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Das Bandoneon

Hans Meyer
zu Düttingdorf

DAS
BANDONEON

Bild ROMAN

in enger Zusammenarbeit
mit Juan Carlos Risso

Aufbau Digital

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1.

2.

3.

4.

5.

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7.

8.

9.

10.

11.

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23.

24.

Dankeschön

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1.

Titel

Da saß sie nun inmitten gepackter Kisten und letzter Möbel. Christina hielt eine Handvoll alter Fotos zwischen den Fingern – der Urlaub in Niendorf an der Ostsee, Fotos der unzähligen Wochenenden am Wannsee, Christina mit Schultüte und gelbem Kopftuch der Verkehrswacht – auf der Rückseite dieses Fotos hatte Mutter »Christinas erster Schultag« geschrieben. Sie musste lächeln über die liebevolle Überflüssigkeit dieser Notiz. Christina wollte nicht weinen, nicht jetzt, wo jeden Augenblick die Entrümpler in der Tür stehen würden.

Ihre Mama. Sie zwei waren es, die das Leben gemeinsam meisterten. Ein Leben mit einem viel zu früh verstorbenen Ehemann, einem nie gekannten Vater. Ein Leben voller Stolz, Zuneigung und auch Abhängigkeit voneinander. Wie wenig doch davon übrigblieb – diese paar Kisten, Möbel und einige Fotos, deren Ränder sich bereits wölbten. Christina hatte das Gefühl, die vergilbten Siebziger-Jahre-Fotos deckten sich mit den Farben ihrer Erinnerungen.

Sie hatten es beide gewusst – gewusst, dass ihre Mutter es diesmal nicht überstehen würde. Auch wenn Christina und sie niemals darüber sprachen. »Wir schaffen das schon.« So als könne man ein nahendes Gewitter dadurch aufhalten, dass man ihm den Rücken zudreht. Alles ging so furchtbar schnell. Dieser erste Anruf damals, ihre Mutter mit entkräfteter Stimme: »Kind, ich habe da was im Bauch.«

Noch immer wagte Christina nicht das Wort »Krebs« auszusprechen. »Ich habe da was im Bauch …« war so aggressiv, dass unmittelbar nach der Diagnose Operation und Chemo folgten. Schmerzen, unsägliche Übelkeit, Perücke, Angst, Hoffnung, gute Diagnose, vier Wochen Vertrauen in die Milde des Schicksals – wir schaffen das schon – und schließlich das niederschmetternde Urteil: Es war zu spät. Der rasante Verfall ihrer Mutter ließ keinen Platz für Zweifel. Nein, sie hatten es nicht geschafft. Und nun saß sie hier in der fast ausgeräumten Wohnung, wartete darauf, dass die Entrümpler auch noch das letzte bisschen greifbare Existenz mitnahmen, und konnte ihre Tränen nicht aufhalten.

Ein Klingeln riss Christina aus ihren Gedanken. Sie stürzte zur Tür, bemerkte dabei, dass es nicht die Türschelle war, sondern ihr Handy. »Bernd« stand auf dem Display. Bernd hatte ihr in diesem Moment gerade noch gefehlt. Er war der Mann, mit dem sie ihr Leben teilte. Zumindest hatte sie das seinerzeit vorgehabt, als sie ihm glücksdurchströmt ihr Ja-Wort entgegenhauchte. O nein, diese Baustelle wollte sie nun definitiv nicht auch noch in ihre Gedanken lassen. Die Entscheidung »wegdrücken« oder »rangehen« wurde ihr von den an der Eingangstür klingelnden Entrümplern abgenommen. Als sie die Tür öffnete, spiegelte sich in der Miene ihres Gegenübers Christinas Befürchtung wider: Ihr Make-up hing als zwei schmuddelig schwarze Flussdeltas unter ihren geröteten Augen … Mist, es musste doch nicht jeder gleich sehen … Warum eigentlich nicht? Warum sollte nicht jeder gleich sehen, dass – ja, genau, dass …

»Ja, das kann alles mit, außer den Fotos hier auf der Kiste. Warten Sie, ich packe die Bilder schon weg … vielen Dank … ja, ich weiß, schade um die schöne Ledergarnitur – vielleicht können Sie sie ja … Ach ja, natürlich, wenn Sie jede Sitzgarnitur nehmen wollten … schon klar … war ja nur so eine Idee … vielen Dank … ja, meine Mutter … ist nicht leicht, nein, bitte, nehmen Sie jetzt die Sachen mit, je schneller, desto besser, so wird es einfacher für mich sein – vielen Dank …« Bei so vielen »Vielen Danks« hätte Pit ihr einen Artikel komplett gestrichen. Voraussichtlich mit einer treffenden Bemerkung wie: »So viele Wörter hat die deutsche Sprache – warum benutzt du sie nicht?« Christina musste bei dem Gedanken an ihren Redaktionschef lächeln.

»Dieses Foto war noch hinter der Kommodenschublade eingeklemmt.« Der Packer reichte ihr ein uraltes Schwarz-Weiß-Foto mit irgendeinem Musikensemble drauf.

Es war eine alte Postkarte. Christina steckte sie zu den anderen Aufnahmen in ihrer Tasche. Dann schleppten diese Männer also das Leben ihrer Mutter aus der Wohnung und damit auch einen Teil ihres eigenen Lebens. Sofa, Sessel, Regale, das Schlafzimmer mit Doppelbett, in dem die zweite Hälfte immer leer war.

Ob Mutter wohl jemals wieder …?

Christina ging in die Küche. Wenigstens konnten die Küchenmöbel in der Wohnung bleiben. Wäre auch schade drum gewesen. Die Küche war doch noch so gut wie neu. Christina schaute aus dem Küchenfenster auf die Baumkrone im Hinterhof. Ihre Mutter liebte diesen vierten Stock.

»Ich will nichts über mir haben, das mir auf die Schultern drückt«, hatte sie gesagt. Sie hatte deshalb immer im obersten Stock wohnen wollen, nur noch das Dach und den Himmel über sich. Ob Christina denn nicht auch bemerke, wie sich Licht und Energie in einem Haus beim Übergang vom dritten in den vierten Stock änderten?

»Ich merke nur, wie sich meine Energie ab ungefähr dem zweiten Stock langsam aufbraucht, wenn ich dir deine Wasserkisten schleppe«, hatte sie damals geantwortet.

Ihre Mutter hatte nur gelacht. Wenn Mutter doch wenigstens einen Fahrstuhl gehabt hätte. Vielleicht hätte sie dann sogar in ihrer Wohnung etwas länger bleiben können. Die Stimme des Entrümplers riss Christina aus ihren Gedanken. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Wohnung so gut wie leer war.

»Sie sind ja schon fast fertig.«

Der Mann gab ihr mit kräftigem Druck die Hand und verabschiedete sich. »Sollen wir die Tür zuziehen?«

»Ja, bitte.«

Nun hallten Christinas Schritte in der leeren Wohnung. Wie kalt und grau plötzlich alles war und wie heruntergekommen so eine ausgeräumte Wohnung aussah. All die Tapetenränder von nicht mehr existenten Möbeln und Bildern. Umrisse einer Erinnerung, Schattenwürfe eines Lebens. Einmal noch durchatmen, einmal noch die wieder aufsteigenden Tränen unterdrücken und dann gehen. Es war alles mit der Hausverwaltung geregelt. Christina würde den Schlüssel in den Briefkasten werfen und später die Renovierungskosten begleichen. Ein neuer Mieter sei schon gefunden.

Ein neuer Mieter, wie seltsam das klang. Das war doch die Wohnung ihrer Mutter. Hier war Christina selbst aufgewachsen, in diese Wohnung gehörten doch nur Mama und sie.

Nun zog sie also tatsächlich die Tür ein letztes Mal hinter sich zu. Abschließen lohnte nicht, war ja außer der Einbauküche nichts mehr drin. Christina zögerte am Briefkasten. Wenn sie den Schlüssel jetzt hineinwarf, gab es wirklich kein Zurück mehr. Tief einatmen, Metall fiel auf Metall, dann schnell raus an die frische Luft, sich den leichten Wind ins Gesicht wehen lassen, vielleicht trocknete er ja die Tränen. Ihr verwüstetes Make-up war Christina egal. Sie schaltete das Handy aus und ging ziellos durch die Straßen. Nur nicht umdrehen, nach vorne schauen.

»Mama, ich vermisse dich!«

Das Gehen tat ihr gut. Sie schaute sich die Häuser an. Breite Bürgersteige vor den Altbaufassaden. Sie liebte dieses alte Berlin, hinter dessen Fenstern sich so viele Geschichten verbargen. Sie liebte es, sich vorzustellen, wer wohl in diesen Wohnungen gelebt hatte, wie sie einst eingerichtet waren. Wer hatte denn früher eigentlich in den Ein-Zimmer-Wohnungen im Hinterhaus gelebt? Waren es die Angestellten der herrschaftlichen Vorderhaus-Bewohner? Im Vergleich zum so genannten modernen Wohnungsbau waren allerdings auch diese Hinterhauswohnungen nahezu prunkvoll. Wenn sie an das Fünfziger-Jahre-Loch dachte, in dem Bernd und sie ihre Mainzer Studienzeit verbracht hatten, glich jedes Treppenhaus eines Altbaus tatsächlich einem Palastaufgang.

Als Journalistin interessierte sie sich dagegen gerade für die anderen Bezirke: Berlin, du kannst so hässlich sein … Straßen, auf denen wilde Müllentsorgung zum Routinebild gehörte, Hochhauskolonien, die die Sonne nahmen, oder auch diejenigen Bezirke, die eher wie eine provinzielle Vorstadt in Westdeutschland aussahen.

Schließlich stand Christina vor ihrer Haustür. Sie war selbst überrascht, wie sie, ohne zu denken, den Weg genommen hatte. Sie stand im Eingangsflur mit seinen hohen Decken und öffnete mechanisch den Briefkasten. Die Umsonst-und-werbungtriefende-ein-Wochen-Fernsehprogrammzeitschrift warf sie, eingeschweißt, wie sie war, in den bereitstehenden Papierabfall.

Heute lieber Treppe als Fahrstuhl.

»Merkst du nicht, wie sich Licht und Energie vom dritten auf den vierten Stock eines Hauses ändern?«

Sie schloss die diversen Schlösser auf. Bernd war ein Sicherheitsfanatiker.

»Wofür brauchen wir diese vielen Schlösser und Riegel? Sollte unser Haus mal einstürzen, wird als Einziges unsere Tür abgeschlossen bis zum Schluss in ihrer Zarge verharren. Das ist doch total überflüssig, wir leben hier in Berlin und nicht in Takatuka-Land«, hatte ihm Christina einmal vorgeworfen.

»Sei froh, dass wir nicht in Takatuka-Land sind, sonst würdest du nämlich das Feuer bewachen und die Höhle sauber halten müssen. Aber das letzte Mal, dass du einen Staubwedel in der Hand hattest, war ja wohl, um ihn mir zu schenken. Und…«, war Bernd seinerzeit fortgefahren, »man kann überhaupt nicht vorsichtig genug sein. Auch in Berlin werden viele Wohnungen aufgebrochen. Glaubst du denn, unsere Versicherung würde auch nur einen Cent bezahlen, wenn wir nicht unsere Wohnung vernünftig sichern?«

»Versicherung! Bernd, dein ganzes Leben ist doch eine einzige Versicherung. Sei doch mal lockerer. Und sei mal kreativer. Als Mathematiker kann man so tolle Sachen machen, zum Beispiel … na ja, das wirst du doch wohl selbst viel besser wissen als ich. Warum kannst du dich nicht einmal von deiner Existenzangst freimachen und dich von deinem völlig unangemessenen Verwaltungsposten lösen? Du hast damals doch das beste Examen gemacht, dir hätten alle Türen offen gestanden.«

»Nun tu mal nicht so tun, als hättest du nicht auch schon oftmals von meinem sicheren Einkommen profitiert. Bin ich dir nicht genug? Wenn du allerdings auf Yachten und Schickimicki stehst, das kann ich dir in der Tat nicht bieten. Das hatte ich aber auch niemals vor. Lass mich einfach auch mal mein Leben leben. Es tut mir leid, wenn deine Vorstellungen davon nicht mit meinen eigenen übereinstimmen. Ist es dir denn eigentlich nicht klar, dass du deine gesamte freiberufliche journalistische Karriere nur deswegen durchziehen kannst, weil ich jeden Monat sicheres Geld nach Hause bringe? Glaubst du denn wirklich, dass uns die Bank auch nur das Schwarze unterm Fingernagel gegeben hätte, um diese Wohnung hier zu finanzieren, wenn ich nicht meine unkündbare Stelle als Sicherheit zu bieten gehabt hätte?«

Ihre Beziehung wurde immer häufiger von diesem Kräftemessen bestimmt. Streit ohne Versöhnung. Keine Umarmung, kein »Sorry, tut mir leid!«, kein »Ich weiß auch nicht, was mit mir los war!«, oder ein »Soll ich wirklich hier die Höhle bewachen?«. Stattdessen nur Schweigen. Ein Schweigen, das eine Leere beschrie, die zwischen ihnen waberte. Rückzug in Arbeitszimmer und Wohnzimmer, Computer an, Fernsehen an. Schweigen. Nach einiger Zeit dann: »Willst du auch was essen? Ich mache einen Salat«.

»Ja, von mir aus.« Essen ohne Worte, Kauen vom TV-Ton übertönt.

»Was guckst du denn da?«

»Irgendeine Doku über den Panamakanal.«

»Ah ja.« Und wieder Schweigen. Es wurde spät genug, einer von ihnen konnte müde sein und ins Bett gehen, ohne dass es unglaubwürdig wirkte.

»Ich gehe schon mal schlafen.«

»Ich komme später nach.«

Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sie getrennte Schlafzimmer hätten. Aber wie, in einer Drei-Zimmer Wohnung mit steuerlich absetzbarem Arbeitszimmer?

Christina betrat die leere Wohnung. Im Flur streifte sie die Schuhe ab und ließ sie gerade so liegen, wie sie von den Füßen fielen. In der Küche lag ein Zettel von Bernd:

Wo warst Du denn so lange? Habe versucht, Dich anzurufen, Dein Handy war aus. Bin weg, bin zur Vernissage. B.

Ach herrje, die Vernissage hatte sie ganz vergessen. Die Frau von Bernds Chef übte sich in der zwar floralen, aber nicht gegenständlichen Malerei und hatte nun tatsächlich den Betreiber ihres Stammcafés überredet, ihre Bilder auszustellen. Als Bernd und Christina bei einer Bezirksamtsfeier die Frau kennenlernten, begeisterte diese sich augenblicklich für Christina.

»Christina, wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Uns zwei kreative Seelen verbindet doch so viel! Sie schreiben, ich male. Sie bringen Buchstaben auf das Papier und ich Farbe und Inspiration.« Dann folgte ein nicht enden wollender Monolog über jedes Detail ihres künstlerischen Lebens. Keine Station wurde ausgelassen. Nicht die Kindheit, nicht die musizierende Mutter, nicht der strenge Vater, dessen übertriebene Härte sie in die Kunst hatte fliehen lassen, wie sie mit ihrem Psychotherapeuten herausgearbeitet hatte.

»Ein hervorragender Mann, ich muss mal schauen, vielleicht habe ich sogar hier noch seine Karte … ach nein, das ist die Karte des Ayurveda-Zentrums …« Schließlich kam Misses Floral auf ihre neuesten Arbeiten zu sprechen. Sie habe sich inspirieren lassen von ihrem Malerei-Urlaub in der … (Christina flehte in Gedanken: Sag jetzt bitte nicht »Toskana«, bitte nicht auch noch dieses Klischee.) …Toskana (Bingo), und schon hatte Christina eine Einladung zu eben dieser Vernissage in der Hand, die sie nun verpassen würde.

Spät am Abend wurde Christina von Bernd geweckt. Er überraschte sie: Keine Vorwürfe, kein »Wo warst du denn so lange?«, kein »Ich habe versucht dich anzurufen«, stattdessen ein freundliches »Was deine Einschätzung ihrer Kunstqualität angeht, hattest du leider völlig recht!«. So viel Verständnis brach in Christina jegliche Dämme, und sie begann hemmungslos zu weinen. Alle zurückgehaltene Trauer, aller Schmerz suchten sich ihren Weg.

Bernd wirkte hilflos und streichelte sie unbeholfen. »War schlimm heute, oder?«

Christina nickte. Sie hatte sich wieder unter Kontrolle und wischte sich die Tränen ab. Als sie auf ihre Handrücken schaute, sah sie die Reste vom Make-up.

»Ich sehe bestimmt furchtbar aus!«

»Och, wenn man Pandabären, die durch eine Autowaschanlage geschickt wurden, mag – nein.« Bernd lächelte sie an. Er entlockte ihr sogar ein kurzes Lachen. Doch ja, es gab immer noch diese Augenblicke, in denen sie Bernd wirklich mochte.

»Ich gehe mal ins Bad und wasche mein Gesicht.«

Bernd schaute seiner Frau nach. Da hatte sie nun auf dem Sofa bei laufendem Fernseher geschlafen. Auf dem Tisch stand ein halb ausgetrunkenes Glas mit Kakao. Sie, die immer so stark war und die so hart sein konnte, in sich zusammengekauert mit tränenverschmiertem Gesicht. Die Krankheit ihrer Mutter hatte ihnen beiden schwer zugesetzt. Es waren furchtbare Monate. Er hatte beobachtet, wie sehr sie unter dem ständigen Verfall ihrer Mutter litt. Christina war es gewohnt, ihr Leben ihren eigenen Plänen entsprechend auszurichten. Schicksal gehörte nicht dazu. Sie war in ihrem Beruf ehrgeizig und erfolgsverwöhnt. Beides Eigenschaften, die ihm völlig fremd waren. Er war froh, einen ruhigen Job gefunden zu haben, der ihn angemessen forderte, den er aber, wenn er abends die Bürotür schloss, getrost bis zum nächsten Morgen vergessen konnte. Und er war froh, schließlich wieder in seiner Heimatstadt Berlin gelandet zu sein. Während Christina diverse Jobs in ganz Deutschland annahm, war sein Bestreben gewesen, möglichst schnell nach dem Diplom wieder zurück zu können zu seinen alten Freunden, zu seinem alten Leben.

Chris, wie er sie manchmal in guten Stunden nannte, und er hatten sich im Studium in Mainz kennengelernt. Beide aus Berlin und beide in diesem Dreckloch von Mietshaus, das ihr gemeinsamer Feind wurde. Christina zog in die Nachbarwohnung. Bei ihrem Einzug hatte er sich sofort in sie verliebt. Er hätte nie zu träumen gewagt, dass dieses Mädchen ausgerechnet ihn wählen würde, ihn, den langweiligen Mathematikstudenten, dem sein Aussehen nie so wichtig war. Nur, dass er aufgrund guter Gene eine ganz passable Figur hatte, das war ihm durchaus bewusst. Bei dem Gedanken straffte Bernd seine Bauchmuskeln, doch auch die vermochten nicht den kleinen Ring um die Hüften zu leugnen.

Er wusste nicht einmal mehr, wann und wie es genau geschehen war. Irgendwann hatten sie wohl beide dieses elektrische Knistern, diese magische Anziehung gespürt. Es ging alles ganz schön schnell: erstes Kennenlernen, erstes gemeinsames Zur-Uni-Gehen, »Wollen wir uns heute Mittag in der Mensa treffen?«, verstohlene Blicke, die deutlicher wurden, der erste gemeinsame Abend, das verlegene Vorder-Tür-Stehen wenn man Tür an Tür wohnt, zögert sich der Moment der entscheidenden Frage nun wirklich bis zur letzten Sekunde hinaus , aber bevor Bernd etwas sagen musste, hatte Christina ihn schon geküsst, und ihr gemeinsames Leben begann.

Nach so vielen Jahren kannten sie sich genau, wussten von den Schwächen des anderen, kannten fast jede Geschichte und hatten die meisten ja gemeinsam erlebt. Für Kinder war in Christinas Leben kein Platz, die gehörten nicht zu ihrem Plan. Bernd fand es zwar schade, hatte sich aber damit abgefunden. Wenn er an die Erzählungen seines Freundeskreises über Kita-Suche, Schulärger, über Schwiegermütter, die sich in die Erziehung einmischten, und was sonst noch alles zur glücklichen Familie gehörte, dachte, fand er die Kinderlosigkeit eigentlich gar nicht so schlimm.

Christina war eine klasse Journalistin, sie war eine klasse Frau und manchmal schwer zu ertragen. Diese Augenblicke hatten leider zugenommen. Natürlich war das letzte Jahr ein Ausnahmejahr, die Krankheit seiner Schwiegermutter hatte an ihrer aller Nerven gezerrt. Da waren emotionale Ausbrüche leicht zu verstehen. Während er Christina liebte, wie sie war, und gerade weil sie so war, wie sie war, hatte Bernd das Gefühl, dass er ihr nicht mehr reichte. Immer wieder beklagte sie sich über sein angebliches berufliches Phlegma. Es regte sie neuerdings auf, dass er blaue Socken zur braunen Cordhose trug, und im Bett war nicht mehr viel los. Auch wenn ihm ein guter Freund sagte, dass das alles ganz normal sei und Frauen eben manchmal so seien, hatte Bernd vor dieser Entwicklung Angst. Er hoffte, dass sich ihre Beziehung jetzt, nach dem Tod von Christinas Mutter, wieder auffrischen würde und sie beide Zeit zum Atmen fänden. Er hätte Christina auch jetzt noch an jedem Tag wieder heiraten wollen, umgekehrt war er sich da nicht so sicher.

Christina kam aus dem Badezimmer zurück. Der Spiegel hatte ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Nachdem sie ihr Make-up abgewaschen hatte und nun zwar farbloser, dafür aber menschenähnlicher aussah, war sie bereit zu sprechen. Sie erzählte Bernd vom Ausräumen der Wohnung, von der Ledercouch, der Einbauküche und vom Baum im Hinterhof (obwohl Bernd das alles kannte, tat er trotzdem so, als höre er es zum ersten Mal), vom Schlüsseleinwerfen und vom ziellosen, betäubten Umherirren durch die Straßen.

