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DAS DA-DA-DA-SEIN – Roman

Inhaltsübersicht

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig.

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Epilog

 

»Diesen in seinem Woher und Wohin verhüllten, aber an ihm selbst um so unverhüllter erschlossenen Seinscharakter des Daseins, dieses ›Daß es ist‹ nennen wir die Geworfenheit dieses Seienden in sein Da, so zwar, daß es als In-der-Welt-sein das Da ist.«

Martin Heidegger

 

»Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind; eine Gladiatorengeste; ein Spiel mit den schäbigen Überbleibseln; eine Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle.«

Hugo Ball

 

»Da da da – ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht.«

Trio

|7|Prolog

For the beginning is assuredly

the end – since we know nothing, pure

and simple, beyond

our own complexities.

William Carlos Williams

Als ich heute Morgen erwachte und in das dunkle Loch des Tages schaute, dachte ich: Es ist alles sinnlos. Ich fragte mich, ob es einen Satz gäbe, der auf diesen ersten Satz des Tages folgen konnte. Ich fragte:

»Wie von hier weiter?«

Eine Stimme in meinem Kopf entgegnete:

»Es ist alles sinnlos.«

Das Weiterdenken läuft nur über die Wiederholung. Das habe ich gelernt.

***

Eine Flucht vorm ersten Satz des Tages. All den ersten Sätzen, die mit »Es ist« beginnen. Ein Abschiedsbrief vom Dach der Welt. An alles, was ist. Für den, der ihn findet. Zufällig. Es ist alles sinnlos. Ich wiederhole mich.

|8|Eins

Neulich sah ich einen Mann, wie er auf dem Bürgersteig vor sich hingaloppierend versuchte, der Geige, die er sich artgerecht zwischen Schulter und Kinn geklemmt hatte, eine Melodie zu entlocken. Wenig später betrat er dasselbe Wartezimmer, in dem auch ich nun schon saß. Ich las in einem Roman, der mir ziemlich auf die Nerven ging, weil der Erzähler sich genötigt sah, alles zu kommentieren und zu erklären, was die Figuren da taten. Woher wollte er das alles denn so genau wissen?

Der Mann legte sein Instrument auf den Tisch, setzte sich auf einen Stuhl schräg gegenüber und linste in meine Richtung.

»Entschuldigen Sie. Lesen Sie auch zwischen den Zeilen?«

»Das ist bei diesem Buch leider kaum möglich.«

Er stutzte, schaute mich eindringlich an.

»Ihre Antwort bringt mich direkt nach Kalifornien.«

»Na, Sie kommen aber rum … in Gedanken.«

»Ich habe da mal gelebt. Ein paar Jahre. Mit einer Frau. Die konnte auch nicht zwischen den Zeilen lesen.«

»Aha. Wie lange waren Sie denn da?«

»Acht Jahre.«

Er schaute vor sich hin auf den Boden, aber irgendwie ins Leere. Ich schaute verlegen weg, dann fasziniert doch wieder hin. Da hatte er den Kopf gehoben. Er sprach Richtung Decke.

»Die Medikamente schlagen auf die Nieren.«

Dann stand er auf, lief schnurstracks aus dem Zimmer und vergaß seine Geige.

***

|9|Tja, so ist das, habe ich noch gedacht, wenn die Welt nicht nach der eigenen Geige tanzt, kann einem das ganz schön auf die Nieren schlagen – besonders, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann.

***

Ich weiß selbst nicht, ob das eine traurige oder eine komische Geschichte ist (jeder, dem ich sie erzähle, lacht jedenfalls). Ja, ich weiß nicht einmal, wie viel von dieser Geschichte eigentlich wirklich passiert ist, weil ich kaum unterscheiden kann zwischen der Realität, den unterbelichteten Bildern aus der Dunkelkammer meines Kopfes und der so genannten Fiktion, die manchmal einfach eine schöne Illusion, manchmal die Wahrheit und oft eine bloße Lüge ist. Ich muss alles ordnen. Ich muss mich wiederholen. Es ist sonst alles sinnlos.

***

Die Begegnung mit dem Geigenmann fand jedenfalls im Wartezimmer meiner Therapeutin statt. Und warum ich bei einer Therapeutin bin, können Sie sich vermutlich schon denken.

|10|Zwei

Mein Problem ist folgendes: Zwei Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, die Frau getroffen zu haben, die ich heiraten wollte. Mit fünfzehn und mit dreißig. Das klingt natürlich erst mal nach einer herrlichen Symmetrie und gar nicht nach einem Problem.

Aber es geht schon los, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich tatsächlich schon einmal verheiratet war. Aus Versehen. Mit Mitte zwanzig. Gleich nach dem Studium. Da war ich gerade aus Köln weggezogen. Sie hieß Aurelie Sosie und sah ziemlich genauso aus wie die erste Frau, die ich hatte heiraten wollen. Aber auf die kommen wir später. Das wird sonst alles zu kompliziert.

Das eigentliche Problem betrifft die zweite Frau, die ich heiraten wollte. Shirley Novoletsky. Ich lernte sie durch eine Freundin in einer Münchner Bar kennen. Sie hatte lange schwarze Haare, einen bleichen Teint und ein Lachen, das man vielleicht am besten als unterkühlt beschreiben kann. Wenn überhaupt. Ich meine, wenn es überhaupt ein Lachen war.

Als ich sie zum ersten Mal sah, hatte ich das Gefühl, ich hätte von einem Moment auf den anderen den Text für den Rest meines Lebens vergessen. Alles hatte sich verändert – das Set, das Drehbuch, die Hauptdarsteller. Und nach vier Jahren Beziehung und drei Jahren Zusammenwohnen sah alles nach einem Happy End aus. Ich hatte bereits Verlobungsringe gekauft und wartete eigentlich nur noch auf den richtigen Augenblick. Der richtige Augenblick kommt natürlich nie. Deshalb muss man ihn selbst |11|schaffen. So heißt es doch immer in diesen Lebensratgebern.

***

Shirley ging wie jeden Morgen um halb neun aus dem Haus. Normalerweise schlief ich um diese Uhrzeit noch. Aber an jenem Tag stand ich zeitig auf, aß eine Schale Müsli und wollte mit der Recherche beginnen, um endlich meinen Antragsplan in die Tat umzusetzen. Doch mein Laptop war verschwunden. Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel.

»Guten Morgen, Liebster. Musste deinen Rechner mitnehmen, meiner hakt irgendwie, und ich halte doch heute meinen Vortrag. Bis später, Shirl.«

Ihr Vortrag, den hatte ich ganz vergessen. Bei einer Messe für Recruiting oder Personalmanagement oder sowas. Davon hatte sie irgendwann erzählt. Jedenfalls musste ich nun Flexibilität zeigen, schnell und spontan meine Pläne ändern.

Ich beschloss, in die Stadt zu fahren. Um neun Uhr dreißig stand ich im Novemberniesel vor der Filiale einer Buchladenkette am Stachus. Nur um festzustellen, dass diese erst eine halbe Stunde später öffnete. Das brachte meinen gesamten Zeitplan durcheinander. Die Beine wurden mir unruhig, und ich lief die Fußgängerzone hinauf. Am Rathaus sah ich einen Buchhändler gerade einige mit Folie abgedeckte Tische vor die Ladentür schaffen. Das war meine Chance.

»Sagen Sie, haben Sie Kochbücher?«

»Äh ja, wir öffnen allerdings erst in einer Viertelstunde.«

»Aber es ist eilig. Sehr eilig.«

»Na gut, kommen Sie mit rein.«

Ich folgte ihm, und er zeigte mir ein kleines Regal in einer dunklen Ecke.

»Bitte sehr.«

Dort standen vielleicht fünfzig verschiedene Bücher, Hefte und Magazine mit Rezepten aus aller Herren Länder. |12|Ich war ziemlich überfordert. Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich hätte den Händler um Rat fragen können, aber – ehrlich gesagt – hatte ich nicht vor, ein Kochbuch zu erwerben. Viel zu teuer, ich musste ja auch noch Zutaten kaufen. Alles, was ich wollte, war ein irgendwie originelles und trotzdem einfaches Rezept.

Ich zog ein Buch von Alfred Biolek aus dem Regal. Den kannte ich, der schien mir vertrauenerweckend. Ich hatte noch nie jemanden in seiner Kochsendung maulen sehen. Zettel und Stift einzustecken, hatte ich dummerweise vergessen. Ein Foto mit dem Mobiltelefon wäre sicher möglich gewesen. Ich hätte den Moment abwarten müssen, in dem der Händler nicht hinsah. Doch jetzt, wo ich in seine Richtung blickte, schaute er natürlich zurück.

»Finden Sie, was Sie suchen?«

»Naja, schon, bestimmt. Ich brauch nur noch ein bisschen Zeit.«

»Ich dachte, Sie wären in Eile?«

»Auch, ja, auch. In Eile. Es ist … ich habe allerdings eingeplant, dass ich hier ein bisschen länger brauche.«

Ich blätterte durch das Bio-Buch. Spargelzeit war gerade nicht, oder? Fisch? Wenn überhaupt, dann nur als Filet. Ohne Kopf jedenfalls. Oder Lamm? Zu langes Rezept, schwer zu merken. Arabisches Huhn? Das sah kompliziert aus. Also vielleicht Möhren-Ingwer-Honig-Suppe. Aber war das romantisch genug? Mit dem Honig war es einfach, der bedeutete das Süße im Leben, die Blumen und die Bienen. Na ja, und Möhren und Ingwer könnten symbolisch fürs Wurzelnschlagen stehen. Darum ging es ja. Beziehungsweise, das war natürlich zu altmodisch gedacht. Der Baum und die Wurzel zeichnen ein trauriges Bild des Denkens, das unaufhörlich, ausgehend von einer höheren Einheit, einem Zentrum oder Segment, das Viele imitiert. So ging’s natürlich nicht! Aber der Ingwer war ja auch eine Knolle, hatte also eine rhizomatische Struktur. Da hätte nicht mal eine poststrukturalistische Feministin einen Einwand gehabt. |13|Alles deutete auf eine moderne, von Machtstrukturen freie Ehe hin.

Ich versuchte, das Rezept zu memorieren: Fünfhundert Gramm Möhren in feinen Scheiben, eine Stange Staudensellerie, zwei Stück Ingwer, walnussgroß, ein Esslöffel Honig, dreiviertel Liter Gemüsebrühe – mehr konnte ich in der Aufregung nicht behalten, der Rest müsste Pi mal Daumen funktionieren.

Es war jetzt zehn Uhr durch, und niemand betrat das Geschäft, um den Buchhändler auch nur für einen Moment abzulenken, damit ich den Laden ohne Kauf verlassen konnte. Andererseits war diese Möhren-Ingwer-Honig-Suppe in der Anschaffung nicht allzu teuer. Ein Alibi-Taschenbuch konnte ich mir leisten. Ich entschied mich für Die Stunde der wahren Empfindung und verließ den Laden mit dem Roman in der Tasche und Möhren, Sellerie, Ingwer und Gemüsebrühe im Kopf.

***

Um vierzehn Uhr köchelte tatsächlich etwas auf unserem Gasherd, das einer Möhren-Ingwer-Honig-Suppe zumindest der Farbe und Konsistenz nach ähnelte. Das konnte jetzt richtig durchziehen – ich hatte mal gehört, dass das beim Suppekochen oft von Vorteil wäre.

Dazu hatte ich Vollkornbaguette, Antipasti und Weißwein besorgt. Nun hieß es warten. Noch vier Mal suchte ich den Tengelmann auf. Für Kerzen, für Servietten, für Mineralwasser, für neue Streichhölzer. Außerdem fischte ich zur Vorbereitung Jane Austens Persuasion aus dem Regal, um mit zitternden Händen Captain Frederic Wentworths Brief an Anne Elliot zu lesen. Bis mir aufging, dass die dann ja abgelehnt hatte. Warum kam mir in diesem Moment kein Beispiel für einen gelungenen Antrag in den Sinn? Von Shakespeare bis Tschechow – irgendwas war immer falsch. Italo Svevo? Sie machen Witze.

Als ich nach der Suppe schaute, stellte ich fest, dass sie |14|etwa zur Hälfte in recht fester Konsistenz und dunkler Färbung eine Verbindung mit dem Topf eingegangen war. Ich schöpfte den noch intakten Teil meiner Kreation in ein anderes Gefäß, verlängerte das Ganze mit Weißwein, kochte es kurz auf und stellte die etwas dünne Mischung in den Kühlschrank. Ab halb sieben wärmte ich sie dann wieder auf. Shirley musste bald heimkommen. Also Kerzen an.

Eine halbe Stunde später drehte ich die Gasflamme auf die kleinste Stufe, legte mich aufs Wohnzimmersofa und schlief sofort vor Erschöpfung ein.

Erst Shirleys vor dem Schloss klimpernde Schlüssel weckten mich. Es war kurz vor neun.

»Hallo. Ich bin wieder da-ha. Hat etwas länger gedauert. Wir haben noch was gegessen zusammen … Was ist denn hier los? Erwartest du wen?«

»Äh, nein, ich dachte, ich koch mal.«

Sie schaute mich skeptisch an.

»Du?«

Ich rappelte mich auf, ging in die Küche, um nach der Suppe zu sehen. Zweifellos gut, dass Shirley schon gegessen hatte.

»Also, ich bin satt. Aber ein Glas Wein trink ich gern.«

Ich hatte die Musik vergessen! Konnte ich jetzt noch, ohne dass es auffiel, etwas Romantisches …? Das würde doch den Grund für die Inszenierung allzu unsubtil herausposaunen – beziehungsweise heraustrompeten, denn ich hatte eigentlich an Chet Baker gedacht. Immerhin die Kerzen brannten noch auf Halbmast.

Shirley saß am gedeckten Tisch und mümmelte an einem Stück Brot. Ich goss ihr ein Glas Weißwein ein.

»War ein echt interessanter Tag. Tut gut, ab und zu mal vor Leute zu treten. Dieser Adrenalinschub – also, man ist gleich ein ganz anderer Mensch.«

»Mhm.«

»Und was hast du so gemacht. Bist du weitergekommen mit deinem … deinem … Projekt?«

|15|»Ja, ich denke, ich bin auf dem richtigen Weg.«

»Willst du mir nicht mal zeigen, wie weit du schon bist. Also mit dem Konzept.«

»Am Wochenende vielleicht … Also, warum ich das hier eigentlich alles …«

»Du hast dich ganz schön ins Zeug gelegt. Mit Tischdecken und so. Welch köstliche Speise ist mir denn entgangen?«

»Ach, es war nur … nur eine Kleinigkeit.«

»Irgendwas ist doch nicht in Ordnung, oder? Brauchst du Geld?«

»Nein. Nein! Weswegen ich eigentlich – also, es sollte einfach eine schöne Atmosphäre sein, weil ich dir …«

»Wir sollten kurz mal frische Luft reinlassen. Es riecht ein bisschen angekokelt.« Sie ging zum Fenster. »Aber red ruhig weiter.«

Ich räusperte mich – vielleicht mit ein bisschen zu viel Emphase.

»Glücklicherweise bist du nicht Anne, und unglücklicherweise habe ich nicht die Worte von Cap…«

»Entschuldige, wenn ich dich unterbreche, aber mir kommt diese ganze Situation gerade ein bisschen seltsam vor. Ich fühl mich irgendwie unwohl.«

»Seltsam? Also, nein, keine Angst. Es ist alles in Ordnung. Ich wollte dich nur fragen, willst du …«

»Sei mir nicht böse, aber ich bin echt geschafft. Vielleicht ist das der Grund. Ich geh schon mal ins Bett. Wir können ja morgen Abend weiterreden.«

Dann stand sie auf und ging ostentativ gähnend Richtung Schlafzimmer. Ich blieb sitzen, ließ die Ringe, die ich unter dem Tisch in den feuchten Händen gehalten hatte, zurück in meine Jacketttasche fallen und leerte den gekühlten Weißwein – und dann den ungekühlten.

Ich versuchte mich mit dem Gedanken aufzumuntern, dass Pierre Curie einst auch etliche Versuche hatte unternehmen müssen, bis seine Marie den Antrag angenommen |16|hatte. Andererseits war er Atomphysiker gewesen und gehörte somit einer Profession an, die es gewohnt ist, mit großen Zeiträumen und winzigen Wahrscheinlichkeiten umzugehen. Und er lebte in einer ganz anderen Zeit – ich meine, er wurde von einer Droschke überfahren!

***

Von diesem Abend an hatte Shirley sich immer weiter von mir entfernt. Am nächsten Tag kam sie wieder spät nach Hause, dann zwei, drei Mal überhaupt nicht. Und sie redete kaum noch mit mir. Eine solche Reaktion hätte ich in dem Moment, als ich die Ringe kaufte, nie für möglich gehalten. Aber man darf sich der Welt, in der man lebt, nie zu sicher sein. Denn erstens bewohnt man sie am Ende ja allein und niemand sonst kann die Gesetze und Gewissheiten, die dort herrschen, nachvollziehen, und zweitens kommt mit Sicherheit irgendwann jemand aus einer anderen Galaxie und zerstört sie. So wie in Mars Attacks.

Etwa zwei Wochen nach meinem misslungenen Antrag, es war ein Freitagabend, kam ich vom Einkaufen nach Hause, und Shirley war weg. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. »Bin übers Wochenende zu meinen Eltern gefahren. Shirl.« Spätestens da wusste ich, dass ich ein Problem hatte. Denn wer fährt schon freiwillig nach Brandenburg!

Wie groß dieses Problem wirklich war, konnte ich in diesem Moment natürlich noch nicht ahnen. Aber mir fiel wieder ein, was Shirley gesagt hatte, nachdem wir uns den letzten Jarmusch im Kino angeschaut hatten: »Männer werden mit dem Alter immer einsamer.«

War das ein versteckter Hinweis gewesen? Sofort flackerten Bilder durch meinen Kopf: Ich in einer einsamen Sozialwohnung auf dem Boden liegend – nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, vielleicht schon tot. Würde mich jemand finden? Mich überkam – immer noch auf Shirleys Zettel starrend – eine große Angst vor der Einsamkeit. Nein, Einsamkeit klingt zu romantisch, dieses Gefühl hatte nichts |17|Malerisches, Caspardavidfriedrichhaftes. Vereinsamung ist das bessere Wort. Isolation.

Shirley war meine Verbindung zur Welt gewesen, so wie Barbara Hershey für Max von Sydow in Hannah And Her Sisters. Sie war das Periskop, durch das das Draußen zumindest in Sichtweite blieb. Sie gab mir das Gefühl, ein Teil davon sein zu können, wenn ich nur wollte.

Nach der Trennung von Aurelie überkam mich diese Angst zum ersten Mal. Natürlich war ich in den vier Jahren, bis ich Shirley kennenlernte, nicht die ganze Zeit allein gewesen, doch jedes Mädchen, das ich kennenlernte, schluchzte mir früher oder später ein »Ich bin beziehungsunfähig« in die sich anbahnende Zweisamkeit. Das gehörte in jenen Jahren anscheinend zum guten Ton. Ein damals enger Freund von mir meinte mal, für mich müsste man eigentlich eine neue Form der Hure erfinden: die Anti-Domina. Wenn man zu ihr ins Zimmer ginge, setzte sie sich auf die Bettkante und erklärte unter hysterischen Heulkrämpfen, warum sie jetzt keinen Sex haben könnte.

Roger Eberts beschreibt in The Little Book of Hollywood Cliches diese archetypische Szene: Eine Frau beschließt aus einer Enttäuschung heraus, sich nicht mehr zu verlieben. Als sie eines Tages aus dem Supermarkt kommt, platzt ihr die Einkaufstüte, ein Mann kommt ihr zu Hilfe und sammelt nicht nur all die heruntergepurzelten Orangen und Birnen ein, sondern hilft ihr auch, das Chaos in ihrem Leben in den Griff zu bekommen. Ich habe mich immer mit dem Mann in dieser Szene identifiziert – dabei war ich wohl eher die Frau.

Die Jahre nach der Scheidung wurden die dunkelsten meines Lebens – die ganze Welt schien beziehungsunfähig zu sein. Wahrscheinlich steckte ich in einer tiefen Depression. Und während ich nun in der Küche auf den Zettel starrte, schien sich dieser vertraute Schatten erneut über mein Herz und meine Gedanken zu legen.

Ich konnte den Abend also unmöglich allein zu Hause |18|verbringen. Andererseits hatte ich, wohlwollend betrachtet, höchstens noch vier Euro in der Tasche. Und neues Geld war frühestens am Montag auf dem Konto. Die einzige Möglichkeit war daher das Flametti. Dort arbeitete mein Freund John damals als Koch und manchmal auch als Drogenkurier. Der würde mich kostenlos durch den Abend bringen – oder zumindest konnte ich anschreiben.

John ist schon viele Jahre in München, denn er ist Vater einer während der Love Parade mit einer Bajuwarin gezeugten Tochter. Wobei ich nicht weiß, ob der Akt wirklich auf diesem Event in Berlin oder sonstwo vonstattenging oder ob es sich nur um eine Metapher handelt. Zumindest singt er in dem Song, der den Namen seiner Tochter trägt:

 

Got laid at the Love Parade

Got laid at the Love Parade

Well, that was my perfect fate

 

John schlägt sich seitdem in München mit Gelegenheitsjobs durch. Er ist zwar der Sohn reicher Eltern, aber das vorzeitig ausgezahlte Erbe hat er teils bei Immobilienspekulationen verloren und teils verprasst. Seine Vorfahren haben in Florida jede Menge Geld mit Obstanbau gemacht. Zudem ist er der Großneffe eines legendären, an einer Überdosis Heroin verstorbenen, weißen Bluessängers.

John scheint in jeder Hinsicht dessen Erbe angetreten zu haben. Er säuft, nimmt alle möglichen Substanzen in sich auf, schreibt Songs mit wirren Texten und führt sie, wenn man ihn dazu überreden kann, zugedröhnt auf. Er ist auch ein ziemlich guter Geschichtenerzähler. Die meisten seiner absurden Stories handeln von anderen Kindern reicher Eltern, von Drogen und von obskuren oder nach ihrem Ableben berühmt gewordenen Musikern, die er alle noch zu Lebzeiten getroffen haben will. Was teilweise unmöglich scheint, denn er ist zwei Jahre jünger als ich. Ich gebe trotzdem immer vor, ihm das alles zu glauben, damit er weitererzählt.

|19|Manchmal kommen tatsächlich einige der Typen, von denen ich sicher war, sie seien schon lange tot oder hätten gar nie gelebt, in unsere Stadt, und wenn sie irgendwann spätabends an der Theke des Flametti oder irgendeines anderen Ladens John begegnen, fallen sie ihm um den Hals, als hätten sie einen ewig vermissten Freund wiedergefunden. Es hat mich manches Mal erstaunt, wie er es schafft, die Realität mit seinen Phantasien abzugleichen. Mir gelingt so etwas nie.

|20|Drei

An diesem Abend war das Flametti rappelvoll gewesen. Viele Filmleute waren da, die einige Straßen weiter einen dieser neuen bayerischen Heimatfilme zu Ende gedreht hatten. Die beiden hübschen Hauptdarstellerinnen standen rechts neben der Theke, waren aber so umlagert, dass man sie kaum sehen konnte. Ich setzte mich links von der Menschentraube auf den einzigen noch freien Barhocker und bestellte ein Helles. John kam aus der Küche, um mich zu begrüßen, und wendete sich danach an den Typen neben mir. Einen graumelierten, goldkettenbehangenen Mittvierziger im schwarzen Anzug.

»Hey, Luigi!«

John stellte mir den Mann als den Italiener vor, der einige Jahre zuvor dem Sänger einer bekannten britischen Rockband in der Bar des Hotels Bayerischer Hof bei einer Schlägerei den Kiefer gebrochen hatte. Seitdem hatte er einen Platz in seinem – und nun irgendwie auch in meinem – Herzen. Nachdem John sich wieder in die Küche zurückgezogen hatte, begann Luigi, anscheinend unsicher, in welcher Sprache er mit einem Freund des ausschließlich Amerikanisch sprechenden John kommunizieren sollte, in einem stark italienisch gefärbten Mischmasch aus Englisch und Deutsch auf mich einzureden.

Zunächst erzählte er von organisierten Schlägereien mit Skinheads in Hamburg und Berlin, an denen er in der letzten Woche teilgenommen hatte. Als er merkte, wie er ziemlich bald meine Aufmerksamkeit verlor und ich nur noch apathisch in mein Glas schaute, sah er mich mitleidsvoll an:

|21|»Blues, eh?«

»Yep«, sagte ich, »Blues.«

»Weißu, iké magé dik«, lamentierte er und zog ein kleines, durchsichtiges Briefchen mit einer weißen Substanz aus seiner Jacketttasche. »Nimme daaassé. Du bissé eine friend fromé Johnny, dasse gehté aufse ’aus.«

Ich stutzte und wehrte zunächst ab. Doch als ich sah, wie sich Luigis Gesicht verfinsterte, streckte ich vorsichtig eine Hand nach dem Briefchen aus. Er legte es hinein und drückte meine Finger zu einer Faust.

»Danke«, sagte ich, wand mich vom Barhocker und schlängelte mich durch den überfüllten Gastraum zur Toilette.

Das Herrenklo war verschlossen, doch die Tür zu den Damen stand offen. Ich zwängte mich in die kleine Kabine, sperrte zu, leerte das Tütchen auf dem Klodeckel und schob den Stoff wie im Fernsehen, in Ermangelung einer Kreditkarte allerdings mit meiner Bahncard 50, zu zwei parallelen Linien. Auf der Suche nach einem Stück Papier oder einem Geldschein durchkramte ich meine Hosentaschen, fand aber nichts. Jemand ruckelte an der Tür.

»Ey, Dünnpfiff oder was?«

Ich wurde panisch, kniete mich zitternd vor die Kloschüssel, ein Fabrikat der Firma Villeroy & Boch, und schniefte, so gut ich konnte, mit der Nase über die beiden Linien. Etwa die Hälfte des Pulvers blieb auf dem Deckel liegen. Ich schob es erneut zusammen, schniefte noch einmal. Den nicht unbeträchtlichen Rest wischte ich panisch mit der Handkante vom Deckel. Durch den Angstschweiß blieb einiges davon an mir kleben, ohne zu überlegen leckte ich es ab. Meine Zunge, meine Lippen, meine Nase wurden mir gleich taub wie nach einer ungenau gesetzten Zahnanästhesie. Ich öffnete die Tür und schob mich an einer zeternden Frau vorbei zurück zur Theke.

»Geht’se bessé? Äverysssing okay?«, begrüßte mich Luigi gutgelaunt mit hochgezogenen Augenbrauen an der Bar |22|und deutete amüsiert auf mein wohl immer noch weiß bestäubtes Riechorgan.

»Mhm«, murmelte ich und leerte ein Glas Ramazotti, das er für mich geordert hatte. Dann spürte ich, wie sich langsam meine Zunge lockerte, immer mehr Wörter formten, die darauf drängten, in den Raum entlassen zu werden.

Ich begann auf Luigi einzureden, so wie er zuvor auf mich, erzählte ihm von Shirley und dass ich glaubte, sie habe einen anderen. Von meiner Hilflosigkeit und Verzweiflung.

»Veräzweifält? Eh? Bullshit!«, kommentierte Luigi.

»Bullshit? Nein, die Krankheit zum Tode.«

»Eh?«

»Verzweiflung ist die Krankheit zum Tode – Kierkegaard.«

»Kierä…? What the f… Bullshit! ’ast du geläsen Wiettgänsteine, eh? Ii’s my man.«

Einen Philosophen hatte ich in Luigi nach dem bisherigen Verlauf des Abends nicht vermutet. Ich muss auch zugeben, dass ich ein kompletter Laie bin auf diesem Gebiet. In meiner Jugend hatten die Werke Thomas Bernhards eine gewisse Begeisterung für die Philosophie entfacht, aber das ist ja lange her. Heute reichen meine Kenntnisse in dieser Wissenschaft kaum über einige in Männerrunden hilfreiche Zitate von Schopenhauer und Weininger hinaus. Und ein paar Stichworte zu Kierkegaard waren mir nur eingefallen, weil ich zu der Zeit nachts kein Auge zutat und mich zum Zeitvertreib durch all die ungelesenen Bücher in meinem Regal blätterte. Eines davon war die mächtige Kierkegaard-Biografie von Joakim Garff, die mir ein Kollege – wegen meiner Liebe zu Kopenhagen oder schwarzen Rollkragenpullovern – mal zum Geburtstag geschenkt hatte.

Ich hatte jedenfalls kein Interesse, mit Luigi in einen philosophischen Disput einzutreten und mich so zwangsläufig vollkommen lächerlich zu machen. Aber der Italiener war plötzlich wie aufgedreht und steigerte sich in eine überschäumende Erregung, die seine Aussprache nicht nur |23|feuchter, sondern auch noch undeutlicher werden ließ. Immer wieder rief er zwischen all den – wie mir schien – frei von Grammatik und Bedeutung sprudelnden Lauten »Wiettgänsteine!« und »Kierkägaarde!« und »Bullshit!«, dazu delirierte er irgendwas von »denominazione« und »metafisica«, während ich einen weiteren Ramazotti in mich hineinkippte, der Wirt das Glas wieder auffüllte, ich wieder trank, er wieder auffüllte und so weiter.

Manche seiner Laute schien Luigi nicht einfach an mich zu richten, sondern regelrecht auf mich abzuschießen. Nachdem ich mich an seine ramenternde Rhetorik gewöhnt hatte, begann ich langsam zu verstehen, was er mir sagen wollte: Ich sei es nicht wert, ein Mann genannt zu werden, wenn ich die christlich geprägte Existenzphilosophie des Dänen der unausweichlichen Logik seines geliebten Wieners vorzöge. Was ich ja nie behauptet hatte.

Luigi verwendete in seiner – zumindest nach allem, was ich verstand – nicht ganz sauber geführten Argumentation die Kategorien »fucking sissy« und »bloody Danish faggot«. Die mit zunehmender Wirkung der meinem Körper zugeführten Substanzen fahriger werdenden Versuche, ihn auf die Widersprüche innerhalb des Wittgensteinschen Denkgebäudes, das mir ja eigentlich nahezu gänzlich unbekannt war, hinzuweisen und ihm zu erläutern, dass der Verfasser der Philosophischen Untersuchungen – oder wie ich ihn wohl nannte: der Wiggerl – seinen Kierkegaard durchaus studiert hatte, sich in seinen Tagebüchern sogar recht viele Spuren des großen Dänen fänden (das hatte ich mal in einer eher satirischen Abhandlung zu Wittgenstein und der Onanie gelesen, glaube ich), kommentierte er nur mit:

»Bloody bullshit!«

Er zog ein rotes Notizheft mit einer bunten Clownszeichnung darauf aus der Innentasche seines Jacketts und schlug es vor mir auf. In der oberen Hälfte der ersten Seite stand in einer kindlichen Klaue mit Kuli gekrakelt: Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig. Jedes Wort mehrfach |24|und wohl mit großem Nachdruck unterstrichen, so dass sich das Papier ein bisschen wellte. In die Folgeseiten musste sich dieser Satz samt Unterstreichungen reliefartig eingegraben haben. Vielleicht sogar bis zum letzten Blatt.

Von den Unterstreichungen gingen jeweils Pfeile ab, die zu anderen, offensichtlich italienischen Wörtern führten. Von »Denn« zu »Infatti«, von »alles« zu »ogni«, von »Geschehen« zu »avvenire«, von »und« zu »ed«, von »So« zu »così«, von »Sein« zu »essere«, von »ist« zu »è« und von »zufällig« zu »accidentale«. Darunter, mit einer kleinen, vermutlich grammatikalisch bedingten Umstellung, noch einmal der ganze Satz. Mehrfach eingekreist. »Infatti ogni avvenire ed essere-così è accidentale.« Darunter schließlich in Versalien der mit drei vor- und drei nachgestellten Ausrufezeichen versehene Vermerk »LUDWIG WITTGENSTEIN, 1889–1951«.

»Aha.«

»Kierkägaarde suckse! Dio suckse! Relijone suckse! Stick to … i fatti … the facts, vecchio amico!«

»Die Religion lehrt, die Seele könne bestehen, wenn der Leib zerfallen ist«, rezitierte ich einen der wenigen mir bekannten Wittgenstein-Sätze mit erhobenem Zeigefinger und – wie ich dachte – immer noch erstaunlich klarem Kopf und kippte einen weiteren Ramazotti in mich hinein.

Luigi schaute mich mit durchdringendem Blick an, schüttelte den Kopf, seufzte, fuhr sich mit den Fingern durchs strähnige Haar, erhob sich von seinem Stuhl und wankte – auch er schien seine italienische Seele, an die er vermutlich nicht glaubte, ordentlich geölt zu haben – Richtung Herrenklo. Als er wesentlich standfester zurückkehrte, versuchte ich, das Gespräch auf ein weniger verfängliches Terrain zu lenken. Was er denn beruflich mache, wollte ich wissen.

»Me? I’m a pimpe.«

Ein der analytischen Philosophie zugetaner Zuhälter! Tränen schossen mir in die Augen.

|25|»Mir ist eben auf der Toilette was eingefallen«, erklärte Luigi verschwörerisch und fast akzentfrei. »Wohnt ihr zusammen?«

»Wer?«

»Na, du und deine … eh … Ragazza, wer sonsté?«

»Ja. Klar. Sie schrieb halt nur, sie sei an diesem Wochenende weggefahren, zu ihren Eltern, aber …«

»Sì sì. Wann kommpé sie zurucké?«

»Morgen Nacht, oder so.«

»Senta! Ich gäbé dire eine offerta speciale … zu eine Freunschafspreise meine beste … eh Fiordalissima.«

»Bitte was?«

»Meine beste … eh … Pferdechene, und wenne Ragazza kommpé zurucké, danne lassté ihré es a letta so richtig bange bange. Fragore, eh! Tutto a posto? Ah … eh … gemahde Wiesn!«

Ich zweifelte, ob mich dieser italienische Machismo zum Ziel führen würde, aber da ich ahnte, wie sehr Luigi es hasste, wenn man seine Angebote ausschlug, fragte ich höflicherweise nach: »Freundschaftspreis? Wie viel?«

»Seicento Euro, für la notte, eh? Overnight. Die … eh … totale Nachté.«

»Sei… Sechshundert Euro? Und dasn Freundschaftspreis?«

»Sì.«

»Das ist nicht grade ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann.«

»Hehehehe.«

»So viel hab ich nicht.«

»Zu vielé … eh … libri gekaufté, eh? Kierkägaarde, eh? Bullshit!«

In diesem Moment hörte ich eine vertraute Melodie, die – wie ich kurz darauf bemerkte – aus Luigis vor ihm auf der Theke liegenden vibrierenden Mobiltelefon dudelte (vermutlich meldete sich ein Pferdchen zum Dienst). Das war ganz eindeutig Louis Armstrong, dessen Trompete mit der |26|Klarinette von Johnny Dodds tanzte. Der Potato Head Blues! Meine gedrückte Stimmung war mit einem Mal wie – im mindestens zweitwahrsten Sinne des Wortes – weggeblasen. Der vertraute Klang versetzte mich in ein solches Hochgefühl, dass ich mich plötzlich fühlte, als lägen alle Trauer und alles Leid kilometerweit unter mir. Wie heißt es in diesem Blues-Song, der mir immer gute Laune macht? Sittin’ On Top Of The World! Genau so!

Sagt nicht Woody Allen am Ende von Manhattan irgendwo, der Potato Head Blues gehöre zu den Dingen, die das Leben lebenswert machen? Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie er, ein kleines Mikrofon in der Hand, quasi zur Selbsttherapie auf einer Couch liegt und nach Gründen sucht, aus denen es sich lohnt, zu leben. Der Potato Head Blues, da hatte er auf jeden Fall recht. Was war da noch? Ich konnte mich nicht erinnern und versuchte die Schwarzweiß-Szene, die vor meinem inneren Auge flimmerte, mit meinen eigenen Gedanken zu synchronisieren. Sicher, All My Loving von den Beatles war ein weiterer Grund (auch wenn Allen das sicher anders sähe), Bachs Concerto für zwei Violinen und Orchester, Marcel Proust, die Erzählungen von Harold Brodkey, Charles Mingus, Eric Dolphy, wenn er die Bassklarinette spielte, natürlich die erste Frau in meinem Leben, die ich heiraten wollte – Shirleys Gesicht, wenn ich ganz nah heranging und sie mit ihren großen grauen Augen und ihrer putzigen Nase aussah wie eine kleine schwarzweiße Cartoonfigur …

Ich bestellte einen Whisky zum Herunterspülen eines schweren Seufzers und, da ich zudem großen Durst verspürte, zusätzlich ein weiteres Bier. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich kippte den Whisky, ohne zu schlucken, hinein, leerte das Bier in wenigen Zügen und entschwand in die Nacht.

Nach wenigen Schritten überkam mich ein Schwindelgefühl, und die Beine wurden mir weich. Ich klammerte mich an eine Straßenlaterne. Ein Weitergehen schien kaum möglich. |27|Doch ich wollte verschwinden, bevor Luigi mich fand und mir ein weiteres seiner Angebote machte. Mein Herz pochte paranoid. Ein Taxi war nicht in Sicht. Also visierte ich, die Laterne noch immer fest umklammernd, das nächststehende Parkverbotsschild an, rannte so schnell und gerade wie möglich in die angepeilte Richtung, ergriff die Stange, bevor das Stehvermögen mich verließ, und verschnaufte.

Ich wiederholte das Manöver bis zum nächsten Schild, dann bis zu einem Hydranten, über den ich mich erbrach, weiter zur nächsten Laterne und so fort. Irgendwann verfehlte ich ein Ziel und fand mich mitten auf einer leeren Straße wieder, ging gebückt, so gut ich konnte, den weißen Strichen nach, wich zwei hupenden Taxis aus und schlug mich schließlich auf der linken Straßenseite in ein Gebüsch. Dort kauerte ich am Boden und übergab mich mehrere Male.

Als Übelkeit, Magenkrämpfe und Schwindelgefühl eine halbe Ewigkeit später endlich nachgelassen hatten, versuchte ich mich zu orientieren. Ich befand mich am Ufer der Isar, unweit von mir eine Parkbank. Zielstrebig kroch ich auf sie zu und erklomm sie. Mein Telefon zeigte 23:47 Uhr. Hinter den Ziffern erkannte ich Shirleys Gesicht.

Ich seufzte, tippte »Ich liebe dich so sehr!« in das Gerät und schickte den Text sogleich auf die Reise zu ihr. Zehn Minuten lang starrte ich in ihre grauen Augen auf meinem Display, keine Antwort. Ich tippte eine neue Botschaft, sendete sie und legte mich schluchzend auf die Bank nieder. Bald schlief ich ein. Erst zweieinhalb Stunden später schreckte ich hoch. Ein Klickgeräusch. Das musste Shirleys Antwort sein. Eilig zog ich das Telefon aus meiner Innentasche. Tatsächlich, eine Nachricht von ihr. Ein Wort nur: »Ja.«

Ja, was? Ich konnte mich nicht erinnern, was ich zuletzt geschrieben hatte. Hastig klickte ich mich zu Gesendete Nachrichten und las halblaut meinen Text von 23:58 Uhr. »Du hast einen anderen.«

|28|Plötzlich drehte sich alles in meinem Kopf, mein Mund wurde trocken, mein Herz schlug so heftig, dass ich es hörte. »Du hast einen anderen«, flüsterte ich, »du hast einen anderen.« Ich sagte es viele Male vor mich hin, traurig, vorwurfsvoll, wütend. Dann klickte ich mich, Tränen in den Augen, zu ihrer Antwort. »Ja.« War es ein schuldiges »Ja«? Ein kleinlautes? Ein bestimmtes? Ein nüchternes? Ein erleichtertes? Ein warmes? Ein kaltes? Die Sirene eines Krankenwagens durchquerte die Nacht:

»jaja-jaja-JaJa-JAJA-JA!JA!!-JA!!JA!!-JAJA-JaJa-jajajaja.«

Dann verlor sie sich, und es schien mir, als hätte sie alle anderen Geräusche um mich herum mit sich fortgezogen. Der rauschende Fluss, das im Wind raschelnde letzte Laub der fast schon kahlen Bäume, die Autoreifen auf dem Asphalt, die polternden und grölenden Besoffenen vor den Kneipen, alles noch wahrnehmbar, doch es schien meilenweit entfernt.

Mir war kalt. Ich drückte mich von der Bank in die Höhe. Immer noch ein bisschen wacklig auf den Beinen lief ich die Isar entlang. Ich war der Welt abhandengekommen. Je weiter ich ging, desto größer schien die Distanz zwischen mir und der Wirklichkeit der letzten Jahre. Der Abstand der Laternen am Ufer wurde größer, schließlich lief ich ins Dunkel.

Erst als der Morgen allmählich graute und die Umrisse der Bäume, Sträucher und in der Ferne liegenden Brücken von Minute zu Minute deutlicher wurden, bemerkte ich, wie meine Gedanken langsam aufklarten. In unserer Wohnung würde ich es nach diesem niederschmetternden »Ja« nicht aushalten können, so viel war klar. Abgesehen davon würde Shirley mir eh früher oder später nahelegen zu gehen, schließlich zahlte sie seit meiner Kündigung fast die gesamte Miete. Aber hatte ich überhaupt genügend Geld für ein eigenes kleines Zimmer irgendwo?

Ich hatte zwei Monate zuvor, vermutlich kurz vor einem |29|Burn-out, wie man so sagt, die Notbremse gezogen und meinen Job aufgegeben, beziehungsweise mich freistellen lassen. Ich hätte natürlich auch erst mal krankfeiern können, aber ich wollte mit dem Laden nichts mehr zu tun haben. Ich hatte mich wie ein Gefangener gefühlt, das Opfer einer Entführung aus meinem eigenen Leben, und die einzige Möglichkeit, selbst zu handeln und so einen Rest Selbstachtung zu bewahren, schien mir, ganz auszusteigen.

Ich wollte mich selbständig machen. Erste Schritte in die Richtung hatte ich schon unternommen.

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