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Das Band der Hoffnung

1. KAPITEL

Mir wird nichts passieren. Rachel Neuman betrat den Aufzug zum Hauptbüro der Neuman Industries. Der knallrote kurze Rock und der strenge Blazer kamen ihr vor wie eine Rüstung, und die konnte sie brauchen.

Sie war geschäftlich hier, und so wollte sie auch aussehen. Andernfalls wäre sie nie in die Nähe von Lucas’ Büro gekommen, um das sie in den letzten fünf Jahren einen großen Bogen gemacht hatte.

Ich werde tun, was ich tun muss, mija, schwor sie wortlos.

Was zum Teufel hat sie hier zu suchen? Fünf Jahre, nachdem sie mich verlassen hat? Lucas Neuman fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Seine anfängliche Grimasse wich einem zynischen Lächeln. Energisch klappte er den Laptop zu, griff zum Telefon und rief seine Sekretärin an. „Jennifer, was hat es mit dem Termin um halb elf auf sich, den Sie in den Kalender eingetragen haben?“

„Die Dame hat gestern ziemlich spät angerufen, als Sie nicht mehr im Büro waren.“

„Und?“, hakte er nach und versuchte, seine Ungeduld nicht an Jennifer auszulassen. „Was will sie?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte diese nervös. „Als ich sie fragte, ist sie ausgewichen. Sie hat behauptet, sie sei Ihre Frau, und dass es sich um eine Familienangelegenheit handelt. Möchten Sie, dass ich sie anrufe und den Termin absage? Soll ich dem Sicherheitsdienst Bescheid geben, damit er sie nicht hereinlässt?“

„Nein, nein, das ist nicht nötig“, versicherte Lucas ihr. „Ich war nur neugierig.“ Das war allerdings eine Untertreibung. „Danke, Jennifer.“

Lucas lehnte sich in seinem Sessel zurück. Rachel kommt also heute hierher. Ich hoffe, sie macht keine Schwierigkeiten. Er zündete sich eine Zigarre an und beobachtete, wie der Rauch zur Decke aufstieg.

„Das wird ihr gar nicht gefallen“, murmelte er und dachte an Rachels Abneigung gegen Zigarren. Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben.

Rachel war erst ein Mal in seinem Büro gewesen. An jenem Tag vor fünf Jahren hatte sie ihm die Trennung vorgeschlagen. Er war so schockiert gewesen, dass er nicht begriff, was geschah.

Sie hatte ihn verlassen. Beherrscht und höflich hatte sie ihm den Rücken gekehrt, und er hatte nichts dagegen unternommen. Damals liebte er sie sehr – doch inzwischen war er reifer geworden. An Liebe glaubte er nicht mehr, nicht so wie früher.

Erneut lehnte er sich in seinem Sessel zurück und betrachtete nachdenklich den Zigarrenrauch.

Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag.

Vielleicht will sie sich endlich scheiden lassen!

Im siebten Stock verließ Rachel den Aufzug, ging zum Empfang und nannte ihren Namen. Die Frau hinter dem Tresen wies sie kühl an, noch einen Moment zu warten.

Neuman Industries, wo Lucas arbeitete, war seit den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts ein Familienunternehmen. Lucas’ Urgroßvater hatte als Zementhändler begonnen. Der Großvater von Lucas vergrößerte die Firma und entwarf Appartementhäuser, Bürogebäude und Einkaufszentren. Seit der Vater von Lucas, Arnold Neuman, die Firma übernommen hatte, war diese nicht nur für die Planung, sondern auch für den Bau von Projekten zuständig. Lucas selbst hatte Betriebswirtschaft studiert und war dann in die Firma eingestiegen. Soweit Rachel wusste, war er immer noch mit Begeisterung dabei. Das entsprach ganz seiner Art.

