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Das Buch von T(H)ale

DANKE

Danke

meinen Testlesern, meiner Familie, meinen Freunden und Gefährten

Danke

meiner Tochter Katharina und meiner Cousine Alexandra

Danke

Balbala, I.D., Maria-M.G. und Pfr. Matthias

Danke

Baby und all´ den anderen Lebensgeistern und Weltenwanderern

Danke

Mutter Erde, der Schöpfung,

dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geist

für

Glauben, Kritik, Mut, Vertrauen, Zutrauen

Erfahren, Tränen, Lachen, Geduld, Erkennen, Gaben

Freude, Freiheit, Frieden

Leben.

INHALT

PROLOG REFLEXION

TEIL  1  „MINIMUS“

TEIL  2  „ANULARIS“

TEIL  3  „MEDIUS“

TEIL  4  „INDEX“

TEIL  5  „POLLEX“

EPILOG PROJEKTION

FIGUREN UND ERKLÄRUNGEN

THOMAS HELGERTH „SERVUS“

PROLOG

REFLEXION

TEIL 1

„MINIMUS“

KAPITEL 01:

HAINBUCHE UND EULE

KAPITEL 02:

KENNENLERNEN

KAPITEL 03:

UNRUHE

KAPITEL 04:

SILVER

KAPITEL 05:

BLAU

KAPITEL 06:

STILLE

KAPITEL 07:

WASSER

KAPITEL 08:

LEBENSFREUDE

KAPITEL 09:

BEDROHUNG

KAPITEL 10:

LEBENSELIXIERE

KAPITEL 11:

LIEBE

KAPITEL 12:

ERFAHREN

KAPITEL 13:

ERKENNEN

KAPITEL 14:

ULME UND OTTER

KAPITEL 15:

GOLD

KAPITEL 16:

VERTRAUEN

KAPITEL 17:

GEFÄHRTEN

KAPITEL 18:

NORDWÄRTS

KAPITEL 19:

YGGDRASIL

TEIL 2

„ANULARIS“

KAPITEL 01:

FLIEGEN

KAPITEL 02:

ZUVERSICHT

KAPITEL 03:

AKZEPTANZ

KAPITEL 04:

REVIERGESANG

KAPITEL 05:

AL-GURAB HOTAH

KAPITEL 06:

SCHMIEDEN

KAPITEL 07:

DERSPÄHER

KAPITEL 08:

NEBELLEBEN

KAPITEL 09:

FORT!

KAPITEL 10:

BESTIMMUNG

KAPITEL 11:

TRÄUMEN

KAPITEL 12:

ERWACHEN

TEIL 3

„MEDIUS“

KAPITEL 01:

STURM

KAPITEL 02:

ANFLUG

KAPITEL 03:

VERFÜHRUNG

KAPITEL 04:

HINGEBUNG

KAPITEL 05:

GROTTENDÄMMERUNG

KAPITEL 06:

AUFFÜHRUNG

KAPITEL 07:

END/TFÜHRUNG

KAPITEL 08:

STRANDMÜLL

KAPITEL 09:

VERMITTELN

KAPITEL 10:

FRIEDENAUFERDEN

KAPITEL 11:

ALLEIN

TEIL 4

„INDEX“

KAPITEL 01:

PARADIES

KAPITEL 02:

RANSON

KAPITEL 03:

SONNENBRAND

KAPITEL 04:

PILGERN

KAPITEL 05:

LEBENSWERT

KAPITEL 06:

LEBENSGABE

KAPITEL 07:

VIERBEINERSPIELE

KAPITEL 08:

LEBENSKINDER

KAPITEL 09:

LEBENSGEISTER

KAPITEL 10 :

LEBENSHILFE

KAPITEL 11:

LEBENSRETTUNG

KAPITEL 12:

LEBENSLOS

TEIL 5

„POLLEX“

KAPITEL 01:

WELTENFLIEGER

KAPITEL 02:

RANGKOR

KAPITEL 03:

DA

KAPITEL 04:

TECHNICHT

KAPITEL 05:

FALKENVERSENKEN

KAPITEL 06:

UMLEITUNG

KAPITEL 07:

TALE

EPILOG

PROJEKTION

FIGUREN UND ERKLÄRUNGEN

TH OMAS HELGERTH „SERVUS“

PROLOG

REFLEXION

 

Gehetzt. Verjagt. Gejagt.

Er durchstreifte mit seiner Familie und den Rest seiner Gefährten die verbliebene, übriggebliebene natürliche Vegetation.

Was war aus diesem Stück Erde geworden?!

Glaspaläste, Betonburgen.

Wohin man sieht, Hektik, Machtgier, Besitzzurschaustellung, Events. Leblose Zweibeiner, beschäftigt mit virtueller, nicht realer Kommunikation. Nichtreale Existenz. Kein Leben. Kälte, Konsum, Kapital.

Erlebnistage, Computerchecks, Soundchecks, Moneychecks, Lovechecks, Lifechecks.

Strukturiert, organisiert, systematisiert.

Dieses schwarze Utopia!

Er wurde geschlagen, geächtet, verfolgt.

Er, seine Familie, seine Sippe, seine Gefährten.

Es fing wieder an.

Man duldete keine Wesen wie ihn.

Man duldete keine ungezwungene Freude, keine Freiheit.

Man ließ ihnen keinen Frieden.

Nahezu seinen ganzen Stamm hatte man ausgerottet, aufgespießt, abgeschossen, zerlegt und gehäutet.

Nur er mit seiner Familie und einigen Gefährten waren noch übrig.

Diese Welt, diese so fortschrittliche Welt, dieses Utopia, wollte ihn nicht und ließ ihn nicht zu.

Versteckt in den noch wenigen lebenden Wäldern ruhte er nun.

Nacht, Mond, Sterne.

Er blickte zum Himmel hinauf.

Dunkel war die Nacht, dunkelblau.

Voll war der Mond. Voll war er und strahlte ihn an.

Die Sterne glitzerten und blinkten.

