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Das Dampfhaus - 2. Band

Erstes Capitel.
Unser Sanatorium.

»Die Unmeßbaren der Schöpfung!« – Sollte dieser stolze Name, den der Mineralog Hauy zur Kennzeichnung der amerikanischen Anden gebrauchte, nicht mit noch mehr Berechtigung Anwendung finden können auf die ausgedehnte Himalayakette, welche der Mensch heute noch nicht mit mathematischer Sicherheit zu messen im Stande ist?

Dieser Gedanke erfüllte mich beim Anblick jener großartigen Hochgebirgsnatur, in der Oberst Munro, Kapitän Hod, Banks und ich mehrere Wochen zubringen sollten.

»Diese Bergriesen sind nicht allein unmeßbar, erklärte uns der Ingenieur, sondern ihre Gipfel dürfen auch als unersteigbar gelten, da der menschliche Organismus in solchen Höhen nicht mehr zu functioniren vermag, wo die Dichtigkeit der Luft zu gering ist, um dem Athembedürfnisse zu entsprechen!«

Ein zweitausend fünfhundert Kilometer langer Wall von Urgebirgsformationen, wie Granit, Gneiß und Glimmerschiefer, der vom zweiundsiebenzigsten bis zum fünfundneunzigsten Meridian reicht und zwei Präsidentschaften, Agra und Calcutta, nebst zwei Königreichen, Bouthan und Nepal, theilweise bedeckt; – eine Kette, an der sich bei ihrer, den Gipfel des Montblanc um ein Drittel übersteigenden Höhe drei verschiedene Zonen erkennen lassen, die erste von 5000 Fuß und einem gemäßigteren Klima als dem der vorgelagerten Ebenen, welche im Winter eine Roggen-, im Sommer eine Maisernte liefert; die zweite von 5- bis 9000 Fuß, wo der Schnee schon schmilzt, wenn der Frühling einzieht; die dritte von 9- bis 25.000 Fuß Höhe und mit dickem Eise bedeckt, das selbst in der heißen Jahreszeit der Sonnenstrahlen spottet; – in dieser großartigen Anschwellung der Erdkugel elf Pässe, von denen einige das Gebirge in einer Höhe von 20.000 Fuß durchbrechen und durch die man, wegen der immerfort drohenden Lawinen, der Zerstörung durch Bergströme und wegen des Vordringens gewaltiger Gletschermassen nur unter großen Beschwerden nach Tibet gelangen kann; über diesem Kamme, einmal oben abgerundet zu mächtigen Kuppeln, ein andermal glatt wie der Tafelberg am Cap der Guten Hoffnung, sieben bis acht theilweise vulkanische Einzelberge, welche die Quellen der Cogra, Djumma und des Ganges beherrschen, wie der Doukia und der Kintchindjinga, die über 7000 Meter emporsteigen, der Dhiodounga mit 8000 Meter, der Dhawalagiri mit 8500, der Tchamoulari mit 8700 Meter Höhe; der Mount Everest, der seinen Gipfel sogar bis 9000 Meter emporsendet, und von welchem aus das Auge des Beobachters ein Ländergebiet so groß wie ganz Frankreich müßte überblicken können; eine Aufhäufung von Bergmassen, welche die Alpen, wenn man sie auf die Alpen, die Pyrenäen, wenn man sie auf die Anden thürmte, in der Höhenscala der Erdkugel nicht übertreffen würden – das ist die kolossale Bodenerhebung, deren äußerste Gipfel auch der Fuß des verwegensten Bergsteigers niemals betreten wird, und die man die Himalayakette nennt!

Die ersten Stufen dieser gigantischen Propyläen sind in großen Strecken dicht bewaldet. Hier findet man verschiedene Vertreter aus der reichen Familie der Palmen, die in höheren Zonen endlosen Wäldern von Eichen, Cypressen und Pinien oder üppigen Bambusdickichten und hohen Gräsern Platz machen.

Banks, der uns hierüber belehrte, erwähnte auch, daß die Grenze des ewigen Schnees am indischen Abhange des Gebirges bis auf viertausend Meter herabreiche, sich am tibetanischen aber bis sechstausend Meter über dem Meere zurückziehe. Es kommt das daher, daß die vom Südwinde herzugeführten Dunstmassen von dem ungeheueren Walle aufgehalten werden. Deshalb sind auf der anderen Seite von Gerstenfeldern und herrlichen Wiesen umgebene Dörfer noch in 15.000 Fuß Höhe anzutreffen. Wenn man den Eingebornen glauben darf, reicht dort schon eine einzige Nacht hin, die Weideplätze mit einem grünen Teppiche zu überziehen.

In der mittleren Zone repräsentiren Pfauen, Rebhühner, Fasanen, Trappen und Wachteln die befiederte Welt. Ziegen giebt es in Ueberfluß, von Schafen wimmelt es überall. In der oberen Zone findet man nur noch den Eber, die Gemse nebst der wilden Katze, und einsam zieht der Adler seine weiten Kreise hoch über der dürftigen Pflanzenwelt, der schwach besetzten Musterkarte einer arktischen Flora.

Bis dahin zog Kapitän Hod seine Sehnsucht freilich gar nicht. Weshalb hätte dieser Nimrod den Himalaya aufsuchen sollen, wenn er auch hier nur das gewöhnliche Tafelwild hätte jagen können? Zum Glück sollte es aber an großen Raubthieren, die seiner Enfieldbüchse und seiner Explosionsgeschosse würdig waren, gewiß nicht fehlen.

Am Fuße der ersten Abhänge der Bergkette hin erstreckt sich nämlich eine tiefere Zone, von den Hindus der Gürtel von Tarryani genannt. Es ist das eine lange, geneigte, sechs bis acht Kilometer breite, feuchtwarme Ebene mit düsterer Vegetation und dichten Wäldern, in welchen reißende Thiere mit Vorliebe hausen. Ueber diesem Paradiese eines Jägers, der die nervenerschütternde Aufregung des Kampfes liebt, befand sich nur fünfzehnhundert Meter höher der von uns gewählte Halteplatz. Es war also leicht genug, nach diesem Jagdreviere, das unter Niemandes Aufsicht stand, hinunter zu gehen.

Aller Aussicht nach durfte man annehmen, daß Kapitän Hod lieber die unteren Stufen des Himalaya als dessen obere Zonen aufsuchen werde. Hier harrten übrigens nach Aussage aller Reisenden, darunter auch des humorvollen Victor Jacquemont, noch viele geographische Räthsel ihrer endlichen Lösung.

»Man kennt also diese riesenhafte Bergkette noch immer nur unvollkommen? fragte ich Banks.

– Sehr unvollkommen, antwortete der Ingenieur. Der Himalaya gleicht einem kleinen Planeten, der sich unserer Erdkugel zwar angeschlossen hat, aber seine Geheimnisse bewahrt.

– Doch ist er bereist, erwiderte ich, und durchforscht, soweit das möglich war!

– Gewiß! An Himalaya-Reisenden hat es nie gefehlt, bestätigte Banks. Die Brüder Gérard, Webb, die Officiere Kirpatrik und Fraser, Hogdson, Herbert, Lloyd, Hooker, Cunningham, Strabing, Skinner, Johnson, Moorcroft, Thomson, Griffith, Bigne, Hügel, die Missionäre Huc und Gabet, neuerdings die Gebrüder Schlagintweit, Oberst Wangh und die Lieutenants Reuillier und Montgommery haben durch ausgezeichnete Arbeiten die orographische Anordnung dieses Rückens der Erde in weitem Umfange kennen gelehrt. Trotz alledem bleibt noch gar Vieles zu wünschen übrig. Die genaue Höhe der hervorragendsten Bergspitzen hat unzählige Berichtigungen erfahren. So galt z. B. früher der Dhawalagiri für den König der ganzen Kette; nach späteren Messungen mußte er diesen Ehrenplatz dem Kintchindjinga abtreten, der seinerseits wieder durch den Mount Everest entthront werden zu sollen scheint. Bisher übertrifft der letztere alle seine Rivalen. Indessen würde nach Aussage der Chinesen der Kouin-Lun – der freilich mit den präcisen Instrumenten der europäischen Geometer noch nicht gemessen wurde – den Mount Everest noch um eine Kleinigkeit überragen, und der höchste Punkt unserer Erde wäre demnach überhaupt nicht im Himalaya zu suchen. Jene Messungen können übrigens erst dann als mathematisch sicher gelten, wenn ihnen Barometerbeobachtungen zugrunde liegen und dabei alle, für solche directe Messungen unerläßliche Vorsichtsmaßregeln beachtet wurden. Wie kann man aber dazu gelangen, ein Barometer nach jenen fast unersteigbaren Gipfeln zu schaffen? Das ist bisher eben noch nicht geschehen.

– Es wird aber dazu kommen, ließ Kapitän Hod sich vernehmen, ebenso wie man noch Reisen bis zum Nord- und zum Südpol ausführen wird.

– Ganz ohne Zweifel!

– Wie eine Reise bis in die unergründeten Tiefen des Oceans!

– Gewiß, gewiß!

– Eine solche nach dem Mittelpunkte der Erde!

– Bravo, Hod!

– Wie überhaupt Alles noch einmal gelingen wird, fügte ich hinzu.

– Selbst die Fahrt nach einem beliebigen Planeten unseres Sonnensystems! fuhr Hod fort, der in solchen Phantasien nicht so leicht ein Ende fand.

– Nein, Kapitän, erwiderte ich. Der Mensch als einfacher Bewohner der Erde wird niemals im Stande sein, deren Grenzen zu überschreiten. Doch wenn er auch an ihrer Rinde festgenietet ist, so vermag er doch alle Geheimnisse derselben zu ergründen.

– Er kann das nicht nur, es ist sogar seine Pflicht! fiel Banks ein. Alles was innerhalb der Grenzen der Möglichkeit liegt, wird und muß erreicht werden. Nachher, wenn der Mensch auf der von ihm bewohnten Kugel nichts mehr zu lernen hat, dann...

– Dann verschwindet er sammt dem Sphäroid, das für ihn keine Geheimnisse mehr hat, vollendete Hod den Satz.

– Mit nichten! entgegnete Banks, ... dann herrscht er über dasselbe und nutzt es ganz zu seinem Vortheile aus. Da wir uns aber gerade im Himalayagebiete befinden, will ich Ihnen, lieber Hod, Gelegenheit zu einer merkwürdigen Entdeckung bieten, die Sie vielleicht interessirt.

– Was meinen Sie, Banks?

– In seinem Reiseberichte erwähnt der Missionär Huc eines sonderbaren Baumes, der in Tibet ganz allgemein »der Baum der zehntausend Bilder« genannt wird. Der Hindu-Legende nach soll nämlich Tong Kabac, der Reformator der buddhistischen Religion, schon einige Tausend Jahre früher in einen Baum verwandelt worden sein, ehe Philemon, Baucis und Daphne, jene merkwürdigen Pflanzenwesen der mythologischen Flora, dasselbe Schicksal ereilte. Der Haarschmuck Tong Kabac's soll damals zur Laubkrone jenes heiligen Baumes geworden sein und auf seinen Blättern sollen sich, der Missionar behauptet das gesehen – mit eigenen Augen gesehen – zu haben, von den Blattnerven gebildete tibetanische Schriftzüge vorfinden.

– Ein Baum also, dem gleich gedruckte Blätter entsprießen! rief ich.

– Ja, und von denen man Sprüche der reinsten, höchsten Moral ablesen kann, fügte der Ingenieur hinzu.

– Das lohnt der Mühe einer Untersuchung, sagte ich lachend.

– Suchen Sie darüber Gewißheit zu erlangen, meine Freunde, meinte Banks. Wenn solche Bäume im südlichen Theile Tibets vorkommen, so müssen sie auch in der oberen Zone, auf dem Abhange des Himalaya zu finden sein. Also haben Sie bei unseren Ausflügen ein Auge darauf, diesen ... ja, wie soll ich sagen... diesen »Sittenlehrer« zu entdecken.

– Nein, daran denke ich nicht! erwiderte Hod. Ich bin hier, um zu jagen, und habe keinen Nutzen vom Bergklettern.

– Aber, Freund Hod, entgegnete Banks, ein so kühner Bergsteiger wie Sie wird doch wenigstens einmal den Gebirgskamm erklimmen?

– Niemals! erklärte der Kapitän bestimmt. - Und warum?

– Ich habe auf alle Bergfahrten verzichtet!

– Und seit wann?

– Seit dem Tage, antwortete Kapitän Hod, da ich, immer in Lebensgefahr schwebend, unter größter Anstrengung den Gipfel des Vrigel im Königreiche Buthan erklomm. Man hatte mir versichert, daß noch keines Menschen Fuß diese Spitze betreten habe. Das stachelte meine Eigenliebe an! Unter tausend Gefahren gelange ich nach dem First, was finde ich aber da in einem Felsblock eingemeißelt? ... »Durand, Zahnarzt, Rue Caumartin 14, Paris!« – Seitdem klettere ich nicht mehr!«

Armer Kapitän, ich muß indeß gestehen, daß Hod die Erzählung dieser fatalen Enttäuschung mit so lustiger Geberde zum Besten gab, daß wir nicht umhin konnten, aus vollem Herzen zu lachen.

Ich erwähnte wiederholt der »Sanatorien« der Halbinsel. Diese in den Bergen gelegenen Gesundheitsstationen werden während des Sommers, wo die brennende Hundstagssonne der Ebenen Indien zu verzehren droht, von Rentiers, Beamten und Kaufleuten vielfach aufgesucht.

In erster Linie ist hier Simla zu nennen, das unter dem einunddreißigsten Breitengrade westlich vom fünfundsechzigsten Meridian liegt. Es ist das wirklich ein Stückchen Schweiz mit Wasserfällen und Gebirgsbächen und den im Schatten von Cedern und Pinien verstreuten Sennhütten, 2000 Meter über dem Meere. Nach Simla nenne ich Dordjiling mit seinen weißen Häusern, überragt vom Kintchindjinga, etwa fünfhundert Kilometer von Calcutta und in einer Höhe von 2300 Metern, nahe dem sechsundachtzigsten Längen- und dem siebenundzwanzigsten Breitengrade – ein herrliches Plätzchen im schönsten Lande der Welt. An verschiedenen Punkten der Himalayakette finden sich noch andere Sanatorien.

Jetzt tritt nun zu diesen frischen, gesunden Stationen, welche das brennende Klima Indiens unentbehrlich macht, noch unser Steam-House hinzu. Doch das gehört uns ganz allein. Es bietet allen Comfort der luxuriösesten Wohnungen der Halbinsel; hier finden wir in einer glücklichen Zone neben allen Erfordernissen des modernen Lebens eine Ruhe, die man in Simla oder Dordjiling, wo sich Anglo-Indier in großer Zahl aufhalten, vergeblich suchen würde.

Unsere Niederlassung ist mit gutem Vorbedacht ausgewählt. Die nach dem unteren Theile des Gebirges führende Straße theilt sich hier in zwei Aeste, um einige in Osten und Westen verstreute Dörfer zu verbinden. Das nächste derselben liegt gegen fünf Meilen vom Steam-House entfernt. Bevölkert, ist dasselbe von biederen Bergbewohnern, welche Ziegen und Schafe züchten und ergiebige Korn- und Gerstenfelder besitzen.

Bei unserem zahlreichen Personal bedurfte es unter Banks' Leitung nur weniger Stunden, um ein Lager zu organisiren, in dem wir sechs bis sieben Wochen verweilen wollten.

Einer der Vorberge jener vielgliedrigen Nebenketten, welche den ungeheueren Kamm des Himalaya stützen, bot uns ein leicht wellenförmiges, etwa eine Meile langes und eine halbe Meile breites Plateau dazu dar. Der grüne Teppich, der dasselbe bedeckt, gleicht einem weichen Sammetgewebe aus kurzem, dichtem, sozusagen plüschartigem Grase mit duftenden Veilchen durchstickt. Baumähnliche Rhododendrons in der Größe kleiner Eichen, natürliche Blumenkörbe voller Camelien erhöhen den Liebreiz des anmuthigen Bildes. Hier bedarf die Natur nicht der fleißigen Arbeiter von Ispahan oder Smyrna, um diesen Teppich aus feiner vegetabilischer Wolle herzustellen. Einige tausend Samenkörner, die der Südwind diesem fruchtbaren Boden zuführt, ein wenig Wasser und ein wenig Sonne reichen hin, jenes weiche und unverwüstliche Gewebe zu bilden.

Auf dem Plateau erhebt sich ein Dutzend prächtiger Bäume. Es sieht aus, als hätten diese sich als Irreguläre von dem endlosen Walde abgesondert, der die Seiten des Vorberges bedeckt und auf den Nachbargebirgen noch sechshundert Meter emporsteigt. Cedern, Eichen, langblättrige Pandanen, Buchen, Ahorn- und Johannisbrotbäume grünen hier mitten unter Bananen, Bambus, Magnolien und japanischen Feigenbäumen. Einzelne dieser Riesen streben mit ihren äußersten Zweigen über hundert Fuß von der Erde empor. Sie scheinen wirklich dazu geschaffen, eine Waldwohnung zu beschatten. Das Steam-House diente gewissermaßen zur Vervollständigung der Landschaft. Die runden Dächer seiner zwei Pagoden vermählen sich glücklich mit all' diesem grünen Gezweig, den starren oder biegsamen Aesten und den Blättern, welche einmal klein und zart sind wie Schmetterlingsflügel und dann wieder breit und lang wie polynesische Pagaien. Unsere fahrbaren Häuser verschwanden fast ganz unter einem Dickicht von Laubwerk und Blumen. Nichts giebt Kunde von ihrer besonderen Eigenschaft; sie erscheinen vielmehr wie eine festbegründete Wohnstätte, die ihre Stelle nicht mehr wechseln soll.

Hinter uns rauscht zur rechten Seite des Bildes über den Abhang des Vorberges ein Wildbach, dessen gewundenes Silberband wir über tausend Fuß hinauf verfolgen können, und stürzt sich in ein natürliches Becken, das eine Gruppe schöner Bäume beschattet.

Aus dem Becken fließt dann quer durch das Wiesenland ein Bach ab, der in einem rauschenden Wasserfalle endigt und als solcher in eine, mit dem Auge nicht zu ermessende Tiefe hinabstürzt.

So liegt das Steam-House ebenso bequem für das häusliche Leben, wie es eine wahrhaft entzückende Augenweide bietet.

Geht man nach dem vorderen Rande des Plateaus, so gewahrt man, daß jenes viele andere, minder bedeutende Bergrücken überragt, welche in gigantischen Stufen bis zur Ebene hinabreichen. Der Hintergrund ist gerade entfernt genug, um ihn mit dem Blicke umfassen zu können.

Rechts steht unser erster Wagen so in schiefer Richtung, daß man den südlichen Horizont ebenso von dem Balkon der Veranda, wie von den Seitenfenster des Salons, von denen des Speisezimmers und von den Cabinen der linken Seite übersehen kann. Große Cedern ragen darüber empor und heben sich deutlich von dem entfernten Hintergrunde der großen Bergkette ab, welche unter ewigem Schnee begraben liegt. Zur linken Hand lehnt sich der zweite Wagen an die Wand eines gewaltigen, von der Sonne vergoldeten Granitfelsens. Sowohl durch seine bizarre Form wie durch seinen warmen Farbenton erinnert dieser Felsen lebhaft an jene riesigen »Plum-Puddings«, welche Russel Kilough in seiner Reise durch das südliche Indien erwähnt. Von dieser, Mac Neil und dem übrigen Personal überlassenen Wohnung sieht man nur eine Seite. Sie steht etwa zwanzig Schritte von der Hauptwohnung entfernt, wie das Nebengebäude einer bedeutenden Pagode. Am Ende eines der Dächer, welche dieselbe überwölben, erhebt sich ein feiner Streifen bläulichen Rauches aus dem Küchenlaboratorium des Monsieur Parazard. Weiter nach links hin bedeckt eine, von dem Walde kaum getrennte Baumgruppe den westlichen Rand und bildet gleichsam die Seitencoulissen der Landschaft. Im Rücken und zwischen den beiden Wohnungen erhebt sich ein riesenhafter Mastodon. Es ist unser Stahlriese, der unter die Laubwölbung großer Pandanen gestellt ist. Mit seinem erhobenen Rüssel scheint er die oberen Zweige derselben »abzunagen«. Aber er steht jetzt still. Er ruht aus, obwohl er der Ruhe nicht bedarf. Jetzt dient er als furchtloser Wächter des Steam-Houses, wie ein ungeheures antediluvianisches Geschöpf, und vertheidigt an der Straße, welche er selbst emporklomm, den Zugang zu unserem beweglichen Weiler.

So kolossal unser Elephant auch erscheint – wenigstens so lange man nicht an die himmelhohe Bergkette denkt, welche sich 6000 Meter über das Plateau erhebt – so gleicht er doch fast gar nicht mehr jenem künstlichen Riesen, mit dem Banks' geschickte Hand die indische Fauna beschenkte.

»Eine Mücke auf der Façade einer Kathedrale!« sagte Kapitän Hod mit einem gewissen Aerger.

Der Vergleich war nur zu passend. Dahinter ragte nämlich ein Granitblock empor, aus dem man bequem tausend Elephanten von der Größe des unserigen hätte meißeln können, und dieser Block bildete nur einen Absatz, eine der hundert Stufen jener Treppe, die nach dem Kamm des Gebirges hinaufführt und die der Dhawalagiri mit seinem spitzen Gipfel bekrönt.

Manchmal senkt sich der Himmel über diesem Bilde nach dem Beobachter herab. Nicht allein die höchsten Bergspitzen, sondern auch der mittlere Kamm verschwindet zeitweilig. Es rührt das von dichten Dunstmassen her, welche sich in der Mittleren Zone des Himalaya verbreiten und den ganzen unteren Theil desselben verhüllen. Die Landschaft schrumpft gewissermaßen zusammen, und dann erst scheinen, wie durch optische Täuschung, die Wohnstätten, Bäume, die benachbarten Berge und auch der Stahlriese selbst ihre natürliche Größe wieder zu gewinnen.

Es kommt zuweilen auch vor, daß niedriger stehende Wolken von gewissen feuchten Winden gejagt, noch unterhalb unseres Plateaus hinziehen. Dann erblickt das Auge nichts als ein schäumendes Meer, auf dessen bewegter Fläche die Sonne wunderbare Farbenspiele hervorzaubert. Nach oben und nach unten verschwindet der Horizont, und es scheint, als wären wir in irgend eine, außerhalb der Grenze des Erdballes liegende Luftregion versetzt.

Da schlägt der Wind um; eine durch die Lücken der Bergkette dringende nördliche Brise fegt die Nebel weg, das Dunstmeer condensirt sich fast augenblicklich, die Ebene weicht bis zum südlichen Horizont zurück, das prächtige Profil des Himalaya zeichnet sich wieder an dem gereinigten Grunde des Himmels ab, der Rahmen des Bildes nimmt seine normale Größe an, und der entzückte Blick, den kein Hinderniß einengt, umfaßt alle Einzelheiten eines Panoramas von sechzig Meilen Durchmesser.

Zweites Capitel.
Mathias Van Guitt.

Am nächsten Morgen, dem 26. Juni, weckte mich das Geräusch wohlbekannter Stimmen. Ich sprang auf. Kapitän Hod und sein Diener Fox waren im Speisezimmer in lebhafter Unterhaltung begriffen. Ich gesellte mich zu ihnen.

Gleichzeitig hatte Banks sein Zimmerchen verlassen und der Kapitän redete ihn mit volltönender Stimme an.

»Nun, Freund Banks, da wären wir ja endlich in dem ersehnten Hafen! Hier wird nun Rast gemacht! Es handelt sich nicht mehr um einen Aufenthalt von mehreren Stunden, sondern von einigen Monaten.

– Gewiß, lieber Hod, antwortete der Ingenieur, und nun können Sie auch nach Belieben jagen. Die Pfeife des Stahlriesen wird Sie nicht mehr nach dem Lagerplatz zurückrufen.

– Hörst Du, Fox?

– Gewiß, Herr Kapitän, bestätigte der Diener.

– Nun sei mir der Himmel günstig, rief Hod, das Sanatorium des Steam-Houses verlasse ich aber nicht eher, als bis der Fünfzigste von meiner Büchse gefallen ist! Der Fünfzigste, Fox! Es scheint mir nur, als werde es mit dem Fünfzigsten so seine Schwierigkeiten haben!

– Wir werden sie zu besiegen wissen, bemerkte Fox.

– Weshalb glauben Sie das, Kapitän Hod, fragte ich.

– O, Maucler, das ist so eine Ahnung .... Eine Jägerahnung, weiter nichts!

– So werden Sie also, sagte Banks, schon von heute an von hier ausziehen und den Feldzug eröffnen?

– Von heute an, erwiderte Hod. Wir werden damit beginnen, das Terrain zu recognosciren und die untere Zone bis zu den Wäldern von Tarryani absuchen – vorausgesetzt, daß die Tiger ihre alte Heimat nicht aufgegeben haben.....

– Wie können Sie das glauben?.....

– Ah, mein bekanntes Pech!

– Bekanntes Pech!.... Am Himalaya!.... versetzte der Ingenieur, wäre das möglich!

– Nun, wir werden ja sehen! Sie begleiten uns doch, Maucler? fragte Kapitän Hod, sich an mich wendend.

– Ei, gewiß!

– Und Sie, Banks?

– Ich ebenfalls, antwortete der Ingenieur, und ich hoffe sogar, daß auch Munro sich so wie ich, d. h. mehr als Dilettant, Ihnen anschließen wird.

– Oho, entgegnete Kapitän Hod, als Dilettant! Nun, meinetwegen, aber als wohlbewaffneter Dilettant. Hier ist nicht die Rede davon, mit dem Stocke in der Hand spazieren zu gehen. Das wäre eine Beleidigung für die Raubthiere von Tarryani!

– Einverstanden! antwortete der Ingenieur.

– Also Fox, fuhr der Kapitän sich an seinen Diener wendend, fort, diesmal keine Mißgriffe! Wir sind im Lande der Tiger! Vier Enfieldbüchsen für den Oberst, für Banks, Maucler und mich, und zwei Gewehre mit explodirenden Geschossen für Dich und Goûmi.

– Seien Sie ohne Sorgen, Herr Kapitän, versicherte Fox. Das Wild soll sich nicht zu beklagen haben!«

Dieser Tag sollte also der Erforschung jenes Waldes von Tarryani gewidmet werden, der, noch unterhalb unseres Sanatoriums, den Fuß des Himalaya bedeckt. Nach eingenommenem Frühstück, gegen elf Uhr, stiegen wir, Sir Edward Munro, Banks, Hod, Fox, Goûmi und ich, die schräg nach der Ebene hinabfallende Straße hinunter, ließen aber die beiden Hunde zurück, die uns heute nichts nützen konnten.