„Madam“, flötete die Wasserstoffblondine von der Rezeption, „Mr. Neuman hat jetzt Zeit für Sie.“

„Danke“, erwiderte Rachel, stand auf und näherte sich der geschlossenen Bürotür. Energisch klopfte sie an und betrat den Raum, ohne auf eine Antwort zu warten. Lucas saß hinter seinem Schreibtisch, in eine Wolke Zigarrenrauch gehüllt. Als er sie sah, sprang er auf. Obwohl die Empfangsdame ihm Bescheid gesagt hatte, schien er von ihrem Eintreten überrumpelt.

Lucas fühlte sich, als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen. Er schnappte nach Luft und führte die Zigarre mechanisch ein letztes Mal zum Mund, um sie dann, ohne hinzusehen, im Aschenbecher auszudrücken. Nun stand er einfach nur da und starrte Rachel wie ein Teenager an.

Wie schön sie ist!

Er konnte seinen Blick nicht von ihr wenden. Es war ein gutes Gefühl, sie wiederzusehen – auch wenn ihm das nicht recht gefiel. Das alles war schon so lange her. Er hatte sich abgewöhnt, an sie zu denken – und daran, dass sie nicht mehr da war. Sie ist so schön, einfach wunderschön.

Natürlich hatte Rachel schon früher gut ausgesehen, obgleich sie selbst immer so wirkte, als sei ihr das nicht bewusst. Doch auch sie war in den letzten fünf Jahren reifer geworden. Die üppigen dunklen Haare trug sie immer noch lang. Selbst im künstlichen Licht des Büros glänzten sie mahagonifarben. Ihre Bernsteinaugen schienen ihm direkt in die Seele zu blicken. Ihre Haut schimmerte aprikosenfarben, und ihr Mund, weich wie eine Rosenblüte, sah noch immer so aus, als wollte sie jeden Moment lächeln. Nichts hatte sich geändert.

Und doch war alles anders. Unter dem Aprikosenschimmer lag eine unnatürliche Blässe, leichte Schatten umrahmten ihre Augen, und ihre Lippen wirkten trotz des Beinahe-Lächelns angespannt. Ungeachtet ihrer ausgeprägten Rundungen war sie dünner, als er erwartet hatte. Sie wirkte müde und erschöpft.

Etwas ist nicht in Ordnung. Lucas wunderte sich, dass er Rachel immer noch gut genug kannte, um das zu bemerken, und er war nicht besonders froh darüber. Er hätte sich gerne unter Kontrolle gehabt, wäre gerne so selbstsicher gewesen, dass ihn Rachels Besuch kaltließ. Doch im Moment empfand er genau das Gegenteil.

„Hallo, Lucas.“ Rachel lächelte zögernd und nahm auf einem Sessel Platz, ohne ihm die Hand zu geben. „Es ist ein bisschen verraucht hier drin“, bemerkte sie und sah auf die Rauchwolke über ihren Köpfen.

Lucas starrte sie immer noch an.

„Es macht nichts, Lucas“, sagte sie beschwichtigend, als sie seinen Blick auffing. „Ich bin nur überrascht, dass du rauchst.“ Ihr Blick folgte ihm, als er sich wieder setzte. „Andererseits“, fuhr sie achselzuckend fort, „passt es wohl ganz gut zu deinem Image als Playboy.“

„Hältst du mich für einen Playboy?“, stieß er wütend hervor. Nachdem er die Begrüßung verpatzt hatte, beschloss er, in die Offensive zu gehen. In diesem Fall war Aggression die beste Waffe. Ganz bestimmt hatte er nicht vor, Rachel zu bezaubern.

„Eigentlich“, antwortete Rachel, „ist es mir egal. Aber vermutlich siehst du dich selbst so.“

Ein paar Sekunden lang fixierten sie einander.

„Willst du etwas trinken?“, fragte er schließlich widerwillig, in Erinnerung an seine guten Manieren.

