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Simon Zawalinski, geboren 1952 in Stettin, lebte zunächst mit seinen Eltern in Polen. Während der antijüdischen Exzesse in den Jahren 1967–1970 emigrierte er nach Israel und von dort in die Bundesrepublik Deutschland, wo er sich in Frankfurt am Main niederließ. Noch in Polen schrieb er als Jugendlicher Gedichte und Erzählungen. In Israel redigierte er mit anderen Mitgliedern eine Kibbuzzeitung, für die er auch regelmäßig schrieb. In Deutschland war er Mitherausgeber und Autor einer polnischen Exilzeitschrift. Von ihm erschienen bereits die Romane »Der Ostpark-Blues« (2010) sowie »Der Schnee von Jerusalem« (2013), die Erzählsammlung »Frankfurter Kioskgeschichten« (2015) sowie das Theaterstück »Der polnische Patient« (2014).

Das Bildnis einer Prinzessin

Danksagung

Ich danke Prof. Dr. Jochen Sander, dem stellvertretenden Leiter des Städel-Museums, für das Überlassen von internen Dokumenten und Forschungsergebnissen betreffend das »Bildnis einer Dame«.

Inhalt

  • Ein fremder Wanderer
  • Eine märchenhafte Begegnung
  • Im Palazzo
  • Ist das ein Traum?
  • Das Werk beginnt
  • Nach Jahrhunderten wieder frei
  • Das Porträt entsteht
  • Die Welt ist voller Überraschungen
  • Ferrara
  • Die Erde ist eine Kugel
  • Das Bildnis wird vollendet
  • Ein fünfhundertjähriger Teenager in der Moderne
  • Verwirrung der Gefühle
  • Im Rausch der Erinnerungen
  • Wenn der Kopf dem Ruf des Herzens folgt
  • Nicht verloren in der Moderne
  • Das Bildnis einer nackten Schönheit
  • Rosa Amalia erinnert sich
  • Wenn Träume zu Schäumen werden
  • Das Leben ist schön und kurz
  • Der Schatten eines großen Ereignisses
  • Eine lange Nacht beginnt
  • Auf nach Bologna
  • Die Prinzessin erzählt
  • Trauer und Vorfreude im Hause Bentivoglio
  • Rosa Amalias Lebensweg
  • Das große Ereignis wirft seinen Schatten
  • Die Ereignisse aus der Sicht einer Dame
  • Das Fest der Krönung
  • Die Zeit verrinnt
  • Ein epochales Ereignis
  • Alles Gute geht zu Ende
  • Arrivederci Bologna
  • Epilog

Ein fremder Wanderer

Der Palazzo Bentivoglio lag an einer Anhöhe auf dem Weg nach Bologna. Umringt von Zitronen- und Eukalyptusbäumen sah man schon von ferne die zwei Türme des Bauwerks in den blauen Himmel ragen. Der Weg war nur unzureichend mit Steinen gepflastert, und so begleitete eine kaum wahrnehmbare Staubwolke den einsamen Wanderer, der inmitten der paradiesischen Landschaft langsam in Richtung des Palazzos schritt. Er hatte an diesem Tag das Städtchen Malalbergo verlassen, den Canale della Botte überquert und schließlich den Weg zum Castel San Federico genommen, hinter dem sich der Palazzo Bentivoglio befand. Vor einer Woche hatte er die Stadt Ferrara verlassen mit der berechtigten Hoffnung, in einigen Wochen die alte Universitätsstadt Bologna zu erreichen. In der an Flora und Fauna reichen Region Emilia-Romagna, in welcher er sich befand, war er unterwegs Füchsen, Rehen, Wildschweinen und sogar einem Wolf begegnet. Zum Glück für den Reisenden war dieser aber nicht bereit gewesen dem Menschen zu folgen und hatte bereitwillig auf mögliche Beute verzichtet.

Eine bunte Blumenpracht erfreute den Wanderer. Orchideen, Akelei, Rosen und Lilien wuchsen am Wegrand. Er trug einen Koffer an einem Riemen über der Schulter mit sich, damit er die Hände für seine Malutensilien frei hatte. In der linken Hand hielt er ein Köfferchen, das verschiedene Farben und Pinsel enthielt, und mit der rechten trug er eine große, sperrige Staffelei. Der Mann war ein sehr aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt, ausgestattet mit einem besonderen Sinn für die Schönheit der Natur. Dazu gesellte sich ein unglaubliches Erinnerungsvermögen. Mit einem Funkeln in den Augen betrachtete er den einmaligen Zauber dieser Gegend. Die Poesie war hier überall spürbar: arkadenumsäumte Plätze, kleine Kirchen, die auf einer Straße der Provinz wie aus dem Nichts auftauchten, landschaftliche Details, die eine einmalige Faszination auf den Betrachter ausübten. Fast überall stieß man auf historische Wurzeln und feudale Bauwerke. Unser Reisender war mit einer künstlerischen Ader ausgestattet, die ihm erlaubte, Dinge zu sehen, an denen ein Normalsterblicher achtlos vorüberging.

Er hatte außerdem die besondere Gastfreundschaft, Warmherzigkeit und Offenheit der hier lebenden Menschen erfahren. Dem Gastwirt Gianluca in Ferrara hatte er ein Porträt gemalt, das dem Wirt so gut gefiel, dass er auf die Bezahlung für Unterkunft und Bewirtung großzügig verzichtete. Dem Wandernden gefielen diese Menschen, die häufig und mit großer Freude und schöner Musik Feste veranstalteten. Er machte gerne bei solchen Feierlichkeiten mit. Einmal, in Gallo, hatte er mit der schönen Isabella fast die ganze Nacht hindurch getanzt. Auch sie bekam von ihm ein Porträt geschenkt. Sie fand das sehr rührend und dankte ihm in der nächsten Nacht. An Isabella erinnerte er sich gerne, die schwarzhaarige Schönheit hatte es ihm angetan. Der Abschied von ihr war lang und nicht ohne Tränen. Aber er musste weiter. Wenn man sich Ziele gesetzt hat, muss man sie auch verfolgen.

Sein Ziel war Bologna, und diesem war sein ganzes Tun und Wirken untergeordnet. Da er permanent Geldmangel litt, musste er seine Reise zu Fuß absolvieren und konnte nur hoffen, von irgendeinem Fuhrmann mitgenommen zu werden. Bauern ließen ihn oft auf ihren primitiven Fuhrwerken bis zum nächsten Dorf mitfahren, einmal war es ein Postkutscher, der ihn ein Stückchen mitnahm. Er genoss den Aufenthalt in der Natur. In der hoch am wolkenlosen Himmel stehenden Sonne sah er eine vitale Kraft, die der Natur ihre ganze Schönheit verlieh. Und er dankte Gott, dem Schöpfer, der das alles erschaffen hatte, die Sonne und den Himmel, die Erde und das ganze Universum. Der Glaube war ihm sehr wichtig, er verlieh ihm Sicherheit und stärkte sein Selbstvertrauen. Er war davon überzeugt, mit seiner Reise nach Bologna den Willen Gottes zu befolgen. Denn eines Tages hatte er in der Kirche seines Heimatortes eine Predigt gehört, die ihn sehr beeindruckt hatte. Es war, als würde der Allmächtige durch die Worte des Predigers zu ihm sprechen. Die Liebe zu Gott erschien ihm seither das Wichtigste im Leben, der Glaube das höchste menschliche Gut. Das half ihm in schweren Stunden, machte Hoffnung für die Zukunft und die Gegenwart erträglich.

Wann genau er beschlossen hatte, seiner alten Heimat den Rücken zu kehren, konnte er nicht mehr sagen. Sein Traum war es, die Gotteshäuser zu gestalten, Heiligenbilder zu malen und dadurch dem Klerus so nahe wie möglich zu sein. Schon als kleines Kind wollte er in den Dienst der Kirche treten. Die heilige Stille der Kirchengebäude verleitete ihn zu innerer Einkehr. Er liebte das Alleinsein in den großen Häusern, die man für die Gläubigen erbaut hatte. Dort konnte er ungestört mit seinem Gott sprechen, dem Allmächtigen sein Herz öffnen, ihm seine Sorgen und Träume darlegen. In der Kirche seines Heimatortes, an der Zenne gelegen, war er sogar eine Zeit lang Messdiener gewesen. Dies waren wohl die glücklichsten Augenblicke seiner Jugendzeit. Aber die Zeit bleibt nicht stehen. Seine Kindheit schien ihm jetzt in weite Ferne gerückt, die Erinnerung an seinen Heimatort verblasste. Doch er dachte gerne daran zurück. Der Vater, ein gottesfürchtiger Mann, war streng, aber gerecht gewesen, die Mutter gütig und verständnisvoll.

Bevor er in Ferrara angekommen war, hatte er einige Wochen in Padua verbracht, wo er bei den reichen Honoratioren der Stadt einige seiner Bilder verkaufen konnte. Es waren meist Graphiken, die er auf seinem langen Weg nach Italien gemalt hatte. In Abano Terme und Rovigo verdiente er sich Kost und Logis durch Dekorationen für die Volksfestauftritte von Sängern. Mit seiner ausgeprägten Fantasie, seinem Einfallsreichtum und seinem künstlerischen Talent schuf er Ausstattungen, die ihm viel Beifall und vor allem ein bisschen Geld einbrachten. Der Weg nach Bologna war aber noch weit. Dort wollte er die Thronbesteigung Karls V. erleben. Er hoffte sogar, durch seine künstlerische Begabung vielleicht den dekorativen Rahmen dieses einmaligen Festes mitgestalten zu können. Aber das war nur Wunschdenken, einer dieser Träume, die nur schwer zu verwirklichen waren. Eigentlich war Rom sein endgültiges Ziel, er wollte zum Papst, in den Vatikan.