Der Sergeant Mac Neil, Storr, Kalouth und der Koch blieben gleichfalls im Steam-House, um unsere Einrichtung zu vollenden. Nach zweimonatlicher Frist mußte auch der Stahlriese innerlich und äußerlich untersucht, gereinigt und in Stand gesetzt werden. Das erforderte eine lange, sorgsame und ausdauernde Arbeit, bei der seine gewöhnlichen Cornacs, der Heizer und der Maschinist, nicht viel feiern konnten.

Um elf Uhr hatten wir das Sanatorium verlassen, und wenige Minuten später, bei der ersten Wendung des Weges, verschwand das Steam-House unseren Blicken hinter einem dichten Baumvorhang,

Es regnete nicht mehr.

Unter dem Antrieb eines frischen Nordostwindes jagten die in den oberen Schichten der Atmosphäre treibenden, zerrissenen Wolken mit großer Schnelligkeit dahin. Der Himalaya war grau – die Temperatur für Fußgänger wie geschaffen; freilich fehlten jetzt auch jene reizenden Spiele des wechselnden Lichtes und Schattens, welche große Wälder sonst zu bieten pflegen.

Zweitausend Meter auf directem Wege hinabzusteigen, das wäre eine Sache von fünfundzwanzig bis dreißig Minuten gewesen, wenn die vielen Windungen, welche die Steilheit der Abhänge nöthig machte, nicht den Weg bedeutend verlängert hätten. So brauchten wir nicht weniger als anderthalb Stunden, um die obere Grenze der Wälder von Tarryani, fünf- bis sechstausend Fuß über der Ebene zu erreichen. Doch legten wir den Weg in fröhlichster Laune zurück.

»Achtung, rief der Kapitän Hod. Jetzt betreten wir das Gebiet der Tiger, Löwen, Panther, Guepards und anderer wohlthätiger Bewohner der Himalaya-Region. Es ist zwar ganz schön, die wilden Thiere zu besiegen, aber noch besser, nicht von ihnen besiegt zu werden! Halten wir uns demnach hübsch beieinander und lassen wir der klugen Vorsicht ihr Recht!«

Eine derartige Empfehlung aus dem Munde eines so unerschrockenen Jägers verdiente gewiß alle Beachtung. Jeder von uns schrieb sich dieselbe hinter das Ohr. Die Büchsen und Flinten wurden geladen, die Schlösser nachgesehen, die Hähne in Sicherheit gesetzt. Wir waren auf Alles vorbereitet.

Ich bemerke hierzu noch, daß man sich nicht nur vor reißenden Thieren, sondern auch vor Schlangen hüten mußte, von denen in den Wäldern Indiens die gefährlichsten Arten vorkommen. Die »Belongas«, die grünen, die Peitschenschlangen nebst manchen anderen sind außerordentlich giftig. Die Zahl der Opfer, welche jährlich dem Bisse jener Reptilien unterliegen, übersteigt fünf- bis sechsmal die der Hausthiere und Menschen, welche durch die Zähne der Raubthiere umkommen.

Im Gebiete von Tarryani erforderte es also die einfache Klugheit, das Auge überall zu haben, aufzumerken, wohin man den Fuß setzte, worauf man die Hand stützte, auf das leiseste Geräusch zu achten, das aus dem Grase kam oder sich durch das Gebüsch verbreitete.

Um halb ein Uhr gelangten wir unter das Laubdach mehrerer, am Waldessaume dicht zusammenstehender Bäume. Ihr hohes Geäst verstrickte sich über einigen breiteren Wegen, welche der Stahlriese bequem hätte passiren können. Durch diesen Theil des Waldes beförderten die Bergbewohner schon seit langer Zeit das geschlagene Holz; auch jetzt zeigte der weiche Thonboden ziemlich frische Wagenspuren. Diese Hauptstraßen verliefen in der Richtung der Bergkette, reichten der Länge nach durch ganz Tarryani und verknüpften die Lichtungen, welche die Axt der Holzschläger hier und da geschaffen hatte; auf beiden Seiten mündeten ferner schmale Fußsteige aus, die sich in dem undurchdringlichen Dickicht verloren.

Wir folgten also diesen Alleestraßen, mehr als Feldmesser denn als Jäger, da es uns zunächst darum zu thun war, deren Lage und Verlauf kennen zu lernen. Kein Geheul unterbrach das Schweigen des tiefen Waldes. Breite, offenbar noch ganz frische Fährten bewiesen jedoch, daß die Raubthiere Tarryani keineswegs verlassen hatten.

Plötzlich, eben als wir um eine Ecke der Allee bogen, welche vor einem scharf vorspringenden Berge etwas nach rechts ausbog, hemmte unsere Schritte ein Ausruf des Kapitän Hod, der immer vorausging.

Zwanzig Schritt vor uns erhob sich, an der Ecke einer von mächtigen Pandanen begrenzten Waldblöße, ein, wenigstens seines Aussehens wegen merkwürdiges Bauwerk. Ein Haus war es nicht, dazu fehlten ihm Rauchfang und Fenster; eine Jägerhütte auch nicht, denn dazu fehlten ihm die Schießscharten. Man hatte das Ganze wohl für ein, in der Tiefe des Waldes verlorenes Hindu-Grab ansehen können.

Stelle man sich einen verlängerten Würfel vor, errichtet aus nebeneinander gestellten, in den Boden fest gerammten Stämmen, deren obere Enden durch biegsame Zweige fest verbunden waren. Das Dach bildeten andere, wagrecht liegende und am Kopfe der ersteren haltbar eingezapfte Stämme. Offenbar hatte der Erbauer dieses kleinen Bollwerkes demselben nach allen fünf Seiten die größtmögliche Festigkeit zu verleihen gesucht. Es maß etwa sechs Fuß in der Höhe, zwölf in der Länge und fünf in der Breite. Von einem Zugange war nichts zu erblicken, wenn diesen nicht an der Vorderseite eine starke, oben abgerundete Bohle verdeckte, welche das ganze Bauwerk ein wenig überragte.

Ueber dem Dache erhoben sich mehrere biegsame, eigenartig angeordnete und untereinander verknüpfte Zweige. Am Ende eines horizontalen Hebels, der diese Armatur trug, hing ein Laufknoten, oder eigentlich eine aus starken Lianenflechten gebildete Schnalle herab.

»Ah, was ist das? rief ich verwundert.

– Das ist, erwiderte Banks nach kurzer Betrachtung, weiter nichts als eine – Mäusefalle! Welche Mäuse zu fangen sie bestimmt ist, das werden sich die Herren selbst sagen.

– Also eine Tigerfalle? platzte Hod heraus.

– Ja wohl, bestätigte Banks, eine Tigerfalle, deren von der Bohle, welche der Lianenknoten gewöhnlich oben hält, jetzt verschlossene Thür zugefallen ist, weil das Stellbrett im Innern gewiß durch ein Thier berührt wurde.

– Es ist das erste Mal, sagte Hod, daß ich in den Wäldern Indiens eine derartige Falle sehe. Eine Mäusefalle, wahrhaftig! Das erscheint aber eines Jägers unwürdig!

– Und eines Tigers ebenfalls! fügte Fox hinzu.

– Gewiß! meinte Banks, wenn es sich aber darum handelt, wilde Bestien auszurotten, und nicht darum, sie zum Vergnügen zu jagen, so bleibt das beste Mittel immer dasjenige, durch welches die meisten unschädlich gemacht werden. Diese Falle hier scheint mir recht sinnreich erdacht, um wilde Thiere anzulocken und gefangen zu halten, so mißtrauisch und stark sie auch sein mögen.

– Da das Gleichgewicht des Fallbrettes, welches die Thüre hielt, gestört worden ist, bemerkte Oberst Munro, so glaube ich, daß sich wahrscheinlich irgend ein Raubthier gefangen hat.

– Das werden wir bald erfahren! rief Kapitän Hod, und wenn die Maus nicht schon todt ist...«

Der Kapitän begleitete seine Worte mit einer entsprechenden Geste und knackte mit dem Hahne der Büchse. Die Uebrigen folgten seinem Beispiel, indem sie sich zum Schießen fertig machten.

Wir konnten gar nicht darüber in Zweifel sein, daß dieses hölzerne Blockhaus eine Falle darstelle, wie man sie in den Wäldern der Malayenländer häufiger antrifft.

Das Werk eines Hindus schien sie nicht zu sein, wohl aber ließ ihre höchst empfindliche und doch überaus solide Construction die Zweckmäßigkeit der ganzen Anlage auf den ersten Blick erkennen.

Nach kurzer Ueberlegung näherten sich Kapitän Hod, Fox und Goûni der Falle, um sie zuerst von allen Seiten zu besichtigen. Nirgends gewährte jedoch etwa eine Lücke zwischen den lothrechten Stämmen einen Einblick in das Innere derselben.

Sie lauschten gespannt. Nicht das leiseste Geräusch verrieth die Anwesenheit eines lebenden Wesens in dem Holzwürfel, der stumm wie ein Grab vor uns lag.

Kapitän Hod und die Anderen kamen wieder nach der Vorderseite zurück. Sie überzeugten sich davon, daß die bewegliche Bohle in den verticalen Fugen herabgeglitten sein mußte. Wenn man diese emporhob, wurde offenbar der Zugang zur Falle frei gelegt.

»Es ist nicht das mindeste zu hören! sagte Kapitän Hod, der das Ohr an die Thür gelegt hatte, nicht einmal ein Athemzug! Die Mäusefalle ist leer.

– Jedenfalls keine Unvorsichtigkeit!« ermahnte Oberst Munro.

Er nahm auf dem Stamme eines Baumes zur Linken der Lichtung Platz, und ich setzte mich neben ihn.

»Nun vorwärts, Goûmi!« trieb Kapitän Hod.

Der gewandte, wie ein Affe bewegliche uud wie ein Leopard geschmeidige Goûmi – ein wahrer Hindu-Clown – verstand, was der Kapitän meinte. Seine Geschicklichkeit bestimmte ihn naturgemäß zu dem verlangten Dienste. Er schwang sich mit einem Satze auf das Dach der Falle und ergriff einen der Zweige, welche die obere Armatur bildeten. Dann glitt er auf dem Hebel nach dem Lianenringe vor, den er durch sein Körpergewicht bis zu dem Kopftheile der den Eingang verschließenden Bohle herabzog.

Dieser Ring wurde darauf in einem dazu ausgesparten flachen Einschnitte der Bohle befestigt. Nun bedurfte es nur noch der nöthigen Belastung am anderen Hebelende, um die Maschinerie in Bewegung zu setzen.

Das erforderte jedoch die vereinten Kräfte unserer kleinen Gesellschaft. Oberst Munro, Banks, Fox und ich, wir begaben uns deshalb nach der Rückseite der Falle, um diese Bewegung auszuführend

Goûmi verblieb in der Armatur, um den Hebel frei zu machen, wenn irgend ein Hinderniß dessen Function beeinträchtigen sollte.

»Wenn Sie mich noch brauchen, rief Kapitän Hod uns zu, so komme ich; geht es aber ohne mich, so bleibe ich lieber vor der Falle. Wenn ja ein Tiger herauskäme, soll ihn wenigstens eine Kugel begrüßen.

– Und den würden Sie sich als zweiundvierzigsten anrechnen? fragte ich den Kapitän.

– Warum nicht? antwortete Hod, wenn er durch meine Büchse fällt, findet er den Tod ja in der Freiheit!

– Verkaufen wir das Fell des Bären, fiel der Ingenieur da ein, nicht eher, als bis er erlegt ist.

– Vorzüglich, da dieser Bär ein Tiger sein dürfte! fügte Oberst Munro hinzu.

– Nun faßt kräftig an, Alle zusammen!« rief Banks.

Die Bohle war sehr schwer und glitt nur schwierig in ihren Falzen, doch gelang es uns, sie zu bewegen. Bald schwebte sie etwa einen Fuß hoch über dem Boden.

Halbgebückt und die Büchse in Anschlag, bemühte sich Kapitän Hod, zu sehen, ob sich eine kräftige Tatze oder ein drohender Rachen an der Oeffnung der Falle zeigte, doch vergebens.

»Noch einen Ruck! rief Banks.

Mit Hilfe Goûmi's, der am hinteren Hebelende anfaßte, gelang es, die Bohle nach und nach höher zu ziehen. Bald wurde die Oeffnung weit genug, um auch einem größeren Raubthiere den Durchgang zu gestatten.

Aber kein Thier ließ sich sehen.

Noch erschien es möglich, daß der Gefangene sich bei dem, rings um die Falle entstandenen Geräusche vielleicht in die dunkelste Ecke derselben verkrochen hatte. Vielleicht lauerte das Thier nur auf den günstigen Augenblick, mit einem Satze heraus zu springen. Jeden, der ihm im Wege war, zu überrennen und in der Tiefe des Waldes zu verschwinden.

Es waren das Augenblicke der höchsten Spannung.

Da sah ich den Kapitän einige Schritte vortreten, den Finger an der Krappe der Büchse, wobei er sich bemühte, den ganzen Innenraum der Falle zu überblicken.

Die Bohle war schon ganz emporgezogen und das Licht drang in breitem Strahle durch die Oeffnung ein.

Jetzt vernahm man durch die Wände hindurch ein leises Geräusch, dann einen dumpfen Laut, wie ein furchtbares Gähnen, das mir sehr verdächtig erschien.

Ohne Zweifel war ein Thier hier, welches vorher schlief und das wir plötzlich geweckt hatten.

Kapitän Hod trat noch näher heran und richtete das Gewehr nach einer unbestimmten Gestalt, die sich im Halbschatten regte.

Plötzlich ward es in der Falle lebendig. Ein Schreckensruf erschallte und ihm folgten die in gutem Englisch gesprochenen Worte:

»Nicht schießen, um des Himmels willen! Nicht schießen!«

Gleich darauf trat ein Mann aus der Falle.

Unser Erstaunen war so groß, daß wir dir Armatur losließen, wodurch die Bohle zurückfiel und den Eingang auf's Neue verschloß.

Indessen ging die so unerwartet erschienene Persönlichkeit auf Kapitän Hod zu, dessen Büchse noch immer nach der Brust des Fremdlings zielte, und sagte in ziemlich bestimmtem, von einer emphatischen Handbewegüng begleitetem Tone:

»Wollen Sie gefälligst Ihr Gewehr aufrichten, mein Herr! Sie haben es hier nicht mit einem tarryanischen Tiger zu thun!«

– Mit wem haben wir denn die Ehre...? fragte da Banks, auf den Mann zutretend.

– Mit dem Naturforscher Mathias Van Guitt, Hauptlieferanten von Pachydermen, Tardigraden, Proboscidien, Raub- und anderen Säugethieren für die Handlungen der Herren Charles Rice in London und Hagenbeck in Hamburg.«

Darauf wies er mit der Hand auf unseren Kreis. »Und die Herren? . . .

– Oberst Munro nebst dessen Reisegefährte«, antwortete Banks, uns summarisch vorstellend.

– Auf einer Vergnügungsfahrt durch die Forsten des Himalaya! ergänzte der Händler gleich, selbst. Ein herrlicher Ausflug, wahrhaftig! Ich, mache Ihnen mein Compliment, meine Herren!«

Welch' ein Original hatten wir da vor uns? Hätte, man nicht glauben können, sein Gehirn habe durch die Einsperrung in der Falle etwas gelitten? War es ein Narr oder war der Mann bei Verstande? Welcher Kategorie von Zweihändern gehörte das Individuum an?

– Wir sollten das nicht nur erfahren, sondern diese Persönlichkeit, die sich für einen Naturforscher ausgab und in der That war, in der Folge auch noch weiter kennen lernen.

Herr Mathias Van Guitt, der Menagerien-Lieferant, trug eine Brille und mochte fünfzig Jahre zählen. Ein glattes Gesicht, blinzelnde Augen, eine gewaltige Nase, die ewige Bewegung des ganzen Körpers, seine jedem Satze, den er sprach, angepaßten, mehr als ausdrucksvollen Gesten drückten ihm unverkennbar den Stempel des bekannten alten Komödianten aus der Provinz auf. Wer ist nicht einmal solchen ergrauten Theaterhelden begegnet, deren ganzes, von dem Horizonte einer Rampe und eines ...

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