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Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

PETER HELLER

DAS ENDE
DER STERNE WIE BIG HIG
SIE KANNTE

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Eva Bonné

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG

Die Übersetzung des Gedichts von Li Po, »Nachtgedanken«, stammt von Volker Klöpsch, aus: »Der seidene Fächer. Klassische Gedichte aus China«, herausgegeben von Volker Klöpsch ©2009 Deutscher Taschenbuch Verlag, München

Die Übersetzung von Li Shangyins »In einer Regennacht nach Norden geschickt« ist von Barbara Maag, aus: »Gedichte aus der Tang Dynastie«, BoD 2003.

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»The Dog Stars«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2012 by Peter Heller

Published by arrangement with The Robbins Office, Inc.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Gisela Kullowatz

Umschlagmotiv: Shutterstock/travellight, Gisela Kullowatz

E-Book-Produktion: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-8387-2548-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Kim

ERSTES BUCH

I

Ich halte das Biest in Schuss, ich habe einen endlosen Vorrat an Flugbenzin – hundert Oktan, bleiarm –, ich halte nach Angreifern Ausschau. Ich bin jung genug, ich bin alt genug. Früher habe ich am liebsten Forellen geangelt, es war das Schönste auf der Welt für mich, naja, fast.

Mein Name ist Hig, nur ein Wort. Big Hig, wenn Sie zwei brauchen.

Falls ich je einmal weinend aus einem Traum aufgewacht bin – und hey, ich will damit nicht sagen, dass mir das schon mal passiert ist –, dann nur, weil die Lachsfische verschwunden sind. Alle. Bachsaiblinge, Regenbogenforellen, Bachforellen, Cutthroats, Stahlkopfforellen, einfach alle.

Der Tiger hat sich verabschiedet, der Elefant, die Menschenaffen, der Pavian, der Gepard. Die Meise, der Fregattvogel, der Pelikan (grau), der Wal (grau), die Türkentaube. Traurig, klar, aber naja. Geweint habe ich erst, als die letzte Forelle flussaufwärts geschwommen ist. Vielleicht war sie auf der Suche nach kälterem Wasser.

Meine Frau Melissa war ein alter Hippie. Eigentlich war sie noch gar nicht so alt. Sie sah gut aus. Sie könnte die Eva in dieser Geschichte sein, aber ich bin kein Adam. Ich bin eher ein Kain. Wobei, so einen Bruder wie mich gibt es in der Bibel nicht.

Haben Sie je die Bibel gelesen? Ich meine, haben Sie sich je hingesetzt und die Bibel gelesen, als wäre sie ein Roman? Werfen Sie mal einen Blick in die Klagelieder. So weit ist es inzwischen gekommen mit uns. Wir haben jede Menge zu beklagen. Wir schütten unser Herz aus, als wäre es voller Wasser.

Es hat immer geheißen, nach der Klimaerwärmung wird es kalt. Sehr kalt. Ich warte bis heute drauf. Sie ist immer wieder für eine Überraschung gut, unsere liebe, alte Erde. Eine Überraschung jagt die nächste, seit Urzeiten schon, seit sie sich vom Mond getrennt hat, der sie jetzt umkreist wie ein Gänserich die erschossene Gans.

Es gibt kaum noch Wildgänse. Nur noch ein paar. Letzten Oktober habe ich in der Dämmerung das vertraute Quaken gehört und sie gesehen, ganze fünf Stück am blutroten Himmel über dem Bergrücken. Fünf im Herbst, glaube ich, und im April dann keine mehr.

Wenn die Sonne nicht scheint, pumpe ich das Flugbenzin per Hand aus dem alten Flughafentank ab. Außerdem gibt es noch den Tanklastwagen, der den Flughafen beliefert hat. Alles in allem mehr AvGas, als das Biest je wird verbrennen können – vorausgesetzt, ich beschränke meine Aufklärungsflüge auf die nähere Umgebung. Was ich möchte. Was ich muss. Die Maschine ist klein, eine 1956er Cessna 182, aber sie ist eine Schönheit. Cremeweiß und blau. Wahrscheinlich bin ich längst tot, wenn das Biest den Geist aufgibt. Am liebsten würde ich mir eine Farm kaufen. Dreißig Hektar Gras und Mais auf Schwemmland, und das in einer Gegend, wo sich ein kühler Strom voll mit Bachforellen und Cutthroats aus den lila Bergen ergießt.

Aber vorher fliege ich Patrouille. Einmal raus und wieder zurück.

*

Ich habe einen Nachbarn. Einen einzigen. Es gibt nur uns beide und den kleinen Provinzflughafen in der Nähe der Rockies. Auf einem Trainingsgelände mit ein paar Wohnhäusern, gebaut für Leute, die ohne ihre kleinen Maschinen nicht einschlafen können. So wie Golfer, die auf dem Golfplatz leben. Auf dem Fahrzeugschein seines alten, längst kaputten Trucks steht: Bangley. Bruce Bangley. Ich habe den Schein aus dem Handschuhfach gefischt, als ich auf der Suche nach einem Druckmesser für das Biest war. Bruce Bangley war wohnhaft in Wheat Ridge, Colorado.

Aber ich nenne ihn nie bei seinem Namen, wozu auch, es gibt ja nur uns beide. Nur wir zwei in einem Radius von mindestens dreizehn Kilometern, was der Distanz zwischen dem Flughafen und den ersten Wacholderbüschen am Fuß der Bergkette entspricht. Ich nenne ihn: Hey! Oberhalb der Wacholderbüsche wachsen Eichen, dann kommen die schwarzen Bäume. Na ja, eigentlich sind sie eher dunkelbraun. Von Käfern gekillt und verdorrt. Die abgestorbenen Bäume stehen noch, sie wiegen sich im Wind wie tausend Skelette und seufzen wie tausend Gespenster. Nicht überall, es gibt immer noch grüne Stellen, und ich bin ihr größter Fan. Ich jubele den Bäumen aus dem Cockpit zu: Go, go, go, grow, grow, grow! Das ist mein Kampfschrei. Ich brülle ihn aus dem Fenster, wenn ich im Tiefflug bin. Die grünen Stellen werden jedes Jahr größer. Das Leben ist ganz schön zäh, wenn man ihm nur eine kleine Chance gibt. Ich schwöre, die Bäume können mich hören. Sie winken zurück, rudern mit den fedrigen Armen hin und her und sehen aus wie Frauen in Kimonos. Trippelschritte, gar keine Schritte, winkt, winkt, ihr Hände.

Wann immer ich Zeit habe, steige ich zu Fuß zu den grünen Stellen rauf. Wie lustig das klingt. Ist ja nicht so, als wäre mein Terminkalender zu voll. Ich steige da rauf, um zu atmen. Die andere Luft. Dabei ist es da oben gefährlich, außerdem kann ich auf den ständigen Adrenalinrausch gern verzichten. Aber ich habe Elchspuren gesehen. Relativ frische. Falls es überhaupt noch Elche gibt. Auf keinen Fall, sagt Bangley. Ja, aber. Ich habe noch keinen Elch gesehen, dafür jede Menge Hirsche. Ich ziehe mit der Winchester los und erlege eine Hirschkuh, die ich im Rumpf eines Kajaks nach Hause ziehe. Ich habe das Deck abgesägt und das Kajak zum Schlitten umgebaut. Mein grüner Schlitten. Die Hirsche haben durchgehalten, zusammen mit den Kaninchen und den Ratten. Die Rispengräser haben durchgehalten. Das muss reichen.

Bevor ich meinen Ausflug in die Berge mache, fliege ich die Kontrollstrecke ab, zwei Mal. Einmal am Tag und einmal in der Nacht, mit Nachtsichtbrille. Mit der Brille kann man ganz gut durch die Baumkronen durchsehen, solange das Blattwerk nicht zu dicht ist. Menschen werden als pulsierende, grüne Schatten abgebildet, sogar wenn sie schlafen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Ich drehe nach Süden und dann nach Osten ab, fliege eine Schleife und komme aus nördlicher Richtung wieder herein. Fünfzig Kilometer, einfache Strecke, dafür braucht ein Wanderer mindestens einen Tag. Über die offene Ebene, über die Steppe mit Salbei und kniehohen Gräsern und Hasenpinselbüschen, vorbei an den verlassenen Farmen. Kreisrunde, braune Felder ziehen sich über die Prärie wie die Abdrücke eines Krückstocks. Hecken und Knicks, die Hälfte der Bäume entwurzelt oder abgestorben; nur an den Bachläufen und auf sickerfeuchtem Boden haben ein paar überlebt. Dann melde ich mich bei Bangley ab.

