Logo weiterlesen.de
Das Dünengrab

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

Rolf Kleedorf hatte das Abitur an der Steindorfschule in Emden bestanden und sich für das Studium der Wirtschaftswissenschaften entschieden, obwohl seine Eltern es lieber gesehen hätten, wenn er sich den Agrarwissenschaften zugewandt hätte, um den traditionsreichen Hof in der Krummhörn zu übernehmen, auf dem er groß geworden war.

Seinen Eltern, Gela und Tinus Kleedorf, bereitete er nur Freude indem er bei der Ernte oder der Bestellung der Felder im Frühjahr immer tatkräftig zur Seite stand.

Rolf hatte das Studium mühelos geschafft und an der Kölner Universität sein Examen als Diplomkaufmann mit der Note »gut« bestanden.

Kurz danach trat er bei der Gesellschaft zur Exportförderung deutscher Agrarprodukte‹, der sogenannten ›DEDAP‹, als Marketingassistent seine erste Stelle an, wo er schon bald zum Abteilungsleiter aufstieg.

Er hatte eine Kommilitonin geheiratet, die ebenfalls in Ostfriesland zu Hause war und mit der ihn neben der Liebe zum Norden auch noch viele gemeinsame Interessen verbanden.

Wibke hatte Wirtschaftspädagogik studiert, das Studienseminar in Hannover besucht und danach vor allem als Leiterin von Ausbildungsseminaren gearbeitet. Sie sah gut aus, war sportlich und naturverbunden, und ihre Ehe mit Rolf gestaltete sich harmonisch und für beide Teile sehr zufriedenstellend.

Als Rolf bei seiner Firma keine Aufstiegschancen mehr sah und ihn nichts mehr in der Großstadt hielt, die er ohnehin nicht liebte, entschied er sich dafür, dem Drängen seines alten Vaters nachzugeben und den Hof der Eltern zu übernehmen.

Er zog mit Wibke nach Pilsum.

Rolfs Eltern erwarben eine Eigentumswohnung in Bad Zwischenahn und verließen den Hof.

Im Lauf der Zeit wurde daraus unter Rolfs umsichtiger Führung ein gut gehender Reiterhof. Wibke versah den Haushalt und erledigte die Büroarbeiten, und schon nach einigen Jahren konnten die erfolgreichen Jungunternehmer Wibke und Rolf Kleedorf vom erwirtschafteten Gewinn auf dem Gelände für sich einen Bungalow errichten, dessen Planung und Gestaltung sich Wibke mit großem Eifer widmete.

Gela und Tinus Kleedorf saßen an diesem Frühlingsabend auf dem Balkon ihrer Dreizimmerwohnung und nippten an ihren Weingläsern.

Die untergehende Sonne tauchte den Himmel in ein herrliches Abendrot, das sich auf dem Zwischenahner Meer spiegelte.

Sie saßen im Windschatten und genossen den Blick auf den See. Möwen segelten am Balkon vorbei.

»Rolf hat sich wirklich Zeit damit gelassen, uns zu Großeltern zu machen«, sagte Gela.

»Mutter, das Kind kommt zur rechten Zeit. Wir gehören schließlich noch nicht zum alten Eisen. Wir werden doch wohl noch einen Kinderwagen schieben können – und du liest unserem Enkel dann Geschichten vor«, sagte Tinus.

»Ich bin ja so glücklich!« Gela Kleedorf stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Ich schenke Wibke die goldene Kette mit unserem Familienwappen, wenn es ein Junge wird«, sagte Tinus. Er hob sein Weinglas, nahm einen Schluck.

»Ich hätte auch nichts gegen ein Mädchen«, warf Gela ein.

»Mutter, ich auch nicht. Aber es muss weitergehen. Wir schreiten dem Grab entgegen!«, antwortete Kleedorf und blickte auf das Zwischenahner Meer, über dem jetzt die Dunkelheit aufzog. Die Cafés und Restaurants in Dreibergen hatten schon ihre Lichter eingeschaltet.

»Wir wollen Wibke und unser werdendes Enkelkind in unser Nachtgebet einschließen«, sagte Gela Kleedorf. Sie erhob sich mühsam, denn in letzter Zeit machte ihr die Gicht zu schaffen, und griff nach der leeren Weinflasche.

»Mutter, nach dieser guten Nachricht würde ich gern noch einen Schluck Wein mit dir trinken, um mit dir auf unsere Zukunft anzustoßen«, sagte Tinus und strich sich über seine grauen Bartstoppeln.

»Wenn du meinst …« Gela ächzte bei den ersten Schritten. »Der lange Spaziergang heute Nachmittag war zu viel für meine Knie«, sagte sie und holte eine Flasche Wein aus der Küche. Tinus entkorkte sie und füllte die Gläser. Sie nahmen einen Schluck.

»Wibke lebt recht fortschrittlich, findest du nicht auch? Sauna, Tennis … Das alles hat es zu unserer Zeit nicht gegeben«, sagte Gela nach einer Weile und stellte ihr Glas ab.

Inzwischen hatte sich Dunkelheit über den See gelegt.

»Es ist eine alte Weisheit unserer Familie, dass ein feuriger Bulle und eine geduldige Kuh Garanten für gute Kälber sind«, erwiderte der alte Tinus augenzwinkernd und hob sein Glas.

»Na dann – auf das Kälbchen!«, sagte Gela lachend und prostete ihrem Tinus zu.

Wibke Kleedorf, geborene van Heesen, brachte nach sechs Jahrhunderten ununterbrochener Erfolge der Familie ihres Mannes dem Hof in Pilsum Unglück.

Wibke hatte einen Krüppel zur Welt gebracht, der nie auf einem Pferd würde sitzen können und nie imstande sein würde, die Worte Oma und Opa zu artikulieren. Wibke hatte ein Kind geboren, das sie selbst nicht betreuen konnte.

Im ganzen Ort wurde von nichts anderem gesprochen, überall hieß es: Eine Missgeburt! Das hatte niemand erwartet!

Die unglückliche Mutter, die nur weinte, hatte darauf bestanden, dass ihr Kind bereits wenige Tage nach der Geburt getauft wurde und den Namen Marco erhielt.

Aus Angst vor neugierigen Blicken wurde der kleine Marco im Schutze der Nacht nach Ortel gebracht und in die Obhut der »Gesellschaft Christlicher Nächstenliebe« gegeben.

Wibkes Tränen erregten nicht das Mitleid der Schwiegereltern und hielten Bekannte ab, ihr Trost zu spenden.

Gela und Tinus Kleedorf gingen auf Distanz und strichen den Enkel Marco aus ihrem Denken.

Für sie stand fest, dass Rolf sich von Wibke trennen musste, um ihnen mit einer gesunden Frau Enkelkinder zu zeugen.

Wibke hatte der traditionsreichen Familie Schande gemacht und ihnen einen Bastard ins Nest gelegt.

»Entsetzlich!«, stellte Gela Kleedorf ohne einen Funken Mitgefühl fest.

»Zum Teufel mit der Brut«, hatte der alte Kleedorf geschimpft.

Der Blick auf die Kinderwagen junger Mütter war für Wibke schmerzlich. Der Kontakt mit den Gästen, die Erholung suchten und mit gesunden Kindern anreisten, belastete Wibke in den folgenden Monaten ebenso sehr wie die Tatsache, dass auch Rolf ihr die Schuld an dem zu geben schien, was geschehen war, und sich langsam von ihr zurückzog.

