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Das Buch der Menschlichkeit

Über den Autor

Der XIV. Dalai Lama, geboren 1935, ist seit fast fünfzig Jahren das geistliche Oberhaupt der Tibeter; Politiker und Mönch zugleich. Nach der Besetzung Tibets durch die Chinesen floh er 1959 nach Indien, wo er seitdem mit vielen seiner Landsleute im Exil lebt. Sein unermüdlicher Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Verständigung wurde 1989 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Seine Heiligkeit der
XIV. DALAI LAMA

Das Buch der
Menschlichkeit

Eine neue Ethik für unsere Zeit

Aus dem Englischen von
Arnd Kösling

Inhalt

  1. Vorwort
  2. Teil 1: Die Grundlagen der Ethik
  3. 1. Die moderne Gesellschaft und die Suche nach dem menschlichen Glück
  4. 2. Nichts Magisches, nichts Mystisches
  5. 3. Die bedingte Entstehung und das Wesen der Wirklichkeit
  6. 4. Das Ziel wird neu bestimmt
  7. 5. Das bedeutendste Gefühl
  8. Teil 2: Ethik und der Einzelne
  9. 6. Die Ethik der Beschränkung
  10. 7. Die Ethik der Tugend
  11. 8. Die Ethik des Mitgefühls
  12. 9. Ethik und Leid
  13. 10. Von der Notwendigkeit des Unterscheidens
  14. Teil 3: Ethik und Gesellschaft
  15. 11. Die Verantwortung für das Ganze
  16. 12. Stufen der Hingabe
  17. 13. Gesellschaftliche Ethik: Erziehung und Medien
  18. 14. Die Umwelt
  19. 15. Politik und Wirtschaft
  20. 16. Frieden und Abrüstung
  21. 17. Die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft
  22. 18. Ein Aufruf

1.
Die moderne Gesellschaft und die Suche nach dem menschlichen Glück

Ich betrachte mich, im Vergleich zu anderen Menschen, als Neuling in der modernen Welt. Und obwohl ich schon 1959 aus meiner Heimat fliehen mußte und mich mein Leben als Flüchtling in Indien seitdem viel enger mit der gegenwärtigen Gesellschaft in Verbindung gebracht hat, verlebte ich doch, im Hinblick auf die Realität des 20. Jahrhunderts, meine prägenden Jahre weitgehend ohne Außenkontakte. Das ist zum Teil auf meine Ernennung zum Dalai Lama zurückzuführen: Ich wurde dadurch schon in jungen Jahren zum Mönch. Auch spiegelt sich darin der Umstand wider, daß wir Tibeter uns, was in meinen Augen ein Fehler war, dafür entschieden hatten, hinter den hohen Bergketten isoliert zu bleiben, die unser Land von der übrigen Welt trennen. Heute dagegen reise ich sehr viel, und zu Hause wie im Ausland habe ich das Glück, immer wieder neue Menschen kennenzulernen.

Mehr noch: sehr unterschiedliche Menschen kommen zu mir. Viele von ihnen – besonders jene, die sich die Mühe machen, bis in die Hügel meines indischen Exilorts Dharamsala zu reisen – sind auf der Suche nach etwas. Unter ihnen sind Menschen, die schweres Leid durchmachen: Manche haben ihre Eltern oder Kinder verloren, bei anderen hat ein Freund oder Verwandter Selbstmord begangen, wieder andere leiden an Krebs, AIDS oder ähnlichem. Und dann sind da natürlich auch meine tibetischen Landsleute, ein jeder mit seiner eigenen Geschichte von Not und Elend. Leider gehen viele Menschen von ganz unrealistischen Vorstellungen aus: Sie glauben, daß ich heilende Kräfte besitze oder so etwas wie einen Segen erteilen könnte. Doch ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Ich kann lediglich versuchen, ihnen zu helfen, indem ich ihr Leid teile.

Die unzähligen Leute aus aller Welt, die ich kennenlerne und die aus allen Schichten und Berufen kommen, erinnern mich immer wieder daran, daß uns alle die Gemeinsamkeit verbindet, menschliche Wesen zu sein. Je mehr ich von der Welt sehe, um so deutlicher wird mir, daß wir uns alle nach Glück sehnen und Leid vermeiden wollen – ganz gleich, in welcher Lage wir uns befinden, ob wir reich oder arm, gebildet oder ungebildet sind, dem einen oder anderen Geschlecht, dieser Rasse oder jener Religion angehören. Jede bewußte Handlung und in gewisser Weise sogar unser ganzes Leben, das wir uns unter den gegebenen Beschränkungen einrichten, läßt sich als Antwort auf die große Frage auffassen, die uns alle beschäftigt: »Wie werde ich glücklich?«

