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Das Ende aller Tage

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über das Autorenduo
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagungen
  8. AM ANFANG …
  9. 1.
  10. 2.
  11. 3.
  12. 4.
  13. 5.
  14. 6.
  15. 7.
  16. 8.
  17. 9.
  18. 10.
  19. 11.
  20. 12.
  21. 13.
  22. 14.
  23. 15.
  24. 16.
  25. 17.
  26. 18.
  27. 19.
  28. 20.
  29. 21.
  30. 22.
  31. 23.
  32. 24.
  33. 25.
  34. 26.
  35. 27.
  36. 28.
  37. 29.
  38. 30.
  39. 31.
  40. 32.
  41. 33.
  42. 34.
  43. 35.
  44. 36.
  45. 37.
  46. 38.
  47. 39.
  48. 40.
  49. 41.
  50. 42.
  51. 43.
  52. 44.
  53. 45.
  54. 46.
  55. 47.
  56. 48.
  57. 49.
  58. EPILOG

Über dieses Buch

Das Ende ist nah …

Die White Star treibt im Atlantik. An Bord: über viertausend christliche Pilger – alle tot. Ein Anschlag? Aus Rache verüben radikale Christen weltweit Attentate auf Muslime, aufgehetzt von einem Hassprediger. Die Welt steht am Abgrund.

Unterdessen soll die Forensikerin Maureen Cole die seltsamen Todesfälle auf der White Star aufklären. Sie findet heraus, dass der vermeintliche Massenmord eine natürliche Ursache hat – die jedoch noch viel bedrohlicher ist als der Kampf der Kulturen …

Packend und hochaktuell: Ein Thriller über religiöse Verblendung und ökologische Gefahren. Von Kathleen O’Neal Gear und W. Michael Gear ebenfalls bei beTHRILLED lieferbar: Der spannende Öko-Thriller »Der Eden-Effekt«.

Über das Autorenduo

Kathleen O’Neal Gear (*1954 in Kalifornien, USA) arbeitete nach ihrem Studium u.a. als Referentin für Geschichte und Archäologie im US-Innenministerium. Neben zahlreichen Fachpublikationen hat sie bereits mehr als 40 Romane veröffentlicht, viele davon internationale Bestseller. Für ihre herausragende Arbeit wurde sie zweimal mit einem Preis der US-Regierung für besondere kulturelle Verdienste ausgezeichnet.

W. Michael Gear (*1955 in Colorado, USA) studierte Anthropologie und ist Mitglied der American Association of Physical Anthropology. Er führte zahlreiche Studien in den Bereichen menschliche Osteologie (Knochenkunde), Paläontologie, Forensik und Evolution von Primaten durch. Seine umfangreichen Kenntnisse über Anthropologie verarbeitete er zudem in vielen erfolgreichen Romanen.

Gemeinsam verfassten Gear & Gear unter anderem »Der Eden-Effekt« und »Das Ende aller Tage«, erschienen bei beTHRILLED. Das Paar lebt mit zwei Hunden und einer Bisonherde in Wyoming, USA.

Weitere Informationen unter: https://www.gear-gear.com/.

Kathleen O’Neal Gear
und W. Michael Gear

DAS ENDE
ALLER
TAGE

THRILLER

Aus dem amerikanischen Englisch
von Rainer Schumacher

 

Für unseren langjährigen Agenten
Matt Bialer.

Wir wissen die vielen Jahre harter Arbeit,
die du für uns geleistet hast,
mehr als zu schätzen.

Danke, Matt!

Danksagungen

Unser Dank geht an unseren Agenten, Matt Bialer, und seine Assistentin, Lindsay Ribar. Beide haben die Rohfassung des Romans gelesen und uns dabei geholfen, ein sehr langes Manuskript zu kürzen.

Dank auch an unseren internationalen Agenten, Teri Tobias, der intensiv am Manuskript gearbeitet und uns eine der besten Redaktionen geschenkt hat, die wir je gehabt haben. Gott segne dich, Teri.

Und dann wäre da noch Jan Wielpütz, unser Lektor bei der Verlagsgruppe Lübbe in Deutschland. Seine kenntnisreichen Anmerkungen waren hervorragend, stets präzise und außerordentlich hilfreich. Ich hoffe, Jan, Ihr Sonnenbrand verheilt. Passen Sie auf den Klimawandel und das Ozonloch auf – Maureen könnte Ihnen einen sehr ernsten Vortrag darüber halten.

AM ANFANG …

DIE ANTARKTIS IST ein einsamer, riesiger Kontinent, größer als die Vereinigten Staaten, auf dem jedoch nur eine Hand voll Menschen lebt. Monatelang versinkt dieser Südkontinent in Dunkelheit. Im Winterhalbjahr wurden dort schon Temperaturen von minus 90 Grad Celsius gemessen. Im Sommer ist die Antarktis die Heimat von Pinguinen und Zugvögeln, die in den Randgebieten nisten. In den nährstoffreichen Meeren gibt es eine schier unglaubliche Vielfalt an Plankton und Krill, die wiederum riesige Fischschwärme, Vögel und Wale ernähren.

Die Antarktis ist den größten Teil des Jahres ein stiller Ort. Dann ist nur das Rauschen des Windes zu hören und das leise Zischen der Eiskristalle, die über die Schneewehen streichen.

An diesem Mittsommertag schien die Sonne von einem kristallblauen Himmel. Der beständige Wind nagte an den Türmen aus Eis, trank vom Wasser der großen blauen Seen, in denen sich die Sonnenwärme konzentrierte, und zauberte Wellenmuster auf die weiten Flächen aus Schmelzwasser. Je mehr Eis schmolz, desto mehr Wasser wurde in Spalten und Risse gedrückt, wo es sich wie riesige Keile festsetzte.

Dann brach das Eis unterhalb des Filchner-Ronne-Schelfeises, und ein dumpfes Donnern mischte sich in das Flüstern des Windes. Das Geräusch trug unfassbar weit, stieg und fiel mit den Bewegungen des Gletschers. Oberflächenseen leerten sich, und erwärmtes Wasser drückte hinunter in die eisigen Tiefen.

Gedämpfte Schläge und dumpfes Krachen erklangen aus dem Innern des Eises, begleitet von leichten Beben. Dann wurden die Geräusche bedrohlicher, drängender. Schwache Vibrationen ließen die überfluteten Spalten zittern.

Und der einzige Zeuge war der Wind. Er kam vom fernen Meer, angetrieben von der Kraft der Sonne in der Troposphäre. Warme Böen spielten auf den schier unendlichen Schneefeldern und trieben den schmelzenden Schnee auseinander. Wärmefinger griffen dem abfließenden Oberflächenwasser hinterher. Der warme Wind trieb durch die Tunnellabyrinthe und folgte den feinen Mustern, die das herabsickernde Wasser in die unregelmäßigen Eiswände fraß. Strudel wirbelten in Bächen, die rauschend und gurgelnd durch die lichtlosen Stollen und Gänge flossen.

Dann, in nur einem Augenblick, gab die äonenalte Eismasse mit ohrenbetäubendem Brüllen nach. Als würde der riesige Gletscher ausatmen, wechselte der Luftstrom unvermittelt die Richtung und schoss durch die Labyrinthe zurück. Pfeifend und heulend erreichte der Sturm die Oberfläche. Schnee schoss explosionsartig in die Höhe und wurde vom Orkan davongerissen, gefolgt von einem urgewaltigen Brüllen. Gänge füllten sich mit tosendem Wasser. Eis stöhnte und kreischte, begleitet von einem Stakkato aus dumpfen Schlägen, aus Bersten und Krachen.

Das Brüllen wurde lauter. Wasser schoss in Richtung Meer – schneidend kalt und tödlich. Die Oberfläche des gewaltigen Gletschers senkte sich.

1.

WEIT DRAUSSEN AUF dem Atlantik, an Bord des Kreuzfahrtschiffes White Star, trat Justin Mills aus dem Aufzug und ging durch die schimmernden Chrombögen, die zur Astral Lounge führten. Seit sie in Miami abgelegt hatten, kam Mills aus dem Staunen nicht heraus. Noch nie war er auf einem Kreuzfahrtschiff gewesen, und so viel sündigen Luxus wie hier auf der White Star hatte er sein Lebtag noch nicht gesehen. Nun stand er auf dem höchsten Deck, mehr als dreißig Meter über der Wasseroberfläche. Dass das riesige Schiff in den meterhohen Wellen kaum schwankte, war ein weiteres Wunder der Technik. Die Kunst der Stabilisierung eines solchen Ungetüms mittels Flutkammern und Thrustern faszinierte Justin, seit er den Fuß an Bord gesetzt hatte.

Justin betrat die üppig ausgestattete Lounge und ließ den Blick schweifen. Wenige Tische waren besetzt; nur hier und da saßen Gäste in den dick gepolsterten Sesseln, unterhielten sich oder lasen. Der Barkeeper hinter dem hufeisenförmigen Tresen nickte Mills zu; dabei war dem Mann durchaus klar, dass eine Schiffsladung frommer Christen allenfalls Soda bestellte, wenn überhaupt.

Mills entdeckte das Objekt seiner Suche unmittelbar an den großen Panoramafenstern. Sein Chef, Reverend Bobby Box, hatte sich in eine Bar zurückgezogen – ein nachhaltiger Beweis dafür, dass der Mann unter gewaltigem Stress stand. Nur hier, in diesem Sündenpfuhl, wie viele Anhänger des Crusade of Liberation, des Kreuzzugs der Befreiung, es bezeichnen würden, konnte Box für ein paar Augenblicke Frieden finden.

Einen Frieden, dem ich nun ein Ende machen werde.

Mills warf einen Blick auf die Nachrichtentexte, die er im Computerraum des Schiffes ausgedruckt hatte. Dann hob er eine Augenbraue ob der protzigen Ausstattung der Bar; die Ironie erheiterte ihn.

Bobby Box, Führer des Kreuzzugs der Befreiung, war schon immer vor zu großer Bequemlichkeit oder gar Luxus zurückgeschreckt; für ihn war so etwas eine Ablenkung von seiner wahren Mission als einflussreichster christlicher Führer Amerikas. Sein ernstes Gesicht hatte im Laufe der Jahre schon dreimal das Cover des Time-Magazins geziert. Insider behaupteten, dass mindestens zwei amerikanische Präsidenten ihr Amt seiner Unterstützung zu verdanken hätten. Die Gemeinde, die Box in der Nähe von Richmond, Virginia, gegründet hatte, galt als eine der progressivsten und erfolgreichsten Megachurches des Landes. Sonntagmorgens erzielten seine im Fernsehen übertragenen Predigten höhere Einschaltquoten als die seiner Mitbewerber.

Einem Mann, der nicht so fromm war wie Reverend Box, wären Ruhm, Geld und Einfluss vermutlich zu Kopf gestiegen und hätten zu jener selbstzerstörerischen Hybris geführt, die schon der Untergang vieler Evangelisten gewesen war.

Doch im Gegensatz zu anderen christlichen Führern, die vom Scheinwerferlicht und ihrer eigenen Berühmtheit verführt worden waren, richtete Bobby Box sein Leben tatsächlich nach den Lehren Christi aus, seines Herrn und Erlösers. Box war ein nachdenklicher und bescheidener Mann geblieben, der noch immer in dem baufälligen Bauernhaus wohnte, in das er vor dreißig Jahren mit seiner damaligen Braut gezogen war. Und noch heute verpachteten er und seine Frau Angie dem Nachbarn ihre fünfzehn Morgen Weizenfelder.

Mills ging zu Box hinüber und rief: »Eine Schande! Dass ausgerechnet Sie sich hinter einer Bar verstecken …«

»Nach all den Jahren haben Sie mich also endlich durchschaut, Justin«, sagte Box und hob eine Augenbraue, was seine leise Belustigung verriet, während er den Blick über die schimmernden Chromtische um sich herum schweifen ließ.

Mills schaute erneut zum Tresen, wo es die teuersten Whiskeys, Champagner und erlesene Weine gab. Dann deutete er auf das halb leere Glas, das rechts neben Box auf dem Tisch stand. »Ertränken Sie Ihre Sorgen, Reverend?«

»Ich bin wahrlich tief gesunken. Das ist Klubsoda mit einem Schuss Limone.« Box deutete auf den Barkeeper. »Er hat versucht, hilfreich zu sein und mir etwas zu verkaufen. Ich nehme an, die Schiffsbars werden auf dieser Reise nicht allzu viel Umsatz machen.«

Für einen Mittfünfziger sah der gut eins achtzig große Bobby Box fit und gesund aus. Seit Kurzem trug er eine Lesebrille, die ihm ein väterliches Aussehen verlieh. Seine Schläfen waren weiß, und auf dem Scheitel lichtete sich das braune Haar.

Durch die hohen Fenster vor ihm konnte Mills die gesamte Länge der White Star entlang bis zum Bug schauen. Das Schiff war der Stolz der Ocean-Star-Reederei: neu, schnell, elegant. Die Reederei hatte dem Crusade of Liberation einen großzügigen Rabatt für den Transport von mehr als viertausend seiner Anhänger nach Israel gegeben. Allerdings wäre das Schiff anderenfalls leer von Miami ins Mittelmeer verlegt worden.

Auf den unteren Decks lagen und saßen die Leute am langen Pool oder versammelten sich an den Bars, während einige wenige Tapfere auf dem Oberdeck joggten. Hinter dem Schiff konnte Mills den Atlantik sehen und die weißen Schaumkronen des Kielwassers, das sich in der Ferne verlor. Weit im Norden markierte eine düstere Wolkenbank die Grenzen des Hurrikans »Itrice«, der den Horizont verdunkelte.

Sie alle hatten sich Sorgen gemacht, als die White Star den Kurs geändert hatte, um den nach Norden ziehenden Hurrikan südlich zu umfahren. Dann hatte der Sturm der Kategorie 5 sich auf mysteriöse Weise zur Kategorie 1 abgeschwächt, als hätte Gott persönlich die Wellen geglättet, um Reverend Box eine sichere Überfahrt ins Heilige Land zu gewähren.

Mills betete stumm: O gütiger Gott, glätte auch die Wogen der Leidenschaft, die sich um unsertwillen erhoben haben.

Fünf Jahre hatten Box und seine Gemeinde auf diese Reise hingearbeitet und dabei jedes Hindernis überwunden. Box hatte Skeptiker, Politiker, Bürokraten und Regierungen davon überzeugt, ihn seinen Kreuzzug ins Heilige Land führen zu lassen.

Wenn wir jetzt auch noch die Muslime überzeugen können …

Mills verstärkte den Griff um die Papiere in seiner Hand. Überall auf der Welt wuchs der Zorn der Mohammedaner.

Bobby Box und seine Schar würden wahrlich Gottes Hilfe benötigen, wenn sie auf den Tempelberg wollten. Wie die Muslime immer wieder betonten, war der Ausgang des Kreuzzugs ungewiss. Doch wenn sie Erfolg hatten, wenn Box die Kreuzfahrer tatsächlich zum Gebet an den heiligsten aller Orte führen konnte, würden er und seine Anhänger die Welt verändern.

»Reverend?«

Die Veränderung in Mills’ Stimme ließ Box zusammenzucken. Dann deutete er auf den Stuhl neben sich. »Setzen Sie sich. Was gibt es Neues?«

»In Jerusalem ist es zu Unruhen gekommen. Bei einer Demonstration gegen unser Vorhaben gab es gewalttätige Ausschreitungen. Das israelische Militär hat den Aufruhr mit Tränengas und Gummigeschossen niedergeschlagen. Fünf Muslime sind tot, drei Soldaten verwundet.«

Box überflog die Berichte und schüttelte den Kopf. »Das sieht nicht gut für uns aus.«

»Nein.«

Sorgfältig faltete Box die Papiere wieder zusammen. Besorgnis spiegelte sich in seinen müden Augen. »Wissen Sie, Justin, wenn Gott einen Sturm besänftigen kann, vermag er auch die härtesten Herzen zu erweichen. Unsere Pilgerfahrt dient Christen, Muslimen und Juden gleichermaßen. Wir wollen Arm in Arm die Stufen hinaufsteigen, das Tor durchschreiten und im Gebet an Gott niederknien – ob man ihn Allah, Adonai oder Christus nennt.«

»Aber das wollen die Muslime nicht verstehen, Reverend, und wenn wir ihnen noch so oft sagen, dass wir im Namen des Friedens und der Brüderlichkeit beten wollen.« Mills strich sich nervös mit der Hand übers Gesicht. »Die Imame schwören, dass wir eher im eigenen Blut ertrinken, als dass auch nur einer von uns den Fuß auf den Tempelberg setzt.«

»Dann werden sie uns in den Straßen niederschießen müssen«, erwiderte der Reverend. »Wir sind die letzte Hoffnung der Menschheit. Wir haben nur noch diese eine Chance. Wenn wir scheitern, stirbt unsere Welt. Die Letzten Tage, Armageddon … Es steht kurz bevor.«

»Der Weltuntergang? Seit zweitausend Jahren warten die Menschen darauf, Reverend. Die Apostel waren sogar überzeugt, dass es noch zu ihren Lebzeiten geschehen würde.«

Gedankenverloren starrte Bobby Box in die Ferne. »Ja. Stattdessen wird es nun in unserer Zeit geschehen. So sagt es mir meine Vision. Die Bibel lässt keinen Zweifel.«

»Keinen Zweifel?«, entgegnete Mills. »Was ist mit Ihrem Sohn? Ambrose argumentiert stichhaltig, dass die Genesis eine Allegorie für die fünf Milliarden Jahre sei, die die Erde bereits existiert. So vermischt er Wissenschaft und Glauben.«

Belustigung funkelte in Box’ Augen. »Sind Sie jetzt auf seiner Seite, Justin? Dabei waren Sie es doch, der zum Apologeten wurde, als ich meine Predigten geändert habe, um Wissenschaft und Glauben zusammenzuführen. Und waren Sie nicht der Erste, der die Stimme erhoben hat, als ich die Evolutionstheorie in meine Vorlesungen eingearbeitet habe?«

Mills lächelte. »Das Thema bleibt ja auch kontrovers.«

»Ambrose ist ein kluger junger Mann, und er hält an seinem Glauben fest. Außerdem hat er recht: Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir ihn zum Nachdenken benutzen und dazu, Fragen zu stellen. Wissenschaft kann man nicht leugnen, nicht für die Evolution und sicherlich nicht um der bevorstehenden Apokalypse willen. Unsere Welt steht auf Messers Schneide. Erderwärmung, Klimawandel …« Er schaute zu Mills. »Haben Sie den Artikel gelesen, den ich Ihnen geschickt habe?«

»Über den Zusammenbruch der Eisschicht in der Antarktis? Ja. Und in der Arktis ist das Meer nun schon mehrere Sommer offen. Heutzutage fahren die Schiffe auf direktem Weg von Norwegen zur Beringstraße.«

»Und Europa schmilzt unter einer Rekordhitzewelle förmlich dahin. Es hat bereits fünfzigtausend Tote gegeben.«

»Die Menschheit hat solche Probleme auch in der Vergangenheit schon überwunden.«

»Diesmal ist es anders. Überall brechen Epidemien wie SARS oder die Vogelgrippe aus. Es entwickeln sich Tuberkuloseviren und Staphylokokken, die gegen sämtliche Medikamente resistent sind. Die Erde vermag ihre sechseinhalb Milliarden Bewohner kaum noch zu ernähren. Die meisten Ozeane sind vierfach überfischt. Indien und Südostasien sind nur noch ein Dürrejahr von der Katastrophe entfernt. Und die Menschen beten Götzen an: Autos, Fernseher, Computer und andere Konsumgüter, die wir zu unseren Göttern gemacht haben. Die Medien interessieren sich nur noch für Teeniestars, die gerade schwanger sind oder wegen Drogenkonsums vor Gericht stehen. Wen oder was könnte man wohl besser als ›Die Hure Babylon‹ bezeichnen?« Er hielt kurz inne. »Man könnte meinen, der Glaube sei tot.«

Als Justin schwieg, fügte Box hinzu: »Es ist eine grandiose Vision, Justin. Als ich den Traum zum ersten Mal hatte, war das Gefühl wunderbar. Ich kniete auf dem Tempelberg, Schulter an Schulter mit tausend anderen … Christen, Juden, Muslime. Sie alle senkten den Kopf zum Gebet. Unsere Stimmen, all die verschiedenen Sprachen … Sie klangen wie Musik. Die Luft schien vor Gottes Liebe zu pulsieren. Und dann geschah das Wunder. Ein goldenes Licht ergoss sich aus dem Himmel, und als ich den Blick hob, sah ich den wiedererrichteten Tempel in all seinem Glanz.«

»Wir brauchen tatsächlich ein Wunder.« Mills deutete auf die Papiere in Box’ Hand. »Die islamische Welt schwört, sich nie darauf einzulassen. Die islamische Verwaltung des Tempelbergs hat erklärt, uns bis zum Tod zu bekämpfen. Unsere Ankunft in Jerusalem wird wie ein Streichholz an einem Pulverfass sein.« Mills schüttelte den Kopf. »Die Fundamentalisten werden alles versuchen, uns davon abzuhalten, auf dem Tempelberg zu beten.«

Box nickte und senkte den Kopf. »Gnädiger Gott, hilf uns. Erweiche das Herz der Muslime. Auch sie sind dein Volk. Wir gehen nicht, um Streit zu schüren, sondern um alle Menschen zusammenzuführen. Lass sie sich uns anschließen – Juden, Christen und Muslime. Lass sie mit uns gehen. Lass uns gemeinsam den Tempelberg erklimmen und zu deinen Ehren niederknien. Amen.«

Er zögerte einen Moment. »Und vielleicht, o Herr, wenn wir unsere Differenzen beiseitelegen und gemeinsam aus tiefster Seele beten, vielleicht wirst du es dann für angemessen erachten, uns noch eine Chance zu geben.«

»Amen«, flüsterte Mills und schaute durch die Fenster nach achtern, den Blick aufs Meer gerichtet. Plötzlich runzelte er die Stirn. Irgendetwas stimmte da nicht.

»Was ist?«, fragte der Reverend.

»Da.« Mills deutete zum Heck.

Box folgte Mills’ Finger und sah die seltsamen Wellen und Blasen auf der Meeresoberfläche rechts vom Kielwasser des Keuzfahrtschiffes.

»Sieht aus, als würde dort ein riesiges U-Boot auftauchen«, sagte Mills, beugte sich vor und kniff die Augen zusammen.

Und dann begannen die Menschen auf den Unterdecks zu husten und hielten sich die Münder zu.

Von seinem hohen Aussichtspunkt konnte Mills die entsetzten Gesichter sehen, als die Leute sich Handtücher und Kleidungsstücke vor Mund und Nase pressten. Viele von ihnen rannten zu den Türen.

»Gott sei uns gnädig«, flüsterte Box.

Dann erreichte der unheilige Gestank auch ihn und Mills, und beide Männer husteten …

2.

AMBROSE POWELL BOX, kurz A.P. genannt, stand am Pult und beobachtete seine Klasse, wie sie in der Bibel die Offenbarung des Johannes aufblätterte. A.P. war ein großer Mann mit sandfarbenem Haar. Obwohl erst Ende zwanzig, war er nicht wegen seines Vaters, Reverend Bobby Box, zum Präsidenten der Box School of Divinity aufgestiegen, sondern dank harter Arbeit, einem brillanten Verstand und bemerkenswerter Hartnäckigkeit. Zwar wurde hier und da vom »goldenen Sohn« gemunkelt, der von Vetternwirtschaft profitiert habe, doch wirklich dieser Meinung war kaum jemand.

A.P. schaute hinauf zu den fluoreszierenden Lampen; dann richtete er den Blick wieder auf die Gesichter der jungen Männer vor ihm. »Sie haben den Bericht über den Zusammenbruch der Eisschicht in der Antarktis gelesen. Die Klimaveränderung zerstört unsere Erde. Somit stellt sich die Frage: Naht die Apokalypse, oder ist das nur Wunschdenken?«

Randy Thorpe hob die Hand. »Ich würde sagen, es ist Wunschdenken.«

»Die Antarktis stirbt. Die Gletscher sind geschmolzen. Flutwellen und Dürrekatastrophen vernichten weltweit riesige Flächen Ackerland.«

»Solche Dinge geschehen nun mal«, warf Mario Rodriguez ein, ein Kriegsveteran aus dem Irak. »Und wer kann einem Wissenschaftler schon vertrauen? Wenn es nach denen ginge, müsste ich glauben, dass meine Großmutter ein Affe war.«

Rodriguez lächelte nicht. Stattdessen waren seine dunklen Augen von einer seltsamen Klarheit erfüllt.

A.P. schaute auf die Uhr. »Damit wollen wir es für heute bewenden lassen. Während ich in Jerusalem bin, wird es Ihre Aufgabe sein, eine Hausarbeit über die Offenbarungen des Johannes zu schreiben. Arbeiten Sie heraus, ob die Erderwärmung Ihrer Ansicht nach ein Beweis für die nahende Apokalypse ist oder nicht.«

Seine Studenten erhoben sich, klappten ihre Bibeln zu und suchten ihre Notizen zusammen.

»Es ist auch unser Tempel«, sagte Mario Rodriguez, als er zum Pult hinaufging. »Und was Ihre Aufgabenstellung angeht, würde ich sagen: Nach dem zu urteilen, was ich gesehen habe, steht das Ende der Welt unmittelbar bevor. Ich wünschte nur, ich könnte mit Ihrem Vater auf der White Star sein, so wie meine Frau und meine beiden Kinder. Ich habe leider keinen Urlaub bekommen, sonst wäre ich bei ihnen.«

A.P. stützte sich mit den Ellbogen auf das Pult und rief sich ins Gedächtnis, was geschehen war, als der israelische Premier Sharon versucht hatte, auf dem Tempelberg zu beten: Die Unruhen, die daraufhin losgebrochen waren, hatten im Jahre 2000 zur 2. Intifada geführt.

»Wir glauben«, fuhr Mario leise fort. »Aber wenn wir uns aufhalten lassen, werden die Muslime sich in ihrer Intoleranz nur bestätigt fühlen. Sollen wir, die wir Christus in unsere Herzen aufgenommen haben, uns wirklich den Zugang zu jenem Ort verbieten lassen, wo Jesus dem Herrgott die Ehre erwiesen hat?«

Gütiger Gott, bewahre uns vor dem Bösen. Das stumme Gebet erfüllte A.P.s Seele.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte er. »In meinem Büro wartet ein alter Freund auf mich.«

»Vergessen Sie nicht, dass wir im Krieg sind, Reverend«, rief Mario ihm hinterher.

Im Krieg? Als A.P. auf den Gang hinaustrat, verdüsterten sich seine Gedanken. Was würde die islamische Verwaltung des Tempelbergs tun?

Als A.P. sein Büro betrat, sah er einen großen Mann auf einem der Stühle sitzen. A.P. grinste und streckte die Hand aus. »Hallo, Tom. Schön, dich zu sehen.«

Tom Stone trug ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Krawatte. Sein Mantel mit den drei goldenen Streifen auf den Ärmeln lag über der Stuhllehne. Stones Händedruck war fest. »Ich freue mich, dass du noch Zeit für mich gefunden hast. Um halb fünf geht mein Flug von Dulles.«

»Du hast immer noch nicht mehr als drei Streifen? Und ich hätte gedacht, dass du inzwischen für das ACC fliegst. Was ist los? Erkennen die ein Talent nicht mehr, wenn sie es sehen?« A.P. schenkte einen Becher Kaffee ein – es stand immer eine Kanne auf dem Regal –, doch Stone lehnte ab. A.P. ließ sich müde in den Ledersessel hinter seinem Schreibtisch sinken. »Wie geht es Amy und den Mädchen?«

»Gut. Sie lassen dich herzlich grüßen.« Stone lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

A.P. nickte. Er und Stone waren zusammen aufgewachsen, waren Mannschaftskameraden im Footballteam gewesen und hatten gemeinsam die Leiden des Erwachsenwerdens ertragen. Stone war stets der Wildere von beiden gewesen, der nichts ausgelassen und sich überall herumgetrieben hatte. Als A.P. nach Harvard gegangen war, hatte Stone sich für das Militär entschieden. Er hatte im Irak und in Afghanistan gedient, hatte Transportmaschinen vom Typ C-130 Hercules geflogen und sich in einen jener typischen, trinkfesten Kämpfer verwandelt, wie man sie in jeder Armee der Welt fand. Dann hatte er Amy kennen gelernt, und sein Leben hatte sich verändert. A.P. persönlich hatte das Paar getraut und die beiden Töchter getauft.

»Du siehst ziemlich fertig aus«, bemerkte Stone nachdenklich. »Alles in Ordnung?«

»Freitag fliege ich nach Tel Aviv. Samstag treffe ich mich mit Dad und allen anderen in Jerusalem. Dad glaubt, er könne die Welt verändern.«

Stone runzelte die Stirn und schaute auf seine Hände. »A.P., wie oft in der Geschichte hat ein Mann die Welt verändert? Ich weiß, was ihr vorhabt, aber verdammt … Die Chancen stehen schlecht.« Wieder hob er den Blick. »Ich kenne diese muslimischen Hitzköpfe. Radikalen Islamisten kannst du nicht mit Vernunft kommen.«

»Wir müssen es wenigstens versuchen«, erwiderte A.P., doch ihm drehte sich der Magen um.

Stone schüttelte den Kopf. »Und du hast immer gesagt, ich sei der mit der Todessehnsucht.«

»Das haben Amy und die Kinder geändert, nicht wahr?«

Stone lächelte. »Ja. Ohne sie hätte ich gar nichts. Aber du, A.P., hast die Zukunft noch vor dir. Warum willst du unbedingt in die Welt hinaus und dich von irgendwelchen Turbanträgern in die Luft jagen, erschießen oder zu Tode prügeln lassen?«

»Der Kreuzzug besteht aus Familien. Wir alle dienen demselben Gott.«

Wieder schüttelte Stone den Kopf. »Ich fliege oft nach Riad. Du weißt nicht, wie es da unter der Oberfläche aussieht. Diese Leute werden vor nichts Halt machen, um euch den Zutritt zum Tempelberg zu verwehren. Ich habe in Riad Plakate mit dem Bild von deinem Vater gesehen – sie haben ihn als den Leibhaftigen dargestellt. Fatwas wurden verkündet. Ich bin vorbeigekommen, weil ich wissen wollte, ob du diesen Wahnsinn tatsächlich durchziehen willst.«

»Das ist die Vision meines Vaters, Tom.« A.P. starrte in seinen Kaffee. »Nur Gott kann uns retten.«

»Du verschweigst mir doch irgendetwas.«

A.P. zuckte mit den Schultern und gab nach. »Ich war derjenige, der Dad davon überzeugt hat, dass die ökologische Katastrophe aufgrund der Erderwärmung und des Klimawandels nicht mehr fern ist. Ich habe ihn zu einem Gläubigen gemacht. Und was seine Vision betrifft … Vielleicht hat Gott in ihm ein williges Werkzeug gefunden.«

»Willst du damit sagen, es sei deine Schuld, wenn etwas schiefgeht?«, fragte Stone.

»Meine Schuld … und die Gottes.«

Stones Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. »Vielleicht ist die Menschheit ja unvollkommen. Selbst wenn es mal gut läuft – wir haben die Begabung, alles wieder kaputtzumachen.«

»Du nicht. Du hast Amy gefunden.«

Stone senkte den Blick. »Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wäre ich ihr nicht begegnet.«

»Vermutlich hättest du dein Flugzeug irgendwo gegen geflogen.«

Stone lachte. »Ja, wahrscheinlich. Und sei es nur, um zu hören, wie laut der Knall ist.«

Vorsichtig fragte A.P.: »Hast du in letzter Zeit noch einmal an Selbstmord gedacht?«

Stone schüttelte den Kopf. »Darüber bin ich hinweg.« Sein Gesicht verdunkelte sich. »Und Gott sei Dank weiß außer dir niemand etwas davon. Sollte es je bekannt werden, nehmen sie mir meine Lizenz weg.«

»Keine Angst.« A.P. winkte ab.

»Dann willst du das wirklich durchziehen?«

A.P. stand auf. »Ich bringe dich zur Tür.«

Schweigend gingen sie den Gang hinunter, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Dann sagte A.P.: »Wir wollen nur in Frieden beten, für die gesamte Menschheit.«

Stones Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an. »Ein Mann kann die Welt nicht verändern, A.P. Ich weiß, dass dein Dad nur das Gute im Menschen sieht, aber wenn es um islamische Extremisten geht … Ich war da, ich habe es selbst gesehen.« Seine Stimme wurde weicher. »Wir sind im Krieg.«

»Das hat mir heute schon jemand gesagt«, erwiderte A.P. »Aber das ist jetzt egal. Wir alle sind in Gottes Hand.«

»Jaja, pass nur auf, dass er euch nicht fallen lässt.«

An der Tür trat die Empfangsdame, Samantha Graves, aus ihrem Büro. Sie schaute besorgt drein. »A.P.? Wenn Sie einen Moment Zeit hätten … Da sind ein paar Leute in Konferenzraum Eins.«

»Ich bin gleich da.« A.P. schüttelte Tom die Hand. »Pass auf dich auf, mein Freund.«

»Und du auf dich.« Stone schlug ihm auf die Schulter, drehte sich um und ging durch die Glastür in die Nachmittagshitze hinaus. Es war Anfang Oktober, aber so warm wie sonst im Juli.

A.P. folgte Samantha den Gang zum Konferenzraum hinunter. Immer wieder schaute er zurück. Tom Stones Warnung wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen.

Ein Krieg, Tom? Vielleicht. Aber wir kämpfen auf der Seite des Guten.

A.P. öffnete die Tür zum Konferenzraum. Zwei Männer in Anzügen und eine Frau in elegantem Baumwollkleid standen neben dem Tisch. Einer der Männer trat vor und streckte die Hand aus. »Ambrose Box? Stan Richards.«

»Der stellvertretende Direktor des Heimatschutzministeriums, nicht wahr?« Ambrose ordnete Name und Gesicht richtig zu. »Was kann ich für Sie tun?«

Richards schaute ihn finster an. »Reverend, ich fürchte, wir haben schlechte Nachrichten für Sie.«

»Und wer einen Gläubigen vorsätzlich tötet, dessen Lohn ist die Hölle, worin er bleiben soll. Allah wird ihm zürnen und ihn von Sich weisen und ihm schwere Strafe bereiten.«

Koran, 4:93

3.

DIE HITZE, die aus der irakischen Wüste kam, war brutal. Für Dr. Maureen Cole, eine Kanadierin, die ihre Jugend in den kühlen Wäldern Ontarios verbracht hatte, war der Glutofen der Provinz Anbar umso schlimmer. Sie nahm sich einen Moment Zeit, spürte Schweiß in ihr schmutziges Hemd laufen und starrte in die Weite der Wüste hinaus. Der Horizont schimmerte und tanzte in der silbrigen Ferne. Hitze ließ die Luft wabern und in Wellen über dem kochenden Blech der weißen Toyota-Jeeps aufsteigen. Zusammen mit zwei Humvees parkten sie in einer Reihe hinter den von der Army zur Verfügung gestellten Zelten. Letztere waren im harten Boden verankert und boten den Ausgräbern Schutz sowie Labor- und Lagerraum.

Hinter den Fahrzeugen schwitzten ein paar irakische Wachen mit umgehängten Waffen. Auch sie starrten in die endlose Wüste hinaus. Dann und wann warfen sie einen nervösen Blick zum Bergungszelt, wo Leichen in Plastiksäcken darauf warteten, von einem Truck zum Labor in Bagdad transportiert zu werden. Rechts von ihnen – von der Ausgrabung gesehen gegen den Wind – saßen zwei amerikanische Militärberater auf Klappstühlen hinter einem klapprigen Tisch und taten so, als würden sie im Schatten einer Zeltbahn Papierkram erledigen. Einen Steinwurf von ihrem Tisch entfernt hatten sich kleine Dünen und Sandwehen um flache Wadis geformt, die sich in den harten Untergrund gegraben hatten.

Maureen schaute zur Ausgrabungsstätte zurück. Dreißig der insgesamt fünfzig Meter breiten Grube waren bereits ausgehoben, der Abraum auf der dem Wind abgewandten Seite aufgehäuft. Zwanzig Arbeiter plagten sich mit gekrümmten Rücken ab, um Sand von den irakischen Leichen zu schaufeln.

Links von Maureen spie ein Bagger schwarzen Rauch in den messingfarbenen Himmel. Sie beobachtete, wie Achmed, der Fahrer, die Schaufel senkte. Unter den aufmerksamen Blicken zweier Beobachter schälte der kleine Bagger den Sandboden weg, wobei er nie mehr als zehn Zentimeter auf einmal nahm.

»Dr. Cole?«, rief Assawi aus dem Graben rechts von Maureen. »Könnten Sie sich das mal anschauen?«

Maureen trank den letzten Schluck von ihrem Wasser und warf die leere Flasche in ein altes Ölfass, das dem Lager als Mülleimer diente. Dann ging sie an den Abraumhaufen vorbei zu Assawi. Unten im Graben sah sie die sorgfältig freigelegten Leichen.

Assawi beugte sich über eine Gruppe ineinander verschlungener Leiber, vorsichtig darauf bedacht, die Toten nicht zu stören. Mit äußerster Sorgfalt hatte er gerade den Körper eines Mannes freigelegt, der über dem einer Frau lag. Es reichte nicht, die Leichen einfach nur auszugraben und ihren Familien zurückzugeben, damit diese sie anständig bestatten konnten. Jeder Tote musste sorgfältig gesäubert und katalogisiert werden, um eine Identifizierung zu ermöglichen. Natürlich wurden auch körperliche Merkmale notiert, die bei der Identifizierung helfen konnten.

Später, im Labor, wurde jede Leiche auf Alter, Geschlecht, Statur, Zahnstatus und anderes untersucht. Viele Tote – vor allem Kinder – hatten ohnehin keine anderen Identifizierungsmerkmale. Schließlich wurden DNA- und Blutproben genommen, und der langwierige Prozess der Zuordnung zu den Namen auf den Vermisstenlisten begann.

Ebenso wichtig war die Untersuchung, wie die Leichen in das Massengrab gelangt waren, da dieser Umstand als Beweismittel in zukünftigen Prozessen dienen konnte. Bis jetzt hatte Maureen verifizieren können, dass dieser Graben bei mindestens drei Massenhinrichtungen benutzt worden war. Drei Mal waren Menschen auf Lastwagen hierhergebracht worden; dann hatte man die Opfer am Rand der Grube aufgereiht und erschossen. Überall in der Wüste lagen Patronenhülsen vom Kaliber 7.62.

Es sind so viele … Warum nur habe ich mich freiwillig hierfür gemeldet?

Doch Maureen kannte die Antwort. Diese Aufgabe war eine Flucht für sie, eine Chance, von Nutzen zu sein. Im Augenblick musste sie etwas anderes tun als an der Hochschule zu lehren. Seit sie New Mexico verlassen hatte – und eine Beziehung, die nicht funktioniert hatte –, war ihr Leben ein einziges Chaos.

Maureen hockte sich hin und spähte über Assawis Schulter. Das männliche Opfer lag mit dem Gesicht nach unten, den Leib teilweise um die Frau zu seiner Rechten und ein Mädchen im Teenageralter zu seiner Linken geschlungen. Unter den dreien war die Leiche einer weiteren Frau zu sehen, die Assawi bereits zum Teil wieder ausgegraben hatte. Rechts von ihr hatte er ein orangefarbenes Handtuch ausgelegt, das irgendetwas verdeckte, das noch tiefer vergraben war.

»Ich denke, wir haben den Grabungshorizont erreicht«, erklärte Assawi auf Englisch, aber mit starkem Akzent. »Hier, dieser Sand unter dem Arm …«

Er deutete mit seiner Kelle. Eine dünne Schicht dunklerer Erde, voller Flecken von der organischen Flüssigkeit verrottender Leiber, markierte eine Ebene, die den Mann von der Frau darunter trennte. Nach jeder Hinrichtung war ein wenig Erde auf die Toten geworfen worden. Diese Schicht war dünn genug gewesen, dass die nächsten Opfer voller Entsetzen hatten sehen können, wo auch sie enden würden.

»Ja, das ist er.« Maureen beobachtete, wie Assawi nach seinem Klemmbrett und einem Maßband griff, um die genaue Lage der Leichen aufzuzeichnen. Von einem Messpunkt an einem Datumsstab maß er die Tiefe des dunklen Sandbodens, der die Leichen voneinander trennte.

»Können wir die oben Liegenden schon wegnehmen?«, fragte er.

»Ja, ich denke, wir haben genug Informationen.«

Wo Assawi arbeitete, hatte der Wind den Sand verweht, sodass es schwierig gewesen war festzustellen, wie genau die Opfer gefallen waren. Die Ausgräber hatten die Reihenfolge nur ermitteln können, indem sie sich anschauten, auf welche Weise die Gliedmaßen ineinander verschlungen waren. In anderen Fällen hatten sie Spuren gefunden, beispielsweise Patronenhülsen vom Kaliber 7.62. Eine AK47 warf die Hülsen nach vorne rechts aus. Gnadenschüsse für Verwundete waren vom Rand der Grube aus abgefeuert worden, kurz bevor wieder Sand hineingeschaufelt worden war.

Assawi rief irgendetwas auf Arabisch, und zwei Arbeiter brachten die schwarzen Leichensäcke. Assawi hatte die Herkunftskarten ausgefüllt und sie an Arm- oder Fußgelenken befestigt. Geschützt mit Handschuhen und Gesichtsmasken hoben die Arbeiter vorsichtig die halb verfaulten Toten heraus und verstauten sie in den Leichensäcken. Dann wurden die Leichen eine nach der anderen zum Zelt getragen, wo sie auf den Abtransport warteten.

Der Wind drehte sich und trug den Gestank in Maureens Nase. Der widerliche Geruch ließ sie nur leicht die Lippen schürzen. Sie lehnte sich zurück, um besser atmen zu können und ihren Hut zu richten. Schweiß lief ihr über die Wangen und zog eine weitere Spur durch den Dreck, der ihre Haut bedeckte.

»Sie sollten sich auch das hier mal ansehen.« Assawi streckte den Arm aus und zog das Handtuch weg. Er hatte noch tiefer gegraben und ein dreieckiges Loch neben Unterarm und Hüfte der toten Frau ausgehoben. Dort konnte Maureen den teilweise freigelegten Schädel eines kleinen Mädchens erkennen. Erde füllte die Augenhöhlen und klebte an einem hellblauen Kleid.

Assawi machte sich daran, mit der Kelle noch mehr von dem kleinen Leichnam freizulegen. Obwohl die Ausgrabung noch nicht abgeschlossen war, sah Maureen, dass das Mädchen einen Arm um das Bein der toten Frau geschlungen hatte; in dem anderen hielt sie einen schmutzigen grauen Teddybären.

»Mein Gott!«, stieß Maureen hervor. Ihr Blick war auf den Schädel des kleinen Mädchens gerichtet, während Assawi mit einem Pinsel den Sand entfernte. Zwar waren ein Teil der Kopfhaut und fast das gesamte lange schwarze Haar erhalten geblieben, doch auch ein Stück des Stirnknochens lag frei. In diesem Knochenstück konnte Maureen ein sauberes, rundes Loch erkennen. Sie musste nicht nachmessen: Kaliber 7.62, eindeutig. Das Geschoss stammte also von derselben Art Waffe, die auch die anderen getötet hatte.

»Sie hat sich zusammengekauert«, erklärte Assawi leise. »Sie hat also noch gelebt, als sie hier reingeworfen wurde.«

»Und sie hat sich ans Bein ihrer toten Mutter geklammert.« Maureen atmete tief durch; den Gestank bemerkte sie kaum noch. »Sehen Sie sich das Einschussloch an, Assawi. Mitten in die Stirn. Sie hat nach oben geschaut … genau in die Augen des Mannes, der sie erschossen hat.«

»Das habe ich mir auch gerade gedacht.« Assawi wischte sich den Dreck von seinem verschwitzten braunen Gesicht.

»Machen Sie Fotos.«

»Geht klar.«

Maureen musste sich zusammenreißen, als leichte Übelkeit sie überkam. Was für ein Ungeheuer kann einem kleinen Mädchen in die Augen schauen, wenn er es erschießt? Obwohl sie so etwas schon so oft gesehen hatte, überkam sie eine schwarze Woge der Verzweiflung. Galle sammelte sich in ihrer Kehle.

»Nach all den Mädchen und Frauen in Mazar-e-Sharif … Warum geht dir ausgerechnet dieses Kind so nahe?«, murmelte Maureen leise vor sich hin. Sie schaute wieder in die Grube, als stünde dort der Geist des Mädchens und starre sie mit großen braunen Augen an. Maureen sah das blaue Baumwollkleid im Wind flattern und stellte sich vor, wie das kleine Mädchen sich den Teddybären an die Brust drückte. Es war, als wolle das Kind sie zu irgendetwas auffordern.

Zu was?

Maureen schüttelte sich und wandte sich zum Gehen, um sich einen Becher Wasser zu holen, drehte sich dann aber noch einmal um und starrte erneut auf die zerknüllten Kleider und die halb verfaulten Leichen. Wie viele Menschen konnte ein eins achtzig mal zwei Meter großer Graben enthalten? Wie tief war er? Wieder erfasste sie tiefe Verzweiflung.

Du musst darüber hinwegkommen. Das hier ist nicht deine erste Show.

»Fühlen Sie sich nicht gut, Dr. Cole?« Assawi blinzelte im grellen Sonnenlicht.

»Nach den Tausenden von Toten, die ich in den letzten Jahren ausgegraben habe … Warum ausgerechnet sie, Assawi? Warum sehe ich ausgerechnet ihren Geist, wie er mich anstarrt? Warum verlangt ausgerechnet sie irgendetwas von mir, das ich nicht verstehe?«

»Vielleicht liegt es daran, dass Ihre Seele sich noch immer ihr Mitgefühl und ihren Sinn für Gerechtigkeit bewahrt hat. Für Menschen wie Sie hält Allah im Paradies einen besonderen Platz zu seiner Rechten bereit.«

»Ich dachte, das gelte nur für männliche Märtyrer, Assawi.«

»Offenbar haben Sie Ihren Koran nicht gelesen, Dr. Cole. Allah segnet die Gerechten und Barmherzigen. Sie sind beides.« Assawi schaute zu dem kleinen Mädchen hinunter. »Diejenigen aber, die das getan haben, werden vor Allah keine Gnade finden, sondern tausendfach leiden.«

»Inshallah«, flüsterte Maureen.

Das Knattern eines Helikopters in der Ferne riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um. »Was ist denn jetzt?«

Die beiden amerikanischen Beobachter standen auf, traten aus dem Schatten und beobachteten den sich nähernden Blackhawk-Helikopter.

Da sie viel im Irak umherreisen musste, war Maureen so etwas wie eine Expertin in Sachen Hubschrauber geworden. Selbst mit Sicherheitskräften an ihrer Seite waren die Straßen noch schlimm genug; ständig musste man sich vor einem Hinterhalt fürchten. Trotzdem traute Maureen den Hubschraubern noch immer nicht.

Der Blackhawk wurde langsamer und wirbelte eine Staubwolke auf, die mit dem Wind nach Westen davontrieb. Zwei Männer sprangen aus dem Helikopter und duckten sich unter dem schwirrenden Rotor. Die Amerikaner waren bereits auf dem Weg, wobei sie die interessiert dreinschauenden irakischen Wachen mit ihren Kalaschnikows geflissentlich ignorierten.

Maureen ging zum Versorgungszelt, holte sich eine weitere Wasserflasche von der mit Plastik umwickelten Palette und schraubte sie auf. Sie trank noch immer von dem warmen Wasser, als ein Major in Uniform um das Zelt kam. Er blieb stehen und musterte Maureen. Die Neugier in seinem Blick war nicht zu übersehen.

»Dr. Cole?«, fragte er.

»Höchstpersönlich. Und Sie sind?«

»Major Hansen, Ma’am.«

Dass er sie anstarrte wie ein Pin-up, schien ihm nicht einmal bewusst zu sein. Normalerweise schauten Männer stets zweimal hin, wenn Maureen vorbeiging; doch dann trug sie für gewöhnlich Kleidung, die ihren vollen Busen, ihre schmale Taille und die schlanken Beine betonte. Und in der normalen Welt trug sie ihr langes schwarzes Haar offen, wobei ihr die paar grauen Strähnen egal waren: Sie hatte für jede einzelne davon bezahlt. Hinzu kam, dass die breiten Wangenknochen und die leicht dunkle Haut ihrer indianischen Mutter mit dem kräftigen Kinn und der geraden Nase ihres schottischen Vaters harmonierten. Warum Major Hansen jedoch ausgerechnet unter diesen Umständen so hingerissen von ihr war, entzog sich ihrem Verständnis. Maureen hatte ihr Haar, in dem Sandkörner funkelten, zu einem straffen Zopf geflochten, und ihr verschwitztes Gesicht war dreckverschmiert. Das weite Hemd und die Jeans schmeichelten ihr auch nicht gerade; außerdem waren auch sie voller Schweiß und Staub. Zudem stank sie zweifellos so unangenehm wie die Leichen, die sie den ganzen Tag über ausgegraben hatte.

»Kann ich Ihnen helfen, Major? Oder sind Sie nur hierhergekommen, um mich anzugaffen?«

Er grinste. »Tut mir leid, aber Sie sind nicht gerade das, was ich erwartet habe.«

»Und was haben Sie erwartet? Oder sind Sie vielleicht schon ein bisschen zu lange in der Wüste?«

»Nun, ich habe Sie mir kleiner und älter vorgestellt, mit dicken Brillengläsern, einem Laborkittel und …« Er lachte leise. »Tut mir leid … Es ist etwas passiert. Man hat mich geschickt, um Sie zurückzuholen. Man will Sie so schnell wie möglich in Bagdad sehen.«

»Bin ich in Schwierigkeiten?«

Major Hansen zögerte kurz. »Sollten Sie?«

»So was soll schon vorgekommen sein. Ich neige dazu, mich mit der Regierungspolitik zu überwerfen, sowohl mit der US-amerikanischen als auch mit der kanadischen, nur damit alles schön im Gleichgewicht bleibt.«

»Ich habe Befehl, Sie nach Bagdad zu bringen«, wiederholte Major Hansen und fügte in strengem Tonfall hinzu: »Sofort.«

»Ich bin hier gerade ziemlich beschäftigt.« Maureen konnte nicht anders, als zu dem langen Graben zurückzublicken. Aus diesem Blickwinkel waren die Leichen nicht zu sehen. Die Erinnerung an das Einschussloch im Kopf des kleinen Mädchens, das seinen Teddybären umklammert hielt, ließ sie bis tief in die Seele schaudern.

»Ja, Ma’am, das sehe ich. Aber Sie müssen jetzt mitkommen. Befehl ist Befehl.«

»Ich habe einen Privatvertrag.«

»Dessen ist man sich bewusst, da bin ich sicher.«

Maureen drehte sich um. »Assawi? Sie und Charles haben das Kommando.« Sie ging zu ihrer Werkzeugkiste, nahm die Kelle aus der Gesäßtasche und warf sie zu den Plastikbändern, Pappschildern, Bambusstöcken und ihrer Kamera. »Ich nehme an, das brauche ich nicht, oder?«

Neugierig warf der Major einen Blick in die Kiste und schüttelte den Kopf.

»Neugierig – neugieriger – Major Hansen.«

»Befehle, Ma’am«, erklärte er.

Maureen sah ihm an, dass er nicht nachgeben würde. »Wissen Sie eigentlich, was wir hier tun?«

»Ja, Ma’am, und ich segne Sie dafür.« Er schaute zu dem Graben. »Das erinnert uns daran, dass unsere Truppen nicht umsonst im Irak sind.«

Maureen nickte. Sie war seltsam erleichtert bei dem Gedanken, von hier wegzugehen. Die Schuldgefühle würden später kommen.

Bitte, Gott. Keine toten Kinder mehr.

A.P. studierte die Mienen der beiden Männer und der einen Frau. Der Konferenzraum wurde von einem großen Furniertisch beherrscht, um den herum Bürostühle standen. Die Wände waren mit verschiedenen Bibelzitaten geschmückt, die meisten davon aus der Offenbarung des Johannes, wobei es um das Öffnen der Schriftrolle mit den sieben Siegeln ging.

A.P. blieb in der Tür stehen. Sein Magen rumorte, und ihm war der kalte Schweiß ausgebrochen. Was immer Stan Richards und dessen Kollegen von ihm wollten, es war nichts Gutes.

Stan Richards war um die fünfzig Jahre alt, wirkte ausgesprochen gesund und besaß perfekt frisiertes Haar, das den Teint seines feinknochigen Gesichts betonte. Er nickte, als er vortrat, um A.P. die Hand zu schütteln.

A.P. schloss die Tür und setzte sich an den Kopf des Tisches. Die anderen nahmen ebenfalls Platz.

»Das ist Ralph Manning«, stellte Richards die anderen vor. »Sein Spezialgebiet sind die arabischen Länder. Und dies ist Susan Fields, eine unserer Verbindungsleute zur CIA.«

A.P. rang sich ein Lächeln ab und schüttelte Hände. »Was kann ich für Sie tun?«

Richards atmete tief durch, als müsse er sich zusammenreißen. Fields und Manning legten die Hände auf den Tisch, die Blicke gesenkt.

»Ihre gesamte Familie befindet sich auf diesem Schiff, nicht wahr?«, fragte Richards in sanftem Tonfall.

»Meine Eltern, meine Schwester Ang und meine Brüder Robby und Sewell. Dazu kommt fast die gesamte Leitung unserer Gemeinde sowie viertausend unserer Mitglieder. Mr. Richards, wir alle glauben an den Frieden. Mit unserem Auftreten wollen wir der Welt zeigen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir alle lieben und verehren Gott. Die Zeit ist gekommen, da wir aufhören müssen, uns in seinem Namen gegenseitig umzubringen.«

Wieder atmete Stan Richards tief durch. »Es geht hier nicht um die Ziele der Mission Ihres Vaters.«

A.P. glaubte, einen Hauch Feindseligkeit wahrzunehmen, und so fügte er hinzu: »Schauen Sie – Dad ist überzeugt, dass wir auf eine globale Umweltkatastrophe zusteuern.«

»Wir sind nicht hier, um mit Ihnen zu debattieren, Reverend«, sagte Richards. »Vor vier Tagen hat die Ocean-Star-Reederei den Kontakt zum Schiff Ihres Vaters verloren. Als die White Star den Hurrikan Itrice südlich umfahren hat, ist sie mit einem Mal verschwunden. Über kaltem Wasser hatte der Hurrikan sich von einem Sturm der Kategorie fünf zur Kategorie eins abgeschwächt. Im letzten Funkspruch hieß es, die White Star fahre durch raue See. Man habe Probleme mit seekranken Passagieren, käme ansonsten aber gut voran. Dann kam nichts mehr.«

»Wollen Sie damit sagen, das Schiff ist gesunken?«, platzte A.P. heraus.

Manning meldete sich zu Wort. Er schüttelte den Kopf. »Das Schiff hat über GPS weiter seine Position gefunkt. Es gab nur keinen direkten Kontakt mehr.«

Richards schaute A.P. mitfühlend an. »Die Leute von Ocean Star haben die Küstenwache um Hilfe gebeten. Task Force Spear, die Trägergruppe der Ronald Reagan, war in dem Gebiet. Sie haben einen Hubschrauber losgeschickt, der die White Star dann auch gefunden hat. Erste Berichte wurden von einer Landung auf dem Schiff selbst bestätigt. Alle an Bord sind tot.«

A.P. lief ein kalter Schauder über den Rücken. »Was meinen Sie damit? Tot?«

»Derzeit kennen wir noch nicht den Grund dafür«, sagte Susan Fields. »Es gibt keinerlei Spuren von Gewalt. Die Menschen scheinen einfach zusammengebrochen zu sein.«

A.P. wurde übel. Er blinzelte ungläubig. Tot? »Das … Das kann nicht sein.«

»Es tut mir wirklich sehr leid«, sagte Richards leise, den Blick auf eines der Zitate aus der Offenbarung gerichtet. »Die Navy hat erste Untersuchungen eingeleitet. Die White Star wird nach England gebracht. Sobald sie dort ist, wird ein Expertenteam jeden Zoll untersuchen. Wir werden schon herausfinden, was passiert ist. Bis dahin …« Er seufzte.

»Ich weiß, es ist nicht fair«, sagte Susan Fields, »aber Sie werden sich bald im Zentrum eines Mediensturms wiederfinden. Sobald die Welt herausfindet, was geschehen ist, wird es niemanden mehr kümmern, dass Sie gerade Ihre gesamte Familie verloren haben oder viele enge Freunde. Die Presse wird Interviews wollen – je emotionaler, desto besser.«

»Diese dreckigen Geier«, murmelte Manning und wandte sich ab.

»Lass es, Ralph«, knurrte Richards.

A.P. schüttelte den Kopf. Nicht alle. Das kann nicht sein! Sie waren doch mitten auf See.

»Das … Das ist unmöglich«, flüsterte er. Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge: Mom, wie sie lächelte; Dad, wie er ihn auf seine typische Art amüsiert anschaute, mit einer gehobenen Augenbraue; Robby, wie er mit seinem neuen Pontiac-Cabrio vorfuhr, das Verdeck offen; Sewell bei seiner Highschoolabschlussfeier, wie er unter seinem quadratischen Barett strahlte …

Tot?

»Reverend«, riss Susan Fields ihn aus seinen Gedanken, »wir müssen uns der Möglichkeit stellen, dass jemand Ihren Vater davon abhalten wollte, das Heilige Land zu erreichen.«

»Reverend?« Richards beugte sich über den Tisch und schob sich so in A.P.s Blickfeld. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Wir sind im Krieg. Die Worte der Offenbarung sprudelten aus A.P.s Seele hervor: »Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren.«

4.

DIE IRON BUTT Association hatte strenge Regeln, über die Langstreckenfahrer manchmal fluchten, doch nach all dem Papierkram, mit dem Skip sich bei unterschiedlichen Operationen hatte herumschlagen müssen, waren ein Fahrtenbuch, eine Liste von Empfangsbestätigungen und ein paar Tachoscheiben die reinste Erleichterung.

Der Morgen färbte Montanas Horizont rosa, als Skip die Lichter seiner BMW 1150RT abblendete. Der Trucker auf der Gegenfahrbahn nach Westen tat das Gleiche. Auf den Interstates im Westen kam man gut voran, besonders nachts. Der Trick war: Man brauchte gutes Licht. Dann und wann ein Hirsch, seltener ein Elch, ganz zu schweigen von einer verirrten Kuh waren schon gefährlich genug. Traf so ein Tier auf ein Auto, war es der Beginn eines ziemlich üblen Tages; traf es ein Motorrad, konnte der Fahrer sich von diesem Leben verabschieden. Mit guten Scheinwerfern jedoch konnte man Tiere früh genug sehen und ihnen ausweichen. Lag aber eine Palette oder andere heruntergefallene Ladung quer auf der Straße, machte ein Motorradfahrer einen Abflug, ehe er wusste, wie ihm geschah.

Skip rutschte auf seinem Schafsledersitz hin und her. Dann verriegelte er das Gas und machte Fingerübungen mit der rechten Hand, um die Krämpfe zu lösen. Mann, was würde er für einen Tempomat geben, wie die neueren Modelle ihn hatten! Trotzdem fühlte er sich alles in allem ziemlich gut.

Das Lämpchen an der Tankanzeige sagte ihm, dass er nicht einmal mehr drei Liter Sprit im Tank hatte. Zum letzten Mal hatte er kurz nach ein Uhr morgens in Missoula getankt. Dabei hatte er sich auch Zeit für ein Sandwich aus der Mikrowelle genommen, eine Tasse Kaffee getrunken und sich noch einen Energydrink eingeworfen.

Columbus, Montana, lag unmittelbar vor ihm. Dort gab es eine große, bei Truckern beliebte Raststätte an der Ausfahrt. Da konnte er tanken, aufs Klo und noch einmal etwas trinken, ehe er sich auf das letzte Wegstück nach Billings machte. Laut Plan sollte er im Billings Holiday Inn neben der Interstate einchecken und acht Stunden schlafen. Nach dem Weckanruf würde er dann der I-94 nach Minneapolis folgen und anschließend nach Madison in Wisconsin weiterfahren, das noch einmal gut tausendeinhundert Meilen entfernt lag. Wenn er eine Durchschnittsgeschwindigkeit von siebzig Meilen die Stunde beibehielt, würde er genau rechtzeitig eintreffen, um im Marriott einzuchecken, seine Ankunft vom Empfangschef bestätigen zu lassen und anschließend so lange zu schlafen, wie er wollte.

Bis jetzt hatte er viertausend Meilen in vier Tagen hinter sich gebracht. Er war jeweils sechzehn Stunden gefahren, und acht hatte er geschlafen. Tagein, tagaus. Schon seit Jahren hatte er diese Fahrt machen wollen und Monate mit der Planung verbracht. Viele Fahrer rissen mal eben tausend Meilen am Tag ab, aber fünftausend in fünf Tagen? Da gehörte man schon zu einem Eliteklub. Skips Name würde in die Annalen jener Hand voll Männer eingehen, die zu solch einer Ausdauerleistung fähig waren.

Um ihn herum schälte sich allmählich Montana aus der Dunkelheit. Skip konnte Bäume, Hügel, Sandsteinklippen und den Yellowstone River zu seiner Rechten sehen. Das hier war gutes Land; nur gelegentlich waren in der Ferne die Lichter einer Ranch zu sehen.

Als das Ausfahrtsschild sich aus dem trüben Zwielicht des Morgengrauens schälte, bremste Skip, blieb kurz stehen und bog in die Zufahrt der Raststätte ein.

Er seufzte, als er neben einer Zapfsäule hielt und den Stecker aus seiner elektrisch beheizten Weste zog. Steif stieg er vom Sattel, bockte sein Bike auf und öffnete den Tank.

Während bleifreies Super in die Maschine strömte, griff Skip in seine Tasche und überprüfte seinen BlackBerry. Es dauerte einen Moment, bis er im grellen Licht der Tankstellenbeleuchtung das Display sehen konnte. Laut Anzeige warteten fünfzehn Nachrichten auf ihn.

Fünfzehn? Als er in Missoula losgefahren war, hatte er noch keine einzige gehabt. Und er war die ganze verdammte Nacht durchgefahren.

Skip füllte den Tank bis obenhin, zog den Beleg aus der Zapfsäule und überprüfte, ob Datum, Zeit und Füllmenge stimmten. Den Beleg legte er zu dem wachsenden Stapel Quittungen in einem kleinen Fach an seinem Tank. Jeden dieser Belege würde er fotokopieren und zusammen mit dem Fahrtenbuch an die Iron Butt Association schicken müssen, damit die Fahrt registriert wurde.

Skip nahm den Helm ab und hing ihn über den Lenker, ehe er in den Laden ging. Ein gelangweilt dreinblickendes blondes Mädchen saß hinter dem Tresen; sie verschwendete kaum einen Blick an Skip.

Auf der Toilette leerte Skip seine Blase, wusch sich die Hände und rief die Nachrichten auf seinem BlackBerry ab.

Zuerst die Textnachrichten: Skip, ich weiß! Es ist mitten in der Nacht. Ruf mich an, sobald du das hier bekommst. Je eher, desto besser. Du wirst gebraucht. Ich werde es weiter versuchen, bis du antwortest. Nancy.

Auf dem Weg hinaus kam Skip wieder an der gelangweilten Bedienung vorbei und trat hinaus ins Morgengrauen. Er drückte die Schnellwahltaste. Nancy, seine Sekretärin, nahm nach dem ersten Klingeln ab.

»Skip?«

»Ja. Was ist denn?«

»Kennst du Bill Reeves? Vom Außenministerium?«

»Wenn Bastard-Bill etwas damit zu tun hat, bin ich nicht interessiert.« Skip hatte schon früher mit Reeves gearbeitet. Sie verabscheuten einander wie Mungo und Kobra – und das schon seit der Zeit vor dem Debakel im Iran.

»Er will, dass du ihn anrufst, bevor du mit jemandem namens Jupiter Adams sprichst.«

»Mit wem?«

»Hast du schon mal von der Ocean-Star-Reederei gehört?«

»Sicher.« Die Ocean Star war noch verhältnismäßig neu in der Welt der Kreuzfahrtveranstalter. Sie hatten für ziemlich viel Aufhebens gesorgt, als sie zwei europäische Reedereien aufgekauft und Unsummen für Werbung ausgegeben hatten. »Eine niederländische Reederei, stimmt’s?«

»Ja. Sie haben das ausgefallenste Kreuzfahrtschiff in der ganzen Branche gebaut. Jetzt ist irgendwas damit passiert.«

»Und was?«

»Ich weiß es nicht. Aber in den letzten vier Stunden hat dieser Jupiter Dingens fünfmal hier angerufen. Ich hab im Internet nach ihm gesucht. Er ist der Geschäftsführer von Ocean Star. Der erste Anruf von Bill Reeves kam kurz vor Mitternacht auf der Notfallleitung. Er hat gesagt, Jupiter würde anrufen, aber er wolle zuerst mit dir reden. Reeves war ziemlich hartnäckig. Du sollst unter gar keinen Umständen mit Jupiter sprechen, bevor du ihn nicht angerufen hast. Er hat gesagt, er wolle dich zuerst briefen.«

Skip seufzte. »Ein Grund mehr, Jupiter anzurufen, bevor ich mit Bastard-Bill spreche.«

»Reeves hat sich schon gedacht, dass du das sagen würdest. Deshalb soll ich dir ausrichten, die Sache sei wichtig genug, dass du ihn bitte zuerst anrufst.«

»Was? Bist du sicher, dass wir über denselben Reeves sprechen? Dieses schleimige Arschloch, das inzwischen Unterstaatssekretär im Außenministerium ist?« Skip hob eine Augenbraue und schaute zum klaren Horizont Montanas. Die Hügel waren voller Pinien und schimmerten sanft im purpurfarbenen Licht des frühen Morgens. In der Ferne hatten die Beartooth Mountains einen rubinfarbenen Ton angenommen, und ihre felsigen Gipfel funkelten.

»Ja, genau der«, bestätigte Nancy.

»Bastard-Bill sagt nicht bitte. Dieses Wort kann er gar nicht mit den Lippen formen.«

»Und das heißt?«

»Entweder hat er eine Scheißangst, oder er hat einen Weg gefunden, mich zu verarschen.«

Skip ging zu seinem Motorrad zurück und zog sein Notizbuch aus der Gesäßtasche der Kombi. Dann beugte er sich über den Sitz der BMW und schrieb sich die Telefonnummern von Reeves und Jupiter Adams auf, die Nancy ihm vorlas.

Reeves’ Nummer hatte eine Vorwahl von Washington D.C., was bedeutete, dass er nicht in seinem Haus im ländlichen Virginia war. Er musste die ganze Nacht durchgearbeitet haben. Das – verbunden mit dem »Bitte« – bereitete Skip nun doch Sorgen.

Reeves’ Sekretärin nahm den Anruf entgegen, ließ sich Skips Namen nennen und legte ihn in eine Warteschleife. Es dauerte nicht lange.

»Skip?«

»Hallo, Bill. Was ist los?«

»Ist das eine sichere Verbindung?«

»Zum Teufel, nein! Ich stehe an einer Raststätte in Columbus, Montana.«

»Ha, ha, ha. Lass die blöden Scherze! Ich bin heute Morgen nicht in der Stimmung für so einen Stuss.«

»Ich bin in Urlaub«, erklärte Skip. »Das ist auch so ein Wort, das nicht zu deinem Vokabular gehört. Also, was ist los?«

»Ein Kreuzfahrtschiff …«, begann Reeves. Er klang angespannt. »Alle an Bord sind tot. Die Navy ist zum Glück als Erste dort eingetroffen. Sie schleppen das Schiff nach England, um es dort vor der Küste ankern zu lassen, während die Forensiker ihre Arbeit machen. Die Medien werden die Story irgendwann heute Morgen bringen.«

»Die üblichen Verdächtigen?« Damit meinte er Al Kaida, die Hamas, die Hisbollah oder irgendeine neue Mischung aus iranischen, wahabbitischen oder schiitischen Extremisten.

»Vermutlich«, bestätigte Reeves zurückhaltend, »aber wir wissen es nicht genau. Bis jetzt hat noch niemand die Verantwortung übernommen.«

»Verstehe. Und dieser Jupiter Adams?«

»Ist der Chef von Ocean Star. Sie wollen ihre eigene Untersuchung durchführen. Der übliche Tanz, um etwaigen Forderungen vorzubeugen und zu beweisen, dass sie die Guten sind. Du weißt schon: Wie ist das passiert? Wie kann man verhindern, dass es noch einmal geschieht? Irgendwie ist dein Name als Sicherheitsberater ins Gespräch gekommen. Ich habe denen gesagt, was für ein Penner du bist; aber sie wollen dich trotzdem.«

»Hach, was haben wir für eine innige Beziehung«, spottete Skip.

»Sei nicht so ein Arsch. Tatsache ist: Du kannst Dinge tun, die wir nicht tun können. Wir stecken bis zum Hals im Dreck. Mann, das tut weh, aber ich muss dich um einen Gefallen bitten, Skip. Würdest du mich auf dem Laufenden halten?«

Reeves’ Tonfall ließ Skip heftiger schaudern, als selbst die größte Kälte in Montana es vermocht hätte. »Was genau ist mit dem Schiff passiert, Bill?«

»Mehr als viertausend Menschen sind tot. Vielleicht Gas. Vielleicht Gift. Was nun die Frage betrifft, wie die Angreifer das mitten auf dem Atlantik angestellt haben … Nun, die Techniker werden es schon herausfinden. Oh … und fast alle Opfer gehören zu Bobby Box’ Crusade of Liberation. Erinnerst du dich, worum es dabei ging?«

»Ja, er wollte nach Jerusalem, um auf dem Tempelberg zu beten. Es war ein ziemlicher Aufstand, all die Visa zu bekommen und für entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu sorgen. Israel hat sich widerspenstig gezeigt, und die Muslime haben gedroht …« Skip schluckte. »Verdammt.« Hier, in der Stille dieses wunderschönen Morgens in Montana, wirkte das alles unwirklich.

»Meine Mitarbeiter haben Columbus, Montana, gefunden«, sagte Bill. »Ich würde ja ein Flugzeug schicken, aber es geht schneller, wenn du eine reguläre Maschine nimmst. Wir haben für acht Uhr fünfundvierzig ein Ticket für dich von Billings gebucht. Wenn du Gas gibst, kannst du es schaffen. Um fünfzehn Uhr fünfundvierzig, bei der Landung in Dulles, wird jemand dich abholen. Solltest du Jupiter anrufen, sag ihm, dass du unterwegs bist.«

»Hey, ich hab den Job noch gar nicht angenommen. Und was ist mit meinem Bike? Glaubst du etwa, ich würde es einfach mitten in Montana stehen lassen?«

»Verfüttere es an einen Bären – was weiß ich. Das ist mir scheißegal. Du magst ein Arschloch sein, Skip, aber ich kenne dich. Das hier willst du nicht verpassen.«

Sie hatten Maureen direkt zum Bagdad International Airport geflogen und zweihundert Meter von einer mächtigen braunen C-130 Hercules entfernt geparkt.

»Das ist der erste Flug nach England, den wir buchen konnten.« Hansen hatte gegrinst. »Ihr Gepäck ist bereits abgeholt worden und unterwegs. Sollte es nicht rechtzeitig hier sein, wird man es Ihnen nachschicken.«

»England?«, hatte Maureen unsicher gefragt. »Worum geht es hier eigentlich? Was ist denn in England passiert?« Bilder von zerfetzten Bussen und U-Bahnwagen nahmen vor ihren Augen Gestalt an. Aber nein, die Briten hatten jede Menge Erfahrung mit Bombenanschlägen. Hier musste es um etwas anderes gehen – etwas viel Größeres.

Hansen zuckte nur mit den Schultern, als sie über das glühend heiße Rollfeld gingen. »Ich bin nicht sicher, Dr. Cole. Ich habe nur Befehl, Sie zu finden und so schnell wie möglich herzubringen. So ist die Army. Wir bekommen einen Auftrag, und den erfüllen wir.«

Maureen schaute auf die Schweißflecken, den Staub und die Salzringe auf ihren Kleidern. »Ich muss wenigstens erst mal duschen und mich umziehen.«

»Tut mir leid, Ma’am. Meine Befehle lauten, Sie an Bord der Maschine zu bringen. Beschweren Sie sich bei Ihrem Kongressabgeordneten.«

»Ich bin Kanadierin.«

»Dann wenden Sie sich an Ihren Premierminister.«

Sie erreichten die offene Laderampe. Ein Airman, muskulös, schwarz, Anfang zwanzig, kam die Rampe hinunter. Er trug seinen Fliegeranzug und salutierte vor Hansen.

»Ist das Dr. Cole?«, fragte der Mann mit starkem Brooklynakzent.

»So ist es, Corporal. Sie gehört Ihnen.«

»Wenn Sie bitte an Bord kommen würden, Ma’am.« Der Corporal bot Maureen die Hand an, um ihr auf die Rampe zu helfen. »Ich bin Corporal Sanders, der Lademeister von diesem Monster. Willkommen an Bord.«

Maureen schaute sich im dunklen Innern des Flugzeugs um; sie sah Aluminiumstreben und elektrische Leitungen. Der vernarbte Boden war voll mit zugedeckten Containern, Maschinenteilen, deren Zweck Maureen nicht einmal erahnen konnte, und länglichen Kisten, die verdächtig nach Särgen aussahen. Alles war mit Netzen, Riemen und Haken gesichert und sah sehr militärisch aus. »Worum geht es hier eigentlich, Corporal?«

»Ich weiß es nicht, Ma’am. Wir sind nur für den Transport verantwortlich. Aber wenn Sie mir nach vorne folgen würden, werde ich Ihnen einen Sitzplatz besorgen. Das hier ist vielleicht nicht die Delta Airlines, aber wir werden Sie rechtzeitig ans Ziel bringen.«

Maureen versuchte, sich auf der engen, stählernen Toilette zu waschen, wenigstens Hände und Gesicht. Sonst gab es nicht viel, was sie tun konnte. Sie war gerade erst fertig, als Corporal Sanders zurückkehrte, um sicherzustellen, dass sie sich korrekt angeschnallt hatte.

Und mein Gepäck?, fragte sie sich, als die Motoren losdröhnten und die sechsblättrigen Propeller antrieben. Dann rumpelte das große Transportflugzeug über die Bahn und wurde wieder langsamer. Maureen spürte, wie die Maschine wendete und zu zögern schien, ehe das Motorengeräusch zu einem Donnern anwuchs. Die Hercules stürmte buckelnd voran, und Maureen wurde von den Beschleunigungskräften in den Sitz gedrückt.

Sie verbrachte den langen und eintönigen Flug damit, sich zu fragen, was in England wohl Schreckliches geschehen sei. Dann wurde sie unvermittelt aus dem Schlaf gerissen, als das große Flugzeug aufsetzte. Maureen war erstaunt, dass sie überhaupt hatte schlafen können. Und die ganze Zeit hatten sie Albträume von einem kleinen, toten, irakischen Mädchen gequält.

Gott, sag mir, dass es nicht wieder so etwas ist wie am 11. September. Ich verliere einen Teil meiner Seele, töte meine eigene Menschlichkeit …

Sie landeten im Dunkeln. Als die Hercules zum Stehen gekommen war, öffnete Corporal Sanders die Seitenluke und half Maureen, die steifbeinig zum wartenden Range Rover hinunterkletterte. Mit sichtlicher Erleichterung sog sie die kühlen, feuchten Gerüche Englands ein. Der Fahrer, ein lächelnder Brite in Zivilkleidung, öffnete die Beifahrertür. Als Maureen saß, fuhren sie los, durch die Sicherheitskontrollen, vorbei an einem Maschendrahtzaun und auf die linke Fahrbahn.

»Sind Sie das erste Mal in England?«, fragte der Fahrer, ein schlaksiger Mann mit beginnender Glatze und hüpfendem Adamsapfel.

»Ich war schon mal in London. Wo sind wir?«

»In Bournemouth, Mum.« Der Fahrer schaute Maureen mit blassblauen Augen an. »Tut mir leid wegen der verdammten Hitze. Ganz Europa wird regelrecht gegrillt. Über fünfzigtausend Menschen sind schon gestorben. Hat mit der Erderwärmung zu tun, nehme ich an.«

»Glauben Sie mir, im Vergleich zum Irak ist es hier kühl.«

»Sie sind wegen dem Schiff hier, stimmt’s?«

»Was für ein Schiff?« Trotz ihrer Müdigkeit war Maureens Interesse geweckt.

»Das in den Nachrichten natürlich. Das Kreuzfahrtschiff. Draußen auf See. Allesamt tot – dieser Yankee-Prediger und seine ganze Herde.«

»Tot? Wie?«

»Das weiß ich nicht, Mum. Ziemlich mysteriös das Ganze. Einige sagen, die Araber stecken dahinter.«

Der Mann fuhr Maureen durch die nächtlichen Straßen, vorbei an schmucken Reihenhäusern, Tankstellen und geschlossenen Läden. Schließlich erreichten sie die Marinebasis von Poole Harbor. Der Fahrer zeigte dem Wachmann einen Ausweis vor und fuhr dann an Lagerhäusern und Büros vorbei zu einem erleuchteten Gebäudekomplex. Auf dem Schild davor stand »Nachrichtendienst«.

Ein uniformierter Soldat der Royal Marines trat an den Wagen und bat Maureen höflich, ihm zu folgen. Er führte sie über einen Bürgersteig, der von gelblichen Natriumdampflampen erhellt wurde, zu einem Ziegelgebäude mit Giebeldach. Drinnen schritten sie durch einen Gang zu einem Raum, der mit »Konferenz« beschriftet war.

Was denn jetzt? Es ist mitten in der Nacht.

Hundemüde betrat Maureen den vielleicht sechs mal sechs Meter großen Raum, der von einem zerkratzten Holztisch beherrscht wurde. Ein Amerikaner, Captain Marcy, US Navy, kam zu ihr und fragte: »Dr. Cole, nehme ich an?«

»In ihrer ganzen stinkenden Pracht.«

Mit skeptischem Blick musterte Marcy Maureens verdreckte Kleidung. Er schniefte, als würde er einen ungewöhnlichen Geruch wahrnehmen, und verzog das Gesicht. Dann hakte er Maureens Namen auf einer Liste ab. »Bitte nehmen Sie Platz, Dr. Cole.«

Maureen zählte fünfzehn Männer und zwei Frauen am Tisch. Auch die musterten sie interessiert. Die meisten trugen zivile Freizeitkleidung. Zwei Männer trugen Anzüge. Doch keiner, bemerkte Maureen säuerlich, war voller Dreck, getrocknetem Schweiß oder stank nach verwesenden Leichen.

Maureen ließ sich der Reihe nach vorstellen, wobei die Reaktionen sie ein wenig erheiterten, während sie Hände schüttelte und versuchte, sich trotz ihrer Müdigkeit die Namen zu merken.

»Gut«, sagte Captain Marcy schließlich und trat an den Kopf des Tisches. »Das wäre dann also unser vorläufiges Team. Zunächst einmal muss ich Sie um Ihre Handys, Kameras und Notebooks bitten. Für diese Operation gilt die höchste Sicherheitsstufe. Die meisten von Ihnen kennen das ja bereits. Die Geräte werden gut verwahrt und am Ende des Einsatzes zurückgegeben. Über einen sicheren Computer können Sie Ihre E-Mails abrufen.« Er lächelte. »Aber ein Sicherheitsmann wird alles überprüfen, was Sie schreiben, bevor es abgeschickt werden kann. Telefongespräche können ebenfalls über eine sichere Leitung geführt werden. Allerdings werden die Gespräche aufgezeichnet.«

Leises Murren begleitete das Rascheln, als die Leute ihre Handys, BlackBerrys und PDAs hervorholten. Aus Aktentaschen und Rucksäcken kamen Laptops zum Vorschein. Alles wurde in zuvor gekennzeichneten Plastikbeuteln verstaut und von uniformierten Marines hinausgebracht.

»Tut mir leid, meine Sachen sind in meinem Gepäck.« Maureen zuckte mit den Schultern, als sich ihr ein junger Mann mit einem Plastikbeutel näherte, auf dem ihr Name stand.

Captain Marcy klatschte in die Hände. »Auf dem Tisch vor Ihnen finden Sie die übliche Vertraulichkeitserklärung auf Ihren Aktenmappen. Sobald Sie die gelesen, verstanden und unterschrieben haben, dürfen Sie die Mappe öffnen.«

Maureen setzte sich, nahm das Formblatt und las sich das Juristenkauderwelsch durch. Kurz gesagt unterlag ihre Arbeit hier der Geheimhaltung und fiel in die Verantwortung der amerikanischen Regierung. Maureen hakte die entsprechenden Kästchen ab und erklärte damit, dass sie alles verstanden habe und keinerlei Informationen weitergeben würde, es sei denn, sie habe vorher schriftlich die Erlaubnis erhalten. Dann klickte sie den Sand aus ihrem Kugelschreiber, bis er wieder funktionierte, und unterschrieb.