Wibke buchte eine Übernachtung im »Westfälischen Hof« in Bielefeld und fuhr ohne Absprache mit Rolf an einem Frühlingstag dorthin, um Marco zu besuchen. In ihrer Verzweiflung wollte sie dem Sohn ihre Mutterliebe zeigen, denn er war der Einzige, gegenüber dem sie tatsächlich ein Schuldgefühl empfand. Am Morgen führte eine Pflegerin sie zu ihrem Sohn.

Es war, als erlebe sie einen Albtraum! Marco lag in einem Bettchen, das sich in einem hellen Saal befand. Röcheln und monotone Schreie klangen ihr entgegen.

Die Pflegerin nahm ihren Arm und stützte sie, während eine Krankenschwester wässrigen Schaum von dem entstellten Gesichtchen wischte, in dem nichts an ein gesundes Kind erinnerte. Marcos Körper war ein Klumpen mit Armansätzen, und der Kleine würde nie fähig sein, irgendetwas selbst zu tun oder Kontakt zu seiner Umwelt aufzunehmen.

Wibke schluchzte haltlos und blickte verzweifelt um sich.

Die Krankenschwester nahm ihren Arm. »Besuchen Sie uns nicht wieder! Suchen Sie lieber eine Kirche auf und beten Sie für Ihr Kind«, sagte sie.

Wibke ließ sich von der Schwester zur Cafeteria führen, setzte sich auf einen Stuhl und starrte blicklos auf das Waldgelände hinter der Panoramascheibe. Die Schwester brachte ihr einen Kaffee.

»Danke«, sagte Wibke mit verweinten Augen.

»Wenn Sie noch mal mit Dr. Bleek sprechen möchten, dann müssen Sie sich ein wenig gedulden. Er hat gerade Dienst in der Aufnahme«, meinte die Schwester.

Wibke winkte ab.

»Dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimfahrt«, sagte die Schwester und ließ Wibke allein.

Über den Türmen der Sparrenburg hingen graue, tief ziehende Wolken. Wibke trank den Kaffee schwarz in kleinen Schlucken.

Sie hatte Marco neun Monate voll freudiger Erwartung in sich getragen. Sie konnte sein Schicksal nicht ändern, aber dennoch war er für immer mit ihr verbunden. Sie musste damit fertigwerden. Rolf schien sie und das Kind aus seinem Leben streichen zu wollen. Er sprach nur das Nötigste mit ihr, arbeitete rund um die Uhr und ließ sich kaum noch in dem schönen Zuhause sehen, das sie für ihn geschaffen hatte.

Wibke beschloss, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und einen neuen Anfang zu machen – auch wenn es fast über ihre Kräfte ging.

Pflegerinnen und Pfleger betraten die Cafeteria, setzten sich an die Tische und unterhielten sich lebhaft.

Wibke brach auf und grübelte während der ganzen Rückfahrt über ihre Zukunft nach. Als sie schließlich wieder in Pilsum ankam, war sie entschlossen, sich bei der Bezirksregierung Weser-Ems um eine Stelle im Schuldienst zu bewerben. Sie sah darin eine Aufgabe, die sie vor Depressionen schützen und ihr helfen würde, die Trennung von Rolf zu verkraften, dem sie kein zweites Kind gebären durfte.

Wibke Kleedorf betrat das Lehrerzimmer. Sie hatte in der zweiten Stunde Mathematik an der Fachoberschule.

Sie schaute sich um und stellte fest, dass sie allein war. Wibke trat vor den Spiegel, ordnete ihr langes blondes Haar, drehte sich seitlich und warf einen Blick auf ihren Po. Der Rock saß wirklich sehr eng.

In ihr Gesicht stieg eine leichte Röte, als sie an Hinni Synninga dachte.

Gestern hatte sie eine Klassenarbeit korrigiert und war dabei hin und wieder an das Fenster ihrer Eigentumswohnung getreten, um sich für Sekunden Ablenkung zu verschaffen.

Sie hatte in den Park geschaut und Hinni Synninga, ihren Lieblingsschüler, bemerkt, als er langsam mit dem Fahrrad vorbeigeradelt war.

Wibke Kleedorf blieb einen Moment in Gedanken versunken stehen, dann verließ sie das Lehrerzimmer, um zum Unterricht zu gehen. Der Klassenraum der 12 A befand sich im Anbau.

Sie betrat die Klasse, stellte die Tasche auf das Pult und begrüßte die Schüler.

»Haben Sie unsere Arbeiten mit?«, fragte eine Schülerin eifrig.

Wibke blickte in die erwartungsvollen Gesichter.

Sie nickte und schaute dabei Hinni Synninga an, der sie strahlend anlächelte. Er sah sehr gut aus und besaß eine athletische Figur.

»Die Arbeit ist gut ausgefallen«, sagte sie, nahm die Hefte aus ihrer Schultasche und teilte sie aus.

Anschließend setzte sie sich ans Pult. »Herr Synninga, hier ist mein Kopienzähler. Suchen Sie bitte den Schulassistenten und bitten Sie ihn, von Ihrer Arbeit Abzüge anzufertigen!«, sagte sie und trug die Noten in die Zensurenleiste des Klassenordners ein.

Hinni Synninga kam nach zehn Minuten zurück und verteilte die Kopien.

»Wir sprechen jetzt die Aufgaben durch«, erklärte Wibke. Sie ging zur Tafel, griff zur Kreide, gab erklärende Hinweise und skizzierte einzelne Lösungsschritte.

Dann diktierte sie den Schülern noch einige Übungsaufgaben, und als es läutete, fügte sie rasch hinzu:

»Die Vorzensuren für die schriftliche Prüfung besprechen wir während der nächsten Stunden. Uns bleibt zum Üben nur noch wenig Zeit, ich plane deshalb eine kleine Generalwiederholung.«

Die Schüler stürmten aus dem Klassenraum.

Wibke trug das Klassenbuch ins Lehrerzimmer, wo einige ihrer Kolleginnen bereits am Tisch saßen. Sie wirkten abgekämpft und müde.

»Der Mai ist gekommen«, sagte Wibke und setzte sich zu ihnen.

»Das hilft mir auch nicht weiter«, scherzte eine unverheiratete Kollegin.

»Das Maivergnügen ist was für die Jüngeren. Irgendwie vergehen einem langsam alle romantischen Gefühle«, warf eine andere Kollegin ein.

»Bei diesem herrlichen Frühsommerwetter könnte ich schon mal schwach werden«, meinte Wibke, stand auf und trug das Klassenbuch zum Schrank. »Viel Spaß noch«, rief sie und verließ das Lehrerzimmer, um sich nicht vom Missmut ihrer Kolleginnen anstecken zu lassen.

In den Fluren standen noch Schüler und Schülerinnen herum, die auf den Nachmittagsunterricht warteten.

Wibke Kleedorf bahnte sich ihren Weg nach draußen, stieg in ihren Sportwagen und fuhr nach Hause.

Am Nachmittag setzte sie sich aufs Fahrrad und radelte in Richtung Bedekaspeler Meer. Auf den Wiesen wuchs zartes, frisches Grün. Der blaue Himmel spannte sich über heranreifende Rapsfelder, überall hörte man lautes Vogelgezwitscher.

