Logo weiterlesen.de
Das Beil von Wandsbek

Inhaltsübersicht

Danksagung

I. Teil

Erstes Buch: Man hilft sich, wie man kann

Erstes Kapitel: Ein gebrechliches Fahrzeug

Zweites Kapitel: Die Versuchung

Drittes Kapitel: Krebsessen

Viertes Kapitel: Training

Zweites Buch: Das Gedächtnis der Reichswehr

Erstes Kapitel: Die Nachricht

Zweites Kapitel: Bittschriften

Drittes Kapitel: Wieder Herr im Haus

Viertes Kapitel: Durch ein rundes Fenster

Fünftes Kapitel: Unter Blumen

Drittes Buch: Mit dem Strom

Erstes Kapitel: Brave Stine

Zweites Kapitel: Stellingen

Drittes Kapitel: Die Wünschelrute

Viertes Kapitel: Herr Footh in Schwung

Fünftes Kapitel: Der Mensch lebt nicht von Brot allein

Viertes Buch: Die Bücher des toten Herrn Mengers

Erstes Kapitel: Die die Kosten tragen

Zweites Kapitel: Dankbare Schuldner

Drittes Kapitel: Der Schrecken

Viertes Kapitel: Ein Heiratsantrag

Fünftes Kapitel: Solo aequere

Sechstes Kapitel: Die schwarze Rose

II. Teil

Fünftes Buch: Koldewey empfängt ein Zeichen

Erstes Kapitel: Waschgespräche

Zweites Kapitel: Das Innere der Erde

Drittes Kapitel: Das Beil muß weg

Vietes Kapitel: Deutsche Ostern 38

Fünftes Kapitel: Der Heerwurm

Sechstes Kapitel: Licht in Fuhlsbüttel

Sechstes Buch: Seele, der Maulwurf

Erstes Kapitel: Ein Leck

Zweites Kapitel: Kameradschaft

Drittes Kapitel: Das Gesetz des Dschungels

Viertes Kapitel: Frau Timme verabschiedet sich

Fünftes Kapitel: Kein Gift

Sechstes Kapitel: »Gib’s auf ...«

Siebentes Buch: Strandgut

Erstes Kapitel: Sturm im Hafen

Zweites Kapitel: »Dein Reich komme ...«

Drittes Kapitel: Ein Mann kommt nach Haus

Viertes Kapitel: Das Beil kehrt zurück

Abgesang: Astrologie

Epilog: Auferstehung

Anhang

Anmerkungen

Entstehung und Wirkung

Danksagung

Dieser Roman hatte seine Schicksale, bevor er seine Leser erreichte. Ausgelöst von einer Meldung, die der Verfasser 1938 in der Deutschen Volkszeitung, damals Prag oder Paris, fand, in den darauffolgenden Jahren aber komponiert und gereift, war seine Niederschrift im Frühling 1943 beendet, so daß die Übersetzung ins Hebräische schon im Herbst dieses Jahres bei den »Sifrioth Hapoalim« erscheinen konnte.

Inzwischen hatten sich alle Schwierigkeiten der Kriegszeit und der Gesundheit des Verfassers gegen die Herstellung einer lesbaren Abschrift verbündet. Schon die Verschickung von Manuskripten stieß auf Hindernisse, die Frage der Übersetzung ins Englische schien in dem von Bomben und Raketen verheerten London unlösbar. Andererseits war der Verfasser nach einer schweren Gehirnerschütterung und durch den Verfall seiner Augen nicht in der Lage, selbst für ein gutes, zur Übersetzung taugendes Manuskript zu sorgen. Daß all dies überwunden wurde, verdankt er neben dem unermüdlichen Einsatz seiner Frau der hingebenden Freundschaft und tätigen Hilfe der Schriftsteller Robert Neumann in England und Lion Feuchtwanger und Bertold Brecht in Kalifornien. Durch ihre Kameradschaft bewiesen diese Männer, daß kein noch so zerstörerischer Weltkrieg die Basis gemeinsam verbrachter und durchkämpfter Jahrzehnte antasten konnte. Diese Solidarität, neben der größten persönlichen Arbeitsleistung durchgehalten, scheint ein gutes Anzeichen für die Lebens- und Schaffenskraft, die sich in den weit ausgestreuten Kindern der deutschen Emigration verkörpert sieht, und die trotz aller Einstürze und Furchtbarkeiten des Hitlerregimes unentmutigt am Werke bleibt.

Haifa, April 1947.

Arnold Zweig

I. Teil

Erstes Buch
Man hilft sich, wie man kann

Erstes Kapitel
Ein gebrechliches Fahrzeug

I

Geschehnisse, wie sie hier abrollen werden, um in einem viermal geschwungenen Beil, einem Revolverschuß und dem Zuziehen einer eingeseiften Schlinge zeitgemäß zu gipfeln, beginnen oft mit einer unscheinbaren Bewegung. Diese hier bestand in dem energischen Hineinstoßen des Federhalters ins Tintenfläschchen, ausgeführt von der kräftigen Hand Albert Teetjens, eines schönen blonden Mannes von zweiundvierzig Jahren, mit einem geschwungenen Schnurrbart über würzigen Lippen und mit verschwommen blickenden Augen von norddeutsch blaugrauem Glanz und weiten Lidern.

Er saß, die Hemdärmel aufgekrempelt, am ovalen Tisch seines Wohn- und Eßzimmers, den seine Frau nach dem Abendbrot mal schnell trocken abgerieben hatte, eine große Zeitung als Unterlage benutzend, das Hamburger Fremdenblatt vom Freitag, 27. August 1937. Ein Firmament von durchsichtigem Grünblau spannte sich über die hohen Hinterwände der Häuser, in deren Erdgeschoß Teetjens Laden und Wohnung untergebracht waren, aber er sah nicht auf. Stine Teetjen hingegen verharrte, das Gesicht schräg emporgehoben und den rotblonden Haarknoten infolgedessen tief im Nacken, am geöffneten Fenster. Die Hände mit dem Wischtuch auf dem Rücken verschränkt, ließ sie ihre großen, grauen Augen mit dem Ausdruck verschämten Entzückens in den Abendhimmel schweifen, durstig atmend. Von links über ihnen und von gegenüber her musizierten die Lautsprecher, beide in der gleichen Kammermusik schwelgend, die der Hamburger Sender zusammen mit ganz Deutschland von der Großsendestelle Königswusterhausen empfing. Stine wußte nicht, was für einer Musik sie zuhörte, und daß es Mozarts Klarinettenquintett war, dem da gleichzeitig die Petersens im Vorderhaus und die Lawerenzens im gegenüberliegenden Seitenflügel lauschten. Aber was da in sie einströmte, eingeatmet gleichsam mit dem türkisfarbenen Licht, das gefiel ihr sehr. Blaugrüne Musik, dachte sie, Vergißmeinnicht und Rittersporn und Erika im Borsteler Moor. Mittendrinsitzen im warmen Kraut, sich zurücklegen; ach, wie gut das riecht! Und dann ist der Albert da, der bisher mit seinem Spazierstock in Mauselöchern, Maulwurfshaufen und einem verlassenen Fuchsbau herumgestochert hat, sonst kein Mensch weit und breit, bloß ein Flugzeug brummt nach Gotland, und ich kann meinen Rock ausziehen, damit er nicht zerdrückt wird. Albert aber dreht seine Gedanken weg von seinem Tick, wie’s wohl im Innern der Erde aussieht, freut sich über meine Beine und ... Damit kam ihr das Vorhandensein ihres schönen Mannes wieder voll zum Bewußtsein, und daß er sich den ganzen Nachmittag mit dem Abfassen des verdammten Briefes gequält hatte. Die Kasse war so gut wie leer, am Ersten aber die Miete zu entrichten, nicht nur für Wohnung und Laden, sondern auch für Kühlschrank, Schneidemaschine und Wiegewaagen, die heutzutage weiß lackiert und sauber geputzt zum Zubehör einer Schlächterei gehören, wenn die Kundschaft nicht ganz ausbleiben soll. Sie wandte sich um, bemerkte, daß er noch kein Licht gemacht hatte, zog die Pendellampe tiefer über den Tisch, die an einem viel zu starken Haken von der Decke hing, knipste den Schalter und sagte halb spottend: »Gut, daß du noch nichts aufs Papier gesetzt hast. Tätest dir bloß die Augen verderben.«

Er ging auf ihren Scherz nicht ein. Schwer brütend starrte er auf den leichten Schulfederhalter, hellbraun, mit dunkelbraunen Tupfen getigert, den er zwischen seinen behaarten Fingern hielt, sauber gewaschen und von rötlicher Haut. »Ich krieg’s nicht zusammen, Stine. ’S ist ja, als sollt’ man eine lockere Sanddüne hinaufsteigen, und man rutscht in einemweg ab. Diktier mir deins. Das klingt noch am besten.« Damit nahm er vom Bord über dem roten Plüschsofa eine Zigarrenkiste, roch wollüstig hinein, wählte unter den gefleckten Fehlfarben, stellte die Kiste wieder weg und zog, während Stine aus der Kommode eine schwarz gebundene Bibel nahm, sein großes Klappmesser, um die Spitze abzuschneiden. Dann atmete er den würzigen Rauch ein und aus und sagte, während sie einer zufälligen Stelle des Alten Testaments ein bekritzeltes Blatt entnahm: »Tja, die Sorge um den verfluchten Zaster. Haben die einen beim Halse, sitzt man allein in seiner Stube, als wäre nicht Stadt Hamburg rund um einen herum, mit anderthalb Millionen Volksgenossen und lauter vollen Safes.« – »Niemand ist allein«, sagte Stine, mit den Augen, besonders großen und ausdrucksvollen Augen, einige Zeilen des Propheten Hosea abtastend, »soll ich anfangen?«

»Fang an«, stimmte er zu, stieß den Federhalter durch den Hals des Fläschchens in die schwarzrötliche Schultinte und schrieb, mit durchaus nicht ungelenker Hand, in deutscher und deutlicher Schrift, Satz für Satz, wie er sauber und langsam von ihren blaßroten Lippen kam, in hamburgisch gefärbten Lauten und mit Schulmädchenstimme:

»Hamburg-Wandsbek, Wagnerstraße 17, den 27.8.37.

Lieber Volksgenosse und Kriegskamerad. Du hast schon lange nichts mehr von mir gehört, seit wir zusammen auf dem Floß den Njemen hinabtrieben und in Memel die Messinghülsen und Schmierbüchsen verkauften. Ich denke oft daran, was das für eine wilde und lustige Zeit war, und mein Harmonikaspiel Dir Spaß machte. Jetzt hab ich das Schifferklavier längst beiseite gelegt. Nach dem Tode meines Alten mußte ich die Fleischerei übernehmen, wie ich es ja gelernt hatte. Aber jetzt will es nicht mehr recht flecken. Die Lebensmittel von Ehape machen mich tot, seit die Filiale Wandsbeker Chaussee auch Fleisch- und Wurstwaren führt. Die Hausfrauen aus unserer Gegend brauchen mit dem Tram keine zehn Minuten. Sie sagen, die Auswahl ist größer und die Fahrt kommt wieder heraus. Da Du in Bürgerschaft und Senat etwas zu bestellen hast, kannst Du vielleicht veranlassen, daß sie in Wohnvierteln keine Fleischwaren feilhalten dürfen. Obwohl mein Sturmführer Preester nicht dieser Meinung ist, fasse ich doch die Absichten des Führers dahin zusammen, daß der kleine Mann auch leben soll. Lieber Kamerad, ich wäre Dir sehr dankbar, wenn ich Dich mal sprechen könnte, nachdem ich Dich noch niemals angegangen oder belästigt habe. Otto Lehmkes Bierstube, Wandsbek 8494, richtet mir jeden Anruf aus. In treuer Parteigenossenschaft, Heil Hitler, Dein Albert Teetjen, Schlächtermeister.«

Teetjen betrachtete seine Unterschrift, der er einen energischen Schwung gegeben hatte, infolgedessen sie mit einem leichten Anstieg endete, trocknete die Feder an der Zeitung, überlas den Brief noch einmal und sagte bewundernd: »Wo du das nur her hast, Stine. Das redt ja wie ich selbst, aber besser.« Stine lachte: »Tja, Dummchen«, rief sie, indem sie ihm den schön geteilten Scheitel zauste, »unsere Schule in Blankenese hat halt was aus mir gemacht. Und warum hast du dich seit unserem Ausflug nach Farmsen am Sonntag gewehrt und gesträubt, erstens überhaupt zu schreiben und zweitens, wie ich es mir dachte?« – »Weil’s keinen Spaß macht, den reichen Reeder Footh anzubetteln. Denn darauf kommt es doch heraus. – Ein Geldschrank hackt dem anderen die Augen nicht aus in unserem neuen Reiche.« – Stine runzelte die rotblonden Brauen. »Anbetteln«, sagte sie strafend. »Einer hilft dem anderen. Im Weltkrieg halfst du ihm dreioder viermal aus dem Dreck. Das vergißt du bloß immer.« – »Tja«, murmelte Albert Teetjen, den Brief zusammenfaltend, »das war damals, inzwischen haben sich die Weichen umgestellt. Klettert mächtig nach oben, der Footh. Sucht und findet Anschluß. Hat ja auch so was Nettes um die Augen und den Mund. Wenn wir uns trafen, war er immer der anständige PG. Aber was weiß man, wie es jetzt in ihm aussieht. Wirtschaftsführer! Große Geschäfte! Seine Tankerflotte zählt schon fünf Schiffe. Manchmal im Hafen zeigen sie sie mir, und wenn ich dann sage, wir waren Kriegskameraden in Weißrußland und haben manches Ding zusammen gedreht, dann beglückwünschen sie mich: Alberten kann’s nicht schlecht gehen. Komm, Albert, gib mal was aus. Und dann soll ich eine Runde Köhm schmeißen oder dänischen Aquavit, wenn wir im Freihafen arbeiten. Bis jetzt hat er mich nur gekostet, der Kamerad Footh.« – »Paß auf, Albert«, damit setzte sich Stine neben ihn aufs Sofa, »diesmal bringt er uns Glück. Soll sich ja so manche Braut unter den Fräuleins vom Harvestehuder Weg angelacht haben. Und was einer hat, das bringt er auch anderen. Hier ist seine Adresse.« – Und sie reichte ihm einen grauleinenen Briefumschlag, auf dem von fremder Frauenhand in wohlgestalten Schriftzügen »Herrn Hans P. Footh, Hamburg-Roterbaum, Harvestehuder Weg« geschrieben stand. »Privatadresse«, strahlte sie, »damit es nicht unter der Geschäftspost verschwindet.« – »Deern«, rief Albert bewundernd, »was haben wir doch für eine kluge Else.« – »Stine«, verbesserte sie die Redensart, die, wie sie wohl wußte, aus einem Grimmschen Hausmärchen stammte. Er faßte sie an den Schultern, schüttelte und küßte sie, erregte sich dabei und schob sie vor sich hin ins Schlafzimmer, wo im Dämmerlicht des Abends die beiden Betten den quadratischen Raum beherrschten. Sommerwarm stand die Luft zwischen den hell getünchten Wänden. Viel zu heiß lag es sich unter den dicken Federbetten, wenn man noch irgendetwas anhatte. »Über dem Eßtisch brennt noch das Elektrische«, mahnte Frau Stine, während sie ihre Röcke fallen ließ und das Hemd über den Kopf streifte. »Laß brennen«, rief Albert heiser, stürzte aber doch noch zurück und drehte den Knipser. Mozarts Musik hatte längst geendet.

II

»Bei Nathansons, so lange es sie gab, pflegte es in diesen Stunden hoch herzugehen, Garden Party und Hauskonzert zur Feier des Tages.«

Die junge Dame, die dies am folgenden Nachmittag sagte, lag, die Arme hinterm mattblonden Haar gekreuzt, in einem Liegestuhl. Die Terrasse, auf der er stand, erlaubte einen Durchblick zwischen den Villen und Wipfeln der vorderen Straßen auf das Becken der Außenalster, das sich hier kilometerweit öffnete.

Hans Peter Footh, die schweren Hände zwischen den Knien, richtete seine kleinen, intensiven Augen überrascht auf den blaßroten Mund seiner schönen, goldbraunen Freundin. In langen weißseidenen Beinkleidern, den Oberkörper nur mit einem Brusttuch geschmückt, hellrot-weiß-blau wie die holländische Flagge, lag sie da und gab ihm Rätsel auf. Aber gerade das liebte er an ihr. Auf seine bekannt nette Art war er seiner Sache und der Partei in allem Wichtigen sicher genug, um sich kleine Blößen geben zu dürfen. Annette Koldewey, Tochter eines hohen Verwaltungsbeamten, des Zuchthausdirektors von Fuhlsbüttel, galt als sehr gebildetes Mädchen. Sie hatte schon in der republikanischen Hamburger Gesellschaft verkehrt; weniger zu wissen als sie, schändete niemanden. »Feier des Tages?« fragte er, »was war denn 1870 am 28. August?« – Annette lächelte leise, ihre slawisch braunen Augen, eingebettet zwischen hochgerückten Backenknochen und einer eigensinnigen Stirn, musterten freundlich den Mann in den weiten blaugrauen Schifferhosen, der über hundertfünfzig Angestellte gebot und dem sie sich zu eigen gegeben hatte, auf Kündigung und bis auf weiteres. Vorsichtig vermied sie den Ausdruck Liebe, um das zu kennzeichnen, was sie mit Footh verband. Er hatte sich schon vor Jahren scheiden lassen und war bereit, sie jeden Tag zu heiraten. »Goethes Geburtstag«, gab sie Bescheid. »Nathansons feierten ihn. In den Tagen der Republik nahmen ja viele davon Kenntnis. Jetzt sitzen Nathansons drüben in Stockholm und warten auf den Tag ihrer Rückkehr.« – »Wird ihnen die Zeit nicht lang werden?« spottete Hans Footh. – »Wir sprachen sie im Frühjahr«, entgegnete Annette. »Konsul Nathanson ist klug. Ich gebe eurem Führer noch ein paar Jahre, sagte er. Dann macht er eine ganz große Dummheit und setzt die Welt in Brand, und danach kommen wir wieder. Seine komischen Vorstellungen von England und Amerika werden ihm den Hals brechen.« – »Kluger Mann!« empörte sich Hans Footh. »Sonderbaren Umgang erlaubte dir dein Vater.« Annette blickte vor sich hin: als ob ihr eigener Wille nicht ausgereicht hätte, sie zu leiten! Dann verzog sie ihre Brauen zu bedrängtem Ausdruck, wollte etwas entgegnen, zog es aber vor, die Glastasse mit Tee an die Lippen zu setzen, den Duft der Mischung einzuatmen, die sie selbst aus Darjeeling und Pekko hergestellt hatte, und sich in langen Zügen zu erfrischen.

Footh und sie hatten die ersten Stunden des Nachmittags auf seinem Segelboot verbracht und waren noch nicht lange wieder zu Haus. Da Sonnabend Mittag das Weekend begann, belebte sich das Wasser von Stunde zu Stunde. – Grund für manche Leute, den Tee lieber daheim zu nehmen. Zuviel Gesang, Gerufe und Grammophon. »Armer Papa!« seufzte sie bedrückt.

Im Schlafzimmer, vor welchem die Terrasse sich erstreckte, und das sie gleichsam ins Freie fortsetzte, schnarrte das Telefon. Herr Footh erhob sich schwer aus seinem Sessel, Stahlrohr, bespannt mit bunten Gurten, sogenannter Bauhausstil, und ging hinein. Annette musterte den wiegenden Gang, den Herr Footh von den Kapitänen seiner Tankschiffe gelernt hatte. Eigentlich müßten von seinem Rücken Hosenträger herunterbaumeln, hin und her, wie bei Jannings im Film, dachte sie angeärgert. Und hoffentlich bringst du auch einmal so viel Verständnis für den Stil deiner Tochter auf wie mein Papa. Der Vater hatte Sorgen. Die Krankheit dieses Herrn Denke aus Magdeburg, zuerst nur eine leichte Betriebsstörung, machte ihm seit ein paar Tagen schwer zu schaffen. Annette, seine Älteste, seit dem Tod ihrer Mutter daran gewöhnt, mit ihm zu tragen, was ihn bekümmerte und freute, wand sich jetzt auf ihrem Liegestuhl vor Hilflosigkeit. Ihre Blicke, wie Rat suchend, schweiften in den blauen Sommerhimmel; dann griff sie zu einer Zigarette. Wer konnte hier helfen?

Herr Footh kam zurück, einen Brief in der Hand, der ihm durch den Speiseaufzug hinaufgesandt worden war. »Kennst du die Schrift?« fragte er Annette, bevor er den Umschlag aufriß. »Das ist Käte Neumeiers Schrift. Sie hat sich doch in Wandsbek niedergelassen, nicht? Was will sie von dir?« Herr Footh hatte inzwischen das beschriebene Blatt durchstudiert, zusammengelegt und in die Tasche gesteckt. Halb ärgerlich, halb belustigt sah er vor sich hin. »Deine Freundinnen sollten mit meiner Privatadresse sparsamer umgehen«, meinte er. »Der Brief kommt von jemand ganz anderem, aber der Umschlag stammt von ihr. Ein Wandsbeker Kriegskamerad, der eine Unterstützung braucht. Willst du lesen?« – Annette ließ die Hülle, grau und leinenartig, auf die Holzroste gleiten. »Ich habe wenig Sinn für fremde Leute, solange Papa derart im Druck steckt.«

Herr Footh wußte Bescheid. Annette, vorhin auf dem Deck der Yacht »Goldauge« ausgestreckt wie eine braune Najade, hatte ihm berichtet, daß der Senat ihren Vater dringend ersucht hatte, endlich die Hinrichtung der vier längst zum Tode Verurteilten anzusetzen, ihre Zellen freizumachen. Der Führer wünschte, nach Hamburg zu kommen, der Hochbrücke über die Elbe wegen, die er plante. Aber erst mußte da reiner Tisch gemacht werden, der Prozeß gegen Timme und Genossen ausgespielt haben. Das Reichsjustizministerium war vorstellig geworden, Herr Denke aber, Scharfrichter aus Magdeburg, noch immer bettlägerig. Jetzt mahnte man ihren Vater, Ersatz zu schaffen. »Wenn dein alter Herr diese Genossen noch länger in Pension behält, wird er sich schließlich selbst in den Geruch bringen, Kommunist zu sein«, hatte Herr Footh lachend bemerkt und war ins Wasser gesprungen, während Annette die Segelleine hielt und ihm ein Tau zuwarf, damit »Goldauge« ihm nicht in der leichten Brise um Hunderte von Metern entschlüpfte. Jetzt plötzlich erhob er sich vom Stuhle, schlenderte an die Brüstung der Veranda, kam zurück, schenkte sich einen Kognak ein, Martell stand auf der dickbäuchigen Flasche. »Dem Manne kann geholfen werden. Beiden Männern. Deinem Vater auch. Nu, lies das mal.« Und er reichte ihr mit leicht zitternder Hand das geöffnete Briefblatt hin: »Geburtstagsgeschenk vom alten Herrn Goethe«, schmunzelte er.

Annette überflog die Zeilen, blickte verständnislos zu ihm hoch. »Ein Kriegskamerad«, wiederholte sie, »gut und schön. Albert Teetjen. Und was hat das mit meinem Vater zu schaffen?« – »Dummchen«, rief er und machte mit dem Zeigefinger unter den Namenszug eine unterstreichende Bewegung. »Albert Teetjen, Schlächtermeister«, betonte er dazu. Annette ließ die Hand mit dem Briefe sinken, das Papier fallen. Der Wind trieb es ein paar Schritte über die Veranda, nun lag es neben dem grauen Kuvert. Aus weitgeöffneten Augen drängten sich ihre Blicke in die seinen, sonst regte sich nichts in ihrem Gesicht. »Laß die kostbare Adresse nicht fortfliegen«, rief Footh und setzte seinen Fuß mit dem Segelschuh darauf, bückte sich und barg es in der Seitentasche. »Wieviel, sagtest du, soll dem Herrn Denke die Berufsausübung diesmal einbringen?« – Annettes Mund stand leicht geöffnet, mehrere Atemzüge lang. Sie legte ihre braune Hand ans Kinn, über dem sich die Wangen straff und schön rundeten, herzförmig gleichsam, ziemlich slawisch: »Ich glaube zweitausend Mark«, antwortete sie halblaut, bewegt von Bedenken, gleichsam benommen. Er verstand die Regungen nicht, die in ihr auf- und abstiegen. »Wetten, daß es klappt?« rief er. »Was kriege ich, wenn deinem Vater der Rotwein wieder schmeckt?« Ein glückliches Lächeln lockerte ihren Mund, und indem sie ihm beide Arme entgegenstreckte und auch die Schultern zu ihm emporhob, hörte sie, sie wußte nicht warum, von ihrer inneren Stimme zwei berühmte Verse Gretchens, die hier genau paßten: »Ich habe schon so viel für dich getan, daß mir zu tun fast nichts mehr übrig bleibt.« Aber sie sprach sie nicht aus, da er bestimmt hätte fragen müssen, woher das sei. Und niemand, sie am wenigsten, wäre imstande gewesen, einem so offenkundig hilfsbereiten, warmherzigen Manne Bildungslücken vorzuwerfen. Die gehörten fast zu seinem Typ, einem guten, neuen, wohlverstanden.

III

Es geht auf den Herbst zu, dachte Herr Koldewey, während er seine Rasiersachen zurechtmachte. Perlmutternes Morgenlicht und von der See her schon eine kühle Brise, die Wipfel der Ebereschen angegilbt und die Früchte darin kostbar rot wie mexikanische Opale. Ohne den September könnte unsereiner das ganze Leben kaum noch so gut mitspielen. Wer die Sechzig überschritten hat, lebt ohnehin im September, bestenfalls. – Er hätte sich gern einen Backen- oder Kinnbart stehen lassen, wie er eigentlich zur hamburgischen Tradition eines älteren Herrn gehörte. Aber sein Sinn für Physiognomie und passendes Aussehen verbot ihm das. Sein Kopf, an welchem mit hoher Stirn, langer Oberlippe und langem Kinn, bei leicht offenstehendem Munde, ohnehin alles in die Länge strebte, wäre im Bartschmuck lächerlich hamburgisch erschienen. Wenigstens behauptete das seine Tochter Annette, so oft er auf derartiges hinpirschte, und Annette hatte bei ihm nicht nur einen Stein im Brett. Es gibt geheime Hintergründe innerhalb von Familien und Menschen, aus denen die Handlungen und Meinungen wachsen, die Freunde nur von der Außenseite wahrnehmen, dachte Herr Koldewey, während er seine Wange mit dem vergoldeten Rasierapparat bearbeitete, den ihm ein amerikanischer Freund und Berufskollege geschenkt hatte. Nichts erschien Herrn Koldewey sinnbildlicher für die moderne Gesellschaft als solch ein goldenes Gerät – cäsarischer Luxus, der im Grunde genommen als Material kaum den Wert eines Groschens darstellte. Mit seinem ornamentierten Schaft, glatten Flächen und goldenen Glanz war er von den Arbeitern der Gilette-Werke und dem Geschick der Propagandisten zu einer ansehnlichen Dollarware veredelt worden; würdige Gabe eines Zuchthausleiters in New Jersey an einen hamburgischen Staatsbeamten, der innerhalb seines Amtsbereichs auch ein KZ-Lager dulden mußte. Was nun die Hintergründe anlangt, fuhr er in seinen Gedanken fort, so gleicht jeder Zustand meiner Rasierschale hier. Von dem Tischchen, auf dem sie steht, krümmt sie sich jeden Augenblick weg, von ihm aus gesehen ist sie konvex. Auf mich aber krümmt sie sich jeden Augenblick zu, von mir aus ist sie konkav. So steht es um die Beziehungen von Menschen zueinander. Sie werden von ganz verschiedenen Koordinaten beherrscht, je nachdem man sie von außen sieht oder von innen. Es gehört jedenfalls zu den Pflichten des Kulturmenschen, weder alles wissen zu wollen, noch sich in die Karten gucken zu lassen. Sich umzukrempeln wie ein Handschuh vor dem Feldwebel, dem Steuereinnehmer und dem Herrn Pastor war protestantische Ethik, das Geschenk Luthers an seine Fürsten. Kehren Sie gefälligst Ihr Innerstes nach außen, damit wir sehen können, daß auch Sie nichts sind als Teig. Das verlangt heute die Partei. Bitte sehr, meine Herren. Als der Kaiser noch regierte, war ich bismarckisch; während der Republik ein konservativer Hamburger. Und jetzt soll ich vor dem Müll kapitulieren, dem uns diese Schwerindustrie verkauft hat? Das dürfte sich Lebenslinie nennen! Nein, meine Herrschaften. Sie konnten uns einen notorischen Lumpen zum Gauleiter setzen, der sich das E.K.I. selber verliehen hat, gleich Herrn Hitler, und niemals im Kriege war, gleich Herrn Goebbels; sich aber mit dem Flieger- und dem Verwundetenabzeichen schmückt. Diesem Mann und seinem Blockwart bin ich natürlich Rechenschaft schuldig schon am frühen Morgen – denkt er, aber, mit ganz langem A ... Dann trocknete Herr Koldewey sein Gesicht, rieb es mit wohlriechender Essenz ab und säuberte das vergoldete Gerät, zu welchem ein ebenso prunkvolles Etui gehörte. Er wartete sehnlich auf seine Tochter Annette. Immer, wenn das Geräusch eines Motors zu ihm drang, beugte er sich aus dem Fenster; aber es waren zumeist Flugzeuge, die den Flughafen Fuhlsbüttel anflogen oder von ihm aufstiegen. Im weiten Himmel brummten kreuzförmige Libellen. Zeitig muß anfangen, wer einen Horch von einem Daimler unterscheiden lernen will, lächelte er. Am Klang nämlich. Thyra und Ingebottel verstehen das, von Annette zu schweigen. Haben eben schon zeitig angefangen, die Gören. Die beiden ersten Namen bezeichneten seine jüngeren Töchter mit den Spitznamen, die sie in der Familie trugen – gutgewachsene, engäugige junge Damen, die vorhin mit dem Vater bereits gefrühstückt und sich dann von ihm verabschiedet hatten. Solche berufstätige junge Mädchen von Familie wurden zwar wochentags in den Kontoren der Innenstadt und der Staatsverwaltung festgehalten, strebten am Sonntag aber um so eiliger ins Freie, wo sie in der Harksheide oder dem Tangstedter Forst mit ihren Klubs ein heidnisch gesundes Körperleben pflegten, soweit neuere Bedürfnisse des Heeres und der Partei den Wald nicht sperrten. Zum Kaffee hatte Koldewey also noch Gesellschaft, um acht war man allein, um neun, schon gefrühstückt und geschwommen, kam Annette. Wer weise war, legte sich mit seinem Nietzsche wieder zu Bett und rauchte eine Vorstenlanden. Gebenedeite Stille des Sonntagmorgens. Kein Telefon, kein Rapport, keine Besichtigungen. Die Nachteile der Dienstwohnung, der roten Ziegelvilla außerhalb der roten Mauern, aufgewogen durch die Lage weit draußen, wiewohl eng angeschlossen an das hochentwickelte Verkehrsnetz, das die Republik hinterlassen hatte. Und was für Spaziergänge hinüber nach Ohlsdorf, wo man in einem See baden konnte, nachdem man als philosophischer Mensch die Nachbarschaft der Toten auf dem Zentralfriedhof sich hatte gefallen lassen. Die Toten störten nie. Nur die Lebendigen gaben zu Klagen Anlaß. Das KZ-Lager da drüben, beispielsweise. Unbeeinflußbar, unzugänglich, nicht loszuwerden.

Erst als Annette ihn mit einem Kuß weckte, stellte sich heraus, daß Herr Koldewey eingeschlafen war, die Zigarre ordentlich im Aschenbecher und die Hand mit der »Götzendämmerung« auf der Bettdecke des Doppelbettes, das er, obwohl schon so lange Witwer, nie abgeschafft hatte. »Kind«, rief er aus, »bist du durchs Fenster hereingeflogen? Wie ist es dir ergangen? Glänzend, wie ich sehe.« – Sie setzte sich auf den Bettrand und puderte ihre Nase, die von der Fahrt in dem schlanken Sportwagen, ihrem »Adlerchen«, gerötet worden und ohnehin sommersprossig war. »Ich bringe dir etwas mit«, sagte sie. – Dich selbst, dachte er, bewegt von einem Gefühl der Eifersucht gegen ihren Freund, wovon er sich durchaus Rechenschaft gab; ein Liebhaber Nietzsches durfte sich nichts vormachen. »Wart ein Weilchen«, sagte er, »sonst vergesse ich die Stelle, über der ich weggedöst sein muß. Ist ein Mensch verantwortlich für den Schatten, den er wirft, ein Dichter oder Denker für die Mißverständnisse, die er erzeugt oder denen er unterliegt? Das sag mir mal.« – »Eine Kernfrage des Morgens früh«, lächelte sie, die feinen Brauen zusammenziehend. »Dein Nietzsche zum Beispiel für ›blonde Bestie‹ und dergleichen?« – »Das Grundproblem unserer Tage«, bestätigte er und las vor: »›Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott Lieder singend.‹ – So Friedrich der Schnauzbärtige. Nun paß auf. Er spielt hier auf den Vers an:

›So weit die deutsche Zunge klingt

Und Gott im Himmel Lieder singt.‹

Offenbar scheint er hier, gleich dem Volksmund, Gott singend und im Nominativ vorzuführen, statt, wie es doch gemeint ist, passiv und im Dativ. Jedenfalls deutet er nirgendwo das Gegenteil an. Nicht?« und er hielt ihr das Buch hin. Annette aber nahm und schloß es. Sie hatte lange genug die Mutter vertreten, um sich alles gestatten zu können; außerdem aber drängte es sie, die große Freude loszuwerden. »Herr Footh«, schoß sie los, »läßt sich dir empfehlen; er ist auf der Fährte eines Stellvertreters für Herrn Denke und hofft, morgen abend schon berichten zu können. Ich habe ihn daraufhin zu einer Schüssel Krebse eingeladen, deine Einwilligung vorausgesetzt.« – Herr Koldewey richtete sich langsam im Bette auf, sog mit der Unterlippe an seinem kurz gehaltenen Schnurrbart, umfaßte mit beiden Händen die Schultern seiner Tochter. »Berichte mehr, Annette«, bat er, und die Lider von den gewölbten Augäpfeln weit zurückgezogen, hörte er ihr zu. »Hm«, sagte er dann. »Du weißt, daß ich in dieser ganzen Angelegenheit passiver geblieben bin, als es meiner Natur entspricht. Warum?« – »Weil du diese vier Hinzurichtenden für unschuldig hältst?« fragte sie zurück. »Kluge Kleine«, nickte er. »Auf keinen Fall so schuldig, wie das Urteil will. Wenn die Prozeßführung aus einer Schießerei zwischen aufgeregten Jugendgruppen überlegte Morde konstruieren muß, so ist das ihre Sache, die Sache preußischer Juristen in Altona. Nun paß auf. Erinnerst du dich an den ›Fischer un syne Fru‹?« – »Ein Grimmsches Hausmärchen, das nur plattdeutsch vorliegt«, lächelte sie. »Ich lese es gern mal wieder.« – »Dort führt der Erzähler seine Fabel so, daß noch Hoffnung für das Ehepaar bliebe, welches hier die Menschen vertritt, wenn sich diese Ilsebill einmal zufrieden gäbe. Sie kann sich aber nicht zufrieden geben; immer aufs neue plagt sie den braven Butt mit größeren Wünschen. Es ist eine malaiische Geschichte, habe ich mir sagen lassen, eine Zaubergeschichte, von Seeleuten mitgebracht und darum nur niederdeutsch erzählt. Nun, in der Sache dieser vier Leute verhalte ich mich ein wenig wie jener geduldige Zauberfisch, der verwünschte Prinz, nur umgekehrt. Als Einzelperson vermag ich ja gar nichts. Aber die Vertreter einer regierenden Schicht sind gewissermaßen auswechselbar, und nimmst du statt meiner zum Beispiel Freund Lintze, Oberstleutnant Lintze vom Wehrkreis 10, so vermöchte der schon allerhand. Also – ich zögere hin. Ich finde niemand. Ich gebe unserem Staate noch eine Chance, unserem Hamburg, dem Reiche, unserer bürgerlichen Gesellschaft. Es sind Gnadengesuche für die Vier unterwegs, gleichzeitig wird Scharfrichter Denke krank und liegt in seinem Bette. Du siehst, es kann etwas geschehen. Und nun kommst du und dein Herr Footh, und ihr macht es spannend.« – »Und ich habe es so gut gemeint«, rief Annette klagend. – »Weiß ich«, nickte er zärtlich und küßte sie neben den Mund. »Du bist nur Werkzeug, dein Footh, ich, wir alle. Etwas vollzieht sich in der Welt, wir haben die Ehre, dabei mitzuspielen.« – »Es ist ja auch noch nicht gewiß, daß etwas aus der Sache wird«, tröstete sie sich. – »Nein«, bestätigte er langsam und stand auf, »es ist noch nicht gewiß. Vor ein paar Wochen las ich irgendwo, daß nicht einmal mehr die mechanische Physik an die Determination glaubt. Selbst bei den Molekülen, sagt James Jeans, liegen gewisse Entscheidungen auf den Knien der Götter. Laß also sehen, ob wir Hoffnung haben. Die Chancen stehen föftig föftig. Werden die Vier gerettet, so geht das Kreuz an uns vorbei. Herr Hitler stürzt sich in einen kleinen Krieg, und der ganze Spuk versinkt in einem Blutsumpf. Besteigen sie das Schafott, so bleibt das Dritte Reich in Kraft und Blüte und verpestet unser Volk, Europa, die Erde, ohne Aussicht auf Hoffnung. Denn von innen her zerfällt das nicht. So seh ich diesen Kram.« – »Das wäre zum Verzweifeln«, meinte sie leise. »Und ich dachte schon, im vorigen Jahre seien die Würfel gefallen. Weiser Vater.« Und jetzt küßte sie ihn, und gar nicht kindlich, wie ein erwachsener Mensch einen anderen. Im vorigen Jahre waren ihr Bräutigam Hans Wieck und ihr Vetter Manfred Koldewey in Spanien als Franco Flieger abgeschossen worden, im gleichen Bomber, von einem russischen Kampfflugzeug, nachdem sie baskische Städte in Trümmer gelegt hatten. Ohne diesen Vorfall, den die Zeitung ein tragisches Unglück hatte nennen müssen, wäre Hans P. Footh mit seiner Werbung wohl im Schatten geblieben. Vater und Tochter, beide dachten an diese jähe Kurve; dann fragte er: »Hast du Lust, mich ein wenig hinauszufahren? Um zwölf möchte ich bei Hagendörps sein. Sie spielen Brahms.«

IV

Das vielfache Brausen des Hafens am Montag vormittag wurde jetzt gerade übertönt durch den tiefen Baß, mit dem ein Ozeandampfer sich an seinen Platz schob, aus mächtiger Kehle reichlich Laut gebend. »Yaukuni Maru«, sagte Herr Footh, indem er seinem Gegenüber, Kapitän Carstanjen, über den Schreibtisch weg die Hand auf die Schulter legte, ihn wieder in seinen Stuhl drückend. Kapitän Carstanjen, breit und kahlköpfig und zu Schmeicheleien geneigt, wie viele Seeleute, äußerte etwas Verbindliches für Herrn Footh, daß er alles, was sich in der Nähe seiner Räume im Hafen rege, offenbar schon auswendig kenne. »Wär’ ja auch ein Skandal«, lachte Footh, »heute, wo alle Straßenjungen der ganzen Welt einen Junkers von einem Dornier am Klang unterscheiden können. Diese Japaner sind gute Schiffe, habe ich mir sagen lassen.« – Der Kapitän bestätigte: »Sehr gute. Moderne Motorschiffe, die durch die bewegte See fahren wie Bügeleisen über ein Plättbrett.« Mit ihren schwarzen Rümpfen und gelben Schornsteinen traf man die Marus der Nippon-Yusen-Kaisha gelegentlich in Neapel oder Marseille; in Hamburg war er noch mit keinem zusammengetroffen. Dabei horchte er immer unruhig nach draußen, wo vor dem breiten Fenster im fünften Stock des Bürohauses die von Dunst und Dampf überwölkte, grau bewegte Fläche des Hafens sich ausdehnte – eines kleinen Teiles vielmehr, über dem Möwen blitzten, Kräne knirschten, den Schuten und Fährboote durchzogen und hinter dem sich um den hoch aufsteigenden Turm von St. Michaelis ein Stück von Hamburg lagerte, die wie ein Insektenbau dicht gedrängte, von Häusern wimmelnde Innenstadt. Kapitän Carstanjens »Neunauge« befuhr die Mittelmeerroute und kam gerade, alle seine Tanks voll hochwertigen Öls, aus Haifa. Er war bestrebt, zu wissen, ob seine nächste Fahrt nur bis Konstanza oder durchs Schwarze Meer nach Batum führen werde. Er wurde Mitte Oktober fünfzig Jahre alt und wünschte, diesen Ehrentag daheim zu verbringen und Sohn und Schwiegersohn dabei zu haben; da der eine bei der Lufthansa angestellt war, der andere bei der Reichsbahn, war es höchste Zeit zum Disponieren. »Beruhigen Sie sich, Käppn«, sagte Footh, »das hängt nicht ganz von mir ab. Mitte Oktober sollen Sie bestimmt wieder zu Hause sein, aber vielleicht kriegen wir Schmieröl aus Tampico, und dann verschiebt sich dieses und jenes. Übermorgen wissen wir Bescheid.« Er fragte ins Telefon, ob Fräulein Petersen schon erfahren habe, wohin die Verteilungsstelle das Öl von »Neunauge« geliefert haben möchte; wo, unbeschadet der Bohrarbeiten für die Fundamente der Elbhochbrücke, über oder unter der Erde, gerade Platz für Petrol sei. »Wär’ ja wunderbar, wenn solch ein Riesenwerk unsere Unterelbe bei Finkenwärder überspannte oder sonstwo. Gruß und Sinnbild des Neuen Reiches«, äußerte Herr Footh ernst, zu seinem Besucher hingekehrt. »Leider hapert es mit dem Untergrund, behaupten die Geologen. Nun, der Führer wird’s schon schaffen.« Eine große Wandkarte hinter seinem Kopf zeigte Nordwestdeutschland mit Flughäfen, Autostraßen, Großtankstellen und verschiedentlich gelben Kreisen, nahe von Eisenbahnen und Kanälen. Da lagen die großen unterirdischen Reservoire, die der Heeresleitung unterstanden. Auf der linken Schmalseite des Zimmers aber, und die massige blaue Gestalt Kapitän Carstanjens verdeckte sie zum Teil, hing eine mehr schematische Weltkarte kleineren Maßstabes, auf welcher die Petroleum liefernden Häfen mit roten Bohrtürmen angegeben waren, kleine Fähnchen mit Ziffern eins bis fünf bezeichneten Punkte, an denen sich gerade Herrn Fooths Flottille befand. »Was seh’ ich, Sie sind noch in Haifa!« rief Herr Footh munter, drückte eine Klingel und ließ von dem eintretenden Fräulein Krüger das Fähnchen drei von Haifa nach Hamburg übertragen. In Spanien siegte Franco. Neville Chamberlains Engländer wagten nicht zu mucksen, wenn ›unbekannte U-Boote‹ britische Frachtschiffe versenkten oder mit Kanonen beschossen, und die russischen Hilfsmaschinen erwiesen sich als Dreck. Das autoritäre Prinzip setzte sich überall durch, wo es offen auftrat, noch mehr aber im geheimen. »Neugierig, was uns Kapitän Meinke aus Rio berichten wird. Lateinamerika segelt großartig voran. In den USA. machen die Republikaner, mit dem deutschstämmigen Wendell Willkie an der Spitze, bei den Wahlen übers Jahr bestimmt das Rennen – nein, ich irre mich, erst in zwei Jahren rutscht Mr. Roosevelt in die Versenkung. Der alte Löwe Großbritannien hingegen weiß sehr gut, daß seine Zähne wackeln. Wie sieht’s für ihn und seine Juden in Palästina aus? Aufstände im ganzen Lande. – Stopfen Sie sich doch noch eine Piepe, Käppn.« – Carstanjen wußte, daß seine Abrechnungen inzwischen geprüft wurden, und daß er also noch gut eine Viertelstunde hier werde sitzen müssen; er stopfte, paffte und berichtete. Überall im Lande flogen Minen unter den Lastwagen auf, die englische Truppen an besonders bedrohte Plätze beförderten. Just während seiner Anwesenheit in Haifa war im Geschäftsviertel eine Aktentasche mit einer Bombe explodiert, die einem arabischen Radfahrer die Beine lädierte. Im Hafen machten sich die Italiener breit, die Schiffe des Lloyd Triestino und die Flugzeuge der Ala Littoria; die Briten in ihrem Dünkel ließen alles ruhig gehen. Die getrennt gesprochenen Sp- und St-Laute gaben den Sätzen des Kapitäns ein anheimelndes Gepräge, während er erzählte, daß die deutsche Kolonie in Haifa von den Geheimnissen des Aufstandes mehr wüßte als der Intelligence Service, wenn auch weniger als das italienische Konsulat. Eine besonders hübsche Sache habe er selber im Shuk mitangesehen. Dort sei ein riesiger Tisch zur Schau gestellt worden mit Solinger Schlächtermessern, die ein Mann der NSBO. vom »Neunauge« aus Parteimitteln mitgebracht und an Araber zum Weiterverkauf geliefert hatte; lange, gerade Klingen, so recht für den heimischen Gebrauch, wie die Araber ihn verstanden. Sie hätten denn auch mit entsprechenden Mienen den Tisch umfeilscht; leider wenig gekauft – vorläufig, weil die Japaner mit ihrem »Solingen« die Preise verdarben. Aber eine tapfere jüdische Dame, die bei Besorgungen vorüberkam, hätte sich mal eben an die Wand lehnen müssen und sei schleunigst umgekehrt. Vielleicht besaß sie das zweite Gesicht, wie so viele Leute von der Waterkant, und witterte schon, wo diese Klingen in »ihren Leuten« stecken bleiben würden. »Schlächtermesser?« wiederholte Herr Footh lächelnd. »Dabei fällt mir was ein. Entschuldigen Sie, Käppn«, und er gab telephonisch Fräulein Blüthe die Anweisung, ihn mit Wandsbek 8494 zu verbinden und seinen Kriegskameraden Albert Teetjen an den Apparat rufen zu lassen. Otto Lehmkes Bierstube werde sich melden. Dann warf er die Frage hin, was denn die Haifaer Arbeiter dazu sagten, wenn im Hafen die Hakenkreuzflagge wehte. Und er schmunzelte, als ihm der Kapitän versicherte, da dürfe keiner die Miene verziehen. Von Fall zu Fall hinge ja auch in der deutschen Kolonie die neue Reichsflagge über die Straße. Und wenn gerade angesehene deutsche Touristen im Windsor-Hotel abstiegen, Major von Hindenburg oder Herr von Papen, zeige auch das unsere Farben. »Wird sich wohl so gehören«, grinste Herr Footh, und er erzählte dem Kapitän, der es ja auf See nur kurz durchs Radio gehört hatte, wie wohl sich voriges Jahr der englische König in Salzburg gefühlt habe, und wie herzlich ihn die österreichischen Parteigenossen begrüßt hatten, als er in weißen Lederhosen und Nazistrümpfen dort Einkäufe machte. »Sie haben Eduard VIII. zwar inzwischen kaltgestellt. Aber es sollen in England schon Könige ab- und eingesetzt worden sein, wenn ein starker Königsmacher, wie zum Beispiel der zukünftige Sieger im deutsch-russischen Krieg, auf etwas derartiges dringen sollte.« Der Kapitän rutschte auf seinem Stuhl nach vorn: ob denn Herr Footh an einen Krieg glaube? Die englische Flotte, in Alexandria zum Beispiel, sei keine wurmige Nuß. Gerade hätten in Haifa das Schlachtschiff »Hood« und der Kreuzer »Repulse« ihre Visitenkarten abgegeben – keine bloßen Schaustücke mit ihren riesigen Rohren. »Unser Führer erreicht alles ohne Krieg. Darauf können wir einen trinken.« Und Footh verlangte durchs Telephon zwei Gläser Kümmel.

Sie wurden gebracht von Fräulein Blüthe, die bescheiden und lächelnd ein Tablett auf den Schreibtisch stellte. Dann bat sie, während die Herren anstießen, etwas ausrichten zu dürfen. Herr Teetjen war auf dem Zentralschlachthof und konnte nicht an den Apparat kommen, aber seine Frau war da; ob sie etwas ausrichten solle? Herr Footh stellte sein Glas auf die blanke Nickelplatte zurück und ließ seine Augen, nach innen gekehrt, auf dem hübschen Gesicht des Fräuleins ruhen. »Was Wichtiges. Ich bitte Herrn Teetjen morgen mittag mit mir bei Cölln zu frühstücken, pünktlich zwölf Uhr. Das wird seinem Kredit zugutekommen, zum mindesten bei Otto Lehmkes Bierstube«, zwinkerte er lustig. Und jetzt bemerkte er auch, wie hübsch die Blüthe sich frisiert hatte, und wieviel Wert sie darauf legte, daß er es bemerkte. Leider mußte er ihr gleich einen Schmerz bereiten. »Und nun rufen Sie noch in Fuhlsbüttel an: es habe dann wohl keinen Sinn, wenn ich schon heute herauskäme. Ob wir besagte Krebse auch am Dienstag noch knacken könnten?« – »Sehr wohl, Herr Footh.« Und mit einem wehen Blick ihrer Vergißmeinnichtaugen eilte Anneliese Blüthe an ihr Telephon, wo der schwarze Hörer noch immer auf dem Tische ruhte.

V

Lehmkes gehörten zu den besten Kunden der Teetjenschen Schlächterei – groß im Bestellen von Eisbein, Wellfleisch und Würsten. Herr Lehmke saß an einem seiner Gasttische, sortierte mehrere Spiele Karten, die Preesters Leute gestern nacht auf unmögliche Weise durcheinander gebracht hatten, schob ein Stück Kautabak, einen sogenannten Priem, in die Backentasche und sagte zu seiner Frau, die, Gläser spülend, hinter der Theke stand: »Nun siehst du’s doch. Ollsche Teetjen ist ein feiner Mann. Denn nur feine Leute haben feine Freunde.« Frau Lehmke, Kielerin, eine korpulente Dame mit einem Dutt aus grauen Strähnen über dem Scheitel und kleinen scharfen Augen, neigte offenbar nicht zu der Gutmütigkeit, die man Frauen ihres Formats zuschreibt. »Tja«, erwiderte sie, »Albert hat doch Gardemaß, und die Uniform steht im bannig schön. Aber wenn dich einer fragt, ob sich Stine Teetjen die Haare färbt, so sag nur: meine Frau meint, ja.« – »Das laß du seine Sache sein.« – »Laß ich ja. Meine man bloß. Man wird doch noch was sagen dürfen.«

Als lange verheiratete Leute verstanden Lehmkes einander auch unterhalb des Ausgesprochenen. Frau Fiete Lehmke hatte den erfreuten Blick wohl bemerkt, den ihr Mann der Stine nachgesandt, als sie vorhin so schlank und rank aus der Schanktür eilte, weil sie befürchtete, der Reis brenne ihr an.

»Und ich dachte, die Freundschaft mit dem Footh sei längst eingeschlafen.« Sie zog anstatt des feuchten ein trockenes Wischtuch aus einem Wandfach vor und polierte ihre Gläser. »Warum denn?« entgegnete er. »Die SS. ist doch Adolfs Elite. Da sieht man, wozu es gut ist.« – »Fand immer, Albert gehöre in die SA., und mit der SS. habe er sich eigentlich übernommen.« – »Aber nun zeigt sich’s ja. Einen SA.-Mann Teetjen hätte der reiche Reeder Footh kaum angeklingelt.« – »Und zu Cölln bestellt. Reichtum hin und her – wird wohl auch Gewerkschaftsgelder, ich meine Arbeitsfront, in seinem Betrieb haben.« – »Verbrenn du dir die Snut. Davon ist an unseren Tischen noch nie die Rede gewesen.« – »Nehm’s also zurück. Mir kam’s hoch wegen Cölln, Lehmkes Bierstube hätt’ wohl nicht gereicht.« – »Reg dich ab, Olsch. Der Footh ist doch auch SS. Und wenn’s ihm gerade liegt, kommt er doch zu uns und schnackt sich eins mit dem Albert.« – »Und bindet der Stine das Schürzenband auf, wenn Albert just nicht hinsieht.« – »Glaub ich nicht«, damit stand er auf, um die Spielkarten, des Teufels Gebetbuch, wieder einzuschließen. »Möcht nicht anbinden mit Alberten. Ein Fleischer, der nicht kinderlieb ist. Sonst sind die doch immer so gutmütig.« Frau Lehmke trocknete sich die Hände an der Schürze ab. »Wenn er mal wieder Bargeld braucht, wie halt ich’s ’mit?« – »Immer gib ihm. Hat ja noch stets prompte geblecht. Und jetzt erst recht.«

VI

Stine Geisow, verehelichte Teetjen – es lohnte sich, ihr nachzuschauen. Wie ein Junge lief sie mit ihren schlanken Hüften, die geraden Beine ohne Strümpfe im halblangen Rock kräftig gebrauchend, den Weg in ihren Laden. Sie hielt dabei ihre Brust fest, denn in diesen letzten Augusttagen genoß sie noch die Sommerfreude, so leicht wie möglich und anständig gekleidet zu sein, in helle Baumwollstoffe, bunt bedruckt und weiß punktiert, wie die Mode und die Warenhäuser es wollten; olivgrün vertrug sich gut mit ihrem fast maisfarbenen Haar. Sie wußte wohl, daß sie Otto Lehmke gefiel, hatte es gemerkt und genossen, aber neben Albert kam Lehmke nicht in Betracht, solch ein schwerer Bulle. Gastwirte sitzen immer so dabei und schütten sich Bier in den Bauch, und der gedeiht dann entsprechend. Die Lehmkesche durfte beruhigt sein und ihre Giftblicke im Futteral lassen.

Stine mußte schnell machen. Sie hatte einen Hamburger Klöben, einen Stollen aus Kuchenteig mit Mandeln und Rosinen und bescheiden verwandtem Zitronat in der Backröhre; außerdem aber stand der Reis auf dem Gas, kleingedreht und die Asbestplatte zwischen Topf und Flamme. Aber dennoch, Reis war tückisch; hast du nicht gesehen, brannte er an. Und es sollte heute Reis mit Würstchen geben, die sich nicht verkauft hatten und weg mußten, bevor man sie nur noch als Hundefutter dazugeben konnte. Diese Stunde jetzt, zwischen halb zehn und halb elf, durfte zum Glück die geeignete genannt werden zum Telefonieren. Die Frühauf-Hausfrauen hatten ihr Suppen- und Schmorfleisch schon eingeholt, und die andern, die mal schnell was zum Braten besorgten, weil sie sich erst auf den letzten Drücker entschieden, ob Schweinsschnitzel, Kalbsschnitzel oder Muttonchops, die kamen erst ab etwa halb zwölf. Indes saß als Stellvertretung Dörte Lehmke in Teetjens Laden, naschte einen Wurstzipfel Salami und fertigte die Kunden ab, falls welche kamen. Sie tat das leidenschaftlich gern, ein verfressenes kleines Mädchen, das dick und vollbusig ihrem Vater nachgeriet und danach strebte, Verkäuferin im Dachgeschoß von Tietz zu werden, am Dammtorbahnhof oder bei der Börse, wo im Frühstücksraum schmucke junge Leute Sandwichs zu essen kamen und einen Malaga dazu genehmigten. Die verstanden es, die genossen ihr Leben und ließen anderen auch ein Teilchen. Dörte, eigentlich Dorothea, war noch nicht lange vom Jungvolk der Hitlerjugend zum Mitglied des BDM. aufgerückt, des Bundes deutscher Mädel. Sie schwärmte für Baldur von Schirach, diesen Dichter und Patrizier, seitdem sie ihn bei der Einweihung des Horst-Wessel-Brunnens hatte erblicken dürfen. Noch lieber wäre ihr ja freilich der Anblick von Hermann Göring gewesen, der nach den Bildern ihrem Vater am ähnlichsten sah von allen Führern des Reiches. Aber der kam jetzt nicht nach Hamburg. Der baute die Luftwaffe auf, zur Zerschmetterung der roten Bolschewisten, die die arme Ukraine knechteten und ausraubten. Dörte haßte die Kommunisten, denn ihr Vater haßte sie, sie verdarben ihm bis 33 das ganze Geschäft. »Ja, Frau Teetjen, ich habe was verkauft«, rief Dörte triumphierend als Stine die Türklingel zum Schnappen brachte. »Herr Lawerenz hat plötzlich Besuch bekommen und ein Viertel Pökelzunge holen lassen. Möcht ich auch mal frühstücken.« – »Gott, Dörte«, lachte Stine, »tust ja, als ließe Mutter dich verhungern.« – »Bewahre«, antwortete das halbwüchsige Ding und schnappte begeistert nach dem Rest einer halben Scheibe, die sie zuviel abgeschnitten hatte, als sie vorhin die steif gekühlte schwere Zunge aus dem Kühlschrank nahm, der weißlackiert die Rückwand des Ladens halbierte, der großen Fensterscheibe gegenüber. »Mm«, schmatzte sie, »das läßt sich mal schön an. Aber richtig wär’s erst mit einem Butterbrötchen.« – Frau Stine war inzwischen in der Küche gewesen, wo sie ihren Reis durch Umrühren davor gerettet hatte, anzuhängen, nämlich am Boden des Topfes festzubacken und das ganze Gericht zu verderben; ihr Markknochen, den Albert ihr vor dem Weggehen noch kleingehackt, kochte fleißig und strömte schon Bouillongeruch aus, mit Suppengrün und Petersilie, als sie den Deckel lüftete und wieder schloß. Dabei fiel sie, sie wußte nicht wie, in die Rolle der Köchin zurück, die sie so lange bei Plauts wahrgenommen hatte, bei Apotheker Plaut in der Rothenbaumchaussee. Sie schob Dörten Lehmke die kleine, ebenso dicke Marga Plaut von damals unter (die jetzt längst selbst eine Tochter hatte, in Blomfontein, Südafrika) und sagte: »Mit Gänsefett natürlich, Kind! Wie kommst du auf Butter?« – »Kanonen statt Butter«, rief Dörte strahlend und eilte nach Haus, den Küchenausgang zum Hof benutzend, damit die Ladenglocke nicht überflüssig läute.

Stine aber, leicht beweglich und wie beschwingt, schlüpfte ins Schlafzimmer, zog ihr Kleid aus, dehnte die Arme, erblickte im kleinen Spiegel über dem Waschtisch das rötliche Haar in ihrer linken Achselhöhle und lächelte glücklich. Ihr schmucker Albert liebte sie noch, nach bald zehn Jahren Ehe. Das war was. Im Winter 27 hatten sie geheiratet, nach Ablauf des Trauerjahres, dem Tod ihrer guten Eltern, die der großen Springflut von 26 zum Opfer gefallen waren, auf ihrer Hallig, nahe der dänischen Küste. Damals war der Hindenburgdamm, den die Republik gerade vom Festland nach der Insel Sylt baute, in den grauen Wassern der Nordsee weggeschmolzen, und die alten Geisows, zugleich mit vielen anderen Halligleuten, von ihrer kleinen, flachen Insel verschwunden. Von dem bißchen, das sie ihr vererbten, wurde Alberts Fleischerei modernisiert, eigentlich eine Last. Aber jetzt sah es ja so aus, als seien sie aus dem Schlimmsten. Vielleicht konnte man bald daran denken, doch noch die hübschen braunen Sportschuhe zu kaufen, die ihr in die Augen stachen, so oft sie an Schuh-Leemanns Schaufenster in der Wandsbeker Chaussee vorüberkam. Für braune Schuhe durfte man es ja wohl reichlich spät nennen, aber Mitte September wurden sie im Preise bestimmt zurückgesetzt, und ihr machte es nichts aus. Zu Hause sahen braune Schuhe immer freundlich aus, und der Straßenschmutz im Winter kannte keinen Unterschied zwischen braunem Boxcalf und schwarzem. Auf alle Fälle würde sie jetzt mal ihre Straßenschuhe besohlen lassen. Etwas kam bestimmt heraus morgen um zwölf bei Cölln – und mit wirklichen Ausgaben wartete man selbstverständlich, bis dies Ergebnis sich greifen ließ. Ob freilich Herr Footh fähig sein würde, auf einen großen Warenhauskonzern Einfluß zu nehmen, stand noch gar sehr dahin. Vielleicht aber konnte ihm Albert einen Vertrag abluchsen, das Frischfleisch für seine fünf Tankschiffe zu liefern, das sie in ihren Eiskästen mitnahmen. Regelmäßige Einkünfte, darauf kam es an, sie den laufenden Ausgaben entgegenzusetzen. Damit hatte sie sich die Haare wieder festgesteckt, eine blaue Küchenschürze statt des Kleides angelegt und den Küchenstuhl an eine Stelle gezogen, von der aus sie den Laden und ihren Herd gleichzeitig zu überwachen pflegte. Sie hatte eine Tüte früher Äpfel eingehandelt, grün wie das Rattengift, das Herr Plaut mit seiner feinen Waage den Schiffsgesellschaften zuwog, die es in ihren Speichern und Kielräumen ausstreuten. Eigentlich Fallobst und recht madig; und sie putzte es jetzt für Apfelmus, Kompott, aus dem sie sich sehr viel machte, und Albert auch. Hätte es nur nicht so viel Zucker verschlungen! Wenn man sie geschält und die Griebsche herausgepuhlt hatte, wie Frau Plaut das Kerngehäuse nannte, waren es ja man bloß kleine Viertel, die sie da in die Emailleschüssel mit Wasser plumpsen ließ. Aber helf er sich. Sie wuchsen halt noch nicht größer.

Morgen um zwölf bei Cölln. Albert mußte auf alle Fälle einen Taler Bargeld in die Tasche stecken. Reiche Leute waren oft knickrig und Überraschungen gab es immer.

Zweites Kapitel
Die Versuchung

I

»Die meisten großen Städte«, bemerkte Herr Footh und träufelte ein wenig Zitronensaft auf ein geröstetes Brötchen mit grauem Störrogen, genannt Kaviar, »die meisten großen Städte verdanken ihr Stadtbild dem Zusammenspiel von Wasser und Feuer. Alle sind einmal tüchtig abgebrannt wie auf Bestellung.« – Albert Teetjen kaute erst zu Ende. Ihm lag nicht viel an Kaviar. Er hatte der weißen Porzellandose in Form eines Fäßchens, mit der Aufschrift Beluga, nur zwei oder drei knappe Löffelchen entnommen: »Was Gott tut, das ist wohlgetan, für die Baumeister und die Terrainschieber«, bekräftigte er dann. – Herr Cölln, den es schon lange nicht mehr gab, hatte seine Gaststätte, in absichtlichem Gegensatz zu süddeutschen Bieren, darauf abgestellt, dem Brauwesen West- und Ostfalens auf die Beine zu helfen oder unter die Arme zu greifen. Infolgedessen genossen seine Gäste noch hundert Jahre nach der Gründung Bier aus Dortmund und Einbeck, das nirgendwo besser gepflegt auf den Tisch kam. Das Holz dieser Tische, naturfarben und gefirnißt, gelblichgrün vor Alter, kam in urwüchsiger Schönheit zur Geltung; es lagen keine Tischtücher bei Cöllns, und die Gäste saßen auf breiten, braunen Sitzen und Bänken, ungepolstert und dennoch behaglich. Man stieg eine Anzahl Stufen in das niedere Gewölbe hinab, von dessen Decke die Modelle hansischer Koggen und Fregatten in genauer Nachbildung hingen, und freute sich dann der Kühle und der würzigen Gerüche, denn Cöllns Küche verwendete nur die allerbesten Zutaten und hielt auf Tradition auch bei den Speisen: solide, reichlich und first class.

Die beiden Herren in SS.-Uniform hatten sich den Platz noch wählen können – man frühstückt spät in Hamburg; vor halb eins liefert die Küche kaum Gerichte, die sie als Tagesplatten ankündigt. Das machte nichts; dafür konnte man sich in eine Ecke kuscheln, hinter einem halbzugezogenen Vorhang aus schwerem Fries, und ungestört eins schnacken. Ein schlanker, brauner Dackel, Ebert geheißen, war mit Herrn Footh dem hellgrauen Mercedes entstiegen und lag jetzt unter seinem Stuhl, zusammengerollt und der Dinge wartend, die in Form von Bissen und Knöchlein aus der Oberwelt zu ihm herabfallen würden. Keiner der Tische stand so nah, daß jemand das Gespräch hätte belauschen können, dem Albert Teetjen gespannt entgegenwartete. Aber er hatte gelernt, sich zu beherrschen und keine Miene zu verziehen. Ihm schien es schon von guter Vorbedeutung, daß Herr Footh sich von Anfang an des Hamburger Platt bediente, als sie einander vor den Eingangsstufen begegneten.

Daher klang es durchaus nicht sonderbar, als er ihn jetzt »mein Sohn« anredete, gleichaltrig wie sie waren. Überhaupt verleiht der niederdeutsche Dialekt, gleich der holländischen oder auch der jiddischen Sprache, allem etwas Gemütliches und Anheimelndes, wenn er von Leuten gesprochen wird, die ihn von Jugend an gewöhnt sind. »Tja, mein Sohn, was du dir so gedacht hast, das geht natürlich nicht. Wir vom Transportwesen können dem Verteilungsgewerbe nicht hineinpfuschen. Du gehörst zur verarbeitenden Nahrungsmittelbranche. Senat und Bürgerschaft aber haben die Verbraucher im Auge, und das muß wohl so sein. Bevor der Führer die Rüstung ankurbelte, steckten wir mitten drin in einer Verbraucherkrise, die Maschinen lieferten viel mehr, als die Leute trotz allen Bedarfs bezahlen konnten. Ihr, abhängig vom monatlichen Wirtschaftsgeld, spürt noch den Rest davon. Na, denn Prost!« und beide tranken. – Wo das wohl hinauslaufen soll, dachte Albert Teetjen und verteidigte den Vorschlag, den er in seinem Briefe gemacht hatte. Sein Geschäft ging durchschnittlich, wenn das Publikum zu ihm kam wie früher. Nahm es aber ab, weil die Frauen an den großen Schaufenstern der Warenhäuser festklebten wie Fliegen an der Leimtüte, so mußten die fixen Kosten es langsam erdrosseln. An Wandsbeks Bewohnerschaft hatte sich nichts geändert, seit es dieses Jahr zum Hamburger Staatsgebiet geschlagen worden war. Die Gefolgschaften der großen Industriewerke, Beamte und Arbeiter, füllten die Wohnungen in seinen Straßen, Lehrer, Rentner, Handwerker. Die Leute mußten einteilen, was sie hatten. Wenn sie nicht in der Lotterie gewannen, so setzten sie alle keinen Speck an.

Herr Footh wiegte sein rötliches Gesicht hin und her, glättete sein Schnurrbärtchen und winkte dem Kellner. »Worauf hast du Appetit?« fragte er seinen Gast. Sie wählten fürs nächste beide Hamburger Steak, gegrilltes Rippenfleisch vom Rind auf ebenso geröstetem Brot, wozu säuerlich eingemachte Gürkchen, Zwiebelchen und Pilze gehörten. Das weiße Tönnchen ward weggetragen und zwei große Gläser englischen Porters bestellt, ein Getränk, das im Hamburger Klima noch gerade bekömmlich und höchst angenehm schmeckte. Für eine Weile spiegelte sich nur das elektrische Licht in der Tischplatte.

»Wenn man dir nun«, fragte Herr Footh, »eine Gelegenheit gäbe, ein Sümmchen zu verdienen, einen Zuschuß für die nächste Zeit? Anträge durch Bürgerschaft und Senat zu bringen, das braucht doch eine Weile. Siehst du ein, nöch? Und mir wurde da gerade eine Gelegenheit bekannt, die gleichsam und gewissermaßen in deinen Beruf schlägt.« – »Wäre günstig«, bestätigte Albert und bat um Auskunft. Aber da brachte der Kellner ein großes ovales Tablett, Geschirr, Besteck, und die Herren frühstückten. Sie wirkten beide in ihren schwarzen Uniformen wie Offiziere einer Truppe, die es zu Zeiten ihrer Kriegskameradschaft noch nicht gegeben hatte, und so sprachen sie zunächst einmal von den alten Tagen in Litauen und am Flusse Njemen. »Mensch, das waren damals noch Zeiten! Erinnerst du dich noch an die tolle Geschichte im Schaulener Forst?« Albert Teetjen erinnerte sich nicht, und Herr Footh, nachdem er Pumpernickel, Emmentaler, Pomeranzenschnaps (Curaçao) und zwei fast schwarze Brasilzigarren gewählt hatte, half seinem Gedächtnis nach. War da nicht ein Unteroffizier Ruckstuhl gewesen, und hatte der nicht mitten auf einer Waldchaussee einen Juden getroffen, auf einem Leiterwagen, der verbotenerweise Brennholz geschlagen hatte, Diebstahl am Eigentum der Besatzungsbehörde? Hatte Ruckstuhl ihn daraufhin nicht zum Tode verurteilt, absteigen lassen, auf dem gefrorenen Weg niederknien, und ihn mit der eigenen Holzaxt geköpft? Freilich gab es ein großes Halloh, als die nächsten Fuhrwerke den alten Itzig vor den Fahrgeleisen liegen fanden, von seinem Pferdchen beschnuppert, den Kopf mit dem grauen Bart neben sich, als hätte er ihn man bloß verloren. Und dem Ruckstuhl wäre es schlecht ergangen, hätte nicht ein Kriegsgerichtsrat Nissenbaum einen Narren an dem Fall gefressen, der ihm mit der Ehre des deutschen Waffenrockes unvereinbar schien, den er selber so gerne trug. Bewies also Herr Nissenbaum, daß Ruckstuhl sinnlos betrunken gewesen sei – am Sonntagmorgen zwischen zehn und elf; und daß er überdies schon früher mangelnde Zurechnungsfähigkeit an den Tag gelegt habe, in Form von Dämmerzuständen, in denen er alles mögliche tat, ohne davon zu wissen. War ein jüdischer und sozialdemokratischer Herr, der Herr Nissenbaum, und erwarb sich durch diesen Fall eine so gute Nummer bei den preußischen Konservativen, daß er noch heute seine Pension empfing, natürlich in Palästina.

Albert Teetjen saß zurückgelehnt auf seinem breiten Holzstuhl, nippte Likör, genoß den fast süßen Pumpernickel und den Nachgeschmack des Schweizer Käses zwischen Zunge und Gaumen und freute sich der rauhen Haut seiner frischen Brasilzigarre. Der Frühstückskeller des Herrn Cölln hatte sich inzwischen fast bis auf den letzten Platz gefüllt, was sich in einem gedämpften Klirren und Brausen äußerte. Tja, lachte Albert, der sich inzwischen des tollen Jungen gut erinnerte, dieser Ruckstuhl hatte Schwein gehabt. Es hätte auch ganz anders mit ihm ausgehen können. Denn es war doch Schnaps und der reine Übermut gewesen, das Herrengefühl, würde man heute sagen, die Siegerrasse. Wäre er statt an den Nissenbaum damals an den katholischen Kriegsgerichtsrat Dachert geraten, den Zentrumshansl und Erzbergerfreund, er wäre ohne weiteres wegen Mordes verknackt worden, statt wegen Totschlags unter mildernden Umständen, wie Herr Nissenbaum den Fall schließlich frisierte. Ja, so war es. Albert erinnerte sich immer genauer. Hatte er nicht in der Bahnhofskantine von Schaulen dabeigesessen, als die Leute von der Kommandantur auf den Schnellzug nach Berlin warteten, um den Ruckstuhl zur Beobachtung seines Geisteszustandes dem Professor Willbrandt zuzuführen? Er, Teetjen, sollte damals auch auf Urlaub fahren; Ruckstuhl und die Unteroffiziere hatten ein Coupé für sich, sie nahmen ihn mit hinein: es schlief sich köstlich im Gepäcknetz; Albert wußte noch heute, wie er darüber gelacht hatte, daß der Ruckstuhl, der an dieser Vergünstigung ja doch schuld war, sich mit dem Fußboden des Abteils begnügen mußte, wo man die Stöße der schlechten Federung am meisten spürte. Aber das tat ihm nichts, behaupteten die Berliner Unteroffiziere, diese Strafe habe er sich verdient, das müsse er zugeben. »Gut«, rief Herr Footh und lachte zustimmend. »Das wußte ich nicht. Der Zug war mir neu. Das unverbrüchliche Rechtsgefühl unseres Volkes. Und was würdest du sagen, wenn ich dir nun etwas Ähnliches vorzuschlagen hätte? Der Ruckstuhl war doch ein Zufallstreffer. Du bist ein Fachmann. Viermal zuschlagen, und zweitausend Mark sind dein.« – Und in der gemütlichen und humorigen Sprechweise des Hamburger Volkes legte er ihm dar, auf welche Weise er sich eben jetzt um den Senat und den Reichsstatthalter verdient machen konnte.

Immer öfter traten jetzt neue Gäste an den Vorhang, um hineinzuspähen und mit Entschuldigungen zurückzutreten. Die große Petriturmuhr hoch über allen Köpfen schlug eins. Albert Teetjen blies blauen Rauch von sich und betrachtete gleichzeitig und gleichsam mit angehaltenem Atem den Reeder, Standartenführer im NSKK. und Kriegskameraden, der ihm da den Vorschlag machte, die Stelle des Henkers aus Magdeburg zu vertreten. Er hatte ihn mit guten Dingen gefüttert, Bier und Schnaps nicht gespart und ihm die Geschichte nur auf Umwegen beigebracht – sie verbarg also Haken und Bedenken. Irgend etwas in seinem Innern hatte sofort »ja ja« gerufen; zweitausend Mark, wer schlug die wohl ab! Aber dennoch gab es da Hemmungen und Schranken. Und die hießen: Stine und die Wagnerstraße. Das Henkeramt war nun einmal von besonderer Art, unheimlich und unehrlich. Durch die Gräber, die es schuf, stand es gleichsam mit den Eingeweiden der Erde in Verbindung, dem geheimnisvollen Boden. Im bürgerlichen Leben blieb das Töten von Menschen kitzlig; das mußte er Herrn Footh zu schmecken geben, der ihm die Sache so harmlos und fast ehrenvoll mundgerecht machen wollte. »Dem Henker ins Handwerk pfuschen. Ich fürchte, das wird nicht gehen. Erstens wegen meiner Frau. Und zweitens wegen dieses Rockes.« – Herr Footh zog die Brauen hoch. Zum ersten Punkt konnte er ja wohl nichts sagen, der blieb Kamerad Alberts Sache. Für den zweiten gab es natürlich einen Ausweg: Frack und Maske. In einer schwarzen Seidenmaske oder in einer weißen erkennt dich dein eigener Vater nicht. Letzteres sei vielleicht übertrieben, Väter erkennen einen immer; Nachbarn aber und Hausbewohner und selbst Kameraden von der SS.? Ausgeschlossen. Im übrigen fanden solche Vorgänge zwar öffentlich statt, aber nur vor geladenen Gästen. Und Leute von der Presse wurden eben nicht eingeweiht: Herr Denke hat endlich seinen Stellvertreter aus Magdeburg geschickt, basta. Und jetzt wollten sie noch einen Kaffee trinken, unter Bäumen, im Alsterpavillon. Herr Footh hatte noch ein Viertelstündchen Zeit, bis dahin konnte sich Albert ja schlüssig werden. »Vorwärts, Herr Ebert, wir räumen den Tisch.«

II

In einer eng gebauten Geschäftsgegend haben es selbst kleine Wagen schwer, des Mittags durchs Gewühl zu schlüpfen. Herr Footh hatte selbstverständlich die Rechnung beglichen, seinen Gast vorher aber hinausgeschickt. Jetzt steuerte er langsam der Alster zu; Albert neben ihm bestrebte sich, das Hochgefühl zu verbergen, mit welchem er in dem grauen Leder des Kabrioletts lehnte. Wunderbares Wetter. Leise getönter Dunst umhauchte die Stadtanlagen und vermittelte gleichsam zwischen ihnen, dem Sonnenlicht, dem klarblauen Himmel. Gott, war das schön, so dazuzugehören, in einem noblen Wagen zu sitzen, von einem feinen Restaurant ins andere gebracht ... Unter den großen Kastanien warteten schon bunt gedeckte Tische. Manchmal schwebte ein Blatt herab und berührte die Wasserfläche, die Schwäne irreführend, die alsbald darauf zuruderten. »Dumme Biester«, sagte Footh, »dürften doch schon längst merken, daß das bloß fauler Zauber ist.« Der Dackel Ebert bellte sie an, machte sie zischen, ihre steilen Hälse ausstrecken; er ward zurückgepfiffen. So verging, kaum bemerkt, eine halbe Stunde. Die Herren in bequemen Gartenstühlen rauchten ihre Zigarren zu Ende, mit Hilfe weißer Papierspitzen nebenbei, genossen den Kaffee, das schöne Wetter. Sie beobachteten einander freundschaftlich. Teetjen rührte gesenkten Blicks im Kaffee: wann denn die Festlichkeit steigen solle. Ohne ein gewisses Training könne er den »Job« nicht übernehmen. (Als gutem Hamburger liefen ihm englische Worte mit Selbstverständlichkeit von der Zunge.) Footh drückte sein Schnurrbärtchen auf die Lippe: gewonnenes Spiel. Beinahe hätte er verraten, wie groß der Dienst war, den Albert da übernahm, und gesagt, das hänge ganz von ihm ab. Statt dessen fragte er, wieviel Zeit zur Übung ein mit dem Beile so gewandter Mann wohl benötige. Zehn Tage reichten doch aus? »Acht«, trumpfte Albert Teetjen. – Frackanzug und Maske aber, falls er sich entschließe, müsse man ihm liefern. Sonst stellten sich die Spesen zu hoch für zweitausend Mark Verdienst. Es gäbe Verleihanstalten für alles, entgegnete Herr Footh. Die Kosten würden getragen werden. Und wenn Albert einverstanden sei, fahre er ihn jetzt nach Hause, die Wandsbeker Chaussee hinab schnurre der Wagen in ein paar Minuten, trotz der Röhren und Kabel, die das unvermeidliche Buddelamt der Stadtverwaltung gerade unter dem Asphalt bloßlegte, gleich den Adern und Sehnen eines Körpers. Beinahe hätte er gesagt: eines durchgehackten Judenhalses, an jenen Herrn Ruckstuhl denkend. Aber er vermied es rechtzeitig, Alberts Hemmungen wegen. »Einverstanden?« damit schob er seinen Stuhl zurück. »Einverstanden.« – »In der ganzen Breite?« – »Möchte ich mir erst beschlafen.« – »Beschlaf dir’s gleich, ’s ist knapp halb zwei, in zehn Minuten kannst du pennen.«

Schade, daß Stine mich nicht anrollen sieht, dachte Teetjen, als der graue Mercedes vor der Fleischerei stoppte, sie hat so einen Sinn fürs Feierliche. Leichthin, wie die ganze Unterhaltung geführt worden war, machte Footh den Vorschlag, ihm also heute abend bis neun in Fuhlsbüttel Bescheid zu sagen. Die Nummer stehe unter Z – Zentralgefängnis. »Frag man bloß nach Wirtschaftsrat Footh.« Albert Teetjen riß die Brauen hoch. »Wirtschaftsrat?« staunte er, »Mensch, seit wann denn?« Footh aber lachte vergnügt, winkte vertraulich, Albert Teetjen hob den Arm, der graue Wagen glitt davon.

»Wie eine Katze«, damit trat Frau Stine in die Ladentür, die Augen bewundernd auf dem enteilenden Gefährt. »Komm man rein, Albert, und verzähl mich man. Kriegst auch einen guten Kaffee. Daß es geklappt hat, sieht ja ein Blinder. Nun leist ich mir auch die Boxcalfschuhe.« – Die Türschelle anstellend, zogen sie sich ins Wohnzimmer zurück. Ja, Albert trat sogleich in die verdunkelte Schlafstube, um es sich leichter zu machen. Während Stine der einen Seite des ovalen Tisches mit Kaffeetassen und gestern erzeugtem Klöben ein festliches Aussehen verlieh, ließ der Mann vom Bettrand seine hohen Stiefel ins Zimmer knallen, wand sich aus dem schwarzen Rock und den viel zu heißen Reithosen und wusch sich über dem Waschtisch mit Marmorplatte, in der großen, hohlen Steingutschüssel, die ein Muster von grünen Wasserrosen verschönte. Sich tüchtig abtrocknend, trat er in die Tür: »Was fährst du da alles auf, Ollsch! Wirtschaftsrat Footh hat mich nicht hungern lassen.« – »Und auch nicht blechen«, ergänzte sie. »Jetzt hol ich nur noch die Astern aus dem Schaufenster. Dann bist du dran.« Lila Astern und das mit Gold verzierte Porzellan aus der Biedermeierzeit, das Frau Apotheker Plaut ihrer treuen Stine zur Hochzeit geschenkt hatte, gaben den bemerkenswerten Mittagsstunden dieses letzten Augusttages einen wohlverdienten Ausklang. Wiederum thronte Albert auf dem Sofa von rotem Plüsch, sie diesmal an der Schmalseite ihm zur Rechten, den Laden im Blick, und biß zu seiner eigenen Verwunderung herzhaft in den Klöben. »Hast du dir Vorschuß geben lassen?« fragte sie, praktischen Sinnes. – »Vorschuß? Worauf?« staunte er zurück. – »Irgend etwas ist doch dabei herausgekommen«, lachte sie. »Und morgen sind allerhand Raten fällig. Wenn uns der Straßenbautrupp auch beehrt, das flutscht doch nicht für Monatsende.« – »Wirst mal eben bei der Haushaltsgesellschaft vorsprechen. Bis nächsten Fünfzehnten werden alle Rückstände beglichen sein, auch die gestundeten vom vorigen Jahr. Werd’ ihnen übermorgen ein paar Zeilen vom Wirtschaftsrat Footh darüber zukommen lassen.« – »Wirtschaftsrat?« staunte sie, »wie das klingt! Wird’s wohl auch noch nicht lange sein; die Arbeitsfront ist doch was Schönes! Und was habt ihr nun ausgehandelt?« Alberts Gesicht nahm einen bedrängten Ausdruck an: »Darfst du nicht fragen, darf ich dir auch nicht sagen.« – »Weißt ja«, fügte sie sich, »daß ich nicht neugierig bin. Mal wirst du mir’s schon beibringen.« – »Bist halt meine vernünftige Stine«, sagte er anerkennend, »kannst jetzt ruhig ein paar Kaffeebohnen mehr mahlen. Der im Fährhaus war besser.« – »Wird soviel dabei rauskommen, daß du mich mal ausführen kannst? Ausflug nach Stellingen, zu Hagenbecks Tieren? Da sind ja immer Junge in den Gehegen, Gazellen, Füchse, Bärchen. Nächstens lege ich mir doch ein Hündchen zu oder ’ne kleine Katze, wie die da drüben«, und sie wies mit dem Daumen auf eine gerahmte Postkarte, die neben der Tür zum Laden hing und in angenehmem Buntdruck zwei großäugige Kätzchen zeigte, Schleifchen um den Hals, einen Veilchenstrauß zwischen sich. »Wie denn nicht!« versicherte er. »Alles nach dem Fünfzehnten.« Und dann legte er ihr dar, daß die Aktion gegen die Warenhäuser selbst beim besten Willen der Partei eine gute Weile in Anspruch nehmen werde, daß sie aber eine Zwischenlösung gefunden hätten, über die er eben schweigen müsse. »Mir ist alles recht«, nickte sie, »unter einer Bedingung: Rechtlich muß es sein. Mein Albert soll sich nicht gegen Staat und Partei gebrauchen lassen. Damit setzt man sich immer in die Nesseln.« Verwundert hielt er die Hand mit der geleerten Tasse in der Luft an: »Reeder Footh? Gegen Staat und Partei? Ja, Stine, wie glaubst du denn, ist der hochgekommen?« – »Weiß ich all nich«, beharrte sie eigensinnig, »aber es gibt so viele Verordnungen. ›Kanonen statt Butter‹, das kennst du doch. Wenn einer immerfort fremde Häfen ansteuert, läuft leicht mal was Verbotenes unter.« – »Was ich für ihn machen soll, bleibt streng in meinem Beruf; und was kann ein Schlachter schon Illegales anstellen?« – »Finniges Schweinefleisch von Bord seiner Schiffe schmuggeln oder auch an Bord für seine Mannschaft«, mit dem Versuch, ihre Sorge ins Lächerliche zu ziehen. »Sieh, sieh«, er runzelte die Brauen, »hast wohl den Russenfilm noch immer im Kopf, mit dem roten Panzerkreuzer und dem madigen Fleisch. Nee, Stineken, das nich. An Bord deutscher Schiffe kommt nur erstklassiges Futter. Und nun mach ich mich ein bißchen lang. Nach Bier schläfert’s einen; weck mich um vier.« – Damit paßte er sich kunstvoll der Krümmung des Plüschsofas an, gähnte und schloß die Augen. Dem Henker ins Handwerk pfuschen. Nein – rotes Gesindel ausrotten. Wie würde sich Stine damit bloß abfinden? Ihr gegenüber hatte er ja schon so getan, als sei alles in Butter. Nur zusagen mußte er noch. Und während sie hin- und herging, abzuräumen und das Geschirr zu spülen, sah er sonderbarerweise eine russische Landstraße vor sich, gefroren und beschneit, zu deren Rechten und Linken hoch und lückenlos Bäume standen, wie die grauen Häuser der Wandsbeker Chaussee. In der Mitte kniete ein Jude mit einem Bart und streckte verzerrten Gesichtes seinen langen Hals von einem Mann weg, der in Hemdsärmeln ein Beil schwang. Immer ging der Jude voran. »Außerdem war das damals Krieg, und jetzt ist Frieden«, murmelte er vor sich hin. Stine konnte es recht wohl auf den Inhalt von Panzerkreuzer Potemkin beziehen.

In Wirklichkeit aber versuchte Albert, damit einen Unterschied herzustellen zwischen sich und dem Feldgendarm Ruckstuhl von der Forstabteilung Schaulen. Der hatte wie ein Verrückter gehandelt, auf eigene Faust zugeschlagen. Albert aber würde alles wie der Führer selber machen, streng legal. »Mit Gott für König und Vaterland« stand auf dem Koppelschloß; blitzblankes Messing. »Die Sonne bracht’ es an den Tag« hieß es in einem alten Gedicht aus dem Lesebuch.

III

Am Abend erfuhr Stine, was Albert die ganze Zeit vergessen hatte, ihr zu erzählen: daß es sich um zweitausend Mark handle. Das waren früher hundert englische Pfund und jetzt gar hundertfünfundsiebzig; dies bar auf den Tisch eröffnete mancherlei Aussichten. Aber schon darum durfte niemand davon etwas erfahren, am wenigsten die Kameraden vom Sturm Preester. Wenn die auch nur was witterten, wollten sie’s teilen oder versaufen. Und dazu war’s denn doch zu schade.

Teetjens schritten während dieser Unterhaltung gegen halb neun die Wagnerstraße hinab, die Dämmerung hing blau und warm über der Häuserschlucht, und die erleuchteten Wohnungen und Schaufenster mit ihren rötlichgelben Vierecken machten die Straße heimelig, voll freundlich entspannten Feierabends. Albert mußte telephonieren, zog aber diesmal den Automaten des Postamtes vor. »Was sich von der Sache herumsprechen soll, um willen unseres Kredits, ist schon geschehen. Was drüber ist, das wär von Übel.« – Keiner, auch Stine nicht, brauchte zu wissen, daß er im Zentralgefängnis anrief. Die Leute zeigten sich immer wieder als findig, böswillig, kurz: Schandmäuler. Schön dumm, wer ihnen Handhaben bot. Und Stine? Sie war mal früher Adventistin gewesen. Mennonitin, die statt des Sonntags den Sonnabend heilig hielt und in der Bibel forschte. Darum hatte sie seinerzeit die Stelle bei dem Juden Plaut angenommen, dem gesetzestreuen Giftmischer, und so lange behalten. Am liebsten hätte sie früher ja auch ihn, Albert, zum Vegetarismus bekehrt und selber nur Grünzeug gefuttert. Nun, das war ihr nicht gelungen, und schließlich hatte sie ihn sogar geheiratet und liebte ihn immer weiter, einen Gewerbetreibenden, der vom Töten unschuldiger Tiere lebte. Widerspruch über Widerspruch. Aber so war der Mensch. Wußte Stine etwas, bevor es geschah, so stand ihre Einbildung in hellen Flammen. Sie hätte sich auf den Kopf gestellt und eine große Sache daraus gemacht. Mit Geschehenem und Gewesenem aber fand sie sich ab, wie alle, die nicht gerade dummerhaft oder verbiestert herumliefen. Und ein Mann, der nicht solch eine Sache allein vierzehn Tage mit sich herumtragen, abmachen, ausführen konnte, war kein Mann. Obendrein handelte es sich diesmal nicht um harmloses Rindvieh, sondern um Untermenschen, verurteilte Pestbazillen, Feinde des Volkes, das ihren Vernichtern in brausenden Sprechchören »Heil« zurief. Schlaf, Stinchen, schlaf, dein Albert ist kein Schaf, summte er gutgelaunt, indes er sie vor der Tür des Postamts in der blauen Dämmerung niedersitzen hieß, selbst aber in einer stahlgläsernen Zelle verschwand, um Zentralgefängnis Fuhlsbüttel aus dem Telephonbuch herauszufischen. Es hing an einer Kette; echt Zuchthaus, spaßte er vor sich hin.

Als sie nach einer Stunde Spazierens in den öffentlichen Anlagen des ehemaligen Wandsbeker Stadtparks, Liebespaare auf allen Bänken, wieder nach Hause zurückkehrten, auch sie ein altes Liebespaar, erhob sich der abnehmende Mond erst gerade übers flache Land und den wolkenlos schwarzen Horizont. In der Wagnerstraße standen noch viele Fenster offen, schallten aus den Lautsprechern der Wohlhabenderen die leicht geölten Redeströme der Ansager, die in ihren Abendnachrichten ausführlich beschrieben, wie gigantisch die Stadt Nürnberg sich rüstete, den Parteitag zu begehen. Triumphierend vermochte man und dennoch bescheiden aufzuzählen, welche ausländischen Diplomaten und Regierungsvertreter der Führer in Nürnberg empfangen werde, trotz der Greuelhetze verlogener Emigranten und aller den Juden hörigen Organisationen. Vor zwei Jahren hatte auch Albert Teetjen die Ehre gehabt, einem solchen Ereignis beizuwohnen; die Fahrt durch das grüne Frankenland nach einer bis Mitteldeutschland durchschlafenen Nacht hatte sich seinen Kriegserinnerungen würdig angereiht, all jenen Transporten von Altona nach Flandern, von Flandern in die Argonnen, von den Argonnen ins Elsaß, vom Elsaß nach Rumänien und schließlich hinauf nach Ober-Ost. Aus einer Feldzeitung hatte er einen Satz behalten: »Der Deutsche reist im allgemeinen nicht viel, reist er aber, dann meist mit der Flinte auf dem Buckel, und dann pflegt er recht angesehen zu sein.« Das hatte ein Mann mit einem französischen Namen geschrieben und da mußte es stimmen. Damals hatten sie eben noch keine Ahnung von »Kraft durch Freude«. Es war so schön, die Welt zu sehen, mit großen Augen aus dem Coupéfenster zu plieren, als ob die Kühe und die Bahnhöfe, die Sonnenblumen und die Stadtdächer ganz anders beschaffen wären als zwischen Altona und Berlin. »Kraft durch Freude« war eine große Sache. Damit war dem Führer wieder mal ein Treffer gelungen. Zwar behaupteten neidische SPD.-Leute, die sich zum Nationalsozialismus bekehrt hatten, solche Ferienfahrten hätte die alte Partei auch schon veranstaltet. Wenn ja, dann hatte eben niemand davon gewußt und gesprochen, und da war es eben so gut wie nicht vorhanden.

Daheim spürte Albert einen schönen Appetit auf eine Flasche kalten Lagerbiers. »Wer lang hat, läßt lang hängen«, sagte er zu Stine, die sich den Hut aus den Haaren nestelte und dabei ihren Knoten zu einem herrlichen Pferdeschwanz auflöste. »Die Wiener hier müssen ohnehin weg. Bring mir den Knust vom Abendbrot mit herein und den Senf.« – Stine hatte das Küchenfenster geöffnet und zum Himmel emporgelauscht. Aus der Gegend des Daches her schallten leise Klänge. Das Vorderhaus nach der Straße war schräg gedeckt, mit steilem First und Ziegeln wie die ganze Straße. Die Seitenflügel aber nach den Höfen, verschieden hoch, besaßen Flachdächer aus Zinkblech und Dachpappe. Dort oben, der Teetjenschen Wohnung gerade gegenüber, aber hoch über ihr, glitt eine niedrige Gestalt umher, im allgemeinen Dunkelgrau kaum zu unterscheiden, und spielte Harmonika. Nur ihr Kopf bewegte sich vor den Sternen.

Stine tippte sich vor die Stirn. »Daß ich mich doch noch erinnere! Drei Paar muß ich noch zur Geesche hinaufbringen. Zu Freitag hab ich die Waschküche bestellt, und ich bin ihr noch vom letzten Mal schuldig.« Damit raffte sie drei von den fünf Paar Würstchen auf und wollte davonlaufen. Aber Albert hielt sie fest an ihrem rötlichen Pferdeschweif und trat kauend mit ihr ans Fenster. »Mein Quetschpiano«, äußerte er, lauschte empor und nickte beifällig. »Der Tom kann’s. Meinte schon, ich würd’s ihm wegnehmen müssen und verhökern. Besser so. Siehst du, wenn der den Bauch voll Zorn auf unsern Umsturz und das Neue Reich hätte, das könnt ihm keiner verübeln. Ist ja wie zu Gefängnis verurteilt seither, der arme Hund.« Stine seufzte. »Meinst du, ich kann so hinauflaufen, unaufgesteckt?« – »Wird sich keiner in dich verlieben, auf der Stiege.« – »Nehm doch ein Kopftuch über«, entschied sie sich, tat die drei Paar Würstchen in ein blaues Emailletöpfchen und wollte durch die Küchentür auf den gegenüberliegenden Hintereingang zu. Aber Albert hielt sie noch immer fest. »Zwei Paar tuns auch, das dritte für dich.« – Stine, sich lösend, behauptete, keinen Appetit zu verspüren – sie wollte schlank bleiben. »Nachher«, meinte Albert und strich über ihren Leib, »nachher hast du welchen. Spute dich, altes Reff!«

IV

Die Waschfrau Geesche Barfey bewohnte mit ihrem Sohne Tom einen Raum im Giebel des Vorderhauses, der eigentlich nicht mehr hätte vermietet werden dürfen. Er war nur über das Dach des Seitenflügels zugänglich, seit der Entrümpelung, die den Obergeschossen der Häuser größere Sicherung gegen Brandgefahr bei Luftangriffen verleihen sollte. Obwohl man den tiefsten Frieden genoß – Kriege spielten sich nur in Ostasien und Spanien ab – und Adolf Hitler immer wieder beteuerte, wie sehr er als Frontsoldat den Krieg verabscheue, hatte die Reichsregierung doch als guter Vater Vorsorge getroffen und die Böden von altem Plunder räumen lassen. Daß da oben noch jemand wohnte, wurde geduldet. Die Witwe des Unteroffiziers Barfey vom 76. Infanterieregiment, jetzt Waschfrau, und ihr im Frühling 1919 geborener Sohn Tom hausten eben von jeher »da oben«. Sie gehörten dazu. Daß der Knabe Tom verkrüppelt zur Welt gekommen war, mit viel zu kleinen, viel zu schwachen Beinchen, hatten die einen dem Kummer der jungen Kriegerwitwe zugeschrieben, die anderen der Tatsache, daß sie sich bis in die letzten Tage ihrer Schwangerschaft den Leib am Waschfaß des ganzen Viertels wund gedrückt hatte. Es galt als Wunder, daß der Kleine das gefährliche erste Lebensjahr überstand, besonders als die Inflation Milch, Gemüse, Obst in unwahrscheinliche Höhen entrückte. Aber Geesche focht für ihren Tom mit allen Mitteln einer kräftigen jungen Frau, und das Kind in seinem Körbchen dankte es ihr. Seine braunen Augen blickten hell und gesammelt, folgten jeder Bewegung, jeder Fliege im Zimmer. Wie andere Kinder stehen lernen, lernte er sitzen, und seine Arme entwickelte er zu muskulösen Hilfsorganen. Zum Glück fiel seine Jugend in jene Epoche der Weimarer Republik, die, ohne wirkliche Sozialisierungen zu wagen, allem Sozialen und Menschenfreundlichen aufgeschlossen war, derart, daß sie den unbemittelten Schichten des Volkes aus städtischen und Landesmitteln ähnliche Hilfsquellen zubilligte, wie sie den Wohlhabenden aus Eigenem zur Verfügung standen. Da Hamburgs sozialistische Mehrheit in der Bürgerschaft überall mit gutem Beispiel voranging, konnten die preußischen Nachbar- und Schwesterstädte Altona, Harburg und Wandsbek nicht wohl zurückbleiben. So empfing Tom Barfey Bestrahlungen, Vitamine und Gymnastik wie ein erwachsener Kassenpatient. Er turnte sich mit den Armen die Treppe hinab und ruderte nach vollendetem sechstem Lebensjahr wie ein kleiner Kriegsverstümmelter zur Schule; es war eine jener hamburgischen Volksschulen, in denen die humane Gesinnung republikanischer Lehrer die angeborene Roheit der anderen Kinder energisch bändigte und ihr natürliches Mitgefühl für den Kameraden, Sohn eines Weltkriegsopfers, zu wecken wußte. Das ganze Viertel kannte den kleinen Tom und strahlte, als er bei zwei Gelegenheiten Schulpreise für gute Leistungen heimbrachte. Damals regte die Schulleitung bei der Mutter an, für Tom um unentgeltlichen Besuch der hamburgischen Oberrealschule einzukommen; ja, man wollte ihre Hinterbliebenen-Unterstützung erhöhen, um sie zu entschädigen für die Zuschüsse, die ihr dadurch verlorengingen, daß der Junge nun keine Muße haben würde, sie durch einen Erlös aus Schreibarbeiten zu unterstützen. Dieser Zeitpunkt trat im Frühjahr 33 ein, zugleich mit jener Machtergreifung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, die mit dem Fanal des Reichstagsbrandes aufleuchtete. Sie ließ den Knaben Tom noch ein vorzügliches Abgangszeugnis empfangen. Zunächst gelang es der Lehrerschaft, der Sozialpflegerin Dr. Käte Neumeier und den Eltern der meisten Kinder, auch noch etwas von der alten Atmosphäre des Wohlwollens und des Schutzes um den Knaben Tom zu erhalten, wenn er sich, ein kleiner Invalide ohne Beine, durch die Straßen auf einer Plattform ruderte, die er mittels geschenkter Rollschuhe und zweier selbstgesägter Handstützen angefertigt. Aber seitdem der Judenboykott des Jahres 1933 auch zwischen unpolitischen Teilen der Bewohnerschaft eine Kluft aufgerissen hatte, die Reichsregierung aber durch ihren Propagandaminister einen fast hellenischen Kult der Jugend, Schönheit und Gesundheit proklamieren ließ, jeder Verhätschelung des Kranken, Zukurzgekommenen den Kampf ansagend, ward für Tom Barfey die Straße ein immer unangenehmerer, bald aber ein unmöglicher Aufenthalt. Aus mehreren Gefechten mit Altersgenossen rettete er sich dank seiner unvergleichlich kräftigen Arme und Steinwürfe; gegen erwachsene SA.-Burschen aber half ihm auch nicht, daß er nur noch um Mitternacht die Wagnerstraße und die Wandsbeker Chaussee hinunterrollte; wenn sie in der frühen Dämmerung ihre Überfälle auf Republikaner, Juden und Sozialisten unternahmen, war es immer weniger geraten, den jungen Helden und Volksgenossen zu begegnen. Tom Barfey aber half sich durch. Er entdeckte die Welt der Dächer, der flachen wie der steilen. Ihm war mit der Republik und ihren Behörden, ihren humanitären und demokratischen Einrichtungen eine Jugendwelt gestohlen worden, das Leben selbst. Er war jung, er sah scharf aus seinen beiden Augen; da er seine Beine nicht gebrauchen konnte, gebrauchte er seinen Verstand. Es war schon recht, wenn Albert Teetjen vermutete, Tom Barfey sei kein Freund des Dritten Reiches.

Was für ein Feind, und welchen Grades, dieser von vielen so begrüßten politischen Erscheinung er aber wirklich war, das wußte nur er selbst und seine Mutter Geesche. Sie auch trug ihm ununterbrochen Arbeit zu, Broterwerb durch Schreiben von Adressen, Kopieren und Vervielfältigungen von Geschäftsprospekten, Reklamen und Verordnungen des Hauswarts, Lehrers Reitlin und der Straße. Seit sich die Deutschen Christen der Kirche bemächtigt hatten, war Tom es auch, der die Kundgebungen seines glaubenstreuen Pastors und früheren Schutzherrn Stavenhagen vervielfältigte, bis dieser Tapfere in einem Konzentrationslager der Lüneburger Heide Mut und Christlichkeit zu büßen hatte. Seine Haltung vermochte natürlich nicht, Tom von dem Unglauben abzubringen an einen gütigen, weisen und gerechten Gott, der von oberen Etagen her den Betrieb in Ordnung hielt. Er hatte mit Gier und Wachheit Dutzende von Kosmosbändchen aus der Schulbibliothek verschlungen, die ihm die Entstehung der Welt, der Erde, des Lebens und des Menschen auf einem Wege darlegten, der ihm natürlicher und genehmer schien als die krause und düstere Märchenwelt der biblischen Geschichten. Aber daß Leute sich dafür in Stücke hauen ließen, wie für Karl Marxens »Kommunistisches Manifest«, machte auf sein junges Herz doch Eindruck. Was einem passierte, wenn man nichts zu verkaufen hat als seine Arbeitskraft, das sah er an seiner Mutter jeden Tag; auch was die Versprechungen einer herrschenden Klasse wert waren, für die sein Vater sich hatte erst krumm- und dann totschießen lassen. Aber es konnte noch besser kommen. Er feuchtete, gerade an seinem Fußboden-Sitzpult hockend, Adressen an, als Frau Dr. Neumeier seiner Mutter erklärte, was für Schritte zu tun seien, falls man sich ihr mit der Absicht nähere, den Tom zu kastrieren, damit sich das verkrüppelte Leben nicht fortsetze. Man müsse dann in einer Eingabe an bestimmte Staatsstellen auseinandersetzen, daß seine Verkrüppelung ihrer Überarbeitung und nicht irgendwelcher Entartung zur Last zu legen sei, und daß, wenn man ihn entmanne, die Erbsubstanz eines tapferen Weltkriegssoldaten und an sich gesunden, kriegsgefallenen Frontkämpfers ausgerottet werde. Das werde ziehen, hatte sie versichert, zur Not aber sei sie bereit, den Tom einigen hamburgischen Autoritäten vorzuführen. Nur die verrückten Preußen und Bayern müsse man verhindern, sich in diese Sache einzumengen.

Käte Neumeier war aufrichtigen Gemütes von den Sozialdemokraten, die ihr Programm Programm sein ließen, zu den Nationalsozialisten übergegangen schon im Jahre 1931, als kein Zweifel mehr darüber blieb, daß die Hindenburg-Republik auf alle Fälle ihren reaktionären Kurs weitersteuerte. Hinter den sogenannten Nazis standen, so schien ihr, revolutionierte und jugendliche Massen deutschen Volks, die den Fehler von 1918 ausgleichen, nämlich den Großgrundbesitz in staatliches Siedlungsland verwandeln würden, kaum daß sie in der Macht säßen. Jetzt glaubte sie all das nicht mehr ... In ihrem Umkreis die Folgen des Unheils zu heilen oder wenigstens zu lindern, das über Deutschland zu bringen sie mitgeholfen hatte, war alles, was sie tun konnte. Sie ahnte kaum, wie aufgewühlt sie selbst an jenem Nachmittag war, jenem Frühlingssonntag, an welchem sie Geesche Barfey derart warnte. Und sie erschrak deutlich, als sie vom Fußboden her ein Knirschen hörte, das Knirschen aufeinandergebissener Zähne. »Mich kastrieren!« sagte der Krüppel mit unnatürlich sanfter Stimme. »Ich kenne eine Dachluke hier irgendwo, in der aus der Spartakuszeit noch ein paar Handgranaten liegen. Mag sein, daß sie noch in Ordnung sind, wenn der Herr Reichsstatthalter mal zufällig durch die Wagnerstraße fährt oder durch die Wandsbeker Chaussee. Oder wenn eine Kommission es unternähme, mich abzuholen.« – Frau Dr. Neumeier, viel zu früh ergraut und eine energische Falte zwischen den Brauen, fuhr ihm damals ins Haar, zauste ihn und fragte ärgerlich: »Willst du deine Mutter gefährden, he? Dich wie ein Narr benehmen, he? Natürlich müssen Handgranaten herbei, wenn einer das Blümchen Frauentrost von Wagnerstraße siebzehn anzutasten wagt. Verstand ist ja zu mühselig, die Wirkung eines Schriftsatzes zu lautlos für unseren Gewaltigen. Was bist du doch für ein Kindskopf, Tom.« – In der Tat war bisher nichts dieser Art erfolgt. Aber der tödliche Haß erklärte sich nun wohl, mit welchem Tom jede Bewegung des neuen Staates verfolgte, jeden seiner Machthaber im Reich, in Preußen, in Hamburg, überall. Wer immer sich diesem Staat gesellte oder tatendurstig zur Verfügung hielt, der war gerichtet. Am Tage der Abrechnung mußte er weg. Daß Hitlers Paradies kein gutes Gewissen hatte, sich auf alle Fälle schwach fühlte, erkannte man aus hundert Kleinigkeiten. Warum zum Beispiel saßen die vier zum Tode Verurteilten noch immer in Fuhlsbüttel, he? Hatte ihr Prozeß sich nicht lange genug hingeschleppt, und war ihnen nicht allen vieren, zumindest aber dreien, die Zugehörigkeit zu den verfemten Roten nachgewiesen, zur KPD.? Und doch geschah ihnen nichts. Wird auch nicht. Zum Tode verurteilen, ja. Hinrichten? Da kannst du in Hamburg lange warten.

V

Bevor Stine sich anschickte, die eiserne Leiter emporzusteigen, die vom letzten Flur des Seitengebäudes aufs Dach führte, klopfte sie dreimal mit ihrem Töpfchen auf eine der Sprossen. Es schallte metallisch. Sogleich schwieg oben die volkstümliche Musik, das Geräusch kleiner Räder rollte oder ruderte heran. Die Dachluke öffnete sich über ihrem Kopfe, sie brauchte sie nicht mit dem Scheitel hochzuheben. Dafür wurde sie mit einem Kusse empfangen, gegen den sie sich nicht wehren konnte, da sie erst halben Leibes aus der Luke ragte, überdies aber in ihrer Rechten das Töpfchen emporhielt. »Wer hier klein ist, hat die Übermacht«, lachte Tom. »Gott, was für ein herrlicher Pferdeschwanz!« Und er drückte sein Gesicht in ihr Haar; das Tuch war ihr längst vom Scheitel geglitten. Sie entzog sich ihm mit geschickter Bewegung, setzte sich auf die Dachplatten, ließ die Beine auf der Leiter stehen und schob ihn an den Schultern zurück. »Jung«, sagte sie halblaut, »was bist du frech! Bin ich die kleine Lawerenz oder die Olga von Petersens? Ich will mich meiner Haut schon wehren.« – »Frauchen«, bat er dringlich, »komm herauf, zu mir hinein, daß ich dich anschauen kann, deine Augen, deine Brauen.« – »Könnte mir passen!« lachte sie, »das will ich gar nicht. Ich will schlafen gehen, aber nicht mit dir.« – »Stine«, stöhnte er, »du bist so gemein zu mir! Und doch gibt’s nichts, was ich nicht für dich täte. Wie ich noch gerade deine Knie umfassen konnte, hab ich dich schon geliebt, und so ist’s geblieben und wächst beständig.« – »Tja«, damit stellte sie das Töpfchen neben ihn nieder, »denn wirst’s wohl mit ins Grab nehmen müssen. Dabei könnt ich dich ganz gut leiden, das weißt du ja, wenn du bloß nicht so unverschämt wärst.« – »Stine«, rief er, »daß ich dich geküßt hab, ist eine so große Sache, – reiß mir die Ohren ab, wenn du willst, aber nun weiß ich doch, wie deine Lippen schmecken.« Sie schlug ihn mit der Rückseite ihrer Finger leicht auf den Mund: »Hast ja schon ein Schnurrbärtchen, Junge, wär’s nicht dunkel, würf’s einen Schatten. Nun laßt euch die Wiener hier noch heute nacht schmecken. Für morgen übernimmt Albert keine Garantie. Und sag deiner Mutter, Freitag früh um sieben könnt sie bei mir anfangen. Und wenn sie noch früher will, soll sie mir nur einen Zettel durch die Tür stecken. Dann richt ich’s schon ein; stell das Eingeweichte Donnerstag abend in die Waschküche und bring den Schlüssel zu euch rauf.« – »Aber bring ihn wirklich, Stine«, bat er dringlich mit Augen und Stimme. »So viele Jahre kenn ich dich jetzt, kein bißchen hast du dich verändert, höchstens schöner bist du geworden. Und keine Kinder.« – »Kinder auch noch«, damit schickte sie sich an, hinabzusteigen, »in diese kümmerliche Welt.« Er schob sich wieder dicht neben die Luke. »Sag’ nichts dagegen, Stine. Wenn auch dein Albert den Mitläufer macht. Die Welt ist soso, mitlaufen tun alle, aber das Leben schmeckt herrlich.« Es gelang ihm wieder, ihre Schultern zu umfassen, ihre Lippen heftig zu berühren. »... bloß was gegen den Albert, du Knirps!« Ihre Augen glänzten zornig, die seinen aber so glücklich, daß sie alles weitere verschluckte: wem er denn die Ziehharmonika verdanke, und so. Leicht und vorsichtig stieg sie die Leiter hinab, ihr Kopf verschwand unterhalb der Luke. »Bring mir wieder ein Buch aus der Leihbibliothek, Stine!« rief er ihr bittend nach. »›Du und die Natur‹ oder ›Du und das Leben‹.« – »Das laß dir man von deiner Großmutter besorgen!« sprühte sie ungerührt zur Luke empor.

Drittes Kapitel
Krebsessen

I

Herr Footh entzückte sich immer wieder an den Einfällen, die der reizenden Slawin Annette zu Gebote standen. Hatte sie nicht das Brusttuch, das er so sehr liebte, aus Stoffresten zusammengenäht, die von einem Sommerabendkleid übrigblieben, einem hellfarbenen, tiefausgeschnittenen Gewand, das mit seinen seeblauen, weißen und hellroten Kreuz- und Quermustern an die Trikoloren vieler Länder erinnerte, mit denen allen wir jetzt in Frieden lebten, einst aber im Krieg standen: Frankreich, England, Rußland, Amerika, der Tschechoslowakei. Wie schlank, bunt und geschmeidig sie sich bewegte, seideumflossen oder in kurzen Sporthosen. Daß man das rötliche Krebsgericht auf ebenso rötlichen Tischtüchern servierte, mit Mundtüchern aus dem gleichen Damast, hatte wohl auch praktischen Wert, der Flecke wegen. Wer aber bediente sich als Lichtspender bei einem solchen Krebsessen eines Dutzends weißer Kerzen, die in roten amerikanischen Äpfeln auf dem Tisch prangten? Kalifornische Äpfel allein, in einer Einfuhrstadt wie Hamburg jederzeit erhältlich, wiesen jenes tiefe, gleichmäßige Rot auf, von welchem alle anderen Schattierungen dieser den heutigen Abend beherrschenden Farbe sich heller abwandelten. (Als gute Hausfrau sorgte Annette schon dafür, daß man sie morgen oder übermorgen gewaschen und zerschnitten zu Kompott verwertete.) Sehr kalter Rheinwein in geschliffenen Römern und ein Tischschmuck aus Efeublättern und wildem Wein, im Garten vor einer Stunde selbst gepflückt – , ja, Hamburg wußte, was bürgerliche Kultur ist. Die sechs Personen an dem langen, schmalen Eßtisch, den hochlehnige Stühle, wie im Refektorium eines Klosters, umstanden, hatten das Krebsgericht und seinen Dillgeruch sehr genossen; prangte doch ein Spaß Annettes zwischen den Kerzen, der Bürokalender ihres Vaters, auf welchem in riesigen, schwarzen Zahlen der 31. August – den letzten Tag eines Monats ohne R verkündete. Heute begrub man die Krebssaison, erst im Mai konnte man das köstliche Gericht wieder auf den Tisch bringen.

Schwarz und weiß, wie feierliche Spechte, saßen die Herren Dr. Koldewey und Footh einander an den Schmalseiten gegenüber, zur Rechten des einen die Ärztin Käte Neumeier, das graue Haar kurz geschnitten, im Abendkleid aus gleichfarbener Seide, Herrn Footh zur Rechten aber Annette, die innerlich jubelte, daß ihr heut alles so gut glückte. Sonderbar nur, daß Herr Footh nicht angerufen wurde, wie er’s ihr doch zugesichert. Sie hatte das Mahl lange hingezögert, damit der Anruf käme, bevor sie im Garten, schlecht erreichbar, spazierten; mittlerweile hatte sie gedämpfte Tafelmusik aus dem Lautsprecher geholt und Tischgespräche hervorgerufen, die allen behagten, selbst den Schwestern Ingeborg und Thyra. Bei Licht besehen, wollten sich diese beiden jungen Damen, die man in ihren großblumigen Tanzkleidern kaum wieder erkannte, noch in den Klub abholen lassen, wo, wie gut das klappte, heut abend geschwoft wurde. Vorfeier für den Parteitag. Zwar tanzte Jugendlust auch ohne solche Vorwände, und die beiden Fräuleins flogen gern von Hause fort, wo es ihnen zu »kulturell« zuging. Diesmal aber hatte es Annette patent getroffen: ein hübscher Schlußtag für Krebse.

Dr. Koldewey wandte sein langes Gesicht freundlich von seiner Tischdame zu seinen Kindern und wieder zurück. Da die beiden jüngeren dabeisaßen, sprach er wenig, hörte lieber zu. Sie waren seinen Ketzereien kaum gewachsen, hätten sie vielleicht in Parteikreisen herumgetragen, und das, obwohl Dr. Koldewey sich vor niemandem fürchtete, blieb besser vermieden. Er hatte sich den Prozeßbericht kommen lassen, die langwierigen Verhandlungen gegen seine vier Pensionäre in den Todeszellen, und einen nachdenklichen Tag verbracht, mit merkwürdigen Gleichnissen und Erinnerungen, die er gern in Worten losgeworden wäre. Aber der Nachwuchs zeigte kein Verständnis für das Auf und Ab der menschlichen Lebenswege, das Leute aus geordneten Bahnen in Zuchthäuser riß und wieder hinausführte. Der Nachwuchs nannte das Zentralgefängnis die »Müllzentrale«, seit es, nicht zur Freude von Dr. Koldewey, auch politische Häftlinge beherbergte, und drückte damit die Meinung all der Kreise aus, welche sich volltranken mit den Schwungreden der Gauleiter und Minister, vom aufsteigenden Leben, der flammenden deutschen Jugend, der Wiedergeburt und Erneuerung deutscher Nation durch Bereitschaft zu Krieg und Tod. »Alles, was Papa hier so betreut und beherrscht, gehört doch in die Mülltonne. Es ist menschlicher Abfall vom Kehrichthaufen der Gesellschaft.« – »Und ich habe Standartenführer Riechow sagen hören«, fügte Ingebottel hinzu (nach ungeklärten Vorgängen aus ihrer Kinderzeit mit der Milch- oder Breiflasche von sich selbst so benannt), »er mache sich anheischig, den ganzen Etat unserer Anstalt mit einem Maschinengewehrposten zu liquidieren, während unsere Insassen in den Höfen spazierten. Dann bloß noch begraben.« – »Oder als Aalfutter in die Elbe.« – »Da Krebse den Aalen tüchtig vorgreifen, kämen unsere Insassen recht bald auf unseren Tisch. Und das möchtet ihr doch nicht«, lockte Dr. Koldewey seine Töchter aufs Glatteis. Sogleich erwies sich, daß er sie gut kannte – wild gewordene Spießerinnen mit Lebenswandel, wie er sie manchmal Annetten gegenüber betitelte. – »Hör auf, Papa! Du willst doch nicht, daß wir unser schönes Abendbrot Annetten wieder zur Verfügung stellen auf dem Estrich!« – Und Frau Dr. Neumeier, die energische Falte immer zwischen den Brauen, auch wenn sie harmlos und belustigt weder Fragen noch Rätseln nachging, glättete die Wogen, indem sie anmerkte, daß Menschenfleisch essen nur zu religiösen Zwecken erlaubt war auch bei den Kannibalen, daß es aber sonst mit bestem Recht unwiderstehlichen Ekel auslöse: »›Langschwein‹ nannten es die Südseeinsulaner, solange sie es essen durften, und vereinigten so Frömmigkeit mit Gourmandise.« – Annette aber, um das Gespräch herumzuwerfen: »Ist Gourmand hier nicht falsch, muß es nicht ›Gourmet‹ heißen?« Man war inzwischen bei den Käsestangen angelangt, bitterer Schokolade und süßem Mokka. Wo nur das Telephon bleibt, plagte sie sich in ihres Herzens Hintergrunde.

Damit brach man in den Garten auf, die beiden Herren einzuholen, deren weiße Stehkragen bereits vom Fuße der Treppe her nur noch undeutlich heraufschimmerten. Thyra und Inge eilten ihnen nach, ihre Füße, von Jugend auf geübt, schnurrten trotz ihrer absatzhohen Tanzschuhe die Stufen gleichsam hinab. Es gelang ihnen, den Vater noch innerhalb des Vorplatzes zu erreichen, zu umschlingen und abzuküssen; Herr Koldewey spürte die Tanzlust in den beiden jungen Körpern pochen, die sich an seine krachende Hemdbrust drückten. Indem er mit jeder Hand einen der langausgestreckten nackten Arme festhielt: »Was für Feste erwarten euch denn heute, da Jazz doch verboten ist?« – »Fox und Slowfox, Tangos aus Rio, Rumbas aus Mexiko«, damit drängten die beiden Unbelasteten auf ein Pförtchen in der Mauer hin, vor welchem verabredungsgemäß Hupentöne erschollen. »Holt ihr euch sofort eure Mäntel, ihr Gören?« rief Annette den Enteilenden nach, sich übers Geländer beugend. Auch sie hätte gern getanzt.

Die beiden Herren schlenderten derweil in später Dämmerung unter den Ebereschen und Pappeln hin, die mit Buschwerk aller Art die hohe Mauer unsichtbar machten, innerhalb derer Dr. Koldeweys Dienstwohnung sich einordnete; gewundene Wege schnitten durch den Rasen und leiteten von Schneeballbüschen zu längst verblühtem Jasmin. Der Rauch der Zigarren verjagte die Mücken, die, Töchter des abklingenden Sommers, im Halblicht noch herumgeisterten, von Fledermäusen gejagt; übrigens galten sie schon als zu schwach, um mit ihren Rüsseln noch durch die menschliche Haut zu dringen. »Stimmt es, daß man Börsenvorstand Kley nahegelegt hat, endlich auszuwandern?« – »Eigensinniger alter Hebräer«, entgegnete Herr Footh achselzuckend. – »Ohne seine Stiftungen wäre die Universität Hamburg nicht so schnell zu ihrem berühmten bakteriologischen Institut gelangt. Jetzt kann sein Sohn bei uns nicht mal Privatdozent bleiben.« – »Möge es niemandem schlechter gehen«, meinte Herr Footh. »In welcher Form dieser Kley – hieß die Familie nicht eigentlich Alkaley? – seinen Rebbach wieder von sich geben muß, bevor man ihm gestattet, die Grenze zu passieren, ist ja nicht wichtig.« – »Tja«, meinte Herr Koldewey, »wenn dieser junge Dr. Kley nicht eine aufschlußreiche Hypothese über die Entstehung wuchernder Krebszellen aus normalen Geweben aufgestellt hätte. Er ging mit Thyra zur Tanzstunde in Fräulein Röthlichs Zirkel. Ich muß den Alten doch mal wiedersehen.« – »Hätte seinem Ältesten verbieten sollen, den Spaniernamen wieder aufzugreifen und für die Volksregierung von Madrid und Barcelona in den Krieg zu ziehen. Alle diese Narren wußten nicht, daß verkauft und verraten ist, wer sich der altbackenen Semmel annimmt, der Demokratie.« – »Verallgemeinern Sie nicht zu früh?« fragte Koldewey bedächtig. »In Italien und bei uns fiel sie ja ohne Widerstand, so viel muß wahr sein. Und die Franzosen, einst Jünger Clemenceaus, jonglieren vorsichtig – nehmen Flugzeuge bezahlt, die sie dann nicht liefern.« – »Heil!« lachte Herr Footh. »Der edle Völkerbund aber läßt sein Mitglied Abessinien im Stich, nachdem er sein Mitglied China bereits dem lieben Gott befohlen hat. Ein Großbritannien, das zusieht, wie man in spanischen Gewässern Handelsschiffe torpediert und rund um Gibraltar schwere Batterien aufpflanzt! Hätten Sie das für möglich gehalten? Nein, lieber Doktor, Demokratie ist alte Semmel. Was man damit am besten macht, müssen wir unsere Annette fragen. Küchensache, nichts anderes mehr.« – Herr Koldewey blickte, wie von Herrn Fooths Vertraulichkeit peinlich berührt, zu den Sternen empor, die matt durch Dünste schimmerten. Unsere Annette! Jedoch – hatte Herr Footh nicht das Recht dazu? War er nicht jederzeit bereit, als geachteter Schwiegersohn der Familie beizutreten? Es ging nicht an, Hühnchen essen zu wollen und sich vor dem Schlachten und Rupfen zu drücken. »Wo aber bleibt Ihr Telephongespräch, lieber Footh?« fragte er dennoch wenigstens, um dem Gastfreund eine kleine Verlegenheit zu bereiten. – »Begreife ich nicht«, beteuerte Herr Footh, »es müßte längst gekommen sein. Haben Sie denn durchbestellt?« – Betroffen warf Herr Koldewey die Zigarrenasche auf sein schwarzes Beinkleid. »Du liebes Bißchen von Helgoland!« rief er aus. »Das hab ich, bei Gott, vergessen.« – Damit erhob er sich von der Bank, auf der sie seit einigen Minuten saßen, um die Damen zu erwarten. »Mir klingt mein linkes Ohr«, meinte Herr Footh und hielt ihn zurück, »sollte mich nicht wundern, wenn Annettchen das nicht eben besorgt hätte. Sie ist so gescheit und fühlt sich so ein.« – »Im Haus bekommen wir einen kühlen Kognak«, beeilte sich Herr Koldewey hinzuzufügen. »Übrigens«, damit lehnte sich Herr Footh zurück, seinen rechten Lackschuh auf dem Knie des linken Beines ruhen lassend, »übrigens ist jetzt heraus, warum die hier Vergessenen jetzt so dringlich expediert werden müssen. Der Führer ärgert sich über Hamburg. Die Hochbrücke über die Unterelbe kleckt und fleckt nicht. Das Gutachten der Geologen hat er an die Wand geschmissen. Seiner Meinung nach wollen die Arbeiter nicht. Ihr Badestrand in Finkenwärder liegt ihnen näher als der Wunsch Adolf Hitlers, eines Künstlers und Führers. Eine Hängebrücke, wie über das Goldene Tor, als Symbol der Kraft und Herrlichkeit des neuen Deutschen Reiches. Und das schmeckt der Bande nicht. Ist ihr wurst, ob die Reisenden aus aller Welt sich gewissermaßen ducken müssen, wenn sie drunter wegfahren. Denken nur an sich, die Brüder. Da sollen sie denn einen Denkzettel abkriegen. Bleiben ja doch ihresgleichen, die vier Roten, auch wenn sich die Freien von den Eingesperrten durch die Arbeitsfront unterscheiden. Prolet hält zu Prolet. Wird sie wieder ein Halbjahr beschäftigen und zur Räson bringen, wenn hier in Fuhlsbüttel Köpfe rollen. Adolf Hitler, der kennt sie.« – Dr. Koldewey verzeichnete den unterdrückten Grimm, mit dem Herr Footh dies alles hervorbrachte. »Sind Sie nicht der Meinung, lieber Herr, daß wissenschaftliche Gutachten auch etwas bedeuten? Das Mündungsgebiet unseres alten Eridanus – Elbe – war doch Schlick und Ton von je. Meerlunge, glaube ich, nannte es Pytheas von Marseille, als er es 400 v. Chr. für die antike Welt entdeckte. Damals wurde bei uns noch massenhaft Bernstein angespült, von der gleichen Art wie der samländische, behaupten die Historiker. Aber ohne Felsen als Fundament wird sich die Elbbrücke kaum aus einer schönen Zeichnung in Wirklichkeit verwandeln, trotz Gußstahl und Nieten, Blohm und Voß.« – »Man hat Beton«, widersprach Herr Footh, »man fordert Senkkästen. Das Dritte Reich wird auch mit schwachem Untergrund fertig.« – »In der Politik bestimmt«, gab Herr Koldewey zu, »das haben wir erlebt. Und da kommt Annette. Eile mit Weile.« –

In der Tat, sie huschte über den Rasen, einen silbernen Schal über den Schultern, »Papa ist schuld«, rief sie, »und Ihr Mann hat angerufen. Ist das nicht schön? Bist du zufrieden?« – Damit legte sie die Hand auf ihres Vaters Achsel, die andere aber streckte sie Herrn Footh hin, bezaubernd und begehrenswert in ihrer glücklichen Erregung. Würfel gefallen, erklang es auf lateinisch in Herrn Koldeweys inneren Bezirken. »Und jetzt hinein. Frau Doktor wartet schon beim Schnäpschen. Aus dem Radio quellen die köstlichsten Tangos, ihr müßt beide mit uns tanzen.«

II

Koldeweys hatten der Abfahrt ihrer Gäste beigewohnt – Herr Footh nahm Frau Dr. Neumeier mit in die Stadt – und schritten jetzt langsam die Treppe empor. Der Mond warf seinen Schein durch die Ostfenster; Haus und Umgebung lagen ganz still. »Hast du noch ein bißchen Zeit für mich?« fragte Herr Koldewey. – »Immer«, antwortete Annette. Darauf führte er sie bis ins Dachgeschoß, hob einen Schlüssel vom Haken, öffnete eine der Türen: den Hängeboden.

Es roch in ihm nach warmem Holz und lang eingesperrter Luft – sommers ward er wenig benutzt; allerlei Gerät, Reisekoffer, Leitern reihten sich an seinen Wänden. Die Schräge des Daches gab dem länglichen Raum etwas Zeltartiges. Herr Koldewey öffnete das runde Fenster, Bullauge nannten sie es, wie auf Schiffen. Durch die Nachtluft, gleichsam aus den Dächern der verschwimmenden Baulichkeiten, erscholl ein Heulen, rhythmisches Schreien, erstickt und dennoch deutlich, wie von einem in der Falle gefangenen hungernden Wolf. »Im Frauengefängnis wird entbunden«, bemerkte Herr Koldewey; Annette aber, die schrägen Brauen nachdenklich gehoben: »Sonderbar«, entgegnete sie, »daß die kleinen Dinger meist die Nacht benutzen, um das Licht der Welt zu erblicken.« Vater und Tochter wußten beide, welch andere Deutung dieser menschlich-tierischen Schreie möglich war, seit das ZG. – Zentralgefängnis – in einem seiner Flügel auch ein KZ. – Konzentrationslager – beherbergte; aber sie sprachen nicht davon, hüteten ihre Gedanken sorgfältig, daran zu rühren. Am Unvermeidlichen zu rütteln, ist Pöbelgeschmack, sagte Nietzsche irgendwo, und daran hielt sich Herr Koldewey. Man mußte wegsehen lernen. Alte Geschlechter erkennt man an der Fülle dessen, was sie nicht zu bemerken geruhen. – »Von hier aus sah deine liebe Mutter dem traurigen Schauspiel zu, als es sich in den Tagen des Kaiserreichs ein einziges Mal ereignete. Seither stand unsere Guillotine in der Museumsabteilung. – In den Tagen der armen Republik wurde sie nicht benutzt. Jetzt auch nicht«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, »Herr Göring wünscht das Hackebeil, der kleine Germanenschwärmer. Zwischen diesen beiden Fakten liegt mancherlei ... begraben.« – »Käte Neumeier hat sich bereits vorgemerkt«, erwiderte Annette. – »Als Ärztin wahrscheinlich ihr gutes Recht.« –

Oberhalb der Wipfel, die im Mondlicht flirrten, sahen Vater und Tochter am Ende ihres Blickfeldes zwischen den riesigen Flügeln des Zentralgefängnisses einen spitzwinkligen Hof. Gleich den meisten modernen Anstalten dieser Art war es auf dem Grundriß eines schrägen Kreuzes errichtet, so daß man von einer Halle im Inneren, dem hohlen Turm eines Treppenhauses ähnlich, die langen Fluchten der Gänge mit ihren Zellen überwachen konnte. »Ihr müßt euch natürlich meines guten Glases bedienen, achtzehnfache Vergrößerung, dann seid ihr halbwegs dabei und braucht doch nicht zu hören. Die Wahrnehmungen des Auges wirken nicht so erregend wie die des Ohres; Abstufungen des Wirklichkeitswertes unserer Sinne, würde Freund Nietzsche so etwas nennen.« Damit legte er seinen Arm um die Schultern der Tochter, sie hinabzuführen. »Wollen lieber das Fenster schließen«, meinte Annette, »morgen kann’s regnen.« Dann machte sie auch noch Licht, blickte sich als Hausfrau um; nickte; Frau Brose hielt sauber, kaum Spinnweben, und die Dielen wie gewachst. Sie schloß die Tür wieder ab und hängte den Schlüssel an seinen Platz, indes der Vater dabei stand. Dann folgte sie ihm die Treppe hinab, die feinen Brauen gerunzelt, den Blick der langgeschnittenen Augen zweiflerisch, fast gequält auf seinen Schultern. Es wurde erst wieder gesprochen, als er sich im Herrenzimmer, einem kleinen quadratischen Raum, einen Zigarillo angezündet hatte, ihr eine runde amerikanische Zigarette anbietend, die sie des Nachts vorzog. »Und ich dachte, ich hätte dir wunder welchen Gefallen getan.« – »Hast du auch, Girlie«, erwiderte er. »Ich erklärte dir’s ja schon – mein kluges Nettchen hat’s doch wohl nicht vergessen? Daß ich es als Signal auffasse, wie?« – »Signal wofür?« fragte sie. – »Das wird sich weisen. Vorläufig tritt ein Majordomus mit seinem Stabe vor den Vorhang und teilt mit, das Spiel beginne. Welches, wissen weder die Gäste noch die Spieler. Das muß es früher gegeben haben, in Stegreifzeiten gleich den unseren.« – »Du machst mir Angst, Papa.« – »Doch wohl nicht, Liebling.« Er setzte sich in die andere Ecke des Ledersofas, legte das rechte Bein über das linke, blickte zur Decke empor und sprach in zögernden Sätzen: »Ich dachte in diesen Tagen viel über Lebensläufe nach. Das mußt du gemerkt haben. Für Gelegenheiten, wie wir sie haben, hätte unser Freund Nietzsche wahrscheinlich all die mageren Groschen geboten, die ihm seine unsterblichen Werke zu Lebzeiten einbrachten. Seit der Renaissance hat es das nicht mehr gegeben. Und gar bei uns. Weißt du noch, wer Van der Lubbe war?« – »Aber Papachen, den kennt doch jedes Kind, den Reichstagsbrandstifter.« – »Ja«, nickte Herr Koldewey, »den kennt jedes Kind. Und er ward ja auch wirklich im Reichstag betroffen, zündelnd und tanzend vor Glück. Und sagte brav aus, was er sollte, wie ein artiges Kind; und wird sich wahrscheinlich baß gewundert haben, als es dann ernst wurde, und seine Freunde ihn köpfen ließen. Ein arbeitsloser Kunde, durchaus entgleist, Asylist und asozial, aus der Gesellschaft gefallen, der er niemals angehörte, und mißbraucht von denen, die ihn unterwegs auflasen, zufällig kennenlernten. Ein Dr. Bell, wenn ich nicht irre, vermittelte die Bekanntschaft; irgendwo im Tirol wurde er später gekillt, auf Befehl von Röhm. Und auch diesen Röhm gibt’s nicht mehr. Das wundert dich? Unter den Brandstiftern kennen wir beiläufig die richtigen; ein paar Namen, Ernst und Heines. Beide weg. Was alles sich sehr aufregend anhört, aber es gar nicht ist.« – Annette blickte fasziniert in des Vaters Gesicht, streifte achtlos die Asche ihrer Zigarette ins Zimmer. »Bist du fromm geworden, Papa? Siehst du etwa den Finger Gottes?« Herr Koldewey bewegte seine langen Augenlider auf und ab. »Frömmigkeit, liebes Kind, Gläubigkeit – wie du willst, scheint mir ein unzureichender Versuch, mit den Rätseln des Weltlaufs fertig zu werden, seinen Bildungsgesetzen nachzutasten. Solche Bildungsgesetze gibt es. Mein Nachdenken geht auf einen engeren Punkt. Wir haben doch noch einen Asylisten unter uns, noch einen Asozialen, noch ein Werkzeug, das geschoben wurde und geschoben wird. Daß es sich ›Führer‹ nennen läßt, gehört mit zu dem Spaß oder Spiel, dem wir, wie du weißt, beiwohnen. Was es bedeutet, weiß ich nicht; aber sieh dir diese Kurven an. Ein Asylist schickt den anderen aufs Schafott. Einer hilft dem anderen zu cäsarischer Allmacht. Ein ganzes Volk stürzt in die Knie, die eine Hälfte gezwungen von der anderen, ruft Hallelujah und verzichtet jauchzend auf das höchste Glück der Erdenkinder. Was soll daraus werden? Wie lange soll’s gehen, tanzen oder spielen? Ich bin nicht mehr jung genug, um deswegen Angst zu haben. Gewöhnlich dauerten solche Lebensläufe eine halbe Generation. Und was kommt danach? Was wird aus euch, den Kindern, hätt ich beinahe gesagt, und dir? Säh euch doch gern in Sicherheit, Annette. Würde euch gerne selbst durchsteuern. Darum betrachte ich die Dinge nicht unnervös.« – »Guter, alter Koldewey«, dankte Annette, setzte sich zärtlich auf seinen Schoß, küßte ihn aufs Ohr. »Und ich Ziege war enttäuscht, weil du dich nicht so freutest, wie ich’s gehofft hatte.« – »Freutest!« wiederholte Herr Koldewey und faltete seine Hände um den Leib des Mädchens. »Wenn es jetzt selber an uns herantritt! Wenn möglicherweise unsere Beihilfe benötigt wird, damit das Signal erschalle und der Stab aufs Parkett stoße! Es könnte ein durchgehendes Prinzip diese Dinge regieren. Mit der Hinrichtung von Unschuldigen wünscht es anzufangen, mit der Hinrichtung von Unschuldigen könnte es enden.« – »Du hältst diese Männer wirklich für unschuldig, trotz Prozeß und Gericht?« – »Sieh mal, Kind«, sagte Herr Koldewey, »das Leben wird nicht aus Marzipanteig geknetet. Wir sehen seine Bestandteile deutlicher als andere Leute, aber auch in Frankreich oder Rußland, überall, wo die Schichten ins Rutschen kamen, verarbeitete man lebendige Substanz. Was hat Abessinien gekostet? Wer steuert mit Non-Intervention den spanischen Bürgerkrieg? Vor ein paar Tagen schickte ein Herr in San Domingo, ein gewisser Trusillo, zwölftausend unwillkommene Einwanderer zu den Haifischen – wörtlich! – ein Neger andere. Und so ging es immer irgendwo zu auf unserer Erde – mit Gelben, Indern, Russen, Juden. Diesmal greift’s nach uns Deutschen. Hunderttausend Bürger in den KZ.-Lagern, Hunderttausende aus ihren Berufen gedrängt, über alle Grenzen, in die fernsten Länder. Fruchtbare Aussaat in den Augen des Philosophen. Von Paraguay bis Persien wird die Welt uns zu Dank verpflichtet. Wir sind der Pelikan der Legende, wir nähren sie mit dem Blut der eigenen Brust. Was dabei wirklich aus unserer Kultur wird? Frag Ernst Barlach, wenn er dir noch antworten kann.« Und er legte seine lange Hand von Annettes Hüfte fort aufs Haupt einer aus Holz geschnitzten Bäuerin von durchaus wendischem Typ, in ihrem Kopf- und Umschlagtuch eine Hockfigur eindrucksvollster Prägung. Der Tod des Bildhauers in einem mecklenburgischen Spital war vor kurzem gemeldet worden; das Dritte Reich hatte ihn als entarteten Künstler verhungern lassen. »Was muß der gelitten haben«, flüsterte Annette. – »Da er daneben auch ein Dichter war, sah er vermutlich auch den Sinn. Unsere Gesittung höhlt sich aus. Es steht noch eine imposante Schale aus Technik, Organisation, Routine und Erbteil. Doch wer weiß, wie lange die noch hält. Wenn es die Narren zum Kriege treiben, wird auch der ganze Rest noch schnell verschleißt; dann kracht es, der hölzerne Hindenburg oder Adolf stürzt zusammen, und wenn sich der Staub verzogen hat, macht man Kasse und beginnt von neuem. An derselben Stelle, denselben Betrieb. So sind die Menschen, die Ameisen und die Engel. Drücken sich aber die anderen weiterhin, so kann es noch zehn Jahre gehen. Das, siehst du, möcht ich nicht erleben. Und darum frag ich mich, was wohl die Glocke geschlagen hat – die Telephonglocke, die uns Herr Brose nicht durchleitete. Jemand rückt gegen uns vor, Annettchen.« – »Sie können nicht unschuldig sein, Papa.« – »Willst du die Akten studieren, Kind? Deutsche auf Deutsche haben geschossen. Nenn es Notwehr, Bürgerkrieg, Totschlag, Mord. Wenn die Zivilisation schon so weit abgetragen ist wie in unserem Falle, sind diese Unterschiede vielleicht schon zu fein. Ein wildes Völklein, diese Nazis, die uns in Besitz genommen haben, ausgerechnet uns. Offenbar hat die blonde Herde in uns auf die braune Horde gewartet. Auf das überschäumende Leben unseres armen Fritz, auf seinen siegreichen Typus, auf die blonde Bestie. Die haben wir ja nun, weiß Gott. Und nun geh schlafen, Kind. Du mußt morgen zeitig raus.« – Annette glitt von seinen Knien, sie fühlte sich wirklich recht zerschlagen, ganz überraschend, nach dem schönen, gelungenen Abend. »Wo nur die beiden Gören bleiben?« damit hielt sie sich die Hand vor und gähnte. »Und wann nun gedenkst du das traurige Schauspiel anzusetzen, wie du es nennst?« – »In vierzehn Tagen«, sagte er, »jetzt ist’s erster September, am fünfzehnten also. Und danach dann wird Herr Hitler uns Hanseaten mit seinem Besuche beehren.«

III

H. P. Footh, sein Wagen und sein Dackel gehörten zusammen. Das wußte Käte Neumeier. Sie schmunzelte behaglich, als Herr Footh vor dem Starten zwischen Haustor und Mauerpforte mehrere Male hatte pfeifen müssen, bevor Herr Ebert sich herbeiließ, aus den Büschen oder von den Hauptgebäuden heranzuschießen, mit schlagenden Ohren und begeistertem Schwanz. »Verdammte braune Rübe«, schimpfte Herr Footh zärtlich. »Solltest du nicht Wache halten? Entschuldigen Sie, Frau Doktor, er hat keine Manieren. Gewöhnlich kommt er schon, wenn er die Haustür hört.« Inzwischen hatte sich die Verabschiedung von Koldeweys vollzogen, Annette hatte gewinkt und gegrüßt – man konnte ihre Armbewegungen auslegen, wie man wollte, und war mit ihrem Vater wieder hinter der eisernen Pforte verschwunden. »Wie reizend Annettchen immer aussieht«, sagte die Ärztin, indem sie den Mantelkragen hochschlug und sich hinter die Windscheibe duckte. Herr Footh ließ seinem Wagen die Zügel. Er brauste auf den Stadtpark zu und antwortete erst verspätet und einsilbig. »Nicht mit dem Fahrer sprechen«, mahnten Aufschriften in ganz Europa. Mein Fahrer ist vielleicht ärgerlich. Er hätte die reizende Annette sicher gern mit in sein Nest entführt, statt mich in der Wandsbeker Chaussee abzusetzen. Warum sie eigentlich nicht heiraten. Koldewey ist ein schrecklicher Egoist.

Auch Herr Footh dachte in diesem Augenblick an seinen zukünftigen Schwiegervater. Der Mann hegte ein paar unangenehme Züge, die er sich würde abgewöhnen müssen. Daß er Hunde nicht ins Haus ließ, nicht einmal entzückt war, wenn sie im Garten herumfuhrwerkten, auf Igel pirschten oder Mäuse. Ferner hätte sich ein jeder bei Footh dafür bedankt, daß der Teetjen angerufen hatte. Einen Amateurhenker herbeizaubern, das geschah doch nicht am laufenden Band. Aber diese oberen Beamten fanden alles selbstverständlich, was ein Nichtakademischer für sie tat, trugen die Nase hoch und machten sich rar. Tja, sie konnten es sich leisten. Dieser Herr Koldewey durfte neben seinem Klubsofa in aller Ruhe solch scheußliche russische Bäuerin zur Schau stellen, diesen entarteten hölzernen Hindenburg in Weibsgestalt. Jeder Mensch hielt dafür, daß er es nur zur Abschreckung tat und um seine Gäste zu belustigen. Denn an der gleichen Wand hing ja eine stimmungsvolle Morgenlandschaft aus Rügen von einem gewissen C. D. Friedrich, den man allgemein hochschätzte. Nun, einerlei, ob der Alte sich bedankte, Annettchen tat es, sie würde es noch weiterhin beweisen, hätte es auch wohl heute getan, wenn Footh sich nicht im Klub hätte zeigen müssen. Skatabend, jeden zehnten, zwanzigsten und letzten Tag im Monat. Es kam immer etwas dabei heraus. Informationen, Geschäfte oder, last not least, Gewinne, obwohl man sagen durfte, er habe Glück in der Liebe.

Dann mußte er Gas wegnehmen, sie näherten sich der Stadt, rote und grüne Ampeln hingen unter dem dunklen Himmel. Diese Käte Neumeier schien eine ganz patente Person, gut gewachsen, junge Augen, hätte einen Käptn in besten Jahren noch ganz glücklich machen können. Sollte übrigens einen Neffen in der SA. haben, Bert Boje, Zeichner im Tiefbauwesen, der für Annette schwärmte. Man mußte das in irgendeiner Gehirnwindung notieren, alles war brauchbar zur rechten Zeit. Segen der Fahrordnung, Segen der Stadtbeleuchtung. Passanten gehörten auf den Bürgersteig; vor den Trambahnschienen mußte man sich in Acht nehmen.

»Lübeckerstraße oder Wandsbeker Chaussee?« fragte er, als sie sich ihrer Gegend näherten. »Wandsbeker 2«, entgegnete sie, »dicht an der Ecke.« – Dann bremste er, half ihr hinaus, sie bedankte und verabschiedete sich, und während die Haustür hinter ihr zufiel, und er sich gerade anschickte zu wenden, kam ihm eine Eingebung. Hier war er heute mittag mit Teetjen heruntergesaust, seiner Sache schon ganz sicher. Nun aber durfte er den Mann nicht mehr aus dem Griff lassen, mußte sich um ihn kümmern. Zusagen konnte schließlich jeder, zweitausend Mark einstecken auch; dazwischen aber mußte anständige Arbeit geliefert werden. All diese Leute neigten zum Schlendrian, ließen sich gehen, glaubten, der liebe Gott werde ihnen im geeigneten Augenblicke schon beistehen. Weit gefehlt, mein Lieber! H. P. Footh hatte diese Sache übernommen, sie mußte erstklassig klappen. Kümmerte sich dieser Koldewey nicht darum – um so schlimmer für ihn. Zum Glück war er vorsichtig in der Wahl seiner Tochter gewesen. Mein lieber Albert, jetzt nicht gefackelt. Schlafmützigkeit wird abgemeldet, bis der »Job« getätigt ist. Morgen früh beginnt dein Training. Und Herr Footh wußte schon, wie. Carstanjen versah sich mit Frischfleisch, und übermorgen war »Einäuglein« fällig, die aus Tampico kam und gleich wieder auslaufen sollte, nach Konstanza am Schwarzen Meer. Irgend etwas bereitete sich vor, das Luftministerium füllte mit Schwung alle seine unterirdischen Reservoire. Für fast siebenhundert Taler durfte ein Fleischer seine Axt wohl schwingen – Rindfleisch, Kälber, Schweine. Mein Albert, da mußt du ran. Muskeln und Handgelenke gratis spielen lassen und deinen ollen Footh nicht blamieren.

Er hatte Notizblock und Bleistift im Wagen. Beim Lichte der Straßenlampe schrieb er, auf die heiße Motorhaube gestützt: »Heute halb zehn Anruf Büro. Footh.« Diesen Eilbrief würde er gleich unter der Ladentür durchschieben. Der Wagen machte es schneller als die Post. Und Frau Teetjen sah nicht nach Faulpelz aus. Morgenstunde hat Gold im Munde.

Viertes Kapitel
Training

I

Daß Kriegskameraden einander kennen, erweist sich oft nur als Vorurteil. Wenigstens hätte Albert Teetjen Grund gehabt, dies gegen Herrn Footh auszuspielen. Schon früh des Morgens kniete er vor dem Schrank im Schlafzimmer, aus dessen Grundschubladen er Stinens Vorrat an Sparwäsche entnahm, die zusammengelegten Laken und Bettanzüge sorgfältig auf den Fußboden türmend. Zu allerunterst in der linken Lade, seit langem nicht mehr angeschaut, fand sich ein in Öltuch gewickelter Gegenstand, einem Musikinstrument nicht unähnlich. Als er das Linnen wieder an seinen Platz gebracht und die schwere Schublade ohne besondere Mühe geschlossen hatte, entpuppte sich das Musikinstrument als Beil – ein Beil mit breiter Wange und leichtgekrümmter Schneide. Albert hatte es den Vater noch handhaben sehen; es stammte aber von seinem Großvater, dem Böttcher Teetjen aus Winterhude, und bestand aus bestem Stahl, in Sheffield gefertigt. Es war wohl nicht handlich genug für die Tagesarbeit des Vaters gewesen, der es gleichwohl immer hoch in Ehren gehalten hatte: englischer Stahl! Als dieses Beil importiert wurde, war Solingen noch nicht Solingen und Essen noch nicht Krupp, und die Engländer genossen darauf ein Monopol, wie später auf Panzerplatten. Nun, inzwischen hatte sich viel geändert, die deutsche Industrie (erst »Made in Germany« zur Abschreckung gestempelt, wie heute »Made in Japan«) sich emporgearbeitet, und Solingen machte Sheffield tüchtig Konkurrenz. Aber darum blieb es doch, was es war, englisches Fabrikat, gut und teuer. Albert derweil, den Holm mit der Linken umfassend, klopfte mit dem rechten Zeigefinger auf das blaßgraue Blatt: es klang. Der schwache Ton, zart und rein, erfreute sein musikalisches Ohr; er verspielte Minuten, indem er den Klang mit verschiedenen Gegenständen hervorlockte, mit einem Schlüssel, einem Kochlöffel, seinem Taschenmesser, das in einer Lederhülse steckte. Der Kochlöffel klang entschieden am besten und brachte ihm ein Soldatenlied ins innere Ohr, wer wußte wohl darum, »Ich schieß den Hirsch im wilden Forst, im tiefen Wald das Reh«. Nein, Großvater hatte nicht gegeizt. Alsbald ließ er es im Handgelenk spielen, im Ellbogen, in der Schulter. Teufel, war er eingerostet! Er würde kein schlechtes Training nötig haben, seiner Sache aber gewachsen sein, das Vertrauen nicht enttäuschen, das man in ihn setzte.

Er schlug die Axt wieder ein, schritt im Zimmer auf und ab. Natürlich stellten sich die Narren vor, ein Schlächtermeister von heute hacke ununterbrochen nichts als Köpfe ab. Dabei hatte sich das Gewerbe genau so fortentwickelt und zerteilt wie jedes andere. Er, Albert Teetjen, hatte mit dem Töten von Tieren schon lange nichts mehr zu tun. Der Großverband der Schlächter und die Belegschaft des Zentralschlachthofs besorgten, daß es ging wie geölt. Als Gehilfe und schon als Lehrling seines Vaters hatte er diesen ganzen Betrieb ja mitgemacht, den Rindern die Masken vorgebunden, den Gehilfen die Bolzenpistole gespannt und gereicht, die den Tieren einen betäubenden Stahlpflock ins Gehirn jagte, dann das eigentliche Schlachten erlernt, den Kehlschnitt, das Ausbluten, das Ausweiden, Abziehen, Zerlegen. Nun, das lag zurück, laß sehen, ein Vierteljahrhundert. Mit dem Beil ging man in der Neuzeit um, wenn man den toten Körper zerlegte, Markknochen aufspaltete usw. Zu Vaters Tagen zierten noch halbe Kälber oder Schweine, der Länge nach vom Haken hängend, die Wände des Ladens, womöglich in der Nähe der Tür, die Hausfrauen anzulocken. Eindrucksvoll für Kinder, auch für die des Schlächtermeisters. Sohn eines Herrn über Leben und Tod ... Geschichten sponnen sich von den Köchinnen zu den Kindern, haarsträubend anzuhören und zum Schmunzeln für Kenner: von Bengels und Gören, die in die Wurstmaschine fielen oder im Pökelfleisch verschwanden ...

Einem Manne, der so mit Axt und Messer umging – man tat wohl, sich ihm zu fügen. Daß der Sohn das Geschäft des Vaters übernahm, ergab sich unter solchen Umständen leicht. Man trat in seine Fußstapfen und wollte nichts zu tun haben mit Gesindel, das sich auflehnte, Gehorsam und Gefolgschaft verweigerte, die Treue brach. Die Axt des Großvaters würde noch zu Ehren kommen.

Während er so mit langen Schritten Laden und Wohnzimmer durchmaß, bis es Zeit wurde, den Footh anzurufen, sah er, sich erinnernd, den Vater hinter seinem Ladentische hantieren, mit leisen Schlägen der Axt Gelenke auseinandertrennen, Kalbskoteletts, Schöpsenkeulen. Ja, der war ein Virtuose gewesen auf diesem anscheinend so plumpen Instrument, Beil und Block. Ein Kalbshirn aus dem Schädel zu holen, ohne das dünne Häutchen zu verletzen, das es überzog, dafür gab es niemanden besseren als Schlächter Teetjen. Und was für ein Künstler war er mit Messern! Er liebte sie auch, hielt sie beständig scharf und sauber, ja, es setzte manchen Katzenkopf für Sohn und Lehrlinge und manchen Anschnauzer für die Mutter, wenn sie es dabei an Sorgfalt fehlen ließen. Daß Schlächtermesser keine Küchenmesser seien, mit denen man Holz und Papier schneiden durfte, das führte zu Auftritten mancherlei, bis die Frau es einsehen lernte und nachgab. Freilich stammte sie aus einer eigensinnigen Familie, die Tochter eines Schäfers und Imkers, aus Buxtehude zugezogen, die Anna Posthorn; war als Dienst- und Aufwaschmädchen im »Krug« von Winterhude angestellt worden und hatte schließlich den Philipp Teetjen genommen. Mit ihr war »Gesang in die Schlächterei eingezogen«, allerdings auch gelegentlich ein Anfall von »zweitem Gesicht« – aber davon sprach man nicht – und eine Leidenschaft für Wäsche. Wie Albert das Wasser schleppen und aus den Eimern ins Waschfaß gießen durfte! Weit über seine Kräfte strengte sich der Vier-, Fünfjährige an, es der Mutter recht zu machen, dabeisein zu dürfen, wenn die blutbefleckten Kittel und Schürzen in Kesseln verschwanden, nach dem Kochen aber herausgeholt wurden zum Rubbeln, Wringen und Spülen und dann schwer und schneeweiß trockneten oder auf dem Rasen bleichten. Dabei hatte die Mutter, den blonden Haarkranz über den eindringlichen Augen, den Sohn belehrt, auf Blut folge die Bleiche, auf jede Schuld die Sühne. Und ebenso lebte noch in Alberts Gemüt Großmutter Posthorn, wie sie zu Besuch kam oder später ganz zum Schwiegersohn zog, um der Tochter beizustehen in ihren vielfältigen Verrichtungen als Hausfrau, Schlächtersgattin und Mutter dreier Kinder. Großmutter Posthorn, in ihrem leisen, feinen Dithmarsisch, das schneeweiße Haar sauber gescheitelt über dem braunrunzeligen Gesicht, pflegte zu sagen, wenn Albert, Theodor oder die kleine Anna unfolgsam waren, gestraft werden mußten und dann nicht abbitten wollten: »Ihr werdet doch nicht verstockter sein als die Mörder im Zuchthaus. Von denen will jeder seine Strafe. Da bestehen sie drauf.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Beil von Wandsbek" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen