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Das Erbe der Loge

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. 30
  36. 31
  37. 32
  38. Epilog
  39. Danksagung

Über den Autor

Hef Buthe, geboren 1946, durchstreifte von 1968 bis 1975 die USA, Südamerika und Asien und berichtete als Reporter über den Vietnamkrieg, den Bürgerkrieg in Nicaragua und den Jom-Kippur-Krieg. Danach folgten Aufenthalte auf Borneo, in Japan und Sibirien. Während seines anschließenden Studiums der Wirtschaftswissenschaften gründete er mit einem Freund eine Beraterfirma in Hongkong. 2000 zog er sich aus dem Geschäftsleben zurück. Heute wohnt er mit seiner Frau Ulla in Olpe und widmet sich dem Schreiben von Krimis. »Das Erbe der Loge« ist sein erster Roman; weitere sind in Vorbereitung.

Prolog

»… da sind Sie endlich. Wir haben bereits ablaufendes Wasser«, empfing der Zweite Offizier mit vorwurfsvollem Ton die Gruppe von Männern, die sich bei eisigem Westwind und Schneetreiben die glitschige Gangway hochkämpfte.

Er zählte die vermummten Gestalten kurz durch und hieß drei wartende Männer, die Landverbindungen zu lösen.

»Der Kapitän erwartet Sie in der Messe …« Er ging vor und öffnete eine Tür, die ins Innere des Schiffes führte.

Der Raum war nicht dafür konstruiert, zweiunddreißig Leute aufzunehmen. Wie das ganze Schiff überhaupt nicht für den Transport von Passagieren erdacht worden war.

Die sechstausend Tonnen große Drachenfels war ein Frachter für Stückgut und sonst nichts. Die fünfzehn Mann Besatzung hatten es relativ komfortabel. Aber diese zusätzliche menschliche Fracht überforderte die Kapazität des Handelsschiffes bei weitem.

So gewöhnten sich die Neuankömmlinge gleich daran, mit dem Wenigen, das zur Verfügung stand, auszukommen.

Die hochfahrenden Maschinen übertrugen vibrierend ihre Arbeit auf die ganze stählerne Konstruktion und kündeten davon, dass es jetzt keine Rückkehr mehr gab.

Zurück blieben zweiunddreißig Familien, die jetzt, zwei Stunden vor dem Jahreswechsel 1935/36, darauf hofften, ihre Väter und Ehemänner wiederzusehen.

Ihre Hoffnung würde vergebens sein …

1

Abbildung

Meine Recherchen brachten mich seit Tagen kein Stück weiter. Wo ich auch nachfragte, stieß ich auf Kopfschütteln und teilweise unverhohlene Ablehnung.

Dem Mann war einfach nicht beizukommen.

»Kölscher Klüngel«, knurrte ich böse und beendete das Computerprogramm, als das Telefon klingelte.

»Bist du oder deine Zeitung an einem historischen Fund interessiert?«, fragte Martins verrauchte Stimme und verriet durch einen satten Husten gleich, dass er erregt war und dadurch sein Asthma auf höchsten Touren lief.

Martin arbeitete seit seinem Studium als Architekt für Hochbauten, und dementsprechend war sein Arbeitsplatz, zu dem er mich hinaufscheuchte.

Trotz oder wegen des Lastenaufzuges, der mich kurzfristig in die Höhe beförderte, war ich schweißgebadet, als ich seinen Arbeitsplatz erreichte. In mehr als hundert Metern Höhe über der Domplatte musste ich allen Willen aufbringen, meine Panik unter Kontrolle zu halten.

Das Gerüst, obwohl ich versuchte, meine hundert Kilo wie eine Feder auf beide Füße zu übertragen, schien jeden meiner Schritte mit einer Vibration zu quittieren. Das Ding konnte nicht halten, zumal ich keinerlei Streben entdecken konnte, die dieses Gebilde mit dem Boden verbanden.

»Stell dich nicht so an«, empfing er mich. »Du läufst wie auf Eiern. Das Ding verträgt fünfhundert Kilo auf dem Quadratmeter.«

»Toll …« Ich kämpfte mich in seine Richtung und versuchte gleichzeitig, nicht hinunterzuschauen und trotzdem die Planken unter mir im Auge zu behalten, auf die ich trat.

»Mann, überwinde deine Höhenangst wenigstens, bis du die Fotos gemacht hast …«, fuhr er mich an und setzte ein Stemmeisen in das Loch, das er bereits in vier Steine der Mauer geschlagen hatte.

Eine Windböe versetzte das Gerüst in Schwingung und meinen Magen in peristaltische Bewegung. So zog ich es vor, die letzten Meter auf allen vieren zurückzulegen.

»Los, komm schon. Hier ist noch nie jemand abgestürzt …« Martin hielt mir hämisch grinsend die Hand zur Hilfe hin.

»Dann bin ich der Erste«, stöhnte ich und ließ mich zu seinen Füßen nieder.

»Du machst jetzt Fotos von dem Ding. Jetzt, um die Lage zu dokumentieren, und nachher, wie ich es rausziehe«, kommandierte er ohne weitere Rücksicht auf meinen Zustand und trieb das Eisen mit einem Hammer hinter das, was er »Ding« nannte und das wie eine Stahlkassette aussah.

»So geht das nicht …«, ließ er sich nach fünf Minuten des vergeblichen Bemühens schweißgebadet neben mir nieder. »Wenn ich den Kasten rausziehe, geben auch die anderen Steine nach. Und das fehlt mir gerade noch.«

»Wie kamst du darauf, dass hier etwas eingemauert ist?«, versuchte ich den Ansatz eines Interviews.

Martin zündete sich eine Zigarette an und schaute am Turm hoch. »Ich kam überhaupt nicht darauf. Was wir hier machen, sind reine Sanierungsarbeiten, wie sie schon seit hundert Jahren immer und überall am Dom laufen. Oder hast du ihn mal ohne Gerüste gesehen?«

Daran konnte ich mich allerdings wirklich nicht erinnern. Schon als Kind hatte ich die Steinmetze bewundert, die in – für mich mit meiner Höhenangst – unvorstellbaren Sphären arbeiteten. Und die alten Kölner waren sich sicher, dass die Welt untergehen würde, wenn der Dom jemals vollendet wurde.

»Mir war nur aufgefallen«, fuhr Martin fort und schnipste die Zigarettenkippe zur Domplatte hinunter, »dass diese Steine einen untypischen Verwitterungsgrad hatten. Sie sind aus Trachyt und nicht wie die übrigen an dieser Turmseite aus Sandstein.«

»Und warum ist das so?«, presste ich hervor. Der Wind hatte aufgefrischt, und das Schwingen des Gerüsts zerrte an meinen Magennerven.

»Wir werden es sehen, wenn ich den Kasten raushabe«, murmelte er und machte sich wieder an die Arbeit. »Und du verschwindest besser vom Gerüst, bevor du den Menschen da unten auf die Köpfe kotzt. Im Baucontainer steht eine Flasche Korn im Erste-Hilfe-Kasten.«

Eine Stunde und drei Schnäpse später setzte Martin den Kasten geräuschvoll auf den Schreibtisch.

»Von wegen historisch …«, fluchte er und wischte mit dem Ärmel den Staub vom Deckel. »Das ist eine Munitionskiste aus der Nazizeit.«

Ich hatte zwar noch nie eine solche gesehen, aber die Aufschrift »Heeresmunition 900« und der Reichsadler sprachen für seine Vermutung.

»Und wie kommt die in über hundert Metern Höhe in den Nordturm des Kölner Doms?«

Martin setzte die Kornflasche an und nahm einen großen Schluck.

»Die Frage ›Wie‹ lässt sich mit ein bisschen Glück vielleicht noch anhand der seit hundertfünfzig Jahren geführten Aufzeichnungen rekonstruieren. Aber das ›Warum‹ sollte dich als Journalist interessieren.«

»Das wird uns der Inhalt erklären«, grübelte ich laut, denn irgendetwas an der Aufschrift passte nicht in meine Erinnerung an diesen Adler. Wo er sonst den Kreis mit Hakenkreuz in den Fängen gehalten hatte, war die grüne Lackierung abgeschabt und mit einem scharfen Gegenstand ein gleichseitiges Dreieck aus zehn senkrechten Strichen in das Blech geritzt worden.