Als die letzte Erklärung unterzeichnet war, nickte Marcy und sagte: »Sie dürfen die Aktenmappen jetzt öffnen. Sie enthalten erste Informationen, die das Team der Task Force Spear hat sammeln können. Bitte lassen Sie sich ein paar Minuten Zeit, um sich alles genau anzusehen.«

Maureen fiel auf, dass die Plätze links und rechts von ihr frei geblieben waren. Sie schnüffelte; auch sie selbst konnte nicht umhin, ihr gewöhnungsbedürftiges Aroma zu bemerken.

Ein Kreuzfahrtschiff? Maureen öffnete die Aktenmappe und sah als Erstes eine Luftaufnahme der White Star, wie sie den Ozean durchpflügte. Das Bild wirkte wie aus einem Reiseprospekt. In der Fußzeile stand zu lesen: White Star. Erstes Foto. 13.24 Uhr, 28. September.

Maureen blätterte weiter und runzelte die Stirn. Das zweite Bild war aus geringerer Entfernung aufgenommen. Sie konnte Leute an Deck erkennen. Man brauchte keinen Doktortitel und jahrelange Erfahrung, um zu sehen, dass die Menschen entweder tot oder bewusstlos waren.

Maureen blätterte weiter die Fotos und Kurzberichte durch. Sie las vom Abbruch der Kommunikation und den Ereignissen, die schließlich dazu geführt hatten, dass ein Navyhelikopter zur White Star geschickt worden war und ein Aufklärungsteam abgesetzt hatte. Es gab Fotos, die Marinepersonal in voller ABC-Schutzkleidung zwischen den Toten zeigten. Sie nahmen Luft- und Wasserproben, überprüften elektrische Geräte und fühlten nach dem Puls der Opfer.

Maureen richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Toten. Die Leichen waren aufgequollen, die Haut blass. Dann schaute sie sich die Nahaufnahmen an und fand vornehmlich Menschen kaukasischen Ursprungs, während die Mannschaft orientalischer, lateinamerikanischer oder auch philippinischer Herkunft zu sein schien. Durchschnittsalter der Passagiere: schätzungsweise Mitte fünfzig. Maureen fand keinerlei Hinweis auf äußere Gewalteinwirkung. Die Flecken unter den Toten waren auf Ausscheidungen post mortem zurückzuführen, nicht auf Blutungen.

Aber was ist die Todesursache? Maureen schaute die anderen Berichte durch. In den meisten wurde angemerkt, dass das Schiff einwandfrei funktioniere. Die Marinesoldaten hatten keinerlei Störung im Belüftungssystem feststellen können; in einem weiteren Bericht hieß es, dass man auch keine verdächtigen Gaszylinder oder dergleichen gefunden habe.

Auf dem nächsten Blatt fand sich eine vorläufige, als »Streng Geheim« gekennzeichnete Analyse des US-amerikanischen Heimatschutzministeriums. Die gesamte Passagierliste war durch den Computer gejagt worden. Keines der Opfer hatte eine Warnung ausgelöst – mit Ausnahme von Reverend Bobby Box, dem Prediger, der auf den Tempelberg hatte pilgern wollen. Sieben Seiten waren allein ihm gewidmet. Maureen überflog sie. Andere Passagiere, die vom Heimatschutzministerium als Risiko erachtet wurden – aus welchen Gründen auch immer –, waren gar nicht erst an Bord gelassen worden.

»Nun denn«, rief Captain Marcy. »Fangen wir an. Zunächst einmal möchte ich Ihnen allen danken, dass Sie so kurzfristig gekommen sind. Andere sind noch auf dem Weg; also werden Sie in den kommenden Tagen ein paar neue Gesichter sehen.«

Er verschränkte die Hände und ging vor dem Tisch auf und ab. »Bis jetzt wissen wir Folgendes: Die White Star hat bis zum Abend des dreiundzwanzigsten September keinerlei Probleme gemeldet. Um siebzehn Uhr fünfundzwanzig Schiffszeit hat das Büro der Ocean-Star-Reederei via Satellitentelefon einen Anruf von der White Star erhalten. Es war ein junger Mann, der Zweite Offizier Svenson Olins. Er befand sich zu dem Zeitpunkt auf der Brücke. Er berichtete, dass die Leute Atemnot hätten, und er vermutete, dass irgendeine Art Gas dafür verantwortlich sei. Als man ihn bat, dies genauer zu erklären, rief er, es gebe einen Notfall, und er würde zurückrufen.« Marcy zuckte mit den Schultern. »Das hat er nie getan, und auch sonst hat niemand mehr auf die aufgeregten Versuche der Reederei reagiert, das Schiff zu kontaktieren.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die White Star auf Position 33 Grad, 22 Minuten und 17 Sekunden Nord und 51 Grad, 48 Minuten, 19 Sekunden West. In den Aufzeichnungen der Bordinstrumente finden sich keinerlei Hinweise auf andere Fahrzeuge in der Nähe, und es gab auch keinen Radarkontakt von Flugzeugen.« Er seufzte. »Aber es wird sogar noch verwirrender. Bis siebzehn Uhr einundzwanzig an diesem Abend verzeichnen die Kreditkartenleser kein ungewöhnliches Verhalten, und …«

»Bitte, entschuldigen Sie«, unterbrach ihn ein kahlköpfiger Mann in weißem Anzug. »Warum interessieren uns Kreditkartenleser?«

Captain Marcy schaute den Mann an. »Kreuzfahrtschiffe geben ihre eigenen Kreditkarten aus. Diese dienen den Passagieren als Ausweis und verzeichnen alle Einkäufe, die auf dem Schiff getätigt werden. Auf diese Weise soll unter anderem vermieden werden, dass Bargeld durch die Hände der Crew geht, aber wichtiger noch ist, dass die Leute auf diese Art oft keinen Überblick mehr haben, wie viel sie eigentlich ausgeben. Diese Aufzeichnungen verraten uns nun, dass bis siebzehn Uhr einundzwanzig normaler Geschäftsbetrieb geherrscht hat. Innerhalb weniger Minuten kam er dann vollständig zum Erliegen.«

Maureen runzelte die Stirn und hob die Hand. Marcy nickte ihr zu.

»Das ist schnell«, sagte sie. »Diesen Fotos nach zu urteilen, ist niemand in Panik geraten. Haben die Navyleute irgendwo anders Hinweise auf eine Panik gefunden? Verstopfte Durchgänge, totgetrampelte Menschen?«

»Nein, Dr. Cole. Ich habe im Gegenteil gehört, dass man in den Saunen und Massagesalons auf den Unterdecks sogar noch Leute mit Handtüchern auf dem Gesicht gefunden hat.«

»Irgendwelche Anzeichen, dass es Krämpfe gegeben hat?«

Marcys Gesicht verspannte sich. »Das ist der Grund, warum Sie hier sind, Dr. Cole. Wir wollen, dass Sie einen genauen Plan anfertigen, wie die Leichen liegen.«

Maureen nickte. Plötzlich fühlte sie sich zutiefst erschöpft. Es war genau wie im Irak.

Es folgte ein wahrer Sturm von Fragen.

Captain Marcy hob die Hände und rief: »Einer nach dem anderen, bitte! Ich habe Ihnen an Informationen gegeben, so viel mir im Augenblick möglich ist. Man hat beschlossen, die White Star vor Swange Point vor Anker gehen zu lassen. Dank der freundlichen Unterstützung der Royal Navy werden wir von dieser Basis hier aus operieren. Bis wir herausgefunden haben, was diese Menschen getötet hat, gelten strengste ABC-Schutzvorschriften. Was immer es gewesen ist – wir wollen es nicht an Land bringen.«

»Wie steht es um Unterkunft?«, fragte einer der Chemiker.

»Sie werden hier in der Basis bleiben, bis Ihre Spezialkenntnisse nicht mehr vonnöten sind.«

»Gibt es auch eine Bar?«, fragte einer der Sicherheitsberater.

»Wir sind hier in England«, antwortete Marcy. »Wir werden uns schon um Ihre Bedürfnisse kümmern.«

»Sagen Sie mir einfach nur, dass es auch eine Dusche gibt«, murmelte Maureen. Andere hörten sie und klatschten. Einer pfiff sogar anerkennend.

»Mein Weg, wie ich ihn euch aufgezeigt habe, ist gerade, und ihr sollt nur ihm folgen. Betretet nicht die falschen Pfade, sonst werdet ihr von Gottes Weg abkommen und in zerstrittene Gruppen auseinanderfallen! Das sind Gottes Gebote und Verbote, die Er euch vorschreibt, auf dass ihr gottesfürchtig werdet.«

Koran, 6:153

5.

ALI HASSAN STUDIERTE Informatik an der Universität Amsterdam. An Vorlesungstagen fuhr er mit der Straßenbahn ins Altstadtzentrum. Wenn die Bahn über Bogenbrücken und an den Kanälen entlangrumpelte, pflegte Ali immer auf das braune Wasser hinabzustarren und die Boote zu bewundern, die an den steinernen Kanaleinfassungen vertäut waren. Wasser ließ ihn noch immer staunen. Während seiner Kindheit in den Slums von Islamabad hatte er nur wenig davon gesehen.

Selbst die Holländer, die schier endlos auf ihren Fahrrädern oder in ihren glänzenden Autos an ihm vorbeiströmten, faszinierten ihn nach wie vor. Von dem Moment an, da Ali Hassan zum ersten Mal einen Fuß auf niederländischen Boden gesetzt hatte, hatte er das Gefühl gehabt, ein Stück Paradies auf Erden gefunden zu haben: saubere Straßen, endlose Reihen von Geschäften, schöne, vielstöckige Gebäude, sanfter Regen, Bäume und Wohlstand … so viel Wohlstand.

Und all das ist Dschahiliyya: ein Land der Dunkelheit, in dem niemand etwas von den Gesetzen und der Wahrheit weiß, die Allah uns lehrt.

Die Holländer waren bestenfalls Dhimmis: dem Islam unterlegene Christen und Juden. Schlimmstenfalls waren sie gottlose Götzendiener, von Allah verflucht. Aber wenn sie doch so sehr in Dschahiliyya verhaftet waren, in Unwissenheit und Unfrömmigkeit, wie hatten sie dann so viel erreichen können? Ihre vielen christlichen Kirchen waren voller Götzenbilder. Vor allem durch ihre drei Götter – Vater, Sohn und Heiliger Geist – fühlte der wahre Muslim sich verhöhnt. Sie hatten sogar einen Schrein für ein jüdisches Mädchen namens Anne Frank errichtet. Die Holländer tolerierten offen die Entwürdigung von Allahs heiligster Schöpfung: des Menschen. Überall herrschte Gottlosigkeit, sei es in Form von Homosexualität, Atheismus, Trunkenheit oder Drogenhandel. Ihre Frauen zeigten sich weder bescheiden noch keusch. Doch am schlimmsten war, dass diese Menschen mehr an die Wissenschaft und ihre weltlichen Gesetze glaubten als an Allah.

Sie alle sind verloren. Alle! Verführt vom Bösen und ihrem Dschahiliyya-Wohlstand.

Auf dem Weg zum Seminarraum ignorierte Ali die anderen Studenten. Dort angekommen, nahm er den Rucksack von der Schulter und holte seinen Laptop heraus. Soweit es seine Kommilitonen betraf, hätte er genauso gut unsichtbar sein können. Nach drei Jahren hatte er die Veränderungen bei ihnen gesehen. Während die jungen Niederländer ihm einst höflich zugenickt hatten, mieden sie nun seinen Blick.

Solche Dinge hatten ihn einst gestört, doch dann hatte der Imam, Abu Salassi, ihn während der Koranstunde beiseite genommen.

»D

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