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Das Buch der gelöschten Wörter – Die letzten Zeilen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Heute
  9. 1. Kapitel
  10. 2. Kapitel
  11. 3. Kapitel
  12. 4. Kapitel
  13. 5. Kapitel
  14. 6. Kapitel
  15. 7. Kapitel
  16. 8. Kapitel
  17. 9. Kapitel
  18. 10. Kapitel
  19. 11. Kapitel
  20. 12. Kapitel
  21. 13. Kapitel
  22. 14. Kapitel
  23. 15. Kapitel
  24. 16. Kapitel
  25. 17. Kapitel
  26. 18. Kapitel
  27. 19. Kapitel
  28. 20. Kapitel
  29. 21. Kapitel
  30. 22. Kapitel
  31. 23. Kapitel
  32. 24. Kapitel
  33. 25. Kapitel
  34. 26. Kapitel
  35. 27. Kapitel
  36. 28. Kapitel
  37. 29. Kapitel
  38. Epilog
  39. Glossar
  40. Hinweis zum Urheberrecht

Über dieses Buch

Die magische Buchwelt, in der Romanfiguren ihr eigenes Leben führen, ist für die Londonerin Hope Turner zur zweiten Heimat geworden. Doch das Geheimnis um die Buchwelt ist bedroht, und Hope hat sich dem Bund aus Menschen und Romanfiguren angeschlossen, um es zu schützen. Ihr Gegenspieler Quan Surt hat es vollbracht, die Barriere zwischen den beiden Welten zu durchbrechen. Seitdem ist es auch Buchgestalten möglich, in die reale Welt zu reisen, selbst den übelsten Bösewichten …

Über die Autorin

Mary E. Garner träumte sich schon immer gern in die Welten ihrer Lieblingsbücher. Bevorzugt jene, die in ihrem geliebten England spielen. Ihrer persönlichen Leidenschaft zur großen Insel und deren literarischen Figuren entsprang die Idee zu Das Buch der gelöschten Wörter, in das sie nun auch ihre Leserschaft in entführt.

MARY E. GARNER

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Die letzten Zeilen

Für meine Mom –
still missing you

Prolog

Vor achtzehn Jahren

Er ist am Ende seiner Kräfte.

Ihm ist klar, was für eine Schande das ist. Ein junger Mann wie er. Doch ihn treibt einfach nicht die gleiche starke Feder, die seinen Vater vorwärtsschnellen lässt.

Der ist ihm bereits vorausgeeilt und im Nebel nur noch als schemenhafter Schatten zu erkennen. Das Packeis unter ihren Schneeschuhen knirscht und knackt. Der Gedanke an das tiefe, eiskalte Wasser unter ihnen lässt ihn trotz seiner modernen, erstklassigen Ausrüstung schaudern. Und dass es hier zusätzlich zu dieser Unwirtlichkeit auch noch so etwas wie schwer zu erklimmende Berge gibt! Steile Klippen, an deren Rand sie entlanglaufen.

Er stolpert über eine scharfe Kante und fällt auf die Knie.

»Wo bleibst du denn? Wenn wir ihn nicht bald erreichen, hat er womöglich das Netz abgestreift und entkommt in ein anderes Buch!« Sein Vater reicht ihm die dick behandschuhte Hand und hilft ihm auf. Er schwankt und hat Mühe, sich aufrecht zu halten.

Der Nebel ist so dicht, dass selbst auf einen halben Meter das vertraute Gesicht darin verschwimmt. Trotzdem weiß er, dass es vor Aufregung und Ehrgeiz glüht.

Der Versuch mit dem Netz, hier in Mary Shelleys Frankenstein, war die Idee seines Vaters, inklusive seiner eigenen Person als Köder. Und der Plan ist aufgegangen – die Falle ist zugeschnappt.

Doch dann ist das Netz aus seiner Verankerung im Eis gerissen. Und nun folgen sie seit mehr als einer Stunde den Spuren im Schnee.

»Ich … ich kann einfach nicht mehr«, stöhnt er leise.

Sein Vater lässt seine Hand los und erwidert ungewohnt unwirsch: »Hätte ich doch deinen Bruder mitgenommen! Der wäre mir eine Hilfe.«

Ein Peitschenhieb.

Ein auf demütigende Weise vertrauter Schmerz. So lange er denken kann.

Als seine Mutter noch lebte, ist ihre Vorliebe für einen der Jungen so deutlich gewesen, dass es sich Tag für Tag anfühlte, wie barfuß über Scherben zu laufen. Er hat es hingenommen. Hat geglaubt, dass sein Vater als ausgleichendes Element auf seiner Seite steht. Seit sie jedoch zu dritt, Seite an Seite, wie er anfangs angenommen hat, an der großen Sache arbeiten, ist es, als sei er in die Tage seiner frühen Kindheit zurückgekehrt. Wo er als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Neben ihm, dem Besonderen.

»Ich …«, beginnt er rau.

Doch sein Vater presst ihm den dicken Handschuh auf den Mund.

»Still!«, flüstert er. »Hörst du?«

Sie lauschen in die Nebelnacht. Er hört es auch.

Ein leises Keuchen, wohl keine zehn Meter entfernt. Sie erstarren beide. Wenn sie ihren Feind hören können, hat er sie ganz sicher ebenfalls bemerkt.

Und tatsächlich – »So nah seid ihr mir gekommen«, zischt es aus dem Nebel. »Kompliment! Aber jetzt sollten wir das Spiel beenden. Es ist besser, ihr lasst mich ziehen, glaubt mir. Dann wird euch nichts geschehen.«

Sein Vater wendet sich in Richtung der Stimme und knurrt: »Niemals!«

Ein weiteres Geräusch erklingt. Ein metallenes Klicken.

»Wenn ich in Richtung eurer Atem ziele«, raunt die kalte Stimme, »wen werde ich wohl treffen?«

»Nein!«, schreit sein Vater.

Er selbst hat noch kaum begriffen, worum es geht, als er einen heftigen Stoß vor die Brust verspürt. Er strauchelt, versucht, die Hand seines Vaters zu greifen. Doch die wehrt ihn ab, und er stürzt seitwärts in den Schnee.

Sein Vater indessen wirft sich vorwärts und ist in der Nebelwand verschwunden.

Ein Schuss dringt durch die Nacht.

In heller Panik schreit er auf. Versucht, sich aus der umklammernden Kälte zu befreien. Seine Glieder sind jedoch unbeweglich, er selbst viel zu langsam.

Ein Schatten löst sich aus dem Nebel und kommt auf ihn zu.

»Dad?!«

»Ich hatte ihn gewarnt«, wispert die Stimme. »Und es tut mir wirklich leid um ihn. Er war über die Maßen talentiert. Aber du bist sein Sohn, nicht wahr? Du wirst seine Gabe geerbt haben.«

»Daaad!« Endlich gelingt es ihm, sich aufzurappeln.

»Es wird Zeit«, sagt der fremde Schatten, schon beinahe bei ihm. »Zeit, zu vergessen.«

Er spürt eine stahlharte Hand, die nach ihm greift, etwas Feuchtes auf seinem Gesicht, das ihm den Atem raubt. Wild schlägt er um sich.

Dann umfängt ihn eine gnädige Dunkelheit. Und er fällt.

Heute

Dichter Nebel lag über der weiten Moorlandschaft. Mit einem leisen Schaudern zog die junge Frau das grob gewebte Schultertuch enger um sich. Sie ging zum Stall hinüber und ließ die Hühner und Gänse heraus, die sogleich wie jeden Morgen in einer fröhlich schnatternden und gackernden Schar über den Hof zogen. Der große Ganter kam zu ihr gewatschelt und bettelte um den Leckerbissen, den sie stets für ihn dabeihatte. Er war nur ein Federvieh, in seinem Text zur Zierde nebenbei erwähnt und daher ohne die magischen Eigenschaften der Tiere aus anderen Büchern. Dennoch mochte ihn die junge Frau besonders gern. Vielleicht empfand sie tatsächlich eine Art Freundschaft zu ihm, denn er war immer zur Stelle, während die Tage für sie sonst gewöhnlich in Einsamkeit verstrichen.

Nicht, dass sie sich darüber hätte beschweren wollen. Nein, es war ja ihr eigener Wunsch gewesen. Der Zufall war ihr zu Hilfe gekommen, und durch einen kleinen Seitwärtsschritt des Schicksals hatte sie sich ihren Kindheitstraum erfüllen können.

Schon immer hatte sie so leben wollen: der kleine Hof, abseits der wenig benutzten Straße, schützend umstanden von einer spatzenbevölkerten Hecke, die beiden Kühe auf der Weide, das Schwein in seiner Suhle, die Wildtauben auf dem Dach des niedrigen, mit Moos bewachsenen Schindeln gedeckten Hauses. Die letzten zwei Jahre waren wie im Fluge vergangen, wie in einem Traum, in dem Wahrheit und Wunsch sich die Hand gereicht hatten.

Sie lächelte, als sie die Holztür aufstieß und hinein in die Stube ging, die sie, behaglich und gemütlich eingerichtet, mit einem prasselnden Ofenfeuer empfing. Ja, hier war alles genauso, wie sie es sich immer gewünscht hatte.