»Mutters Wohnung ist jetzt leer. Ich bin froh, dass schon alles so weit vorbereitet war, dass wirklich nur noch die Sachen zum Entrümpeln rausgeschafft und nicht noch sortiert werden mussten.«

Christina musste reden, und Bernd hörte zu. Hinterher schalt sie sich, dass sie ihm nie sagte, was für ein guter Zuhörer er war. Schließlich fielen ihr die Fotos ihrer Kindheit in den siebziger Jahren wieder ein.

»Bernd, die musst du dir unbedingt ansehen. Oder hast du mich etwa schon mal mit Kopftuch gesehen? Sag bloß, du musstest diese gelbe Verkehrswacht-Mütze nicht bei deiner Einschulung tragen? Bei uns Mädchen gab es statt der Mütze ein Kopftuch, scheußlich. Ich zeig dir die Fotos.« Christina eilte in den Flur und kam mit ihrer Handtasche zurück. Nach einigem Kramen hielt sie die Aufnahmen schließlich in den Händen. Da fiel ihr auch die alte Postkarte wieder auf, die der Möbelpacker hinter einer Schublade gefunden hatte. Es war eine Schwarz-Weiß-Aufnahme mit einer Musikkapelle. Vier Männer starrten mit versteinerter Miene dem Betrachter entgegen. Einer der Männer hielt eine altertümliche Gitarre in der Hand, daneben stand jemand am Kontrabass, ein Geiger kam dazu, und in der Mitte saß ein gutaussehender Kerl mit einer Art Akkordeon auf den Knien, allerdings war es ein sehr kleines Akkordeon. Alle trugen sie Anzüge, wahrscheinlich der Sonntagsstaat, doch selbst auf dieser schlechten Aufnahme konnte man die einfachen und grob gewebten Stoffe erahnen. Auf einer Seite stand eine kleine Palme auf einer verschnörkelten Säule, die wohl kolonialen Luxus herbeizaubern sollte. Trotz aller Bemühungen war dem Quartett anzusehen, dass es mit seiner Musik nicht reich wurde.

Christina lachte über Bernds Bemerkung, er könne sich lebhaft vorstellen, wie diese starren Typen Stimmung in den Saal brachten. Die Postkarte war mit einem gezackten Rand eingefasst. Bernd schätzte die Aufnahme auf eine Zeit aus den dreißiger Jahren, vielleicht sogar noch früher.

Etwas faszinierte Christina an dem Foto. Sie konnte nicht sagen wieso, aber das Bild hatte für sie eine Bedeutung. Bernd wusste, dass das ungewöhnliche Instrument ein Bandoneon war, ein typisches Tangoinstrument. Klinge genauso grauenhaft wie eine Quetschkommode, sei aber kleiner. Seltsamerweise tat Christina seine abfällige Bemerkung weh. Sie musste sich eingestehen, dass es nicht so sehr das Bandoneon war, das sie faszinierte, sondern vielmehr der junge Musiker, der das Bandoneon auf seinem Schoß hielt. Seine Augen starrten in die Kamera, doch anders als bei seinen Kollegen hatten sie etwas Weiches, Verstehendes, eine Tiefe, die Christina anzog. Sie stellte sich seine Stimme vor, eine warme und angenehme Stimme. Vielleicht war er ja sogar der Sänger der Gruppe. Seine Hände mussten fein sein, wenn sie die vielen Knöpfe auf dem Bandoneon beherrschten. Sie musste sich zwingen, den Blick von ihm abzuwenden, als Bernd sie aufforderte, die Karte umzudrehen.

»Da steht bestimmt, von wo diese Aufnahme stammt.«

Tatsächlich stand etwas auf der fleckig vergilbten Rückseite. Zu Christinas Verwunderung war es jedoch nicht nur der klein gedruckte Hinweis »Los Tangueros de Buenos Aires«, die Tangomusiker aus Buenos Aires, mit einer noch kleiner gedruckten Adressangabe, sondern eine kurze Notiz in gestochen scharfer Schrift. Diese Schrift war Sütterlin. Christina wusste um diese alte deutsche Schrift, die wohl in den zwanziger oder dreißiger Jahren benutzt worden war. Sie konnte die Schrift aber leider nicht lesen. Auch Bernd konnte die Buchstaben nur in Teilen erraten.

»Aber wieso besaß deine Mutter diese Karte überhaupt? Eine Karte aus Argentinien mit einer deutschen Widmung. Und warum hat sie die Aufnahme versteckt? Oder ist sie nur versehentlich hinter die Kommodenschublade geraten? War es vielleicht einfach irgendwas vom Trödel?«

»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Meine Mutter hasste alles Überflüssige. Trödel kam ihr nicht ins Haus. Doch wer hätte diese Karte aus Argentinien schicken können? Moment, nein, diese Karte wurde nie abgeschickt. Sie muss Mutter gegeben worden sein.«

»Aber warum und von wem? Und wer hat dort in diesem gestochen scharfen Sütterlin geschrieben?«

»Mutter mit Sicherheit nicht.«

Christina wusste um die dürftige Schulbildung ihrer Mutter. Früher hatte sie sich manchmal für ihre Mutter geschämt, die keine Fremdsprachen sprach und die niemals eine höhere Schule besucht hatte. Später war Christina ihre Arroganz peinlich. Sie wusste doch, dass Mutter ihre Eltern bei einem der letzten Bombenangriffe auf Berlin verloren hatte. Sie wuchs in einem Waisenhaus auf und musste ziemlich früh zusehen, wie sie sich ernähren konnte. Da gab es keinen Platz für Schulbildung. Ihre Mutter erzählte nicht viel über die Zeit im Heim. Sie wollte wohl nicht daran erinnert werden, obwohl, wie sie immer betonte, die Betreuerinnen des Stifts außerordentlich liebenswert gewesen waren.

Das Schicksal war ihrer Mutter auch später nicht gnädig gewesen. Wie mochte es sich angefühlt haben, nur ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter, ihren Mann bei einem Autounfall zu verlieren? Der Schmerz wollte nie enden.

»Die hat ja keinen Vater!«

Es hatte wehgetan, von den Mitschülern gehänselt zu werden. Christina fehlte ihr Vater, als Kind, als Jugendliche und auch heute noch. Und am meisten fehlte ihr, dass sie niemals erfahren würde, was ihr genau fehlte. Sie hatte von dem, was ein Vater für ein Kind bedeutete, nur eine vage Vorstellung, die sich vor allem aus Büchern und Filmen ergab.

Bernd kam mit einer gedruckten Seite vom Computer zurück. »Sütterlinschrift«, das Online-Lexikon hatte zu jedem Thema etwas parat. So lernten die beiden, dass die deutsche Sütterlinschrift ab 1915 in Preußen eingeführt wurde und sich in den zwanziger Jahren stark verbreitete. Ab 1935 war Sütterlin Teil des offiziellen Lehrplans an Schulen, jedoch wurde die Schrift knapp zehn Jahre später wieder verboten.

»Das bringt uns leider auch nicht weiter«, stellte Christina fest.

»Wenn wir jemanden fänden, der in dieser Zeit Lesen und Schreiben gelernt hat …«

Sie schauten sich an und sagten fast gleichzeitig: »Frau Müller aus dem Erdgeschoss!«

Frau Müller hatte früher unten im Haus einen Laden betrieben – einen Gemischtwarenhandel, was auch immer das hieß. Nun residierte in den Räumen lange schon eine Bäckerei, und Frau Müller fristete seit Jahrzehnten ihr Rentnerdasein in der Souterrainwohnung im Hinterhaus. Bernd und Christina trafen die alte Frau nur selten. Sie konnte kaum noch gehen. Ihre dicken, bandagierten Beine ließen auf große Mühen schließen, aber dennoch schien diese Frau keine schlechte Laune zu kennen. Wenn sie, auf ihren Rollator aufgestützt, versuchte, ihren krummen Rücken aufzurichten und Christina anzusehen, hatte sie immer ein Lachen auf ihrem freundlichen Gesicht.

»Wir gehen sofort zu ihr runter!« Christina war ganz aufgeregt.

»Schau mal auf die Uhr, ich glaube, Frau Müller wäre nicht very amused, wenn du sie um diese Zeit aus dem Bett klingeltest. Und ehrlich gesagt, würde ich Frau Müller auch nicht unbedingt in ihrer Nachtwäsche sehen wollen.« Bernd hatte recht, es war leider schon zu spät, aber gleich morgen wollte Christina zu ihr gehen. Bernd konnte nicht nachvollziehen, warum ihr diese Postkarte so wichtig war. Was verstand er schon von Intuition?

Christina wachte früh am nächsten Tag auf. Sie fuhr den Rechner hoch und schrieb Pit eine kurze Mail in die Redaktion.

Komme heute wegen meiner Mutter wohl etwas später … Na ja, war nicht ganz gelogen. Dieses Argument schützte sie vor jeglichen Nachfragen. Sie wusste, dass Pit mit Trauer nicht umgehen konnte und sie in dieser Sache, so raubeinig er auch sonst war, mit Glacéhandschuhen anfasste. Das sicherte ihr einen freien Vormittag.

Um kurz nach neun lief Christina die Treppen hinunter. Der Eingang zur Wohnung von Frau Müller lag gleich in der ersten Treppenbeuge, etwas tiefer als das Erdgeschoss. Wieder eines der Geheimnisse eines so alten Hauses. Was war wohl einmal der Zweck dieser Wohnung hinter der niedrigen Tür gewesen? Vielleicht hatte eine Concierge dort gewohnt? Christina stand vor der kleinen Tür halb unter der Treppe. Auf dem getöpferten Klingelschild mit Blumen und einem Entchen war »Müller« zu lesen. Sie klingelte. Aus dem Inneren hörte sie schlurfende Schritte. Eine Stimme rief: »Bin gleich da, Augenblick!«

Eine Ewigkeit später wurden Schlüssel im Schloss gedreht, und die Tür wurde einen Spalt geöffnet, eine Vorhängekette spannte sich.

»Hallo, Frau Müller, ich bin’s, Christina, Ihre Nachbarin!«

Die Alte hatte etwas Gnomenhaftes, wie sie so von unten versuchte, Christina in voller Gestalt zu erkennen.

»Ach, was für eine Überraschung! Warten Sie!«

Die Tür klappte wieder zu. Christina hörte, wie die Kette aus der Schiene geschoben wurde, die Tür wurde ganz geöffnet.

»Das ist ja eine Überraschung«, wiederholte sich Frau Müller. Ihr Gesicht nahm einen erschreckten Ausdruck an. »Es ist doch nichts passiert, oder?«

»Nein, nein«, erwiderte Christina und schaute ins Innere der Wohnung. Ein dumpfer Geruch schlug ihr entgegen. Im engen Flur stand eine Kommode mit einer Vase voller Plastikblumen. Dicke Teppiche lagen übereinander. »Ich habe nur eine Bitte.«

»Na, liebes Kind, kommen Sie rein. Ich habe gerade Kaffee gekocht, Sie trinken doch bestimmt eine Tasse mit?« Frau Müller wartete Christinas Antwort gar nicht erst ab, sondern drehte sich mühsam mit ihrem Rollator um.

»Eigentlich wollte ich nur kurz …« Christina wurde die Aussichtslosigkeit ihres Ansinnens bewusst, die ganze Sache an der Tür abzuhandeln. Na gut, sie schloss die Wohnungstür hinter sich und schaute in ein vollgestelltes Wohnzimmer. Die Rollläden waren heruntergelassen, der Fernseher lief. Christina konnte nicht viel erkennen, doch da, in einem Sessel saß jemand.

»Das ist mein Mann«, sagte Frau Müller, als hätte sie Christinas Gedanken erraten. »Er lebt schon lange in seiner eigenen Welt. Aber wenigstens ist er noch da, sonst wäre ich ja ganz alleine.«

Ein dicker, schwarzer Hund schob sich an Frau Müllers Beinen vorbei.

»Nein, Daisy, natürlich nicht ganz alleine. Dich habe ich ja auch noch.« In der Küche verbreiteten Neonröhren unbarmherzige Helligkeit. Wenigstens stank es nicht ganz so muffig wie im Flur. Frau Müllers Frühstück stand auf dem Tisch: ein angebissener Marmeladentoast und ein Becher mit Kaffee. Sie stellte einen großen Becher auf die andere Seite des kleinen Tisches und schüttete ihn randvoll mit Kaffee. Sollte Christina etwa sagen, dass sie keinen Filterkaffee mochte, sondern nur noch italienischen Kaffee trank? Wohl total unpassend. Na gut, Christina setzte sich auf den angebotenen Stuhl und hoffte, dass die Tasse sauberer als die Wohnung war. Daisy machte es sich auf einem ausgefransten Kissen bequem.

»Mein liebes Kind«, Frau Müller reichte Christina Milch und Zucker, »Sie haben gerade Ihre Mutter verloren, richtig? Das tut mir furchtbar leid!« Woher wusste die alte Frau das denn? Christina versetzte es einen Stich. »Es ist furchtbar, einen lieben Menschen zu verlieren. Sehen Sie, ich bin schon so alt, habe das Glück, dass mein Mann noch bei mir ist – na ja, wenn auch nicht mehr so ganz richtig im Kopf. Alle meine Freundinnen sind schon lange tot.«

Christina rollte eine Träne über die Wangen.

»Ach entschuldigen Sie, da wühle ich in Ihrem Schmerz. Als alter Mensch vergisst man, wie unglaublich weit weg das Lebensende für die jungen Leute ist und welchen Schrecken es noch hat. Nun«, ihre Stimme nahm einen aufmunternden Ton an, »was führt Sie denn eigentlich zu mir?«

Christina reichte der alten Frau die Schwarzweiß-Postkarte, die sie schon die ganze Zeit in ihrer Hand hielt. Noch bevor sie ihr Anliegen vorbringen konnte, sagte Frau Müller: »Ah, eine Tangokapelle!« Ihre Augen glänzten.

»Das haben Sie sofort erkannt?« Christina war überrascht.

Frau Müller lächelte Christina an. »Na, mein Kind, glauben Sie denn, dass ich schon immer mit dieser blöden Gehhilfe durch die Gegend geschoben wäre?«

Christinas Nachbarin erzählte ihr, dass sie 1923 auf die Welt gekommen war. Ihr Vater war preußischer Offizier im Ruhestand, leider hatte sich der Ruhestand nicht auf seine preußischen Ansichten bezogen, was ihr das Leben als junges Mädchen nicht leichtgemacht hatte.

»Wussten Sie, dass Tango den Offizieren damals verboten wurde? Zu anrüchig! Zu erotisch! Na, diese Erzählungen haben natürlich meine Mädchenphantasien beflügelt. Unter Hitler kam dann alles anders. Gestatten Sie mir, dass ich es mir erspare, Ihnen diese Zeit zu schildern. Zu viel Schmerz, zu viele böse Bilder. Ich habe so viele Freunde und so viel Familie damals verloren, daran wird man nicht gerne erinnert. Nach dem Krieg heiratete ich irgendwann dann in diesen Laden hier ein und in die Familie.« Frau Müller zwinkerte lächelnd. »Meine Schwiegerfamilie, die Müllers, hatten ja noch Glück: Das Haus war nicht zerstört, und der Laden existierte noch. Sie konnten ihr Geschäft fortsetzen. Mein Mann kam relativ früh nach Kriegsende zurück. Auch er hatte Glück gehabt. Er war unverletzt. Sagen wir so, er hatte noch Arme und Beine, aber was man unseren Männern angetan hat, war grausam. Und glauben Sie mir, der Heldentod ist alles andere als heldenhaft.«

Die alte Frau spülte ihren Kloß im Hals mit einem kräftigen Schluck Kaffee hinunter.

»Als mein Mann wieder nach Hause kam, fand er die Wohnung also beinahe unversehrt vor, und auch seine Eltern lebten noch. Die Familie wohnte damals in der großen Wohnung im ersten Stock direkt über dem Laden. Das hier«, Frau Müller schaute sich in ihrer Küche um, »diese Wohnung hier war das Lager für den Laden. Wer hätte sich träumen lassen, dass wir zwei eines Tages hier hausen würden. Nun, so ist das Leben halt. Mein Mann hatte also Glück, er war gesund, er hatte eine Wohnung und eine Arbeit. Am Anfang war’s mit dem Laden natürlich schwer, gab ja nichts, aber im Westsektor ging’s bald bergauf. Doch wissen Sie, was sein allergrößtes Glück überhaupt war?«

Christina schaute mit großen Augen und wartete, dass Frau Müller sich selbst die Frage beantwortete.

»Na, ist doch wohl klar, er lernte mich kennen!« Das Lachen der alten Frau ging in einen Hustenanfall über. »Meine Liebe, was für ein Verfall … Nun, ich zog zur Familie meines Mannes. Es war eine gute Zeit, obwohl wir zwischen Ruinen lebten, eine Zeit des Aufbaus. Und gemeinsam etwas aufzubauen macht stark. Stellen Sie sich vor, ich lebe in diesem Haus schon mehr als ein halbes Jahrhundert. Unglaublich …« Frau Müller versank in Erinnerungen.

»Haben Sie gehungert?« Christina brach nach einer Weile das Schweigen.

»Natürlich haben wir gehungert. Ich erzähle Ihnen lieber nicht, was wir alles gegessen haben. Glauben Sie mir, es würde Ihnen den Magen verderben.«

Christina lächelte die alte Frau an. Wie interessant Menschen wurden, wenn man sich mit ihnen beschäftigte. Fast vergaß sie die Dringlichkeit ihres Besuchs, die Worte auf der Rückseite der alten Postkarte.

»Ach ja«, Frau Müller kehrte aus ihren Gedanken wieder zurück, »der Tango – na, in den Fünfzigern mochten wir doch die verrückteste Musik. ›O Egon, Egon, Egon, ja nur aus Liebe zu dir, ja nur aus Liebe zu dir, bin ich so tief gesunken.‹« Die freundliche alte Frau stimmte mit ihrer brüchigen Stimme diesen Schlager an. »Das ist Tango!«

Frau Müller machte ein wichtiges Gesicht, Christina wurde unvermittelt an Margaret Rutherford in ihren berühmten Miss-Marple-Filmen erinnert.

»Frau Müller, ich habe ein Anliegen. Können Sie Sütterlin lesen?«

»Oje, ist schon lange her, aber ich denke mal, gelernt ist gelernt.«

Statt etwas zu entgegnen, drehte Christina die alte Postkarte um.

»Warten Sie«, krächzte Frau Müller. Das Reden hatte sie angestrengt. »Dafür brauche ich meine Lesebrille.« Sie versuchte ihren massigen Körper aufzustemmen. »Ach Kindchen, seien Sie so nett, die Brille liegt im Wohnzimmer auf dem Couchtisch.«

Christina ging in das abgedunkelte Wohnzimmer. Herr Müller starrte auf den Fernseher und nahm die fremde Frau nicht wahr.

Christina fühlte sich unwohl. »Ich hole nur die Brille Ihrer Frau, ich bin eine Nachbarin.« Sie klang wie ein kleines Mädchen, das etwas Verbotenes getan hatte.

Frau Müller kniff die Augen zusammen, als sie die Worte auf der Rückseite der Karte zu lesen versuchte. »Was für eine wunderschöne Schrift! Mein Gott, wie ordentlich das geschrieben ist. Kein Mensch kann heute mehr so schön schreiben. Und ehrlich gesagt, obwohl ich es ja auch gelernt habe, so hübsch hätte ich das niemals hinbekommen.« Frau Müller schien sich wieder in Erinnerungen zu verlieren.

»Aber was steht denn da nun?« Christina rückte auf der Stuhlkante nach vorn.

»Ach, Sie können das ja nicht lesen. Ist ganz einfach, da steht: ›Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben‹ – und dann noch der Buchstabe ›E‹.«

Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben! E. Das war alles? Christina war enttäuscht. Sie hatte sich etwas Spektakuläreres gewünscht, etwas Aufregenderes, wenn sie auch nicht wusste, was eigentlich.

Aber wer mochte sich hinter »E« verbergen?

2.

Titel

Buenos Aires – Emma ließ sich diesen Namen auf der Zunge zergehen. Buenos Aires, das hieß so viel wie »Gute Luft« – ein lustiger Name für eine Stadt.

Gerade mal fünfzehn Jahre nach dem furchtbaren Untergang der Titanic stand sie, Emma Hechtl, geborene von Schaslik, auf einem Dampfer und überquerte den Atlantik. Sie fühlte das glatt geschliffene Holz der Reling unter ihren Händen, ein kalter und feuchter Wind benetzte ihr junges Gesicht. »Cap Arcona« hieß das stolze Schiff, dessen drei Schornsteine sich majestätisch in den blauen Himmel streckten. Es war das modernste und schnellste Schiff der Hamburger Flotte. Was hatte es für ein Aufsehen im Hamburger Hafen gegeben! Blumen, so weit das Auge reichte, es war immerhin die Jungfernfahrt. Am Kai hatte es von Menschen gewimmelt: Passagiere, Dienstboten, Kuriere, Gepäckträger, neugierige Zuschauer, Pferdefuhrwerke, elegante Kutschen und hupende Automobile. Menschen schrien durcheinander, sich suchend, lachend, letzte gute Wünsche rufend. Pferde wieherten, irgendwo meinte sie, eine Ziege meckern zu hören, es verlor sich im Hundegebell. Auch Journalisten waren gekommen, der Geruch verrauchenden Blitzlichtpulvers hing in der Luft. Ein junger Mann wollte Emma fotografieren, doch sie drehte sich verschämt weg. Sie hatte eine Erziehung genossen und wusste, was sich gehörte, und vor allem, was sich für eine junge Frau nicht gehörte, zumal sie nun verheiratet war.

Was für ein aufregender Tag! Ihr Mann und sie verließen Europa. Ihr Gepäck wurde verladen. Eine von Girlanden umwundene breite Rampe führte vom festen Ufer auf das Schiff in den Bereich der Ersten Klasse. An Bord wurden sie vom Kapitän persönlich begrüßt und von einem Steward zur Kabine gebracht. Mit der Kabinentür öffnete sich die Tür zu einer Welt voll edelholzvertäfeltem Luxus: eine Suite mit eigenem Salon, einem großen Bad, messingbeschlagenen Bullaugen. Auf dem Tisch stand eine große silberne Schale mit einem Fuß aus Glas. Es stellte kunstvoll geschwungen drei Tänzerinnen dar, die scheinbar mühelos das frische Obst trugen, das üppig über den Schalenrand quoll. Schon am nächsten Tag würde Emma sehen, dass das Obst täglich frisch serviert wurde, egal, ob ihr Mann und sie davon gegessen hatten oder nicht.

Auf einer Herrenkommode im Ankleidezimmer stand bei ihrer Ankunft ein siebenarmiger Leuchter, die jüdische Menora. Auch wenn Emma selbst kaum Kontakt zu Juden pflegte, wusste sie doch um die Bedeutung. Offenbar ein Versehen. Emmas Gatte bekam einen Wutanfall, als er den Leuchter sah, und brüllte den Steward an.

»Das ist eine Unverschämtheit. Glauben Sie etwa, dass ich zu denen gehöre?«

Der Ausbruch ihres Mannes beunruhigte Emma.

»Liebster, es ist doch sicherlich nur ein Missverständnis, schließlich ist es die Jungfernfahrt, das ist doch für alle auf dem Schiff etwas Neues.«

Der Steward stammelte eine Entschuldigung, hochrot angelaufen packte er den Leuchter und verschwand rückwärtsgehend. Später entschuldigte sich der Kapitän persönlich bei ihrem Mann. Er, der Kapitän, könne sich nicht erklären, wie es zu einem solch skandalösen Missgeschick kommen konnte, er versicherte Juan, dass dieser Steward sie nicht mehr belästigen werde. Ja, Emma und ihr Mann waren besondere Gäste, Gäste der Reederei, und man hatte ihnen versprochen, dass sie diese Überfahrt niemals vergessen würden. Wie wahr! Später sollte Emma begreifen, dass es keine besseren Zeiten im Leben eines Menschen gab als die, in denen man seinen Träumen nachhängen konnte. Die Realität kam dann oft viel zu schnell. Doch nun lagen erst einmal Wochen der Völlerei und des Genusses vor ihnen, ein exquisites Abenteuer.

Sie lebten in einer turbulenten Zeit. Viele große Berliner Straßenzüge waren erst in den letzten zehn oder zwanzig Jahren entstanden, die alten Häuser waren abgerissen und durch großzügige Stadthäuser mit hellen, repräsentativen Wohnungen ersetzt worden. Manche von ihnen verfügten sogar über Fahrstühle. Es war eine moderne Zeit, wenn auch die wirtschaftlichen Verhältnisse sicherlich schon mal besser waren. Emma beobachtete, wie sich Jahr für Jahr tiefere Sorgenfalten den Weg in Vaters Gesicht suchten. Die Fabrik lief nicht gut. Dennoch genoss sie es, dass sie diese rasante Zeit erleben durfte. Draußen auf dem Tempelhofer Feld wurde sogar ein Flughafen gebaut. Fliegen! Unglaublich, aber wahr. Die tollsten Automobile fuhren durch die Stadt und ersetzten zunehmend die Pferdekutschen. Und wie schnell diese waren, bis zu sechzig Kilometer in der Stunde. Wie aufregend! Und nun sollte sie selbst ein noch viel aufregenderes Abenteuer beginnen, sie war auf dem Weg in die weite Ferne, stand an der Reling dieses schönen Schiffes an der Seite ihres frisch angetrauten Ehemannes und schaute aufs Meer.

Vor wenigen Tagen hatte sie ihre Eltern, ihren kleinen Bruder und Berlin mit vielen Tränen bei einem hässlichen Novemberwetter mit der Eisenbahn in Richtung Hamburg verlassen. Während Emma nun neben ihrem Mann an der Reling stand, traten ihr Tränen in die Augen.

»Weinst du?«, fragte er.

»Aber nein, das ist nur der Wind«, log sie und lächelte, auch wenn es schwerfiel.

»Lass uns hineingehen, im Salon wartet man bestimmt schon auf uns!«

»Ein bisschen noch, mein Lieber.«

Emma genoss das luxuriöse Ambiente an Bord, ihre Suite, die gutgekleideten Menschen, die Musik im abendlichen Salon, doch am allermeisten mochte sie die frische Brise, die sie sich an Deck immer wieder um die Nase wehen ließ.

Juan war ein gutaussehender Mann, er hatte hervorragende Umgangsformen, einen fast noch besseren Leumund und war unerhört wohlhabend. Seine Familie besaß ein Landgut im Umland von Buenos Aires, auf bestem Boden von unvorstellbaren viertausend Hektar. In der Stadt selbst hatte die Familie ein Stadtpalais, ein Stadt-p-a-l-a-i-s. Emma erschrak über ihre Eitelkeit. Sollte es wirklich die Aussicht auf Wohlstand gewesen sein, die sie diesen Mann hatte heiraten lassen?

Sie dachte an die letzten Tage, Tage zwischen ihren zwei Leben: dem alten Leben als Tochter von Familie und dem neuen als Ehefrau und später einmal Mutter, eingeheiratet in eine der besten Familien Argentiniens.

»Warum reisen wir denn bloß im Winter?«, hatte sie auf der Eisenbahnfahrt von Berlin nach Hamburg mit gespieltem Ärger gefragt.

»Weil wir in den Sommer fahren, Liebes.«

Emma hatte sich ihrer Dummheit geschämt. Wie konnte sie nur vergessen, dass Buenos Aires doch auf der anderen Erdhalbkugel lag, auf der Südhälfte, wo alles gerade umgekehrt war: Sommer statt Winter und Winter statt Sommer. Sie hatte sich auf die Unterlippe gebissen. Sie, die kluge und gewandte Emma, stellte sich wie eine verzogene Göre an.

Umgeben vom Meer und seinem unendlich weiten Horizont packte sie eine tiefe Sehnsucht. Sie war nun eine verheiratete Frau. Vorbei die Mädchenträume, die Zeiten im Garten des elterlichen Anwesens. In ihrer doch noch so jungen Erinnerung schien ihr beinahe schon jetzt alles größer und schöner, als es in Wirklichkeit war. Natürlich wusste sie von den zerschlissenen und mottendurchlöcherten Vorhängen im großen Saal, den sie selbst kaum noch als Ort festlicher Gesellschaften erlebt hatte. Sie wusste auch von den nicht mehr zu öffnenden Fenstern der ehemaligen Dienstmädchenstuben hoch unterm Dach. Aber warum auch reparieren, wo doch bis auf die alte Magd keine Angestellten mehr im Haus waren? Nur die große, hohle Linde in ihrem Garten strahlte noch immer ihre alte Pracht aus. In ihrem Schatten war seit jeher Emmas liebster Platz gewesen.

Und nun stand Emma neben ihrem Mann. Juan war zwar um einiges älter als sie, doch er war sehr stattlich. Sie würden gemeinsam schöne Kinder haben. Juan Hechtl, Sohn deutscher Einwanderer, geboren und aufgewachsen in Buenos Aires, der Hauptstadt dieses Glück verheißenden Landes, das allen Reichtum in sich vereinte. Dieses Land, das so weit entfernt auf einem fremden Kontinent lag und das bei aller Entfernung doch durch eine Linienschifffahrt mit Deutschland verbunden war. Dieser Gedanke beruhigte Emma. Wenn alles schiefgehen sollte, würde sie, egal, ob ihr Mann das wollte oder nicht, das nächste Schiff nehmen und wieder nach Deutschland zurückkehren. Sie war schließlich Emma von Schaslik – Emma Hechtl. Sie seufzte bei dem Gedanken, dass sie ihren Namen verloren hatte, schalt sich aber sogleich ihrer Eitelkeit.

Juan hatte seine Europareise genutzt und war mit der HSDG, der Hamburg Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft, in Verhandlungen getreten. Die HSDG betrieb auch die stolze Cap Arcona. Die Dampfschifffahrtsgesellschaft hatte im Weltkrieg beinahe ihre gesamte Flotte verloren. Ein wirtschaftlich herber Schlag, doch führte dieser letztlich dazu, dass sie nun über die modernsten Schiffe verfügte. Sie begannen gerade mit dem Bau einer ungeheuren Neuerung: Kühlschiffe. Mit diesen sollten Früchte beinahe wie frisch geerntet zwischen der alten und der neuen Welt transportiert werden und – das war für Juan wichtig auch Fleisch. Er sah sich bereits als einer der weltweit größten Exporteure von argentinischem Rindfleisch. In Hamburg hatte er erste Verhandlungen aufgenommen. Das Angebot war verlockend. Gegen eine zwar nicht unerhebliche Beteiligung an den Planungs- und Baukosten der Kühlschiffe würde er exklusive Verträge zur Nutzung der Dampfer abschließen können. Wenn alles gutginge, so würde niemand mehr, der Fleisch von Argentinien nach Europa mit Schiffen der HSDG transportieren wollte, an ihm und den von ihm erhobenen Gebühren vorbeikommen. Er sah für sich eine glänzende Zukunft voraus. Dabei war es nicht so sehr Geld, was ihn lockte. Das hatte seine Familie ohnehin genug. Juan ging es um Anerkennung, um Ansehen. Er hatte seinen Weg bereits gut geplant und die Schritte in die richtige Richtung gelenkt. Die Familie Hechtl und vor allem sein Name würden eines Tages in den Geschichtsbüchern synonym für erfolgreiche Wirtschaftspolitik stehen. Und seine junge hübsche Frau, die kleine Emma, passte gut in sein Bild von der Zukunft. Sie war ausgesprochen schön, geistreich und humorvoll, wusste sich in Gesellschaft zu benehmen und war von Familie, wenn auch verarmter Familie. Ihm würde aristokratisches Blut an seiner Seite guttun. Die wirtschaftliche Blüte derer von Schasliks war vorbei. Es wäre wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die letzten Reste dieser Industriedynastie in der Vergessenheit versanken. Emma konnte dankbar sein, dass er sie von diesem sinkenden Schiff geholt hatte. Er amüsierte sich über die Wahl dieses ausgesprochen passenden Bildes: Er, der sein Vermögen mit Schiffen machen würde, holte sie vom sinkenden Kahn auf ausgerechnet dieses moderne Schiff. Juan lachte zufrieden über dieses Bonmot.

»Was lachst du, Liebster?« Emma schaute ihren frischgebackenen Ehemann an. Sie hatten sich auf dem Winterball derer zu Eulenburg auf Schloss Liebenberg kennengelernt. Eine der wenigen gesellschaftlichen Verpflichtungen seit der wirtschaftlichen Talfahrt ihres Vaters, die sie noch wahrnahmen. Ihr Vater wollte die Einladung dieser Familie nicht ausschlagen. Sie waren alte und gute Freunde. Vater hatte auch in den schweren Zeiten, als böse Verleumdungen die Liebenberger trafen, zu ihnen gehalten. Emma wusste nicht viel darüber, es ging um ein angebliches Hingezogenfühlen zum gleichen Geschlecht. Emma hätte so gerne mehr darüber erfahren, doch ihre Mutter ermahnte sie zu schweigen, um ihren Vater nicht an diese Geschichte zu erinnern. Es hatte dem Ansehen und auch dem wirtschaftlichen Stand derer zu Eulenburg zutiefst geschadet und den alten Freund ihres Vaters ruiniert. Vor sechs Jahren verstarb der Freund gramgebeugt, er hatte sich nie von den schlimmen Anschuldigungen und der gesellschaftlichen Ächtung erholt.

Erst kürzlich hatte das jetzige Familienoberhaupt, Baron von Engelhardt, in die Familie eingeheiratet. Er verfügte über großes wirtschaftliches Geschick. Das Gut erholte sich von der Krise und befand sich im Aufwind. Der Winterball der Eulenburgs – Emmas Familie sprach nach wie vor von den Eulenburgs, statt sich an den neuen Namen »Engelhardt« zu gewöhnen – sollte der Gesellschaft zeigen, dass das Gut seine dunklen Zeiten hinter sich gelassen hatte. Mit welchem Glanz sich Liebenberg präsentierte! Schon die beiden Torhäuser an der Auffahrt waren erleuchtet. Fackeln im Schnee wiesen den anreisenden Gästen den Weg. Als sie auf dem Schlossplatz ankamen, deutete Vater auf den Brunnen im Schlosshof hin.

»Wisst ihr, dass dieser Brunnen vor zwanzig Jahren vom Kaiser persönlich unseren Freunden hier geschenkt wurde? Er hat sich damit für die alljährlichen Kaiserjagden bedankt!« Natürlich wussten sie das bereits, dennoch tat Mutter überrascht.

Das können wohl nur liebende Ehefrauen: vorgaukeln, dass sie eine Geschichte zum ersten Mal hören, und sich immer und immer wieder dafür begeistern, dachte Emma und warf einen verstohlenen Seitenblick auf den Mann neben sich an der Reling.

Das Schloss Liebenberg spielte von jeher eine besondere Rolle in der Geschichte. Selbst der Schriftsteller Theodor Fontane hatte über das Schloss geschrieben. Vom Schlossplatz stiegen sie die Treppenstufen zur Eingangshalle hinauf. Der junge Baron stand selbst in der Tür, um zunächst Vater, dann Emmas Mutter und schließlich Emma formvollendet zu begrüßen.

»Ah, das Fräulein von Schaslik!«, dröhnte sein warmer Bass, und mit einem galanten Seitenblick auf Emmas Mutter fügte er hinzu: »Wenn ich auch dachte, dass Ihre werte Frau Mutter nicht an Schönheit zu übertreffen sei, so sehe ich doch, dass sie ihre guten Anlagen ihrer hübschen Tochter vermacht hat. Wenn ich nicht glücklich verheiratet wäre, würde ich noch heute um Ihre Hand anhalten, verehrtes Fräulein. Nun, es ist eine Nacht klarer Sterne, da wird so manchem der Kopf verdreht.«

Emma amüsierte die schwülstige Art des jungen Barons, sie stand so herrlich im Gegensatz zu seiner modernen Erscheinung. Dienstboten nahmen ihnen in der Eingangshalle die Mäntel ab. Alle repräsentativen Räume des Schlosses waren in dieses Fest eingebunden. In der Eingangshalle flanierten die Schönen der Zeit unter den gewaltigen Geweihen an der Wand. Emma musste lachen – gehörnte Häupter. Später am Abend, als die Kapelle im großen Saal einen Charleston spielte, entrüstete sich Emmas Mutter über die »Unangemessenheit dieses entwürdigenden Tanzes« und lag selbst kurz darauf zum langsamen Walzer in den Armen ihres Gatten. Die Bibliothek war zum großen Salon umfunktioniert worden, in dem es sich die Gäste bequem machten und plauderten. Die Themen reichten von der wirtschaftlichen Krise bis zum Himmelsstürmer Lindbergh, der vor wenigen Monaten mit einem Flugzeug den Atlantik überquert hatte. Auch die ein oder andere erhitzte Debatte wurde geführt, über die Einführung der Demokratie und welcher Verlust doch durch den Untergang des Kaiserreichs zu beklagen war und – da hatte Emma aufgemerkt – über diese neumodischen Ansichten, dass Frauen auch arbeiten sollten.

»Es gibt sogar Menschen, die glauben, es sei für eine Frau angemessen, sich eine Anstellung zu verschaffen und in einer kleinen Wohnung alleine zu leben – und ich rede hier nicht von Hauspersonal oder Dienstleuten!«, echauffierte sich eine dickleibige Dame mit aufwendigem Federschmuck im Haar.

Emma schmunzelte, ihr gefiel diese Entwicklung außerordentlich.

Plötzlich war ihr gleichermaßen heiß und kalt geworden, ihr Herz hatte gepocht, und ihre Beine hatten wegzusacken gedroht.

»Was ist dir, Liebes? Geht es dir nicht gut?«, erkundigte sich ihre Mutter besorgt.

»Nein, es ist schon gut. Ach, bitte sei so lieb, könntest du mir ein Glas Wasser bringen lassen?«

Der Grund für Emmas plötzliche Schwäche stand in der Eingangstür der Bibliothek und trug einen exzellent geschneiderten Frack. Der attraktive Mann befand sich im Gespräch mit dem jungen von Engelhardt. Der Baron schaute für einen kurzen Augenblick zu Emma, und dann entdeckte auch der Unbekannte sie. Emmas Mutter war in der Zwischenzeit mit einem Glas Wasser zurückgekehrt.

»Wenn man sie braucht, sind alle Dienstboten beschäftigt. Emma, setz dich hierher. Trink, aber nicht so hastig, in langsamen Schlucken. Gott sei Dank, Kind, du hast ja deine Farbe wieder zurück. Geht es dir besser?«

Emma lächelte den Fremden an. Der fasste dem Baron kurz an den Ellbogen und nickte bedeutungsvoll in ihre Richtung. Der Baron und der elegante Unbekannte kamen auf die beiden Frauen zu.

»Sehr verehrte Damen, darf ich Ihnen einen Freund und Geschäftspartner vorstellen: Johann Hechtl. Er verbringt einige Monate in Europa. Ich freue mich sehr, dass er so kurz vor seiner Abreise noch an unserem bescheidenen Fest teilnehmen kann.«

»Sehr geehrter Baron, dieses wunderbare Fest bescheiden zu nennen, stellt Ihr Licht weit in den Schatten. Es ist eine der beeindruckendsten …«, Emma machte eine winzige Kunstpause, »… Festlichkeiten, an die ich mich erinnere.«

Sie hatte ihre Worte vortrefflich gewählt, das fand der Fremde offenbar auch. Er ergriff zunächst Mutters Hand, die sie ihm zum Handkuss reichte, dann nahm er zärtlich Emmas Finger und streichelte ihre Handinnenfläche mit seinen Fingerkuppen. Emma lief ein heißer Schauer über den Rücken.

Nachdem der Fremde einen zarten Kuss auf ihre Hand gehaucht hatte, erklärte er: »Wenn ein Schloss schon das Wort ›Liebe‹ in seinem Namen trägt, kann man nur hoffen, solcher Schönheit zu begegnen. Wenn es dann tatsächlich geschieht, weiß ein Mann, dass Gott ihm ein Geschenk macht.« Er schaute Emma tief in die Augen. »Gestatten Sie, dass ich meinen Freund, den Baron, korrigiere. In meinem Heimatland Argentinien spricht man meinen Vornamen ›Juan‹ aus statt Johann, die Bedeutung ist jedoch dieselbe.«

»Argentinien? Wie interessant!« Emmas Mutter wollte zwar das Wort ergreifen, doch brachte es der Baron geschickt fertig, sie in ein Gespräch zu verwickeln und tiefer in den Salon zu ziehen. Nun standen Emma und der Fremde sich gegenüber. Seine Blicke ließen keine Zweifel über seine Gedanken. Emma errötete. Sie brauche etwas frische Luft, meinte sie. Juan bot ihr seinen Arm an und begleitete sie nach draußen.

Auf der Schlossterrasse taten funkelnde Sterne und die klare Winternacht ihr Übriges. Emma war dem Charme Juans restlos erlegen. Beinahe, aber auch nur beinahe hätte sie an dem Abend eine unerhörte Torheit begangen.

Als Juan am nächsten Tag ihre Einfahrt heraufschritt, wusste sie, dass er ihr Ehemann sein würde. Schon am übernächsten Tag machte er Emma einen Antrag, den sie entzückt mit »Ja« beantwortete. Sie mussten verrückt sein, sie hatten sich gerade erst kennengelernt, doch nur wenige Tage später würde Juan bei ihren Eltern um ihre Hand anhalten. Wie zu erwarten waren Emmas Eltern entsetzt.

»Kind, ihr kennt euch doch gar nicht!«, redete Mutter auf sie ein.

»Verlobt? – Na bist du denn wahnsinnig?« Emmas Vater hatte deutlichere Worte parat. »Du kennst den Mann nicht. Wir wissen nichts über seine Familie, nichts über ihn. Wenn er nun ein Hochstapler ist, ein Heiratsschwindler oder – noch schlimmer – ein Menschenhändler!«

»Vater«, Emma legte die Arme um ihn, »seine Familie ist mit den Eulenburgs bekannt. Er wurde von ihnen auf ihren Winterball eingeladen und hat so wunderbare Manieren. Mein Herz weiß einfach, dass er der Richtige ist!«

Ihrer Mutter standen Tränen in den Augen.

»Mutter, bitte weine nicht. Eines Tages werdet ihr ein Foto von eurem Enkel erhalten, und kurze Zeit später besuchen wir euch mit unserem Sohn hier in Berlin. So weit ist Argentinien doch gar nicht!«

»Argentinien ist eine Schiffsreise von mehreren Wochen entfernt!« Ihr Vater wurde streng.

Ihre Mutter dagegen stutzte bei dem Wort »Enkel«. »Kind, ihr habt doch nicht etwa …?«

»Na, hört mal, was traut ihr mir zu?« Emma konnte sich wahrhaftig nicht vorstellen, dass sie das vor der Ehe freiwillig mit einem Mann tun würde. Ihre Mutter hatte ihr mühsam und unter großer Verlegenheit von dieser einen Sache berichtet, die Mann und Frau miteinander taten, und recht reizvoll hatte das auch nicht geklungen.

»Er ist wohl nicht von Familie, oder?« Vater versuchte weitere Kanonen abzufeuern.

»Herr Vater von Schaslik, er ist aus guter Familie, das muss reichen. Der Adel hat seine Stellung verloren.« Emma strich vertraut die bärtige Wange ihres Vaters.

»Aber macht es dir denn gar nichts aus, uns hier zu verlassen?« Mutter wurde leise bei dieser Frage.

»Doch, Mutter, es zerreißt mir das Herz. Aber was soll ich denn tun? Wenn ich nicht mit ihm gehe, werde ich mein Leben lang dieser verpassten Liebe nachtrauern. Das könnt ihr doch auch nicht wollen.«

Ihre Mutter schloss sie in die Arme. Ihr Vater bestand darauf, zunächst Erkundigungen über diesen Mann und seine Familie einzuholen. Er fuhr noch am selben Tag nach Liebenberg und führte dort ein langes Gespräch am Kamin. Als er am folgenden Tag zurückkam, wirkte er weniger sorgenvoll, wenn auch immer noch traurig. Zunächst zogen sich Emmas Eltern in den Salon zurück, dann riefen sie ihre Tochter zu sich. Emmas kleiner Bruder schaute zu ihr hoch und fragte, was denn los sei. Er war das Nesthäkchen der Familie und mit seinen gerade vier Jahren noch viel zu klein, um auch nur irgendetwas von dem zu verstehen, was die Erwachsenen zu bereden hatten.

Als Emma in den Salon kam, saß ihre Mutter in dem großen Ohrensessel, ihr Vater stand dahinter.

»Nun, Emma«, begann ihr Vater ernst, »ich habe Erkundigungen über diesen Mann eingeholt.« Emmas Herz krampfte sich zusammen. Sollte Vater jetzt etwa eröffnen, dass ihr Verlobter, der Mann, in den sie sich hoffnungslos verliebt hatte und den sie unbedingt heiraten wollte, dass dieser Mann ein Gauner war?

»Nun«, fuhr Vater fort, »er ist tatsächlich, sagen wir, eine gute Partie. Man hört, seine Familie sei bemerkenswert wohlhabend, besitze ein großes Landgut, und auch der junge Mann selbst, der übrigens mit seinen vierunddreißig Jahren gar nicht mehr so jung ist, wenn man bedenkt, dass du gerade einmal einundzwanzig zählst, also auch dieser Juan Hechtl selbst, sagt man, habe ausnahmslos hervorragende Referenzen. Deine Mutter und ich sind daher zu dem Schluss gekommen, dass wir angesichts der guten Aussichten dieses Mannes, seiner guten Familie und wegen der …«, Vater räusperte sich, »… schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland deiner Hochzeit zustimmen werden!«

Emma jauchzte und flog den beiden in die Arme. Als sie die Wärme ihrer Mutter spürte, liefen Tränen. Natürlich wussten alle, dass es ein Abschied für immer sein könnte. Argentinien war weit, die Überfahrt lang. Auch Emmas Vater hatte zu kämpfen. Er drehte sich zum Fenster um und murmelte irgendetwas von »ins Auge bekommen«, während er sein Taschentuch hervorzog. Natürlich hätte sich auch Emma mehr Zeit gewünscht, um ihren Mann kennenzulernen. Aber was sollten sie tun? Schließlich war seine Zeit in Europa begrenzt.

Juan stand einige Tage später mit einem großen Strauß roter Rosen für sie und einem noch größeren Bukett für ihre Mutter vor der Tür. Die alte Magd ließ ihn herein. Im Salon sprach Emmas Vater mit ihm. Nach diesem Männergespräch wurde der Kaffee eingenommen. Juan selbst brach schließlich mit seiner Offenheit das Eis: Es sei doch sicherlich eine schwierige Situation für Emmas Eltern, dass sie ihre Tochter nicht nur an einen Unbekannten, sondern zudem auch noch in ein fremdes Land gäben. Und er versprach ihnen, ihre wunderschöne Emma wie seinen Augapfel zu hüten. Mutter bekam strahlende Augen, und Vater nannte ihn »Schwiegersohn«. Emma und Juan hatten es geschafft. Vater bestand darauf, dass noch in Deutschland geheiratet würde, zumindest vor dem Staate. Die kirchliche Trauung könnten sie dann ja in Argentinien vollziehen. Mit dem Verzicht auf die kirchliche Zeremonie umging Emmas Vater geschickt das Problem, dass Emma protestantisch war, Juan dagegen Katholik. Auch wenn Emmas Eltern das Thema ungern ansprachen, standen sie insgeheim wohl ihrer Kirche nicht besonders nahe, so dass ihnen die Beschränkung auf den staatlichen Akt beim Bürgermeisteramt nicht allzu schwerfiel. Eine große Feier war in der Kürze der Zeit nicht möglich. Emma war sich zudem gar nicht sicher, ob die väterlichen Finanzen überhaupt eine standesgemäße Hochzeitsfeier zugelassen hätten.

Und schon hieß es Koffer packen. Unschlüssig stand Emma vor ihrem Kleiderschrank.

»Welches Klima werden wir denn in Argentinien haben, wie ist die dortige Mode, und was brauche ich für das Leben auf dem Land?« Die Fragen wollten ihr nicht ausgehen. Entschlossen hatte Emmas Mutter den großen Schrankkoffer vom Dachboden holen lassen, mit dem sie selbst vor vielen Jahren in das Haus derer von Schaslik eingezogen war.

»Du wirst wohl einfach alle deine Kleider einpacken müssen, etwas hier zurück zu lassen, hat ja wenig Sinn«, erklärte ihre Mutter.

Wieder kamen Emma Tränen.

»Ach, meine kleine Emma, du wirst uns allen so fehlen! Ich werde dein Lachen vermissen, und dein Vater wird sich nun jemanden anderen suchen müssen, über dessen Widerworte er sich ärgern kann!«

»Mutter …!« Emma konnte nicht weitersprechen. Mit einem tiefen Seufzer wischte sich Emmas Mutter erst die eigenen und dann auch die Tränen ihrer Tochter vom Gesicht. Unvermittelt und mit einem Ruck stellte sie sich auf und klatschte in die Hände. »Lass es uns angehen!«

Alle Kleider, Unterröcke, Strümpfe, Strumpfhalter, Hüte, Schuhe verschwanden in dem großen Schrankkoffer. Schließlich klappten sie den Deckel zu, als würde ein Kapitel in Emmas Leben geschlossen. Der Koffer wurde einen Tag vor ihrer Abreise von einem Fahrer der Schifffahrtsgesellschaft abgeholt. Emma hatte dem Auto noch hinterher geschaut, als es schon lange nicht mehr zu sehen war.

Sie hoffte, dass ihre Ehe ähnlich glücklich sein würde wie die Ehe ihrer Eltern. Natürlich wusste sie, dass nach so kurzer Zeit ein derart offener Umgang zwischen Juan und ihr noch nicht zu erwarten war. Juan gefiel ihr. Sie plauderte gerne mit ihm, er kannte die Welt, hatte Einfluss, und – sie musste es zugeben, obwohl diese Gedanken sündig waren – sie mochte es durchaus, wenn er das Bett mit ihr teilte. Das war dann doch so ganz anders, als sie vermutet hatte, es war sogar schön. Sie fragte sich jedoch, ob sie diesen Mann wohl jemals wirklich verstehen würde. Er schien seine Gedanken nie zu offenbaren. Sie schob es auf die fremde Mentalität und seine argentinisch-deutsche Erziehung, die sicherlich ganz anders war als eine Erziehung in Deutschland.

Emma schaute aufs Meer, dessen Grenze zum Horizont sich mit der einbrechenden Dunkelheit auflöste. Sie war aus ihren Gedanken in das Hier und Jetzt zurückgekehrt. Sie hakte sich bei ihrem Mann ein. »Wollen wir hineingehen?«

»Oh, die Templetons warten bestimmt schon im Salon darauf, uns ihre Geschichten erzählen zu können!«

Emma lachte herzlich über Juans ironischen Unterton. Sie ahmte Miss Templeton nach. »Bitte sagen Sie Miss Templeton, my darling! Ich bin unverheiratet, so wie meine Schwester ebenfalls.«

Die Templetons waren ein kauziges altes Schwesternpaar aus der Gegend südlich von London. Obwohl sie optisch kaum unterschiedlicher sein konnten: die eine klein und schrumpelig, aufgestützt auf einen Stock mit silbernem Griff, die andere groß und stämmig, mit Beinen, die zwei Baumstämmen gleich auch bei rauer See mit den Schiffsplanken verwachsen schienen, waren sie sich im Geiste so nahe, als seien sie eins. »Ja, es ist tatsächlich wahr«, hatte die kleinere der zwei erklärt, »wir waren tatsächlich noch nie getrennt.«

Als Juan und Emma in den Salon traten, saßen sich die Templetons schon bei einer Partie Bridge gegenüber, die anderen beiden Plätze nahm ein Paar ein, das Emma nicht kannte.

»Ah, da sind ja unsere beiden Turteltäubchen!« Die beiden Alten lachten ihnen zu und winkten mit ihren faltigen Händen. Man erzählte sich, dass die zwei ausgebuffte Spielerinnen waren. Nur einmal hatte es ein junges Ehepaar auf der Reise der Cap Arcona geschafft, die Schwestern zu besiegen. Die zwei Alten waren zunächst sprachlos, fanden jedoch britisch korrekt schnell die Contenance wieder und gratulierten dem Paar. Am nächsten Abend erschienen sie nicht zum Dinner. Sie schützten eine Kopfschmerzattacke als Entschuldigung ihrer Absenz vor, doch die wissenden Passagiere freuten sich insgeheim über die Lektion, die den Schwestern erteilt worden war.

Die Schwestern waren wirklich Könnerinnen ihres Fachs. Sie weigerten sich standhaft, die Spielerpaare durch Los festlegen zu lassen, und bestanden auf »Fixed Bridges«. Mit messerscharfem Verstand und dem Charme der alternden Jungfern pflegten sie neue Spielpartner, insbesondere Ehepaare, auf ihre Bedingungen einzuschwören.

»Schauen Sie, Sie haben sich doch auch einst füreinander entschieden und werden sicherlich nicht wechseln wollen, oder? Da das Schicksal unsere Spielerseelen als leibliche Schwestern geboren hat und wir uns dem zweifelsohne großen Vergnügen einer Verheiratung – sei es durch unglückliche Umstände oder auch bewusste Manipulation – entzogen haben, verlangen Sie doch nicht von uns, dass wir uns – unbeschützt durch männlich wachsame Augen – jetzt beim Spiele trennen sollen.« Mit hellem Lachen schlossen sie ihre Forderungen mit: »Mögen die unsrigen Brücken stark und furchtlos sein wie unsere bemerkenswerte Tower Bridge, die dem Wasser der Themse trotzt und immer weiß, für wen sie sich zu öffnen hat und bei wem sie sich besser verschließt.«

Man munkelte, dass die Templeton-Schwestern einen geheimen Code benutzten, um sich bereits zu Spielbeginn abzustimmen und die beste Spieltaktik festzulegen. Ein Mitreisender sorgte für Heiterkeit im Salon, als er hinter vorgehaltener Hand meinte, er sei froh, dass es nur zwei und nicht drei Schwestern seien, ihr Treiben würde ihn doch sehr an den Beginn des Dramas »Macbeth« erinnern.

Emma mochte die beiden Schwestern, sie waren so herrlich kauzig. Zudem genoss sie es, ihr Englisch anwenden zu können, wenn es auch insbesondere in den ersten Tagen der Überfahrt holperig war. Juan hatte sehr schnell und unmissverständlich klargestellt, dass das Glücks- und Kartenspiel weder für ihn noch für seine junge Ehefrau in Frage komme. Seine Entscheidung machte Emma zwar keine Probleme, zumal sie noch nicht einmal die Regeln dieses »Bridge« kannte, doch seine Vehemenz beunruhigte sie.

Emma fühlte sich vor allem zur kleineren der beiden Alten hingezogen. Sie nahmen eines Nachmittags den Tee zusammen.

»Meine Liebe, bitte sagen Sie Ellie zu mir. ›Miss Templeton‹ klingt so furchtbar förmlich.«

»Ach, Ellie, es macht Spaß, Sie und Ihre Schwester zu beobachten. Sie strahlen so viel Harmonie aus!« Emma schaute über ihre Tasse Tee hinweg die kleine Dame an.

»Meine Schwester Clara und ich kennen uns nun mittlerweile fast achtzig Jahre. Was glauben Sie, da harmoniert man entweder, oder man hat sich bereits ins Grab getrieben! Erzählen Sie mir lieber von Ihnen und Ihrem frisch angetrauten Ehemann. Johann heißt er, richtig?«

»Juan«, korrigierte Emma, »so wird sein Name in Buenos Aires ausgesprochen.«

Ellie klatschte in die Hände. »So werden Sie also in Buenos Aires leben? Wie aufregend für Sie! Ich beneide Sie. Was für ein interessantes Leben Sie haben. Aber wie verschlägt es ein junges Mädchen wie Sie auf die andere Seite der Welt?«

Emma erzählte vom elterlichen Haus, von ihrer geliebten Linde am Rande des Anwesens, von ihrem kleinen Bruder, vom Schloss Liebenberg, dem Winterball und davon, dass sich Juan und sie sich gerade erst kennengelernt hatten.

»Dann sind Sie zwei ja sozusagen mit elterlichem Segen durchgebrannt.« Wieder klatschte Ellie in die Hände. »Also, das gefällt mir. Sie müssen sich ja wirklich kopfüber verliebt haben. Sie sind bestimmt sehr glücklich, mein Kind.«

Emma wusste nicht, was sie auf diese Frage antworten sollte. Ihr Zögern blieb nicht unbemerkt. Ellie Templeton runzelte die Stirn.

»Verstehen Sie mich nicht falsch«, Emma hatte ihre Worte wiedergefunden, »natürlich bin ich glücklich, ich habe einen gutaussehenden Ehemann, heirate in eine der besten Familien Argentiniens, ein sorgenfreies Leben liegt vor mir, doch es gibt noch so viel Unbekanntes. Ich kenne dieses Land nicht, ich kenne meine neue Familie nicht, und – um ganz ehrlich zu sein – eigentlich kenne ich ja auch meinen Mann nicht. Es gibt manchmal Augenblicke, da zweifele ich an mir. War es wirklich die richtige Entscheidung, sofort mit ihm nach Argentinien zu gehen? Vielleicht hätte ich warten sollen, vielleicht wäre er ja noch einmal nach Europa gekommen und hätte mich dann geholt.«

»Und wenn nicht?« Ellie schaute Emma tief in die Augen. »Mein liebes Kind, wenn er nicht wiedergekommen wäre, wie lange hätten Sie auf ihn gewartet? Und was hätte es geändert? Sie hätten ihn doch auch dann nicht besser gekannt. Glauben Sie mir, Warten ist oftmals nicht die beste Entscheidung. Und ich weiß, wovon ich spreche.«

Die kleine Frau nahm einen tiefen Schluck aus der feinen Porzellantasse und ließ sich vom Kellner nachschenken.

»Emma, glauben Sie nur nicht, ich wäre als diese kleine schrullige, schrumpelige Alte auf die Welt gekommen. Nun gut, zugegeben, als ich auf die Welt kam, war ich wohl auch klein und schrumpelig, aber zumindest nicht alt.« Offenbar gefiel sich Ellie in ihrem Humor, sie lachte laut. »Was ich sagen will: Natürlich war auch ich einst jung und hatte … Gefühle.« Die alte Frau zog das letzte Wort sehr lang, um ihm Bedeutung zu geben. »Auch in meinem Leben gab es die große Liebe. Er hieß John, John Simon Canterborough, ein junger gutaussehender Mann.« Ellies Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. »Schauen Sie, was für ein Zufall, ›John‹, das heißt so viel wie ›Juan‹. Nun, John und ich sahen uns das erste Mal im Kontor meines Vaters. Er war dort angestellt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Leider hatte er keine gute Stellung bei meinem Vater, ganz im Gegenteil, er war so etwas wie ein Laufbursche im Büro und in der Hierarchie ganz unten. Wir wussten, mein Vater würde toben, wenn er von unserer Liebe erführe. John schaffte es, mir unbemerkt kleine Botschaften zukommen zu lassen, er war sehr gewieft darin, und er war klug. Wir trafen uns heimlich, natürlich ist nie etwas passiert, wenn Sie verstehen, was ich meine, ich wusste mich schließlich zu benehmen.«

Ellie hielt für einen Augenblick inne und bereitete den nachgeschenkten Tee. Versonnen beobachtete sie, wie sich Wolken von Milch im dunklen Tee verteilten. Die eintretende Stille erweckte bei Emma das Gefühl, sie müsse auf Ellies Ausspruch »Ich wusste mich schließlich zu benehmen« etwas erwidern, eine Art von Rechtfertigung. Doch bevor sie Luft holen konnte, setzte die zierliche Templeton-Schwester wieder an.

»Nun, John Simon Canterborough und ich wurden ein Liebespaar. Heimliche Mondscheintreffen im Garten, Händchenhalten, sogar mal ein verstohlener Kuss. John war mein ganzes Glück, nur leider ein gesellschaftliches Nichts, so dass wir uns meinen Eltern gegenüber nicht offenbaren konnten. Und auch seine Eltern, einfache Arbeiter, hätten ihm den Umgang mit mir sicher verboten. Da ›solche Verbindungen‹ unnatürlich seien und nur Scherereien brächten. Wir waren so dumm. Emma, glauben Sie mir, nichts ist so wertvoll wie die Liebe, nichts! Wir haben nur dieses eine Leben vom lieben Gott bekommen, und wir haben es nicht zum Üben. Schließlich entwickelte mein John eine Idee. Wir beiden Dummköpfe, wir hielten uns für besonders schlau. John hatte von Kollegen seines Vaters gehört, dass mit den Schiffen aus Amerika immer wieder Menschen zurückkamen, die es in Amerika geschafft hatten, die als arme Schlucker England verließen und als Reiche in die Heimat zurückkehrten. John wollte sein Glück in Amerika machen. In dem Gelobten Land, in dem alle gleich waren. Als wohlhabender Mann wollte er dann bald schon zurückkommen und mich holen. Dann würde er vor meinen Vater treten und um meine Hand anhalten. Wir zwei waren so aufgeregt über diese Idee. Wie dumm wir doch waren! John heuerte tatsächlich auf einem Schiff an und stach in Richtung Amerika in See. Der Abschied zerriss mir das Herz, doch durfte ich mir nichts anmerken lassen, schließlich wusste ja niemand von unserer Romanze. Mein Vater erwähnte daheim nur kurz, dass einer seiner Burschen, ja, so nannte er meinen John, dass also einer seiner Burschen tatsächlich so dumm war, auf einem Seelenverkäufer nach Amerika einzuschiffen.« Ellie standen Tränen in den Augen. Sie versuchte die aufkommende Traurigkeit durch einen erneuten Schluck aus ihrer Tasse zu überwinden.

»Nun, was soll ich Ihnen sagen, John kam niemals zurück. Ich weiß nicht, was aus ihm wurde, ob er Amerika jemals erreichte, ob er dort sein Glück machte. Nur eines weiß ich sicher, dass ich die große Liebe meines Lebens gesellschaftlichen Normen geopfert hatte. Mit den Jahren gab ich die Hoffnung auf. Irgendwann wurde unsere Liebe zu einer Erinnerung, einem schönen Traum gleich. Natürlich kam der ein oder andere Verehrer. Ich war recht hübsch, auch wenn man das heute kaum noch glauben kann.« Emma schüttelte höflich und pflichtbewusst den Kopf, Ellie legte ihr die Hand auf den Arm. »Lassen Sie nur, liebes Kind, ich habe einen großen Spiegel in meiner Kabine. Nun, ich war ja zusammen mit meiner Schwester auch Erbin eines großen Vermögens. So etwas macht attraktiv. Aber ich konnte mich für keinen dieser jungen Männer erwärmen, geschweige denn mich in ihn verlieben. Wem sollte ich mich schon anvertrauen, meinen Eltern gar? Na, das wäre was gewesen. Und wir Puritaner haben ja auch keinen Pfarrer, dem ich hätte beichten können. Nun, irgendwann musste ich mir endlich meinen Kummer von der Seele reden, und ich weihte Clara, meine Schwester, in meine Liebesgeschichte ein. Sie können sich vorstellen, was sie für große Augen machte. Aber sie hat mir beigestanden und mich getröstet. Wir waren uns sicher, die Liebe zu einem Mann würde immer im Unglück enden. So schworen wir uns, füreinander da zu sein und uns nicht voneinander zu trennen. Wir taten diesen Schwur sogar bei Vollmond, das machte es damals noch wichtiger.« Ellie schüttelte lächelnd den Kopf. »Emma, ich kann Ihnen sagen, heute bin ich mir sicher, dass Clara und ich uns irrten. Wir begannen damals, gemeinsam zu reisen. Das hielt uns lästige Fragen nach Ehe und Nachwuchs vom Leibe. Und ganz ehrlich, noch heute träume ich manchmal davon, dass ich auf einer meiner Reisen John wiedersehe.«

Es entstand eine lange Pause. Emma wusste nicht, was sie hätte sagen sollen. Ellies Schwester, die robuste Clara, kam in den Teesalon und machte eine Antwort auf Ellies Geschichte überflüssig.

»Da bist du ja, Ellie! Wir haben eine Verabredung zum Bridge, oder soll ich etwa allein spielen?«

»Aber nein, Clara, natürlich nicht, wie könnte ich dich allein lassen«, sagte Ellie mit resignierter Vertrautheit. Sie ließ sich aus ihrem Sessel helfen und schickte sich an, auf ihren Stock gestützt, den Salon zu verlassen.

»Liebes Kind«, wandte sie sich noch einmal an Emma, »es war reizend, mit Ihnen zu plaudern. Leben Sie so, wie Sie es für richtig halten, dann ist es richtig!«

Emma blieb noch eine Weile im Teesalon sitzen und dachte über die Geschichte nach. Das bedeutete doch wohl, dass Juan und sie alles richtig machten, sie war ihrer Liebe gefolgt. Mit einem Seufzer stand sie auf und ging zu ihrer Suite.

Als sie die Kabinentür öffnete, saß Juan bereits in ihrem Salon. Ein großes Glas mit sehr viel Whiskey stand auf dem Tisch, in der Luft hing der Geruch von Alkohol.

»Wo warst du so lange? Was treibst du dich auf diesem Schiff herum? Ich möchte nicht, dass meine Frau sich alleine vergnügt, während ich noch nicht einmal weiß, wo sie eigentlich steckt. Ich musste nicht nur das Personal nach dir fragen, sogar auch andere Gäste!«

»Aber Liebster«, Emma konnte seine Aufregung überhaupt nicht nachvollziehen, »ich war mit einer der beiden Bridge-Ladys im Teesalon.«

»Ja, das habe ich dann auch schließlich herausbekommen. Ich habe dich durch die Scheiben gesehen, die Alte hatte ihre faltigen Knochen auf deinem Arm, und ihr wart sehr vertraut miteinander. Ich will nicht, dass du dich mit diesen Leuten gemein machst. Diese zwei vertrockneten Jungfern haben mit uns nichts zu schaffen und wir nicht mit ihnen. Überdies stehen sie in dem Ruf, Falschspielerinnen zu sein!«

»Juan, natürlich sind es Falschspielerinnen, das weiß doch das ganze Schiff, aber sie spielen immer nur um winzig kleine Summen.«

»Und außerdem«, Juan redete sich in Rage, »außerdem hätte ich dich gerne an meiner Seite gehabt. Ich habe einen sehr interessanten Mann kennengelernt: Ernst Helderlein aus Hamburg und seine Frau Margarethe. Ich traf die beiden an Deck und habe mich mit ihnen bekannt gemacht.

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