Die ersten dreizehn Kilometer schaffe ich mit leerem Schlitten in zwei Stunden, dann habe ich die Deckung der Bäume erreicht. Ich bin immer noch beweglich. Der Rückweg mit Hirsch gestaltet sich schon schwieriger. Über das offene Grasland. Auf dem letzten Streckenabschnitt gibt Bangley mir Feuerschutz. Wir haben immer noch die alten Funkgeräte, samt Aufladestation. Japanisches Fabrikat, Spitzenqualität. Bangley besitzt ein Scharfschützengewehr, ein CheyTac Intervention Kaliber .408, das er auf den Turm mit raufnimmt, den wir gebaut haben. Inklusive Laserentfernungsmesser. Mein Glück. Bangley ist ein Waffennarr. Ein kranker Spinner. Er behauptet, er könne einen Mann aus zwei Kilometern Entfernung abknallen, und er hat es bewiesen, mehr als einmal. Letzten Sommer hat er eine junge Frau erschossen, die mich über die Ebene verfolgt hat. Eine Vogelscheuche von einem Mädchen. Ich hörte den Schuss, blieb stehen, ließ den Schlitten los, lief zurück. Sie war rückwärts über einen Felsen getaumelt und hatte ein Loch da, wo ihre Taille hätte sein sollen. Sie war in der Mitte durchgerissen. Sie keuchte, ihr Brustkorb hob und senkte sich, sie hatte den Kopf zur Seite gedreht und sah mich aus einem schwarzglänzenden Auge an, nicht verängstigt, sondern fragend, voll brennender Neugier, so als wäre von allen Vorgängen auf Erden dieser eine nicht zu fassen. So sah sie mich an. Warum, verdammt?

Dasselbe habe ich Bangley später gefragt. Warum, verdammt?

Sie hätte dich eingeholt.

Na und? Ich hatte ein Gewehr, sie bloß ein kleines Messer. Um sich vor mir zu verteidigen. Vielleicht wollte sie nur etwas zu essen?

Vielleicht. Vielleicht wollte sie dir mitten in der Nacht die Kehle durchschneiden.

Ich starrte ihn an. So weit dachte er voraus, bis zu ihr und mir mitten in der Nacht. Du liebe Güte. Mein einziger Nachbar. Was soll ich sagen? Bangley hat mir mehr als einmal den Arsch gerettet. Es ist sein Job, meinen Arsch zu retten. Ich habe ein Flugzeug und bin das Auge, er hat die Waffen und ist der Muskel. Er weiß, dass ich weiß, was er weiß: Er kann nicht fliegen, ich kann kein Blut sehen. Wäre es anders, würde hier nur ein Mann leben. Oder keiner.

Außerdem ist da noch Jasper, Sohn von Daisy. Er ist die beste Alarmanlage.

Wenn ich also die Sonnenbarsche aus unserem Teich und die Kaninchen nicht mehr sehen kann, schieße ich uns einen Hirsch. Ehrlich gesagt geht es mir vor allem um den Ausflug in die Berge. Die Luft da oben ist wie in einer Kirche, kalt und weihevoll. Die toten Wälder schwanken und knistern, die lebendigen Wälder rauschen. Der Moschusduft der markierten Reviere. Die Bachläufe, an deren Ufer ich um eine Forelle bete. Um einen einzigen Saibling. Um einen riesigen, uralten Überlebenden, dessen grüner Schatten über den grünen, moosbewachsenen Steinen steht.

Dreizehn Kilometer über die offene Ebene bis zum Fuß der Bergkette, zu den ersten Bäumen. Das ist unser Reich, unsere Sicherheitszone. Das ist meine Aufgabe.

Seine Feuerkraft richtet er gen Westen aus. So tickt Bangley. Denn in alle anderen Richtungen kann man das Grasland fünfzig Kilometer weit überblicken, das ist mehr als ein Tagesmarsch; nach Westen hingegen sind es nur ein paar Stunden bis zum ersten Baum. Fünfzehn Kilometer südlich von uns leben ein paar Familien, aber die lassen uns in Ruhe. Die Familien, so nenne ich sie. Etwa dreißig Mennoniten mit einer Blutkrankheit, die kurz nach der Grippewelle kam. Eine tödliche, wenn auch nur langsam voranschreitende Infektion. So wie AIDS vielleicht, nur ansteckender. Die Kinder kommen damit auf die Welt, sie sind schwach und krank, und jedes Jahr sterben ein paar von ihnen.

Wir haben unsere Zone unter Kontrolle. Es sei denn, jemand würde sich in einer der alten Scheunen verstecken. Im Salbeigestrüpp. Zwischen den verkrüppelten Weiden am Bach. Es gibt auch ein paar ausgetrocknete Wasserläufe mit unterspültem Ufer. Einmal wollte Bangley wissen, woher ich die Sicherheit nehme. Woher ich wisse, dass sich niemand in unserer Zone, auf dem riesigen Gelände, versteckt hat. Dass niemand auf eine Gelegenheit lauert, uns zu überfallen. Die Sache ist die: Ich sehe alles. Ich kenne die Landschaft auswendig, so wie ein Buch, das ich unzählige Male gelesen habe. So wie manche Leute früher die Bibel. Ich würde es sofort merken. Ein Satz an der falschen Stelle. Eine Lücke. Zwei Punkte hintereinander. Ich weiß es einfach.

Ich bin mir sicher: Falls – nein, wenn – ich sterbe, wird es auf einem meiner Ausflüge ins Gebirge sein. Auf dem Rückweg mit dem beladenen Schlitten. Auf der Ebene, mit einem Pfeil im Rücken.

Vor langer Zeit schenkte Bangley mir eine der schusssicheren Westen aus seinem Arsenal. Er hortet da alles Mögliche. Er behauptet, die Weste würde Pistolenschüsse abhalten und jeden Pfeil; bei einem Gewehr sähe die Sache allerdings schon anders aus. Dann würde ich Glück brauchen. Ich habe lange darüber nachgedacht. Angeblich sind wir, von den Familien im Süden abgesehen, die einzigen Menschen in einem Umkreis von mehreren hundert Quadratkilometern, die einzigen Überlebenden. Und ich soll Glück brauchen? Ich trage die Weste, weil sie wärmt, außer im Sommer, da trage ich sie meistens nicht. Wenn ich sie trage, fühle ich mich so, als warte ich auf etwas. Würde ich zum Bahnhof gehen und auf einen Zug warten, der seit Monaten nicht gekommen ist? Vielleicht. Manchmal fühlt sich unser Leben genau so an.

*

Am Anfang war die Angst. Die Angst war schlimmer als die Grippe, immerhin konnte ich schon wieder laufen und sprechen. Gut, ich sprach nicht wirklich viel, aber ich war wieder in einer stabilen körperlichen Verfassung. Ob sich mein Verstand erholt hat, müssen Sie beurteilen. Zwei Wochen durchgängiges Fieber, davon drei Tage zwischen vierzig und einundvierzig Grad. Mein Gehirn wurde gekocht, so viel ist klar. Eine Enzephalitis oder so was in der Art. Mir war unerträglich heiß. Gedanken, die früher stimmig waren, die zusammengehörten, wirkten plötzlich fehl am Platz, verunsichert, deprimiert, so wie die zotteligen Norwegerponys, die dieser russische Wissenschaftler in Sibirien auswildern wollte. Ich hatte davon gelesen. Er wollte auf einer Graslandschaft mit der geeigneten Fauna und ein paar Menschen die Eiszeit nachstellen. Hätte er gewusst, was auf ihn zukam, hätte er sich bestimmt einen anderen Zeitvertreib gesucht. Die Hälfte der Ponys starb sofort, vermutlich am schlimmen Heimweh nach den skandinavischen Wäldern. Die andere Hälfte wurde vor der Forschungsstation mit Getreide gefüttert und starb trotzdem. So ähnlich geht es manchmal meinen Gedanken, wenn ich unter Stress stehe. Wenn etwas an mir nagt und sich nicht abschütteln lässt. Die meisten meiner Gedanken sind ganz gut, damit will ich sagen: Sie sind zielführend. Aber allzu oft scheinen sie deplatziert, irgendwie traurig, so als fragten sie sich, ob sie nicht vielleicht doch an einen Ort achttausend Kilometer von hier gehören in einen kalten, mehrere Millionen Quadratkilometer großen, norwegischen Fichtenwald. Manchmal fürchte ich, meine Gedanken könnten durchgehen und im Gebüsch verschwinden. Wahrscheinlich liegt es nicht an mir; wahrscheinlich ist es ganz normal, angesichts der Umstände.

Ich wehre mich gegen die Orientierungslosigkeit: Neun Jahre sind vergangen, seit die Grippe fast alle Menschen getötet hat. Danach kam die Blutkrankheit und tötete noch ein paar mehr. Die Übriggebliebenen sind alles andere als angenehme Zeitgenossen, nur deswegen leben wir hier in der Ebene, nur deswegen fliege ich jeden Tag Streife.

Nach den Überfällen habe ich mir angewöhnt, im Freien zu schlafen. Offenbar suchten die Überlebenden uns auf der Landkarte als Ziel aus. An einem Fluss – check. Wasser in der Nähe – check. Möglicherweise Benzinvorräte – check. War ja schließlich mal ein Flughafen – check. Jeder, der sich auskannte, wusste, dass unser Flughafen ein Modellprojekt zur nachhaltigen Energiegewinnung gewesen war – check. Wohnhäuser und FBO wurden hauptsächlich mit Windenergie versorgt. Check. FBO heißt so viel wie Fixed Base Operator. Man könnte der Einfachheit halber auch sagen: Flughafenbetreiber. Wenn die Leute gewusst hätten, was auf sie zukommt, hätten sie es nicht so kompliziert gemacht.

Die meisten Eindringlinge kamen nachts. Sie kamen allein und in Gruppen, sie kamen mit Waffen, mit Jagdgewehren und Messern, wie die Motten wurden sie von der Außenleuchte angezogen, die ich über Nacht auf der Veranda brennen lasse.

Auf dem Haus, in dem ich nicht schlafe, habe ich vier Sechzigwatt-Solarzellen, deswegen können wir es uns leisten, die LED-Leuchte die ganze Nacht brennen zu lassen.

Ich war nicht im Haus. Ich lag etwa hundert Meter entfernt hinter einer Böschung in Decken gewickelt und schlief. Der Flughafen ist alt und besteht größtenteils aus Freiflächen. Jaspers lautes Knurren. Jasper ist ein australischer Schäferhundmischling mit feiner Nase. Ich wache auf. Ich warne Bangley über das Funkgerät vor. Er betrachtet das Ganze als eine Art Sport. Als eine Entschlackungskur, so wie ich in die Berge gehe.

Die Böschung war ein recht ansehnlicher Erdhügel, den wir künstlich erhöht hatten. Man konnte sich dahinter verstecken, sogar im Stehen. Bangley schleicht sich an und kriecht zu mir auf die Hügelkuppe, wo ich schon mit der Nachtsichtbrille auf der Lauer liege. Ich höre seinen rasselnden Atem. Er trägt ebenfalls eine Nachtsichtbrille, genau genommen besitzt er vier oder mehr davon. Ich habe meine von ihm bekommen. Er sagt, so selten, wie wir sie benutzen, werden die Dioden zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre halten. Und dann? Letztes Jahr habe ich meinen vierzigsten Geburtstag gefeiert. Jasper bekam eine Leber (vom Hirsch), ich eine Dose Pfirsiche. Ich hatte Melissa eingeladen, sie kam wie immer, als Wispern und als Schauder.

In zehn Jahren sind die Zusatzstoffe im Treibstoff so weit abgebaut, dass er unbrauchbar wird. In zehn Jahren ist all das hier vorbei. Vielleicht.

In der Hälfte aller Nächte, bei Vollmond oder bei sternklarem Himmel oder bei Schnee, kann Bangley auf die Brille verzichten. Er hat ja immer noch den Ziellaser, er richtet den roten Lichtstrahl auf die Gestalten, die rumschleichen oder -stehen, die kriechen und flüstern, er setzt den roten Punkt mittig auf den Schatten neben dem Müllcontainer, auf einen Torso. Peng. Er lässt sich Zeit, plant die Reihenfolge, peng peng peng. Kurz vor dem Schuss wird sein Atem schwerer, rasselnder, so als wolle er es jemandem besorgen, was er ja gewissermaßen auch tut.

Die größte Gruppe, mit der wir es mal zu tun bekamen, bestand aus sieben Personen. Bangley lag neben mir und zählte sie keuchend durch. Heilige Scheiße, murmelte er, und dann gluckste er, so wie immer, wenn er unzufrieden ist. Will heißen: noch unzufriedener als sonst.

Hig, flüsterte er, du wirst mir helfen müssen.

Ich habe ein halbautomatisches AR-15, mit dem ich mich recht geschickt anstelle, dazu das Nachtsichtgerät. Aber ich.

Ich half ihm.

Drei überlebten die erste Salve, und dann lieferten wir uns die erste richtige Schießerei überhaupt. Aber sie hatten keine Nachtsichtbrillen und kannten das Gelände nicht, deswegen dauerte es nicht lange.

Danach gewöhnte ich mir an, draußen zu schlafen. Ich wollte mich nicht im Haus erwischen lassen. Ein Drache schläft in seiner Höhle auf seinem Schatz, ich nicht. Ich gehe lieber auf Abstand.

Nach dem zweiten Sommer wurden es immer weniger, so als hätte jemand einen tropfenden Wasserhahn zugedreht, tropf, tropf. Zunächst kam noch ein Besucher pro Saison, schließlich keiner mehr. Ein Jahr später dann die Bande aus vier Desperados, die uns fast den Garaus gemacht hätten. Seither mache ich regelmäßige Kontrollflüge, so als würde ich dafür bezahlt.

Inzwischen müsste ich nicht mehr im Freien schlafen. Wir haben unser System, wir fühlen uns sicher. Die Angst ist wie die vage Erinnerung an eine Übelkeit. Normalerweise vergisst man, wie schlecht es einem ging und dass man nah dran war, lieber sterben zu wollen. Ich vergesse nicht. Ich schlafe im Freien. Im Winter wiegt mein Deckenberg an die zehn Kilo. Mir gefällt das. Wenigstens bin ich nicht eingesperrt. Ich schlafe immer noch hinter der Böschung, lasse das Licht auf der Veranda immer noch brennen, immer noch liegt Jasper neben meinen Beinen zusammengerollt, er fiept und zuckt im Schlaf und hat seine eigene Decke. Inzwischen ist er schwerhörig, wenigstens vermute ich das. Als Alarmanlage taugt er nicht mehr viel, was wir Bangley jedoch nicht verraten. Bei Bangley kann man nie wissen. Er hamstert. Am Ende neidet er dem Hund das Fleisch, wer weiß. Bei ihm muss immer alles einen Zweck erfüllen.

Früher besaß ich ein Buch über die Sternbilder, aber ich habe es verloren. Mein Gedächtnis ist noch ganz okay, wenn auch nicht himmlisch, ha ha. Ich denke mir Sternbilder aus. Ich habe mir einen Bären und einen Steinbock ausgedacht, wenn auch nicht an der richtigen Stelle. Manche Sternbilder heißen wie die Tiere, die längst ausgestorben sind und die ich noch kannte. Ich habe mir ein Sternbild für Melissa ausgedacht, in kalten Winternächten steht sie schief lächelnd und riesengroß hoch oben am Himmel und schaut auf mich runter. Sie schaut runter, während der Frost meine Wimpern verklebt und sich Flocken in meinem Bart absetzen. Ich habe mir ein Sternbild für unseren kleinen Engel ausgedacht.