Wibke blickte auf die weiten Felder, die bis zum Horizont reichten.

Am Bedekaspeler Meer stellte sie ihr Fahrrad auf dem Parkplatz ab und ging zu Fuß über den schmalen Weg zum Ufer.

Dort setzte sie sich auf den Holzsteg und schaute den Libellen zu, die sich nach kurzen Flügen auf den Schilfhalmen niederließen. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem dunklen Moorwasser des Sees. Ein Entenpärchen schoss aus dem Dickicht und flog mit plumpen Flügelschlägen davon.

Wibke zog sich die Bluse über den Kopf, legte sich auf die Latten des Stegs und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Sie lauschte auf das leise Plätschern der Wellen, die der leichte Wind an die Böschung trieb, und hatte bald alles Düstere in ihrem Leben vergessen.

Oberstudienrat Hubertus von Kalksund war mit seinen zweiundvierzig Jahren Junggeselle geblieben. Er hatte seiner Mutter, die ihn allein großgezogen hatte, viel zu verdanken.

Die ehemals berühmte Pianistin verfügte allerdings auch sehr großzügig über ihren Sohn und dessen Leben und erwartete von ihmm, dass er ganz für sie da war.

Während der Ferien hatte sie sich von ihm durch Europas Hauptstädte kutschieren lassen. Sie war anspruchsvoll gewesen, was die Hotelunterkünfte betraf, und sie pflegte ihren Kaffee nur in den elegantesten Cafés auf den teuersten Boulevards einzunehmen. Sie hatte Hubertus immer als Bestandteil ihres eigenen Lebens betrachtet und ihm nicht viel Freiheit zugestanden.

Nur nur wenige Tage oder sogar Stunden benötigte sie, um alle junge Frauen in die Flucht zu schlagen, die sich ihrem Sohn genähert hatten.

Das Geld war ihr reichlich zugeflossen, und immer zahlten die Rundfunkanstalten, wenn sie Aufnahmen aus ihrer Zeit sendeten, reichlich Tantiemen.

Bettina von Kalksund war inzwischen gestorben und hinterließ ihrem Sohn ein großes Vermögen. Dieser hatte schon als Kind seine berühmte Mama auf vielen Gastspielreisen begleitet.

Mit sechs Jahren war er selbst bereits als Solist gelegentlich bei Konzertabenden aufgetreten. Er besuchte das musische Gymnasium, nahm Geigenunterricht bei Professor Günsterberg und studierte nach dem Abitur an der Musikhochschule in Lübeck.

Doch seine Musikerlaufbahn nahm eine jähes Ende: An einem kalten Winterabend war sein Wagen bei Lübeck mit einer Panne liegen geblieben. Ein hilfsbereiter Polizist hatte den Wagen abschleppen wollen, und dabei war Hubertus das sich spannende Seil so durch die Finger gerutscht, dass er sich schwere Verbrennungen zugezogen hatte – ein Unfall, im Protokoll der Polizei eine Lappalie, der zur Folge gehabt hatte, dass die Bewegungsfreiheit des Handgelenks für immer eingeschränkt blieb. Aus war der Traum von der Virtuosenlaufbahn. Hubertus von Kalksund hatte danach in Hamburg Wirtschaftspädagogik und Betriebswirtschaft studiert und war Gewerbelehrer geworden.

Die Schüler mochten ihn, weil er freundlich und gerecht war, und auch bei den Kollegen war er sehr beliebt.

Hubertus von Kalksund sah mit seinen scharf geschnittenen, markanten Zügen nicht schlecht aus. Seine Nase war ein wenig lang geraten, doch das verlieh seinem schmalen Gesicht mit den grauen Augen einen Hauch von Kühnheit.

Ein dichter, leicht ergrauter Schnurrbart und sein volles gewelltes Haar ließen ihn reif und männlich wirken. Er hatte, genau betrachtet, ziemlich viel Ähnlichkeit mit dem ehemaligen Landwirtschaftsminister.

Hubertus von Kalksund, befreit von den unersättlichen Wünschen und Meckereien seiner verstorbenen Mutter, schöpfte nach ihrem Tod Hoffnung, doch noch eine Lebensgefährtin zu finden, mit der er in dem für ihn allein zu groß gewordenen Bungalow gemeinsam leben konnte. Und tatsächlich schien auch für ihn das Leben noch ein Glück bereitzuhalten …

Auf Anhieb fand er Gefallen an der jungen Kollegin, die vor einiger Zeit neu an die Schule gekommen war. Es dauerte allerdings lange, bis er den Mut fasste, sich ihr zu nähern, obwohl sie es ihm keineswegs allzu schwer machte.

Wibke Kleedorf, von ihrem Mann zutiefst enttäuscht, fand zwar in ihrem Beruf durchaus Befriedigung, doch sehnte sie sich manchmal nach einer starken Schulter zum Anlehnen, einem Partner, mit dem sie reden konnte.

Allein schon die Sorgen um den kleinen Marco, der noch immer von den Schwestern in Ortel versorgt wurde, lagen ihr schwer auf der Seele und trieben ihr an langen, einsamen Abenden oft die Tränen in die Augen.

Dann trank sie ein Glas Wein, um ihren düsteren Gedanken zu entfliehen.

Die Bilder kamen und gingen, während Wibke sich auf dem Steg am Bedekaspeler Meer sonnte …

Irgendwann fuhr sie hoch, weil sie ein Geräusch gehört hatte, und in ihrer Verwirrung vergaß sie völlig, sich wieder anzuziehen.

Vor ihr auf dem Steg stand Hubertus von Kalksund, dem die Verlegenheit deutlich anzusehen war, die ihr Anblick in ihm auslöste.

Hastig griff Wibke nach ihrem BH, zog ihn an und schlüpfte dann rasch in ihre Bluse. Hubertus, der sich verlegen abgewandt hatte, trat jetzt einen Schritt näher und setzte sich zu ihr auf den Steg. Er blickte auf das braune Moorwasser.

»Ich muss Ihnen etwas gestehen«, sagte er. »Ich bin Ihnen gefolgt.«

»Na so was!«, erwiderte Wibke mit gespielter Empörung.

Von Kalksund lachte verlegen. Er wurde rot wie ein Schuljunge. »Ich ging spazieren und sah Sie radeln. Wissen Sie, ich bin viel allein. Ich habe meinen Wagen drüben vor dem Café geparkt, und als ich Sie sah, bin ich Ihnen nachgegangen«, erklärte er und schaute die Lehrerin abwartend an.

Wibke blickte auf ihre Armbanduhr. »Ich war tatsächlich eingeschlafen! Das muss an der Wärme gelegen haben«, sagte sie.

»Und jetzt haben Sie Durst?«, fragte der Kollege.

»Ja, wenn ich’s mir recht überlege«, antwortete Wibke Kleedorf und schaute ihn leicht belustigt an. Er trug trotz der sommerlichen Temperaturen ein Jackett und eine unmoderne Tweedhose.

»Frau Kollegin, wie wäre es, wenn ich Ihr Fahrrad in den Kofferraum meines Mercedes packe und Sie zu mir zum Tee einlade? Seit dem Tod meiner Mutter vor einigen Monaten hat kein weibliches Wesen mehr mein Haus betreten«, sagte er.

»Ein Frauenheld scheinen Sie also nicht gerade zu sein«, gab Wibke lächelnd zurück.

»Das heißt, Sie würden es wagen, meine Einladung anzunehmen?«

»Das würde ich«, erwiderte sie. »Ich heiße übrigens Wibke.«

»Mein Vorname ist Hubertus«, antwortete er hocherfreut.

Sie unterhielten sich noch eine Weile, bevor sie aufstanden und Seite an Seite zum Parkplatz hinübergingen.

Hubertus von Kalksund lenkte den Wagen die Auffahrt hinauf.

»Eine schöne Wohngegend«, stellte Wibke Kleedorf fest, als sie ausstieg.

Überall blühten Ginstersträucher. Der Rasen war frisch gemäht, und an den jungen Birken zeigten sich die ersten grünen Blätter.

Das Haus, auf das sie nun zugingen, war mit blassroten Blenden verklinkert und das Walmdach mit roten Dachpfannen gedeckt. Alles wirkte geschmackvoll und großzügig. Vögel zwitscherten in den Bäumen hinter der Garage.

Wibke warf einen Blick um die Kante der Hausfront herum. Eine Reihe von Tannen fasste das riesige Grundstück ein.

»Erledigst du die Gartenarbeit selbst?«, fragte sie.

Hubertus schloss die Haustür auf. »Nein – ich habe mit dem Haus schon genug zu tun. Für mich alleine ist es im Grunde zu groß«, erklärte er.

Er nahm Wibke an die Hand und führte sie in die Diele, wo auf den roten Terracottafliesen wertvolle Perserteppiche lagen.

Die Küche mit massiver Holzverkleidung war so geräumig wie die eines kleinen Restaurants. Die Wände waren mit teuren Fliesen gekachelt, und mitten im Raum stand ein großer Tisch, an dem gut zehn Gäste Platz gehabt hätten.

»Hubertus, du kannst hier ja das ganze Kollegium bekochen«, rief Wibke.

Hubertus lachte. »Vielleicht ergibt sich dazu ja einmal ein Anlass«, sagte er und führte sie weiter ins Wohnzimmer.

Wibke bestaunte die schweren flämischen Eichenmöbel mit dem reich verzierten Schnitzwerk und den alten Eisenbeschlägen.

Hubertus wies auf die Sitzecke vor dem Kamin, dessen Wände mit historischen Delfter Kacheln geschmückt waren.

Wibke ließ sich in einem Sessel nieder. »Einfach toll«, sagte sie überwältigt. An der Wand hing ein altes Ölgemälde, das einen Lotsensegler im hohen Seegang vor einem Windjammer zeigte.

»Ein Erbstück von meiner Mutter«, erklärte Hubertus stolz.

»Und deine verstorbene Mutter hat dieses Haus nach ihrem Geschmack eingerichtet?«, fragte Wibke.

»Mutter hat bis zu ihrem Tode nichts anderes im Sinn gehabt, als ihr Umfeld zu verschönern. Je älter sie wurde, umso höher wurden ihre Ansprüche und umso stärker ihr Wille. Ich bin mit ihr, als sie dreiundachtzig wurde, noch nach Athen geflogen, weil es dort im Nationalmuseum eine berühmte Plastik gibt, die sie unbedingt haben wollte. Leider war das Stück aber unverkäuflich!«

»Und du hast ihre Vitalität geerbt?«, fragte Wibke freundlich.

»Das hoffe ich. Meinen Vater habe ich nicht gekannt, und Mutter war nicht bereit, über ihn auch nur ein Sterbenswörtchen zu äußern«, sagte Hubertus trocken.

»Sicher hast du darunter sehr gelitten?«

»Nein, ich habe ihn nicht vermisst. Ich mache uns rasch einen Tee«, antwortete Hubertus und verschwand in der Küche.

Wibke schaute sich interessiert um, während er dort hantierte. Schließlich erschien er mit einer Schale voller Teegebäck wieder im Wohnzimmer, stellte sie auf den Tisch und holte dann Geschirr aus dem Schrank.

Wibke blickte nachdenklich aus dem Fenster in den parkähnlichen Garten. Hier musste man sich trotz all der Schönheit manchmal einsam fühlen!

Hubertus trug die Teekanne zum Tisch und setzte sie auf das Stövchen. Wibke nahm ein Kluntje aus der Zuckerschale. Hubertus schenkte ihr Tee ein und bediente sich dann selbst. Wibke horchte auf, als die Wanduhr dumpf ertönte. Hubertus blickte stolz auf die Uhr, die sogar die Mondphasen anzeigte.

»Mutter hat das gute Stück von Großvater geerbt, der in Amsterdam eine Werkstatt besaß«, erklärte er.

Als sich ihre Blicke per Zufall trafen, schaute er sofort in eine andere Richtung und spielte nervös mit seinen Händen herum. Seine Verlegenheit war irgendwie rührend, und Wibke fragte behutsam: »Sicher hattest du zu ihren Lebzeiten wenig Gelegenheit, dein eigenes Leben zu führen, nicht wahr?«

Hubertus seufzte. »Mutter hatte mich ganz in ihren Klauen. Dabei war sie eine faszinierende Frau und mir gegenüber immer sehr großzügig.« Er stand auf, holte ein Album aus dem Eichenschrank und rückte seinen Sessel in Wibkes Nähe. Dann schlug er das Album auf, schenkte Tee nach und begann, ihr anhand der Bilder vieles über das gemeinsame Leben mit seiner Mutter zu erzählen. Er übersah dabei, dass Wibke es viel lieber gehabt hätte, wenn er sich ihr zugewandt und ihr etwas von dem männlichen Trost gegeben hätte, nach dem sie sich so sehnte!

Irgendwann fiel ihm jedoch auf, dass sie nicht ganz bei der Sache war, und er schlug vor, das Album bei einer späteren Gelegenheit zu Ende anzusehen.

»Dank dir für den Tee«, sagte Wibke und stand auf.

»Ich hoffe, du kommst einmal wieder«, meinte Hubertus und blickte sie fragend an.

»Ich denke schon«, erwiderte sie lächelnd. Gemeinsam verließen sie das Haus und gingen zu seinem Wagen. Hubertus hob das Fahrrad aus dem Kofferraum und stellte es vor sie hin.

»Danke«, sagte Wibke und stieg auf.

»Einen schönen ersten Mai!«, wünschte sie ihm noch und radelte davon.

Hubertus war glücklich. Er ging zurück ins Wohnzimmer und legte eine CD auf, um sich ganz seiner freudigen Stimmung hinzugeben. Es waren die »Vier Jahreszeiten« von Vivaldi, eine historische Aufnahme, die er sehr liebte.

Wibke ihrerseits fuhr nach Hause, stellte das Rad in den Schuppen und betrat die Wohnung. Sie fühlte sich müde von der weiten Radtour, und ihre Beinmuskeln schmerzten. Sie hatte die Entfernung unterschätzt und war froh darüber, dass Hubertus ihr aufgelauert hatte.

Ein feiner Kerl, kein Draufgänger, dachte sie, während sie das Bad betrat, sich auszog und sich unter die Dusche stellte.

Sie genoss das prickelnde Wasser auf ihrer Haut, und als sie sich später abtrocknete und sich wieder anzog, fühlte sie sich angenehm erfrischt.

Eine Weile lang setzte sie sich in ihrem behaglichen Wohnzimmer auf die Couch und hing ihren Erinnerungen nach, die sie in letzter Zeit wieder häufiger überfielen: die erste Zeit mit Rolf, ihrer großen Liebe, die Geburt des kleinen Marco, ihre Entscheidung, ein neues Leben zu beginnen …

Die lauten Töne einer Blaskapelle draußen auf dem Platz rissen sie schließlich aus ihren Gedanken.

Sie trat ans Fenster und schaute in den Park, wo einige Feuerwehrmänner gerade einen Maibaum aufstellten.

Eine Schar von Neugierigen sah ihnen dabei zu; auf dem Rasen zwischen den Rhododendronsträuchern stand ein Zelt, und um einen riesigen Grill herum waren Tische aufgestellt worden.

Die Sonne ging gerade unter und tauchte den Park in rötliches Licht. Der Wind spielte mit den Bändern des Kranzes an der Krone der Birke.

Wibke verdrängte ihre trüben Gedanken vollends und verspürte plötzlich den Drang, unter fröhlichen Menschen zu sein. Sie steckte ihr Portemonnaie in die Tasche ihrer weißen Jeans und verließ die Wohnung, überquerte die Straße und betrat den Park. Die meisten Besucher saßen mittlerweile im Zelt vor vollen Gläsern. Einige Gäste warteten vor dem Grill auf Koteletts und Würstchen. Wibke entdeckte Hinni Synninga, der von jungen Mädchen umlagert wurde, während er Lose für die Tombola verkaufte. Sie betrat das Zelt, ging zum Tresen, ließ sich ein großes Bier zapfen und setzte sich auf eine Bank vor einen unbesetzten Tisch.

Girlanden hingen an den Holzverstrebungen des Zeltes. Bunte Glühbirnen warfen ihr Licht auf die Besucher, die Tische und die Holzbohlen des Bodens.

Die Kapelle auf dem Podium spielte einen Marsch. Langsam füllte sich das Zelt, und es waren nicht nur junge Leute, die sich an die Tische setzten.

Wibke ließ sich anstecken von der heiteren Atmosphäre, trank ihr Bier und holte sich sogar noch ein weiteres. Ihren Schüler hatte sie inzwischen aus den Augen verloren.

Draußen wurde es bereits dunkel. Vor dem Grill standen noch wenige Besucher, die im Dämmerlicht Würstchen und Koteletts verspeisten. Die Feuerwehrkapelle sorgte für Stimmung, und als sie das alte Volkslied »Alle Vögel sind schon da« anstimmte, sangen und schunkelten die Gäste fröhlich mit.

Wibke saß noch immer ein wenig abseits, aber das störte sie nicht, denn so konnte sie in Ruhe alles beobachten und weiter ihren Gedanken nachhängen.

Sie dachte an Hubertus. Würde er nach den vielen Jahren der Zurückgezogenheit und des Alleinseins noch zu einer romantischen Beziehung fähig sein? Ob er sich in dieser Umgebung ebenso wohl fühlen würde wie sie?

Die Feuerwehrskapelle spielte das Ostfriesenlied, und Wibke summte leise mit.

»Wo die Nordseewellen trecken …« Mit ihren Blicken suchte sie Hinni Synninga.

Keinem Orchester von Weltruf, keinem berühmten Dirigenten wäre es an diesem Abend gelungen, sie so froh zu stimmen, wie es diesem simplen Feuerwehrkapellmeister gelang. Wibke fühlte sich den Menschen nahe, die hier im Zelt auf ihre Art den Beginn des Wonnemonats feierten.

Als die Kapelle gerade eine kurze Pause einlegte, betrat Hinni Synninga das Zelt. Er hatte seine Uniformjacke aufgeknöpft, und Wibke sah, wie er zur Theke ging, um sich etwas zu trinken zu holen.

Sie unterdrückte den Wunsch, zu ihm zu gehen, und fragte sich gleichzeitig, was an diesem Jungen sie eigentlich so anziehend fand.

Ein Frauenchor formierte sich auf der Bühne, um ein Frühlingsständchen vorzutragen.

Wibke beobachtete Synninga. Er stand an der Theke, den Bierkrug in der Hand, und sein Blick glitt über die voll besetzten Tische.

Wibke sah, wie er stutzte, als er sie entdeckt hatte. Sofort eilte er an ihren Tisch.

»Was für eine Überraschung! Meine Mathelehrerin bei unserer Maifeier! Frau Kleedorf, das finde ich toll!«, sagte er überschwänglich und reichte Wibke die Hand.

»Ich bin Ostfriesin und habe den ersten Mai immer gefeiert«, sagte sie. »Und oft verrückter als heute«, fügte sie lächelnd hinzu.

»Trinken Sie ein Bier mit mir?«, fragte Hinni, der sein Glas mittlerweile ausgetrunken hatte.

»Gerne, aber das muss dann auch mein letztes sein«, antwortete sie.

Hinni eilte davon. Kurz darauf kam er mit zwei Gläsern wieder und setzte sich zu Wibke.

Der Chorleiter auf der Bühne gab den Frauen ein Zeichen, und es ging weiter.

Wibke und Hinni Synninga sangen mit: »Wir sind Ostfriesenkinder und haben guten Mut …«

Nach dem Vortrag des Frauenchores spielte die Blaskapelle Volkstümliches. Wibke ließ sich von ihrem gut aussehenden Schüler zu einem weiteren Bier überreden, und im Laufe des Abends kamen sich die beiden jungen Menschen immer näher. Sie redeten und redeten, erzählten sich von dem, was sie bedrückte, und vergaßen die wenigen Jahre, die sie trennten.

Hinni berichtete von seinem Zuhause, seinen Eltern, seinen Plänen für die Zukunft.

Wibke sprach über Rolf, der es zum mehrfachen Millionär gebracht hatte, und von seinen Eltern, die nicht bereit gewesen waren, ihr Unglück mitzutragen, sondern ihren Sohn gedrängt hatten, ihnen mit einer anderen Frau gesunde Enkel zu zeugen.

Als die Morgendämmerung aufzog und nur noch wenige Besucher den Klängen der Musik lauschten, deutete Wibke an, dass sie nach Hause wollte.

Sie hatte nichts dagegen, als Hinni ihren Arm nahm und sie aus dem Zelt führte.

»Den schönen Maibaum kann ich jetzt dreißig Tage lang von meinem Fenster aus anschauen«, murmelte sie und lehnte sich Halt suchend an ihren Begleiter.

Hinni gab sich überrascht. »Ach, Sie wohnen in den Neubauten?«, fragte er.

»Ja, gleich da drüben – es ist nur ein Katzensprung!«

Es war eine herrlich laue Nacht, fast windstill und sternenklar. Fast bedauerte Wibke, keinen längeren Heimweg zu haben, denn es tat gut, Hinnis starken Arm um sich zu fühlen, und seine Bewunderung für sie war wirklich rührend.

Vor der Haustür holte sie den Schlüssel aus ihrer Jeanstasche und blickte Hinni an.

Er stand vor ihr, die Uniformjacke lässig umgehängt, und sah Wibke zärtlich an, wobei sein Blick ihr all seine Wünsche verriet.

»Hinni, nur eine Tasse Kaffee, in Ordnung?«, sagte sie leise, schloss die Tür auf und nahm ihm die Feuerwehrmütze ab.

Er nickte stumm und sah so niedergeschlagen aus, dass Wibke ihn am liebsten tröstend in den Arm genommen hätte. Sie legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund. »Pst! Das Haus ist sehr hellhörig«, sagte sie leise.

Vorsichtig stiegen sie die Treppe hoch. Wibke schloss die Wohnungstür auf und führte Hinni in ihr Wohnzimmer.

»Gemütlich«, stellte er fest und schaute sich um.

»Setz dich ruhig – ich mache uns schnell einen Kaffee«, sagte Wibke und verschwand in der Küche.

Hinni Synninga trat an die Bücherwand und studierte die Buchrücken. Die Auswahl der Titel imponierte ihm. Er entledigte sich seiner Uniformjacke und setzte sich in einen Sessel.

Als Wibke wiederkam und den Tisch deckte, erhob Hinni Synninga sich, zog sie an sich und küsste sie.

Wibke wehrte sich nur sehr oberflächlich und erwiderte schließlich seine Küsse.

Hinni schob ihr den Pullover über die Arme, fand die Häkchen des BH, öffnete ihn und küsste ihre Brüste.

»Aber Hinni«, murmelte Wibke, ohne ihm jedoch Einhalt zu gebieten.

Hinni öffnete ihre Jeans und streifte sie von ihrem Körper, zog ihr den Schlüpfer aus, entledigte sich dann seiner eigenen Kleidung und presste Wibke an sich.

Auch sie fühlte, wie sie immer erregter wurde, vergessen war alles andere, und schließlich gewann ihre Sehnsucht nach Zärtlichkeit die Oberhand. Sie liebten sich mit großer Heftigkeit.

Wibke Kleedorf war nicht nur beliebt wegen ihrer klaren, offenen Ansichten, mit denen sie nicht hinter dem Berge hielt. Auch ihr Engagement für ihre Schüler war außergewöhnlich groß.

Wenn Frau Kleedorf »mangelhaft« unter eine Mathematikarbeit schrieb, gab es kein Lamentieren; die Schüler akzeptierten ihre Entscheidung, weil sie fair und korrekt war.

Wibke Kleedorf half den Schülern, sich eine eigene Meinung zu bilden, ohne in Fanatismus zu verfallen, und für ihre Grundsätze zu streiten.

Wibke nutzte auch die Konferenzen, um ihre Meinung kundzutun, und verstand die Kollegen nicht, die nur mit dem Blick auf die Uhr ihre Stunden abrissen und in Passivität fast zu ersticken drohten.

Der Direktor, ein dynamischer, weltoffener Pädagoge, war auf Frau Kleedorf aufmerksam geworden.

Er bemühte sich, in Gesprächen mit dem Personalrat die flotte Kollegin für eine in Zukunft zu besetzende besser dotierte Stelle zu favorisieren.

Wibke Kleedorf hatte ihr Referendariat in Hannover mit Bravour bestanden und erfüllte alle Voraussetzungen. Direktor Bornfeld war in Eilsum geboren und groß geworden und besaß als Einheimischer genügend Hintergrundinformationen über den holprigen Lebensweg seiner Kollegin. Wibke Kleedorf passte in das Konzept seines Organisationsplanes, den es in den nächsten Jahren zu verwirklichen galt.

Der Ostwind brachte kühle Meeresluft. Er fegte mit Windstärke sechs durch den Garten und rüttelte heftig an den Zweigen der großen, alten Tannen.

Hubertus verließ seinen Platz am Fenster, trat an den Kamin und zündete die Anthrazitwürfel an.

Er sah zu, wie die Rammen um die Birken- und Buchenscheite züngelten und allmählich die Glut entfachten.

Er hatte den Tisch gedeckt, Knabbereien auf Schälchen verteilt, einige Flaschen »Umweger Stich den Buben« bereitgestellt und eine CD mit der Ouvertüre aus »Ein Sommernachtstraum« von Felix Mendelssohn-Bartholdy bereitgelegt.

Seine Mutter hatte diese Musik sehr gern gehört, wenn sie am Nachmittag im Sessel gelegen und in den Garten geschaut hatte. Doch an seine Mutter wollte er an diesem Abend nicht denken.

Er war überaus nervös und führte das auf seine fehlenden Erfahrungen im Umgang mit Frauen zurück.

Dabei war Wibke nicht irgendeine Frau. Sie sah bezaubernd aus und besaß genau die Art von Charme und Geist, nach der er sich stets gesehnt hatte. Er hatte sie für diesen Abend zu einem Glas Wein eingeladen. Als er einen Wagen die Auffahrt hinaufkommen hörte, verließ er das Wohnzimmer und öffnete die Haustür.

Wibke stieg gerade aus ihrem Golf. Sie trug weiße Jeans, einen weißen Pulli und darüber eine schwarze Wildlederweste. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten.

»Hallo!«, rief sie fröhlich und kam ihm entgegen.

Sie hielt ein kleines Usambaraveilchen in der Hand. »Große Stauden hast du ja genug im Garten. Das hier ist für den Tischschmuck«, sagte sie.

»Danke, ich mag kleine Blumen sehr«, erwiderte Hubertus und nahm ihr das Papier und die Blume ab. »Herzlich willkommen! Du kannst dich am Kamin aufwärmen«, fügte er hinzu und geleitete Wibke ins Wohnzimmer. »Bitte, nimm Platz!« Er stellte das Veilchen auf den Tisch. Wibke ließ sich in einem Sessel nieder.

Hubertus ging zum Schrank und stellte den Recorder an. Gleich darauf war der ganze Raum von der leisen, getragenen Musik erfüllt.

Hubertus holte den Wein, füllte die Gläser und nahm im zweiten Sessel Platz.

Dann prosteten sie sich zu.

»Hier vor dem Kamin habe ich mit Mutter schöne Abende verlebt. Wibke, glaubst du an ein Leben nach dem Tode?«, fragte Hubertus und schaute die junge Frau prüfend an.

Der Kamin strahlte eine angenehme Wärme aus. Die Flammen loderten. Wibke saß lässig im Sessel, die langen, schlanken Beine ausgestreckt. Ihr enger Pullover betonte ihre weiblichen Formen. »Irgendwie schon. Ich habe allerdings keine genaue Vorstellung vom Verbleib der Seele, und es fällt mir schwer, an einen gerechten Gott zu glauben!« Sie blickte geistesabwesend vor sich hin.

Hubertus riss sie aus ihren Gedanken. »Es gibt einen Gott, und unsere Seele lebt weiter«, sagte er überzeugt und erzählte ihr einiges über asiatische Philosophie, seine Meinung dazu und angeblich nachgewiesene Reinkarnationen.

Wibke hörte fasziniert zu. Einerseits war sie skeptisch, andererseits schienen ihr seine Argumente durchaus logisch.

Sie tranken den hervorragenden trockenen Wein, knabberten Gebäck, blickten in die knisternde Glut der Scheite.

»Unser Leben ist ein Karma. Wir müssen uns an gestellten Aufgaben bewähren«, sagte Hubertus überzeugt. Er erhob sich, ging zum Schrank und kam mit einem Packen Bücher zurück.

»Wibke, es lohnt sich, mit einem dieser Werke den Anfang zu machen, wenn dich dieses Thema wirklich interessiert«, meinte er.

Wibke nippte an ihrem Wein und studierte die Titel, während Hubertus die zweite Flasche entkorkte.

Er füllte die Gläser, sie tranken sich zu, und während er weitersprach, ließ die junge Lehrerin ihr bisheriges Leben vor ihrem geistigen Auge Revue passieren. Wenn es stimmte, was Hubertus da sagte, war dann all ihre durchlebte Verzweiflung, all ihr Kummer vorbestimmt gewesen? Diese Gedanken trieben ihr, ohne dass sie es wollte, die Tränen in die Augen.

Hubertus griff nach ihrer Hand und drückte sie. »Wibke, was ist?«, erkundigte er sich besorgt und ein wenig schuldbewusst.

»Du weißt nur sehr wenig von mir«, schluchzte sie. »Willst du wirklich wissen, warum ich jetzt weine?«

Er nickte stumm.

»Hubertus, ich habe einen Sohn. Er ist mehr als nur behindert. Marco ist ein lebenslanger Pflegefall. Er kennt mich nicht. Er kann nicht einmal ›Mutter‹ sagen und wird es auch nie lernen. Er wird in einer Anstalt in Ortel am Leben erhalten – wenn man sein Dasein überhaupt Leben nennen kann«, fügte sie, noch immer schluchzend, hinzu.

»Und dein Mann?«, fragte Hubertus.

»Seine Familie gibt mir die Schuld und hat uns beide auseinandergebracht. Jetzt frage ich mich, ob er mich überhaupt jemals geliebt hat, denn ich habe im Nachhinein erfahren, dass er mir nicht treu war«, sagte sie stockend.

Hubertus stand auf, holte aus dem Bad Taschentücher und tupfte ihr liebevoll die Tränen aus dem Gesicht.

»Danke«, murmelte sie.

»Wenn du möchtest, begleite ich dich einmal nach Ortel«, sagte Hubertus.

»Das ist lieb von dir«, schluchzte sie.

»Und wenn du nicht gern allein bist und Trost und Ansprache brauchst – mein Haus ist zu groß für mich. Zieh zu mir! Ich lasse dir Zeit. Überleg es dir«, fuhr er eindringlich fort und drückte Wibke das gefüllte Weinglas in die Hand. »Vergiss, was du nicht ändern kannst. Es ist das Karma deines Kindes. Gott hat es so gewollt.«

Wibke schaute ihn dankbar und voller Zuneigung an. Sie zwang sich ein Lächeln ab und trank einen Schluck Wein.

Die Musik von Mendelssohn-Bartholdy war verklungen.

Hubertus stand auf, griff in die Kassettenbox und entschied sich für die fünfte Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Wibke empfand die Klänge wie sanft tröstende Berührungen, und ein starkes Gefühl der Geborgenheit ergriff von ihr Besitz, hüllte sie ganz ein. Hubertus hatte Worte gefunden, die ihr wohltaten, und die Wunden, die die Vergangenheit ihr geschlagen hatte, schmerzten auf einmal nicht mehr ganz so sehr …

Noch lange saßen sie an diesem Abend zusammen, und da es spät geworden war und Wibke den Gedanken, allein in ihr leeres Apartment zurückzukehren, nicht ertragen zu können glaubte, ließ sie sich überreden, in Hubertus’ Gästezimmer zu übernachten.

Sie ließ sich von ihm an der Hand über die Treppe in den ersten Stock führen. Er bezog gekonnt das Bett, zeigte ihr den Weg ins Bad, entnahm dem Schrank einen Schlafanzug und drückte Wibke kurz an sich. Dann wünschte er ihr eine gute Nacht und schöne Träume und eilte aus dem Zimmer.

Wibke verschloss nicht die Tür, doch wenn sie geglaubt hatte, er würde die Situation ausnutzen, so hatte sie sich geirrt. Sie hörte die Vögel, die in den Bäumen zu zwitschern begannen, hörte das Gurren der Tauben und schlief schließlich ein.

Sie hätte mit Sicherheit keinen Schlaf gefunden, wenn sie gewusst hätte, dass Rolf inzwischen in Abständen mehrmals vergeblich die Klingel ihres Apartments betätigt hatte.

Im »Neuen Theater« erscholl Beifall, als Justus Frantz mit seinem »Symphonieorchester der Nationen« die Bühne betrat. Für Wibke war der Besuch des Konzerts ein besonderes Erlebnis. Rolf hatte das Vereinsleben gepflegt, sich aber weder für Kunst noch für klassische Musik interessiert.

Wibke, die im kleinbürgerlichen Milieu aufgewachsen war, hatte nie ein Instrument in Händen gehalten und selbst während ihrer Studienzeit selten den Weg in die Konzertsäle gefunden.

An diesem Abend saß sie im Theatersessel wie verzaubert und fühlte sich davongetragen in eine Welt jenseits ihrer alltäglichen Sorgen und Nöte.

Sie empfand eine unerklärliche Nähe und Verbundenheit mit ihrem Sohn Marco, der in Ortel dahinvegetierte – als gäbe es eine andere Realität, in der sie mit ihrem Kind glücklich sein konnte. Es wäre ihr schwergefallen, ihre Empfindungen in Worte zu kleiden, doch sie fühlte sich plötzlich frei und schwebend!

Wibke ergriff die Hand von Hubertus, der neben ihr saß, und drückte sie dankbar.

Als Justus Frantz am Ende den Taktstock senkte, seine Solisten dem Publikum vorstellte und ihnen die Hand reichte, wachte sie auf wie aus einem Traum.

»Das war himmlisch«, flüsterte sie Hubertus ins Ohr. Im »Neuen Theater« erscholl begeisterter Beifall.

Noch Minuten nach dem Abklingen der Zugabe, es war der Bolero von Ravel, saßen die Besucher klatschend in ihren Sesseln.

Wibke und Hubertus verließen das Theater und schritten im Strom der Besucher zum Parkplatz.

Es war ein milder Frühlingsabend. Die Sterne standen schon am Himmel, und im Wind, der vom Wald über den Parkplatz strich, lag der Duft frischer Blumen.

Hubertus ließ den Wagen an. »Das war wunderbar – vor allem, weil du neben mir gesessen hast«, sagte er.

»Nimmst du mich mit zu dir?«, bat Wibke, und in diesem Moment war es ihr gleichgültig, dass sie kein Nachthemd dabeihatte und ihre Schultasche in ihrer Wohnung stand. Sie schauderte bei dem Gedanken, diesen Abend allein zu verbringen.

»Wann hast du morgen Schule?«, fragte Hubertus und fuhr los.

»Die ersten beiden Stunden, in einer Verkäuferinnenklasse mit abgestumpften jungen Dingern«, antwortete sie müde.

Hubertus lenkte den Wagen auf die Auricher Straße. »Dann holen wir morgen früh deine Schultasche in der Gartenstraße ab«, meinte er.

Es war bereits spät, als sie sich schließlich mit einer Flasche Wein vor dem Kamin niederließen und nachempfanden, was sie erlebt hatten.

Durch das Fenster fiel helles Mondlicht, und die Zeiger der Uhr schienen schneller als sonst über das Zifferblatt zu huschen. Sehr spät erst rafften sie sich auf, um ins Bett zu gehen.