»Ich darf den Kasten nicht aufmachen«, brummte Martin, während ich das Gebilde von allen Seiten fotografierte. »Der ist Eigentum der Verwaltung. Nur die kann bestimmen, was damit geschieht.«

»Und wie soll ich daraus eine Story machen?«, reagierte ich etwas ungehalten. »Was soll ich schreiben, wenn nachher die Telefone nicht mehr still stehen, jeder Leser wissen will, was da drin war, und du samt Verwaltung dich nicht mehr vor neugierigen Kollegen retten kannst?«

Martin nahm noch einen Schluck und zündete sich die x-te Zigarette an.

»Ich weiß nicht …«, rang er mit sich. »Das verstößt gegen alle Vorschriften für Funde am, um und im Dom.«

»Verstößt eine Nazi-Hinterlassenschaft an einem solchen Ort nicht auch gegen sämtliche Vorschriften?«, versuchte ich seine Beamtenhaltung aufzuweichen.

Da ich Martin schon aus dem Gymnasium kannte, wusste ich, dass er seine Unentschlossenheit gern hinter Sturheit und manchmal Jähzorn verbarg. Eine gefährliche Mischung, die aus einem ehemals viel gefragten Stararchitekten einen bedeutungslosen, mehrfach wegen Körperverletzung vorbestraften Vorarbeiter gemacht hatte.

»Du hast mich gerufen, um einen historischen Fund zu dokumentieren.  Wenn du ihn nicht öffnest, muss ich behaupten, dass du mich vom Gerüst geschickt hast, um ihn zwischenzeitlich zu manipulieren …«

Das saß. Ich hatte seinen schwachen Punkt getroffen und nun zwei Chancen: Entweder schlug er mich zusammen, oder …

»Na schön. Wenn du was Falsches schreibst, überlebst du das Wochenende nicht.«

Er drehte den Kasten so, dass ich das Schnappschloss bequem öffnen konnte, und schüttelte sich in einem Asthma-Anfall.

»Du solltest dich nicht mit so staubigen Sachen befassen …«, meinte ich sarkastisch und ließ die Schlossklammer aufspringen.

Langsam hob ich den Deckel an, der sich knirschend im Scharnier bewegte. Martin beobachtete mich mit halb geschlossenen Augen und griff zum Telefon.

Der Deckel klappte zurück und schlug scheppernd auf den Schreibtisch.

»Wen rufst du an?«, fragte ich beiläufig und zerrte an einem Paket, das von gelblichem Ölpapier eingehüllt war.

»Den Dompropst.«

Jetzt war Eile angesagt.

Der Dompropst war der Hausherr im Dom. Wenn er nicht wollte, dann würde ich nie erfahren, was in dem Kasten war. Wie ich den alten Herrn und seine Einstellung zur Presse kannte, würde er keine Sekunde zögern, mich wegen Hausfriedensbruch anzuzeigen.

Das Papier zerriss und gab den Inhalt frei.

Heraus fielen eine Reihe von grauen Büchlein mit dem Reichsadler, ein prall gefüllter Ledersack, ein in Leder gebundenes Buch, das nur ein goldenes Dreieck als Prägung auf Vorder- und Rückseite trug, und ein ledernes Etui.

Mich hatte das Jagdfieber gepackt, sodass ich nicht zugehört hatte, was Martin mit dem Propst gesprochen hatte. Aber es schien nicht positiv für mich zu sein, denn Martin war schon wieder am Grübeln, was er tun sollte.

Mit fliegenden Fingern blätterte ich die grauen Büchlein durch.

Es waren alles Soldbücher aus der Nazizeit.

Der lederne Einband war in einer Sprache gedruckt, die ich nicht lesen konnte.

Das Etui enthielt ein überdimensioniertes Kartenspiel und der Sack etwas, was wie zwei Kilo weißer Kandiszucker aussah.

»Los, raus hier.«

Martins Pranke umspannte mein Genick, zog mich schmerzhaft hoch und beförderte mich aus dem Container.

Bevor ich mich versah, endete ich im freien Fall auf der Domplatte.

Etwas zerbarst neben mir, was mal eine Kamera gewesen war.

Glück im Unglück.

Anders konnte ich es nicht bezeichnen. Die Kamera war zwar ein Totalschaden, aber der Datenspeicher hatte die Tortur überstanden und gab anstandslos die Fotos an meinen Laptop weiter.

Kurz vor Redaktionsschluss hatte ich meinen Bericht für die Samstagsausgabe fertig.

Um Martin nicht zu schaden und meine Glaubwürdigkeit nicht in Frage zu stellen, hatte ich den Inhalt der Munitionskiste nicht erwähnt. Insgeheim hoffte ich aber, dass das geschehen würde, was ich prophezeit hatte: Fragen über Fragen von berufenen und weniger berufenen Lesern über den Inhalt an die Domverwaltung.

Da ich die einzigen Fotos über die Freilegung besaß, lag das Urheberrecht bei mir. Vielleicht konnte das noch von Nutzen sein, mir zu einer spannenden Story zu verhelfen.

Dass dieses »Vielleicht« in einer Katastrophe enden würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Kasten hatte in seiner ursprünglichen Bestimmung schon Munition enthalten. Aber die wirkliche Brisanz seines jetzigen Inhalts sollte sich erst Wochen später herausstellen.

Während die Druckmaschinen Hunderttausende von Blatt Papier für die morgige Ausgabe ausspuckten, versuchte ich mir den kurz überflogenen Inhalt des Kastens in Erinnerung zu rufen.

Im Laufe meiner Jahrzehnte als Journalist hatte ich eine Art optisches Kurzzeitgedächtnis entwickelt, das zwar nicht die Präzision eines Fotoapparats hatte, aber doch imstande war, Gesehenes für ein paar Stunden zu speichern. Nur ein paar Stunden Schlaf, und alles verschwamm zu einem nebulösen Mischmasch, von dem ich am nächsten Tag nicht mehr wusste, ob es Fiktion oder Tatsache gewesen war.

Doch meine Fähigkeit hatte offenbar gelitten. Obwohl der Beutel mit dem »Kandiszucker« eine Art Schatzsucher-Reflex in mir ausgelöst hatte, waren mir die Soldbücher die einzig wirklich verbliebene Erinnerung.

Die Namen der Inhaber auf der ersten Seite hatten keinen Reiz bei mir ausgelöst. Nur dass alle im Rang eines Offiziers, vom Leutnant bis zum Major gewesen waren. Keine Mannschafts- oder Unteroffiziersränge. Auf der Seite zwei war bei mir hängen geblieben, dass alle Ausstellungsdaten identisch und vom gleichen Kompaniechef unterzeichnet worden waren.

Alles zusammen drängte sich mir als Frage auf: Was sollte dieser Kasten an solch einem unmöglichen Ort?

Kein Mensch, der etwas zu verstecken hatte, würde sich einen Kirchenturm aussuchen, der vielleicht alle Jahrhunderte mal eingerüstet wurde. Denn ohne solch ein Hilfsmittel war dem Versteck nicht mehr beizukommen.

War das beabsichtigt? Sollte der Kasten für immer verschwinden? Dann gab es Millionen andere Möglichkeiten, um das weniger aufwendig zu bewerkstelligen.

Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte. Es gab nur die eine Erklärung: Wer immer den Kasten dort eingemauert hatte, musste vom Fach gewesen sein. Und wer war vom Fach, kannte sich mit dem präzisen Bearbeiten von Steinquadern und ihrer Handhabung in solchen Höhen aus?

Nur Steinmetze der Dombauhütte.

Wie mir Martin mal erzählt hatte, gab es seit hundertfünfzig Jahren genaue Aufzeichnungen in der Dombauverwaltung, wann was und wie durch wen am Dom gefunden oder renoviert worden war. Es durfte demnach kein Problem sein, herauszufinden, wann an dieser Stelle das letzte Mal ein Gerüst errichtet worden war.

Am Montag musste ich mir etwas einfallen lassen, um an diese Informationen zu kommen. Denn auf Martins Hilfe würde ich nach dem heutigen Vorfall nicht mehr bauen können.

