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Liebesreise nach Irland – Das Cottage im Wald

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Verzweifelt hielt sich Carin an der Mähne ihres durchgehenden Pferdes fest. Der Wald wurde immer dichter, Äste und Zweige schlugen ihr ins Gesicht und verfingen sich in ihrem wehenden Haar und in den Kleidern. Carin lag flach auf dem Rücken der völlig verängstigten Stute, die mit angelegten Ohren und donnernden Hufen davonjagte.

Um nicht zu stürzen, presste Carin mit äußerster Kraft die Schenkel an die Flanken des Tieres. Ihre Arme schmerzten unter der ständigen Anspannung, doch sie vermochte das in Panik geratene Pferd nicht zum Stehen zu bringen.

Der Mann erschien wie aus dem Nichts. Ohne zu zögern, sprang er an das Pferd heran, bekam dessen Halfter zu fassen und stemmte sich gegen den Vorwärtsdrang der Stute. Er hatte schwarzes dichtes Haar und war sehr groß, das war das Einzige, was Carin in diesem Augenblick wahrnahm. Beruhigend sprach er auf das Pferd ein, während er noch einige Meter von ihm mitgezogen wurde. Schließlich schaffte er es tatsächlich, die Stute langsam zum Stehen zu bringen. Carin spürte, wie die Spannung allmählich aus dem Körper des Pferdes wich. Ihr selbst saß jedoch der Schreck noch so sehr in den Gliedern, dass sie kein Wort herausbrachte.

“Sie können jetzt absteigen”, forderte der Fremde sie auf, doch unfähig, sich zu rühren, blieb Carin wie angewurzelt sitzen.

Er verzog das Gesicht, fasste sie unsanft um die Taille, hob sie vom Pferd und stellte sie auf den Boden.

Die Beine drohten unter ihr nachzugeben, und sie musste sich unwillkürlich an dem wütenden Fremden festhalten.

Er schob sie ärgerlich von sich, und seine tiefblauen Augen funkelten zornig. “Ist Ihnen klar, dass Sie mit Ihrer Dummheit das Pferd hätten umbringen können?” Kein Wort über sie! “Wenn Sie nicht in der Lage sind, mit einem so reizbaren Tier umzugehen, sollten Sie nicht reiten.”

Carin war fassungslos. Wie redete dieser Mann eigentlich mit ihr? Merkte er denn nicht, dass ihr der Schock noch in den Gliedern saß? Sie hätte schließlich selbst umkommen können.

“Ich bin eine erfahrene Reiterin”, erwiderte sie kühl. “Es war nicht meine Schuld, dass die Stute durchging.”

“Aber es war Ihre Schuld, dass Sie sie nicht unter Kontrolle hatten.” Ärger zeichnete sich auf den Zügen des Fremden ab und verzerrte sein sonst so hübsches Gesicht. “Und warum tragen Sie keinen Helm?”

Sein eisiger Blick schien Carin förmlich zu durchbohren. Der Mann trug eng anliegende Jeans, die seine langen, kräftigen Beine betonten, und die hochgekrempelten Ärmel seines Hemdes gaben seine muskulösen Arme frei.

Carin mochte nicht zugeben, dass sie aus einer Laune, einem Impuls heraus auf das ungesattelte Pferd gesprungen und übers Moor geritten war. Es war einfach wunderbar gewesen, auf dem bloßen Pferderücken dahinzugaloppieren, sich ganz eins mit dem Pferd zu fühlen. Bis Sandy plötzlich ohne jeden ersichtlichen Grund gescheut hatte und daraufhin wie vom Teufel besessen davongejagt war. Unfähig, die Stute zum Halten zu bringen, hatte Carin ihre ganze Kraft darauf verwenden müssen, sich oben zu halten.

“Das ist wohl meine Sache”, gab sie schließlich patzig zurück, obwohl sie wusste, dass sie sich eigentlich hätte bedanken müssen.

“Haben Sie es weit bis nach Hause? Wollen Sie auf der Stute zurückreiten?”

“Natürlich reite ich sie. Was denn sonst?”

“Sie muss trocken gerieben werden, und zwar möglichst bald, sonst wird sie sich erkälten”, erklärte der Fremde unfreundlich. “Am besten machen Sie sich gleich auf den Weg. Reiten Sie immer ohne Sattel? Es ist ganz schön gefährlich und ein Wunder, dass Sie sich nicht wundgeritten haben.”

“Ich finde es eben schön, mein Pferd unter mir zu spüren. Komm, mein Mädchen.” Carin tätschelte der Stute den Hals und sah sich nach einem Baumstumpf oder einer anderen geeigneten Stelle um, wo sie aufsitzen konnte.

Ohne ein Wort zu sagen, bildete der Fremde mit den Händen einen Steigbügel, und ebenso schweigend trat Carin hinein und schwang sich in den Sattel.

“Sollte ich nicht besser mitkommen?”, fragte er und sah Carin immer noch unfreundlich an. “Ich möchte nämlich nicht, dass diese schöne Stute noch einmal in Angst und Schrecken versetzt wird.”

Anscheinend hat er was gegen Frauen, dachte Carin. “Es war ein einmaliger Zwischenfall”, konterte sie. “Es besteht wirklich kein Grund zur Sorge.”

Der Mann nickte kurz, ihre Blicke trafen sich und hielten sich sekundenlang wie gebannt fest. Schließlich drückte Carin die Knie in die Flanken, und die Stute setzte sich gehorsam in Bewegung. “Danke für Ihre Hilfe”, rief sie dem Fremden über die Schulter hinweg zu und sah noch aus dem Augenwinkel, wie er dastand, groß und furchterregend, und ihr mit zusammengekniffenen Augen nachschaute.

Wahrend Carin langsam nach Hause ritt, kreisten ihre Gedanken unentwegt um den eigenartigen Fremden. Er war grob und unfreundlich gewesen, und doch umgab ihn etwas Besonderes, etwas Rätselhaftes – vielleicht lag es am bezwingenden Blick seiner blauen Augen –, was ihn unvergesslich machte.

John runzelte missbilligend die Stirn, als Carin auf der schweißnassen Stute in den Reiterhof einritt, und erkundigte sich sofort, warum sie das Pferd so schnell geritten habe. “Ein bisschen mehr Vernunft hätte ich dir schon zugetraut, Carin.”

“Es war nicht meine Schuld. Sandy hat sich plötzlich erschreckt und ist durchgegangen. Ich habe keine Ahnung, wovor. Jedenfalls ist mir nichts aufgefallen, aber ich konnte sie einfach nicht anhalten.”

“Wo warst du?”

Carin beschrieb ihm den Ort, und John schwieg nachdenklich.

“Was ist los, John? Woran denkst du?”

Carins Bruder zuckte die Schultern. “Es gibt da eine Geschichte. Ich habe nie so recht daran geglaubt, aber vielleicht ist ja doch was Wahres dran. Vor über hundert Jahren soll im Moor einmal ein Pferd erschossen worden sein, und seitdem, so sagt man, spukt es dort. Jedes Mal, wenn ein Reiter an diese Stelle kommt, bricht sein Pferd in Panik aus. Du hattest Glück, dass du Sandy stoppen konntest. Ich habe schon von Pferden gehört, die so lange liefen, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen.”

“Ich habe sie nicht angehalten”, gab Carin widerstrebend zu. “Ein Mann tauchte plötzlich aus dem Wald auf und hielt sich an ihr fest, bis sie schließlich stehen blieb. Vielleicht war er ja auch ein Geist”, setzte sie ironisch hinzu.

“Was für ein Mann?”

Carin zuckte die Schultern. “Keine Ahnung. Er hat mir seinen Namen nicht genannt. Er war sehr groß und stark, hatte schwarzes gewelltes Haar und ein mürrisches Gesicht. Du hättest mal hören sollen, wie er mich beschimpfte. Er meinte, ich solle nicht reiten, wenn ich mit dem Pferd nicht umgehen könne.”

John schmunzelte. “Ich glaube, ich weiß, wen du meinst. Dieser Mann lebt in einem alten Cottage am Waldrand. Es wurde früher als Ferienhaus genutzt. Er wohnt erst seit Kurzem dort, und zwar völlig zurückgezogen. Niemand weiß etwas von ihm. Er scheint ein ziemlich rätselhafter Mensch zu sein.”

“Da hat man nicht viel verpasst”, meinte Carin verächtlich. “Er schien sich um Sandy mehr Sorgen zu machen als um mich.”

“Wie sollte er denn wissen, dass du fast schon so lange reitest, wie du laufen kannst. Komm, steig ab, einer der Jungs wird sich um Sandy kümmern. Leg dich ein bisschen hin, du siehst ziemlich mitgenommen aus.”

Mitgenommen ist gar kein Ausdruck, dachte Carin. Mühsam ging sie die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf. Sie fühlte sich völlig erschöpft, wusste jedoch nicht, ob ihr Abenteuer mit dem Pferd der Grund dafür war oder der geheimnisvolle Fremde. Er ging ihr einfach nicht mehr aus dem Sinn. Ständig sah sie die blauen Augen mit dem durchdringenden Blick vor sich und stellte sich dabei seinen kraftvollen, muskulösen Körper vor. Es irritierte sie, dass dieser Mann einen solchen Eindruck auf sie gemacht hatte. Seit ihrer Enttäuschung mit Karl hatte sie sich für keinen Mann mehr interessiert.

Obwohl Carin und John Geschwister waren, sahen sie sich nicht im Geringsten ähnlich. Sie war klein und blond, hatte leuchtendgrüne Augen, während ihr fünf Jahre älterer Bruder ein hochgewachsener, ernsthaft wirkender Mann war, mit dunkelbraunem Haar und haselnussbraunen Augen. Nach seiner Scheidung vor zwei Jahren hatte er den Reiterhof im Süden Irlands gekauft. Zu der Anlage gehörte ein großes geräumiges Haus, an dessen Rückseite ein Büro angebaut war. Jenseits des breiten Hofes befanden sich die Stallungen und die Sattelkammer, dahinter die Koppeln, auf denen die Pferde die meiste Zeit des Tages verbrachten.

Ihre Eltern hatten früher eine große Farm in Dorset in England besessen, die man am besten auf dem Pferderücken durchstreifen konnte. Carin war eine sehr gute Reiterin, aber etwas so Unheimliches wie heute im Moor, als Sandy in Panik geraten war, hatte sie noch nie erlebt. Sie hatte Todesängste ausgestanden.

Nachdem Carins Vater plötzlich gestorben war, hatte ihre Mutter die Farm verkauft und war zu Carins Tante auf die Scilly Inseln gezogen. Carin war nach London gegangen, da sie gedacht hatte, dort sei es interessant und aufregend, aber sie hatte sich getäuscht … Nach ihrer Sekretärinnenausbildung konnte sie sich an das Leben in der Stadt nie so recht gewöhnen. Als die Werbeagentur, bei der sie arbeitete, von einem Konzern übernommen wurde und sie ihren Job verlor, nahm sie die Gelegenheit wahr, ihrem Bruder den lange versprochenen Besuch abzustatten. Dabei hoffte sie sogar, bei ihm möglicherweise eine neue Arbeit zu finden.

Nun war sie schon seit mehr als zwei Wochen hier, doch da John über genügend Personal verfügte, gab es für sie nicht viel zu tun. Umso größer war die Freude, als eines der Stallmädchen sich eines Morgens krank meldete und Carin für sie einspringen konnte.

Carin führte gerade eine Gruppe von Anfängern herum, da sah sie ihn plötzlich wieder, den Mann aus dem Moor. Die Hände tief in den Taschen seiner perfekt sitzenden Cordsamthose, kam er mit düsterer Miene näher. Carin lächelte ihm zögernd zu, doch er schritt nur schweigend an ihr vorbei und würdigte sie dabei keines Blickes.

Carin merkte sofort, dass er sie absichtlich ignorierte, und ärgerte sich über seine Unhöflichkeit. In Irland waren die Menschen warmherzig, und sogar mit Fremden kam man schnell ins Gespräch. So ein Eigenbrötler ist mir noch nie begegnet, dachte sie.

Und trotzdem interessierte er sie brennend. Carin hasste Geheimniskrämereien und brauchte stets Klarheit bei allen Dingen. Deshalb beschloss sie, nicht eher zu ruhen, bis sie herausgefunden hatte, wie dieser Mann hieß und was er hier wollte.

Carin hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Morgen auszureiten. Am nächsten Tag wählte sie absichtlich eine Strecke nahe der Stelle im Wald, an der sie den Mann zum ersten Mal getroffen hatte. Kurze Zeit später entdeckte sie ihn tatsächlich gedankenversunken vor sich her schreitend und lenkte ihr Pferd an seine Seite. Der Fremde sah kurz zu ihr auf, wandte sich dann aber sofort wieder ab.

“Guten Morgen”, rief Carin laut und betont freundlich. “Wunderschöner Tag heute, nicht wahr?”

Der Mann antwortete nicht und blickte starr geradeaus.

Carin ritt neben ihm her, denn ihre Neugier ließ ihr keine Ruhe. Er war nicht so groß, wie sie zuerst geglaubt hatte, knapp über eins achtzig vielleicht. Es waren sein muskulöser Körper und die enorme Kraft, die er ausstrahlte, die ihn so riesig hatten erscheinen lassen. Mit großen Schritten ging er voran, und Carin malte sich das Spiel seiner Muskeln unter der ihm äußerst gut stehenden Kleidung aus. Noch nie zuvor hatte ein Mann sie so fasziniert.

“Es freut Sie sicher, zu hören, dass es der Stute gut geht”, rief sie ihm zu. Diesmal ritt sie einen braunen Wallach, der jedem ihrer Befehle gehorsam folgte. “Sie hat keinerlei Schaden davongetragen.”

Das Gesicht des Fremden blieb ausdruckslos, aber Carin ließ nicht locker. “Ich heiße Carin, und Sie?”

Nachdem wieder keine Antwort kam, gab Carin es auf. Hoch erhobenen Hauptes wendete sie sich ab und vermied es zurückzublicken. So entging ihr, wie der schwarzhaarige Fremde ihr nachschaute und sie abschätzend musterte.

Carin hatte eine schlanke, zierliche Figur, das lange blonde Haar trug sie meist seitlich zurückgekämmt, und der Pony fiel ihr sanft in die Stirn. Mit ihren großen grünen Augen, den dichten Wimpern, dem auffallend sinnlichen Mund und ihrem Porzellanteint wirkte sie beinahe zerbrechlich.

Für den Rest des Tages schob Carin alle Gedanken an den geheimnisvollen Fremden entschlossen beiseite. Denn was hatte es für einen Sinn, sich den Kopf über einen Mann zu zerbrechen, der ihr nur allzu deutlich zu verstehen gab, dass er in Ruhe gelassen werden wollte?

Wenig später wurde Carin von John gebeten, einige Vorräte aus dem Dorf zu besorgen. Als sie den Laden verlassen wollte, sah sie den Fremden plötzlich wieder. Er stand in der Schlange und wartete, bis er an die Reihe kam.

Seine Miene war ausdruckslos, er schien Carin gar nicht wahrzunehmen. Überhaupt machte er den Eindruck, als lebe er in seiner eigenen Welt, als merke er überhaupt nicht, was um ihn herum geschah. Ein solch merkwürdiger Mensch war Carin noch nie begegnet. Ich muss unbedingt mehr über ihn erfahren, nahm sie sich vor.

Sie blieb zwischen den Regalen stehen, bis er fertig war, und steuerte dann gleichzeitig mit ihm auf die Tür zu. Er war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er Carin erst bemerkte, als sie an der Schwelle mit ihm zusammenstieß. Er sah sie scharf an, entschuldigte sich mürrisch und ging weiter.

Carin lief ihm nach. “Halt, warten Sie doch. Können wir nicht zusammen gehen?”

Der Fremde warf ihr nur einen düsteren Blick zu und beschleunigte seinen Schritt.

Obwohl die rüde Abfuhr Carin verletzt hatte, ließ sie nicht locker. “Warum sprechen Sie eigentlich nicht mit mir?”

Da blieb er unvermittelt stehen und sah sie eisig an. “Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann machen Sie schon.”

Carin wurde rot. “Ich dachte nur …, ich meine, ich wollte …”

“Ich höre …”

Der scharfe Klang seiner Stimme jagte Carin eine Gänsehaut über den Rücken, und sie begann zu zittern. Sein direkter Blick setzte sie sofort schachmatt. Dieser Mann hatte Augen, so unergründlich, so wild und so sexy!

Carin erschrak über sich selbst. Was dachte sie da nur? Ihr Interesse an diesem Fremden hatte nichts mit sexueller Anziehung zu tun. Die Enttäuschung, die sie mit Karl erlebt hatte, war zu groß, als dass sie sich so schnell wieder mit einem Mann hätte einlassen wollen.

“Ich habe mich nur gefragt, warum Sie so allein da draußen leben. Das ist alles”, platzte sie heraus. “Warum Sie allen Leuten aus dem Weg gehen. Keiner weiß etwas über Sie, und ich …”

“Was ich tue, ist meine Sache, merken Sie sich das!”, fiel er ihr wütend ins Wort. “Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie in Zukunft Ihre Nase nicht mehr in meine Angelegenheiten stecken würden.”

Dann ging er davon und ließ Carin einfach stehen. Dieses Mal jedoch folgte sie ihm nicht. Sie kam sich reichlich albern vor. Wie unbedacht von ihr, ihn einfach mit so persönlichen Fragen zu überfallen. Dass er dabei sofort auf Abwehr schalten würde, hätte sie sich denken können. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen hätte sie merken müssen, dass sie mit diesem Mann nur ihre Zeit verschwendete.

Zu Hause angekommen, erzählte Carin ihrem Bruder aufgeregt, was vorgefallen war. “Das wundert mich nicht”, erwiderte er vorwurfsvoll. “Du hättest vernünftiger sein und ihn nicht ansprechen sollen. Die meisten Leute respektieren seinen Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Aber eines Tages wirst du schon noch begreifen, dass man seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten steckt.”

Trotz allem ließen Carin die Gedanken an den Fremden nicht mehr los. Es musste doch einen Grund dafür geben, dass er so zurückgezogen in einem trostlosen Cottage tief im Wald lebte. Und den musste sie herausfinden.

Einige Tage später, bei ihrem nächsten Ausritt, ließ Carin ausgelassen ihr Pferd über eine hohe Rotdornhecke springen und lachte vor Vergnügen laut auf. Das Lachen wurde jedoch jäh von einem Schrei erstickt, als das Pferd in einem von Gras überwachsenen Graben landete und strauchelte und Carin in hohem Bogen über dessen Kopf geschleudert wurde. Der dumpfe Aufprall auf den harten Boden nahm ihr die Luft, und sie verlor die Besinnung.

Die tastende Hand eines Mannes auf ihrem Bein ließ Carin wieder zu sich kommen. Erschrocken zuckte sie zusammen. “He, was fällt Ihnen ein! Lassen Sie mich sofort los!”

“Legen Sie sich hin, und halten Sie still”, entgegnete er barsch und drückte Carin unsanft auf den Boden zurück. “Ich muss sehen, ob Sie sich was gebrochen haben.”

Fachmännisch untersuchte der Mann Carins anderes Bein und danach ihre Arme, während sie ruhig auf dem Boden lag und aufmerksam sein interessantes Gesicht betrachtete. In seinen blauen Augen fand sich ein Schimmer von Grau, was sie noch ausdrucksvoller machte. Die Brauen waren schwarz und dicht wie sein Haar. Und markante Linien in seinem Gesicht deuteten darauf hin, dass er es im Leben nicht leicht gehabt hatte.

Carin stellte fest, dass die Lippen des Fremden viel voller waren, wenn er sie nicht so verbissen zusammenkniff. Er hat einen sinnlichen Mund, fuhr es ihr durch den Kopf, und sie wünschte sich plötzlich, von ihm geküsst zu werden. Ärgerlich schüttelte sie den Gedanken wieder ab. Nach Auflösung ihrer Verlobung hatte sie sich doch geschworen, keine feste Verbindung mehr einzugehen, und zwar für lange Zeit. Der Mann, der ihr Vertrauen gewinnen wollte, musste schon etwas ganz Besonderes sein.

“Sie scheinen sich nicht verletzt zu haben”, meinte der Fremde schließlich. “Und jetzt richten Sie sich auf und sagen sofort, wenn’s irgendwo weh tut.” Vorsichtig tastete er Carins Brustkorb ab und streifte dabei ihre Brüste, doch sein düsterer Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass in seiner Berührung keine sexuelle Absicht lag.

Carin war noch niemals einem Mann begegnet, der so immun gegen weibliche Reize zu sein schien wie dieser Fremde. Sie fragte sich, ob er vielleicht ähnlich schlechte Erfahrungen gemacht haben mochte wie sie. Zweifellos war er sehr männlich, und sie fand es eigenartig, dass er sie so deutlich seine Verachtung spüren ließ.

“Sie haben Glück gehabt”, fuhr er fort, “aber trotzdem sollten Sie vorsichtshalber mit zu mir kommen und sich hinlegen, bis Sie sich von dem Sturz erholt haben.”

“Danke, das ist nicht nötig, ich bin wirklich okay”, lehnte Carin ab, obwohl sie eigentlich nichts dagegen hatte. Denn sein offenbar widerwillig ausgesprochenes Angebot würde ihr die Chance geben, seinem Geheimnis einen Schritt näher zu kommen.

“Ich bestehe aber darauf”, erklärte er grimmig und hob Carin kurz entschlossen auf die Arme. Sofort fühlte sie die angenehme Wärme, die von seinem Körper auf sie überging.

Sein Herz schlug gleichmäßig, und Carin hatte das Gefühl, dass ihre Nähe ihn völlig kalt ließ. Umso mehr reagierte sie selbst auf seine faszinierende Männlichkeit. Der frische Duft und die Wärme seines Körpers wirkten wie eine Droge auf sie und ließen ihr Herz schneller schlagen.

Erst in seinem kargen Cottage am Waldrand ließ der Fremde Carin los. Behutsam legte er sie auf die Couch und betrachtete sie einige Sekunden lang schweigend.

Carin hätte gerne gewusst, was er in diesem Augenblick dachte. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber der Mund verriet eine seltsame Anspannung.

“Bleiben Sie liegen, und ruhen Sie sich aus”, befahl er. “Inzwischen werde ich nach Ihrem Pferd sehen. In Schwierigkeiten zu kommen scheint wohl eine Angewohnheit von Ihnen zu sein.”

“Aber das brauchen Sie nicht, das Pferd wird …” Carin verstummte, denn er war schon gegangen.

Es war völlig sinnlos, nach dem Pferd zu suchen, denn wie alle Pferde aus Johns Hof würde es mit Sicherheit allein nach Hause laufen. Andererseits bot sich Carin nun endlich die Gelegenheit, sich im Haus des seltsamen Fremden umzusehen.

Carin setzte sich auf und blickte sich neugierig um. Gemütlich war es hier jedenfalls nicht. Garderobenschrank und Tisch waren aus solidem, altem Holz, jedoch ohne wirklichen Wert, und die Couch war schäbig. Obwohl draußen die Sonne schien, war es dunkel und kalt im Raum, und Carin strich sich fröstelnd über die Arme.

Wagemutig ging sie durchs Zimmer, öffnete die erstbeste Tür und spähte hinein. Ihr Blick fiel in eine winzige altmodische Küche mit Steinspülbecken und nur wenigen Schränken. Sie sah aus, als würde sie nie benutzt. Tatsächlich wirkte das ganze Haus unbewohnt.

Carin öffnete die nächste Tür, hinter der sich das Schlafzimmer verbarg. Ein riesiges Bett stand darin, ein wuchtiger Eichenschrank und eine Schubladenkommode. Kurzentschlossen öffnete Carin den Schrank und sah neugierig hinein. Hemden, Hosen und Anzüge hingen ordentlich aufgereiht nebeneinander. Zu ihrer Enttäuschung konnte sie daraus jedoch nichts über den Charakter dieses rätselhaften Mannes schließen, außer dass er teure Kleidung liebte und einen ausgeprägten Ordnungssinn hatte.

Mit klopfendem Herzen zog sie eine der Schubladen auf. Die Versuchung war einfach zu groß.

Plötzlich wurde sie von hinten an der Schulter gepackt. “Was zum Teufel machen Sie da?” Carin wirbelte herum und sah in das wutverzerrte Gesicht des Fremden, der unbemerkt hereingekommen war. “Warum spionieren Sie hier herum? Was hatten Sie denn zu finden gehofft?”

Er packte Carin fest an den Armen. Als sie ihn nur verlegen ansah, aber keine Antwort gab, schüttelte er sie. “Wer sind Sie? Eine Privatdetektivin? Oder einfach nur furchtbar neugierig? Was haben Sie gesucht? Raus mit der Sprache!”

“Nichts”, flüsterte sie schließlich. “Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist.”

“Sie wissen nicht, was über Sie gekommen ist? Obwohl Sie hinter mir herlaufen, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind? Vielleicht sind Sie ja auch nur scharf auf mich?”

“Ich interessiere mich weder für Sie noch für irgendeinen anderen Mann”, zischte Carin erbost.

“Wollen Sie etwa leugnen, dass Sie es mehr als einmal darauf angelegt haben, mich in ein Gespräch zu verwickeln?”

“Sie haben mich eben irritiert. Oder haben Sie noch nicht gemerkt, dass sich das halbe Dorf den Mund über Sie zerreißt?”

“Das interessiert mich nicht. Was ich tue, geht niemanden etwas an. Und Sie machen jetzt besser, dass Sie fortkommen. Lassen Sie sich hier nie wieder blicken.”

“Mit Vergnügen!” Trotzig verließ Carin das Haus.

Carin kämpfte sich durch den Wald. Als sie endlich die letzten Meter in den Hof des Anwesens humpelte, kam John ihr mit sorgenvoller Miene entgegen. “Was ist passiert, Carin?”

Sie blickte beschämt zu Boden. “Ich bin vom Pferd gefallen.”

“Das sehe ich auch. Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt? Ich bin selbst erst nach Hause gekommen und wollte dich gerade suchen gehen.”

Carin verzog das Gesicht. “Mein schwarzhaariger Freund hat sich um mich gekümmert.”

“Und wo ist er jetzt? Warum hat er dich in diesem Zustand zu Fuß gehen lassen?”

“Weil ich es so wollte”, erwiderte sie trotzig. “Und jetzt lege ich mich in die Badewanne, wenn du nichts dagegen hast.”

2. KAPITEL

Während der nächsten Tage versuchte Carin, alle Gedanken an den dunkelhaarigen Fremden zu verdrängen und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Das Stallmädchen war immer noch krank, und so gab es viel zu tun.

Eines Morgens jedoch, als Carin bei den Ställen nach John suchte, sah sie ihn wieder. Er unterhielt sich gerade mit John, und für sie war es nun für einen Rückzug zu spät. Der Mann ließ den Blick ungeniert über ihre enganliegenden Jeans und ihr dünnes Baumwolltop gleiten und grüßte dann knapp. Er schien über das unerwartete Wiedersehen ebenso überrascht zu sein wie sie.

John legte Carin den Arm um die Schultern. “Ich glaube, ihr beide kennt euch schon. Ich muss mich sowieso noch bei Ihnen bedanken, Sean, weil Sie sich um Carin gekümmert haben, als sie neulich vom Pferd stürzte.”

“Ich habe nur getan, was jeder andere auch getan hätte.”

“Sean Savage möchte gern reiten”, fuhr John fort, während er sich an Carin wandte. “Ich werde ihm Hunter geben. Führst du ihn bitte zur Koppel?”

“Aber ich wollte gerade Rosemarie satteln”, wandte sie schnell ein. “Jane hat eine Reitstunde und wird jeden Moment hier sein.”

“Jane kann die Stute selbst satteln”, erklärte John bestimmt.

Widerwillig ging Carin voraus und spürte dabei Sean Savages Blick auf sich gerichtet. Die engen Jeans und das rosa Top, unter dem sie keinen BH trug, betonten die Rundungen ihres Körpers nur zu gut. Normalerweise war sie stolz auf ihre schlanke Figur, aber den Blicken dieses Mannes ausgesetzt zu sein war ihr unangenehm.

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