Die Sterne begannen sich zu bewegen, zu tanzen, zu kreisen. Sie wurden zu einer hellen Krone.

Die Krone wanderte zum Mond.

Sie wurden eine Einheit. Sie wurden zum gekrönten Haupt.

Und er vernahm eine Stimme.

„Breche auf! Nimm deine Familie, deine Sippe, deine Gefährten und flieht! Brecht auf! Wandert weit weg von hier. Ihr seid in Gefahr!

Ein schwarzer Drache wird emporsteigen.

Mit grellen, gelben Augen und einem blutroten Diadem auf der Stirn. Er wird aufsteigen und Feuer speien. Er wird euch suchen. Dich, deine Familie, deine Gefährten, deine noch ungeborenen Söhne. Er wird Verderben und Schrecken über diesen Erdteil bringen. Flieht! Weit weg! Nach Norden.

Geht auf den höchsten Berg und harret der Dinge.

Dieses Land, wie ihr es heute noch kennt, wird schon bald so nicht mehr sein. Doch übrig wird bleiben eine Insel. Euer neues Revier. Vielleicht gar eine Heimat. Ein neues Leben!“

Und er floh mit seiner Familie und seinen Gefährten.

Er kam an einem Baum vorbei. Einen großen, mächtigen Baum, der alle anderen Bäume um ihn herum überragte. Stolz, edel, fest stand der Baum auf seiner Anhöhe.

Ein starker Ast senkte sich, berührte ihn und streckte seine mit Nadeln besetzten Zweige von sich nach Norden. Der Baum wies ihm den Weg, seinen Weg.

Dann nach einer langen mühevollen Reise sah er ihn, den gesuchten Berg. Da hinauf musste er! Da hinauf, vorbei an dem weißen Feld, wo Feuer so klar ist wie Wasser, und, wenn es an der Oberfläche erlischt, es wirkt, als sei der Boden schneebedeckt und mit weißen glitzernden Kristallen überzogen. Durch die Wolkenkette hindurch, hinein in die goldene Halle, hin zum Thron Oldolengos.

Und er stieg auf, mit seiner Familie und seinen Gefährten.

Von hoch oben, vom Gipfel des Berges sahen sie herab.

Und sie sahen, was geschah mit Utopia, diesem Land der Zukunft.

Sie sahen, was geschah mit den Pflanzen und Tieren.

Sie sahen, was geschah mit den Zweibeinern, deren Reichtümern und deren Zukunft.

Der schwarze Drache flog über die Landstriche hinweg. Grelle gelbe Blitze entluden sich aus seinen Augenschlitzen. Seinem aufgerissenen Rachen entfuhren Schwalle von Rauch und Hitze.

Der Drache schickte seinen verderbenbringenden Gehilfen, schickte Tsurnam. Turmhohe dunkle Wassermassen voller Schlamm und Geröll überzogen das Land. Drangen vor, immer weiter, drangen weit vor.

Und dann begann der Berg, begann Oldolengo zu kämpfen.

Oldolengo entsandte aus dem weißen Feld seine brennende, frohlockende Macht. Er warf Tsurnam sein Innerstes, seine Leidenschaft, sein Feuer entgegen. Sein glühendes, flammendes Lebenswasser.

Und Tsurnam wurde getroffen und erstarrte in Dampf und Rauch.

Zurück blieb schwarzes Gestein, unbeweglich, zermahlen, gekörnt. Die Fluten wichen zurück und ließen den verbliebenen Rest des einstigen Utopias frei.

Zurück blieb eine Insel. Geboren aus dem Kampf der Urgewalten, aus einem Kampf zwischen Gut und Böse.

Und als Mahnmal dieses Gefechtes blieb an der Küste dieser Insel, am sogenannten dunklen Strand, ein smaragdgrüner See zurück, angereichert mit dem Salz dieser neuen Welt.

All das sahen und beobachteten er mit seiner Familie und seinen Gefährten. Und sie sahen sich an und besahen ihr neues Revier, ihre neue Heimat und ihr neues Leben.

Und sie begannen zu singen.

Ein leichter Nordwind kam auf und mit ihm erklangen die Lieder Tales. Voller Hoffnung und Zuversicht, voller Leben und Liebe, voller Freude, Freiheit und Frieden.

Seine Augen erstrahlten.

Das eine orangefarben, das andere blau.

TEIL 1

„ MINIMUS “

KAPITEL 1:

HAINBUCHE UND EULE

Es war einmal in einem fernen Land namens Tale.

Eine Hainbuche stand in ihrer Blätterpracht auf einer grünen Lichtung und überschaute so das Ganze um ihr herum.

Sie war zufrieden mit sich selbst und strahlte durch ihre Erhabenheit eine angenehme Ruhe aus.

Aber sie war auch ein zentraler Ort auf dieser grünen Wiese, wo sich gerne Hase und Igel, Reh und Hirsch begegneten, um sich zu unterhalten, vor Unwetter Zuflucht suchten oder sich im Schatten der Buche ausruhten, um neue Energien zu schöpfen.

So stand sie nun da und lächelte die Welt an, zufrieden mit sich und erhaben zugleich.

Eines Tages kam ein leichter Nordwind auf und es erklangen Töne von Liedern aus uralten Zeiten. Sie klangen sanft und schreiend zugleich, sie waren laut, umgarnend und weich. Sie erzählten von Trauer, Freude, Hoffnung und Liebe, der Sonne und der Nacht, dem Mond und den Sternen, fernen Ländern, Hügel und Wäldern.

So stand sie nun da, die Hainbuche. Ihre Blätter und ihr erhabenes Geäst begannen langsam vor Aufregung, vor Neugier und natürlich vom leichten Nordwind berührt, sich zu bewegen.

Allzu gerne würde sie sich nun strecken und über die Lichtung um die anderen Bäume und Berge herum blicken, um zu erspähen, woher diese wunderbaren Klänge kommen. Doch ihre Wurzeln waren tief, ihr freier und zentraler Platz auf dieser grünen Wiese so bedeutsam, dass die Hainbuche nun in ihrem Zwiespalt überlegte, was zu tun sei.

So wendete sie sich an ihre Eule, die schon ewig in/bei ihr wohnte und somit die beste Freundin war.

„Oh du liebe kleine Eule, du mein starker und weiser Drache, hörst du sie auch, diese zarten Klänge, die wunderschönen Worte? Spürst du auch diesen erregenden Lufthauch?“

„Ja, wohl war, seit Tagen bring ich von diesem Getöne kein Auge mehr zu! Wird Zeit, dass es endlich aufhört, ich meine Sinne beisammen habe und wieder ruhig schlafen kann!“ So sprach die Eule leicht trotzig, etwas in ihrer Eitelkeit gestört, aber auch ähnlich neugierig wie die Buche, wenngleich sie dies ungern zugeben wollte.

„Kannst du nicht erkunden, woher die Lieder erklingen?“ fragte die Buche ihre beste Freundin. Denn die Eule war weise, klug in ihren Abenteuern, mutig und stark wie ein Drache, und vor allem sie hatte Flügel, um so gerne zu wandern von einem Ort zum andern.

„Hm“, meinte die Eule, „mal schauen. Was bietest du mir dafür? Kann ich vielleicht einen größeren Bau im Schutz deiner Äste und deinem Laub haben? Vielleicht etwas mehr oben, so dass auch ich die Wiese besser überblicken kann?“

Natürlich war auch die Eule nun vollends neugierig geworden und ihr Gefieder zum Fliegen schon längst gereizt. Doch in ihrer Art war sie auch etwas berechnend und eitel und wollte nicht so ohne weiteres kleinbeigeben.

„Das ließe sich schon aushandeln“, erwiderte die Hainbuche ebenso zögernd und – ohne sich aufgrund ihres Laubes keine Blöße zu geben – etwas trotzig. Denn Hainbuche und Eule waren in ihrem Wesen nahezu gleich.

Schließlich einigte man sich auf einen größeren Bau, hoch oben im Geäst, wobei natürlich dann die Eule der Hainbuche ihre Krone besser sauber halten und von Schädlingen befreien konnte.

So flog die Eule los gen Norden, woher der Wind leicht wehte und die Lieder erklangen.

Die Sonne ging langsam unter.

Doch das Lächeln der Eule auf ihren Wegen blieb.

KAPITEL 2

KENNENLERNEN

Unbeirrbar, mit weit ausgespannten Flügeln, ließ sich die Eule durch die Nacht treiben, geleitet von den Sternen am Firmament, den Gesang und den Wind von vorne spürend.

Langsam brach ein neuer Morgen an und die aufgehende Sonne ließ den Tau erglänzen. An diesem ruhigen Morgen, denn der Wind hatte sich gelegt und schlief noch. Auch der Gesang war seit einiger Zeit verklungen.

Die Eule wurde müde, etwas hungrig und durstig.

Da sah sie, von einigen Felsen und Hügeln umgeben, einen kleinen Bachlauf.

Das Wasser darin war eigenartig blau und in den angrenzenden Gräsern tummelte sich allerlei Nahrung.

„Was für ein herrlicher Platz für eine Rast, um sich zu erholen und neue Energien zu tanken!“ frohlockte die Eule. „Jetzt fehlt nur noch ein passender Baum, worauf ich mich in dessen Schutz niederlassen kann.“

Und da entdeckte sie ihn auch! Und was war das für ein Gehölz! Gewohnt war die Eule auf jeden Fall was anderes! Sehr ungewöhnlich!

Der Stamm und die Rinde im Laufe der Jahre etwas angekratzt und leicht bemoost. Die Blätter zwar schön und groß, doch im Gegensatz zu ihrer Freundin bei weitem nicht so dicht.

Und die Äste!

Nach allen Richtungen weisend, mal nach oben und … mal sogar nach unten! Bei weitem nicht so sauber, erhaben und rein wie ihre geliebte Hainbuche. Fast schon rebellisch!

„Ach was soll´s, besser als im Gras zu sitzen ist er allemal, dieser Kunsthaufen!“ seufzte die Eule und flog in Richtung Baum.

Da ihre Augen am Morgen nicht mehr so scharf waren wie noch in der Nacht, und auch ihre Sinne sich bereits ein wenig ermüdet hatten, bemerkte sie nicht den Falken, der schon länger über ihr kreiste.

Kurz bevor sie sich auf einen dieser krummen Äste niederlassen wollte, kam der Falke von oben herab im Sturzflug auf sie zugestochen. Doch in seiner gierigen Hast, stach er von Richtung Sonne auf die Eule zu.

Diese – trotz ihrer nur noch 5 statt 7 Sinne – spürte den drohenden Schatten von oben kommend, machte mit letzter Kraft einen Federschwung und landete so unter einem krummen Zweig.

Der Falke jedoch, in seinem wilden Übermut und nur auf die Eule fixiert, übersah den krummen, aber elastischen und harten Zweig, blieb an ihm hängen, wurde von ihm gepeitscht und schließlich nahe dem Bachufer zu Boden geschleudert.

Hier wurde er bereits von einem Otter erwartet.

Dieser hatte die Szene länger beobachtet, dachte über deren weiteren Verlauf nach und freute sich schon auf sein bevorstehendes, abwechslungsreiches Dinner, dem „Falken to Go“ ☺ Mit dem hatte er nämlich noch ein Hühnchen zu rupfen. Denn der Falke stahl regelmäßig die Fische aus Otters Bach.

Blitzschnell, gleichzeitig geschmeidig wie eine Katze sprang er den Falken an, riss ihm 3 Flugfedern aus und schrie: „Lass dir das eine Lehre sein, du dummer Falke, du! Hau´ ab und gib Ruh`!“

Verwirrt und beindruckt vom Mut, der Tapferkeit und vom Kampfgeschick des Otters, packte sich der Falke bei seinen restlichen Federn und entschwand mit wütendem Gekreische auf Nimmerwiedersehen.

Die Eule unter ihrem rettenden krummen Zweig sah dem Ganzen gespannt mit weit geöffneten Augen zu.

Der Otter wischte sich nach diesem kurzen Zwischenfall lässig mit seiner linken Pfote die letzten Wasserperlen aus seinem Kopfhaar. Stolz schritt er mit einem leicht spöttischen Lächeln zum Baum und rief: „Danke für den Fang, meine kleine Eule. Danke für die lockende Versuchung. Danke auch dir, du meine Ulme, du treuer Jagd- und Spielgefährte.“

Irritiert durch die Gestik und die Worte des Otters reagierte die Eule taktlos und voller Eifer (der kleine Drache): „Wer bist du denn, du arroganter Otter?! Willst du mir, der allseits weisen und umsichtigen Eule, etwa erzählen, dass du und diese Ulme Gefährten seid? Und dass ich Mittel zum Zweck war, diesem dämlichen Falken eine Lehre zu erteilen? Und wie kommst du darauf, dass ich mir nicht selbst ohne dich und deiner Ulme geholfen hätte? Denkst du etwa, ich habe diesen krummen Zweig nicht schon vorher gesehen und habe mir deshalb den Ast darunter zum Niederlassen ausgesucht?“ Nun fühlte sich die Eule in ihrer Ehre - und natürlich in ihrem Stolz – gekränkt, und natürlich auch etwas überrumpelt. Was sie beides ja überhaupt nicht mag.

Der Otter aber antwortete ihr charmant und mit ruhiger Stimme:

„Wohlan, meine Prinzessin auf der Erbse, du kannst McCloud, den Highlander, den Zeitreisenden, zu mir sagen oder mich O`Connor, den Braveheart, nennen. Ich bin der Hüter des Blaus und des sprudelnden Wassers.

Der Bewahrer von Freude, Freiheit und Frieden. Und das ist Ulme, ein Kunstwerk, nicht jedermanns Geschmack, doch immer aufs Neueste interessant. Ein Helfer in der Not mit Rat und Tat.“

KAPITEL 3

UNRUHE

Auch auf der immergrünen Lichtung war der Morgen angebrochen.

Die Sonne stieg langsam hinter den fernen Bergen und Wäldern empor und ihre Strahlen erleuchteten die Krone der Hainbuche.

So stand sie nun da in ihrer Pracht und die ersten Wiesenbewohner tummelten sich bereits munter um sie herum.

So ließ sich eine Gruppe Spatzen auf sie nieder und zwitscherte aufgeregt im Pulk. Bienen kamen herbei, um sich an ihren Früchten zu laben, und unten am Stamm liefen friedlich Reh und Hirsch, Hase und Igel einher.

Und je weiter der Morgen voranschritt, desto mehr glänzten die zarten, dicht gewachsenen Buchenblätter, fast so, als würden sie das Grün der Lichtung mit all ihren Blumen, Blüten und Gräsern aufsaugen und widerspiegeln.

Ein ruhiger und friedlicher Tagesbeginn, dachte die Hainbuche bei sich und betrachtete zufrieden ihre Umgebung.

Doch je weiter der Morgen gegen Mittag zog, desto nachdenklicher und unruhiger wurde die Hainbuche.

Noch summten die Bienen, noch trällerten die Vögel, noch standen die Gräser und Wiesenblumen aufrecht, noch glänzten die Blätter der Hainbuche.

Aber je mehr die Sonne ihren Höhepunkt erreichte, desto mehr senkten sich die Gräser und die Blumen, desto weniger glänzten die Buchenblätter, desto mehr begann alles unwirklich still, träge und durstig zu werden. Sogar einige Zweige in der Krone der Hainbuche beugten sich vor Müdigkeit.

Denn es wurde sehr heiß.

Es hatte nichts geregnet und selbst der Wind war nur ein stiller Lufthauch.

So dachte die Hainbuche mit Sehnsucht und Sorge an ihre beste Freundin, die Eule. Und an den Nordwind, der sanft über die Wiese und über ihre Blätter streift, der die freudige Frische, die erquickenden Regentropfen und die wunderschönen Lieder mit sich bringt.

KAPITEL 4

SILVER

Am weit entfernten Bachufer indessen hatte sich die Eule von der Ulme zum Otter herabgeschwungen und stand nun neben ihm im Gras, um den Otter genauer in Augenschein zu nehmen. Und Angst hatte sie auch nicht vor ihm, zumal er nur knapp größer, wenn nicht sogar nur gleichgroß war wie sie. Zwar hatte er Kampfgeschick bewiesen, doch ihre Krallen waren auch nicht ohne.

Und sie hatte einen spitzen und scharfen Schnabel.

Im Übrigen machte dieser Otter nicht gerade den Eindruck eines reißenden Raubtiers. Doch wie hatte ihre Mutter schon gesagt: „ Trau schau wem.“ Und der erste Eindruck kann auch täuschen.

„So Silver…“ Bewusst nannte sie ihn nicht McCloud oder O`Connor. Außerdem fielen ihr die feinen Silbersträhnen im Fell auf, so dass er trotz seines Temperaments nicht mehr der Jüngste sein konnte. „So so Silver, der Hüter des Blaus und des sprudelnden Wassers, der Bewahrer von Freude, Freiheit und Frieden, und ein Zeitreisender zugleich, mit einer Ulme als Jagd- und Spielgefährten. Schöne und galante Worte, mit der du vielleicht andere betören kannst, aber bestimmt nicht mich, die Eule!“

Zuerst war der Otter erbost über diese Zurechtweisung, doch ihm gefiel die unbekümmerte, mutige und selbstbestimmende Art dieses Federviehs, welches, so musste er zugeben, wenn man diese Augen, dieses schillernde Gefieder und die angenehmen Formen betrachtete, durchaus einen gewissen Reiz auf ihn ausübte.

„Ay, so komm und sieh, fühle und höre, lass dir zeigen, das Blau und das Sprudeln des Wassers, die Freude, die Freiheit, den Frieden, die Zeit.

Betrachte die Ulme und du wirst erkennen, warum ein Gefährte auf ewig Freund bleibt.“

KAPITEL 5

BLAU

„Lass uns mit dem Blau beginnen. Sieh in den Himmel und sage mir seine Farbe.“

Die Eule dachte in diesem Moment: Der spinnt total, der Otter. Na toll, ein völlig durchgeknallter Tagträumer. Am besten noch Wassermann (was ja nahelag). Na, das kann was werden. Ich hab´ wirklich was Besseres zu tun als Löcher in die Luft zu werfen. Ich muss ja noch weiter, um zu finden, woher diese Melodien aus dem Norden kommen, wie ich es meiner geliebten Hainbuche versprochen habe. Doch ich will nicht so sein, schließlich hat er mir geholfen und ganz so undankbar ist eine Eule nicht. Was soll`s, tu` ich ihm halt den Gefallen.

Also machte sie gute Miene, bewegte ihren Kopf leicht und zugleich ihre Augen nach oben und schaute zum Himmel.

„Blau“, wollte sie eigentlich, fast schon automatisch und gelangweilt, antworten. Doch die sonst so umsichtige Eule war müde vom langen Fliegen in der Nacht. Ihre Augen waren zwar scharf, doch eher an die vertraute Dunkelheit gewohnt. Und sie hatte nicht daran gedacht, dass die Sonne vor kurzer Zeit aufgegangen war und wo diese nun stand.

„Orange, leicht Gelb, grell!“ schrie sie auf, blinzelte aufgeregt mit den Augen, wendete ihren Kopf sogleich ab, direkt nach Süden und nach Westen und stammelte weiter: „Hellblau, Graublau, Dunkelblau, Grau … Weiß.“ Denn einige Wolken waren auch dabei.

Das war ihr nun doch zu viel des Guten!

Sie, die doch so rational und klar denkende Eule, fühlte sich plötzlich irritiert. Ihr Gefieder sträubte sich und sie begann sogar etwas zu schwitzen. Beim Menschen, dem Zweibeiner, sagt man hierzu, man bekommt einen roten Kopf.

Dem Otter entging dieser kleine Gefühlsausbruch nicht.

Er wollte die Eule aber nicht bloßstellen und sprach mit einem souveränen und aufmunternden Tonfall, einem leichten Lachen ohne Spott:

„Ay, nun gut, ich merke, jetzt bist du wach. Und nun schaue dir den Himmel nochmals genau an. Und zu deiner Beruhigung, auch mir wurde diese Erfahrung nähergebracht. Schau` zuerst nach Westen, lass deine Augen langsam wandern nach Süden, nach Osten und schließlich nach Norden. Höre auf deine innere Stimme und nenne mir die Farben.“

Durch die freundlichen Worte ermutigt, wissbegierig, all` ihre Sinne zu hören, begann sie, die Farben des Himmels aufzuzählen:

„Dunkelgrau, Graublau, Hellblau, Gelb, Orange, Gelb, Hellblau, Blau.“

„Was ist nun Blau?“ fragte der Otter und fuhr fort, „Blau ist Vergänglichkeit und neues Leben. Blau ist die fremde Weite, die milde Wärme, das ersehnte Ziel. Blau ist die Kühle, das Endlose, das Ungewisse. Blau kann das Rationale sein, das Berechnende, die Träume, die Hoffnung und der Schmerz. Blau kann der Himmel sein, deine Augen und dein Herz, je nachdem welches Feuer in dir brennt und welcher Stern dich erleuchtet.“

Und die Eule begann zu denken, zu spüren und zu fühlen.

Nun nahm sie der Otter behutsam an die Krallen und ging mit ihr ans Bachufer.

„Schau` in das Wasser, es ist klar und im Sonnenlicht erscheint es blau. Sieh` hinab in die Tiefe. Die Steine am Grund sind ebenfalls von blauer Färbung. Es sind Steine aus einer längst vergessenen Zeit. Man nennt sie Aquamarine. Sie geben dem Wasser sein dauerhaftes Blau. Auch in der Nacht, wo der Mond scheint und die Sterne leuchten. Gleichzeitig sind sie reinigende Steine mit einem kristallenen Kern, um das Wasser klar und sauber zu halten. Diese Steine gilt es zu hüten, vor Neid, vor Gier und vor falschem Besitz, um somit auch das Blau mit all` seinen Facetten zu hüten.“

Und die Eule sah in das Wasser, sah ihr Spiegelbild, sah ihre Augen, und sie waren blau.

KAPITEL 6

STILLE

Auf der Lichtung war es Nachmittag geworden.

Der Himmel über ihr erschien der Hainbuche grell und bedrohlich hell.

Verschwunden war das frohe und verheißende Blau.

Die glühende Hitze hatte immer mehr zugenommen und die Sonne warf immer noch unablässig ihre verzehrenden Strahlen auf den nun flimmernden und dürstenden Wiesenboden. Die Gräser, noch am Morgen im satten Grün stehend, wirkten nun matt und ohne jegliche Energie. Selbst die kraftvollen Farben der Blumen verblassten zunehmend. Die Stiele mit ihren Blüten hatten sich längst gesenkt, fast so als wollten sie in ihrer letzten Hoffnung am trockenen Boden nach verbleibenden Wasserresten vom Frühtau graben oder im Schatten der Gräser Schutz vor den unerbittlichen Sonnenstrahlen suchen. Einzig die Hainbuche stand fest und aufrichtig inmitten dieser inzwischen mehr und mehr trost- und lebenslos gewordenen Lichtung.

Zwar hatten sich auch bei ihr vereinzelt Zweige in der Krone und am Äußeren geneigt. Ebenso hatten die Blätter nicht mehr das frische Aussehen wie noch am Morgen. Doch waren ihre Wurzeln tief genug, um von Mutter Erde die nötigen Lebenselixiere zu empfangen. Desgleichen war ihr Blattwerk so dicht, um ausreichend tröstenden Schatten zu spenden und lindernde Kühlung zu verschaffen. Und dies nicht nur ihrem Stamm und ihrem Geäst, sondern auch den bedürftigen Wiesenbewohnern und Gästen der Hainbuche.

Inmitten dieser trostlosen Lichtung dösten so die Vögel in den Zweigen, als auch Hase und Igel sowie eine kleine Herde Rotwild im Schatten der Hainbuche, in Erwartung der abkühlenden Dämmerung friedlich vor sich hin, wohlwissend um ihre energie- und freudenspendende Gastgeberin.

Und es war still.

KAPITEL 7

WASSER

Am Bachufer war es Frühnachmittag, und auch hier war die Temperatur merklich angestiegen, so dass sich Eule und Otter unterhalb der Ulme ins Gras legten und sich von der Mittagshitze ausruhten. Zwar hatte die Ulme kein so dichtes Laub wie die Hainbuche, jedoch erzeugten ihre ausladenden Äste mit ihren größeren Blättern, durchsetzt mit einem feinen kaum wahrnehmbaren Luftstrom, eine großzügige und befreiende Schattenwirkung.

„Gar nicht mal so übel diese Buche“, bemerkte die Eule.

„Ulme“, verbesserte der Otter, „das ist eine Ulme.“

„Natürlich Ulme“, entgegnete die ja so weise und kluge Eule.

„War nur so dahingesagt aus Macht der Gewohnheit.“

Und schlagfertig ist sie auch noch, diese kleine Eule, grübelte der Otter vor sich hin.

Nach einiger Zeit des Ruhens begann die Eule ihre Federn aufzustellen, diese eifrig mit ihrem Schnabel zu bearbeiten und sich immer wieder aufzupusten. Der Otter schaute diesem Treiben interessiert zu und sagte schließlich:

„Was hältst du von einer kleinen Erfrischung? Ich für meinen Teil werde jetzt das kühlende Nass aufsuchen, um neue Lebensgeister zu tanken.“

„Ja du tust dir leicht reden, du Otter. Du bist ja schließlich mit dem Wasser groß geworden. Aber ich bin ein Wesen der Lüfte, der Bäume, der Berge und der Erde, und ziehe es vor, eher festen Boden unter meinen Krallen zu haben.“

„Auch ich bin kein Fisch und bin, wie du siehst, gerne an Land. Doch ich habe gelernt, trotz scheinbar unsicherem Grund, mich mit festen Pfoten zu bewegen und so allen Wellen und Widrigkeiten standzuhalten.

Aber sag`, was hältst du von den Enten und Störchen? Sind sie nicht auch Federvieh wie du? Und sieh` hinüber zum Bach! Was siehst du? Sie bewegen sich auf dem Wasser, stecken ihre Köpfe in das kühlende Nass, tauchen ab und auf, und gehen doch nicht unter.“

Aufmerksam verfolgte die Eule mit wachen Augen das Planschen der Wasservögel.

Der meint doch nicht allen Ernstes ich sollAndererseits, etwas Abkühlung täte mir sehr gut. Aber Schwimmen, auf keinen Fall!

So willigte sie ein, mit zum Bach hinüber zu gehen, um dort am Uferrand in einer Pfütze die verlockende Abkühlung zu genießen.

Ein guter Kompromiss, ein feiner Schachzug, grinste die weise Eule verschmitzt in sich hinein. Und somit hatte sie ihm gegenüber keine Schwäche gezeigt, was Eulen äußerst ungern tun.

„Komm`, hier ist eine geeignete Stelle für dich“, rief der Otter und führte die Eule, seine Pfoten leicht um ihre Federn gelegt, rücksichts- und vertrauensvoll hin zum erwähnten Badeplatz.

Und was er ihr anbot, musste sie wohl oder übel zugeben, beeindruckte sie doch einigermaßen.

Es war eine kleine Einbuchtung vom geraden Bachlauf, umgeben von nicht allzu hohen grünen Gräsern und Farnen sowie bunten Kieselsteinen unterschiedlicher Größe.

Hier war das Wasser ruhig und das Ufer verlief einladend über einen kleinen Sandstrand zum Bach hinab.

Fasziniert und neugierig zugleich ging die Eule erst etwas zögernd, dann bestimmender zum Strand hinunter und schaute noch etwas verhalten ins Wasser. Es war so seicht, dass es gerade mal ihre Krallen bedeckte. Und es war klar. So klar, dass man die einzelnen Aquamarine am Grund sah. Und es war blau, vertrauensvoll und willkommen.

Magisch angezogen stand die Eule bereits mit ihren Krallen im erfrischenden Nass. Voller Freude tauchte sie nun wieder und wieder ihren Schnabel in das Wasser, trank und bespritzte ihre Federn.

Sie reckte und streckte sich, blies ihr Gefieder auf, drehte sich im Kreis, machte die Flügel auf und zu, ohne abzuheben, wiegte sich nach vorne und hinten, ließ sich auf ihren Rücken gleiten, so dass ihre Krallen über die Wasseroberfläche herausragten, und schwamm.

Der Otter hatte es sich derweil auf einem nahen Stein oberhalb des Badeplatzes bequem gemacht, von wo aus er der Eule zur Not – aber das glaubte er nicht – beistehen konnte.

Erfreut über ihr nasses Glück und über ihre wiederkehrende Lebensfreude winkte er ihr von oben zu: „Na gefällt´s dir meine kleine Eule? Oder soll ich lieber Entchen zu dir sagen?“

Jetzt erst bemerkte die Eule, da sie rücklings auf dem Wasser direkt in das Gesicht des Otters blickte, jetzt erst bemerkte sie, dass sie schwamm! Sie spürte wie sie behutsam vom Wasser getragen wurde und sich ein freies, wohliges, entspanntes Gefühl bei ihr einstellte.

„Wunderbar“ frohlockte sie. „Wie nennt man diesen herrlichen Ort?“

„Die Blaue Lagune am sprudelnden Wasser.“

KAPITEL 8

LEBENSFREUDE

Nachdem die Eule. ausgiebig ihr Bad genossen hatte, nahm sie der Otter mit seinen kräftigen Pfoten behutsam aus dem Wasser und setzte sie neben sich auf den Stein.

„So hier kannst du deine Federn trocknen und dich wieder etwas erwärmen. Inzwischen werde nun auch ich meine nassen Runden drehen“, sprach er und war schon elegant hinabgeglitten – und zwar direkt in den Bach.

Verträumt saß sie nun da, die weise Eule, und besah ihre Umgebung, und genoss sie.

Und sie blickte zur Blauen Lagune mit ihrem beruhigenden Wasser.

Sie beobachtete Silver, wie er vor Vergnügen im Bach schwamm und mit den Enten um die Wette auf- und niedertauchte.

Und sie sah wieder hinunter zur Blauen Lagune, wo das Wasser an der Scheide zum Bach aufsprudelte und sanft gläserne Perlen an das seichte Ufer trug. Angetippt von hinten wurde die Eule jäh aus ihren Träumen gerissen.

Sie erschrak so sehr, dass sie beinahe in den Bach gefallen wäre.

Doch starke Pfoten hielten sie rettend zurück.

Überrascht drehte sie sich um und wäre gleich nochmals vor Schreck umgefallen.

Bacchus, der Wassergeist! Jetzt ist´s um mich geschehen!

Auge in Auge stand ihr jedoch Silver mit einem riesengroßen Fisch zwischen seinen funkelnden Zähnen gegenüber.

„Ay, meine kleine Eule“, lachte Silver nachdem er ihr den erlegten Fisch vor die Krallen gelegt hatte. „Du scheinst nach dem vielen Schwimmen etwas entkräftet und wie ich etwas hungrig zu sein. Hier habe ich uns was für das Abendessen besorgt. Greif zu und lass es dir schmecken.“

Und gemeinsam genossen sie das leckere Mahl unter der Ulme nahe dem Bach mit dem sprudelnden Wasser während die Sonne im satten Rot unterging, die Dämmerung anbrach, einzelne Wolken noch ihre bunten Malereien präsentierten, die Sterne am Firmament begannen, nach und nach aufzuleuchten, der Mond sich zeigte und auf Eule und Otter herabschien, und die Nacht zum Leben erwachte.

KAPITEL 9

BEDROHUNG

Auf der Lichtung war es immer noch drückend schwül.

Doch urplötzlich bewegten sich die einzelnen Blätter der Hainbuche. Aufgeweckt aus ihrem Dämmerschlaf blickte sie hoch zum Himmel und herum zu den Wäldern, die die Lichtung umgaben.

Wolken zogen auf und die Wipfel der umliegenden Bäume krümmten sich bereits. Wind kam auf. Aber es war nicht der ersehnte Nordwind.

Die Wolken kamen vom Westen über die Berge herüber und schoben sich bereits massiv vor die untergehende Sonne. Die Wolken hatten nicht den von der Sonne erleuchteten roten Glanz. Nein, sie waren von unten schwarz und dunkel und breiteten ihre tiefviolette Farbe nach oben immer weiter aus, als wollten sie den Himmel aufsaugen.

Der Wind nahm stetig zu und blies bereits gewaltige Böen über die Berge, die Wälder und die Lichtung. Weit über den Bergen waren erste Donnergrollen und das Heulen wie von einem ungeheuren Wesen aus dunklen Zeiten zu hören.

Die Herde Rotwild unter der Hainbuche war bereits ins Dickicht des angrenzenden Waldes geflüchtet. Einzig Hase und Igel am Stamm und die Vögel im dichten Geäst harrten noch dort Schutz suchend aus.

Besorgt um ihre Mitbewohner, legte die Hainbuche ihre Äste mit all` ihrem dichten Laub um die Vögel, und selbst um den Stamm, und errichtete so ein Bollwerk gegen das drohende Unheil. Verängstigt, aber auch dankbar für die bekommende Obhut, schmiegten sich Vögel, Hase und Igel mehr und mehr an das starke Holz.

„Habt keine Angst“, sprach sie ihren Schützlingen mit beruhigenden und zuversichtlichen Worten zu. „Mein Holz ist hart wie Eisen und lässt sich nicht so leicht erschüttern. Solange ich stehe bleibt auch ihr bestehen. Und selbst, wenn ich gekrümmt am Boden liege, bieten euch mein Stamm, mein Geäst und meine tausend Blätter noch reichlich Schutz vor Sturm, Regen und Hagel.“ Nun zeigte die Hainbuche ihre wahre Größe und Stärke.

Nun hatten auch Vögel, Hase und Igel keine Angst mehr, sondern sahen trotzig und voll Mut der drohenden Gefahr entgegen.

Aber die Hainbuche konnte weiter sehen als ihre Mitstreiter und im Innersten wurde ihr entgegen ihrer fürsprechenden Worte doch sehr bang.

Aber was war dies?!

Kurz nachdem sie die tröstenden Worte ausgesprochen hatte, begannen sich ihre äußeren Zweige und ihre Blätter in Richtung Westen zu bewegen, als wollten sie die Böen aus dieser Richtung mit aller Macht abwehren.

Der Wind hatte sich gedreht.

Nein! Nicht der Wind hatte sich gedreht, sondern es kam ein Gegenwind auf, anfangs von Norden, dann von Osten. Er stemmte sich gegen die violett gefärbten Wolken aus dem Westen und trieb sie zurück, so dass sie hinter den Bergen verschwanden. Der Himmel riss auf und zeigte seine Sterne funkelnd gegen den abgedrängten Sturm. Aufgehört hatte das Grollen und Heulen.

Das Untier war gewichen. Geblieben war der sanfte, kühlende Nordwind.

Der Mond kam hervor und schien freudig auf die Lichtung herab.

Die Nacht war wieder zum Leben erwacht.

KAPITEL 10

LEBENSELIXIERE

„Das Essen war wirklich ausgezeichnet, Silver, vielen Dank“, putzte sich die Eule zufrieden ihren Schnabel.

Das war das erste Mal, dass sich dieses Federvieh bedankt, dachte der Otter bei sich, aber auch freudig überrascht über die netten Worte.

„Ja, war Ok. Nicht schlecht für eine Forelle“, erwiderte er lässig, denn allzu viel Freude ihr gegenüber wollte er dann doch nicht zeigen. Schließlich war er ja ein Otter und war es gewohnt, dass er der Spielleiter war.

„Sag´ Silver“, fing die Eule an.

Was ist das denn?! War was in der Forelle? Woher diese Redseligkeit? Überrascht blickte der Otter zur Eule.

„Sag` Silver, lebst du hier alleine? Woher kommst du? Und was soll das mit den Sprüchen des Behüters des Blaus und des sprudelnden Wassers, und des Bewahrers der Freude, der Freiheit und des Friedens? Ich kann keine Gefahr erkennen. Und Freude, Freiheit und Frieden zu bewahren, ist doch selbstverständlich. Oder bist du etwa doch so einer von diesen weltfremden, idealistischen Romantikern, die ständig vom Leben träumen ohne ihre Träume gelebt zu haben, und irgendwann aus ihrem süßen Schlaf erwachen, um zu merken, dass es zu spät ist, um wach zu sein?“

Nun hatte die Eule wieder ihre typische Seite gezeigt. Zum einen war es Nacht und die Eule hatte schnell bemerkt, dass sie jetzt weitaus besser sehen konnte als der Otter. Zum anderen war sie klug und weise (zumindest vertrat sie dies nach außen hin), neugierig und bisweilen taktlos.

„Nun gut, meine kleine Eule“, um diesen Zusatz konnte der Otter nicht umhin, und er fühlte sich herausgefordert in seiner Ehre, und vor allem in seinem innersten Selbstverständnis (und dies können Otter überhaupt nicht leiden). „Nun gut, meine kleine Eule, so sollst du jetzt die Antworten auf deine Fragen bekommen.“

Und er begann.

„Das Blau habe ich dir gezeigt, und du hast es gesehen und gespürt.

Das sprudelnde Wasser ebenfalls.

Warum nenne ich mich nun Behüter?

Dieser Bach entspringt einer magischen Quelle weit oben im Norden.

Die Quelle ist so rein und voll solcher Energie, dass der Bach aus ihr all´ die Elixiere des Lebens in ihrer ureigenen Form beinhaltet, die alle Lebewesen und die Natur benötigen, nämlich Freude, Freiheit, Frieden.

Deshalb gilt es, das Blau und das sprudelnde Wasser dieses Baches vor allen Gefahren zu behüten.“

„Edel, edel, mein tapferer Einzelkämpfer“, unterbrach die Eule vorlaut.

Schnell merkte sie jedoch, dass sie sich im Ton vergriffen hatte und fügte kleinlaut hinzu: „Entschuldigung, war nicht so gemeint. Aber du allein behütest diesen Bach?!“

„Natürlich nicht ich allein. Ich habe nur eine gewisse Führungsrolle.

Am Bachlauf entlang, nach Norden wie nach Süden, gibt es genug Otterhelfer und Ottergruppen, die ebenfalls diese Aufgabe wahrnehmen. Denn du musst wissen, dass es genug Wesen gibt, die sich die kostbaren Aquamarine und das sprudelnde Wasser zu eigen machen und verunreinigen wollen. Diese gilt es, mit List und Umsicht, mit Kraft und Geschick, in der Gemeinschaft von Ottern und anderen Gefährten, abzuwehren und fernzuhalten. Und somit die Elixiere des Lebens zu bewahren: Freude, Freiheit, Frieden.“

KAPITEL 11

LIEBE

„Was bedeuten die wahren Elixiere des Lebens?“ wollte die Eule nun merklich wissbegierig wissen.

Der Otter sprach: „Freude, Freiheit, Frieden!

Jedoch lass uns mit der Liebe beginnen, denn es heißt ja auch so schön, durch Liebe entsteht neues Leben.“

„Na ja, pragmatisch gesehen braucht man bestenfalls einen Miterzeuger, um seine Nachkommenschaft zu erhalten“, entgegnete sofort die Eule auf ihre rationale Art.

„Womit du im Kern recht hast“, redete der Otter ruhig weiter.

„Doch die Liebe ist weit mehr als das.

Du kannst einen kleinen verkümmerten Kirschbaum finden, pflanze ihn neu ein, gib` ihm klares Wasser und guten Boden. Sieh` wie er wächst, vielleicht etwas krumm. Ein zweiter Trieb bricht von ihm ab und es bildet sich eine offene Stelle am schmalen Stamm.

Gib´ jedoch den Baum nicht auf. Sorge weiter für ihn. Freue dich daran wie er weiter wächst und allen Unannehmlichkeiten standhält. Sieh` wie er im ersten Jahr austreibt, Blätter und bereits drei Blüten bekommt. Erfreue dich an den weißen Blüten. Freue dich über die Bienen, die den Baum besuchen. Und wenn er dann zuerst nur eine einzige Kirsche hat, freue dich über sie. Freue dich über den krummen Baum. Lass´ ihn weiter so wachsen wie es ihm gefällt. Lass´ ihm seine Freiheit und lass´ ihm seinen Frieden. Und im zweiten Jahr hat er fünf Kirschen und so weiter. Freue dich und liebe, erlebe diesen krummen Baum. Und er gibt dir Liebe, gibt dir Leben zurück, indem er dir dankbar Kirschen schenkt. Und sage Danke zum Leben für all´ die Freude, die Freiheit, den Frieden.“

„So, das war nun wohl Romantik und Poesie pur!

In Wirklichkeit schaut´s doch so aus: Ein Eulerich kommt herbei, erzählt dir allerlei und am Ende sitzt du da mit kleinen Eulen, in der Regel drei.

So schaut`s aus!

Du musst dich um alles kümmern und der Herr Eulerich ruht sich auf seinen gewonnenen Lorbeeren aus!

Er amüsiert sich weiter und sorgt bestenfalls dafür, dass du in deiner Höhle bleibst, dich um deine kleinen Eulchen kümmerst, ...

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