„Nur etwas Wasser, bitte. Ich werde nicht lange bleiben.“

Lucas drückte einen Knopf auf seinem Telefon. „Jennifer, bringen Sie uns bitte Eiswasser und einen Kaffee.“ Er lehnte sich wieder zurück. Seine Augen wurden schmal, als er sich erneut auf Rachel konzentrierte. Er musste sie aus der Fassung bringen, so wie sie es bei ihm geschafft hatte. „Warum bist du gekommen?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und machte ein gelangweiltes und zugleich herausforderndes Gesicht. „Bist du etwa bereit, dich scheiden zu lassen?“

Sie zuckte kurz zusammen. „Daran habe ich überhaupt nicht gedacht“, erwiderte sie und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Wir könnten uns inzwischen scheiden lassen, schätze ich. Aber eigentlich bin ich hier, weil … na ja, es ist wirklich eine Familienangelegenheit.“

Als es an der Tür klopfte, brach sie ab. Jennifer trat ein, reichte zuerst Lucas eine Tasse Kaffee, stellte dann einen Wasserkrug und ein Glas mit Eiswürfeln auf den kleinen Tisch vor Rachel und verließ das Zimmer.

Rachel unterdrückte ein Lächeln und bediente sich selbst. Offen musterte sie den Mann, mit dem sie nach wie vor verheiratet war.

Er sieht immer noch aus wie Pierce Brosnan in James Bond. Leider.

Sie freute sich, ihn zu sehen, obwohl sie sehr wohl wusste, dass das unklug war. Sie brauchte seine Hilfe, aber sie konnte nicht ignorieren, dass Lucas inzwischen ein mächtiger Mann war und nicht mehr der Junge, den sie geheiratet hatte. Er war über eins achtzig groß und immer noch schlank und fit, obwohl er in den letzten Jahren etwas zugenommen hatte. Um seine Augen hatten sich kleine Lachfältchen gebildet. Die schwarzen Haare, in denen keine einzige graue Strähne zu sehen war, trug er nach wie vor kurz. Zweifellos ärgerte er sich immer noch über die Locken, die sich bildeten, sobald die Haare ein bisschen länger wurden.

Wie hätte sie seine grauen Augen vergessen können! Ihre dunkle Klarheit erinnerte an Apache Tears, jene Edelsteine, die überall in Arizona zu finden waren. Früher konnte Rachel in diesen grauen Augen erkennen, was Lucas empfand. Doch das war vorbei.

Alles an ihm war ihr so vertraut, und doch war sie sich nicht sicher, ob sie ihn wirklich kannte. In fünf Jahren konnte ein Mensch sich verändern. Sie selbst war mit Sicherheit eine andere geworden.

Lucas beobachtete, wie sie ihre Hände um das Wasserglas legte. Die kurzen Fingernägel wirkten gepflegt. Rachel trug keine Ringe, nicht einmal die, die er ihr vor Jahren geschenkt hatte. Diese Veränderung beunruhigte ihn, ohne dass er den Grund dafür nennen konnte.

Er holte tief Luft. „Es handelt sich also um eine Familienangelegenheit?“

Seufzend blickte sie zur Seite, was seine Vermutung bestärkte, dass sie sich in Schwierigkeiten befand. Sie nippte noch einmal an dem Wasser und stellte dann das Glas ab.

„Ja“, begann sie. „Ich weiß nicht recht, wie ich es dir sagen soll …“ Sie hob die Schultern, schaute ihm geradewegs ins Gesicht und sagte: „Ich brauche deine Hilfe.“

„Meine Hilfe?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Brauchst du Geld?“

„Nein“, erwiderte sie geduldig, als würde sie mit einem Kind sprechen. „Dein Geld interessiert mich nicht. Ich habe dich nie um Geld gebeten und werde jetzt bestimmt nicht damit anfangen. Es geht mehr um eine … persönliche Sache.“ Sie machte eine Pause und biss sich auf die Unterlippe. Dann holte sie tief Luft und fuhr fort: „Wir haben eine Tochter, Lucas. Sie ist vier, im Dezember wird sie fünf. Sie ist an Leukämie erkrankt und braucht eine Knochenmarktransplantation.“ Offensichtlich hatte sie ihre Rede gut vorbereitet, trotzdem brachte sie die Worte kaum über die Lippen. „Die Chemotherapie hat nichts geholfen. Knochenmarktransplantationen helfen bei Kindern sehr gut und werden ziemlich häufig bei dieser Form von Leukämie eingesetzt. Aber …“, Rachel schluckte, „man braucht einen passenden Spender, meist einen Verwandten. Ich komme leider nicht infrage, und auch sonst niemand aus meiner Familie.“

Sie strich sich mit der Hand über die Haare. „Oft sind Geschwister geeignete Spender, aber ohne Brüder oder Schwestern …“ Sie hob erneut die Schultern. „Das Beste wäre im Moment, wenn du dich untersuchen lässt, Lucas. Wahrscheinlich bist du als Vater ein geeigneter Spender. Ich weiß, dass sie deine Blutgruppe hat, obwohl das noch keine Garantie ist. Also …“, stieß Rachel hervor und hörte dabei das Zittern in ihrer Stimme, „ich hoffe, dass du dich bereit erklärst, für sie zu spenden. Oder, genauer gesagt, ich bitte dich darum, dass du dich untersuchen lässt, damit wir herausfinden, ob du als Spender für sie infrage kommst.“

Wie versteinert saß Lucas in seinem Sessel, zu überwältigt, um auch nur mit der Wimper zu zucken.

2. KAPITEL

„Was zum Teufel redest du da? Für wie dumm hältst du mich?“

Bei seinem Ausbruch erbleichte Rachel, ließ sich aber sonst nichts weiter anmerken.

„Ich soll eine Tochter mit dir haben?“ Lucas lachte verächtlich und stand auf. Er war so erregt, dass er unmöglich still sitzen bleiben konnte. „Ich glaube dir kein Wort! Wenn du aus irgendeinem Grund Geld willst: fein. Gib es ruhig zu! Wir können gern darüber reden. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob ich den Unterhalt für ein Kind zahlen möchte, das unmöglich von mir sein kann – aber mir weismachen zu wollen, es sei mein Kind? Wenn das deine Absicht ist, Rachel, verschwindest du am besten gleich wieder. Ich habe keine Zeit für Lügengeschichten.“ Er blieb stehen und wirbelte herum, um ihr ins Gesicht zu schauen. „Erwarte nicht, dass ich dir diese Geschichte abkaufe! Hast du mich verstanden?“

Er merkte, dass er schrie, aber er konnte einfach nicht anders. Wie sollte er sonst auf Rachels lächerliche Behauptung reagieren?

„Natürlich verstehe ich dich“, erwiderte sie ruhig und würdevoll, obwohl sein Verhalten sie schockierte. Doch sie würde den Teufel tun und es sich anmerken lassen. Sie blieb äußerlich gelassen, denn es war einfach wichtig, dass er begriff. „Und ich sage es noch einmal: Ich will dein Geld nicht. Ich brauche dein Knochenmark. Oder besser, Michaela braucht es.“

„Michaela?“, höhnte er.

„Ja, Michaela. Ich habe sie nach meinen Eltern benannt – Michaela Juanita. Papá heißt, wie du weißt, Michael, und Juanita ist Mamás zweiter Vorname und auch meiner. Michaela ist sehr schön. Und sehr klug.“ Rachel klang müde, aber stolz. „Egal“, fuhr sie fort, „auf jeden Fall ist sie deine Tochter …“

„Hör auf mit dem Unsinn, Rachel! Sie kann nicht von mir sein. Wir haben praktisch nicht mehr miteinander geschlafen, bevor du gegangen bist.“

„Wir haben fast nicht mehr miteinander geschlafen.“ Sie weigerte sich, nach dem Köder zu schnappen. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich darüber zu streiten, wer wen verlassen hatte. „Aber wir haben auch nicht im Zölibat gelebt, bis zum Schluss nicht. Wir haben selten miteinander geschlafen, aber wir haben es getan. Und bevor du auf die Idee kommst, ich hätte etwas mit einem anderen gehabt, möchte ich dich daran erinnern, dass du dir außereheliche … Gesellschaft gesucht hast, nicht ich.“ Sie presste die Lippen zusammen und bedauerte ihren Ausbruch bereits. Dieses Thema jetzt ins Spiel zu bringen, würde ihr Vorhaben nicht erleichtern.

„Vielleicht hast du es nur besser geheim gehalten als ich.“

Sie durchbohrte ihn mit ihrem Blick, erwiderte aber nichts. Stattdessen öffnete sie ihre Handtasche und zog einen Umschlag heraus. „Hast du dich nie gewundert, warum ich auf einem offiziellen Trennungsjahr bestand?“

„Das ist eine gute Frage. Wenn du alles ordnungsgemäß abwickeln wolltest, warum warst du dann nicht so konsequent, die Scheidung einzureichen?“

„Weil wir für mein Gefühl mit der offiziellen Trennung bereits geschieden waren. Es war vorbei. Von diesem Tag an hatten wir nichts mehr miteinander zu tun. Aber …“, sie machte eine Pause und versuchte, sich wieder auf das Thema zu konzentrieren, „was meinst du denn, warum ich die Ehe noch ein Jahr fortsetzen wollte, als wir schon längst getrennt lebten?“

„Damit du mir das Kind eines anderen Mannes unterschieben kannst?“, schlug er kühl vor. „Um mich den Unterhalt für das Kind zahlen zu lassen? Vielleicht hast du schon gewusst, dass du schwanger bist und wolltest dich absichern? Oder du hast gedacht, der andere Mann würde sich zu dir bekennen, und dann hat er einen Rückzieher gemacht? Woher soll ich wissen, was passiert ist? Ich hätte dir die Geschichte schon damals nicht abgekauft und tu es auch heute nicht.“

Zumindest schrie er nicht mehr.

„Macht man das so in der Welt, in der du lebst? Machen die Menschen, die du kennst, solche Dinge? Wenn ja, dann solltest du dir vielleicht andere Freunde suchen, Lucas.“ Sie tippte an den Umschlag auf ihrem Schoß. „Also noch einmal: Was meinst du, warum ich auf dem offiziellen Trennungsjahr bestanden habe?“

Erneut dachte Lucas über die Frage nach. „Zuerst habe ich damals nicht geglaubt, dass du es ernst meinst und mich wirklich verlässt, ganz zu schweigen davon, dass du dich ganz offiziell von mir trennst. Ich konnte es nicht fassen, dass du zum Anwalt gegangen bist. Ich habe mich gewundert und vielleicht auch darüber gelacht. Aber vermutlich“, er runzelte die Stirn, „hast du erwartet, dass ich zu dir zurückkomme. Dann wäre eine offizielle Trennung leichter rückgängig zu machen gewesen als eine Scheidung.“ An so etwas hatte er noch nie gedacht, aber er fühlte sich angegriffen, und die Worte sprudelten wie von selbst aus ihm heraus. In seinen Ohren klang seine Vermutung richtig.

„Heute ist es für mich einfach bequem, weiter verheiratet zu sein. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, dass eine andere Frau mich heiraten will, weil ich ja bereits verheiratet bin. Und für Bigamie bin ich nicht zu haben.“

„Aber offensichtlich ist Monogamie auch nicht deine Sache“, erwiderte sie säuerlich und mit blitzenden Augen.

Autsch, dachte Lucas und stellte fest, dass es das erste Anzeichen von Wut war, das Rachel zeigte. Er hatte schon viel früher mit Ärger gerechnet und sich über ihre Gelassenheit gewundert. Vielleicht zeigt sie ja doch ihre Krallen.

„Also“, sagte Rachel und holte tief Luft, „um auf das Thema zurückzukommen: Ich habe auf dem Trennungsjahr bestanden, weil ich wollte, dass unser Kind ehelich geboren wird.“

„Das behauptest du, Rachel, dass es unser Kind ist.“

„Dann lass dich untersuchen! Wenn du ein passender Spender wärst … tja, es ist sehr selten, dass Leute spenden können, die nicht verwandt sind. Natürlich kommt das vor, sonst würde man ja auch keine Datenbanken über mögliche Spender anlegen. Aber ich bin sicher, dass wir uns da auf die Statistik verlassen können. Zusätzlich kannst du einen DNA-Test machen lassen. Dem Ergebnis würdest du doch trauen, oder?“

Er nickte.