Was uns bei dieser großen Suche nach dem Glück aufrechterhält, ist die Hoffnung. Selbst wenn wir es uns nicht eingestehen, wissen wir doch, daß es keine Garantie für ein besseres, glücklicheres Leben als unser jetziges gibt. Ein altes tibetisches Sprichwort lautet: »Im nächsten Leben oder morgen«, und wir können nie sicher sein, was zuerst kommt. Aber wir hoffen, daß wir weiterleben. Wir hoffen, daß diese oder jene Handlung uns zum Glück führt. Alles was wir tun, nicht nur als einzelne Person, sondern auch gesellschaftlich gesehen, läßt sich unter dem Aspekt dieses elementaren Strebens betrachten. Und das gilt für alle empfindenden Geschöpfe. Der Wunsch und das Streben danach, ein glückliches Leben zu führen und Leid zu vermeiden, kennt keine Grenzen. Es entspricht unserer Natur. Und darum braucht es keine Rechtfertigung, sondern findet seine Gültigkeit in dem einfachen Umstand, daß wir es aus unserem Wesen heraus zu Recht wollen.

Und genau das sehen wir in armen wie in reichen Ländern. Überall streben die Menschen mit allen nur erdenklichen Mitteln danach, ihr Leben zu verbessern. Doch seltsamerweise habe ich den Eindruck, daß diejenigen, die in den materiell weiterentwickelten Ländern leben, trotz aller technischen Errungenschaften weniger glücklich sind und auf gewisse Weise mehr leiden als jene, die in weniger fortschrittlichen Ländern leben. Wenn man die Reichen mit den Armen vergleicht, scheint es in der Tat oft so zu sein, daß die Besitzlosen weniger von Ängsten geplagt werden, obwohl sie mehr körperliches Leid erdulden müssen. Die Reichen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wissen dagegen meist nicht, wie sie ihr Vermögen sinnvoll einsetzen sollen: nämlich nicht im Rahmen eines luxuriösen Lebensstils, sondern als Beitrag zum Wohl der Bedürftigen. Das Streben nach weiterem Besitz nimmt sie derart gefangen, daß sie nichts anderem mehr in ihrem Leben einen Platz einräumen können, ja, ihnen entgleitet darüber sogar der Traum vom Glück, den ihre Reichtümer ihnen doch eigentlich erfüllen sollten. Und infolgedessen sind sie ständigen Qualen ausgesetzt: einerseits zerrissen zwischen der Ungewißheit über das, was kommen mag, und der Hoffnung auf Zugewinn, andererseits von psychischem Streß heimgesucht, auch wenn sie nach außen hin ein erfolgreiches und bequemes Leben zu führen scheinen. Zu diesem Schluß gelangt man jedenfalls, wenn man das beträchtliche Ausmaß und die beunruhigende Verbreitung von Angstgefühlen, Unzufriedenheit, Frustration, Unsicherheit und Depressionen innerhalb der Bevölkerungen materiell führender Länder betrachtet. Dazu steht dieses innere Leiden in deutlichem Zusammenhang mit einer wachsenden Verunsicherung darüber, was Moral ausmacht und worauf sie sich gründet.

Auf Auslandsreisen stoße ich oft auf folgenden Widerspruch: Wenn ich in einem neuen Land eintreffe, scheint zunächst alles besonders wunderbar und harmonisch zu sein. Jeder ist ausgesprochen freundlich zu mir; alles ist vollkommen in Ordnung. Doch wenn ich dann den Menschen Tag für Tag zuhöre, lerne ich ihre Anliegen, ihre Probleme und Sorgen kennen – unter der Oberfläche sind viele beunruhigt und mit ihrem Leben unzufrieden. Sie fühlen sich vereinsamt, und das führt zu Depressionen, woraus schließlich jene belastete Stimmung resultiert, die so kennzeichnend für die entwickelten Länder ist.

Anfangs überraschte mich das. Zwar hatte ich nie angenommen, daß materieller Reichtum allein in der Lage sei, Leid zu überwinden, doch wenn ich von Tibet aus – einem Land, das materiell immer sehr arm war – auf die fortschrittlichen Länder der Welt blickte, dann, so muß ich zugeben, glaubte ich durchaus, daß der Wohlstand dort mehr an Leid abschaffen würde, als es tatsächlich der Fall ist. Ich dachte, für Menschen, denen die körperlichen Mühen so sehr abgenommen werden, wie es bei den meisten Bewohnern der entwickelten Länder der Fall ist, müßte das Glück viel leichter zu erlangen sein als für jene, die unter härteren Bedingungen leben. Statt dessen scheinen die außergewöhnlichen wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften diesbezüglich kaum mehr zustande gebracht zu haben als eine lineare Steigerung. Vielfach bedeutete Fortschritt kaum mehr als eine größere Anzahl an luxuriösen Häusern in immer mehr Städten, zwischen denen immer mehr Autos hin- und herfahren. Zweifellos ist in manchen Bereichen das Leid gemindert worden, besonders was bestimmte Krankheiten angeht. Doch soweit ich erkennen kann, hat es keine Gesamtverbesserung gegeben.

Dabei fällt mir ein Ereignis ein, das ich bei einem meiner ersten Besuche im Westen hatte. Ich war bei einer sehr reichen Familie zu Gast, die in einem großen, gut ausgestatteten Haus lebte. Alle waren ganz reizend und zuvorkommend zu mir. Das Dienstpersonal las einem jeden Wunsch von den Augen ab, und in mir wuchs allmählich das Gefühl, daß dies hier vielleicht der Beweis dafür war, daß Reichtum eben doch eine Quelle für Glück sein könnte. Meine Gastgeber strahlten immer entspannte Zuversicht aus, doch als ich in einem Badezimmer hinter einer halb geöffneten Schranktür eine ganze Ansammlung von Beruhigungs- und Schlafmitteln entdeckte, wurde mir wieder einmal schmerzhaft bewußt, daß zwischen dem äußeren Schein und der inneren Wirklichkeit oft eine große Lücke klafft.

Dieser Widerspruch, daß inneres Leid – man kann auch sagen: psychisches oder emotionales Leid – so oft mit materiellem Wohlstand einhergeht, ist in weiten Teilen der westlichen Welt nur allzu verbreitet. Ja, er ist derart allgegenwärtig, daß man sich fragen könnte, ob der westlichen Kultur etwas zu eigen ist, was die Menschen dort für derartiges Leid besonders anfällig macht. Ich bezweifle das. Zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, und zweifellos gehört die Entwicklung des Wohlstands selbst auch dazu. Aber es läßt sich auch die zunehmende Verstädterung der modernen Gesellschaft anführen, die dazu führt, daß sehr viele Menschen sehr dicht beieinanderwohnen. In diesem Zusammenhang darf man auch nicht vergessen, daß wir uns anstatt auf die Nachbarschaftshilfe heute zunehmend auf Apparate und Dienstleister verlassen. Wo Bauern früher zusammen mit der ganzen Familie die Ernte einbrachten, da rufen sie heute lediglich einen entsprechenden Unternehmer an.

Das moderne Leben ist so durchorganisiert, daß eine direkte Abhängigkeit von anderen auf ein Minimum reduziert ist. Das offenbar überall vorherrschende Ziel scheint für jedermann darin zu bestehen, ein eigenes Haus, ein eigenes Auto, einen eigenen Computer et cetera zu besitzen, um so unabhängig wie möglich zu sein. Auch die wachsende Unabhängigkeit, die die Menschen aufgrund wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte genießen, gehört dazu. Heute kann man in der Tat von anderen unabhängiger sein als je zuvor. Doch mit dieser Entwicklung stellt sich auch das Gefühl ein, daß wir zur Gestaltung unserer eigenen Zukunft nicht mehr auf unseren Nachbarn, sondern auf unseren Job angewiesen sind – bestenfalls also auf unseren Arbeitgeber. Und das wiederum führt bei uns zu folgender Einstellung: Da andere für mein Glück unmaßgeblich sind, ist auch das Glück anderer für mich unmaßgeblich.

Wir haben, so erlebe ich es jedenfalls, eine Gesellschaft geschaffen, in der es den Menschen immer schwerer fällt, sich gegenseitig ihre wahren Gefühle zu zeigen. An die Stelle von Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit, die in weniger reichen (und meist ländlichen) Gesellschaften so beruhigend wirken, treten in hohem Maße Vereinzelung und Entfremdung. Obwohl Millionen dicht beieinander leben, scheinen viele, vorwiegend alte Menschen keine anderen Ansprechpartner zu haben als ihre Haustiere. Die moderne Industriegesellschaft erscheint mir oft wie eine riesige Maschinerie, die sich selbst steuert, und die Menschen darin sind, anstatt sie aktiv zu lenken, nichts als winzige, unbedeutende Teilchen, die jede ihrer Bewegungen gezwungenermaßen mitmachen müssen.

Das alles wird durch Schlagworte, die über Wirtschaftswachstum und -entwicklung verbreitet werden, noch verschlimmert, da sie die menschliche Neigung zu Wettbewerbsdenken und Neid enorm verstärken. Und das bringt auch noch den Druck mit sich, den Schein wahren zu müssen, was an sich schon eine bedeutende Ursache für Probleme, Spannungen und Unglück ist. Doch das psychische und emotionale Leid, das im Westen so verbreitet ist, spiegelt wahrscheinlich weniger ein kulturelles Manko wider als eine dem Menschen innewohnende Tendenz.

