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Das Buch von Blut und Schatten

 

 

 

 

Robin Wasserman

hat sich schon früh für das Geschichtenerfinden begeistert.
Nach dem Studium in Harvard und Los Angeles arbeitete
sie zunächst als Kinderbuchlektorin, bevor sie sich endgültig
dem Schreiben widmete.
Robin Wasserman lebt in Brooklyn, New York.

Inhaltsverzeichnis

I. TEIL

II. TEIL

III. TEIL

IV. TEIL

Nachwort

Danksagung

QUELLENVERZEICHNIS

 

 

 

Was zwischen beiden Polen sich bewegt,
Ist mir gehorsam; Könige und Kaiser
Sind Herren, jeder nur in seinen Gauen;
Doch wer es hier zum Herrschen bringt, deß Reich
Wird gehn soweit der Geist des Menschen reicht.
Ein guter Zaubrer ist ein halber Gott.

DOKTOR FAUSTUS
CHRISTOPHER MARLOWE

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I. TEIL

Die vom Blut getrübte Flut

Zum Zaubern fehlt mir jetzt die Kunst;
Kein Geist, der mein Gebot erkennt;
Verzweiflung ist mein Lebensend’,
Wenn nicht Gebet mir Hülfe bringt.

DER STURM
WILLIAM SHAKESPEARE

 

 

 

 

1 Wahrscheinlich sollte ich mit dem Blut anfangen.

Blut ist schließlich immer für eine Schlagzeile gut, stimmt’s? Und es fragen ja sowieso alle nach dem Blut. Wie hat es ausgesehen? Wie hat es sich angefühlt? Warum war es an meinen Händen? Und das Blut selbst, mit seinen rätselhaften Antikörpern und namenlosen DNS-Korkenziehern – von wem stammte das?

Aber wenn ich mit jener Nacht anfange, mit dem Blut, bedeutet das, dass Chris nur eine Leiche ist, die auf dem Travertinboden im Haus seiner Eltern ausblutet, und Adriane nur eine Irre mit toten Augen, die stöhnend vor- und zurückschaukelt, die Kleidung blutdurchtränkt, das Gesicht weiß wie Papier, mit diesem dünnen Streifen Rot, der in ihre Wange geschlitzt ist. Wenn ich damit anfangen würde, wäre Max nur ein Nichts. Leerer Raum. Vakuum und Wind.

Dieser Teil würde vermutlich stimmen.

Aber der Rest nicht. Weil das nicht der Anfang war und das Ende war es auch nicht. Es war – man beachte die brillante logische Schlussfolgerung – die Mitte. Es war das Gravitationszentrum, um das wir uns alle drehten, das aber keiner von uns sehen konnte. Die Mitte hält nicht mehr, sagte Max immer, damals, als alles noch so neu war und Gedichte wie die von Yeats eine gewisse Ironie hatten, die uns für Liebeserklärungen geeignet schien. Die Welt zerfällt.

Aber die Welt zerfällt nicht einfach. Sie wird von Menschen kaputt gemacht.

2 Am Anfang war Das Buch.

»Siebenhundert Jahre alt.« Der Hoff knallte es so heftig auf den Tisch, dass dieser zu wackeln begann. »Stellen Sie sich das vor.«

Anscheinend spürte er unsere fehlende Ehrfurcht, denn er ließ seine mit Leberflecken übersäte Faust fast genauso heftig auf Das Buch niedersausen. »Jetzt.« Sein Kopf bewegte sich hin und her, um uns einen nach dem anderen anzustarren, vor Anstrengung traten die Adern an seinem Hals hervor. »Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich einen Schreiber in einem dunklen, fensterlosen Raum vor. Stellen Sie sich vor, wie seine Schreibfeder über die Seite kratzt, wie sie seine Geheimnisse aufzeichnet – seinen Gott, seine Zauberkraft, seine Macht, sein Blut. Stellen Sie sich für einen kurzen Moment vor, dass Sie derjenige sind, der diesem Manuskript nach so vielen Jahrhunderten sein Geheimnis entreißt.« Er zog ein babyblaues Taschentuch aus seiner Brusttasche und rotzte einen dicken Schleimklumpen hinein. »Stellen Sie sich vor, wie es sein würde, wenn Ihr armseliges kleines Leben tatsächlich etwas wert wäre.«

Wie befohlen schloss ich die Augen. Und dann stellte ich mir in schöner Ausführlichkeit vor, mit welchen Foltermethoden ich Chris quälen würde, sobald wir diesem modrigen Kerker mit verrückten Professoren und alten Büchern entkommen waren.

»Vertrau mir«, hatte Chris gesagt und mir einen netten alten Herrn mit zwinkernden Großvateraugen und dem Lachen eines Weihnachtsmanns versprochen. Chris zufolge war der Hoff ein Weichei mit Bart, das kurz vor der Senilität stand und nicht die geringste Absicht hatte, seine studentischen Hilfskräfte zu pünktlichem Erscheinen oder überhaupt zum Erscheinen zu zwingen.

Das Ganze war als Geschenk gedacht, von mir an mich, zu meinem letzten Jahr an der Highschool. Dreimal in der Woche wollte ich aus den einengenden Fluren der Chapman Prep in den liberalen Schoß der efeuberankten akademischen Welt flüchten, zu einer Reihe von faulen Nachmittagen mit Snacks, Abhängen und einem Nickerchen ab und zu. Ganz zu schweigen von, wie Chris betont hatte, als mein Stift über dem Anmeldeformular schwebte, »der Gelegenheit, Zeit mit deiner absoluten Lieblingsperson zu verbringen, besser bekannt als ich«. Was jetzt nicht heißen soll, dass wir diesbezüglich Nachholbedarf hatten, schließlich war das Wohnheim der Erstsemester nur etwa hundert Meter von meinem Schließfach in der Highschool entfernt. Das einzige Problem mit dem Wohnheim bestand darin, dass wir die Anwesenheit seines Zimmergenossen in Kauf nehmen mussten, der sich zwar brav in seiner Hälfte des Zimmers hielt, uns aber die ganze Zeit mit seinen Eulenaugen anglotzte.

Und jetzt starrte mich genau dieser Zimmergenosse von der anderen Seite des Tisches an, denn er gehörte ebenfalls zu unserem »furchtlosen Team der Dokumentenanalyse«. Noch ein kleines Detail, das Chris vergessen hatte zu erwähnen. Er versicherte mir, dass Max nicht mit Absicht so merkwürdig sei und wenn niemand auf ihn achte, sei er fast normal. Was mich nicht weiter überraschte, denn Chris mochte einfach jeden.

Und er verlor mit jeder Minute mehr an Glaubwürdigkeit.

Der Hoff – den Spitznamen hatte Chris ihm letztes Jahr verpasst, als er sein Abschlussjahr an der Highschool mit jenem Joker abgesessen hatte, der in der Regel »Selbststudium unter Anleitung« genannt wird – ließ Das Buch herumgehen. »Unzählige Experten haben versucht, den Code zu knacken«, sagte er, während wir uns Seite um Seite geheimnisvolle Symbole ansahen. Es waren über zweihundert Seiten, nur unterbrochen durch kunstvolle Illustrationen von Blumen, Tieren und astronomischen Phänomenen, die es in der Realität offenbar gar nicht gab. »Historiker, Kryptografen, Mathematiker, die besten Codeknacker der NSA haben mit allem Möglichen experimentiert, doch das Voynich-Manuskript hat sein Geheimnis nicht preisgegeben. Mr Lewis!«

Wir zuckten zusammen. Der Hoff knurrte wie ein Hund und ließ dabei zwei Reihen unregelmäßiger Zähne sehen, die so spitz wie Reißzähne waren und – seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen – demnächst wohl auch für einen ähnlichen Zweck eingesetzt werden sollten. »So geht man doch nicht mit einem wertvollen Buch um.«

Max, der Das Buch wie ein Daumenkino durchgeblättert hatte, legte die Hände flach auf den Tisch. Die Augen hinter seiner Brille waren weit aufgerissen. »Entschuldigung«, flüsterte er. Abgesehen von einem leisen »Hallo«, das er zu mir gesagt hatte, als wir uns vorgestellt wurden, war es das erste Mal, dass ich ihn sprechen hörte.

Ich räusperte mich. »Das ist kein wertvolles Buch«, sagte ich zum Hoff. »Das ist eine Kopie eines wertvollen Buchs. Wenn er sie ruinieren würde, könnte er die zwanzig Dollar dafür sicher ohne Weiteres zusammenkratzen.«

Das Original mit dem siebenhundert Jahre alten, brüchigen Papier und der ausgeblichenen siebenhundert Jahre alten Tinte wurde in einer Bibliothek der Yale University aufbewahrt, hundertdreißig Kilometer weiter südlich, wo sich die Dozenten nicht mit studentischen Hilfskräften von der Highschool oder billigen Faksimiles begnügen mussten.

Der Hoff schloss für einen Moment die Augen und ich vermutete, dass er sein Vorstellungsvermögen auf Reisen schickte und den Skandal wegwünschte, der ihn seine Professur in Harvard gekostet und für den Rest seiner akademischen Karriere in einem drittklassigen College in einer drittklassigen Collegestadt hatte stranden lassen.

Danke, formte Max lautlos mit den Lippen, nur einen Moment bevor der Hoff die Augen öffnete und wieder seinen wütenden Blick auf ihn richtete.

»Alle Bücher sind wertvoll«, sagte der Professor. Aber mehr kam nicht.

Ich stellte fest, dass der Zimmergenosse gar nicht so übel war, wenn er lächelte.

Die Besprechung dauerte noch eine Stunde, doch der Hoff gab seine unzusammenhängenden Ergüsse auf und beschränkte sich stattdessen auf die Organisation. Er erläuterte seine immens wichtige Forschung und unseren minimalen – »aber absolut notwendigen« – Beitrag dazu. Offenbar hatte er einer reichen Witwe gerade eine Sammlung von Briefen abgeschwatzt und war fest davon überzeugt, dass sie das Geheimnis zur Entschlüsselung Des Buchs enthielten. (Es war immer Das Buch, wenn er davon sprach, mit gedämpfter Stimme und einer Betonung, die eine Schreibung mit zwei Großbuchstaben implizierte, und wir machten es genauso, zuerst aus reiner Ironie, später dann aus Gewohnheit und widerwilligem Respekt.) Max und Chris sollten die Indexierung übernehmen, das Gros der Sammlung übersetzen und nach Hinweisen suchen. Ich dagegen bekam ein »Spezialprojekt« ganz für mich allein.

»Die meisten Briefe stammen von Edward Kelley«, erklärte der Hoff. »Dem persönlichen Alchemisten des römischen Kaisers. Viele glauben, dass er Das Buch geschrieben hat. Aber ich glaube, dass sein Beitrag sowohl geringer als auch größer ist. Ich glaube, er hat es irgendwie in die Hände bekommen und entschlüsselt. Und wir werden jetzt in seine Fußstapfen treten.« Er deutete auf mich. »Miss Kane…«

»Nora«, sagte ich.

»Miss Kane, Sie übersetzen die Briefe, die von Kelleys Tochter, Elizabeth Weston, geschrieben wurden und wohl aus Versehen in die Sammlung geraten sind. Ich bezweifle ja, dass sie etwas von Nutzen enthalten, nichtsdestotrotz müssen wir gründlich sein.«

Unglaublich. Ich konnte doppelt so schnell und dreimal so genau übersetzen wie Chris, und wenn der Hoff sich die Mühe gemacht hätte, einen Blick auf das Empfehlungsschreiben meines Lateinlehrers zu werfen, würde er das auch wissen. »Muss ich das machen, weil ich eine Frau bin?«

Chris prustete los.

»Wenn Nora nicht will, kann ich ja die Briefe von Elizabeth Weston übernehmen«, warf Max ein. »Das ist okay für mich.«

Um mich zu revanchieren, hätte ich ihm gern ein Danke zugeraunt, doch der Hoff beobachtete uns. Und sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. »Für mich aber nicht. Diese Arbeit bedarf einer gewissen… Reife. Elizabeths Briefe werden Miss Kane reichlich Gelegenheit geben, Übung in historischer Übersetzung zu bekommen, während Sie beide mir bei der eigentlichen Suche helfen.«

Wenn man mich fünf Minuten früher gefragt hätte, hätte ich gesagt, mir doch egal, ob ich wichtige Briefe, sinnlose Briefe oder einen Einkaufszettel aus dem sechzehnten Jahrhundert übersetze. Aber dann musste der Hoff ja seinen großen, fetten, sexistischen, egoistischen – welches -istisch auch immer mich gerade zur Nutzlosigkeit verdammte – Mund aufmachen.

»Dann liegt es also daran, dass ich noch auf der Highschool bin?«, fügte ich hinzu. »Es ist nicht fair, wenn Sie mich nur wegen…«

»Miss Kane, wollen Sie mitarbeiten oder nicht?«

Ich hätte ihm den Unterschied zwischen wollen und müssen erklären können. Mich mit Adriane treffen und ihrem letzten Mikrodrama lauschen wollen oder in Chris’ Zimmer im Wohnheim fernsehen wollen (oder es wenigstens zu versuchen, während ich die ganze Zeit so tue, als würde ich nicht bemerken, dass Chris und Adriane hinter meinem Rücken herumknutschen und Max von seiner Seite aus mit diesem irren Blick zu uns herüberstarrt), eigentlich irgendwo anders sein wollen, egal wo, aber an diesem Seminar teilnehmen zu müssen, weil ich es für meinen Highschool-Abschluss und als Referenz in meinen Collegebewerbungen brauchte.

»Ich will, Professor Hoffpauer.«

»Gut.« Er stand auf und verstaute seinen Körper mit steifen, ungelenken Verrenkungen in einem schweren Wollmantel. »Die Sammlung steht Ihnen hier ab morgen Nachmittag zur Verfügung. Christopher hat einen Schlüssel zum Büro und wird Ihnen den korrekten Umgang mit den Dokumenten zeigen.«

»Die Dokumente sind nicht in der Bibliothek für seltene Bücher untergebracht?«, fragte Max.

»Ich werde dieser Hyäne doch keine Gelegenheit geben, sich der Briefe zu bemächtigen«, sagte der Hoff. Er kniff die Augen zusammen. »Kein Wort zu ihr. Und zu niemandem sonst. Ich will nicht, dass mir jemand die Sammlung stiehlt. Sie sind überall.«

»Wer?«, fragte Max. Chris schüttelte lediglich den Kopf, er kannte das wohl schon.

»Junger Mann…« Der Hoff senkte die Stimme und beugte sich zu Max, sodass sein Schatten auf Das Buch fiel. »Das wollen Sie nicht wissen.«

Es war knapp, aber wir schafften es, unseren Lachanfall zu unterdrücken, bis er den Raum verlassen hatte.

3 Schon merkwürdig, wie eins zum anderen führt und dann wieder zu etwas anderem, bis man genau an dem Ort ist, an dem man nicht sein sollte. Wenn es Chris nicht gegeben hätte, wäre ich nie in dem Kurs vom Hoff gelandet und hätte Das Buch nie zu Gesicht bekommen, wenn ich nicht auf die Chapman Prep gegangen wäre, hätte es keinen Chris gegeben oder zumindest nicht Chris-und-mich. Und wenn der »auf die schiefe Bahn geratene Andy Kane« sich nicht hemmungslos betrunken, kein Auto gestohlen und es nicht mit der »überaus beliebten Lokalschönheit Catherine Li« neben sich auf dem Beifahrersitz an einen Baum gesetzt hätte, wodurch er sie beide in »einem tragischen Moment« zu Verkehrstoten gemacht hatte (Zitate mit freundlicher Genehmigung des allseits bekannten Bollwerks der Objektivität Chapman Courier), hätte ich keinen Fuß in die Chapman Prep gesetzt. Anders ausgedrückt: Wenn mein Bruder es geschafft hätte, die Finger von Catherine Li, Catherine Lis Schnaps und dem Mercedes von Catherine Lis Vater zu lassen, wäre Chris vermutlich nicht tot.

Schon komisch.

4 Chris ist tot.

Es ist so unglaublich leicht zu vergessen. Oder zumindest wegzudenken.

Manchmal jedenfalls.

5 Bis zu dem September, in dem ich fünfzehn wurde – dem September, in dem ich auf die Chapman Prep wechselte –, konnte man mein Leben in genau zwei Epochen teilen. Vor Totem Bruder, Nach Totem Bruder. VTB war ich die Jüngste unserer vierköpfigen Familie: Vater Lateindozent, Mutter Buchhändlerin in Teilzeit, kurz vor der Scheidung, aber trotzdem noch zusammen, getreu der edlen Tradition der Nach-Baby-Boomer-Bourgeoisie, wegen der Kinder. NTB waren wir immer noch zu viert, nur war eben einer von uns – der Einzige, der für uns noch wichtig war – tot.

Nicht dass meine Eltern durchgedreht wären. Keine Alkoholprobleme, keine unantastbaren Gedenkschreine, kein unbenutztes Gedeck auf dem Esstisch, kein für Séancen und Hotlines mit einem Medium am anderen Ende der Leitung hinausgeworfenes Geld und ganz bestimmt auch keine Anwandlungen wie eingebildete Geister, Wehklagen um Mitternacht und merkwürdige Geräusche in der Dunkelheit oder dergleichen. Ein paar Monate, nachdem es passiert war, hat meine Mutter mal für eine längere Zeit Tabletten geschluckt. Aber darüber reden wir nicht.

Nein, die meiste Zeit von NTB waren wir eine völlig normale Familie, die nicht einmal ansatzweise ein leicht abwegiges Verhalten an den Tag legte. Wir räumten sein Zimmer aus und nutzten es nach einer angemessenen Zeit zu einem anderen Zweck. Wir erinnerten uns seiner mit einem angemessen verklärten Blick. Und wir redeten nicht über die Sache mit den Tabletten, genauso wenig wie wir darüber redeten, dass mein Vater seinen Job verlor, weil er sich weigerte, das Haus zu verlassen. Oder dass meine Mutter inzwischen Sekretärin war, die einzige in Massachusetts, die vierundzwanzig Stunden am Tag arbeitete, weil sie es offenbar vorzog, für den fetten Filialleiter einer Bank, der gerne mal seine Mitarbeiterinnen begrapschte, Darlehensanträge zu tippen, als zu Hause zu sein. NTB wurde ich richtig gut darin, an Türen zu lauschen, sonst hätte ich nie etwas von der dritten Hypothek auf das Haus erfahren. Das bestätigte meinen Verdacht: VTB waren sie wegen der Kinder zusammengeblieben, NTB blieben sie wegen Andy zusammen. Genauer gesagt wegen des toten Andy, der in dem Putz der Wände weiterlebte, den er in der sechsten Klasse mit seinem Fahrrad ramponiert hatte, und in dem Parkett, das er in der dritten Klasse mit einem Kerzenziehset verunstaltet hatte, und in allen anderen Kratzern, Wunden und Narben, die er in fünfzehn Jahren achtloser Zerstörung zurückgelassen hatte. Drohender Bankrott und häusliche Zerwürfnisse hin oder her, kein liebender Elternteil würde ihn jemals zurücklassen. Und ich war bei dem Paket eben inklusive.

So lustig es bei uns zu Hause NTB auch war, in der Schule war es sogar noch besser. Die Mittelstufe der Highschool ist selbst unter besten Bedingungen so eine Art Sechster Höllenkreis, in dem man irgendwo zwischen Flammengräbern und fleischfressenden Harpyien gefangen ist. Eine Situation also, in der einem Benzin im Feuer gerade noch gefehlt hat, insbesondere wenn besagtes Benzin in Form eines älteren Bruders daherkommt, der die ältere Schwester des drittbeliebtesten Mädchens der Schule umbringt. Jenna Lis Trauer war beeindruckend. Sie war eine tragische Gestalt mit vor Tränen gläsernen Augen, eine Jungfrau in Nöten, und sämtliche Mädchen stritten sich darum, wer ihr über die Haare streichen und ihre Hand halten und ihr Oreo-Kekse mit extra viel Füllung bringen durfte. Ich dagegen weinte nicht, ich hatte kein seidiges Haar und mein Bruder war ein Mörder. Ein vollgesoffener Idiot von einem Mörder, dem man keine Vorwürfe mehr machen konnte, weil er sich einfach aus dem Staub gemacht hatte. Für meinen gesellschaftlichen Aufstieg war das nicht gerade förderlich.

Es gab nur eine Konstante, die den Abgrund zwischen den beiden Epochen überspannte: Latein. Andere Fünfjährige hatten Klavierstunden oder Ballettunterricht, ich dagegen lernte Deklinationen auswendig und sagte mir Eselsbrücken vor. Andy rebellierte, als er neun Jahre alt war, und fälschte die Unterschriften unserer Eltern auf der Erlaubnis, die er brauchte, um nach der Schule Fußball spielen zu können, ich jedoch spielte das brave Mädchen und setzte den Lateinunterricht fort, drei Nachmittage die Woche, amo, amas, amat. Ich weiß nicht mehr, ob es daran lag, dass mir die Aufmerksamkeit gefiel, ob ich zu feige war, um Nein zu sagen, oder ob ich der Gelegenheit nicht widerstehen konnte, meinem Bruder eins auszuwischen. Aber ich machte bestimmt nicht weiter, weil Latein mir gefiel.

Dann geschah das mit Andrew. Und mein Vater verließ das Haus nicht mehr. Er verließ auch sein Arbeitszimmer so gut wie nicht, wo er theoretisch mit irgendwelchen nebulösen Übersetzungsprojekten beschäftigt war, doch viel häufiger – wir wussten es, sprachen aber nie darüber – löste er dort Kreuzworträtsel, ignorierte Rechnungen oder stützte den Kopf in beide Hände und starrte das Familienfoto auf seinem Schreibtisch an, ohne es wirklich zu sehen. Er kam nur noch selten heraus und ließ uns noch seltener hinein, doch für die Lateinstunden öffnete sich die Tür immer. Für diese eine Stunde am Tag, dreimal die Woche, wurde der Unsichtbare wieder sichtbar – oder vielleicht wurde ich unsichtbar, sodass er mich ertragen konnte. Wir beugten uns über den Text und sprachen über nichts anderes als einen kniffligen Indikativ oder einen Ablativ, der ein Lokativ hätte sein sollen, und hin und wieder, vor allem, als ich so gut wurde, dass ich die Antwort manchmal zuerst wusste, legte er mir seine Hand auf die Schulter.

Es wäre ein Armutszeugnis gewesen, wenn ich nur deshalb mit Latein weitergemacht hätte, um ein paar Tropfen elterliche Aufmerksamkeit aus meinem lieben, abwesenden Dad herauszuwringen. Daher redete ich mir ein, dass es nichts mit ihm oder uns zu tun hatte und auch nichts mit Andy, der alle Unterrichtsstunden aus dem Foto heraus beobachtete, mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht, das zu sagen schien, dass er genau wusste, was ich da machte, auch wenn ich es nicht zugeben wollte. Ich redete mir ein, dass es die Sprache war, die mich faszinierte, das befriedigende Gefühl, Wörter wie mathematische Konstrukte aneinanderzureihen, hier eines hinzuzufügen, dort eines zu streichen, bis sich plötzlich eine Lösung ergab. Selbsttäuschung oder nicht, ich machte weiter. Latein wurde zu meiner Sprache, bis zu dem September, in dem ich fünfzehn wurde, jenem September, in dem ich eines Morgens aufwachte und feststellte, dass ich genauso alt war wie mein Bruder. Da wurde Latein zu meiner Rettung.

6 Chapman ist bis heute so typisch kleinstädtisch, dass es »gute« und »schlechte« Stadtteile gibt, klar voneinander abgegrenzt durch den Walmart in der Mitte. Unser Haus sowie die billige Tankstelle, das Pfandhaus und der sogenannte Park, in dem es mehr gebrauchte Kondome und zerbrochene Meth-Pfeifen als Bäume gab, lagen auf der Südseite. Chapman Prep – eine Stein gewordene Idylle von schlossartigen Ausmaßen, neben dem Campus des Colleges und in unmittelbarer Nachbarschaft von zwei italienischen Eisdielen, drei edlen Schreibwarenhandlungen, vier Geschäften mit Yuppie-Babykleidung und einem Kerzenladen, in dem zweimal täglich Vorführungen im Hinterzimmer stattfanden, gelegen – hatte es sich im Norden gemütlich gemacht. Und ohne meine Bewerbung um das Stipendium für bedürftige Schüler aus dem Ort, die ich aus purer Verzweiflung an die private Highschool geschickt hatte, hätten die beiden Teile auch nie zueinandergefunden. Wie ich später herausfand, hatten meine Testergebnisse der Einstufungstests in Latein den Lehrer für Altphilologie auf sein Exemplar der Aeneis sabbern lassen und der Rektor war der festen Überzeugung gewesen, ich hätte eine Möglichkeit gefunden, den kompletten Inhalt eines Lateinwörterbuchs auf die Sohlen meiner Converse zu kritzeln. Die Zusage kam im April, das Geld für das Stipendium im Juli und im September, als ich zu meinem ersten Tag an der Chapman Prep aufbrach, taten meine Eltern so, als wären sie stolz auf mich.

Ich war also die Neue in der zehnten Klasse, an einer Schule, in der es seit zwei Jahren keine Neue mehr gegeben hatte. Es lief genau so, wie man es erwarten würde. Zum Glück war ich nicht auf der Suche nach Freunden. Alles, was ich wollte, war ein Ort, an dem man mich nicht kannte und Andy nicht kannte – was vielleicht auch der Grund dafür war, warum ich beim ersten unabwendbaren Small Talk mit einem Mädchen in meiner Chemieklasse sagte, ich sei ein Einzelkind.

Es rutschte mir einfach so raus.

Meine Mutter wurde das auch mal gefragt, kurze Zeit, nachdem es passiert war. Irgendein Typ in der Schlange vor dem Bankschalter, der nett sein wollte. »Wie viele Kinder haben Sie?« Ein paar Sekunden schnappte meine Mutter nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen – Mund auf, Mund zu, Mund auf – und dann kamen die Tränen. Der Typ hatte so ein schlechtes Gewissen, dass er meiner Mutter einen Job anbot, und der Rest ist bekannt. Genau, die Sekretärinnengeschichte.

Ich weinte nicht. Ich lächelte das blonde Mädchen an, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, und sagte: »Keine Schwestern, keine Brüder, nur ich.« Dann fing sie an, sich über ihre kleinen Zwillingsschwestern zu beschweren, die anscheinend ständig ihre Hausaufgaben durcheinanderbrachten, und das war’s dann mit unserem Gespräch. Die Leute stellen keine Fragen, weil sie sich für die Antworten interessieren. Sie reden nur, um die Stille zu füllen.

Der Typ, der hinter uns am Labortisch saß, fiel mir gar nicht auf – das heißt, er fiel mir schon auf, weil mir selbst an meinem ersten Tag klar war, dass er die Art von Typ war, die einem einfach auffiel, aber mir fiel nicht auf, dass er uns zuhörte.

Er fiel mir erst wieder auf, als er mir auf dem Flur hinterherging, während ich versuchte, nach der Chemiestunde den Weg zu dem Klassenzimmer zu finden, in dem der Lateinunterricht stattfinden sollte. Und dann wieder, als er gleichzeitig mit mir den Raum betrat und sich neben mich setzte. Zugegeben, die Statistik sprach eindeutig für mich, da in dem Halbkreis nur fünf Stühle standen, aber die anderen Plätze waren leer, daher hätte er sich ja auch woandershin setzen können. Es bedurfte einer bewussten und nicht ganz nachvollziehbaren Entscheidung, seinen Hintern direkt neben der Neuen zu parken, der Neuen mit den billigen Jeans, der flachen Brust und den Haaren, die man nur als straßenköterbraun bezeichnen konnte. Ich sagte mir, dass ich ein bisschen Glück verdient hatte, und übersah geflissentlich die Tatsache, dass ich erheblich mehr brauchte als nur Glück, um in eine dieser Geschichten katapultiert zu werden, in denen eine graue Maus dem Traumprinzen, der aus unerfindlichen Gründen gerade einmal keine Freundin hat, ins Auge fällt, weil die neue Schule irgendwie ihre wilde, unwiderstehliche Schönheit enthüllt hat, der sie sich zuvor natürlich nie bewusst war.

Spoiler-Warnung: Chris hatte eine Freundin. Genau genommen eine ganze Reihe davon. Was mir in dem Moment klar wurde, als ich sah, wie er sich zurücklehnte und seinen langen Arm über den leeren Stuhl neben sich drapierte, die Geste eines Jungen, der daran gewöhnt ist, jemanden zu haben, an dem er sich festhalten kann. Also änderte ich das Märchen mal schnell, damit ein trauriger Traumprinz darin Platz hatte, der sich ablenkte, indem er mit Mädchen ausging, die seiner unwürdig waren, sich aber unbewusst für seine wahre Liebe und Retterin aufsparte – nämlich mich –, und lächelte.

»Nora, stimmt’s?«, fragte er.

Ich nickte. Seine Augen waren tiefbraun, mehrere Nuancen dunkler als sein Gesicht, und ich ging davon aus, dass sie hervorragend für innige Blicke geeignet waren, falls – rein hypothetisch natürlich – irgendwann einmal Bedarf dafür wäre.

»Andrew Kanes Schwester?«

Ich hörte auf zu lächeln.

»Chris.« Er tippte sich auf die Brust, dann wartete er, als hätte er seinen Text vergessen und würde darauf warten, dass ich seinen Satz für ihn zu Ende sprach. Als ich das nicht tat, fügte er hinzu: »Chris Moore? Mittelstufe der JFK? Ich war in der Sechsten, als du in der Fünften warst.« Er machte wieder eine Pause. »Andy hat meine Fußballmannschaft trainiert.«

Ich machte ein Geräusch, ein Mmh oder ein Ähm, und fragte mich, wie lange ich eine Antwort hinauszögern konnte. Jetzt erinnerte ich mich wieder an ihn, dunkel allerdings. Er war einer der Jungs, die mit Jenna Li hinter der Cafeteria geknutscht hatten, und plötzlich hielt ich es für möglich, dass sie ihre Lakaien in der ganzen Welt – oder zumindest der Stadt – verteilt hatte, mit dem Befehl, sie zu rächen.

»Er war cool«, meinte Chris. »Tut mir leid. Was passiert ist, meine ich. Das muss echt beschissen gewesen sein.«

Noch ein Mmh.

»In dem Jahr sind wir auf die andere Seite der Stadt gezogen«, erklärte er. »Deshalb erinnerst du dich wohl auch nicht an mich. Seitdem gehe ich hier auf die Prep. Wie gefällt’s dir hier bis jetzt?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Hör mal. Es geht mich vermutlich nichts an…«

Ich machte mich schon mal auf das Schlimmste gefasst.

»Ich hab gehört, was du vorhin zu Julianne gesagt hast.« Er musste mitbekommen haben, wie ich die Stirn runzelte, als ich den Namen hörte. »Im Chemieunterricht?«, fügte er hinzu. »Als sie dich gefragt hat, ob du Geschwister hast. Da hab ich dich erkannt. Und du hast zu ihr gesagt…« Er zögerte und zupfte an der steifen Ärmelmanschette seines Button-down-Hemds herum, das sogar für eine Privatschule zu spießig war. »Ich glaube, ich hatte recht. Es geht mich nichts an.« Er hielt mir die Hand hin. »Ich habe eine bessere Idee. Neue Schule, neuer Anfang, okay? Wir kennen uns noch nicht. Chris Moore.«

Ich nahm seine Hand und schüttelte sie. »Nora Kane.«

Unsere Hände berührten sich noch, als ein unverschämt hübsches Mädchen – lange schwarze Haare, mandelförmige Augen, lange Beine, die aus einem kurzen Rock herausragten, das ganze Programm – durch die Tür schwebte, vor uns auf die Knie fiel und die Ellbogen auf die Schreibablage von Chris’ Stuhl stützte. »Worüber wird hier geredet?«

»Die Neue wird über die Höhe- und Tiefpunkte des Lebens an der Prep informiert«, sagte Chris. Plötzlich wurde mir klar, dass ich die Luft angehalten hatte. Doch er bestand den Test. »Ich hab ihr gesagt, dass noch Zeit ist, dorthin zurückzugehen, wo sie hergekommen ist, aber sie hört nicht auf mich. Willst du nicht mal mit ihr reden?«

Das Mädchen lachte. »Ich glaube, du hast gerade Bekanntschaft mit einem der Tiefpunkte gemacht.« Sie gab Chris einen leichten Schubs, so einen, den man benutzt, wenn man nach einer Entschuldigung dafür sucht, jemanden zu berühren. »Und jetzt kannst du einen der Höhepunkte kennenlernen.«

Mädchen wie sie hatte ich nie verstanden, was heißen soll, dass ich einfach nicht begriff, wie jemand um sieben Uhr morgens schon so perfekt aussehen konnte: die Haare gepflegt und trocken, Lipgloss, Wimperntusche, Grundierung und andere Arten von Make-up, deren Existenz ich noch nicht einmal erahnte, souverän aufgetragen, die Accessoires auf die Kleidung und auch noch auf die perfekt manikürten Fingernägel abgestimmt. Ich hingegen kam mit schöner Regelmäßigkeit zu spät zur Schule, mit wirren, nassen und – mehrere Monate im Jahr – gefrorenen Haaren, die ich in einen schiefen Knoten gezwungen hatte, mit nicht zusammenpassenden Socken und zu ganz besonderen Gelegenheiten auch mal mit hastig aufgetragener getönter Tagescreme aus der Drogerie, die jedoch nicht verschleiern konnte, dass meine Nase etwas zu groß für mein Gesicht war. Meine Mutter hatte einmal gedacht, es würde mich trösten, wenn sie mir erklärte, dass man für Schönheit – und die Anmut und das Selbstvertrauen, auf denen sie beruht – Geld brauche. Sie fügte keine mütterlichen Beteuerungen über natürliche Schönheit, wahre Schönheit oder innere Schönheit hinzu, die ich – wenn überhaupt – besaß, während ich nicht darauf hinwies, dass Geld nicht das Einzige war, was mir fehlte. Eine Mutter, die mir zeigt, wie man Lidschatten aufträgt, wäre auch ganz praktisch gewesen.

»Adriane Ames«, sagte Chris, als zwei weitere Schüler das Klassenzimmer betraten und sich setzten. »Von dem, was sie so von sich gibt, kannst du neunzig Prozent getrost wieder vergessen.«

»Und die anderen zehn?«, fragte ich.

»Genial. Das behauptet sie jedenfalls.«

»Ich sage ihm auch, dass er endlich mal zum Friseur soll.« Ihre manikürten Finger strichen über die krausen Locken, die in einem Afro von seinem Kopf abstanden. »Aber er hört ja nicht auf mich.«

Mir gefielen seine Haare. »Das eben gehört eindeutig zu den neunzig Prozent«, meinte ich. »Die Chancen stehen wirklich nicht gut für dich.«

Sie lachte wieder, ein überraschend schroffer Laut für ein derart zartes Geschöpf. Ihre Stimme war Musik, doch ihr Lachen war einfach nur Lärm. »Sie ist süß«, sagte Adriane. »Können wir sie behalten?«

Sie konnten. Sie behielten mich.

7 Chris erzählte keinem etwas von Andy und ich auch nicht. Als wüsste er, dass ich dann so tun konnte, als wäre es nie passiert, weil es ja eigentlich nicht gelogen war, wenn Chris die Wahrheit kannte.

Er war nicht mit Adriane zusammen, damals noch nicht. Aber er stand ganz oben auf ihrer Liste und – wie mir schnell klar wurde – die Punkte auf ihrer Liste wurden sehr zielstrebig abgearbeitet. Es stellte sich heraus, dass Adriane Latein für Fortgeschrittene eigentlich nur wegen Chris gewählt hatte. Und im Lateinunterricht ist es dann auch passiert, irgendwo zwischen Deklinationen, Selbstbetrachtungen des Lukrez und schlechten Sketchen nach dem Muster »Alte Römer gehen auf den Markt« wurden Chris und ich Freunde und Chris und Adriane – mit meiner cyranoesken Unterstützung – ein Paar. Ich hatte also einen besten Freund und dank sozialer Addition (Mädchen hat besten Freund plus bester Freund hat neue Freundin gleich Mädchen hat neue beste Freundin, quod erat demonstrandum) hatte ich dann zwei. Chris und ich halfen Adriane durch Latein für Fortgeschrittene, Adriane und ich halfen Chris durch den Förderkurs Chemie, die beiden halfen mir durch die Neu-an-der-Schule-Phase. Zwei Jahre lang waren wir vielleicht nicht glücklicher als der durchschnittliche Highschool-Schüler, der Prüfungen, Freizeitaktivitäten und pädagogisch nutzlose Eltern unter einen Hut bekommen muss, aber wenigstens nicht unglücklich und nicht allein. Dann ging Chris aufs College (allerdings über den Weg des geringsten Widerstands, nämlich auf das benachbarte College gleich die Straße runter), ich begegnete Max, alle zusammen arbeiteten wir an Dem Buch und alles ging den Bach runter.

8 E. I. Westonia, Ioanni Francisco Westonio, fratri suo germano S.P.D. begann der erste Brief. E. J. Weston grüßt ihren Bruder John Francis Weston. Es waren ungefähr dreißig bröckelnde Pergamentseiten, die mit ausgefranstem Faden zusammengeheftet waren. Die Briefe waren in zufälliger Reihenfolge, manche datiert, manche nicht, aber alle an denselben Empfänger gerichtet. Ich fragte mich, ob er es gewesen war, der ihr die staubige Ausgabe von Petrarcas Canzoniere geschenkt hatte, die mit den Briefen zusammen aufbewahrt worden und ein Jahrhundert lang auf irgendeinem Dachboden in Boston und davor vermutlich auf einem Dachboden in Europa vermodert war. Es war das erste Mal, dass ich etwas so Altes sah, geschweige denn anfassen durfte. Das Papier fühlte sich rau unter meinen Fingern an, aber es war sehr dünn. Mir wurde klar, wie leicht ich es zerreißen konnte. Oder zerdrücken. Oder verbrennen. Ich konnte es auf Tausende Arten zerstören. Das gleiche berauschende Gefühl hatte ich am Grand Canyon gespürt, als wir das erste und letzte Mal einen Familienurlaub in unserer neuen, zahlenmäßig reduzierten Familie versucht hatten. Ich stand am Rand des Abgrunds und wusste, was passieren würde, wenn ich noch einen Schritt nach vorn machte. Nicht, dass ich in Versuchung gekommen wäre, aber die Tatsache, dass ich es hätte tun können, war wie ein Kick. Man hat nicht oft Gelegenheit, etwas richtig Wertvolles zerstören zu können. Als Kind gibt es immer irgendwo einen Turm aus Bauklötzen, den man umwerfen, oder eine Barbie, die man in die Mikrowelle stecken kann. Wenn man erwachsen wird, nehmen sie einem das Spielzeug weg.

1598, als sie die meisten Briefe geschrieben hatte, war Elizabeth Weston siebzehn Jahre alt und hatte die Hälfte ihres Lebens schon hinter sich. Sie hatte ihren Vater als Baby verloren und in Edward Kelley, Alchemist, Gelehrter, Scharlatan und Tunichtgut, einen neuen gefunden. Er schleppte sie von England nach Prag und ermöglichte ihr ein paar Jahre voller Luxus und Frohsinn am kaiserlichen Hof, bis er den Falschen reinlegte und für den kurzen Rest seines Lebens irgendwo in der Pampa in einem Burgturm gefangen gehalten wurde – und wieder kam Elizabeth mit. Sie vertrödelte den Rest ihrer Kindheit in einer Bruchbude am Fuß des Turms und überbrachte ihrem eingekerkerten Stiefvater Nachrichten, Geschenke und gelegentlich wohl auch kindliche Zuneigung.

Das Ganze roch geradezu nach Schauerroman und hatte alles, was man für eine shakespearesche Tragödie oder – wenn man noch einen einsamen Stalljungen oder einen vertrauenswürdigen Gefängniswärter dazugedichtet hätte – einen kitschigen Liebesroman brauchte. Was aber nichts daran änderte, dass Elizabeth, wenn es nach dem Hoff ging, eine Person ohne jegliche Bedeutung war. Das machte meine Übersetzungsarbeit zu einer sinnlosen Beschäftigung und führte dazu, dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, mich, wie er das nannte, in der Geschichte zu verlieren.

Aber ich tat, was man mir aufgetragen hatte. Ich befolgte die Regeln für den Umgang mit den Briefen, berührte sie so selten wie möglich, um kein Hautfett auf die Seiten zu bringen, achtete darauf, sie weder zu knicken noch zu falten noch zu zerknittern, und schloss sie jeden Abend im privaten Safe des Hoff ein, hinter zehn Zentimetern Stahl, die sie vor bösen Bibliothekaren schützten – oder welcher Nemesis auch immer, die in der Vorstellung des Hoff jenseits seiner Wände lauerte. Und ich übersetzte ein mi frater und magnifico Parente nach dem anderen.

Ich fürchte, in letzter Zeit habe ich in meinem Briefen zu oft von Kummer und Schmerz berichtet. Doch die vergangenen Monate sind hart gewesen, liebster Bruder. Härter, als ich es Dich wissen lassen wollte. Du wirst es sicher merkwürdig finden, dass ich ein solch abweisendes Heim vermisse, den Turm unseres Vaters, dunkel und feucht, und die Nebengebäude, deren Wände so dünn waren, dass ich fürchtete, mein Blut würde sich in Eis verwandeln. Doch selbst ein Gefängnis kann ein Heim sein, wenn es dort etwas zu essen gibt, wenn es dort Wände gibt, die einen vor der Nacht schützen, wenn es dort einen Vater gibt wie den unseren, der über uns wacht. Jetzt, da er von uns gegangen ist, gibt es auch diese elende Behausung nicht mehr. Es mag Tollheit sein, doch ich vermisse sie beide.

Dafür hätte ich nicht einmal eine Stunde brauchen sollen, einschließlich der zwanzig Minuten, um den lateinischen Text abzuschreiben und unbekannte Wörter und verwirrende Verbformen anzustreichen, das langweilige, aber beruhigende Aufwärmen für die Übersetzung selbst, ungefähr so, als würde man auf dem Klavier ein paar Übungsläufe spielen, bevor man sich an Mozart wagt. Doch das Abschreiben dauerte eine Stunde und das Übersetzen des einen Absatzes noch einmal zwei. Ich gab Chris und seinem Aufmerksamkeitsdefizit-Desaster die Schuld daran, aber schließlich hatte mich ja niemand gezwungen, ihm beim Schummeln bei Solitaire zu helfen, einen Streich für meine Abschlussklasse auszudenken oder zu überlegen, welchen Text die Titelmelodien sämtlicher Freitagabend-Fernsehserien unserer Jugend hatten.

»Das Daumen-Catchen war deine Idee«, erinnerte er mich, als ich ihm schlechten Einfluss vorwarf. »Und was jetzt? Hier sitze ich und bin fleißig und du lenkst mich ab mit diesen lächerlichen Beschwerden über…«

»Du? Fleißig?« Ich warf einen Blick über seine hochgezogenen Schultern. »Du bastelst doch gerade Papierflugzeuge.«

Er zuckte mit den Schultern. »Eine schmutzige Arbeit, ich weiß, aber einer muss sie ja machen.«

Das Büro des Hoff sah völlig anders aus als das in Beigetönen gehaltene Großraumbüro im Gebäude der geisteswissenschaftlichen Fakultät gegenüber, in dem mein Vater früher gearbeitet hatte. Da der Hoff Professor auf Lebenszeit war, konnte ihm die Fakultät nicht kündigen, weshalb er in den Ruhestand geschickt und solcher Annehmlichkeiten wie Kopierer, WLAN-Anbindung und Türen beraubt worden war. Als Strafe für seine zunehmende Senilität hatte man ihn in eine Seitenkapelle der maroden Trinity Cathedral gesteckt, die seit dem Bau der modernen, luftigen Kirche auf der anderen Seite des Innenhofs nicht mehr in Gebrauch war. Hauptschiff und Chorraum der alten Kirche wurden gelegentlich für Aufnahmefeiern der Phi-Beta-Kappa-Studentenverbindung oder für Teepartys der Fakultät benutzt, doch die Nebenkapellen hatte man unterteilt, um Büros für Lehrkräfte zu schaffen, die anderswo keinen Platz gefunden hatten. Bisher war der Hoff offenbar der Einzige, der zu dieser Kategorie gehörte.

Unser Arbeitsplatz war ein großer Tisch aus Mahagoni, ganz in der Nähe des Schreibtisches, an dem der Hoff allerdings nur selten vorzufinden war. Auf dem Schreibtisch des Professors stapelten sich schwankende Türme aus Zeitschriften, wissenschaftlichen Arbeiten und Mitteilungen der Fakultät, die prinzipiell nicht gelesen wurden. Es gab keine Tür, nur einen langen, schmalen Tunnel, der in den Hauptraum der Kirche führte. Die Briefe von Elizabeth und Kelley wurden gemeinsam mit Material, das der Hoff der Bibliothek und ihren grausamen Aufsehern »entrissen« hatte, in einem großen Safe in der Ecke aufbewahrt, zu dem ihm Chris irgendwie die Kombination entlockt hatte. Neben dem Safe stand eine zerschlissene graue Couch mit ein paar schlappen Kissen, die ein wenig nach Hund roch. Hier machte es sich der Hoff – wenn er denn überhaupt erschien – gemütlich, um kurz darauf einzuschlafen. War der Professor nicht da, was häufig vorkam, nahm Chris das Sofa für sich in Beschlag, folgte seinem Beispiel und hielt selbst ein Nickerchen.

Aber damals, an unserem ersten Tag, schaffte es Chris, die ganze Zeit über wach zu bleiben. Er lenkte mich ständig ab und kassierte dafür strafende Blicke von Max, der am Ende des großen Tisches saß, die Schultern gebeugt, die Augen hinter der Nickelbrille zusammengekniffen, während sein Zeigefinger Zeile um Zeile dem eng geschriebenen alchemistischen Wortsalat folgte. Zwar ermahnte er uns nicht zum Schweigen, doch hätte man ihn ohne Weiteres für einen pedantischen Bibliothekar halten können. Ich hörte einen Seufzer der Erleichterung aus seiner Richtung, als Adriane kam und Chris mit sich zerrte, angeblich, damit er ihr bei dem Aufsatz für ihre Collegebewerbung half, aber wohl eher, um sein leeres Zimmer im Wohnheim für etwas Interessanteres zu nutzen.

»Stift weg, die Zeit ist um«, sagte Chris, während er meinen Notizblock zuschlug. »Du kommst auch mit.«

Ich schüttelte den Kopf. »Heute nicht.«

»Hast du was Besseres vor?«

»Hm, mal sehen. Ein glamouröser, exotischer Abend im Hause Kane, in Gesellschaft von Differential- und Integralrechnung, Physik und ein paar mitreißenden Lateinübersetzungen, nachdem jemand dafür gesorgt hat, dass dieser Nachmittag komplette Zeitverschwendung war.«

»Dieser ›Jemand‹ muss ein ausgesprochener Feigling sein. Sag mir, wer es ist, dann werde ich ihn für dich verprügeln.«

»So übel ist er nun auch wieder nicht.«

Chris zwinkerte mir zu.

»Es schadet aber sicher nicht, wenn er mal was auf die Ohren bekommt. Wenn du meinst, wir sollten es mit einer Tracht Prügel versuchen…«

Er wandte sich an Adriane. »Hast du gehört, wie sie mit mir redet? Kann ich was dafür, dass ich so attraktiv und charmant und unwiderstehlich bin und kein Mädchen mir widerstehen kann?«

»Nora hat damit anscheinend kein Problem«, erwiderte Adriane. Dann küsste sie ihn, mitten auf den Mund, indem sie sich auf Zehenspitzen stellte und dann auch noch eines ihrer Beine anwinkelte, wie ein schmachtendes Fräulein in einem Schwarz-Weiß-Film. »Da hab ich ja noch mal Glück gehabt.«

»Ich probier’s mal«, warf ich ein. »Nein, ich werde den heutigen Abend nicht mit dir verbringen.« Dann legte ich eine Pause ein und tat so, als würde ich nachdenken. »Das auszusprechen, war nicht besonders traumatisch. Glaubst du, das war ein Zufall? Nein, nein, nein, danke, nein. Geht einfach.«

Chris fasste mich um die Taille, zerrte mich mühelos aus dem Stuhl und hob mich hoch. Dann drehte er sich mit mir im Kreis, während ich mit den Füßen strampelte und mich vor Lachen schüttelte. »Hilf mir dabei, ihr zu zeigen, dass sie gerade einen Riesenfehler macht«, sagte er zu Adriane.

»Chris, lass sie doch. Wenn sie nach Hause will…«

»Wie kann sie nach Hause wollen, wenn sie eine viel bessere Alternative hat?« Er hielt mich immer noch hoch, sodass meine Füße einige Zentimeter über dem Boden baumelten, trotz meiner halbherzigen Versuche, mich zu befreien. Ich musste immer noch so lachen, dass ich nicht viel gegen ihn ausrichten konnte. »Du nimmst jetzt ihre Beine und dann tragen wir sie zu mir.«

Adriane rührte sich nicht von der Stelle.

»Du solltest mich jetzt besser runterlassen«, stieß ich hervor, während ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

»Ihr Wunsch ist mir Befehl, Mylady.« Er setzte mich behutsam ab. »Siehst du? Das sagt sich doch gar nicht so schwer. ›Ja, was immer du möchtest.‹«

»Dann bin ja wohl ich unwiderstehlich.«

»Ich wusste ja, dass wir etwas gemeinsam haben«, erwiderte er.

»Du weißt doch, dass er erst aufhören wird, wenn du nachgibst«, meinte Adriane. »Du solltest mitkommen. Wir können uns einen Film ansehen oder was anderes machen.«

Es war verlockend, aber im Vergleich zu dem, was mich an diesem und an jedem anderen Abend erwartete – das leere Haus, die geschlossenen Türen, die unsichtbaren Bewohner und die unausgesprochenen Worte –, wäre selbst eine Wurzelbehandlung noch verlockend gewesen. Es gab einen Grund dafür, warum ich so viel Zeit bei Adriane zu Hause und in Chris’ Studentenzimmer verbrachte. Aber vielleicht war es zu viel Zeit. Er war mein bester Freund; sie war meine beste Freundin. Okay, es war gut möglich, dass ich mir zu viele Gedanken darüber machte, ob die beiden nicht darauf warteten, dass ich endlich mal ging, wenn ich mit ihnen zusammen war. Aber manchmal tat ich es eben doch, sozusagen prophylaktisch.

»Ich kann nicht«, sagte ich zu ihm. »Heute nicht.«

»Du arbeitest zu viel«, erwiderte Chris, während er mir einen kleinen Schubs gab.

Ich wedelte mit meinem fast leeren Notizblock vor seinem Gesicht herum. »Da hast du den Gegenbeweis.«

»Sicher?«, fragte er.

Ich nickte, und als sie ihre Finger ineinanderschoben und mich zurückließen, versuchte ich, so auszusehen, als hätte ich gerade etwas gewonnen, auch wenn es sich genau wie das Gegenteil anfühlte.

»Das muss ziemlich merkwürdig für dich sein.« Es war das erste Mal an diesem Tag, dass Max etwas sagte. Seine Stimme war leise und etwas dünn, aber gar nicht einmal so unangenehm.

»Wie bitte?« Mein Tonfall war abweisend. Mich wie ein unerwünschtes Anhängsel zu fühlen, war eine Sache, aber wenn jemand, der praktisch ein Fremder war, meinen Verdacht bestätigte, war das etwas ganz anderes.

»Nichts.« Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu und hob nicht einmal den Kopf, als ich meine Sachen zusammensuchte und mich dick einpackte, um in den frostigen Oktoberabend hinauszugehen. Max sah mich auch nicht an, als er, den Blick auf die alten Pergamentseiten gerichtet, sagte: »Komm gut nach Hause.«

Bis jetzt war ich immer gut nach Hause gekommen.

9 Chris hatte recht. Ich arbeitete wirklich zu viel, aber nur, weil das eine wirksame Methode war, um die Zeit zu Hause mit einem Minimum an Grübelei, Erinnerungen, Bedauern und diversen anderen unschönen Aktivitäten zu überstehen. Zu denen kam es aber fast unweigerlich, wenn ich die verblassenden Kindergartenzeichnungen meines Bruders, die hastig hingekritzelten Nachrichten meiner Mutter, die wieder einmal das Abendessen versäumt hatte, oder die geschlossene Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters sah. Und ich hätte mich vielleicht auch dann mit Elizabeths Briefen beschäftigt, wenn ich nicht sowieso schon leichte Gewissensbisse wegen des vertrödelten Nachmittags gehabt hätte, da Übersetzen die Welt auf eine einzelne Seite, eine Zeile, ein Wort nach dem anderen reduzierte. Es nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und genau das brauchte ich jetzt.

Ich werde Dir nicht von unserer Reise berichten.

Wir haben überlebt, das ist alles, was Du wissen musst. Wir versteckten uns, wenn es notwendig war, wir aßen, wenn es etwas zu essen gab, und hungerten, wenn es nichts zu essen gab. Wir sind erschöpft und mittellos hier angekommen, vor Schmutz starrend und geschwächt, voller Scham über unsere missliche Lage. Aber wir sind angekommen, liebster Bruder. Wir sind zurück. Ich hatte schon befürchtet, Prag sei nichts weiter als ein Traum. Jetzt weiß ich, dass es diese Stadt wirklich gibt, und ich glaube, sie ist ein neuer Anfang.

Ich schwöre Dir, dass Angst und Kummer mich nicht besiegen werden. Unsere Mutter braucht mich und ich werde sie weder enttäuschen noch vor dieser Bürde zurückschrecken. Es gibt wenig Grund für das Bedauern, das Du in Deinen Briefen zum Ausdruck bringst, denn Dein Studium hat Vorrang. Dir obliegt es, Ruhm und Ehre unserer Familie aufrechtzuerhalten, ich dagegen habe mich um häusliche Angelegenheiten zu kümmern, um unser Eigentum, unser Heim, unsere Mutter. Wir haben eine provisorische Unterkunft gefunden und sicher ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich den Kaiser überzeugen kann, unsere Besitztümer freizugeben. In Zeiten größter Hoffnungslosigkeit habe ich Deine Briefe, die mich wieder aufrichten, und ich habe meine Gedichte. Natürlich ist mir bewusst, dass sie nicht viel mehr sind als eine Petitesse. Aber Du weißt besser als jeder andere, wie meine Seele sich in ihren Träumen verliert, und ich gebe zu – allerdings nur Dir gegenüber –, dass ich in manchen Nächten wach liege und mir vorstelle, der wiedergeborene Ovid zu sein. Meine Gedichte sind nichts als Worte, so wie Deine Briefe nichts als Worte sind, nur Tinte auf Pergament, und doch sind es Worte, die mich immer wieder zu retten vermögen. Ich hoffe, Du liest diesen Brief bei guter Gesundheit und in Kenntnis meiner ewigen Liebe.

Adieu.

Prag, 15. August 1598

Sie machte ihm keine Vorwürfe, weil er gegangen war; sie gestattete sich keine Vorwürfe, weil Brüder immer gingen. Ich verstand mehr, als ich wollte, von dem, was im Kopf dieses toten Mädchens vorging. Ein Zuhause, das sich wie ein Gefängnis anfühlte, ein Exil, das Strafe und Befreiung zugleich war. Den Entschluss, trotz oder gerade wegen der Tatsache, dass ihr nichts mehr geblieben war – außer einer nutzlosen Mutter, einem unsichtbaren Vater und einem abwesenden Bruder –, einfach weiterzumachen und zu tun, was getan werden musste.

Ich erlaubte mir etwa drei Minuten für ein trauriges kleines Melodram und malte mir aus, ich wäre sie. Von der jungen Elizabeth waren keine Bilder erhalten, daher konnte ich mir problemlos vorstellen, wie mein Kopf aus einem zerschlissenen Renaissancekleid ragte, wie ich einen Gefängnisturm umrundete, wie ich meine Mutter durch Morast und Flusstäler schleppte, durch Wälder und öde Landschaften oder was auch immer einem auf dem Weg nach Prag so begegnete. Drei Minuten, dann war Schluss damit.

Ihr Gefängnis war keine Metapher, es war eine Burg, in der ihr in Ungnade gefallener Stiefvater die letzten drei Jahre seines Lebens verbracht hatte. Ihre Geldprobleme ließen sich nicht mit einem Stipendium – für eine Schule, deren Besuch man ihr mit Sicherheit verboten hätte – und einem Gutschein für das nächstgelegene Einkaufszentrum lösen. Ihr Vater war nicht unsichtbar, er war tot; ihr Bruder war es nicht. Wir hatten nichts miteinander gemein.

Das war das Seltsame am Übersetzen: Man drückte die Worte eines anderen aus, in seiner eigenen Stimme, die doch nicht ganz die eigene war. Man konnte sich etwas vormachen und glauben, dass man die Bedeutung hinter den Worten verstand, aber – wie mir mein Vater erklärt hatte, bevor ich alt genug war, um es zu verstehen – Worte und Bedeutung waren untrennbar miteinander verbunden. Sprache formt die Gedanken; ich spreche, also denke ich, also bin ich. Elizabeths Briefe, geschrieben in einer Sprache, die schon Jahrhunderte vor ihrer Geburt gestorben war, hatten bereits eine gewisse Distanz zu ihrem Leben. Sie Wort für Wort in einem Wörterbuch nachzuschlagen und in meine Sprache zu übertragen, bedeutete, dass unweigerlich etwas von mir in Elizabeth sein würde. Es bedeutete nicht, dass etwas von ihr in mir war.

10 Sie war Dichterin. Sogar eine einigermaßen berühmte, auch wenn weder ich noch sonst jemand sie kannte. Und obwohl sie in England geboren worden war, die meiste Zeit ihres Lebens in Prag verbrachte und obendrein auch noch fließend Deutsch sprach, schrieb sie ausschließlich auf Latein. Als Frau im Europa des 16. Jahrhunderts musste man vielleicht einen linguistischen Überlegenheitskomplex entwickeln, wenn man auch noch für etwas anderes ernst genommen werden wollte als dafür, mit wem man schlief und wen man gebar. Oder vielleicht hatte die Sprache ohne Volk dem Mädchen ohne Zuhause einfach nur gefallen.

Je mehr ich von ihren Briefen las, desto mehr wollte ich über sie wissen, aber es war nicht viel zu finden. Berühmt oder nicht, Elizabeth Weston war ein historischer Schatten, der über die offiziell bedeutenden Leben von Edward Kelley und Kaiser Rudolf II. huschte und nur gelegentlich in der feministischen Geschichtswissenschaft oder in Anthologien neulateinischer Literatur auftauchte. Es gab keine eigenständige Biografie für sie und – den spärlichen Informationen in ihrem Eintrag bei Wikipedia nach zu urteilen – auch keine fanatischen Amateure, die Westonia-Trivialwissen horteten und dafür kämpften, sie mitsamt ihres Werks ins Rampenlicht zu stellen. Die einzige Möglichkeit, Elizabeth kennenzulernen, bestand darin, sich mit ihren Briefen zu beschäftigen.

Und so entwickelte sich eine Routine. Dreimal die Woche verließ ich den Unterricht früher und gesellte mich in dem muffig riechenden Büro des Hoff zu Max und Chris. Ich weiß nicht, ob es an Max’ strengen Blicken lag oder daran, dass Chris’ Faulheit sogar noch größer war als sein Hang, sich ständig mit irgendetwas ablenken zu wollen, oder an meiner Neugier, jedenfalls gehörten Wettkämpfe mit Papierflugzeugen und Fingerspiele bald der Vergangenheit an. Häufig vergingen Stunden, in denen nur wenige Worte gewechselt wurden, zumeist knapp formulierte Bitten um ein Wörterbuch oder eine Konjugationsliste, unterdrückte Verwünschungen, frustrierte Seufzer und das monotone Gemurmel halb laut gelesener Textstellen, in denen wir den Rhythmus der Vergangenheit suchten. Mehr als einmal wartete bei meiner Ankunft schon ein Cappuccino auf mich, den mir Max zubereitet hatte, mit Zimt und zwei Stück Zucker, so wie ich ihn am liebsten hatte.

»Du kniest dich da richtig rein, stimmt’s?«, fragte Chris einmal, als er mich hinausbegleitete. Es war schon spät und er bot an, mein Fahrrad in sein Auto zu verfrachten und mich nach Hause zu bringen, doch ich lehnte ab und erwiderte, dass ich gern durch die Dunkelheit fuhr.

Ich ließ mich nie von jemandem nach Hause bringen.

»Auf den Bewerbungen fürs College wird es gut aussehen«, meinte ich dann noch.

»Mhm.«

»Also gut. Es ist interessant. Ich kann mich mit etwas beschäftigen, das seit vierhundert Jahren niemand gelesen hat. Das ist nicht die schlechteste Art, einen Nachmittag zu verbringen.«

»Vorsicht«, warnte er. »Du klingst schon fast wie Max.«

Inzwischen hörte sich das für mich gar nicht mehr so beleidigend an, wie es das früher vielleicht gewesen wäre. Und als ich an jenem Abend nach Hause kam, machte ich sofort mit der Übersetzung weiter.

E. J. Weston grüßt ihren liebsten Bruder John Fr. Weston.

Der Traum ist immer gleich. Unser Vater springt vom Turm, sein weißes Nachthemd bauscht sich hinter ihm auf wie die Flügel eines Engels. Er glaubte, die Engel würden ihn sicher in die Freiheit tragen, und immer, für einen endlos langen Moment, vertraue ich auf seinen Glauben. Ich gehe davon aus, dass er fliegt. Doch jedes Mal fällt er. Blut breitet sich auf der weißen Seide aus. Ich erwache, doch noch immer höre ich seine Stimme, die meinen Namen ruft. In Wirklichkeit hat er nicht nach mir gerufen, kein einziges Mal. Er fiel still zu Boden. Die Wachen mussten auf der Lauer gelegen haben, denn kurz darauf waren sie bei ihm und schleppten ihn in seine Zelle zurück. Er wand sich vor Schmerz, er blutete, doch er rief kein einziges Mal nach mir.

Du schreibst, ich hätte recht daran getan, in meinem Versteck zu bleiben, zusammengekauert im hohlen Stamm des Baums. Du zürnst unserem Vater, weil er ein hilfloses junges Mädchen kommen ließ, um ihm bei seiner Flucht zu helfen. Doch ich bin alles andere als hilflos und wie gern hätte ich mein Leben hingegeben, um das seine zu retten. Jedenfalls glaubte ich das, bis der Moment kam und ich ihn enttäuschte.

Ich werde ihn nicht noch einmal enttäuschen.

Schluss mit diesen elenden Grübeleien. Du fragst nach Neuigkeiten über Prag, vielleicht, weil Du hoffst, damit Erinnerungen an unsere so viel glücklichere Jugend wachrufen zu können. Die Pražský hrad mit ihren hohen Türmen ist so beeindruckend wie immer. Oft gehe ich morgens bei Sonnenaufgang über die Steinbrücke und sehe zu, wie die Moldau darunter hinwegfließt. Die Linde kommt mir jetzt höher und kräftiger vor als früher. Ich lege diesem Brief ein Blatt bei, damit auch Du den Geruch unserer Kindheit einatmen kannst.

Das Blatt gab es nicht mehr; vermutlich war es schon vor Jahrhunderten zu Staub zerfallen. Aber ich wusste, warum sie es in den Brief gelegt hatte. Vor zwei Jahren hatte es einmal einen Tag gegeben, einen perfekten Märztag, der mindestens fünf Grad wärmer gewesen war, als der Frühling in New England hätte sein sollen. Einen Tag, an dem ich mit Adriane und Chris zusammen im Gras lag und dem leisen Gurgeln des Flusses zuhörte, Wasser, das eher ein Bach als ein Fluss und eher schlammig als klar war, aber im Sonnenschein sauber und tief aussah, einen Tag, an dem Wolkentiere über den Himmel marschierten, Paraden aus weißen Elefanten, Kaninchen und Drachen, einen Tag, an dem mir Adriane bis ins letzte Detail erklärte, wie ich meine krausen Haare glätten konnte. Dann legte sie einen klassischen adrianesken Übergang zu einer Diskussion hin, bei der es um die tief verwurzelten kulturellen und ethnischen Aspekte bei der Entwicklung verschiedener Haarmoden ging und darum, wie man an unseren drei Frisuren, halbjüdisch, halbasiatisch beziehungsweise halbschwarz, die amerikanischen Rassenbeziehungen der letzten zweihundert Jahre ablesen konnte. Währenddessen tat Chris die ganze Zeit so, als würde er laut schnarchen. Einen Tag, an dem Chris, trunken vor Limonade und frisch gemähtem Gras, unser beider Hände nahm und ohne das sonst übliche Lachen in seiner Stimme sagte, dass alles anders sei, jetzt, wo wir einander hätten, dass alles besser sei. Und an diesem Tag, während die beiden schliefen, dieses Mal tatsächlich, da völlig ermattet von der Sonne, schlenderte ich an dem trüben Wasser entlang und steckte einen glatten grauen Stein ein, der wie der Fluss roch und den ich, wie den Tag, behalten wollte.

Erst am nächsten Morgen vertraute Chris mir an, was sich ereignet hatte, während ich am Wasser gewesen war, wie sich zuerst ihre Hände und dann ihre Lippen gefunden hatten, wie sie den restlichen Nachmittag lang hinter meinem Rücken Blicke ausgetauscht und sich heimlich zugelächelt hatten, wissend, was ich nicht wusste, in gespannter Erwartung dessen, was geschehen würde, wenn ich gegangen war. Er war so glücklich und sie auch, denn später, vor meinem Schließfach, malte sie selig lächelnd mit den Fingerspitzen ein Herz auf den rostigen Stahl und ich freute mich für die beiden. Ich versuchte zu ignorieren, dass die beiden, während ich meinen perfekten Tag hatte, einen ganz anderen erlebten, zusammen. Ich redete mir ein, es sei gut, dass ich es nicht bemerkt hatte, dass alles so wie immer gewesen zu sein schien – dass es ein gutes Zeichen für die Zukunft war, was ja auch stimmte.

Den Stein hatte ich noch. Aber er war nicht mehr derselbe.

Der Nachthimmel vor dem Fenster überzog sich langsam mit einem perlmuttfarbenen Grau, ein Hinweis darauf, dass ich schlafen gehen sollte, solange ich noch die Möglichkeit dazu hatte. Doch ich machte weiter:

Die Chorherren im Kloster Strahov haben mir gestattet, ihre Bibliothek zu benutzen, und morgens verliere ich mich oft in der Welt der Meister. In diesem Raum voller Stille fühle ich mich so zu Hause wie nirgendwo sonst in der Stadt, vielleicht, weil ich mir so leicht vorstellen kann, Dich an meiner Seite zu haben, während wir um die Wette lesen. Es scheint mir ganz unmöglich, dass Du diesen Ort gar nicht kennst, denn Dein Geist ist hier so deutlich zu spüren. Wenn ich mich für die Ewigkeit in diese behagliche Ruhe einhüllen könnte, trunken vor Worten, Ideen und Fragen, die zu stellen mir nie in den Sinn gekommen war, so versichere ich Dir, dass ich diesem meinem Leben in keinster Weise nachtrauern würde. Doch die Bibliothek auf dem Hügel ist nur eine Flucht auf Zeit. Unten wartet unsere Mutter. Die Stadt wartet, ihre Bewohner, die, so fürchte ich, noch genauso sind wie zu Deinen Zeiten, haben Schaum vor dem Mund, wenn sie sich über die haltlosen Zustände bei Hofe und belanglose Herzensangelegenheiten ereifern. Das Interesse an unserem hochgeschätzten Vater ist nicht erlahmt. Heute Morgen habe ich auf dem Markt zufällig mit angehört, wie sich zwei Fischweiber mit gedämpfter Stimme über den Zauberer unterhalten haben, der in einem Turm lebe und alle verfluche, die daran vorbeigehen. Er rede mit den Engeln, sagten sie, und habe in seinem Zorn einmal einen weinenden Säugling in einen schreienden Esel verwandelt. Ich musste lächeln, als mir klar wurde, über wen sie sprachen. Seine Macht und sein Mythos leben auch in seiner Abwesenheit weiter.

Der Kaiser will meine Bitten nicht erhören und behält unseren weltlichen Besitz aus einer Laune heraus als Pfand. Johannes Leo, der Hofsyndikus, hat uns Hilfe angeboten und ich bin versucht, sein Angebot anzunehmen. Deine Bedenken ihm gegenüber mögen begründet sein, doch dass Du meinen Willen so gering schätzt, ist ungerecht. Er mag nicht der Hellste sein, doch die Sprache des Hofes hat er schnell gelernt und sich darüber hinaus wie eine Schlange die Gunst des Kaisers erschlichen. Du brauchst nicht zu befürchten, dass er sich die meine erschleicht.

Ich werde jetzt schließen und bitte Dich in Deiner Antwort um ein paar Zeilen über Dein Studium. Meine Gedanken überschlagen sich, wenn ich mir Dein Leben in Ingolstadt vorstelle. Ist das nicht der wahre Himmel auf Erden, wenn man sich um nichts anderes zu kümmern braucht als um seinen Verstand? Lasse mir eine Nachricht und vielleicht auch Deine Gebete und Deine Stärke zukommen. Wenn ich den letzten Wunsch meines Vaters erfüllen soll, werde ich beides brauchen.

Adieu.

Prag, 30. September 1598

Dass sie nicht jammerte, gefiel mir. Ein durchgeknallter Vater, der Hilfe bei irgendeinem durchgeknallten Fluchtplan verlangte; eine Mutter, die anscheinend jede Verantwortung abgegeben hatte und ihre Tage damit verbrachte, aus dem Fenster zu starren, ihre Haare zu zwirbeln, Däumchen zu drehen und Elizabeth daran zu erinnern, einen reichen Mann zu heiraten; ein großer Bruder, der wohl der personifizierte Kleine Prinz war, zu gut für die profanen Notwendigkeiten des Familienlebens – Elizabeth wurde mit allem fertig. Weniger beeindruckend fand ich, dass sie es für ihre Pflicht hielt. Im 16. Jahrhundert hatte es noch keine Feministinnen gegeben, schon klar, aber musste sie denn jeden Wunsch ihres Vaters ohne Widerrede erfüllen, selbst dann noch, als er schon längst unter der Erde lag? Genau genommen war er nicht einmal ihr Vater, und egal, wie oft sie betonte, sein Fleisch und Blut zu sein, es war mir trotzdem aufgefallen: Sie hatte ihren Namen behalten.

11 Ich fing an, mich auf die Nachmittage im Büro des Hoff zu freuen, auf Chris und Max und die Stunden voller Ruhe. Aber sie waren mir nicht so wichtig, wie für meine Abschlussprüfungen zu lernen oder Bewerbungen fürs College zu schreiben, und bei Weitem nicht so wichtig wie die Nächte, in denen Chris, Adriane und ich die Stunden bis zur Morgendämmerung mit Filmen, mitternächtlichen Autofahrten, mit Streifzügen durch verlassene Tunnel und auf Dächern verbrachten. Manchmal spielten wir sogar, wenn uns nichts anderes mehr einfiel, mit verstaubten Brettspielen aus Adrianes Keller, mit allem Möglichen, nur um nicht über die tickende Uhr reden zu müssen und den Tag, irgendwann nach unserem Abschluss, an dem jeder für sich den Rest seines Lebens beginnen würde. Die Briefe waren weniger wichtig als das alles, aber weil das so war, weil sie eine Fluchtmöglichkeit boten vor allem, was wichtig war – oder jemandem in vier Jahrhunderten wichtig gewesen war –, waren sie irgendwie doch wichtiger.

E. J. Weston grüßt ihren liebsten Bruder John Fr. Weston.

Du weißt, dass ich Dir alles sagen würde, doch trotz Deiner beharrlichen Fragen kann ich Dir nicht offenbaren, welches Versprechen ich unserem Vater gegeben habe. Du weißt ja nicht, wie er in seinen letzten Tagen war, geradezu besessen von diesem infernalischen Buch, fest entschlossen, sein größtes Werk zu vollenden, bevor der Tod ihn holte. Es gab Nächte, da wütete das Fieber so heftig, dass ich fürchtete, er würde vor meinen Augen verbrennen. Ich wischte ihm den Schweiß von der fieberheißen Stirn, während er den Himmel, die Engel, den Kaiser und auch mich schmähte. Die Mächte hätten sich gegen ihn verschworen, so behauptete er, in dieser und der jenseitigen Welt. War das so abwegig? Man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand, dass sein Mörder vom Kaiser selbst gesandt wurde. Natürlich würde kein treuer Untertan den Kaiser eines solchen Verbrechens verdächtigen. Und meine Loyalität ist ungebrochen.

Es war durchaus möglich, dass es sich bei dem »infernalischen Buch« um das wertvolle Voynich-Manuskript des Hoff handelte, doch selbst wenn der Professor da gewesen wäre, um mir das zu bestätigen – seit einer Woche hatte ihn niemand mehr gesehen –, hätte ich es für mich behalten. Wenn Elizabeth über Das Buch schrieb, bedeutete das, dass ihre Briefe doch nicht so wertlos waren, und dann wollte ich dem Hoff keinen Vorwand liefern, sie mir wegzunehmen.

Jetzt treibt mich nur noch Loyalität an. Das letzte, große Werk unseres Vaters erwartet mich und ich habe endlich den Mut gefunden, es zu vollenden. Es gibt einen Mann, dessen Dienste ich benötige, doch ich kann seinen Namen nicht preisgeben. Mich schaudert bei dem Gedanken daran, was man sich erzählt, über ihn und die sonderbaren mechanischen Kreaturen, mit denen er sich umgibt, Kreaturen, deren Augen vor dämonischem Leben glühen. Doch unser Vater hat ihm vertraut. Ich kann nur hoffen, dass dieser Mann mein Vertrauen nicht missbrauchen wird.

Es bereitet mir großen Kummer, von Deiner Krankheit zu hören, und ich beschwöre Dich, alles zu tun, damit Du bald wieder gesund wirst. Ich weiß von Deiner kindischen Furcht vor den Blutegeln, doch Du musst den Rat Deiner Ärzte befolgen. Ich selbst war erst ein Mal gezwungen, diese Kreaturen zu ertragen, doch ihr Schleim auf meiner Haut und der süße Schmerz, wenn das Blut in ihre anschwellenden Leiber gesogen wird, sind eine Erfahrung, die ich so schnell nicht vergessen werde. Wir tun alle, was man uns auferlegt, um zu überleben.

Prag, 24. Oktober 1590

12 »›Wir tun alle, was man uns auferlegt, um zu überleben‹… aber es gibt keinen Hinweis darauf, was sie tun wird. Was könnte so geheim sein, dass sie es selbst dem Menschen, dem sie sonst all ihre Geheimnisse anvertraut, nicht verraten kann?«

»Sex«, sagte Adriane. »Es geht immer um Sex.« Sie lag auf dem Rücken auf einem weißen Flokati und faltete sich dann zu einer Yoga-Stellung zusammen, die Beine über dem Kopf ausgestreckt, die Zehen auf dem Boden.

Ich schüttelte den Kopf. »Es geht nicht um einen Mann. Es hat etwas mit ihrem Vater zu tun und sie redet die ganze Zeit über dieses Buch.Ich bin sicher, dass es sich dabei um dasselbe…«

»Nora. Jetzt mal im Ernst. Die Briefe dieses toten Mädchens kümmern doch keinen.« Adriane drückte sich in den Handstand hoch, die Beine kerzengerade. »Vor allem, wenn es darin nicht um Sex geht.«

»Soll das etwa heißen, du würdest in den Briefen dieses toten Mädchens nach perversem Zeugs suchen?«

»Du musst doch zugeben, dass das interessanter wäre.«

»Du sagst das so, als würdest du mir tatsächlich zuhören.«

»Du hast nicht gesagt, dass ich zuhören soll.«

»Stillschweigendes Einverständnis«, klärte ich sie auf. »Du weißt doch noch, was Mr Stewart gesagt hat, oder? Jedes Mal, wenn man einen Flughafen betritt, ist man stillschweigend damit einverstanden, dass man abgetastet wird. Und jedes Mal, wenn du mich zu dir nach Hause einlädst, bist du stillschweigend damit einverstanden, dass ich dich mit den Details meines banalen kleinen Lebens langweile.«

Adriane lief auf den Händen zur Wand, lehnte die nackten Füße gegen die Retro-Tapete und lief daran herunter, bis sie in einer Brücke stand, den Kopf nach hinten, die Haare eine glänzende Pfütze auf dem Teppich. »A, es ist nicht dein Leben, es ist ihr Leben. B, vielleicht wäre dein Leben ein klitzekleines bisschen weniger banal, wenn du weniger Zeit damit verbringen würdest, dir Sorgen wegen deiner Hausaufgaben zu machen, und mehr Zeit damit, es einfach zu leben. Und C, hiermit widerrufe ich mein Einverständnis.«

»Darüber könnten wir vielleicht diskutieren, wenn ich auch auf dem Kopf stehen würde.«

Adriane richtete sich auf, als herrsche auf ihrer Seite des Raums vorübergehend keine Schwerkraft. »Und da wir gerade dabei sind«, sagte sie. »Es würde dir nicht schaden, wenigstens ab und zu mal ins Fitnessstudio zu gehen. Wir sind keine fünfzehn mehr und diese vielen Milchshakes…«

»Noch ein Wort und ich lese dir den nächsten Brief des toten Mädchens vor«, warnte ich sie, während ich den Notizblock mit meinen Übersetzungen schwenkte. »Wort für Wort. Langsam.«

»Ich halt ja schon den Mund.«

Früher, als ich nur gelegentlich in der Welt, wie Adriane sie sah, zu Besuch war und dort noch keinen festen Wohnsitz hatte, war ich davon ausgegangen, dass sie die ständigen Dehnübungen für das andere Geschlecht vorführte, deren Angehörige häufig in der Nähe waren, wenn sie ganz plötzlich der Drang nach einem halben Lotussitz oder einem nach unten schauenden Hund überfiel. Es passierte jederzeit und überall – beim Schlangestehen vor dem Kino, beim Lernen für einen Chemietest, beim Dekorieren der Sporthalle für eine Schulparty. Ich drehte mich um, weil ich Adriane etwas sagen wollte, doch sie lag mal wieder auf dem Boden, die ellenlangen Beine im Spagat oder mit gestreckten Zehen über den Kopf gehoben. Es dauerte ein paar Monate, bis mir klar wurde, dass sie es nicht tat, um Aufmerksamkeit zu erregen, obwohl sie sich dieses angenehmen Nebeneffekts durchaus bewusst war. Ihr Körper schaltete einfach auf Autopilot, und wenn ihr Mund auf Automatik war, beschwerte er sich über meine Essgewohnheiten oder mein nicht gerade aufregendes Sozialleben.

Adriane ließ sich in dem großen blauen Sitzsack nieder, der in einer Ecke ihres Zimmers stand, und verknotete die Beine unter sich. Auf dem Flokati zu ihren Füßen stapelten sich aufgeschlagene Bücher. Meine Freundin – von Natur aus Schnellleserin und mit einem ekelhaft guten Gedächtnis gesegnet – war so eine Art literarische Elster. In der einen Woche nahm sie sich die Russen vor, in der nächsten die Postmodernen, um sich dann zwischendurch der Lektüre technischer Fachzeitschriften und des neuesten Romans von Nora Roberts zu widmen. Geschichte und Politik verschmähte sie – »Du weißt ja, was man sagt, mach Liebe, keine Verträge« –, doch alles andere war willkommen. Ihrer ausgesprochen langen Aufmerksamkeitsspanne kam es dabei entgegen, dass ihre Kreditkarte ein praktisch unbegrenztes Limit hatte, das durch Adrianes wöchentliche Einkaufsexzesse bei Amazon nicht einmal annähernd ausgereizt wurde; ihrem sorgfältig gepflegten sozialen Status kam es entgegen, dass sie bei allem, was mit der Schule zu tun hatte, sehr überzeugend das oberflächliche Faultier spielte. Die Pokale, die sie bei den Wissenschaftswettbewerben ihrer Schule gewonnen hatte, wurden – sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinn – hinter Schloss und Riegel gehalten.

Heimliche Intelligenzbestie par excellence. Es war das Auffallendste, was sie und Chris gemein hatten.

»Dann können wir ja ganz offiziell mit dem Countdown beginnen«, sagte sie. Wie immer begann sie in medias res.

»Für…?«

»Europa. Meine Mom hat mit Cammis Mom geredet und die ist mit irgend so einem Typ aus dem Planungskomitee zusammen im Förderverein und der hat gesagt, es wird definitiv Paris werden. Ist das nicht super?«

»Keine Ahnung.«

»Weil du noch nie dort gewesen bist.« Ihre Stimme senkte sich zu einem ehrfürchtigen Flüstern, als rede sie von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land. »Die Champs-Elysées, das Bon Marché, die Galeries Lafayette…«

»Das ist ein Kaufhaus, stimmt’s?«

»Versuch’s mal mit ›Modetempel‹. Nicht zu vergessen das Essen: Pain au chocolat, Crêpes au Nutella…«

»Du hast seit diesem Ausrutscher mit dem Schokoriegel in der zehnten Klasse keine Schokolade mehr gegessen«, erinnerte ich sie.

»Was hast du eigentlich für ein Problem?«

Adriane freute sich schon gefühlt ihr ganzes Leben lang auf die Auslandsreise der Abschlussklasse im Frühjahr. Ich zog es vor, der Illusion anzuhängen, dass dieser Tag nie kommen würde, vor allem, weil mein Stipendium nicht für Klassenfahrten nach Europa aufkam und ein Frühstück im Au Bon Pain im Einkaufszentrum so ziemlich das Französischste war, was meine Eltern finanzieren konnten.

»Ich versuche nur zu verstehen, warum das so eine große Sache sein soll«, erklärte ich. Adriane und Chris wussten, dass ich mit einem Stipendium an der Prep war, und sie wussten auch, dass ich im Gegensatz zu ihnen kein eigenes Auto, keine eigene Kreditkarte und keinen eigenen Trust hatte. Trotzdem kapierten sie es irgendwie nicht, was es bedeutete, nie genug Geld zu haben, und mir war es lieber, die beiden im Ungewissen zu lassen, weil ich keine Lust auf ihr Bedauern inklusive Mitleid hatte. »Ich habe nicht die letzten drei Weihnachtsferien damit verbracht, am Ufer der Seine Chocolat chaud zu schlürfen«, sagte ich möglichst lässig. »Wenn Paris tatsächlich so toll war, warum hast du mir dann jeden zweiten Tag eine SMS geschickt und gejammert, es sei alles so schnarchlangweilig?«

»Es waren nur zwei Weihnachtsferien. Und wenn man seine Eltern am Hals hat, ist alles lahm. Dieses Mal fahren wir zusammen hin. Habe ich schon erwähnt, dass es in Europa kein Mindestalter für Alkohol gibt?«

»Nur etwa einhundertsechs Mal.«

»Warum musst du die ganze Zeit so pessimistisch sein?«

»Ich bin nicht pessimistisch«, erwiderte ich reflexartig. »Ich bin nur realistisch. Und genau deshalb hast du mich ja so gern.«

»Zu viel des Guten kann auch schädlich sein.« Dann hellte sich ihre Miene auf. »Also schön. Dann versuch mal, realistisch zu sein und das beschissen zu finden: Chris kommt mit. Sie schicken immer ein paar Studenten vom College als Aufsicht mit und ich habe ihn überredet, sich zu melden.«

»Dann soll ich euch bei diesem superromantischen Ausflug nach Paris hinterherlatschen?«, brummelte ich. »Magnifique.«

»Dreirad«, kam prompt die Antwort.

»Jaja. Dreirad.« Ich seufzte, aber die Drei-sind-einer-zuviel-Beschwerden meinerseits waren inzwischen nur noch pro forma, da ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen konnte. Dreirad war Adriane-Slang für Hör auf zu jammern, da – wie sie gern sagte – das verdammte Ding ohne das dritte Rad nicht zu gebrauchen wäre.

»Außerdem bekommst du dieses Mal auch einen.«

»Einen was?«, fragte ich misstrauisch.

»Einen Reifen für das Rad«, erwiderte sie. »Einen Kerl, du Dummerchen. Chris wird Max überreden, sich ebenfalls zu melden, und dann…«

»Und dann…?«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Parlez-vous la Sprache der Liebe?«

»Adriane! Keine Chance.«

»Du findest ihn doch auch süß.«

»Das habe ich jetzt nicht gehört.«

»Oder zumindest annehmbar«, meinte sie dann. »Schöne Augen, wenn man sich die Brille wegdenkt. Und sein Lächeln ist irgendwie interessant. Außerdem hat er einen Akzent. Immer ein Bonus.«

»Woher willst du wissen, dass er einen Akzent hat? Er sagt ja nie was.« Das war natürlich nicht mehr ganz richtig. Nach vielen langen Nachmittagen und nicht gerade wenigen Abenden, an denen wir uns in der Höhle des Hoff verkrochen hatten, nahm ich Max inzwischen bewusster wahr. Was auch nicht schwer war, denn der Hoff selbst hielt entweder ein Schläfchen oder war mit irgendwelchen dringenden Angelegenheiten beschäftigt, die es ihm unmöglich machten, länger als eine oder zwei Stunden pro Woche zu arbeiten, und Chris nutzte die Abwesenheit des Professors zunehmend, um sich intensiv seiner Freundin oder seiner Playstation zu widmen. Max war nicht mehr der schüchterne Zimmergenosse von Chris oder Adrianes Statist für ein Doppel-Date, sondern der ruhige Typ, der immer einen extra Stift hatte, ein extra Lateinwörterbuch, einen extra Cappuccino, was immer ich brauchte, häufig noch bevor ich danach fragen konnte. Und mit dem Akzent hatte sie recht. Er war kaum zu hören und unmöglich einzuordnen – eine Andeutung der leicht gedehnten Vokale aus den Südstaaten kombiniert mit dem monotonen Näseln des Mittleren Westens, dazu noch ein Unterton cooler Surfer aus Kalifornien. »Warum bist du so besessen davon?«

»Was ist denn so schlimm daran, dass ich dich glücklich sehen möchte?«, fragte sie zuckersüß.

Ich starrte sie nur an.

»Ich kann auch selbstlos sein«, behauptete sie.

»Seit wann?«

»Also gut. Ich glaube, ich vermisse es ein bisschen.«

»Was?«

»Du weißt schon. Der Neue. Der Moment, in dem er dich ansieht und du nicht weißt, was als Nächstes passieren wird. Aber du weißt, dass etwas passieren wird. Der erste Kuss…«

»Du bist seit zwei Jahren mit Chris zusammen, nicht seit zwanzig«, erinnerte ich sie. »Du klingst wie eine gelangweilte Hausfrau in den Wechseljahren, die von einer Affäre mit dem Gärtner träumt.«

»Tu ich nicht! Chris ist eben…Chris.«

»Und ich bin sicher, dass er sich wahnsinnig über dieses überschwängliche Lob freuen würde.«

Sie warf mir ein Kissen an den Kopf. »Du weißt, was ich meine.«

Ich beschloss, sie nicht darauf hinzuweisen, dass ich nicht wusste, was sie meinte, da ich nicht diejenige war, die seit zwei Jahren mit Mr Perfect zusammen war, der den Flokati anbetete, auf dem sie ihren Handstand machte.

»Ich bin nicht diejenige, die sich ständig darüber beklagt, dass sie keinen Freund hat«, sagte sie.

»Nein, du bist diejenige, die sich ständig darüber beklagt, dass ich keinen Freund habe.«

»So oder so, Problem gelöst.«

»Soweit ich weiß, hat Max keine Steinchen an das Fenster meines Zimmers geworfen und mich nicht gebeten, mit ihm zusammen in den Sonnenuntergang zu laufen.«

»Versprich mir einfach, dass du Ja sagst, wenn er es tut.«

»Kommt er in diesem Szenario mit einem Pferd oder mit einem Cabrio?«, fragte ich.

»Also wirklich.«

»Was? In den Sonnenuntergang ist es ganz schön weit. Dabei hätte ich es gern bequem.«

»Nora…«

»Zu einem Kaffee würde ich Ja sagen«, räumte ich ein. »Zu einem Kinoabend vielleicht auch. Wenn er fragt. Was er nicht tun wird.«

»Aber…«

»Wenn er fragt, dann Ja. Ins Kino. Aber nur, wenn es nicht so ein ätzender Film ist.«

»Geht klar.«

13 Der Hoff hatte mir einen Schlüssel zu seinem Büro gegeben, und immer wenn ich das Gefühl hatte, Adrianes oder Chris’ Gastfreundschaft zu sehr zu strapazieren, schien mir die Flucht in das Verlies der Bücher eine verlockendere Alternative zu sein als die öffentliche Bibliothek oder das nächste Starbucks, die mir wiederum beide lieber waren als mein Zuhause. Chris kreuzte immer noch für neun Stunden in der Woche auf – so viele waren für das Fach Geschichte vorgeschrieben –, doch die meiste Zeit über waren Max und ich allein und kritzelten bis weit nach Sonnenuntergang auf unsere Notizblöcke. Ich hatte keine Ahnung, warum er immer so lange blieb oder warum er immer wieder anbot, mir bei meiner Übersetzung zu helfen, obwohl er selbst so viel zu tun hatte. Adriane hätte mich vermutlich mit der Nase draufgestoßen, dass kein Typ sich so für sein Studium interessierte. Andererseits hatte sich bis jetzt auch noch kein Typ so für mich interessiert.

Ich lehnte das Angebot von Max ab, jedes Mal. Elizabeths Geheimnis wollte ich allein lösen und ich war sicher, dass sie es ihrem Bruder irgendwann erzählen würde, obwohl sie ihn bis jetzt nur mit vagen Andeutungen in Bezug auf ihr dunkles, gefährliches Geheimnis hingehalten hatte.

Sie erzählte ihm alles.

E. J. Weston grüßt ihren Bruder John Francis Weston.

Es gibt Menschen, die große Anstrengungen unternehmen würden, um mir mein Geheimnis zu entreißen, und obwohl ich Dir in meinen Briefen nur wenig offenbare, wird sich das vielleicht noch als Fehler erweisen. Morgens beschließe ich oft, nie wieder darüber zu sprechen. Doch dann kommt die Nacht und mit ihr die Schatten und schon sehne ich mich wieder nach Deiner starken Hand, die mich durch die Dunkelheit geleitet. Doch wir sind keine Kinder mehr und ich kann nicht länger zu Dir laufen, so wie ich das früher immer getan habe, wenn die Ungeheuer mich nicht schlafen ließen. Auch wenn diese Ungeheuer jetzt am Tage wiedergeboren wurden. Ich habe einen gefährlichen Verbündeten gefunden, wie uns von unserem Vater befohlen. Allein schon meine Gegenwart scheint ihn zu erzürnen und ich vermute, dass ich nicht mehr lange zu leben hätte, gäbe es da nicht die große Belohnung, nach der wir beide trachten. Das soll der Mann sein, der der engste Vertraute unseres Vaters in dieser Welt war? Das soll unsere Rettung sein?

Genug davon. Ich werde jetzt schweigen und bitte Dich, mir meine Verzweiflung zu verzeihen. Ich habe nicht vergessen, dass der Verstand die letzte und beste Waffe der Machtlosen ist, wie uns unser Vater immer eingeschärft hat. Er hat mich wohl gelehrt, wie man sich Gefühle zunutze macht, wie leicht es ist, die Klinge gegen den zu richten, der sie führt. Seine Lehren werden für immer in meine Seele gemeißelt sein, daher ersticke Deine Bedenken und vertraue darauf, dass ich wie stets allein zurechtkomme.

Ich werde jedoch zugeben, liebster Bruder, dass Dein Argwohn gegenüber Johannes Leo wohl begründet war. Er hat angefangen, mir abstruse, verschrobene Komplimente zu machen, als würde ich ihm glauben, dass mein Haar nach Lindenblättern riecht oder dass meine Lippen Rubine und meine Augen Saphire sind. Wenn er die Wahrheit gesprochen hätte, hätte ich genug Edelsteine, um unsere Mutter wie eine Königin auszustaffieren. Er preist meine Schönheit, als wäre ich eine Vase oder ein Gemälde, das er für sein Anwesen haben will. Meinem Verstand, meinen Worten schenkt er nur wenig Beachtung. Er hält mich für seine Galateia, für eine mechanische Puppe mit wächserner Schönheit und leerem Kopf. Schlimmer noch, er hat angefangen, von der Zukunft zu sprechen, und zwar so, als wäre sie unser gemeinsames Ziel. Gestern hat er mir einen Strauß Flieder verehrt, bei dessen widerlichem Geruch mir fast die Sinne schwanden. Schwäche, insbesondere meine eigene, stößt mich ab, doch für Johannes ist sie ein Aphrodisiakum. Ich kann nicht sagen – noch mag ich es mir vorstellen –, was geschehen wäre, wenn nicht plötzlich Thomas erschienen wäre. Das ist Thomas’ Stärke, er erscheint immer dann, wenn man ihn am meisten braucht, vor allem, wenn ich ihn brauche. Johannes hat ihn natürlich wie einen Mistkäfer behandelt, wegen seiner niederen Stellung bei Hofe. Johannes arbeitet unermüdlich für die Interessen unserer Familie, er interveniert beim Kaiser, wenn meine Bitten ignoriert werden, und dafür bin ich ihm dankbar. Doch was diese andere Angelegenheit betrifft, so bin ich zu einer Entscheidung gekommen. Trotz allem, was unsere Mutter glauben mag, gibt es für Dankbarkeit auch eine Grenze.

Ich weiß, Deine Zeit ist kostbar, mein geliebter Bruder, daher werde ich Dich nicht länger mit meinen kleinen Sorgen belästigen. Wie immer sind Gebete für Deine Gesundheit auf meinen Lippen und in meinem Herzen.

Prag, 15. November 1598

»Diesen Thomas erwähnt sie zum ersten Mal«, sagte ich. »Allerdings fehlen auch viele von den Briefen. Die Hälfte der Zeit verstehe ich gar nicht, was sie meint.«

»Aber geheiratet hat sie den anderen, oder?«, erkundigte sich Max.

Ich nickte.

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