*

Melissa und ich haben an einem Seeufer in Denver gelebt, nur sieben Minuten von der Innenstadt entfernt, vom großen Buchladen, den Restaurants und den Kinos. Das gefiel uns. Durch die großen Fenster unseres kleinen Hauses sahen wir Wiesen, das Wasser, die Berge. Die Gänse. Es gab eine ortsansässige Schar und dazu die Kanadagänse, die im Frühjahr und im Herbst als riesiges V vorüberzogen. Manchmal mischten sie sich unter die Einheimischen, paarten sich, zogen weiter. Als lärmender Pulk erhoben sie sich in die Luft. Ich konnte die Zugvögel von den anderen unterscheiden, wenigstens bildete ich mir das ein.

Wenn wir im Oktober und im November vor dem Abendessen unsere Runde um den See drehten, machten wir einander auf die Gänse aufmerksam. Melissa verwechselte die Arten, meiner Ansicht nach. Dann wurde sie fast wütend. Sie war intelligent, aber sie kannte die Gänse weniger gut als ich. Ich hielt mich für längst nicht so intelligent, dafür wusste ich vieles aus dem Bauch heraus.

Als wir den Welpen Jasper aufnahmen, sah ich mich bestätigt. Er machte Jagd auf die schreckhaften Wildgänse, nicht aber auf die wehrhaften einheimischen Vögel. Zumindest war das meine Theorie.

Wir hatten keine Kinder. Es lag an Melissa. Wir suchten einen Arzt auf, der uns Therapien verkaufen wollte, aber wir lehnten ab. Wir waren einander genug. Und dann wurde sie es doch, wie durch ein Wunder. Schwanger. Wir hatten uns an die Zweisamkeit gewöhnt, und ich war mir nicht sicher, einen anderen Menschen genauso lieben zu können wie sie. Ich beobachtete sie im Schlaf und dachte: Ich liebe dich mehr als alles.

Manchmal, wenn ich mit Jasper zum Angeln an den Sulphur River fuhr, stieß ich an meine Grenzen. Dann hatte ich das Gefühl, mein Herz könnte platzen. Platzen ist nicht dasselbe wie brechen. Unfassbar, diese Schönheit. Und es war nicht nur das, nicht nur schön. Es hatte etwas damit zu tun, wie ich mich hier einfügte. Die Flussbiegung mit den glatten Steinen, die überhängenden Felsen. Der Duft der Kiefern. Die kleinen Cutthroats, die im schwarzen, stehenden Teil des Gewässers ihre stillen Kreise zogen. Kein Grund, sich bei irgendwem zu bedanken. Einfach nur sein. Einfach nur angeln. Einfach nur durchs Wasser waten, es wird dunkel, es wird kalt, es ist alles eins. Mit mir, irgendwie.

Und auch Melissa gehörte dazu. Wenn auch auf eine andere Weise; unsere Seelen waren verbunden. Ich konnte sie in meinen gekrümmten Händen halten, vorsichtig, ganz vorsichtig. Das Land kann ich nicht halten, sie schon; in Wahrheit war es vielleicht ganz anders, in Wahrheit hielt sie mich.

Das St.-Vincent’s-Krankenhaus lag am anderen Ufer des Sees. Dort landeten die orangefarbenen Helikopter. Wir redeten noch davon, an die Westküste zu fliegen, aber dann war es zu spät, da war das Krankenhaus, wir mussten ins Krankenhaus. In eines der Gebäude, das sich mit Toten füllte.

*

Bangley taucht einfach so auf. Ich bin gerade beim Ölwechsel. Er könnte sich mit einem kurzen Klopfen an den stählernen Rumpf bemerkbar machen, aber er zieht es vor, mich zu Tode zu erschrecken. Er taucht neben mir auf wie ein Gespenst.

Was für einen Unfug treiben wir da wieder?

Herrgott, wer soll bitte Streife fliegen, wenn ich an einem Herzinfarkt sterbe?

Ach, da findet sich schon jemand. Zur Not geben wir eine Annonce auf.

Sein Grinsen ist breit, aber seine Augen lachen nie.

Außerdem könnte ich die Kiste selber fliegen, jede Wette.

Hin und wieder sagt er das, es klingt wie eine Warnung. Wozu? Wenn er diesen zugigen Ort für sich allein wollte, hätte er ihn sich längst genommen. Vor langer Zeit.

Jasper liegt knurrend auf seiner schmutzigen Decke. Jasper kann Bangley nicht leiden, nur im Notfall, wenn Besucher kommen. Dann hält er die Schnauze. Er ist ein Teamplayer. Einmal hat Jasper bei einer von Bangleys Stippvisiten nach ihm geschnappt. Bangley zog seine bolzenschneidergroße Waffe aus dem Halfter und zielte, und ich fing zu schreien an. Ich schrie, wenn du den Hund erschießt, sind wir alle tot.

Bangley blinzelte, dazu dieses Grinsen. Was soll das heißen, dann sind wir alle tot?

Das soll heißen, dass ich Streife fliege, es ist unsere einzige Möglichkeit, das Gelände zu sichern.

Die magischen Worte. Diese Worte waren das Einzige, was abgefeuert wurde, und sie trafen ins Schwarze. Ich konnte förmlich sehen, wie sie in Bangleys Ohr verschwanden und durch die Windungen in sein Hirn rutschten. Das Gelände zu sichern. Einzige Möglichkeit. Er blinzelte. Sein Kiefer malmte. Er stank. Er stank nach getrocknetem Blut, wie wenn man einen Hirsch schlachtet.

Nur deswegen bin ich noch am Leben. Was glauben Sie denn, wie ich allein hier draußen zurechtkäme?

Das war unser Deal. Wir brauchten gar nicht mehr zu verhandeln. Alles war gesagt. Ich flog. Er tötete. Jasper knurrte. Wir ließen einander in Frieden.

Wo waren wir stehengeblieben? Ich bin beim Ölwechsel, und Bangley taucht neben mir auf wie ein Geist.

Wozu besuchst du die Druiden?, fragt er.

Sie sind keine Druiden, sondern Mennoniten.

Er grunzt.

Ich lege den Ölfilterschlüssel zurück. In die Werkzeugkiste. Ich greife zur Isolierzange.

Bangley steht rum. Ich kann ihn riechen, bevor ich ihn sehe. Ich führe den Draht in das Loch im Flansch am unteren Ende des Filters ein und verdrehe ihn mit der Zange. Ein Sicherheitsdraht. Hält den Filter an seinem Platz, nur für den Fall. Zur Sicherheit. Vorschrift der Luftfahrtbehörde. Man will ja schließlich nicht, dass der Filter sich losrüttelt und abfällt und man oben in der Luft Öl verliert und der Motor explodiert. Ist alles schon vorgekommen. Man munkelt, jede einzelne Vorschrift der Luftfahrtbehörde ließe sich auf einen konkreten Unglücksfall beziehen. Am Ende ist dieses genormte Stück Draht ein Andenken an einen armen Piloten. Und an seine Familie.

Bangley stochert sich mit einem Holzsplitter zwischen den Zähnen rum, ohne mich aus den Augen zu lassen. Oben auf dem Werkzeugkasten liegt ein öliger Lappen, ein Fetzen von einem T-Shirt. Der Druck ist verblichen, aber ich kann immer noch eine Reihe von rosa Comicfrauen erkennen: große Brüste, kleine Brüste, alle möglichen Brüste, und darunter die Worte »Melonen«, »Pfirsiche«, »Pflaumen«, »Rosinen«. Über allem ein fettes »Cabo«. Ich lese alle Obstnamen, bevor ich nach dem Fetzen greife und den Filter noch einmal abwische. Ein Stich ins Herz. Einfach so. Ich falte den Lappen zusammen. Ein Comic. Dass wir so festverdrahtet sind. Dass zwei kleine Bögen oder eine kreisrunde Cartoontitte unsere Erinnerung wecken, eine erhöhte Körpertemperatur zur Folge haben, ein Ziehen im Unterleib, ein Kribbeln in den Lenden. Das ist doch merkwürdig. Ich muss schlucken, halte inne, atme durch.

Melissa war Typ Cantaloupe-Melonen.

Cabo liegt an der Spitze einer mehrere hundert Kilometer langen Halbinsel. Vermutlich gibt’s da viele Fische. Am Ende gibt es da womöglich einen Überlebenden wie mich, der in einer alten Maule seine täglichen Aufklärungsflüge erledigt und beim Ölwechsel auf dem ehemaligen städtischen Flughafen ein Andenken-T-Shirt vom Skifahren in Colorado als Lappen benutzt. An seinem freien Tag geht er vielleicht zum Angeln auf das verfallene Pier, das immer noch nach Teeröl stinkt. Vielleicht fragt er sich, wie sich Skifahren anfühlt.

Warum wurden die T-Shirts in Colorado nicht mit Titten bedruckt? Das frage ich Bangley.

Der alte B hat einfach keinen Sinn für Humor.

Ich gehe zum nördlichen Ende des Hangars, ziehe eine Kiste mit fünfzig Dosen Motoröl vom Stapel und stelle sie auf einem Hocker ab. Das Sonnenlicht hat sich über die Betonplatten bis zum Hangartor zurückgezogen. Bangley trägt sein Gewehr mit sich rum wie einen dritten Arm. Tag und Nacht. Einmal wollte er einen Wels aus dem Teich ziehen, als sich die Ölweiden teilten und ein Mann, so groß wie ein Bär, auf ihn zustürzte. Behauptet er. Bangley hat ihm in den Zottelkopf geschossen. Hat ein ganzes Bein mitgebracht, mit drei übereinandergezogenen Hosenbeinen und einem geflickten Stiefel unten dran. Das linke. Er hat es vor dem Hangar auf den Boden geworfen.

Für den Hund, hat er gesagt. Er war wütend, weil ich meinen Job nicht gemacht hatte. In seinen Augen hafte ich für das gesamte Gelände.

Wozu besuchst du die Mormonen?, fragt er noch einmal. Er sucht Streit. Er steht immer kerzengerade, nur wenn er sauer wird, dann beugt er sich kaum merklich vor.

Ich reiße den Ölkarton auf. Die Pappe ist fest verklebt, und ich reiße, bis vier Reihen schwarzer Viertelgallonen zum Vorschein kommen. Die schlanken, rechteckigen Flaschen tragen einen wachsweißen Streifen an der Seite, zum Ablesen des Füllstands. Sie erinnern mich an die Paspeln an Smokinghosen. Zwölf kleine Trauzeugen.

Woher weißt du, dass ich hinwill?

Bangley wird so stufenlos sauer, wie der Druck im Innern eines Vulkans ansteigt. Die Adern auf seiner Nase werden lila. Sauer ist gar kein Ausdruck. Er ist wie einer dieser Vulkane in Ecuador, die immer kurz vorm Ausbruch stehen, mit ihren wolkenverhangenen Spitzen aber wie harmlose Berge aussehen.

Wir haben eine Abmachung, sagt er, und schon können die Seismologen vom United States Geological Survey die ersten unheilvollen Ausschläge auf ihren Messgeräten erkennen. Die Ader an seiner Stirn fängt zu pulsieren an, direkt an der Krempe seiner tarnfarbenen Ducks-Unlimited-Baseballkappe.

Nein, du hast eine Abmachung. Mit dir selber.

Sperrgebiet. Die wohnen im Sperrgebiet.

Wer bist du? Der Kasernenkommandant?

So darf man mit Bangley nicht reden, das wird mir sofort klar. Aber ich kann es nicht mehr ertragen, wie er sich aufspielt, ich habe die Schnauze voll. Sein Kiefer mahlt.

Ich lege den Trichter – eigentlich nur eine in der Mitte durchgeschnittene Ölflasche – in den Karton und drehe mich zu ihm um.

Bangley, entspann dich. Eine Coke?

Alle zwei Monate lande ich auf einer freigeräumten Hauptstraße in Commerce City, um zehn Ölkartons einzuladen. Einmal habe ich auf dem Rückflug den Coke-Laster entdeckt. Seitdem bringe ich jedes Mal vier Kisten mit, zwei für mich und zwei für ihn. Und eine Kiste Sprite für die Familien, was Bangley aber nicht weiß. Die meisten Dosen sind zu oft eingefroren und irgendwann geplatzt, aber die Plastikflaschen haben es überlebt. Bangley leert seine Kisten immer viel schneller als ich.

Du wirst uns noch beide umbringen. Wir haben eine Abmachung.

Ich reiche ihm eine Coke. Hier, entspann dich. Ist besser für dein Herz.

Er litt an Arterienverkalkung. Er leidet immer noch daran. Einmal sagte er: Ich bin eine tickende Zeitbombe. Als ob ich das nicht längst gewusst hätte.

Ich öffne die Flasche, und er hat keine Wahl mehr. Als er den Deckel knacken und die Kohlensäure zischen hört, zuckt er zusammen. Eine Cola zu trinken heißt, die Welt um eine Cola ärmer zu machen.

Bitte sehr.

Hig, du bringst uns noch um. Er trinkt, er kann nicht anders. Ich kann praktisch sehen, wie die Flüssigkeit durch seine Kehle in seinen massigen Torso läuft.

Bevor er die ganze Flasche runtergekippt hat, hält er inne. Einmal husten reicht, sagt er. Das haben am Ende alle gesagt. Es wird nicht nur durch Blut übertragen.

Durch Körperflüssigkeiten. Ist ja nicht so, als würde ich da zum Ficken hinfliegen.

Husten ist eine Körperflüssigkeit! Es könnte in deinen Augen landen. Oder in deinem Mund, wenn du ihn gerade aufmachst, um was zu sagen.

Ich glaube, das wurde nie bewiesen.

Mir doch scheißegal! Du hast es so weit gebracht, und jetzt willst du an der Blutkrankheit sterben?

So weit?, denke ich, aber ich spreche es nicht aus. So weit. Bangley und Jasper und fettarme Kost. Bravo.

Du kannst nicht für mich mitentscheiden, Hig.

Ich atme.

Alles, was wir tun, ist gefährlich. Hin und wieder brauchen sie meine Hilfe.

Wozu, verdammt nochmal? Wozu? Wie lange haben sie denn noch, zwei, drei, vier Jahre? Die stärksten von ihnen. Alle paar Monate stirbt einer. Das merke ich doch an deiner schlechten Laune. Wozu? Beulen und Ausschlag und blutiger Auswurf und Juckreiz?

Sie sind auch Menschen. Sie versuchen zu überleben, jeden Tag. Ein paar könnten es schaffen. Es gibt Gerüchte von Spontanheilungen.

Bangley beugt sich immer noch vor, und seine Ader pulsiert immer noch, bloß dass an seinem bärtigen Kinn jetzt Colatropfen hängen.

Bruce, die tun uns nichts.

Als er seinen Vornamen hört, reißt er die Augen auf. Er hat ihn mir nie verraten, er nannte sich immer nur Bangley, ein Name, den ich wie gesagt kaum benutze.

Die Familien halten immer fünf Meter Abstand, das habe ich ihnen beigebracht. Sie sind kein einziges Mal aggressiv gewesen, nicht ansatzweise, sie sind immer nur dankbar, wenn ich eine Wasserpumpe repariere oder ihnen zeige, wie man eine Fischreuse baut. So dankbar, dass es mir peinlich ist. Ehrlich gesagt tue ich es auch für mich. Es wärmt mir das Herz. Und das war schon fast eingefroren.

Bangley starrt mich an und bewegt seinen Kiefer. Es ist, als würde ich Japanisch reden und jeden Satz mit einer kleinen Verbeugung beenden. Er kann es erstens nicht fassen, und zweitens versteht er kein einziges Wort. Psycho-spirituelles Gequatsche lässt ihn, nun ja, absolut kalt.

Einmal habe ich ihn gefragt, ob er an eine höhere Macht glaubt. Wir saßen auf meiner Veranda und hatten zwei kostbare Flaschen Cola aufgemacht. Ich betrete das Haus nicht mehr. Wir saßen unter der Lampe, die Angreifer anzog wie Motten das Licht. Es war schon fast Abend, die Oktobersonne kroch auf die Bergrücken zu. Wie ein altes Ehepaar saßen wir da, in zwei Korbstühlen mit abgeblätterter Farbe, die bei jeder Bewegung knackten. Bangleys Stuhl knackte so rhythmisch, als säße er in einem Schaukelstuhl. Das erste und letzte Mal, dass er mir was von seinem früheren Leben erzählt hat. Er wuchs in Oklahoma auf. Das hat er mir erzählt.

Aber es ist nicht so, wie du denkst, sagte er schnell. Ist ne lange Geschichte.

Mehr sagte er nicht. Ziemlich rätselhaft. Eigentlich hatte ich gar nichts gedacht. Er schwieg. Trotzdem hatte ich das Gefühl, wir hätten in Sachen Annäherung einen Riesenschritt gemacht.

Ich erzählte ihm, dass ich früher Häuser gebaut habe.

Was für Häuser?

Holzhäuser. Und Lehmhütten. Für private Auftraggeber. Ich habe auch ein Buch geschrieben.

Ein Buch über Hausbau.

Nein, ein ganz dünnes Buch. Gedichte. Hat aber keiner gelesen.

Kein Scheiß? Er setzte die Colaflasche an, ohne mich aus den Augen zu lassen, legte den Kopf in den Nacken, stellte die Flasche wieder auf seinem Oberschenkel ab und musterte mich, als bilde er sich ein neues Urteil. Ob besser oder schlechter, konnte ich nicht sagen. Er versuchte, die Informationen einzuordnen.

Ich habe auch für Zeitschriften geschrieben. Für Angler- und Outdoormagazine.

Die Erleichterung wischte über sein Gesicht wie ein Windstoß, der dunkle Wolken vertreibt. Ich musste beinahe lachen. Man konnte ihn förmlich denken sehen: Puh, Outdoor. Hig ist kein Homo.

Als Kind wollte ich Schriftsteller werden. Ein berühmter Schriftsteller. Im Sommer habe ich auf dem Bau gearbeitet, als Rahmenbauer. So war das. Ist nicht leicht, als Schriftsteller über die Runden zu kommen. Ich war sowieso nicht besonders talentiert. Hab geheiratet, ein Haus gekauft. Eins führte zum andern.

Lange Geschichte, sagte ich.

Bangley hielt seine Cola mit beiden Händen auf dem Schoß fest. Er war wie in sich zusammengesunken, vielleicht wegen der Erinnerungen. Als hätte sich sein Geist verzogen, um uns aus der Ferne zuzusehen. Aus sicherer Entfernung. Er versuchte immer noch, im Korbstuhl zu schaukeln.

Wir schwiegen für eine lange Zeit. Die Sonne berührte den höchsten Gipfel und wurde gespalten wie ein blutrotes Eigelb. Der Wind fuhr ins trockene Gebüsch und ließ es knistern, genau in dem Moment. Es war kalt.

Ich fragte ihn, ob das alles einen tieferen Sinn hätte, ob es um mehr ginge als den täglichen Überlebenskampf. Um Aufklärungsflüge, Flugzeugreparaturen, die Ernte unserer fünf Gemüsesorten, Hasen fangen. Worauf warteten wir eigentlich?

Sein Stuhl – knarz, knarz – verstummte. Er wurde so leise wie ein Jäger, der die Beute wittert. Sie ist ganz nah. Er wachte auf.

Wie bitte.

Geht es um mehr. Als das tägliche Überleben.

Er malmte mit dem Kiefer, seine schiefergrauen Augen verdüsterten sich im dämmrigen Licht. Vielleicht war ich zu weit gegangen.

Ich muss los, sagte er und stand auf. Fischte mit einem Finger den Drehverschluss aus der Brusttasche seines Flanellhemds, schraubte ihn auf die Flasche. Nahm seine Cola mit von der Veranda. Die kaputte Treppenstufe ächzte unter seinem Stiefel.

Das war so ungefähr im zweiten Jahr gewesen. Deswegen weiß ich, als wir hier im Hangar stehen, dass ihm mein Gerede vom innerlichen Erfrieren nicht gefallen wird. Wenn Bangley in der Nähe ist, denke ich die Hälfte der Zeit über all das nach, was ich nicht aussprechen kann.

Ich breche eine frische Ölflasche an, drehe sie um und stecke sie in den Trichter. Ich lasse sie leerlaufen. Ich drehe mich wieder zu ihm um.

Wer weiß, vielleicht sind wir eines Tages auf sie angewiesen. Man kann nie wissen.

Ha!, hustet er verächtlich. Nie im Leben, Hig. Höchstens als Sargträger.

Er hatte sie schon abgeschrieben. Wenn es nach ihm ginge, wären sie schon tot.

Willst du wirklich der Letzte sein? Was hättest du davon? Du, der allerletzte verdammte Mensch auf Erden.

Na und? Wenn es so sein soll … ist mir immer noch lieber als die Alternative. Außerdem habe ich dich! Er trinkt seine Coke aus, sieht mich über die Flasche hinweg an.

Die Alternative ist, dass alle sterben. Glaube ich. Ich spreche es nicht laut aus, aber ich denke: Eines Tages steige ich in die Bestie und fliege nach Westen, immer weiter.

Nein, das tust du nicht, sagt er.

Hä?

Was du da eben gedacht hast. Es gibt keinen anderen sicheren Ort. Auf dem ganzen Planeten nicht. Wir haben das Gelände, wir haben Wasser, Strom, Essen, Waffen. Wir haben die Berge, nur für den Fall, dass uns die Beutetiere ausgehen. Wir müssen uns nicht mit Zank und Streit rumschlagen, und mit Politik auch nicht. Es gibt nur dich und mich. Uns kann nichts auseinanderbringen. So wie die Mormonen und alle anderen da draußen, die nicht mehr am Leben sind. Wir beschränken uns auf das Nötigste und überleben.

Er grinst.

Nur die Landeier überleben.

Sein Lieblingsspruch.

Ich betrachte meinen einzigen Freund auf Erden. Ja, das ist er wohl, mein Freund.

Bring uns nicht um, sagt er und geht.

*

Ich fliege trotzdem hin, wann immer sie mich darum bitten. Ich fliege Streife, erst nach Westen bis zu den Bergen, dann nach Süden. Ich folge den Bäumen am Flussufer. Wenn ich die Schornsteine des Kraftwerks und das Wasserreservoir sehen kann, drehe ich nach Nordwesten ab. Die Mennoniten haben eine Putenfarm am Flusslauf besetzt. Acht Metallschuppen, jeweils vier in einer Reihe, schräg nebeneinander wie Autos auf einem Parkplatz. Hohe, jahrhundertealte Bäume bilden eine Art Wäldchen, aus dessen Mitte das teergedeckte Spitzdach eines Backsteingebäudes aufragt, das alte Wohnhaus. Der Fluss speist die beiden Teiche. Auf einem kann ich ein Floß erkennen, und ein leeres Kanu. Südlich der Schuppen stehen die Solarzellen und zwei Windmühlen, eine davon fördert Wasser. Nur deswegen sind sie hier.

Auf der Lichtung hinter dem Haus steht ein zehn Meter hoher Fahnenmast, die Fahne ist längst verschwunden, vermutlich hat jemand eine Babydecke draus genäht. Wann immer sie Hilfe brauchen, hissen sie Männerunterwäsche, einen zerfetzten roten Overall. Windsack und Notsignal zugleich. Bei starkem Wind streckt er Arme und Beine von sich wie ein kopfloser Mann.

Ich lande auf der schnurgeraden Einfahrt, die im rechten Winkel von der alten Landstraße abgeht. Ich sehe die Unterhose im Wind zappeln. Am Ende der Einfahrt haben sie ein Schild mit Draht an zwei Pfählen befestigt, unter dem roten Totenkopf steht: LEBENSGEFAHR WIR HABEN DIE BLUTKRANKHEIT. Die Einfahrt ist halb überflutet und von Wurzeln durchsetzt. Manchmal greifen sie zur Schaufel und füllen die Schlaglöcher auf, aber sie sind lausige Straßenbauer und zum Arbeiten viel zu schwach. Trotzdem versuchen sie verzweifelt, die Landebahn freizuhalten. Fast immer starker Seitenwind aus, sagen wir, 330 Grad. Ich halte das Biest so, dass es im Seitengleitflug auf die Einfahrt rutscht, den linken Flügel abgesenkt und die Nase nach Süden ausgerichtet, und ich fange es erst im allerletzten Moment ab, während die Kinder auf der Lichtung rauf und runter hopsen. Ich kann ihr Lachen aus hundert Metern Entfernung sehen. Nur dann sehe ich sie lachen, sonst nie.

*

Früher konnte Jasper ins Cockpit springen, jetzt schafft er das nicht mehr. Nach vier Jahren hatten wir einen Streit. Ich hatte den Copilotensitz ausgebaut, um Platz und Gewicht zu sparen, und dann die Mulde mit einem Schlafsack gepolstert. Das Muster auf dem Stoff zeigt einen Jäger, der auf einen Fasan schießt, wieder und wieder, während sein Vorstehhund auf drei Beinen daneben steht. Ich weiß nicht, warum mir die Idee nicht früher kam. Der Hund sieht nicht aus wie Jasper, aber trotzdem. Ich nehme Jasper auf den Arm und setze ihn hinein. Er liegt auf dem Muster mit dem Jäger und seinem Hund.

Du und ich, in einem anderen Leben, sage ich zu ihm.

Er fliegt gern. Ich würde ihn sowieso nie mit Bangley allein lassen.

Nachdem ich den Sitz ausgebaut hatte, war Jasper traurig. Er saß zu tief, um aus dem Fenster zu gucken. Er weiß, dass er sich vom Höhenruder fernhalten muss. Einmal rutschte er dagegen und hätte uns fast umgebracht. Danach baute ich eine Art Laufstall für ihn, aber er beschnüffelte ihn und sprang aus dem Flugzeug, im Ernst. Es war unter seiner Würde, in einem Laufstall zu sitzen. Früher habe ich mir Sorgen gemacht wegen der Motorengeräusche und dem Lärm der Propeller. Ich trage die Kopfhörer, obwohl es keinen Funk mehr gibt, ich trage sie, um den Krach zu dämpfen. Aber wegen Jasper mache ich mir Sorgen, einmal habe ich sogar versucht, ihm einen Lärmschutz in Helmform zu basteln, aber der hielt nicht. Vermutlich ist Jasper deswegen taub.

Wenn ich Ölkartons geladen hatte, legte ich den Schlafsack oben auf die Kisten, so dass Jasper aus dem Fenster schauen konnte.

Siehst du?, sagte ich. So ist es wenigstens für die Hälfte der Zeit schön. Wer kann das noch über sein Leben sagen?

Er fand es trotzdem öde, das spürte ich genau. Er war nur noch halb so aufgeregt. Inzwischen schraube ich, wenn ich ohne Ladung fliege, den Sitz wieder an. Es dauert nur ein paar Minuten. Ist ja nicht so, als hätten wir keine Zeit. Beim ersten Mal beäugte er mich vom Copilotensitz aus, als wollte er fragen: Was war daran jetzt so schwer? Und dann starrte er immer geradeaus, mit gerunzelter Stirn, so wie ein echter Copilot. Seine Stimmung hellte sich auf, so wie der Himmel.

Er wird alt. Ich zähle die Jahre nicht mit. Ich multipliziere sie nicht mit sieben.

Früher hat man Hunde für alles Mögliche gezüchtet, es gab sogar Hunde, die nach Fischen tauchten. Warum hat man keine Rasse erfunden, die länger lebt, so lange wie ein Mensch?

*

Das Seltsame: Mein GPS funktioniert noch. Die Satelliten, die das Militär oder wer auch immer ins All geschossen hat, kreisen und kreisen und funken uns unseren Standort zu, unbeirrt senden sie ihre Signale aus, bestimmen meine Position, und das kleine Navi am Steuerknüppel fängt immer noch besorgt zu flackern an, sobald ich den Berghängen zu nah komme.

Ich komme den Berghängen immer zu nah. Ein weiterer Nebeneffekt des Endes aller Dinge: Ich habe keine Angst vor dem Motorenausfall mehr.

Der Garmin hat einen Knopf für Nächstliegendes. Da hat mal einer mitgedacht. Man erfährt blitzschnell, wie weit der nächste Flughafen entfernt ist. Er taucht an der Spitze einer Liste von Flughäfen auf, samt Kennung, Entfernung, Peilung, Towerfrequenz. Als mein Leben noch voller Sorgen war, betrachtete ich den »Nächstliegende«-Knopf als meinen besten Freund. Wenn das Wetter umschlug, ich in Turbulenzen geriet oder der Tank sich leerte, reichte ein Knopfdruck, und schon erschien die Liste. Ich brauchte sie nur noch herunterzuscrollen und einen Flughafen anzuklicken, und schon wurde die Strecke als Bogen auf der Karte angezeigt. Steuere den Pfeil zurück auf die Linie. Nichts leichter als das.

Die Funktion ist immer noch nützlich, aber jetzt, neun Jahre später, sind viele Pisten kaputt; man muss wissen, wo genau sich dieses Achtzigzentimeterschlagloch befindet, um es zu meiden. Überraschend, wie schnell es geht. Wie schnell die Landebahn wieder zur Steppe wird. Früher gab es diese Fernsehserie: Das Leben nach dem Menschen. Ich habe keine einzige Folge verpasst. Ich habe sie alle aufgenommen. Ich war fasziniert. Den Wissenschaftlern zufolge würde New York sich in tausend Jahren in ein wildes Flussdelta zurückverwandeln. Marschland. Ein Fluss. Bäume. Berge. Es gefiel mir, ich wusste selbst nicht, warum. Ich war fasziniert.

So schnell. Erstaunlich, wie schnell Stahlträger verrosten, wenn sie Luft und Wasser ausgesetzt sind, wie schnell Baumwurzeln Mauern sprengen. Alles stürzt ein. Ach ja, die Pisten: neun Jahre scheinen keine lange Zeit zu sein, aber dem verwahrlosenden Asphalt und dem weichgekochten Menschenhirn, das sie überstehen muss, kommen sie verdammt lang vor. Ich könnte eine endlose Liste anlegen. Neun Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Wenn man Bangley ertragen muss.

Wenn man die provisorische Grippestation nicht vergessen kann und.

Wenn man seine Frau vermisst.

Wenn man angeln gehen möchte und nicht kann.

Solche Sachen halt.

Aber. Einmal habe ich südlich von Bennet einen Kolben verloren. Ich war über der Stadt im Tiefflug, so mache ich das hin und wieder, nur um zu gucken, und dann … bumm bumm bumm, und es schüttelt mich nur so durch. Schnell notlanden und das Problem suchen, vielleicht nur eine kaputte Dichtung? Ich hätte keinen Garmin gebraucht, um zu wissen, dass der Air-Force-Stützpunkt Buckley nur zwanzig Kilometer entfernt war. Ich riss die Maschine rum und hatte im Sinkflug die goldene Sonne im Gesicht, während das Klopfen immer lauter wurde, es klang alarmierend, so als würde gleich ein Kugellager explodieren. Ich war wegen der Sonne praktisch blind und konnte mich nur noch am linken Rollfeldrand orientieren, und selbst dreißig Meter nach der Landung waren wir immer noch in einem Affenzahn unterwegs, mindestens hundertzehn Sachen, und auf einmal macht es RUMS, und hätte es das Bugfahrwerk erwischt und nicht das Hauptfahrwerk, wären das Biest und ich zermatscht worden. Und Jasper auch. Ich lief zurück, um es mir anzusehen. Das Loch war fast hüfttief und hübsch rechteckig, so als hätten die Präriehunde es mit kleinen Schaufelbaggern ausgehoben. Scheiße. Mein Rücken. Was für ein Schlag. Ich setzte mich an die Kante und ließ die Beine ins Loch baumeln. Jasper setzte sich neben mich und lehnte sich an, wie es so seine Art ist, und er warf mir einen mitfühlenden und sehr besorgten Blick zu. Wie wir da saßen, musste ich an das japanische Restaurant denken, in das Melissa mich einmal eingeladen hatte und wo es statt der Stühle nur Matten und Kissen gab – mit Ausbuchtungen unter dem Tisch, für unsere Beine. Geschummeltes Bodensitzen für steife Westler. Die Sonne warf unsere Schatten einen halben Kilometer weit über die Rollbahn. Der Aufschlag hatte tatsächlich einen Riss in den Bug der Cessna gehauen. Bei der Gelegenheit lernte ich zu schweißen. Man braucht dazu nichts weiter als ein bisschen Solarenergie.

