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Das Böse naht

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

Der Gefangenentransporter fuhr rhythmisch schwankend durch die Nacht, aber Mattie Logan konnte nicht schlafen. Das letzte Wort des Richters hallte wie eine Totenglocke in ihren Ohren nach.

„Schuldig.“

Das Urteil war vor acht Stunden im Bundesgericht von Billings, Montana, gesprochen worden. Sie konnte nicht glauben, dass sie den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen würde. Wie in Gottes Namen hatte das passieren können?

Diese Frage hatte sie sich in den letzten vier Monaten Tausende Male gestellt. Vier quälende Monate in einer Gefängniszelle, die kaum größer war als ein Badezimmer. Eine Zelle, in der sie nahe dran gewesen war, ihren Verstand zu verlieren. Das Einzige, was sie am Leben gehalten hatte, war das Versprechen auf Gerechtigkeit. Die Hoffnung, dass die Wahrheit siegen würde. Vor acht Stunden war ihr diese Hoffnung aus den verzweifelten Händen gerissen worden, und nun blieb sie mit nichts zurück als dem Gefühl drohenden Unheils.

„Mattie Logan, Sie werden hiermit zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt.“

Als sie sich auf der harten Bank anders hinsetzte, klirrten die Ketten ihrer Hand- und Fußschellen. Der U.S. Marshal, der ihr gegenübersaß, schaute über den Rand seiner Zeitschrift zu ihr herüber, bot aber nicht an, die Fesseln ein wenig zu lösen. Aufgrund der Art des ihr vorgeworfenen Verbrechens war sie als Hochsicherheitsrisiko eingestuft worden. Die Bezeichnung war einfach lachhaft – oder Furcht einflößend, je nachdem, von wo man es betrachtete. Aus dem Grund waren drei U.S. Marshals abgestellt worden, um sie von Billings zu einem Bundesgefängnis an einem ihr unbekannten Ort in Washington State zu bringen.

Mattie schaute aus dem schmalen Fenster auf die nackten, wintertoten Bäume, die sich gegen einen zerklüfteten Horizont abzeichneten. Sie fuhren auf einem einsamen Stück des Highways irgendwo in den Bergen Richtung Westen. Die trostlose Szenerie erinnerte sie an ihr Leben – kalt und hoffnungslos –, und in diesem Moment fühlte sie sich so allein wie noch nie zuvor.

Sie lehnte sich zurück und versuchte nicht nachzudenken. Aber die Wissenschaftlerin in ihr ruhte niemals. Das war einer der Gründe, warum sie für das streng geheime EDNA-Projekt des Verteidigungsministeriums ausgewählt worden war.

Wenn sie damals nur gewusst hätte …

Ein lauter Knall zerriss die Stille. Der Transporter schwankte gefährlich hin und her und warf sie dabei gegen die Wand. Mattie schaute auf und sah, dass der junge Marshal aufgestanden war. Er schaute alarmiert, seine Hand griff nach seiner Pistole. War ein Reifen geplatzt?

Dann ertönte ein zweiter Knall. Der Van schleuderte so stark nach links, dass Mattie zu Boden fiel. Ein paar Zentimeter entfernt klammerte der junge Marshal sich an die Haltestange, während er in Richtung Fahrerkabine stolperte, die Augen ständig auf den Fahrer gerichtet.

„Sam, was ist passiert?“, rief er. „Sam!“

Der Fahrer antwortete nicht. Durch die Windschutzscheibe sah Mattie, wie die Scheinwerfer wild über Büsche und junge Bäume glitten. Angst durchfuhr sie, als sie erkannte, dass der Van auf einen Abgrund zuhielt.

Mit einem Mal machte der Wagen einen gewaltigen Satz, der sie einen halben Meter in die Höhe warf. Der Marshal stolperte und fiel, behielt aber sein Funkgerät in der Hand. „Bravo Victor Zwei Neun. Wir haben einen Code …“

Seine Stimme erstarb, als der Van wieder aufprallte. Mattie erhaschte einen Blick auf den Fahrer, der über dem Lenkrad zusammengesackt war. Aus dem Fenster sah sie Funken und Steine hoch in die Luft fliegen. Ein weiteres Schlingern warf sie auf die andere Seite des Transporters und ließ den weiblichen Marshal, der sie begleitete, über den Boden schlittern. Die Frau schrie, während sie nach ihrem Funkgerät tastete.

Die Lichter flammten noch einmal auf und gingen dann aus, sodass sie sich in vollkommener Dunkelheit wiederfanden. Der Boden neigte sich, und Mattie fing an zu fallen. Sie versuchte, ihre Arme zu heben, um sich zu schützen, doch die Handschellen hinderten sie daran. Ein Geräusch, teils Schrei, teils Stöhnen, entrang sich ihrer Kehle, als ihr Kopf nach hinten gerissen wurde. Glas zersplitterte.

Dann war es auf einmal still. Nichts rührte sich mehr. In totaler Finsternis lag Mattie auf dem Rücken. Irgendwo neben ihr entwich zischender Dampf. Die Seitentür war jetzt über ihr. Sie stand offen. Kalte Luft strömte herein, umarmte sie mit eisigen Fingern. Dahinter erhellte ein Streifen Mondlicht die schnell dahinjagenden Wolken.

Der weibliche U.S. Marshal rief: „Ist alles in Ordnung?“

„Ich denke, mein Bein ist gebrochen“, erklang eine schwache Stimme.

„Was zum Teufel ist passiert?“, fragte jemand anderes.

„Logan? Geht es Ihnen gut?“

Mattie spürte kurz in ihren Körper hinein. Ihr Kopf schmerzte. Als sie die Hand hob und ihre Schläfe berührte, spürte sie die Feuchtigkeit von Blut. „Ich habe mich geschnitten.“

„Bleiben Sie, wo Sie sind.“ Ein Marshal stöhnte, als er sich erhob.

„Was ist mit Sam?“, wollte die Frau wissen.

Mattie schaute in Richtung Fahrerkabine. Im Mondlicht sah sie, dass der Fahrer in einem seltsamen Winkel auf dem Sitz zusammengesackt war.

„Ich sehe mal nach.“ Einer der männlichen Marshals ging nach vorne.

„Der Motor brennt“, rief eine andere Stimme.

„Dann lasst uns erst einmal den Wagen evakuieren. Alle Mann raus.“

Mattie richtete sich in eine sitzende Position auf und schaute sich um. Durch das Fenster zur Fahrerkabine sah sie den gelblichen Schein von Flammen, die aus dem Motorraum loderten. Irgendwo im Inneren des Vans stöhnte ein Marshal vor Schmerzen auf.

Der andere männliche Marshal kam zu ihr und hockte sich neben sie hin. „Ich werde Ihnen die Fußfesseln abnehmen, damit Sie herausklettern können.“

Immer noch wie betäubt vor Schock, nickte Mattie nur. „Okay.“

Schnell löste er die Fesseln und warf sie zur Seite. Die Handschellen beließ er, wo sie waren, umfasste ihren Arm fest und führte sie zur offenen Tür, wo seine Kollegin schon wartete. „Bring die Gefangene zu einem sicheren Ort und behalte sie im Auge. Ruf über Funk einen Krankenwagen und das örtliche Sheriffbüro, und zwar ASAP. Ich werde Sam herausholen für den Fall, dass der Wagen in die Luft geht.“

„Roger.“ Der weibliche Marshal hievte sich durch die offene Tür, dann beugte sie sich herunter und streckte Mattie ihre Hand entgegen. „Kommen Sie.“

Mattie stemmte ihre Füße gegen die Rückenlehne der Sitzbank und ließ sich von der Frau aus dem Van ziehen. Kalte Nachtluft empfing sie, als sie draußen war. Sie roch Benzin und Rauch. Spürte die Hitze des Motorbrandes. Der weibliche Marshal zeigte auf einen umgestürzten Baum ein paar Meter entfernt. „Setzen Sie sich dorthin und rühren Sie sich nicht. Verstanden?“

Auf zitternden Beinen stolperte Mattie zu dem Baumstamm und ließ sich darauf fallen. Sie wusste nicht, ob vor Kälte oder Schock, aber sie konnte nicht aufhören zu zittern. Der Van war gute zehn Meter einen gefährlich steilen Abhang heruntergerollt. Die Lichter im Inneren waren erloschen, aber ein einzelner, dämmriger Scheinwerfer warf sein Licht in die Dunkelheit und enthüllte eine Klippe, die sie alle mit Sicherheit das Leben gekostet hätte, wären sie dort hinuntergestürzt.

Die Frau nahm ihr Funkgerät vom Gürtel. „Hier ist Bravo Victor Zwei Neun …“

Ein leises Plopp ertönte. Aufgeschreckt von dem Geräusch schaute Mattie auf und sah gerade noch, wie die Frau zusammensackte. Besorgt eilte sie zu ihr und kniete sich neben sie.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie.

Anfangs glaubte sie, die Frau wäre wegen einer Verletzung durch den Unfall zusammengebrochen. Doch dann ergriff sie Panik, als sie das Loch von der Größe einer Münze in ihrer Stirn entdeckte.

„Oh mein Gott.“ Mattie stolperte rückwärts. Sie schaute sich um und sah die beiden männlichen Marshals, die gerade dabei waren, aus dem Van zu klettern. „Ich glaube, sie ist erschossen worden!“, rief sie.

Die beiden Männer schauten sie an. „Was reden Sie da?“

Plopp! Plopp! Plopp!

Beide Marshals zuckten, als wenn ein übereifriger Puppenspieler an unsichtbaren Fäden gezogen hätte. Etwas Dunkles, Glänzendes erblühte auf der Jacke des einen Mannes. Sie sackten zusammen und blieben reglos liegen.

Mattie starrte die Männer ungläubig an. Jemand schoss auf sie, aber sie hatte keine Ahnung, wer oder warum. Was ging hier vor sich?

Ein Licht durchbrach die Dunkelheit auf dem Hügelkamm. Erleichterung erfasste sie, als vier Männer aus einem schwarzen SUV ausstiegen. Sie wollte sich gerade durch Rufen bemerkbar machen, als sie erkannte, dass sie sich in einer ihr unbekannten Sprache unterhielten. Wer waren sie? Und wie waren sie so schnell zum Unfallort gekommen?

Aus einem Instinkt heraus ging sie hinter dem umgefallenen Baum in Deckung. Aus ihrem Versteck sah sie zu, wie die Männer auf den verunfallten Gefangenentransporter zugingen und zu den Marshals schauten. Waren diese Männer Retter? Oder waren sie die Schützen?

Einer der Männer blieb bei dem ersten am Boden liegenden Marshal stehen. „Wo ist die Gefangene?“, fragte er mit starkem Akzent.

Der Marshal stöhnte. „Helfen Sie uns …“

„Wo ist die Gefangene?“, wiederholte der Mann.

„Ist … abgehauen“, keuchte der Marshal.

Der Mann holte aus und trat den Marshal in die Seite. „Wo ist sie?“

Der Marshal stieß einen Fluch aus. „Fick … dich.“

Ein Wort zischend, das Mattie nicht verstand, zog der Mann eine Waffe aus seinem Gürtel. „Dummer Amerikaner“, sagte er und erschoss den Marshal.

Entsetzt krabbelte Mattie rückwärts, wobei sie sich eine Hand vor den Mund hielt, um nicht laut aufzuschreien. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas so Brutales gesehen. Wer waren diese Männer? Warum hatten sie den Marshal kaltblütig erschossen? Und warum suchten sie nach ihr?

Doch tief im Inneren wusste Mattie, was sie wollten. Das Wissen jagte ihr beinahe genauso viel Angst ein wie die Brutalität, derer sie gerade Zeugin geworden war.

Der Mörder trat zurück. Sein Blick glitt suchend über die Umgebung, ein Jäger, der es kaum erwarten konnte zu töten. Mattie ließ sich instinktiv tiefer zu Boden sinken.

„Überprüft den Van!“, rief er den anderen Männern zu. „Findet die Wissenschaftlerin. Ich will sie lebend.“

Mattie wusste, dass sie innerhalb weniger Minuten entdeckt würde, wenn sie nicht sofort von hier verschwand, deshalb schaute sie sich panisch um. Aber es gab nichts, wohin sie hätte fliehen könnten. Keinen Ort, um sich zu verstecken. Oh Gott, was jetzt?

Der Abgrund bot den einzigen Fluchtweg. Er war steil und steinig und so schwarz wie ein Höllenschlund, aber wenn sie leben wollte, würde sie es riskieren müssen. Ganz leise robbte sie auf dem Bauch zum Rand der Klippe.

„Hier sind Spuren!“, ertönte eine raue männliche Stimme nur wenige Meter hinter ihr.

„Schwärmt aus!“, rief der Mörder. „Ich will, dass ihr sie findet.“

Mattie hielt sich an einer aus dem Erdreich hervorstehenden Wurzel fest und ließ sich über den Rand gleiten. Ihr Füße baumelten in der Luft. Sie hörte Steine fallen. Mit einem stummen Gebet auf den Lippen ließ sie los und fiel ins Nichts.

1. KAPITEL

Sean Cutter wusste aus Erfahrung, dass ein klingelndes Telefon mitten in der Nacht niemals etwas Gutes bedeutete. Einen Moment lang überlegte er, einfach nicht ranzugehen.

„Cutter“, knurrte er.

„Ich bin’s, Martin.“

Er war unangenehm überrascht, die Stimme seines ehemaligen Vorgesetzten zu hören. Martin Wolfe war bei der CIA und stand ziemlich weit oben in der Hierarchie der Agency. Einst waren die beiden Männer gute Freunde gewesen, aber diese Freundschaft hatte vor zwei Jahren geendet, als Cutter seiner Karriere, der er zwölf Jahre seines Lebens gewidmet hatte, den Rücken gekehrt hatte. Das machte diesen Anruf um zwei Uhr in der Früh nur noch mysteriöser.

„Warum zum Teufel rufst du mich um diese Zeit an?“, fragte Cutter wütend. Aber er hatte immer gewusst, dass der Anruf kommen würde. Er hatte gewusst, dass sie ihn eines Tages würden zurückhaben wollen – und dass er dann nicht würde Nein sagen können.

„Der Jaguar ist im Land“, sagte Wolfe.

Der Name traf Cutter wie ein Faustschlag. Einige unendliche Sekunden fehlten ihm die Worte.

„Bist du noch da?“

Er riss sich zusammen, setzte sich auf und schwang die Beine über den Rand der Matratze. „Sprich.“

„Ich habe drei tote U.S. Marshals und eine vermisste Wissenschaftlerin des Verteidigungsministeriums. Der Jaguar will die Wissenschaftlerin.“

Cutters Magen zog sich zusammen. „Warum?“

„Sie war das Gehirn hinter dem EDNA-Projekt.“

In furchterregender Geschwindigkeit erinnerte er sich an alle Einzelheiten. Das EDNA-Projekt war ein streng geheimes Waffenprogramm, das vom Verteidigungsministerium finanziert wurde. Obwohl seine Kenntnisse über die Waffe selber nur rudimentär waren, wusste er, dass es sich um eine ganz neue Waffengeneration handelte. Eine Technologie, für die der Jaguar alles geben würde, um an sie heranzukommen. Wenn er die Wissenschaftlerin in die Hände bekäme, würde er eine Waffe besitzen, die die Menschheit bisher noch nicht gesehen hatte.

„Martin, ich bin seit zwei Jahren nicht mehr bei der CIA …“

„Ich brauche dich, Sean. Ich muss dir nicht sagen, wozu dieser Hurensohn in der Lage ist.“

Cutter wusste genau, wozu der Jaguar fähig war. Er hatte Narben, die es bewiesen. Und selbst nach zwei Jahren hatte er noch Albträume …

„Wenn er EDNA in die Hände bekommt, läuft jede Stadt auf der Welt Gefahr, in Schutt und Asche gelegt zu werden. Das können wir nicht zulassen.“

Cutter schloss die Augen, als ihm der Ernst der Lage bewusst wurde. „Warum ich?“

„Weil du den Jaguar besser kennst als jeder andere. Du hast die entsprechende Ausbildung. Die Erfahrung.“

Den Killerinstinkt, dachte Cutter düster. Ihm wurde ein wenig schlecht. Nach allem, was auf seiner letzten Mission passiert war, hatte er sich geschworen, nie wieder …

Die Absage lag ihm schon auf den Lippen, doch er sprach sie nicht aus. Sean Cutter hatte vielleicht seinem Beruf den Rücken gekehrt, aber er würde immer seine Pflicht erfüllen. Selbst in dem Wissen, dass ihn das wahrscheinlich umbringen konnte.

„Ich möchte, dass du die Wissenschaftlerin findest, bevor der Jaguar es tut, und sie herbringst.“

Auf den ersten Blick schien das eine einfache Aufgabe zu sein. Aber Cutter wusste, dass mehr dahintersteckte. Bei Martin Wolfe war nichts einfach. „Was noch?“

„Ich möchte, dass du dieses Mal auch den Jaguar fasst, Sean. Homeland Security hat mir achtundvierzig Stunden gegeben, um das zu erledigen. Danach werde ich den Vorfall publik machen und die örtliche Polizei und das FBI einschalten müssen.“

„Und wenn der Jaguar sie kriegt, bevor ich sie habe?“

„Du hast die Befugnis, alles Nötige zu tun, damit sie nichts verrät.“

„Was willst du damit sagen, Martin?“

„Ich sage, dass sie verzichtbar ist. Wenn die Entscheidung lautet, sie oder die Bevölkerung von Los Angeles oder New York oder Houston, will ich, dass du sie ausschaltest.“

Cutter schloss die Augen; wie Angstschweiß sickerte das Grauen durch jede seiner Poren.

„Ich nehme den nächsten Flieger.“

„Auf dich wartet ein Learjet.“

„Du bist dir deiner Sache verdammt sicher, was?“

„Nein, aber ich bin mir deiner verdammt sicher.“

Wenn du nur wüsstest, dachte Cutter und legte auf.

Er setzte sich aufs Bett. Das unbehagliche Gefühl in seinem Magen wurde immer schlimmer. Er schlug die Hände vors Gesicht und versuchte, nicht daran zu denken, was er getan hatte.

In der nächtlichen Dunkelheit rannte Mattie mit halsbrecherischer Geschwindigkeit über einen Pfad. Die Handschellen behinderten sie, aber sie ließ sich davon nicht abhalten. Ihr angestrengtes Atmen hallte von den Wänden des Canyons wider. Ein kalter Wind blies durch die Schlucht und animierte die Bäume, einen wilden Tanz aufzuführen.

Sie schien seit gefühlten Stunden zu laufen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war oder wohin sie rannte. Es war reine Panik, die sie vorantrieb. Denn wenn sie stehen blieb, das wusste sie, würde sie sterben.

Sie konnte nicht glauben, in was sich ihr Leben verwandelt hatte. Noch vor einem kurzen Jahr hatte sie gemütlich in einem Vorort von Washington, D. C., gelebt und war mit ihrem kleinen blauen Jetta jeden Morgen zur Arbeit gefahren. Sie war glücklich gewesen. Hatte einen anspruchsvollen Job gehabt. Und sich langsam, aber sicher in ihren attraktiven Kollegen Daniel Savage verliebt. Doch das alles war abrupt zum Stehen gekommen, als zwei grimmig aussehende CIA-Agents in ihr Büro gekommen waren und sie wegen Hochverrats verhaftet hatten.

Hochverrats.

Selbst jetzt überraschte sie die Unglaublichkeit dieser Anklage immer noch. Über ihr zerriss ein Blitz den Himmel. Mattie duckte sich aus einem Reflex, dachte aber nicht daran, ihren Schritt zu verlangsamen. Sie wusste, es würde eines Wunders bedürfen, aber sollte sie irgendwie ein Telefon erreichen, würde sie Daniel anrufen. Er würde wissen, was zu tun war. Er würde ihr helfen, wenn sie ihn bat, selbst wenn das bedeutete, seinen eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen. Sie müsste nur ein Haus oder einen vorbeikommenden Autofahrer auftreiben.

Im Gebüsch zu ihrer Rechten raschelte es. Mattie unterdrücke einen Schrei und wich nach links aus. Lauf weiter! rief die kleine Stimme in ihrem Kopf. Dreh dich nicht um!

Scheinbar aus dem Nichts tauchte ein Schatten vor ihr auf und sprang auf sie zu. Sie wirbelte herum, versuchte, ihm zu entkommen. Doch sie war nicht schnell genug, und ein harter Körper pflügte sie um wie ein Sherman-Panzer.

Mattie rechnete mit Klauen und Zähnen oder vielleicht sogar einem gezielten Schuss in den Kopf. Doch stattdessen schlangen sich starke Arme wie ein Schraubstock um ihren Körper und rissen sie zu Boden. Erde ausspuckend rollte sie sich herum und trat mit beiden Füßen zu. Kurz blitzte Befriedigung in ihrem Hirn auf, als ihr Angreifer aufstöhnte. Doch dann war er über ihr. Mit ihren gefesselten Händen konnte sie sich nicht wehren.

„Runter von mir!“, schrie sie.

Sie erhaschte einen Blick in dunkle Augen. Sie spürte seine unglaubliche Stärke, und ihr einziger Gedanke war, dass das die letzten Augenblicke ihres Lebens waren.

„Wenn Sie leben wollen, sind Sie besser ruhig.“

Über das wilde Klopfen ihres Herzens hörte Mattie das raue Flüstern kaum. Sie versuchte, sich freizukämpfen, doch er war schwer und stark und hielt sie mit Leichtigkeit am Boden.

„Was wollen Sie …“

Eine Hand legte sich über ihren Mund und schnitt ihr das Wort ab. „Psst.“

Mattie gab auf, und einen Moment lang war das einzige Geräusch ihre angestrengten Atemzüge und das Tröpfeln von Nieselregen auf die Blätter der Bäume. Sie blinzelte sich eine Strähne aus den Augen und schaute auf – direkt in ein Paar eisblaue Augen.

„Es befinden sich vier schwerbewaffnete Männer keine zweihundert Meter von uns entfernt“, sagte er leise. „Wenn Sie nur das kleinste Geräusch von sich geben, bringen die uns beide um. Haben Sie das verstanden?“

Für einen Moment drohten Hilflosigkeit und Panik sie zu überwältigen. Doch an seinem Blick erkannte Mattie, dass der Mann, wenn er sie tot sehen wollte, sie bereits erledigt hätte.

Sie nickte. Ohne die Augen von ihr zu nehmen, löste er seine Hand von ihrem Mund und legte einen Finger an seine Lippen. Dann spähte er durch die sie umgebende Dunkelheit. Er streckte eine Hand aus, packte den Stamm eines schon lange toten Buschs und zog diesen über sie beide. Der Busch war groß und noch voll belaubt und würde sie im mittlerweile herrschenden Halbdunkel komplett verbergen.

Er drehte sich zu ihr um und schaute ihr in die Augen. Seine Miene war angespannt. Er lag auf ihr, einen Teil des Gewichts stützte er auf seinen Ellbogen ab. „Nicht bewegen“, flüsterte er. „Ich werde Ihnen nicht wehtun.“

Sein Körper war hart wie Stahl, seine Muskeln angespannt. Irgendwann während ihres Kampfes hatte sie die Beine ein wenig geöffnet, sodass er nun zwischen ihren Knien lag und sich auf sehr intime Weise an sie drückte. Sein Atem ging schon wieder normal, ihrer noch nicht.

„Ihre Spuren enden hier!“ Die Stimme mit dem Akzent durchriss die Stille der Nacht.

„Sie nutzt den Fluss, um ihre Spuren zu verwischen.“ Eine andere Stimme. Furchterregend nah.

„Wir hätten sie inzwischen längst haben müssen. Uns läuft die Zeit davon.“

Mattie lauschte und betete, dass sie nicht entdeckt würden, als sie zu ihrer Rechten ein Paar Stiefel und den Kolben eines Gewehrs erblickte. Der Verfolger stand so nah, dass sie seinen Schweiß riechen konnte. Ihr Atem ging schnell und flach.

„Wir sind in Sicherheit“, flüsterte der Mann, der auf ihr lag. „Beruhigen Sie sich.“

In den letzten Stunden hatte sie zu viel Gewalt gesehen, um die Angst noch im Griff zu haben, die durch sie hindurchtobte. Sie spürte ihren gesamten Körper zittern, als eine neue Panikwelle über sie hinwegrollte. Sie fing an zu hyperventilieren. Ihr Gesicht und ihre Hände kribbelten. Wenn sie sich nicht zusammenriss, würde sie ihr Versteck verraten und sie beide umbringen.

Trockenes Gras knisterte, als die Mörder näher kamen. Einen schrecklichen Moment lang dachte Mattie, sie hätten ihren panischen Atem gehört. Sie stellte sich vor, wie er das Gewehr hob und sie auf die gleiche Weise erschoss, wie er die drei Marshals niedergestreckt hatte. Der Drang, aufzuspringen und loszulaufen, war unglaublich stark. Ihre Muskeln zuckten, als der Fluchtinstinkt einsetzte.

„Ganz ruhig“, flüsterte der Mann auf ihr. „Tiefe, langsame Atemzüge.“

Aber Mattie konnte nichts mehr hören, war weit von jeder Logik entfernt. Sie versuchte, durch ihre Nase zu atmen, aber sie konnte ihren Atem genauso wenig beruhigen wie ein Langstreckenläufer nach einem Zehnmeilenlauf.

Gras und Laub raschelten in der Nähe. Einer der Männer schien näher zu kommen. Das ist es, dachte sie. Ich habe unser Versteck verraten, und nun werden sie uns töten.

Der Mann auf ihr verlagerte sein Gewicht, und plötzlich war sie sich seines Körpers an ihrem nur zu bewusst. Überaschenderweise legte er beide Hände an ihre Wangen. Seine Handflächen waren warm und erstaunlich sanft, als er ihr das Haar aus dem Gesicht strich. Mattie schaute in seine unglaublich blauen Augen. Und obwohl der Tod so nah war, dass sie förmlich spürte, wie er seine kalten Finger nach ihr ausstreckte, war ihr einziger Gedanke, dass noch nie in ihrem Leben ein Mann sie so angeschaut hatte, wie dieser Fremde es jetzt tat.

„Was tun Sie da?“, fragte sie.

„Ich rette unser Leben“, sagte er und senkte seinen Mund auf ihren.

Cutter hielt sich für einen Meister der Improvisation. Er besaß ein untrügliches Gespür dafür, das Beste aus einer schlimmen Situation zu machen, und die Fähigkeit, sich den gegebenen Umständen optimal anzupassen. Diese Talente machten ihn zu einem der Besten unter den Besten. In diesem Moment erschien ihm die Frau zu küssen als der beste Weg, um sie beide davor zu bewahren, getötet zu werden.

Er hatte jedoch nicht erwartet, von der Weichheit ihrer Lippen so in den Bann gezogen zu werden. Sean Cutter wurde niemals von irgendetwas in den Bann gezogen, vor allem nicht, wenn es Teil eines Jobs war. Aber genau das passierte jetzt, als sein Mund ihren berührte.

Sie versuchte den Kopf wegzudrehen, doch er legte seine Hand an ihre Wange und küsste sie weiter. Sie öffnete den Mund – zweifelsohne, um zu protestieren –, und er nutzte die Gelegenheit, um den Kuss zu vertiefen. Noch ein Fehler, dachte er verschwommen, aber inzwischen hatte er aufgehört, seine Fehler zu zählen.

Ihr Mund war warm und feucht an seinem. Ihr Körper war wohlproportioniert und weich und passte perfekt unter ihn. Er spürte die Wärme ihres schneller gehenden Atems an seiner Wange. Und obwohl sie nur Sekunden davon entfernt waren, von vier Männern entdeckt zu werden, die nicht zögern würden, sie hinzurichten, merkte er, wie sein Körper auf sie reagierte.

Er kämpfte darum, die Kontrolle über die Hitzewelle zu behalten, die durch seinen Körper brandete und alles Blut in seinen Unterleib fließen ließ. Er versuchte, sich all die fürchterlichen Dinge vorzustellen, die als Nächstes passieren konnten. Doch ihr Mund war so unglaublich weich und ihr Körper ein Versprechen all der Dinge, die er sich seit einer gefühlten Ewigkeit versagte. Und obwohl Cutter ein wahres Improvisationsgenie war, hatte er keine Ahnung, wie er diese gute alte sexuelle Erregung in den Griff kriegen sollte – egal, wie gefährlich sie im Moment auch war.

Zum Glück schien seine Taktik zu funktionieren. Langsam entspannte sie sich unter ihm, und ihr Atem beruhigte sich. Cutter löste sich von ihr, und ein paar quälende Minuten lang rührte sich keiner von ihnen, während die vier Killer Zigaretten rauchten und sich in einer Sprache unterhielten, die ihm nur zu vertraut war. Wenn die Frau seine Erektion an ihrem Schenkel spürte, so zeigte sie es nicht. Vermutlich war sie zu verängstigt, um sie zu bemerken. Das sollte er auch sein, angesichts dessen, dass sie kurz davor standen, erschossen zu werden. Aber Cutter hatte bereits das Schlimmste erlebt, was ein Mann erleben konnte. Er war nicht lebensmüde, aber es gab kaum etwas, das ihm noch wirkliche Angst einjagen konnte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gingen die Männer weiter. Cutter blieb noch ein paar Minuten auf seiner Gefangenen liegen und lauschte dem Rückzug der Männer. Sobald er es für sicher hielt, schob er den Busch beiseite und erhob sich.

„Was zum Teufel glauben Sie eigentlich, was Sie da tun?“ Mit funkelnden Augen setzte die Frau sich auf und wischte sich mit den gefesselten Händen Blätter und Schmutz von ihrer Kleidung.

„Ihr Leben retten.“

Ein Zweig steckte in ihrem Haar. Sie trug immer noch die Hose und den Blazer, den sie vor Gericht getragen hatte. Beide Knie der Hose waren aufgerissen. Der obere Knopf ihrer Bluse war abgesprungen, und er konnte den Spitzenbesatz ihres BHs sehen. Verdammt.

„Sie hatten kein Recht, mich zu … zu …“

„Sie haben hyperventiliert. Hätte ich nichts unternommen, wären die Männer auf uns aufmerksam geworden und hätten uns getötet.“

Selbst im Halbdunkeln sah er, dass sie blass wurde. „Wer sind Sie?“

„Ich bin der Mann, der Sie zurückbringt. Mehr müssen Sie im Moment nicht wissen.“

„Ich will nicht zurück.“

Er zeigte mit dem Daumen in die Richtung, in der die vier Männer verschwunden waren. „Vielleicht möchten Sie Ihr Glück lieber mit den vier Killern probieren?“

„Ich bin unschuldig.“

Cutter konnte nicht anders, er musste lachen. „Ja, ich auch.“ Er beugte sich vor und half ihr aufzustehen.

„Ich werde nirgendwo mit Ihnen hingehen“, sagte sie, als sie wieder auf den Füßen stand.

„Eilmeldung für Blondie: Sie haben in dieser Sache kein Mitspracherecht.“

Unbewusst glitt sein Blick einmal an ihr herunter. Trotz ihres zerrissenen und zerknitterten Anzugs sah er, dass sie schlank und so gebaut war, wie es ihm gefiel. Ihre gefesselten Hände betonten ihre Kurven, für die er zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar keinen Blick haben sollte.

Er nahm den Universalschlüssel von seinem Gürtel. „Strecken Sie Ihre Hände aus.“

Sie blinzelte. „Sie wollen mich losmachen?“

„Wir müssen schnell weg hier, bevor die Männer merken, dass sie auf den ältesten Trick der Geschichte hereingefallen sind.“ Er schaute in den Himmel. Im Nordwesten türmten sich Sturmwolken auf. Während des kurzen Fluges im Learjet von Chicago nach Klispell, Montana, hatte ihnen das Wetter einige Schwierigkeiten bereitet. Eine Kaltfront mit heftigen Regenfällen rollte von der kanadischen Grenze herein. Cutter nahm an, dass sie noch eine Stunde hatten, bis die Schleusen sich öffnen würden. Hoffentlich reichte das, um zum Treffpunkt zu kommen, an dem der Helikopter der Agency auf sie wartete.

Sie hielt ihm ihre Handgelenke hin. „Wer waren diese Männer?“

„Ohne Zweifel alte Freunde von Ihnen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Ein Zittern überlief sie, als er die Handschellen öffnete. Ein Schauer, der nichts mit der Kälte zu tun hatte und ihm verriet, dass sie genau wusste, wovon er sprach. „Sparen Sie sich das für Ihre Berufungsverhandlung auf“,

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