Rachel schaute auf ihren Schoß und sagte: „Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Dann ordnete sie die Papiere, die sie aus dem Umschlag gezogen hatte. „Als Michaela zur Welt kam, habe ich dich als Vater angegeben.“ Sie legte ihm ein Dokument auf den Schreibtisch. „Vergleiche das Datum. Wir waren noch zusammen, als sie gezeugt wurde.“ Sie beobachtete ihn aufmerksam, während sie ihm weitere Papiere vorlegte. „Das hier sind die Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen. Sie hat deine Blutgruppe, nicht meine.“

Er öffnete den Mund, aber sie brachte ihn mit einem Wink zum Schweigen und reichte ihm noch etwas. „Außerdem sieht sie aus wie du. Ihre Augen sind genau wie deine. Ihre Haare haben nicht nur dieselbe Farbe, sie locken sich auch so wie deine. Meine dagegen sind ganz glatt.“ Sie schwieg und deutete auf das Foto, um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen. „Ihre Gesichtszüge, die Nase und der Mund … da kommt sie eher nach mir. Das Foto ist von ihrem vierten Geburtstag.“ Rachel legte den Schnappschuss vor Lucas auf den Tisch. „Ein paar Wochen später hat man dann Leukämie diagnostiziert, aber an diesem Tag ist es ihr noch gut gegangen.“

Bei der Erinnerung lächelte sie kurz, dann ließ sie sich auf ihren Stuhl sinken und wartete. Sie wusste, dass Michaela ein hübsches kleines Mädchen war. Die schwarzen Haare hatte sie eindeutig von ihrem Vater geerbt, ebenso die rauchgrauen Augen, die manchmal fast schwarz und manchmal durchscheinend wirkten, was Rachel von keinem anderen Menschen kannte. Diese offenkundige Ähnlichkeit konnte Lucas unmöglich leugnen.

Michaela war ein mutiges und lebhaftes Kind. Sie war neugierig, direkt und lächelte oder lachte oft. Zumindest vor ihrer Krankheit. In Rachels Augen war sie das schönste Mädchen der Welt – nicht nur wegen ihrer äußeren Erscheinung.

Lucas spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich und seinAtem stockte. Auf demBild erkannte er sich selbst, wie hätte er die Ähnlichkeit übersehen können? Doch er konnte nicht glauben, dass er ohne sein Wissen seit über vier Jahren Vater war. „Du meinst, ich kann einen Gentest machen?“

„Der Test, mit dem ein Knochenmarkspender erkannt wird, basiert auf einem DNA-Test. Du erfährst auf diesem Weg also auch, was du wissen willst. Wenn du mehr Einzelheiten brauchst, musst du mit dem Arzt reden.“

Ein kurzes Schweigen entstand.

„Wenn ich mich untersuchen lasse, wie geht es dann weiter?“

Zitternd holte Rachel Luft und senkte den Blick. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Also, du bist nicht der letzte Rettungsanker für Michaela. Es gibt da auch noch andere Techniken. Ich glaube nicht, dass sie noch sehr viel Chemo…“

„Vorhin hast du gesagt, das würde ihr nicht mehr helfen.“

„Na ja“, sie holte tief Luft, „ein bisschen hilft die Chemotherapie doch. Es geht ihr gerade vorübergehend besser, aber es hat länger gedauert als erwartet, bis sie sich erholt hat. Sie ist schwach. Sie braucht ständig Medikamente, damit es ihr gut geht. In ihrem Fall wäre eine Knochenmarktransplantation das Beste.“

„Menschen sterben an Leukämie“, stellte Lucas mit ausdrucksloser Stimme fest.

„Ja“, flüsterte Rachel. „Es ist Krebs.“

Lucas stieß langsam die Luft aus und betrachtete die Zigarre im Aschenbecher. Er beschloss, sich keine mehr anzuzünden. Seine Hände zitterten zu stark.

