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Das Cassandra-Projekt

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Danksagung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. 30
  36. 31
  37. 32
  38. 33
  39. 34
  40. 35
  41. 36
  42. 37
  43. 38
  44. 39
  45. 40
  46. 41
  47. 42
  48. Epilog
  49. Über die Autoren

Danksagung

Für ihre Unterstützung danken wir Walter Cuirle und
David DeGraff, die für die Sondereffekte gesorgt haben.
Und unserer Lektorin.

1

Vermutlich war es ein Zeichen der Zeit, was auch sonst? Denn die größte wissenschaftliche Erkenntnis des einundzwanzigsten Jahrhunderts, ja, möglicherweise aller Zeiten wurde ausgerechnet durch The National Bedrock, das Paradebeispiel einer Boulevardzeitung, bekannt. Nicht unbeteiligt an der Entdeckung war außerdem ein risikofreudiger Reporter, der sie mitten in einer Pressekonferenz zur Sprache brachte. Eigentlich hatte man die Medien zu einer stillen nostalgischen Feier geladen. Der Leistungen der NASA über einen Zeitraum von sechzig Jahren sollte gedacht werden. Das Ganze war darauf zugeschnitten, als Ablenkung dafür zu dienen, dass die Einrichtung nun tatsächlich vor dem Aus stand. Wie auch immer, zunächst hatte niemand begriffen, was da ans Licht der Öffentlichkeit kam.

Lange Zeit – solange, bis die Bombe platzte, die erst ein Rohrkrepierer schien – war Jerry Culpepper, Pressesprecher der NASA, absolut Herr der Lage gewesen. Er griff die ihm gestellten Fragen auf, antwortete leidenschaftlich, gestand auch so einiges Offensichtliche ein. Beispielsweise, dass man wisse, dass die Behörde mit dem Rest des Landes wirtschaftlich schwere Zeiten durchgemacht habe und noch durchmache. Dennoch strich er heraus, es gäbe viel zu feiern, viele Gründe zur Freude. Man solle sich an einem historischen Tag wie diesem auf die guten Dinge konzentrieren.

Vor allem aus diesem Grund stand Jerry am 20. Juli 2019, exakt fünfzig Jahre, nachdem Apollo 11 auf dem Mond gelandet war, auch vor einer riesigen Leinwand mit einem Bild von Neil Armstrong, Michael Collins und Buzz Aldrin. Die drei drängten sich um eine Steuerkonsole und blickten auf die Mondlandschaft hinab. Jerry, von den eigenen Emotionen mitgerissen, flog sozusagen mit ihnen zusammen zum Mond.

Die Pressekonferenz fand in einem Raum statt, der direkt von der Lobby abzweigte und die Ausstellungsstücke der ersten Landung beherbergte. Raumhelme, Mondgestein, Astronautenuniformen und das Logbuch (signiert von jedem der Astronauten) waren dort zu sehen. Die Wände schmückten großformatige Fotos von einer Saturn V, einer Mondlandefähre, dem Kennedy Space Center und dem Mare Tranquillitatis. Als Jerry über die fünfzehn Astronauten sprach, die die fünf Mondflüge durchgeführt hatten, verstieg er sich zu der Behauptung: »Sie haben die Messlatte für uns hoch gelegt.« Die Bemerkung bedauerte er sofort wieder. Denn damit überging er die Legionen von Männern und Frauen, die vorher und nachher in den Kapseln und Raumfähren geflogen waren, die ihr Leben riskiert und in einigen Fällen dieses größte aller Opfer sogar gebracht hatten. Jerry überlegte, ob er sich korrigieren sollte. Aber ihm fiel keine elegante Möglichkeit dazu ein. Also fuhr er fort, sprach weiter frei und endete mit einem Satz, den er schon häufig bei Gastauftritten verwendet hatte: »Solange wir Menschen wissen, wer wir sind, solange werden auch sie unvergessen bleiben.«

Er ließ seinen Blick über sein Publikum schweifen und breitete die Hände aus. »Fragen?«

Überall im Raum schössen Hände empor. »Diane.« Jerry meinte Diane Brookover von der New York Times.

Er hatte nicht viel für Diane übrig. Im normalen gesellschaftlichen Miteinander war sie zu ertragen. Aber bei Pressekonferenzen gefiel sie sich darin, ihn lächerlich zu machen. An sich war das bei Reportern gang und gäbe, eigentlich also nicht erwähnenswert – hätte Diane es in dieser Kunst nicht besonders weit gebracht. Am gefährlichsten war es immer, wenn sie lächelte. Und momentan lächelte sie. Egal. Besser, er ginge es gleich an und hätte diesen Stolperstein dann aus dem Weg. »Jerry«, begann sie ihre Frage, »wozu braucht die Regierung eine Ruhmeshalle für die NASA, obwohl es bereits eine für die Astronauten gibt? Ich meine, steckt hinter dem ganzen Trara nicht vielmehr der Versuch, von der Tatsache abzulenken, dass die NASA abgeschafft wird?«

»Wir schaffen gar nichts ab, Diane«, entgegnete Jerry. »Sicher, derzeit sind die Mittel knapp. Das bestreitet niemand. Aber die NASA wird es noch geben, wenn eines Tages Ihre Enkel an einer unserer Touren teilnehmen wollen. Nun, es gibt gute und schlechte Zeiten. Das ist unabwendbar. Wir werden diese Dürre durchstehen, wie wir es immer getan haben. Was die Ruhmeshalle betrifft, die Astronauten waren von Anfang an unsere Helden, die Leute an der Front. Das Problem ist, sie sind so bedeutend und so dominant, dass wir dazu neigen, die anderen zu übersehen, die ebenfalls einen wichtigen Beitrag geleistet haben, die Wissenschaftler, die Ingenieure, die Computerspezialisten. Wir alle sind ein Team. Wir waren immer ein Team. Vom ersten Tag an, damals in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Ohne die Leistungen all der Leute im Hintergrund hätten wir die Erfolge der letzten sechzig Jahre heute nicht vorzuweisen. Die Ruhmeshalle bietet uns die Möglichkeit, jedem die ihm gebührende Anerkennung zu erweisen, auch solchen Mitarbeitern, die bedeutende Beiträge geleistet haben, ohne dass die Öffentlichkeit es je wirklich wahrgenommen hat.«

Eigentlich war Jerry eher ein stiller, schüchterner Typ, es sei denn, er hatte Publikum. Dann war er wie ausgetauscht. Er lächelte ungezwungen, fand zu jedem Kontakt und genoss, was er tat. Das war eine wertvolle Gabe, umso mehr in Zeiten wie diesen, in denen es für das Raumfahrtprogramm rasch finsterer und finsterer wurde.

Wieder zuckten Hände in die Höhe. Jerry blickte hinüber zu Quil Everett von NBC. Quil war groß und schlank, früh ergraut und hatte einen vage britischen Akzent. »Jerry, wo, denken Sie, wird die NASA in zehn Jahren stehen?«

Als wäre die NASA unterwegs zu den Sternen, blickte Jerry nachdenklich zur Decke. »Quil, wenn Sie mir verraten, welche Mittel der Staat in einem Jahrzehnt zur Verfügung haben wird, dann bin ich in der Lage, Ihnen Ihre Frage einigermaßen präzise zu beantworten. Sie würden sich wundern, was wir mit ausreichend finanzieller Unterstützung alles zustande bringen können. Bleiben die Mittel aus, steht die NASA schlimmstenfalls da und wartet darauf, dass eine bessere Zukunft für sie anbricht.«

Der Nächste war Barry Westcott von USA Today. »Finden Sie nicht auch, Jerry«, fragte er, »dass mit Gene Cernans Rückkehr von der letzten Mondlandung das Ende des gesamten bemannten Raumflugs in Amerika eingeläutet worden ist? Wir haben nur ziemlich lange gebraucht, das zu begreifen, oder nicht? Die größte Errungenschaft seither war doch nur, dass eine Raumfähre Enterprise getauft wurde.«

Totenstille folgte seinen Worten. »Nun«, sagte Jerry schließlich, »wir sollten nicht vergessen, dass es nicht Cernan war, der das Ende des Raumflugs eingeläutet hat. Das war Richard Nixon. Die NASA hätte gern weitergemacht. Aber die Vereinigten Staaten waren in einen Krieg verwickelt. Für Raumflugprogramme fehlten die finanziellen Mittel. Um das noch einmal ganz klarzustellen: Damals hatten wir einen Präsidenten, den der Weltraum nicht sonderlich interessiert hat.« Damit hatte Jerry eindeutig eine Grenze überschritten. Es war nicht seine Aufgabe, Präsidenten zu kritisieren, weder aktuelle noch ehemalige. Aber der Gedanke an Nixon trieb von jeher Jerrys Blutdruck nach oben.

Und dann war es so weit: Warren Cole reckte die Hand hoch. Cole arbeitete für die Nachrichtenagentur AP. Er saß ganz vorn an seinem üblichen Platz und musterte stirnrunzelnd etwas auf seinem Schoß. Es sah aus wie eine Ausgabe eines der grellbunten Boulevardblätter.

»Jerry«, setzte er zu seiner Frage an, und zwar in einem Ton, der alarmiert klang, »haben Sie schon die aktuelle Ausgabe von The National Bedrock gesehen?«

Jerry lächelte höflich. »Nein, Warren, das habe ich ehrlich gesagt nicht. Habe ich diese Woche wohl verpasst.«

»Sie bringen eine Story über Material, das die NASA vor einigen Tagen veröffentlicht hat.«

Die Behörde hatte einen ganzen Berg an Dokumenten, Audio- und Videoaufnahmen freigegeben, die bis zum ersten Jahr der NASA-Existenz zurückreichten und die Geschichte der US-amerikanischen Raumfahrt widerspiegelten. Heute früh erst war Jerry das Material durchgegangen. Er hatte sich so einiges angesehen. Wie man 1960 innerhalb der Streitmächte um Freiwillige für das Astronautenprogramm warb, beispielsweise. Oder das Video von 1962, in dem John F. Kennedy an der Rice University versprach, man würde noch vor Ablauf des Jahrzehnts auf dem Mond landen. Oder Walter Cronkites Beschreibung vom Start von Apollo 11. Es gab auch kistenweise Dokumente, in denen einfach alles festgehalten worden war, sei es die Auftragserteilung zur Verbesserung der Computerausrüstung im Johnson Space Center in Houston oder die detaillierten Berichte über den Verlust der Challenger und der Columbia sowie den Unfalltod von Roger Chaffee, Virgil Grissom und Edward White während eines Plugs-Out-Tests.

»Dabei geht es um eine Menge Material«, entgegnete Jerry daher. »Geht es Ihnen um etwas Spezielles?«

Cole stand auf. »Darf ich Ihnen etwas vorspielen? Eine der Audioaufzeichnungen?«

»Sicher. Aber halten Sie es kurz, einverstanden?«

Cole hielt sein Gooseberry hoch. »Es geht um eine Aufzeichnung, die einen Teil eines Gespräches zwischen Sidney Myshko, dem Kommandanten eines der frühen Mondflüge, und dem Kontrollzentrum zum Inhalt hat. Das Ganze spielt sich während eines Orbitalflugs im Januar 1969 ab. Sechs Monate, bevor Neil Armstrong auf dem Mond gelandet ist. Es dauert nur ein, zwei Minuten und wird von jeder Menge anderer Kommunikationen überlagert. Aber dieser Abschnitt ist besonders interessant. Der erste Sprecher ist Myshko. Bitte behalten Sie im Hinterkopf, dass Myshko den Mond zu diesem Zeitpunkt bereits erreicht hat und in der Umlaufbahn ist.« Cole aktivierte das Gerät.

Myshko: Houston, nähern uns Startposition.

Houston: Sie haben Startfreigabe.

Myshko: Vier Minuten.

Houston: Verstanden.

Myshko: Houston, das ist unglaublich.

Houston: Vergessen Sie nicht, dass wir den Kontakt verlieren, sobald Sie den Horizont passiert haben.

Myshko: Verstanden. (Pause.) Wir sind im LEM. Bereit zum Start.

Houston: Viel Glück, Jungs.

Jerry runzelte die Stirn. Er konnte sich nicht von der ersten Zeile lösen: Nähern uns Startposition.

»Das, Jerry, hätte ein reiner Orbitalflug werden sollen, und zwar mehrere Monate vor Apollo 11. Aber Myshko und das Kontrollzentrum reden, als ginge es um Vorbereitungen für eine Landung.«

»Das kann nicht stimmen, Warren.«

»Soll ich es noch einmal abspielen?« Im Publikum war es totenstill geworden.

»Bitte.«

»Wir sind im ULM.« Das LEM, das Lunar Excursion Module, also die Mondlandfähre, war, wie der Name schon sagte, einzig dazu gedacht, die Astronauten des Fluges auf die Oberfläche des Erdtrabanten zu bringen. »Bereit zum Start.«

»Hm, tja, Warren«, meinte Jerry. »Eine Panne, nehme ich an. Eine Störung in der Funkübertragung.«

Cole hob das Gooseberry hoch. Starrte ihn an. »Hm, ja. Können Sie sich erklären, wie es zu einer derartigen Störung gekommen sein könnte?«

Versuchsweise lachte Jerry. »Ich halte das Ganze für einen Scherz. Für den Fall, dass die Presse mithört.«

»Im Ernst jetzt, Jerry!«

»Okay, Warren, sehen Sie: Ich höre das heute zum ersten Mal. Also kann ich unmöglich wissen, was dahintersteckt. Ich vermute, hier wurde nur etwas geprobt. Wir alle wissen doch, wie diese Flüge ablaufen. Man macht alles so, als würde man die ganze Mission durchführen, man landet nur nicht. So abwegig ist das doch nicht, oder?«

»Naja, aber wenn man sich den Funkverkehr so anhört, wirkt das Ganze schon sehr seltsam.«

Nach der Myshko-Mission hatte es noch zwei weitere Testflüge zum Mond gegeben. Einer im April unter dem Kommando von Aaron Walker und im Mai Apollo 10 unter Thomas Staffort. Dann war Apollo 11 gestartet und hatte die Welt verändert. »Diese Dinge sind vor meiner Zeit passiert, Warren.«

»Vor meiner auch, Jerry.«

Unruhe breitete sich im Saal aus. Cal McMurtrie, der hinter Cole saß, fragte diesen, ob die Aufnahme wirklich aus den Dokumentenpaketen stamme und wo genau sie dort zu finden sei.

»Tja«, versuchte Jerry die Sache abzukürzen, »wie gesagt, da liegt irgendeine Art Fehler in der Funkübertragung vor. Höchstwahrscheinlich geht es nur um einen terrestrischen Testlauf. Ist die Aufnahme datiert?«

»14. Januar 1969.«

»Geben Sie mir etwas Zeit, die Sache zu überprüfen! Ich melde mich dann bei Ihnen.« Jerry sah sich im Publikum um und wählte eine Person aus, die ihm üblicherweise keine Schwierigkeiten machte. »Sara.«

Mary Gridley war die Leiterin der NASA und eine angenehme Vorgesetzte, obwohl nur ihre politischen Beziehungen ihr diesen Posten eingetragen hatten. Was allerdings auch für Jerry galt. Gridley hatte auf dem Korridor auf ihn gewartet. »Was zum Teufel war da los?«, fragte sie ihn mit ihrer durchdringenden Stimme in vorwurfsvollem Ton. Mary war groß, größer als Jerry, und eine der klügsten Personen, die er je kennengelernt hatte. Um ihren Willen durchzusetzen, war sie imstande, jedermann zu manipulieren. Allerdings ging es ihr dabei immer um die NASA, statt sich, wie einige andere Vorgesetzte, die Jerry hatte erleben müssen, lediglich auf die eigene Karriere zu konzentrieren. Für Fehler hatte sie nicht sonderlich viel Verständnis, und ihr Blick verriet deutlich, dass jemand einen Fehler begangen hatte. Jerry war ziemlich sicher, dass er wusste, wen sie für den Übeltäter hielt.

»Haben Sie die Pressekonferenz verfolgt?«, fragte er, obwohl er verdammt genau wusste, dass sie zugesehen hatte. Aber er brauchte schlicht einen Moment Zeit, seine Verteidigung zu organisieren.

Mary machte eine unzweideutige Geste den Gang hinunter in Richtung auf ihr Büro und wirbelte auf dem Absatz herum. Jerry, der bis dahin neben ihr gegangen war, blieb jetzt nichts anderes übrig, als ihr gehorsam zu folgen. Sie sagte nichts mehr, bis sie die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. Dann atmete sie hörbar aus. »Jerry«, sagte sie, »das da draußen war als Feierstunde gedacht.«

Genau, so war es gedacht gewesen. Daher war Jerry fest davon ausgegangen, er würde den ganzen Vormittag damit zubringen, über Mondspaziergänge zu plaudern, über Robotermissionen zum Jupiter, über Voyagers und die internationale Raumstation. Ein paar nette Aussprüche berühmter Raumfahrer hatte er parat gehabt. Buzz Aldrins Bonmot etwa, die Menschheit dürfe sich nicht so in sozialen Problemlösungsversuchen verlieren, dass sie darüber die Sterne vergäße. Oder Neil deGrasse Tysons Bemerkung, er sei es leid, immer nur um den Block zu fahren, um mutig jene Orte aufzusuchen, die vorher schon Hunderte andere besucht hätten, nein, er mustere mit Freuden für die Reise in eine neue Welt an. Selbstredend hatte Jerry noch ein Dutzend anderer Zitate auf Lager, die er in den letzten Jahren noch nicht hatte an den Mann bringen können. »Ich weiß«, sagte er, »ich habe nicht damit gerechnet …«

»Eben! Sie, Jerry, haben die Situation nicht im Griff gehabt! Sollte so etwas je wieder passieren, sagen Sie einfach, es hätte da ein Missverständnis gegeben, und dann widmen Sie sich dem nächsten Thema. Aber stehen Sie nicht einfach rum und reden sich um Kopf und Kragen! Die Geschichte mit Sidney Myshko …«

»Es tut mir leid, Mary.«

»Ich hatte Sie für klüger gehalten.« Sie seufzte. »Nie wieder dürfen Sie sich die Kontrolle über ein Gespräch derart aus den Händen nehmen lassen! Wenn Sie das tun, haben Sie schon verloren.« Mary setzte sich hinter ihren Schreibtisch und schüttelte den Kopf. »Wir müssen herausfinden, was passiert ist, soweit das möglich ist, und eine offizielle Erklärung abgeben. Die verdammte Geschichte verbreitet sich schon jetzt wie ein Lauffeuer.«

»Sie machen Witze!«, meinte Jerry.

Mary drückte eine Taste auf ihrer Tastatur, und der Bildschirm leuchtete auf. Sie hatte eine Suche nach ›Sidney Myshko Jerry Culpepper‹ durchgeführt, und der Bildschirm zeigte 28.726 Beiträge an. Jerry beugte sich vor, um besser lesen zu können, und ihm bot sich in Auswahl etwa das:

Wann sind wir tatsächlich auf dem Mond gelandet? NASA-Pressesprecher Culpepper ahnungslos.

Verwirrung bei der NASA; Regierung nicht imstande, für Klarheit zu sorgen.

Das sind die Leute, die unsere Raketen ins All schießen?

Ist schon vor Armstrong jemand auf dem Mond gelandet?

Die Verschwörungstheoretiker melden sich zurück.

Es war Neil Armstrong, Dummkopf.

Auf dem Weg in sein Büro blieb Jerry vor dem Schreibtisch seiner Sekretärin kurz stehen. »Barbara«, gab er ihr Anweisung, »holen Sie mir bitte Al Thomas ans Telefon!«

Dann verschwand er durch seine Tür. Kaum dass diese ins Schloss fiel, sank er auf einem der Besuchersessel zusammen. Bemerkenswert, wie derart triviales Zeug sich zu solch einem großen Problem auswachsen konnte! Umso mehr in einer Behörde.

Die Wände des Büros hingen voller gerahmter Bilder mit Stationen von Jerrys Laufbahn. Jerry neben Präsident Cunningham während eines NASA-Dinners. Im trauten Zwiegespräch mit dem Gouverneur von Florida. Herzlich lachend mit Senator Tilghman. Händeschüttelnd mit Jon Stuart. Jerry war mit allen möglichen Prominenten aus Politik und Unterhaltung zu sehen. Aber es gab nicht ein einziges Foto von ihm zusammen mit einem Astronauten.

Astronauten nämlich gab es nicht mehr. Schon seit Jahren nicht mehr.

Jerry hatte sich die Nachrichten angesehen, ehe er zu der mittäglichen Pressekonferenz hinuntergegangen war, und auf dem Bildschirm das laufende TV-Programm angelassen. Ironischerweise lief eine alte Raumschiff Enterprise-Folge. Captain Kirk befahl soeben, die Schilde hochzufahren und die Kampfstationen zu besetzen.

Jerrys Rufton gab Laut, Enterprise verschwand und wurde durch Al Thomas’ freundliche Züge ersetzt. »Hi, Jerry«, sagte er in seinem typischen Bariton. Er hörte sich an wie der Star eines Actionfilms. Tatsächlich aber war er ein hagerer kleiner Kerl mit dicken Brillengläsern. »Ich wollte Sie auch schon anrufen.«

Al war in Huntsville, wo er sich um die NASA-Archive kümmerte.

»Haben Sie die Pressekonferenz gesehen?«

»Davon gehört, ja.«

»Was ist passiert? Wo ist das hergekommen?«

»Ich weiß es nicht. Ich lasse meine Leute gerade die Aufzeichnungen durchgehen. Wir versuchen, es herauszufinden.«

»War das wirklich in dem Dokumentenpaket?«

»Leider ja. Ich hatte gehofft, dem wäre nicht so. Das hätte mir mächtig Arbeit gespart. Die Daten aus den Sechzigern des zwanzigsten Jahrhunderts liegen nicht in digitaler Form vor. Lassen sich also nicht so einfach mit einer Suchfunktion finden. Wir werden ein bisschen Zeit brauchen.«

»Wer war der Capcom?« Der Mann, der auf NASA-Seite an der Kommunikation beteiligt gewesen war; der Mann, der allein während einer ganzen Mission den Kontakt zur Kapsel im All hielt.

»Moment mal.« Al blätterte in einem Dokumentenordner. »Da ist es. Frank Kirby. Ich dachte doch, dass das seine Stimme war. Er hat die meisten Missionen in der Lunar-Ära begleitet.«

»Nehmen wir an, das sind wirklich Kirbys und Myshkos Stimmen: Gibt es dann irgendeine Erklärung für diese Sache? Könnte das vielleicht eine Art Probelauf gewesen sein?«

Barbaras Radio spielte im Vorzimmer. Es hörte sich an wie die Downtowners, die von Frauen und Hochgeschwindigkeitszügen sangen. »Sicher«, erwiderte AI. »Da könnte alles Mögliche dahinterstecken. Wahrscheinlich haben sie nur ein bisschen herumgealbert, um sich die Zeit zu vertreiben. Durchgespielt, was sie so gern wirklich getan hätten. Diese Jungs wollten alle selbst auf dem Mond landen. Aber, klar, so was in der Art wird es gewesen sein.«

»Okay, AI. Passen Sie auf, geben Sie mir Bescheid, wenn Sie mehr wissen, ja?«

»Natürlich, Jerry. Ahm … herrscht bei euch da drüben große Aufregung?«

»Das geht vorbei. Mary mag es nicht besonders, wenn wir dumm dastehen.«

»Ja. Mir ist sie auch schon auf die Pelle gerückt. Ich kann nicht fassen, dass die Chefetage wirklich von mir erwartet hat, ich würde das ganze Zeug kontrollieren.« Er hörte sich ziemlich erledigt an. »Wie auch immer, tut mir leid, dass wir Sie in Schwierigkeiten gebracht haben.«

Jerry überlegte, ob er den Vorfall im NASA-Blog erwähnen sollte. Dazu, dass die Story noch weiter breitgetreten wurde, wollte er selbstredend nicht beitragen. Aber ihm kam es wie Drückebergerei vor, würde er nicht wenigstens irgendetwas dazu sagen. Er begann mit einem Beitrag: Es braucht nicht viel, um die Medien in Aufruhr zu versetzen. Und löschte den Satz wieder. Es war niemals eine gute Idee, Reporter anzugreifen. Jerry grinste. Ganz besonders nicht, wenn man selbst für Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. Aber vielleicht konnte er die Worte Öffentlichkeit und Medien einfach austauschen. Ja, das könnte hinhauen.

Barbaras Stimme unterbrach ihn mitten im Gedanken. »Jerry, Sie haben Besuch.«

Er warf einen Blick auf seinen Kalender. Keine Termine. »Wer, Barb?«

»Morgan Blackstone.«

Blackstone? Dieser übertrieben hochgejubelte Cowboy-Milliardär, der ständig davon sprach, er wolle Amerika zurück in den Weltraum bringen? Was zum Teufel konnte der wollen? »Na schön«, sagte Jerry, als würde Blackstone jeden Tag auf der Schwelle stehen, »schicken Sie ihn rein!«

Er tippte auf seiner Tastatur herum und rief einen Vorschlag auf, den Mary Gridley hinsichtlich einer unbemannten Marsmission ausgearbeitet hatte. Die Sache war im Sande verlaufen. Jerry starrte unverwandt auf den Monitor und tat, als wäre er tief versunken, als die Tür geöffnet wurde. Er reckte eine Hand hoch – bin gerade beschäftigt, nehmen Sie Platz, bin gleich bei Ihnen. Dann tippte er einige Male auf den Monitor und verzog das Gesicht, ehe er schließlich doch aufblickte.

Er war den Umgang mit Leuten in hoher Position gewöhnt. Dennoch fühlte er sich sogleich eingeschüchtert. Blackstone war einer dieser Typen, die auf einer Party im Weißen Haus erschienen und sofort den ganzen Saal in ihren Bann schlugen. Der Milliardär überragte Jerry um einiges. Jerry hingegen ging mit seinen eins dreiundachtzig einigermaßen leicht in einer Menge unter. Blackstones Lächeln deutete in irritierender Weise an, er gewähre Jerry durch seine bloße Anwesenheit eine Gunst. Dichtes schwarzes Haar und ein ungebärdiger Schnurrbart trugen das Ihre zu dem Cowboy-Nimbus bei. Blackstone trieb offensichtlich eine Menge Sport und ging wie John Wayne. Fehlte nur noch ein Revolvergurt mit ein paar sechsschüssigen Colts an seiner Hüfte.

Dennoch hätte Jerry Blackstone mühelos ertragen können, hätte der Hurensohn es sich nicht zur Gewohnheit gemacht, die NASA zu kritisieren. Die Finanzierung der Behörde eine Vergeudung von Regierungsgeldern. Bürokraten auf dem Weg zum Mars, allerdings im Eselskarren. Vor ein paar Wochen hatte Blackstone bei Meet the Press erklärt, die NASA sei vor einem halben Jahrhundert zum Mond geflogen und habe sich seit der Heimkehr nicht mehr von der heimischen Veranda gerührt.

Normalerweise erhob sich Jerry nicht, wenn jemand sein Büro betrat. Aber aus irgendeinem Grund fand er sich plötzlich auf den Beinen wieder. »Bitte«, sagte er, »nehmen Sie Platz, Mr Blackstone.« Er deutete auf einen Ohrensessel, den er Besuchern bevorzugt anbot. Der Sessel war ein bisschen niedriger als die übrigen Sitzmöbel. »Was kann ich für Sie tun?«

Blackstone ignorierte den Sessel. »Sie, Jerry, könnten damit anfangen, mich Bucky zu nennen.«

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Bucky.« Der Milliardär trat vor und schüttelte ihm die Hand. Als Jerry sich anschließend an seinen Schreibtisch lehnte, setzte sich Blackstone endlich. »Wie laufen die Geschäfte bei der Blackstone Corporation?«

Blackstone nickte. »Zufriedenstellend«, sagte er. »Man könnte behaupten, dass wir es derzeit leichter haben als die NASA.«

»Vielleicht kennen Sie nicht alle Fakten«, meinte Jerry daraufhin. »Wir kommen gut zurecht.«

Sein Gast nickte. »Immer, wenn die Regierung ein Problem hat, werden Ihre Mittel gekürzt.«

»Wir sind immer noch da.«

»Schön, das zu hören, Jerry.« Blackstone räusperte sich. »Solange die NASA noch da ist und weiterarbeitet, heißt das dann wohl, dem Land geht es gut.«

»Davon gehen wir aus, Bucky.« Über seine Schulter hinweg warf Blackstone einen raschen Blick in Richtung Vorzimmer. Die Downtowners brachten The Frankford El. Die Lautstärke war heruntergeregelt. Aber dennoch drang genug durch die geschlossene Bürotür, um den Song zu erkennen. Dass Jerry derlei Unsinn duldete, schien Blackstone zu erstaunen. »Nichts als ein kleines Laster«, erklärte Jerry. »Also, was kann ich für Sie tun?«

Blackstone lächelte wohlwollend. Er verstand vollkommen. Wir alle haben unsere Schwächen. »Ich habe die Pressekonferenz heute Morgen gesehen«, sagte er dann.

Jerry nickte. »Komische Geschichte, was?«

»Oh ja.« Blackstone lehnte sich entspannt zurück und schlug die Beine übereinander. »Vor mehr Jahren, als ich wahrhaben möchte, habe ich mich bei der Stanford Corporation um die Öffentlichkeitsarbeit gekümmert. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit dem, was Sie hier tun. Aber ich weiß noch, wie nervenaufreibend das sein konnte. Man ist nie vor Überraschungen sicher.«

»Ja, da habe Sie recht.«

»Ich fand, Sie haben sich ziemlich gut geschlagen, Jerry.«

»Danke.«

»Konnten Sie inzwischen herausfinden, worauf sich die Funksprüche zwischen Myshko und der Kontrollstation bezogen haben? Was hatte das Gespräch zu bedeuten? Ging es um eine Art Probelauf?«

»Vermutlich. Wir konnten die Herkunft der Materialsequenz bisher noch nicht näher eingrenzen, Bucky.« Jerry fühlte sich nicht wohl dabei, den Mann mit Vornamen anzusprechen. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, was sonst dahinterstecken sollte.«

»Natürlich. Ich dachte, es wäre vielleicht ein Scherz. Jemand könnte die Sequenz in die Dokumente eingeschmuggelt haben, die die NASA freigegeben hat.«

»Auch diese Möglichkeit können wir derzeit noch nicht ausschließen. Aber wir werden die Sache aufklären.«

Blackstone lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. »Es passieren seltsame Dinge.« Er hatte dunkle Augen, einen stechenden Blick. Sein schmales Gesicht mit den eingefallenen Wangen verstärkte den Eindruck von Pragmatismus und Sachlichkeit nur noch.

»Stimmt«, bestätigte Jerry. »Waren Sie bei der Pressekonferenz anwesend? Ich habe Sie im Saal nicht gesehen.«

»Nein. Ich war oben und habe mit Ihrer Chefin gesprochen. Danach bin ich hier zum Mittagessen. Ich habe immer schon gern hier gegessen. Man weiß nie, wer einem begegnet. Wie auch immer, dort habe ich die Pressekonferenz verfolgt. Nur die letzten fünfzehn Minuten oder so.«

Jerry wusste nicht recht, was er sagen sollte. Also räusperte er sich und nickte.

»Jerry, ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar, und ich möchte sie nicht unnütz verschwenden.« Blackstone lächelte, was die Härte, die er ausstrahlte, deutlich milderte. »Trotz allem, was wir beide uns vielleicht wünschen, wissen wir doch, dass die Zeit der NASA abgelaufen ist. Aus und vorbei. Derzeit üben die Unternehmen, die von der NASA profitieren, eine Menge Druck auf die Regierung aus. Aber das ist das Einzige, was den Laden jetzt noch am Laufen hält.«

»Nun, ich mag Ihnen, was das angeht, nicht zustimmen.«

»Schon gut. Darüber können wir ein andermal diskutieren. Im Moment wissen wir beide, dass UPY, MagLev und der Rest der Bande seit sechzig Jahren eine Menge Geld damit machen, der Regierung Saturn-Raketen, Testvehikel und Gott weiß was noch zu verkaufen. Sie spielen nicht in der gleichen Liga wie die Rüstungsindustrie. Trotzdem ist eine Menge Geld im Spiel. Aber die Zeiten ändern sich. Die Regierung steht unter großem Druck. Das nächste Jahr ist ein Wahljahr, und die Öffentlichkeit zeigt sich der wirtschaftlichen Lage wegen ungehalten. Man hat genug davon, dass Milliarden in ein Programm investiert werden, das zu nichts führt. Sie wissen so gut wie ich, dass die Ruhmeshalle nur ein Ablenkungsmanöver ist, ein weiterer Schritt auf dem Weg zur endgültigen Schließung.«

»So weit wird es nicht kommen, Bucky.«

Blackstone zuckte mit den Schultern. Jerrys Meinung war unmaßgeblich. »Der Präsident muss endlich Fortschritte bei der Kosteneinsparung vorweisen. Er wird nicht einmal vor dem Pentagon haltmachen, wie ich höre. Und Sie denken, Ihnen wird er nicht auf den Pelz rücken? Der NASA, meine ich?«

»Man hat uns schon häufiger ziemlich gerupft. Trotzdem sind wir immer noch da. Und wir werden auch noch da sein, wenn ich mich zur Ruhe setze.«

Blackstones Augenbrauen wanderten aufwärts, und ein amüsiertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Nun, Sie, Jerry, und ich, wir kennen die Wahrheit: Die NASA benötigt öffentliche Gelder, um so etwas wie ein Raumfahrtprogramm in Gang zu bekommen. Daran führt kein Weg vorbei. Das Projekt ist riskant und viel zu groß, als das irgendein einzelner Konzern es schultern könnte. Aber hat man erst einmal vom Boden abgehoben, hat man in diesem Land schon immer die beste Chancen gehabt, wenn man die Sache der Privatindustrie überlassen hat. Hätte Nixon das, sagen wir 1973, getan, wer weiß, wo wir dann heute wären.«

Jerry wollte sich wirklich nicht mit dem Mann streiten. Außerdem wusste er, dass an Blackstones Worten etwas Wahres dran war. Mit einer Geste, er hob die Hände, drehte die Handflächen nach oben, deutete er an, dass er die Zukunft für völlig offen hielt. »Wie wäre es mit einem Kaffee, Bucky?«

»Danke, nein«, erwiderte Blackstone. »Ich muss mich wieder auf den Weg machen.«

»Okay.«

»Wenn wir wirklich irgendwann wieder auf den Mond wollen oder eine bemannte Marsmission auf die Beine stellen möchten, irgendetwas in dieser Art, dann nur mit privatem Kapital, wahrscheinlich mit einem Konsortium verschiedener Unternehmen. Ich bin heute hergekommen, um mit Mary Gridley über einige Punkte zu sprechen, bei denen wir uns gegenseitig helfen können. Und ich habe Sie gesehen, als man Sie in dieser Pressekonferenz wegen Myshko ausgefragt hat.

Sie haben sich wirklich gut geschlagen, Jerry. Die NASA wird es nie zum Mars schaffen. Das wissen Sie so gut wie ich. Aber wir werden es schaffen, Blackstone Enterprises. Wenn Sie interessiert sind, hätten wir Sie gern dabei, wenn wir loslegen.«

»Sie bieten mir einen Job an?«

»Ich brauche einen Pressesprecher. Ed Camden ist gut. Aber ich muss Ihnen gestehen, er glaubt nicht an das, was wir tun. Ich brauche jemanden, der als Gesicht des Firmenpools fungiert, jemanden, der wirklich an unser Ziel glaubt. Jemanden, der begreift, dass wir ins All gehören. Dass wir uns von dieser Welt lösen müssen, wenn wir je mehr sein wollen als ein Haufen Leute, die nur herumsitzen und fernsehen. Dass wir uns als Zivilisation immer noch weiterentwickeln.«

»Danke für das Angebot, Bucky«, sagte Jerry. »Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen.«

»Aber …?«

»Ich stehe hier unter Vertrag und fühle mich darüber hinaus der NASA verpflichtet. Außerdem bezweifle ich, dass ein einzelnes Unternehmen oder eine Unternehmensgruppe in der Lage ist, ein Projekt diesen Umfangs zu bewältigen. Ich meine, wenn die Regierung der Vereinigten Staaten es nicht die NASA tun lässt, wird niemand auf den Mars kommen.«

»Jerry, die Zukunft liegt in unseren Händen!«

»Das werden Sie mir erst einmal beweisen müssen. Ich wünsche Ihnen jedenfalls Glück dabei.«

»Sie bekommen Ihren Beweis, warten Sie nur ab! Mein Angebot steht, aber nicht auf ewig.«

Von den alten Astronauten abgesehen, besaß niemand sonst in der NASA Jerrys Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit. Es war ein bisschen so, als wäre er der größte Satellit auf einer Erdumlaufbahn, abgesehen vom Mond. Daher bekam Jerry haufenweise Anrufe von Fremden. Barbara hielt ihm die meisten vom Hals. Oft kamen sie von Leuten, die sich erkundigten, wie sie Astronaut werden, Astronauten treffen oder Astronauten überzeugen könnten, sie bei dieser oder jener Wohltätigkeitsveranstaltung zu unterstützen. Ein paar Anrufe stammten von Spinnern, die sich beklagten, die NASA gebe zu viel Geld aus, oder wissen wollten, warum man noch nicht auf dem Mars sei. Der eine oder andere Anrufer wollte aber auch ein Zusammentreffen mit Aliens oder eine UFO-Sichtung melden.

Gelegentlich aber stellte Barbara einen Anruf tatsächlich auch durch. »Jemand namens Harkins«, sagte sie. »Er sagt, er wäre Captain bei der Navy gewesen und es sei wichtig.«

»Hat er gesagt, worum es geht, Barb?«

»Negativ, Boss. Er will nur mit Ihnen sprechen.«

Der Bursche war locker in den Achtzigern. Weißes, zurückgekämmtes Haar, Bifokalbrille, brüchige Stimme. Aber er saß hoch aufgerichtet auf einem Ledersessel, die Hände auf die Armlehnen gelegt. »Mein Name ist James Harkins, Mr Culpepper«, stellte er sich vor. »Ich habe bei der Navy Helikopter geflogen.«

Jerry konnte ein Feuer im Hintergrund flackern sehen. »Tja, Mr Harkins, was kann ich für Sie tun?«

»Ich bin nicht sicher, ob das, was ich zu sagen habe, für Sie von Interesse ist. Aber ich glaube, es ist an der Zeit, dass jemand davon erfährt. Ich habe Sie heute im Fernsehen gesehen.«

»Okay. Worum geht es denn, Sir?«

»Ich war an Bord der Kennedy, als sie das Myshko-Team aufgesammelt hat. Sie waren natürlich zu dritt.« Neben Myshko waren das die beiden anderen Astronauten Louie ›Crash‹ Able und Brian Peters.

Ein ungutes Gefühl überkam Jerry. Ob das aber nun auf der Befürchtung beruhte, er könnte etwas zu hören bekommen, das seine Überzeugungen untergraben würde, oder ob er gleich würde feststellen müssen, dass Harkins geistig nicht so fit wäre, wie er aussah, wusste Jerry nicht so recht. »Sie haben wirklich geholfen, sie einzusammeln?«

»Nein. Aber ich war an Deck, als man sie an Bord geholt hat.«

»Aha, und was wollten Sie mir nun erzählen?«

»Vielleicht hat es ja nichts zu bedeuten. Aber es ergibt auf jeden Fall keinen rechten Sinn und hat mich lange, sehr lange beschäftigt. Ich hatte gerade beschlossen, es endlich zu vergessen, als ich diesen Funkverkehr mitgehört habe. Den zwischen der Kapsel und der Kontrollstation.«

»Was haben Sie gesehen, Captain?«

»Wir haben drei Astronauten aus dem Wasser gezogen, Mr Culpepper. Alle hatten Taschen dabei. Na ja, das ist nichts Besonderes. Es ist genau das, was man erwarten sollte. Aber einer von ihnen ist an Bord gestolpert und hat die Tasche auf Deck fallen lassen. Ich weiß nicht mehr, welcher von den dreien.«

»Und …?«

»Es sind ein paar Steine rausgefallen.«

»Das ist alles?«

»Mr Culpepper, diese Jungs waren mit einer Saturn-Rakete unterwegs. Da zählte jedes Gramm. Warum sollte einer von ihnen Steine mit ins All genommen haben?«

2

Hätte Jerry Bucky Blackstones Angebot angenommen, hätten seine Kollegen darin einen Verrat an der NASA gesehen. Einen Verrat an ihnen. Ein Wechsel zu Blackstone hätte das Eingeständnis bedeutet, dass Jerry glaubte, die Mission der NASA sei im Grunde beendet. Dass deren Zukunft Geschichte sei. Es wäre auch, so überlegte Jerry, ein Verrat an ihm selbst.

Er arbeitete gern für die NASA. Ihm gefiel, wofür sie stand. Der ständige Kampf um ausreichend finanzielle Mittel, der sich Jahr um Jahr fortsetzte, Jahrzehnt um Jahrzehnt, war frustrierend. Mehr als das: geeignet, einen wütend zu machen. Jerry war kein kleiner Junge, der sich dem sinnlosen Traum hingab, einmal zum Mond zu fliegen, nur um anschließend sagen zu können, er sei da gewesen. Er glaubte hartnäckig daran, dass die Menschheit sich weiterentwickeln müsse, wollte sie sich nicht zurückentwickeln. Dass der Planet übervölkert sei. Dass es ganz pragmatische Gründe gebe, außerhalb der Heimatwelt Fuß zu fassen. Jerry wusste allerdings nicht so genau, wie das ablaufen sollte. Aber er war sich sicher, dass dafür die aktive Beteiligung der Vereinigten Staaten erforderlich sei.

Aber dann, irgendwann, war alles ins Stocken geraten.

Jerry hatte bei diversen politischen Kampagnen mitgewirkt, beispielsweise bei George Cunninghams Kandidatur für das Gouverneursamt und für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten. Jerry hatte Öffentlichkeitsarbeit für die Ohio State University gemacht, für das Pentagon und für die Anwaltskanzlei Carmichael & Henry. Egal, wo er gearbeitet hatte: alle an Bord hatten stets begriffen, dass es nur darum ging, ein Produkt zu verkaufen, auch die Kollegen in den verschiedenen Regierungsbehörden. Beziehungen untereinander waren immer rein beruflicher Natur gewesen. Auch bei Wahlkampfkampagnen. Schicksalsgläubigkeit hatte es nicht gegeben. Niemand hätte sich hilflos einer unabwendbaren Katastrophe gegenüber gesehen, hätte Laura Hopkins es anstelle von George Cunningham ins Oval Office geschafft. Alle gaben vor zu glauben, das Los der Nation hinge von den Wahlen ab. Aber alle wussten, dass die Nation überdauern würde, ganz gleich, wie das Wahlergebnis auch ausfiele. Aber bei der NASA war das irgendwie anders.

Cape Canaveral war das Tor zur Welt jenseits der Erde. Es war der Ort, an dem die Zukunft hätte wahr werden sollen. Wenn sich die Zukunft ein bisschen langsamer entwickelt hatte als erwartet, war das nicht die Schuld der NASA. Das Geld, der politische Wille – beides hatte es einfach nie in ausreichendem Maß gegeben. Man war zum Mond geflogen, und danach hatte die ganze Sache für die Politik irgendwie den Reiz verloren. Ein anderes Ziel war nicht verfügbar. Der Mars war zu weit entfernt. Niemand interessierte sich für Robotermissionen. Niemand interessierte sich für Orbitalteleskope. Folglich hatte man die NASA sich selbst überlassen. Sie einfach abzuschaffen, wagte kein Politiker, weil die Raumfahrtbehörde irgendwie unabänderlich mit Amerika verzahnt schien. Aber man hatte sie auf eine Minimal-Diät gesetzt. Würde Jerry also jetzt zusammenpacken und zu Blackstone Enterprises Inc. gehen, würde das seinen Ruf bei den Leuten ruinieren, die begriffen, wofür die Behörde stand, den Leuten, die Jerry am meisten am Herzen lagen. Blackstone wollte nichts mehr, als die NASA endgültig zu Fall bringen.

Jerry saß in seinem Büro und sah den Regenwolken zu, die von Westen her aufzogen. Er hatte den Job hier nicht ohne Widerstreben angenommen. Mary Gridley war Cunninghams Wahlkampfmanagerin in Ohio gewesen und hatte später aktiv an der erfolgreichen Wahlkampagne mitgearbeitet, die für dessen Einzug ins Weiße Haus gesorgt hatte. Auf einen Vorschlag des Präsidenten hin hatte Mary dann Jerry angeheuert, der nach einigem Zögern zum Cape gekommen war. Jeder wusste, dass die NASA ein Ticket ins Nirgendwo war. Aber während Jerrys zweieinhalb Jahre an der Space Coast hatte sich seine Haltung geändert, und er war zu einem amtlich bestätigten wahren Gläubigen geworden. Sollte man je wieder ins All ziehen wollen, dann, das wusste Jerry bar jeden Zweifels, war die NASA unverzichtbar.

Barbaras Stimme riss Jerry aus seinen Gedanken, als bräche sie direkt durch die Wolken. »Jerry, Al ist in der Leitung.«

Der erwartete Rückruf. Barbara legte ihn auf den Schirm, und Jerrys Anrufer lächelte unbehaglich. »Ich habe die Transmissionen überprüft, Jerry«, sagte er und starrte auf einen Bogen Papier auf seinem Schreibtisch. »Sie sind echt.« Al stand kurz vor der Pensionierung, und so sah er auch aus. Er war müde und bereit, sich zur Ruhe zu setzen. Sein Schädel glänzte im Lampenschein.

»Okay.«

»Tut mir leid. Ich wünschte, ich hätte Sie vorwarnen können. Aber das ist einfach unmöglich. Wir haben nicht genug Leute …«

»Schon gut, AI.«

»Gibt es sonst noch etwas?«

»Ja, gibt es. Sie könnten mir einen Gefallen tun. Würden Sie mir die vollständige Dokumentation des Myshko-Flugs schicken? Den gesamten Funkverkehr? Alles, was Sie haben?«

»Klar«, antwortete AI. »Vermutlich könnte ich auch einen meiner Leute die Dokumente durchsehen lassen, wenn Sie mir verraten, wonach Sie suchen.«

»Leider weiß ich selbst noch nicht so genau, was ich eigentlich suche, AI.«

»Sie werden es wissen, wenn Sie es sehen?«

»Exakt.«

Al nickte. Runzelte die Stirn. »Jerry.«

»Ja?«

»Naja, ich sag’s Ihnen lieber gleich: Sie verschwenden nur Ihre Zeit damit. Ich habe die Mitschriften gelesen. Die haben nur rumgealbert. Myshko und der Capcom.«

»Wahrscheinlich haben Sie recht, AI. Aber auch wenn es so war, muss ich mich vergewissern.«

»Okay.« Er atmete hörbar ein. »Sie bekommen die Unterlagen heute vor Feierabend.«

Die Myshko-Mission war am 11. Januar 1969 gestartet und am 21. Januar zurückgekehrt. Zweck der Mission war es, diverse Bauteile zu testen und Fotos zu machen. Es war nicht Teil der Operation, eine Mondlandefähre auf die Oberfläche des Erdtrabanten zu schicken, bemannt oder unbemannt.

Wir sind im LEM. Bereit zum Start. Die Bedeutung dieser Worte war unmissverständlich. Es musste einfach ein Scherz gewesen sein. Zweifellos hatte Myshko in der Kabine gegrinst, und der Capcom hatte auf der Erde herzlich gelacht.

Ein paar Scherze zur Entspannung, weiter nichts. Das war die einzige Möglichkeit.

Nur, dass Captain Harkins glaubte, ein paar Steine gesehen zu haben.

Nach der Bemerkung über die Landefähre hatte es vierzig Minuten lang keine weitere Kommunikation gegeben, bis die Kapsel wieder hinter dem Mond hervorgekommen und Funkverkehr wieder möglich gewesen war. Man hatte über die Position, den Kurs, den Status der Lebenserhaltung und den Treibstoffverbrauch gesprochen. Keine weitere Erwähnung der Mondfähre.

Es dauerte keine Stunde, bis die Kapsel erneut hinter dem Mond war. Als sie das zweite Mal wieder hervorkam, fand ein weiterer routinemäßiger Austausch von Informationen statt. Alles funktioniere bestens.

Aber mit einem Mal gab es in der Kapsel eine weitere Stimme.

Die neue Stimme sprach mit Kirby. Alles nur Routinegeschwätz. Position. Kalibrierung von diesem oder jenem. Treibstoffvorrat. Während die Kapsel sich über die Vorderseite des Mondes bewegte, bekam Jerry Myshkos Stimme nicht mehr zu hören. Dann verschwand die Kapsel erneut hinter dem Mond. Jerry spulte vor bis zur nächsten Sichtung. Immer noch die neue Stimme. Ebenso wie bei der nächsten Passage. Und der übernächsten.

Jerry warf einen Blick auf die Begleitdaten, die ihn darüber aufklärten, dass der zweite Sprecher Brian Peters gewesen war, der Pilot der Kommandokapsel. Er war derjenige, der bei einer Landung in der Rakete hätte bleiben müssen, während der Kommandant und LEM-Pilot auf die Oberfläche gingen.

So ging es noch siebenundzwanzig weitere Umläufe. Peters Stimme war die einzige, die über die Funkverbindung hereinkam. Peters Berichte waren alle in Ordnung. Er hielt das Kontrollzentrum über den Status der Lebenserhaltung auf dem Laufenden und sagte gelegentlich etwas darüber, wie wunderschön die Erde von hier aus dem Weltall aussähe.

Dann, beinahe ohne Vorwarnung, kehrte nach fast fünfzig Stunden Myshkos Stimme zurück. »Houston, Crash glaubt, er hätte im Norden Eis gesehen«, sagte er. »Aber wahrscheinlich ist es nur eine Reflexion. Reaction Control hat nicht ganz so funktioniert, wie wir erwartet haben. Aber darüber informieren wir Sie genauer, wenn wir wieder zu Hause sind. Außerdem ist eine Strebe kaputtgegangen. Davon abgesehen ist alles in Ordnung.«

Myshko übernahm auf dem Rückweg den größten Teil der Kommunikation, genau wie auf dem Hinflug. ›Crash‹ war Louie Able, der LEM-Pilot. Er kam offenbar nie auch nur in die Nähe des Bordfunksystems.

Barbara kam herein, um sich zu verabschieden. Sie war eine gut aussehende Brünette, Mutter zweier Söhne. Die beiden waren sechs und sieben Jahre alt und hatten Jerry glaubhaft versichert, dass sie beide Astronauten werden wollten, um irgendwann zum Mars zu fliegen.

Jerry hatte nie geheiratet. Er hatte einfach nie die Zeit dazu gefunden. Oder vielleicht lag es auch daran, dass die einzige Frau, für die er seine Freiheit hätte aufgeben wollen, ihn hatte fallen lassen. Darüber war er im Grunde nie hinweggekommen. Folglich hatte er sich auch nie wieder gestattet, eine ernsthafte Beziehung einzugehen. Aber es gab Abende – und dies war einer davon -, an denen er sich gefreut hätte, wenn jemand zu Hause auf ihn gewartet hätte. Jemand Besonderes.

Jerry wohnte im Norden von Titusville an der Route 1. Seine Eigentumswohnung lag im zweiten Obergeschoss; die Nähe zum Brevard Community College sorgte für eine angenehme Nachbarschaft. Wenn Jerry abends nicht zur Ruhe kam, neigte er dazu, länger zu arbeiten. Im Space Center liefen immer irgendwelche Leute herum, Menschen mit einer Leidenschaft für die Raumfahrt, für die er anfangs Mitleid empfunden hatte: Leute, die anscheinend kein Leben außerhalb der NASA hatten. Irgendwie, im Zuge eines Prozesses, den Jerry nicht nachvollziehen konnte, war er selbst zu einem von ihnen geworden.

Also spazierte er an diesem Abend durch das Gebäude, sprach mit Technikern, die versuchten, dieses oder jenes Problem zu lösen, weil sie, wie sie behaupteten, nicht schlafen könnten, solange es noch auf ihnen laste. Mit Sicherheitsleuten. Mit Buchhaltern, die ebenfalls länger arbeiteten.

In der neuen Ruhmeshalle fand eine Gruppenführung statt. Ungefähr zwanzig Personen, die von einer jungen Mitarbeiterin herumgeführt wurden. Sie erzählte von Gus Grissom, Roger Chaffee und Edward White, was Jerry an die Opfer erinnerte, die die Männer und Frauen bei der NASA zu bringen bereit gewesen waren. Das jagte ihm jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken. Ein wenig bedauerte er, Blackstones Angebot ausgeschlagen zu haben. Diese Erkenntnis, die sich regte, als er gerade durch einen Saal schlenderte, der den Helden der NASA gewidmet war, löste Schuldgefühle in ihm aus.

Vielleicht war es die Mission, die ihn überwältigte, und vielleicht war sie es dann auch, die seine Loyalität verdiente, nicht die Behörde.

Komisch, dass Schritte bei Nacht viel lauter hallten.

Jerry hätte gern mit einem der Astronauten des Myshko-Flugs gesprochen. Aber der Kommandant und Brian Peters waren seit mehr als einem Jahrzehnt tot. Myshko war kurz nach der Jahrhundertwende einem Krebsleiden erlegen, und Peters hatte ein paar Jahre später den Kampf gegen Arterien verloren, die Thromben, Blutfette und Kalk verstopften.

Louie Able war vor vier Monaten bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Er war sechsundachtzig Jahre alt geworden.

Aber Frank Kirby, der Capcom, lebte noch.

Der Capcom, kurz für Capsule Communicator, stellte die wesentliche Verbindung vom Boden zu einer laufenden Weltraummission dar. Normalerweise wurde für diese Aufgabe ein Astronaut herangezogen. Man war dabei von der Annahme ausgegangen, dass niemand besser dafür qualifiziert sei, mit eventuellen Problemen im All umzugehen, als jemand, der bereits dort gewesen sei.

Jerry hatte den Mann kennengelernt, vor ungefähr einem Jahr, als Kirby den Ausflug einer Gruppe von Grundschülern aus Orlando, seinem Wohnort, zur NASA finanziert hatte. Man hatte sich einander lediglich kurz vorgestellt, und Jerry hatte keine Erinnerung mehr an den Mann, abgesehen davon, dass er, umringt von Kindern, recht glücklich gewirkt hatte. Kirby war vor über zwanzig Jahren in den Ruhestand gegangen, war aber offenbar die ganze Zeit in der Gemeinde aktiv gewesen. Er gehörte den Bibliotheksfreunden an; er war führend in dem Bestreben, die Freizeiteinrichtungen für Kinder in der ganzen Stadt zu verbessern; er hatte an einer Kampagne teilgenommen, die sich der Verbesserung von Ampelanlagen zum Schutz blinder Mitbürger verschrieben hatte. Und er engagierte sich als Freiwilliger in einem Frauenhaus.

Als Jerry den Namen am nächsten Morgen Mary gegenüber erwähnte, sagte sie, ja, sie habe Gelegenheit gehabt, mit Kirby zu sprechen, als er im Space Center gewesen war. »Ein vernünftiger Mann«, sagte sie. »Aber ich hoffe, Sie wollen nicht auf das hinaus, was ich gerade befürchte.«

»Es wäre einfach interessant«, meinte Jerry, »sich mit ihm zusammenzusetzen und zu reden. Zu hören, was er zu sagen hat.«

»Ich glaube«, entgegnete sie, »es wäre eine gute Idee, die Finger davon zu lassen. Sollte da irgendwas gewesen sein, dann bezweifle ich, dass Kirby das jemandem erzählen wird, der plötzlich bei ihm auf der Schwelle steht. Lassen Sie es einfach, Jerry!«

Aber so leicht ließ sich Jerry nicht abwimmeln. »Eigentlich wollte ich vorschlagen, dass wir ihn herholen. Wir könnten ihm eine Art Auszeichnung verleihen. Das wäre auch ein geschickter Public-Relations-Schachzug. Im Grunde hätten wir so etwas schon Vorjahren tun sollen. Jemandem, der mit der NASA in Verbindung steht, für seinen Dienst an der Allgemeinheit auszeichnen, das ist doch was! Wir könnten ihn zu einem großen Festakt mit Mittagessen bitten, bei dem ihm dann ein Preis verliehen wird, und es würde uns so gut wie nichts kosten. Wir gehen durch schwere Zeiten, Mary. So etwas könnte die Öffentlichkeit daran erinnern, welche Art von Menschen hier arbeitet.«

Jerry und seine Vorgesetzte saßen in deren Büro. Die Jalousien waren zum Schutz vor der Sonne geschlossen. Mary saß einen Moment regungslos da, ehe sie allen Ernstes anfing zu kichern. »Jerry, glauben Sie wirklich, Kirby wäre dumm genug, nicht zu ahnen, worum es wirklich geht?«

»Naja, Sie wären überrascht, was die Leute alles zu glauben bereit sind, wenn man ihnen erzählt, was sie hören wollen. Ja, ich glaube, damit könnten wir problemlos durchkommen.«

»Okay, sagen wir, dieser Bursche, der einmal ein Navy-Pilot war, einer unserer Astronauten, hat tatsächlich kein Gehirn im Schädel. Er kommt also her, um seine Auszeichnung entgegenzunehmen. Meinen Sie, er könnte sich die Sache vielleicht zusammenreimen, wenn Sie anfangen, ihn nach Myshko auszufragen?«

»Ich werde vorsichtig sein. Ich kann es so drehen, dass er das Thema aufbringt.«

Der Gedanke sagte ihr offensichtlich nicht zu. »Darf ich Sie etwas fragen, Jerry?«

»Natürlich.«

»Wollen Sie andeuten, dass Sie glauben, Myshko wäre tatsächlich auf dem Mond gelandet? Und dann wurde es aus unerfindlichen Gründen geheim gehalten? Ist das Ihre Theorie?«

»Natürlich nicht. Aber irgendetwas ist da passiert.«

»Was? Was soll da passiert sein?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sollte die Myshko-Mission tatsächlich auf der Oberfläche gelandet sein, was könnte es dann für einen Grund geben, es geheim zu halten?«

Im Geiste kehrte Jerry wieder einmal zu Blackstone zurück. Vielleicht sollte er die Sache noch einmal überdenken. Vielleicht sollte er zu Buckys Organisation wechseln. Es wäre einfacher für ihn, wäre Blackstone selbst nicht so widerwärtig. »Vielleicht hat Myshko die Dinge in die eigenen Hände genommen und die NASA damit in Verlegenheit gebracht. Das wäre eine öffentliche Blamage gewesen.«

Mary schüttelte den Kopf. »Absurd. Es hätte vielleicht die NASA in Verlegenheit gebracht, ja, aber eine Mondlandung hätte das mehr als ausgewogen.«

»Was spricht dagegen, es uns herausfinden zu lassen? Wollen Sie den Rest Ihres Lebens damit zubringen, sich zu fragen, ob vielleicht doch etwas vorgefallen ist?«

Mary holte tief Luft. Bohrte die Zungenspitze in die Wange. »Also gut«, sagte sie. »Fädeln Sie was ein! Aber, Jerry …«

»Ja?«

»Tun Sie nichts, was uns hier und jetzt in Verlegenheit bringen könnte!«

Die erste Aufgabe bestand darin, einen Namen für die Auszeichnung zu finden. Jerry verbrachte mehrere Tage damit, NASA-Mitarbeiter, aktive und ehemalige, zu googeln und nach jemandem zu suchen, der sich ernsthaft für das Wohl der Allgemeinheit engagiert hatte. Mary schlug ihm vor, die Suche auf Astronauten zu begrenzen. Aber Jerry sah keinen Grund dazu. Abgesehen von denen, die auf dem Mond gelandet waren, und denen, die im Dienst den Tod gefunden hatten, erfreute sich niemand besonderer öffentlicher Bekanntheit, auch keiner der übrigen Astronauten. Die Wahrheit lautete, dass die Öffentlichkeit nie irgendein Interesse an Flügen gezeigt hatte, die nicht über die Erdumlaufbahn hinausgegangen waren.

Kurz überlegte Jerry, ob er die Auszeichnung nach Kirby benennen sollte. Aber das wäre zu offensichtlich gewesen.

Dann stieß Jerry auf Harry Eastman, die perfekte Wahl. Harry war Computerexperte im Ruhestand und hatte dreißig Jahre für die NASA gearbeitet. Zugleich hatte er sich für behinderte Kinder in Texas eingesetzt. Er hatte eine Stiftung gegründet, um öffentliche Aufmerksamkeit für seine Sache zu erregen. Er hatte Film- und Sportstars hinzugezogen und sie begleitet, wenn sie Krankenhäuser und sonderpädagogische Einrichtungen besucht hatten, um mit den Kindern zu sprechen, ihnen die Hände zu schütteln und Souvenirs zu verteilen. Die Eastman Foundation wurde im Lauf der Zeit zu einem der wichtigsten Spendensammler für acht oder neun Wohltätigkeitsorganisationen. Der Name gefiel Jerry auch: Eastman Award hörte sich einfach elegant an.

Er rief Eastman an und erzählte ihm, wie sehr er seine Arbeit bewundere. »Die NASA würde diese Art von Engagement gern fördern, Harry«, sagte er. »Wir würden uns freuen, wenn Sie uns bei der jährlichen Verleihung einer Auszeichnung an Personen, die mit der NASA in Verbindung stehen, dem Eastman Award, helfen würden. Er soll für besondere Verdienste bei der Unterstützung behinderter Kinder oder misshandelter Frauen verliehen werden. Und was es da sonst noch gibt.«

»Es wäre mir eine Ehre«, sagte Harry, der sich in Houston befand. »Aber die Stiftung hat eigentlich kein Geld übrig. Wie viel würde uns das kosten?«

»Nur die Ehrenplakette, Harry. Mit anderen Worten: nichts.«

»Das ist sehr entgegenkommend, Jerry.«

»Nun ja, ich werde gar nicht so tun, als wären wir da absolut selbstlos. Wir gehen davon aus, dass uns das eine gute Publicity einbringt. Und wir haben ein paar Leute, die sich in ähnlicher Weise wie Sie engagiert haben. Nicht im gleichen Maße, aber …«

»Dann machen wir es!«, fiel Eastman ihm begeistert ins Wort.

»Hervorragend! Wir hätten Sie bei der Vorstellung des Preises gern dabei. Auf unsere Kosten, natürlich.«

Harry lachte. Er war ein schlanker Mann mit grauem Haar, einem schmalen Gesicht und der Art von nach innen gekehrten Zügen, die Jerry mit Menschen in Verbindung brachte, die schlimme Erfahrungen hatten machen müssen und nie ganz darüber hinweggekommen waren. Er fragte sich, wie all die Zeit, die Eastman mit behinderten Kindern verbracht hatte, sich auf ihn ausgewirkt haben mochte. »Ich komme gern. Wann soll das stattfinden?«

Jerry bat seine Stellvertreterin, Vanessa Aguilera, Kirby anzurufen. Er hielt es für das Beste, Distanz zu dem Projekt zu wahren und Kirby seine Beteiligung vorzuenthalten. »Sagen Sie ihm, dass wir während der Eröffnungswochen der Ruhmeshalle etwas Besonderes veranstalten wollen. Und Mary hat vorgeschlagen, wir sollten Leute ehren, die etwas mit der NASA zu tun haben und sich in einer Weise, die nichts mit Raumfahrttechnik zu tun hat, um die Allgemeinheit verdient gemacht haben. So ist der Eastman Award entstanden.«

Vanessa verschwand für ungefähr zehn Minuten. Dann kam sie zurück und erzählte ihm, dass Kirby zugesagt habe. »Er war begeistert«, fügte sie hinzu.

»Hervorragend!«, meinte Jerry.

Vanessa Aguilera hatte weich fallendes, braunes Haar und große blaue Augen. Sie liebte ihre Arbeit und machte sich, wie alle anderen, große Sorgen, dass die NASA untergehen könnte. Es sei, so pflegte sie zu sagen, schön, Arbeit von bleibendem Wert zu tun. Falls die NASA, nein, sobald sie geschlossen werde, wolle sie nicht irgendwo in der Holzindustrie landen oder bei Amtrak im Büro sitzen und sich mit Buchhaltung herumschlagen oder Telefondienst schieben. »Aber Kirby sieht nicht allzu gut aus«, bemerkte sie.

»Wie meinen Sie das?«

»Naja, er ist ziemlich alt. Er sitzt im Rollstuhl, und das Atmen fällt ihm schwer.«

»Tut mir leid, das zu hören. Klingt, als wäre es seit dem letzten Jahr mit ihm arg bergab gegangen.«

»Er hat gesagt, es käme ihm vor wie eine Hauruck-Aktion.«

Verdammt. Das bedeutete, dass Kirby bereits einen Verdacht hegte. Jerry wunderte sich sogleich darüber, dass der ehemalige Capcom dennoch zugesagt hatte. Aber Vanessa beruhigte ihn gleich wieder: »Er denkt, Sie wollen ihn ehren, ehe er abtritt.«

»Oh.« Vielleicht hatten sie doch eine Chance.

»Er scheint ganz nett zu sein«, setzte Vanessa noch hinzu.

Die erste Verleihung des Harry Eastman Awards sollte in der neuen Ruhmeshalle stattfinden, und zwar am letzten Donnerstag des Monats, also in drei Wochen. Jerry überließ die Organisiererei überwiegend Vanessa Aguilera. Dass Leute, die bei den Aktivitäten der NASA im Laufe der Jahre eine bedeutende Rolle gespielt hatten, Sondereinladungen erhielten, darum kümmerte er sich selbst. Er bat auch die Medienvertreter hinzu und stellte einige passende Redenotizen für Mary zusammen.

Danach widmete er sich wieder seiner Routinearbeit: Er kümmerte sich um seinen Blog, der üblicherweise von einem Praktikanten geschrieben wurde; arbeitete an der Online-Präsenz der NASA; organisierte Rednerauftritte für Repräsentanten der Behörde; und er trat selbst in der University of Georgia und der University of Central Florida in Orlando als Redner auf.

Die LEM-Geschichte verkam zu einem kurzlebigen Gag, der glücklicherweise keinerlei Zugkraft entfaltete. Niemand glaubte, dass da etwas dran sein könnte. Wie auch? Selbst Warren Cole, der aus ganz anderen Gründen vorbeikam, lachte nur darüber. »Aber eigentlich ist das schade«, meinte er. »Was wäre das für eine Story gewesen!«

Sie saßen unten in der Kantine. Cole erlaubte sich eine Portion frittierten Fisch mit Pommes frites, während sich Jerry, der stets auf sein Gewicht achtete, mit einem Salat und gegrilltem Huhn begnügte. »Sie sind ernsthaft enttäuscht, richtig, Warren?«

»Etwas, woran ich selbst nie geglaubt habe, kann mich nicht enttäuschen. Haben Sie inzwischen herausgefunden, worüber die gesprochen haben?«

»Nein. Es muss wohl ein Scherz gewesen sein.«

»Ja. Zu schade. Das wäre eine Story gewesen, für die ich echt gemordet hätte.«

Cole war einer von mehreren Reportern, die Jerry dazu benutzte, Storys zu lancieren. Es war stets hilfreich, jemandem eine Exklusivstory anzubieten, wenn man vorhatte, einen oder zwei Tage später eine offizielle Erklärung abzugeben. So konnte man die Presseleute glücklich und sich gewogen machen.

In diesem Fall verfolgte Jerry eigene Interessen. »Da wir gerade von Myshko und dem LEM sprechen«, sagte er beiläufig, »wussten Sie, wer der Capcom auf der Erde war?«

Cole dachte kurz nach, zuckte mit den Schultern. »War vor meiner Zeit.« Er studierte seinen Teller. Zuckte noch einmal mit den Schultern. »Warum fragen Sie, Jerry? Ist das irgendwie wichtig?«

»Nein.« Jerry nahm einen großen Happen von seinem Salat, kaute und schaute zum Fenster hinaus. Es war ein trüber, kalter Tag.

»Warum haben Sie dann gefragt?«

»Sein Name ist Frank Kirby.«

»Er lebt noch?«

»Haben Sie das Informationsblatt zum Eastman Award erhalten?«

»Ja.«

»Kirby ist der Preisträger des ersten Awards.«

Cole hatte früh eine Glatze bekommen, nur ein schmaler Kranz brauner Haare umrahmte seinen Schädel. Nun rieb er sich mit Daumen und Zeigefinger die Stirn und anschließend die Schläfen. »Die Story ist tot, Jerry. Sie haben doch nicht vor, sie wieder hochzuspielen, oder?«

»Natürlich nicht. Ich frage mich allerdings, ob Kirby weiß, wie kurz er davorgestanden hat, den Medien eine Jahrhundertstory zu liefern.«

Cole verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. »Wir sollten die ganze Geschichte vergessen.«

Jerry lächelte. »Ganz meine Meinung, Warren.«

»Haben Sie das noch jemandem erzählt?«

»Nein.« Jerry machte eine Wissenschaft aus dem Umgang mit den Medienleuten. Cole würde niemandem etwas verraten. Aber am Tag der Preisverleihung würde er sich nicht mehr zurückhalten können. Er würde die Tür aufstoßen, die Jerry ihm gezeigt hatte.

Als sie mit dem Essen fertig waren, übernahm Jerry die Rechnung für sie beide.

3

Morgan Blackstone blickte aus dem Fenster seines Büros und war zufrieden. Auf der linken Seite nahm Blackstone Enterprises eine Fläche von etwa vier Hektar ein, rechts, dreißig Stockwerke hoch, als wollte es nach dem Himmel greifen, befand sich das Gebäude von Blackstone Development. Dazwischen stand der äußerlich schlichteste und doch wichtigste Teil des Unternehmens, Blackstone Innovations.

Es ist erstaunlich, ging Bucky bei diesem Anblick durch den Kopf, wohin ein Hundertzehn-Zentimeter-Busen führen kann. Die Eigentümerin dieses Busens hatte er mit knapp zwanzig Jahren an einem Strand kennengelernt und sie überredet, nackt in seinem Studio zu posieren (nicht, dass er ein Studio gehabt hätte; er mietete ganz einfach die ungenutzte Garage eines Freundes). Als ihm niemand den, wie er dachte, angemessenen Preis für die Fotos bezahlen wollte, beschloss er, sie selbst zu veröffentlichen. Er überzeugte ein paar Bekannte, Geld zusammenzulegen. Geld zu beschaffen war ihm noch nie schwergefallen. Zwei Monate später veröffentlichte er die erste Ausgabe von Suave. Zu jener Zeit hatte er sich ein Zimmer mit Chuck Bestlers Sohn geteilt. Bestler war damals ein viel gelesenen Autor hartgesottener Krimis. Nachdem Bucky seinen Zimmergenossen dazu gebracht hatte, in das Projekt zu investieren, hatte der dann seinen Daddy überredet, den Aufmacher zu schreiben. Blackstone hatte Bestler fünf Prozent des Magazins verkauft, und Bestler , der den Profit schon riechen konnte, brachte all seine Freunde aus dem literarischen Umfeld dazu, ebenfalls einen Beitrag zu leisten, und schon war das Magazin ein Hit. Blackstone, der ein Ende einer Kamera kaum vom anderen unterscheiden konnte, heuerte zwei Topfotografen an, die jeweils über einen ganzen Stall von Hundertzehn-Zentimeter-Modellen verfügten. Und so wurde Morgan Blackstone lange vor seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag zum Multimillionär.

Seinen Namen hatte er nie gemocht. Also schuf er eine neue Persona, staffierte sich aus wie ein Cowboy (allerdings mit der Art von Pseudo-Cowboymontur, wie man sie in Manhattan in der Park Avenue bekam) und unterschrieb all seine Anzeigen und Editorials mit ›Bucky‹. Name und Image blieben kleben, und von da an war er nur noch Morgan, wenn es um Verträge oder Steuererklärungen ging. Als Bucky dreiundzwanzig wurde, war ihm das Magazin schon langweilig geworden. Er wusste, es warteten größere Herausforderungen auf ihn. Auf keinen Fall wollte er als achtzigjährige Peinlichkeit enden, so wie Hugh Hefner es getan hatte: ein verhutzelter alter Mann, der sich aufführte, als wäre er fünfunddreißig, und sich einbildete, die Leute würden sich immer noch für seine Vorstellung vom guten Leben interessieren.

Damals waren gerade einige nette kleine Kriege im Gange, und etliche Marionettenregierungen erhielten Hunderte von Millionen Dollar von den Herren im Hintergrund (soweit es Günstlinge der Vereinigten Staaten betraf, waren das immer gute Herren im Hintergrund). Bucky sah keinen Grund, nicht zumindest einen Teil des Bedarfs an Kriegsgütern zu decken. Also stellte er eine Million Dollar aus eigenen Mitteln bereit und sammelte weitere fünfzehn zusammen (dieses Mal allerdings als hochverzinste Darlehen, nicht als Kaufpreis für Teile seines Unternehmens), und bald versorgte er sämtliche interessierten Parteien mit Waffen.

Als ihm die negative Publicity aufzustoßen begann, mit der sich seine Konkurrenten herumschlagen mussten, zahlte er seine Kreditgeber aus. Niemand sollte auf seinen breiten Schultern abladen können, was die öffentliche Meinung Geschäften wie diesen möglicherweise anlasten wollte.

Als Nächstes folgte die Erfindung eines wassergetriebenen Motors. Er funktionierte nicht. Trotzdem brachte Bucky General Motors, Ford, Chrysler, Toyota, Honda, Mercedes und BMW dazu, rasch hundert Millionen zusammenzulegen, um ihm die Rechte abzukaufen und den Motor vom Markt fernzuhalten.

Bucky machte sich daraufhin Gedanken über sein nächstes Projekt. Er analysierte seine Erfolge und kam zu dem Schluss, dass er weitgehend ›Wee Willie‹ Keelers altem Diktum aus dem vorangegangenen Jahrhundert gefolgt war: schlag zu, wo der Gegner nicht aufpasst! Niemand hatte in den eineinhalb Jahrzehnten vor Erscheinen der Suave ein erfolgreiches Männermagazin auf den Markt gebracht; niemand hatte die Chuzpe besessen, Waffen an kriegführende Bananenrepubliken in dieser Hemisphäre zu verhökern, und über ein halbes Jahrhundert lang hatte niemand die Automobilindustrie erpresst oder in Angst und Schrecken versetzt. Der Letzte, der das geschafft hatte, war Tucker gewesen, und das war nicht ganz das Gleiche. Denn Tuckers Wagen hatte funktioniert.

Bucky suchte also nach einer anderen Ecke des Marktes, wo ›der Gegner‹ nicht aufpasste. Es dauerte nicht lange, da stellte er fest, dass die einzelnen Bundesstaaten der USA durchschnittlich mit guten fünf Milliarden Dollar verschuldet waren – einige der größeren Verschwender wie Kalifornien, Illinois und New York sogar mit deutlich über fünfzig Milliarden.

Wie konnten diese Staaten schnell zu Geld kommen, da die Bundesregierung nicht vorhatte, sie herauszuhauen? Ganz einfach: Sie mussten lediglich das Glücksspiel legalisieren. Einige der eher religiös orientierten Teile der Wählerschaft würden sich lauthals beschweren. Aber manch ein Politiker würde dagegenhalten, dass sogar Kirchen Bingo-Abende veranstalteten, um Geld zu sammeln. Außerdem bestand die Alternative darin, Bankrott anzumelden. Und binnen eines Jahres, in dem Bucky in diversen Hauptstädten, dort, wo es am besten aufgehoben war, Geld verteilt hatte, hatte er Luxuskasinos in North Dakota, New Mexico, South Carolina und Wyoming erbaut und war Hauptanteilseigner einer fantastischen neuen Rennbahn in Montana geworden.

Als sich fünf Jahre später der Staub gelegt hatte, war Bucky kein Millionär mehr, auch kein Multimillionär. Er war zum Milliardär aufgestiegen und ging davon aus, dass er binnen nicht einmal eines Jahres seine zweite Milliarde beisammenhätte.

Wieder sah Bucky sich nach dem gleichen Prinzip wie zuvor um und versuchte, herauszufinden, wo es sich in diesem Jahr lohnen könnte, zuzuschlagen, weil niemand aufpasste. Die Landschaft war voll von Unternehmen und Innovationen. Zum ersten Mal seit Langem wusste er nicht, wie sein nächster Zug aussehen könnte.

Bis er den Blick gen Himmel richtete.

Da wusste er es. Dort lag das größte unberührte Ziel von allen. Menschen waren 1969 auf ihm gewandelt, und die Sterne hatten der Menschheit gehört. Eine Kolonie auf dem Mond bis 1990, auf dem Mars bis 2010, dann die Monde des Jupiter, und bis 2030 hätte man bestimmt eine Möglichkeit entdeckt, Einsteins Theorie zu umgehen, und wäre im Eiltempo unterwegs zu den Sternen.

Die Wissenschaft meinte, dergleichen wäre nicht möglich; es gebe Gesetze, die das Universum regierten. Aber Bucky wusste, er entstammte einer Gattung von Gesetzesbrechern. Sag einem Menschen, etwas sei nicht machbar, und er wird schon aus bloßer Gemeinheit alles daran setzen, das Gegenteil zu beweisen!

Mars, die Satelliten der äußeren Planeten, die Oortsche Wolke, man würde sie alle erreichen, aber zuerst wäre der Mond dran. Die Regierung hatte nie Interesse an dem Erdtrabanten gezeigt; sie hatte ihn nur erreichen wollen, ehe die Russen es getan hätten. Folglich hatte man ihm schon vor langer Zeit den Rücken zugekehrt, und es war Zeit, endlich die angedachten Kolonien dort oben zu erbauen. Es würde ein Bergbauprogramm geben und ein Minimalschwerkraftkrankenhaus für Herzpatienten (Bucky würde sich noch einen Weg überlegen müssen, sie dorthin zu schaffen – aber bitte, alles zu seiner Zeit!), eine Sternwarte und eine Tankstation für Flüge zum Mars und vielleicht zur Venus. Zumindest wenn es Buckys Firmen gelänge, Raumanzüge zu entwickeln, die der Hitze standhielten. Dann nach Io, Europa und Ganymed.

Und weil Bucky wusste, dass dies sein letztes großes unternehmerisches Abenteuer werden würde, weil er wusste, dass er den Rest seines Lebens daran arbeiten würde, beschloss er, nicht nur Aushängeschild zu sein, sondern alles von der Pike auf zu lernen. Er verbrachte einige Zeit in der Public-Relaüons-Abteilung, erwarb einige grundlegende Laborkenntnisse; ja, er unterzog sich sogar einem Astronautentraining (obwohl ihm der Begriff ›Astronaut‹ ganz und gar nicht gefiel. Er wollte ein eigenes Wort dafür, vorzugsweise eines, dass ›Bucky‹ oder ›Blackstone‹ enthielte).

Bucky überlegte sogar, ob er sich selbst um ein politisches Amt bewerben sollte, um die Rückkehr ins All voranzutreiben. Sein Name war bekannt genug; er war ein gut aussehender Self-made-Milliardär, und er und seine beiden Exehefrauen – die beide über herausragende Attribute verfügten – schmückten Woche für Woche die Supermarktgazetten. Aber als Senator wäre er nur einer einer ganzen Hundertschaft und müsste fünfzig überaus unabhängige – und häufig auch überaus dumme – Männer und Frauen überzeugen, in seinem Sinne zu stimmen. Sodann müsste er hoffen, dass zweihundertachtzehn Abgeordnete zustimmten und schließlich, dass der Präsident kein Veto einlegte. Bucky könnte sich auch um die Präsidentschaft bewerben, und er war überzeugt, er könnte gewinnen. Aber das zu organisieren und die Mittel zu beschaffen würde drei oder vier Jahre Zeit kosten. Aber Bucky wollte nicht drei Jahre Zeit für die Politik verschwenden, die er dem Mond widmen könnte. Gut, er hätte den Wahlkampf auch aus eigener Tasche finanzieren können. Aber er wollte nicht, dass man später vielleicht noch behauptete, er habe sich die Präsidentschaft gekauft.

Statt also Regierungsmitglied zu werden, beschloss Bucky, die beste Herangehensweise wäre es, in Konkurrenz zur Regierung zu treten. Sein Plan war also, genau das zu tun, wofür die Regierung zu bankrott, zu zögerlich oder zu ängstlich wäre. Er würde auf den Mond zurückkehren und ihn für die Blackstone Corporation einfordern (und ganz nebenbei für die Vereinigten Staaten von Amerika).

Zunächst fand Bucky beim Kongress keinerlei Beachtung, und die Presse machte sich über sein ambitioniertes neues Projekt lustig. So ging es ungefähr sechs Monate lang, bis zum ersten erfolgreichen Suborbitalflug seiner Firma. Innerhalb des nächsten Jahres hatte ein Blackstone-Raumschiff bereits einen Orbitalflug absolviert – immerhin gab es die Technik bereits seit einem halben Jahrhundert. Plötzlich kam der Kongress zu dem Schluss, dass Morgan es wohl doch ernst meine und das Projekt dringend der Beaufsichtigung durch die Legislative bedürfe.

Bucky war natürlich anderer Ansicht. Nicht lange, und er fand sich im Zentrum einer Abschreckungskampagne wieder. Er wolle Raketen auf dem Mond stationieren, hieß es, und sie auf die Feinde der USA abschießen. Die Öffentlichkeit war einverstanden. Aber er könne das Ziel verfehlen und stattdessen Omaha oder Charlotte oder Seattle treffen. Die Öffentlichkeit lachte. Er habe einen geheimen Pakt mit Hector Morales geschlossen, Paraguays irrem Diktator, und ihm versprochen, er bringe ihn auf den Mond, ehe sich die geknechteten Massen gegen ihn erheben und ihn töten könnten. Und was, so fragte die Öffentlichkeit, sage das wohl über Bucky Blackstone aus?

Endlich gab die Regierung nach und versuchte es auf eine andere Art. Man sei unendlich stolz auf den lieben Freund und mustergültigen Bürger Bucky Blackstone, so ließ man verkünden, und man werde alles tun, um ihn zu unterstützen.

»Ihr könnt damit anfangen, mir verdammt noch mal aus dem Weg zu gehen!«, ließ Bucky über seine Sprecher verlauten.

»Wir sind auf Ihrer Seite«, erklärte die Regierung. »Wir haben diverse Kenntnisse und Erfahrungen, die wir mit Ihnen teilen wollen.«

»Behaltet sie!«, gab sein Sprecher zurück. »Und«, fügte Bucky hinzu, »ich wette um eine Million Dollar, dass ich den Mond vor euch erreiche.«

Endlich begriff die Regierung, dass sie es nicht mit einem Menschen zu tun hatte, der ihrer Vorstellung von einem Teamplayer entsprach, und ließ ihn in Ruhe. Die Regierung versuchte noch, die Medien zu überreden, das Gleiche zu tun. Aber selbst die Presseleute, die sich dem Präsidenten gegenüber üblicherweise als die schleimigsten Speichellecker erwiesen, konnten den endlosen Geschichten über den Cowboy-Milliardär nicht widerstehen, der Washington in die kollektive Suppe gespuckt hatte und damit durchgekommen war.

Alle Mitarbeiter der Blackstone Corporation jubelten und gratulierten sich gegenseitig. Nun ja, alle bis auf Bucky selbst. Er wusste zu gut, wie schnell sich das Glück wenden konnte, ganz besonders auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet.

Noch mehr war nötig, um mit seinem Plan Geld zu machen. Jedermann liebte die Vorstellung, dass ein Cowboy der Regierung trotzte. Aber das konnte Bucky Blackstone nicht jeden Tag tun, und täte er es, würde es schnell langweilig. Er war vorausblickend genug zu sehen, dass er an dem Tag, an dem er den Mond erreichte und zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren wieder ein Mensch auf der Oberfläche wandelte, ein Held wäre. Aber schon einen Monat später würde auch diese Großtat nur Gähnen provozieren, genau wie beim ersten Mal. Es sei denn, er entdeckte ein paar lilafarbene Menschenfresser. Der Anblick von ein paar Steinen reichte jedenfalls nicht, die Menschen vor Begeisterung um den Verstand zu bringen, ganz gleich, von wo sie kämen.

Und dann tauchten diese kleinen Hinweise auf den Myshko-Flug auf. Mikroskopische Hinweise zunächst … aber sie hörten nicht auf. Irgendetwas an dieser Mission war nicht koscher.

Das Problem war, dass dieser Flug bereits 1969 stattgefunden hatte und ein halbes Jahrhundert nicht mehr erwähnt worden war. Die Myshko-Mission hatte die Apollo-11-Mission nicht verhindert, nicht einmal verzögert. Nie war etwas anderes dahinter vermutet worden, als man hatte verlauten lassen: eine der Mondlandung vorgelagerte Mission, eine Mondumrundung, bei der aber nie eine Landung vorgesehen gewesen sei. Sollte damals etwas Gefährliches entdeckt worden sein, etwas Ungewöhnliches, war davon nie etwas ans Licht gekommen. Falls man damals Gründe dafür gefunden hatte, Neil Armstrong keinen riesigen Sprung für die Menschheit machen zu lassen, dann hatte die Myshko-Mission darüber geschwiegen oder diese Gründe nicht ernst genommen. Die Apollo-11-Mission war dann ja auch tatsächlich abgelaufen wie am Schnürchen.

Schließlich zog Bucky Ed Camden hinzu, der seit einem Jahr als sein erster Sprecher fungierte.

»Haben Sie mehr darüber gehört?«, fragte er, entzündete eine Zigarre und bot Camden ebenfalls eine an. Der Pressesprecher lehnte jedoch ab.

»Worüber, Sir?«

»Über die Myshko-Mission natürlich.«

Camden schüttelte den Kopf. »Ich habe mit meinen ehemaligen Kollegen in der NASA und anderswo gesprochen. Aber niemand weiß etwas darüber. Die meisten halten es für eine Finte, mit der Ihre Freunde im Pentagon und im Weißen Haus Sie von Ihrem Vorhaben abbringen wollen.«

»Dann haben sie verdammt gute Arbeit geleistet«, gestand Bucky. »Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, Ed. Die Logik sagt mir, dass nichts dahinterstecken kann, weil es ganz eindeutig keinerlei Auswirkungen gegeben hat. Wir aber leben in einem Universum von Ursache und Wirkung. Keine Wirkung? Dann hat es vermutlich auch keine Ursache gegeben.«

»Da haben Sie Ihre Antwort doch, Sir«, meinte Camden.

»So scheint es«, stimmte Bucky zu. Dann legte er plötzlich die Stirn in Falten. »Aber zum Teufel, Ed, niemand im Pentagon oder in der NASA ist raffiniert genug, um zu so einem Trick zu greifen.

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