Da ich dieses Wochenende keinen Redaktionsdienst hatte, genoss ich eine lange Nacht vor dem Fernseher mit Pizza und allem, was der Arzt verboten hatte. Es war schon gegen Mittag, als mich die Türglocke mit ihrem fiesen Dauerton aus dem Bett scheuchte.

Durch den Türspion zeigte sich das verzerrte Gesicht des ohnehin schon vom Schnaps und Bier aufgedunsenen Hausmeisters.

Kaum hatte ich die Tür geöffnet, waberte mir eine Alkoholfahne entgegen, gefolgt von einer Schimpfkanonade und einem Päckchen, auf dem unsere Samstagsausgabe lag.

»Die Flurreinigung stelle ich Ihnen in Rechnung«, bellte er abschließend und ließ beides fallen.

Mit dem nackten Fuß schob ich den Karton in den Flur und nahm die Zeitung, froh, sie nicht selbst aus dem Briefkasten vier Stockwerke tiefer holen zu müssen.

Nach einer gehörigen Portion Speckeiern und Toast – viel mehr konnte ich sowieso nicht zubereiten – genoss ich es, mal einen Samstag unsere Zeitung als Leser zu sehen. Was hatten meine Kollegen so alles zustande gebracht, wie war der Leitartikel meines ach so geliebten Chefredakteurs – kurz, alles Eindrücke, die ich in der Tageshektik längst nicht mehr wahrnahm.

Mein Artikel sprach durch die Fotos für sich. Der Text war durch das Layout etwas gekürzt und dadurch eine Idee zu missverständlich.

Aber was sollte es? War ohnehin nicht mehr zu ändern.

Als ich dem Badezimmer zustrebte, nahm die Drohung des Hausmeisters, mir die Treppenhaus-Reinigung anzulasten, in meinem Bewusstsein Form an.

Um den Karton, den ich hinter die Eingangstür geschoben hatte, breitete sich etwas Dunkles aus. So, als sei darin eine Flasche Rotwein zerbrochen, deren Inhalt sich nun durch die Pappe gearbeitet hatte.

Vorsichtig testete ich mit dem Finger. Die Flüssigkeit roch nach nichts, war rot und leicht schmierig.

Schnell prüfte mein Langzeitgedächtnis alle bekannten Flüssigkeiten und kam nur zu einem Schluss …

Nervös öffnete ich das Paket völlig unsachgemäß mit einer Küchenschere und überlegte bei dem freigelegten Inhalt, ob ich zu dieser Tageszeit schon einen Schnaps vertragen könnte.

Ich konnte und nahm erst einmal einen großen Schluck aus der Flasche.

Fieberhaft suchte ich nach einer Möglichkeit, wie ich dieses »Präsent« entsorgen konnte, ohne mein Parkett weiter mit Blut zu besudeln.

Gummihandschuhe? Ging nicht. Die hatte ich letzte Woche entsorgt und vergessen, neue zu besorgen.

Putzlappen? Ging auch nicht. Ich besaß nur einen, den ich zum Aufwischen benötigen würde.

Die Plastiktüte mit dem Leergut fiel mir als einzige Rettung ein. Hoffentlich hatte sie kein Loch. Ich stülpte sie mir wie einen Handschuh über, griff mir den blutenden Kadaver und zog die Tüte darüber.

Nachdem beide tropfsicher in der Spüle verstaut waren, begannen meine Gedanken auf die Jagd zu gehen. Wer hatte sich den dummen Scherz erlaubt, mir einen frisch getöteten Hahn, dem zudem der Kopf abgeschlagen und getrennt beigefügt war, vor die Tür zu legen? In einem Karton, der nur meinen Namen als Empfänger trug, sonst nichts.

Obwohl ich kein Fachmann war, konnte das Tier höchstens eine Stunde tot sein. Es war noch warm.

Eine Kralle fehlte.

Voodoo, war alles, was mir im Moment dazu einfiel.

Keinem meiner Bekannten, die vielleicht den einen oder anderen Anlass hätten, mich zu ärgern, würde es einfallen, ein ganzes Huhn derart zugerichtet vor meine Tür zu legen. Als tiefgefrorenes Suppenhuhn mit einem Petersilienstrauß im Bürzel vielleicht. Aber dieser Gockel strahlte eine Warnung aus. Hier wollte mich jemand darauf hinweisen, dass mein Kopf in Gefahr war, wenn …

Die fehlende Kralle …

Sie konnte ein Symbol für die schreibende Hand des Journalisten sein.

Den ganzen verbliebenen Tag lief ich unruhig von einem Zimmer ins andere und landete letztendlich doch wieder am Spülbecken. Als wollte ich mich vergewissern, dass es vielleicht doch nur ein Traum war. Es war keiner, und das Federvieh fing langsam an zu stinken.

Wohin damit?

Zur Polizei oder erst einmal einfrieren?

Für beides war es zu spät, und ich entschloss mich, die Plastiktüte samt Inhalt bei Dunkelheit in der Mülltonne verschwinden zu lassen.

2

Abbildung

Da ich fest darauf gesetzt hatte, dass mein Artikel irgendeinen Hinweis oder zumindest eine Reaktion aus der Leserschaft provozieren würde, die mir einen Weg weisen konnten, hatte ich am Montag Mühe, meine Enttäuschung zu unterdrücken.

Als sei der Artikel nicht erschienen, fehlte jede Art von Rückmeldung.

Wenn sonst spektakuläre Funde gemeldet wurden, fühlten sich Fachleute wie Hobby-Forscher bemüßigt, in ellenlangen Leserbriefen ihr Wissen kundzutun. Auf diesen Kasten rührte sich nichts. Als habe sich plötzlich die gesamte Leserschaft entschlossen, diesen Fund nicht zur Kenntnis zu nehmen.

»Wir sind hier auf etwas gestoßen, was Köln nicht wissen will …«, folgerte der Chefredakteur, der sich auch nicht erinnern konnte, jemals einen solchen Mangel an Resonanz erlebt zu haben. »Selbst unsere Mitbewerber halten den Atem an«, fügte er kopfschüttelnd hinzu.

Das gab mir noch mehr zu denken. Normal war, dass sich die Zeitungsverlage sofort untereinander kurzschlossen, wenn einer von uns etwas veröffentlichte, was der andere nicht hatte. So wurden auch schon mal Fotos gegen einen kleinen Kostenbeitrag ausgetauscht. Aber hier geschah absolut nichts.

Wussten die da draußen mehr als ich und duckten sich vor der Vergangenheit?

Der alte Munitionskasten sorgte für eine überzogene Länge der Montagskonferenz und begann langsam mehr kreative Köpfe zu binden, als mir das alles wert schien. Eine Vermutung meiner Kollegen jagte die andere. Aber es waren eben keine Fakten und blieben Vermutungen, die nicht für eine Veröffentlichung geeignet waren.

Die Sekretärin reichte einen Zettel herein, den der Chefredakteur kurz überflog und mir weiterschob.

»Das ist doch dein Klient? Mach dich auf die Socken, bevor die Polizei die Finger darauf hat.«

Der Name auf dem Zettel reicht aus, um aus meinem Übergewicht einen Hundert-Meter-Sprinter werden zu lassen.

Wenn die Uhrzeit auf der Meldung stimmte, dann hatte ich mit meiner Stadtkenntnis einen Vorsprung von zehn Minuten, bevor Polizei und Staatsanwaltschaft den Unfallort absperrten. Auch der möglicherweise nötige Rettungswagen konnte nicht vorher da sein.

Aber es war wie immer, wenn man es besonders eilig und kein Blaulicht auf dem Dach hat.

Mutter versucht, einen Hund mitten auf der Straße zu bändigen, der einen umgestürzten Kinderwagen hinter sich her zieht; Opa würgt seinen Wagen an jeder Kreuzung ab, der Müllwagen ist heute doppelt so breit; die Schule ist gerade aus und spuckt Hunderte von Kinder über die Straße.

Aus den zehn Minuten Vorsprung waren zwanzig Minuten Verspätung geworden. Alles, was an Blaulicht in dieser Zeit einsatzbereit gewesen war, schien sich vor dem Grundstück zu versammeln.

Langsam ließ ich meinen zehn Jahre alten, immer dreckigen Golf auf den Gehsteig rollen und überlegte, wie ich auf das Gelände kommen konnte.

Die Wohngegend zählte zu denen, in der es sich die Leute leisten konnten, das Gelände eingeschossig zu bebauen, um dann immer noch einen Gärtner beschäftigen zu müssen, der die restlichen fünftausend Quadratmeter pflegt.

Ein Zivilwagen hielt neben mir, und das Fenster fuhr herunter.

»Ich hoffe, Sie haben ein gutes Alibi«, brummte der ältere Herr auf dem Beifahrersitz und zog die weißen Augenbrauen hinter der starken Brille hoch.

Mein Glück schien mich nicht ganz verlassen zu haben. Hauptkommissar Kögel gehörte der aussterbenden Rasse von Beamten an, die die Presse nicht als Aasgeier betrachtete, sondern wusste, dass eine faire Zusammenarbeit zu beiderseitigem Vorteil sein konnte.

»Los steigen Sie ein«, forderte er mich auf. »Ich wollte sowieso mit Ihnen reden.«

»Wofür brauche ich ein Alibi?«

Bei ihm wusste man nie, wo der Spaß aufhörte und der Ernst begann.

Der Wagen rollte durch die Absperrung und hielt vor einer offenen Garage, aus der ein Porsche, ein Mercedes S-Klasse und ein Ungetüm von Oldtimer hervorblinzelten.

»Na ja. Der Tote war ja nicht gerade Ihr Freund«, lächelte er verschmitzt und stieg aus.

Das stimmte. Was da in Form von einem Paar angewinkelten Beinen in Jeans unter dem Packard Club 733 Sedan mit Klappverdeck aus den Dreißigern hervorschaute, war das unrühmliche Ende meiner Recherchen.

Dr. Hermann Seid. Landtagsabgeordneter.

Seit Monaten verfolgte ich die Spuren eines Korruptionsfalls, die alle bei ihm zu enden schienen.

Durch Verfügungen und Unterlassungsklagen hatte er sich bisher erfolgreich gegen mich gewehrt.

»Nun machen Sie schon die Fotos, und dann warten Sie hinter der Absperrung auf mich«, drängelte Kögel.

Viel würden die Bilder nicht hergeben. Fast eine Garagen-Idylle. Ein riesiger Wagen, unter dem die Beine eines Menschen hervorschauten, der ein x-beliebiger Mechaniker sein konnte, und ein abgelassener Wagenheber.

Ich bückte mich, um unter den Packard zu fotografieren. Im kurzen Schein meines Blitzlichtes reflektierte etwas am Boden neben dem Toten.

Da es fast unter der Wagenmitte lag, hieß der Kommissar einen jungen Beamten, danach zu angeln.

Es war eine Spielkarte, wie ich sie schon einmal gesehen hatte … im Kasten vom Dom.

Kögel betrachtete sie kurz und gab sie der Spurensicherung.

»Eine Tarotkarte«, murmelte er beiläufig, »und Sie machen jetzt, was ich gesagt habe«, grummelte er mich an.

Ich nutzte die Zeit, um mir die Wohngegend zu Fuß anzusehen, und umrundete das Karree.

Es war schon erstaunlich, was die Leute hier sich für Villen leisteten. Manche standen hoch erhobenen Firstes in parkähnlichen Geländen. Andere versteckten sich verschämt hinter getrimmten Hecken, bei denen man nur am unterschiedlichen Bewuchs sehen konnte, wo ein Gelände aufhörte und das andere begann.

Bildete ich es mir nur ein, oder war es wirklich so?

Es war kein Laut zu hören. Kein menschlicher und auch keiner von irgendwelchen Tieren. Obwohl noch früher Nachmittag war, wirkte das ganze Terrain wie ausgestorben. Wie eine Filmkulisse, die einer neuen Belebung harrte.

»Na, schauen Sie sich Ihren neuen Gegner aus?«, klopfte mir jemand auf die Schulter.

Es war Kommissar Kögel, der mir wohl schon eine Weile gefolgt war, ohne dass ich ihn bemerkt hatte.

»Nein. Ich überlege nur, was ich falsch mache.«

»Ein bisschen spät, finden Sie nicht?«, lächelte er, als habe er verstanden.

»Wir beiden haben unsere Berufe frei gewählt. Die geben nun mal keine Villen her. Also, was soll’s?« Er hakte sich bei mir unter, als seien wir beste Freunde, die sich gegenseitig auf dem Heimweg von einer Zechtour stützten. »Was ist mit diesem Kasten los – und vor allem, was war da drin?« Sein Griff um meinen Oberarm wurde stärker.

»Was heißt … war?«

»Was ich sage.«

Er ließ mich wieder los und trottete neben mir her. »Es geht mich von der Mordkommission zwar nichts an. Aber der Kasten ist am Samstag vom Props als gestohlen gemeldet worden.«

»Hoppla!«, entfuhr es mir.

Wenn ich ehrlich zu mir gewesen wäre, dann hätte ich schon am Freitag darauf geschworen, dass der Inhalt das Wochenende nicht überleben würde.

Ist es Intuition oder Erfahrung, die einem Menschen nach vielen Jahren der gleichen Tätigkeit hellseherische Fähigkeiten verleiht?

Nur hatte ich den unverzeihlichen Fehler begangen, mich von Martin davon abschrecken zu lassen wenigstens noch ein paar Fotos des Inhalts zu machen.

»Machen wir ein Geschäft …?«, weckte mich Kögel aus meinen Betrachtungen.

»Welches?«

»Sie sagen mir, was in dem Kasten war, und ich Ihnen, was ich von dem Unfall des Doktors halte.«

Dieser alte Fuchs spielte, wie er es immer tat, wenn er etwas haben wollte, das ihm sonst schwer zugänglich war. Er war gedanklich auf gleicher Höhe mit mir und hatte sofort bedacht, dass ich durch den einfachen Unfalltod meines Hauptdarstellers für eine zukünftige Headline über die Machenschaften im Landtag in der Redaktion schlechte Karten haben würde. Mein Zugpferd war einfach unter den Wagen gekommen. Das war zu wenig, um noch einen Chefredakteur zu begeistern.

»Woher soll ich wissen, was da drin war?«

Kögel legte den Kopf in den Nacken und deutete auf ein paar Vögel.

»Sehen Sie: Der Herbst kommt früh dieses Jahr. Die Mauersegler sammeln sich bereits und nehmen das Wissen des Sommers mit in den Süden.«

Ich verstand.

Martin hatte den Kasten pflichtgemäß bei der Verwaltung abgegeben. Am Freitagabend war natürlich niemand mehr da gewesen, also hatte er ihn irgendwo deponiert. Ob er nun selbst den Inhalt untersucht hatte oder nicht, war unerheblich. Auf jeden Fall hatte er mich als Einzigen benannt, der hineingesehen hatte.

»Ich sage nur, was ich gesehen habe, wenn Sie mir einen zusätzlichen Gefallen außer Ihrer Meinung zu dem Unfalltod von Dr. Seid tun«, versuchte ich mir mehr Spielraum zu verschaffen.

Kögel setzte die Brille ab und rieb sich die Nasenwurzel. »Na schön. Ich kann immer noch Nein sagen.«

»Beschaffen Sie mir Informationen, wann das letzte Mal der Nordturm an dieser Stelle eingerüstet war und wer damals die Steinmetze waren.«

Einen Moment hielt er im Schritt inne und schaute dem abziehenden Vogelschwarm nach.

»Sie brauchen jetzt wohl ganz dringend einen Aufreißer?«, murmelte er und hakte sich wieder bei mir unter. »Na schön. Den sollen Sie haben. Ich beschaffe die Informationen, wenn Sie mir jetzt endlich sagen, was Sie in dem Kasten gesehen haben.«

»Zweiunddreißig Soldbücher. Alle datiert Januar 1934. Ein paar Pfund Rohdiamanten, ein in schwarzes Leder gebundenes Buch mit einer goldenen Dreiecksprägung und einen Satz Karten wie die heute bei dem Toten gefundene.«

Kögel pfiff durch die Zähne und schob die Brille über seine Stirnfalten.

»Januar ’34? Sind Sie sich da ganz sicher?«

Er umspannte jetzt mit beiden Händen meinen Oberarm wie jemand, der seinen letzten Halt vor dem Absturz von einer Klippe suchte.

»Ganz sicher.«

Langsam gingen wir zum Unfallort zurück.

Erst jetzt fiel mir auf, dass es nicht den sonst üblichen Auflauf von Gaffern gegeben hatte. Niemand der Nachbarn schien sich für den geballten Einsatz von Blaulichtern zu interessieren.

Eine merkwürdige Gegend.

Der Kommissar hatte seit meiner Bestätigung, dass ich mir sicher sei, kein Wort mehr gesprochen. Nachdenklich spielte er mit seinem Schlüsselbund und ließ dabei ein silbernes Kegelholz an einer Kette um den Zeigefinger rotieren.

Hin und zurück. Hin und zurück.

»Kommen Sie mal mit«, winkte er mir zu folgen und betrat die Villa.

Es waren nicht die ersten Privaträume eines Toten, die ich betrat. Aber es war das erste Mal, dass ich in die Intimsphäre eines Kontrahenten eindrang.

Die kleine Eingangshalle wirkte kühl, distanziert, aber teuer. Weißer Marmor kontrastierte mit schwarzen Ebenholz-Statuetten. Alles war mit der Präzision aufeinander abgestimmt, mit der Dr. Seid meine Attacken immer wieder abgewehrt hatte.

Von hier führten fünf ebenfalls schwarze Türen mit silbernen Türklinken ins Innere.

Kögel öffnete jede und schaute kurz in den Raum.

»Was suchen wir?«

»Bücher«, murmelte er und öffnete die nächste Tür, die in einen Gang führte.

Hier zweigten nochmals fünf Zimmer ab, die allesamt nach hinten zum Garten lagen.

»Hier ist es.«

Wir betraten einen Raum, der wie ein Zwischending von Wohn-und Arbeitsraum eingerichtet war. Auch hier herrschte Schwarz-Weiß gepaart mit Chrom vor.

Eine Wand wurde vom Boden bis zur Decke von einem Bücherregal beherrscht.

»In dem Kasten war doch ein Buch.« Kögel prüfte die Reihen der sich darbietenden Rücken. »Sehen Sie hier ein Vergleichbares?«

»Wie kommen Sie auf die absurde Idee, dass es dieses Buch noch einmal gibt, und dann ausgerechnet hier?«

Er zuckte mit den Schultern und begann seiner Größe entsprechend mit der Durchsuchung der unteren Buchreihen.

»Ein kluger Mann hat mal gesagt, eine Idee ist nur eine gute Idee, wenn man anfangs nicht glaubt, dass sie funktioniert«, brummte er. »Überlegen Sie doch mal. Es macht Sinn, Rohdiamanten zu verstecken. Auch Soldbücher verstehe ich noch, wenn man eine nicht ganz hasenreine Vergangenheit hat. Aber ein Buch und ein Satz Tarotkarten …? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Verstanden?«

»Kein Wort«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

»Ist auch egal. Suchen wir weiter.«

Meine Finger liefen über die Buchrücken, um ein Leder zu ertasten, wie ich es in Erinnerung hatte. Solch eine Qualität wurde heute nicht mehr verarbeitet. Weich wie Samt und doch von speckiger Konsistenz.

Was ich aber berührte, ließ mein Gehirn nicht anspringen und rufen: Das ist es!

»Erinnern Sie sich, ob das Dreieck erhaben geprägt war?«, fragte Kögel und hielt ein schwarzes Buch in der Hand.

»Ich glaube, ja«, kramte ich in meinem geistigen Speicher. War mir aber nicht sicher.

»Dann war es hier. Sehen Sie …« Er hielt mir ein Buch hin. Der Staub, der sich zwischen die Bücher gesetzt hatte, hatte auf der Vorderseite des Nachbarbuches die Umrisse eines Dreiecks hinterlassen.

»Es war Mord«, konstatierte der Kommissar. »Der Wagenheber ist nicht defekt. Er wurde abgelassen, als Dr. Seid unter dem Wagen lag. Und das schon vor über vierundzwanzig Stunden, sagt der Mediziner.«

Ich muss wohl ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben, denn Kögel verzog das erste Mal seine Mundwinkel zu einem Lächeln.

»Sie können mir schon glauben. Dem Mörder ging es nur um das Buch. Und das ist in Hebräisch geschrieben.«

Er verstand es, mich fassungslos zu machen. Wie konnte er das wissen?

»Ganz einfach«, sagte er und stellte das Buch an seinen Platz zurück. »Der Staub ist auf dem vorderen Deckel dieses Buches. Wenn das verschwundene Buch nicht auf dem Kopf gestanden hat -wovon ich bei der Pingeligkeit des Toten ausgehe -, dann trug es das Dreieck auf der Rückseite. Und die ist bei hebräischen Büchern nun mal die Vorderseite, da diese Schrift von rechts nach links geschrieben wird.«

»Aha«, war alles, was ich im Moment dazu sagen konnte.

Seine Schlüsse waren mir zu schnell, als dass dies selbst ein alter Hauptkommissar so einfach aus dem Ärmel seiner Intuition schütteln konnte.

»Warum muss dann ein Mensch sterben, wenn er ein Exemplar von diesem Buch hat? Ich bringe doch auch niemand um, weil er die gleiche Bibel wie ich hat.«

Kögel kratzte sich am Kopf. »Keine Ahnung. Aber Sie sind gar nicht so dumm. Vielleicht steht in beiden Büchern etwas, was zusammengehört. Vorausgesetzt, der Kastendieb und der Mörder sind ein und dieselbe Person. Was ich allerdings vermute.«

Obwohl es warm war, schüttelte mich ein Schauer. Was folgerten wir beiden hier eigentlich? Es waren alles nur Hypothesen, die wir aber betrachteten, als sei es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, dass es so war und nicht anders.

Der tote Hahn fiel mir wieder ein. Aber das passte nun wirklich nicht ins Bild. Obwohl …

Er war am Tag meines Artikels über den Fund am Nordturm vor meine Tür gelegt worden.

»Fang jetzt nicht an zu spinnen!«, rief ich mich zur Ordnung.

3

Abbildung

Der Artikel über das heute Gesehene fiel mir schwerer, als ich gedacht hatte. Stunde um Stunde quälte ich mich mit neuen Anläufen, die ich wieder verwarf.

Obwohl ich Dr. Seid manches Mal die Pest oder einen Unfall an den Hals gewünscht hatte, fiel es mir doch schwerer als geglaubt, aus der Distanz zu schreiben. Irgendwie hatte sich zwischen uns eine Seelenverwandtschaft gebildet, bei der der Tod eines von uns beiden nicht vorgesehen war.

War ich mitschuldig daran?

Kurz vor Redaktionsschluss hatte ich meine Story fertig, und wie ich fand, war es eine der schlechtesten, die ich jemals verbrochen hatte.

Wenn ich sonst die Plattform meiner Zeitung dazu genutzt hatte, kein gutes Haar an ihm zu lassen, würden sich meine Leser jetzt fragen, ob ich noch ganz bei Verstand war. Aber ich brachte es einfach nicht fertig, etwas Schlechtes über ihn zu schreiben. Aus und vorbei. Vergeben und Vergessen.

Seine Fraktion konnte keinen besseren Nachruf verfassen.

»Trotzdem werde ich mich mal näher mit deiner Vergangenheit befassen«, schwor ich ihm beim ersten Bier in meiner Stammkneipe am Dom und widmete mich einem Buch über das Tarot.

»Ist hier noch frei?«

Die Frage konnte nicht von einem Einheimischen kommen. An einem Stehtisch ist in Köln immer noch ein Platz frei. Ohne vom Buch aufzusehen, machte ich eine einladende Handbewegung.

»Vielen Dank«, sagte eine etwas verrauchte Stimme und setzte ihre Handtasche auf die Platte.

Ein kurzer Blick von mir … dann noch einer.

Die Frau war etwa Mitte Dreißig, mittelgroß, südländischer Typ mit dunklen Haaren. Und sie hatte Augen, die mich sofort in ihren Bann zogen.

»Sie sind nicht von hier?«, versuchte ich den Ansatz einer Kommunikation und schalt mich gleich einen Narren.

Wenn sie nicht auf den Mund gefallen war, würde ich als Gegenfrage »Sieht man das?« erhalten. Und was sagte ich dann, um nicht unhöflich zu wirken?

Sie bestellte einen Kaffee und zündete sich eine Zigarette an.

Extrem schöne Hände hatte sie auch noch.

»Nein, ich bin aus Israel«, umschiffte sie die Klippe, die ich mir selbst gebaut hatte.

Woher sie fast perfekt Deutsch konnte, traute ich mich schon nicht mehr zu fragen.

»Ich heiße Hannah. Hannah Motzkin«, kam sie mit entwaffnender Offenheit meinem stillen Wunsch entgegen, sie kennen zu lernen.

»Peter Stösser. Angenehm«, stellte ich mich mit einer leichten Verbeugung vor, da ich nicht wusste, ob es in Israel unhöflich war, einer Frau gleich die Hand zu reichen.

»Der Journalist, der den Bericht über den Kasten vom Dom …?«

Woher wusste sie, dass ich mich hinter dem Kürzel »PS« versteckte, das ich ausschließlich unter meinen Artikeln verwendete?

»Ich wollte mich ohnehin mit Ihnen in Verbindung setzen«, redete sie munter drauflos. »Vielleicht können Sie mir helfen, meine Vergangenheit zu durchleuchten. Ich habe nach dem Tod meines Vaters in seinem Nachlass etwas gefunden, was ich gerne ergründen würde. Alleine komme ich nicht weiter.«

Wenn es jemand anderes als diese interessante Frau gewesen wäre, der mich um Hilfe gebeten hätte, wären mir sämtliche Ausreden der Welt eingefallen, es nicht zu tun. Aber diese Hannah hatte etwas, was ich bei einheimischen Frauen bisher vermisst hatte – was mit der Grund war, weshalb ich auch nie einen Drang verspürt hatte, eine längere Bindung einzugehen.

»Wissen Sie, ich weiß nämlich nicht, wer mein Vater wirklich war.«

Das hätte ich auch ganz gerne gewusst. Aber meine Mutter hatte ihr ganzes Leben geschwiegen, wenn ich danach fragte. Irgendwann war es mir zu dumm geworden, und ich hatte mir die Geschichte ausgedacht, dass er in einem russischen Lager nach dem Krieg umgekommen sei. Damit war die Angelegenheit für mich vom Tisch, und ich konnte das Mitleid meiner Lehrer und Mitschüler zu manchem Vorteil für mich nutzen.

»… ich habe da etwas gefunden, was wie ein Codebuch aussieht«, holte mich Hannah an den Tisch zurück. »Es ist in Hebräisch gedruckt.«

»Ist das ein Grund, in Köln nach der Familienvergangenheit zu suchen?«

»Ja. Die Druckerei, die es 1935 hergestellt hat, war in Köln. Das geht aus dem Impressum hervor. Aber die gibt es nicht mehr. So weit bin ich schon vorgedrungen.«

»Was ist so Wichtiges an dem Buch?«

Mir fehlten die Zusammenhänge, ihren Weg von Israel nach Köln nur über das Impressum eines Buches herzuleiten. In dieser Zeit war bestimmt noch eine Reihe hebräischer Bücher von deutschen Verlagen gedruckt worden. Denn ernsthafte Probleme bekamen die jüdischen Deutschen erst mit den im September 1935 erlassenen Nürnberger Gesetzen. Diese beschnitten massiv die Bürgerechte dieser Volksgruppe und waren Wegbereiter für die spätere »Arisierung« mit all ihren Folgen.

»Was an diesem Buch so interessant ist?«, überlegte Hannah laut. »Wie soll ich Ihnen das erklären, ohne Ihnen erst einen Exkurs im Alt-Hebräischen geben zu müssen.«

»Bloß nicht«, wehrte ich ab. Ohne Computerschreibprogramm hatte ich noch nicht einmal die neue deutsche Rechtschreibung verinnerlicht.

»Können Sie sich vorstellen, dass es Schriften gibt, die ohne Vokale auskommen?«, versuchte sie es dennoch.

Nein, das konnte ich beim besten Willen nicht.

»Dennoch ist es so. Die heiligen Bücher Moses und die Ur-Thora sind so abgefasst. Zwar verwendet man Vokale im Hebräischen beim Sprechen, sie werden nur nicht als unmittelbare Buchstaben dargestellt.«

»Und wie versteht man die?«, fragte ich zweifelnd, während ich mir in Gedanken die Möglichkeit ausmalte, nur mit Konsonanten sinnvolle Wörter bilden zu können.

Hannah lächelte geheimnisvoll, als wollte sie sagen: Na also, Peter. So blöd bist du ja doch nicht.

»Das ist das Geheimnis und der Streit von Schriftgelehrten und Kabbalisten, die heute noch nach einem gemeinsamen Nenner suchen, an welcher Stelle welcher Vokal einzusetzen ist, damit die Botschaft einen eindeutigen, für alle gleich gültigen Sinn bekommt.«

Gehört hatte ich schon von Thora- und Talmudschulen in Jerusalem. Dass die sich aber um die Platzierung von Vokalen stritten, war mir neu.

»Und was stimmt dann an Ihrem Buch nicht?« Denn nach diesem Vortrag war es offensichtlich, dass sie auf etwas dergleichen hinauswollte.

Sie zündete sich wieder eine Zigarette an und blies den Rauch nachdenklich in die Luft.

»Es ist eine Zusammenfassung des ersten Buches der Thora. Aber da, wo Vokale einen Sinn ergeben könnten, werden Markierungen benutzt, die völlig sinnlos sind. Und ich kenne keine andere Sprache der Welt, in der Umlaute wie im Deutschen mit zwei Pünktchen obendrauf geschrieben werden.«

»Und das halten Sie für einen Code?«, fragte ich, immer noch zweifelnd.

»Anfangs nicht«, fuhr sie leiser fort und hielt die Hand mit der Zigarette vor den Mund, als wolle sie verhindern, dass ihr jemand im Lokal von den Lippen ablesen konnte. »Bis ich ein Foto fand, das eine Gruppe von deutschen Offizieren einer Ausbildungskompanie aus dem Jahr 1935 zeigte. Unter anderem war mein Großvater darauf zu sehen. Verstehen Sie jetzt den Zusammenhang?«

Ich verstand überhaupt nichts. Es lag wohl daran, dass ich erst nach Kriegsende geboren worden war und mich nur im Rahmen meiner journalistischen Ausbildung so grob, wie irgend möglich mit der deutschen Nazizeit beschäftigt hatte.

Hannah schüttelte unwillig den Kopf, als wolle sie etwas dazu sagen, aber sie tat es nicht.

»Mein Großvater ist 1936 als Jakob Motzkin nach Palästina gekommen. Er war in Frankfurt und Köln an einer Bank beteiligt und Jude. Was macht ein Jude in einer deutschen Ausbildungskompanie dieser Zeit?«

Jetzt fiel bei mir der Groschen. »Haben Sie das Buch und das Foto noch?«

»Ja, in einem Banksafe hier in der Stadt.«

Diese Frau verstand es, nicht nur meine Begierde, sondern auch mein Interesse zu wecken. Was hatte sie, auf das ich ohne Vorwarnung meines Egos ansprang? Diese Art Seelenverwandtschaft zwischen uns vom ersten Wimpernschlag an war frappierend. Sie schien

mir zu vertrauen, und ich war mir ohne Wenn und Aber sicher, dass

sie nur mich ausgesucht hatte, ihr zu helfen.

»Wie kommen Sie darauf, dass ich Ihnen helfen könnte?«

Es war mein letzter Versuch, vielleicht doch noch ein Argument

für ein Nein zu finden. Aber ich wusste bereits, dass ich jetzt unter

keinen Umständen mehr ablehnen würde. »Fahren Sie mich ins Hotel?«

Die Hotelbar war mit plaudernden Menschen besetzt, die sich aus allen Berufen der darstellenden Branchen zusammenzusetzen schienen. Vertreter, die ihren Standdienst auf der benachbarten Messe ableisteten, Marketing-Strategen, die deren Chefs berieten, und Schauspieler, die sich am Set einer der vielen Filmproduktionen in der Stadt tummelten.

»Darf ich Sie zu einer Kleinigkeit einladen? Es ist spät geworden, und ich bekomme Hunger«, sagte Hannah mit einem Lächeln und benahm sich so, als sei sie schon seit Wochen Gast in diesem Haus.

Sie wählte einen Tisch, der etwas abseits war, doch einen Überblick über das Geschehen an der Bar zuließ.

Sie bestellte ein Steak, blutig, ohne alle Beilagen, und ich rang mich zu einer Frikadelle mit Kartoffelsalat durch. Es war nicht meine Tageszeit zum Essen. Ein paar Kölsch waren mir kurz vor Mitternacht lieber.

»Kommen wir zu Ihrer berechtigten Frage«, griff sie meine Frage von vor fast einer Stunde auf. »Ich bin durch den Artikel auf Sie gekommen. Die Fotos des Kastens haben mir gleich gesagt, dass Sie mein Mann sind. Bei Ihrem Verlag habe ich mich nach Ihnen erkundigt, und die haben mir gesagt, wo ich Sie nach Feierabend finden kann. Der Rest war dann nicht mehr schwer. Zufrieden?«

Hannah war jetzt Frau Motzkin und nicht mehr das weiche Mädchen von vorhin. Lag es am Ambiente des Hotels, oder hatte sie zwei Gesichter? Die sinnlichen Augen verengten sich, die vollen Lippen wurden zu Strichen, und ihr Kinn wurde energischer.

»Nein, ich bin nicht zufrieden.«

Der Service unterbrach uns mit dem Essen, und sie machte sich mit chirurgisch präzisen Schnitten über das Steak her, während ich lustlos in meinem Kartoffelsalat herumstocherte.

»Das habe ich mir gedacht.« Sie tupfte die letzten mit Bratenblut getränkten Reste mit Brot vom Teller. »Kommen Sie in einer halben Stunde auf mein Zimmer. Nummer 810. Dann werde ich Ihnen etwas zeigen.«

Den Ober wies sie an, alles auf ihre Rechnung zu setzen, und entfernte sich mit dem katzenhaften Gang, den ich schon vorher beim Verlassen des Lokals an ihr bewundert hatte. Da war nichts Laszives, nichts Gestelltes oder Überkandideltes. Sie bewegte sich wie eine Raubkatze auf der Pirsch. Lautlos und ästhetisch.

Ich hatte wohl ein Bier zu lange gewartet.

Auf mein Klopfen an 810 öffnete ein Bär von einem Mann und zog mich in den Raum.

»Dreißig Minuten hat es geheißen. Nicht eine Stunde«, knurrte er und stieß mich in den Raum.

»Joshua«, kam ihre Stimme aus dem anderen Zimmer, »benimm dich. Wir sind hier Gäste.«

Dieser Joshua machte meine letzte Hoffnung zunichte. Mit verschränkten Armen stand er wie in einem schlechten Krimi vor der Appartementtür und fixierte mich.

»Entschuldigung. Er meint es nicht so.«

Hannah trug ein weißes Gewand, wie ich es in Filmen gesehen hatte, die im Arabischen spielten. Ihre dunklen Haare glänzten wie lackiert, und ihr Teint schien eine Spur heller zu sein.

Vorsichtig legte sie eine Tasche auf den Tisch, die sich rundherum mit einem Reißverschluss öffnen ließ. Sie griff hinein und reichte mir ein Buch.

»Kennen Sie das?«

Es war genau das Buch, das ich im Kasten gesehen und gefühlt hatte. Weich, samtig und doch speckiges Leder. Und es trug auf dem Einband das erhabene goldene Dreieck.

»Der Kasten, den Sie fotografiert haben, trug genau dieses Dreieck. Deshalb bin ich auf Sie gekommen.« Sie setzte sich neben mich. »Sie haben das Buch schon einmal gesehen. Stimmt’s?«

»Wie kommen Sie darauf?«, versuchte ich mich unwissend zu stellen.

»Ich sehe es an Ihrer Reaktion. Also, was war noch in dem Kasten?«

»Keine Ahnung. Fragen Sie bei der Dombauverwaltung nach«, wiegelte ich ab und rückte etwas zur Seite. Ihre Nähe strahlte plötzlich etwas Unnahbares, Gefährliches aus.

»Habe ich schon. Die waren nicht sehr kooperativ. Nur ein etwas missmutiger Steinmetz, ein Martin Hofmann oder so ähnlich, sagte mir, dass Sie der Einzige sind, der hineingeschaut hat.«

Irgendwie sah ich mich in die Schulzeit zurückversetzt, wenn der Lehrer fragte, wer diesen oder jenen Unfug angerichtet hatte und alle Finger auf mich zeigten.

Mich begann die Frage zu beschäftigen, was Martin bei seinem Telefonat mit dem Probst an besagtem Tag für eine Anweisung erhalten hatte. Seine gewalttätige Überreaktion mir gegenüber kannte ich schon von früher. Meist hatte ich sie auch glimpflich überstanden. Nur, was veranlasste diesen sonst maulfaulen Kerl, jedem, der nach dem Kasten fragte, mich als Kenner des Inhalts zu benennen, und seit wann war er Sprecher der Verwaltung?

»Was verlangen Sie für die Auskunft?« Hannah hatte sich in den Sekunden meines Grübelns wieder in eine Schmusekatze mit großen Augen und sinnlichen Lippen verwandelt. »10 000 … 20 000? Sagen Sie, was sie dafür wollen. Ich stelle sofort einen Scheck aus.«

Diese Masche wirkte wie aus einem billigen Film und gefiel mir nicht.

»Darf ich mal das Foto sehen?«

Sie nestelte in der Mappe herum, die noch allerlei weitere Dokumente zu enthalten schien.

»Dies ist mein Großvater.« Sie deutete auf einen der Männer in Uniform.

Es war das übliche Gruppenfoto. Die vordere Reihe sitzend, die Unterarme auf den Oberschenkeln, die hintere stehend. Ernste Gesichter schauten in die Kamera. Am unteren Rand des bereits stark an Oxydation durch mangelhafte Fixation leidenden Bildes war in Sütterlinschrift »Ausbildungskompanie 108/III/35« mit einbelichtet worden.

Ich zählte. Es waren zweiunddreißig Offiziere verschiedener Rangstufen. Zweiunddreißig Offiziere der Wehrmacht und zweiunddreißig Soldbücher im Kasten … Eine verrückte Vorstellung ging mir durch den Kopf.

»Oder wollen Sie lieber, dass ich mit Ihnen schlafe, oder alles zusammen?«, erhöhte sie ihr Angebot.

Das war zweifellos eine verlockende Vorstellung. Aber ihre Zielstrebigkeit, alles zu geben, um den Inhalt des Kastens zu erfahren, verwirrte mich mehr, als dass es mich erregte.

»Ich könnte Ihr Vater sein«, wehrte ich mit leicht tadelndem Unterton ab.

»Haben deutsche Väter keine Lust mehr?«, kam es schnippisch lockend zurück. Dabei zog sie ein Gesicht wie eine freche Göre und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Nein. Auch deutsche ›Väter‹ haben keine Lust, belogen zu werden«, erhob ich mich, um aus ihrer langsam zu heiß werdenden Nähe zu kommen. »Sie suchen nach der Vergangenheit Ihres Großvaters. Was ist mit Ihrem Vater? Der müsste doch mehr Interesse daran haben.«

Hannah winkte dem immer noch wie ein Schrank mit gekreuzten Armen vor der Tür stehenden Joshua, das Appartement zu verlassen.

»Mein Vater ist vor sechs Wochen bei einem Bombenattentat in Tel Aviv ums Leben gekommen.«

Sie wechselte so schnell den Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung, dass ein Chamäleon von ihr noch etwas lernen konnte. Plötzlich war sie wieder die Trauer unterdrückende Tochter.

Einen Moment war ich unschlüssig, ob ich jetzt gehen sollte, oder …

Ich zog einen Stuhl vom Schreibtisch heran und setzte mich so, dass der Couch tisch, auf dem die Mappe lag, zwischen uns war.

Sie rutschte wie zum Sprung bereit auf die Sofakante. »Was muss ich noch tun, damit ich endlich erfahre, was in diesem verdammten Kasten ist?«

Ihre Tonlage nahm jetzt wieder glaubhafte Formen an, und ich verschränkte meine Arme vor der Brust, um auch optisch zu verdeutlichen, dass ich mich auf keine weiteren Spiele einlassen würde.

»Die Wahrheit sagen. Nichts als die Wahrheit«, brummte ich.

Sie überlegte einen Augenblick und zündete sich eine Zigarette an.

»Na gut. Ich bin 1968 in Haifa geboren und arbeite als Dozentin für Deutsch und Geschichte an der Universität von Tel Aviv. Mein Großvater war bis zu seinem Tod 1980 als Diamantenhändler tätig. Mein Vater übrigens auch. Großvater sprach nie ein Wort über seine Vergangenheit und hat sich auch geweigert, Deutsch zu sprechen. Mein Vater lehnte es ab, diese Sprache überhaupt zu erlernen.«

Es entstand eine Pause, in der sie mit hin und her wandernden Pupillen nach weiteren erzählenswerten Fakten zu suchen schien.

»Bevor Sie das noch fragen wollen«, fuhr sie nach einer weiteren Zigarette fort, »nein, ich bin nicht verheiratet – zumindest bin ich es nicht mehr, seit mein Mann vor fünf Jahren bei einem Anschlag im West-Jordanland ums Leben gekommen ist –, und Kinder habe ich auch keine. Ich sehe keinen Grund, bei der politischen Lage in Israel Kanonenfutter zu gebären. Auch bin ich weder gläubig erzogen worden, noch bin ich es aus eigenem Antrieb. Sie sehen, dass ich eine ganz normale, moderne Frau bin.«

Ganz normal.

Was war daran ganz normal, dass eine junge Frau den Verlust eines Familienmitgliedes nach dem anderen erwähnte, als sei das der Alltag einer Israeli? Und was war daran normal, dass ich mich auch noch schuldig dafür fühlte?

Was war an dieser Situation überhaupt normal?

»Haben Sie manchmal, wie zum Beispiel jetzt, größere Mengen Diamanten bei sich?«

»Wie kommen Sie darauf?«, zog sie die Augenbrauen hoch.

»Weil Sie mit einem Bodyguard reisen.«

Ihr bisher kontrolliertes Gesicht flackerte für einen Moment, wie eine Neonlampe, die sich noch einmal zwischen Leben und Tod entscheiden musste.

Aber sie hatte sich schnell wieder im Griff. »Gut beobachtet. Ich wusste, warum ich Sie um Hilfe gebeten habe … Ja, ich transportiere auf meinen Reisen manchmal größere Mengen. Meine Mutter führt das Geschäft weiter, und ich spiele den Kurier.«

Mir kam wieder so eine verrückte Idee. »Wissen Sie, ob Ihr Großvater diesen Diamantenhandel schon vor dem Krieg betrieben hat?«

Hannah überlegte und zündete sich wieder eine Zigarette an, obwohl die letzte erst halb angeraucht im Aschenbecher vor sich hin qualmte.

»Sicher bin ich mir nicht. Was ich von ihm weiß, habe ich von meinem Vater. Aber wie ich das Geschäft kenne, muss man sich sehr lange um eine Reputation bemühen, um in dieser Branche einen Namen zu bekommen. Also gehe ich davon aus, dass dem so war. Worauf wollen Sie hinaus?«

»Auf den Inhalt des Kastens.«

Es hatte keinen Sinn, sie länger hinzuhalten. Mehr Beweise der Ernsthaftigkeit ihrer Nachforschung empfand ich langsam als Quälerei für uns beide, und ich war ja selbst an diesem mysteriösen Fund interessiert.

Also erzählte ich ihr, was der Fund beinhaltet hatte.

»Wo ist der Kasten jetzt?«, fragte sie nach einer langen Pause, in der sie ruhelos das Zimmer auf und ab gegangen war und fortwährend den Deckel ihres Feuerzeuges hatte auf- und zuschnappen lassen.

»Als gestohlen gemeldet.«

»So, so …«, war ihr einziger Kommentar, als überrasche sie das nicht im Geringsten, und sie setzte den Rundgang fort.

»War es solch ein Spiel?« Sie zog ein Lederetui aus der Mappe und schob es mir hin.

Es war das gleiche Leder, das ich kurz in der Hand gehabt hatte. Nur war es an den Nähten etwas abgegriffener. Das im Kasten hatte den Eindruck gemacht, als sei es noch nie benutzt worden. Bei diesem wiesen die Karten an den Rändern deutliche Gebrauchsspuren auf, wogegen die anderen wie frisch aus der Druckerei gewirkt hatten.

»Kennen Sie Tarot?« Sie ließ sie sich wieder mir gegenüber nieder.

»Nein.«

»Ich zeige es Ihnen mal anhand der zweiundzwanzig Trumpfkarten – insgesamt sind es achtundsiebzig Karten mit unterschiedlicher Wertung -, was es damit auf sich hat.«

Gekonnt mischte sie die Karten und breitete sie mit dem Bild nach unten vor mir aus.

»Konzentrieren Sie sich auf etwas und deuten Sie auf eine beliebige Karte.«

Kartenspiele waren nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, daher zögerte ich. »Und was kommt dabei heraus?«

Hannah lächelte seit Stunden mal wieder und lehnte sich zurück.

»Tarot – niemand weiß so richtig, wo es eigentlich herkommt -wird das mystische Spiel oder Spiel der Seele genannt. Die Wertigkeiten der Karten sind eng mit der Kabbalah, dem jüdischen Mystizismus, verknüpft. Daher gilt es in der katholischen Religion als Satansspiel. Aber das Dreieck auf diesem Buch und dem Kasten sind ein Synonym sowohl für das mystische Dreieck der Kabbalah wie auch für die christliche Dreifaltigkeit. Ersparen Sie mir, ins Detail gehen zu müssen. Sonst sitzen wir noch in einem Jahr hier. Also los, deuten Sie auf eine Karte.«

Meine Hand kreiste über den zweiundzwanzig Karten wie eine Wolke, die sich nicht entscheiden konnte, wohin sie den in ihr schlummernden Blitz schleudern sollte.

»Sie müssen sich etwas vorstellen«, flüsterte Hannah ganz leise, als wolle sie mir einen Gedanken einhauchen.

»Diese hier«, ließ ich endlich meinen Finger landen.

»Halt!« Sie rutschte auf die Sofakante vor. »Sind Sie sich ganz sicher, dass es diese Karte sein muss, oder wäre auch eine andere möglich?«

Irritiert zog ich meine Hand zurück und überlegte. Warum war es plötzlich so schwierig, aus nur zweiundzwanzig Möglichkeiten eine Entscheidung zu treffen? Ich empfand das erste Mal in meinem Leben, dass ein doch relativ begrenztes Angebot unsere menschlichen Fähigkeiten, nur ein Entweder-Oder zu sehen, schon bei weitem überstieg und ein mickriges Vielleicht als Frucht gebar. Die Frucht, die alles beinhaltete, was mit »das geht mich nichts an« so einfach dahergesagt wurde.

Wütend über meine Zögerlichkeit beharrte ich auf dieser Karte, und Hannah deckte sie mit einer lasziven Handbewegung auf.

»Es ist die Sieben, auch der Wagen genannt«, hielt sie die Karte hoch.

»An Ihrem Gesicht sehe ich, dass Sie eine Verbindung zu dieser Karte herstellen können«, flüsterte sie, als wolle sie mich jetzt nicht noch zusätzlich erschrecken.

Denn ich war erschrocken, da ich an genau diese Karte gedacht hatte. Es war die Karte, die neben dem toten Dr. Seid unter dem Auto gelegen hatte.

»Und was bedeutet diese Karte?«, presste ich mit einem Kloß im Hals hervor.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Eigentlich nichts Schlechtes. Die Sieben war schon immer eine heilige Zahl. Die Zahl der Vollendung. Sie bedeutet aber auch Aufbruch, wenn man gewillt ist zu erkennen, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden. Erneuerung also.«

Vollendung. Das war der richtige Ausdruck für den Tod eines Politikers.

Der Mörder schien diese Karte wohl gewählt zu haben. Er wollte etwas damit sagen. Und zwar denen, die damit etwas anzufangen wussten.

Ich kam nicht umhin, Hannah von Dr. Seid zu erzählen; in wenigen Stunden würde es ...

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