Doch dann wurde ihre Miene ernst. Denn schon einen Schritt weiter waren die Dinge aus dem Ruder gelaufen. Bereits seit einer ganzen Weile war sie nicht mehr sicher, dass sie den Plan, den sie zu zweit gefasst hatten, tatsächlich weiterverfolgen sollten. Und jetzt hatte erneut das Schicksal entschieden: Es hatte sich etwas geändert. Ganz und gar grundlegend geändert.

Sie sah aus dem Fenster. In einer Gewohnheit, die sie ständig begleitete, seitdem sie hier lebte, behielt sie den schmalen Pfad im Blick, der von der Straße herüberführte. Dabei wusste sie, dass es noch ein paar Stunden dauern konnte, bis er dort erscheinen würde.

Heute fiel ihr das Warten besonders schwer.

Denn heute war der Tag. Sie musste es ihm sagen.

1. Kapitel

Der Buchladen lag so früh am Morgen noch beinahe verlassen da. Nur die Wachen schoben ihren Dienst vor dem Portal, durch das ich soeben Mrs. Gateway’s Fine Books betrat: eine unscheinbare Tür weit hinten in dem von vielen Bücherregalen überfüllten, schlauchartigen Raum.

Ich war meinem Wanderer Rufus gefolgt, der bereits einige Worte mit Neela wechselte. Die indischstämmige Wanderin und ehemalige Polizistin hatte nicht nur die Wacheinteilungen am Portal organisiert, sondern übernahm auch selbst zahlreiche Schichten.

In diesem Moment trat Oliver, ein kleiner, kugelrunder Wanderer, hinter dem nächsten Regal hervor und reckte sich. In der kleinen Nische hinter dem Bücherbord hatte die Ladeninhaberin Mrs. Gateway, wie ich wusste, erst gestern ein Sofa für die Aufpasser aufgestellt. Wir alle hatten uns auf die neue Situation einstellen müssen: Dass es nun zwingend notwendig war, den Ausgang aus der Bücherwelt bewachen zu lassen, war eine ungewohnte und angsteinflößende Situation. Und wenn ich daran dachte, dass ich selbst, Verwandlerin Hope Turner, daran nicht ganz unschuldig war, wurde mir immer noch ganz flau.

»Moooin!«, gähnte Oliver und blinzelte uns entgegen. »Was macht ihr denn schon hier?«

»Sind einem möglichen Sánchez auf der Spur. Wir fliegen nach Dublin«, erklärte Rufus, streckte seine Arme aus und sah Oliver auffordernd an. Offensichtlich erwartete er die übliche Überprüfung, die für alle galt, die durch das Portal aus der Bücherwelt in unsere Welt zurückkehrten.

»Ach, komm schon«, winkte Oliver ab. »Ich werd doch jetzt nicht …«

»Keine Ausnahmen«, unterbrach Rufus. »Wir wissen immer noch nicht, durch wen Surt den Text rausschmuggeln will. Da sollten wir die Regeln nicht lockern.«

»Na, Mann, hätt ich mir denken können, dass du so was sagst. Vom Scheitel bis zur Sohle ein Mann des Bundes, stimmt’s?! Okay, komm her. Dann wollen wir mal.« Oliver tastete Rufus auf das verräterische Knistern von Papierbögen ab.

Surt. Der Name jagte mir ein Schaudern den Rücken hinunter, und unwillkürlich tastete ich nach der Narbe an meinem linken Arm, die zurückgeblieben war, nachdem der Anführer der Absorbierer mich in der Handlung von Tolstois Anna Karenina angeschossen hatte. Mit vorgehaltener Waffe hatte er mich dazu gezwungen, jenen Text zu schreiben, nach dem die Wachen nun bei jedem fahndeten, der die Bücherwelt durch das Portal verließ. Denn würde dieser Text hier, in der Welt draußen, gelesen, wäre es jeder literarischen Figur – auch den grausamsten und blutrünstigsten – möglich, die Bücherwelt zu verlassen. Um solch ein unvorstellbares Horrorszenario zu verhindern, wurden seitdem jeder Wanderer und jede Verwandlerin durchsucht, wenn sie aus der Bücherwelt zurückkehrten. So wie Rufus und ich nun.

Während Oliver meinen Wanderer filzte und Neela das Durchsuchen bei mir übernahm, quatschte Oliver wie üblich unaufhörlich weiter. Allerdings wirkte er heute ungewöhnlich ernst, während er von seiner möglichen neuen Verwandlerin Eileen sprach, die er im Urlaub kennengelernt hatte.

»Gestern haben wir uns wiedergetroffen, und da sagt sie doch allen Ernstes zu mir: ›Oliver, diese Verbindung zwischen uns, die ist was ganz Besonderes. Du bist etwas ganz Besonderes. Versteh mich jetzt nicht falsch‹, hat sie gesagt, und sie wusste ja nicht, dass ich genau weiß, was sie meinte, beziehungsweise, was sie nicht meinte … Hey, Leute, guckt mich an.« Er wies auf seinen kugelrunden Bauch, der seine geringe Körpergröße unvorteilhaft betonte. »Sieht doch jeder, dass ich nicht Mr. Perfect bin. War also klar, dass sie das nicht meint. Aber diese Verbindung, die spür ich auch. Schon als wir uns zur Begrüßung umarmt haben. Da ist so was … Na, ihr wisst schon. Ich wollte am liebsten sofort loslesen, egal welches Buch. Oh Mann, ich bin schon krass gespannt, in welche Geschichte sie als Erstes portieren möchte. Aber natürlich muss ich sie erst vorbereiten. Gestern haben wir zwar viel über unsere Lieblingsbücher gesprochen, aber das Ganze sollte ja Step by Step gehen, is mir schon klar. Ich dachte mir, beim nächsten Treffen bring ich sie ganz unauffällig hierher, und dann werden wir ja sehen, ob es ihr stinkt. Wenn nicht, dann hat sie tatsächlich Talent, und ich könnte ihr reinen Wein einschenken. Was meint ihr, wie soll ich …?« Er hielt inne, nachdem er mit der einen Hand in Rufus’ Jackentasche geglitten war. Jetzt zog er sie wieder heraus. Zwischen den kurzen, breiten Fingern hielt er die Phiole mit der durchsichtigen Flüssigkeit, die Rufus vor wenigen Minuten von M, der Leiterin des Bundes, erhalten hatte.

Rufus nahm sie ihm vorsichtig aus der Hand.

»Es ist genau das darin, was du vermutest«, sagte er. »M hat sie mir mitgegeben, falls dieser Sánchez tatsächlich Surts Autor ist, den Text aber nicht herausgeben will.«

»Aaaaah!«, machte Oliver bewundernd.

Neela, die gerade noch meine Hosenbeine bis hinunter zu den Schuhen abgetastet hatte, richtete sich auf. »Sie denkt immer an alles.«

»Ja, sie ist toll«, nickte ich und dachte an die drahtige Lady mit den raspelkurzen, eisgrauen Haaren, die ihren Spitznamen ihrer Vorliebe für Agententhriller verdankte. M – in Wahrheit jedoch Mother Holle. Wer hätte gedacht, dass die gestrenge, jedoch gütige alte Märchenfigur aus der Feder der Gebrüder Grimm eines Tages einen Zusammenschluss vieler Menschen und Buchfiguren leiten würde, der sich um die Sicherheit beider Welten kümmerte? Andererseits wollte es mir auch nicht gelingen, mir M, so wie ich sie kannte, beim Ausschütteln von Federdecken vorzustellen.

»Eine erfolgreiche Reise!«, wünschte uns Neela in diesem Moment und wandte sich dann an Oliver: »Ich verschwinde mal schnell im Badezimmer, okay? Bin gleich zurück.«

»Klaro!«, schmetterte Oliver, und Neela entfernte sich zwischen den Regalen.

»Jetzt mal noch ganz schnell unter uns Wanderer-Kumpels«, wisperte Oliver Rufus zu, während er uns ein Stück den Gang hinunter Richtung Eingangstür begleitete. »Wie mach ich das bloß mit Eileen? Ich hatte bisher doch nur meine liebe Victoria. Und ihr musste ich nicht viel erklären. Ich glaub, auf ihre alten Tage wollte sie regelrecht, dass ihr jemand von der Bücherwelt erzählt – als hätte sie auf so ein Wunder gewartet, um noch was zu erleben. Aber Eileen is da anders. Ihr Mann hat sie verlassen, das steckt ihr ziemlich in den Knochen. Und ich will sie nicht erschrecken, indem ich … Oh, hi, Portia.«

Zwischen zwei Regalen stand die Buchladenbesitzerin Mrs. Gateway und war dabei, Bücher von einem kleinen Rollwagen zurück auf die Borde zu sortieren. Wie immer war sie ganz in Schwarz gekleidet und trug die grauen Haare zu einem strengen Dutt à la furchteinflößende Ballettlehrerin.

Wir begrüßten uns im Vorbeigehen, und Rufus, Oliver und ich hielten uns weiter in Richtung Ausgang. An der Tür angekommen, blieben wir stehen. Zaghafte Sonnenstrahlen beschienen die Straße draußen vor dem Schaufenster, in dem sowohl antiquarische als auch aktuelle Titel ausgestellt waren.

»Oliver«, sagte Rufus und legte dem Wanderer, der gut zwei Köpfe kleiner war als er selbst, die Hand auf die Schulter. »Ich kann dir keinen anderen Rat geben als: Sei einfach du selbst.«

Damit hatte er in kluge Worte gefasst, was auch ich dachte.

»Das stimmt.« Ich nickte. »Wenn Eileen diese Verbindung zwischen euch spürt, dann wird sie dir vertrauen. Das geschieht ganz automatisch, selbst wenn man es nicht will.« Ich merkte erst, was ich da sagte, als ich es bereits ausgesprochen hatte. Ein rascher Seitenblick zu Rufus. Doch der sah eher milde verwundert als ärgerlich aus.

Oliver schaute zwischen ihm und mir hin und her, und endlich erschien wieder das fröhliche, zuversichtliche Grinsen auf seinem runden Gesicht.

»Einfach ich selbst sein, meint ihr, ja? Das schaff ich. Das sollte nicht so schwer sein, oder? Mann, Leute, danke! Ich fühl mich schon viel besser. Na, jetzt aber los, ihr zwei! Viel Erfolg!« Er wollte gerade die Tür für uns öffnen, als hinten aus dem Laden ein Geräusch ertönte, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Ein hoher, langgezogener Schrei.

Für eine Sekunde standen wir wie erstarrt. Dann ließen Rufus und ich unsere Reisetaschen fallen, und wir drei rannten gleichzeitig los.

Wahrscheinlich hatten die beiden Männer den gleichen Gedanken wie ich: Der Schrei hatte verdammt nach Mrs. Gateway geklungen! Und das Portal war gerade unbewacht! Womöglich hatte irgendjemand nur auf diese Gelegenheit gewartet.

Wir hetzten den Gang entlang ins Innere des Ladens zurück. Dort stand Mrs. Gateway mitten im Weg und starrte in Richtung Portaltür. Sie hatte den langen, dürren Arm erhoben und deutete mit dem Finger auf etwas vor ihr, das wir noch nicht sehen konnten.

Rufus kam als Erster bei ihr an und folgte ihrem Blick. Ihm entfuhr ein: »Oh mein Gott!«

Ich war so schnell gerannt, dass ich beim Abbremsen beinahe gegen ihn prallte. Oliver war dicht hinter mir, und einen Moment lang strauchelten wir beide. Dann sahen wir, was Mrs. Gateway und Rufus derart hatte erstarren lassen.

»Voll krass«, hauchte Oliver.

»Gwen!«, schrie ich und stürzte zu ihr.

Die erste und einzige beste Freundin in meinem Leben stand mit offenem Mund vor dem Portal und klammerte sich an die Seitenstreben des Bücherregals, das direkt daneben begann. Sie war leichenblass und hatte ihre veilchenblauen Augen weit aufgerissen.

»Gwen, was tust du … hier? Wieso …? Wie kann …?«

Weiter kam ich nicht. Denn im nächsten Augenblick wurde die Tür, durch die man aus der Zentrale der Bücherwelt zurück ins heutige London portieren konnte, wie von einer heftigen Windböe aufgerissen, und eine Gestalt stolperte heraus. Lance. Die Tür flog ihm aus der Hand und krachte ins Schloss, nur um sogleich erneut aufgerissen zu werden und jemand weiteren auszuspucken: Anne Shirley, die Lance, seines Zeichens Ritter aus der Artussage und seit jeher einer von Rufus’ beiden treuen Gehilfen, auf dem Fuße gefolgt war. Beide sahen gleichermaßen wild entschlossen und zu Tode verängstigt aus.

Sie taumelten in den Buchladen und die wenigen Meter bis zu Gwen. Anne fiel ihrer Liebsten um den Hals und presste sie an sich. Lance umarmte sicherheitshalber gleich beide: seine jahrhundertelange Gefährtin aus der Artussage ebenso wie deren Geliebte aus dem Buch Anne auf Green Gables.

Wir anderen wagten kaum, uns zu rühren. Noch nie war es einer Buchfigur gelungen, die Bücherwelt zu verlassen. Jede, die es versucht hatte, war einen qualvollen Tod gestorben. Und nicht nur das, das Auslöschen einer Buchfigur hatte die Veränderung ihrer ganzen Geschichte zur Folge: Anna Kareninas Tod, dessen Zeugin ich geworden war, hatte das einstige Happy End des Buches in ein auf ewig tragisches Finale verwandelt.

Gwen, Lance und Anne nun hier vor uns im Buchladen zu sehen, war ein echter Schock, wenngleich ich natürlich erleichtert war, dass es ihnen, abgesehen von dem gerade erlebten Schrecken, ganz offensichtlich gut ging. Anna Karenina war, kaum in Mrs. Gateway’s Fine Books angekommen, zu einem schwarzen Fleck auf dem Parkett verdampft.

Rufus fasste sich als Erster. »Wie kommt ihr dazu …?«

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum dritten Mal, und Mum tauchte auf. Als sie uns wie erstarrte Salzsäulen dastehen sah, wandte sie sich um und rief: »Allen geht’s gut!«, ehe die Tür zuschlug – nur um wenige Sekunden später schon wieder aufzuschwingen. Dieses Mal trat M hindurch. Ihre Miene wirkte entschlossener denn je. Auch ihr wurde die Klinke regelrecht aus der Hand gerissen, kaum dass sie den Buchladen betreten hatte. Hinter ihr schlug die Tür mit einem Donnern zu, das einem Sommergewitter alle Ehre gemacht hätte.

Und so standen wir alle da: Mrs. Gateway, die Besitzerin und Betreiberin des Buchladens Mrs. Gateway’s Fine Books, dem weltweit einzigen Portal in die Welt der Bücher. Die Wanderer Rufus und Oliver. Meine Mum und ich. Und zu unser aller grenzenlosen Erstaunen auch jene unserer Freunde, die bisher nicht unbeschadet in unsere Welt hier draußen hätten gelangen können: Lance und Gwen aus der Artussage, Anne Shirley aus ihrem Jugendroman, und die Chefin des Bundes, Mother Holle, von allen M genannt.

Sprachlos vor Staunen, fassungslos vor der Wucht der Erkenntnis wechselten wir schweigend Blicke, bis uns eine Stimme aus der Erstarrung riss.

»Was ist das denn hier für ein Türengeknalle?« Neela bog um die Ecke des Bücherregals. Und riss den Mund auf, als sie unsere Runde erblickte.

* * *

Die Schlussfolgerung aus dem, was geschehen war, lag auf der Hand: Das Portal musste geöffnet worden sein!

»Ich hatte recht!«, wiederholte Gwen immer wieder und drückte abwechselnd meine und Annes Hand. »Surt ist es bereits gelungen, den Text aus der Bücherwelt zu schmuggeln, und nun treibt er sich irgendwo hier draußen herum und wartet nur darauf, dich in die Finger zu kriegen.« Sie warf mir einen eindringlichen Blick aus ihren großen Augen zu, bevor sie fortfuhr: »Ich habe einfach nicht überlegt. Ich wollte dich warnen. Und da hatte ich schon deinen Namen gerufen und das Portal geöffnet.«

»Ich dachte, ich hätte dich verloren«, stöhnte Anne, die unter ihren Sommersprossen reichlich blass wirkte. »Und das so kurz nachdem wir uns erst gefunden haben.« Sie schüttelte sich, weiterhin an Gwens Hand geklammert, als habe sie nicht vor, ihre Liebste jemals wieder loszulassen.

Lance indessen hatte sich vom ersten Schreck erholt und blickte sich höchst interessiert im Laden um.

»Wohl wahr, ich wähnte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen«, sagte er, derweil er um die Ecke in den Gang spähte, der zum Eingang des Buchladens führte. »Doch jetzt, wo wir schon einmal hier sind … Was haltet ihr von einer vergnüglichen Firlefanzerei, einem Spaziergang durch das London hier draußen?!« Seine Stimme bebte vor Aufregung.

»Genau das werden sich wahrscheinlich alle Buchfiguren denken, wenn sie von der Öffnung des Portals erfahren«, brummte Rufus, während er seinen faszinierten Gehilfen besorgt betrachtete.

»Und aus eben diesem Grund muss diese Tatsache unbedingt geheim bleiben«, sagte M entschieden. »Wir, die wir hier versammelt sind, müssen das Geheimnis wahren. Und wir müssen herausfinden, wie es gelungen ist, den Text herauszuschmuggeln. Und von wem. Portia, du hast doch ein Protokoll darüber geführt, welche Wanderer und Verwandler zu welchen Zeiten die Bücherwelt verlassen haben?!«

Mrs. Gateway nickte. »Es liegt vorn auf dem Tresen.«

»Gut. Wir werden es durcharbeiten und genau prüfen – jemandem ist es gelungen, durch unser Überwachungsnetz zu schlüpfen und erst den Text hinauszuschmuggeln, den Surt von Hope erpresst hat, und dann Surt selbst.«

Ich war froh, dass M das mit dem Erpressen erwähnte. Trotzdem fühlte ich mich immer noch schauderhaft, wenn ich daran dachte, dass ich diejenige gewesen war, die die Worte zu Papier gebracht hatte, welche uns jetzt diese Katastrophe bescherten.

