Problem mit der Familie Vallerio“, erklärte Antonio. „Sie macht Ärger wegen der Namensrechte.“

Marco wusste sofort, worum es ging. Der „Vallerio“ war in den sechziger Jahren das Flaggschiff der Serienwagenproduktion von Moretti gewesen. Dominic hatte die Idee gehabt, das Modell wieder aufzulegen, um die Popularität, den die Formel-1-Erfolge brachten, auch für den Markt auszunutzen und den Verkauf anzukurbeln.

„Die Vallerios wollen uns den Gebrauch ihres Namens verbieten und drohen mit juristischen Schritten. Ihre Anwälte haben uns bereits eine Unterlassungserklärung zukommen lassen“, ergänzte Dominic. „Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als sie irgendwie dazu zu bringen, sie zurückzunehmen.“

„Und wie stehen unsere Chancen?“, fragte Marco. Für einen Moment hatte er die dunkelhaarige Frau vergessen. Zu wichtig war für sie alle, worum es hier ging.

„Schwierig zu sagen. Pierre Henri Vallerio führt wahrscheinlich gerade Freudensprünge in seiner Familiengruft auf, da seine Enkel nun endlich etwas gegen uns in der Hand haben. Er hat Nonno gehasst“, erläuterte Antonio. Nonno war – wie in den meisten italienischen Familien auch bei den Morettis – die liebevolle Bezeichnung für den Großvater.

„Immer diese albernen Familienfehden. Hört das denn nie auf?“, warf Marco unwillig ein.

„Was hilft es? Natürlich nutzen sie jede sich bietende Gelegenheit, um uns eins auszuwischen. Ich bin der Meinung“, fuhr Antonio nach kurzer Überlegung fort, „man sollte ihnen ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen können.“

„Zum Beispiel welches?“

„Ich denke darüber nach. Überlasst das ruhig mir.“

Die anderen beiden nickten. Die Familie Vallerio samt ihren Anwälten tat Marco jetzt schon leid. Mit Antonio zu verhandeln, war alles andere als ein Vergnügen.

„Einverstanden. Kümmere du dich darum“, meinte Dominic zu Antonio. „Auf keinen Fall dürfen wir uns von unserem Kurs abbringen lassen“, stellte er abschließend fest.

Für einen Moment hatte Virginia Festa die Panik gepackt, als Marco Moretti sich von seinem Stuhl erhoben hatte und auf sie zugekommen war. Sie hatte prompt den Rückzug angetreten. Eine Zeit lang wollte sie sich einreden, dass diese Flucht ein Teil ihrer weiblichen List gewesen war, aber sie wusste es selbst besser: Es war reine Panik, die sie gepackt hatte.

Virginia hatte sich, bevor sie von ihrem Zuhause auf Long Island, in der Nähe von New York, aufgebrochen war, minutiös auf diese Reise vorbereitet. Doch nicht nur auf das dunstige Wetter, das für gewöhnlich im März in Melbourne herrschte. Vor allem kam es auf ein gutes Timing an. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war die eigene menschliche Schwäche. Nicht anders dürfte es damals ihrer Großmutter ergangen sein, als sie sich so unglücklich in Lorenzo Moretti verliebt hatte, dass sie am Ende ihren Fluch gegen ihn und seine Familie schleuderte.

Die Folgen des Fluchs waren fatal – leider nicht nur für die Morettis. Virginia vermutete, dass ihre Nonna doch nicht ganz so sattelfest in der Stregheria, der geheimnisvollen alten Hexenkunst, gewesen sein konnte. Denn ansonsten hätte sie wissen müssen, dass der Fluch, den sie aussprach, auf sie selbst und ihre weibliche Nachkommenschaft zurückfiel, der es demnach ebenfalls versagt blieb, Glück in der Liebe zu finden. So viel hatte Virginia herausgefunden, nachdem sie miterleben musste, wie unglücklich ihre Mutter geworden war. Den bösen Zauber lösen konnte nur diejenige, die den Bann ausgesprochen hatte, aber dazu war es zu spät. Ihre Großmutter Cassia war längst gestorben.

Immerhin hatte Virginia auch noch ein kleines Schlupfloch entdeckt, nachdem sie unendlich lange über alten Büchern und dem Tagebuch ihrer Nonna gebrütet hatte. Es war zumindest eine vage Möglichkeit, den Bann zu lösen. Da der Fluch, der auf den männlichen Morettis und den Festa-Frauen lag, sich sozusagen gegenseitig bedingte, musste man ihn aufheben können, wenn man beide Seiten zusammenbrachte. Mit anderen Worten – wenn eine Festa von einem Moretti ein Kind empfing. Und genau diese Aufgabe hatte Virginia sich gestellt. Kein leichtes Unterfangen, denn bis es so weit war, war der Fluch wirksam, und Virginia riskierte wenigstens ein gebrochenes Herz. Weder konnte sie damit rechnen, bei Marco Moretti, für den sie sich entschieden hatte, auf ehrliche Zuneigung zu stoßen, noch durfte sie selbst Gefühle in dieses Vorhaben investieren. Vor allem durfte sie, sollte der Plan überhaupt funktionieren, auf keinen Fall ihre Identität preisgeben.

Nun war also der Augenblick gekommen, und Virginia hatte gemerkt, was für einen gewaltigen Unterschied es bedeutete, nur zu Hause zu sitzen und sich einen Plan auszuhecken, und letztlich hier auf einem fremden Kontinent allein dazustehen und ihn in die Tat umzusetzen. Sie war bisher nicht sehr weit herumgekommen. Außer Long Island und dem Heimatdorf ihrer Familie in Italien kannte sie nichts von der Welt.

Virginia wurde der Trubel der Party zu viel, und sie trat auf die Dachterrasse hinaus. Augenblicklich fühlte sie sich wohler. Die Lichter der Melbourner City lagen ihr zu Füßen, über ihr wölbte sich der Nachthimmel. Ihr fiel ein, dass ihre Nonna und ihre Mutter ihr schon immer gepredigt hatten, dass die Festa-Frauen den freien Himmel über sich brauchten, um sich entfalten zu können. Und dieser Himmel hier mit seinen unzähligen Sternen und dem hellen Mond war beeindruckend.

„Eine schöne Nacht, finden Sie nicht auch?“, hörte sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich.

Sie drehte sich um und war nicht wirklich erstaunt, Marco Moretti dort stehen zu sehen. Dieses Mal jedoch blieb sie ruhig. Die Panik, mit der sie vorhin reagiert hatte, kehrte nicht wieder zurück.

„Ja, eine sehr schöne Nacht“, antwortete sie.

„Darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten?“

Sie nickte.

„Ich bin Marco Moretti.“

„Ich weiß. Glückwunsch zum Sieg heute.“

„Das ist mein Job, carissima.“

„Ich bin nicht Ihre carissima“, wies sie ihn zurecht, obwohl sie den melodischen Klang ihrer Muttersprache aus seinem Mund als sehr angenehm empfand.

„Dann verraten Sie mir doch, wie Sie heißen.“

„Virginia“, antwortete sie und behielt ihren Familiennamen wohlweislich für sich.

„Virginia … sehr hübsch. Und was machen Sie in Melbourne, Virginia?“

„Ich bin gekommen, um Sie siegen zu sehen.“

Er lachte auf. Sie spürte, wie ein angenehmer Schauer sie überlief. Der konnte aber auch von einer leichten Brise herrühren, die sich gerade erhoben hatte. „Wollen wir etwas trinken?“, fragte er.

„Meinetwegen. Aber ich möchte gern hier draußen bleiben.“ Sie hatte keine Lust, sich wieder in das Getümmel der Party zu begeben. Sollte es außerdem stimmen, was ihre Mutter und ihre Nonna behaupteten, dass sie unter freiem Himmel stärker war, war ihr das auch recht. Sie konnte gerade jetzt jede Art von Unterstützung gebrauchen.

„Natürlich“. Marco trat ein paar Schritte beiseite und gab eine Bestellung auf, nachdem er einen der Kellner herangewinkt hatte.

Es dauerte nicht lange, bis der Ober mit den gewünschten Drinks zurück war. Marco gab Virginia ihr Glas. Dann lenkte er sie sanft am Ellenbogen ein Stück weiter weg zu dem weniger belebten Ende der Dachterrasse, die sich über die ganze Frontseite des Gebäudes erstreckte. Jede Faser ihres Körpers schien auf die Berührung seiner Hand zu reagieren.

Endlich hatten sie einen Platz gefunden, wo sie ungestört waren. Marco ließ ihren Arm los und lehnte sich gegen die Brüstung. Aufmerksam betrachtete er sie mit seinen dunklen braunen Augen. Virginia fragte sich, was er in ihr wohl sah. Sie hoffte, dass das, was er sah, sein Interesse wenigstens so weit fesselte, dass ihm ihre Nervosität nicht auffiel. Irgendwie hatte sie sich das alles einfacher vorgestellt. In ihrer Naivität hatte sie vermutlich gedacht, sie könnte einfach ein bisschen Bein zeigen, ihm einen Blick in ihr Dekolleté gewähren, und schon würden sie zusammen ins Bett hüpfen. Am nächsten Morgen könnte sie dann, emotional völlig unberührt und im Bewusstsein, ihren Auftrag erfüllt zu haben, einfach nach Hause fliegen.