Mir ist nämlich aufgefallen, daß sich ähnliche Ausprägungen inneren Leidens auch außerhalb des Westens bemerkbar machen: In manchen Gebieten Südostasiens kann man beobachten, daß die traditionellen Glaubenssysteme ihren Einfluß auf die Menschen mit wachsendem Wohlstand zu verlieren beginnen. Als Resultat treffen wir hier auf ein Unbehagen, das dem des Westens im großen und ganzen ähnlich ist. Das legt den Schluß nahe, daß die Anlage dazu in jedem von uns vorhanden ist – genauso, wie sich das Lebensumfeld in organischen Erkrankungen widerspiegelt. Und so ist es auch mit psychischen und emotionalen Leiden: Sie entstehen im Zusammenhang mit bestimmten Umständen. Entsprechend finden wir zum Beispiel in den unentwickelten südlichen Ländern der Dritten Welt Krankheiten, die für diese Regionen typisch sind, etwa solche, die aufgrund mangelhafter sanitärer Einrichtungen entstehen. Umgekehrt bringen die Städte der Industriegesellschaften Krankheiten hervor, die mit eben dieser speziellen Umgebung zu tun haben – sie rühren natürlich nicht von schlechter Wasserqualität her, dafür aber von Streß. All das spricht sehr dafür, daß es in der modernen Gesellschaft eine Verbindung geben muß zwischen unserem übermäßigen Streben nach einem nach außen gerichteten Fortschritt und dem Kummer, den Ängsten und dem Mangel an Zufriedenheit.

Das mag nach einer sehr pessimistischen Beurteilung klingen. Doch solange wir das Ausmaß und die Art unserer Probleme nicht erkennen, werden wir sie nicht einmal ansatzweise lösen können. Ein Hauptgrund für die Hingabe der modernen Gesellschaft an den materiellen Fortschritt liegt sicherlich in dem immensen Erfolg von Wissenschaft und Technik. Und das Wunderbare an diesen Bereichen menschlicher Tätigkeit ist ihre sofortige Wunscherfüllung. Das unterscheidet sie vom Gebet, dessen Ergebnis meist unsichtbar bleibt – wenn Beten überhaupt hilft. Ergebnisse aber beeindrucken uns; nichts ist natürlicher als das. Unglücklicherweise verführt uns diese Hingabe aber leicht zu der Annahme, daß der Schlüssel zum Glück einerseits in materiellem Wohlstand liegt und andererseits in jener Macht, die aus Wissen hervorgeht. Und während jedem Menschen, der sich damit beschäftigt, sofort einleuchtet, daß der Wohlstand uns nicht aus sich heraus glücklich machen kann, ist nicht so ohne weiteres zu erkennen, daß das auch für das Wissen gilt.

Doch in der Tat: Wissen allein kann nicht jenes Glück erschaffen, das aus einer inneren Entwicklung hervorgeht, die nicht von äußeren Faktoren abhängig ist. Denn wenngleich unsere äußerst detaillierte und präzise Kenntnis äußerer Phänomene eine bedeutende Errungenschaft darstellt, so kann der Drang zur Spezialisierung, zur immer genaueren Kenntnis sogar gefährlich sein – ganz abgesehen davon, daß er nicht glücklich macht. Er kann dazu führen, daß wir den Bereich tatsächlichen menschlichen Erlebens aus den Augen verlieren und insbesondere vergessen, daß wir von anderen abhängig sind.

Wir müssen uns auch klar darüber werden, was geschieht, wenn wir uns zu sehr auf die äußeren Errungenschaften der Wissenschaft verlassen. Ein Beispiel: Seit der Einfluß der Religionen immer mehr zurückgeht, wächst die Unsicherheit darüber, wie wir uns im Leben am besten verhalten sollen. Früher waren Religion und Moral eng verzahnt. Doch heute glauben viele, daß die Wissenschaft die Religion »widerlegt« hat, und sie nehmen daher weiter an, daß Moral eine Sache persönlicher Neigung sei, da es offenbar keinen Beweis für eine spirituelle Autorität gibt. Und wo Wissenschaftler und Philosophen früher den Drang verspürten, solide Grundlagen für unverrückbare Gesetze und absolute Wahrheiten zu entdecken, da werden solche Bemühungen heute für nutzlos gehalten. Statt dessen erleben wir eine komplette Umkehrung, eine Bewegung zum anderen Extrem hin, an dem letztlich nichts mehr existiert und wo die Wirklichkeit selbst in Frage gestellt wird. Das kann nur ins Chaos führen.

Ich sage das nicht, um die Wissenschaft als solche zu kritisieren. Bei meinen Begegnungen mit Wissenschaftlern habe ich viel gelernt, und ich sehe keinen Hinderungsgrund, mich mit ihnen auseinanderzusetzen, selbst wenn sie einen radikalen Materialismus vertreten. Im Gegenteil: soweit ich zurückdenken kann, haben mich die Erkenntnisse der Wissenschaft immer fasziniert. Als Junge war ich eine Zeitlang sogar mehr daran interessiert, die Funktion eines alten Filmprojektors in einem Abstellraum des Sommerpalasts des Dalai Lama zu erforschen, als mich meinen religiösen und geisteswissenschaftlichen Studien zu widmen.

Ich bin eher in Sorge darüber, daß wir dazu neigen, die Grenzen der Wissenschaft aus dem Blick zu verlieren. Indem sie in weiten Kreisen die Religion als letzte Wissensquelle ersetzt, erhält die Wissenschaft selbst so etwas wie einen religiösen Anstrich. Und dadurch sind einige ihrer Anhänger in Gefahr, ihren Prinzipien blindes Vertrauen zu schenken und damit anderen Sichtweisen gegenüber intolerant zu werden. Wenn man sich andererseits die außergewöhnlichen Erfolge der Wissenschaft ansieht, dann nimmt es nicht wunder, daß sie den Platz der Religion eingenommen hat. Wer wäre nicht davon beeindruckt, daß wir Menschen auf den Mond bringen können? Dennoch bleibt der Umstand, daß jemand, der zum Beispiel zu einem Kernphysiker geht und ihn um Rat bei einem moralischen Problem ersucht, von ihm oder ihr allenfalls ein Kopfschütteln erntet, das mit dem Hinweis verbunden wird, sich anderswo nach einer Antwort umzusehen. Ein Wissenschaftler steht in dieser Hinsicht nicht besser da als etwa ein Rechtsanwalt. Denn obgleich uns sowohl die Wissenschaft als auch die Gesetzeskunde die wahrscheinlichen Folgen unseres Tuns vorhersagen können, kann uns keine von beiden die Anleitungen zu moralischem Handeln liefern.

Ferner müssen wir auch die Grenzen der wissenschaftlichen Möglichkeiten per se in Betracht ziehen: Obwohl wir Menschen zum Beispiel seit Jahrtausenden um unser Bewußtsein wissen und es durch unsere ganze Geschichte hindurch mit allem wissenschaftlichen Aufwand zu erforschen versuchten, wissen wir nach wie vor nicht, um was es sich dabei eigentlich handelt, warum es da ist, wie es funktioniert und was eigentlich sein Wesen ist. Genausowenig kann die Wissenschaft uns erklären, welches der eigentliche Grund für das Vorhandensein des Bewußtseins ist, noch, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Es gehört zu jener Kategorie von Phänomenen, die weder Gestalt noch Masse, noch Farbe besitzen und sich mit äußeren Mitteln nicht untersuchen lassen. Doch das bedeutet nicht, daß diese Phänomene nicht existieren, sondern lediglich, daß die Wissenschaft sie nicht dingfest machen kann.

Sollen wir die wissenschaftliche Forschung deshalb aufgeben, hat sie versagt? Ganz sicher nicht. Ich will auch nicht nahelegen, daß die Zielsetzung des Wohlstandsdenkens für jeden ungerechtfertigt ist. Wir sind so angelegt, daß organische und körperliche Erfahrungen eine herausragende Rolle in unserem Leben spielen. Die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik spiegeln deutlich unser Bedürfnis nach einem besseren, angenehmeren Dasein wider. Und das ist gut so. Wer würde die meisten Fortschritte der modernen Medizin nicht begrüßen?

Doch genauso unbestreitbar ist es in meinen Augen, daß sich die Angehörigen von bestimmten, traditionell-ländlichen Gemeinschaften einer größeren inneren Ruhe und Harmonie erfreuen als jene Menschen, die in unseren modernen Städten leben. So ist es zum Beispiel im nordindischen Spiti-Gebiet nicht üblich, die Haustür abzuschließen, wenn man ausgeht. Und von einem Besucher, der das Haus leer vorfindet, wird erwartet, daß er hineingeht, sich etwas zu essen nimmt und dort bleibt, bis die Familie wieder zurück ist. Früher war das auch in Tibet üblich. Das soll gleichwohl nicht heißen, daß es in solchen Gegenden keine Kriminalität gibt; natürlich kamen auch in Tibet in den Zeiten vor der Besetzung gelegentlich Verbrechen vor. Doch wenn das passierte, reagierte jeder überrascht: So etwas war selten und ungewöhnlich. Wenn dagegen in irgendeiner unserer Städte heute ein Tag ohne einen Mord vergeht, dann gilt das als bemerkenswert. Durch die Verstädterung ist die Harmonie aus dem Ruder geraten.

Doch wir sollten darauf achtgeben, die alte Lebensweise nicht zu idealisieren. Das hohe Maß an gegenseitiger Hilfeleistung, das wir in wenig entwickelten ländlichen Gemeinschaften vorfinden, könnte eher auf Notwendigkeit denn auf Güte beruhen: Die Menschen erkennen, daß sie anderenfalls ein noch mühseligeres Leben hätten. Und ihre Zufriedenheit könnte genausogut durch einen Mangel an Wissen begründet sein. Diese Menschen kennen vielleicht gar keine andere Lebensweise oder können sie sich nicht vorstellen. Wäre es anders, dann würden sie diese höchstwahrscheinlich begierig annehmen.

Die Aufgabe, der wir uns also gegenübersehen, besteht in der Entdeckung einer Möglichkeit, dasselbe Maß an Harmonie und Gelassenheit zu genießen, wie es in den eher traditionellen Gemeinschaften vorherrscht, und zugleich alle Vorteile der materiellen Entwicklung zu nutzen, die wir am Vorabend eines neuen Jahrtausends vorfinden. Wer das bestreitet, der gesteht diesen Gemeinschaften nicht einmal den Versuch zu, ihren Lebensstandard zu verbessern. Und ich bin mir recht sicher, daß beispielsweise die meisten tibetischen Nomaden sehr froh wären, wenn sie für den Winter moderne Thermobekleidung und einen rauchlosen Brennstoff zum Kochen hätten, wenn sie die Vorteile der modernen Medizin nutzen könnten und wenn in ihrem Zelt ein tragbarer Fernseher stünde.

Die moderne Gesellschaft mit all ihren Vorzügen und Makeln ist aus dem Zusammenwirken unzähliger Ursachen und Bedingungen hervorgegangen. Anzunehmen, wir könnten durch bloßes Aufgeben des materiellen Fortschritts all unsere Probleme bewältigen, wäre kurzsichtig. Denn dann würden wir deren tieferliegende Ursachen ignorieren. Außerdem besitzt die moderne Welt so manches, das einen optimistisch stimmen kann.

In den meisten entwickelten Ländern engagieren sich zahllose Menschen für andere. An meinem jetzigen Zufluchtsort wurde uns tibetischen Flüchtlingen eine immense Freundlichkeit von Menschen entgegengebracht, die auch nicht gerade im Überfluß leben. So haben etwa unsere Kinder unermeßlichen Nutzen aus dem selbstlosen Einsatz ihrer indischen Lehrer gezogen, von denen viele weit entfernt von zu Hause unter schwierigen Bedingungen leben mußten. Auf höherer Ebene kann man in diesem Zusammenhang auch die wachsende weltweite Anerkennung der elementaren Menschenrechte anführen. Meiner Ansicht nach findet hier eine äußerst begrüßenswerte Entwicklung statt. Auch die Art und Weise, wie die internationale Gemeinschaft mit sofortiger Hilfe auf Naturkatastrophen reagiert, ist ein wunderbarer Aspekt der modernen Welt. Und die zunehmende Einsicht in den Umstand, daß wir unsere natürliche Umwelt nicht ewig mißhandeln können, ohne uns ernsten Konsequenzen gegenüberzusehen, gibt ebenfalls Anlaß zu Hoffnung. Ferner scheint es mir, als seien die Menschen dank der modernen Kommunikationsweisen heute Verschiedenartigkeiten gegenüber toleranter. Und das Bildungs- und Ausbildungsniveau ist heute auf der ganzen Welt höher als je zuvor. An diesen positiven Entwicklungen kann man meiner Ansicht nach ablesen, wozu wir Menschen in der Lage sind.

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, die englische Königinmutter kennenzulernen. Mein ganzes Leben hindurch war sie mir eine vertraute Gestalt, und um so größer war meine Freude. Besonders ermutigend fand ich ihre Einschätzung – die Einschätzung einer Frau, die so alt ist wie das 20. Jahrhundert –, daß die Menschen sich, im Gegensatz zu früher, der Existenz der anderen viel bewußter geworden sind. In ihrer Jugend, so sagte sie, waren die Leute hauptsächlich auf ihre Heimatländer fixiert, während es heutzutage so ist, daß man in zunehmendem Maße ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit Menschen anderer Nationen entwickelt. Als ich sie fragte, ob sie die Zukunft optimistisch sehe, bejahte sie das, ohne zu zögern.

Aber natürlich stimmt es auch, daß es in der modernen Gesellschaft ein reichliches Potential an negativen Tendenzen gibt. An der alljährlichen Zunahme von Gewaltverbrechen wie Mord und Vergewaltigung besteht kein Zweifel. Dazu hören wir ständig von Beziehungen, in denen Mißbrauch und Ausbeutung an der Tagesordnung sind – in der Ehe genauso wie in anderen Bereichen der Gesellschaft –, wir hören von der wachsenden Zahl Jugendlicher, die von Alkohol und Drogen abhängig sind, oder wie viele Kinder unter der hohen Scheidungsrate leiden. Nicht einmal unsere kleine Flüchtlingsgemeinschaft konnte sich den Folgen einiger dieser Tendenzen entziehen. So waren Selbstmorde in der tibetischen Gesellschaft zum Beispiel nahezu unbekannt, doch selbst in unserer Exilgemeinschaft hat es inzwischen den einen oder anderen tragischen Vorfall gegeben. Ähnlich gab es vor einer Generation unter den Tibetern noch keine jugendlichen Drogenabhängigen, doch nun gibt es einige, und man muß konstatieren, daß sie vor allem im modernen Stadtmilieu auftreten.

Doch anders als Krankheit, Alter und Tod ist keines dieser Probleme per se unvermeidbar oder mit mangelnder Bildung zu erklären. Bei genauem Überdenken stellen wir fest, daß wir es hier mit ethischen Problemen zu tun haben, von denen ein jedes unsere Auffassung von richtig und falsch, von gut und schlecht, von angemessen und unangemessen widerspiegelt. Aber jenseits davon erkennen wir etwas noch Grundlegenderes: die Vernachlässigung dessen, was ich unsere innere Dimension nenne.

Was meine ich damit? Für mich steckt in unserer Überbetonung des Strebens nach materiellem Besitz die stillschweigende Annahme, daß die Dinge, die wir kaufen können, uns all die Zufriedenheit verschaffen, die wir benötigen. Doch es liegt in der Natur der Sache, daß Befriedigung, die von materiellem Besitz ausgeht, auf den Bereich der Sinneswahrnehmung beschränkt bleiben muß. Stimmte es, daß wir Menschen uns nicht von den Tieren unterscheiden, wäre soweit alles in Ordnung. Doch angesichts des Facettenreichtums unseres Wesens – insbesondere des Umstands, daß wir Gedanken und Gefühle, Vorstellungskraft und Kritikvermögen besitzen – ist es offensichtlich, daß unsere Bedürfnisse über die rein sinnliche Ebene hinausgehen. Das weitverbreitete Auftreten von Ängsten, Streß, Verwirrung, Unsicherheit und Depressionen bei Menschen, deren Grundbedürfnisse eigentlich befriedigt sind, ist ein deutliches Zeichen dafür. Unsere Probleme, und zwar sowohl jene, die uns von außen her begegnen – also etwa Kriege, Verbrechen und andere Gewalttaten –, als auch die, die wir in uns verspüren – unsere emotionalen, psychischen Leiden –, lassen sich nicht lösen, wenn wir uns nicht den dahinterliegenden Bereichen widmen. Aus diesem Grund haben die großen Zielsetzungen der letzten hundert und mehr Jahre – Demokratie, Liberalismus, Sozialismus – es allesamt nicht geschafft, jene umfassenden Ideale zu verwirklichen, die sie verwirklichen sollten, auch wenn viele wunderbare Vorstellungen in ihnen steckten. Eine Revolution ist vonnöten, keine Frage. Aber keine politische, wirtschaftliche oder gar technische Revolution. Damit haben wir im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts ausreichend Erfahrungen gesammelt und wissen jetzt, daß ein rein äußerlicher Ansatz nicht ausreicht. Wozu ich anregen möchte, ist eine geistige Revolution.

2.
Nichts Magisches, nichts Mystisches

Wenn ich eine geistige Revolution fordere, plädiere ich dann für eine religiöse Lösung unserer Probleme? Nein. Als jemand, der sich zum Zeitpunkt dieser Niederschrift dem siebzigsten Lebensjahr nähert, habe ich genügend Erfahrungen sammeln können, um mir vollkommen sicher zu sein, daß die Lehren des Buddha sowohl wichtig als auch nützlich für die Menschheit sind. Wenn jemand sie in die Praxis umsetzt, profitieren nicht nur er oder sie allein davon, sondern auch andere. Doch Begegnungen mit Menschen jeglichen Typs auf der ganzen Welt haben mir klargemacht, daß es andere Glaubensformen und andere Kulturen gibt, die nicht weniger als mein Glaube und meine Kultur dazu in der Lage sind, den Einzelnen dabei zu helfen, ein schöpferisches und zufriedenstellendes Leben zu führen. Ja mehr noch: Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es keinen großen Unterschied macht, ob jemand einer Religion anhängt oder nicht. Weitaus wichtiger ist es, ein guter Mensch zu sein.

Ich sage dies im Bewußtsein der Tatsache, daß der Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen – vor allem in den entwickelten Ländern – im allgemeinen eher gering ist, auch wenn eine Mehrheit dieser fast sechs Milliarden Menschen sich zu dieser oder jener Glaubensrichtung bekennen mag. Man muß bezweifeln, ob es weltweit auch nur eine Milliarde Menschen gibt, die, wie ich es nennen möchte, zu den ernsthaft Praktizierenden gehören, die sich also jeden Tag gläubig darum bemühen, die Prinzipien und Regeln ihres Glaubens zu befolgen. In diesem Sinne gehören alle übrigen zu den Nicht-Praktizierenden. Die Praktizierenden aber folgen wiederum einer Vielzahl religiöser Wege, und von daher wird deutlich, daß es aufgrund unserer Vielfältigkeit nicht nur eine Religion geben kann, die die ganze Menschheit zufriedenstellt. Des weiteren können wir daraus schließen, daß wir Menschen im Leben ganz gut zurechtkommen, ohne zu einem Glauben Zuflucht zu nehmen.

Das mögen ungewöhnliche Aussagen für einen Mann der Religion sein. Doch vor dem Dalai Lama bin ich Tibeter, und vor dem Tibeter bin ich Mensch. Während ich also als Dalai Lama den Tibetern auf besondere Weise verpflichtet bin und als Mönch besondere Verantwortung für die Unterstützung eines religionsübergreifenden Verständnisses trage, obliegt mir als Person eine noch weitaus größere Verantwortung gegenüber der gesamten Menschheitsfamilie, obwohl wir die natürlich alle tragen. Und weil die Mehrheit der Menschen keine Religion ausübt, bemühe ich mich darum, einen Weg zu finden, wie ich der ganzen Menschheit dienen kann, ohne mich auf eine Religion zu berufen.

Tatsächlich bin ich davon überzeugt, daß die großen Weltreligionen – also Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum, die Sikh-Religion, der Parsismus und so weiter –, aus einigem Abstand betrachtet, allesamt darauf ausgerichtet sind, den Menschen dabei zu helfen, dauerhaftes Glück zu finden. Und meiner Ansicht nach ist jede von ihnen in der Lage, dazu beizutragen. So gesehen ist diese Vielzahl an Religionen (die ja letztlich alle dieselben Grundwerte vermitteln) sowohl wünschenswert als auch nützlich.

Doch dieser Ansicht war ich nicht immer. Als ich jünger war und noch in Tibet lebte, war ich felsenfest überzeugt davon, daß der Buddhismus den besten Weg darstellte. Ich fand den Gedanken hinreißend, alle Menschen würden zu ihm übertreten; doch das basierte auf Unwissenheit. Natürlich hatten wir Tibeter von anderen Religionen gehört. Aber das bißchen, was wir wußten, stammte aus tibetischen Übersetzungen buddhistischer Sekundärliteratur. Und diese konzentrierten sich naturgemäß auf jene Aspekte anderer Religionen, welche vom buddhistischen Standpunkt her diskutabel zu sein schienen. Der Grund dafür lag nicht in einer Geringschätzung, mit der die buddhistischen Autoren ihre Rivalen betrachteten, sondern war dem Umstand zu verdanken, daß es ihnen nicht nötig erschien, sämtliche Aspekte anzusprechen, die für sie keine Konfliktpunkte darstellten, zumal in Indien die betreffenden Texte komplett erhältlich waren. Doch in Tibet waren sie das leider nicht – es gab keine anderen Schriftübersetzungen.

Als ich größer wurde, konnte ich peu à peu mehr über andere Weltreligionen in Erfahrung bringen. Vor allem später, im Exil, begegnete ich zunehmend Menschen, die sich ihr ganzes Leben lang anderen Glaubensrichtungen widmeten – manche, indem sie beteten und meditierten, andere, indem sie Bedürftigen tatkräftig halfen – und sich dabei tiefgründige Kenntnisse ihrer jeweiligen Schriften angeeignet hatten. Diese Gespräche ließen mich den ungeheuren Wert einer jeden Glaubenstradition erkennen und weckten tiefen Respekt in mir. Dennoch bleibt der Buddhismus für mich selbst der wertvollste Weg; er paßt am besten zu meinem Wesen. Das bedeutet aber nicht, daß ich in ihm die Religion sehe, die sich gleichermaßen für alle Menschen eignet, genausowenig wie ich es für notwendig halte, daß jemand überhaupt einem Glauben angehören muß.

Aber natürlich bin ich als Tibeter und als Mönch ganz in der buddhistischen Tradition – ihren Grundlagen, Regeln und Ausübungen – erzogen und ausgebildet worden. Daher kann ich nicht leugnen, daß das Verständnis darüber, was es bedeutet, ein Anhänger Buddhas zu sein, meinem ganzen Denken zugrunde liegt. Doch in diesem Buch möchte ich versuchen, über die formalen Grenzen meines Glaubens hinauszugehen. Ich möchte aufzeigen, daß es tatsächlich einige allgemeingültige ethische Prinzipien gibt, die jedem Menschen dabei helfen können, jenes Glück zu erlangen, nach dem wir alle streben. Vielleicht unterstellt mir jetzt der eine oder andere, ich wolle dem Buddhismus auf diese Weise heimlich das Hintertürchen öffnen. Das trifft jedoch nicht zu, wenngleich es schwierig ist, diesen Vorwurf plausibel zu widerlegen.

Ich denke, daß man zwischen Religion und Spiritualität oder Geistigkeit eine deutliche Unterscheidung machen muß. Religion hat für mich mit dem Glauben an den Erlösungsanspruch der jeweiligen Glaubensrichtung zu tun, wozu auch gehört, daß man irgendeine Art übernatürlicher oder metaphysischer Realität als gegeben hinnimmt, etwa das Konzept »Himmel« oder das Konzept »Nirwana«. Ferner gehören religiöse Lehren, Dogmen, Rituale, Gebete etcetera dazu. Spiritualität verbindet sich für mich mit jenen Aspekten einer menschlichen Geisteshaltung – wie etwa Liebe und Mitgefühl, Geduld, Toleranz, Vergebung, Zufriedenheit, Verantwortungsgefühl –, die einen selbst und andere glücklich machen. Obgleich Rituale und Gebete im Hinblick auf Erlösung und Nirwana direkt mit einem religiösen Glauben verknüpft sind, ist diese Sichtweise der Dinge nicht zwingend notwendig. Daher gibt es keinen Grund, warum der oder die Einzelne sie nicht – sogar in hohem Maße – entwickeln sollte, ohne sich dabei auf ein religiöses oder metaphysisches ...

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