Ich saß da, mit den Füßen im Loch, und schüttelte mich und fragte mich: Was ist los mit dir? Ist das Ganze für dich nur ein Spiel?

Die Antwort fiel mir nicht sofort ein.

Willst du heute leben?

Ja.

Denkbar, dass du auch morgen leben willst? Und auch am Tag danach?

Ja.

Dann überleg dir eine vernünftige Strategie. Zeit hast du mehr als genug.

Also verschaffte ich mir einen Überblick. Ich schnappte mir die Karte, die ich zur Flugnavigation benutzte, unterteilte sie in gleich große Abschnitte und flog alle Landebahnen im Umkreis von hundertfünfzig Kilometern ab. Ich flog zum Kreisflughafen Centennial, ich flog nach Colorado Springs und zur Air Force Academy, ich flog nach Kirby an der Grenze zum ehemaligen Nebraska, ich flog nach Cheyenne. Ich überflog sie alle in ungefähr zehn Metern Höhe bei gutem Licht, und dann machte ich mir Notizen. Erstaunlich, auf wie vielen dieser Pisten ich zu Tode gekommen wäre. In Cranton wäre es fast so weit gewesen: Als ich für meine Erkundung tiefer ging und parallel zur Landebahn flog, ballerte mir irgendein Fremdenhasser ein fettes Loch in den Rumpf. Ich merkte es nur, weil die Kugel durch mein Seitenfenster wieder austrat. Auf diese Weise erfuhr ich, dass wir in Cranton Nachbarn hatten.

Der Nächstliegende-Knopf funktioniert also noch, aber die Hälfte der Landemöglichkeiten fällt weg. Da landet man besser auf einem alten Acker. Was früher einmal der nächstgelegene sichere Hafen war, ist heute die nächstgelegene Todesfalle. Gut zu wissen.

*

Den Funkverkehr überwache ich immer noch. Alte Gewohnheit von mir. Jeder Flughafen hat eine eigene Frequenz, auf der die Piloten sich verständigen können, falls kein Lotse im Tower sitzt. Man will ja schließlich wissen, wo die anderen gerade sind, bevor man startet oder in den Landeanflug geht. Zumindest war das früher so. Natürlich kam es trotzdem zu Kollisionen, mindestens eine pro Jahr. Zwischen den Flughäfen gab es keine vorgeschriebenen Kommunikationswege, aber immerhin eine Notfrequenz: 121,5. Wann immer ich mich einem Flughafen nähere, schalte ich den alten Kanal ein. Wenn ich bis auf sieben Kilometer rangekommen bin, mache ich mich bemerkbar. Ich sende ein paar Funksprüche aus.

Loveland traffic hier Cessna sechs drei drei drei alpha sieben Kilometer südlich auf sechstausend Fuß mit Kurs auf Greeley. Und noch einmal. Ist da jemand? Ich bin der einzige verdammte Flieger hier oben, und wahrscheinlich wird es bis ans Ende aller Zeiten so bleiben. Aber vielleicht wird ja irgendwann in einem anderen Universum noch einmal eine Cessna erfunden. Ha!

Ich lache. Ich johle. Ziemlich morbide. Jasper wirft mir von der Seite einen peinlich berührten Hundeblick zu.

Ich besitze einen Gedichtband von William Stafford. Nur deswegen bin ich noch einmal zurückgeflogen: um meine Gedichtsammlung zu holen. Ich bin in einer stromlosen Nacht auf dem alten King-Sooper’s-Parkplatz gelandet, wo jede Reihe aus geparkten Autos mindestens dreihundert Meter lang ist. Nirgendwo brannte ein Licht. Die Flügel glitten über die Karosserien hinweg, nirgendwo ein Laternenmast, der mir hätte gefährlich werden können. Von da waren es nicht mal zwei Kilometer bis zu unserem Haus. Im Süden und Westen Brände, in der Ferne die obligatorischen Schüsse. Ich klemmte mir das AR-15 zwischen die Beine und wartete eine Weile ab, hielt Ausschau nach irgendwem, der sich in meiner halbstündigen Abwesenheit am Biest zu schaffen machen könnte.

Ich nahm das Gewehr und joggte um den See, so, wie ich es früher oft gemacht hatte, morgens und abends. Ich bin damals viel gejoggt. Ich ignorierte die gerahmten Fotos auf dem Kaminsims und über der Treppe, ich schaute gar nicht hin, während ich die Bücher in meinen alten Rucksack und in einen Seesack packte, alles nur Lyrik. Ich blätterte in Wir sterben allein, dem ersten Buch, das Melissa mir geschenkt und dessen Titel sich als geradezu prophetisch erwiesen hatte. Der Protagonist war ein norwegischer Soldat, der im letzten gerechten Krieg gekämpft hatte. Er hatte auf Skiern zwei komplette deutsche Divisionen abgehängt und den Krieg überlebt, um als attraktiver, gepflegter Herr mittleren Alters im Rollkragenpullover auf der Rückseite seiner Memoiren zu posieren. Ich habe den Kerl immer beneidet, ein Kriegsheld im rauen Norwegen, der bestimmt eine Jagdhütte oben an einem Fjord hat und mindestens tausend Freunde, die bei ihren Partys zu viel Glühwein oder Aquavit oder was auch immer trinken, und der heute nur noch zum Vergnügen Ski fährt. Der Mann glaubt, die Hölle auf Erden erlebt zu haben, dabei hat er nur ihren Schatten gesehen. Ich blätterte in dem Buch, ohne die Widmung zu lesen, und stellte es ins Regal zurück. Aus und vorbei. Ich hatte beschlossen, nie wieder zu weinen.

Als ich zurück auf den Parkplatz kam und mich durch die äußeren Autoreihen anschlich, entdeckte ich zwei Gestalten, die sich durch die geöffnete Tür ins Flugzeug beugten. Die eine wollte gerade einsteigen. Ich verfluchte mich selbst für meinen Leichtsinn, entsicherte mit klopfendem Herzen mein Sturmgewehr, richtete mich auf und schrie den beiden zu, sie sollten sich verdammt nochmal verpissen, und als sie zu Jagdgewehr und Schrotflinte griffen, erschoss ich sie aus zwanzig Metern Entfernung. Sie waren die ersten. Für ein paar Gedichte. Ihre Waffen schenkte ich Bangley, ich erklärte mich nicht, obwohl er immer wieder nachbohrte.

Das Buch von Stafford heißt Geschichten, die wahr sein könnten. Ein Gedicht darin heißt »Die Farm in der Prärie« und fängt so an:

Eine Telefonleitung wird kalt;

Vögel darauf, wo immer sie verläuft.

Eine Farm am Rand der großen Prärie

zerrt an ihrem Ende der Schnur.

Ich rufe die Farm jedes Jahr an,

lasse es klingeln, lausche, immer noch.

Er ruft seinen Vater an. Und seine Mutter. Sie sind seit Jahren tot, nur ein Summen in der Leitung, aber immer noch ruft er sie an.

Wenn sich von dem Flughafen, den ich zu überfliegen plane, niemand meldet, gehe ich auf die Notfrequenz und setze pro forma ...

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