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Das Berghotel - Folge 146

 

Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.


Zu jung für die Ehe?

Dramatischer Roman um ein überstürztes Jawort

Von Verena Kufsteiner

Besorgt sieht Fabian auf Elisa hinab, die sich schluchzend an seine Brust presst. Schon wieder hat Elisas Vater seinen Jähzorn an ihr ausgelassen.

Fabian will nicht zulassen, dass so etwas noch ein einziges Mal passiert! Doch solange sie bei ihrem Vater auf dem Hof in St. Christoph lebt, ist Elisa dessen Wut hilflos ausgeliefert, das ist dem Burschen klar. Deshalb muss er handeln, um eine Tragödie zu verhindern.

Spontan kniet er sich vor die erst Siebzehnjährige hin und nimmt ihre Hand …

»Was hältst du von dieser Stelle, Andi?« Hedi Kastler drehte sich zu ihrem Mann um und deutete auf die schmale Wiesenfläche am Ufer des Kuckuckssees.

Hohe Zirben warfen Schatten auf das Gras und sorgten für angenehme Temperaturen. Während es in der Sonne drückend heiß war, wehte hier am Wasser ein leichtes Lüftchen. Libellen kreisten über dem Uferschilf wie Helikopter, ansonsten störte nichts die Ruhe dieses wunderbaren Sommerabends.

»Hier ist’s genau richtig.« Andi setzte den Picknickkorb ab und breitete die karierte Decke aus, die er unter dem Arm getragen hatte.

Hedi half ihm, die Decke zurechtzuziehen. Danach schlüpfte sie aus ihren Sandalen und betrat den Bootssteg. Sie ließ sich darauf nieder und tauchte die Füße ins Wasser. Kurz, ganz kurz, zuckte sie zusammen. Der See wurde von Gletschern gespeist und war selbst im Sommer eiskalt! Nach dem langen Arbeitstag war das jedoch eine Wohltat.

»Ah, mei tut das gut.« Sie lehnte sich auf dem Steg zurück und ließ den Blick genüsslich über das glitzernde Wasser gleiten.

Ihr Mann tat es ihr gleich. »Hier lässt es sich aushalten, was, Schatzerl?« Er zwinkerte ihr zu.

Sein weißes Hemd stand am Kragen offen und betonte seine sommerlich gebräunte Haut ebenso wie die Hosen, die er nun an den Waden hochkrempelte. Nur die Fältchen um seine leuchtend blauen Augen verrieten, dass er die Vierzig bereits überschritten hatte. Er bewegte sich mit der Energie eines Mannes, der seine Ziele im Leben kannte und keine Mühen scheute, um sie zu erreichen.

Gemeinsam betrieben sie das Sporthotel »Am Sonnenhang« in St. Christoph. Jetzt, zur Sommerzeit, war es ausgebucht, und dementsprechend gab es viel zu tun. In den vergangenen Wochen hatten sie keinen einzigen freien Abend gehabt, deshalb hatte er Hedi an diesem Nachmittag kurzerhand an der Rezeption vertreten lassen und einen Picknickkorb schwenkend vorgeschlagen, den Abend am See zu verbringen.

Hedi lehnte sich an ihren Mann und seufzte. Endlich hatten sie einmal wieder Zeit füreinander!

Am Ufer warteten die Picknickdecke, ein gutes Buch und eine Thermoskanne mit Eistee auf sie. Dazu einige liebevoll arrangierte Speisen in Frischhalteboxen.

Ein Entenpärchen flog über den Wald heran und landete auf dem See, sodass das Wasser nach allen Seiten spritzte. Schnatternd begannen sich die Vögel zu putzen. Über den Bäumen ragten die Gipfel der Zillertaler Berge in den postkartenblauen Himmel. Auf den höchsten von ihnen lag selbst jetzt im Sommer noch Schnee. Leichter Dunst verschleierte die Aussicht und verriet, dass das herrliche Wetter anhalten würde.

»Haben wir eigentlich an Sonnenmilch gedacht, Andi?«

»Freilich. Soll ich dir die Schultern eincremen?«

»Ja, das wär schön.« Hedi strich die Träger ihres gelben Sommerkleides zur Seite, als ihr Mann aufstand, um die Lotion zu holen.

Er ließ sich wieder neben ihr nieder und cremte ihr die Schultern und den Rücken ein. Dabei ging er so sanft zu Werke, dass sich ein wohliges Prickeln unter ihrer Haut ausbreitete. Schließlich beugte sich ihr Mann vor und tupfte einen Kuss auf ihre empfindliche Halsbeuge.

»Gut so?«, fragte er rau.

»Und ob«, schnurrte sie und drehte den Kopf.

Ihre Lippen fanden sich zu einem innigen Kuss, und Hedis Herz schlug einen Purzelbaum. War das zu fassen? In den Armen ihres Mannes fühlte sie sich immer noch wie ein junges Madel! Frisch verliebt wie am ersten Tag.

Er blickte sie versonnen an. »Weißt du, Schatzerl, ich hab mir überlegt, dass wir in diesem Jahr auch einmal verreisen sollten.«

»Verreisen? Aber das Hotel ist bis in den Herbst hinein ausgebucht.«

»Eben. Im November ist es erfahrungsgemäß ruhiger.«

»Das schon, aber zu dieser Jahreszeit ist das Wetter leider auch ziemlich schaurig. Willst du wirklich verreisen, wenn alles grau und nass ist, Anderl?«

»Hier bei uns mag das so sein.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause und fuhr lächelnd fort: »Auf der südlichen Halbkugel ist dann allerdings gerade Frühling. Wolltest du net schon immer mal nach Neuseeland fliegen?«

»Neuseeland?« Hedi stieß ein Jauchzen aus. »Mei, Andi, ist das dein Ernst? Ist das net furchtbar teuer?«

»Wenn wir alles gut planen, sollte es bezahlbar sein. Wir könnten für zwei Wochen hinfliegen, wandern gehen und uns Kängurus, Wombats, Kiwi-Vögel und wer-weiß-was-noch-alles für Tiere ansehen. Es gibt in Neuseeland herrlich einsame Wege, Seen, Vulkane und heiße Quellen. Und …« Weiter kam ihr Mann nicht, weil sie ihm jubelnd um den Hals flog.

»Ja!«, rief sie aus. »Oh, Andi, ich freu mich so. Neuseeland!«

»Mir scheint, das ist dann abgemacht«, stellte er lächelnd fest.

»Und ob. Ich werd neue Wanderschuhe brauchen. Und, oh, eine neue Garderobe. Und für dich müssen wir einen neuen Koffer besorgen. Der alte ist nimmer ansehnlich. Damit müssen wir uns am Flughafen ja schämen.«

»Gib nur net unser letztes Hemd aus, damit wir noch die Flugtickets bezahlen können, Hedi.«

»Werd ich net. Mei, ich kann es net glauben. Neuseeland!« Hedis Herz pochte wild gegen ihre Rippen. So lange schon träumte sie davon, die Insel zu sehen, und nun sollte es endlich wahr werden. In wenigen Monaten schon.

»Am besten fahren wir bald einmal nach Mayrhofen zum Reisebüro und lassen uns beraten«, machte ihr Mann Nägel mit Köpfen. »Wir werden neue Pässe brauchen und vielleicht auch Schutzimpfungen. Danach fragen wir am besten den Bergdoktor bei der nächsten Gelegenheit.«

»Ja, das ist ein guter Plan. Wie lange fliegt man eigentlich nach Neuseeland?«

»Länger als einen Tag, vermutlich. Es geht immerhin einmal um die halbe Welt. Ist dir das zu viel?«

»Gar net. Ich werd mir einfach genügend Lektüre mitnehmen. Im Flieger habe ich genügend Zeit zum Lesen und brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, weil noch dies und jenes zu tun wäre, das derweil liegen bleibt.«

»So kann man’s freilich auch sehen …« Andi unterbrach sich plötzlich und hob den Kopf. »Sag mal, hörst du das auch?«

»Nein, was denn?«

Die Frage war kaum heraus, als Hedi etwas in der Nähe rascheln hörte. Dann ein gedämpftes Grunzen. Im nächsten Augenblick bewegte sich etwas ganz in ihrer Nähe am Waldrand: Wildschweine!

Sieben Frischlinge waren es, und die Bache tauchte hinter ihnen auf und wühlte gemächlich in der Erde nach Leckerbissen. Ihr Nachwuchs tat es ihr gleich und grub die winzigen Steckdosennasen in das Grün.

»Wie süß«, wisperte Hedi.