»Einmal nach draußen gelangt, musste der Verräter oder die Verräterin nur noch die Zeilen lesen – und prompt hat sich unsere Zentrale verändert.« M machte ein verbittertes Gesicht. »Und zwar ohne, dass irgendjemand es bemerkt hätte. Niemand außer Quan Surt.«

»Oh nein!«, entfuhr es mir, und ich schlug mir die Hand vor den Mund. Alle sahen mich an. »Genauso habe ich es geschrieben! Der Beginn des Textes lautet: In der Zentrale des Bundes, dem buchneutralen Ort, dem Zentrum aller Bücher, ist eine Veränderung eingetreten. Zunächst war es nicht zu spüren. Niemand ahnte, dass etwas so Gewichtiges geschehen war. Alles ging seinen Gang, und keiner schöpfte Verdacht

»Wahnsinn!«, hauchte Oliver mit großen Augen.

»Das beweist, dass du mein Talent geerbt hast, Schätzchen«, stellte Mum höchst befriedigt fest.

»Zum Ausflippen!«, kommentierte Oliver noch mal, bevor er anbot: »Hey, ich mach das. Die Liste checken, wer hier rausmarschiert ist. Ich mein, das ist ja schon ’n paar Tage her, dass wir die Wachen eingerichtet haben, und wahrscheinlich ist seitdem jeder verfügbare Wanderer und Verwandler hier durchspaziert. Aber vielleicht gibt’s trotzdem irgendein Muster. Irgendwas, bei dem es ›schnack‹ macht.« Er tippte sich an den Kopf. »In der Schule war ich gut im Lösen von kniffligen Rätseln und so. Ich könnt versuchen, ob mir irgendwas auffällt.«

»Es wäre wunderbar, wenn Sie das übernehmen würden, Oliver.« M nickte ihm dankbar zu.

Neela, die neben ihm stand und in ihrer Security-Uniform fast so fein und elegant aussah wie im Sari, wirkte bedrückt. Ich ahnte, warum.

»Darf wirklich niemand außer uns von der Öffnung des Portals erfahren? Was ist mit Arundhati?«, fragte ich daher. »Neela und sie sind nicht nur Wanderin und Verwandlerin, sondern auch Zwillinge. Sollen sie wirklich ein so großes Geheimnis voreinander haben?«

Neela schenkte mir ein Lächeln, bevor sie einen beinahe ängstlichen Blick in Ms Richtung warf.

»Na, ich würd doch sagen, da liegt die Antwort auf der Hand«, mischte Mum sich ein und verschränkte entschieden die Arme vor der Brust. »Zwei Schwestern, die so ein Geheimnis voreinander haben müssen! Tz, das kann nicht gut gehen. Das wäre, wie wenn man das von einer Mutter und ihrer Tochter verlangen würde.«

Ich konnte ein kleines Husten nicht unterdrücken. Schließlich war sie es gewesen, die beinahe zwanzig Jahre vor mir verheimlicht hatte, dass es die Bücherwelt gab und es möglich war, mithilfe eines Wanderers in jede beliebige Geschichte zu reisen. Ganz zu schweigen davon, dass sie selbst die Zentrale der gesamten Bücherwelt in ihrer heutigen Form erschrieben hatte.

M überlegte nicht lange, sondern nickte. »Ich bin einverstanden. Arundhati soll informiert werden.«

Ein Leuchten erhellte Neelas hübsches Gesicht. »Danke, M.«

»Tja, und Kenan sollten wir wohl ebenfalls Bescheid geben, oder etwa nicht?«, meinte Oliver. »Sohn des Gründers, fast von Anfang an dabei, einer der wichtigsten Wanderer und so weiter und so weiter …«

Diesmal zögerte M. Sie suchte Rufus’ Blick, der sich jedoch abwandte und zur Seite zwischen die Bücherregale starrte. Erst als sie ihn ansprach, reagierte er. »Rufus? Würden Sie es übernehmen, Ihren Bruder zu informieren?«

Ich kannte diesen düsteren, unwilligen Blick nur zu gut, mit dem Rufus M gerade bedachte.

»Eigentlich wollten wir nach Dublin reisen«, begann er. Doch M sah ihn auf die ihr typische Art und Weise an, der sich selbst der miesmuffeligste Kerl nicht widersetzen konnte. »Also gut. Dann erledige ich erst das, und wir fahren danach.« Er warf mir einen Blick zu. Ich nickte.

»Und welches Gaudium suchen wir uns denn nun aus?«, fragte Lance, während er sich die Hände rieb und weiterhin nach allen Seiten den Kopf verdrehte. »Wie wäre es mit einer … Stadtbesichtigung? Einer Busrundfahrt? Das kenne ich aus einigen aktuellen Romanen. Man sitzt hoch oben auf einem roten Gefährt und …«

»Lance!«, fuhr Gwen ihn an. Hektische rote Flecken bedeckten ihre Wangen. »Wir machen doch jetzt keinen Tingeltangelausflug!«

Mit einer läppischen Handbewegung wischte Lance ihre Rüge beiseite. »Ja, na ja, stimmt schon. War ja nur so ein Gedanke, für den wohl irgendwann später noch einmal Zeit sein wird.« Er strich sein Jackett glatt und wandte sich an Rufus. »Selbstverständlich komme ich mit dir, wenn du diesen möglichen Nachtmahr-Schreiber Sánchez in Irland aufsuchst. Dann muss Hope nichts riskieren. Schließlich ist hier draußen dieser bösartige Surt unterwegs, von dem wir wohl annehmen müssen, dass er ihr irgendwo auflauert. Ich selbst bin natürlich ausgebildet für gefährliche Situationen und den Kampf gegen gemeine Gegner und …«

»Tut mir sehr leid, mein Freund«, unterbrach Rufus seinen Gehilfen ungewöhnlich behutsam. »Aber du kannst mich nicht begleiten. Je länger ihr der Bücherwelt fernbleibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Geheimnis entdeckt wird. Um genau zu sein, solltet ihr sogar …« Weil er den Wechsel des Gesichtsausdrucks seines Gehilfen von euphorischer Freude zu bodenloser Enttäuschung live beobachten konnte, drehte Rufus sich Hilfe suchend zu M.

»Wir sollten so schnell es geht zurück in die Zentrale«, stimmte die ihm zu. »Solange wir hier stehen und reden, laufen wir Gefahr, dass jemand zum Portieren in den Laden kommt oder aus der Zentrale heraus.«

Einen Moment lang schien es, als wolle Lance trotzig aufstampfen. Doch dann wechselte er einen Blick mit Gwen und seufzte schließlich. »Vermaledeit … Ihr habt recht. Es leuchtet mir wohl ein.«

Gwen, die ihren Arm um Annes Taille geschlungen hatte, kaute auf ihrer Unterlippe. »Ich frage mich … Also, woher wissen wir, dass das Portieren in eine Buchwelt auch für uns Figuren funktioniert?«

Wir alle tauschten nervöse Blicke. Verwandlerinnen, wie ich eine war, aber auch Menschen ganz ohne Begabung konnten in die Szenerie eines Buches reisen und über sie in die Zentrale der Bücherwelt gelangen, indem ihnen ein Wanderer die entsprechende Geschichte vorlas und sie sich dort hineinfallen ließen. Doch galt das auch für literarische Gestalten?

Mrs. Gateway, die bislang geschwiegen und sich darauf beschränkt hatte, das Geschehen zu beobachten, nahm ihre übliche stocksteife Haltung ein und sagte: »Verständlicherweise konnte dies bisher nicht getestet werden, da es keiner Buchfigur möglich war, in unsere Welt hinaus zu gelangen. Deshalb wird uns nichts anderes übrig bleiben, als es zu versuchen.«

Alle nickten.

»Wir sollten keine Zeit verlieren«, meinte Rufus. »Da Neela und Oliver beim Portal bleiben müssen, bin dann wohl ich derjenige, der lesen wird.«

»Au Mann, da würd ich echt gern zusehen! Geht nicht. Ich weiß, Portalwache und so«, jammerte Oliver, setzte jedoch sofort eifrig hinzu: »Aber ich kann das Buch holen. Welches nehmt ihr?«

»Wir haben keine Wahl«, stellte Gwen fest. »Anne ist keine Gehilfin und kann sich außer in der Zentrale nur in ihrer eigenen Buchwelt aufhalten. Wir müssen zurück in ihre Geschichte.«

»Genial!«, rief Oliver und sprang los, um in der Ecke der Jugendbücher nach Anne auf Green Gables von Lucy Maud Montgomery zu suchen.

»Nehmen Sie am besten die Gartenlounge?!«, schlug Mrs. Gateway mit fragendem Blick zu Rufus vor. »Da ist ausreichend Platz für alle, und sie liegt weit genug vom Eingang und dem Portal entfernt.«

Rufus sah zu M.

»Hier sind Sie derjenige, der solche Entscheidungen treffen muss, Rufus«, erwiderte die. »Dies ist Ihre Welt.«

»Aber das muss ja nicht so bleiben«, warf Lance hoffnungsvoll ein. »Ich meine, wenn wir einmal durchs Portal hierhergelangt sind, dann wird es auch wieder möglich sein.«

»Wir werden sehen«, erwiderte Rufus. »Jetzt geht es erst mal darum, euch möglichst schnell zurück in die Bücherwelt zu bringen.«

»Schon da!«, krähte Oliver, der mit dem ersten Band aus Annes kleiner Reihe um die Ecke schoss. Er übergab das Buch Rufus und nickte ihm zuversichtlich zu. »Du wirst das schaukeln!«

Und so machte sich unsere kleine Gruppe auf den Weg in die Tiefen des Ladens hinein, während Oliver zusammen mit Neela am Portal zurückblieb, um den Schein der Bewachung zu wahren, und Mrs. Gateway sich nach vorn in den Laden verabschiedete.

Als wir die Ecke mit den mit hübsch gemusterten Polstern versehenen Gartenmöbeln erreichten, die Mrs. Gateway vorgeschlagen hatte, dauerte es einen Moment, bis alle ihren Platz gefunden hatten. Da Rufus selbst sich nicht setzte, blieb auch ich stehen.

»Ihr müsst euch berühren«, erklärte er Gwen, Lance, Mum und Anne. An M gewandt setzte er hinzu: »Am besten legen Sie einfach die Hand auf den Arm eines der anderen.«

Gwen und Anne rutschten nah zueinander. Mum legte ihren Arm um beide und Lance seine Hand auf Gwens Rücken. Kurzerhand griff Mum mit der freien Hand nach der Ms. Es sah ihr ähnlich, dass sie sich über die respektvolle Distanz, die wir alle M gegenüber wahrten, einfach hinwegsetzte. M schien jedoch nichts dabei zu finden und lächelte.

Rufus wandte sich an mich. »Bist du einverstanden, mich auf der Suche nach Kenan zu begleiten? Ich halte das für besser, denn dann können wir im Anschluss möglichst schnell gemeinsam nach Dublin aufbrechen, ohne uns erst wieder zusammenfinden zu müssen.«

Mir lag schon eine spitze Bemerkung dazu auf der Zunge, dass er mich tatsächlich ausnahmsweise fragte, ob ich seine Pläne für mich billigte. Außerdem fand ich die Vorstellung, als Puffer zwischen die grollenden Brüder zu geraten, nicht gerade verlockend. Da allerdings alle zuhörten, verkniff ich mir den Kommentar und nickte nur.

»Gut. Dann werde ich nur die anderen portieren, während wir beide hier im Laden bleiben …«

»Das geht?«

»Mit einiger Willensanstrengung, ja.«

»Daran erkennt man einen begabten Wanderer«, erklärte M mit nicht zu verhehlendem Stolz.

Rufus nickte unmerklich und schaffte es, sich keine weitere Regung zu diesem hohen Lob anmerken zu lassen. Stattdessen bat er mich: »Würdest du also bitte mich berühren? Dann halte ich dich mit mir hier.«

Es war nicht so, dass Rufus und ich uns noch nie berührt hätten. Oft geschah es mehr oder weniger zufällig, beispielsweise im Speisesaal, wenn wir uns eine Schale reichten oder zur beliebtesten Essenszeit nahe aneinanderrücken mussten, damit alle Hungrigen Platz an den Tischen fanden. Aber immer, wenn wir es ganz bewusst taten, war da irgendeine Schranke, die es jedes Mal neu zu überwinden galt.

So auch jetzt. Ein feines, kleines Zögern. Und dann ein leichter Ruck, mit dem ich näher zu ihm trat und meine Hand auf seinen Rücken legte. Als Rufus daraufhin das Buch aufschlug, fing ich einen Blick von Mum auf, der zwischen Rufus und mir hin und her sprang. Nicht, dass sie uns musterte, ließ mich stutzen, sondern der Ausdruck auf ihrem Gesicht. Zeit meines Lebens hatte sie mich ermutigt, ein bisschen körperlicher zu sein, was den Kontakt zu anderen einschloss, insbesondere den zu attraktiven Männern. Und solange sie unter Einfluss der Faust-Droge gestanden hatte, die man ihr verabreicht hatte, damit sie sich nicht an die Bücherwelt erinnerte, hatte sie mich regelrecht in Rufus’ Richtung geschubst. Ich erinnerte mich an eine Situation, in der sie ihn als einen echten Löwen, weil so animalisch bezeichnet hatte, was mir jetzt noch die Schamesröte ins Gesicht trieb.

Die Art, wie sie mich jetzt hingegen ansah, war so vollkommen anders, dass ich irritiert blinzelte. Sie wirkte unwillig. Ja, es schien tatsächlich so, als behage ihr ganz und gar nicht, was sie sah. Als sie meinen Blick bemerkte, schlug sie die Augen nieder und gab vor, sich auf die Zeilen zu konzentrieren, die Rufus vorlas.

Sonderbar.

Rufus trug mit seiner typischen, dunklen Vorlesestimme vor, die mir inzwischen so vertraut war, dass ich meist nur wenige Sätze brauchte, um mit ihrer Hilfe in die Geschichte zu gleiten, die er gerade las.

Während der ersten Zeilen war Rufus noch die Anspannung anzumerken, die Gwens Feststellung ausgelöst hatte: Niemand von uns wusste, ob auch Buchgestalten portieren konnten. An die Frage, was, wenn nicht, wollte ich lieber nicht denken, denn ich konnte mir weder meine beiden Freunde aus der Artussage noch die lebenslustige Anne und schon gar nicht die ursprüngliche Märchenfigur M auf Dauer in dieser Welt hier draußen vorstellen.

Rufus war im Text mittlerweile so weit vorgedrungen, dass die kleine Anne im Buch den Bahnhof verlassen hatte, bei dessen Beschreibung Mum beim letzten Mal ins Buch portiert war. Die junge Anne im Buch fuhr mit dem alten Matthew die acht Meilen nach Green Gables und erzählte und plauderte unentwegt.

»Ach, du meine Güte«, stellte die echte Anne hier draußen bei uns mit einem Male fest und unterbrach damit den Vorlesefluss. »So bin ich? Aber das ist ja grauenvoll! Dieses ununterbrochene Geplapper!«

»Es ist absolut reizend!«, behauptete Gwen mit dem Brustton der Überzeugung. »Aber ich kann verstehen, dass du irritiert bist. Wenn ich mir vorstelle, wir würden unsere Geschichte hören und Rufus würde meine Stimme lesen … Das muss sich seltsam anfühlen.«

»Stell dir doch vor, dass es ein anderes, kleines Mädchen ist, das so aufgeregt ist, weil es endlich ein Zuhause findet«, schlug meine praktisch veranlagte Mum vor.

»Oh ja! Das mache ich.« Anne strahlte. »Im Vorstellen bin ich sehr gut!« Sie schloss die Augen.

Rufus vergewisserte sich, dass alle sich wieder konzentrierten, und las weiter. Und dann, ungefähr in der Szene, in der Matthew mit Anne zu Hause ankommt und das Mädchen seiner Schwester Marilla vorstellt, zeigte sich in der kleinen Gruppe ein merkwürdiges Flirren und Glitzern. Ausgehend von Anne breitete es sich über Gwen, Lance, M und Mum aus.

Selbst Lance, der die ganze Zeit die Augen geöffnet gehalten hatte, als sei er nach wie vor in Alarmbereitschaft, schloss nun die Lider. Genau wie die anderen wirkte er zunehmend durchscheinend. Auch ich spürte mit einem Mal eine bleierne Müdigkeit und wollte mich so gern hinsetzen, mich an Mum schmiegen und die Augen schließen. Doch Rufus griff nach meinem Arm, der an seinem Rücken herabrutschte, und hielt ihn sanft fest.

Wenige Sekunden später sanken unsere Freunde in der Gartensitzgruppe leise in sich zusammen – ganz so, als würden sie gemeinsam einschlafen. Doch ehe ich das Bild noch recht aufgenommen hatte, lösten sie sich vor meinen Augen auf. Die Sitzbank und Stühle mit den weichen Polstern waren leer.

2. Kapitel

Rufus seufzte erleichtert auf und klappte das Buch zu.

Ich starrte immer noch auf die verlassene Sitzgruppe vor uns. Zwar hatte ich bereits einige Male erlebt, wie jemand portierte, doch zuzusehen, wie eine ganze Gruppe gemeinsam verschwand, war mir neu. Und immer noch verspürte ich eine kaum zu zähmende Sehnsucht, ihnen zu folgen.

»Es hat geklappt«, bemerkte Rufus.

Als ich den Kopf hob, sah ich, dass er mich anlächelte.

»Ich habe nicht daran gezweifelt, dass du das schaffst«, antwortete ich und stellte überrascht fest, dass das der Wahrheit entsprach.

Sein Lächeln wurde breiter. »Danke.«

Wir schauten uns einen Moment lang an und dann rasch zur Seite.

»Am besten machen wir uns gleich auf die Suche nach Kenan, oder?«, schlug ich vor. »Meinst du, er ist hier draußen?« Als sein Bruder wusste Rufus mit Sicherheit, wo Kenan in London wohnte.

»Fragen wir Mrs. Gateway«, entschied er. »Die wird es wissen.« Und so machten wir uns auf den Weg in Richtung Ausgang. Als wir an Oliver und Neela vorüberkamen, die neben dem Portal standen und sich unterhielten, berichteten wir ihnen vom erfolgreichen Portieren unserer Freunde. Sie waren genauso erleichtert wie wir und wünschten uns für unsere spätere Reise nach Dublin viel Glück.

Vorn, am Tresen in der Nähe der Eingangstür, stand die alte Buchhändlerin und fuhr mit spitzen Fingern ihre Notizen in einer alten Kladde rauf und wieder runter. Dabei murmelte sie vor sich hin. Rufus räusperte sich. Sie erschrak und schaute auf.

»Oh, Mr. Walker, Mrs. Turner, ist alles …?« Sie warf einen vorsichtigen Blick zur Tür, als könne jede Sekunde jemand hereinspazieren, der unser Gespräch nicht mit anhören durfte.

»Ja, alles bestens«, versicherte Rufus ihr.

Sie schüttelte den Kopf und flüsterte: »Ich verstehe das nicht. Ich habe seit dem Zusammentreffen von Mrs. Turner mit dem Anführer der Absorbierer alle Verwandler und Wanderer hier eingetragen, die durch das Portal herausgekommen sind. Alle sind aufs Genaueste untersucht worden. Das Portal war Tag und Nacht bewacht, und ich kann keine Lücke finden, in der der Text und dann Quan Surt durch das Portal gebracht worden sein könnten.« Kummervoll schüttelte sie den Kopf, als sei es ihre Schuld, dass es trotzdem geschehen war.

Rufus erwiderte beruhigend: »Sie haben alles Menschenmögliche getan, Mrs. Gateway. Überlassen Sie Oliver die Nachforschungen. Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Sie die Liste zu ihm nach hinten bringen und er schon mal einen Blick hineinwirft?!«

Mrs. Gateway sah ihn dankbar an. »Sie haben recht, Mr. Walker. Ich bin wahrscheinlich … wie sagt man? Betriebsblind.«

Sie wollte die Kladde bereits schließen, als Rufus darauf deutete und sagte: »Vielleicht könnten Sie uns aber noch den Gefallen tun und nachschauen, wann mein Bruder zuletzt rückportiert ist. Wir wollen ihn aufsuchen, wissen aber nicht, wo er sich aufhält.«

Mrs. Gateway blickte erneut auf die Seiten vor sich, die mit einer steilen Schrift gefüllt waren.

»Ich habe Mr. Kenan Walker zuletzt gestern Abend gesehen«, erinnerte sie sich murmelnd und tippte mit dem Finger auf eine Stelle. »Ja. Hier. Wir haben uns eine ganze Weile unterhalten. Aber dann wurde ich nach hinten gerufen, weil an einem Leseplatz das Portieren in ein neues Buch nicht so reibungslos lief und der Tee ausgegangen war. Als ich zurückkehrte, war Mr. Walker fort. Auf dem Chintzsessel lag sein Buch. Und so, wie es aussieht …«, sie fuhr die Reihen hinauf und hinunter, »nein, er ist bisher nicht rückportiert. Offenbar hat er in der Bücherwelt übernachtet. Das tut er häufiger. Wie viele von Ihnen.«

»Das übliche Buch?«, erkundigte Rufus sich.

Sie nickte und deutete zu dem Regal, hinter dem ich Kenan vor etwa zwei Monaten das erste Mal gesehen hatte, vertieft in seine Lektüre. Die drei Musketiere.

Wir gingen hinüber, und ich zog das Exemplar heraus, das Kenan stets zum Portieren benutzte, wenn er keinen Verwandler einlas, sondern allein in die Bücherwelt reiste.

»Huch …« Beinahe wäre es mir aus der Hand gefallen, und ich musste rasch mit der anderen zugreifen, um es aufzufangen. Der uralte Leineneinband saß locker und hatte sich von den gebundenen Seiten vollständig gelöst.

»Oh, ja, Mr. Walker hat es neulich auch schon bemerkt und gemeint, er würde das Exemplar gern neu binden lassen. Er hängt an dieser alten Ausgabe.« Mrs. Gateway zuckte mit den Schultern. »Aber das neue steht ja daneben. Am besten nutzen Sie das.«

Ich wollte das zerfledderte Exemplar zurück ins Regal stellen, als es wie von selbst an einer Stelle noch weit am Anfang der Geschichte aufklappte. Währenddessen griff Rufus nach dem wesentlich frischer wirkenden Einband des gleichen Titels im Regal.

Ich schloss die alten Buchdeckel in meinen Händen, die sich weich und abgegriffen anfühlten, und schob den Band vorsichtig zwischen die anderen Buchrücken. Irritiert blinzelte ich.

Was war das gewesen?

Als das Buch aufklappte, war ich bemüht gewesen, dass die Seiten nicht komplett auseinanderfielen. Dabei hatte ich ein Wort erhascht. Ein englisches Wort.

War es das, was mich stutzen ließ? Natürlich handelte es sich bei dieser Ausgabe, genau wie bei der, die Rufus inzwischen in der Hand hielt, um eine Übersetzung aus dem Französischen. Doch dieses Wort … Was war es gewesen? Trustcross? Was sollte das bedeuten? Und was suchte solch ein Wort in dem Buch von Alexandre Dumas? Ich hatte Die drei Musketiere nie gelesen, gern jedoch alle Verfilmungen der Geschichte angeschaut und konnte mich an etwas wie Trustcross nicht erinnern. Was sollte das überhaupt sein?

Rufus hatte sich bereits umgewandt, um unsere übliche Leseecke aufzusuchen und uns von dort zu den berühmten Leibgardisten zu portieren. Doch ich zögerte. Dann streckte ich erneut meine Hand aus, um das Buch noch einmal herauszuholen. Ich wollte nachschauen, was es gewesen war, das mich so irritiert hatte.

In diesem Augenblick ertönte die Türglocke hinter uns.

»Puh, was ein Gekreisch«, erklang eine Stimme, die mir verdammt bekannt vorkam.

Ich fuhr ebenso herum wie Rufus und Mrs. Gateway.

»Hallöchen, Hope. Hier steckst du also«, sagte Mick.

Für einen Moment standen wir alle stumm voreinander. Mick trug eine Armee-Hose und darüber ein T-Shirt mit Totenkopfaufdruck, das Mrs. Gateway anstarrte wie ein böses Omen. Sein grobschlächtiger Eindruck täuschte allerdings. Mick arbeitete als Altenpfleger in jenem nahegelegenen Wohnheim, in dem Mum bis vor Kurzem gelebt hatte, und war aufgrund seiner hingebungsvollen Art der Liebling aller Bewohnerinnen. Nachdem Dr. Faust herausgefunden hatte, dass jemand meiner Mutter Drogen verabreichte, um ihr Erinnerungsvermögen zu blockieren, hatten Rufus und ich sie zu ihrem Schutz und ihrer Genesung in die Zentrale der Bücherwelt gebracht. Mick hatten wir erzählt, dass ich sie für eine Weile zu mir nehmen würde, um mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Dass sie inzwischen quietschfidel und wieder ganz die Alte war, hatte ich ihm leider nicht verraten dürfen.

»Oh, ähm … ja, hey«, brachte ich schließlich heraus. »Was machst du denn hier?«

Mick deutete mit dem Daumen auf die Straße hinaus. »Ich war gerade bei deiner Wohnung. Nicht zum ersten Mal übrigens. Immerhin war Freitag echt der Teufel los am Heim. Britney und ich völlig neben der Spur, weil uns irgendjemand von hinten Beruhigungsmittel aufs Gesicht gedrückt hat. Dein Waschlappen von Freund direkt vor der Tür vom Bus überrollt und von dir und Vivien keine Spur. Was geht hier ab, frag ich mich? – Und als ich eben zum Heim will, seh ich dich hier im Laden Bücher aussuchen, als wär nichts passiert.«

»Ach je, Mick, das … Das tut mir super leid!«, stammelte ich betreten. Der Zwischenfall, auf den Mick anspielte und bei dem mein Ex-Freund Christian versucht hatte, mich zu entführen, um mich an Surt auszuliefern, schien mir wegen all der neuen Ereignisse viel länger als nur ein paar Tage zurückzuliegen. Schließlich war alles gut ausgegangen, weil der kugelrunde Oliver, der sich zu meinem Erstaunen als Meister im Aikido entpuppte, Christian stoppte und mein Ex bei seiner Flucht vor einen Bus lief. Und starb. »Du hast recht. Ich hätte mich längst bei dir melden sollen nach dieser Sache. Aber es gab so viel … es war so …«

»Völlig irre?«, half Mick mir, während er Rufus und Mrs. Gateway musterte, die ihn ihrerseits anstarrten; Letztere mit abweisend verkniffenem Mund, Rufus nachdenklich.

Mick hängte die Daumen in die Taschen seiner Hose und fragte: »Wo ist Vivien?« Täuschte ich mich oder klang da eine Spur Verärgerung in seiner Stimme? »Hope, ich muss dir doch hoffentlich nicht sagen, dass deine Mutter jederzeit Betreuung benötigt?! Du kannst sie nicht einfach allein zu Hause lassen. Du hast versprochen, dass du dich um sie kümmerst.« Er unterbrach sich, um unwillig die Nase zu rümpfen. »Meine Güte, hier stinkt’s wie in einem Pumakäfig.«

»Lasst uns rausgehen«, schlug Rufus vor und reichte Mrs. Gateway mit einem vielsagenden Blick das Buch in seiner Hand. »Das Café an der Ecke hat schon geöffnet. Dort können wir alles in Ruhe besprechen, okay?!«

Alles besprechen? Ich spürte, wie meine Knie weich wurden. Was sollte ich Mick denn um Himmels willen erzählen, ohne ihn in das Geheimnis der Bücherwelt einzuweihen, von dem nun einmal lediglich Wanderer und Verwandler wissen durften?

»Klar«, hörte ich Mick sagen. »Nichts wie raus hier.« Und schon stand er draußen auf der Straße. Menschen, die über keine Begabung als Verwandler oder Wanderer verfügten, nahmen im Buchladen höchst unangenehme Gerüche wahr. Das diente dem Schutz des geheimen Portals. Ich erinnerte mich noch gut an den beißenden Geruch nach Katzenpipi, der mir bei meinem ersten Besuch in Mrs. Gateway’s Fine Books in die Nase gestochen war – bevor er sich dank meiner Gabe als Verwandlerin in den wohlriechenden Duft nach Mums Apfelkuchen verwandelt hatte. Mick musste der Laden wie der unangenehmste Ort auf Erden vorkommen – kalt, miefig, abweisend.

Rufus und ich ließen unser Dublin-Gepäck bei Mrs. Gateway zurück und folgten ihm.

Bis zum Café an der Ecke waren es nur ein paar Schritte, und jetzt, an einem Dienstagmorgen, saßen kaum Gäste an den Tischen. Rufus steuerte einen Platz am anderen Raumende an, wo wir uns ungestört unterhalten konnten. Die Bedienung erschien beinahe augenblicklich.

»Guten Morgen, ich bin Alice. Was kann ich für euch tun?« Alice war um die dreißig, mit einem äußerst akkurat geschnittenen cocacolaroten Pagenkopf und lebendigen haselnussbraunen Augen. Ihre peppigen, modernen Klamotten mit individuellem Style trug sie so lässig, wie ich es nie könnte. Und sie starrte Rufus unverhohlen an.

Dem schien ihr augenscheinliches Interesse jedoch gar nicht aufzufallen. Er bestellte für sich und mich je einmal das vegane und für Mick das Full-english-Breakfast und Kaffee für uns alle. Kellnerin Alice nickte ihm wie hypnotisiert zu und verschwand.

»Ich hab nicht viel Zeit«, brummte Mick und sah auf die Uhr. »In einer halben Stunde fängt meine Schicht an.«

»Es dauert nicht lang. Und währenddessen können wir es uns ruhig gutgehen lassen«, antwortete Rufus.

Mick sah mich an. Ich zuckte mit den Schultern. Dann blickten wir beide zu Rufus. Ich hoffte inständig, dass er irgendeine plausible Erklärung parat haben würde.

»Dann lassen wir jetzt besser mal die Maske fallen, Hope«, sagte er zu mir, und mein Herz setzte beinahe aus. Er wollte doch nicht allen Ernstes einem Nicht-Eingeweihten von der Bücherwelt erzählen? Im Sitzen deutete Rufus eine Art kleiner Verbeugung in Richtung Mick an. »Gestatten, Dr. Rufus Walker, Royal Academy of Science.«

Ich war froh, dass Mick sich auf ihn konzentrierte und somit meine Verblüffung nicht bemerkte. Rasch versuchte ich, mich in den Griff zu bekommen und auszusehen, als sei mir Rufus’ Vorstellung alles andere als neu.

»Royal Academy …?«, wiederholte Mick verwundert.

»… of Science.« Rufus nickte. »Ich bin der Leiter eines Forschungsprojektes zum Thema Genetik der Alzheimer-Krankheit. Wir beschäftigen uns mit einer speziellen Form dieser Erkrankung, des früh einsetzenden Alzheimers. Wie Sie sicher wissen, wird die Alzheimer-Krankheit autosomal dominant, also nach den klassischen Regeln der Vererbungslehre, vererbt. Es handelt sich um eine Genmutation. Unserer Forschungsabteilung ist es gelungen, die hierfür zuständigen Gene Präsenilin 1 und Präsenilin 2 auf den Chromosomen 14 zu isolieren. Derzeit erproben wir eine Post-morbum-incidere-Behandlung. Vereinfacht gesagt geht es darum, die durch die DNA hervorgerufenen Störungen zu beheben. Tja, und es sieht so aus, als seien unsere jahrelangen Forschungen endlich von Erfolg gekrönt.«

Mick starrte Rufus ungläubig an. »Moment, Moment. Du sagst, ihr könnt die kaputten Gene von Alzheimerpatienten reparieren? Und zwar, nachdem sie erkrankt sind?«

Rufus verzog den Mund und sah tatsächlich aus wie ein Mediziner ohne Kittel, der einem Nichtversierten einen hochkomplexen Zusammenhang zu erklären versucht. »Es wäre schön, wenn das für alle Alzheimerpatienten gelten würde. Aber leider konzentrieren sich unsere Erfolge derzeit auf eine einzige Form dieser Erkrankung. Eine genetisch bedingte Unterform und zudem höchst selten.«

»Und Vivien …?«, begann Mick zögernd mit einem fragenden Seitenblick zu mir.

»Mum hat genau diese Form der Alzheimer-Krankheit«, bestätigte ich schnell und war stolz, so geistesgegenwärtig zu sein.

Rufus erklärte: »Deswegen brauchte Hope die Blutprobe ihrer Mutter, bei deren Beschaffung deine Freundin und du ja netterweise behilflich waren. Damit konnte Viviens DNA bestimmt werden.«

Mums Pfleger sah zwischen Rufus und mir hin und her. »Echt jetzt?«

Rufus legte die Handflächen aneinander. »Vivien befindet sich derzeit in einer Spezialeinrichtung unserer Academy. Das Ganze ist natürlich noch streng geheim. Daher war eine offizielle Zusammenarbeit mit der Pflegeheimleitung ausgeschlossen. Es gibt zu viele, die an den Impfstoff gelangen wollen. Aus … unlauteren Zwecken, wie sich versteht.«

»Scheiße! Ja!«, rief Mick und schlug mit der Hand auf die Tischplatte. Ich erschrak. Aber er fuhr an mich gewandt fort: »Dieser Christian, mit dem war was nicht ganz koscher, stimmt doch?!«

Ich fing ein kaum sichtbares Nicken von Rufus auf.

»Genau«, erwiderte ich deswegen nur vage, und Rufus erklärte dramatisch: »Ein Wissenschafts-Spion.«

»So wie Industrie-Spion?«

»Exakt.«

»Hab ich doch gleich gewusst, dass mit dem irgendwas nicht stimmte.« Mit zufriedener Miene lehnte Mick sich zurück. »War ein seltsamer Typ. Aber du hast gesagt, er sei dein Freund?!« Das ging an mich.

»Ein altbewährter Trick solcher Spione ist es, sich das Vertrauen von involvierten Personen zu erschleichen«, behauptete Rufus, und ich war beeindruckt, wie einleuchtend er argumentierte.

Mick hob die Hand und legte sie an seinen Mund. Es sah aus, als erinnere er sich an etwas. Und tatsächlich: »War er es, der Britney und mich überfallen hat, letzten Freitag? Wir konnten uns beide an nichts erinnern, nur dass plötzlich jemand hinter uns war, und dann … stockfinster!«

»Das dürfen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen.« Rufus nickte. »Schließlich hat er anschließend versucht, Vivien zu entführen. Über die Analyse ihres Blutes hofften sie wohl an die Aufschlüsselung des Reparaturcodes zu gelangen. Zum Glück konnten mein Kollege Dr. Oliver und ich ihn an der geplanten Tat hindern, und bei seiner Flucht ist Christian Coleman dann … Nun, das weißt du ja.«

Mick nickte grimmig. »Mistkerl. Am Ende kriegt jeder, was er verdient, oder?«

»Das bleibt zu hoffen«, sagte ich leise und dachte an Quan Surt, der für sein egoistisches Ziel den Tod von mehreren seiner sogenannten Freunde billigend in Kauf genommen hatte.

Rufus ließ Mick eine Weile Zeit, um die gerade erhaltenen Informationen zu verdauen. Während ich den Altenpfleger aus dem Augenwinkel betrachtete, beschlich mich eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Erleichterung. Natürlich war ich froh, dass er Rufus’ sensationell tolle Erklärung zu akzeptieren schien. Denn auf diese Weise würde die rasante Verbesserung von Mums Zustand ihn nicht erstaunen und wir konnten weiterhin ihre Freundinnen im Heim besuchen. Trotzdem plagte mich das Gewissen, dass wir dem besten Pfleger der Welt und gutmütigen Kerl einen derartigen Bären aufbinden mussten. Aber wo war die Alternative?

»Mum geht es gut«, sagte ich und legte meine auf Micks Hand. »Es geht ihr … jeden Tag besser.«

Mick sah mich an. Das Lächeln auf meinem Gesicht überzeugte ihn, und auf seiner Miene breitete sich ebenfalls ein breites Grinsen aus. »Mann, das sind mal richtig gute Neuigkeiten!«

In diesem Moment erschien die Pagenkopf-Bedienung, Alice, an unserem Tisch. Sie trug ein Tablett, auf dem gut gefüllte Teller und eine Kaffeekanne standen. Rufus bekam sein Frühstück als Erster, und Alice ließ auch dann nicht die Augen von ihm, als sie Mick und mir unsere Teller hinstellte, was dazu führte, dass ein paar Scheiben Toast fast in meinem Schoß gelandet wären.

»Hoppla!«, machte Rufus und fing das Brot auf. Als er es auf meinen Teller zurücklegte, sah er ihr zum ersten Mal richtig in die Augen.

Und da geschah etwas Merkwürdiges.

Während die beiden sich anstarrten, brauner Blick in braunem Blick, spürte ich in meinem Magen eine heiße Welle aufbranden, sodass ich mir unwillkürlich eine Hand auf den Bauch presste.

»Guten Appetit«, hauchte die hübsche Bedienung an meinen Wanderer gewandt und tänzelte zwischen den leeren Tischen davon.

Rufus schaute ihr nach.

In mir brannte es.

3. Kapitel

Das restliche Zusammensein im Café verlief entspannt. Rufus und Mick unterhielten sich über die verschiedenen Demenzformen und die unterschiedlichen Krankheitsverläufe. Ich konnte nichts beitragen, denn die beiden wussten wesentlich besser Bescheid als ich. Davon abgesehen war ich mit etwas anderem extrem beschäftigt.

Ich war vollkommen verwirrt.

Denn mit einem hatte ich nicht gerechnet: mit dieser heißen Welle in meinem Magen. Dieses schmerzhafte Zusammenziehen von irgendetwas in mir, jedes Mal, wenn Kellnerin Alice an unseren Tisch zurückkehrte, was sie überdurchschnittlich häufig tat. Offenbar gab es fortwährend Kaffee nachzuschenken, nach weiteren Wünschen zu fragen, leeres Geschirr abzuräumen oder einfach nur nachzufragen, ob es uns schmeckte.

Jedes Mal, wenn die junge Frau erschien, hob Rufus den Kopf und sah sie an. Manchmal lächelte er dabei. Manchmal blickte er ernst. Doch egal, wie Rufus reagierte – in mir tobte zuverlässig ein undefinierbares Grollen los. Was um Himmels willen sollte dieses sonderbare Gefühl? Ich würde doch nicht …?

An dieser Stelle verbot ich mir weiterzudenken. Denn was ich da denken wollte, war ganz und gar unmöglich. Rufus? Dieser stoffelige Klotz, der mich regelmäßig zur Weißglut trieb? Das konnte einfach nicht sein. Und so saß ich stumm und in mich gekehrt da und ließ das Gespräch der beiden Männer an mir vorbeirauschen.

Nach einer halben Stunde verabschiedete Mick sich. Rufus und ich versprachen, bald einmal mit Mum zu Besuch zu kommen. Und als der netteste Altenpfleger der Welt zur Tür hinaus war, wechselten Rufus und ich einen Blick. Immer noch verwirrt von den Gefühlen, die ich gerade erst entdeckt hatte, hielt ich den Augenkontakt jedoch nicht lange aus.

»Woher weißt du das alles?«, wollte ich wissen.

»Hm?«

Ich stellte fest, dass Rufus’ Blick an mir vorbeigeglitten und Alice gefolgt war, die im vorderen Bereich des Cafés neu eingetroffene Gäste bediente. Ich ignorierte das schmerzhafte Ziehen in meiner Magengegend. »All diese Sachen über die unterschiedlichen Formen von Demenz, über die du mit Mick gesprochen hast.«

»Oh, tja … Erinnerst du dich daran, dass ich in unseren Chats bei der Partnervermittlungsagentur angegeben hatte, ich sei Arzt?«

»Sicher.«

»Meine Praxis in dem Job liegt zwar eine Weile zurück, aber es stimmt tatsächlich. Ich bin ein echter Doktor.« Er legte den Kopf schief, während er das sagte.

Ich stellte fest, dass diese Geste mir vertraut war. Wie so vieles an ihm. Seine gerade Haltung. Die meist ernst blickenden Augen. Seine dunkle Stimme und die Art, vor dem Sprechen einmal kurz über seinen Bart zu streichen.

Mein Verstand wusste noch gut, dass ich ihn bei unseren ersten Begegnungen furchtbar steif und griesgrämig gefunden hatte. Von Anfang an hatte Rufus mich irritiert mit seiner Ernsthaftigkeit und seinen düsteren Blicken. Doch hatte ich ihn in den letzten zwei Monaten offenbar so gut kennengelernt, dass ich inzwischen durch all das hindurchblickte. Jetzt sah ich in ihm denjenigen, der seinem Gehilfen Lance Tipps zur Eroberung dessen Herzdame gab, der meiner Mum so schnell es ging das Gegenmittel gegen die giftige Droge gebracht hatte, der mit mir zusammen über den von Fallobst betrunkenen Bambi lachte und der nicht zögerte, sein eigenes Leben zu riskieren, um meines zu retten.

Das alles ging mir durch den Kopf, während ich ihn ansah. Rufus erwiderte meinen Blick. In seinen Augen spiegelte sich mein eigenes Bild. Beinahe so, als ob es dorthin gehörte.

Zwei, drei, vier, fünf Sekunden … noch ein wenig länger.

»Nun, Doktor«, sagte ich schließlich. »Wollen wir uns auf den Weg zu Kenan machen?«

In Rufus’ Gesicht fiel eine Klappe. Von einer Sekunde auf die andere kehrte seine Griesgrämigkeit zurück, und er war wieder distanziert und mürrisch, wie immer, wenn die Sprache auf seinen Bruder kam.

»Du hast recht. Wir sitzen hier schon viel zu lange rum, ohne etwas zu tun«, erwiderte er und winkte nach Alice, um zu bezahlen.

Die Begleichung der Rechnung und die Verabschiedung endeten damit, dass Rufus und Alice beide gleichzeitig »Bis bald!« sagten und dann lachten. Ich hätte auf der Stelle brechen können, und schneller, als ich üblicherweise ein Lokal verließ, stand ich draußen auf der Straße.

Schweigend gingen wir zum Buchladen hinüber. Im Eingangsbereich standen Julius Turner und Yingtao Walker, eine zartgliedrige Wanderin, zusammen und blätterten gemeinsam in einem dicken Manuskript.

»Mein Bruder hat es geschrieben«, erklärte Yingtao uns nach der Begrüßung. »Ich hab es gelesen und finde es wirklich gut. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich hineinportieren will. Ich meine, er weiß schließlich nicht, dass ich mir seine Welt live anschauen kann, und so ein Manuskript ist ja etwas sehr Privates.«

»Das solltest du dir wirklich gut überlegen«, warnte Rufus sie. »Manchmal möchte man besser nicht wissen, was in den Menschen vorgeht, die man zu kennen glaubt.«

Yingtao sah erschrocken aus und setzte zu einer Erwiderung an, doch Rufus war bereits weitergegangen und hatte aus dem Regal mit den Abenteuerromanen die neue Ausgabe von Die drei Musketiere gezogen.

»Bis später dann mal«, sagte ich verlegen lächelnd zu Yingtao und Julius und beeilte mich, meinem Wanderer zu folgen, der bereits in den hinteren Teil des Buchladens unterwegs war.

»Was war denn das gerade?«, zischte ich ihm zu. »Wieder mal ein Auftritt vom bärtigen, griesgrämigen Klotz, der eine Unverschämtheit durch seine Gesichtsbehaarung brummelt und dann einfach weggeht? Du hast die arme Yingtao komplett verunsichert.«

»Ich habe nur gesagt, was ich tatsächlich meine.«

»Und wen genau hattest du dabei im Sinn? Von wem, den du zu kennen glaubst, möchtest du lieber nicht wissen, was in ihm vorgeht?«

Rufus zögerte, bevor er sagte: »Gerade im Café, da hatte ich kurz den Eindruck, dass du …« Er brach ab.

Mein Herz schlug schneller. Und das hatte nichts mit unseren eiligen Schritten zu tun. »Dass ich was?«

»Ach, vergiss es.«

»Weißt du, ich hatte im Café nicht den Eindruck, dass du irgendetwas mich betreffend mitbekommen hast«, hörte ich mich zu meinem eigenen Entsetzen sagen. Doch ich konnte einfach nicht aufhören. »Du warst doch viel zu beschäftigt damit, der hübschen Alice hinterherzuglotzen.«

Rufus warf mir einen finsteren Blick zu. »Ah, ja?«

»Ja.«

Wir erreichten unsere übliche Leseecke, und Rufus ließ sich auf seinem Sessel nieder. Ich stand einen Moment herum und versuchte, meine konfusen Gedanken zu sortieren, bevor ich auf das Sofa sank und seufzte.

»Warum tun wir das immer?«, fragte ich leise.

»Was meinst du?«

Ich hob die Hände. »Diese Streitereien. Immer wieder geraten wir wegen irgendetwas aneinander.«

Bei meinen Worten wechselte Rufus’ Gesichtsausdruck und wurde weicher.

»Wegen irgendwas? Ich habe den Eindruck, dass es meistens um eine gewisse Person geht. Zu der wir unterschiedlicher Meinung zu sein scheinen«, brummte er, aber ohne die Schärfe, die seine Worte gerade noch gehabt hatten.

Und leider konnte ich nicht anders, als ihm innerlich zuzustimmen. Tatsächlich war es in unseren ernsthaften Streitereien meist um Kenan gegangen. Kenan, bei dem mein Herz von Anfang an geflattert hatte – nervös und aufgeregt und so ganz anders als jetzt, während ich hier bei Rufus saß, wo es tief, ruhig und regelmäßig klopfte.

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