Hubertus holte den Schlafanzug aus dem Schrank, in dem Wibke schon einmal geschlafen hatte, und begleitete sie zum Gästezimmer.

Sie scherzten ausgelassen miteinander, und irgendwann zog Wibke sich aus, steckte den Pyjama unter das Kopfkissen und legte sich nackt auf das Laken.

Auch Hubertus verzichtete auf seinen bunten Schlafanzug, legte sich zu Wibke und erwiderte ihre heißen Küsse. Er fühlte ihre Lust, und ein Schatten flog über sein Gesicht. Langsam setzte er sich auf.

»Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen«, gestand er höchst verlegen. »Ich war zu lange mit Mutter allein.«

Wibke strich ihm über das volle Haar und küsste seine behaarte Brust. Dann kuschelte sie sich zufrieden an ihn und zog die Decke über sie beide.

»Uns bleibt noch viel Zeit, uns aneinander zu gewöhnen«, sagte sie leise.

Wibke Kleedorf, war eine schöne und begehrenswerte Frau. Im Kollegium hatte sich schnell herumgesprochen, dass sie einen reichen und angesehenen Mann verlassen hatte. Hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt, dass sie einen Scheidungsprozess eingeleitet hätte, in dem es um eine Abfindung in Millionenhöhe ging.

Die Wahrheit war, dass sie einen Anwalt aufgesucht hatte, der sie beriet. Es ging um den Unterhalt für ihren Sohn Marco, dessen intensive Pflege ein Vermögen verschlang und Wibkes Möglichkeiten überstieg.

Rolf, dessen Geschäfte hervorragend liefen, hatte indessen eine zusätzliche lukrative Marktlücke entdeckt.

Der Handel mit Reitpferden aus seinem Gestüt lief sehr gut, weil immer mehr Eltern aus den mittleren Einkommensschichten gutmütige und pflegeleichte Pferde für ihre Kinder kauften. Sie stellten keine hohen Ansprüche an die Abstammung der Tiere, und oft wünschten sie möglichst kleinwüchsige Pferde.

Rolf hatte diese Tatsache schneller als seine Konkurrenten erkannt. Nach dem Fall der Mauer und der Öffnung der Ostgrenzen war er nach Polen gefahren und hatte dort gefunden, was er suchte. Er importierte Reit- und Panjepferde nach Pilsum und erfüllte damit die Wünsche seiner wachsenden Kundschaft im norddeutsehen Raum. Als die Nachfrage weiter stieg, bekam er sogar Aufträge aus Spanien und organisierte mit einem Partner regelmäßige Transporte dorthin.

Schwache Tiere, die auf dem langen Weg krank wurden, verkaufte der spanische Partner an die Schlachthäuser in Malaga oder Sevilla.

Rolf, dessen Vermögen mittlerweile kräftig angewachsen war, schlug den Wunsch seiner Eltern aus, sich scheiden zu lassen und nach einer passenden Frau zu suchen. Er hatte es sich plötzlich in den Kopf gesetzt, mit Wibke einen Neuanfang zu versuchen. Für Marco war gesorgt. Rolf hatte die Pflegekosten übernommen und war verwundert darüber, dass Wibke sich hartnäckig weigerte, zu ihm zurückzufinden.

Die harmlosen Seitensprünge mit jungen Dingern konnten sie doch nicht so tief verletzt haben. Und das Geschwätz seiner alten Eltern musste sie nicht für bare Münze nehmen! Rolf entschied sich, Wibke Zeit zu lassen, und ging ganz in der Rolle des erfolgreichen Unternehmers auf.

Wibke Kleedorf kleidete sich nicht nach der Mode, wenn diese ihren Vorstellungen nicht entsprach. Sie kaufte das, was ihr stand und elegant wirkte.

Mit ihrer Eleganz erregte sie oft den Neid der Kolleginnen, die ihr sogar heimlich nacheiferten. Anders verhielt es sich in ihrer Verkäuferinnenklasse! Die Schülerinnen reagierten eher zurückhaltend auf ihre gut aussehende und gewandte Lehrerin.

Die Mädchen kamen aus einer anderen Welt. Sie waren nach dem Besuch der Hauptschule froh darüber gewesen, bei der hohen Jugendarbeitslosigkeit in den Supermärkten einen Ausbildungsplatz bekommen zu haben. Sie zeigten kein Interesse an kulturellen und historischen Bildungsgütern, konsumierten die amerikanischen Videos und suchten abends in den Discos ein wenig Zerstreuung.

Sie waren früh erwachsen geworden, hatten ihre Illusionen und Träume im harten Berufsalltag schnell verloren, und Wibke gelang es nicht, sie für den Unterrichtsstoff zu begeistern oder auch nur Zugang zu ihnen zu gewinnen. Sie war enttäuscht von den Schülerinnen, die träge in ihren Bänken hockten und ihre Stunden absaßen.

Sie fanden es fad, über die Parteien und die Fundamente der Demokratie zu reden. Sie hatten zwar das Wahlalter, lasen jedoch weder Zeitungen, noch informierten sie sich anderweitig.

Wibke ärgerte sich über die vielen fehlgeschlagenen Versuche, die Klasse in den Griff zu bekommen. Mit der Fachoberstufe hatte sie kaum Probleme, und auch die von ihr betreuten Industriekaufleute, die bei der Nordseewerft, in der Fisch verarbeitenden Industrie und bei den Zuliefererbetrieben des Volkswagenwerkes lernten, waren begeistert von ihrer Unterrichtsführung. Sie liebten ihren Charme und ihre lockere, witzige Art.

Für die Schülerinnen der Verkäuferinnenklasse hingegen war sie eine schöne Frau, die selbstbewusst, sicher und fordernd vor ihnen stand und all das ablehnte, was den Lebensinhalt der Schülerinnen ausmachte. Zwischen ihnen klaffte ein breiter Graben.

Wibke stand an diesem Morgen vor der Klasse. Das Thema der Lektion hieß »Meine Familie und ich«. Wibke bemühte sich, den Unterricht sachlich zu gestalten, und überhörte die albernen Zwischenbemerkungen. Sie hatte eine Folie angefertigt und sie auf den Overheadprojektor gelegt. An der weißen Wand oberhalb der Tafel erschien die Statistik der geschlossenen und aufgelösten Ehen. Sie interpretierte die Zahlen und forderte die Klasse auf, nach Ursachen für die hohe Zahl der Scheidungen zu suchen.

Bei diesem Thema wachten viele der Mädchen aus ihrer Lethargie auf, und es entspann sich eine recht lebhafte Diskussion. Doch Wibke musste wieder einmal feststellen, wie nüchtern und illusionslos die meisten Schülerinnen das Problem sahen und wie viele von ihnen schon zu Opfern der gescheiterten Ehen ihrer Eltern geworden waren.

Noch lange gingen der jungen Lehrerin an diesem Nachmittag diese Probleme im Kopf herum, und sie musste auch wieder an ihre eigene gescheiterte Ehe denken.

Denn gescheitert war sie für sie, auch wenn Rolf in letzter Zeit telefonisch und per Brief einige Versuche unternommen hatte, sie zu überreden, zu ihm zurückzukommen.

Die Schülerinnen verließen lärmend die Klasse und ließen sie allein. Wibke erhob sich.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Dünengrab" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen