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Das Cyborg-Projekt - Weg in die Galaxis

Das Cyborg-Projekt - Weg in die Galaxis

Conrad Shepherd

Published by Alfred Bekker, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Das Cyborg-Projekt

Copyright

ERSTER TEIL

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

ZWISCHENSPIEL | 7. Kapitel

8. Kapitel

ZWEITER TEIL

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

Also By Conrad Shepherd

About the Publisher

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Das Cyborg-Projekt  

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WEG IN DIE GALAXIS

Science Fiction-Roman von Conrad Shepherd

Der Umfang dieses Buchs entspricht 196 Taschenbuchseiten.

Shaggleton Tork ist einer jener Jungen in Mega-Tokio, der aus einem begüterten Elternhaus stammt und doch in den Slums das Abenteuer sucht. Als ihm durch Zufall ein Datenträger mit brisanten Informationen zugespielt wird, nimmt sein Leben einen völlig anderen Verlauf. Aus dem behüteten Jungen wird eine mörderische Kampfmaschine in den Diensten der Pangäa-Front. Es gibt keinen Ausweg aus diesem mörderischen Karussell.

Im  Kosmos der Serie ‚Weg in die Galaxis’ sind bisher erschienen:

Spur ins andere Kontinuum

Planet der Maschinen

Die Rebellen von G’oerr

Jagd durch das Sol-System

Das Cyborg-Projekt

Aron Lubor und die Energiefalle

Aron Lubor und der Sprung ins All

Aron Lubor und die Sklavenwelt Pygma

Aron Lubor und die Macht im Dunkeln

Aron Lubor und das Echo aus der Vergangenheit

Aron Lubor und die Falle im Nichts

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ERSTER TEIL

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»... AN DER SCHWELLE zum 22. Jahrhundert sieht sich Terra Ereignissen gegenüber, die den Horizont vieler Menschen übersteigen. Wirtschaftsfachleute und weitsichtige Staatsmänner sind der Meinung, dass nichts die politische und ökonomische Struktur auf der Erde nachhaltiger verändert hat, als die Ankunft des Ramoners Lubor auf dem Planeten »Odesch«, wie dieses hochtechnisierte und – zivilisierte Volk unsere Heimatwelt nennt, und später dann die Immigration und Eingliederung seiner mehr als 2500 Landsleute, die das von den Karther verursachte Armageddon überlebt hatten. Seit Aron Lubors »Geschenk« der ramonischen Hochtechnologie an Connor Lorre (siehe dort!) und seiner Corporation sind nur wenige Jahre vergangen. Aber für den, der Augen hat zu sehen, beginnen sich schon jetzt dramatische Veränderungen in der Weltwirtschaft abzuzeichnen, zeigen die enormen Fortschritte in der Automatisierungstechnik bereits die ersten Auswirkungen auf die traditionellen Wirtschaftssysteme der Erde.

... selbstverständlich hat das ramonische Transitionstriebwerk dazu beigetragen, die Besiedlung weit entfernter, fremder Planeten zu beschleunigen – der Kontakt mit außerirdischen Intelligenzen erweiterte das Weltbild der Menschheit in ungeahntem Maß –, und selbstredend hat die ramonische Hochtechnologie nahezu alle Bereiche des Lebens auf der Erde revolutioniert. Aber für mich persönlich besteht kein Zweifel, dass der ramonische »Techno-Schock«, wie das Phänomen von vielen meiner Kollegen genannt wird, die gesamte Erde in eine tiefgreifende politische, ökonomisch-soziale und kulturelle Dauerkrise versetzen könnte – ich sage mit Bedacht könnte! –, deren Folgen abzuschätzen wir heute noch gar nicht in der Lage sind. Der wissenschaftlich-technische Quantensprung auf den Gebieten der Raumfahrt, Robotik und Computer, der Nanotechnik, Bio- und Gentechnik, der Hyperphysik und der Psionik, den uns unsere Freunde von Ramon beschert haben, wird, wenn wir nicht sehr aufpassen, nur zu noch größerer Verelendung weiter Teile der Erdbevölkerung führen, vor allem in den traditionell bereits jetzt schon verarmten Regionen Afrikas, Südamerikas und der Asiatischen Föderation – den Grauzonen.

... zunehmen wird die Massenarbeitslosigkeit und die unweigerlich damit einhergehende Verelendung breiter Bevölkerungsschichten. Der sich abzeichnende überproportionale Einsatz von billigen Arbeits- und Servicerobotern wird zur Vernichtung weiterer zig Millionen Arbeitsplätze vor allem in den Dienstleistungsbetrieben, aber auch im Bergbau und in der Landwirtschaft führen.

... der Chronist weiß nicht, wie er die meisten Erscheinungen beurteilen soll, als Segen oder als Fluch, und ob deren Folgen zwangsläufig sind. Die einzige Möglichkeit ist seines Erachtens, ›Principiis obsta!‹ – den Anfängen dieser Entwicklung verstärktes Augenmerk zu widmen.«

Aus: Abriss der Kosmosoziologischen Strukturen des Sonnensystems, Sir Gabriell Cellis (Genf, 2097)

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1. Kapitel

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OKTOBERHIMMEL ÜBER der Halbinsel von Izu: Die Wellen in der Tokioter Bucht trugen schmutzig-weiße Schaumkronen. Ablandiger Wind beförderte den Unrat aus den vielen Hafenbecken weit hinaus in die Bucht und gab dem Strand eine trügerische Sauberkeit. Niedrige Wolkenfetzen trieben mit dem scharfen Wind von Norden heran, stauten sich vor den filigran wirkenden Stahl- und Chromdomen der Zaibatsu-Zentralen wie vor Wellenbrechern und schienen an den Spitzen der höchsten Türme hängenzubleiben. Die Sonne war ein blasser Lichtfleck, der das Zenit schon wieder verlassen hatte. Fallwind wirbelte Staub und Dreck auf und fegte den Abfall der Megastadt durch die Rinnsteine.

Shag schlug den Kragen seiner Jacke hoch und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er war schlaksig und für seine vierzehn Jahre erstaunlich groß. Schon mit sieben war er in die Höhe geschossen, was ihn über seine Mitschüler im Internat von New-Djakarta erhob – im wahrsten Sinn des Wortes – und ihm nicht immer nur Anerkennung und Bewunderung einbrachte. Trotz des diesigen Wetters trug er eine Sonnenbrille mit spiegelnden Gläsern.

Ohne große Eile bewegte er sich durch das Gewirr der Straßen und Gassen und sog die Gerüche und Klänge der Ginza ein, die sich langsam auf ihren abendlichen Betrieb einstellte. In der Menge dahintreibend, wechselte er öfter die Straßenseite, blieb hin und wieder vor Schaufenstern stehen und betrachtete, scheinbar in jugendlicher Neugierde versunken, die verlockenden Angebote der Auslagen, während er in Wirklichkeit in den reflektierenden Flächen die hinter ihm vorbeiziehende Menge nach Anzeichen von Gefahr checkte.

Keiner bestimmten Gefahr.

Es war nur, dass die Metro-Police Mega-Tokios seit einiger Zeit verstärkte Präsenz in Form von kleinen, mobilen Teams zeigte. Männer mit grimmigen Gesichtern, harte Burschen, die nicht lange fackelten, wenn es galt, Streuner und Herumtreiber aus den Grauzonen von der Innenstadt fernzuhalten. Dabei machten sie bei der Überprüfung keine großen Unterschiede.

Etwas fiel ihm ins Auge ...

Er drehte sich herum, blickte wie zufällig in die Richtung. Es erwies sich als schwierig, in dem Tohuwabohu von Passanten Konkretes auszumachen. Aber – hinter der Gruppe lärmender Techs aus dem Asteroidengürtel in ihrer neonfarbenen Kleidung – waren da nicht ein paar schwarzgekleidete Gestalten?

Nein!

Was immer er gesehen hatte, es war nichts.

Trotzdem.

Den Kopf zwischen die Schultern eingezogen, trottete Shag in verschärfter Gangart durch die Menge und fiel erst zwei Straßenzüge weiter in ein normales Schritt-Tempo zurück. Nicht, dass er wie einer der Underdogs gewirkt hätte, aber die Kultivierung einer gesunden Fluchtparanoia war für ihn schon lange Teil seiner Überlebensstrategie in diesem Stadtmoloch. Er hatte wiederholt mit Tokios Polizei zu schaffen gehabt und nicht gerade die besten Erfahrungen gemacht. Die Kerle fackelten nicht lange, und es kam immer wieder vor, dass sie jemanden in eine Zelle sperrten, um ihn dort etliche Tage zu vergessen. Besonders wenn sie der Meinung waren, es handle sich um einen Streuner, den sie da aufgegriffen hatten.

Er bog in eine enge Straße ab, sah, dass sie an einer kahlen Mauer endete, und kehrte wieder um, wobei er die andere Straßenseite nahm. Ein paar Schritten weiter knirschte unter seinen Füßen herumliegendes Glas aus der zerbrochenen Frontscheibe einer verwahrlosten VR-Spielhölle, die von ihrem Besitzer aufgegeben worden war.

Shag schickte einen prüfenden Blick in die Runde, dann trat er kurzentschlossen durch das Schaufenster ins Innere; verlassene Spielhöllen boten jede Menge elektronischen Krimskrams: noch funktionierende Chips oder brauchbare Energiezellen. Im Seiji-Distrikt konnte man unter Umständen einen lukrativen Straßen-Deal machen, der einen in den teuren Cyberchats der Innenstadt eine ganze Weile über Wasser hielt – wenn man es geschickt anstellte. Voraussetzung war allerdings, man kam an den Yakuza vorbei, die diese technologische Enklave Mega-Tokios als ihr Eigentum betrachteten und von Händlern und Besuchern gleichermaßen Schutzgelder eintrieben. Vielleicht stieß er auch mal auf eine ganz besondere Hardware, man konnte ja nie wissen. Viele Hacker im Cyberchat prahlten von Beutezügen, bei denen sie an außergewöhnliche Software gerieten. Zugangscodes zu den Zaibatsu-Netzen beispielsweise, die angeblich besser gesichert sein sollten als das Netzwerk des TSU-Sitzes in Genf oder das Intranet der Moonfactory.

In einer dunklen Ecke am Ende des Ladens entdeckte er, was er zu finden gehofft hatte: mehrere VR-Automaten mit abgegriffenen, verschmierten Plastikkonsolen. Billige Exportware aus dem indonesischen Raum zwar, aber noch einen halbwegs intakten Eindruck bietend. Die Frontseiten waren herausgerissen und lagen auf dem Boden herum. Der Geruch verrottenden Mülls hing schwer in der Luft, vermischt mit den scharfen Ausdünstungen streunender Katzen.

Shag wühlte sich durch den herumliegenden Drahtverhau von zerstörten Lichtfaserleitungen an einen der Automaten heran – und merkte plötzlich, dass er nicht allein war.

Er fuhr herum, die Fäuste abwehrend erhoben ...

Panik jagte wie Elmsfeuer durch seine Gedanken.

Sein Mund wurde trocken, und er spürte, wie sich sein Magen vor Furcht zusammenzog. Er hörte den eigenen Atem laut in den Ohren. Sein Herz pochte hart in der Brust!

»Mach ’nen Abflug, du Wichser! Dein Typ is’ hier nicht gefragt. Verstehste?«

Der, der das zu ihm sagte, war mager, starrte vor Dreck und steckte in einem viel zu großen Overall, dessen Ärmel an den Achseln abgetrennt waren. Der Junge – er war etwa in Shags Alter oder ein bisschen älter, aber einen ganzen Kopf kleiner – blickte finster drein. Er reckte sich angriffslustig und wiegte ein kurzes, schweres Metallrohr mit Drohgebärden in den Händen.

»He, he, führst ’n loses Mundwerk, Kleiner!«, sagte Shag lahm. »Willste mich killen?«

Der Junge giftete: »Wenn’s sein muss.«

Shag spielte mit dem Gedanken, ihm zu zeigen, dass sich dieses Vorhaben leicht ins Gegenteil verkehren konnte.

Er ließ es sein.

Hinter dem schmächtigen Jungen tauchten drei weitere Kinder aus dem tiefen Schatten des Ladens auf. Zwei davon nicht älter als vier oder fünf Jahre; die großen Augen in den hohlwangigen Gesichtchen blickten erschreckt und zutiefst verängstigt drein. Die Zehnjährige hatte schützend die Arme um die Kleinen gelegt und starrte mit trotziger Feindschaft auf Shag.

Ein ungewohntes Schuldgefühl meldete sich mit einem leichten Stechen, als er die verwahrlosten Kinder sah, den Hunger in ihren Augen. Ein Schuldgefühl, weil er ein Zuhause hatte und keinen Hunger litt.

Das gab den Ausschlag. »Is’ ja gut«, sagte er deshalb lahm, öffnete die Fäuste und drehte die Handflächen nach außen. »Will nichts von dir, bestimmt nicht.«

»Dann verpiss dich!«

Trotz des wilden, angespannten Tons hörte Shag die Erleichterung in der Stimme des Jungen.

»Geh ja schon. Verstehe. Ist dein Terrain. Keine Panik«, sagte Shag beschwichtigend und bewegte sich rückwärts. Dann drehte er sich um und stieg durch den leeren Fensterrahmen nach draußen.

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2. Kapitel

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ER TRAT AUS DER DUNKELHEIT der halb zerfallenen Arkade und kam auf Kyra zu. Ein großer Mann. Ein weißer Gaijin aus dem nordamerikanischen Territorium der TSU; ein Tech, der vermutlich für Sensei Hitachi oder Mabuchi-Industries arbeitete. Konnte auch gut sein, dass er von den Orbital-Raumwerften kam. Auf alle Fälle hatte er sicher jede Menge Mäuse in den Taschen, die loszuwerden er begierig war.

Und er war auf der Jagd.

Nicht nach den Surrogaten der VR-Boutiquen, sondern nach jungem, lebendem Fleisch.

Er war Kyra schon länger gefolgt. War hinter ihr her, seit sie im Hibiya-Park seine Aufmerksamkeit erregt hatte, als sie dicht an ihm vorbeistrich. Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob sie sich umsonst bemüht habe; sie sah ihn eine ganze Weile nicht. Aber sie wusste irgendwie, dass sie beobachtet wurde. Dann, als sie von der Ginza nach Kaikan hinüberschlenderte, sah sie ihn wieder. Wenige Meter hinter ihr; er hatte sich bei der Verfolgung nur Zeit gelassen. Hatte die Lage sondiert, seine Chancen abgewogen und war zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich lohnte, ihr auf den Fersen zu bleiben.

»Hallo, Kleines!«, sagte er mit einer leichten, wohltönenden Stimme. Kyra blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Der Mann näherte sich mit den Schritten eines Raubtieres, das sich an eine wehrlose Beute heranpirscht.

Plötzlich fröstelte Kyra.

Sie konnte spüren, wie sich ihr die Haare im Nacken und auf den Armen sträubten, so als entwickelten sie ein Eigenleben. Aber das war immer so bei diesem Spiel, das sie schon oft gespielt hatte, und erfolgreich. Na ja, bis auf ein paar Mal vielleicht, schränkte sie mit einem flüchtigen Gedanken ein.

Der Tech kam heran, blieb vor ihr stehen. Das kantige, hübsche Gesicht war durchgestylt und wie durch einen Windkanal gezogen: Produkt des augenblicklich vorherrschenden Schönheitsideals; es entstammte einem Designstudio für plastische Chirurgie. Blauschwarzes Haar lag glatt wie ein Helm um den Schädel und schimmerte metallisch. Jetzt neigte er den Kopf leicht zur Seite und sah sie an. Seine Augen waren von intensivem Blau.

Er lächelte.

Er sah aus, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun, geschweige denn kleinen Mädchen.

Aber genau das hatte er vor.

Nichts anderes.

Er streckte seine Hand aus.

Kyra trat rasch einen Schritt zurück, allerdings nicht zu weit, um ihm nicht das Gefühl zu geben, ihr sei seine Annäherung unangenehm, und sah sich um, als sondiere sie rasch, ob sie auch allein waren und keine Störung zu befürchten hätten.

Drüben vor der Bucht lag zunehmende Dunkelheit über dem Marunouchi-Viertel mit seinen blau-flirrenden und rubinroten Laser-Hologrammen, die die Wolkendecke zu einer psychedelischen Mandala machten. Zwischen den hohen Türmen, die das Finanz- und Wirtschaftszentrum Japans kennzeichneten, segelten mobile Holoschirme wie erleuchtete Fenster zu anderen Dimensionen und verkündeten ihre Heilsbotschaften. Die Stein- und Chromstahlwüste war inzwischen längst leichten, ein- und zweistöckigen Bauten gewichen, die Kaffee-Shops, Cyberchats, Teeläden, Holo-Boutiquen, Casinos, Bars und Stunden-Hotels beherbergten. Lärm herrschte. Ein Durcheinander verschiedener Musikstile. Die Bewegung von Körpern auf gepflasterten, matt erleuchteten Gassen; der Geruch von saurem Reiswein, von Fisch und frisch geriebenen roten Daikon, von Ingwer, Kaffee und brackigem Wasser in offenen Abflusskanälen und faulendem Gären von Speiseresten unzähliger Garküchen schwängerte die Luft und machte sie zäh und klebrig wie einen öligen Film. Die Xenon-Halogen-Reklamen in Interstar, vermischt mit alten japanischen Schriftzeichen, machten aus den bei Tage hässlichen Straßen und Gassen ein trügerisches Märchenland. Hier befanden sie sich bereits nahe einer Grauzone, einer von mehreren ausgedehnten Slumgegenden Mega-Tokios, dem Niemandsland ohne offizielle Straßenbezeichnungen, den verlassenen Industrieanlagen.

Der Mann lächelte noch immer und sah auf sie herab.

Was er sah, gefiel ihm ganz offensichtlich.

Etwa einen Meter fünfundsechzig groß und staksig wie ein Füllen. Sie trug das kurze schwarze Haar in einer fransigen Pagenfrisur. Eine ärmellose Jacke aus transparentem Plastik hing um ihre Schultern, darunter ein enges, trägerloses Top, das kurz unterhalb ihrer kleinen Brüste endete und den flachen Bauch freiließ. Sie war in rot-weiß gestreifte Shorts gekleidet, trug klobige Dockers und rot-weiße Ringelsocken. Ihre langen, nackten Beine sahen glatt und geschmeidig aus. Er schätzte sie mit Sicherheit auf etwa dreizehn bis vierzehn Jahre. In Wirklichkeit war sie schon fast sechzehn. Die diffuse Beleuchtung ging gnädig mit ihr um, verbarg die ersten Anzeichen von scharfen Linien um ihren kleinen Mund, den altklugen Blick ihrer grünen Augen, die Patina der Straße.

»Bist ’n hübscher junger Vogel«, sagte er mit seiner einschmeichelnden Stimme in der Parodie jenes Slangs, der sich aus der Verschmelzung des japanischen mit dem Interstar entwickelt hatte. Straßenjargon, der überall im indo-asiatischen Raum gesprochen wurde. »Ich mag hübsche junge Vögel.«

»Hab ich gemerkt«, sagte Kyra. Ihre Stimme zitterte unmerklich.

»Was machste bloß hier draußen?«, fragte er. »Is’ gefährlich, weißte. ’ne Menge Abgefahrener unterwegs. Verstehste? Könntest an den Falschen geraten, weißte!« Er legte seine kräftige Hand auf ihre Schulter. Besitzergreifend, seiner Sache gewiss. »Wollen wir nicht irgendwohin gehen, wo du sicher bist?«

»Okay«, sagte Kyra. »Klaro.« Sie griff in ihren Kängurubeutel, der ihr vor dem Bauch hing. Dann hob sie die Hand, sah ihn von unten herauf an und stieß ihm die Finger und das, was sie darin verborgen hielt, ruckartig gegen den Hals.

»He, he?« Der Tech runzelte die Stirn. »Was’n das für’n ...« Dann trat Erkenntnis in seine Augen. Sein Gesicht verzerrte sich. »Du kleines Miststück«, keuchte er erstickt, »hast mich reingelegt!« Er trat einen Schritt zurück, zumindest wollte er es. Er legte alles, was er noch hatte, in dieses Vorhaben. Aber das kleine summende Gizmo in Kyras Hand hatte inzwischen die meisten seiner Neuralfunktionen außer Betrieb gesetzt.

Der Tech konnte keine Hand mehr rühren, schwankte nur leicht hin und her. Sein Atem kam keuchend, Schweiß lief ihm übers Gesicht. Seine Finger, die sich in ihre Schulter graben wollten, fühlten sich kalt an, wie toter Fisch. Kyra wischte sie angeekelt zur Seite und trat einen Schritt zurück.

Sie verstaute das Gizmo wieder im Beutel und sah fasziniert zu, wie der nutzlose Arm des Tech durch das Gewicht zeitlupenhaft nach unten fiel.

Dann blickte sie sich um.

Sie waren allein.

Noch immer.

Ihr Blick kehrte zu dem Tech zurück. Sie zog überlegend die Unterlippe zwischen die Zähne. Dann zuckte sie die mageren Schultern und packte ihn in Brusthöhe, hakte ein Bein hinter seine Beine und gab ihm einen leichten Schubs. Mit geräuschvollem, gequälten Pfeifen entwich die Luft aus seinem Brustkorb, als er rücklings in den Dreck fiel. Vom Boden her starrte er sie an; sie konnte seine Augen sehen. Den Hass, den er empfand. Die ohnmächtige Wut, nichts gegen seine Lage unternehmen zu können. Keuchend rollte er den Kopf hin und her, seine Zähne mahlten, die Zunge versuchte, Laute zu artikulieren.

Kyra griff wieder in ihren Beutel, zog die kleine Flöte heraus, wandte sich vom Tech ab und blies eine trillernde Tonfolge gegen die Schattenmauern der Arkaden.

Wo sie nur blieben?

Offensichtlich waren sie weiter zurück, als sie angenommen hatte.

Wenn es Schwierigkeiten gegeben hatte ...

Zum Glück war nichts passiert.

Sie hatte es unter Kontrolle.

Und dann kamen sie schließlich doch aus der Dunkelheit unter den Arkaden der aufgelassenen Fabrik und bewegten sich wie nervöse junge Hunde auf sie zu: Rage, Zilcho, Megan, Krylo, Kimiko und Exej.

Das war ihre Gruppe, die Weggefährten durch den Xenon-Dschungel des Stadtmolochs Mega-Tokio, ihre Freunde.

Sie verfolgte, wie sie näher kamen. Dann stieß sie grinsend die Faust in die Luft. Auch die anderen hoben die Fäuste. Und auf einmal war sie stolz auf ihre Gang.

Ihre Gang.

Kyras Touri-Jäger.

Sie wandte sich wieder dem Tech zu. Als der trotz seiner Nervenlähmung versuchte, auf allen Vieren davonzukriechen, hinein in die tiefe Schwärze der Arkaden, setzte sie ihm einen Fuß auf den Rücken und presste ihn mit der Kraft ihrer jungen Jahre zu Boden.

Ein Gurgeln drang aus seinem Mund.

Er wand sich wie ein Wurm.

Sie hielt ihn weiter auf den Boden gedrückt und wartete. Drüben vom Narita-Space-Center erhob sich ein Rumoren. Ein Xenongewitter machte die Dämmerung kurzzeitig zum Tag. Unmittelbar danach spaltete das Dröhnen einer Orbitalfähre den Himmel. Als es verebbte, wurden die Schritte der herannahenden Gruppe lauter. Sekunden später standen sie alle um Kyra und den Tech herum.

»Hai, Kyra!« Zilcho knuffte sie gegen die Schulter. »Wie war’s?«

»Hai! Null Problem.« Kyra nahm ihre Dockers vom Rücken des Techs, hakte einen Schuh in seine Rippen und wälzte ihn auf den Rücken.

Dann trat sie zurück, überließ das Feld den anderen, die sich über den Wehrlosen beugten.

»Herrje«, sagte Rage mit seiner dünnen Stimme, »guckt euch das miese Schwein an. Macht sich an kleine Mädchen ran.«

»Widerlich«, sagte Kimiko, das Nesthäkchen, und kicherte nervös. »Wir wollen nicht, dass Touris wie du uns betatschen. Verpassen wir ihm eine Abreibung.« Sie stieß ihm die Stiefelspitze zwischen die Beine. Als er guttural aufstöhnte, sagte sie: »Lass dir das eine Lehre sein, du geiler Drecksack.«

»Los, machen wir Sushi aus ihm«, fügte Exej hinzu.

Der Tech schnappte gurgelnd nach Luft, als ihn die Schläge trafen, die er hilf- und wehrlos über sich ergehen lassen musste.

Kyra drehte sich um und ließ ihre Blicke schweifen. Hinter ihnen versammelten sich immer mehr Nachtschwärmer in den Gängen zwischen den mit Plastikplanen überdachten Garküchen und Yakitori-Buden. Dazwischen das elektronische Geratter und Klirren der Pachinko-Spielautomaten. In ihrer unmittelbaren Nähe war niemand zu sehen. Der Tech hatte mit Bedacht die Stelle gewählt, an der er sich an sie heranmachen wollte. Offensichtlich war er nicht zum ersten Mal auf der Jagd gewesen. Sie wandte sich wieder dem unmittelbaren Geschehen zu.

»Das reicht«, sagte sie schärfer als beabsichtigt, plötzlich von einer unerklärlichen Nervosität befallen. »Lasst ihn in Ruhe.«

»Spinnst du?« Krylo fuhr zu Kyra herum. »Was, zum Teufel, meinst du ...«

»Wir könnten ihn doch noch ein bisschen grillen«, schlug Exej vor.

»Schluss jetzt«, beendete Kyra die Diskussion. »Spinnt nicht rum. Filzen wir ihn. Dann lasst uns hier abhauen. Das dauert mir alles zu lange ...« Sie hörten auf, den Tech mit Schlägen und Tritten zu traktieren.

Flinke Hände filzten die Schenkeltaschen des Mannes, zogen hervor, was wertvoll genug erschien, in den Pfandhäusern von Ninsei Bares zu bringen. Vor allem Kreditkarten hatten es ihnen angetan.

Kyra kämmte rasch seine Innentaschen durch. Sie holte ein paar elektronische Codeschlüssel hervor, wie sie für Hotelapartments üblich waren, einige Soli und ein Plastiketui von der Größe einer ID-Karte. Die Münzen steckte sie ein, die Schlüssel warf sie weg. Das Plastiketui hielt sie erst unschlüssig in der Hand. Dann fuhr ihr Daumennagel entlang des kaum sichtbaren Falzes. Das Etui klappte auf. Im Inneren stak eine münzgroße Diskette für einen Mikrocomputer. Ohne Nachzudenken steckte sie das Etui ein. Und dann hörte sie Megan schrill rufen: »Mist, Mist, Mist! Guckt euch das an!«

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3. Kapitel

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SHAG RICHTETE SEINE Schritte nach Norden. Die Gehsteige wimmelten von Fußgängern; die Fahrbahnen waren von Fahrzeugen verstopft, der Luftraum darüber von flugfähigen Gleitern und Schwebebussen erfüllt.

Er ließ sich vom Strom der Menschenmassen in Richtung der San-ai Arkaden treiben, während er den Vorfall in der VR-Boutique bereits aus seinen Gedanken verbannt hatte, und hielt sich stets in der Anonymität der engen Straßen hinter den Boulevards mit ihren Prachtbauten auf. Er ging an Cafeterien vorüber, an Bars und Massagesalons, deren Eingänge mit kurzen bunten Vorhängen dekoriert waren. Sobald ein Luftzug sie hob, konnte Shag von draußen an ihnen vorbei einen Blick auf Tokios komplizierte Ambivalenz von Kommerz und Lust erhaschen, die bereits am frühen Nachmittag in vollem Gang war.

An der Rückseite des Black Moon blieb er stehen und beobachtete die Händler und Träger, die durch die Hintertür kamen und gingen. Rechts von seinem Standpunkt rülpste das Abluftgitter einer Kellerwäscherei weiße Wolken ins Freie, links von ihm flappte die Plastikabdeckung einer nach unten führenden Rutsche rhythmisch wie eine altertümliche, künstliche Herzklappe aus dem Zeitalter prähistorischer Organchirurgie.

Tief im Inneren des Amüsierpalastes vor ihm war stakkatoartige Musik zu hören. Auf der Straßenseite bestand das Gebäude nur aus Xenon-Geflimmer und holografischen Reklamen, aber hier in der Gasse war die Hinterfront ein Müllhaufen.

Shag verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein, als ein seltsames Geräusch an sein Ohr drang. Der Klang dünner Musiknoten in Moll, die sich nur schwer gegen den Straßenlärm durchsetzen konnten.

Trotzdem wusste er sofort, worum es sich handelte.

Gegen die Wand gelehnt, die Hände in die Taschen gestopft, blickte er zum Eingang der Gasse hin und sah auch schon den hohen Handkarren mit seinen baumelnden Papierlampions um die Ecke schwenken. Der Besitzer schob den zugedeckten Karren mit einer Hand vor sich her, während er auf einer kleinen Schilfrohr-Flöte, der Charumera, seine Erkennungsmelodie spielte. Im Karren waren verschiedene Behälter voller dicker japanischer Nudeln, Soba; für ein paar Soli würde einem der Verkäufer die Schüssel füllen, ein Paar Essstäbchen geben und geduldig warten, während man aß.

Soba-Männer stellten an der Schwelle zum 22. Jahrhundert eine völlig überholte Erscheinung dar. Mit ihren schaukelnden, hohen Karren gehörten sie eigentlich gefriergetrocknet in ein Folkloremuseum anstatt auf die Straßen Mega-Tokios. Sie waren ein Relikt aus dem alten Japan. Das neue Nippon der Asiatischen Föderation bestand überwiegend aus Zaibatsus, den High-Tech-Megakonzernen, meist von Familienclans geführt, die das öffentliche wie private Leben beherrschten und ihre Macht mit Hilfe von Privatarmeen und der Yakuza ausübten. Aber allem technischen Fortschritt zum Trotz war es in den großen japanischen Metropolen noch immer Tradition, manch feuchtfröhlichen Abend oder den Abschluss langwieriger Verhandlungen mit einer Schüssel dampfender Soba abzurunden. Der Karren kam näher. Aus Gewohnheit sah sich Shag sowohl den Karren als auch den Verkäufer an. Die untere Hälfte des Karrens war eine Art von Kommode, in der die Zutaten aufbewahrt wurden. Tiefer drinnen glomm ein Feuer, das die Nudeltöpfe warmhielt. Oben auf der Kommode stützen vier Pfosten den Baldachin, von dem die Papierlampions baumelten. Kurze Vorhänge, mit altjapanischen Glückssymbolen bedruckt, hingen vom Baldachin herab. Ein kleines Holzschild, an einen der Pfosten genagelt, trug eine Nummer – wahrscheinlich eine Lizenznummer; für eine beträchtliche Summe von dem hier zuständigen Yakuza gekauft. Auf einem Bord waren mehrere Schüsseln ineinander gestellt. Von einer Querstrebe hingen Schöpflöffel und andere Utensilien.

Der Nudelverkäufer stemmte sich gegen das Gewicht des Karrens und brachte ihn in der Nähe des Hintereingangs des Black Moon zum Stillstand. Hin und wieder gaben die Freudenmädchen einen Sol für eine Schüssel Soba aus, wenn sie der Quickmenüs automatischer Speisezubereiter überdrüssig waren. Erneut setzte er die Flöte an den Mund und blies seinen Lockruf für alle Hungrigen.

Shag spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief; die Nudeln dufteten gar zu verlockend. Sollte er?

Doch dann erschienen zwei bewaffnete Metro-Polizisten in ihren semi-gepanzerten Uniformen am Eingang der Gasse und warfen einen Blick hinein.

Sie sahen Shag in den rülpsenden Dampfschwaden nicht.

Trotzdem hatte er Schiss.

Er machte, dass er davonkam. Seine Füße trugen ihn weiter nach Norden, am Hauptquartier der Metro-Polizei vorbei und dann östlich über die Mall in Richtung Ginza. Zwei Straßenzüge weiter ertappte er sich dabei, wie er in das Schaufenster eines Reisebüros starrte. In dem Laden wurden Reisen zu den Sternen verkauft.

BESUCHEN SIE EDEN ISLAND zupfte eine mnemotische Schriftleiste hinter seiner Stirn und setzte einen Schwall reflexiver Bedürfnisse in ihm frei – DAS SONNENPARADIES AUF EINEM EINZIGARTIGEN FERIENPLANETEN. FLIEGEN SIE MIT DEM HFL-RAUMER JULES VERNE ZU IHREM TRAUMZIEL. BUCHEN SIE NOCH HEUTE. WARUM WARTEN?

Die Sterne!

Vielleicht.

Warum auch nicht?

Shag seufzte. Er wusste, dass er sich eines Tages aufmachen und die übervölkerte Erde verlassen würde.

Er wusste nur nicht wann ...

Das Kribbeln an seinem Hinterkopf machte sich wieder bemerkbar; das Gefühl wie von ganz leichten, elektrischen Entladungen irritierte ihn und sorgte für eine Gänsehaut auf seinem Rücken. Mechanisch kratzte er sich an der Stelle unter dem dichten Haar. Das Interface hinter seinem rechten Ohr hatte hin und wieder diesen Effekt. Hing damit zusammen, dass er wuchs, älter wurde. Fluktuierende Anpassung nannte man es. Als ihm die Sensoranpassung zum Schul-Terminal eingepflanzt wurde, hatte die Medo-Technikerin im Djakarta-General-Hospital Dad darauf hingewiesen.

Dad ...!

Plötzlich drängten sich Bilder in seine Gedanken. Von einer anderen Zeit. Von anderen Orten. Es handelte sich um beunruhigende und doch vertraute Bilder. Sie beschworen die Erinnerung an seine Kindheit, an seinen Vater herauf, einen großen, dunkelhaarigen Mann, der nur in bestimmten Abschnitten nach Hause kam, aber wenn er da war, das Haus mit Leben, Lachen und Späßen erfüllte. Vaters Kleidung hatte ihn von den Vätern der Nachbarskinder unterschieden.

Erst später hatte Shag herausgefunden, dass sein Vater als Senior-Tech an Bord eines Linienraumschiffes Dienst tat.

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