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Das Böse

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

PROLOG

Nebraska Staatsgefängnis

Lincoln, Nebraska,

Mittwoch, 17. Juli

„Segne mich, Vater, denn ich habe gesündigt.“ Ronald Jeffreys rauer Singsang ließ die Formulierung der Beichte eher wie eine Herausforderung klingen.

Pater Stephen Francis starrte auf Jeffreys’ Hände, gebannt von den breiten Knöcheln, den gedrungenen Fingern und den abgekauten Nägeln. Die Finger drehten – nein, strangulierten – die Enden seines blauen Anstaltshemdes. Der alte Priester stellte sich vor, wie diese Finger zupackten, drückten und das Leben aus dem kleinen Bobby Wilson würgten.

„Fängt man so an?“

Jeffreys’ Stimme erschreckte den Geistlichen. „So war es gut“, bestätigte er rasch.

Seine schweißnasse Hand klebte an der in Leder gebundenen Bibel. Der Kragen war ihm plötzlich zu eng. In der Beobachtungskammer für die Zeugen der Vollstreckung war nicht genügend Luft für sie beide. Graue Betonwände schlossen sie ein, unterbrochen nur von einer winzigen Fensteröffnung, hinter der schwarze Nacht lag. Der durchdringende Geruch nach grünem Pfeffer und Zwiebeln ekelte den alten Priester. Er blickte auf die Reste von Jeffreys’ Henkersmahlzeit, verstreute Pizzakruste und Pfützen klebriger Cola. Eine Fliege summte über Krumen, die einmal zu einem Käsekuchen gehört hatten.

„Was jetzt?“ fragte Jeffreys und wartete auf Anweisungen. Pater Francis konnte nicht mehr denken, nicht unter Jeffreys’ starrem Blick, nicht bei der lärmenden Menge draußen vor dem Gefängnis und unten auf dem Parkplatz. Je näher Mitternacht rückte, je mehr Wirkung der Alkohol zeigte, desto lauter dröhnten die Sprechchöre. Es war ein rüdes Lärmen, eine morbide Verbrü- derungsparty im Freien. „Schmore, Jeffreys, schmore!“ immer wieder, wie ein Kinderreim, wie Anfeuerungsgesänge, melodisch, ansteckend, krank und Angst einflößend.

Jeffreys schien gegen den Lärm immun zu sein. „Ich bin mir nicht sicher, dass ich noch weiß, wie das geht. Was kommt jetzt?“

Ja, was kam jetzt? Pater Francis war völlig leer im Kopf. Fünfzig Jahre hatte er die Beichte abgenommen, und nun war sein Kopf leer. „Deine Sünden“, presste er hervor, da ihm die Kehle wie zugeschnürt war. „Beichte mir deine Sünden.“

Jetzt war es Jeffreys, der zögerte. Er glättete den Saum seines Hemdes, wickelte sich einen Faden um den Zeigefinger und zog so fest, dass die Fingerkuppe dunkelrot anlief. Der Priester warf einen Blick auf den Mann, der zusammengesunken auf dem Stuhl mit der hohen Rückenlehne saß. Er war nicht mehr derselbe wie auf den körnigen Zeitungsfotos oder in den kurzen Fernseheinblendungen. Haare und Bart geschoren, wirkte Jeffreys nackt, eher schüchtern und jünger als sechsundzwanzig. In den sechs Jahren im Todestrakt hatte er Gewicht zugelegt, trotzdem wirkte er noch jungenhaft. Plötzlich machte es Pater Francis traurig, dass dieses glatte Gesicht niemals Runzeln oder Lachfalten bekommen würde. Doch dann blickte Jeffreys auf und musterte ihn mit kalten blauen Augen, eisig blau, wie Glas – scharfes Glas –, leer und transparent. Ja, so sah das Böse aus. Der Priester senkte den Blick und wandte den Kopf ab. „Beichte mir deine Sünden“, wiederholte er, enttäuscht über das Zittern seiner Stimme. Er konnte nicht atmen. Hatte Jeffreys absichtlich alle Luft aus dem Raum gesogen? Er räusperte sich und fügte hinzu: „Die Sünden, die du aufrichtig bereust.“

Jeffreys sah ihn unverwandt an und stieß plötzlich ein bellendes Lachen aus. Pater Francis zuckte zusammen, und Jeffreys lachte noch lauter. Verunsichert schloss der Priester die Finger fester um die Bibel, während er Jeffreys’ Hände beobachtete. Warum hatte er nur darauf bestanden, dass der Wachmann die Handschellen entfernte? Selbst Gott konnte die Dummen nicht retten. Schweißtropfen rannen Pater Francis den Rücken hinab. Er dachte daran zu fliehen, sich in Sicherheit zu bringen, ehe Jeffreys erkannte, dass ihn ein zusätzlicher Mord auch nicht mehr kosten würde. Doch die Tür war von außen verschlossen.

Das Lachen hörte so unvermutet auf, wie es begonnen hatte. Stille. „Sie sind wie alle anderen.“ Die mit tiefer, gutturaler Stimme vorgetragene Anschuldigung kam eiskalt aus seinem Inneren. Und doch lächelte Jeffreys, wobei er kleine scharfe Zähne zeigte, die Schneidezähne länger als der Rest. „Sie erwarten von mir, dass ich etwas gestehe, was ich nicht getan habe.“ Mit beiden Händen riss er langsam sein Hemd von unten ein, sodass schmale Streifen entstanden. Das Reißgeräusch war nervtötend.

„Ich verstehe nicht, was du meinst.“ Pater Francis griff sich an den Hals, um den Kragen zu öffnen, und bemerkte entsetzt, dass ihm die Hände zitterten. „Ich war der Meinung, dass du einen Priester verlangt hast, weil du die Beichte ablegen willst.“

„Ja ... Ja, das will ich.“ Er sprach wieder in diesem Singsang und zögerte kurz. „Ich habe Bobby Wilson umgebracht“, gestand er so emotionslos, als gäbe er eine Imbissbestellung auf. „Ich habe ihm die Hände ... die Finger um die Kehle gelegt. Zuerst hat er so ein gurgelndes Geräusch gemacht, dann ein würgendes und dann nichts mehr.“ Er sprach mit gedämpfter Stimme, zurückhaltend, fast klinisch nüchtern – eine gut einstudierte Rede. „Er hat nur ein bisschen gezappelt. Ein Schlappschwanz, wirklich. Ich denke, er wusste, dass er sterben würde. Er hat sich nicht groß gewehrt. Nicht mal, als ich ihn gevögelt habe.“ Er verstummte, sah Pater Francis auf der Suche nach Anzeichen von Schockierung an und lächelte, als er sie entdeckte.

„Ich habe gewartet, bis er tot war, ehe ich ihn aufgeschlitzt habe. Er hat nichts gemerkt, deshalb habe ich immer weiter gemacht. Dann habe ich ihn noch mal gevögelt.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite, plötzlich abgelenkt. Nahm er schließlich doch Notiz von der Feier da draußen?

Pater Francis wartete. Hörte Jeffreys etwa das heftige Pochen seines Herzens? Es schlug ihm wild in der Brust und verriet ihn wie das Zittern seiner Hände.

„Ich habe schon mal gebeichtet“, fuhr Jeffreys fort. „Gleich, nachdem es passiert war, aber der Priester ... sagen wir, er war ein bisschen überrascht. Jetzt beichte ich vor Gott, verstehen Sie? Ich beichte, dass ich Bobby Wilson umgebracht habe.“ Er riss weiter sein Hemd in Streifen, jetzt in raschen, ruckartigen Bewegungen.

„Aber den anderen beiden Jungs habe ich nichts getan. Haben Sie mich verstanden?“ Er hob plötzlich die Stimme. „Ich habe weder den Harper- noch den Paltrow-Jungen umgebracht.“

Stille. Dann verzog Jeffreys die Lippen plötzlich zu einem verschlagenen Lächeln. „Aber das weiß Gott ja schließlich. Richtig, Pater?“

„Gott kennt die Wahrheit“, erwiderte Pater Francis, versuchte in die kalten blauen Augen zu sehen, und konnte es nicht. Was wenn sich in seinen die eigenen Schuldgefühle spiegelten?

„Sie wollen mich töten, weil sie mich für einen Serienmörder halten, der kleine Jungs umbringt!“ spie Jeffreys geradezu aus.

„Ich habe Bobby Wilson umgebracht, und es hat mir Spaß gemacht. Vielleicht verdiene ich, dafür zu sterben. Aber Gott weiß, dass ich diese anderen Jungs nicht angefasst habe. Irgendwo da draußen läuft immer noch ein Monster rum, Pater.“ Wieder dieses schiefe Lächeln. „Und das ist noch gemeiner als ich.“

Unten am Flur schlug Metall auf Metall. Pater Francis zuckte zusammen, und seine Bibel fiel zu Boden. Diesmal lachte Jeffreys nicht. Der alte Priester hielt seinem Blick stand, doch keiner von beiden traf Anstalten, die Bibel aufzuheben. Kamen sie, um Jeffreys abzuholen? Es schien zu früh zu sein, doch mit einem Aufschub der Exekution wurde nicht gerechnet.

„Bereust du deine Sünden, mein Sohn?“ fragte Pater Francis im Flüsterton, als befände er sich wieder im Beichtstuhl in St. Margaret.

Ja, da waren Schritte auf dem Flur, die näher kamen. Der Augenblick war gekommen. Jeffreys saß wie gelähmt da und lauschte dem sich nähernden Klack-Klack der Stiefelabsätze.

„Bereust du deine Sünden?“ fragte Pater Francis wieder, diesmal eindringlicher, fast im Befehlston. O lieber Gott, es war so schwer zu atmen. Die Sprechchöre vom Parkplatz wurden immer lauter und drängten sich durch das verschlossene Fenster.

Jeffreys merkte auf. Wieder sah er Pater Francis in die Augen. Die Schlösser öffneten sich knarrend, und das Geräusch hallte von den Betonwänden zurück. Jeffreys zuckte zusammen, fing sich jedoch rasch wieder und erhob sich mit gestrafften Schultern. Hatte er Angst? Pater Francis blickte ihm forschend in die Augen, konnte außer ihrem Stahlblau jedoch nichts entdecken.

„Bereust du deine Sünden?“ versuchte er es noch einmal, da er ohne das Eingeständnis der Reue keine Absolution erteilen konnte.

Die Tür ging auf und sog auch die verbliebene Luft noch hinaus. Breitschultrige Wachmänner versperrten den Eingang.

„Es ist Zeit“, sagte einer von ihnen.

„Es ist Showtime, Pater.“ Jeffreys versuchte ein zähneknirschendes Lächeln. Die stechenden blauen Augen blickten leer. Er wandte sich den drei Uniformierten zu und streckte ihnen die Handgelenke hin.

Pater Francis zuckte, als die Fesseln zuschnappten. Dann lauschte er dem Klacken der Stiefelabsätze, gefolgt von Mitleid erregenden Schleif- und Klirrgeräuschen, die sich den Flur hinunter entfernten.

Abgestandene Luft sickerte durch die offene Tür herein, kühlte ihm die feuchte, klebrige Haut und ließ ihn leicht frösteln. Gierig sog er japsend die Luft ein, behindert durch asthmatische Kurzatmigkeit. Schließlich legte sich der Sturm in seiner Brust, zurück blieben Schmerzen und Enge.

„Gott steh Ronald Jeffreys bei“, flüsterte Pater Francis vor sich hin.

Zumindest hatte Jeffreys die Wahrheit gesagt. Er hatte nicht alle drei Jungen getötet. Pater Francis wusste das. Nicht weil Jeffreys es beteuert hatte, sondern weil ihm vor drei Tagen ein gesichtsloses Monster durch das schwarze Gitter des Beichtstuhles in St. Margaret die Morde an Aaron Harper und Eric Paltrow gestanden hatte. Doch wegen des Beichtgeheimnisses durfte er das keiner Menschenseele anvertrauen.

Nicht mal Ronald Jeffreys.

1. KAPITEL

Fünf Meilen außerhalb Platte City, Nebraska,

Freitag, 24. Oktober

Nick Morrelli wünschte, die Frau unter ihm wäre weniger stark geschminkt. Natürlich war das absurd. Er lauschte ihrem leisen Stöhnen – eigentlich mehr einem Schnurren. Wie eine Katze schmiegte sie sich an ihn und rieb ihre weichen Schenkel an seinen. Sie war mehr als bereit für ihn, und trotzdem konnte er nur an den blauen, auf ihre Lider geschmierten Puder denken. Obwohl das Licht gelöscht war, sah er ihn wie fluoreszierende Leuchtfarbe vor seinem inneren Auge.

„O Baby, dein Körper ist so straff“, gurrte sie ihm ins Ohr und ließ die langen Fingernägel seine Arme hinauf und über den Rü- cken gleiten.

Er rollte sich zur Seite, ehe sie entdecken konnte, dass durchaus nicht alles an ihm straff war. Was war bloß los mit ihm? Er musste sich konzentrieren, knabberte an ihrem Ohrläppchen, küsste ihr den Nacken und bewegte sich dorthin, wo er sein wollte. Instinktiv fand er ihre Brust und bedeckte sie mit feuchten Küssen. Angie stöhnte leise, als er mit der Zunge die Brustspitze berührte. Er liebte diese Reaktionen, das kurze, heftige Einatmen, das leise Stöhnen, und erwartete sie, ehe er an der Brustspitze sog. Angie bog erschauernd den Rücken durch. Er presste sie an sich und spürte den weichen bebenden Körper in seinen Armen. Gewöhnlich genügte das, ihn auf Touren zu bringen. Heute nicht.

Allmächtiger, verlor er seine Potenz? Unmöglich, für solche Probleme war er zu jung. Schließlich wurde er erst in vier Jahren vierzig.

An welchem Punkt seines Lebens hatte er überhaupt angefangen, sein Alter nach der Entfernung vom vierzigsten Geburtstag zu definieren?

„Darling, nicht aufhören!“

Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er aufgehört hatte. Ungeduldig bewegte sie die Hüften in einem sinnlichen Rhythmus langsam auf und ab. Ja, sie war eindeutig bereit, und er ebenso eindeutig nicht. Er wünschte, Frauen würden ihn beim Namen nennen und nicht Baby, Darling, Schatz, oder wie auch immer. Hatten Frauen etwa auch Angst, in so intimen Situationen den falschen Namen zu sagen?

Ihre Finger krallten sich in sein dichtes kurzes Haar. Sie riss daran, und der Schmerz überraschte ihn. Dann zog sie sein Gesicht wieder auf ihre Brüste herab. Im schwachen Licht erkannte er ein schiefes Dreieck gebräunter Haut. Was war bloß los mit ihm? Eine schöne Blondine wollte ihn. Warum erregte ihr atemloses Verlangen ihn nicht? Er musste sich konzentrieren und nicht so mechanisch und routiniert vorgehen. Er würde das mit Fingern und Zunge kompensieren. Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren.

Lachend und knabbernd bewegte er sich ihren Körper hinab. Angie wand sich unter ihm, schmiegte sich an und holte keuchend Atem, ehe er mit den Zähnen ihren Spitzenslip packte. Küssend arbeitete er sich zur Innenseite ihrer Schenkel vor. Ein Geräusch ließ ihn stutzen, und er lauschte angestrengt unter der Bettdecke.

„Nein, bitte nicht aufhören!“ beschwerte sie sich und zog ihn wieder an sich.

Da war es wieder. Ein Klopfen. Jemand war an der Haustür.

„Ich bin gleich zurück.“ Nick schob sacht ihre Hände fort und stolperte aus dem Bett. Beim Auswickeln aus den Laken wäre er fast gefallen. Während er in die Jeans sprang, sah er die Uhr auf dem Nachttisch – 22.36 Uhr.

Er kannte jedes Knarren der Treppe und ging aus alter Gewohnheit im Dunkeln auf Zehenspitzen hinunter, obwohl seine Eltern seit über fünf Jahren nicht mehr in dem alten Farmhaus lebten.

Das Pochen war jetzt lauter und drängender.

„Warten Sie eine Minute!“ rief er ungeduldig und doch erleichtert über die Störung.

Als Nick die Tür öffnete, erkannte er den Sohn von Hank Ashford, erinnerte sich jedoch nicht an seinen Namen. Der Junge war sechzehn oder siebzehn, Linebacker seines Footballteams und gebaut, als könnte er zwei bis drei gegnerische Spieler gleichzeitig wegdrücken. Doch wie der Junge heute Abend auf seiner Veranda stand, wirkte er jämmerlich, die Hände tief in den Taschen vergraben, der Blick wild, das Gesicht blass. Er fröstelte trotz der Schweißperlen auf seiner Stirn.

„Sheriff Morrelli, Sie müssen kommen ... zur Old Church Road ... bitte, Sie müssen ...“

„Wurde jemand verletzt?“ Die frische Nachtluft stach wie tausend Nadeln auf seiner Haut. Ein gutes Gefühl.

„Nein, es ist nicht ... er ist nicht verletzt ... o Gott, Sheriff, es ist so schrecklich!“ Der Junge blickte zu seinem Wagen. Nick bemerkte das Mädchen auf dem Vordersitz. Trotz der Blendung durch die Scheinwerfer sah er, dass es weinte.

„Was ist los?“ wollte er wissen, wonach der Junge sprachlos die Arme vor der Brust verschränkte und das Gewicht einige Male von einem Bein auf das andere verlagerte.

Was für ein blödes Spiel hatten sie diesmal ausgeheckt? Letzte Woche hatte sich eine Gruppe Jungs mit einigen von Jake Turners Geländewagen ein Wettrennen geliefert. Der Verlierer war in einen Graben voller Regenwasser gestürzt. Er hatte von Glück sagen können, dass er mit gebrochenen Rippen und der milden Strafe, zwei Footballspiele aussetzen zu müssen, davongekommen war.

„Was zum Teufel ist diesmal passiert?“ brüllte Nick den zitternden Jungen an.

„Wir haben ... unten an der Old Church Road ... im hohen Gras. O Gott, wir haben ... wir haben einen Körper gefunden.“

„Einen Körper?“ Nick war nicht sicher, ob er ihm glauben durfte. „Du meinst, einen toten Körper?“ War der Junge betrunken? Oder vollgedröhnt?

Der Junge nickte, Tränen in den Augen. Er wischte sich mit dem Ärmel seines Sweatshirts über das Gesicht, blickte von Nick zu seiner Freundin und wieder zu Nick.

„Warte ‘ne Minute.“

Nick ging ins Haus zurück und ließ die Fliegendrahttür zuschlagen. Wahrscheinlich hatten die sich das eingebildet. Oder es war ein vorgezogener Halloween-Streich. Die waren auf einer Party gewesen und jetzt wahrscheinlich beide voll. Er zog seine Stiefel an, ohne Socken, nahm das Hemd vom Sofa, wo er es vorhin hingeworfen hatte, und ärgerte sich, dass ihm beim Zuknöpfen die Finger zitterten.

„Nick, was ist los?“

Die Stimme vom oberen Treppenabsatz überraschte ihn. Er hatte Angie völlig vergessen. Gerade aus dem Bett gestiegen, umspielte das lange blonde Haar ihre Schultern. Das blaue Augenmake-up war aus dieser Entfernung kaum zu sehen. Sie trug eins seiner T-Shirts. Vor dem schwachen Licht aus dem Flur wirkte es durchsichtig. Als er jetzt zu ihr aufsah, konnte er nicht mehr nachvollziehen, warum er erleichtert gewesen war, von ihr wegzukommen.

„Ich muss etwas überprüfen.“

„Wurde jemand verletzt?“

Das klang eher neugierig als besorgt. Lechzte sie nach ein bisschen Klatsch, damit sie die Gäste, die ihren Morgenkaffee in Wandas Diner tranken, unterhalten konnte?

„Ich weiß es nicht.“

„Hat jemand den kleinen Alverez gefunden?“

Allmächtiger, daran hatte er überhaupt nicht gedacht. Der Junge wurde seit Sonntag vermisst. Er war verschwunden, einfach so, ehe er seine Runde als Zeitungsausträger begonnen hatte.

„Nein, ich glaube nicht“, erwiderte Nick. Sogar das FBI glaubte, dass der Junge von seinem Vater mitgenommen worden war, den sie immer noch suchten. Es war ein schlichter Fall von Sorgerechtsstreit. Und das hier war ein schlichter Fall von übermütigen, Streiche spielenden Teenagern.

„Es dauert vielleicht eine Weile, aber du kannst gerne bleiben.“ Er schnappte sich die Schlüssel seines Jeeps und fand den jungen Ashford auf den Verandastufen sitzend, die Hände vors Gesicht geschlagen.

„Gehen wir.“ Sacht zog Nick ihn hoch. „Ihr zwei solltet bei mir einsteigen.“

Nick wünschte, er hätte sich die Zeit genommen, Unterwäsche anzuziehen. Jedes Mal, wenn er die Kupplung trat und den Gang einlegte, kratzte ihn die Jeans. Um alles noch schlimmer zu machen, war die Old Church Road vom Regen der Vorwoche mit tiefen Pfützen übersät. Kiesel sprangen gegen die Karosserie, während er in Schlangenlinien die tiefen Löcher umfuhr.

„Was genau habt ihr zwei hier draußen zu suchen?“ Sobald er die Frage gestellt hatte, erkannte er das Offensichtliche. Er musste nicht mehr siebzehn sein, um sich an die Vorzüge einer alten verlassenen Schotterpiste zu erinnern. „Schon okay“, fügte er hinzu, ehe einer von beiden antworten konnte. „Sagt mir einfach nur, wohin ich fahren muss.“

„Noch etwa eine Meile, gleich hinter der Brücke. Da verläuft ein Weideweg am Fluss entlang.“

„Sicher, okay.“

Ihm fiel auf, dass der junge Ashford nicht mehr stammelte. Vielleicht wurde er allmählich nüchtern. Das Mädchen hingegen, das zwischen ihm und dem Jungen saß, sprach kein Wort.

Nick verlangsamte das Tempo, als der Jeep über die Holzplankenbrücke rumpelte. Er entdeckte den Weideweg, ehe Ashford ihn darauf hinwies. Sie holperten und schlitterten über die Lehmpiste, die aus tiefen, mit schlammigem Wasser gefüllten Furchen bestand.

„Bis ganz runter zu den Bäumen?“ Nick warf Ashford einen Seitenblick zu, der nur nickte und geradeaus sah. Als sie sich dem Schutzgürtel aus Bäumen näherten, verbarg das Mädchen das Gesicht am Sweatshirt des Jungen.

Nick hielt an, stellte den Motor aus und ließ die Scheinwerfer brennen. Er langte über die beiden hinweg und holte eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach.

„Die Tür klemmt“, informierte er Ashford und sah die beiden Blicke tauschen. Offenbar wollten sie den Jeep nicht verlassen.

„Du hast nicht gesagt, dass wir ihn uns noch einmal ansehen müssen“, flüsterte das Mädchen Ashford zu und klammerte sich an seinen Arm.

Nick stieg aus und schlug die Wagentür zu. Das Echo durchschnitt die Stille der Nacht. Meilen im Umkreis gab es nichts, keinen Verkehr, keine Farmbeleuchtung. Sogar die nachtaktiven Tiere schienen zu schlafen. Er stand am Jeep und wartete. Der Junge sah ihn zwar an, stieg aber nicht aus. Anstatt auf seiner Begleitung zu beharren, ließ Nick den Lichtstrahl der Taschenlampe über ein Gebiet am Flussufer wandern. Das Licht fiel durch dichtes Gras auf dunkles Wasser. Ashford folgte dem Lichtkegel mit dem Blick, zögerte, sah Nick an und nickte.

Hohes Gras wischte um Nicks Knie und verdeckte den Schlamm, der an seinen Stiefeln zerrte. Herrgott, war das dunkel hier. Sogar der blassgelbe Mond verbarg sich hinter einem Schleier aus Wolken. Er fuhr herum und schwenkte den Lichtstrahl von Baum zu Baum. War da eine Bewegung? Dort, im Gebüsch? Er hätte schwören mögen, dass sich dort ein Schatten vor dem Licht duckte. Oder war das nur Einbildung?

Nick strengte sich an, hinter die dicken Äste zu sehen. Er hielt den Atem an und lauschte. Nichts. Wahrscheinlich der Wind. Er lauschte wieder und merkte, dass es windstill war. Unwillkürlich fröstelnd, wünschte er, eine Jacke mitgenommen zu haben. Das war doch verrückt. Er ließ sich doch nicht von einem Teenagerstreich ins Bockshorn jagen. Je eher er der Sache auf den Grund ging, desto früher war er wieder im warmen Bett.

Das platschende Geräusch bei jedem Schritt wurde lauter, je näher er dem Fluss kam. Es war anstrengend zu gehen, wenn man den Fuß jedes Mal aus dem Schlamm ziehen und vorsichtig wieder aufsetzen musste, um nicht auszurutschen. Seine neuen Stiefel waren ruiniert. Er konnte schon spüren, wie die Füße nass wurden. Keine Socken, keine Unterwäsche, keine Jacke.

„Verdammt“, murmelte er vor sich hin, „ich hoffe für euch, dass an der Sache was dran ist.“ Er würde fuchsteufelswild werden, falls er auf eine Gruppe Teenager stieß, die Verstecken mit ihm spielten.

Der Lichtstrahl erfasste etwas Glitzerndes im Schlamm, nahe am Wasser. Den Blick auf den Punkt gerichtet, beschleunigte Nick seine Schritte. Er war fast dort und hatte das hohe Gras beinah hinter sich gelassen, als er plötzlich stolperte, das Gleichgewicht verlor und hart zu Boden stürzte, wobei er mit den Ellbogen den Aufprall abfing. Die Taschenlampe flog ihm aus der Hand und landete im Wasser.

Er ignorierte den stechenden Schmerz, der seinen Arm hinaufschoss. Der saugende Schlamm zerrte an ihm, als er sich mit den Händen abstützend auf die Knie aufrichtete. Ein widerlicher Gestank stach ihm in die Nase. Das war mehr als der übliche Verwesungsgeruch vom Fluss. Das silbrige Objekt lag fast in Reichweite, und er erkannte jetzt, dass es ein Anhänger in Kreuzform war. Die Kette war gerissen und lag abseits im Schlamm.

Nick sah zurück, um festzustellen, worüber er gestolpert war. Er war gegen etwas Festes gestoßen, vermutlich einen umgestürzten Baumstamm. Doch kaum einen Meter entfernt lag, in Schlamm und Blätter eingebettet, ein kleiner weißer Körper.

Nick rappelte sich auf, die Knie weich, der Magen in Aufruhr. Der Geruch wurde intensiver, erfüllte die Luft und quälte seine Nase. Langsam näherte er sich dem Körper, wie um den Jungen nicht aufzuwecken, der trotz der aufgerissenen, in den Himmel starrenden Augen aussah, als schliefe er. Dann entdeckte er die durchschnittene Kehle und den verstümmelten Brustkorb mit der aufgerissenen, zurückgeklappten Haut. In dem Moment stülpte sich sein Magen um, und die Knie gaben nach.

2. KAPITEL

„Ein schlechter Apfel verdirbt die ganze Ernte“, hämmerte Christine Hamilton in die Tastatur. Dann drückte sie auf die Löschtaste und sah, wie die Worte verschwanden. Der Artikel wurde nie fertig. Sie lehnte sich zurück, um einen Blick auf die Uhr im Flur zu werfen – ein heller Strahl im Tunnel aus Dunkelheit. Fast elf Uhr nachts. Gott sei Dank schlief Timmy bei einem Freund.

Der Hausmeisterdienst hatte schon wieder die Flurbeleuchtung ausgeschaltet. Ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig die „Leben heute“-Spalte war. Am Ende des langen Korridors sah sie Licht aus dem Nachrichtenraum unter der trennenden Abteilungstür durchscheinen. Selbst aus dieser Entfernung hörte sie die Kabeldienste und die Faxmaschinen brummen. Auf der anderen Seite jener Tür kippten ein halbes Dutzend Reporter und Redakteure Kaffee in sich hinein und quetschten sich in letzter Minute Artikel und Korrekturen ab. Auf der anderen Seite jener Tür wurden Nachrichten gemacht, während sie sich den Kopf über Apfelkuchen zerbrach.

Sie öffnete einen Aktenordner und blätterte Notizen und Rezepte durch. Über hundert verschiedene Methoden, Äpfel zu schneiden, würfeln, pürieren und backen, und alle waren ihr vollkommen gleichgültig. Vielleicht war ihr cleveres kleines Hirn eingetrocknet, aufgebraucht bei den würzigen Tomatengerichten der letzten Woche und den Dutzenden Tricks, wie man frisches Gemüse in die Familienkost einschmuggelte. Sie wusste, dass ihre journalistischen Fähigkeiten eingerostet waren. Das verdankte sie vor allem Bruce und seiner sturen Haltung, Frauen gehörten ins Haus und er sollte in der Familie die Hosen anhaben. Zu schade, dass der Mistkerl sie anderswo herunterlassen musste.

Sie schlug den Ordner zu, stieß ihn über den Schreibtisch und sah zu, wie er hinunterfiel, zu Boden krachte und Zeitungsausschnitte über das Linoleum verstreute. Wie lange wollte sie sich noch der Verbitterung hingeben? Nein, die eigentliche Frage war, wie lange würde es noch wehtun? Warum schmerzte es sie immer noch so sehr? Schließlich lag die Sache über ein Jahr zurück.

Sie rollte sich mit dem Stuhl vom Computerterminal zurück und fuhr sich mit den Händen durch das dichte blonde Haar. Es musste geschnitten werden, und vermutlich dunkelte es an den Haarwurzeln bald nach. Mit der Blondierung hatte sie sich einen neuen Touch verliehen, ein Geschenk zur Scheidung. Die Anfangserfolge hatten den Einsatz bereits gelohnt. Dass man sich nach ihr umdrehte, war eine ganz neue Erfahrung. Sie musste nur den Friseur so regelmäßig einplanen wie alles andere in ihrem Leben.

Das Rauchverbot im Gebäude ignorierend, schlug sie eine Zigarette aus dem Päckchen, das sie immer in der Handtasche hatte. Sie zündete sie an, inhalierte rasch und wartete, dass das Nikotin ihre Nerven beruhigte. Ehe sie ausatmete, hörte sie eine Tür zuschlagen und drückte die Zigarette auf einem Dessertteller aus, auf dem für jemand, der sich das Rauchen abgewöhnen wollte, bereits zu viele mit Lippenstift verschmierte Kippen lagen. Schnelle Schritte hallten auf dem Korridor und kamen näher. Sie schnappte sich den Teller, suchte nach einem Versteck dafür und wedelte mit der Hand den Rauch fort. In Panik warf sie den Teller in den Abfalleimer unter ihrem Schreibtisch. Porzellan schlug gegen Metall, als Pete Dunlap in ihr Zimmer kam.

„Hamilton. Gut, dass Sie noch da sind.“ Er rieb sich mit einer Hand über das wettergegerbte Gesicht in dem nutzlosen Versuch, die Erschöpfung wegzuwischen. Pete war seit fast fünfzig Jahren beim Omaha Journal und hatte als Bote angefangen. Trotz weißer Haare, Brille und arthritischen Händen hätte er als Einziger die Zeitung praktisch allein herausbringen können, weil er jede Abteilung durchlaufen hatte.

„Riesenschreibblockade“, erklärte Christine lächelnd und versuchte zu erklären, warum jemand aus der „Leben heute“-Abteilung noch so spät arbeitete. Sie war froh, dass Pete Dienst hatte und nicht Charles Schneider, der andere Nachtredakteur, der seine Leute kommandierte wie ein Feldwebel.

„Bailey hat sich krank gemeldet. Russell beendet den Artikel über Congressman Neales Sex-Skandal, und ich habe Sanchez gerade zu einem großen Unfall auf Highway 50 losgeschickt, in den drei Autos verwickelt sind. Da ist irgendwas los unten am Fluss, an der Old Church Road in Sarpy County. Ernie hat aus dem Funkverkehr nicht viel mitbekommen, aber es ist eine ganze Armada von Einsatzwagen unterwegs. Vielleicht sind es wieder nur ein paar betrunkene Kids, die mit den Geländewagen ihrer Daddys spielen. Ich weiß, Sie gehören nicht zum Nachrichtenteam, Hamilton, aber hätten Sie was dagegen, die Sache zu übernehmen?“

Christine versuchte, ihre Begeisterung nicht zu zeigen. Sie verbarg ihr Lächeln, indem sie sich wieder ihrem halbgaren Artikel am Computer zuwandte. Endlich die Chance, eine echte Nachricht zu schreiben, und wenn es auch nur um ein paar betrunkene Teenager ging.

„Ich decke Sie bei Whitman, egal, an was Sie gerade arbeiten“, fügte Pete hinzu und missverstand ihr Zögern.

„Okay. Ich denke, ich kann das für Sie übernehmen.“ Sie wählte ihre Worte mit Bedacht, um zu betonen, dass sie ihm einen Gefallen tat. Obwohl sie erst seit einem Jahr zum Team gehörte, wusste sie, dass Journalisten nicht selten wegen erwiesener Gefallen befördert wurden, weniger auf Grund von Leistung.

„Nehmen Sie die Interstate. Highway 50 ist wegen des Unfalls wahrscheinlich zu. Nehmen Sie die Ausfahrt 372 zum Highway 66. Die Old Church Road ist etwa 6 Meilen südlich, an der 66.“

Fast hätte sie ihn unterbrochen. Als Teenager war sie oft genug zum Knutschen an der Old Church Road gewesen. Wenn sie sich verplapperte, verriet sie jedoch ihre Herkunft vom Lande, was sie vermeiden wollte. Also schwieg sie und schrieb die Wegbeschreibung auf.

„Sie sollten gegen eins zurück sein, damit wir noch ein paar Zeilen in die Morgenausgabe bringen können.“

„Mach ich.“ Christine schlang sich den Riemen der Handtasche über die Schulter und musste sich beherrschen, um nicht vor Freude den Korridor hinunterzuhüpfen.

„Und wenn ich dann noch Russell dazu bringe, halb so schnell zu schreiben, wie er spricht, bin ich ein glücklicher Mann“, hörte sie Pete grummeln, als sie die Tür hinter sich schloss.

Unbeobachtet auf dem dunklen Parkplatz, drehte sie sich einmal um die eigene Achse und rief der Betonwand ein begeistertes „Ja!“ zu. Das war ihre Chance, hinter die Tür der Nachrichtenredaktion zu gelangen und von Rezepten und Haushaltsanekdoten zu echten Nachrichten zu wechseln. Was immer dort unten am Fluss geschah, sie würde das Drama peinlich genau einfangen. Und wenn es kein Drama gab ... na, dann konnte ein guter Reporter ja wohl eines erfinden.

3. KAPITEL

Er brach durch das Geäst, das Knacken des Holzes klang wie Explosionen in der Stille der schwarzen Nacht. Folgten sie ihm? Waren sie nah dran? Er wagte nicht zurückzublicken. Plötzlich glitt er auf dem Schlamm aus, verlor das Gleichgewicht und schlitterte hinunter zum Flussufer. Platschend stürzte er ins knietiefe eiskalte Wasser, strampelte in Panik mit Armen und Beinen und schlug klatschend auf das Wasser, dass es klang wie Donnerschläge. Er fiel auf die Knie, begrub seinen schweißnassen Körper im Wasser und sank in den Schlick ein, bis er kinntief im wogenden Fluss steckte. Die Strömung erfasste ihn, zerrte und drohte ihn dorthin zurückzuspülen, woher er soeben geflohen war.

Das kalte Wasser betäubte seine Krämpfe. Wenn er doch bloß atmen könnte. Das Keuchen schmerzte in der Brust und stach ihm in die Seiten. Atme! befahl er sich, als seine Lungen nach Luft schrien. Er stieß auf und schluckte eisiges Flusswasser, keuchte und brachte würgend das meiste wieder heraus.

Er sah die Scheinwerfer nicht mehr. Vielleicht war er weit genug gelaufen. Er lauschte angestrengt, um mehr als das eigene Keuchen zu hören.

Keine schnellen Schritte, keine hechelnden Bluthunde, keine rasenden Motoren. Es war knapp gewesen – der Typ mit der Taschenlampe, hatte der ihn wirklich nicht im Gras hocken sehen? Ja, inzwischen war er sicher, niemand war ihm gefolgt.

Er hätte heute Nacht nicht herkommen sollen. Es war eine dumme Angewohnheit geworden, ein gefährliches Risiko, eine wunderbare Sucht, ein geistiges Aufgeilen. Scham durchdrang ihn heiß trotz des kalten Wassers. Nein, er hätte nicht herkommen sollen. Aber niemand hatte ihn gesehen. Niemand war ihm gefolgt. Er war gerettet – genau wie der Junge.

4. KAPITEL

Der Verwesungsgeruch haftete an Nick. Er wollte seine Kleidung loswerden, doch der Geruch nach Fluss und Blut war ihm bereits tief in die Poren gedrungen. Er schälte sich aus dem Hemd und dankte Bob Weston für die FBI-Windjacke. Die Ärmel endeten eine Handbreit über seinen Gelenken, und der Stoff spannte über seiner breiten Brust. Der Reißverschluss war auf halber Länge stecken geblieben. Er musste riechen und aussehen wie der letzte Penner. Seine Vermutung bestätigte sich, als er Eddie Gillick, einen seiner Deputys, sich durch die Menge von FBI-Agenten, uniformierten Polizisten und weiteren Deputys drängen sah, um ihm ein feuchtes Handtuch zu reichen.

Die Szenerie sah aus wie Vorbereitungen zu einer Halloweenparty. Blendende Suchscheinwerfer hingen in den Ästen. Gelbe Bänder waren zwischen den Baumstämmen gespannt, und das Zischen und Qualmen der Nachtfackeln mischte sich mit dem schrecklichen Gestank des Todes. Inmitten dieser makaberen Szene lag die kleine weiße Gestalt eines Jungen wie schlafend im Gras.

In den zwei Jahren als Sheriff hatte Nick Morrelli drei Opfer von Autounfällen geborgen. Dabei hatte ihn der hohe Adrenalinspiegel im Blut gegen den Anblick von verbogenem Metall und verletztem Fleisch praktisch immun gemacht. Er hatte es mit einer Schusswunde zu tun bekommen – ein kleiner Kratzer, als jemand sein Gewehr gereinigt und dabei einen halben Liter Whiskey getrunken hatte. Er hatte zahllose Schlägereien geschlichtet und dabei selbst einige Schrammen und Prellungen abbekommen. Aber nichts hatte ihn auf das hier vorbereitet.

„Kanal Neun ist da.“ Eddie Gillick deutete auf das neue Paar Scheinwerfer, das auf und ab wippend auf dem Weg in Sicht gekommen war. Die beleuchtete orangefarbene Neun auf dem Dach des Van strahlte hell in der Dunkelheit.

„Scheiße! Wie haben die das rausgekriegt?“

„Polizeifunk. Wahrscheinlich haben sie keine Ahnung, was los ist, die wissen nur, dass was los ist.“

„Sag Lloyd und Adam, sie sollen die so weit von der Baumgruppe fern halten wie nur möglich. Keine Kameras, keine Interviews, keine Schnüffeleien. Dasselbe gilt für die restlichen Blutsauger, wenn sie hier eintrudeln.“ Das fehlte ihm gerade noch – ein Bild von ihm in der Morgenzeitung in seinem lächerlichen Clownaufzug mit schlammigen Jeans, das dem ganzen Bundesstaat seine Inkompetenz vor Augen führte.

„Prima. Noch ein verdammtes Paar Reifenspuren“, sagte Weston sarkastisch zu den Agenten, die auf den Knien im Schlamm arbeiteten, sah jedoch Nick dabei an, damit er begriff, dass der Kommentar ihm galt.

Nick wurde es heiß, er schluckte eine Erwiderung hinunter und ging weg. Weston machte kein Geheimnis daraus, dass er ihn für den Witz eines Kleinstadtsheriffs hielt. Seit Sonntag, seit Danny Alverez verschwunden war und ein brandneues Fahrrad und eine Tasche voll unausgelieferter Zeitungen hinterlassen hatte, gingen sie sich an die Kehle. Nick hatte Leute zusammentrommeln wollen, um Felder und Parks abzusuchen. Weston hingegen hatte beharrt, auf eine Lösegeldforderung zu warten, die niemals einging. Nick hatte sich Westons fünfundzwanzigjähriger FBI-Erfahrung gefügt, anstatt seinem Instinkt zu folgen.

Er fragte sich, warum er Westons Theorie von dem unzufriedenen Vater, der seinen Jungen mitgenommen hatte, nicht zustimmen wollte? Der Vater war wütend auf seine Ex-Frau, weil sie ihm den Jungen vorenthielt. Zum Teufel, die Zeitungen waren voll von solchen Geschichten. Dass sie Major Alverez nicht hatten ausfindig machen können, hatte den Verdacht gegen ihn nur verstärkt. Also warum hatte er nicht auf Spezialagent Bob Weston gehört? Nur weil er den Mann nicht mochte?

Westons Arroganz hatte ihn von Anfang an gestört. Knapp eins sechzig groß, erinnerte er Nick an einen kleinen Napoleon, der mit seinem großen Mundwerk den geringen Wuchs kompensieren musste. Gut einen Kopf kleiner als er selbst wirkte er verglichen mit seiner athletischen Statur wie ein kleines knochiges Männchen. Doch heute Nacht und nach Westons Kommentaren fühlte Nick sich klein. Er wusste, dass er Mist gebaut hatte, angefangen von der Zerstörung von Spuren am Tatort, über die mangelhafte Absicherung eines ausreichend großen Gebietes, bis zum Alarmieren zu vieler Beamter. Somit verdiente er Westons abschätzige Sticheleien. Er fragte sich sogar, ob Weston ihm absichtlich die zu kleine Jacke gegeben hatte.

Nick sah, wie sich George Tillie einen Weg durch die Menge bahnte, und war erleichtert, ein vertrautes Gesicht zu entdecken. George schien gerade aus dem Bett gestiegen zu sein. Seine Sportjacke war verknittert und hing falsch geknöpft über einem pinkfarbenen Männernachthemd. Sein graues Haar stand in alle Richtungen ab. Das traurige Gesicht war von tiefen Linien durchzogen, und auf den Wangen sprießten graue Bartstoppeln. Seine kleine schwarze Tasche an die Brust gepresst, stapfte er vorsichtig in Fellpantoffeln durch den Schlamm. Wenn er sich nicht irrte, hatten die Hausschuhe kleine Ohren und Hundeschnauzen. Lächelnd fragte Nick sich, wie George es an den FBI-Aufpassern vorbei geschafft hatte.

„George!“ rief er und musste lachen, als der wegen seines unangemessenen Aufzugs die Brauen hochzog. „Der Junge ist hier drüben.“ Er führte den alten Leichenbeschauer am Ellbogen und gestattete ihm, sich auf ihn zu stützen, während sie im Schlamm durch die Menge staksten.

Ein Beamter schoss mit einer Polaroidkamera ein letztes Bild vom Tatort, ehe er ihnen Platz machte. Ein Blick auf den Jungen, und George erstarrte. Die hängenden Schultern strafften sich, sein Gesicht wurde weiß.

„O lieber Gott, nicht schon wieder.“

5. KAPITEL

Aus einer Meile Entfernung war die Weide beleuchtet wie ein Fuß- ballstadion während eines Spiels. Christine trat aufs Gas, und der Wagen schleuderte über den Schotter.

Hier ging etwas Großes vor. Vor gespannter Erwartung flatterte ihr der Magen, ihr Puls schlug schneller. Die Handflächen wurden ihr feucht. Das war aufregender als Sex, jedenfalls soweit sie sich erinnern konnte.

Die Informationen der Polizeieinsatzleitung waren wenig ergiebig gewesen: „Beamter erbittet sofortige Hilfe und Unterstützung.“

Das konnte alles Mögliche bedeuten. Während sie auf den glitschigen Weg schlitterte, wuchs ihre Anspannung. Rettungsfahrzeuge, zwei TV-Vans, fünf Sherifflimousinen und eine Menge unauffälliger Wagen parkten verstreut kreuz und quer im Schlamm. Drei Deputy-Sheriffs bewachten den Tatort, der mit gelbem Band abgesperrt war. Gelbes Band, die Absperrung für den Tatort eines Verbrechens – das war ernst. Hier ging es eindeutig nicht um angetrunkene Teenager.

Sie erinnerte sich an die Entführung – der Zeitungsjunge, dessen Gesicht seit Anfang der Woche in jeder Nachrichtensendung und auf jeder Zeitung erschienen war. War eine Lösegeldforderung eingegangen? Da waren Rettungsteams. Vielleicht war eine Befreiungsaktion im Gang?

Sie sprang aus dem Wagen, der rollte weiter, sie merkte es und stieg wieder ein.

„Sei nicht dumm, Christine“, sagte sie leise vor sich hin, stellte die Automatikschaltung in Parkstellung und zog die Handbremse an. „Sei ruhig, sei gelassen“, belehrte sie sich, nahm ihren Notizblock und stieg aus.

Sofort schluckte der Schlamm ihre Lederpumps. Sie schüttelte sie ab, hob sie auf und warf sie hinten ins Auto. In Strümpfen ging sie auf die Leute der Nachrichtenmedien zu.

Die Deputys standen aufrecht und unbeirrbar da, obwohl sie mit Fragen bombardiert wurden. Hinter den Bäumen beleuchteten Suchscheinwerfer ein Gebiet unten am Fluss. Hohes Gras und eine Menge Uniformierter versperrten den Blick auf das, was dort vor sich ging.

Kanal Fünf hatte eine seiner Abendmoderatorinnen geschickt. Darcy McManus sah tadellos aus, bereit für den Auftritt vor der Kamera. Das rote Kostüm war gut gebügelt, das seidige schwarze Haar und das Make-up perfekt. Ja, sie hatte sogar ihre Schuhe an. Für eine Live-Reportage war es jedoch schon zu spät, und die Kamera blieb aus.

Christine erkannte Deputy Eddie Gillick in der Reihe der Wachtposten, näherte sich ihm langsam und sorgte dafür, dass er sie sah. Sie wusste, ein falsches Wort, und alles war aus.

„Deputy Gillick? Hallo, ich bin Christine Hamilton. Erinnern Sie sich?“

„Mrs. Hamilton. Natürlich erinnere ich mich. Sie sind Tonys Tochter. Was führt Sie her?“

„Ich arbeite jetzt für das Omaha Journal.“

„Aha.“ Sofort wurde er wachsam.

Sie musste schnell handeln oder sie verlor. Ihr fiel Gillicks glatt zurückgekämmtes Haar auf, nicht eine Strähne tanzte aus der Reihe. Sein After Shave roch überwältigend intensiv. Sein dünner Oberlippenbart war sorgsam gestutzt, die Uniform faltenfrei. Die Krawatte war eng um den Hals gebunden und mit einem goldenen Halter befestigt. Ein rascher Blick verriet, kein Ehering. Offenbar war er eitel und hielt sich für einen Frauentyp.

„Kaum zu glauben, wie schlammig das hier ist. Ich alberne Gans habe sogar meine Schuhe verloren.“ Sie deutete auf ihre schlammverkrusteten Füße mit den rot lackierten Nägeln, die durch die Strümpfe schimmerten. Gillick sah prüfend auf ihre Füße, und sie bemerkte erfreut, dass sein Blick ihre langen Beine hinabglitt. Der unbequeme kurze Rock zahlte sich letztlich doch aus.

„Ja, Ma’am, das ist wirklich übel.“ Er fühlte sich offenbar leicht unbehaglich, verschränkte die Arme vor der Brust und verlagerte das Gewicht. „Sie sollten aufpassen, dass Sie sich keine Erkältung holen.“ Er sah sie noch einmal an, und diesmal nicht nur ihre Beine. Sein Blick verweilte auf ihren Brüsten. Sie bog den Rücken leicht durch, damit sich ihr Blazer öffnete und er es einfacher hatte.

„Diese ganze Situation ist übel, was, Eddie? Ihr Name ist doch Eddie, oder?“

„Ja, Ma’am.“ Er wirkte erfreut, dass sie sich an ihn erinnerte.

„Allerdings ist mir nicht gestattet, über die gegenwärtige Situation zu reden.“

„Sicher, ich verstehe schon.“ Sie beugte sich trotz seines Pomadegeruchs zu ihm hinüber. Auch ohne Schuhe hatte sie fast seine Größe. „Ich weiß, dass Sie nichts über den kleinen Alverez sagen dürfen“, flüsterte sie, die Lippen nah an seinem Ohr.

Eddie schien erstaunt, eine Braue hochgezogen, wurde sein Ausdruck jedoch milder. „Woher wissen Sie?“ Er sah sich um, ob jemand mithörte.

Bingo. Ins Schwarze getroffen. Jetzt ganz vorsichtig. Ruhig und besonnen. Nichts versauen. „Sie wissen, dass ich meine Quellen nicht nennen darf, Eddie.“ Würde er in ihrer tiefen gedämpften Stimme etwas Verführerisches erkennen, oder durchschaute er sie? Ihre Verführungskünste waren nie besonders gut gewesen, jedenfalls laut Bruce.

„Sicher, natürlich.“ Er nickte und fraß den Köder.

„Sie hatten wahrscheinlich noch nicht mal die Möglichkeit, sich den Fundort anzusehen. Wo Sie doch hier festsitzen und praktisch die Drecksarbeit machen.“

„Im Gegenteil, ich hatte mehr als einen Blick auf das Ganze.“ Er schwellte stolz die Brust, als hätte er täglich mit solchen Sensationen zu tun.

„Der Junge ist wohl ziemlich übel zugerichtet, was?“

„Ja. Sieht aus, als hätte das Monster ihn verstümmelt.“

Sie spürte, wie ihr das Blut aus dem Kopf wich. Die Knie wurden ihr weich. Der Junge war tot!

„He!“ schrie Eddie Gillick, und einen Moment glaubte sie, er habe ihr Anbiedern durchschaut. „Schalten Sie die Kamera aus! Entschuldigen Sie mich, Mrs. Hamilton.“

Während Eddie Gillick eine Kamera von Kanal Fünf konfiszierte, zog sich Christine zu ihrem Auto zurück. Sie setzte sich bei geöffneter Tür auf den Fahrersitz und fächelte sich mit dem leeren Notizblock frische Luft zu. Dabei atmete sie tief durch. Trotz der Kälte klebte ihr die Bluse am Leib.

Danny Alverez war tot, ermordet. Um Deputy Gillick zu zitieren, „verstümmelt“.

Sie hatte ihre erste große Geschichte, doch das Flattern im Magen hatte sich zu Krämpfen verstärkt.

6. KAPITEL

Samstag, 25. Oktober

Nick schluckte widerwillig den kalten starken Kaffee hinunter. Warum wunderte er sich, dass er kalt genauso bitter schmeckte wie heiß? Er verabscheute das Zeug, trotzdem schenkte er sich eine zweite Tasse ein.

Vielleicht war es nicht so sehr der Geschmack, der ihm zuwider war, sondern die damit verbundenen Erinnerungen. Kaffee erinnerte ihn vor allem an Nächte, in denen er für das Staatsexamen gebüffelt hatte, und an eine schreckliche Autofahrt zu seinem im Sterben liegenden Großvater.

Damals war er auf Bitten seiner Großmutter hingefahren. Es war nötig gewesen, weil sein Vater sich geweigert hatte, zum Krankenbett des alten Mannes zu kommen. Schon damals hatte er in der Reise eine Art Omen für die Beziehung zu seinem Vater gesehen. Er fragte sich, ob sein Vater, der große Antonio Morrelli, die Ironie erkennen würde, wenn seine Zeit gekommen war und sein Sohn sich weigerte, an sein Sterbebett zu kommen.

Immer noch beschwor der Geruch nach abgestandenem Kaffee automatisch Assoziationen an die faltige graue Haut seines Groß- vaters und urinbefleckte Laken herauf. Doch von jetzt an würde Kaffeegeruch ihn stets auch an die Schmerzensschreie einer trauernden Mutter erinnern, die den verstümmelten Körper ihres einzigen Sohnes identifizieren musste. Zweifellos kein wünschenswerter Ersatz.

Nick dachte an die erste Begegnung mit Laura Alverez Sonntagnacht – großer Gott, das war kaum eine Woche her. Danny war seit zwölf Stunden vermisst gewesen, als er einen Angelausflug abgebrochen hatte, um die Mutter persönlich zu befragen. Zuerst hatte auch er angenommen, es handele sich um einen typischen Sorgerechtsstreit, bei dem die Frau ihren Sohn benutzte, den ExMann entweder zu strafen oder zurückzugewinnen. Dann war er Laura Alverez begegnet.

Sie war eine große Frau, leicht untersetzt, mit einer üppigen Figur. Das lange schwarze Haar und die rauchgrauen Augen ließen sie jedoch jünger wirken als fünfundvierzig. Sie hatte etwas Statuenhaftes, dass man automatisch an einen Fels in der Brandung dachte.

Trotz ihrer Größe graziös, war Laura Alverez an jenem Abend zwischen dem Spülbecken in der Küche und dem Schrank ständig hin und her gegangen. Sie hatte seine Fragen ruhig und gelassen beantwortet. Viel zu ruhig. Er hatte zehn, vielleicht fünfzehn Minuten gebraucht, ehe ihm auffiel, dass sie für jeden Teller, den sie abgewaschen in den Schrank stellte, einen neuen, sauberen mit an das Spülbecken nahm. Dann bemerkte er das Schild am Kragen ihres Pullovers, den sie offenbar falsch herum angezogen hatte, und die beiden nicht zueinander passenden Schuhe. Sie befand sich offensichtlich in seelischem Ausnahmezustand, den sie hinter einer Ruhe verbarg, die Nick unheimlich wurde.

Diese Ruhe hatte sie während der Woche beibehalten. Sie war die Unerschütterliche gewesen und hatte den Männern, die jeden Tag ihr Haus füllten, Kaffee gekocht und Brötchen gebacken. Wenn sie nur ein wenig Emotionen gezeigt hätte, wäre es für ihn nicht so schwierig gewesen, mit anzusehen, wie diese stattliche Frau vor wenigen Augenblicken kollabiert und auf den harten Boden der Pathologie gesackt war. Ihr Schreien war durch die stillen, sterilen Flure gehallt wie das schrille verzweifelte Jammern eines verwundeten Tieres. Keine Frau sollte so etwas allein durchstehen müssen. Er wünschte jetzt, sie hätten ihren Ex-Mann gefunden, damit er ihn verprügeln konnte.

„Morrelli.“ Bob Weston betrat Nicks Büro, ohne anzuklopfen oder eine Aufforderung zum Eintreten abzuwarten. Er ließ sich Nick gegenüber in den Sessel fallen. „Sie sollten heimgehen, duschen und sich umziehen. Sie stinken.“

Er beobachtete Weston, der versuchte, sich die Müdigkeit aus den Augen zu reiben, und erkannte, dass er lediglich Fakten feststellte und nicht beleidigend sein wollte.

„Was ist mit dem Ex-Mann?“

Weston hob den Blick und schüttelte den Kopf. „Ich bin Vater, Nick. Gleichgültig, wie sauer er auf seine Frau war, ich glaube einfach nicht, dass ein Vater seinem Kind so etwas antun könnte.“

„Also, wo fangen wir an?“ Ich muss erledigt sein, dachte Nick, wenn ich tatsächlich anfange, Weston um Rat zu bitten.

„Ich würde mit einer Liste bekannter Sexualstraftäter anfangen, Pädophile, Männer, die mit Kinderpornografie zu tun haben.“

„Das könnte eine lange Liste werden.“

„Entschuldige, Nick“, unterbrach Lucy Burton sie von der Tür her. „Ich wollte dir nur mitteilen, dass alle vier Fernsehstationen von Omaha und die beiden von Lincoln mit Kamerateams unten sind. Außerdem ist die Halle voll mit Radio- und Zeitungsreportern. Alle fragen nach einer Erklärung oder Pressekonferenz.“

„Scheiße!“ schimpfte Nick halblaut. „Danke, Lucy.“ Er beobachtete, wie Weston sich in seinem Stuhl verrenkte, um Lucys lange Beine zu sehen, als sie davonging. Da sie in den Medien erscheinen würden, sollte er vielleicht ein Wort mit ihr über die kurzen Röcke und die hohen Absätze reden. Schade. Sie hatte hübsche Beine, was vom einstudierten Gang noch betont wurde.

„Wir haben die Medien bisher gemieden“, sagte Nick zu Bob Weston. „Wir müssen mit denen reden.“

„Ganz meine Meinung. Sie müssen mit denen reden.“

„Ich? Warum ich? Ich denke, Sie sind hier der Super-Experte.“

„Solange es um eine Entführung ging. Jetzt ist es ein Tötungsdelikt, Morrelli. Tut mir Leid, Sie sind am Ball.“

Nick ließ sich gegen die Sessellehne sinken, legte den Kopf ans Leder und schwang sich von einer Seite zur anderen. Das konnte doch nicht wahr sein. Gleich würde er aufwachen, und Angie Clark lag neben ihm im Bett. Die letzte Nacht schien schon eine Ewigkeit her zu sein.

„Wissen Sie, Morrelli“, begann Weston freundlich und mitfühlend, sodass Nick ihn sofort argwöhnisch beäugte, ohne jedoch den Kopf zu heben, „ich habe nachgedacht. Vielleicht könnte ich jemand bitten, Ihnen mit der Erstellung eines Täterprofils zu helfen.“

„Wozu das?“

„Noch hat offenbar niemand die Ähnlichkeit mit Jeffreys’ Verbrechen erkannt, aber wenn es dazu kommt, bricht hier das Chaos aus.“

„Chaos?“ Chaosbewältigung gehörte nicht zu seiner Ausbildung. Nick schluckte den säuerlichen Geschmack im Mund hinunter. Ihm wurde wieder übel. Er roch immer noch das Blut von Danny Alverez, das seine Jeans aufgesogen hatte.

„Wir haben Experten, die das psychologische Profil des Täters erstellen können. Die zeigen Ihnen bestimmte Merkmale auf und geben Ihnen eine Ahnung, wer dieses Arschloch sein kann.“

„Ja, das würde helfen. Das wäre sogar gut.“ Nick ließ seine Verzweiflung nicht anklingen. Trotz Westons plötzlichem Mitgefühl war es nicht der richtige Zeitpunkt, Schwäche einzugestehen.

„Ich habe von einem Spezialagenten gehört, O’Dell. Die Profile sind so genau, dass man sogar die Schuhgröße des Täters vorher kennt. Ich könnte Quantico anrufen.“

„Was glauben Sie, wie schnell die jemand herschicken können?“

„Lassen Sie den Jungen noch nicht von Tillie aufschneiden. Ich rufe gleich an und sehe zu, dass Montagmorgen jemand hier ist. Vielleicht sogar O’Dell.“ Weston stand plötzlich auf, offenbar mit neuer Energie geladen.

Nick entknotete seine Beine und stand ebenfalls auf, erstaunt, dass seine Füße ihn wieder trugen.

An der Tür stieß Weston fast mit Deputy Hal Langston zusammen. „Ich dachte, Sie würden vielleicht gern die Morgenausgabe des Omaha Journal sehen.“ Er entfaltete die Zeitung und hielt sie hoch. Die reißerische Schlagzeile verkündete in Großbuchstaben: JUNGENMORD IM STIL VON JEFFREYS.

„Verdammte Scheiße!“ Weston entriss Hal die Zeitung und begann laut zu lesen: „Gestern Nacht wurde am Platte River in der Nähe der Old Church Road die Leiche eines Jungen gefunden. Erste Berichte deuten darauf hin, dass der noch nicht identifizierte Junge erstochen wurde. Ein Deputy am Fundort, der ungenannt bleiben möchte, sagte: ,Es sieht aus, als hätte der Bastard ihn verstümmelt.‘ Klaffende Brustwunden waren ein Markenzeichen des Serienmörders Ronald Jeffreys, der im Juli diesen Jahres hingerichtet wurde. Identität des Jungen und Todesursache müssen noch von der Polizei bekannt gegeben werden.“

„Auch das noch!“ stöhnte Nick und hatte Magenschmerzen.

„Verdammt, Morrelli, verpassen Sie Ihren Männern einen Maulkorb!“

„Es wird noch schlimmer.“ Hal sah Nick an. „Der Artikel ist mit Christine Hamilton unterzeichnet.“

„Wer zum Henker ist Christine Hamilton?“ Weston sah von Hal zu Nick. „Bitte, erzählen Sie mir nicht, dass es eine aus dem kleinen Harem ist, den Sie beglücken.“

Nick sank in seinen Sessel zurück. Wie konnte sie ihm das antun? Sie hatte ihn weder gewarnt noch Kontakt zu ihm aufgenommen. Beide Männer starrten ihn an, und Weston wartete auf eine Erklärung.

„Nein“, erwiderte Nick leise. „Christine Hamilton ist meine Schwester.“

7. KAPITEL

Maggie O’Dell schüttelte im Flur ihre schmutzigen Laufschuhe von den Füßen, ehe Greg sie dazu auffordern konnte. Sie vermisste ihr kleines, überladenes Apartment in Richmond, obwohl sie aus Vernunft und Bequemlichkeit übereingekommen waren, auf halbem Weg zwischen Quantico und Washington zu leben. Doch seit sie die teure Eigentumswohnung in Crest Ridge bewohnten, entwickelte Greg die absurde Obsession, ein gewisses Image zu pflegen. Alles sollte stets makellos aussehen. Das war leicht zu bewerkstelligen, da sie auf Grund ihrer Berufe kaum zu Hause waren. Dennoch widerstrebte es ihr, in eine Wohnung zu kommen, die zwar ihren monatlichen Lohnscheck auffraß, aber nicht gemütlicher war als die Hotels, an die sie sich allmählich gewöhnte.

Sie zog das feuchte Sweatshirt aus und spürte sofort eine angenehme Kühle. Trotz des kalten Herbsttages hatte sie es nach einer weiteren schlaflosen Nacht, in der sie sich wieder nur von einer Seite auf die andere gewälzt hatte, beim Laufen geschafft, in Schweiß zu geraten. Sie knüllte das Trikot zu einem Ball und warf es auf dem Weg in die Küche in den Waschraum. Wie achtlos von ihr, nicht den Wäschekorb zu treffen.

Am offenen Kühlschrank bestätigte ein Blick, wie sehr es ihnen an häuslichen Fähigkeiten mangelte: eine Tüte mit Resten eines chinesischen Gerichtes, ein halber Bagel in Cellophan, eine Schachtel aus Styrolschaum mit unidentifizierbarem Inhalt. Sie nahm sich eine Flasche Wasser und schlug die Tür wieder zu. Inzwischen fröstelte sie in ihren Laufshorts, dem schweißnassen T-Shirt und dem Sport-BH, der an ihr klebte wie eine zweite Haut.

Das Telefon klingelte. Sie ließ den Blick suchend über die blitzsauberen Arbeitsflächen wandern und nahm es vor dem vierten Klingeln von der unbenutzten Mikrowelle.

„Hallo?“

„O’Dell, hier ist Cunningham.“

Sie fuhr sich mit den Fingern durch das kurze schwarze Haar und nahm beim Klang seiner Stimme automatisch Haltung an.

„Hallo. Was ist los?“

„Ich habe gerade einen Anruf vom Außenbüro in Omaha bekommen. Die haben dort ein Mordopfer, einen kleinen Jungen. Einige seiner Wunden sind charakteristisch für einen Serienkiller, der vor sechs Jahren in der Gegend sein Unwesen trieb.“

„Ist er wieder aktiv geworden?“ Sie begann auf und ab zu gehen.

„Nein, der Serientäter war Ronald Jeffreys. Ich weiß nicht, ob Sie sich an den Fall erinnern? Er hat drei Jungen umgebracht ...“

„Ja, ich erinnere mich“, unterbrach sie ihn, da sie wusste, dass er lange Erklärungen hasste. „Wurde er nicht im Juni oder Juli hingerichtet?“

„Ja ... ja, im Juli, glaube ich.“ Seine Stimme klang müde. Obwohl es Samstagnachmittag war, stellte Maggie ihn sich hinter seinen Aktenstapeln am Schreibtisch vor. Sie hörte, wie er mit Papieren raschelte. Wie sie Direktor Kyle Cunningham kannte, hatte er Jeffreys’ gesamte Akte bereits vor sich ausgebreitet. Lange bevor sie in seiner Abteilung für wissenschaftliche Verhaltensstudien zu arbeiten begann, hatte man ihm bereits den liebevollen Spitznamen Falke gegeben, weil ihm nichts entging. In letzter Zeit schien sein Scharfblick jedoch mit geschwollenen Augen erkauft zu werden, die von zu wenig Schlaf zeugten.

„Dann ist das vielleicht ein Nachahmungstäter.“ Maggie blieb stehen und öffnete auf der Suche nach Block und Stift für Notizen mehrere Schubläden. Sie fand nur sorgfältig zusammengelegte Kü- chentücher und sterile Küchenutensilien in ärgerlich ordentlichen Reihen. Sogar alltägliche Dinge wie Korkenzieher und Dosenöffner lagen akkurat ausgerichtet nebeneinander in der Ecke. Sie nahm einen glänzenden Servierlöffel, drehte ihn um und legte ihn quer über alles andere. Zufrieden schob sie die Schublade zu und ging weiter.

„Es könnte ein Nachahmungstäter sein“, bestätigte Cunningham etwas zerstreut. Offenbar las er die Akte, während er sprach, eine Konzentrationsfalte zwischen den Brauen, die Brille weit unten auf der Nase. „Es könnte ein einmaliges Ereignis sein. Die Sache ist die, man hat einen Profiler angefordert. Genauer gesagt, Bob Weston hat Sie angefordert.“

„Dann bin ich also auch in Nebraska eine Berühmtheit?“ Sie ignorierte die leichte Verärgerung in seinem Tonfall. Vor einem Monat hätte er noch nicht so reagiert. Vor einem Monat hätte es ihn stolz gemacht, dass einer seiner Protegés angefordert wurde.

„Wann fahre ich los?“

„Nicht so hastig, O’Dell.“ Sie hielt das Telefon fester und wartete auf die Lektion. „Ich bin sicher, Westons Stapel glühender Erfolgsberichte über Sie enthielt nichts über Ihren letzten Auftrag.“

Maggie blieb stehen und lehnte sich gegen den Küchentresen. Sie presste eine Hand auf den Magen, wartete und wappnete sich vor der Übelkeit. „Ich will doch hoffen, dass Sie mir nicht jedes Mal die Stucky-Sache vorhalten, wenn ich zu einem Fall rausfahren will.“ Das Beben ihrer Stimme klang nach Verärgerung. Das war gut. Zorn war besser als Schwäche.

„Sie wissen, dass ich das nicht tue, Maggie.“

O Gott, er hatte sie beim Vornamen genannt. Das wurde eine ernste Lektion. Sie griff nach einem Handtuch.

„Ich bin einfach besorgt“, fuhr er fort. „Sie haben sich nach der Stucky-Geschichte keine Pause gegönnt. Sie haben nicht mal mit dem Psychologen unseres Hauses gesprochen.“

„Kyle, ich bin okay“, log sie, irritiert durch das plötzliche Zittern ihrer Hand. „Es war doch nicht das erste Mal. Ich habe in den letzten acht Jahren viel Blut und Eingeweide gesehen. Es gibt nicht mehr viel, was mich schockieren kann.“

„Genau darüber mache ich mir Gedanken. Maggie, Sie waren mitten in diesem Blutbad. Es ist ein Wunder, dass Sie überlebt haben. Es ist mir gleich, für wie hart Sie sich halten. Wenn man mit Blut und Eingeweiden bespritzt wird, ist das etwas anderes, als wenn man an einen blutigen Tatort kommt.“

Daran brauchte er sie nicht zu erinnern. Das Bild war ihr stets gegenwärtig, wie Albert Stucky die Frauen zu Tode hackte – ein blutiges Spektakel, nur für sie inszeniert. Nachts hörte sie immer noch seine Stimme: Ich will, dass du zusiehst. Wenn du deine Augen schließt, töte ich einfach noch eine und noch eine.

Sie hatte ein Diplom in Psychologie. Sie brauchte keinen Psychologen, um sich zu erklären, warum sie nachts nicht schlafen konnte, warum die Bilder sie immer noch verfolgten. Sie hatte nicht einmal Greg alles von dieser Nacht erzählt, wie könnte sie sich da einem Fremden anvertrauen.

Natürlich war Greg nicht da gewesen, sondern meilenweit weg, als sie in ihr Hotelzimmer gewankt war. Allein hatte sie die Partikel von Lydia Barnetts Hirn aus dem Haar gezogen und Melissa Stonekeys Blut von ihrer Haut geschrubbt. Sie hatte allein ihre Wunde versorgt, ein hässlicher Schnitt quer über den Bauch. So etwas besprach man nicht am Telefon.

Wie war dein Tag? Meiner? Nichts Besonderes. Ich habe nur zugesehen, wie zwei Frauen abgeschlachtet wurden.

Nein, in Wahrheit hatte sie Greg nichts gesagt, weil er sonst durchgedreht wäre. Er hätte darauf bestanden, dass sie den Job aufgab. Schlimmer noch, er hätte ihr das Versprechen abgenommen, nur noch im Labor zu arbeiten, Blut und Eingeweide sicher unter dem Mikroskop, aber nicht mehr unter Fingernägeln zu begutachten. Er hatte sich schon einmal fürchterlich aufgeregt, als sie sich ihm anvertraute. Das war das letzte Mal gewesen, dass sie über ihren Beruf gesprochen hatte.

Die mangelnde Kommunikation zwischen ihnen schien ihn nicht zu stören. Offenbar bemerkte er nicht einmal, dass sie nachts umherwanderte, um die Erinnerungen loszuwerden und das Echo der Schreie in ihrem Kopf zu dämpfen. Die fehlende Intimität mit ihrem Mann ermöglichte es ihr, die Narben – physische wie psychische – zu verbergen.

„Maggie?“

„Ich muss arbeiten, Kyle. Bitte nehmen Sie mir das nicht weg.“ Sie sprach mit fester Stimme, nur ihre Hände zitterten, und der Magen revoltierte. Würde Kyle trotzdem bemerken, wie es um sie bestellt war? Er las vor allem zwischen den Zeilen, wie konnte sie da erwarten, ihn zu täuschen?

Sie schwiegen, und sie deckte die Sprechmuschel mit der Hand ab, damit er ihr unregelmäßiges Atmen nicht hörte.

„Ich faxe Ihnen die Details“, sagte er schließlich. „Ihr Flug geht morgen früh um sechs. Wenn das Fax da ist, rufen Sie mich an, falls Sie Fragen haben.“

Sie hörte es klicken und wartete auf den Wählton. Das Telefon noch am Ohr, seufzte sie und atmete dann tief durch. Die Eingangstür schlug zu, sodass sie zusammenzuckte.

„Maggie?“

„Ich bin in der Küche!“ Sie legte den Hörer auf und trank etwas Wasser, um das flaue Gefühl im Magen loszuwerden. Sie brauchte diesen Fall. Sie musste Cunningham beweisen, dass die traumatischen Erlebnisse mit Stucky sie nicht ihrer professionellen Fähigkeiten beraubt hatten.

„Hallo, Baby.“ Greg kam um den Tresen herum und wollte sie umarmen, wich jedoch zurück, als er bemerkte, wie verschwitzt sie war. Er setzte ein künstliches Lächeln auf, um seinen Ekel zu überspielen. Seit wann wandte er sein schauspielerisches Talent als Anwalt bei ihr an? „Wir haben Reservierungen für halb sieben. Bist du sicher, dass du rechtzeitig fertig wirst?“

Sie sah auf die Wanduhr. Es war erst vier. Wie schlimm sah sie seiner Ansicht nach denn aus? „Kein Problem“, erwiderte sie, schluckte gierig mehr Wasser und ließ es sich absichtlich übers Kinn rinnen.

Sie konnte ihm den Widerwillen vom Gesicht ablesen, das perfekt gemeißelte Kinn war angespannt vor Abscheu. Er trainierte im Sportraum der Anwaltskanzlei, wo er in angemessener Umgebung schwitzte, stöhnte und tropfte. Dann duschte er und zog sich um, und wenn er sich wieder der Öffentlichkeit präsentierte, lag kein schimmerndes goldenes Haar mehr falsch. Dasselbe Verhalten erwartete er von ihr. Er hatte ihr deutlich zu verstehen gegeben, wie sehr er es verabscheute, wenn sie durch ihr Wohnviertel joggte. Zunächst hatte sie geglaubt, das geschah aus Sorge um ihre Sicherheit.

„Ich habe den Schwarzen Gürtel, Greg. Ich kann mich verteidigen“, hatte sie ihm liebevoll versichert.

„Davon spreche ich nicht. Herrgott, Maggie, du siehst fürchterlich aus, wenn du joggst! Willst du denn keinen guten Eindruck bei den Nachbarn hinterlassen?“

Das Telefon läutete, und Greg griff danach.

„Lass es klingeln“, sagte sie rasch, den Mund noch voll Wasser.

„Das ist ein Fax von Direktor Cunningham.“ Ohne Greg anzusehen, spürte sie seine Verärgerung. Sie lief ins Arbeitszimmer, prüfte die Nummer des Anrufers und schaltete das Faxgerät ein.

„Warum faxt er dir an einem Samstag etwas zu?“

Sie erschrak. Sie hatte nicht gemerkt, dass er ihr gefolgt war. Er stand in der Tür, die Hände auf den Hüften, und sah so streng aus, wie es einem in Khakihosen und Stehkragenpulli gelang.

„Er faxt mir einige Details über einen Fall zu, in dem ich das Täterprofil erstellen soll.“ Sie vermied es, ihn anzusehen, aus Angst vor einem verkniffenen und finsteren Blick. Für gewöhnlich war er es, der ihre gemeinsamen Samstage ruinierte, aber sie hielt es für kindisch, ihn darauf hinzuweisen. Stattdessen riss sie das Fax ab und begann, die Details zu lesen und sich einzuprägen.

„Wir wollten heute Abend ein nettes ruhiges Dinner genießen – nur wir zwei.“

„Das werden wir“, versprach sie. „Es könnte nur sein, dass wir es nicht zu lange ausdehnen dürfen. Mein Flug geht schon früh um sechs.“

Stille. Eins, zwei, drei ...

„Verdammt, Maggie! Es ist unser Hochzeitstag! Das sollte unser gemeinsames Wochenende werden.“

„Nein, das war letztes Wochenende. Aber du hast es vergessen und stattdessen das Golfturnier gespielt.“

„Verstehe!“ schnaubte er. „Dann ist das also die Retourkutsche.“

„Nein, ganz und gar nicht.“ Sie blieb ruhig, obwohl sie diese Streitereien satt hatte. Es war völlig in Ordnung, wenn er ihre Plä- ne durchkreuzte, nur eine halbherzige Entschuldigung dafür lieferte und ein charmantes: „Ich mache es wieder gut, Baby.“

„Wenn es keine Retourkutsche ist, wie nennst du es dann?“

„Arbeit.“

„Arbeit, na klar! Wie praktisch. Nenne es, wie du willst. Es ist eine Retourkutsche.“

„Ein kleiner Junge wurde ermordet, und ich kann vielleicht helfen, den Psychopathen zu finden, der dafür verantwortlich ist.“ Sie war kurz davor, ihrem Ärger freien Lauf zu lassen, klang jedoch erstaunlich ruhig. „Tut mir Leid, ich mache es wieder gut.“ Die sarkastische Bemerkung entschlüpfte ihr, doch er schien den Seitenhieb nicht mal zu bemerken. Sie ging mit dem Fax an ihm vorbei zur Tür. Er packte sie am Handgelenk und drehte sie zu sich herum.

„Sag denen, die sollen jemand anders schicken, Maggie. Wir brauchen dieses gemeinsame Wochenende!“ bat er jetzt mit sanfter Stimme.

Sie sah in seine grauen Augen und fragte sich, wann sie so blass geworden waren. Sie suchte nach einem Hinweis auf den intelligenten, mitfühlenden Mann, den sie vor neun Jahren geheiratet hatte, als sie beide kurz vor dem Diplom standen, bereit, der Welt ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Sie würde die Kriminellen jagen, und er würde den hilflosen Opfern beistehen. Dann übernahm er die Stelle in Washington bei Brackman, Harvey und Lowe, und aus seinen hilflosen Opfern wurden milliardenschwere Unternehmen. Und doch glaubte sie in diesem Augenblick des Schweigens einen Funken Aufrichtigkeit an ihm zu entdecken. Sie wollte schon nachgeben, als er fester zupackte und die Kiefer zusammenpresste.

„Sag ihnen, die sollen jemand anders schicken, oder wir sind fertig miteinander!“

Maggie entriss ihm ihr Handgelenk. Er packte es wieder, und sie schlug ihm mit der Faust gegen die Brust. Greg riss verblüfft die Augen auf.

Sie schob sich an ihm vorbei, eilte mit wackeligen Beinen ins Schlafzimmer und unterdrückte das Brennen in den Augen.

8. KAPITEL 

Sonntag, 26. Oktober

So fängt es also an, dachte er und trank den brühend heißen Tee.

Die Schlagzeile auf der Titelseite gehörte eher auf den National Enquirer und nicht auf eine so respektable Zeitung wie das Omaha Journal.

TOTER SERIENKILLER HÄLT GEMEINDE MIT JUN- GENMORD IN ATEM.

Wieder stammte der Artikel von Christine Hamilton. Er kannte den Namen aus der Kolumne „Leben heute“. Warum überließen sie die Story einer Neuen, einer Anfängerin?

Er blätterte rasch weiter und suchte den Rest der Geschichte, die auf Seite zehn einspaltig weiterging. Da war ein Schulfoto des Jungen. Daneben stand ein ausführlicher Bericht über sein Verschwinden vor einer Woche während seiner frühen Runde als Zeitungsausträger. In dem Artikel hieß es, dass das FBI und die Mutter auf eine Lösegeldforderung gewartet hatten, die nicht einging. Schließlich hatte Sheriff Morrelli den Körper des Jungen auf einer Weide am ...

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