Italien zog viele Künstlerseelen aus ganz Europa in seinen Bann. Florenz, Genua, Venedig, Bologna oder Rom waren der Inbegriff eines anderen Lebens, der freien Entfaltung der schönen Künste. Die mächtigen Familien, die in diesen Stadtstaaten regierten, machten zuallererst sich selbst und danach auch ihre Umgebung reich und beeinflussten die Politik des ganzen Landes. Oft traten die Städte und die in ihrem Hintergrund stehenden Familien in einen Wettbewerb miteinander: Wer baute die größten Kirchen und die schönsten Palazzi, wer verfügte über die prächtigsten Kunstwerke? Hier entbrannte ein regelrechter Wettstreit, und alle Künstler, die sich einen Namen machen wollten, kamen in diese Städte, um sich mit den Besten ihrer Zunft zu messen. Viele nahmen die alten Meisterwerke der Antike als Modell für ihre eigene Kunst. Auch er hatte seine Vorbilder, richtete sich nach Michelangelo, Raffael und Donatello. Er hatte zwar Talent, aber diesen Meistern konnte er noch nicht das Wasser reichen.

Der Wanderer setzte sich in das Gras am Wegrand, um eine kurze Rast einzulegen. Der Palazzo sah von weitem sehr majestätisch aus. Die Türme glänzten in der Sonne, es schien, als ob eine goldene Wolke das Anwesen umhüllte. Kurz entschlossen stellte der Fremde seine Staffelei auf, nahm die Malutensilien aus der Tasche und begann zu zeichnen. Zunächst zögerlich, dann mit immer sichereren Bewegungen malte er das Traumbild des Palazzos mit einem blaugoldenen Himmel, der sich am fernen Horizont mit dem verblassten Grün der Erde vereinigte. Als er sein Werk vollendet hatte, betrachtete er das Panorama dieser einmalig schönen Gegend und genoss die Idylle. Er saß regungslos in der Sonne und ließ die Natur auf sich wirken. Vögel zwitscherten in den Bäumen, auf dem Feld sah er spielende Hasen, die im hohen Gras kecke Kunststücke veranstalteten, und ein Gefühl des reinen Glücks übermannte den Künstler. Langsam verstaute er seine Malgegenstände und die Zeichnung in der Tasche, nahm die Staffelei in die Hand und machte sich wieder auf den Weg zum Palazzo.

Dessen Name, Bentivoglio, war dem jungen Mann nicht geläufig. Überhaupt kannte er sich nur ungenügend mit der italienischen Geschichte aus und auch an der politischen Gegenwart seines Gastlandes hatte er wenig Interesse. Ihm imponierten die Kirchenmalerei, die Architektur und die kulturellen Errungenschaften des Landes, er bewunderte seine Schönheit und die Gottesfurcht der hier lebenden Menschen. Auch in seiner Heimat glaubten die Bewohner an die göttliche Macht, aber hier war man dem Allmächtigen besonders nahe, das spürte er.

Plötzlich hörte er Pferde schnauben und schon standen zwei berittene Soldaten vor ihm. Nach dem ersten Blick befand er, dass diese eher friedliche Absichten hegten, und so begrüßte er sie in holprigem Italienisch: »Seid gegrüßt. Ich bin Künstler und würde gerne den Schlossherrn malen. Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs, denn ich komme aus einem fernen Land nördlich des Euren und war bereits in Ferrara, Padua und Verona. Mein Ziel ist Bologna.«

Die Reiter musterten ihn gründlich und schienen sich zu beraten, indem sie kurze Redewendungen benutzten, die der Künstler nicht verstand. Schließlich stieg einer der beiden vom Pferd und wandte sich an den Reisenden. »Könnt Ihr uns zeigen, was Ihr gemalt habt?«

Der Künstler legte sein Gepäck auf die Erde und zog eine Rolle aus der Tasche. Er legte die Blätter neben sich auf das Gras und lud die Männer ein, sich die Bilder anzuschauen. Jetzt sprang auch der zweite Reiter vom Pferd und gesellte sich zu seinem Kameraden. Obwohl die beiden nicht viel Ahnung von Kunst hatten, gefielen ihnen die Landschaftsbilder und die Porträts. Der Maler nahm noch ein Stück Papier heraus und legte es behutsam neben die anderen Bilder. »Das habe ich soeben gezeichnet«, erklärte er.

Die beiden beugten sich interessiert über die Zeichnung und beschlossen dann, dass der Maler zum Schlossherrn vorgelassen werden durfte. Sie ritten voraus, um den Gast anzukündigen. Als der Wanderer endlich sein Ziel erreichte, wurde er also schon erwartet. Man führte ihn in einen Empfangsraum, wo er auf einem mit dunkelrotem Samt bezogenen Stuhl Platz nahm. Während er auf seinen Gastgeber wartete, schaute er sich interessiert um. Vor den beiden Rundbogenfenstern bauschten sich weiße Gardinen. An den Wänden hingen drei Gemälde. Eines zeigte ein Stillleben, das zweite eine Winterlandschaft in den Bergen und auf dem dritten Bild waren drei junge Damen in einem botanischen Garten während eines verregneten Tages abgebildet. Die Decke des Raumes war mit verschiedenen Ornamenten verziert. Durch das halb geöffnete Fenster drang frische Luft in das Innere und auch die Sonne sandte ihre goldenen Strahlen durch die Gardinen.

Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Diener verkündete das Erscheinen von Bartolomeo Bentivoglio, dem Herrn des Palazzos. Dieser war ein mittelgroßer schlanker Mann, gekleidet in ein rotes Gewand und eine ebenfalls rote Kopfbedeckung. Dem Maler entging nicht die kostspielige Beschaffenheit des Stoffes, das Gewand war aus reinem Seidendamast gefertigt. Zur Noblesse und Eleganz der Erscheinung trug die bis unter das Kinn reichende Knopfleiste mit ihren konisch geformten altgoldenen Knöpfen bei. Der Künstler erhob sich und verbeugte sich vor seinem Gegenüber.

»Ihr seid also der Maler«, lächelte der Adlige und bat seinen Gast mit einer Handbewegung, wieder Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich auf ein Sofa und kreuzte die Beine. Dadurch kamen die feinen Pantoletten zum Vorschein, deren karminrote Farbe perfekt zur restlichen Garderobe passte. »Was führt Euch in unseren Palazzo?«, fragte er den Fremden.

»Herr, ich bin unterwegs nach Rom, aber vorerst will ich nach Bologna.«

»Warum ausgerechnet Bologna?«, interessierte sich Don Bartolomeo.

»Es ist eine berühmte Stadt mit einer namhaften Universität und es gibt dort viele Kunstwerke, die ich mir gerne anschauen möchte. Großartige Maler und Bildhauer haben in den Gotteshäusern Werke geschaffen, von denen man auch bei uns spricht, da wo ich herkomme.«

»Und wo kommt Ihr her?«

Der Maler verbesserte seine Sitzhaltung auf dem Stuhl. »Ich bin aus dem Westen Europas, aus Flandern, einer Gegend in den Niederlanden. Früher gehörten wir zum Herzogtum Brabant, den Burgundern. Meine Heimatstadt heißt Brüssel, dort habe ich mein Handwerk gelernt. Mein Name ist Pietro. In meiner Heimat heiße ich Pieter, Pieter de Kempeneer.«

»Das interessiert mich. Bitte erzählt mir mehr von Euch und Eurer Kunst.«

Der Maler lächelte etwas unsicher und begann dann: »Ich bin, wie schon gesagt, in Brüssel geboren. Mein Vater war ebenfalls Maler, ich bin sozusagen in seine Fußstapfen getreten. In unserer Familie gab es Maler, Bildhauer, Teppichwirker und Goldschmiede. Ausgebildet wurde ich in der Werkstatt von Bernard van Orley. Ich habe auch Teppiche geknüpft und in einer kleinen Kirche auf dem Land Heiligenbilder gemalt.«

»Meine Leute haben Eure Bilder sehr gelobt, ich würde mir diese gern anschauen. Würdet Ihr sie mir zeigen?«, bat Don Bartolomeo.

Pietro stand auf, nahm seine Bilder aus der Tasche und legte sie vor seinem Gastgeber aus. Dieser betrachtete sie lange und intensiv, er zeigte Interesse und auch große Fachkenntnis. Er diskutierte über Schattierungen, Perspektiven, Pinseleigenschaften, Maltechniken und Leinenstärken mit dem Kunstschaffenden, der sich insgeheim über den Kunstsachverstand seines Gegenübers wunderte.

Die ausgelegten Arbeiten gefielen dem Adligen und er äußerte sich sehr anerkennend. »In Euren Werken erkennt man Talent und Hingabe, von Euch können wir noch einiges erwarten. Ihr habt ein bemerkenswertes Geschick für Porträts, aber auch für Landschaften. So wie Francesco, der hier gerade Francescas Bildnis malt. Es ist jedoch noch nicht ganz fertig.« Als er sah, dass der junge Mann seinen Ausführungen nicht folgen konnte, erklärte er, dass Francesco, ein in dieser Gegend bekannter Künstler und Fachkollege von Pietro, in Viadana in der Kirche San Giovanni die Dekoration der Bogenlaibungen dreier Seitenkapellen angefertigt habe. Von überall habe es Lob und Anerkennung für diese Arbeit gegeben. Francesca wiederum sei seine ältere Tochter und habe dem Maler Modell gestanden. Nun werde er darüber nachdenken, ihn, Pietro, vielleicht mit dem Porträt seiner jüngeren Tochter zu beauftragen.

Damit beendete Don Bartolomeo die Audienz und ließ seinen Gast überrascht und hoch erfreut zurück.