Stattdessen stand sie hier und sah ihn mit großen Augen an. Hingerissen lauschte sie auf seine Stimme, deren Akzent und Melodie sie faszinierte, roch sogar den dezenten Duft seines Aftershaves und merkte kaum, wie sie alles andere um sich herum vergaß. Es stimmt also, dachte sie. Nach allem, was sie über ihn gelesen hatte, waren seine Beziehungen zu Frauen zwar kurzlebig, aber äußerst intensiv.

„Erzählen Sie mir doch ein wenig von sich, mein schöner Engel.“

„Was wollen Sie denn wissen, schöner Teufel?“

Wieder lachte er. Er hatte nicht nur Charme, sondern offensichtlich auch Sinn für Humor. „Wenigstens haben Sie schöner Teufel gesagt.“

„Die Betonung lag trotzdem auf Teufel.“

„Ich liebe diesen Zungenschlag. Ich höre heraus, dass wir dieselbe Muttersprache sprechen. Erzählen Sie mir doch von sich auf Italienisch. Das würde mir eine große Freude machen.“

„Mit dem Sprechen hapert es bei mir leider. Ich kann nur wenige Sätze auf Italienisch. Mit welchen Auskünften kann ich Ihnen denn dienen?“

„Erzählen Sie mir alles.“

Virginia schüttelte den Kopf. „Das würde Sie nur langweilen. Leider kann ich nicht mit einem so aufregenden Leben aufwarten, wie Sie es führen.“

„Das glaube ich Ihnen nicht. Was machen Sie beruflich?“

„Augenblicklich gar nichts. Ich habe mir ein ganzes Jahr Auszeit genommen.“ Das entsprach der Wahrheit. Tatsächlich hatte sie an der Hochschule, an der sie unterrichtete, ein Sabbatjahr beantragt und genehmigt bekommen, sodass sie Zeit genug hatte, dem Trupp der Formel 1 zu folgen und sich an Marcos Fersen zu heften.

„Warum das?“

„Es war so eine Idee. Nächstes Jahr werde ich dreißig. Da habe ich gedacht, es könnte nicht schaden, ein wenig von der Welt zu sehen. Das wollte ich schon immer.“

„Ach, dann ist es also reiner Zufall, dass Sie sich ausgerechnet für Melbourne entschieden haben und wir uns hier treffen?“ Virginia bejahte seine Frage. „Melbourne war immer schon eine meiner Lieblingsstationen während der Rennsaison“, fügte er hinzu.

„Was gefällt Ihnen denn so sehr an der Stadt?“

„Heute besonders die Tatsache, dass wir uns hier begegnet sind.“

„Das ist doch nur so ein alberner Spruch.“

„Das ist kein Spruch, das ist die reine Wahrheit. Kommen Sie, tanzen wir.“

Virginia trank einen Schluck von ihrem Bellini. So weit, so gut, dachte sie. Sie hatte sein Interesse geweckt. Und es war ihr gelungen, das Gespräch von sich selbst abzulenken. „Okay“, sagte sie.

„Haben Sie gerade überlegt, ob Sie mir einen Korb geben?“, fragte Marco mit einem spöttischen Lächeln, während er nach ihrer Hand griff und sie ein Stück zu sich heranzog.

Virginia erwiderte das Lächeln. „Nein. Ich hatte das bloß nicht erwartet.“

„Was erwartet?“

„Dass Sie sich mit mir abgeben.“

Er lachte. „Ich hatte auch nicht erwartet, dass Sie sich mit mir abgeben.“

Virginia horchte auf. Die letzte Bemerkung ließ tiefer blicken, als er vermutlich beabsichtigt hatte. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, hatte er ihr Gesicht zwischen die Hände genommen und näherte sich ihr mit seinen Lippen. Dann küsste er sie.

Sie schmeckte den Scotch, den er getrunken hatte, und spürte seine Zunge und seinen warmen Atem. Virginia wurde schlagartig klar, dass sie sich auf einer gefährlichen Mission befand. Bei dem charmanten Marco Moretti nicht schwach zu werden erschien ihr mit einem Mal weitaus schwieriger, als sie es sich vorgestellt hatte. Dagegen schien auch die alte Hexenkunst nicht viel ausrichten zu können.

2. KAPITEL

Virginia staunte. Das lief ja wie am Schnürchen. Vielleicht sogar ein bisschen zu glatt, überlegte sie. So ganz traute sie dem Frieden noch nicht.

Marco war charmant und hatte eine unkomplizierte, verbindliche Art. Er war humorvoll mit einem leichten Hang zur Selbstironie. Alles äußerst sympathische und angenehme Züge.

Das fand Virginia umso bemerkenswerter, da an diesem Abend jeder etwas von ihm wollte. Jeder wollte sich eine Weile im Ruhm des Siegers sonnen und die Luft des Erfolgs atmen, die ihn umgab. Als sie von der Dachterrasse zurückkehrten, war er sofort von einer Traube von Menschen umgeben. Virginia versuchte mehrere Male, sich ein Stück zurückzuziehen, weil es ihr unangenehm war, dermaßen im Mittelpunkt zu stehen. Aber Marco hielt sie an der Hand und verwehrte ihr jegliche Fluchtversuche. So bahnten sie sich einen Weg durch die Menge.

Dabei brauchte ich mir nicht einmal Sorgen darum zu machen, dass jemand meiner Identität auf die Spur kommt, dachte Virginia. Sie kannte niemanden hier, und es schien auch niemand an ihr Interesse zu haben. Sie war eben nichts als eine weitere attraktive Begleiterin des Champions, eine von den zahllosen schönen Frauen, mit denen er sich gerne schmückte. Ihr weiblicher Stolz wehrte sich gegen diese Rolle, aber das war nun einmal der Preis, den sie zu zahlen hatte.

„Es tut mir leid, carissima, aber es ist nun einmal so.“ Marco schien ihre Gedanken zu erahnen. „Als Sieger ist man auf solchen Veranstaltungen öffentliches Eigentum. Da muss man eine Weile auf seine Privatsphäre verzichten.“

„Ist schon in Ordnung“, meinte Virginia, die sich dazu entschlossen hatte, das Treiben einfach zu beobachten und ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. So versuchte sie sich beispielsweise vorzustellen, wie es ihrer Großmutter an der Seite von Lorenzo Moretti wohl ergangen sein mochte. Ob es diesen Rummel damals schon gegeben hat?, überlegte sie. Oder hatte Lorenzo vielleicht seinen Ruhm erst einmal auskosten wollen, bevor er sich an eine Frau band? Und war das schließlich der Grund gewesen, warum sie nicht zusammengekommen waren?

„Was denken Sie gerade, cara mia?“

„Ich denke, dass Sie ein Problem mit Ihrem Namensgedächtnis haben. Sonst müssten Sie nicht die ganze Zeit diese albernen Kosenamen benutzen.“

„Es tut mir weh, wenn Sie so etwas sagen, Virginia.“

„Das bezweifle ich.“

Wieder dieses umwerfende Lächeln. „Trotzdem hätte ich gern gewusst, was Sie denken. Sie wirken so ernst, viel zu ernst für eine Party.“

Virginia wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie wollte, nein, sie musste ernst und konzentriert bleiben. Keinen kurzen Augenblick durfte sie vergessen, dass sie seinem Charme nicht erliegen durfte, dass sie nicht zu ihrem Vergnügen hier war, sondern eine Mission zu erfüllen hatte. Sie war hier, um den Fluch von ihrer Familie zu nehmen.

Aber als sie auf der Tanzfläche angekommen waren und Marco sie an sich zog, waren so gut wie alle Warnungen und guten Vorsätze über Bord geworfen. Virginia fühlte seine Wärme, die starken Arme, die sie hielten, seine Schulter, an die sie ihren Kopf lehnte – aber nur kurz, denn das wurde ihr nun doch zu gefährlich. Dieser Mann fühlte sich zu gut an, er roch zu gut, als dass sie ihm gefahrlos so nahe kommen konnte.

„Sagten Sie nicht, auf dieser Party wollen alle etwas von Ihnen?“, fragte sie.

„Hmm. Gilt das denn auch für Sie?“

Ja, allerdings, dachte Virginia, hütete sich aber, es auszusprechen.

„Sie brauchen nichts zu sagen. Ich weiß es auch so. Ich will ja auch etwas von Ihnen.“

„Und das wäre?“

„Noch einen Kuss.“

Virginia war nicht besonders überrascht. Was er sagte, kam ihren Zielen durchaus entgegen. Er interessierte sich für sie. Genau darauf hatte sie es angelegt. Andererseits …

„Schon wieder“, sagte Marco sichtlich irritiert, „schon wieder machen Sie so ein ernstes Gesicht. Ich fange an zu glauben, Sie fühlen sich nicht wohl in meiner Nähe.“

Ein prickelnder Schauer nach dem anderen lief ihr den Rücken hinunter. Sie merkte, wie sich die Spitzen ihrer Brüste aufrichteten, als verlangten sie nach seiner Berührung. Auch wenn sie selbst es nicht wollte. Wollte sie es wirklich nicht?

„Aber Marco, natürlich fühle ich mich wohl in Ihrer Nähe. Welche Frau würde das nicht tun. Sie brauchen doch nur mit dem kleinen Finger zu schnippen, und die Frauen liegen Ihnen in Scharen zu Füßen.“

„Ich brauche diese Scharen nicht. Was ich heute Abend brauche, sind Sie, Virginia, Sie allein.“

„Wie kommt das?“

„Ich könnte jetzt natürlich einfach sagen, dass es Ihre schönen schokoladenbraunen Augen sind. Oder die zarte Haut, die ich unter meinen Händen fühle.“

„Aber die sind es nicht?“

„Nein, cara mia. Der wahre Grund liegt … tiefer. Zu tief, als dass man ihn aussprechen dürfte.“

„Sie meinen … Verlangen?“

„Meine Güte, Sie sagen das mit einer solchen Geringschätzung. Ist das nicht eine ganz elementare Regung? Es gibt dieses Verlangen, das man vom ersten Augenblick an verspürt. Von dem Augenblick an, in dem ich Sie gesehen habe, waren mir alle anderen Frauen egal.“

Sie blickte zu ihm hoch und lächelte. Zu gern hätte sie sich wenigstens für einen kurzen Moment ihren Mädchenträumen von der großen Liebe hingegeben, die sie sich irgendwo immer noch bewahrt hatte. Mit aller Gewalt konzentrierte sie sich auf das, was für sie wesentlich war. Auf ihren Plan. „Ich weiß, was Sie meinen. Mir geht es nicht anders.“

„Tatsächlich?“

Er ließ die Hand auf ihrem Rücken etwas tiefer gleiten. Ihr Designerkleid hatte einen sehr tiefen Rückenausschnitt. Sie fühlte seine kräftigen Finger auf ihrer Haut. Plötzlich machte Marco eine schnelle Drehung beim Tanzen und zog sie dabei noch fester an sich. Seine Lippen berührten ihren Hals, und Virginia genoss das sinnliche Prickeln. Doch ihr wurde beinah schwindlig. Sie wusste nicht mehr, ob es der Bellini war, den sie getrunken hatte, oder der eigenartige Zauber dieser Nacht, oder beides zusammen. Oder war es ihre Sehnsucht nach ihm, nach Marco Moretti, die ihr den Atem nahm und sie verwirrte? Irgendetwas lag in der Luft.

Er beugte sich über sie, aber dieses Mal wartete Virginia nicht ab, bis er sie küsste, sondern kam ihm entgegen und küsste ihn. Zuerst spürte sie seine Lippen und dann, wie es ihm gelang, den Kuss zu vertiefen. Sie fühlte seine Zungenspitze in ihrem Mund.

Sein Kuss war so zärtlich und zeugte gleichzeitig von einer solchen Leidenschaft, wie sie es noch nie erlebt hatte. So etwas war ihr bisher höchstens in ihren Träumen widerfahren. Instinktiv hielt Virginia sich an seinen Schultern fest, ihr ganzer Körper schien angespannt zu sein wie die Saite eines Instruments.

Virginia zu küssen kam ihm vor wie ein Rausch, der ebenso süchtig machen konnte wie der, den er empfand, wenn er mit über dreihundert Stundenkilometern über die Piste raste. Es war merkwürdigerweise ein ganz ähnlicher Kitzel wie der, der ihn beim Rennen überkam. Man ging an seine Grenzen, bis an den Punkt, kurz bevor man die Kontrolle verlor.

Ihr Kuss schmeckte süß, und sie drängte sich an ihn, als könnte sie nicht genug von ihm bekommen. Vorsichtig führte Marco sie von der Tanzfläche, ohne sie loszulassen.

„Wo willst du mit mir hin?“, fragte sie, noch außer Atem.

Die Luft zwischen ihnen knisterte. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, als sei Virginia von einer Aura umgeben, von etwas Ungewöhnlichem, beinahe Überirdischem, als wären sie sich in einem früheren Leben schon einmal begegnet. Schnell schob er den Gedanken beiseite. All diesen Aberglauben verdankte er seiner Mutter. Obwohl er es albern fand, steckte es tief in ihm, denn er war damit aufgewachsen.

„Gehen wir irgendwohin, wo uns niemand stört, einverstanden?“ Er betrachtete ihr Lächeln. Allein ihre vollen, sinnlichen Lippen waren schon eine Sünde wert. Er wollte sie die ganze Nacht auf seinen spüren.

Virginia nickte. Doch er spürte ein Zögern, als schreckte sie vor ihrer eigenen Kühnheit zurück. „Bist du sicher, dass du es willst?“

Sie legte ihm die Hand in den Nacken und küsste Marco noch einmal, noch leidenschaftlicher als zuvor. „Ganz sicher.“

Er war von ihrer Heftigkeit überrascht. Im Nu war das Feuer auf ihn übergesprungen und hatte sein Verlangen entflammt. Eilig ließen sie das Partytreiben hinter sich und gelangten zu den Fahrstühlen. Unvermittelt stieß Marco auf Italienisch einen Fluch aus. Virginia blickte auf und sah, dass ihnen jemand entgegenkam. Verdammt: Dominic, dachte er. Gerade ihm wollte er jetzt nicht begegnen.

„Entschuldige“, meinte er, „aber da kommt mein Bruder. Wo der auftaucht, gibt es immer ewig lange Debatten. Dabei geht es meistens um die Firma, und dazu habe ich jetzt überhaupt keine Lust.“

Sein Bruder war noch ein gutes Stück entfernt. Er hätte es schaffen können, aber Marco unterdrückte trotzdem den Impuls, in zwei Sätzen mit Virginia in einem der Aufzüge zu verschwinden. Es hätte nach Flucht ausgesehen, und vor Dominic davonzulaufen war ihm dann doch zu peinlich.

„Ich dachte immer, die Formel-1-Piloten würden nur fahren und hätten mit dem Management nichts zu tun.“

„Wir haben beschlossen, Moretti Motors als Familienunternehmen zu erhalten. Das heißt aber auch, dass wir uns alle um den Betrieb kümmern müssen.“ Besonders, nachdem wir uns vorgenommen haben, den durch Vater eingeleiteten Niedergang von Moretti Motors aufzuhalten und die Firma wieder an die Spitze zu führen, dachte er.

„Aber wirkt sich das für einen Rennfahrer nicht negativ auf die Konzentration aus?“

Marco lächelte vielsagend. „Höchstens auf die Zeit, die mir für mein Liebesleben bleibt.“

Virginia verdrehte die Augen. „So, wie du das sagst, hast du wirklich ein Problem.“

Er schüttelte den Kopf. „Bisher hat es noch keine Beschwerden gegeben.“

„Wer weiß“, erwiderte sie skeptisch.

„Keine Sorge. Ich habe meine eigenen Methoden der Wiedergutmachung.“

„Was denn für Methoden?“

„Die zeige ich dir, wenn wir allein sind.“

„Ich nehme dich beim Wort. Ich gehe aber lieber, wenn du jetzt was mit deinem Bruder besprechen willst.“

„Nicht nötig“, antwortete er schnell. Er wollte sie jetzt auf keinen Fall aus den Augen lassen. „Bleib ruhig bei mir. Ich sorge dafür, dass es dieses Mal nicht so lange dauert.“

Inzwischen war Dominic bei ihnen angekommen. „Guten Abend, signorina. Marco, kann ich dich mal ein paar Minuten sprechen?“

Marco hakte Virginia unter und erwiderte: „Eigentlich nicht. Es hat doch sicherlich auch Zeit bis morgen, oder? Ich bin gerade dabei, Virginia einen der schönsten Plätze von Melbourne zu zeigen.“

„Meinetwegen. Ich will euch nicht aufhalten. Aber morgen früh habe ich nur sehr wenig Zeit. Ich fliege nach Italien zurück.“

„Verstehe“, sagte Marco. Dann wandte er sich an seine Begleiterin. „Virginia, ich möchte dir meinen Bruder Dominic vorstellen. Dominic, das ist Virginia.“ Erst jetzt fiel ihm auf, dass er den Familiennamen seiner neuen Bekannten gar nicht kannte, aber darüber zerbrach er sich nicht den Kopf. Es war nicht das erste Mal, dass er eine Nacht mit einer Frau verbrachte, von der er nicht viel mehr als den Vornamen wusste.

„Ich bin entzückt“, sagte Dominic auf Italienisch.

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite“, antwortete Virginia.

„Haben Sie sich das Rennen heute angesehen? Hat es Ihnen gefallen?“

„Leider habe ich es verpasst“, gestand sie und wurde ein bisschen rot dabei.

Marco sah sie verblüfft an. Dass sich einer seiner weiblichen Fans ein Rennen entgehen ließ, war ihm noch nicht untergekommen.

„Der Flug hatte Verspätung“, fügte sie erklärend hinzu. „Ich war sehr enttäuscht. Immerhin war diese Party noch eine kleine Entschädigung.“

„Woher kommen Sie?“, wollte Dominic weiter wissen.

„Aus den USA.“

„Sind dort die NASCAR-Rennen nicht viel populärer? Interessierst du dich auch dafür?“ Dieses Mal war es Marco, der fragte. Er konnte schließlich nicht zulassen, dass sein Bruder in wenigen Minuten mehr über sie erfuhr als er, der schon den halben Abend mit ihr zusammen gewesen war.

„Nein“, erwiderte Virginia, „mich hat immer nur die Formel 1 interessiert. All die Rituale und der ganze Glamour faszinieren mich.“

„Wo siehst du denn Glamour in der Formel 1?“

„Sieh dir allein die Party hier an. Aber lass uns jetzt den Fahrstuhl nehmen, bevor er wieder weg ist.“ Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn mit sich. „Du wolltest mir noch etwas von der Stadt zeigen.“

Marco wunderte sich, dass sie es plötzlich so eilig hatte. Fast konnte man den Eindruck bekommen, sie hätte etwas zu verbergen. Zu Dominic meinte er: „Du hast es gehört. Ich muss gehen. Ciao, Dominic.“

Ciao, Marco.“

Bis sie unten in der Garage waren, sprach Virginia kein Wort mehr. Kurz darauf saß sie neben Marco in dessen Sportcabrio, einem exklusiven Moretti-Modell. Während der Fahrt bewunderte sie die luxuriöse Ausstattung des Innenraums aus Holz und Leder. Die geballte Kraft unter der Motorhaube konnte man förmlich spüren. Sie hätte sich nicht getraut, diese dreihundert oder mehr Pferdestärken zu zügeln. Marco hingegen lenkte den Wagen mit der Gelassenheit eines Profis durch die Stadt.

Nachdem sie das Hotel hinter sich gelassen hatten, sah er zu Virginia hinüber und fragte: „Du kommst also aus den Staaten?“

Bislang hatte sie mit Erfolg von weiteren Fragen über ihre Person ablenken können. Aber irgendwann mussten diese Fragen auftauchen. Dennoch versuchte sie es noch einmal, ausweichend zu antworten. „Ja, von Long Island. Und du, wo bist du aufgewachsen, in Italien? Moretti Motors hat doch seinen Hauptsitz in Mailand, wenn mich nicht alles täuscht. Lebst du auch dort?“, überschüttete sie ihn gleich mit Fragen.

„Ich besitze eine Stadtvilla in Mailand, und die Familie hat einen Landsitz etwas außerhalb der Stadt.“

„Wie ist es, in Mailand zu leben? Ich bin noch nie dort gewesen.“ Das stimmte zwar. Allerdings kannte sie den Landsitz der Familie zumindest von dem Foto, das sie im Nachlass ihrer Großmutter gefunden hatte.

„Mailand ist eine moderne und unglaublich lebendige Stadt. Ich liebe sie.“ Er warf ihr einen Blick zu und zuckte die Schultern. „Schließlich ist es auch mein Zuhause.“

Um dieses Gefühl, eine Heimat zu haben, beneidete sie ihn. Vor allem, seit nach dem Tod ihrer Großmutter auch ihre Mutter gestorben war, kannte sie es nicht mehr. Im Grunde gehörte sie nirgends richtig hin, und das war auch ihr größter Ansporn, den Fluch zu brechen, mit dem ihre Nonna unwissentlich auch ihre eigene Familie belegt hatte. Sie wünschte sich sehnlichst wieder ein Zuhause. Sie hatte das Alleinsein gründlich satt.

Das Kind, das sie von Marco wollte, war nicht allein Mittel zu dem Zweck, den Fluch von ihr zu nehmen. Es konnte auch ein Anfang sein, die Erfüllung eines so lang gehegten Traums – wenn sie für sich einen Mann und einen Vater für dieses Kind fand, wenn sie ihm Geschwister schenken konnte …

„Wir sind da“, sagte Marco und unterbrach sie in ihren Gedanken.

Sie hielten vor einem Hochhaus, mit seinen klaren, markanten Linien ein imposantes Beispiel moderner Architektur. Ein Page kam auf sie zu, öffnete Virginia die Tür und half ihr aus dem Wagen. „Guten Abend, Mr. Moretti“, sagte er, als sie ausgestiegen waren.

„Guten Abend, Mitchell“, antwortete Marco.

Dann führte er sie durch die Halle zu den Fahrstühlen.

„Ich dachte, du zeigst mir etwas von Melbourne. War nicht davon die Rede, dass du mich zu einem der schönsten Plätze der Stadt führst?“

„Das mache ich gerade. Oben auf dem Dach ist mein Penthouse, und von dort hat man den schönsten Blick auf Melbourne, den man sich vorstellen kann.“ Er schaute auf seine Armbanduhr, ein exklusives, teures Modell, wie Virginia feststellte. „In etwa zwei Stunden haben wir Sonnenaufgang. Du wirst begeistert sein, wenn du das siehst.“

„Meinst du?“

„Ich bin mir sicher. Es sei denn, du möchtest lieber, dass ich dich zurück ins Hotel bringe.“

Virginia schüttelte den Kopf.

Der Fahrstuhl kam, und sie betraten die mit weißem Marmor geflieste Kabine. Die Türen glitten lautlos zu, während Marco einen Zahlencode in die Tastatur eingab. Als sie nach oben fuhren, zog er Virginia in seine Arme und küsste sie.

Die Leidenschaft und das Verlangen, die sie vorhin beim Tanzen auf der Party empfunden hatte, waren mit einem Schlag wieder da. Seufzend schmiegte Virginia sich an ihn. Waren hier vielleicht sogar magische Kräfte am Werk? Virginia war verwirrt. Vielleicht verfügte sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, über ähnliche Fähigkeiten wie die Nonna mit ihrer Stregheria, den alten Hexenkünsten. Ein wenig nachzuhelfen, dass Marco ihr gemäß ihrem Plan wenigstens für eine Nacht verfiel, konnte nicht schaden. Trotzdem hätte sie gern gewusst, wie viel von dem, was Marco ihr zeigte, echte Leidenschaft war, die von ihm herrührte.

Der Fahrstuhl hielt. Marco löste die Lippen von ihren und riss sie aus den widersprüchlichsten Gedanken, die ihr im Kopf herumspukten. Er streichelte ihren bloßen Arm und nahm sie dann an die Hand, während er sie in seine Wohnung führte.

„Wir haben das ganze Stockwerk für uns. Möchtest du etwas trinken?“

„Ein Drink wäre nicht schlecht“, antwortete sie.

Sie gingen ins Wohnzimmer, wobei Marco die Hand auf ihren Rücken legte. Die Fensterfront ging über die ganze Breite des riesigen Zimmers und reichte vom Fußboden bis an die Decke. Eine Schiebetür führte hinaus auf eine Dachterrasse.

In einem Anflug von Panik wurde Virginia erst jetzt richtig klar, in welcher Situation sie sich befand. Sie würde hier mit Marco schlafen, mit einem Mann, dem sie vor fünf Stunden zum ersten Mal begegnet war, und danach würde sie aus seinem Leben verschwinden. War es nicht ein Jammer, dass es so schnell gehen sollte? So lange hatte sie sich diesen Plan zurechtgelegt, aber nun, da der Augenblick gekommen war und es kein Zurück gab …

Mitten im Wohnzimmer blieb sie stehen. Das war alles zu viel für sie. Sie war noch immer von seinen Küssen aufgewühlt. Ihr ganzer Körper stand regelrecht unter Strom. Und gleichzeitig war sie von Zweifeln zerrissen. Virginia schaute sich um. An der Wand hing ein Monet-Gemälde. Den Boden bedeckte ein dicker Orientteppich. Sie wünschte sich, das alles wäre nur ein Traum, und gleichzeitig …

„Wollen wir nicht hinausgehen?“, schlug er vor. „Auf der Dachterrasse ist ein Whirlpool. Wir könnten uns hineinsetzen und ein Gläschen Champagner trinken.“

Sie sah ihn an, als suchte sie in seinen markanten Gesichtszügen die Antwort auf all ihre Fragen. Es war die Gelegenheit, auf die sie gewartet hatte. Sie waren allein, er begehrte sie. Sie durfte sich jetzt nicht verunsichern lassen.

Virginia fasste sich ein Herz und trat hinaus. Die Luft draußen war warm und angenehm.

3. KAPITEL

Marco schenkte ihr und sich Champagner ein. Er wusste, wie man mit Frauen umging, auch wenn Allie ihm des Öfteren vorgeworfen hatte, er würde sie vernachlässigen. Tatsächlich war er sehr darauf bedacht, den Frauen, mit denen er zu tun hatte, mit Achtung und Aufmerksamkeit zu begegnen. Allerdings achtete er gleichzeitig sehr darauf, Gefühle aus dem Spiel zu lassen. Er wollte nicht denselben Fehler begehen wie sein Vater und sich und die Familie dadurch an den Rand des Ruins treiben, dass er sich verliebte.

Sein Handy klingelte, und verärgert stellte er fest, dass es schon wieder Dominic war, der irgendetwas von ihm wollte.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte er unfreundlich, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.

„Ich wollte dich nur daran erinnern, was auf dem Spiel steht, wenn du jetzt mit Virginia allein bist. Du weißt, was ich meine.“

„Ach, lass mich doch …“

„Ich sage das ja nicht, um dich zu ärgern. Ich will nur, dass du deine Sinne beisammen hast, was immer du jetzt auch treibst.“

Marco warf einen Blick nach draußen, wo Virginia an der Brüstung der Dachterrasse lehnte. Sie war ohne Zweifel eine verführerische Frau, aber er konnte sich trotzdem nicht vorstellen, dass er sich so weit vergaß, dass sie den Morettis gefährlich werden konnte, wie sein Bruder es befürchtete.

„Dominic, sie ist eine Frau wie jede andere.“ Irgendetwas in Marco protestierte, als er das sagte. Aber er unterdrückte diese Regung. Er war es gewohnt, Prioritäten zu setzen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Seine Aufgabe war es, Rennen zu fahren und zu siegen. Und bisher hatte er diese tadellos gemeistert. Warum sollte es ihm versagt bleiben, nebenbei auch ein bisschen das Leben zu genießen? Und dazu würde Virginia heute Nacht ganz sicher beitragen.

„Na schön“, meinte Dominic, „dann vergiss es auch nicht.“

„Ich schlage vor, jeder passt auf sich selber auf.“

Seine letzte Bemerkung spielte auf einen Vorfall in Dominics Zeit am College an, als er schwer in eine Kommilitonin verliebt gewesen war und er die Gefahr, dass sich der Fluch erfüllte, selbst heraufbeschworen hatte.

„Nichts für ungut, kleiner Bruder. Pass schön auf dich auf. Gerade in diesem Jahr haben wir eine Menge vor. Wir wollen den Vallerio wieder auf den Markt bringen, und du sollst mit deinen Grand-Prix-Siegen einen neuen Rekord aufstellen.“

„Das mach ich schon. Gute Nacht, Dominic“, beendete Marco das Gespräch.

„Gute Nacht.“

Antonio hat recht, dachte Marco, während er sein Handy wieder einsteckte. Zusammen hatten sie in letzter Zeit häufiger über Dominic gelästert, und Antonio hatte gemeint, Dominic sollte sich auch einmal Entspannung an der Seite einer schönen Frau gönnen. Dann würde er etwas lockerer werden. Aber vielleicht war es auch so, dass Dominic der von ihnen am meisten Gefährdete war und deshalb ständig den mahnenden Zeigefinger erhob.

„Marco?“

„Ich komme, mein Engel.“

Er nahm die Champagnergläser und trat in die laue Nacht hinaus. Virginia stand am Geländer. Eine leichte Brise fuhr durch ihr Haar. Sie sah fast ein wenig unwirklich aus, wie eine schöne Erscheinung. Er küsste sie, als wollte er sich vergewissern, dass sie wirklich aus Fleisch und Blut war.

„Wo hast du denn so lange gesteckt? Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt“, flüsterte sie.

„Aber wie könnte ich. Ich habe mich nur vergewissert, dass alles perfekt ist.“ Er reichte ihr eines der Champagnergläser.

„Ist das jetzt die große Attraktion von Melbourne, die du mir versprochen hast?“

Sie lachte, und dieser Klang war wie Musik in seinen Ohren. Marco schloss die Augen für ein paar Sekunden und verscheuchte die Bedenken, an die Dominic ihn erinnert hatte. Er war hier mit einer wunderschönen Frau zusammen. Die Nacht gehörte ihnen. Mehr wollte er in diesem Augenblick nicht.

„Ist dir das nicht spektakulär genug?“, fragte er spöttisch lächelnd.

Sie lachte wieder. „Ich weiß nicht so recht …“

„Was kann ich tun, um den Abend für dich ein wenig interessanter zu gestalten?“

„Lass dir etwas einfallen.“

„Das werde ich.“

Er hob sein Glas, und sie stießen an. „Noch einmal auf deinen heutigen Sieg“, sagte Virginia.

Grazie. Und auf eine wunderschöne Frau“, erwiderte Marco.

Grazie. Aber ich bin nicht schön.“ Ihr schien es fast peinlich zu sein, dass er das gesagt hatte.

„Nicht?“, fragte er gespielt erstaunt. „Lass mich doch einmal nachschauen.“

Er trat dicht an sie heran. Zuerst betrachtete er nur eingehend ihr Gesicht, ihre von langen Wimpern umsäumten großen braunen Augen, die hohen Wangenknochen, die ihr eine geheimnisvolle exotische Note verliehen. Wieder entdeckte er dieses eigentümliche Leuchten in ihren Augen. Dann hob er die Hand und strich sacht mit den Fingerspitzen über ihre schön geschwungenen Augenbrauen, von da über die Wange bis zu ihren vollen Lippen. Ihre helle Haut war seidig und glatt wie poliertes Elfenbein. Die schmale gerade Nase unterstrich die edle Wirkung ihrer Züge. Am meisten aber faszinierte ihn ihr Mund, dessen Konturen er mit dem Ringfinger folgte, um dann in einer unendlich zarten Berührung mit dem Daumen über die weichen Lippen zu streichen.

„Ich kann nichts finden, das dem widerspricht, was ich gesagt habe“, meinte er.

„Ich glaube, das sehen die wenigsten Männer so.“

„Die Meinung anderer Männer interessiert mich überhaupt nicht.“

„Nein, natürlich nicht. Ich … ich bin nur ein bisschen nervös.“

„Du kannst jederzeit gehen und in dein Hotel zurückkehren. Es ist noch nicht zu spät dafür, wenn dir das lieber ist.“ Insgeheim schmeichelte es Marco, dass sie plötzlich so verlegen geworden war. Er wusste, dass das ein dummer Reflex war, aber er konnte nichts dagegen tun. Genauso wenig wie gegen die Anziehungskraft, die von ihr ausging, auch wenn er ihr jetzt ritterlich den Rückzug angeboten hatte.

Virginia war sich ein wenig unschlüssig über seine Geste. War er einfach nur ein Gentleman, oder wollte er sich rückversichern, damit sie später nicht sagen konnte, er hätte sie bedrängt? Der erste Gedanke, der ihr dazu gekommen war, war noch ein anderer gewesen. Unerklärlicherweise hatte sie spontan das Gefühl gehabt, dass Marco versuchte, sich aus irgendeinem Grund selbst zu schützen.

Aber das sollte ihm nicht gelingen. Sie würde bekommen, was sie wollte. Sie wollte diese Nacht – und sie wollte das Kind von ihm.

Virginia hielt in ihren Gedanken inne. Sie fühlte sich furchtbar, als ihr das durch den Kopf ging, kalt und berechnend. Aber sie hatte keine andere Wahl. Wie sonst sollte sie jemals diesen Fluch überwinden, der auf ihr lastete. Hatte sie nicht auch ein Recht darauf, eines Tages einmal ihr Glück zu finden? Als er vorhin zu ihr gesagt hatte, wie schön sie sei, etwas, das sie nicht nachvollziehen konnte, wenn sie in den Spiegel blickte, hatte sie so etwas wie eine Vorahnung gehabt. War sie hier in eine Begegnung hineingestolpert, die viel schicksalhafter war, als sie erwartet hatte? Marco war, konnte sie sich vorstellen, nicht der Mann, mit dem man einfach eine kurze Affäre hatte. Von ihm ging eine Gefahr aus, die Gefahr, sich zu verlieben. Und Liebe war für die Frauen der Festa-Familie etwas, das nie zu einem guten Ende führte.

Marco wartete noch immer auf eine Antwort. „Virginia?“

Herausgerissen aus ihren Gedanken, sah sie erst ihn an und blickte dann zum Mond hinauf, der hell am Nachthimmel stand. Vielleicht stimmte es wirklich, was ihre Großmutter immer gesagt hatte, dass sie aus seinem blassen Schein Kraft schöpfen konnte. Sie war ins Grübeln verfallen, aber das wollte sie nicht. Sie war hierhergekommen, weil sie es so wollte, und jetzt musste sie nichts weiter tun, als diese Nacht einfach nur zu genießen und alles andere zu vergessen.

„Nein, nein“, antwortete sie endlich zerstreut. Sie musste sich erst einen Augenblick darauf besinnen, was er sie gefragt hatte. „Natürlich will ich nicht zurück ins Hotel. Ich bleibe hier.“

Er lächelte. Es war ein Lächeln, das sie elektrisierte.

„Und? Wollen wir hier stehen bleiben und auf den Sonnenaufgang warten?“, fragte sie dann.

„Nein, ich dachte, wir setzen uns in den Whirlpool.“ Er zeigte ans andere Ende der Terrasse. „Wir trinken da gemütlich unseren Champagner und genießen diese schöne Nacht.“

„Gute Idee“, meinte sie.

„Gleich neben dem Pool ist eine Kabine, in der du dich umziehen kannst. Du findest dort alles, was du brauchst.“

Virginia spürte die beruhigende Wärme seiner Hand auf ihrem Rücken, aber trotzdem gelang es ihr nicht, sich restlos zu entspannen. Der Augenblick rückte näher, auf den sie so lange gewartet hatte, und das machte ihr Angst, zumal diese warnende Stimme in ihr nicht verstummen wollte. Hatte sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Konnte das, was sie vorhatte, sie und ihre Familie wirklich von dem Fluch befreien und den künftigen Festa-Frauen die Liebe zurückgeben?

Marco schien ihre Unruhe zu spüren. Unvermittelt fragte er: „Kennst du dich eigentlich mit den Sternen aus?“

Sie sahen in den dunklen Himmel hinauf. „Wie meinst du das?“

Er führte sie zu einer Doppelliege, auf der sie Platz nahmen. Marco rückte dicht an sie heran, und Virginia ließ es widerspruchslos geschehen. „Ich meine die ganzen Sternbilder, die Tierkreiszeichen und was es alles da oben gibt.“ Er legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie ein Stück näher zu sich heran. „Das Markanteste hier am südlichen Sternenhimmel ist das Kreuz des Südens, das wir auf unserer nördlichen Halbkugel nie zu sehen bekommen.“

„Ich habe schon davon gehört. Kannst du es mir zeigen?“

Er deutete auf vier Sterne, die in Form einer Raute am Himmel standen.

„Gibt es dazu eigentlich auch eine Sagengeschichte wie bei Orion oder Sirius?“

„Nein“, antwortete Marco, „jedenfalls nicht in dieser Art. Die Sagen, wie wir sie kennen, stammen von den alten Griechen und Römern, die ihre Heroen zu den Sternen erhoben haben. Und die kannten natürlich nur den nördlichen Sternenhimmel.“

Schweigend blickten sie in die Nacht hinaus. Dann zeigte Virginia auf eine andere Konstellation und fragte: „Ist das da auch ein Sternbild?“

„Das ist das Sternbild des Löwen“, erklärte Marco. „Das kann man zu gewissen Zeiten auch am nördlichen Himmel sehen. Die ägyptischen Priester konnten anhand dessen voraussagen, wann der Nil über die Ufer treten würde.“

So sprachen sie noch eine ganze Weile über Sternbilder und ihre Bedeutung. Stück für Stück fiel die Nervosität von Virginia ab. Sie sah in Marco Moretti nicht mehr den berühmten Formel-1-Fahrer. Selbst die Geschichte mit dem Fluch verlor sie zeitweise aus den Augen, obgleich das der Grund war, warum sie sich überhaupt auf dieses nächtliche Abenteuer eingelassen hatte. Es war einfach schön, mit einem charmanten, intelligenten und gebildeten Mann wie Marco zu plaudern und nebenbei seine Aufmerksamkeit und seine Bewunderung zu genießen.

„Wie kommt es, dass du so gut über die Sterne Bescheid weißt?“

„Das verdanke ich meinem Vater. Der hat sich für alles interessiert, was mit der Geschichte und besonders mit der Antike zu tun hatte. Er hat unglaublich viel gelesen.“

„Wo sind deine Eltern jetzt?“

„In San Giuliano Milanese. Dort befindet sich der Stammsitz unserer Familie.“

„Hast du ein enges Verhältnis zu deinen Eltern?“

„In gewisser Weise schon. Ich habe als Junge nächtelang an der Seite meines Vaters verbracht und durfte durch sein Teleskop schauen. Mir haben die alten Geschichten, die er erzählte, immer gefallen. Allerdings bin ich nie so weit gegangen, dass sie mir wichtiger gewesen wären als die Autos und die Rennen.“

Virginia musste an ihre eigene Kindheit denken. Sie selbst hatte keine Geschwister und war deshalb oft mit ihrer Mutter allein gewesen. „Hat dein Vater sich denn gar nicht ums Geschäft gekümmert?“ Nach dem, was sie vorher über die Morettis in Erfahrung gebracht hatte, stand Giovanni Moretti – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade in dem Ruf, eine glückliche Hand in der Führung seines Konzerns gehabt zu haben.

„Doch, natürlich hat er sich um die Firma gekümmert“, schränkte Marco ein. „Aber sie stand eben nicht im Mittelpunkt seines Interesses. Da gab es andere Dinge, die ihm wichtiger waren. Und das war vor allem meine Mutter. Es wäre ihm nie eingefallen, die Geschäfte wichtiger zu nehmen als die Liebe zu seiner Frau.“

„Du bist da anders, nicht wahr?“

Marco richtete sich ein Stück auf und sah Virginia an. „Es gibt Momente, da kann ich ihn gut verstehen“, meinte er vielsagend. Dann beugte er sich ganz über sie und küsste sie. Obwohl das Verlangen nach ihr in ihm schon lichterloh brannte, hielt er sich zurück. Sein Kuss war zart und verführerisch. Fast instinktiv fand er den Reißverschluss ihres Kleids, als er sie streichelte. Er ließ es jedoch dabei bewenden, mit den Fingerspitzen daran entlangzufahren, während er mit den Lippen ihre Wange streifte und ihren Hals mit kleinen, flüchtigen Küssen bedeckte.

Virginia drehte sich ganz zu ihm und wand sich in seinen Armen. Die zärtlichen, kleinen Bisse, mit denen er sie neckte, fachten das Feuer der Leidenschaft in ihr an. Sie wollte ihn spüren, ihm so nah wie möglich sein. Ihre Brüste spannten, sie bebte am ganzen Körper vor Erwartung, während Marco sie mit seinen Zärtlichkeiten verwöhnte und seine Hände überall gleichzeitig zu haben schien. Sie wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.

Marco hatte schon immer ein besonderes Talent im Umgang mit Frauen gehabt. Dabei entsprach er nicht einmal dem Klischee des draufgängerischen „Latin Lovers“, wie Dominic ständig behauptete. Für einen Don Juan, dem es nur um die Eroberung ging, hatte er eine zu große Achtung vor Frauen. Allerdings hielt ihn auch sein untrüglicher Instinkt von Affären fern, bei denen abzusehen war, dass sie nur in einem Fiasko enden konnten. Auf diese Weise hatte er sich schon viel Kummer und Enttäuschungen erspart.

Was Virginia betraf, war er sich plötzlich nicht mehr so sicher. Etwas schien ihn vor dieser Frau zu warnen. Aber er konnte einfach nicht die Hände von ihr lassen. Sein Verlangen nach ihr war so gewaltig, dass es ihn wunderte, wie wenig er sich in ihrer Nähe in der Gewalt hatte. Und das, obwohl er sich noch so oft sagte, dass auch sie in ein paar Wochen oder Monaten nichts anderes sein würde als eine schöne Erinnerung an ein paar angenehme Stunden.

Ihre Haut schimmerte im Mondlicht. Im Kontrast dazu wirkte ihr Haar pechschwarz. Marco verlangte es nach mehr, und er merkte, wie Virginia den Atem anhielt, als er den Reißverschluss ihres Kleids langsam herunterzog. Dann nahm er ihre Hände und deutete stumm an, dass sie ihm das Hemd aufknöpfen und es ihm ausziehen sollte.

Während sie sich daranmachte, genoss er jede ihrer Berührungen, blickte ihr in die großen braunen Augen. Schüchternheit gepaart mit Leidenschaft las er in ihnen. Eine Mischung, die ihn zusammen mit dem zarten Vortasten ihrer kühlen Hände dermaßen erregte, dass er sich kaum noch beherrschen konnte.

Schließlich war Virginia beim letzten Knopfloch angekommen und streifte ihm daraufhin das Hemd von den Schultern. Lächelnd beugte sie sich über ihn und bedeckte seine Brust mit Küssen, wobei sie sich auch für seine kleinen Bisse revanchierte.

Er schaute ihr zu, wie sie seine Brustwarzen mit der Zungenspitze umkreiste, und wurde noch unruhiger und ungeduldiger.

Auf der linken Seite seines Oberkörpers entdeckte Virginia über seinem Herzen die ungefähr vier Zentimeter lange Narbe. Sie fuhr mit dem Zeigefinger daran entlang und fragte: „Woher hast du die?“

„Toni hat mich geschubst, und ich bin aus dem Feigenbaum gefallen, als ich acht war. Dabei bin ich unglücklich in eine Hacke gestürzt, die der Gärtner im Hof liegengelassen hatte.“

„Hat das sehr wehgetan?“

Mit beiden Händen umfasste er ihre Taille und zog Virginia zu sich heran, sodass sie rittlings auf ihm saß. Er gab ihr einen Kuss und sagte: „Es hat sehr wehgetan.“

„Das tut mir leid.“ Sie fuhr leicht mit der Zungenspitze über das Mal. „Ich habe auch so eine Narbe aus Kindertagen.“

„Willst du sie mir nicht zeigen?“, fragte er neugierig.

Virginia zögerte, dann streifte sie sich die Träger ihres Kleids von den Schultern, sodass das Oberteil herunterglitt. Marco sah, dass sie einen trägerlosen, durchsichtigen BH trug, der nichts verbarg. Unwillkürlich streckte er die Hände nach ihren Brüsten aus.

Virginia lachte leise und meinte: „Da ist die Narbe nicht.“

„Wo denn?“

Sie zeigte auf eine Stelle ein Stück tiefer auf der rechten Seite. Die Narbe war etwas länger als Marcos und ähnlich wie seine im Laufe der Jahre schon verblasst.

„Und wie ist das passiert?“

„Meine Mutter hatte mich zu Hause eingeschlossen, und ich wollte durchs Fenster abhauen.“

„Das hat bestimmt auch sehr wehgetan“, meinte er. Mit einer kleinen, plötzlichen Hüftbewegung brachte er sie aus dem Gleichgewicht, und sie wäre beinah auf ihn gefallen, hätte er sie nicht aufgefangen. Er küsste ihre Narbe, dann hielt er Virginia fest und genoss es, ihre warme Haut zu spüren, bevor er sie wieder losließ.

Sie streichelte seine Schultern und die breite Brust, ließ die Hände allmählich tiefer gleiten und strich über seinen flachen Bauch. Je mehr sie sich seiner Hüfte näherte, desto stärker fühlte er dort das Pochen seines Bluts. Er war derart erregt, dass er nicht sicher war, wie lange er sich würde beherrschen können. Andererseits wollte er Virginia gern gewähren lassen, sich einfach zurücklehnen und abwarten, was sie mit ihm machte. Er stöhnte auf, als sie die Hand zwischen seine Oberschenkel gleiten ließ. Ihre leichte Berührung stellte ihn auf die Probe. Um sich abzulenken, öffnete er ihr den BH und streifte ihn ab.

Sie seufzte genießerisch, als sie ihn mit der Brust streifte.

Er schloss die Augen und hatte nur noch den einen Gedanken. Er wollte sie besitzen, in sie eindringen, sie ganz und gar ausfüllen und gemeinsam mit ihr die höchsten Wonnen erleben. Vorher gab es allerdings noch etwas zu klären. Marco sah ihr ins Gesicht. „Carissima, ich weiß, dass das jetzt furchtbar ernüchternd ist, aber ich muss dich das fragen. Nimmst du die Pille?“

Eine Sekunde lang wirkte sie wie erstarrt, entspannte sich aber rasch wieder. „Ja. Es gibt auch sonst nichts, worum du dir Sorgen machen musst. Und wie ist es mit dir?“

„Bei mir genauso“, erklärte er.

„Gut.“

Er zog sie wieder an sich und küsste sie voller Hingabe. Gleichzeitig schob er ihr ungeduldig den Stoff bis zur Taille hoch und streichelte die weichen, seidigen Innenseiten ihrer Oberschenkel. Sie fühlte sich so gut an. Jedes Mal, wenn er mit der Hand weiter hinaufglitt, stöhnte sie leise, und er wusste, dass auch sie nicht länger darauf warten konnte, eins mit ihm zu werden.

Als er zwischen ihren Beinen ihren Slip berührte, merkte er, dass er bereits sehnsüchtig erwartet wurde. Spielerisch schob er einen Finger unter den elastischen Rand der zarten Spitze, dann zögerte er einen Augenblick und sah Virginia fragend an. Doch ihre Lider waren halb geschlossen. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe, seufzte und wand lustvoll die Hüfte, als wollte sie ihn stumm ermutigen.

Dieser Aufforderung kam er nur zu gern nach. Er schob ihren Slip beiseite und tastete sich zu der Stelle vor, die so warm war, dass er wusste, dass Virginia vor Erregung brannte und es nicht erwarten konnte, alles von ihm zu bekommen. Aber er hatte sich vorgenommen, sie wenigstens einmal zum Höhepunkt zu führen, bevor er zu ihr kam. Und so steigerte er ihr Verlangen, auch wenn es ihm selbst schwerfiel, sich zurückzuhalten.

Wie sehr sie auch stöhnte und ihn fordernd berührte, er tauchte nur sanft mit der Fingerspitze in sie. Sie versuchte, ihm entgegenzukommen, aber er ließ sich nicht aus der Reserve locken.

„Marco … bitte“, stieß sie atemlos hervor.

Er lächelte. „Was ist, meine Schöne?“, fragte er unschuldig.

„Bitte komm zu mir.“

Nun drang er mit zwei Fingern ein Stück tiefer. „Ist es so besser?“

„Marco! Ich brauche dich. Komm zu mir!“

Statt ihr diesen Wunsch zu erfüllen, zog er die Hand zurück. Um ihr Verlangen noch mehr zu steigern, berührte er ihre empfindsamste Stelle und beobachtete zufrieden, wie Virginia die Augen öffnete, sich an der Rückenlehne der Liege festhielt und unwillkürlich in einen verführerischen Rhythmus fiel, wobei sie sich so weit vorbeugte, dass ihre Brüste sein Gesicht streiften.

Er nahm diese Einladung dankbar an. Er brauchte nur den Kopf ein wenig zu drehen, schon erreichte er mit den Lippen eine ihrer Brustspitzen. Er hielt sie erst fest, dann sog er die harte Brustspitze in den Mund und umspielte sie mit der Zungenspitze, während er Virginia weiterhin streichelte. Sehnsüchtig stöhnte sie auf. Schließlich warf sie den Kopf in den Nacken und rief laut seinen Namen.

Er tauchte mit den Fingern in sie und keuchte vor Erregung, als sie plötzlich die Augen schloss, zufrieden seufzte und sich auf ihn fallen ließ.

Er hob den Kopf und küsste sie. Im selben Moment jedoch, da sein Mund ihre weichen Lippen berührte, war es um seine mühevoll aufrechterhaltene Zurückhaltung vollends geschehen. Alle Leidenschaft legte er in diesen Kuss, hielt sie fest und streichelte ihr den Rücken. Ohne sich dessen bewusst zu sein, umfasste er wieder ihre perfekt geformten Brüste. Er neckte und reizte sie, zog spielerisch an den harten Spitzen und hörte nicht auf, bis er merkte, dass sie wieder begann, sich unruhig auf seinem Schoß zu winden. Ihr erregtes Stöhnen hätte fast genügt, ihn alles andere vergessen zu machen.

Sie öffnete seinen Hosenbund, zog den Reißverschluss auf und streifte seine Boxershorts hinunter. Als er sich zwischen ihre Beine drängte, schrie sie unterdrückt auf. Ungeduldig umfasste sie ihn und führte ihn zu sich.

Nie zuvor hatte er ein solches Verlangen nach einer Frau verspürt. Überhaupt schien vieles mit Virginia anders zu sein als mit anderen Frauen. Aber es war jetzt nicht der Zeitpunkt, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Seine italienische Heimat war weit weg, der Familienfluch genauso. Was zählte, war die Gegenwart – hier mit Virginia unter dem Kreuz des Südens.

Als sie sich an ihn drängte, wusste er: Sie wollte mehr, sie wollte alles. Ihm war klar, dass die Zeit des Hinhaltens und der erotischen Neckereien vorüber war.

Sie beugte sich über ihn, küsste ihn und biss ihm dabei zärtlich auf die Lippen. „Wie lange willst du mich noch warten lassen?“, flüsterte sie.

„Hast du noch nicht genug?“, erwiderte er mit rauer Stimme. „Wenn du mehr willst, musst du mich schön bitten.“

„Marco, komm! Bitte – nimm mich … jetzt!“

Er drang etwas tiefer in sie ein, aber er ließ sich Zeit. Jeden Zentimeter, den er weiter vordrang, machte er sich bewusst und genoss jede kleine Berührung. Er küsste ihre Brustspitzen, fuhr mit der Zunge darüber und beobachtete, wie sie sich noch fester zusammenzogen. Er kostete jede Sekunde aus. Während er sie leidenschaftlich auf den Hals küsste, dachte er, das Mal wird man morgen noch sehen können. Aber diese Nacht war es wert, dass man ein kleines Andenken behielt. Gleichzeitig drang er weiter in sie ein, bis er sie ganz ausfüllte.

Mit beiden Händen griff sie in sein Haar und hielt ihn fest. Aus weit geöffneten Augen sah sie ihn an. Und auf ihrem hübschen Gesicht spiegelte sich grenzenloses Erstaunen.

„Komm, mein schöner Engel. Komm mit mir“, flüsterte er auf Italienisch. Er merkte an ihrer Reaktion, dass sie ihn verstand, wenn er in ihrer beider Muttersprache mit ihr redete. Sie erwiderte seinen Rhythmus, und bald versuchte sie, ihn anzutreiben. Aber er ließ sich nicht drängen. Er wollte jeden Moment bewusst wahrnehmen und die Lust bis zum Äußersten treiben. Aufreizend liebkoste er ihre Brüste, biss zart in die aufgerichteten Spitzen und spürte, wie sie zunehmend unruhiger wurde, wie sie ihn fester umschloss und sich dem Höhepunkt näherte. Trotzdem behielt er seinen ruhigen Takt bei.

„Halt dich an mir fest“, bat er sie leise.

Als sie ihn fest umarmte, drehte er sich mit ihr zusammen, sodass sie die Positionen tauschten und er nun auf ihr lag. Er drückte ihre Oberschenkel auseinander, um erneut tief in sie einzudringen.

„Jetzt, Virginia“, sagte er, und seine Stöße wurden nun härter und schneller. Alles auf dieser Welt schien sich auf diesen einen Punkt zu konzentrieren, in dem sich ihre Körper vereinigten.

Er hörte, wie ihm das Blut in den Ohren rauschte. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er den Höhepunkt erklomm, und während er mit Macht kam, stieß er einen lustvollen Schrei aus. Im nächsten Moment wusste er, dass auch sie den Gipfel erreicht hatte. Dennoch hörte er nicht auf, bis er merkte, wie ihre Anspannung allmählich nachließ.

Lächelnd schlang sie ihm die Arme um den Nacken und sagte: „Das war wunderschön, Marco. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schön werden könnte.“

„Du kennst mich eben zu wenig“, erwiderte er lächelnd.

Sie sah ihn eine Weile an, bevor sie ihm antwortete, und dabei schien sie über etwas nachzudenken. Er konnte sich aber nicht vorstellen, was es war. „Da hast du natürlich recht“, sagte sie dann, aber auch mit diesem Satz konnte er wenig anfangen.

Als die ersten Sonnenstrahlen in das Schlafzimmer drangen, erwachte Marco und streckte sich behaglich. Er drehte sich auf die Seite, aber der Platz neben ihm war leer. Das Kopfkissen lag zusammengedrückt auf der Seite, die Laken waren zerwühlt. Ein wenig roch es noch nach ihrem Parfüm und danach, womit sie hier den größten Teil der Nacht zugebracht hatten.

„Virginia?“, rief er halblaut in Richtung des angrenzenden Badezimmers, erhielt aber keine Antwort.

Marco stand auf und dehnte noch einmal die Glieder. Auf seinem Nachttisch entdeckte er ein Glas mit frisch gepresstem Orangensaft und ein Croissant. Er musste lächeln. Sie hatte für sein Frühstück gesorgt – rührend.

Er blickte sich um. Durch die hohen Fenster seines Penthouse konnte man die ganze Stadt überblicken. Er musste an die wunderbare Nacht hier über den Dächern von Melbourne denken. Was konnte man sich mehr wünschen. Er war mit sich und der Welt zufrieden. Natürlich gab es noch den Fluch, der auf der Familie lag. Aber allzu viel hatte er nie auf diese Geschichte gegeben. Hatte er sein Schicksal nicht immer selbst in der Hand gehabt? Was sollte ihm da schon passieren. Was allerdings Dominic widerfahren ist, als er damals drauf und dran war, sich zu verlieben, müsste allerdings auch mir zu denken geben, überlegte Marco. Denn prompt hatte die geschäftliche Entwicklung von Moretti Motors einen äußerst kritischen Verlauf genommen.

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Was für ein Unsinn, an einem so schönen Morgen wie diesem über diesen albernen Fluch nachzugrübeln. Wie kam er nur darauf? Konnte es etwa damit zusammenhängen, dass Virginia ihm besser gefiel, als er es sich eingestehen wollte? Vorhin beim Aufwachen hatte er sich bei dem Gedanken ertappt, einfach einen Tag länger in Melbourne zu bleiben, um ihn mit ihr zu genießen. Solche spontanen Anwandlungen passten eigentlich gar nicht zu ihm, denn für gewöhnlich war er ein Muster an Disziplin und Pflichtbewusstsein.

Nein, so weit sollte er es auf keinen Fall kommen lassen. Es war besser, wenn sich ihre Wege gleich trennten. Marco war dennoch gespannt darauf, was ihn gleich erwartete.

„Virginia?“, rief er noch einmal. Wieder keine Antwort.

Marco sah in der Küche nach. Vergebens. Auf der Dachterrasse war sie auch nicht. Als er durch die offene Tür einen Blick in sein Arbeitszimmer warf, erschrak er. Seine Papiere lagen zu einem unordentlichen Haufen getürmt auf dem Schreibtisch, als hätte jemand darin gewühlt und nach etwas gesucht. Marco runzelte besorgt die Stirn. Sollte Virginia etwa die Nacht mit ihm verbracht haben, um die Geschäftsgeheimnisse von Moretti Motors auszuspionieren?

Energisch schüttelte er den Kopf. Er fing anscheinend an, genauso paranoid zu werden wie sein Bruder Dominic. Virginia hatte nicht eine einzige Frage zu den Moretti-Werken gestellt. Das Unternehmen schien sie nicht im Geringsten zu interessieren.

Aber sie war gegangen. Marco spürte den Ärger und die Enttäuschung, die deswegen in ihm aufkeimten. Natürlich hatte er dafür sorgen wollen, dass ihre Wege sich trennen. Aber es musste ja nicht so überstürzt geschehen. Und außerdem hätte er den Zeitpunkt gern selbst bestimmt.

4. KAPITEL

Was die Organisation des Rennens betraf, galt auch hier in Barcelona die gleiche Routine wie an anderen Veranstaltungsorten. Marco gab seine Pressekonferenzen, erledigte seine PR-Verpflichtungen für Moretti Motors, und war für seine Brüder Dominic und Antonio sowie für seinen Rennfahrerkollegen und Teamgefährten Keke Heckler ganz der Alte. Nämlich der ehrgeizige, siegverwöhnte Marco Moretti.

Wie es allerdings in ihm aussah, stand auf einem anderen Blatt geschrieben. Insgeheim machte Marco sich doch so seine Gedanken, was es mit Virginias fluchtartigem Verschwinden aus Melbourne auf sich hatte. Sie musste sich in aller Frühe aus seinem Penthouse gestohlen haben. Zunächst hatte er deswegen auch vermutet, sie hätte Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen. Je länger er jedoch darüber nachdachte, desto mehr bekam er den Eindruck, dass sie es auf nichts anderes als auf diese eine Nacht abgesehen hatte – aus welchen Gründen auch immer. Außerdem sprachen alle Anzeichen dafür, dass sie sich die größte Mühe gab, nach diesem heimlichen Abgang unentdeckt zu bleiben.

Das sollte mir eigentlich recht sein, dachte Marco. Wäre sie bei ihm geblieben, hätte er sich sowieso überlegen müssen, wie sie möglichst taktvoll wieder auseinanderkamen. Denn in seinem Leben war kein Platz für romantische Verwicklungen. Das alles blieb ihm nun zum Glück erspart. Außerdem hatten er und seine Brüder sich geschworen, nicht wegen irgendwelcher Frauengeschichten das Schicksal des Autowerks aufs Spiel zu setzen.

„Marco?“

„Ja!“ Sein Teamkamerad Keke riss ihn aus seinen Gedanken.

„Träumst du? Was ist mit dir? Du wirkst, als wärest du meilenweit weg mit deinen Gedanken.“

Marco schüttelte den Kopf. „Es ist nichts. Ich bin im Geiste nur noch ein paar Abschnitte der Rennstrecke durchgegangen.“

„Hast du heute Abend Zeit? Elena und ich gehen essen. Ihre Familie wird auch dabei sein.“

Zwischen Elena und Keke schien sich eine ernstere Beziehung anzubahnen. Unter anderem merkte Marco es daran, dass er sich in Anwesenheit der beiden immer häufiger als das fünfte Rad am Wagen vorkam, obwohl Keke ihm nie Grund gegeben hatte, sich ausgeschlossen zu fühlen.

„Meine Eltern sind in Barcelona“, erwiderte er. „Eigentlich wollte ich den Abend mit ihnen verbringen.“

„Bring sie doch mit.“

„Möchtest du nicht lieber mit Elena und ihrer Familie allein sein?“, fragte Marco erstaunt.

Keke wurde ein wenig verlegen. „Nun, die Sache ist die …“, druckste er herum. „Ich habe heute Abend etwas Besonderes vor. Ich will Elena fragen, ob sie meine Frau werden möchte. Und da ich selbst keine Familie habe, wollte ich dich bitten zu kommen. Gewissermaßen als Verstärkung, damit ich nicht ganz allein dastehe.“

„Verstehe.“ Marco klopfte seinem Freund aufmunternd auf die Schulter. „Ich fühle mich sehr geehrt. Wann wollt ihr euch denn treffen?“

„Um neun Uhr. Ich schreibe dir die Adresse auf.“

„Na, da muss man wohl gratulieren“, meinte Marco. Dennoch reagierte er mit gemischten Gefühlen auf die Nachricht. Keke und er waren im Laufe der Jahre richtig gute Freunde geworden. Was würde aus dieser Freundschaft nun werden? Denn eines stand definitiv fest: Zu heiraten, vielleicht sogar eine Familie zu gründen, war immer ein entscheidender Schritt, der alles im Leben veränderte und dabei auch nicht vor den besten Freundschaften Halt machte.

„Ich wollte dich bitten, mein Trauzeuge zu sein – vorausgesetzt, dass Elena meinen Antrag annimmt, natürlich.“

„Sie wird Ja sagen. Verlass dich drauf. Und ich bin dein Trauzeuge.“

Sie besprachen noch das anstehende Treffen mit den Rennoffiziellen, dann trennten sich ihre Wege, und Marco beschloss, seine Eltern und seine Brüder anzurufen, um ihnen von Kekes Einladung zu erzählen. Als er anschließend das Gelände verließ, wurde er schon von einer Menschentraube von Fans erwartet. Während er Baseballkappen und T-Shirts mit Autogrammen versah, ertappte er sich dabei, wie er den Blick immer wieder über die Köpfe der Menge schweifen ließ und versuchte, Virginias Gesicht irgendwo zu entdecken. Er verfluchte sich für diesen Moment der Schwäche. Er wusste, dass es seine verletzte Eitelkeit war, die ihn nicht darüber hinwegkommen ließ, dass sie sich in Melbourne einfach aus dem Staub gemacht hatte.

Aber er wusste auch, dass das nur die halbe Wahrheit war. Denn tief drinnen hatte er das Bedürfnis, diese fantastische Nacht, die er mit ihr erlebt hatte, zu wiederholen. Sie am besten so lange zu wiederholen, bis sie nach diesem außergewöhnlichen Sex zwischen ihnen genauso süchtig war wie er selbst. Dann würde sie endlich begreifen, was es bedeutete, wenn man sich am Morgen plötzlich alleine im Bett wiederfand. Ein Trost blieb ihm immerhin. Wenigstens hatte seine Konzentration auf die Rennen noch nicht unter dieser Affäre gelitten.

„Marco, warte mal.“

Es war Dominic, der ihm hinterherrief, als er gerade dabei war, über den Parkplatz zu seinem Wagen zu gehen. Marco blieb stehen.

„Ich habe deine Nachricht wegen heute Abend erhalten“, erklärte sein Bruder. Er war der Einzige gewesen, den er nicht erreicht hatte. Deshalb hatte er ihm eine SMS geschickt. „Ich weiß allerdings nicht, ob ich kommen kann. Vielleicht muss ich heute Abend noch ein Meeting einberufen.“

„Wieso? Ist irgendwas passiert?“, erkundigte sich Marco.

„Möglicherweise gibt es einen Spion in unseren Reihen.“

Marco war wie vom Donner gerührt. Sofort fielen ihm die durcheinandergeworfenen Papiere auf seinem Schreibtisch ein, die er am Morgen nach der Nacht mit Virginia in Melbourne bemerkt hatte. „Und wie kommst du darauf?“, fragte er gespannt.

„Dirk Buchard ist mir heute über den Weg gelaufen. Er hat ein paar Andeutungen gemacht, dass die Macher von ESP Motors ein neues Modell auf den Markt bringen wollen, das von der Preisklasse, Größe und Ausstattung her genau unserem Vallerio entspricht. Das kann kein Zufall sein.“ ESP, das wusste Marco, war schon zu Zeiten seines Großvaters einer der schärfsten Konkurrenten von Moretti gewesen und hatte den Morettis das Leben schwer gemacht. Allerdings war es Lorenzos kaufmännischem Genie damals gelungen, die Rivalen auf Distanz zu halten. „Du denkst vielleicht, ich leide an Verfolgungswahn, aber …“

Marco lachte auf. „Wie kommst du auf vielleicht?“ Tatsächlich war Dominic für seinen beinahe schon krankhaften Sicherheitsspleen bei allem, was den Konzern betraf, berüchtigt.

„… aber Dirk hat ein paar Details erwähnt“, fuhr Dominic fort, „die bei mir die Alarmglocken schrillen lassen.

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