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Das Duell der Spielmeisterin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Kapitel 32
  38. Kapitel 33
  39. Kapitel 34
  40. Kapitel 35
  41. Kapitel 36
  42. Kapitel 37
  43. Kapitel 38
  44. Kapitel 39
  45. Leseprobe

Über dieses Buch

New York, Gegenwart: Silver kennt seinen echten Namen nicht – er hat ihn vor vielen Jahren als Einsatz in einem Spiel geboten und verloren. Er ist einer der ältesten Spieler der Oberen Gemächer, und nun steht er vor dem ultimativen Duell: Er will es mit der Spielmeisterin aufnehmen, der größten Spielerin seit Jahrhunderten, der Herrin des Spielhauses. Silvers Einsatz: nicht weniger als seine Seele.

Das Duell wird in einem sogenannten Großen Spiel ausgetragen. Es umfasst den ganzen Erdball, kann sich über Jahre hinziehen. Und es wird den Lauf der Geschichte verändern …

Über den Novellenzyklus

Das Spielhaus existiert jenseits von Raum und Zeit. Eingeweihte spielen hier um die wirklich interessanten Gewinne: die Macht über ganze Reiche, Einfluss – sogar Lebensjahre, Charaktereigenschaften und Erinnerungen können eingesetzt werden. Legendäre Spieler können auf diese Weise den Jahrhunderten trotzen. Doch je höher der Einsatz, desto tödlicher die Regeln …

In drei Novellen entwirft Claire North die faszinierende Welt des Spielhauses und verfolgt den Weg der großen Spieler über viele Kontinente und Jahrhunderte.

Über die Autorin

Claire North, geboren 1986, ist das Pseudonym der britischen Autorin Catherine Webb, die bereits seit ihrem vierzehnten Lebensjahr Romane schreibt. Seitdem hat sie viele Fantasy-Romane veröffentlicht. Sie lebt in London, ist Beleuchterin am Theater und liebt große Städte, urbanen Zauber und Thai-Essen.

Claire North

DAS DUELL DER
SPIELMEISTERIN

Das Spielhaus
Dritte Novelle

Aus dem Englischen von Eva Bauche-Eppers

Kapitel 1

Nun ist es so weit, die Entscheidung steht bevor. Fanfaren sollten erschallen. Auf, auf, der Tag der Tage ist gekommen!

Du und ich, so lange haben wir dieses Spiel gespielt, aus dem Hintergrund, ohne in Erscheinung zu treten. Das Spielbrett ist bereit, die Figuren sind aufgestellt, die Karten gemischt.

Die Münze, die geworfen wurde, die sich drehte, um und um, sie muss zu Boden fallen. Kopf oder Adler – was wird es sein?

Kapitel 2

Eine Geschichte, die keine Geschichte ist, von einem Ort, der kein Ort ist: dem Spielhaus, wo die Mächtigen und die Altmeister sich einfinden, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Hereinspaziert, ihr Feldherren und Könige, ihr Fabrikanten und Damen der schreibenden Zunft, willkommen im Spielhaus. Kommt und spielt um das höchste Amt in einer Stadt, um die Eroberung eines Landes, den Reichtum eines Volkes, die Historie eines Palastes, die Geheimnisse von Spionen und um von Diebesbanden angehäufte Schätze. Das Schachbrett ist hier ein Raster, das wir über die Welt legen. Würfel rollen und die Köpfe Namenloser. Die Karten werden verteilt, und die Münze dreht und dreht sich, Armeen werden vernichtet, Ozeane erheben sich wider das Land und wir gewinnen und leben oder verlieren und sinken ins Grab. Denn nicht um schnödes Geld und Gut spielen wir in den oberen Gemächern, sondern um Leben, Zeit und Seelen.

Der Vorhang hat sich gehoben, die Musik ist verstummt, und der Spieler betritt die Bühne.

Kapitel 3

Man nennt mich Silver.