Eine märchenhafte Begegnung

Eines Tages beschloss ich, dem Frankfurter Städel-Museum einen Besuch abzustatten. Das Städel ist ein Kunstmuseum am Frankfurter Museumsufer, das von dem Bankier Johann F. Städel gestiftet wurde. Ich hatte vor, einige der Gemälde, die dort ausgestellt sind, auf mich wirken zu lassen. Der Mensch braucht ab und zu einen Hauch Kultur und das Betrachten von Bildern wirkt entspannend und lässt uns träumen. Auch ich lasse gerne mal meine Fantasie arbeiten und entschwinde dann dem grauen Alltag. Es ist wie ein Traumzustand, der oft unverhofft einfach da ist. Und so plötzlich, wie er kommt, geht er auch zu Ende. Dann bleibt häufig ein sonderbares Gefühl und auch ein wenig Trauer und Wehmut, denn das Märchen ist zu Ende und die harte Realität ist zurück.

Als ich das Museum erreichte, begrüßte mich eine lange Schlange kulturbegieriger Menschen, die ebenfalls die dort ausgestellten Kunstschätze bewundern wollten. Meiner Lust auf die bildenden Künste tat das keinen Abbruch, diszipliniert stellte ich mich in die Reihe. In der goldenen Umhüllung der Sonne wirkte das Museumsgebäude wie ein Märchenschloss am Meeresstrand. Endlich bewegte sich die Menschenschlange und schließlich hielt ich meine Eintrittskarte in der Hand. Jetzt stand mir die Welt der Kunst offen und einer Begegnung mit den Werken der großen Künstler nichts mehr im Weg. Ich besuchte zunächst die Meister der mittelalterlichen Kunst. Die Italiener hatten es mir angetan. Ich bewunderte die Gemälde von Barnaba da Modena, Bartolomeo Bulgarini und Meo da Siena, die geprägt sind von der Religiosität der Künstler und ihrer Umgebung. Dann begab ich mich auf einen Rundgang quer durch alle Abteilungen des Museums. Meine Wanderung führte mich zu den verschiedensten Kunstepochen und Stilrichtungen mit den jeweiligen Meistern ihres Faches.

Schließlich ließ ich bei einer Tasse Kaffee im Städel-Café das Gesehene Revue passieren. Ich war gerade dabei, den überwältigenden Eindruck, den die vielen Werke bei mir hinterlassen hatten, zu verarbeiten, als ich eine Dame am Nachbartisch erblickte, die in einem Bildband mit »Meisterwerken der Renaissance« blätterte. Sie sah gut aus und schien Interesse an der Malerei dieser Epoche zu haben, was in mir den Entschluss reifen ließ, sie näher kennenlernen zu wollen. Ich erhoffte mir ein interessantes Gespräch und eine nette Begegnung. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging mit meinem Kaffee zu ihrem Tisch. Konsterniert schaute sie mich an und legte ihr dickes Buch beiseite.

»Interessieren Sie sich für die Maler der Renaissance?«, fragte ich und zeigte auf das Buch.

Die Dame betrachtete mich skeptisch. »Unter anderem«, erwiderte sie zurückhaltend.

»Ich teile dieses Interesse, insbesondere begeistere ich mich für die italienischen Maler.«

»Ach ja?«

Ich erkannte, dass die Angesprochene entweder von Natur aus wortkarg war oder auf die Unterhaltung mit mir keinen Wert legte. Um den einseitigen Dialog aufrechtzuerhalten und mir eine letzte Chance zu geben, entschloss ich mich, gleich die schwerste Kanone aus meinem Arsenal abzufeuern. »Ich bin sicher, Sie bei der Lesung meines letzten Buches im Literaturhaus gesehen zu haben. Interessieren Sie sich auch für Literatur?«

Eine kleine Wirkung brachte dieser Kanonenschuss, immerhin schaute sie mich jetzt genauer an. »Das schon, aber ich war noch nie bei einer Lesung im Literaturhaus.«

Sie konnte also doch mehr als zwei Worte sagen! »Dann vielleicht in der Romanfabrik oder in einer Buchhandlung?«, hakte ich nach.

»Ich habe zwar schon einige Autorenlesungen besucht, aber Sie habe ich noch nie gesehen. Was haben Sie denn Interessantes geschrieben?«

Endlich, sie hatte den Köder geschluckt, der Schuss hatte doch gesessen! Ich nannte ihr den Titel meines letzten Buches.

»Das ist von Ihnen?«, fragte sie erstaunt.

»Um ehrlich zu sein – ja.«

»Dann kann ich Ihnen nur zu diesem Buch gratulieren. Ich habe es mit Interesse gelesen, es hat mir sehr gefallen.«

»Das freut mich sehr.« Jetzt war ich wortkarg, während ihre Sätze dagegen immer länger wurden.

»Eigentlich haben Sie die Hauptpersonen Ihres Romans etwas zu schemenhaft gezeichnet. Mir fehlte eine ausführlichere Beschreibung ihrer Gedankengänge und ihrer Gefühle.«

»Ich mag keine zu genaue Darstellung, die nichts mehr der Fantasie des Lesers überlässt. Aber die seelischen Zustände und die Gemütsverfassungen der handelnden Personen werden von mir sehr wohl beschrieben, das ist doch die Aufgabe, ja die Pflicht eines jeden Schreibenden. Es ist doch wichtig, dass der Leser nachvollziehen kann, was die Helden denken und wie es dazu kommt, dass sie handeln wie sie handeln.«

»Da haben sie jetzt aber ausgeholt«, lachte die Dame vergnügt. »Aber man sagt ja, alle Schriftsteller seien eitel.«

»Es ist schwer, sich in diesem Fall zu verteidigen, aber ein bisschen trifft das wohl zu.«

Die junge Frau trank einen Schluck Kaffee aus ihrer Tasse. Sie sah bezaubernd aus. Das dunkelblonde Haar fiel ihr auf die Schultern, die Augen, deren Farbe ich nicht entschlüsseln konnte, waren ein Werkzeug der Koketterie. Ihre Blicke sendeten verwirrende Signale in meine Richtung, sie wirkten mal verlegen, mal verführerisch. Plötzlich schaute sie auf die Uhr.

»Müssen Sie schon gehen?« Meine Frage kam zu schnell und klang zu verkrampft, sodass meine Befürchtung deutlich zu erkennen war.

Sie schaute mich nachsichtig an. »Nein, noch nicht. Ich habe noch ein wenig Zeit.«

Erst jetzt verstand ich den listigen Schachzug mit der Uhr. Schon wieder war ich reingefallen! Jetzt packte ich die Trickkiste aus: »Wenn Sie eine Verabredung haben und auf jemanden warten, will ich nicht stören.«

»Nein, nein, heute habe ich Zeit«, beruhigte sie mich.

»Darf ich Sie dann vielleicht zu einem weiteren Kaffee einladen, nachdem wir noch andere Ausstellungsräume besucht haben?«

Sie schaute mich perplex an. »Ich würde mir gerne die moderne Malerei anschauen«, meinte sie nachdenklich.

Sie hat angebissen, freute ich mich diebisch. »Ich war zwar schon bei den Modernen, aber ich werde sie gerne noch einmal betrachten «, sagte ich fast gönnerhaft.

Sie musterte mich ein wenig schräg und lächelte. »Was man für die Kunst nicht alles macht!«

Eine raffinierte Repräsentantin des weiblichen Geschlechts! Das wird nicht einfach mit ihr, blitzte in mir der Gedanke auf.

»Vielleicht besuchen wir doch die neu eröffneten Räume?« Ihre Frage war eigentlich eine Art freundlicher Befehl, aber gibt es freundliche Befehle? Es war jedenfalls eindeutig eine Anweisung.

Am Eingang zu den unterirdischen Hallen für zeitgenössische Kunst war kein Durchkommen möglich. Jeder Städel-Besucher war erpicht darauf, den neu eröffneten Räumen einen Besuch abzustatten, uns beide eingeschlossen. Als es uns endlich gelang, den Bereich zu betreten, war zumindest ich vom architektonischen Zusammenspiel der Einrichtung sehr beeindruckt. Eine flache Kuppel erhob sich über dem Raum und das Spiel der Farben vermittelte den Eindruck, sich am Beginn einer Reise in die Zukunft zu befinden. Das war jedenfalls mein subjektives Empfinden. Ich fragte meine Begleiterin nach ihrer Meinung, aber sie winkte ab und erklärte, sie sei dabei, die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Also ließ ich sie damit allein und belästigte sie nicht mit weiteren Fragen. Der Untergrund als »Beletage«, das Souterrain als eine besondere Kunstbegegnungsstätte – die Überraschung war gelungen. Neben der zeitgenössischen Malerei erblickte ich zwischen den vielen Besuchern auch Skulpturen, die die Ausstellung ergänzten. Die Werke der jungen wilden Maler fielen nicht nur durch ihre großen Formate auf, sondern auch durch neue Techniken und eine Fantasie, der hier keine Grenzen gesetzt wurden.

Es war nicht einfach, diese Kunst im Beisein so vieler Menschen auf sich wirken zu lassen. Das konzentrierte Betrachten wurde durch lautes Reden, unqualifiziertes Gelächter, stupide Kommentare, Niesen und Husten fast unmöglich gemacht. Ich schaute meine Begleiterin an, doch sie schien ihre Umwelt nicht wahrzunehmen und studierte gründlich die ausgestellten Werke. Trotzt der Klimaanlage war die Luft stickig und mein Blutdruck begann zu steigen. Es war Zeit, eine Pause einzulegen. Doch davon wollte meine Café-Bekanntschaft nichts wissen. Sie betrachtete eine Arbeit von Amelie von Wulffen und wollte nicht gestört werden. Notgedrungen ging ich weiter, bis ich mich bei John Armeldes Furniture Sculpture auf eine frei gewordene Bank setzen konnte.

Schließlich hatte auch meine Bekanntschaft genug gesehen und wir verließen das überfüllte Souterrain.

Bei den alten Meistern hatten sich nicht so viele Kunstliebhaber eingefunden, dort konnten wir uns fast ungestört umsehen. Gerade als wir vor Cézannes Landschaft mit Bäumen im Felsgebirge traten, rief jemand hinter uns: »Hallo, Frau Doktor!« Wir drehten uns um. Eine kleine vollschlanke Dame im besten Alter wandte sich an meine Begleiterin: »Wie gut, dass ich Sie hier treffe.«

Die beiden entfernten sich einige Schritte von mir und dem Felsgebirge. Sie war also eine Frau Doktor, überlegte ich in Gedanken. Ob sie wohl in einem Krankenhaus arbeitete oder eine eigene Praxis hatte? Vielleicht war sie auch beim Gesundheitsamt oder betrieb Forschung in einem Pharmakonzern? Ich wandte mich zu Cézanne und seinen Bäumen, aber wie erwartet erfuhr ich von dort keine Hilfe. Die Frau Doktor ohne Namen beendete den kurzen Dialog mit der unbekannten Dame und kam wieder zu mir und dem französischen Künstler zurück. »Cézanne wollte schon auf das Felsgebirge klettern, um nach Ihnen Ausschau zu halten«, berichtete ich.

Sie sah verwirrt aus und fragte unsicher: »Wie meinen Sie das?«

»Ach, das ist nur mein spezifischer Humor. Ich habe eine lebhafte Fantasie und stelle mir Dinge vor, die viele Menschen nicht verstehen. Das macht mir manchmal zu schaffen.«

»Gut, dass Sie das wissen«, sagte sie trocken und widmete sich endlich dem Cézanne.

Währenddessen schaute ich bei Meister Renoir vorbei, der damit beschäftigt war, dem Lesenden Mädchen die letzten Buchstaben beizubringen. Ich lobte sein Werk in den allerhöchsten Tönen – wofür er mir sicher posthum dankbar war –, allerdings ohne es laut auszusprechen, damit mich meine Begleiterin nicht für verrückt hielt.

Bald darauf wanderten wir ein Stockwerk höher und stießen mit Max Beckmann zusammen. »Er ist mein guter Bekannter«, erklärte ich großspurig.

»Wie das?«

»Ich wohne in der Nähe der Max-Beckmann-Schule. Immer wenn ich daran vorbeigehe, lese ich seinen Namen.«

Die Frau an meiner Seite schaute mich mit Unverständnis an und schwieg, was mir zu denken gab. Sie war begeistert von dessen Bild mit dem Titel Frankfurter Hauptbahnhof. Sie betrachtete es von allen Seiten, aus der Nähe und von der Weite, so als wartete sie auf einen Zug, der sie zu ihren Träumen und Sehnsüchten führen würde. »Ich liebe Beckmann«, bekannte sie plötzlich.

»Wenn er noch leben würde, hätte er sich bestimmt gefreut«, sagte ich ohne nachzudenken.

»Weder war das komisch noch entspricht es Ihrem Intellekt, welchen Sie ohne Zweifel besitzen!« Ihre Replik war scharf und traf mich genau dort, wo sie treffen sollte.

Ich entschuldigte mich für meinen dummen Kommentar und bekannte zerknirscht, dass ich den Künstler auch sehr interessant fände.

»Ich finde, Beckmanns Bilder sind an Schärfe und an Ausdruck kaum zu übertreffen«, bestätigte sie.

Im nächsten Raum begegneten wir John Hoppners Mädchen mit Kaninchen. Das Gemälde gefiel uns sehr, es vermittelte Wärme und Liebreiz. »Hoppner war einfach ein begnadeter Porträtist«, kommentierte meine Begleiterin bewundernd.

Das folgende Bild zeigte eine junge Dame in einem eleganten Kleid, die einen majestätischen Eindruck machte. Mit Interesse schaute ich auf ihr Antlitz, das einer Person der Aristokratie gehörte, die etwas verträumt blickte und wie in Gedanken. Hinter ihr konnte man auf der linken Bildseite im Hintergrund eine Schlosslandschaft erkennen. Ich blickte auf das kleine Schild, um den künstlerischen Vater dieses Bildes zu erfahren. Das war ein Maler namens Pieter de Kempeneer, ein Flame. Das Bild war in Italien in der goldenen Renaissanceperiode entstanden. Auch meine Städel-Gefährtin schaute sich das Bildnis einer Dame genauer an. Plötzlich klingelte ihr mobiles Telefon, das heißt es klingelte nicht, sondern es ertönte ein Fragment des Beatles-Songs Yellow Submarine. Die Angerufene entschuldigte sich bei mir und verließ den Raum. Ich setzte mich auf eine Holzbank, die gegenüber dem Bild stand, und wartete auf ihre Rückkehr. Es dauerte lange, bis sie wieder erschien und mir die traurige Mitteilung zukommen ließ, sie müsse sofort etwas Dringendes erledigen. Ich fragte schnell, ob wir uns wiedersehen würden. Sie werde mich schon finden, meinte sie lapidar, und entschwand mit eiligen Schritten. Ich stand, meiner charmanten Begleitung so unvermittelt beraubt, wie ein begossener Pudel vor dem Bildnis einer Dame auf Leinen, die zu ewigem Schweigen verdammt war.

So setzte ich mich ratlos wieder auf die Holzbank und beobachtete die Besucher. Manche schauten sich jedes Bild genau an, manche warfen nur einen kurzen Blick auf die Gemälde und zogen sofort weiter. Wieder andere lasen zunächst den kurzen Text neben dem Bild und bewunderten erst dann die Arbeit des Künstlers. Ich war müde und überreizt und musste aufpassen, dass ich auf meiner Bank nicht einschlief, die Augenlider schlossen sich automatisch. Ich hatte plötzlich den Eindruck, als ob die Dame auf dem Bild mich interessiert mustern würde. Aber meine Lebenserfahrung sagte mir, dass dieser Eindruck mit Bestimmtheit falsch war.

Im Palazzo

I m Palazzo Bentivoglio wurde Pietro von einer älteren Dame zu seinem Gemach geführt. Sie hieß Donna Lucia und lebte seit ihrer Kindheit in dem Schloss, in dem schon ihre Eltern gewohnt und gearbeitet hatten. Donna Lucia war eine gebildete Person, sie hatte im Schwesternorden der Heiligen Maria in Bologna eine ihrem Stand entsprechende Erziehung genossen. Sie war eine gute Schülerin gewesen, obwohl sie vieles, was die Nonnen dort lehrten, hinterfragte. Das machte sie bei ihren Lehrerinnen zwar nicht beliebt, erzeugte aber ihren Respekt. Ihr Mann, Don Fernando, war ein Sprössling der Familie Sante aus Florenz. Die Ehe war kinderlos geblieben. Nach und nach hatte Donna Lucia die Leitung der Schlossverwaltung übernommen und sich damit im Palazzo unverzichtbar gemacht. Ihr Gemahl war ihr dabei behilflich. Er war außerdem der beliebteste Schachpartner des Schlossherrn, und Donna Lucia eine gute Freundin von dessen Gemahlin, Donna Albertina. Donna Albertina war eine geborene Visconti, ihre Familienchronik reichte sehr weit in die Vergangenheit. Sie hatte zwei Mädchen das Leben geschenkt: Francesca und der drei Jahre jüngeren Rosa Amalia. Beide waren von erlesener Schönheit und Grazie. Donna Lucia war für die Mädchen Gouvernante und beste Freundin zugleich, zu ihr hatten die beiden ein innigeres Verhältnis als zu ihrer Mutter.

Donna Lucia wies Pietro sein Zimmer und entfernte sich dann leise. Es befand sich am Ende eines langen Ganges, unweit einer Treppe, deren Ausgang noch zu erkunden war. Das Zimmer war schlicht eingerichtet: ein Bett, ein Schrank mit Verzierungen an den Türen, ein Nachtschränkchen, eine Schüssel zum Waschen. Pieter de Kempeneer setzte sich auf das Bett und philosophierte über die Fügungen des Schicksals. Noch vor einer Stunde war er durch das von der Sonne umarmte und reich gesegnete Wunderland gewandert, ohne hoffen zu können, bald an ein Ziel zu gelangen. Der Aufenthalt im Palazzo war ein willkommener Zwischenstopp auf seinem Marsch nach Bologna, den er dankbar genoss. Er legte sich angekleidet auf das Bett und schloss die Augen. Der kleine Piet aus Brüssel wanderte nun schon lange in der schönen weiten Welt umher. Jetzt war er erpicht darauf, in Bologna sein Können bei den Vorbereitungen zur Inthronisierung einsetzen zu dürfen. So eine Veranstaltung bedeutete ein großes Abenteuer, auf das er sich unheimlich freute. Bei solch einem besonderen Ereignis wurden bestimmt alle Helfer, die zwei gesunde Hände besaßen, gebraucht. Er konnte ja malen, zeichnen, dekorieren und vieles mehr. Und wenn alles klappte und er genügend Geld verdient hätte, um nach Rom zu reisen, würde er dort versuchen, als Kirchenrestaurator zu arbeiten oder sogar Bilder zu malen, so wie Raffael und Michelangelo. Das waren für ihn die größten Vorbilder, seine Idole. Überhaupt sagte ihm die italienische Schule der Malerei sehr zu. In ihr fand er das, was er für sein Weiterkommen brauchte, ihr Stil gab die Richtung vor, die er verfolgen wollte. Ihre Kunsttechniken begeisterten ihn und er brannte darauf, sie zu erlernen.

Pietro stand auf und wusch sich, um bei dem Abendempfang frisch auszusehen. Er wechselte die Kleider, kämmte sein Haar und stutzte den Bart. Zufrieden betrachtete er sich in dem kleinen Spiegel, der auf dem Nachtschränkchen stand. Es klopfte an der Tür, und bevor er noch »Herein!« rufen konnte, trat ein junger Diener ein. »Seine Exzellenz bittet zum Mahl.«

Pietro erhob sich vom Bett und musterte noch einmal seine Kleidung, dann folgte er dem jungen Mann. Sie stiegen die Treppe hinunter und gelangten in einen großen Raum voller Bücher, die in schwere Holzregale einsortiert waren. Seitdem Johannes Gutenberg vor etwa hundert Jahren den Buchdruck erfunden hatte, ging es mit der Drucktechnik immer schneller voran. Der Besitzer des Palazzos war anscheinend ein Bücherfreund. Pietro hatte noch nie eine so umfangreiche Bibliothek gesehen und fragte beeindruckt, ob noch etwas Zeit sei, sich hier umzusehen, was der Diener lächelnd bejahte. Staunend las Pietro die Titel der Schriften. Latein war die bevorzugte Sprache, es gab aber auch Bücher auf Italienisch, Deutsch und sogar Niederländisch. Neben den Philosophen Paolo de Pergola, Juan de Torquemada, Lambert von Auxerre und Levi ben Gershon waren auch Dichterfürsten wie der Italiener Dante Alighieri und der Deutsche Walther von der Vogelweide vertreten sowie der große Gelehrte des Humanismus, Erasmus von Rotterdam. An einer freien Wand hingen verschiedene Gemälde, vermutlich eine Ahnengalerie der Schlossbesitzer. Alles Frauen und Männer mit ernstem Gesichtsausdruck und adligem Gebaren, dachte Pietro. Auf dem Fußboden lag ein großer Teppich aus fernöstlicher Herstellung, wie er aufgrund seiner Erfahrung im Teppichknüpfen anhand der Muster erkennen konnte.

Schon bald kam der junge Diener zurück und bat den Gast, ihm in den Speisesaal zu folgen. Sie passierten mehrere Zimmer und Flure, ehe sie in das Esszimmer gelangten. Ein Zimmer war es eigentlich nicht, es wirkte eher wie ein zum feudalen Speisen hergerichtetes königliches Gemach. In der Mitte des Raumes stand ein langer Holztisch aus Eichenholz, der für eine größere Gesellschaft gedeckt war. Einige Gäste hatten schon Platz genommen und unterhielten sich laut miteinander. Pietro wurde ein Stuhl fast am Ende der langen Tafel zugewiesen, neben einem blassen Jüngling. Der Sitz an seiner rechten Seite war noch leer. Langsam begann sich der Saal zu füllen, auch der Hausherr nahm seinen angestammten Platz in der Mitte des Tisches ein, direkt vor einem Fenster, das einen Blick auf die idyllische Gartenanlage ermöglichte. Neben ihm saßen zwei bezaubernde junge Frauen, eine schöner als die andere. Pietro erkannte in ihnen die Töchter des Hauses. Von Donna Lucia wusste er auch ihre Namen: Francesca und Rosa Amalia. Beide waren in ein Gespräch mit einem jungen Mann vertieft, der ein Ritter zu sein schien. An der rechten Seite des Schlossherrn saß ein hoher Geistlicher, der Kleidung nach vielleicht ein Bischof. So genau wusste Pietro es nicht und es interessierte ihn auch nicht, denn sein Blick war ausschließlich auf Francesca gerichtet, die er impulsiv ins Herz geschlossen hatte. Nur schien die junge Dame ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Ihre ganze Aufmerksamkeit widmete sie dem jungen Ritter, der irgendetwas Lustiges zu erzählen schien, denn die beiden Schwestern lachten herzlich und unbekümmert. Auch Rosa Amalia, die ein bisschen verträumt wirkte, würdigte ihn keines Blickes.

Pietro gegenüber saß ein kahlköpfiger dicker Adliger und trank Rotwein aus einem Glas, das er immer wieder auffüllte. Anscheinend wusste man von der Beziehung des Mannes zu diesem Getränk und vergaß nicht, sie zu pflegen, denn man hatte eine große Karaffe vor ihm abgestellt. Der Jüngling neben Pietro blieb stumm. Er unterhielt sich mit niemandem und fixierte mit starrem Blick einen imaginären Punkt an der Wand. Pietro versuchte mit seinen überschaubaren italienischen Sprachkenntnissen ein Gespräch mit ihm anzufangen, aber außer einem netten, aber doch ablehnenden Lächeln konnte er nichts erreichen. Plötzlich wurde auf Pietros rechter Seite der Stuhl verschoben und ein jüngerer Mann mit einem Gehstock setzte sich neben ihn. Sein neuer Nachbar war mittelgroß und hatte, wie Pietro fand, ein klassisches Gesicht. Er lächelte Pietro zu, nahm dann aber ein Gespräch mit seinem Nachbarn zur Rechten auf, der ein hoher Offizier zu sein schien. Dieser hatte pechschwarzes Haar und einen Oberlippenbart, durch sein Gesicht zog sich eine Schramme fast vom rechten Auge bis zum Kinn. Bestimmt war sie ein Andenken an die vielen Kämpfe, die dieser Soldat bestritten hatte.

Endlich öffnete sich die Tür zur Küche und drei Diener brachten in tiefen Schüsseln und auf langen Platten die verschiedensten Speisen herein. Man deponierte alles auf den dafür vorgesehenen kleinen Tischen, die an der Seite aufgestellt wurden. Pietro sah große Fleischstücke, die man auf weiße Porzellanteller portionierte, halbe Ferkel, die in einer Soße schmorten, marinierten Rehbraten und Hasenschwänze, für manchen Gourmet eine besondere Delikatesse. Des Weiteren servierte man Goldbrassen, die mit Stachelbeeren, Safran und Pflaumen gefüllt waren. Die Kalbsnieren auf geröstetem Brot sahen besonders appetitlich aus und Pietro musste unwillkürlich mit der Zunge schnalzen. Auf einem der mit weißem Leinen bedeckten Tische waren Obst und Zitrusfrüchte angerichtet.

Pietro lauschte dem Gespräch zweier fein gekleideter Herren ihm gegenüber, die sich sehr wohlwollend über die neuen Essgewohnheiten äußerten. Sie lobten den Handel mit den Arabern und die damit verbundene Aneignung neuer Speisen und Getränke. Ihrer Meinung nach waren die orientalischen Zutaten ein Gewinn für die italienische Kochkunst. Solche Feinheiten waren für den Künstler Pieter neu und er maß ihnen keine große Bedeutung bei. In Brüssel wurde bei solchen Tafelrunden alles verzehrt, was auf den Tisch kam. Man aß, bis man nicht mehr konnte, und trank Wein ohne Maß, vorausgesetzt man hatte das nötige Geld zu solcher Völlerei.

Pietros Nachbar zu Rechten erklärte, dass der Koch dieses Hauses ein wahrer Künstler, ein Poet der Küche sei. Er beherrsche die Kunst des Kochens wie kein anderer und dank seiner Kenntnisse über die Natur der Nahrungsmittel sei er geradezu ein Medikus. Er drehte sich zu Pietro und fragte ihn lächelnd nach seiner Meinung zur italienischen Küche.

Nun, die Erfahrungen des Gefragten mit exquisiter Kochkunst waren sehr überschaubar, daher bekannte er: »Leider bin da ich kein Experte. Ich komme aus einem anderen Teil Europas, aus Flandern, einer Gegend in den Niederlanden.«

»Aus den Niederlanden sind mir die Maler van Eyck und van der Goes bekannt.«

»Dann interessiert Ihr Euch also für die schönen Künste und die Malerei?«, fragte Pietro aufgeregt.

Sein Gesprächspartner nickte nachdrücklich. »Ihr etwa auch?«, wollte er wissen.

»Ja, ich male Landschaften und Porträts und habe auch schon Heiligenbilder in Kirchen gemalt.«

»Dann haben wir ja einiges gemeinsam. Auch ich bin Maler und gestalte Porträts und Kirchenbilder. In Parma habe ich zum Beispiel für die Franziskaner Die Taufe gemalt und auch einige Fresken in der Kuppel des Doms.«

»Ihr seid mit Parma wohl eng verbunden«, konstatierte der flämische Künstler.

»Da bin ich auch geboren«, lächelte der Italiener. »Ich heiße übrigens Francesco.«

»Und ich bin Pietro.«

In diesem Augenblick bat man um Ruhe, denn der Hausherr, Bartolomeo Bentivoglio, wollte eine Rede halten. Am Anfang seiner Ausführungen bedankte er sich bei dem Geistlichen und bei den Adligen für ihr Kommen. Er stellte den anwesenden Gästen die beiden Künstler vor und erwähnte, dass Francesco kurz davor sei, das Porträt seiner ältesten Tochter Francesca fertigzustellen. Seinen neuen Gast, den Maler aus dem fernen Norden, wolle er bitten, ein Bildnis seiner jüngeren Tochter Rosa Amalia anzufertigen, das dann zusammen mit dem Porträt ihrer Schwester in der Ahnengalerie seinen Platz finden würde. Bei diesen Worten errötete das Mädchen und senkte scheu den Blick.

Nach diesem kleinen Intermezzo wurde offiziell zu Tisch gebeten. Pietro kannte solche Festgelage aus seiner Heimat und erwartete hier die gleichen Sitten oder besser gesagt Unsitten. Hier begann das Mahl zwar ein wenig zivilisierter, aber je länger es dauerte, desto ausgelassener wurden die Gäste, und das gute Benehmen und frisch erlernte Tischgepflogenheiten wurden mehr und mehr vergessen.

Francesco aus Parma erklärte Pietro, dass die Familie Bentivoglio eine alteingesessene Adelsfamilie und der Onkel ein Signore in Bologna gewesen sei. Da Pietro nicht wusste, was ein Signore ist, holte der junge Künstler etwas aus und klärte auf, während er große Stücke Fleisch zu sich nahm und sie mit Rotwein begoss. Auch Pietro widmete sich der Mahlzeit, achtete aber darauf, die italienischen Tischsitten einigermaßen einzuhalten. Während sie speisten und tranken, erzählte der junge Italiener, was er über die Familie Bentivoglio wusste.

»Signore Giovanni Bentivoglio hatte bis zum Jahr 1506 diese Stadt unter seiner Kontrolle. Er führte ein strenges Regiment, war aber aufgeschlossen für die schönen Künste, was sich sowohl für die Stadt als auch für die Architekten und Künstler als sehr vorteilhaft erwies. Ich weiß nicht, ob Ihr von Francia, Costa oder Aspertini schon gehört habt. Sie haben viele große Bilder gemalt, oft im Auftrag des Signore. Der Architekt Nadi, dessen Sohn auch hier anwesend ist, hat den prächtigen Stammsitz der Familie hier für Giovanni Bentivoglio gebaut. Bevor Bentivoglio in der Stadt herrschte, war er ein Condottiere gewesen.«

»Was ist ein Condottiere?«, fragte Pietro zwischen zwei Schlucken Rotwein. Sein Gesprächspartner lächelte mild und klärte ihn auf, dass dieser Name in der Sprache Italiens Söldnerführer bedeute.

»Also war der enge Verwandte unseres Gastgebers ein Soldat, der gegen Geld für fremde Mächte kämpfte?«

»Das könnte ich nicht besser ausdrücken«, sagte Francesco. »Er kämpfte für Florenz, Neapel und Mailand. Er hatte viele Freunde, aber noch mehr Feinde. Und diese waren sehr mächtig. Ihnen gelang es auch, Don Giovanni als Signore von Bologna abzusetzen.

Er war Cesare Borgias ärgster Feind, und wer Borgias Feind ist, der lebt sehr gefährlich. Borgia hatte sehr gute Beziehungen nach Rom, zu Papst Julius II. Dieser erließ eine Bulle, mit der er den Alleinherrscher Bentivoglio absetzte und exkommunizierte. Stellt Euch vor, lieber Pietro, der Papst stellte Bologna unter Kirchenrecht. Das ermöglichte ihm mit der Unterstützung Frankreichs einen Angriff gegen Bologna. Auf den Ausgang dieses Feldzuges wollte der gute Giovanni nicht warten und er floh mitsamt seiner Familie.«

»Sehr interessante Geschichte«, sagte Pietro. »Ist unser Gastgeber ein enger Verwandter dieses Signore?«

Francesco nahm einen kräftigen Schluck Wein, bevor er erläuterte, dass Bartolomeo Bentivoglios Vater ein Bruder des Signore von Bologna gewesen war. Die Familie Bentivoglio sei sehr kinderreich gewesen.

»Das heißt also, dass Francesca und Rosa Amalia sogar Prinzessinnen sind«, staunte Pietro voller Bewunderung.

»Ja, sie sind Prinzessinnen«, bestätigte Francesco, »und dazu verdammt schöne Mädchen. Wollt Ihr lange hier im Schloss bleiben? «, wechselte er das Thema.

»Wie Ihr eben gehört habt, soll ich vielleicht ein Porträt der Tochter malen, das wird schon einige Zeit in Anspruch nehmen.«

»Ich will zurück nach Parma. Eines Tages«, sagte Francesco.

»Mein Ziel ist es, nach Rom zu reisen«, erzählte Pietro von seinen Plänen. »Dort könnte ich für die päpstliche Eminenz verschiedene Werke erstellen. Mit etwas Glück kann man dort sehr berühmt werden, so wie Raffael, Bellini, Leonardo da Vinci oder Michelangelo. Das ist mein Traum. Aber zunächst will ich in Bologna bei den Krönungsfeierlichkeiten dabei sein. Vielleicht kann ich da einen Auftrag bekommen.«

»Ich war schon in Rom, vor sechs Jahren. Stellt Euch vor, der Papst gab mir sogar eine Audienz und versprach, die Dekoration der Sala dei Pontefici in meine Hände zu legen. Ich habe dort einige Bilder im päpstlichen Auftrag gemalt und auch mit den Dekorationsarbeiten begonnen. Leider wurde die Stadt von spanischen Söldnern und deutschen Landsknechten angegriffen und geplündert. Im letzten Augenblick konnte ich fliehen. Übrigens wäre es sicher von Vorteil, wenn Ihr eigene Werke mit nach Rom bringen und dort vorzeigen könntet. Das macht einen guten Eindruck und öffnet Euch Türen ganz nach oben.«

»Hattet Ihr auch eigene Arbeiten mitgebracht?«, wollte der flämische Maler wissen.

»Ja, eines meiner Bilder hat am Hofe besonderen Anklang gefunden, mein Selbstporträt im konvexen Spiegel. Inzwischen halte ich mich die meiste Zeit in Bologna auf, ich habe dort viele Aufträge bekommen.«

Die Stimmung im Saal erreichte ihren Höhepunkt. Die Gäste und der Gastgeber verließen ihre Plätze am Tisch und unterhielten sich quer durch den Raum. Francesco stellte Pietro einem älteren Herrn vor, der für die Pferde und Kutschen des Schlossherrn Verantwortung trug. Dieser große Mann mit pechschwarzem Haar und hoher Stirn war ein unbestrittener Held der Damenwelt und man munkelte, dass schon viele Angehörige des weiblichen Geschlechts im Palazzo seinem Charme erlegen waren. Er hieß Mandele Albero di Mele und begrüßte Pietro sehr herzlich. Derweil entfernte sich Francesco in Richtung der Töchter des Hauses, die von einigen jungen Männern umschwärmt waren. Albero di Mele sprach ein eigenartiges Italienisch mit starkem nordischem Akzent. Sie unterhielten sich über verschiedene Themen, auch über die Kunst. Mandele erzählte Pietro von seinen Jahren in Bologna, wo er am Hofe von Giovanni Bentivoglio verschiedenen Künstlern begegnet war, unter anderem dem deutscher Maler Albrecht Dürer.

Plötzlich stand Francesco wieder vor ihnen und bat Mandele um Verzeihung, aber er wolle dem fremden Künstler die beiden Töchter vorstellen. »Wenn ich noch etwas jünger wäre, würde ich den beiden schöne Augen machen, aber die Zeiten scheinen vorbei zu sein. Viel Glück und viel Spaß euch beiden«, rief dieser den beiden jungen Männern nach, die schon in Richtung der Schwestern unterwegs waren. Diese begegneten dem Fremden mit Neugier und ein bisschen schamhaft. Francesca war wesentlich zugänglicher als ihre Schwester, die meist schwieg und nur manchmal schüchtern zu Francesco aufschaute, wogegen sie Pietro keines Blickes würdigte. Nun war Pieter aus Flandern ein in solchen Dingen noch wenig erfahrener Mensch und er nahm seinerseits keine Notiz von Rosa Amalia. Er konzentrierte sich ganz auf Francesca, die sich bei ihm erkundigte, woher er komme und was er mit dem Pinsel schon so alles angerichtet habe. Diese Frage war als eine Art Scherz zu verstehen, der junge Niederländer brauchte aber die Hilfe seines italienischen Kollegen, um die Fragestellung richtig zu interpretieren.

»Ich heiße Pieter oder in Eurer Sprache Pietro und komme aus Flandern, aus der Stadt Brüssel. Bitte verzeiht, mein Italienisch ist leider nicht besonders gut«, entschuldigte er sich.

»Wo in Europa liegt denn Euer Brüssel?«, wollte sie daraufhin wissen.

Pietro überlegte, wie er dem Mädchen den Ort seiner Herkunft erklären sollte. »Mein Land ist im Westen unseres Kontinents, meine Heimatstadt liegt nicht sehr weit von Paris, der Hauptstadt des französischen Königshauses.«

Diese Erklärung stieß bei den übrigen Gesprächsteilnehmern auf wenig Gegenliebe, denn das französische Königshaus gehörte zusammen mit den Spaniern zu den Hauptfeinden der Bentivoglios und eines großen Teils des italienischen Volkes. »Paris ist für unser Elend verantwortlich. Zusammen mit Madrid und den deutschen Verbündeten hat man die Plünderungen im Rom organisiert, unschuldige Menschen ermordet und Frauen vergewaltigt«, beklagte Francesco. »Wer nicht das Weite suchte, war in großer Gefahr, sein Leben zu verlieren.«

»Ich habe mich nie für Politik interessiert, deswegen sind für mich solche Geschichten neu und schockierend«, sagte Pietro etwas mitgenommen.

»Ich habe gehört, dass Ihr mich malen sollt, so jedenfalls hat mein Vater entschieden.« Alle blickten überrascht zu dem Absender dieser Worte. Rosa Amalia hatte zum ersten Mal das Wort ergriffen. Selbst erschrocken über so viel Mut errötete sie und blickte gleich wieder zu Boden.

»Wenn das Eures Vaters Wunsch ist, werde ich es mit Begeisterung tun.«

Rosa Amalias Schwester lächelte schelmisch. »Hoffentlich könnt Ihr die Begeisterung etwas bremsen, damit auch ein vernünftiges Bild entstehen kann. Habt Ihr denn Erfahrung mit solchen Arbeiten? «, hakte sie nach und erzählte dann, dass Francesco ein außergewöhnliches Selbstbildnis gemalt habe, für das er in Rom sehr gelobt worden sei. »Aber ich war die Erste, die dieses Werk sehen durfte«, fügte sie voller Stolz hinzu. »Es war ein Porträt von sich selbst im Spiegel.«

»Im gebogenen Spiegel«, berichtigte Rosa Amalia.

»Ich nannte ihn konvex«, erklärte Francesco. »Ich habe viel Erfolg mit diesem Bild gehabt. Einige Kenner haben mir eine große Zukunft vorhergesagt, aber keiner wollte mir einen größeren Vorschuss leisten. Und dann kamen die Franzosen und die Spanier und ich musste die Stadt verlassen.«

»Ihr seid aber auch ein eigenwilliger Künstler, der zum Beispiel meine Gestalt nicht exakt darstellte, sodass mein Vater einschreiten und Euch zur Raison bringen musste«, schmunzelte Francesca.

»Nur Eures Vaters wegen habe ich auf dem Bild Korrekturen gemacht. Ich habe da meine Philosophie, dass jeder Maler, jeder Bildhauer, jeder Künstler das Recht hat, die Dinge so darzustellen, wie er sie eben sieht. Der Künstler lebt von seiner Fantasie, von seiner Eingebung. Er hat andere Blickwinkel als manche Menschen, die nicht von der Muse geküsst wurden.«

»Il Correggio hat auch solche Vorstellungen«, warf Pietro ein. »Ich habe in Mantua sein Bild Die Madonna mit dem Korb gesehen. «

»Il Correggio ist ein fantastischer Maler, er ist mein Vorbild, von ihm habe ich sehr viel gelernt«, sagte Francesco mit Pathos in der Stimme. »Seine Werke sind anmutig, so wie die Arbeiten von Raffael.«

»Aber Eure Malerei ist auch anmutig«, bemerkte Francesca. Ihr Blick begegnete dem ihres Malers und ein feiner Beobachter hätte in ihm den Funken der Leidenschaft erkannt. Aber weder Pietro noch Rosa Amalia schauten auf das andere Paar, sondern hatten die Augen gesenkt. Francesca erzählte stolz, dass der Künstler in Bologna viele Aufträge bekommen habe, unter anderem solle er einige Helldunkelschnitte wie den Diogenes und die Enthauptung der Heiligen Petrus und Paulus anfertigen.

»Ich habe bisher nur Ideen hervorgebracht«, dämpfte dieser ihren Enthusiasmus. »Gut, der Diogenes ist in Arbeit, aber das andere Werk existiert bisher nur in meinem Kopf. Macht aus mir nicht den großen Künstler, der bin ich nicht. Raffael, da Vinci, Michelangelo oder auch Tizian – die sind großartig und wahre Meister. Ich träume davon, eines Tages als anerkannter Künstler neben ihnen stehen zu dürfen, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.«

»Wolltet Ihr nicht diese Zeichnungen als Kupferstiche ausführen und drucken lassen?«, fragte Rosa Amalia.

»Gewiss, aber dafür brauche ich einen Kupferstecher, einen Drucker, der mir bei der handwerklichen Arbeit hilft.«

»Habt Ihr schon einige von Euren Arbeiten verkaufen können?«, interessierte sich Pieter.

»Ja, das habe ich. Das erste Gemälde war der Heilige Rochus in der Kapelle der Monsignori in San Petronio. Neben etwas Geld, das ich dafür bekam, habe ich dort viele Freundschaften geschlossen. «

Die Unterhaltung wurde von Mandele Albero di Mele gestört, der hinzugetreten war und erklärte, dass die Werke Francescos alle etwas von Bellini, Raffael und Tizian hätten und die Reife und Beobachtungsgabe des Künstlers bestechend seien. Er kenne viele Gemälde und ihre Schöpfer, er habe schon mit Leonardo da Vinci, Dürer und Michelangelo über die Kunst und das Leben geplaudert. Dass er wirklich diese Größen der europäischen Malerei getroffen hatte, glaubten die vier jungen Leute eher nicht, aber aus Höflichkeit und Respekt schwiegen sie und lächelten, während sie seinen Ausführungen zuhörten.

Eine Gruppe von Musikern mit Streichinstrumenten betrat den Saal und beglückte die Eingeladenen mit sanften Tönen. Pietro schaute sich um und plötzlich begann sich alles um ihn herum zu drehen. Der alte Wein und die jungen Damen, die Begegnung mit dem Maler Francesco, der imposante Palazzo und die erlesene Gesellschaft, das alles machte ihn benommen. Ihm eröffnete sich hier eine fantastische Welt der schönen Künste, wie er es nicht zu träumen gewagt hatte. Übermannt von seinen Gefühlen verabschiedete er sich von seinen Gesprächspartnern und eilte zu seinem Zimmer, wo er sich noch in der Kleidung auf das Bett warf und die vergangenen Stunden rekapitulierte.

Ist das ein Traum?

Ich saß auf der Holzbank im Städel und betrachtete mit Interesse das Bild an der Wand vor mir. Eine junge Dame, ganz sicher eine Adelige, vielleicht eine Prinzessin, schaute da halb ernst, halb heiter und etwas verträumt seitlich an dem Betrachter des Bildes vorbei. Sie trug ein prächtiges dunkelgrünes Kleid, ihre linke Hand lehnte auf einer roten Schatulle. Die Dame schien, nicht anders als ihre heutigen Geschlechtsgenossinnen, eine Schmuckliebhaberin zu sein, denn um den Hals waren gleich drei Ketten geschlungen. Es schien mir, als trüge sie auf dem Kopf eine Art Krone, und in der linken Hand hielt sie ein Zepter oder einen ähnlichen Gegenstand. Jedenfalls repräsentierten diese Accessoires Zeichen der Herrschaft, zumindest einer lokalen Macht. Der Hintergrund zeigte ein Bild im Bild, darauf war eine Burg in einer Berglandschaft unter stark bewölktem Himmel abgebildet.

Ich stand auf und las den auf der linken Seite des Gemäldes angebrachten Informationstext: »Peter de Kempeneer (1503–1580). Bildnis einer Dame. Portrait of a Lady. Portrait d'une dame. Pappelholz, 113,7 x 79 cm.«

Es war eine kurze Erklärung, die mir nicht genügte. Ich fragte mich, wer diese Dame war, wann und warum dieses Bild entstanden war, und auch der Maler Peter de Kempeneer war mir gänzlich unbekannt. Wenn ich etwas wissen will, entwickle ich eine besondere Willensstärke und werde zum entschlossenen Geheimnisjäger. Um mehr zu erfahren, nahm ich mein Smartphone aus der Tasche und begab mich in die unendliche Weite des Internets. Auf der Homepage des Städels gab es eine kleine Notiz, das Bild betreffend: »Das Nebeneinander von monumentaler italienischer Bildnisauffassung und kleinteilig-kläubelnder niederländischer Landschaftsschilderung führte dazu, dass die Zuschreibung dieses Bildnisses lange umstritten war. Seine jüngste Zuweisung an den Niederländer Peter de Kempeneer hat das meiste für sich, weil sie die widersprüchlichen ›Stilllagen‹ plausibel erklärt. In Brüssel ausgebildet, war de Kempeneer als junger Mann zunächst nach Italien gegangen, wo vermutlich auch das Städel-Bildnis entstand …«

Jetzt wusste ich über das Bild und seinen Erschaffer entscheidend mehr. Er war ein Niederländer, sie eine Italienerin. Zwar kommt ein Niederländer nicht aus Brüssel, aber damals gehörte die Stadt zum Herzogtum Braband-Burgund und der Staat Belgien war noch lange nicht geboren. Aber wer war die italienische Schönheit und wie kam es dazu, dass dieser flämische Maler sie porträtierte? Ich wusste, dass damals in Italien Stadtstaaten das politische Sagen hatten und diese von großen und mächtigen Familien geführt wurden. Auf Anhieb fielen mir hierzu die Medici aus Florenz ein. Das waren richtige Potentaten mit immenser politischer und wirtschaftlicher Macht. War die abgebildete Dame eine Medici, oder gehörte sie einem anderen Familienclan an?

Ich setzte mich wieder hin und versenkte mich erneut in die Betrachtung des Gemäldes. Was wäre, wenn die Lady plötzlich zu sprechen begänne und ihre Geschichte preisgeben würde? Ich hätte sie gerne so viel gefragt. Und auch über den Maler wollte ich mehr wissen. In der Notiz im Internet hatte gestanden, dass er nach wenigen Jahren in Italien nach Spanien weitergezogen war, wo er als Pedro de Campaña berühmt wurde. Doch die Dame schwieg eisern, sie schien in ihre Gedanken vertieft zu sein.

Ich wurde zunehmend müde und hatte Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten. Noch immer schaute ich auf das Bild, und plötzlich schien mir, als würde die Porträtierte ein wenig lächeln. Nur ganz leicht und ohne das Gesicht zu verziehen. Ich war sicher, mich verguckt zu haben, aber auch beim zweiten Blick sah ich ganz deutlich das Lächeln dieser jungen Frau, die mich jetzt noch dazu direkt anschaute. Verwirrt rieb ich mir die Augen. Doch es war kein Versehen, keine optische Täuschung, die Dame bewegte sich! Jetzt lachte sie mich förmlich an. Ich biss mir erschrocken auf die Unterlippe und schmeckte Blut im Mund. Nun war ich mir sicher, dass ich nicht träumte. Aber wie konnte das sein? Es war doch nur ein Bild, eine mit Farbe auf eine Leinwand gemalte Person. Doch es war eindeutig: Sie lächelte und bewegte sich abermals. Mir schien es, als würde sie mir ein Zeichen geben.

Ich rekapitulierte meinen Tag. Ich hatte keinen Alkohol getrunken und auch keine Medikamente eingenommen, keine Drogen und keine Aufputschmittel konsumiert. Meine Fantasie hielt ich im Zaum, da war kein Platz für träumerische Eskapaden. Besonders übermüdet war ich auch nicht. Noch einmal schaute ich auf de Kempeneers Bild. Die Dame fixierte mich, ihr Lächeln war eine freundliche Einladung, ihre Miene wirkte auf wundersame Art und Weise sehr ausdrucksvoll. Ich lächelte zurück, ohne mich entspannt zu haben. Es erschien wohl gequält, denn ihre Augen schauten mich mit Verwunderung an, als wollten sie sagen: »So freut man sich über eine Begegnung mit mir? Womit habe ich das verdient?«

Ein älteres Paar stellte sich vor das Bild und nahm mir die Sicht. Lautstark kommentierten sie das Werk. Sie hoben das Talent des Malers hervor, der die vornehme, dezente Kälte des Modells so ausdrucksvoll auf das Pappelholz übertragen habe. Den Maler de Kempeneer kannten sie nicht. Sie fragten sich, was das kleine Bild im großen zu besagen hatte und fanden eine einfache Antwort: Dieser Niederländer müsse das Porträt irgendwo in der Fremde gemalt haben, das kleine Bild dokumentiere seine Erinnerung und Verbundenheit mit der alten Heimat. Diese Ausführungen des Paares waren nachvollziehbar.

Als sie sich endlich entfernten, hatte ich wieder freie Sicht. Zu meiner Überraschung und wie ich zugeben muss Enttäuschung schaute die Dame auf dem Bild nicht mehr zu mir her und auch das Augenzwinkern hatte sie beendet. Ich gelangte zu der Überzeugung, mich getäuscht zu haben, wie so oft in meinem Leben. Wieder war ich dabei, mich einer Frau auszuliefern, auch wenn diese nur auf einem Bild auf Pappelholz zu bestaunen war und in einer vergangenen Epoche gelebt hatte. Ein wenig traurig war ich schon, dass dieser Traum schon zu Ende sein sollte. Eigentlich hatte ich eine Lawine von Fragen an die Lady, wollte mehr über ihr Leben in dieser vergangenen Zeit erfahren. Ich schaute auf die Uhr. Es war schon recht spät, aber immer noch wanderten viele Menschen durch das Museum. Für mich war es aber Zeit zu gehen. Ich wollte noch an meinem Manuskript arbeiten, musste die Katze eines Freundes füttern und die DVD mit dem letzten Woody- Allen-Film lag auch schon seit Wochen spielbereit zu Hause.

Eigentlich hatte ich ja viel Zeit, seitdem Renate in einer Stadt am anderen Ende der Republik eine neue berufliche Herausforderung gefunden hatte. Ihren Wunsch nach einer Veränderung hatte nicht nur die frische und gesunde Meeresluft bewirkt, sondern vor allem auch Victor, der dort eine Anstellung hatte. Victor war früher so etwas wie ein Freund für mich gewesen. Wir hatten verschiedene Unternehmungen zusammen gemacht, waren gemeinsam ins Kino, ins Fußballstadion, zu literarischen Zirkeln gegangen. Er arbeitete als Journalist für eine überregionale Zeitung, berichtete dort über das Neueste aus der Literaturbranche und schrieb Essays und Gedichte. Bei einer literarischen Matinee waren wir Renate begegnet. Schon nach einigen Tagen war sie zu mir gezogen, was Victor zu der Bemerkung veranlasst hatte, dass jemand, der so schnell handle, Selbstmord auf Raten begehe. Am Ende bekam er Recht, aber er selbst war der Verursacher. Renate war wankelmütig, Victor hartnäckig, und so ging die Geschichte mit unserem »Dreigestirn« zu Ende. Dafür konnte ich jetzt nach Hause kommen, wann ich wollte, Zigaretten rauchen, ungesundes Essen konsumieren und manchmal tief ins Glas blicken. Ich hatte viel Zeit und nutzte sie nicht.

Im Weggehen warf ich noch einmal einen Blick auf de Kempeneers Gemälde. Ich wollte sicher sein, dass dieses Trugbild sich endgültig als optische Täuschung erwies. Doch ich traute meinen Augen nicht: Wiederum zwinkerte mir die abgebildete Dame zu, als wollte sie mir irgendwelche Signale senden, eine Botschaft übermitteln. Ich trat erneut näher heran. Es war ganz eindeutig keine optische Täuschung, keine Einbildung des Betrachters oder Illusion seiner fantasiebegabten Vorstellungskraft. Nein, dieses Zwinkern war echt! Ich lächelte ihr zu. Da … sie bewegte ihren Kopf, ganz gemächlich, fast aristokratisch. Und sie erwiderte mein Lächeln. Das war kein bizarres Fantasiebild, keine Fehleinschätzung meines Gehirns! Ich schaute vorsichtig nach rechts und nach links, aber niemand interessierte sich für das Gemälde oder für mich.

»Können Sie mich hören?«, hörte ich mich plötzlich dem Bild eine Frage stellen. Ich zuckte, von mir selbst überrascht, zusammen. Sie zwinkerte wieder mit dem Auge, diesmal mit dem anderen. Ich erschrak erneut. »Verstehen Sie die deutsche Sprache?«, flüsterte ich. Auf dem Antlitz erschien ein leichtes Lächeln. Die abgebildete Dame hatte mich verstanden. Sie drehte ihre Augen langsam in meine Richtung. Die Krone auf ihrem Haupt glänzte in dem Licht der installierten Reflektoren, als würden Sonnenstrahlen sie erhellen. Ihre Augen blitzten in dieser Symbiose aus technischer Illumination und starker Einbildungskraft, sie strahlten und sendeten Botschaften, die ich noch nicht entziffern konnte. Noch fehlte mir das nötige Stück traumdeutende Poesie.

Ein junger Mann mit Hornbrille und einem Begleitheft in der Hand schaute mich erstaunt an. Dann blickte er zu dem Bild und sagte: »Schönes Bild, nicht wahr?« Ich nickte zustimmend. Er ging weiter und widmete sich einem anderen Gemälde mit dem Titel Madonna mit Kind und Engel (Madonnastudie), das ein italienischer Renaissance-Maler namens Parmigianino geschaffen hatte.

Die Dame in de Kempeneers Gemälde verharrte wieder still, so als hätte die pure Anwesenheit des Museumsbesuchers sie eingeschüchtert. Sie muss schon damals, in ihrer Zeit, schüchtern gewesen sein, dachte ich und suchte erneut den Blickkontakt. Ihr Antlitz wirkte immer noch etwas angespannt, und so wandte ich mich, um sie nicht weiter zu verunsichern, ebenfalls kurz der Zeichnung des Francisco de Mazzola, den man auch Parmigianino nannte, zu.

Urplötzlich erhielt ich von hinten einen Schlag auf die Schulter. »Hallo, altes Haus, dass wir dich ausgerechnet hier treffen!«, ertönte eine bekannte Stimme. Es waren Tom und seine Freundin Jenny, die mich händchenhaltend anlachten.

»Ja, stellt euch vor, ich besuche ab und zu Museen. Ist so eine blöde Angewohnheit von mir. Ausgerechnet in einem Kunstmuseum verbringe ich meine Freizeit«, scherzte ich.

»Ich wusste nicht, dass du dich auch für die Renaissance interessierst «, wunderte sich Jenny. »So wie ich mich entsinnen kann, hattest du doch eher Interesse für die moderne Kunst.«

»Wie geht es dir ohne Renate?« Tom versuchte die Frage ganz neutral zu stellen.

»Eigentlich ganz gut. Ich gewöhne mich daran, alleine zu leben. Jetzt kann ich wieder unbehelligt alles machen, worauf ich Lust habe: Fußball schauen, bis spät in die Nacht in der Kneipe sitzen, männliche Unordnung in der Wohnung einführen. Die erste Zeit war schon schlimm. Aber, wie ihr wisst, Zeit heilt die Wunden, die Erinnerung verblasst und es bleibt nur der fade Nachgeschmack einer gescheiterten Beziehung und die Hoffnung auf das nächste Mal.«

»Auf eine dauerhafte Beziehung«, konkretisierte Tom.

»So könnte man sagen.« Ich lächelte etwas gequält. Die ganze Situation war mir ein wenig peinlich, denn zum einen handelte es sich hier um eine sehr persönliche Angelegenheit und zum anderen war Renate mit Tom zusammen gewesen, bevor sie zu mir zog. Tom war mein Freund und ich konnte ihm damals längere Zeit nicht in die Augen schauen. Obwohl man ehrlicherweise sagen musste, dass ihre Beziehung schon zuvor in die Brüche gegangen und Renate alleine durch die Stadt gezogen war.

Tom und Jenny betrachteten unsere Plauderei als beendet, wünschten mir alles Gute und gingen weiter, um sich an anderen Werken zu ergötzen. Ich aber setzte mich zurück auf die Bank und sinnierte unfreiwillig über Renate und über menschliche Schicksale. Renate war allerdings weit weg, die unbekannte Adlige jedoch direkt vor mir. Was für ein Vergleich, dachte ich fast erschrocken. Die Dame erschien mir jetzt als eine Fremde auf einem Bild, das ein Künstler der Renaissance schon vor Hunderten von Jahren gemalt hatte. Die Menschen aus dieser Epoche waren alle längst gestorben. Und ich wollte gesehen haben, dass die junge Dame mir ein Zeichen gab? Ich war ein bedauernswerter Tor!

Ich blickte auf … und hielt den Atem an. Eindeutiger ging es nicht! Die Lady schien zu lachen, sie schaute mir direkt ins Gesicht. Und dann geschah etwas höchst Wundersames: Das Bildnis bewegte sich, sodass ich schon mit dem Schlimmsten rechnete. Aber es hing weiterhin an der ihm zugewiesenen Stelle … doch vor mir – was für ein unbeschreibliches Gefühl – stand leibhaftig eine junge Dame in einem grünen Renaissance-Kleid, mit eleganten Schuhen und einer Krone auf dem Haupt. Wir starrten uns an, ohne ein Wort zu sagen. Ein Seitenblick auf das Gemälde zeigte mir, dass ihr Abbild dort unverändert war, so wie vor diesem Zauber. Wie konnte das sein? Träumte ich? War ich noch bei Sinnen? Ich wollte keine Antwort auf diese Frage. Ich wollte das Geschehene geschehen lassen, ich wollte den Augenblick verewigen, ich wollte mich belügen und belogen sein. Die anderen Museumsbesucher musterten die Gestalt in der antiken Kleidung nur beiläufig, vielleicht dachten sie, es sei eine Werbemaßnahme ...

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