»Net süß«, raunte ihr Mann. »Gefährlich!«

»Warum denn?«

»Beweg dich net. Vielleicht nehmen sie uns dann net als Bedrohung wahr und ziehen vorbei.«

»Das hoff ich doch sehr.« Hedis Puls beschleunigte sich. Sie wagte, kaum zu atmen, als die Frischlinge nach und nach immer näher an sie herankamen. Oh, verflixt! Warum konnten die Jungen denn nicht in der Nähe ihrer Mutter bleiben?

Hedi tastete nach der Hand ihres Mannes und drückte sie.

Die Bache kam nun immer näher und hatte sie bereits gewittert. Das Wildschwein wirkte aus der Nähe riesig! Nun senkte es den Kopf und stieß einen Warnlaut aus. Eines der Jungtiere trottete geradewegs auf den Steg zu!

Hedi versteifte sich. Was sollten sie nun tun? Sich ins Wasser retten? Normalerweise flohen Wildschweine vor jedem Kontakt zu Menschen. Anders sah die Sache aus, wenn sie ihren Nachwuchs bedroht sahen. Dann scheuten sie kein Risiko und gingen zum Angriff über. Und genau das schien nun der Fall zu sein!

»Ich werde versuchen, sie zu vertreiben«, raunte Andi und stand auf. »Hey!«, rief er. »Das ist unser Picknickplatz! Sucht euch einen anderen, in Ordnung? Hey! Hey! Hey!« Mit weit ausgebreiteten Armen stellte er sich schützend vor seine Frau und ging auf die Tiere zu.

Ein Fehler!

Die Bache sah ihr Junges gefährdet! Sie senkte unvermittelt den Kopf und rannte los. Mit der Urgewalt einer besorgten Mutter stürmte sie auf den Hotelier zu und senkte den Kopf, sodass ihre spitzen Eckzähne emporragten.

»Andi! Pass auf!«, rief Hedi erschrocken aus.

Doch es war zu spät.

Das Wildschwein erreichte ihren Mann und rammte ihn mit dem Kopf. Die Zähne bohrten sich in seinen Oberschenkel, und die Wucht des Aufpralls warf ihn auf den Rücken. Blut breitete sich auf seiner Hose aus. Er war verletzt!

»Andi!« Hedi schrie auf.

Das Wildschwein blieb stehen und betrachtete ihren Mann, der sich stöhnend auf dem Boden wälzte. Es lief ein paar Schritte zurück und senkte den Kopf erneut. Holte es zu einem weiteren Angriff aus?

»Nein! Geh weg! Weg!« Beherzt stürmte Hedi zu ihrem Mann.

Bereit, sich dem Tier in den Weg zu stellen und eine weitere Attacke auf ihren Schatz abzufangen. Doch das war nicht mehr nötig, denn aus dem Wald kamen plötzlich helle Rufe und ein lautes Klatschen.

»Heja, heja! Fort mit euch! Fort mit euch!« Eine zierliche Gestalt tauchte zwischen den Bäumen auf und wedelte mit einem roten Tuch.

Die Wildschweine stoben davon und verschwanden zwischen den Bäumen. Wenig später waren sie nicht mehr zu sehen. Stille kehrte ein.

Eine junge Frau rannte über die Wiese heran. Es war Elisa Obermayer, die Tochter eines Bauern aus dem nahen Dorf. Sie war klein und zierlich für ihre siebzehn Jahre, aber Hedi wusste, dass in der schmalen Gestalt ein willensstarkes und patentes Madel steckte. Elisas dunkelblonde Haare waren schulterlang und rahmten ein hübsches Gesicht mit einer sommersprossigen Nase ein, das nun ganz blass vor Schreck war.

Sie beugte sich über den verletzten Andi und schlug sich eine Hand vor den Mund. Hedi konnte es ihr nicht verdenken. Da war Blut. So viel Blut! Andi krümmte sich vor Schmerzen. Seine Lider flatterten, als wäre er kurz davor, die Besinnung zu verlieren.

Hedi kniete sich neben ihn und drückte ihre Hand auf seine Wunde. Es trieb ihr die Tränen in die Augen. Eisiges Entsetzen breitete sich in ihr aus, aber sie durfte sich nicht gehenlassen. Andi brauchte sie! Ohne Hilfe würde er hier auf der Lichtung verbluten!

Hedi holte tief Luft. »Ich brauche dein Halstuch, Elisa.«

»Freilich. Hier, bitte!« Die Siebzehnjährige reichte es ihr.

Hedi wickelte das Tuch stramm um das Bein, um die Blutung zu stillen. Ein Beben rieselte durch den Körper ihres Mannes.

»Halt durch, Anderl. Wir rufen Hilfe. Bald geht’s dir besser.« Sie blickte wieder auf. »Hast du ein Handy, Elisa?«

»So was hab ich leider net.«

»Dort drüben in meiner Handtasche ist eines. Ruf die Rettung an, ja? Ich muss das Tuch auf der Wunde halten, damit es nimmer so stark blutet. Sag in der Leitstelle, wo wir sind und dass wir Hilfe brauchen. Rasch!«

***

»Ach, Mutterl, wärst du nur nie auf diese verflixte Leiter geklettert.« Mit Tränen in den Augen legte Elisa eine Hand auf den kühlen Grabstein. Anna Obermayer, war hineingemeißelt. Zwischen den Geburts- und Sterbedaten war eine Fotografie angebracht. Darauf lächelte ihre Mutter in die Kamera.

Sie war ein Sonnenstrahl gewesen. Immer gütig und liebevoll hatte sie ihre Familie zusammengehalten. An einem nebligen Herbsttag hatte Anna versucht, die Regenrinne an ihrem Zuhause zu reparieren. Doch die Leiter war unter ihr umgestürzt. Wie es dazu gekommen war, wusste bis zum heutigen Tag niemand genau zu sagen. Der Boden war nach tagelangem Regen rutschig gewesen. Vermutlich hatte die Leiter deshalb keinen sicheren Stand gehabt. Ein Unfall, hieß es.

Anna war bei dem Sturz schwer am Kopf verletzt worden. Der herbeigerufene Notarzt hatte nichts mehr tun können. Zwei Jahre war das her – und seitdem ging es bergab mit Elisas Familie. Ihren Vater sah man kaum noch ohne Schnapsflasche in der Hand, und ihr jüngerer Bruder ließ deutlich in der Schule nach, wenn er denn überhaupt einmal hinging.

»Du fehlst uns so, Mutterl.« Traurig ordnete Elisa den Strauß Sommerblumen in der Vase und zupfte ein welkes Blatt von dem Grabstein. Dann sandte sie ein Gebet zum Himmel.

»Heute hat es ein Unglück im Wald gegeben. Der Herr Kastler wurde von einem Wildschwein angegriffen und schwer verletzt. Ein Rettungswagen hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Hoffentlich kommt er durch. Es sah schlimm aus. Wirklich schlimm. Er hat so viel Blut verloren …« Sie stockte und schüttelte bedächtig den Kopf.

Sie richtete sich auf und setzte ihren Strohhut wieder auf. Einen Abschied murmelnd, machte sie sich auf den Heimweg. Sie trat durch das vergitterte Tor des Kirchhofs und schlug den Weg ein, der sich an der Dorfkirche vorbei in Richtung Norden schlängelte. Immer bergauf. Zu ihrer Linken erstreckten sich leuchtend gelbe Weizenfelder, und zu ihrer Rechten erhob sich das Berghotel auf einer Anhöhe. Elisa war im Wald gewesen, um Brombeeren zu sammeln, als sie die Schreie gehört hatte und ohne zu überlegen zu Hilfe geeilt war.

Hoffentlich würde sich der Hotelier wieder erholen. Er galt als warmherziger Mann, der für jeden Gast ein freundliches Wort hatte. Nicht auszudenken, wenn ihm etwas zustieß!

Ein Trupp junger Frauen und Männer in Sportkleidung kam ihr entgegen. Im Laufschritt! Bei dieser Hitze! Elisa geriet nur beim Hinschauen schon ins Schwitzen. Ein silberhaariger Mann lief neben der Gruppe und behielt sie fest im Auge. Auch er trug Sportsachen: Shorts und ein luftiges Top.

Elisa hatte beim Einkaufen im Dorf gehört, dass eine Gruppe von Polizeianwärtern in der Nähe des Berghotels campierte. Zwei Wochen lang sollten die angehenden Polizisten Einsätze trainieren und ihre Kondition stählen. Offenbar ersparten ihnen nicht einmal die hochsommerlichen Temperaturen die Strapazen.

»Es ist viel zu heiß zum Rennen«, beschwerte sich einer der Männer.

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