Mein wirklicher Name ging vor langer Zeit verloren, er war mein Einsatz in einem Spiel gegen einen Barbarenkönig. Er, der ihn gewann, war der Fürst eines Reitervolks und fiel in der Schlacht, ohne je zu ahnen, dass er eine Figur auf ganz anderer Walstatt war, geführt von eines Fremden Hand. Mit seinem Tod war der Verlust meines Namens besiegelt, und es ist kein Trost zu wissen, dass auch der seine in keinem Geschichtsbuch verzeichnet steht. Nur sie weiß noch, wie ich hieß – sie, die Herrin des Spielhauses, ma belle dame sans merci. Aber sie steht über allen Dingen und wird mir nichts sagen.

Folglich, da mir nichts anderes geblieben ist, bin ich schlicht Silver.

Von all den Spielern und Spielerinnen der oberen Gemächer ist nur eine älter als ich, und diese hat kein Interesse an derlei Dingen.

(»Die Welt mag sich wandeln«, brummt sie und fädelt das Garn durchs Nadelöhr und näht mit kleinen, schnellen Stichen, »aber das Spiel bleibt das Spiel. Ich bin eine Spielerin, was gilt mir die Welt, was gilt mir dein Trachten und Tun?«

»Was, wenn ich sagte, ich spiele aus Liebe?«, frage ich eines Abends, als ich zu tief ins Glas geschaut habe.

Sie kichert und hebt für einen Moment den Blick von ihrer Nadelarbeit, mustert mich mit belustigtem Tadel. »Silver, du liebst nur das Spiel, und das Spiel ist eine kalte Geliebte.«)

Ich habe viele Spiele gespielt, um Einsätze unterschiedlichster Art, aber das größte Spiel, um den höchsten Einsatz, mag nun beginnen.

Kapitel 4

New York im Sommer. Eine Stadt – zwei Klimazonen. In den Häusern erzeugt die Klimaanalage arktische Kälte, draußen verstärkte die von den Ventilatoren angesaugte und ausgeblasene Wärme die längst flimmernde Hitze, bis die Luft in schweißklebriger Verzweiflung zu zerfließen scheint. Ich erinnere mich an New York als Neu-Amsterdam, eine Kolonie auf einer sumpfigen Insel, nicht einmal eines gewöhnlichen Würfelspiels würdig, erst recht nicht einer Tür zum Spielhaus. Und doch war sie da, die silberne Tür in einer Straße, wo sie nicht hingehörte, mit dem messingenen Türklopfer in Form eines zähnefletschenden Löwenhaupts, darüber roter Backstein, eine Feuerleiter. Die benachbarten Häuser wirkten wie mehr schlecht als recht beiseitegedrängt, als hätte das Spielhaus sich in die vorhandene Häuserzeile transplantiert und die Mauern zur Linken wie zur Rechten ein wenig verschoben, zur Konfusion der umgebenden Gebäude. Und natürlich ist es genau so gewesen.

Der Flur dahinter, mit seidenen Schleiertüchern verhangen, wirkte alt, roch alt und die ins Schloss fallende Tür schnitt alle Geräusche ab. Man konnte meinen, die Zeit sei stehen geblieben, genau in der Sekunde, als in der ganzen Stadt kein Vogel sang, kein Motor röhrte, kein Botenjunge das Taxi verfluchte, das ihn bei einer waghalsigen Straßenüberquerung fast angefahren hätte, und keine Sirenen jaulten. Vor drei, vier Wochen existierte dieses Haus noch nicht, und bald wird es wieder nicht existieren, und niemand wird danach fragen, abgesehen von den wenigen Spielern, die noch grün genug sind, um sich zu wundern.

Das Spielhaus kommt oft nach New York. Es ist gern dort, wo die Macht pulsiert.

Kommt, folgt mir.

Wir schreiten durch Flure mit Portieren aus weißem Seidenflor, begleitet von den Düften exotischen Räucherwerks, den Klängen von Musik. Wir steigen einige Stufen hinunter in den Saal, wo die neuesten Spieler sich inmitten der üblichen Paraphernalien des Parterres tummeln: UV-Licht und Champagner, Cocktails mit Olivenspießchen, ein Springbrunnen aus Eis, Schachbretter und -figuren, Backgammon und Baduk, Karten und Spielsteine. Neue Spiele haben sich seit unserem letzten Besuch hinzugesellt: Cluedo, Siedler von Catan, Age of Empires, Mario Kart, Mortal Combat. Irgendwas, ausgetragen zwischen einem fluchenden Bischof und einem stellvertretenden Bürgermeister. Ein Richter, ein Polizeikommissar, ein Gangster, ein Kongressabgeordneter, ein Stabschef, ein General, ein Konsiliararzt, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, ein Professor, ein Auftragskiller, ein Pharmaziemagnat, ein Ölbaron, ein Verkäufer von Gebrauchtwagen und billigem Kokain – Männer und Frauen, die von sich glauben, dass sie jemand sind und mehr sein könnten, als sie sind. Sie alle kommen her, seit Jahrhunderten, überall auf der Welt. Sie träumen davon, dass sich einst die Tür von Silber für sie auftun wird, wie jetzt für mich. Aber wie viele, so denke ich bei mir, werden als Spielfiguren enden statt als Spieler? Die meisten – alle, möglicherweise. Das ist eine der bitteren Wahrheiten des Spielhauses.

So viel zu den Parterrespielern, ich habe keine Zeit für Anfänger und ihre Nichtigkeiten. Ich betrete die oberen Gemächer. Wieder ein Saal, größer als der untere, und hier sitzen die Erprobten, die Erfahrenen, die ältesten Spieler des Spiels. Heutzutage konsultieren sie Bildschirme und digitale Landkarten zur Planung ihrer nächsten Vorhaben. Da zum Beispiel eine Frau, die bei einer Wette auf den Goldpreis ihre Gesundheit eingesetzt hat. Sie gewann die Wette, nach einigen geschickten Marktmanipulationen, und erfreut sich nun zusätzlich der exzellenten Sehschärfe ihres Gegners, der sich, erblindet, mit ausgestreckten Armen zum Ausgang tastet. Dort haben wir einen, der Kriegsschiffe gegen Luftwaffe setzte, in der ersten Welle seinen Flugzeugträger verlor und gerade zusehends um die Jahre altert, die der Gewinner einfordert. Sie dort hat vor Gericht einen für unmöglich gehaltenen Freispruch erwirkt, er hat eine Stadt gewonnen, sie einen ganzen Staat, er hat eine Ölförderplattform verloren und so weiter und so fort spinnen sich die Fäden des Spiels, weben ein Netz um die ganze Welt. Ein Netz des Spiels, von welchem wir glauben möchten, wir hätten es zum Vergnügen gespielt, all die vielen Jahre, die langen Jahrhunderte hindurch, zum reinen Vergnügen. Doch es hat durch uns die Welt verändert, nach ihrer Fasson, der Herrin der oberen Gemächer, der Meisterin aller Spiele und sie …

Sie.

Sie erwartet mich.

Ich erklimme die Treppe am hinteren Ende des Saals, und niemand hält mich auf. Gewöhnlich verwehren zwei Schlichterinnen, von Kopf bis Fuß und zu den Fingerspitzen in Weiß gehüllt, dem Unbefugten den Zutritt, aber nicht heute, nicht mir.

Sie sitzt, tief verschleiert, auf einem geschwungenen cremefarbenen Sofa unter seinem seidenen Baldachin. Seit sie das Weiß anlegte, habe ich sie weder essen noch trinken noch lächeln gesehen, aber sie ist immer noch da, nach all der Zeit, verborgen in der vielschichtigen Flut der Gewänder.

Sie fragt, ob der Tag schon gekommen sei.

Ich stelle fest, dass ich nicht sprechen kann.

Sie bietet mir Wasser an.

Ich kann nicht trinken.

Sie sagt: »Du siehst müde aus, Silver. Du siehst alt aus.«

»Nicht so alt, wie ich mich fühle.«

»Das muss nicht sein. Du kannst so lange leben, wie das Haus besteht.«

»Vielen Dank. Ich habe genug von der Ewigkeit.«

Die behandschuhten Finger ihrer linken Hand trommeln einen kurzen Rhythmus auf ihrem Oberschenkel – ein Klaviervirtuose, der sich mit einer Tonleiter aufwärmt. »Nun gut«, sagte sie. »Wollen wir?«

»Ja.« Meine eigene Stimme kommt mir fremd vor, und ich sage es noch einmal, lauter, bestimmter: »Ja.«

»Bist du fest entschlossen? Wenn du diesen Schritt getan hast, gibt es kein Zurück mehr, und ich weiß, dass du dir nicht im Unklaren darüber bist, was es bedeutet, wenn du verlierst.«

»Ich werde nicht verlieren.«

»Nein? Du hast über Jahrhunderte hinweg auf diesen Moment hingearbeitet, aber das Haus ist mein, die Spieler sind mein, und von uns beiden war von jeher ich die Stärkere.«

»Ich werde nicht verlieren.«

»Du wirst dem Haus anheimfallen, wenn du scheiterst. Es wird deine Seele von dir fordern. Ich wäre … betrübt, sollte dir dieses Schicksal beschieden sein.«

»Das Haus hat mich längst in Besitz genommen«, erwidere ich. »Ich bin fast ebenso lange ein Sklave des Hauses wie du.«

Ich denke mir ein Lächeln hinter dem Schleier, und die Vorstellung verführt mich vielleicht dazu, es in ihrer Stimme zu hören. »Wohlan«, sagt sie, »dann sei es.«

Ich atme tief ein.

Ich spreche die Worte.

»Meine Herrin hinter den Schleiern«, sage ich, »meine Herrin des Hauses und der oberen Gemächer, Meisterin aller Spiele, ich fordere Euch zum Duell.«

Kapitel 5

Was ist das?

Sind das …

… Tränen?

Ich verlasse das Spielhaus und spüre eine Wärme in meinen Augen.

Was ist das?

Ich koste die Feuchtigkeit auf meinen Lippen, und sie schmeckt salzig.

Es kann nicht Trauer sein, wovon mir die Augen überlaufen, und Tränen sind auch keine hilfreiche Reaktion auf Furcht. So viele Jahrhunderte habe ich auf diesen Tag gewartet, und mit der Zeit ist der Kummer verblasst.

Wirklich? Vielleicht verlässt uns der Kummer nie, er wird nur begraben unter der Flutwelle des Lebens, die über uns hereinbricht. Vielleicht blutet die Wunde von einst immer noch, und ich habe es bis zu diesem Augenblick nicht bemerkt.

Ich finde den Gedanken kontraproduktiv und beschleunige meinen Schritt.

Meines Wissens ist es nur drei Mal vorgekommen, dass jemand das Oberhaupt des Spielhauses zum Duell gefordert hat.

Das erste Mal war vor meiner Zeit und ist nur mehr in Allegorien und Sagen präsent. Wir können es getrost außer Acht lassen.

Das dritte und bisher letzte Mal war 1774, und keiner von uns räumte dem Herausforderer eine Chance ein. Trotzdem blieben fast vierzig Jahre lang die Türen des Spielhauses geschlossen und die Herrin des Hauses und ihr Gegner spielten das Große Spiel. Sie führten Attentäter, Spione, Könige, Diplomaten, Armeen und Religionen gegeneinander ins Feld, bis schließlich, 1817, der Herausforderer geschlagen war, seine Fürsten tot, seine Streitkräfte vernichtet und er selbst dem Spielhaus verfallen. Was aus ihm wurde – niemand weiß es. Der Tod wäre gnädig, das Spielhaus gewährt diese Gnade nicht leichthin. Es pflegt seine Opfer mit Haut und Haaren zu verschlingen, und ich bin überzeugt, irgendwo unter den weißen Schleiern, die von den Dienern des Hauses getragen werden, existiert er noch, Gefangener und Sklave der Mauern, Flure und Räume dieses labyrinthischen Hauses.

Und die zweite Herausforderung?

Ah, die zweite, die größte Herausforderung wurde 1208 ausgesprochen, und die Frau, die es wagte, der Herrin der oberen Gemächer, der Meisterin aller Spiele, den Fehdehandschuh hinzuwerfen, war …

… die beste Spielerin, die ich in meinem langen Dasein je gekannt habe.

Zwanzig Jahre stritten sie widereinander, die Spielmeisterin und sie, die sie vom Thron stürzen wollte, und am Ende vermochte niemand zu sagen, wer obsiegt hatte und wer verloren. Man wusste nur, dass die Herausforderin verschwunden war, manche sagten, in die Knechtschaft des Spielhauses geraten, um auf ewig zu dienen, gesichtslos in weißen Gewändern, andere sagten, nein, ganz im Gegenteil: Sie ist im Sieg aufgegangen, sie hat die Herrschaft über das Spielhaus errungen, aber wer kann diesen Ort wirklich beherrschen? Sie ist nicht mehr Spielerin, sagten sie, sie ist die neue Herrin der oberen Gemächer und Meisterin aller Spiele. Im Sieg wurde sie das, was ihre Gegnerin gewesen war, und unter diesem Aspekt war der ultimative Erfolg gleichzeitig die ultimative Niederlage, denn sie ist nicht mehr sie selbst, sondern nur eine weitere in der Reihe der Herren und Herrinnen des Spielhauses, ohne Namen, ohne Gesicht.

Hat sie es so gesehen? Hat sie je etwas anderes gesehen als das Spiel? Hat sie mich gesehen?

Die Münze dreht sich, dreht sich um und um.

Möge das Spiel beginnen.

Kapitel 6

Lange vor der förmlichen Herausforderung setzten wir uns über die Rahmenbedingungen ins Einvernehmen.

Sie sagte: »Assassins? Nein, zu primitiv. Verstecken? Das ist wohl eher was für Jüngere als uns. Risiko? Habe ich schon lange nicht mehr gespielt.«

Ich erwiderte: »Mit dem Anbruch des Atomzeitalters hat Risiko seinen Reiz verloren.«

Die Herrin des Spielhauses seufzte. »Nun wohlan, dann also Schach.«

Vier Wochen nach diesem Gespräch, in einer Bar in Taipeh, setzte sich ein Bekannter zu mir – Remy Burke, der mir von früher einen Gefallen schuldete –, stützte den Ellenbogen auf den Tisch, das Kinn in die Hand und sagte: »Ich will doch hoffen, dass es nur ein Gerücht ist, dass ihr euch für das Große Spiel auf Schach geeinigt habt?«

»Welche Antwort willst du hören, die freundliche Lüge oder die brutale Wahrheit?«

Remy blies die Backen auf und ließ den Atem langsam zwischen leicht geöffneten Lippen entweichen. »Silver«, sagte er und schüttelte den Kopf, »das Große Spiel ist eine Sache, aber eine Partie Schach mit der Spielmeisterin unter den Bedingungen des Großen Spiels ist Selbstmord.«

»Es ist und bleibt Schach. Wir versuchen, die gegnerischen Figuren zu schlagen und den König Schachmatt zu setzen. Was ist dabei?«

»Dass du der König bist?«

»Genau wie sie.«

»Und deine Figuren sind die verdammte Weltbank!«, zischte er. »Anstelle des Läufers nimmst du Papst oder Ayatollah, die zu Kreuzzug oder Jihad aufrufen. Anstelle des Springers den Mossad, und der Bauer steht für die Regierung Pakistans. Silver! Nicht dein Tod ist es, mit dem ich hadere, auch wenn ich überzeugt bin, dass du diesen Wahnsinn nicht lebend überstehen wirst – es ist der Tod von Bauer, Turm und Dame, die ihr im Lauf eures Spiels opfern werdet. Die Regeln des Großen Spiels schreiben vor, dass man ausschließlich eigene Figuren aufbieten darf, und was glaubst du, wie lange es dauert, bis sie die schweren Geschütze auffährt? Bist du bereit, Länder in Wüsten zu verwandeln, über Leichen zu gehen, den wirtschaftlichen Ruin ganzer Nationen herbeizuführen, nur um möglicherweise einen Hinweis auf ihren Standort zu erhalten?«

Ich rollte den kalten Stiel meines Glases zwischen den Fingern und horchte in mich hinein. War ich bereit, all das zu tun? »Ja«, sagte ich schließlich. »Um das Große Spiel zu gewinnen? Ja, dafür ja.«

Er fiel gegen die Stuhllehne zurück, als wenn ihn ein Faustschlag gegen die Brust getroffen hätte, und für einen flüchtigen Moment malte sich Abscheu auf seinen Zügen. Ich fing seinen Blick auf und versuchte, in seinen Augen mein Spiegelbild zu erkennen, meine Gefühle. Las ich Scham in meinem Gesicht? Aufkeimende Bedenken wegen der Mittel zu dem allem anderen übergeordneten Zweck, dem Sieg im Großen Spiel?

Er wandte den Kopf zur Seite und ich wusste: Nein, da waren keine Scham oder Bedenken.

Im Großen Spiel werden keine Trümpfe zugeteilt, man spielt mit dem, was man hat, und Samthandschuhe gehören gemeinhin nicht zum Arsenal.

Auf der Flucht in den Straßenschluchten New Yorks. Flucht insofern, als dass es meine leibhaftige Person war, deren die Spielmeisterin habhaft werden musste, um zu gewinnen, andererseits Flucht doch nur bedingt, da ich schon die ersten Maßnahmen in Gang setzte, um dem entgegenzuwirken. Ich alarmierte den Polizeichef, dessen Dienste ich beim Blackjack gewonnen hatte; den Admiral, der mit seinem Bluff gescheitert war, und schwor, alles für mich zu tun – alles! – wenn ich darauf verzichtete, meinen Gewinn zu kassieren; den Brandstifter, der sein Leben gegen die unversehrte Haut eines mächtigen Mannes einsetzte und dessen Wunden ich heilen half, als er bei dem letzten Zug patzte. Ich setzte den FBI-Agenten in Marsch, der, als ich in einem Haus in Oregon Cluedo gespielt hatte, mein Assistent gewesen war und den ich gerettet hatte, bevor Colonel Mustard in der Bibliothek ihm mit dem Kerzenleuchter den Schädel einschlagen konnte, sowie die Einsatzleiterin im Verkehrskontrollzentrum, deren Ehemann bei Kopf oder Zahl sein gesamtes Vermögen verwettet hatte und dem ich behilflich gewesen war, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Sie alle erreichte ich unter einer einzigen Nummer, denn sie waren Teil der von langer Hand vorbereiteten New Yorker Silver-Eröffnung; und während ich in den gecharterten Jet stieg – einen von neun –, um zur nächsten Station des Spiels zu fliegen, brach in Manhattan der Verkehr zusammen, Demonstranten blockierten die Brücken, und das FBI führte in der East 39th Street Drogenrazzien durch, dort, wo das Spielhaus stand.

Oder gestanden hatte.

Denn wenige Minuten nach meinem Weggang war es spurlos verschwunden.

Kapitel 7

Planspiele an Bord einer Chartermaschine, während New York erst unter, dann auch hinter uns zurückbleibt. Beim Parterreschach sieht man den König, die Figur, die es zu erobern gilt. Beim Großen Spiel ist der gesamte Planet das Spielbrett, der Bauern gibt es viele, und den König ausfindig zu machen kann komplizierter sein als das eigentliche Schachmatt.

Der Pilot des kleinen Fliegers, dessen einziger Passagier ich übrigens bin, ist Ghanaer. Er ging seiner Lizenz verlustig, als der Vater seiner Verlobten Wind von ihrer Beziehung bekam, im Ministerium anrief und brüllte, sein Möchtegernschwiegersohn wäre ein Muslim und Terrorist und ein Verbrecher und hätte es gewagt, sich an seinem süßen, kleinen Mädchen zu vergreifen. Ich sorgte dafür, dass er seine Lizenz wiederbekam und ein Flugzeug; und seine Frau lebte in Paris. Seine Kinder waren sieben und neun Jahre alt und wollten Astronaut werden oder Dinosaurierjäger und haben nie gefragt, warum Großvater sie nicht besuchen kommt.

»Wohin?«

Ich sank auf den Sitz des Kopiloten und reichte ihm einen Zettel. »Die Koordinaten für eine Insel im Atlantik.«

»Name?«

»Ich bin nicht sicher, dass sie überhaupt einen Namen hat oder je hatte.«

»Schwiegervaterärger?«, erkundigte er sich mit einem Lächeln: Aus Schmerz mach Scherz.

»Weniger. Beziehungskrise, könnte man sagen.«

»Oh Mann, du solltest nie vor der Liebe weglaufen. Sie kommt, sie geht. Sie geht immer, aber du musst die Dinge aussprechen, nicht stumm sein und weglaufen.«

»So ist es nicht.«

»Wenn du meinst, es ist dein Leben.«

Drei Stunden in der Luft.

1089 Kilometer entfernt von der amerikanischen Küste über dem offenen Meer machte ein leitender Angestellter im GCHQ (»Manchmal kriegt man einfach nicht die Karte, die man braucht!«) mich auf einen Satelliten aufmerksam, der sich von seiner Programmierung abweichend neu orientierte und meine Position anpeilte.

Ich kontaktierte eine Cybercommunity, die sich »Big Brother lives« nannte. Ihr Leader (»Ich kann bei diesem Spiel jeden schlagen, jeden!«) reagierte innerhalb von Sekunden und initiierte die verabredete DDoS-Attacke gegen den relevanten Server.

Vierzig Minuten später landeten wir auf der namenlosen Insel, kaum mehr als ein Basaltbuckel in der Weite des Ozeans, ich bestieg das dort wartende Schiff der französischen Küstenwache und fuhr hinaus auf das nächtliche Meer.

Der Kapitän, über dessen Gesicht der grünliche Widerschein der Kontrollanzeigen geisterte, sagte: »Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Mückenschiss von einer Insel existiert. Was ist das? Ein Unterschlupf für zwielichtiges Gesindel?«

»Nein. Der Kegel eines erloschenen Vulkans und völlig unbewohnt.«

»Und warum gibt es da eine Landebahn?«

»Wegen der günstigen Lage, weit außerhalb jedes Radars.«

»Das hört sich für mich sehr zwielichtig an.«

Ich erwiderte das Grinsen des Mannes, dessen mächtiger Vollbart und schmierige Schirmmütze konstatierten, dass hier einer stand, dessen Herz vor allem anderen den sieben Weltmeeren gehörte und erst in zweiter Linie La Belle France.

Poseidon war sein Gott, die See seine Braut und Liberté, Egalité und Fraternité waren an Bord nur willkommen, wenn sie die Ärmel hochkrempelten und ruderten. Er wusste nicht, weshalb man ihn hierherbeordert hatte, und das war gut so. Der Befehl war von oben gekommen, von einem Mann, der einmal gefleht hatte: »Bitte lass mir meinen Verstand«, und ich zeigte mich gnädig und nahm ihm dafür das Versprechen ab, mir zu einem späteren Zeitpunkt einen Gefallen zu tun.

»Sie ist die Heimat einiger hübsch anzusehender und seltener Vogelarten«, erklärte ich endlich konversationshalber. »Mir ist ein Rätsel, wie sie dahin gekommen sind, da diese Spezies besser schwimmen als fliegen kann, aber voilá – ein Schluckauf der Natur.«

»Die Natur hat keinen Schluckauf«, entgegnete er ernsthaft. »Wenn sie eine Insel aus dem Badewasser furzt, tut sie das mit voller Absicht.«

Meine Kabine befand sich unter Deck, eine Hängematte in einem von Leitungsrohren durchzogenen Raum. Kein Luftzug außer dem Hitzeschwall von den Maschinen, untermalt von deren unaufhörlichem Wummern, dem Klatschen der Wellen gegen den Rumpf und einem Geschaukel, das dir den Magen umdreht, wenn du dich dagegen wehrst, aber den, der sich ihm hingibt, in seligen Schlummer wiegt.

Ich hatte, um aus der Stadt zu entkommen, etwa dreißig Prozent meiner New Yorker Reserven aufgebraucht sowie einen Kontakt beim GCHQ und eine anarchistische Cybergruppe zur Abwehr einer Standortpeilung eingesetzt. Sie – meine Gegnerin, meine verschleierte Schöne – hatte einen NASA-Satelliten zweckentfremdet, um mich aufzuspüren. Alles Bauernopfer in der Anfangsphase eines Spiels. Um das Brett auszuloten, den Gegner abzutasten.

Das übliche Prozedere – in den ersten Tagen konnte ich es mir erlauben, geduldig zu sein. Das Spielhaus hatte die Türen geschlossen, und seine Herrin reiste auf geheimen Pfaden durch die Welt, und so mächtig, wie sie war, so trickreich und erfahren, brauchte ich vorerst keine Zeit und Kraft darauf verschwenden, sie zu suchen, erst wollte ich meine eigenen Schlachtreihen aufgestellt haben.

Mit jedem Zug, den sie machte, rückte sie eine ihrer Figuren ins Scheinwerferlicht, und umso leichter wurde es für mich, sie zu finden.

Ich schloss die Augen und schlief.

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