„Vielleicht finden wir auch einen registrierten Spender. So etwas kommt vor. Aber wenn nicht … Offen gesagt, ist ihre Langzeitprognose nicht besonders gut. Ohne diese Behandlung wird sie wieder einen Rückfall haben. Oder es bilden sich Metastasen.“

„Aber diese Transplantation könnte sie heilen?“

Rachel zögerte. „Die Ärzte sind immer sehr vorsichtig und sprechen ungern von Heilung. Aber durch die Behandlung geht es den Patienten häufig langfristig besser, und sie ermöglicht ihnen ein Leben ohne Leukämie.“ Schließlich blickte sie Lucas wieder an. Ihre goldenen Augen wirkten verdunkelt. Welche Gefühle dahintersteckten, wusste Lucas nicht – und das traf ihn.

Rachels Selbstbeherrschung, die seit ihrem Eintritt in Lucas’ Büro immer schwächer geworden war, drohte nun völlig zu schwinden. „Lucas, wenn es noch andere vernünftige Möglichkeiten gäbe, wäre ich nicht hier. Ich ziehe Michaela allein groß, sie ist meine Tochter. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dich zu belästigen, wenn es nicht so … schlecht aussehen würde. Ich wusste, dass dieses Gespräch unangenehm wird. Bis jetzt hatte ich keinen Grund, mich dem auszusetzen, und …“, sie holte tief Luft, um ihre Gefühle im Zaum zu halten, „Kontakt zu dir aufzunehmen.“

Weder im Guten noch im Bösen, fügte sie im Stillen hinzu. Plötzlich wurde Rachel wütend – wütend über das Schicksal ihrer Tochter, wütend darüber, dass sie Lucas brauchte. „Und wenn du nichts anderes verstehst, dann begreif wenigstens das: Ich werde tun, was immer in meiner Macht steht, um meiner Tochter zu helfen. Ich bin sogar zu dir gekommen. Wenn du nicht bereit bist, freiwillig zu helfen“, sie zögerte, fuhr dann aber fort, „dann werde ich herausfinden, ob ich dich dazu zwingen kann. Zumindest dazu, dass du dich untersuchen lässt.“

Sie wusste, dass sie damit seine Aufmerksamkeit gewonnen hatte. Lucas würde alles Mögliche auf sich nehmen, um eine derartige Konfrontation zu vermeiden. Sie war sich ziemlich sicher, dass weder er noch seine Eltern die Sache vor Gericht verhandeln wollten.

„Ich rede“, fuhr sie fort, „von Hoffnung. Du bist ihr Vater, und das kann ich nicht außer Acht lassen, wenn ihr Leben in Gefahr ist. Und nicht zuletzt muss ich dir auch die Gelegenheit geben, dein Kind kennenzulernen. Dir das zu verwehren, wäre nicht fair, für keinen von euch. Es hat schon viel zu lange gedauert. Natürlich habe ich nie geplant, dass ihr euch aus so einem Anlass kennenlernt, aber …“ Ihre Stimme begann zu zittern. „Ich hätte dir wahrscheinlich schon vorher von ihr erzählen sollen, aber es hat sich einfach keine Gelegenheit ergeben. Oder zumindest habe ich das gedacht, weil ich ja wusste, wie unser Wiedersehen aussehen würde. Ich musste sie davor beschützen …“ Rachel bremste sich, bevor sie ihre Gedanken aussprechen konnte: Ich musste sie davor beschützen, von dir so verletzt zu werden wie ich. Sie war sich nicht sicher, ob Lucas ahnte, was sie hatte sagen wollen.

Obwohl Lucas es lieber nicht gewusst hätte, blieben ihm ihre Gedanken nicht verborgen. Er fühlte sich unbehaglich. Doch er sah ein, dass es vielleicht die einzige Gelegenheit war, dieses kleine Mädchen kennenzulernen, von dem Rachel schwor, es sei seine Tochter. Wenn er für sie wirklich die einzige Hoffnung auf Heilung war, wie konnte er ihr da seine Hilfe versagen?

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