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Das Blut des Skorpions

MASSIMO MARCOTULLIO

Das Blut
des Skorpions

Thriller

Aus dem Italienischen
von Karin Diemerling

BASTEI ENTERTAINMENT

KAPITEL I

Seit einiger Zeit stand Pater Athanasius Kircher sehr früh am Morgen auf, selbst für seine Verhältnisse.

Bekanntermaßen hat der Körper mit fortschreitendem Alter ein geringeres Bedürfnis nach Ruhe, und Pater Kircher war bereits in jene Lebensphase eingetreten, in der die Jugend nur noch eine ferne Erinnerung ist.

Aber das war nicht der einzige Grund.

Eine unerklärliche Unruhe und ein bedrückendes Gefühl bevorstehenden Unheils hatten sich seiner Seele bemächtigt, ohne dass er sich dessen völlig bewusst war.

Sogar seine Studien wurden davon beeinflusst.

Von der Stunde des Sonnenuntergangs an, wenn die ersten Sterne am hohen, klaren Himmel von Rom erschienen, bis weit nach Mitternacht blieb Pater Kircher im Observatorium auf dem Dach des Collegium Romanum und verfolgte den Lauf der Sterne, indem er unablässig in das Teleskop blickte, das er selbst entwickelt hatte. Erst wenn die Müdigkeit und das Alter ihm die weitere Beobachtung der Gestirne verwehrten, legte er sich schlafen. Doch schon nach wenigen Stunden, noch vor Sonnenaufgang, war er wieder hellwach und auf den Beinen, um den Ergebnissen seiner nächtlichen Studien einen Sinn zu verleihen.

Einem ungeübten Auge erscheint der Sternenhimmel immer gleich und unveränderlich in seiner Unermesslichkeit. Aber Pater Kircher sah nicht mit den Augen eines Laien zu ihm hinauf.

Er verstand es, von diesem mit funkelnden Edelsteinen bestickten Mantel die Bahnen und Umlaufbahnen, den Auf- und Untergang von Gestirnen sowie ihre verschiedenen Konstellationen abzulesen, die für gewöhnliche Sterbliche keinerlei Bedeutung haben, dem bewanderten Astronomen jedoch Millionen von Geschichten erzählen und Milliarden von Möglichkeiten andeuten.

In diesem Teppich aus leuchtenden Diamanten suchte Pater Kircher nach einer Erklärung für die Sorge und die düstere Vorahnung, die ihn bedrückten.

Der Mönch war davon überzeugt, dass man im Lauf der Gestirne über das immense nächtliche Himmelszelt den Willen Gottes und das Schicksal der Menschen erkennen konnte. All die Dinge, die dem Mann von der Straße als verworren, chaotisch und willkürlich erschienen, trugen nach Kirchers Auffassung das Zeichen des Schöpferwillens. Nichts geschah durch Zufall, jedes Ereignis, jede noch so geringe Begebenheit, jede Kleinigkeit waren Teil eines großen Plans, den der unergründliche göttliche Geist erdacht hatte.

Auch an jenem Morgen Anfang Mai, Anno Domini 1666, erhob sich Pater Kircher in diesem Glauben von seinem Lager.

Er ging zum Fenster und öffnete die Läden, um die frische Morgenluft einzuatmen. Der Himmel färbte sich über der Horizontlinie gerade zartrosa, während die letzten Sterne nach und nach verblassten, als würden sie sich bereits vor dem triumphalen Einzug des Tagesgestirns verneigen.

Kircher sog tief den noch vorhandenen geheimnisvollen Duft der Nacht ein und genoss diesen Moment, bevor der Wagen des Apoll die Geschöpfe der Persephone zurück in die Tiefen des Hades jagte, dieses kurze Intermezzo, wenn die Erde herrenlos zu sein schien und zwischen dem Reich des Olymp und der Unterwelt schwebte.

Die verlassenen Straßen, die noch nicht von einer lärmenden, ihren Alltagsgeschäften nachgehenden Menschenmenge bevölkert waren, erzählten von der unvergänglichen Erhabenheit der Ewigen Stadt, von ihrer jahrtausendealten Geschichte und ihrer Bestimmung als Führerin der Völker der Erde.

Pater Kircher freute sich an diesen wenigen Augenblicken des Friedens, bevor er sich seufzend wieder seinem Schreibtisch zuwandte, auf dem die Sternenkarten ausgebreitet waren, die er im Laufe seiner unermüdlichen astronomischen Forschungen mit Einträgen versehen hatte.

Die Beobachtungen der vergangenen Nacht schienen zu bestätigen, was er schon seit einiger Zeit vermutete. Die Abweichungen der Planeten von ihren Umlaufbahnen, die Anordnung der Leitsterne, die Bahnen der Boliden – all das trug dazu bei, eine höchst ungewöhnliche Sternenkonjunktion entstehen zu lassen, wie sie das menschliche Auge nur selten zu sehen bekam.

Orion und Kassiopeia, die in einer Flucht mit dem Mond und dem Mars standen, waren dabei, ein Bild zu formen, von dem er vor Jahren einmal in einer chaldäischen Schrift in hebräischer Übersetzung gelesen hatte, einer Schrift, die sich noch in irgendeinem verborgenen Winkel seiner umfangreichen Bibliothek befinden musste.

Kircher erhob sich von seinem Stuhl, ging im Zimmer auf und ab und versuchte sich an den Standort des Buches zu erinnern.

Im Laufe der Zeit und mit der wachsenden Anzahl von Büchern hatte es sich als notwendig erwiesen, die Bände nach einem bestimmten logischen System zu ordnen, das einen leichteren Zugriff auf sie ermöglichte. Er selbst hatte eine sehr nützliche Archivierungsmethode erfunden, die allerdings etwas unkonventionell war und sich von den Systemen der wichtigsten Bibliotheken der Zeit unterschied. Leider war der junge Seminarist, dem die Ordnung seiner Bibliothek anvertraut worden war, vor wenigen Monaten von einem bösartigen Fieber dahingerafft worden, noch ehe er die Arbeit hatte abschließen können, und sein Nachfolger hatte sich der Aufgabe nicht gewachsen gezeigt. Somit musste Kircher jedes Mal, wenn er einen Band brauchte, den er nur selten zurate zog, sich auf sein – zum Glück ausgezeichnetes – Gedächtnis verlassen statt auf das System, das er entwickelt hatte.

Die hebräischen Texte befanden sich im Bereich AB, aber er war nicht sicher, ob das gesuchte Buch dort auch stand, da der Verfasser ein chaldäischer Christ war. Wahrscheinlich hatte der Nachfolger des verstorbenen Bibliothekars es in seiner ärgerlichen Beschränktheit zwischen die zoroastrischen Texte gestellt, von denen viele in hebräischer Sprache abgefasst waren. Und diese standen im Sektor AG.

Konzentriert ließ der Pater seinen Blick über die Rücken der Bände schweifen, als er einen kleinen, sich bewegenden Punkt am Rande des Regals bemerkte.

Sofort wurden seine Hände schweißnass, und sein Atem ging keuchend, während die kleine Spinne über das glatte Holz auf ihr unbekanntes Ziel zuhuschte.

Wie immer versuchte Kircher seine Phobie unter Kontrolle zu bringen, musste dazu jedoch seine gesamte Selbstbeherrschung aufbieten.

Seine Abscheu vor Insekten war ein Geheimnis, das er eifersüchtig hütete und das seinen Ursprung in der fernen Vergangenheit hatte. Er selbst vermied es sorgfältig, den Grund in sein Bewusstsein dringen zu lassen.

Reglos wartete er darauf, dass die Spinne sich entfernte, und beobachtete sie nur aus dem Augenwinkel. Als sie endlich aus seinem Gesichtsfeld verschwunden war, fasste er Mut und konnte die gesuchte Schrift aus dem Regal ziehen.

Er trug sie zum Schreibtisch und blätterte mit immer noch zitternden Fingern darin. Seite für Seite überflog er die eckigen hebräischen Schriftzeichen auf der Suche nach der gewünschten Stelle.

Schließlich fand er die Beschreibung des von ihm vermuteten Phänomens am Beginn eines Kapitels über ungewöhnliche Sternenkonstellationen, einer Art Auflistung von Besonderheiten im Tierkreis, die mit großer Sachkenntnis zusammengestellt worden war.

In dem Kapitel wurde auch erwähnt, dass die chaldäischen Priester der Antike eine Zeit großer Unsicherheit vorausgesagt hatten, wenn Orion und Kassiopeia in dieser speziellen Konjunktion mit dem Mond und dem Mars standen.

Erst wenige Male seit der Erschaffung der Welt hatten Sterne und Planeten sich in dieser eigentümlichen Konstellation befunden, und jedes Mal waren unheilvolle und zerstörerische Ereignisse darauf gefolgt: die Herrschaft Sennacheribs des Zerstörers, die Machtergreifung Kyros’ des Großen und der Feldzug Alexanders in Asien.

Der gelehrte Verfasser des Bandes schrieb, dass die chaldäischen Priester eine solche Konstellation als »Zeitalter des Skorpions« bezeichneten, weil die beiden Hörner der Figur, welche die Himmelskörper am Nachthimmel bildeten, ganz klar den Umriss des giftigen Insekts zeigten, wie man auch der beigefügten Zeichnung entnehmen konnte.

Die Lektüre des Textes und das Betrachten der Zeichnung wirkten wie ein Messerstich in die Brust von Pater Kircher. Auch mit größter Willensanstrengung konnte er seine Gefühle nicht länger beherrschen, und seine Gedanken richteten sich auf längst vergangene Ereignisse, die er für immer tief in sich begraben zu haben gehofft hatte.

Wie zur Bestätigung seiner Ängste, während die Kräfte der Vernunft noch gegen die finstere Macht der Furcht ankämpften, schickte eine Totenglocke ihre Klage in den heiteren Himmel der Hauptstadt der Christenheit.

Halb aus seinen Grübeleien gerissen lauschte Kircher einen Moment lang dem traurigen Geläut. Dann blickte er auf seine Tischuhr und dachte, wie ungewöhnlich ein solcher Klang doch zu dieser frühen Stunde war.

Er stand vom Tisch auf, rannte fast zur Tür und rief mit lauter Stimme nach seinem Diener Fernando, der atemlos herbeigelaufen kam.

»Fernando, hast du diese Glocke gehört?«, fragte Kircher.

»Ja, Pater«, antwortete der Diener, »wie seltsam. Das Geläut scheint von Santa Maria Maggiore zu kommen. Ich verstehe nicht, warum sie dort so früh schon die Glocken läuten. Es muss etwas Schlimmes passiert sein.«

»Ich bitte dich, Fernando, geh hin und sieh nach, was vorgefallen ist. Und komm sofort zurück, um mir Bericht zu erstatten. Na los, geh schon, beeil dich.«

Seufzend machte sich der Diener auf den Weg.

Vom Jesuitenkolleg bis nach Santa Maria Maggiore war es ein ordentlicher Fußmarsch. Der arme Fernando hatte sich aufgrund der Gewohnheiten seines Herrn erst spät hinlegen können und war schon vor dem ersten Hahnenschrei wieder aufgestanden, weshalb ihm ein langer Botengang zusätzlich zu seinen normalen Pflichten nun gar nicht gelegen kam. Andererseits war der Pater ihm immer ein guter Herr gewesen, geduldig und verständnisvoll, auch wenn er in letzter Zeit eine gewisse Gereiztheit bei Verspätungen und anderen Missgeschicken an den Tag legte, an denen manchmal menschliche Schwäche die Schuld trug, manchmal aber auch das Schicksal und damit der unerforschliche Wille Gottes. Alles in allem bedeutete also ein Spaziergang, so lang er auch sein mochte, nicht das Ende der Welt.

Kaum war er auf die Straße getreten, begegnete er dem Karren des Gemüsehändlers, der wie jeden Morgen das Kolleg belieferte. Fernando sagte sich, dass der Mann doch gerade aus der Richtung kam, die er selber würde einschlagen müssen, und dass er von ihm vielleicht etwas erfahren konnte.

»Ja, ich komme gerade von Santa Maria Maggiore«, bestätigte der Händler, »dort hat sich viel Volk versammelt. Offenbar ist in der Kirche ein Mord geschehen, man hat einen Jesuitenpater umgebracht, einen Deutschen, Pater Bartolomeo So wieso… Stolzi, hieß er, glaub ich, ja, Stolzi, Friede seiner Seele.«

Fernando dankte dem Mann, froh, dass der ihm den Weg erspart hatte, und lief schnell wieder die Treppe hinauf, um Pater Kircher über das Geschehen in Kenntnis zu setzen.

Der Jesuit reagierte mit offensichtlicher Bestürzung auf die Nachricht.

»Stolzi… Damit muss Pater Stoltz gemeint sein…« Die Angewohnheit der Römer, die Nachnamen von Fremden zu italianisieren, verärgerte ihn stets aufs Neue. »Bist du sicher, dass das der Name ist? Du hast dich nicht verhört?«

»Nein, ich glaube nicht«, antwortete Fernando. »Es war ein deutscher Geistlicher. Aber was habt Ihr denn, Pater Kircher, fühlt Ihr Euch nicht gut? Habt Ihr ihn gekannt?«

Kircher nickte und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Euch ist nicht wohl, Pater«, stellte der Diener fest, »kann ich etwas für Euch tun?«

»Nein, Fernando. Ich habe nur nicht mit einer so bösen Nachricht gerechnet. Weiß man, wie er umgebracht wurde?«

»Der Gemüsehändler hat es selbst nicht gesehen, aber nach allem, was er gehört hat, ist der Pater wohl enthauptet worden. Wenn Ihr wollt, laufe ich hin und erkundige mich eingehender.«

»Nein, das ist nicht nötig… nicht nötig. Du kannst jetzt gehen. Aber falls du später mehr erfährst, komm zu mir und berichte mir davon. Im Moment brauche ich nichts weiter.«

Verwundert verließ Fernando das Arbeitszimmer seines Herrn, denn der Pater war normalerweise viel zu sehr mit seinen Studien beschäftigt, um sich sonderlich für die Ereignisse in der Stadt zu interessieren. Vielleicht lag es tatsächlich daran, dass er den Toten gekannt hatte.

In diese Überlegungen vertieft bemerkte Fernando den Mann nicht, der vor den Räumen von Pater Kircher wartete, und rempelte ihn beinahe an, als er in Richtung der Unterkünfte der Dienerschaft gehen wollte.

»Pass doch auf, wo du hintrittst!«, schimpfte der Mann, der schnell einen Schritt zur Seite machte, um dem Zusammenstoß mit dem wohlbeleibten Diener zu entgehen.

»Verzeiht, Signore, ich hatte Euch nicht gesehen.«

Fernando musterte den Besucher und kniff dabei die Augen zusammen, um den Blick schärfer zu stellen. Seit einiger Zeit begann sein Augenlicht ihm den einen oder anderen üblen Streich zu spielen.

Teils seiner schlechten Augen, teils des Dämmerlichts wegen, das im Gang herrschte, brauchte er einen Moment, um den Mann wiederzuerkennen.

Dann endlich sah er, dass es sich um diesen lombardischen Maler handelte, der Pater Kircher seit Neuestem öfter in seinem Studierzimmer aufsuchte. Er hieß Giovanni Battista Sacchi, war aber in Künstlerkreisen besser als »Il Fulminacci«, »der Blitzschlag«, bekannt, vermutlich wegen seines aufbrausenden Temperaments.

Er war um die dreißig, nicht sehr groß, aber kräftig gebaut. Sein Gesicht wurde halb von einem Hut mit breiter Krempe verdeckt, an der eine lange Pfauenfeder prangte. Er trug einen gelben Rock, der etwas zu eng geschnitten war für seine massige Gestalt, und hohe Stiefel, die bis übers Knie reichten. An seinem Gürtel, nur teilweise verborgen durch den langen Umhang, hing ein Degen von beachtlichen Ausmaßen.

Der Diener blinzelte in das Gesicht seines Gegenübers, während die dunklen Augen des Malers ihn vor Zorn über diesen Anschlag auf seine Würde durchbohren zu wollen schienen.

Als Erstes fiel an dem Mann eine markante Nase von großzügigen Proportionen auf, unter der ein dichter, pomadisierter Schnurrbart in Henkelform wuchs. Dieser wurde durch einen Spitzbart ergänzt, der das ansonsten recht rundliche Gesicht wohl etwas strecken sollte.

Kurzum, er sah weniger wie ein Künstler aus als wie einer dieser zwielichtigen Hochstapler, die sich zuhauf in Rom herumtrieben.

Zwar versuchte er wie ein Edelmann aufzutreten, doch seine verschlissene, abgetragene Kleidung und die zahlreichen Flicken auf seinem Umhang legten die Vermutung nahe, dass er nicht gerade in Saus und Braus lebte. Zumindest darin entsprach er dem Bild, das man allgemein von einem aufstrebenden Künstler hatte: überheblich und mittellos.

»Ist dein Herr in seinem Zimmer?«, fragte der Maler mit seinem wohlklingenden Bariton.

»Ja, Signore, aber ich glaube nicht…«

»Kein langes Geschwätz, melde ihm, dass Giovanni Battista Sacchi ihn zu sprechen wünscht!«

KAPITEL II

Angesichts dieses herrischen Gebarens brachte Fernando nicht den Mut auf, sich zu widersetzen, denn das hätte sicherlich zu einem heftigen Wortwechsel geführt, und so kehrte er resigniert in das Studierzimmer seines Herrn zurück.

Der Maler bereitete sich indessen darauf vor, von dem berühmten Gelehrten empfangen zu werden, das heißt, er gab seiner äußeren Erscheinung den letzten Schliff, soweit das eben möglich war. Er legte den Umhang ordentlicher um seine breiten Schultern und zupfte an den Falten, damit die Flicken und gestopften Stellen möglichst wenig zu sehen waren. In einem Spiegel an der Wand betrachtete er sich kritisch, setzte den großen Hut noch ein wenig schräger auf und prüfte, ob sein Schnurrbart auch gut saß. Nach diesen Handgriffen warf er einen letzten Blick auf sein Spiegelbild und fand es alles in allem zufriedenstellend.

Er besuchte Pater Kircher bereits geraume Zeit, seit dieser ihn mit einer Reihe von Zeichnungen für eine Veröffentlichung über ägyptische Obelisken beauftragt hatte. In den letzten Jahren herrschte in Rom eine rege Bautätigkeit. Es wurden neue Kirchen, neue Palazzi, neue Sitze für die verschiedenen Kongregationen errichtet, und jedes Mal, wenn die Bauarbeiter alte Gebäude abrissen oder Fundamente für die neuen aushoben, brachten sie Überreste des antiken Rom aus dem Bauch der Erde ans Licht. Schon seit einigen Jahren war aufgrund dieser Funde ein neues Interesse am klassischen Altertum erwacht, und Gelehrte aus ganz Europa eilten herbei, um die Rätsel und Geheimnisse dieser untergegangenen Welt zu ergründen. Das bestgehütete unter den zahlreichen Geheimnissen der antiken Welt war zweifellos das der Hieroglyphen, welche die ägyptischen Obelisken schmückten, und Pater Kircher widmete einen großen Teil seiner Forschungskraft dem Studium und der Entzifferung dieser mysteriösen Schriftzeichen.

Die Interessen des Deutschen beschränkten sich jedoch nicht allein auf das alte Ägypten, sondern erstreckten sich auf so vielfältige Bereiche wie die Metallurgie und die Musik, die Astronomie und die Alchemie, die Vulkanologie und die Optik. Im Laufe eines seiner vielen Gespräche mit dem Jesuiten geschah es denn auch, dass Sacchi ihm die ungewöhnliche Behinderung gestand, unter der er litt, weil er hoffte, dass der Universalgelehrte ein Heilmittel dafür finden könne.

Bereits seit seiner frühen Jugend plagte den Maler ein merkwürdiger Sehfehler. Solange er sich mit kleineren Bildern und Zeichnungen beschäftigte, war seine Sehfähigkeit so gut wie vollkommen, aber sobald er es mit Arbeiten größeren Ausmaßes zu tun hatte, verzerrte sich seine Sicht auf eine Weise, dass man beim Betrachten des fertigen Bildes den Eindruck gewann, die Figuren seien auf unnatürliche Weise in die Länge gezogen, als wäre der Untergrund, auf den sie gemalt worden waren, gedehnt oder gestreckt worden.

Natürlich schränkte ihn dieses Problem bei seiner künstlerischen Tätigkeit stark ein, besonders in einer Zeit, in der vor allem großformatige Gemälde und Fresken verlangt wurden.

Pater Kircher hatte sich an Sacchis Fall interessiert gezeigt und ihm angeboten, ein Paar Augengläser zu entwickeln und von seinen Gehilfen schleifen zu lassen, mit denen er wieder richtig sehen können würde. Er hatte ihm erklärt, dass mehrere Anproben nötig sein würden, um die Konvexität der Gläser Schritt für Schritt anzupassen, bis sie das gewünschte Ergebnis erzielen würden.

Seit einigen Wochen suchte der Maler den Gelehrten daher regelmäßig zu diesen Anproben auf, bei denen Kircher Instrumente verwendete, von deren Existenz Sacchi bislang nicht einmal etwas geahnt hatte. Obwohl er von den optischen Phänomenen, die ihn persönlich betrafen, praktisch nichts verstand, glaubte er, dass die Behebung seines Problems zum Greifen nahe war. Die letzten Gläser, die Kircher ihm zum Probieren gegeben hatte, schienen seinen Sehfehler schon fast vollständig zu korrigieren, und er war zuversichtlich, dass sie bald ein optimales Resultat erzielen würden.

Während der Maler diesen Gedanken nachhing, klopfte der Diener an Kirchers Tür, trat ein und legte seinem Herrn dar, warum er sich erlaubte, ihn in diesem unpassenden Moment zu stören.

»Ach Gott«, sagte der Jesuit, »die Verabredung mit diesem Sacchi hatte ich ganz vergessen. Ich bin jetzt nicht in der Stimmung, ihn zu sehen. Sag ihm, er soll morgen wiederkommen. Ich bin zu erschüttert, ich muss allein sein.«

»Ich fürchte, er wird darauf bestehen, empfangen zu werden, Pater.«

»Das ist mir egal. Denk dir etwas aus. Sag ihm, ich sei krank, ich hätte Fieber. Schick ihn weg.«

Wenig erfreut darüber, dem Maler diese Nachricht überbringen zu müssen, schlich Fernando hinaus und suchte nach einer Erklärung, mit der er nicht den zu erwartenden Zorn auf sich ziehen würde.

Am Ende beschloss er, Sacchi einfach die Wahrheit zu sagen und zu hoffen, dass er die Bestürzung seines Herrn verstehen und sich damit abfinden würde, morgen wiederzukommen.

»Erschüttert?«, platzte der Maler heraus, kaum dass er die Worte des Dieners vernommen hatte. »Von was ist er erschüttert, von der Gnade Gottes?«

»Habt Ihr es nicht gehört?«

»Was gehört, zum Donnerwetter? Red schon, ich bin nicht in der Stimmung zum Rätselraten.«

»Von dem Verbrechen in Santa Maria Maggiore, Signore. Ein Mönch ist ermordet worden, ein deutscher Jesuit. Ich glaube, er war ein Freund von Pater Kircher, auch wenn ich ehrlich gesagt bis heute noch nie von ihm gehört hatte. Es heißt, er sei enthauptet worden.«

»Beim Barte des Teufels, enthauptet? Diese Stadt wird immer gefährlicher. Ich habe ja schon viel gehört, von Dieben, Huren, Betrügern, Teufelsanbetern. Auch von dieser Bande von Straßenräubern auf der Via Appia Antica, direkt vor den Toren Roms. Aber ein enthaupteter Priester in einer Kirche, das ist ein starkes Stück. Er war ein Freund von Kircher, sagst du?«

»Ja, so schien es mir, auch wenn mein Herr es nicht ausdrücklich gesagt hat. Aber er hat zugegeben, ihn gekannt zu haben. Im Vertrauen gesagt habe ich ihn noch nie so verstört gesehen.«

»Das glaube ich gern!«, rief der Maler. »Ein geköpfter Mönch in einer unserer Kirchen. Es ist nicht zu fassen! Ich verstehe seine Bestürzung und kann mir gut vorstellen, dass er jetzt lieber allein sein möchte. Richte ihm meine Ehrerbietung aus und versichere ihm, dass ich ihn nicht mehr stören werde, bis er sich von dem Schrecken erholt hat. Ich werde morgen wiederkommen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.«

Damit machte der Künstler auf dem Absatz kehrt, wobei sein geflickter Mantel um ihn herumschwang, und entfernte sich mit energischen Schritten durch den Flur.

»Ein geköpfter Mönch in einer Kirche«, murmelte er vor sich hin, während er das Collegium Romanum verließ, »es ist nicht zu glauben!«

In der Tat handelte es sich um einen außergewöhnlichen Vorfall, selbst für eine so verdorbene und unsichere Stadt wie Rom. Hier durfte man mit allem Schindluder treiben, musste aber den Klerus unbehelligt lassen, wenn man nicht in Schwierigkeiten so groß wie die Kuppel von Sankt Peter geraten wollte.

Fulminacci beschloss, sich den Ort des Geschehens mit eigenen Augen anzusehen.

In einer Zeit, in der es wenig Zerstreuung für das einfache Volk gab, war eine derartige Sensation durchaus den Fußmarsch nach Santa Maria Maggiore wert. Neben der morbiden Neugier, die solche Bluttaten immer auslösten, hegte der Maler aber auch ein berufliches Interesse. Man hatte schließlich nicht jeden Tag die Gelegenheit, eine echte Enthauptungsszene zu zeichnen, und früher oder später würden ihm die angefertigten Skizzen gewiss von Nutzen sein.

Es war ein strahlend schöner Frühlingstag, wie man ihn nur in Rom genießen konnte.

Der Himmel leuchtete klar und wolkenlos; in der Nacht hatte es geregnet, und jetzt erstrahlten die Häuser, Paläste und Straßen in einem reinen, kristallenen Licht. Die Kontraste zwischen den Bereichen, die im Schatten, und denen, die in der Sonne lagen, waren so scharf, dass sie mit einem Kohlestift gezeichnet zu sein schienen.

Alles duftete nach Sauberkeit.

Der Maler schritt kräftig in Richtung des Esquilinhügels aus, auf dem sich die Kirche erhob. Innerhalb weniger Minuten überquerte er den vom Palazzo Doria beherrschten Platz und erreichte die Kirche Santissimi Apostoli, hinter der man die dicht belaubten Hügel des Parks der Villa Colonna erblickte.

Der schöne Tag hatte alle Römer hinaus auf die Straßen gelockt, die daher noch belebter und überfüllter waren als gewöhnlich. Kinder rannten im Zickzack zwischen den Beinen der Erwachsenen herum und spielten das beliebte Spiel des »Wachtelsprungs«, das der Maler als Kind selbst mit Begeisterung betrieben hatte. In Rom wurde es jedoch etwas anders gespielt, vor allem bestanden die Mannschaften aus Dutzenden von Kindern statt aus nur wenigen wie bei ihm zu Hause. Außerdem legten die Teilnehmer eine Wildheit an den Tag, die in seinen Augen übertrieben war und so weit ging, dass die Sicherheit der Passanten gefährdet wurde.

Mehr als einmal riskierte er es auf seinem Weg, von diesen schreienden Horden umgerannt zu werden. Er reagierte seiner Gewohnheit gemäß jedes Mal äußerst energisch darauf, überhäufte die hohnlachenden Rotzgören mit deftigen Beschimpfungen und teilte hier und da ein paar Fußtritte aus, die zu seiner großen Befriedigung manchmal sogar ihr Ziel trafen.

Das Durcheinander wurde noch dadurch vergrößert, dass ihm aus der anderen Richtung Herden von Schafen und Ziegen entgegenkamen, die von ihren Hirten aus dem Umland auf die vielen, in jedem Stadtteil abgehaltenen Märkte getrieben wurden. An den Straßenrändern boten Bratereistände ihre einfachen, duftenden Gerichte an. Laute Gruppen von jungen Wäscherinnen gingen munter schwatzend auf den Fluss zu und erregten die Aufmerksamkeit des Malers, der sich nicht das Vergnügen versagte, ihnen ein paar anzügliche Scherzworte zuzurufen.

Wie es sich für echte Bewohner Roms gehörte, die genauso flink mit der Zunge wie mit den Händen waren, zeigten sich die Mädchen keineswegs beleidigt oder verlegen über die Worte des jungen Mannes mit dem entschlossenen Auftreten und dem großen Schnurrbart, sondern zahlten es ihm mit gleicher Münze zurück.

Je weiter er die Apostelkirche hinter sich ließ, desto spärlicher wurden die Häuser und machten bald ganz einigen Obst- und Gemüsegärten Platz, in denen man Bauern und Tagelöhner bei der Arbeit sehen konnte. Hier und dort kündete dichtes Strauchwerk von einer dahinterliegenden Villa. Unter den Villen des Viertels war die Villa Aldobrandini gewiss die prächtigste, weshalb der Maler wie immer davor stehen blieb, um ihre harmonische, eindrucksvolle Bauweise zu bewundern.

Es war ein angenehmer Spaziergang, und im Nu, beinahe ehe er sich’s versah, fand sich der Künstler auf dem Platz vor Santa Maria Maggiore wieder.

KAPITEL III

Vor der Basilika hatte sich eine große Menge von Schaulustiggen und Nichtstuern versammelt, die lärmend auf das Hauptportal zudrängten.

Der Maler ließ sich nicht entmutigen. Unter Einsatz seiner Ellbogen gelang es ihm, sich einen Weg durch den Menschenauflauf zu bahnen und in die Kirche zu gelangen.

Drinnen herrschte ein noch größeres Gedränge als draußen. Alles schob und drückte auf die Kapelle im rechten Seitenschiff zu, in der sich das Verbrechen ereignet hatte.

Fulminacci hatte diese Kirche bereits früher besucht, insbesondere, um die prächtigen Mosaiken der von Ponzio entworfenen Cappella Paolina zu studieren, von der er sich zu dem Hintergrund eines seiner Gemälde hatte inspirieren lassen.

Jetzt jedoch musste er sich in die entgegengesetzte Richtung zur Kapelle des heiligen Sakraments vorarbeiten, die Papst Sixtus V. gewidmet und Ende des vergangenen Jahrhunderts fertiggestellt worden war.

Mit großer Mühe schob er sich weiter, aber das Gedränge wurde immer dichter, und trotz seines energischen Rempelns machte er nur wenig Fortschritte. Als er etwa die Hälfte geschafft hatte, stolperte er über den Stab eines Bettlers, der sich wie er zum Ort des Verbrechens durchboxen wollte. Der Maler verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Knie, glitt eine glatte Marmorstufe hinunter und landete hinter dem Sockel einer Statue. Um sich wieder aufzurichten, stützte er sich mit der rechten Hand an dem Sockel ab, wobei seine Halt suchenden Finger sich unwillkürlich um einen runden, kleinen Gegenstand schlossen.

Ein Blick genügte ihm, um zu erkennen, dass es sich um etwas Kostbares handelte, einen schimmernden Stein in einer silbernen, fein ziselierten Fassung. Blitzschnell ließ er das Schmuckstück in seiner Rocktasche verschwinden und hoffte, dass der rechtmäßige Besitzer das heimliche Manöver nicht mitbekommen hatte. Als er sich umblickte, stellte er fest, dass niemand zu ihm hinsah, denn alle Augen waren auf die Kapelle zu seiner Rechten gerichtet. Er würde später noch Zeit und Gelegenheit haben, seinen Fund zu begutachten, wenn er dieses Gewühl erst einmal hinter sich gelassen hatte.

Wieder auf den Beinen, kämpfte er sich weiter durch, bis er endlich eine Stelle erreichte, von der aus er den Tatort überblicken konnte.

Die Leiche lag in der Nähe eines prunkvoll geschmückten Altars und war mit einem Tuch bedeckt, sodass man nur die Füße sehen konnte.

Die Menge wurde mit Müh und Not von einem Dutzend Soldaten in päpstlicher Uniform auf Abstand gehalten, die sich der langen Griffe ihrer Piken bedienten, um dem Ansturm Einhalt zu gebieten.

Neben der sterblichen Hülle des Mönchs bemerkte Fulminacci einen Offizier der Wache, zwei wichtig aussehende Männer in dunkler Kleidung und einen hochrangigen Geistlichen. Sie sprachen verhalten miteinander.

Auf einen Wink des Prälaten hin hob der Offizier einen Zipfel des Tuchs an, damit der Geistliche, der offenbar gerade erst eingetroffen war, die Leiche sehen konnte.

Das Opfer lag mit seitlich ausgebreiteten Armen auf dem Rücken, in einer recht gemessenen Haltung also, wenn man die Umstände seines Dahinscheidens bedachte. Der abgetrennte Kopf war auf seine Brust gesetzt worden. Nach dem vielen, ringsum verspritzten Blut zu urteilen, musste der Leichnam von denjenigen, die als Erste herbeigeeilt waren und ihn gefunden hatten, so hergerichtet worden sein.

Fulminacci holte die provisorische Brille aus der Tasche, die Pater Kircher ihm gegeben hatte, und setzte sie sich auf die Nase, um alles genauer betrachten zu können. Soweit er es aus dieser Entfernung abschätzen konnte, war der tödliche Hieb mit viel Kraft und einer extrem scharfen Klinge ausgeführt worden. Die Ränder der grausigen Wunde wirkten glatt und ebenmäßig, ohne Risse.

Aus einer Tasche an seinem Gürtel zog der Maler einen kleinen Papierblock und einen feinen Kohlestift hervor, um damit die Szene detailgenau abzuzeichnen. Was ihn am meisten interessierte, war der Ausdruck auf dem Gesicht des Toten.

In den Jahren, die er bereits in Rom lebte, hatte er mehreren öffentlichen Enthauptungen von Straßenräubern und Mördern beigewohnt, denn diese Ereignisse kamen ziemlich häufig vor und zogen stets eine große Zuschauermenge an.

In der Mehrheit der Fälle handelte es sich bei den Verurteilten um einfache Männer aus dem Volk, die durch ein armseliges Leben in Elend und Verbrechen verroht waren. Sie hatten meist schon die Leiden einer langen Kerkerhaft hinter sich und mehrere Verhöre unter Folter erlitten, ehe sie vor ihren Henker traten. Man kann sich vorstellen, in welchem Zustand sie das Schafott bestiegen und wie wenig sie folglich als Modell für das Porträt eines heiligen Märtyrers geeignet waren, dessen Antlitz bereits vom göttlichen Licht verklärt wird.

Hier hatte er jedoch erstmals Gelegenheit, einen toten Mönch nach der Natur zu zeichnen, einen vermutlich frommen Mann, dessen Züge ein Altarbild mit einer Szene aus dem Evangelium nicht entstellen würden.

Tatsächlich entsprach das Gesicht des Jesuiten vollkommen den Erwartungen des Malers, auch wenn es selbst in der Totenstarre noch einen gewissen Ausdruck der Überraschung erkennen ließ.

Er arbeitete einige Minuten lang rasch und konzentriert, bis er ein ausreichend wirklichkeitsgetreues Abbild angefertigt hatte.

Als die Skizze fertig war, richtete er seine Aufmerksamkeit erneut auf die Personen, die den entstellten Leichnam umgaben, um nach weiterem Material zu suchen, das er später einmal verwenden konnte.

In der ersten Reihe, unmittelbar vor den Wachen, die das Volk in Schach hielten, bemerkte er sogleich den Bettler, der ihn vorhin zu Fall gebracht hatte.

Im ersten Moment war er versucht, sich zu ihm durchzukämpfen, um ihm die Lektion zu erteilen, die er verdiente. Fulminacci war kein Mann, der gern die andere Wange hinhielt, und die von diesem Elenden erlittene Demütigung ließ das Blut in seinen Adern kochen, aber er machte sich schnell klar, dass es äußerst schwierig sein würde, seinen Widersacher in diesem höllischen Gedränge zu erreichen. Außerdem schien es ihm in Anbetracht der anwesenden Wachen keine gute Idee zu sein, eine Schlägerei anzufangen – noch dazu in einer Kirche und in Gegenwart eines ermordeten Priesters.

Seit er sich in der Hauptstadt der Christenheit aufhielt, war er schon mehrmals einem Trupp solcher Schergen aufgefallen, und nie hatte es sich um eine angenehme Erfahrung gehandelt.

Andererseits konnte er diese Grobheit nicht einfach auf sich sitzen lassen, und da eine sofortige Rache nicht möglich war, beschloss er, den Bettler zu zeichnen, um sich sein Aussehen einzuprägen. Bestimmt würde er bald wieder seinen Weg kreuzen, und dann hoffentlich unter günstigeren Umständen.

Er versuchte, die Gesichtszüge des zerlumpten Individuums besonders genau wiederzugeben, auch wenn sich dieses Unterfangen als überaus schwierig erwies. Der Mann bewegte sich nämlich hektisch durch die Menge, wobei er seinen Stab wie eine Keule schwang und sich umsah, als hätte er etwas verloren. Seine Augen schnellten unablässig hin und her, und seine Miene war aufmerksam und konzentriert, der Mund wild entschlossen zusammengekniffen.

Der Maler sagte sich, dass der Lump wohl nach einem geeigneten Opfer für einen Taschendiebstahl suchte, denn diese Tätigkeit wurde von einer bestimmten Sorte von Bettlern mit großer Geschicklichkeit ausgeübt.

Als er seine Porträtzeichnung beendet hatte, entfernte sich Fulminacci vom Tatort und trieb sich noch ein wenig in dem Getümmel in der großen Basilika herum.

Aus den Gesprächsfetzen, die er hier und da aufschnappte, erfuhr er, dass Pater Bartolomeo Stoltz, Jesuit und erster Bibliothekar der Segnatura Vaticana, der päpstlichen Bibliothek, ein von allen geschätzter Ordensbruder gewesen war, dessen Namen nicht das kleinste Gerücht befleckte.

Allein das war schon ungewöhnlich in einer Zeit, in der die Würdenträger der Kirche eine gewisse Neigung zu, gelinde gesagt, lockeren Sitten zeigten. Bischöfe, Monsignori, erlauchte Kardinäle und andere Kirchenfürsten – alle, die im Leben der Stadt eine größere oder kleinere Rolle spielten, wurden früher oder später in irgendeinen Skandal verwickelt, und wenn eine Schmiergeldaffäre ruchbar wurde, konnte man sicher sein, dass eine Soutane dahintersteckte.

Solche Vorfälle waren ein gefundenes Fressen für das Volk, das sich bei jedem Anzeichen von Unmoral wochenlang, monatelang oder manchmal sogar jahrelang über diesen oder jenen vornehmen Namen das Maul zerriss, sosehr die Machthabenden auch versuchten, dies zu unterbinden.

Über Pater Stoltz hingegen war nie auch nur das Geringste zu hören gewesen.

Fulminacci, der keine Ausnahme bildete, was die Sensationslüsternheit der Leute anging, war denn auch in gewisser Weise enttäuscht, als sich bestätigte, dass Pater Stoltz allem Anschein nach ein untadeliges Leben geführt hatte. Wobei seine Enttäuschung allerdings von Beunruhigung durchsetzt war, denn die Todesumstände des Geistlichen verhießen nichts Gutes.

In der Öffentlichkeit wahrten die Mitglieder der römischen Aristokratie, sowohl die weltlichen als auch die geistlichen, die strengsten und höflichsten Umgangsformen, aber es war kein Geheimnis, dass solche Förmlichkeiten rein äußerlich waren.

Von jeher fochten gegnerische Lager in der Stadt einen gnadenlosen Krieg hinter den Kulissen aus, um an die Macht zu gelangen oder an der Macht zu bleiben. Der Hass saß auf allen Seiten tief, und häufig wurden Skandale von dieser oder jener Partei dazu benutzt, den Gegner in Misskredit zu bringen. Auch hatte es schon oft Gerede über den verdächtigen Tod einer einflussreichen Persönlichkeit gegeben, der nach Meinung von Beobachtern weder dem göttlichen Willen noch dem Lauf der Natur zugeschrieben werden konnte.

Die bevorzugte Waffe war dabei das Gift, wenn man dem, was so gemunkelt wurde, Glauben schenken durfte. Seit Menschengedenken aber war es noch nie vorgekommen, dass ein möglicher Feind auf so offene und brutale Weise unschädlich gemacht worden war.

Diese Dinge wusste der Maler natürlich nur vom Hörensagen, denn seine gesellschaftliche Stellung erlaubte es ihm nicht, in höheren Kreisen zu verkehren.

Wohl aber verkehrte er in den Tavernen, und in den Tavernen wurde viel über solche Dinge geredet.

Wenn ein paar Männer um einen Krug Wein herumsaßen, fand sich immer auch der Diener eines Signor Sowieso oder der Barbier des Kardinals XY, der sich gut informiert über die geheimen Machenschaften und Intrigen im Umfeld der Mächtigen zeigte. Von solchen Leuten erfuhr man von alten und neuen Feindschaften oder von Bündnissen zwischen dieser und jener Familie und dieser und jener Partei.

So inoffiziell diese Informationen auch waren, das einfache Volk wusste doch stets gut Bescheid darüber, wenn in der Politik etwas im Gange war, ganz zu schweigen davon, was in den Schlafgemächern vor sich ging.

Seine Erfahrung nach einigen Jahren in Rom sagte dem Maler, dass es unabsehbare Folgen haben würde, sollte auch nur der Schatten eines Verdachts aufkommen, Pater Stoltz könnte im Zusammenhang mit irgendwelchen politischen Machenschaften ermordet worden sein.

Solche Überlegungen machten den Mord noch mysteriöser.

Wenn man dazu bedachte, dass der Jesuit mit den Intrigenspielen der Mächtigen oder fleischlichen Ausschweifungen offenbar nichts zu tun gehabt hatte, erschien seine Ermordung als ein unlösbares Rätsel.

Nachdem Fulminacci sich davon überzeugt hatte, dass es nichts weiter gab, womit er seine Neugier stillen konnte, verließ er die Kirche.

Während er die breite Treppe hinunterging und dabei den Nachzüglern auswich, die erst jetzt zu dem Spektakel eilten, tastete er seine Jackentasche ab, um sicherzustellen, dass ihm der gerade gefundene Gegenstand in dem Gewühl nicht wieder entwendet worden war.

KAPITEL IV

Fulminacci entfernte sich von Santa Maria Maggiore und ging auf die Stadtmitte zu.

Als er den Hauptplatz des Esquilin hinter sich gelassen und die Obstgärten erreicht hatte, sah er sich nach einem ruhigen Winkel um, wo er seinen kostbaren Fund in Augenschein nehmen konnte.

Er bog von der stark frequentierten Hauptstraße ab und schlug einen von Hecken gesäumten Weg ein, der auf einen kleinen Platz mit einer großen, dicht belaubten Platane in der Mitte führte.

Hier wartete er kurz ab, ob er auch wirklich allein war und niemand hinter ihm den Weg entlangkam, bevor er das Schmuckstück aus der Tasche holte.

Es handelte sich um einen eiförmigen Bernstein von der Größe einer Walnuss in einer Fassung aus massivem Silber, die oben mit einer Öse versehen war, offenbar, um den Stein an einer Kette um den Hals oder am Gürtel tragen zu können.

Die Fassung war zierlich in Form zweier Brombeerranken gearbeitet, die sich um den Bernstein wanden und sich an der Öse mit elegantem Schwung vereinten.

Der Maler hielt das Schmuckstück gegen das Licht und sah, dass ein Insekt darin gefangen war. Mit Bernstein war er schon früher in Kontakt gekommen, denn die Juwelierläden in Mailand boten jede Menge davon an, und ein paarmal war er von einem Goldschmied mit einem Entwurf für eine Fassung beauftragt worden. Noch nie aber war ihm ein so einzigartiges Stück begegnet: In der Mitte des durchsichtigen Harzes konnte man einen winzigen Skorpion erkennen, vollständig erhalten und perfekt konserviert.

Das Schmuckstück war zweifellos sehr wertvoll, und er dachte daran, es Pater Kircher zu bringen, der schon seit vielen Jahren ein Kuriositätenkabinett mit ungewöhnlichen und seltsamen Gegenständen aus aller Welt unterhielt.

Um die Finanzen des Malers stand es dieser Tage nicht zum Besten. Er war zwei Monate mit der Miete im Rückstand, seine Rechnung bei der Osteria, in der er einen großen Teil seiner Mahlzeiten zu sich nahm, belief sich mittlerweile auf eine beträchtliche Summe, und bei drei oder vier zwielichtigen Zeitgenossen hatte er nicht geringe Spielschulden. Kurzum, seine Situation war besorgniserregend, zumal er auf absehbare Zeit keine Einnahmen zu erwarten hatte, mit denen er all diese Schulden begleichen konnte.

Er drehte seinen kostbaren Fund in der Hand und war sicher, vom Pater einen Betrag dafür zu bekommen, der ausreichte, um die offenen Rechnungen zu begleichen. Mehr noch, wenn er sich beim Handeln geschickt genug anstellte, würde er vielleicht eine Zeit lang gar keine Geldsorgen mehr haben.

Er schob das Schmuckstück wieder in die Rocktasche und kehrte auf die Hauptstraße zurück, wo er sogleich den Weg zum Collegium Romanum einschlug.

Es war nicht nur die Aussicht auf einen üppigen Geldsegen, die ihn antrieb. Der kleine Skorpion, der im Innern des Bernsteins zu schwimmen schien, hatte ihn neugierig gemacht. Sosehr er auch seine Fantasie bemühte, konnte er sich doch nicht vorstellen, wie das Insekt in diesen Stein hineingekommen war, und er hoffte, dass Pater Kircher ihm dieses merkwürdige Phänomen erklären würde.

Er brauchte nicht lange bis zum Jesuitenkolleg, denn der Gedanke an eine ebenso ansehnliche wie unerwartete Einnahme verlieh ihm Flügel.

Mit langen Schritten ging er durch den Haupteingang und rannte fast die Treppe hinauf, die zu Kirchers Räumen führte.

Im Korridor wurde er vom Diener Fernando aufgehalten, der gerade in diesem Moment aus dem Schlafzimmer des Geistlichen kam.

»Ich muss mit Pater Kircher sprechen«, sagte der Maler und verlieh seiner Stimme die größtmögliche Autorität, »es geht um eine dringende Angelegenheit.«

»Pater Kircher ist unpässlich, Signore«, antwortete der Diener, »er hat ausdrücklich darum gebeten, nicht gestört zu werden.«

»Ich kann nicht warten«, insistierte Fulminacci. »Wenn er den Grund meines Besuches erfährt, wird er froh sein, mich empfangen zu haben. Geh und melde mich ihm!«

Fernando verstand, dass es keinen Zweck hatte, sich diesem Großmaul zu widersetzen. Sein herrisches, drohendes Verhalten schüchterte ihn jedes Mal aufs Neue ein. Mit einem ergebenen Seufzer kehrte er dem Maler den Rücken, klopfte unterwürfig an die Tür und trat ein.

Pater Kircher saß in seinem Sessel und starrte mit abwesendem Blick in den blauen Himmel. Seine herabhängenden Schultern, die im Schoß gefalteten, bleichen und leicht zitternden Hände, der halb geöffnete Mund – alles an ihm sprach von seinem inneren Aufruhr.

Fernando richtete seinem Herrn den Wunsch des Malers aus und verhehlte auch nicht dessen Beharrlichkeit.

Kircher rieb sich müde die Augen.

»Dieser Mensch gibt nie auf«, sagte er mit leiser Stimme. »Führ ihn herein, Fernando. Da wir ihn anders nicht loswerden, wollen wir wenigstens hören, was er will.«

Sobald er vor dem Pater stand, berichtete Fulminacci, was er im Laufe des Vormittags erlebt hatte, und gab ihm das Schmuckstück.

Kircher wirkte geistesabwesend und nahm es, ohne es anzusehen. Es kostete ihn offenbar eine gewisse Anstrengung, seine Augen auf den schimmernden Bernstein zu richten.

Doch kaum hatte er ihn bewusst betrachtet, veränderte sich seine Haltung vollkommen. Sein vorher schon blasses Gesicht wurde weiß wie die Wand, und er fing an, in seiner Muttersprache zu stammeln: »Mein Gott… mein Gott…«

Wie hypnotisiert starrte der Pater den Gegenstand einen endlosen Augenblick an, dann erschlaffte seine Hand, sodass das Schmuckstück auf den Teppich fiel und ein Stück davonrollte. Kircher wollte sich aus seinem Sessel erheben, aber die Beine gehorchten ihm nicht, und er sank entkräftet in das weiche Polster zurück.

Fulminacci stürzte zu ihm, besorgt und verwirrt über seine Reaktion und voller Angst, ein ernstes Übel könnte den Pater befallen haben.

Die Hände des Jesuiten waren eiskalt, die Lippen bläulich, und sein Atem ging keuchend.

Weil der Maler nicht wusste, wie er sich nützlich machen konnte, rannte er zur Tür und rief nach dem Diener, der in der Nähe geblieben war und sofort herbeieilte.

Umsorgt von Fernando schien Kircher kurz zu sich zu kommen und riss die Augen weit auf, aber sein Blick war glasig.

»Ist es immer noch nicht vorbei?«, murmelte er und fiel wieder in seinen halb bewusstlosen Zustand zurück.

Fernando lief hinaus, um einen Arzt zu rufen, und da dieser ebenfalls der Gesellschaft Jesu angehörte, traf er innerhalb weniger Minuten ein.

Der Arzt schickte den Maler barsch weg und trug Kircher mit Fernandos Hilfe zum Bett. Es vergingen mehrere Minuten, ehe der Pater das Bewusstsein wiedererlangte.

Als Kircher die Augen aufschlug, befand er sich in einem Zustand tiefer Erschöpfung, weshalb der Arzt auf sein ursprüngliches Vorhaben, einen Aderlass vorzunehmen, verzichtete. Stattdessen ließ er einen Kelch mit starkem griechischem Wein aus Monemvassia kommen, dem er ein paar Gewürze hinzufügte, und verabreichte mit Fernandos Unterstützung dem Kranken ein paar Schluck davon.

Der Wein brachte wieder etwas Farbe auf die Wangen des Paters, der sogar die Kraft fand, seinen Helfern zu danken und sie zu bitten, ihn nun ein wenig ruhen zu lassen.

Widerstrebend zogen sich die beiden Männer zurück, ließen die Tür aber halb offen stehen. Fernando würde direkt davor Wache halten und bei Bedarf sofort an das Lager seines Herrn eilen.

Als er allein war, schloss Kircher erschöpft die Augen. Der Wein hatte seinen Körper gewärmt, aber seine Seele war von einer Kälte durchdrungen, die durch nichts gelindert werden konnte.

Es war die Kälte eines Winters vor vielen Jahren, über vierzig mochten es jetzt sein, eines schrecklichen Winters in der jesuitischen Novizenschule von Paderborn in Deutschland, seiner Heimat.

Zu dieser Zeit war er noch ein Student gewesen, kaum mehr als zwanzig Jahre alt, hatte aber bereits den Weg der Erkenntnis und des Wissens beschritten.

Das Leben in der Novizenschule verlief ruhig und geordnet, bestimmt von Studien und Gottesdiensten. Der Lärm des weltlichen Lebens blieb hinter den schützenden Mauern zurück, und nichts schien den Frieden der Gemeinschaft stören zu können.

Bis die klösterliche Stille in einer stürmischen Nacht von einem markerschütternden Schrei zerrissen worden war.

Aufgeschreckt von diesem ungewöhnlichen und schaurigen Laut waren die Novizen in die Korridore geströmt, wo sie ängstlich und verwirrt miteinander tuschelten.

Einer der Patres hatte einen jungen Novizen barbarisch ermordet in seiner Zelle aufgefunden.

Kircher, dessen Zelle sich im selben Flügel des Gebäudes befand, gelangte als einer der Ersten an den Ort der Untat.

Die Leiche lag ausgestreckt auf dem kalten Steinfußboden, das lange Nachthemd war bis zum Oberkörper hochgeschoben, und die nackten Beine waren obszön entblößt. Aber das war nicht das Schlimmste. Jemand brachte eine Laterne, worauf sich den jungen Männern ein Anblick bot, der ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ. Der Leiche fehlte der Kopf, er war in die andere Ecke der Zelle gerollt, wo er mit dem Ausdruck des Entsetzens an die Decke starrte.

Das Blut, das immer noch in Rinnsalen aus dem Hals des Toten floss, bedeckte den Fußboden und sammelte sich zu einer großen Pfütze, die schon fast an den nackten, starren Füßen der umstehenden Novizen leckte.

Furcht und Schrecken loderten in den verstörten Gemütern der jungen Männer auf wie ein Feuer in trockenem Gras, und die Aufsicht führenden Mönche hatten nicht wenig Mühe, die Ordnung wiederherzustellen.

Am nächsten Morgen wurde eine Untersuchung eingeleitet, und alle Schüler wurden danach befragt, ob sie während der Schreckensnacht etwas Außergewöhnliches gehört oder gesehen hätten.

Das Ergebnis war entmutigend.

Niemand wusste etwas Erhellendes zu sagen, denn zum Zeitpunkt des Verbrechens hatten alle tief und fest geschlafen.

Die folgenden Tage vergingen in einem Klima nervösen Misstrauens. Jeder beobachtete seinen Nachbarn und fragte sich, ob der Mitbruder, der bei der Morgenandacht neben ihm saß oder die Abendmahlzeit ihm gegenüber einnahm, am Ende der brutale Mörder war, der das Leben im Novizeninternat erschüttert hatte.

In der Woche darauf wiederholte sich die Tat. Diesmal war das Opfer ein Schüler aus dem Norden des Landes, ein großer, fröhlicher und gutmütiger Junge, der von allen gemocht wurde.

Die Tatumstände waren dieselben. Es wurden keine Spuren gefunden, und keine Zeugenaussage konnte Licht auf diesen zweiten Mord werfen.

In der Novizenschule bildeten sich gegensätzliche Lager, die die Vorfälle unterschiedlich auslegten, und es kam zu heftigen Streitigkeiten, die von den Oberen mit ungewöhnlicher Härte beigelegt wurden.

Um wenigstens einen Anschein von Ordnung aufrechtzuerhalten, ordneten die leitenden Patres nächtliche Patrouillen an, in der Hoffnung, dass eine breite und engmaschige Überwachung des Gebäudes eine Wiederholung der erschütternden Vorfälle verhindern möge.

Es wurden Wachdienste eingeteilt, von denen keiner der Schüler ausgenommen werden durfte. Ihre Runden sollten die ganze Schule abdecken, und die Novizenpaare, welche die Gänge abgehen sollten, wurden durch das Los bestimmt, damit keinerlei Verdacht einer Komplizenschaft aufkommen konnte.

In einer Nacht in der folgenden Woche geschah es, dass Kircher, als er in den stillen, kalten Korridoren auf Patrouille ging, dem Bösen plötzlich Auge in Auge gegenüberstand.

Er war in Gesellschaft seines Zellennachbarn, eines Jünglings aus München von stattlichem Körperbau und munterem Wesen, als sein Kamerad ein unaufschiebbares Bedürfnis verspürte und in Richtung der Latrine verschwand. Auf Kirchers Einwände hin lachte er nur und sagte, dass er doch nur kurz fort sein werde. Kircher starb fast vor Angst bei dem Gedanken, allein in dem dunklen Gang zurückzubleiben, aber um nicht als Feigling zu gelten, fand er sich schließlich damit ab, geduldig auf die Rückkehr seines Kameraden zu warten.

Allerdings wollte er nicht mitten im Korridor stehen bleiben, wo ihn jeder sehen konnte, sondern beschloss, sich in einer Nische zu verkriechen. Es ging ja nur um ein paar Minuten, dachte er.

In der Wandnische stand eine Statue, die einen der Gründer der Novizenschule darstellte und hinter die sich Kircher nun zwängte, sodass er von einem Vorbeigehenden nicht gesehen werden konnte.

Es herrschte eine Eiseskälte im Gang, aber die Nacht war schon weit fortgeschritten, und die Müdigkeit begann die Oberhand über seine Furcht zu gewinnen, sodass er, ohne es zu merken, einnickte.

Kircher hatte keine Ahnung – niemand konnte so etwas ahnen –, was das Schicksal, der Zufall oder für einen Gläubigen wie ihn der Wille des Schöpfers seine schläfrigen Augen kurz darauf erblicken lassen sollte.

KAPITEL V

In dem Dämmerzustand, in dem er sich befand, weder schlafend noch wachend, hörte Kircher die Schreie nicht gleich, die aus einem der Seitengänge zu ihm drangen.

Es dauerte einen Moment, bis er wieder Herr seiner Sinne war. Er schüttelte den Kopf, um sein benebeltes Gehirn klar zu bekommen, und vernahm auf einmal neben dem fernen Lärm der Schreie leise Schritte, die sich näherten.

Weil er dachte, es sei sein Kamerad, der endlich zurückkam, wollte er gerade sein unbequemes Versteck verlassen, konnte sich jedoch kaum bewegen, so steif waren seine Glieder vor Kälte und Reglosigkeit.

Das war sein Glück.

Direkt vor der Nische hielten die Schritte an. Die Beine eines Mannes, die in hohen Stiefeln aus weichem, dunklem Leder steckten, traten in die Einbuchtung und kamen nur eine Handbreit vor seinen weit aufgerissenen Augen zum Stehen.

Der Mann drehte sich ein wenig zur Seite, vermutlich, um den dunklen Korridor überblicken zu können. Auf diese Weise geriet der Saum eines dunklen, aschfarbenen Umhangs in Kirchers Gesichtsfeld und gleich darauf auch das Aufblitzen eines gezückten Schwertes, von dessen Schneide lange Zungen frischen Blutes herabtropften.

Es war ein ungewöhnlich geformtes Schwert, stellte der junge Mönch trotz seiner Todesangst fest, ganz anders als die Waffen der vielen Wachen und Soldaten, die sich in diesen unruhigen Zeiten in den deutschen Städten herumtrieben. Seine Klinge war lang und schmal und sah fast zerbrechlich aus, wäre nicht dieses unheimliche Funkeln gewesen, das von der schwachen Beleuchtung im Gang hervorgerufen wurde.

Der Mann bewegte sich und hob das Schwert ruckartig nach vorn. Er atmete schwer, als wäre er gerade schnell gerannt, und sein Körper dünstete einen starken Schweißgeruch aus. In seiner kauernden Hockstellung konnte Kircher nur seine Beine und den breiten Gürtel erkennen, der um seine Hüften lag.

Durch die Bewegung des Mannes verrutschte der Umhang ein Stück und öffnete sich so weit, dass Kircher rechts an seinem Gürtel einen Gegenstand bemerkte, nur ein paar Zentimeter von seiner steif gefrorenen Nase entfernt.

Jemand musste Fackeln in dem Gang entzündet haben, der rechtwinklig zu diesem verlief, denn es gab auf einmal mehr Licht, das vermutlich von den hohen Fenstern reflektiert wurde.

Der Schein war immer noch schwach, ermöglichte es dem jungen Novizen nun aber, den Gegenstand klar zu erkennen: Es war ein eiförmiger Bernstein in einer Silberfassung.

Plötzlich erstarrte der Fremde und wurde zu einer zweiten Statue, vielleicht, weil er ein Geräusch gehört hatte. Das Pendeln des kleinen Schmuckstücks wurde langsamer und kam schließlich ganz zum Stillstand, sodass der arme Kircher es genauer betrachten konnte.

In der Mitte des Bernsteins schwamm ein schwarzer Skorpion, dessen Schwanz mit dem tödlichen Stachel in einem anmutigen Schwung nach rechts gebogen war.

Gelähmt vor Furcht, aber auch fasziniert von dem Anblick des Insekts verharrte der junge Mönch eine endlos erscheinende Zeit in dieser Position.

Die Schreie ließen allmählich nach. Der Unbekannte sah sich um, trat von der Nische weg und entfernte sich mit schnellen, leisen Schritten durch den Korridor.

Der ganze Zwischenfall hatte wahrscheinlich nur wenige Augenblicke gedauert, die ausreichten, damit der Besitzer des Skorpions Atem holen und beschließen konnte, in welche Richtung er fliehen sollte, aber Kircher war es wie eine Ewigkeit vorgekommen.

Er blieb noch lange reglos dort hocken und wagte kaum zu atmen vor Angst, der Mörder könne zurückkommen und ihn bemerken. Irgendwann traute er sich schließlich, sein Versteck zu verlassen.

Die Stimmen kamen näher, der Lichtschein wurde heller, und kurz darauf lief eine Gruppe von Novizen in heller Panik durch den Gang.

Kircher folgte ihnen und erreichte rennend den Gebäudeflügel, in dem sich bereits eine große Menge von Schülern und Lehrern zusammendrängte.

Er brauchte sich nicht erst nach vorn durchzuschieben und selbst einen Blick auf das Geschehen zu werfen, um zu wissen, was passiert war.

Auf der anderen Seite der geschlossenen Mauer aus Menschen lag die dritte Leiche mit abgetrenntem Kopf, das Hemd bis zu den Schultern hochgeschoben und den Unterkörper der Kälte der Nacht preisgegeben.

Kircher hatte weder den Mut noch die Kraft, jemandem sein schreckliches nächtliches Erlebnis anzuvertrauen. Bei seinem langen Ausharren hinter der Statue hatte er sich verkühlt und sich ein heftiges Fieber zugezogen, weshalb es mehrere Tage dauerte, bis er den normalen Alltag mit seinen Mitbrüdern wieder aufnehmen konnte.

Obschon das Leben in der Novizenschule von Paderborn nach dieser entsetzlichen Mordserie nicht mehr normal genannt werden konnte.

Es wurde eine neue Untersuchung eingeleitet, und die Patrouillen wurden verstärkt und Tag und Nacht eingesetzt. Es herrschte eine Atmosphäre des Verdachts und der Furcht. Niemand fühlte sich mehr sicher.

Als wäre das noch nicht schlimm genug, beschloss die Geschichte, mit Nachdruck an die Tore der Stadt zu klopfen. Herzog Christian von Braunschweig, ein Protestant und erklärter Feind der Papisten im Allgemeinen und der Jesuiten im Besonderen, begann die Stadt mit seinen Söldnern, seinen Kanonen und Arkebusen zu belagern.

Die Situation der Eingeschlossenen wurde bald hoffnungslos.

Auch wenn sie viel Mut und Entschlossenheit bei der verzweifelten Verteidigung ihrer Garnison zeigten, waren sie doch in der Minderzahl, schlecht ausgebildet und noch schlechter bewaffnet.

Ende Januar, als der Fall der Stadt auch bei den tapfersten Kämpfern als sicher galt, gelang Kircher zusammen mit zwei Brüdern die Flucht durch die feindlichen Linien, indem sie sich eine Kampfpause zunutze machten.

Drei Tage und drei Nächte irrten sie durch das verschneite Land, ohne Essen und durch ihre dünne Kleidung nur unzureichend geschützt gegen die Eiseskälte, die ein unablässiger Wind aus den öden Steppen des Ostens herbeiblies.

Gerade als die drei Kameraden völlig entkräftet aufgeben wollten, kam ihnen die Vorsehung in Gestalt eines katholischen Adeligen zu Hilfe und rettete sie.

Später erfuhr Kircher, dass die Flucht aus der inzwischen eroberten Stadt auf abenteuerliche Weise noch weiteren Kommilitonen gelungen war, die sich anschließend in alle Winde zerstreut hatten. Andere, die nicht so viel Glück gehabt hatten, waren von den Truppen des Herzogs gefangen genommen und auf dem Marktplatz aufgeknüpft worden.

Kircher kehrte nie wieder nach Paderborn zurück. Die Wechselfälle des Lebens führten ihn in andere deutsche Städte, nach Österreich, nach Frankreich und schließlich nach Rom.

Seit jenem eisigen Winter waren inzwischen vierundvierzig Jahre vergangen, doch die schreckliche Kälte hatte seine Glieder nie ganz verlassen. Viel schlimmer aber noch war das Bild dieses winzigen Insekts im Bernstein, dieses Skorpions, der auch jetzt noch, nach fast einem halben Jahrhundert, eine makabre Gavotte vor seinen Augen tanzte.

Die Erinnerung war glücklicherweise mit der Zeit verblasst und weniger beängstigend und bedrohlich geworden. Die Albträume, die ihn in den ersten Jahren des Nachts heimgesucht hatten, tauchten allmählich seltener auf und waren irgendwann nur noch sporadische Episoden.

Bis der Maler gekommen war und ihm dieses Bernsteinschmuckstück gezeigt hatte.

Im selben Moment waren die ganze Angst und die ganze Verzweiflung, die sich in einen Winkel seiner Seele zurückgezogen hatten, wieder hervorgetreten, und er war erneut dieser Furcht ohne Namen, ohne Gestalt und ohne Hoffnung zum Opfer gefallen.

Eine Nemesis, die er für immer gebannt zu haben glaubte, meldete sich zurück.

Geschüttelt von Zittern und Frost versuchte er noch nicht einmal, seiner Verstörung mit Vernunft beizukommen oder als Wissenschaftler über den Gegenstand nachzudenken, der aus der fernen Vergangenheit wiederaufgetaucht war. Sein Geist verlor sich auf dunklen Pfaden, die mit düsteren Vorahnungen und Ankündigungen bevorstehenden Unheils gepflastert waren.

Der Skorpion.

Die Sterne hatten ihn nicht belogen.

Das Zeitalter des Skorpions war wieder angebrochen.

KAPITEL VI

Nachdem er das Collegium Romanum verlassen hatte, begab sich Fulminacci zum Stadtteil Trastevere, wo er wohnte, um dort sein Stammlokal aufzusuchen und zu Mittag zu essen.

Pater Kirchers Reaktion auf den Bernstein hatte ihn verblüfft und nachdenklich gemacht. Ein solches Verhalten schien ihm nicht zu der rationalen Distanziertheit des Gelehrten zu passen, die er bisher kennengelernt hatte.

Was ihn stets an Kircher fasziniert hatte, war gerade sein unerschütterlicher Gleichmut gewesen, den er nur aufgab – und auch dann nur zum Teil –, wenn es um wissenschaftliche Experimente, Vermessungen, kosmologische Theorien und anatomische Forschungen ging.

Ihn so aufgewühlt, ja entsetzt zu sehen, enthüllte ihm eine Seite von Kirchers Wesen, die er nie vermutet hätte.

Fulminacci griff auf eine der Binsenweisheiten zurück, die das geistige Erbe der schlichten Gemüter sind, und sagte sich, dass man seine Mitmenschen niemals richtig kannte, auch wenn man noch so lange Umgang mit ihnen hatte. Und sein Umgang mit dem gelehrten Jesuiten konnte weder beständig noch lang anhaltend genannt werden.

In diese Gedanken versunken fand sich der Maler plötzlich vor dem Palazzo Mattei wieder, direkt am Eingang zum Viertel von Sant’Angelo, dem Ghetto von Rom.

Der Anblick der abweisenden Fassade des Palazzos genügte, um ihn in schlechte Laune zu versetzen.

Die Mattei waren seit Jahrhunderten die Wächter des Ghettos; sie hatten die Schlüssel inne, und ihnen oblag die Aufgabe, jeden Abend beim Ave-Maria die Tore des Viertels zu schließen.

Im vergangenen Jahr hatte das Oberhaupt der mächtigen Familie ihn beauftragt, eines dieser Tore mit Fresken zu schmücken, da die ursprüngliche Bemalung schon zweihundert Jahre alt und irreparabel beschädigt war.

Fulminacci hatte sich mit Eifer an die Arbeit gemacht. Seine auf Pappe ausgeführten Entwürfe waren vom Auftraggeber gebilligt worden, und im Laufe weniger Wochen hatte er das Fresko vollendet gehabt.

Als er jedoch den Lohn für seine Arbeit erhalten sollte, war es plötzlich zu Schwierigkeiten gekommen. Nach Meinung des Familienoberhaupts waren die Farben zu leuchtend, die Perspektive fand er verzerrt und die menschlichen Figuren unnatürlich in die Länge gezogen. Kurzum, das alte Problem. Es hatte endlose Debatten gegeben, aber wie immer in solchen Fällen hatten die Adeligen den Sieg davongetragen und ihm am Ende nur die Hälfte der vereinbarten Summe bezahlt.

Wieder einmal hatte die Moral der Epoche triumphiert: Die großen Fische fressen die kleinen.

Es heißt auch, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Neben der finanziellen Einbuße musste der Maler auch noch diesen Lump von Anwalt bezahlen, der seine Sache mit so empörend schlechtem Ausgang vertreten hatte.

Fulminacci unterdrückte mit Mühe die Wut, die jedes Mal in ihm hochkochte, wenn er an diesem Haus vorbeikam, setzte seinen Weg durch die Ottavia–Arkaden fort, wo mit großer Lebhaftigkeit der Fischmarkt abgehalten wurde, und betrat die gewundenen und übel riechenden Gassen des Ghettos.

Die Giudecca, wie die Römer den Stadtteil Sant’Angelo nannten, war das armseligste Viertel der Stadt. Da sie keine unbeweglichen Güter besitzen durften, mussten die Juden in baufälligen Hütten hausen, obwohl die Gemeinde keineswegs Not leidend war. Eine Generation nach der anderen wurden die Familien der Kinder Israels in dicht an dicht stehenden Bruchbuden zusammengepfercht, wofür sie obendrein alles andere als bescheidene Mieten berappen mussten, auch wenn die Stadtoberen in regelmäßigen Abständen versuchten, einen Höchstbetrag festzusetzen.

Diese Zustände wurden noch dadurch verschlimmert, dass das Viertel im niedrigst gelegenen Teil der Stadt lag und die Hütten des jüdischen Ghettos jedes Mal, wenn der Tiber aufgrund starker Regenfälle über die Ufer trat, in den Fluten standen.

Keine angenehme Situation also. Dennoch blühte die Gemeinde, soweit man das trotz der wiederkehrenden Wellen von Antisemitismus sagen konnte, und ging ihren vielfältigen Gewerben und Geschäften nach. Es kam nämlich vor, dass selbst die reichsten und mächtigsten Familien Roms sich wegen eines Kredits an die jüdischen Bankiers wenden mussten, damit sie ihren verschwenderischen Lebensstil fortsetzen konnten.

Diese Überlegungen brachten den Maler auf eine neue Idee, an die er zuerst nicht gedacht hatte, weil er so versessen darauf gewesen war, den Anhänger an Pater Kircher zu verkaufen.

Unter den vielen Geschäften, welche die Juden Roms betrieben, war das florierendste zweifellos die Pfandleihe. Es gab nur wenige Römer, die im Laufe ihres Lebens nicht früher oder später einmal bei einem dieser erdrückend engen Läden anklopften, egal, ob Adelige oder Leute aus dem Volk, Kirchenfürsten oder Fuhrknechte. In der jüngeren Vergangenheit hatten sogar einige Päpste auf die Dienste dieser besonderen Handelsunternehmen zurückgreifen müssen.

Auch der Maler war schon bei mehr als einer Gelegenheit durch diese engen Gassen gestreift und hatte ein Bündel armseligen Inhalts dabeigehabt, für den er ein wenig Bargeld zu bekommen hoffte.

Von den zahlreichen Pfandleihern, die ihre Schaufenster in diesen übervölkerten Straßen aneinanderreihten, erschien ihm Piperno stets als der ehrlichste, weshalb er jetzt auf den winzigen Platz zuhielt, an dem sich dessen Geschäft befand.

Piperno empfing ihn mit dem gewohnten Lächeln und dem rituellen Gruß seiner Religion. Er war ein kleiner, rundlicher Mann, der in seiner liebenswürdigen Art dafür sorgte, dass seine Kunden sich auch unter den nicht eben vergnüglichen Umständen, die sie zu ihm führten, wohlfühlten.

Ohne lange Vorrede zeigte der Maler ihm das Schmuckstück und fragte ihn, ob er daran interessiert sei und wie viel es wert sei. Dabei versäumte Fulminacci es nicht, darauf hinzuweisen, dass der Gegenstand ein altes Familienerbstück sei, von dem er sich nur unter großem Bedauern trenne.

Piperno begutachtete den Anhänger mit großer Aufmerksamkeit und unverkennbarem Interesse, doch als es ans Verhandeln ging, verhielt er sich plötzlich ausweichend.

»Ein ungewöhnliches Stück, keine Frage«, begann er, »allerdings sind die Preise für Bernstein im Moment im Keller, muss ich Euch sagen. Es gibt kaum Nachfrage, versteht Ihr? Ich handele nur selten damit. Im Norden ist der Markt dafür größer. Wenn Ihr nach Mailand oder Venedig gingt, könntet Ihr bestimmt ein gutes Angebot dafür bekommen, aber hier in Rom… Hier werden andere Kostbarkeiten verlangt.«

»Kommt, Piperno, treibt keine Spielchen mit mir. Ihr wisst so gut wie ich, dass dieses Schmuckstück einen Haufen Geld wert ist. In Mailand habe ich für mehrere Goldschmiede gearbeitet, die Fassungen für Bernsteine herstellten, und ich weiß genau, dass es seltene und kostbare Steine sind, die bei den Damen sehr begehrt sind. Versucht nicht, mich übers Ohr zu hauen, sondern macht mir ein vernünftiges Angebot. Ich will nicht gierig erscheinen, aber auch nicht übervorteilt werden!«

»Aber nein, Signore, wo denkt Ihr hin! Es ist nur so, dass ich mit Bernstein nicht viel Erfahrung habe. Ich wüsste nicht, was ich Euch anbieten sollte, vor allem in Anbetracht der Schwierigkeiten, die ich beim Weiterverkauf hätte.«

Das Stirnrunzeln des Malers, dessen geringe Geduld schon beinahe erschöpft war, veranlasste den Pfandleiher, sich auf eine Verzögerungstaktik zu verlegen.

»Ich könnte Euch entgegenkommen, indem ich ein bisschen bei meinen Kollegen herumfrage. Gut möglich, dass einer von ihnen sich mehr für diese Art von Preziosen interessiert. Kommt morgen zwei Stunden vor Sonnenuntergang wieder, dann werde ich sicher Neuigkeiten für Euch haben.«

Wenig überzeugt von der Rede des Mannes verließ Fulminacci den Laden. Piperno kannte sich normalerweise auf jedem Gebiet gut aus, besonders, wenn es um Kunsthandwerk von einigem Wert ging, ob das byzantinische Ikonen waren oder türkischer oder maurischer Schmuck. Es erschien ihm daher höchst fragwürdig, dass der Pfandleiher sich mit der Schätzung eines Schmuckstücks aus Bernstein so schwertat, was ein zugegeben eher seltenes, aber keineswegs unbekanntes Material in der Ewigen Stadt war.

Es musste noch etwas anderes dahinterstecken.

Höchstwahrscheinlich hatte der gewitzte Händler den unschätzbaren Wert des Anhängers erkannt und sich gesagt, dass geringes Interesse zu zeigen die beste Strategie war, um ihn für einen Apfel und ein Ei zu erwerben.

Die alte Geschichte also: In Rom wie in Mailand und vermutlich auch in Prag, Paris oder London durfte ein armer Christenmensch sich nie den Luxus erlauben, in seiner Wachsamkeit nachzulassen, wenn er nicht von irgendeinem Schlaumeier hereingelegt werden wollte.

Deshalb musste er sich nun gut überlegen, welcher Taktik er sich bedienen wollte.

Fulminacci hatte die kleine Piazza noch nicht überquert, als der Pfandleiher Piperno bereits zur Tat schritt. Seine Miene hatte den gewohnten gutmütigen Ausdruck verloren und war ernst vor Sorge, als er an der Treppe, die ins obere Stockwerk führte, nach seinem zwölfjährigen Sohn Aronne rief. In seiner Stimme, die sonst so melodiös war, dass sie fast schon einfältig klang, schwang ein schriller, krächzender Ton mit, der so gar nicht zu seinem Charakter passte.

Aronne kam mit dem Ungestüm der Jugend die enge, steile Treppe hinuntergerannt.

»Aronne, erinnerst du dich an den Mann von heute Vormittag?«, fragte Piperno.

»Ja, Vater, Ihr meint den, der zusammen mit diesen anderen gekommen ist, alle in dunklen Umhängen, nicht wahr?«

»Erinnerst du dich noch, wo er wohnt?«

»Ja, Vater, im Gasthaus zur Gans, dort hinten bei…«

»Ja, ja, genau«, unterbrach ihn sein Vater. »Du musst etwas für mich erledigen. Geh zu dieser Herberge und benachrichtige den Mann, dass jemand gekommen ist, um mir das Schmuckstück anzubieten, über das wir gesprochen haben. Kannst du dir das merken?«

»Ja, Vater, ich soll zur Gans gehen und dem großen alten Mann sagen, dass jemand gekommen ist und dir das Schmuckstück angeboten hat.«

»Sehr gut, und nun lauf. Trödel nicht auf der Straße herum wie sonst, und setz die Kappe mit dem gelben Flicken auf, denn wenn die Wachen einen Juden ohne Erkennungszeichen sehen, kriegen wir Ärger. Und komm gleich wieder zurück, verstanden?«

Der Junge setzte seine Kappe auf und sauste davon wie eine Musketenkugel.

Piperno wischte sich seufzend den Schweiß von der Stirn, obwohl die Temperatur in dem feuchten Laden alles andere als hoch war, und hoffte, dass Aronne seine Sache gut machte.

Die Drohungen, die er erst vor wenigen Stunden von diesem großen, hageren Mann mit einem Gesicht wie eine ausgegrabene Leiche erhalten hatte, jagten ihm immer noch einen Schauer über den Rücken. Sosehr es ihm missfiel, einem Kunden wie dem Maler einen derart bösen Streich zu spielen, wusste er doch nur zu gut, dass er keine andere Wahl hatte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass dieser Fremde mit seiner Eskorte von Galgenvögeln gewiss sämtliche Geschäfte des Ghettos abgeklappert und auch seine Kollegen auf diese unverhohlene Art bedroht hatte. Wenn nicht er, Piperno, ihm die Information gegeben hätte, nach der er so energisch verlangte, hätte es ein anderer getan.

Leben und Besitz eines Juden in Rom hingen von jeher an einem seidenen Faden, auch wenn die Situation sich im Vergleich zum vorigen Jahrhundert verbessert hatte. Kein Einwohner des Ghettos durfte sich erlauben, die Mächtigen gegen sich aufzubringen, denn jeder falsche Schritt konnte mit der Beschlagnahmung seines Eigentums oder gar mit dem Tod bestraft werden.

Auch die Ermordung dieses Geistlichen am Morgen verhieß nichts Gutes. Piperno hoffte, dass der oder die Täter schnell gefasst wurden, da die Schergen sonst einen anderen Sündenbock finden mussten, und die Erfahrung lehrte, dass sie den gern unter den Juden suchten.

Fulminacci hatte unterdessen das Ghetto hinter sich gelassen, die Ponte Fabricio, auch Judenbrücke genannt, überquert und das Gassenlabyrinth des volkstümlichen Viertels Trastevere betreten.

Rom war auch schon zu jener Zeit eine lebhafte und laute Stadt, in der jedes Viertel seine Traditionen und Eigenarten pflegte, aber Trastevere… Trastevere war etwas ganz Besonderes.

Jahr für Jahr fielen Horden von Pilgern aus allen Ecken der Christenheit in Rom ein, manche, um eine Gnade zu erbitten, manche, um ein Gelübde einzulösen, und andere einfach, um die Ewige Stadt zu besichtigen, die Herrscherin eines zweitausendjährigen Reiches.

Fast alle fanden sie in Trastevere eine Unterkunft, wo man zwischen einer schier unglaublichen Vielzahl von Gasthäusern, Tavernen und Osterien für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel wählen konnte. Es gab keine Sprache, die in den wimmelnden Gassen des Viertels nicht zu hören war, und kein Volk, keine Physiognomie und keine Kultur, die nicht angemessen vertreten gewesen wären. Das Gastgewerbe bildete einen blühenden Wirtschaftszweig, und das schon seit vielen Jahrhunderten.

Die Bewohner von Trastevere reagierten auf diese Besucherinvasion mit dem für alle Römer typischen Unternehmungsgeist, weshalb in ihrem Stadtteil ein kosmopolitisches und zugleich volkstümliches Lüftchen wehte und er der lärmendste von allen war.

Das Gasthaus Zum Schwarzen Adler war eines der größten und ältesten am Ort. Stets laut und überfüllt, wurde es von morgens bis nachts von Pilgern, Kaufleuten und Abenteurern aus ganz Europa besucht, dazu natürlich von den Einheimischen, die am Ende ihres Arbeitstages gern dort einkehrten, um einen Krug Wein zu trinken.

Fulminacci nahm seine Mahlzeiten schon seit seiner Ankunft in Rom vor drei Jahren in diesem Lokal ein, weil er die Küche sehr zufriedenstellend fand. Weniger zufrieden dagegen zeigte sich Romoletto, der Wirt, mit dem der Maler in einem endlosen Streit über die Bezahlung seiner Rechnungen lag. Jedes Mal, wenn er in den großen Schankraum kam, wurde er von dem mürrischen Gastwirt mit lauten Beschimpfungen und Geldforderungen empfangen. Der Wortwechsel folgte einem bewährten Schema: Klagen und Vorwürfe auf der einen Seite, Entschuldigungen und Versprechungen auf der anderen.

Doch obgleich diese Querelen sich schon seit Anbeginn seines Aufenthalts in der Stadt abspielten, war ihm sein Kredit bei allem Keifen und Drohen nie endgültig gestrichen worden, wie es in Norditalien längst geschehen wäre. Dort hätte man ihn weniger lebhaft beschimpft und die Angelegenheit ruck, zuck vor dem Schuldgericht geklärt.

Zwar versuchte der Maler im Rahmen seiner Möglichkeiten, seine Schulden zu begleichen, aber das Geld reichte nie aus, und im Rechnungsbuch des Gastwirts war die Spalte der offenen Beträge unter dem Eintrag »Fulminacci« sehr viel länger als die der bezahlten.

Romoletto brüllte, drohte und verfluchte ihn, gab ihm aber weiter zu essen.

Eines der vielen Rätsel von Trastevere.

Auch an diesem Tag war er auf die gewohnte Tirade gefasst, als er die Locanda betrat. Diesmal hatte er jedoch ein Ass im Ärmel, mit dem er den Zorn seines Gläubigers zu besänftigen hoffte. Er würde Romoletto in einen ruhigen Winkel führen, ihm das Schmuckstück zeigen und versprechen, sämtliche offenen Posten zu begleichen, sobald es ihm gelungen war, es zu verkaufen.

Tatsächlich ging der Wirt, kaum hatte er einen Fuß in das Lokal gesetzt, mit der üblichen kämpferischen Haltung auf ihn los, doch die Heftigkeit seiner Wut machte den Maler sprachlos.

In all den Jahren ihrer Zwistigkeiten war der Wirt noch nie handgreiflich geworden. Diesmal jedoch stürmte der untersetzte Mann mit dem dicken Bauch auf ihn zu und wollte ihm mit der eindeutigen Absicht, ihn zu erwürgen, die Hände um den Hals legen.

Trotz seiner Verblüffung über diesen unerwarteten Angriff hatte Fulminacci keine Schwierigkeiten, den Wirt abzuwehren und seine Hände mit eisernem Griff festzuhalten.

Es vergingen einige Minuten, bis sich das Stimmengewirr ringsherum so weit gelegt hatte, dass er verstehen konnte, was Romoletto in seinem Zorn hervorstammelte.

»Du Schuft, du niederträchtiger Mistkerl«, brüllte er mit Schaum vor dem Mund und hervorquellenden Augen, »meine Tochter! Meine arme kleine Tochter!«

»Ganz ruhig, Romoletto, ganz ruhig«, redete der Maler auf ihn ein, »was ist mit deiner Tochter? Drück dich klar aus, mir reißt nämlich gleich der Geduldsfaden!«

»Mein Kind, meine kleine Tochter! Du hast sie zugrunde gerichtet! Sie war eine reine Blume, und du hast sie mir zerstört!«

Fulminacci hielt die Fäuste des Gastwirts weiter fest und sah sich in dem vollen Schankraum um, bis sein Blick auf die Gestalt von Rosetta fiel, Romolettos Tochter, die mit gesenkten Augen und beschämter Miene in einem Eckchen hockte. Eine deutliche Röte färbte ihre blühenden Wangen, sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und erinnerte an eine der vielen Figuren von reuigen Sünderinnen, welche die Fresken in den zahllosen Kirchen der Stadt zierten.

Ein Blitz der Erkenntnis erhellte das Dunkel im Kopf des Künstlers.

Das musste ja früher oder später passieren!

Eine Blume, von wegen! Rosetta war ein mannstolles Weib, wie es im Buche steht! Obwohl sie kaum achtzehn Jahre zählte, rannte sie jedem Paar Stiefel hinterher, das die Wirtschaft betrat. Egal, ob blond, dunkel, groß oder klein, alles kam infrage, solange es dem männlichen Geschlecht angehörte und noch nicht das Alter erreicht hatte, in dem die Natur gewissen Gelüsten Grenzen setzte.

Auch ihn hatte sie ganz unverblümt zu verführen versucht, aber im Bewusstsein der Folgen, die eine solche Schwäche nach sich ziehen würde, hatte er sich gehütet, der zügellosen Wirtstochter nachzugeben, und ab da stets darauf geachtet, dass sich mindestens das halbe Lokal zwischen ihm und ihr befand.

Aus irgendeinem Grund, den er im Moment noch nicht durchschaute, gab das Mädchen nun, da das Malheur geschehen war, trotzdem ihm die Schuld an ihrem Zustand und brachte ihn in größte Verlegenheit.

Mit all seiner Überzeugungskraft versuchte Fulminacci, die ehrenrührige falsche Beschuldigung von sich zu weisen.

»Komm schon, Romoletto, so blind kannst du doch nicht sein! Hast du noch nicht bemerkt, was für ein Weibsbild deine Tochter ist? Zum Teufel, jeder deiner Gäste könnte es gewesen sein. Frag doch mal rum, verdammt noch mal!«

Dieser Verteidigungsversuch erwies sich als nicht besonders geschickt. Die ehrenrührigen Bemerkungen über sein eigen Fleisch und Blut erzürnten den Wirt noch mehr, sodass er sich erneut aus Fulminaccis Griff zu befreien suchte, um über ihn herzufallen.

»Elender Schuft, Verräter«, schäumte Romoletto, der für jeden Appell an die Vernunft taub war, »das wirst du wiedergutmachen. Ich verlange, dass du sie heiratest!«

Bei diesen Worten wurde es Fulminacci ganz anders. Er hatte wahrhaftig schon genug Schwierigkeiten am Hals, ohne sich auch noch lebenslang an eine herrische Nymphomanin binden zu müssen, ganz zu schweigen von seiner natürlichen Abneigung gegen die Ehe.

»Niemals!«, rief er laut und verstärkte seinen Griff um die Hände des Wirts. »Such dir einen anderen Dummen. Ich denke nicht daran, den Sündenbock für das Herumhuren deiner Tochter zu spielen.«

Die anderen Gäste fühlten sich von dem pikanten Wortwechsel gut unterhalten, mischten sich mit Scherzen und Zurufen in das Geschrei der Streithähne ein und ergriffen die Partei des einen oder des anderen. Und wie es häufig an Orten geschieht, an denen der Wein in Strömen fließt und die Zungen löst, brach irgendwann das totale Durcheinander aus, bei dem jeder auf jeden losging.

Mit anderen Worten, es gab eine ordentliche Wirtshausschlägerei.

KAPITEL VII

Fulminacci machte sich das Getümmel zunutze, stieß den kugelrunden Wirt mitten ins dichteste Handgemenge und verdrückte sich. Unter anderen Umständen hätte er, heißblütig wie er war, voller Begeisterung an der Schlägerei teilgenommen, doch mit dem kostbaren Schmuckstück in der Tasche wollte er einen Zusammenstoß mit den Schergen der Wache vermeiden, die unweigerlich eintreffen würden, um den Tumult zu beenden.

Es erschien ihm ratsam, nicht in eine Zwangslage zu geraten, in der er erklären musste, wie ein Hungerleider wie er in den Besitz eines derart wertvollen Gegenstands gekommen war.

Während er davonlief, hörte er noch den Lärm, den die angetrunkene Horde beim Zerschmettern von Bänken und Geschirr machte.

Blieb noch die Frage, warum Rosetta ausgerechnet ihn für ihren Zustand verantwortlich machte, da sie doch aus einer langen Liste tatsächlich infrage kommender Kandidaten wählen konnte. Und vor allem, warum Romoletto, der schließlich kein Naivling war, sich von seiner Tochter diesen Bären hatte aufbinden lassen. Ihm, einem so gewieften Geschäftsmann, konnte doch unmöglich entgangen sein, dass Rosetta es mit dem halben Viertel trieb. Es sei denn…

Es sei denn, diese ganze Szene war von Anfang an eine Farce, die der schlaue Wirt inszeniert hatte, um vor seinen Gästen und den Nachbarn das Gesicht zu wahren.

Als das Unvermeidliche geschehen war, hatten sich Vater und Tochter vermutlich in aller Ruhe zusammengesetzt und nach einigem Überlegen einen Dummkopf ausgemacht, dem sie dieses Kreuz aufladen konnten.

Außerdem beklagte sich Romoletto schon seit Längerem darüber, dass er keinen Sohn hatte, der ihm in der Gaststätte zur Hand ging, und als Fulminacci jetzt darüber nachdachte, fiel ihm ein, dass der Wirt ihm gegenüber mehrfach eine Möglichkeit angedeutet hatte, wie sie beide ihre Probleme auf einen Schlag lösen könnten.

Er schauderte bei dieser Vorstellung.

Dann dachte er daran, dass es schon Mittag vorbei war und er immer noch nichts zu essen bekommen hatte. Bei den anderen Wirtshäusern der Gegend durfte er nicht anschreiben lassen, also beschloss er, zu Pietro Valocchi zu gehen, einem flämischen Maler, der ein guter Freund und Trinkkumpan von ihm war. Er hatte ihn ein paar Wochen lang nicht gesehen, doch am Abend zuvor war ihm bei einer Partie Karten, bei der ihm das Glück nicht hold war, zu Ohren gekommen, dass sein Freund einige Stillleben an einen englischen Kunsthändler verkauft hatte. Was bedeutete, dass Valocchi zur Zeit flüssig war und die Chancen gut standen, ihm eine Mahlzeit abzuschnorren.

Valocchi empfing ihn mit großer Herzlichkeit. Er war bester Laune, weil er bereits einen Krug guten Weins geleert hatte, und bot ihm Brot, Käse, Oliven aus Gaeta und einen Krug vollmundigen umbrischen Roten an.

Der ausgehungerte Maler sprach den festen wie flüssigen Nahrungsmitteln tüchtig zu und lauschte dabei dem Geplauder seines Freundes. Der Flame war in Hochstimmung wegen des guten Geschäfts, das er gemacht hatte, und zeigte sich ausgesprochen optimistisch, was die Zukunft anging.

»Sechs Bilder hab ich dem Engländer verkauft«, sagte er, »und dabei wird es nicht bleiben. Anscheinend besteht in England eine große Nachfrage nach Stillleben. Der Händler hat weitere bei mir in Auftrag gegeben, auch Landschaften. Du solltest ebenfalls solche Sachen malen. Ich kann dich dem Engländer vorstellen. Er bezahlt gut.«

Valocchi wohnte schon seit mehreren Jahren in Rom und sprach ein einfaches, aber verständliches Italienisch. Eigentlich hieß er Pieter Van Loocke, aber das konnte kein Mensch aussprechen, und er hatte nichts gegen die Italianisierung seines Namens einzuwenden.

»Ich male lieber Fresken«, erwiderte Fulminacci zwischen zwei Bissen. »Ein wahrer Künstler sollte wichtige Werke schaffen, die unvergänglich sind. Stillleben bringen Brot auf den Tisch, das stimmt, aber keinen Ruhm ein. Wenn ich anfangen würde, Bilder in Serie zu malen, hätte ich auch gleich in Pavia bleiben und bei meinem Vater als Notar arbeiten können. So etwas ist nichts für mich, ich will Ehre und Bewunderung.«

»Ich glaube, diese Zeiten sind vorbei«, wandte Valocchi ein. »Es gibt immer weniger Aufträge für Fresken, das weißt du selbst. Zu viele Bildhauer heute, zu viele dekorative Tüncher. Der Geschmack hat sich geändert. Es ist kein Platz mehr für große Werke wie die von Michelangelo oder Carracci. Stattdessen gibt es jede Menge reicher Bürger, die schöne Bilder für ihre schönen Häuser wollen. Gute, sichere Arbeit. Voller Bauch, Holz im Kamin.« Lautes Lachen und Schulterklopfen folgten auf diese Rede.

Valocchi war ein einfacher Mensch, der gern aß und guten Wein und Geselligkeit liebte. Er war auch ein guter Maler und besaß eine raffinierte Pinseltechnik. Aber es brannte kein heiliger Funke der Begeisterung in ihm. Neben einem vollen Magen und einer gut gebauten Magd zur Gesellschaft hatte er keine großen Ansprüche, im Gegensatz zu Fulminacci, der von unvergänglichem Ruhm träumte.

»Nein, die guten Zeiten sind nicht vorbei!«, widersprach Fulminacci beinahe wütend. »Wir befinden uns eben in einer Übergangsperiode. Dieser Chigi-Papst ist ein Geizhals, aber wie es aussieht, bleibt er uns nicht mehr lange erhalten. Er hat eine verstopfte Niere und steht mit einem Bein im Grab. Ich bin sicher, dass der nächste Papst die Verwirklichung der großen Pläne der Vergangenheit wiederaufnehmen wird. Es wird reichlich Arbeit und Ehrungen für uns alle geben.«

»Eher Entbehrungen, scheint mir. Die fetten Jahre sind vorbei, der Papst zählt nicht. In Frankreich ist es vielleicht besser, keine Ahnung. Die Spanier jedenfalls sind arm wie die Kirchenmäuse, und in Flandern war Krieg: viel Tod, viel Zerstörung, wenig Geld. In Italien ist es nicht besser. Der nächste Papst wird genauso knauserig sein wie der jetzige oder noch schlimmer. Verleg dich auf Stillleben, sage ich!« Wieder ein grölendes Lachen.

Fulminacci nahm den betonten Pessimismus seines Kollegen nicht mehr so ernst. Sie stritten sich über diese Fragen schon, seit sie sich vor zwei Jahren kennengelernt hatten, und trotz nächtelanger Diskussionen zeigte sich keiner von beiden bereit, einen Schritt von seinen Überzeugungen abzuweichen. Dennoch war Valocchi ein guter Freund, ein Habenichts wie er, und obwohl ihre Meinungen über Kunst so stark auseinandergingen, hatten sie sich in schwierigen Zeiten stets gegenseitig geholfen.

Bald schnitten sie erfreulichere Gesprächsthemen an: die Frauen, das Glücksspiel, den neuesten Klatsch, und so verging der Nachmittag auf angenehmste Weise bei dem einen oder anderen Glas Wein und so mancher pikanten Anekdote. Ohne dass sie es merkten, wurde es Abend.

Während einer der seltenen Unterbrechungen ihrer wortreichen Plauderei erkannte Fulminacci schließlich, dass die Dämmerung heraufzog und es spät geworden war.

Sich nach Sonnenuntergang auf den Heimweg zu machen war nicht ratsam, denn Trupps von Wachen patrouillierten die ganze Nacht durch das Viertel – offiziell, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, Schlägereien aufzulösen und Übeltäter abzuschrecken. Häufig jedoch hielten die Schergen unter dem Vorwand einer Kontrolle harmlose Unglücksraben an, die ihren Weg kreuzten, und missbrauchten ihre Macht, um sie auszurauben. Mit dem kostbaren Schmuckstück im Beutel wollte Fulminacci dieses Risiko nicht eingehen.

Hastig verabschiedete er sich von Valocchi, der ihn zur Tür begleitete, ohne seinen Wortschwall zu unterbrechen, und ihn noch überreden wollte, zum Abendessen zu bleiben.

Es dauerte ein Weilchen, bis Fulminacci ihn so weit hatte, dass er ihn nach Hause gehen ließ. Da er ihm nicht die Wahrheit sagen konnte, erfand er eine komplizierte Geschichte über ein Stelldichein mit einem Dienstmädchen, dessen weibliche Reize er ausführlich beschrieb.

Als er endlich auf die Straße trat, herrschte schon tiefe Dämmerung.

Nach diesem weinseligen Nachmittag war er ziemlich beschwipst, wenn auch weniger als Valocchi, und schlug unsicheren Schritts und leicht torkelnd den Nachhauseweg ein, wobei er sich wiederholt umsah, um sicherzugehen, dass sich keine Wachen in der Nähe aufhielten.

Als er seine Haustür erreichte, war es fast vollständig dunkel, und nur der schwache Schein einer Lampe am Fenster der Erdgeschosswohnung beleuchtete die schmale Gasse.

Der Maler wollte gerade die Treppe hinaufgehen, da spürte er plötzlich einen Stoß an der Schulter. Instinktiv warf er sich zur Seite und wich so seinem Angreifer aus, doch als er sich umdrehte, sah er das Aufblitzen einer gegen seine Halsschlagader geführten Klinge.

Indem er seinen schweren Umhang als Schild benutzte, entzog er sich dem Degenstoß und konnte sein Kurzschwert zücken, mit dem er zum Gegenangriff überging. Er traf sein Ziel zwar nicht, doch der Schlag genügte, um sich den Feind vorerst vom Leib zu halten.

In der dunklen Hausnische, in der er beinahe blind gegen den Unbekannten focht, tauchte plötzlich eine zweite Gestalt auf, die ihn ebenfalls angriff. Zum Glück war der Eingang des alten Hauses sehr eng, sodass Fulminacci nicht von zwei Seiten attackiert werden konnte. Zugleich aber stand auch ihm selbst nur wenig Spielraum zur Verfügung, und er schaffte es nicht, seinen Degen zu ziehen.

Er benutzte seinen Körper als Rammbock und stürzte hinaus auf die Gasse, wo er endlich seinen Degen zücken konnte und auf die beiden Meuchelmörder losging.

Als regelmäßiger Besucher von Tavernen, Bordellen und ähnlich verrufenen Orten war der Maler nicht unerfahren im Gebrauch der Waffen, und er verfügte über ansehnliche Körperkräfte.

Mit dem langen Degen teilte er heftige Hiebe aus und parierte die feindlichen Stöße mit dem Kurzschwert, bis es ihm gelang, einen der Angreifer zu verletzen. Der zog sich fluchend zurück und bediente sich dabei einer Sprache, die Fulminacci nicht verstand. Nun, da es Mann gegen Mann ging, war er sicher, die Oberhand gewinnen zu können, und stürzte sich mit wirbelnden Klingen auf den Fremden, wobei er abwechselnd mit dem Degen und dem Kurzschwert angriff. Sein Gegner war bald im Nachteil und musste vor der Wucht seiner Attacken zurückweichen. Als er mit dem Rücken zur Wand stand, schleuderte er seine Waffe auf Fulminacci, der von dieser unerwarteten Reaktion überrascht wurde und zwei Schritte zurück machte. Das verschaffte dem gedungenen Mörder Zeit, ein Messer aus dem Gürtel zu ziehen und es ebenfalls auf ihn zu werfen. Um nicht getroffen zu werden, musste Fulminacci sich bücken, und das gab den beiden Komplizen Gelegenheit, die Flucht zu ergreifen und in der Gasse zu verschwinden.

Fulminacci folgte ihnen bis zu der Stelle, wo die kleine Gasse in eine größere Straße mündete, doch dann gab er auf. Er war müde, immer noch ein bisschen betrunken und außerdem leicht verletzt.

Keuchend lehnte er sich an eine Mauer und blickte den beiden Gestalten nach, die mit der Dunkelheit verschmolzen. Obwohl er nicht viel erkennen konnte, hatte er den Eindruck, dass sie ärmliche Kleidung trugen, geflickte Mäntel und durchgelaufene Schuhe, die ihnen das typische Aussehen der vielen Bettler auf den Straßen und Plätzen Roms verliehen. Er hatte allerdings noch nie gehört, dass die Bettler sich neben ihren üblichen Geschäften auch mit Raub und Mord beschäftigten, obwohl man in einer Stadt wie Rom mit allem rechnen musste.

Fulminacci konnte sich nicht weiter in diese Überlegungen vertiefen, denn seine Wunden, so oberflächlich sie waren, brannten höllisch. Er musste eine Möglichkeit finden, sie zu behandeln, bevor sie sich entzündeten.

Außerdem musste er einen anderen Schlafplatz für die Nacht finden. Seine eigene Unterkunft erschien ihm nicht länger sicher.

Er beschloss, sich einen Zufluchtsort zu suchen, an dem er bleiben konnte, bis er den Grund für diesen Überfall herausgefunden und dafür gesorgt hatte, dass sich so etwas nicht wiederholte.

Vorsichtig trat er aus der Gasse und ging auf das Tiberufer zu, wo er bei Beatrice unterzukommen hoffte, einer guten Freundin, die ihn schon mehr als einmal aufgenommen hatte, auch mitten in der Nacht.

Beatrice wohnte in einer elenden Hütte direkt hinter der Uferbefestigung, wo sie sich ihren Lebensunterhalt als Wahrsagerin, Kartenlegerin und Heilerin verdiente. Viele hielten sie für ein bisschen verrückt, andere sogar für eine Hexe, aber Fulminacci hatte bei der treuen Freundin immer eine Schulter gefunden, an der er sich ausweinen und sein Schicksal als unverstandener, mittelloser Künstler beklagen konnte.

Er bewegte sich achtsam durch die stillen Gassen und mied die großen Straßen. Zweimal war er gezwungen, sich in einen Hauseingang zu flüchten, um den Wachen auszuweichen. Auf diese Weise musste er Umwege gehen und konnte nicht die kürzeste Strecke nehmen.

Als er bei Beatrice ankam, war es schon tiefe Nacht.

Trotz der späten Stunde öffnete sie sofort auf sein Klopfen und ließ ihn wortlos ein, als hätte sie bereits geahnt, dass er in Schwierigkeiten steckte.

Mit einem dankbaren Lächeln betrat der Maler ihre Wohnung. Der Raum war dunkel und verraucht und mit allen möglichen Gegenständen vollgestopft. Dicke Kräuterbündel hingen zum Trocknen an den geschwärzten Balken der niedrigen Decke, und mehrere Katzen schlichen herum, beschäftigt mit ihren rätselhaften Angelegenheiten.

Beatrice bot ihm einen Schemel an, und nachdem er seinen Umhang und den Rock abgelegt hatte, verarztete sie seine Wunden, wozu sie sich einer wenig vertrauenerweckenden Salbe bediente. Das Mittel war ölig und stank, linderte aber in kürzester Zeit das Brennen. Anschließend verband sie die Schnitte mit langen, dünnen Baumwollstreifen und befestigte die Enden mit Stecknadeln.

»Nichts Ernstes«, bemerkte sie, als sie fertig war. »In ein paar Tagen bist du wie neu. Was war los, wieder eine Tavernenkeilerei?«

Der Maler schüttelte den Kopf und sah sie an. Das schwache Licht und die dichte kupferrote Haarflut, die ihr Gesicht umrahmte, machten es schwierig, ihre Miene zu deuten. Doch Fulminacci kannte sie gut genug, um zu wissen, dass ein sarkastisches Lächeln um ihren Mund spielte.

»Nein«, sagte er. »Keine Rauferei und kein Glücksspiel diesmal. Mir ist etwas Merkwürdiges passiert, etwas ziemlich Beunruhigendes. Hör zu.«

Er erzählte Beatrice von den Vorfällen des Tages, erwähnte aber sicherheitshalber den Bernsteinanhänger nicht. Wenn es um einen Haufen Geld ging, konnte man nie vorsichtig genug sein.

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